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König Friedrich Wilhelm der Erste und die Akademie der Wissenschaften in Berlin

Textdaten
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Autor: O. Mohnike
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Titel: König Friedrich Wilhelm der Erste und die Akademie der Wissenschaften in Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–2, S. 16–18, 34–36
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[16]
König Friedrich Wilhelm der Erste und die Akademie der Wissenschaften in Berlin.
Von O. Mohnike.

Ein Jahr bevor sich der Kurfürst von Brandenburg und souveräne Herzog von Preußen, Friedrich der Dritte, die Krone aufgesetzt hat, um als Friedrich der Erste die glorreiche Reihe der Könige von Preußen in die Weltgeschichte einzuführen, im Jahre 1700, war von ihm die Akademie der Wissenschaften in Berlin gestiftet worden. Die erste Veranlassung hierzu ging von der geistreichen und hochgebildeten Kurfürstin Sophie Charlotte, einer hannöverschen Prinzessin, und ihrem berühmten Freunde Leibniz aus.

Kurfürst Friedrich war um so eher geneigt, den Wünschen seiner hochgesinnten Gemahlin zu entsprechen, als er selbst für Kunst und Wissenschaft Interesse fühlte und auch der Gedanke sich ihm aufdrängen mußte, daß die Gründung eines gelehrten Instituts, wie die von Ludwig dem Vierzehnten, auf Anrathen von Colbert, 1666 in das Leben gerufene Pariser Akademie der Wissenschaften, seinen Ruhm und sein Ansehen nur vermehren könne. Wie der König von Frankreich, dessen Prunksucht und Prachtliebe er theilte, glaubte auch Friedrich, daß der Königsthron, den zu gründen er beabsichtigte, noch glänzender dastehen würde, wenn die von ihm sich verbreitenden Strahlen auch das Gebiet des höheren geistigen Strebens erwärmten und befruchteten.

Mit der Abfassung der Statuten für die neugestiftete Akademie in Berlin wurde Leibniz beauftragt, indem er gleichzeitig zum ersten Präsidenten ernannt ward. Durch die Wahl dieses gründlichsten und vielseitigsten Gelehrten seiner Zeit, eines der scharfsinnigsten Denker aller Jahrhunderte, erhob der Kurfürst die Berliner Akademie gleich von vorn herein zu hohem Ansehen.

Die Akademie der Wissenschaften in Berlin hielt aber erst am 19. Januar 1711 ihre erste feierliche Sitzung unter dem Namen „Societas Berolinensis scientiarum“, nachdem sie den ersten, mehrere Abhandlungen von Leibniz enthaltenden Theil ihrer Denkschriften schon 1710 hatte erscheinen lassen.

König Friedrich der Erste starb am 25. Februar 1713 und ihm folgte sein Sohn Friedrich Wilhelm der Erste.

Mit einer eisernen Willenskraft, einem hellen, durchdringenden Verstande, praktischer Lebensklugheit, einem bedeutenden politischen Scharfblicke, großer Arbeitslust und Arbeitskraft, mit Sinn für Ordnung und einem seltenen Talent für Organisation und Verwaltung begabt, haßte er, wie sehr er auch von dem Bewußtsein seiner Machtvollkommenheit als unumschränkter Alleinherrscher durchdrungen war, nichts so sehr, wie die Entfaltung des Prunkes und der Pracht, welche Friedrich der Erste von der königlichen Würde untrennbar gehalten hatte. Friedrich Wilhelm war in hohem Grade sparsam; nur für die Vermehrung des Heeres, namentlich seiner Potsdamer Riesengarde, sowie für nützliche Verbesserungen in seinem Lande scheute er keine Ausgaben.

Seiner inneren Anlage nach durchaus nüchtern und realistisch gesinnt, fand er in den Bestrebungen der Kunst und Wissenschaft nur alsdann einigen Werth, wenn sie praktisch in das Leben eingriffen und für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit einen unmittelbaren, handgreiflichen Nutzen versprachen. Für die Wissenschaft an und für sich hatte er kein Verständniß, und sie war für ihn so gut wie gar nicht da. Die Pfleger derselben verspottete er, und das Schreiben gelehrter wissenschaftlicher Werke erschien ihm als die unnützeste Beschäftigung.

Am meisten Widerwillen flößte ihm die Philosophie ein, da er in ihr bloß die Gegnerin der unduldsamen pietistischen Frömmigkeit erkannte, die, zu jener Zeit hauptsächlich von Halle ausgehend, auch ihn umfangen hielt. Von nichts hatte er so wenig Begriff, wie von dem Werthe einer harmonischen, zugleich wissenschaftlichen und ästhetischen Erziehung der Jugend. Er war nämlich fest davon überzeugt, daß eine solche nur auf Unkosten der kirchlichen Frömmigkeit, des sittlichen Gehaltes und der Tüchtigkeit des Charakters erreicht werden könne.

In dieser tief bei ihm eingewurzelten, zur Ueberzeugung gewordenen Denkweise, zu der noch eine gewisse Derbheit des Gefühls und der Sitten, sowie eine heftige, jähzornige, sich nicht selten bis zu stürmischen Ausbrüchen steigernde Gemüthsart kam, findet eine Anzahl von vielfach hart getadelten Handlungen dieses Fürsten ihre Erklärung. Ein Beispiel hiervon liefert das Verfahren des Königs gegen den berühmten Philosophen und Mathematiker Christian Wolf.

Wolf, einer der größten Gelehrten seiner Zeit, damals Professor an der Universität zu Halle, hatte im Jahre 1723 eine lateinische Rede über die Moralphilosophie von Confucius gehalten und den Beweis zu führen gesucht, daß auch außerhalb des Christenthums hohe menschliche Tugenden bestehen könnten. Hierfür aber klagte ihn die theologische Facultät zu Halle als Irrlehrer und Verächter des Christenthums unmittelbar bei dem Könige an. Dieser entsetzte, durch Cabinetsbeschluß vom 15. November desselben Jahres, Wolf nicht nur seines Amtes, sondern befahl ihm auch, binnen vierundzwanzig Stunden Halle und innerhalb zwei Tagen die Monarchie zu verlassen, widrigenfalls er an den Galgen gehängt werden solle. Wolf verließ Preußen und fand an der Universität zu Marburg eine neue Anstellung, wurde aber von Friedrich dem Großen 1740, unmittelbar nach dessen Thronbesteigung, als Professor des Natur- und Völkerrechts nach Halle zurückberufen, später auch zum Geheimrath, zum Vicekanzler und endlich zum Kanzler der Universität und zum Freiherrn ernannt.

Auch die erste und Hauptursache des so tief gehenden, weltgeschichtlich gewordenen Zwiespaltes zwischen dem Könige und dem Kronprinzen hatte in den einseitigen Ideen ihren Grund, welche bei Friedrich Wilhelm hinsichtlich der Erziehung und Geistesbildung der Jugend bestanden. Der König erkannte weder die reichen, sich schon frühzeitig entwickelten Anlagen seines Sohnes, noch wußte er sie im mindesten zu schätzen. Hiervon kann man sich durch einen Blick in die noch vorhandene „Instruction und Bestallung“ vom 13. August 1718 für den Grafen von Finkenstein und den Obersten von Kalkreuth, denen der König die Erziehung seines Sohnes anvertraute, ohne Mühe überzeugen. Dieses von Preuß mitgetheilte Actenstück befiehlt unter Andrem, daß die lateinische Sprache von dem Unterrichte ganz ausgeschlossen bleiben und die alte Geschichte „nur überhin“ gelehrt werden solle. In Folge dessen hat Friedrich der Große die classischen Schriftsteller des Alterthums allein aus mittelmäßigen französischen Uebersetzungen kennen gelernt. Hierüber hat er selbst mehr als einmal, nicht ohne Bitterkeit, sein inniges Bedauern ausgesprochen. Schon im Frühjahr 1727, als der Kronprinz eben das 15. Lebensjahr erreicht hatte, hörte aller Unterricht für denselben auf, weil der König der Ansicht war, daß sein Sohn mehr als genug gelernt habe.

In der Einrichtung der Akademie der Wissenschaften in Berlin sah Friedrich Wilhelm der Erste nichts als einen der vielen mit Geldausgaben verbundenen, durchaus unnützen und entbehrlichen Gegenstände des Prunkes, mit denen sein Vater den Thron [17] umgeben hatte. Viele dieser letzteren waren schon gleich nach seiner Thronbesteigung von ihm weggeräumt worden, und dieses Loos bedrohte auch die Akademie der Wissenschaften, nachdem Leibniz, ihr erster Präsident, am 14. November 1716 die Augen geschlossen hatte.

Ihr Fortbestehen verdankte sie allein dem Generalchirurgus Holzendorf, dessen Urtheil bei dem Könige von Gewicht war. Auf die Erklärung desselben, daß die Akademie für die Bildung brauchbarer Militärärzte nützlich sei, sah der König davon ab, diese aufzuheben, und beschränkte sich darauf, aus einem Theile der ihr zugewiesenen Gelder, im Jahre 1717, die mit ihr verbundene sogenannte „Anatomiekammer“ zu stiften. Die Akademie bestand daher weiter und setzte auch die Herausgabe ihrer schon erwähnten, unter dem Namen „Miscellanea Berolinensia“ alljährlich erscheinenden Gedenkschriften fort. Wie sehr der König das Institut nach wie vor verachtete, und wie er keine Gelegenheit vorübergehen ließ, mit ihm und seinen Mitgliedern Spott und Hohn zu treiben, geht schon aus der Weise hervor, wie er die während seiner Regierung zweimal erledigte Stelle des Präsidenten dieser gelehrten Gesellschaft neu besetzte.

Nach dem Tode von Leibniz war der Staatsminister Baron von Printzen zum Ehrenpräsidenten der Akademie ernannt worden. Wirklicher Präsident aber wurde Jakob Paul Gundling. Wenige Mittheilungen über diesen sonderbaren und, wenn man will, merkwürdigen Mann genügen, um darzuthun. wie tief die Akademie durch die Ernennung Gundlings zum Nachfolger von Leibniz in ihrer Würde gekränkt wurde.

Gundling, ein jüngerer Bruder des bekannten Halleschen Juristen und Philosophen Nikolaus Hieronymus Gundling, wurde am 19. August 1673 zu Hersbruck geboren, studirte zu Altdorf, Helmstädt und Jena, machte hierauf eine Reise durch Holland und England und erhielt 1705 eine Anstellung als Lehrer der Geschichte und anderer Wissenschaften an der Ritter-Akademie zu Berlin. Auch er hatte, gleich seinem Bruder Nikolaus Hieronymus, gründliche Studien, namentlich historische, gemacht und war ebenfalls Verfasser einer Anzahl von Schriften, die für weniger reich an Geist als an Gelehrsamkeit gehalten wurden.

Als Friedrich Wilhelm, nicht lange nach seiner Thronbesteigung, das Bedürfniß fühlte, Jemanden in seiner Nähe zu haben, der ihm aus den Zeitungen referiren, wie auch ihn gelegentlich über historische, politische und statistische Verhältnisse informiren könne, schlug der General von Grumbkow hierfür Gundling vor. Derselbe nahm diese Stelle an, hätte aber unendlich viel weiser gethan, sie abzulehnen, da er hierdurch in Verhältnisse und Umgangskreise gerieth, für die er weder körperlich noch geistig im mindesten angelegt war.

Auf seiner äußeren Erscheinung, wie auf seinem ganzen Wesen lag nämlich der Stempel des Komischen in dem Maße ausgeprägt, daß er der Umgebung des Königs, welche fast ausschließlich aus Officieren höheren und niederen Ranges bestand, mehr oder weniger lächerlich erscheinen mußte. Seine Figur war lang, mager und eckig; sein unschön geformtes Gesicht hatte, wenn er heiter war oder lachte, den Ausdruck eines Weinenden, reizte aber, so oft er sich erzürnte oder verdrießlich war, unwiderstehlich zum Lachen. Bei seinem gespreizten Gange mit vornübergebeugtem Haupte, erschien er in allen Bewegungen steif und ungelenk. Seine Stimme klang hölzern; seine Sprechweise war pedantisch und schwerfällig. Hierzu kamen Eitelkeit und Selbstüberschätzung mit Bezug auf sein Wissen und seine Bedeutung als Gelehrter.

Diese Beschreibung haben Zeitgenossen, welche Gundling persönlich kannten, von seinem Auftreten und seiner äußeren Erscheinung hinterlassen.

Wie wunderbar dem Könige das Aussehen und ganze Wesen seines neuen Zeitungsreferenten zuerst auch vorkommen mochte, zumal wenn er ihn mit den stattlichen, kräftigen und wohlgewachsenen Officieren seiner Umgebung verglich, deren Haltung gerade zu jener Zeit im höchsten Maße jene specifische „Strammheit“ zeigte, welche den preußischen Officier immer von dem jeder anderen europäischen Armee unterschieden hat und noch jetzt unterscheidet, so hatte Gundling doch, vielleicht eben dieses Contrastes wegen, in der ersten Zeit ihres Zusammenlebens etwas eigenthümlich Anziehendes für ihn. Er schenkte ihm sein Wohlwollen, ernannte ihn zum Hofrath, später zum Geheimen Kriegsrath, zum wirklichen Geheimrath, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, wie schon bemerkt wurde, und sogar zum Freiherrn.

Freilich war mit diesen Rangerhöhungen nicht zugleich auch eine verhältnißmäßige Vermehrung seines Einkommens verbunden, da der König hinsichtlich der Gehälter seiner Beamten sich immer viel sparsamer zeigte, als bei der Verleihung von bloßen Titeln und titulären Würden. Er selbst schätzte diese letzteren am geringsten, verstand aber sie gut zu verwerthen, indem er die Liebhaber [18] davon, deren immer vorhanden waren, zum Vortheile seiner „Recrutencasse“ diese Titel etc. theuer genug bezahlen ließ. Gundling erhielt indessen die Bestallungen zu seinen Aemtern und Würden kostenlos.

Der König verlieh ihm sogar Zutritt zu den Sitzungen der verschiedenen Rechtsbehörden in Berlin, um sich von ihm berichten zu lassen, wie es dort zuginge. Er soll, 1718, selbst daran gedacht haben, an Stelle von Duhan de Jandun Gundling zum Lehrer des Kronprinzen zu ernennen. Gewiß ist, daß um diese Zeit Gundling nicht ohne Einfluß auf den König war und in nicht geringem Grade das Vertrauen desselben besaß. Gundling beutete dieses Vertrauen übrigens auch aus, um Einigen zu nützen, Anderen zu schaden, wodurch es kam, daß selbst vornehme und hochgestellte Personen ihm den Hof machten und um seine Gunst sich bewarben.

Gundling's Kopf war aber zu schwach, um so viel Ehre und Auszeichnung ertragen zu können. Seine Anmaßung nahm stets zu, und er zeigte sich immer mehr rechthaberisch, disputir- und streitsüchtig. Häufig war er in seinen Aeußerungen sogar grob und beleidigend. Es geschah dies aber immer in so komischer Weise, daß die dadurch Getroffenen sich nicht beleidigt, sondern nur belustigt und erheitert fühlten. Besonders war solches der Fall, wenn Gundling, welcher wenig vertrug, angetrunken war, was, je älter er wurde, je häufiger vorkam. Die Umgebung des Königs verleitete ihn sogar in dessen Gegenwart, namentlich bei den Zusammenkünften des sogenannten Tabakcollegiums zu Potsdam, Berlin und Wusterhausen, deren festes Mitglied Gundling war, häufig dazu, sich zu betrinken. Man fing alsdann mit ihm zu disputiren an und ergötzte sich an seinen Repliken und Ausfällen und zwar, so gröber diese waren, um so mehr. Niemand nahm ihm etwas übel, sogar der König nicht, dem er hinterm Glase oft harte Wahrheiten gesagt haben soll. Endlich ward Gundling ein vollkommener Trunkenbold und war nur noch während einiger Morgenstunden mehr oder weniger nüchtern.

Er blieb dessen ungeachtet aber stets in der Nähe des Königs, der ihn nicht selten stundenlang allein bei sich im Cabinete hatte und für sich schreiben und arbeiten ließ, wiewohl auch er, gleich den Personen seiner Umgebung, immer gröber werdenden Scherz und Spott mit ihm trieb. Als ein solcher Scherz aber mußte es Allen erscheinen, als Gundling zu seinen übrigen Würden und Ehrenämtern zuletzt noch die Ernennung zum Ober-Ceremonienmeister erhielt, nachdem Baron von Bessers, der bis dahin diese Stelle bekleidet hatte, welche an dem fast bürgerlich-einfachen Hofe Friedrich Wilhelm's des Ersten eine bloße Sinecure war, in Ungnade gefallen und abgesetzt war. Der König ersann für seinen neuen Ober-Ceremonienmeister selbst ein neues Hofcostüm, bestehend in einem nach der letzten Pariser Mode zugeschnittenen Rocke von rothem Sammet mit schwarzen Aufschlägen und goldgestickten Knopflöchern, Unterkleidern von Goldbrocat, rothen seidenen Strümpfen mit goldenen Zwickeln und Schuhen mit rothen Absätzen, wozu noch eine an beiden Seiten lang herabhängende Staatsperrücke von weißen Ziegenhaaren und ein Hut mit weißem Federbusch kamen.

Es dauerte aber nicht lange, so hatte Gundling, zu dessen Tugenden Reinlichkeit nicht gehörte, diesen kostbaren, thatsächlich nur ein Narrenkleid darstellenden Anzug dermaßen mit Weinflecken etc. beschmutzt, daß der König sich hierüber ärgerte und ihm ein anderes einfacheres und billigeres Kleid aus braunem Tuche machen ließ, welches bloß auf den Kanten in einer silbernen Stickerei die in einander verschlungenen Buchstaben W U R M G zeigte, deren Bedeutung, mit Ausnahme des letzten, unklar ist.

Je tiefer Gundling durch seine Trunksucht sank, um so mehr diente er der Hofgesellschaft bei ihren Zusammenkünften zur Belustigung und zum Zeitvertreib, und um so unfeiner wurde die Weise, wie er, nicht bloß immer in Worten, sondern oft auch handgreiflich, von allen Seiten geneckt, geplagt und zum Besten gehabt wurde. Der König lachte hierüber oft so laut und herzlich, daß er sich die Seiten halten mußte.

Den gröbsten Scherz mit Gundling erlaubte sich aber der König Friedrich Wilhelm selbst, noch nach Gundling’s am 11. April 1731 zu Potsdam erfolgten Tode, bei dem Begräbniß desselben. Von Loen theilt in seinen „gesammelten kleinen Schriften“ (Frankfurt und Leipzig 1749, B. 1, S. 207), aus einem Briefe eines Augenzeugen, folgende Beschreibung jenes Begräbnisses mit:

„Wir haben am verwichenen Donnerstag allhier ein Begräbniß gehabt, von dem Herrn geheimen Rath Baron von Gundeling, welches folgender Gestalt ist vor sich gegangen: Es ist derselbe, so bald er verschieden, aus dem Schlosse auf königliche Ordre weggetragen, auf einem Brett nach der verwittibten Laquaienfrauen Hause, allwo die Chirurgi denselben geöffnet, gebracht; nachhero sind ihm seine Kleider angezogen, und er in das Faß gelegt worden, welches ihm der König schon vor etlichen Jahren hatte machen lassen. Es sind an solchem ordentliche Bänder um und um, daß die Helfte kan abgenommen werden, anstatt eines Deckels. Es ist auch ordentlich mit fein Welsch ausgeschlagen, und schwarz angestrichen wie ein Sarg, nur daß auf die oberste Helfte ein weises Creutz über das Faß herunter ging. Auf beiden Seiten stunden folgende Verse:

Hier lieget ohne Haut,
Halb Mensch, halb Schwein, ein Wunderding:
In seiner Jugend klug,
In seinem Alter toll,
Des Morgens wenig Witz,
Des Abends allzeit voll,
Beweint, ruft Bachus laut!
Diss theure Kind, ist Gundeling.

Er ist auch in selbigem Faß begraben worden. Alle Generals, alle Officiers und sowohl geheimde als Kriegsräthe, wie auch der ganze Magistrat der Stadt mit der sämmtlichen Bürgerschafft musten dieser Leichenprocession mit beywohnen. Er wurde bis nach Vorstädt gebracht, allwo er in der Kirche ein Gewölbe bekommen; die Herren Prediger aber wollten nicht mit gehen, ob es ihnen gleich der König befehlen lassen; die ganze Schule aber war da und sangen: 'Ach wie nichtig, ach wie flüchtig, ist der Menschen Leben'. Herr Faßmann hielt ihm die Parentation.“ [34] Durch den Tod von Gundling's hatte die Akademie der Wissenschaften ihren Präsidenten verloren, und dem Könige lag ob, einen neuen zu ernennen. Friedrich Wilhelm aber konnte und wollte sich diese Gelegenheit nicht nehmen lassen, seine Geringschätzung für die Akademie und ihre Bestrebungen zum Ausdruck zu bringen.

Kurz vorher hatte nämlich ein Graf von Stein zu Morgenstern, der in ähnlicher Weise, wie nach ihm Swedenborg und [35] Andere, an das Bestehen von Geistern glaubte und sich selbst und Anderen einredete, daß er mit ihnen im Verkehr stände, anonym seine „Monatlichen Unterredungen von dem Reiche der Geister nach den Grundsätzen der heiligen Schrift zwischen Ambremio und Pneumatophilo“ herausgegeben.

Diesen geistergläubigen Grafen von Stein wählte der König zum Vorsitzer der Akademie der Wissenschaften, wiewohl vorläufig mit dem Titel eines Vice-Präsidenten. Seine Bestallung vom 18. Januar 1732 ist ein wahres Meisterstück von Witz und Ironie, worin sowohl der Geisterglaube des Herrn von Stein, wie auch die von dem Könige für Thorheiten gehaltenen Bestrebungen der Akademie scharf gegeißelt werden. Es folgt hier dieses merkwürdige Actenstück in wortgetreuer Wiedergabe des Abdruckes, welchen von Loen im ersten Bande seiner gesammelten kleinen Schriften (S. 209 bis 213) gegeben:

     „Wir Friedrich Wilhelm etc.
Urkunden und bekennen hiermit gegen jedermänniglich, absonderlich vor der eruditen Welt, daß Wir den Wolgebohrnen, Edlen, Weisen und Hochgelahrten, Unsern guten besondern etc. Grafen von Stein, in Ansehung desselben weit und breit erschollenen Gelahrsamkeit . . . und Meriten, auch in Antiquitäten, alten und neuen Müntzen, in Physicis und Mechanicis, Botanicis, Hydraulicis, Pneumaticis und Staticis, wie nicht weniger in der Cabbala und Erkäntnis und Prüfung der guten und bösen Geister, deren Nutzen und Gebrauch und Misbrauch, im-gleichen in der wunderbaren Lehre von den Prae-Adamitis, und deren vormaligen Wirtschafft und Haushaltung, auch sonst in Historicis und Metaphysicis, Logicis, Rhetoricis, Cataploricis, vor allen andern aber in der Algebra, Arte combinatoria und der Punctirkunst und Boutonomantia, auch in der weissen und schwarzen Kunst erlangten gründlichen und fast erstaunenswürdigen Erfahrung zum Vicepräsidenten unserer Königlichen Societät der Wissenschaften ausersehen, ernannt, angenommen und bestellet haben; thun auch dieses hiemit und in Krafft dieses also und dergestalt, daß besagter Graf von Stein in der Ordnung der zweyte Socius von ermeldter gelahrten Gesellschafft seyn und bleiben, was zu deren Nutzen, Aufnehmen und heilsamen Beförderung ihres bereits erworbenen Ruhmes gereichen und ersprießlich seyn kan, beytragen und es daran in keinem Stück ermangeln lassen soll, wie es einem fleißigen getreuen und wohlintentionirten Vicepräsidenten und Socio anstehet, eignet und gebühret, auch der gesamten löblichen Societät zuversichtliches Vertrauen desfalls zu Ihm gerichtet ist. Er soll auch dahin sehen und fest darüber halten, daß die Societät mit Edirung gelehrter Schriften sich destinguire und ein jegliches Membrum wenigstens ein Specimen Eruditionis alle Jahr durch den Druck herausgeben müsse. Der Vicepräsident Graf von Stein aber bleibet von solcher Arbeit dispensiret; obgleich sein herrliches und an Fertilität und Fruchtbarkeit dem besten Klee- und Waitzen-Acker gleichkommendes Ingenium dergleichen Productiones in der Menge hervorzubringen mehr als zu tüchtig und geschickt wäre. Auf das Calenderwesen in unserm Königreich, Provinzen und Landen muß der Vicepräsident Graf von Stein eine sorgfältige und genaue Attention haben, damit keine Unterschleiffe dabei vorgehen, keine fremde Calender eingeführet und gebrauchet, auch die Gelder, so von denen Calendern einkommen, auch zu keinem andern Ende als wozu sie destiniret, angewendet, übrigens aber die Verfertiger der Calender, dem Publico und insonderheit denen Curiosis, welche gerne zukünftige Dinge vorher wissen wollen, zur Freude und Nutzen, alle Behutsamkeit gebrauchen, damit die Prognostica von der Witterung, Gesundheit und Krankheit, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit der Jahre, ingleichen die Krieges- und Friedensläufe accurat getroffen, bey dem Druck nicht mehr rothe Buchstaben als von nöthen, gebrauchet, der Sonnencircul nicht verkehret und viereckigt, sondern rund gemahlet, die güldne Zahl nach Möglichkeit vermehret, der guten Tage immer so viel als ihrer seyn können angesetzet, die verworffene oder böse Tage aber vermindert werden mögen. Daferne auch der Vicepräsident Graf von Stein besondere Veränderungen anmerken sollte: e. g. daß der Mars einen feindlichen Blick auf die Sonne geworffen habe, oder daß er mit dem Saturno, Venere und Mercurio im Quadrat stünde, oder auch daß der Zodiacus, wie bereits zu des Campanellae Zeiten angemerket worden, sich noch weiter aus dem Geleise geben und vorrücken oder auch, daß ein Wirbel des Himmels den andern, nach des Cartesii Principiis, abschleiffen und verschlingen solte, und daher eine unmäßige Anzahl von Cometen oder Schwanzsternen zu vermuthen wäre; so hat der Vicepräsident Graf von Stein ohne den geringsten Zeitverlust mit denen übrigen Sociis daraus zu conferiren, auch nicht allein auf die Ergründung solcher Unordnungen, sondern auch auf Mittel und Wege, wie denenselben am besten abzuhelfen, bedacht zu seyn. Und ob es zwar durch den Unglauben der Menschen dahin gediehen, daß die Kobbolde, Gespenster und Nachtgeister dergestalt aus der Mode gekommen, daß sie sich kaum mehr sehen lassen dürfen; so ist dennoch dem Vicepräsidenten Grafen von Stein aus dem Praetorio bekannt, wie es an Nachtmahren, Bergmänlein, Drachenkindern, Irrwischen, Nixen, Währwölfen, verwünschten Leuten und andern dergleichen Satansgesellschaften nicht ermangele, sondern deren Dinge eine große Anzahl in den Seen, Pfühlen, Morästen, Heiden, Graben und Höhlen, auch heiligen Bäumen verborgen liegen, welche nichts als Schaden und Unheil anrichten, und wird also Er, der Graf von Stein, nicht ermangeln, sein Aeuserstes zu thun, um dieselben, so gut er kan, auszurotten, und soll ihm ein jedes von diesen Unthieren, welches er lebendig oder todt liefern wird, mit 6 Thaler bezahlet werden.

Alldieweil auch eine beständige Tradition ist, daß allhier in der Churmark, sonderlich in der Gegend von Lennin, Wilsnack und Lebus considerable Schätze vergraben sind, zu deren Besichtigung, und um zu wissen ob sie noch vorhanden, alle 10 Jahr gewisse Ordensleute, Jesuiten und ander dergleichen Geschmeiße und Ungezieffer von Rom anhero kommen, so muß der Vicepräsident von Stein nicht allein diesem Pfaffenpack fleißig auf den Dienst passen, um sie, wo möglich, feste machen und zur gefänglichen Hafft zu bringen, sondern auch keinen Fleiß sparen, daß er mittelst der Wünschel-Ruthe, durch Seegensprechen, Allruncken, oder auf andere Art, wo solche Schätze vergraben oder verborgen, ausfindig machen möge, und sollen ihm zu solchem Ende auf sein Verlangen die Zauberbücher, so in unserm geheimen Archiv vorhanden, nebst dem Speculo Salamonis verabfolget werden; wie er denn auch von jeglichem Thresor, welchen er ausgraben wird, den vierten Theil zu genießen haben, und solches zu reicher und ansehnlicher Belohnung seiner leistenden treuen und angesehenen Dienste Ihm angedeyhen soll. Im gleichen soll er aller Privilegien, Freyheiten, Präeminentien, Recht und Gerechtigkeiten, so andern dergleichen Vicepräsidenten competiren und zustehen, sich ebenfalls zu erfreuen haben, und dabey, so es dessen bedürftig, wider allen Eintrag, Belästigung und Betrug ernst- und nachdrücklich geschützet, mainteniret und gehandhabet werden. Zur Urkund haben Wir diese Bestallung eigenhändig unterschrieben, und mit Unserm Insiegel bedrucken lassen. So geschehen Berlin den 19 Januar 1732.“ –

Kann man sich eine schärfere Ironie und eine gelungenere Persiflirung des Geister- und Dämonenglaubens des Grafen von Stein denken? Konnten die das Verständniß und Begriffsvermögen des Königs übersteigenden, daher von ihm als unnütz verachteten Arbeiten der Akademie der Wissenschaften auf dem Gebiete der transcendentalen Philosophie und Mathesis in treffenderer Weise verspottet werden? Diese Bestallungsurkunde des Grafen von Stein zum Vicepräsidenten der Akademie bleibt ein Meisterstück, das dem Witze des Verfassers alle Ehre thut. Wahrscheinlich aber war dieser Verfasser kein Geringerer, als König Friedrich Wilhelm selbst, der mit einer guten Portion gesunden, schlagenden Mutterwitzes begabt war. Obgleich diese Bestallung des Grafen von Stein von ihrem ersten Worte an bis zu ihrem letzten nichts als Ironie enthält, so haben doch verschiedene Schriftsteller auf Grund dieses Actenstückes allen Ernstes behauptet, daß der König wirklich an die Existenz von außer-, un- und übernatürlichen Wesen geglaubt habe. Friedrich Wilhelm der Erste war, trotz seiner protestantischen Orthodoxie, was Geister und Gespenster betrifft, nicht im mindesten weniger aufgeklärt und vorurtheilsfrei, als sein großer Sohn Friedrich, der überhaupt in seiner innersten geistigen Anlage viel mehr mit seinem Vater übereinstimmte, als man gewöhnlich annimmt, wie verschieden ihre Neigungen, Liebhabereien und geistigen Bedürfnisse auch sein mochten.

Graf von Stein hat übrigens die Vicepräsidentschaft der Akademie der Wissenschaften niemals weder ausgeübt noch auch [36] nur angetreten, vielmehr wurde der Consistorial- und Kirchenrath und älteste Hofprediger in Berlin, Daniel Ernst Jablonski, ein berühmter Theologe und Orientalist, der von der Universität zu Oxford zum Doctor der Theologie ernannt und längst schon Mitglied der Akademie gewesen war, zum Präsidenten derselben, und zwar gleichfalls 1733, ernannt. Nach Chr. Bartholméß in seiner „Histoire philosophique de l'académie de Prusse depuis Leibnitz jusqu'à Schelling!“ hätte sich die Geistlichkeit von Berlin in’s Mittel gelegt und sogar die ewige Seligkeit des Königs in Frage gestellt, wenn er der Akademie nicht einen anderen Präsidenten gäbe; die Folge wäre die Wahl Jablonski’s zum Präsidenten der Akademie gewesen. Obgleich Bartholméß ohne Zweifel die Farbe zu stark aufträgt, so erscheint seine Vermuthung, daß die Berliner Geistlichkeit auf die Wahl Jablonski’s einen wesentlichen Einfluß ausgeübt habe, keineswegs unwahrscheinlich.

Friedrich Wilhelm starb am 31. Mai 1740. Gerade ein Jahr später, 26. Mai 1741, folgte ihm Jablonski. Dessen Nachfolger wurde Moreau de Maupertuis, den der neue König schon sehr bald nach seiner Thronbesteigung nach Berlin berufen hatte. Unter seinem Präsidium erhielt die Akademie durch Friedrich den Zweiten, 1744, als königliche Akademie der Wissenschaften, eine neue Organisation, neues Leben und neuen Glanz, während sie unter seinem Vater eben nur vegetirt, kaum aber gewirkt hatte. Unter Friedrich erhob sie sich auf die hervorragende Stelle unter den Einrichtungen ähnlicher Art für die höhere Wissenschaft, welche sie bis auf den heutigen Tag so ruhmvoll behauptet hat.