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Autor: Wilhelm Jordan
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Titel: Epische Briefe III
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 676–678
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[676]
Epische Briefe.


Von Wilhelm Jordan.
III.


Sie erheben Einspruch, verehrter Freund, gegen meine Andeutungen über das Wesen des Epos. Ich zöge dessen Grenzen so enge, sagen Sie, daß innerhalb derselben nur etwa fünf oder sechs Dichtungen aus der Literatur aller Völker und Zeiten übrig bleiben würden. Sie fragen, ob es mein Ernst sei, das Recht auf den Titel „Epos“ einer Menge von Werken abzusprechen, denen er doch allgemein zugesprochen werde?

Ja, ich befinde mich wirklich in diesem Gegensatze zu einer lange herrschend gewesenen Meinung.

Obgleich man echte Epen besaß und mit zweien, den homerischen, recht vertraut war, hatte man dennoch die Wissenschaft, was ein Epos sei, so gut wie gänzlich verloren.

Aus dieser Unkunde sind zwei einander widersprechende Irrthümer hervorgegangen.

Der eine war das Dogma, daß das Epos einer unwiederbringlich verschwundenen Epoche angehöre und durchaus unmöglich geworden sei. Es giebt kaum einen zweiten Satz, über den sämmtliche neuere Aesthetiker und Geschichtsschreiber der Literatur so zweifellos einstimmig gewesen wären – bis zu seiner thatsächlichen Widerlegung durch meine Nibelunge und ihren Erfolg bei den Deutschen zweier Hemisphären.

Aber auch dieser Irrthum hatte seine Entschuldigung, sogar seine Wahrheit. Zu Grunde lag ihm eine Ahnung davon, daß das Epos nur entstehen könne unter dem Zusammentreffen ebenso großer wie seltener Weltbegebenheiten. Auch ist es verzeihlich, daß wenige von jenen Aesthetikern die Nähe dieser Begebenheiten gespürt, keiner von ihnen die für uns schon begonnene Erfüllung jener Bedingungen, deren Eintritt das Epos unausbleiblich macht, erkannt hatte. Wie jedes Dogma der Art, war auch dieses nur der voreilige Schluß aus einer richtigen Erfahrung. Man hielt das Epos für unmöglich in alle Zukunft, weil es viele Jahrhunderte hindurch wirklich unmöglich gewesen war.

Und dies zu behaupten hatte man ganz recht gegenüber dem zweiten, umgekehrten Irrthum: Dichtungen, wie z. B. Voltaire’s „Henriade“, Klopstock’s „Messias“, Pyrker’s „Tunisias“ und „Rudolfias“ und ähnliche, für Epen auszugeben und als solche anzuerkennen. Ohne Einsicht in das Wesen des Epos fühlte man doch, daß diese sogenannten keine rechten Epen seien.

Gleichwohl war auch für diese Dichtungen die gewählte und bewilligte Titulatur nicht durchaus nur rechtlose Anmaßung. Sie befolgten einige dem echten Epos abgesehene Regeln, wenn auch ohne Verständniß ihres Zweckes. Mindestens aber gebührt ihnen unzweifelhaft die zum Unterschiede von der lyrischen und dramatischen Poesie üblich gewordene Gattungsbezeichnung als epische Dichtungen.

Auf der Verkennung des Unterschiedes zwischen epischer Dichtung und Epos beruhen die von Ihnen, lieber Freund, erhobenen, mir nicht unerwarteten Einwendungen.

Goethe’s „Hermann und Dorothea“, Torquato Tasso’s „Befreites Jerusalem“, selbst der romantische Novellenkranz, für welchen Ariost einige Abenteuer des rasenden Roland zum Rahmen verwendet hat, sind unzweifelhaft epische Dichtungen, aber ebenso unzweifelhaft keine Epen. Eine epische Dichtung kann jedem Dichter von Talent gelingen; ein wahres Epos niemals einem Individuum als solchem. Es schaffbar zu machen vermögen nur Culturvölker, indem sie es im Laufe der Jahrhunderte thatenvollbringend erleben.

Auch dieser Satz unterliegt noch einer Beschränkung. Nur innerhalb einer Völkerfamilie begegnen wir der echten epischen Zeugungskraft. Und wiederum nicht alle Völker dieser Familie, sondern nur vier derselben kennen wir im Besitze wahrer Epen: die Indier, die Perser, die Griechen und die Germanen.

Die Römer haben keinen Anspruch, ihnen als fünftes zugezählt zu werden. Der „Aeneïs“ fehlt es nicht an großen Schönheiten. In der Feinheit des musikalischen Ohres namentlich ist Vergilius noch selten erreicht worden. Der bestechende Wohllaut, den seine Verse namentlich durch meisterhafte Vocalisation erzielen, vergütet einigermaßen die nur allzu oft widersinnige Wortstellung. Auch sieht die Gestalt seines Werkes im Großen derjenigen des Epos täuschend ähnlich. Aber der Dichter hat in ihr die „Odyssee“ rein äußerlich nachgeformt und nicht die geringste Ahnung gehabt von der Bestimmung des Epos für die Rhapsodie, von den technischen Mitteln sie zu erfüllen, von der Bedingtheit des Aufbaus durch ein inneres Kunstgesetz. Ferner genügt zwar die „Aeneïs“ insofern einer Hauptforderung des Epos, als ihr eine national bedeutsame Sage zu Grunde liegt; überall aber merkt man es, daß diese Sage keine Vorbearbeitung in der Volkspoesie, das heißt in populär gewordenen, durch mündliche Ueberlieferung mehr und mehr volksmäßig gemodelten älteren Liedern durchgemacht hatte. Deutlicher noch verräth es der akademisch gekünstelte Text, daß ihm keine schlichtende, stilklärende, das Verständniß von einmaligem Hören sichernde Mitarbeit lauschender Zeitgenossen zu gute gekommen ist.

Ein Beispiel höchst mißlungener Nachahmung dieser vergilischen Nachahmung des Epos, wenn auch in Einzelnem von poetischem Werthe und namentlich ausgezeichnet durch farbenglühende Schilderungen der Tropennatur, sind die Lusiaden des Camoëns mit ihrer barocken Vermischung der olympischen Götterwelt und des Christenhimmels.

Einen Ansatz zum Epos besitzen die nichtarischen Finnen. Ihr Kalewala ist aufgebaut aus echter, mündlich überlieferter Volkspoesie in methodisch breiter Darstellung, aber von oft hinreißender Schönheit. Den Inhalt bildet die schon halb aufgelöste Göttersage, vorgetragen in Runen, das ist Naturmythen in Räthselform. Fast dasselbe gilt vom Kalewipoëg der ihnen verwandten Esthen. Die bisher bekannt gewordenen Stücke dieser Dichtung in sehr wohllautenden Stabreimversen legen ein überraschend vortheilhaftes Zeugniß ab für die consonantische Kraft, welche die esthnische Sprache mit fast italienischer Weichheit und Fülle der Vocale verbindet. In der Umbildung der Natur- und Göttermythe zu Abenteuern der menschlichen Hauptfigur zeigt sie sogar einigen Fortschritt gegen Kalewala. Erreicht aber sind die Eigenschaften des Epos erst dann, wenn auf dem Hintergrunde solcher Göttersage ein geschlossenes Drama der Heldensage die Schicksale und die Weltanschauung eines Culturvolkes spiegelt.

Nach dieser hoffentlich ausreichenden Verständigung über Ihre Einwürfe lassen Sie uns nun den Ursprung des Epos in’s Auge fassen.

Auch für die Geschichte ist ein Fernrohr gewonnen worden, welches ihr einige zuverlässige Wahrnehmungen erlaubt in einer Zeitenferne, weit jenseits der frühesten Ueberlieferungen durch Denkmale, Sagen und Schriften. Dies Fernrohr ist die vergleichende Sprachkunde. Sie kann uns Völker zeigen, von deren einstigem Dasein wir ohne sie nichts wissen würden.

Gesetzt, alle historischen Zeugnisse, daß es einst ein römisches Volk gegeben, wären verloren gegangen: die Vergleichung des Spanischen, Italienischen, Französischen, Ladinischen und Rumänischen würde es nicht nur unzweifelhaft machen, daß diese Sprachen auseinandergehend verwandelte Dialekte einer und derselben früheren Sprache sind, sondern auch erlauben, diese gemeinsame Sprachmutter theilweise herzustellen und aus ihr sogar die Hauptthaten und Leistungen des römischen Volkes, seine weltgeschichtliche Stellung, seine Bildungsstufe zu erkennen.

Für ein der geschichtlichen Wahrnehmung wirklich schon entrückt gewesenes Volk hat eben dies die vergleichende Sprachkunde in der That geleistet. Aus der Vergleichung sämmtlicher indogermanischer Sprachen – wie dieselben vor Vollendung dieser Leistung genannt wurden – ist die einstige Existenz eines Stammvolkes aller Indogermanen, der Arier, erkannt und nachgewiesen worden, daß dieselben Götter verehrten, der Viehzucht, des Ackerbaues, vieler Gewerbe, der Baukunst, der Schifffahrt kundig, kurz, im Besitze fester Niederlassungen und einer schon hohen Cultur gewesen sind.

Wenn nämlich in allen Sprachen arischen Stammes die Wortgruppen für Himmel, Gott und Götter, die sogenannten vier Elemente, die auffallendsten Gebilde und Erscheinungen der Natur, für Haus und Theile des Hauses, die meisten gezähmten und einige der wilden Thiere, für Ackergeräthe, Werkzeuge, Schiff, [677] Ruder etc. vielfach dieselben Wurzeln wiederkehrend zeigen: so ist es undenkbar, daß die Zweigvölker alle diese Worte für die gleichen Dinge erst nach ihrer Trennung und dennoch gleichlautend sollten gebildet haben; so ist damit vielmehr bewiesen, daß diese Wesen und Dinge mit den zugehörigen Thätigkeiten schon jenem Stammvolke bekannt und von ihm so genannt waren.

Alle Cultur aber beruht auf einem langsam aufgesammelten Erbvermögen von Erinnerungen, Fertigkeiten, Kenntnissen und Künsten und kann nur erhalten werden durch eine Aufbewahrung, welche diesen Schatz des Wissenswerthen sicherstellt vor dem Untergange durch den Tod seiner zeitweiligen Inhaber.

So lange die Schrift noch nicht erfunden, so lange man auf mündliche Ueberlieferung beschränkt war, mußte allein das Gedächtniß dies Bewahramt versehen.

Für die unmittelbar lebensnothwendigen Fertigkeiten, Handwerke und Berufsarten entwickelte die Natur der Dinge Stände von so zahlreicher Besetzung, daß ihre Ueberlieferung durch fortdauernden praktischen Unterricht des zahlreichen Nachwuchses keine besondere Gedächtnißkunst erforderte; obwohl es noch jetzt kaum ein Gewerbe giebt, welches nicht diese zu anderm Zweck ausgebildete Kunst ebenfalls benutzt hätte, um durch ihre Mittel wichtige Regeln und Geheimnisse des Berufs in festen Sprüchen zu überliefern.

Aber zu jenem Erbschatz gehörten auch Kenntnisse, zu deren Erwerbung und Bewahrung keine Lebensnothdurft die Menge hinzwang und von deren Erhaltung man gleichwohl das Gedeihen und die Fortdauer des Volkes abhängig wußte oder glaubte. Man hatte auch eine Religion mit verwickelten Gebräuchen und Festordnungen, mit zahlreichen Gebeten, deren Wirksamkeit bedingt galt durch die genaue Richtigkeit ihres Wortlauts, mit heiligen Geschichten von den Thaten der Götter und der Vorfahren, deren Vortrag bei Opfern und Festen einen Theil des Cultus ausmachte; man hatte Regeln der Sitte und ein geltendes Recht in fest formulirten Gesetzen. Ein wissenswerthes Erbgut von so großem Umfang war im Gedächtniß zunächst nur durch eine Theilung der Arbeit des Behaltens zu bewahren. Es war für künftige Geschlechter nur zu sichern durch eine große Zahl von Inhabern und ihre gleichmäßige Ergänzung aus der Jugend. So erwuchs für diesen nicht unmittelbar praktischen, aber heiligen Theil der Arbeit ein hoch angesehener, meist erblicher Stand.

Wie dann die gewerbliche Uebung dieses Standes zur Entdeckung künstlicher Unterstützungsmittel des Gedächtnisses geführt hat und wie auf diese Weise die poetische Form der Rede, der Vers, als Gedächtnißmittel die Vertreterin der noch fehlenden Schrift geworden ist, das will ich hier nicht wiederholen. Denn Sie finden es, in den Hauptzügen wenigstens, schon angedeutet in meiner Schrift: „Der epische Vers der Germanen und sein Stabreim“.

Jener Gesammtschatz geistigen Eigenthums, der durch die poetische Form im Gedächtniß befestigt war und durch einen Stand von Sänger-Priestern verwaltet wurde, ist das Epos im weitesten Sinne des Worts, so genannt, weil die Griechen ihre Literatur eintheilten in ἐπεα und γραμματα, das heißt Werke, die ursprünglich nur als gesprochene Worte vorhanden waren, und solche, die sogleich niedergeschrieben wurden, also in Sagen und Schriften.

Frühzeitig und schon bei den Ariern scheinen sich von den eigentlichen Priestern dieses Standes die Inhaber der an die Göttersage anknüpfenden Heldenlieder als eigener Sängerstand abgezweigt zu haben, jedoch ohne daß deshalb ihre Vorträge aufgehört hätten, für einen Theil des Cultus zu gelten.

Die Gesammtheit dieser Lieder der Götter- und Heldensage im erblichen Besitze gewisser Sängergeschlechter ist das Epos im engeren Sinne. Es hatte zunächst keine andere Einheit, als die, von den Schicksalen des einen Volkes eine Art Liederchronik zu sein.

Diese Stufe des Epos, auf welcher es zur Einheit durch künstlerische Anordnung noch nicht gediehen ist, aber doch schon als ein zusammenhängender Besitz seines Inhalts in der Erinnerung des Volkes vorausgesetzt wird, ist für die Griechen die vorhomerische. Wir erkennen sie sehr deutlich noch aus der Odyssee selbst. Es werden in ihr eine Menge Nebensagen berührt, die mit der Sage vom Troerkriege nichts zu schaffen haben. Das geschieht aber in der Regel so kurz und knapp, daß wir ohne die wissenschaftlichen Hülfsmittel der Mythologie den Zusammenhang oft gar nicht verstehen würden und ihn in einzelnen Fällen wirklich nicht mehr mit Sicherheit herzustellen vermögen. Es geht daraus hervor, daß der Dichter der vollen Vertrautheit seiner Zuhörer mit dem Gesammtschatze unzweifelhaft sicher sein durfte. Vollends deutlich aber zeigt es sich in den Stellen, in welchen die Odyssee Sänger der Vorzeit, wie Phemios und Demodokos, vortragend auf die Scene führt.

So heißt es (nach meiner noch unveröffentlichten Uebersetzung) von Demodokos (VIII, 72): Als man gegessen und getrunken, da

Trieb die Muse den Sänger, vom Ruhme der Helden zu singen
Aus dem himmelhoch zur Zeit gefeierten Liede,
Jenen Streit des Odyß mit Achill, dem Sohne des Peleus,
Wie sie beim köstlichen Mahle der Götter mit heftigen Worten
Einst sich bekämpft, Agamemnon indeß, der Männergebieter,
Heimliche Freude beim Zank der besten der Helden empfunden,
Weil’s ihm Phöbos Apoll im gottbegnadeten Pytho,
Als er fragend daselbst überschritten die steinerne Schwelle,
So prophezeit; denn schon rollte heran der Anfang des Unheils,
Das der gewaltige Zeus den Troern und Danaern zuwog.

Von diesem Liede wissen wir eben nur aus dieser Anführung; aber sie bezeugt doch auf das Bestimmteste, daß es allverbreitet gewesen ist.

Nicht minder deutlich vorausgesetzt sehen wir das Vorhandensein einer zusammenhängenden Sagengeschichte in Liedern und verbreitete Kenntniß derselben, wenn Odysseus, nachdem Demodokos inzwischen ein anderes, den Helden nicht durch persönliche Erinnerung zu Thränen bewegendes Lied, das lustige von der Züchtigung des Ares und der Aphrodite durch den lahmen Hephästos, vorgetragen, ihn folgendermaßen auffordert, jenes erste fortzusetzen:

Loben, Demodokos, muß ich Dich vor den Sterblichen allen.
Dich hat entweder die Muse, die Tochter des Zeus, unterwiesen,
Oder Apoll; so genau besingst Du das Loos der Achäer,
Was sie gelitten, gethan, wie viel und wie schwer sie gerungen,
Gleich als hättest Du selbst es erlebt und von Zeugen vernommen.
Das Lied setze nun fort und singe des hölzernen Rosses
Zimmerung, welches Epeios mit Hülfe Athenens verfertigt,
Dann empor in die Burg durch List Odysseus’ befördert,
Als es die Helden barg, die Ilion endlich zerstörten.
Kannst Du mir jetzt auch das in richtiger Ordnung erzählen,
Dann werd’ ich es hinfort vor allen Menschen bezeugen,
Daß Dir ein gnädiger Gott im Gesang Offenbarungen eingiebt.
     Eifrig gehorchte dem Ruf der Muse der Sänger und knüpfte
Dort wieder an den Gesang, wo die Griechen, nachdem sie die Zelte
Niedergebrannt, an Bord ihrer Schiffe von dannen gesegelt.

Besonders der Ausdruck „dort wieder anknüpfend“ beweist, daß eine solche Sammlung von Liedern als vorhanden und allbekannt bezeichnet werden soll.

Vom Volke selbst ist die Sichtung dieses Haufenwerkes epischer Bausteine ausgegangen. Es bevorzugte denjenigen Sagenkreis, welcher sich um eines seiner zu oberster Wichtigkeit gelangten Erlebnisse gruppirte. Es mußte so die Sänger veranlassen, möglichst ihren ganzen Liederbesitz in Beziehung und Verbindung zu setzen zu diesem beliebtesten Thema, hingegen sich des Vortrages derjenigen Stücke, die es nicht erlaubten, allmählich zu entwöhnen. In diesem Sinne ist also auch die Vorbildung des Epos zu der Einheit, ohne welche dasselbe seine letzte und höchste, die Kunstgestalt, nicht erreichen kann, eine Leistung des Volkes.

Für Alles dies finden wir an einer andern Stelle der Odyssee die Belege, und schließlich sogar ein unumwundenes Bekenntniß des Dichters, was ihn selbst bewogen, die Troerstadt, den Kampf um dieselbe und die Heimfahrt der Sieger zum Mittelpunkte seiner Epen zu wählen.

Als Phemios den Freiern vorsingt „von der traurigen Heimkehr aus dem Troerlande, welche Pallas Athene über die Achäer verhängte“, ruft ihm Penelope (Odyssee I, 337 u. f.) weinend zu:

Manches ergötzliche Lied von den Werken der Menschen und Götter,
Welche der Sänger preist, o Phemios, kannst Du ja singen.
Trag’ ihnen denn von denen eins vor und mögen sie schweigend
Trinken den Wein. Doch höre mir auf mit dem traurigen Liede,
Weil es das Herz mir zerreißt.“

Mit den Liedern von den „Werken der Menschen und Götter“ sind offenbar vorhomerische, jenen uns erhaltenen hesiodischen ähnliche, gemeint. Ihre Verdrängung durch die neueren, einem veränderten Geschmack mehr zusagenden des homerischen [678] Zeitalters und durch die homerischen selbst wird alsbald angedeutet. Denn Telemach erwidert seiner Mutter:

Tadle den Phemios nicht, daß er singt von der Danaer Unheil,
Weil als vorzüglichstes Lied stets das bei den Leuten in Ruf steht,
Welches dem Hörer erzählt, was aus jüngster Zeit ihm vertraut ist.

Ganz auf derselben Stufe der im Bewußtsein der Hörer schon vorhandenen, aber noch von keiner ordnenden Kunst vollzogenen Einheit und Gruppirung um eine Hauptsage, die in jenem Liede als allbekannt vorausgesetzt wird, werden wir später auch die echten Reste des altgermanischen Epos vorfinden.

Mitschaffend auch am Zustandekommen der letzten Gestalt des Epos, nachdem es den Stoff ererbt, erlebt und erthatet, ist das Volk nur als von Sängern empfangend, annehmend und ablehnend, dadurch Sichtung und Auswahl gebietend, auch wohl als modelnd in märchenartigem Nacherzählen. Nur in diesem Sinne ist das Epos Volkspoesie – wie es denn überhaupt keine andere Volkspoesie jemals gegeben hat. Die lange geläufig gewesenen nebelhaften Vorstellungen von dieser sind durchaus nur mystischer Widersinn. Ein Volk als solches hat niemals gedichtet, immer nur Einzelne. Was auch der Menge dauernd gefällt und sich deshalb ganz oder stückweise ihrem Gedächtniß einprägt, das wird dadurch zum Volkslied gestempelt. Alles was man sonst Volkspoesie zu nennen pflegt, ist niemals etwas anderes gewesen, als entweder unvollkommener Anlauf zur Kunstpoesie oder heruntergekommene, durch Vergessen, durch Hinzuflicken von Stümperhand, durch Effecthascherei der Bänkelsänger vor geschmacklosem und gruselsüchtigem Pöbel verhunzte Kunstpoesie. So verhält sich beispielsweise die angebliche Volkspoesie unseres Mittelalters zu den wenigen echten Resten der Volkspoesie verwandten Stoffes aus unserem Heidenthum wie etwa zu einem aus Blumen und Aehren geflochtenen Erntekranz das Stroh eines Misthaufens.

Ein mit Recht hochangesehener Literarhistoriker hat sich gleichwohl die Mühe gegeben, mit bedeutendem Aufwande von Gründen den so unschweren als überflüssigen Beweis zu führen, daß meine Nibelunge ein Kunstepos seien. Was will er damit widerlegen? Machen sie etwa Anspruch, in jenem mystischen Sinne ein Volksepos zu sein? Wo giebt es ein solches? Sind Mahabarata und Ramajana, nach Abzug des später hinzugefälschten ascetischen Bramanenschwulstes, sind die Ilias, nach Abzug der wieder hineingestopften vorhomerischen und hinzugeflickten späteren Stücke, die Odyssee fast ganz, und Firdusi’s Schahnameh etwa keine Kunstepen? Nur gänzliche Unkunde könnte das behaupten. Ihre Volksthümlichkeit muß die letzte, auch nur zum Theil individuelle Poetenarbeit natürlich erst bewähren, und das kann für das Epos auf keinem andern Wege geschehen als dem, auf welchem es in meinem Falle geschehen ist. Aber nicht ohne die ganze große Geschichte der Germanen und ihre Götter- und Heldensage, ja zugleich die Großthaten des deutschen Stammes bis auf den heutigen Tag wie nicht vorhanden zu betrachten, könnte Jemand leugnen, daß gleichermaßen wie die genannten fünf bisher vorhandenen Epen auch meine Nibelunge die Frucht sind vieltausendjähriger Volksarbeit. Nicht als gegen eine Schmälerung meines Verdienstes müßte ich dagegen Einspruch erheben, sondern umgekehrt als gegen eine Ueberlastung mit einer wahren Atlasbürde unverdienter Ehre.

Von der letzten Arbeit, welche das Epos von jener Stufe der vorgebildeten Einheit im Bewußtsein des Volkes zum Kunstepos vollendet, hat schon mein voriger Brief einiges berührt und namentlich gezeigt, daß auch sie keineswegs nur Einzelarbeit sein darf, und wir werden noch mehrmals Veranlassung finden, näher darauf einzugehen.

Schon im nächsten Briefe aber will ich ausführen, was in diesem nur vorbereitend angedeutet wurde: daß der Stoff, der diese Gestaltungen durchzumachen hat, um Epos zu werden, nur ein einziger, uralter ist und schon von unserem Ahnenvolke, den Ariern, vorgebildet wurde; daß es mehr ist als ein spitzfindiger Einfall, wenn ich schon oft auf die Frage: welches Alter man wohl der Nibelungensage zuschreiben dürfe? geantwortet habe: sie sei bei weitem älter als die gesonderte Existenz des deutschen Volkes, ja der Germanen überhaupt.