Grillparzer’s „Sappho“

Textdaten
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Autor: Josef Weilen
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Titel: Grillparzer’s „Sappho“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 354–358
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Grillparzer’s „Sappho“.
Ein Beitrag zur Geschichte des modernen Theaters von Josef Weilen.


Unsere Wahl ist unser Schicksal. Und sind wir auch frei in unserer Wahl? Und gerade dort frei, wo diese Wahl für unser Leben von tief eingreifender Bedeutung und Bestimmung ist? Angeborene Charakteranlagen beeinflussen uns; Erlebnisse und Schicksale steigern diese; eine verlangende Stimmung, eine sehnsuchtsvolle Erwartung beherrscht unser Inneres, und da führt uns Zufall oder Geschick das entgegen, wonach wir ahnend ein dunkles Verlangen in uns tragen, und wir geben uns ohne Widerstreben dem süßen, mächtigen Zwange hin – unser Schicksal hat für lange, oft für immer, seine Richtschnur und sein Ziel [355] gefunden. So geht es mit der Liebe – so geht es dem Dichter in seiner halb willenlosen Wahl eines dichterischen Stoffes, der über ihn kommt, ihn nicht mehr losläßt, ihn mächtig reizt und bezwingt, bis er selbst, in mehr oder minder qualvollem Schöpfungsdrange, ihn bezwungen hat.

Franz Grillparzer, der berühmte Wiener Dramatiker, hatte am 31. Januar 1817 seine erste Tragödie „Die Ahnfrau“ im Theater an der Wien zum Vortheile der Hofschauspielerin Sophie Schröder zur Aufführung gebracht.

Der Erfolg war ein außerordentlicher, mit einem Schlage war der Name des damals sechsundzwanzigjährigen Dichters zu hohem Ruhme gelangt; im Sturmschritte ging das erschütternde Trauerspiel über alle deutsche Bühnen; eine wahre Fluth sich widersprechender Urtheile wogte hin und her durch alle Journale, und Tolles und Absurdes, Gelehrtes und Schönes wurde über dieses Erstlingswerk geschrieben. Ein „Schicksalsdichter“, ein „Nachtreter Houwald’s, Werner’s und Müllner’s“ – das war die Signatur, die man dem verblüfften Dichter auf die Stirn drückte. Vergebens eiferte Grillparzer dagegen; vergebens erklärte er in der Vorrede, die er der ersten Ausgabe seines Stückes beigegeben, „die Schule nicht zu kennen, zu der man ihn zu zählen beliebe, und nicht zu wissen, mit welchem Rechte man einen Schriftsteller, der ohne Anmaßung und ohne Zusammenhang mit irgend einer Partei zum ersten Male im Publicum auftrete, Ungereimtheiten zur Last lege!“. Es half nichts. „Die Ahnfrau“ blieb eine Schicksalstragödie; er selbst gehörte dieser von ihm perhorrescirten dramatischen Richtung an, und um sich herum mußte er von Neid und Mißgunst, die den außerordentlichen Erfolg und den dichterischen Werth seines Erstlingswerkes nicht ableugnen konnten, die Ueberzeugung aussprechen hören, daß sein Talent wohl nur so weit reiche, um mit Räubern, Gespenstern und Knalleffecten eine Wirkung zu erzielen, daß aber, wenn er einen einfachen Stoff wählen und mit einfachen, wahrhaft menschlichen Conflicten arbeiten würde, die Unzulänglichkeit seines weit überschätzten Talentes sich gewiß unverkennbar herausstellen werde.

Grillparzer war eine leicht verletzbare, gegen Lob gleichgültige, bei niederm Tadel aber in seinem Selbstgefühle sich aufbäumende Dichternatur. So fühlte er sich durch die gedruckte und gesprochene Kritik alle Schaffensfreude verkümmert, und wie später in die dramatischen Werke der Spanier, so versenkte er sich jetzt, um die angethane Unbill zu vergessen, in die Welt der griechischen Dramatiker, unter welchen Euripides damals seinem Herzen am nächsten stand.

An einem Herbstabende 1817 schritt Grillparzer nachdenklich durch die Jägerzeile dem Prater zu. Seine Stimmung war eine verbitterte; er war mit sich selbst unzufrieden; sein ganzes Leben erschien ihm ziel- und zwecklos, und nichts lag ihm jetzt ferner, als die Idee, je wieder ein Drama für das deutsche Theater zu schreiben und auf’s Neue seine unbeschützte, für jeden Pfeilritz so empfindliche Brust den rücksichtslosen Angriffen einer seine Absichten verkennenden Kritik preiszugeben.

Da begegnet ihm ein Bekannter, der damals schon ältliche Dr. Joël, der sich ihm anschließt und ihm im Namen des Componisten Weigl den Vorschlag macht, für diesen einen Operntext zu schreiben. Dieser Vorschlag hatte für den Dichter nichts Lockendes. Wie nahe er auch der Musik stand, wie er auch die Tiefe und Schönheit der Tonkunst in seinen Gedichten feierte, einen Text zu liefern, den ein Tonmeister musikalisch illustrire, diesen Ehrgeiz fühlte er nicht in sich. Er hat in späteren Jahren es nur einmal versucht, aber der Meister, für den er es that, war sein vergötterter Beethoven; es war der Operntext „Melusine“, den er damals schrieb, ein, wie wir gleich hier ehrlich gestehen wollen, mangelhaftes Libretto. Beethoven, wie oft er auch daran gegangen zu sein versicherte, hat „Melusine“ niemals componirt.

So schüttelte denn Grillparzer Dr. Joël gegenüber verneinend den Kopf. Der gute Mann aber ließ sich nicht abweisen, redete dem Dichter, ihn bis in den Eingang der Praterallee begleitend, immer von Neuem zu und meinte: Er habe ein ganz passendes Sujet schon selbst gefunden.

„Und dieses Sujet wäre?“ fragte Grillparzer.

„Sappho, die unglückliche Dichterin,“ und nun setzte er ihm aus einander, wie die Einfachheit des Stoffes, die Concentrirung desselben auf eine einzige Leidenschaft: die Liebe, der opernhafte Abschluß mit dem Sprunge vom Leukadischen Felsen dieses Sujet für ein Opernlibretto so recht empfehle.

Und Grillparzer blieb einen Augenblick sinnend stehen; er sah den poetischen Rathgeber mit den eigenthümlichen blauen Augen, aus denen der Blitz der Begeisterung hervorbrach, an, und aus den Lippen, die fieberhaft vibrirten, stieß er die Worte hervor:

„Das ist kein Opernstoff; das ist der Stoff zu einer Tragödie.“

Die willenlose Wahl war getroffen; sein Herz glühte; Gestalten begannen sich in seinem Hirne zu regen, und ohne Wort, ohne Gruß ließ er den erstaunten Begleiter stehen und eilte in das unwegsame Waldesdickicht der Prater-Auen hinab.

Es war tiefe Nacht, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Eine im Schottenhof wohnende alte Tante hatte ihm ein Zimmer, das sie nur den Tag über benutzte, zum Schlafen überlassen. Dahin schlich er; alles im Hause schlief bereits, und mit blasser Tinte, auf grobem Conceptpapier begann er mit fieberhafter Hast die ersten Scenen der „Sappho“ niederzuschreiben. Gedanken und Verse kamen von selbst; er hätte nicht schneller abschreiben können, als er diese Dichtung in schaffensfreudiger Begeisterung entwarf. Bis nahe dem Schlusse des ersten Actes wurde von ihm die Dichtung in einer einzigen Nacht gebracht. Am folgenden Morgen eilt er nach kurzem Schlafe, wie im Halbtraume, keines andern Gedankens fähig, in die Hofbibliothek.

Fünfzig Jahre später zeigte mir der Dichter in dem herrlichen, säulengeschmückten, mit den wunderbaren Fresken Graun’s gezierten großen Bibliotheksaale die Stelle, wo er damals gestanden und dem Bücherschranke eine griechische Anthologie entnommen, welche die Bruchstücke der muthmaßlich Sappho’schen Gedichte enthielt. Dort hatte er, wie er versicherte, aus dem Stegreife und mit zitternder Hand die schönen Verse übersetzt, welche den Schluß des ersten Actes seiner Tragödie bilden:

„Golden-thronende Aphrodite,
Listen ersinnende Tochter des Zeus,
Nicht mit Angst und Sorgen belaste,
Hocherhab’ne, dies pochende Herz!“ etc.

Grillparzer hat von seiner poetischen Begabung oft behauptet, sie komme ungerufen und verlasse ihn oft mitten in der Arbeit, wenn er ihrer am nothwendigsten bedürfe. So hat er sein „Goldenes Vließ“ erst nach langen Unterbrechungen beendigt; so lag der erste Act von. „Der Traum ein Leben“ jahrelang in seinem Pulte, ehe er die Stimmung fand, die weiteren Acte daran schließen zu können.

Diesmal aber kam in seine Schaffenslust keine Unterbrechung; wie ein tägliches Pensum absolvirte er Scene um Scene, und nach drei Wochen konnte er unter die Schlußworte seiner „ Sappho“:

„Es war auf Erden ihre Heimath nicht;
Sie ist zurückgekehret zu den Ihren!“

tief aufathmend, die Worte setzen. „Der Vorhang fällt. Ende.“

Das Stück wurde nun dem freisinnigen, mit dem Dichter innig befreundeten Leiter des Hofburgtheaters, Joseph Schreyvogel, übergeben und schnell zur Aufführung angenommen. Man ging an die Besetzung der Rollen. Wer sollte die Sappho spielen? Sophie Schröder, die Einzige, die dafür, wenn auch nicht durch äußere Erscheinung, so doch durch geistige Kraft, Macht der Leidenschaft und vollendete Gabe der Declamation wie geschaffen war, hatte wegen eines bei ihr periodisch wiederkehrenden Zerwürfnisses mit der Direction Wien verlassen, und Madame Löwe, an die man allein unter diesen Verhältnissen denken konnte, war wohl eine vortreffliche Schauspielerin, doch der Rolle der Sappho nicht gewachsen. Und dennoch hätte sie dieselbe spielen müssen, und wie hätte sich dann der Erfolg der ersten Aufführung, der meist für immer entscheidenden, gestaltet?

Aber ein glücklicher Stern leuchtete der unglücklichen Dichterin von Lesbos: Sophie Schröder kehrte nach Wien, der Stätte ihres künstlerischen Ruhmes, zurück; sie las die „Sappho“; sie erkannte, diese Rolle sei für sie „ein Adlerfutter“; sie war ganz Feuer und Flamme für Rolle und Stück und entflammte mit ihrer Begeisterung alle Anderen.

Wer aber sollte die Melitta darstellen, dieses anmuthige Naturkind, diese reine Mädchenknospe, die sich vor unseren Augen, unter dem Hauche der Liebe, zur Rose erschließt? – Grillparzer wählte sich für diese Rolle Madame Korn, eine Schauspielerin, weit über die Blüthe der ersten Jugend hinaus, vortrefflich als Soubrette im Lustspiele, in der versificirten Tragödie aber bis [356] dahin niemals verwendet. Diese Wahl des Dichters erregte große Verwunderung, und man versprach sich nichts Gutes davon. Es kam ein Augenblick, wo auch Grillparzer zu fürchten begann, daß seine Wahl eine unglückliche gewesen. Lassen wir uns dies vom Dichter selbst erzählen:

„Es war bei der dritten Probe … Ich saß im finsteren Parterre allein auf einem Sperrsitze … Da, zwischen dem vierten und fünften Acte, wo man mit Vorrichtungen für den Sturz vom Leukadischen Felsen längere Zeit hinbrachte, raschelt es plötzlich neben mir. Ein Frauenzimmer hat sich neben mich gesetzt; sie fängt an zu reden; es ist Madame Korn.

‚Sagen Sie mir doch,’ hebt sie an, ‚haben Sie sich denn die Melitta so gedacht?’

‚Aufrichtig gesagt,’ erwiderte ich: ‚Nein!’

‚Aber wie soll ich sie denn sonst spielen?’ fährt sie fort.

‚Ich glaubte, Sie würden sie spielen, wie Sie Ihre übrigen Rollen spielen.’

‚Aber mein Mann und die Schröder sagen, im griechischen Trauerspiel müsse Alles gehoben sein.’

‚Da haben Ihr Gemahl und die Schröder allerdings Recht, aber der Vers, die Umgebung – ich hätte hinzusetzen können, Ihr unvergleichliches Talent – werden schon die nöthige Hebung hineinbringen, ohne daß Sie sich deshalb besondere Mühe zu geben brauchen.’

‚Aber,’ sagt sie weiter, ‚das Stück wird morgen schon gegeben; wie soll ich denn die ganze Rolle umlernen?’

Das wußte ich freilich nicht, meinte aber, sie sollte wenigstens so viel wie möglich von ihrem natürlichen Tone hineinbringen. – Damit ging sie fort, warf über Nacht die ganze ihr aufgedrungene Ansicht der Rolle von sich und war bei der Aufführung so über alle Beschreibung liebenswürdig, daß sie die Krone des Abends davontrug.“

Am 21. April 1818 wurde Sappho zum ersten Mal am Burgtheater gegeben und erregte die größte Sensation.

Der Dichter selbst hatte sich nur ein einziges Mal sein Erstlingswerk: „Die Ahnfrau“ vom Zuschauerraum angesehen, aber der Eindruck der Vorstellung war für ihn ein unangenehmer, ja geradezu widerlicher gewesen, und er hatte sich fest vorgenommen, nie wieder dieser marternden Empfindung sich auszusetzen. Während der ersten Aufführung seiner Stücke schritt er von nun an, immer den Dialog, ohne es zu wissen, vor sich hin recitirend, hinter den Coulissen auf und ab und verließ auch zeitweilig, wenn seine Aufregung zu groß wurde, das Theater, sich in frischer Luft durch einen Spaziergang auf die Basteien zu erholen. Kehrte er dann auf die Bühne zurück, so war seine erste Frage: Wie es denn draußen gehe?

Die Mutter des Dichters saß am ersten „Sappho“-Abende auf einem Sitze in der dritten Gallerie; sie wurde erkannt, von Einigen aus dem Publicum umringt und ihr zu ihrem Sohne und zu seinem heutigen glänzenden Erfolge Glück gewünscht, sodaß die gute Frau, vor Freude weinend, ihrem Franz, den sie nach beendeter Vorstellung am Ausgange des Theaters erwartete, um den Hals fiel.

Der Eindruck, den die „Sappho“ machte, war ein großartiger. „Mit der Kritik,“ schreibt Grillparzer in seiner Selbstbiographie, „kam ich diesmal sehr gut zurecht. Höchstens meinten Einige, das Stück sei nicht griechisch genug, was mir sehr recht war, da ich nicht für Griechen, sondern für Deutsche schreibe.“

Aber auch im Publicum war die Wirkung eine durchschlagende. Aus den Papieren und Briefen, die sich im Nachlasse Grillparzer’s fanden, seien hier einige, bisher unveröffentlichte, sich an „Sappho“ knüpfende Documente mitgetheilt.

Die Dichterin Karoline Pichler, in deren Hause Grillparzer um diese Zeit oft musicirend seine Abende zubrachte, schreibt ihm unmittelbar nach der Aufführung:

„Mitten unter den glückwünschenden Freunden und Bekannten, die sich heute um Sie drängen und die Siegesfeier des gestrigen Abends durch ihre Bemerkungen und Lobeserhebungen wiederholen und verlängern werden, soll auch dies Blatt erscheinen und Ihnen die herzliche Theilnahme einiger Menschen bringen, welche zwar nicht so laut und stürmisch, aber darum nicht weniger tief Alles, was gestern die Menge fühlte und Ihnen zeigte, mitempfunden. Nehmen Sie von uns Allen die wärmsten Glückwünsche an! Mir haben Sie einen genußreichen, aber nicht frohen Abend gemacht, außer in so weit, als der rauschende Beifall des Publicums und das Anerkennen Ihrer hohen Talente mir Freude machen mußte. Ich war erstlich zu aufgeregt und unruhig durch Alles, was vorging im Theater, und dann – durch Sappho’s Schicksal und das gefolterte Dasein Melitta’s nach dem durch sie veranlaßten Tode ihrer Wohltäterin zu verstimmt, als daß selbst das Triumphgetöse, mit dem das Publicum Sie zu sehen verlangt hatte, jene Stacheln ganz hätte beschwichtigen können. Warum quälen Sie die Menschen so gerne, so anhaltend, so unheilbar? Ich hätte viel, viel mit Ihnen zu zanken. Mit Ihrer Sappho und Melitta waren Sie wohl ganz zufrieden? Die Korn hat ganz unübertrefflich gespielt, und in Schröder-Sappho sah ich Madame Staël, nach allen Individualitäten, die ich an dieser Frau weiß. Gut, menschlich, großmüthig, hingebend, leidenschaftlich, unbedacht in der Wahl ihrer Liebe, eifersüchtig und durch die Kunst dem Leben, wie der Weiblichkeit entfremdet, eine Frau, die, wie J. Paul sagt, ‚liebt wie ein Mann und geliebt sein will wie eine Frau.’ Melitta aber ist ein Himmelshauch, verkörpert in einer holden Mädchengestalt; so hat sie die Korn nach meinem Gefühle auch gegeben. Mit Phaon-Korn bin ich nicht zufrieden; er hat kalt, theilnahmlos, besonders im Anfange, gespielt. Leben Sie nun recht wohl! Ich sage nichts von Wiedersehen; jetzt gehören Sie der Kunst und nicht dem Leben und nicht denen, die gerne mit Ihnen sein möchten.“

Bereits am 22. April richtete die Direction des Burgtheaters nachfolgende Zuschrift an „Herrn von (sic) Grillparzer, Conceptspraktikanten der k. k. allgemeinen Hofkammer“:

„Die Anerkennung eines so ausgezeichneten Talentes, als der Verfasser der ‚Sappho’ beweiset, ist eine angenehme Pflicht für jeden Freund der Kunst; um so erfreulicher ist es mir, Ihnen für den seltenen Genuß, den ich bei der Darstellung dieses Trauerspiels mit allen Gebildeten theilte, zugleich im Namen des k. k. Hoftheaters danken zu können. Sappho hat die Erwartungen vollkommen gerechtfertigt, welche schon Ihre erste Arbeit von Ihren dramatischen Talenten erweckte, und Wien darf schon jetzt auf einen jungen Mitbürger stolz sein, den bald ganz Deutschland unter seine vorzüglichsten Dichter zählen wird. Es macht mir Vergnügen, Ihnen durch die nachträgliche Erhöhung des Honorars für die Sappho einen Beweis geben zu können, welchen hohen Werth die Direction auf dieses schöne Werk legt, und ich ersuche Sie hiermit, den desfälligen Betrag von 400 Gulden gegen Ihre Quittung an der k. k. Hoftheatercasse erheben zu lassen.“

Graf Stadion, der damalige Finanzminister, ein Gönner Grillparzer’s, darauf bedacht, die ökonomische Lage des jungen Dichters zu verbessern, veranlaßte, daß das Hoftheater einen für diesen überaus günstigen Vertrag mit ihm abschloß, in welchem ihm eine jährliche Bestallung von tausend Gulden Wiener Währung zugesichert wurde.

Auch mitten aus dem Publicum heraus sollte der Dichter einen werkthätigen Beweis erhalten, wie tiefgehend die Wirkung seiner Dichtung gewesen, wie sich die Theilnahme der Besten und Edelsten mit ihm beschäftigte.

Am 1. Mai jenes Jahres, einem wahren Glückstage seines Lebens, erhielt er folgendes Schreiben:

„Eine Gesellschaft dramatischer Kunstfreunde fühlt sich berufen, ihre Schuld für mehrere genußreiche Abende, welche Ihr vortreffliches Gedicht ‚Sappho’ ihr gewährte, thätiger als durch leeren Weihrauch der Bewunderung abzutragen. Selten sind himmlische und irdische Güter gleichmäßig vertheilt, und sie sollten sich stets schwesterlich die Hände reichen, um auszutauschen, was den Reiz des Lebens erhöhet. Ohne Scheu und Bedenken darf daher wahres, über Schmeichelei oder Spott erhabenes Verdienst ein Opfer inniger Verehrung annehmen, und als solches ist die Gesellschaft so frei, Ihnen die beiliegende Bankactie anzubieten. Möge dieses Schärflein Andere zum Wetteifer spornen, die Muße des Dichters zu sichern, jedes Wölkchen von Nahrungssorge zu zerstreuen, welches seine heitere Welt trüben könnte, und so die schönen Hoffnungen verwirklichen helfen, wozu sein hohes Talent berechtigt!“

Der Ruf der „Sappho“ verbreitete sich rasch über Deutschland, und die Theater beeilten sich mit deren Aufführung.

Noch im April schrieb der kunstsinnige Leiter des Berliner Hoftheaters, Graf Brühl, an den Dichter: [358] „Bei meiner Anwesenheit in Dresden ist mir Ihr neuestes Trauerspiel ‚Sappho’ durch den Herrn Hofrath Böttiger im Manuscript mitgetheilt. Ich habe dasselbe gelesen und bin von dem Inhalte der Dichtung so ergriffen, daß ich beschlossen habe, sie ohne Säumen zur Aufführung zu bringen. Gleich wie in Goethe’s ‚Iphigenie’ man den griechischen Tragödiendichter nicht verkennt, habe ich auch in Ihrer ‚Sappho’ denselben wiedergefunden, und es wird mit zu meinen schönsten Pflichten gehören, dem größern Publicum recht bald den Hochgenuß bereiten zu können, den ich schon beim Lesen gehabt habe.“

Neben so viel Auszeichnung und Anerkennung treten aber auch Neid und Mißgunst, die unzertrennlichen Nachfolger jedes großen theatralische Erfolges, bald genug an den Dichter heran.

Insbesondere war es eine Kritik Müllner’s, des Dichters der „Schuld“ in dem „Mitternachtsblatte“, welche über das Stück vom Anfange bis zum Ende den Stab brach, nachdem derselbe Verfasser, der hier so unbarmherzig über die Dichtung aburtheilte, erst kurz vorher in mehreren Briefen an Grillparzer sein feuriges Lob über die Mitte und das Ende dieser Dichtung niedergelegt und nur den Anfang als mißlungen erklärt hatte.

Grillparzer schreibt in seinem Lebensberichte: „Ich hätte nichts gebraucht, als seine (Müllner’s) früheren lobenden Briefe drucken zu lassen, um ihn durch sich selbst zu wiederlegen. Ich that es nicht, wie ich überhaupt auf Kritiken nie geantwortet habe, nicht aus Aengstlichkeit, sondern aus Verachtung.“

Das Letztere möchte denn doch nicht so ganz richtig sein. Grillparzer hatte wiederholt auf literarische Angriffe Antworten niedergeschrieben, die sich unter seinen Papieren vorgefunden. In seiner leidenschaftlichen, durch Tadel hervorgerufenen Aufregung warf er, um sich von seiner gereizten Stimmung zu befreien, die schärfsten und treffendsten Erwiderungen auf’s Papier. Hatte er aber durch das Aussprechen die Erleichterung gefunden, so vergrub er das Blatt unter seine Papiere; der nachhaltige Grimm, stark genug, den Gegner auch öffentlich anzugreifen, der Muth eine Zeitungspolemik hervorzurufen und ihr Stand zu halten, fehlte ihm.

Wie sehr er mitten unter den Lobeshymnen, die seiner „Sappho“ ertönten, ein feines, nur allzuempfindliches Ohr für jeden Tadel behielt, beweist die Vorrede, welche er für die Buchausgabe der Dichtung entworfen, aber seiner scheuen, jeden Eclat vermeidenden Natur gemäß nicht veröffentlicht hatte, und welche ich in der von mir und Dr. Heinrich Laube besorgten ersten Gesammtausgabe seiner Werke als Anhang der Selbstbiographie im zehnten Bande abdrucken ließ. Aus dieser an seinen Freund Schreyvogel gerichteten Dedication möge folgende Stelle hier Platz finden:

„Ich will kein Schriftsteller sein und heißen, will nicht zünftig werden in der ehrbaren Gilde, will mir keinen Namen bauen aus Correspondenzartikeln, Theaterberichten, und dann die Zähne blecken gegen Jeden, der das wackelnde Kartenhaus antastet, will nicht jedem Hämischen oder Narren Rede stehen, der gegen mich in einem Tageblatte zu Felde zieht.“

Grillparzer hat noch manches herrliche dramatische Werk geschaffen, aber etwas Harmonischeres, Gedankenreicheres, bei aller Einfachheit der Composition bis zur letzten Scene Fesselnderes, als seine „Sappho“ kaum. Jetzt, nach mehr als sechszig Jahren, ist diese Dichtung noch immer eine Zierde des deutschen Repertoires, insbesondere des Wiener Burgtheaters, wo sich in der Repräsentation der Titelrolle die berufensten Künstlerinnen ablösten. Der Sophie Schröder folgte Julie Rettich, und heute feiert die geniale Charlotte Wolter in dieser Rolle Triumphe.

Zum Schluß mögen hier die Aussprüche zweier bedeutender Männer über Grillparzer’s „Sappho“ einen Platz finden – Ludwig Börne’s und Lord Byron’s.

„Eine köstliche Frucht in goldener Schale“ ist dem Frankfurter Kritiker dieses dramatische Gedicht. „Soll ich noch sprechen von dem holden Zauber in allen Reden unseres Dichters?“ sagt er, „von dieser bald milden, bald glühenden Farbenpracht? Von der Tiefe und Wärme seiner Empfindungen? Dieser wundervolle, paradiesische Garten ist genug gepriesen, wenn ich ihm den Fruchtmarkt anderer neuen Dichter gegenüberstelle …“

Und Lord Byron schreibt in sein Tagebuch, Ravina, 12. Juni 1821:

„Mitternacht! – Ich las Guido Savelli’s italienische Uebersetzung der ‚Sappho’ Grillparzer’s. Grillparzer, ein teuflischer Name, doch man wird ihn aussprechen lernen müssen. – Grillparzer ist groß, antik, nicht ganz so einfach wie die Alten, doch sehr einfach für einen Neuen. Hier und da ein wenig zu Madame de Staëlisch, aber im Ganzen schreibt er erhaben und anziehend. Der Mann hat etwas Großes vollbracht, indem er dieses Stück schrieb. Und wer ist er? Ich kenne ihn nicht, doch die Zeiten werden ihn kennen.“