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Titel: Leviathan in der Wiege
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 643-645
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Leviathan in der Wiege.

Als die Babylonier im Gefühl ihrer Größe und Glorie den berühmten Thurm bauten, verwirrte der Herr ihre Sprachen, und es wurde nichts Ordentliches draus, der Thurm wenigstens nicht fertig, da sie sanken, während der Thurm stieg. Großbritannien setzt seiner Größe und Glorie ein Denkmal nach dem andern, ohne daß bis jetzt eins gelungen ist. Die Flotte zwar hielt man für [644] gelungen: sie war nie größer, als vor Kronstadt und Sebastopol, und kehrte nie mit weniger Lorbeeren zurück. Das Parlamentsgebäude, größer, als irgend ein gothischer Bau in der Welt, ist ein Labyrinth geworden, ärger als das classische des Theseus, und gleichwohl zu klein für das Unterhaus, das in seinem Saale sitzt, wie die Verdammten in Dante’s Hölle, unten frierend, oben schwitzend. Die „Ventilation“, das Meisterstück der Construction, war bis zum Ersticken mißlungen. Außerdem kommt kein Licht durch die gloriosen Fenster, so daß sie, wie die Schildbürger, es in Säcken hineintragen müßten. London selbst, die größte Stadt der Welt, ist architektonisch das Mißlungenste auf Gottes Erdboden. Um ohne Weiteres gleich auf die modernsten Träger und Zeichen der Größe und Glorie Großbritanniens hinzuweisen, so galt Indien als der kostbarste Diamant in der Krone des Nationalstolzes. Wir wissen, wie sie jetzt mit Indien stehen, und wollen sehen, wie sie weg- oder wieder drüber kommen. Der atlantische Telegraph war jedenfalls das heroischste Unternehmen des Jahrhunderts, aber die 400 geographischen Meilen beinahe hundertfachen Geflechtes werden jetzt in Plymouth aus den Kriegsschiffen in ein Invalidenhaus hineingesponnen.

Am 3. November fing die gigantische Größe und Glorie des doppeleisernen Doppeldampfschiffes, sechs Mal größer als das ungeheuere Kriegsschiff Wellington (das die Leser aus Nr. 11. Jahrg. 1854. der Gartenl. kennen), und doppelt so groß, als das bisher größte Schiff in der Welt überhaupt, die „Persia“, an, sich zum ersten Male zu bewegen, aber nur drei Fuß weit. Dann blieb es wieder stehen, nachdem es Ketten zerrissen und einem halben Dutzend Arbeiter die Knochen zerbrochen hatte. Die Leser der Gartenlaube kennen diese ungeheuere doppeleiserne Wasserfestung, jetzt „Leviathan“ getauft, aus zwei Artikeln, die in Nr. 4. Jahrg. 1855. und in Nr. 48. Jahrg. 1856. nachgelesen werden können, so daß wir hier gleich zur Ergänzung auf die verunglückte Entstapelung vom 3. November übergehen können.

Es war allerdings eine ganz neue Arbeit und zwar im großartigsten Maßstabe, da das Ungeheuer nicht, wie andere Schiffe, mit seinem Hintertheile zuerst von seiner Geburtsstätte in das Wasser stürzen, sondern in seiner ganzen Länge seitwärts hinuntergleiten sollte; aber die Arbeit ist nur Anwendung einfacher mathematischer Gesetze von der schiefen Ebene. Wenn deren Neigung, das Gewicht der Last, die sich darauf bewegen soll, die Reibung u. s. w. ausgerechnet sind, muß ein ordentlicher Mathematiker genau wissen, was dazu gehört, um die Last sicher auf der schiefen Ebene zu bewegen und danach genau arbeiten zu lassen. Die imposante Größe und Last macht nur für den Laien einen Unterschied, wissenschaftlich ist’s dasselbe, ob’s ein Pfund oder eine Million Centner betrifft. Es scheint aber bei allen den riesigen Unternehmungen Englands sehr an Adam Riese, an Adam Smith und andern Adams oder ABC’s wissenschaftlicher Bürgschaft zu fehlen. Was zunächst die schiefe Ebene betrifft, auf welcher der Leviathan in die Hochfluth der Themse hinunterrutschen sollte, scheint sie im großartigsten Maßstabe construirt worden zu sein. Sie besteht aus zwei Stapel-Wegen mit einer Neigung von 1 auf 12 Zoll, jeder 300 Fuß lang und 120 breit, 140 Fuß weit von einander, ruhend auf mehrfachen Reihen ungeheuerer, eingerammter Pfähle, die oben durch riesige Querbalken verbunden und mit Cement ausgefüllt sind. Auf diesen ebenen Flächen sind Eisenschienen befestigt, in welche die Eisenbarren der „Wiegen“, in welchen das Riesen-Kindlein bis jetzt schlummert, passen, so daß es auf diesen tüchtig eingeschmierten Schienen in dem Maße, als die fesselnden Ketten losgewunden werden, in den „Wiegen“ hinuntergleiten könnte.

In unserer Abbildung sehen wir, wie das Kindlein in diesen Wiegen liegt, wie ein Flügelmann der höchsten Garde in einer Weihnachtspuppenwiege. Aber sie sind nicht klein und schwach, sondern eben so breit als die Stapelwege und aus Holzbalken auf Eisenbarren zusammengeschmiedet, die zu einer halben Stadt genug Bauholz liefern würden. Dieses Balkenwerk auf Eisenbarren ist so construirt, daß es sich genau an den Schiffskörper unten anschmiegt, so daß er sich darin nicht bewegen oder nur wackeln kann; außerdem ist es mit dem schwersten Ballast ausgefüllt, so daß es sinken muß, während die Themsefluth die größte der Lasten, die man ihr jemals aufbürdete, auf ihre Schultern nimmt und in die oceanische Heimath führen soll, zunächst nach Portland in Canada, wo man schon für 20,000 Pfund Sterling einen besonderen Hafen mit Bollwerk expreß für den Leviathan vollendet haben wird.

Der Proceß der „Entstapelung“ oder des Launchens (Lahnschen’s) besteht also darin, daß man das Schiff in seinen beiden „Wiegen“ an Ketten langsam in’s Wasser hinunterrutschen läßt. Diese Ketten, mit Gliedern, jedes 7 Pfund schwer, halten das Schiff an 35 Fuß tief eingerammten Phalangen von Pfählen. Um sie controlliren zu können, wenn die in Bewegung gesetzte Riesenlast an ihnen zieht, winden sie sich mehrfach um Scheibengaths, deren Drehungen durch riesige Hemmungsgewalten erschwert oder ganz aufgehoben werden können. Das Ende der Ketten, welche die Wiegen halten, windet sich um kolossale Kruppelspillen, von denen sie durch Menschenhand losgewunden werden. Diese Winden stehen mit einer Art von Uhr in Verbindung, welche jede Unregelmäßigkeit des Hinuntergleitens sofort anzeigen sollte.

Bis um zehn Uhr Vormittags am 3. November sollten alle Vorbereitungen zu dieser berühmten Lahnschung fertig sein. Aber man trieb sich noch über eine Stunde länger in der größten Verwirrung tausendweise durch die nassen und elegant gekleideten Damen und Notabilitäten von Zuschauern umher, unter denen man manche Celebritäten ferner Länder, z. B. außer den beiden Söhnen Louis Philipp’s, die beiden siamesischen Gesandten bemerkte. Diese wurden mit mehr Interesse studirt, als die Vorbereitungen zur Lahnschung. obgleich sie, mit Ausnahme ihrer markirten gelbbraunen Gesichter, ganz europäisch aussahen.

Nach aufregendem, langem Harren auf der bedeckten Themse und den wimmelnden Ufern umher stieg endlich ein vieltausendstimmiges Jauchzen in den schweren, nebelnassen Himmel empor. Miß Hope („Hoffnung“ auf Deutsch), Tochter des Präsidenten der Compagnie, vollzog eben hoch oben auf dem Deck die Taufhandlung, indem sie eine blumenumkränzte Flasche Wein gegen die eisernen Wände des Decks zerschmetterte und dazu ausrief: „Leviathan sollst Du heißen!“

Jetzt begannen auf ein Zeichen mit der Flagge die Arbeiter an den Kruppelspillen, die Kette loszuwinden. Die doppeleiserne Stadt, hinreichend für 12,000 Menschen und allen Proviant für sie und die Dutzende von Dampfmaschinen darauf, fing an, sich zu bewegen, auf dem einen Ende drei, auf dem andern sieben Fuß weit. Dabei hatte sie einige Arbeiter von den Spillen weggescheucht, so furchtbar drehten sie sich. Die andern, welche aushalten wollten, waren zu schwach, sie zu beherrschen, und wurden von den sich befreienden Spillenarmen mit zerbrochenen Armen und Beinen hier und da niedergeschleudert.

Das war Unglück Nr. 1. Zweitens brach bei plötzlicher Anwendung der Hemmungsmaschinerie ein Zahn des Hauptkammrades in der einen Maschine.

Nach stundenlangem wirrem Wirthschaften glaubte man zu der eigentlichen entscheidenden That fertig und gerüstet zu sein. Mit Angst und Zittern und getrieben von dem Versprechen, daß man dreifach zahlen wolle, traten einige frische Arbeiter an die Kettenwinden. Sie fingen an zu drehen, Leviathan machte nur einen leisen Versuch in der Wiege, hinunter zu gleiten in sein Element, ohne sich schon wirklich zu bewegen, aber dabei zerriß er schon die eine Kette seiner Wiege, und Alles war vorläufig vorbei, man sagt, bis zum 2. December.

Wir haben nur in möglichster Kürze ein allgemeines Bild von diesem riesigen, complicirten Lahnsch-Processe zu geben gesucht und deshalb die Dampfmaschinen-Hülfsarbeiten, die Vorsichtsmaßregeln zu Wasser und zu Lande, die Schiebegewalten vom Lande, die Zugkräfte vom Wasser aus (falls Leviathan sich nicht gehörig schieben lassen wollte) gar nicht berücksichtigen können. Es war an alle Möglichkeiten und in scheinbar intelligentester Weise an Ueberwindung aller dieser möglichen Hindernisse und Zufälle gedacht worden, aber, wie Sachverständige schon früher behaupteten, nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit, nicht mit technischer Gründlichkeit und Geschicklichkeit, so daß es im ersten Anfange der Praxis überall an Sicherheit des Operirens fehlte und gleich brach und riß.

In einer unlängst erschienenen englischen Broschüre über diesen Leviathan rühmte man Großbritannien auch deshalb, weil es in diesem Schiffe die Arche Noah’s um 62 Fuß an Größe übertreffe. Letztere sei nach Bischof Wilkins (und als Bischof muß er das wissen) blos 630 Fuß lang gewesen, der Levialhan erfreue

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Die Gartenlaube (1857) b 645.jpg

Leviathan in der Wiege.

sich aber einer Länge von 692 Fuß. Wer lang hat, läßt lang hängen; aber die Arche Noah’s hat ihre Schuldigkeit gethan und Exemplare von allem „sündhaft Vieh und Menschenkind“ über die Sündfluth weg getragen. Der Leviathan muß erst mit seiner 11,500 Pferde- und seinen 6500 Quadrat-Yards Segelkraft zeigen, ob er ganzbeinig aus der Wiege und den Windeln auf’s Wasser kommen kann. Und dann ist er der Welt im Verhältniß zur Arche Noäh noch alles Mögliche schuldig.