Textdaten
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Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Junge Leiden
Untertitel:
aus: In Reih und Glied
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Verlag von J. H. W. Dietz
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons,
S. 136–141
Kurzbeschreibung:
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[136]
Junge Leiden.


Der leichte Sinn, der seine Schwinge
Im Blau des Aethers freudig wiegt
Und unter dem der Erdendinge
Trübsel’ges Wirrsal dämmernd liegt –

5
Mich hat er nicht emporgetragen,

Und trotzig hat von Anbeginn
In uralt-ew’ge Räthselfragen
Sich eingewühlt der finstre Sinn.

Von banger Schwermuth war umnachtet

10
Der Geist und leidenwund die Brust,

Als Andre frisch und rasch getrachtet
Nach Vollgenuß der Jugendlust;

[137]
Das Weh gab früh mir seine tiefen

Mysterien für den schönen Schein,

15
Und hundert dunkle Stimmen riefen

Mich in sein düstres Reich hinein.

Der Jugend Schlummer floh mein Kissen,
War auch das Auge müd und heiß;
Es suchte Rath und Trost im Wissen

20
Mein angstvoll-ungestümer Fleiß,

Ein Fleiß, der bis zum Morgendämmern
Bei ernsten Büchern rege blieb,
Bis mich zur Ruh’ der Schläfe Hämmern
Und in der Stirn das Zucken trieb.

25
Es war, als ob mein Sinn sich richte

Auf Trauriges und Trübes nur –
In Menschenleben und Geschichte
Und selbst im Walten der Natur.
Es war kein Laut dem Ohr zu leise,

30
Kein Bild dem Blick zu flüchtig-zart,

Doch liebt’ ich sie auf meine Weise
Und nicht nach andrer Menschen Art.

Im Wald verschmolz mit meinen Träumen
Voll stiller, weicher Traurigkeit

35
Das ernste Rauschen in den Bäumen,

Das leise Flüstern weit und breit,
Der Sonnenlichter irres Gaukeln
Auf Laub und Stamm, das Vogellied,
Und der Libelle leises Schaukeln

40
Auf schwankem, windbewegtem Ried.


[138]
Der Falter, der auf Blumen rastet

Und wie ein Blatt im Winde schwimmt,
Der Käfer, der im Moose hastet,
Und an des Grases Halmen klimmt,

45
Das junge Reh, das ruhig weidet,

Mich an aus sanften Augen schaut,
Und ohne Furcht mir näher schreitet,
Sie wurden lieb mir und vertraut.

Ich sah am See der fernen Wellen

50
Raschwiegendes Herangewog,

Ich sah sie am Gestein zerschellen,
Daß flock’ger Schaum mich überflog;
Ich sah, wie eine grüne Welle
Die andre hastig übersprang,

55
Und sich in ungeduld’ger Schnelle,

Aufs sand’ge Ufer zischend schwang; –

Ich sah, wie, matt schon vor dem Strande,
Mit leisem, monotonem Schlag
Sich an dem Steingeröll im Sande

60
Das breite Wellenfluthen brach,

Und wie es über weiße Kiesel
Mit murrendem Gegurgel dann,
Und dann mit plätscherndem Geriesel
Zur Seite ins Geröhricht rann.

65
Es litt mich nicht im engen Zimmer,

Es trieb mich fort, so oft sich fahl
Durch schwarzer Wolken Riß der Schimmer
Des Mondes auf Minuten stahl,

[139]
Mit seinem klaren, kalten Lichte
70
Still übergoß das weite Land,

Und wieder dann sich barg in dichte,
Nur matt gesäumte Wolkenwand.

Ich wanderte dem Wind entgegen
In banger, wetterschwüler Nacht,

75
Der sich auf staubbedeckten Wegen

In wirren Wirbeln aufgemacht,
Ich starrte, keinen Blick verwendend,
Im Schreiten in die Finsterniß,
Bis flammend sie und grell und blendend

80
Der erste Wetterstrahl zerriß.


Mir war Musik des Regens Rauschen
Und das verhaltene Gegroll,
Zu dem allmälig meinem Lauschen
Erstarb das dröhnende Geroll,

85
Wenn länger nicht der Blitze Sprühen

In Blut den Horizont getaucht,
Und nur ein hastig zuckend Glühen
Mit mattem Roth ihn überhaucht.

Tiefathmend ließ ich es geschehen,

90
Daß mir der Wind im Haar gewühlt –

Er hat mit seinem frischen Wehen
Der bleichen Stirne Brand gekühlt,
Und eher nicht aus Nacht und Dunkel
Lenkt’ ich den Schritt zurück zur Stadt,

95
Bis mich mit zitterndem Gefunkel

Ein ferner Stern geleitet hat.

[140]
Und kam ins Land der Frühling wieder

Und brachte weiche, laue Luft,
Und junges Grün und Lerchenlieder,

100
Und leisen, süßen Veilchenduft,

Dann pochte schwer mir und verzagend
Das Herz in der bedrängten Brust,
Und müde senkte sich und klagend
Der Blick vor all der Werdelust.

105
Es lächelte wie neugeboren

Mir die Natur in jedem Mai,
Doch jeder mahnte, daß verloren
Ein Jahr des kurzen Lebens sei;
Es steht die Welt in frischem Prangen,

110
Ganz so wie einst, in jedem Jahr,

Doch was für uns dahingegangen,
Das ist dahin auf immerdar.

Die weihevollste Zeit im Jahre,
Die ganz das Herz gefangen nahm,
Sie war, wenn mit dem Herbst die klare,
Wehmüthig-ernste Stille kam,

115
Wenn durch des weiten Himmels reines,

Tiefklares Blau kein Wölkchen ging,
Und der Marienfäden feines
Geweb’ an Strauch und Zweigen hing;

Wenn sich vor rauer Lüfte Wehen

120
In Roth und Gelb gehüllt der Baum,

Wenn seine dunkelblauen Schlehen
Gereift der Busch am Waldessaum,

[141]
Wenn ich die Frucht der Heckenrose,

Den letzten Brombeerbüschel fand,

125
Und matt gefärbt die Herbstzeitlose

In kahlen Wiesengründen stand.

Und wenn das hastig-wirre Lärmen
Der Wind zu mir herübertrug,
Von all’ den bunten Vogelschwärmen,

130
Die sich geschaart zu weitem Flug,

Dann ward die Seele von dem Walten
Verwandten Dranges übermannt,
Als müsse Schwingen sie entfalten
Zum Fluge in ein bessres Land.

135
Es fand mein prüfend tiefes Schauen

Ins dunkle Auge der Natur
In ihm von Todesangst und Grauen,
Von Krampf und Marter keine Spur.
Ich forschte in den stillen Zügen

140
So tief zu keiner andern Zeit,

Doch war mir nur, als ob sie trügen
Den Stempel tiefer Müdigkeit.

Ich nannte diese klaren Tage
Der eignen Todesstunde Bild –

145
Ich wollte sterben ohne Klage,

Mit einem Lächeln sanft und mild;
Ich wollte, schweigend und ergeben,
Ein Glück im Schlafendürfen sehn,
Und ruhig-heiter aus dem Leben

150
Ins große Nichts hinübergehen.

Anmerkungen (Wikisource)

Ebenfalls abgedruckt in: