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Die Geschichte vom Spötterl

Textdaten
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Autor: Herman Schmid
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Titel: Die Geschichte vom Spötterl
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–45
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Geschichte vom Spötterl.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Aus den bairischen Bergen.


Von Herman Schmid.


Trotz Winter und Entfernung liegst du nah’ und frühlinghaft vor meiner Seele, du Kronjuwel im felsigen Schatzkästlein der Gebirge, sanftes, feucht glänzendes Auge zwischen den Schattenwimpern der Wälder – du, freundlicher Schliersee! Du liegst vor mir, als stünde ich auf der Landzunge des Freudenbergs, die sich weit in deine weichen Fluthen vordrängt, wie eine von der Natur selbst vorgeschobene Ruhebank, von der aus man deine Anmuth und die Herrlichkeit der Berge um dich her besser bewundern kann. Ich sehe dich vor mir in jener Zeit, da du noch unentweiht ruhtest, da in deine Einsamkeit nur der stille Naturfreund pilgerte, ehrfurchtsvoll, wie man in einen Tempel tritt – als noch an deinen Ufern nur deine einfachen Naturkinder hausten, die Begier nach Schätzen deine grünen Matten noch nicht umgewühlt, deine Berge noch nicht entwaldet hatte. Nun hat das eherne Gesetz des Lebens seine Eisenstraße auch in deinen Frieden gekeilt; die laute Menge drängt sich nun durch dein Heiligthum, und du bist wie ein Schaustück geworden, das man zu lauter Bewunderung auf die geschmückte Tafel des Genusses stellt. Ich sehe dich vor mir mit den Augen der Jugend, und mir ist, als schaute ich durch die herrlichen Kronen der Obstbäume des Freudenbergs, die nun meist gefallen sind, um den nüchternen Tischen eines Kaffeehauses Platz zu machen; mir ist, als säße ich auf den schlichten Holzbänken vor dem einfachen einstigen Försterhause, und du beginnest in der Dämmerung zu dunkeln und nur noch den letzten Schein wiederzuspiegeln, mit welchem die weit hinten im Flachlande gesunkene Sonne noch die Zacken des Jägerkamms begrüßt und den Felsengrat der Brecherspitze.

So sah ich dich einmal – um mich und dich herum war es stille wie vor dem Einschlafen. Ein Rabe zog schreiend nach dem Rohnberge, seinem Neste zu in den Burgruinen von Waldeck, die man damals noch über die Tannen emporragen sah; meine alte, liebe Freundin, die viel genannte, doch so wenig gekannte Fischerliesl hatte mir und den Meinen den Abendimbiß gebracht und saß nun plaudernd neben uns – von den Kirschbäumen aber, die gegen die Badhütten hinunter stehen, sang eine Amsel darein, die gleich uns von dem schönen Abend sich nicht trennen zu können schien.

Der Hall von herankommenden Schritten, zu so später Stunde eine Seltenheit, unterbrach das Gespräch. Aus der Dämmerung und unter den Bäumen um den Schießstand tauchte, allgemach näher kommend, eine Frauengestalt hervor und trat an’s Haus, von Liesl, welche die Hand über den Augen hielt, mit Verwunderung betrachtet.

„Grüß Gott, Liesl!“ sagte die Frau. „Brauchst Deine Augen nit anzustrengen; ich bin’s schon, die Du meinst.“

„Wirklich, Du bist’s, Forstnerin,“ sagte diese, indem sie, den Gruß erwidernd, ihr die Hand bot. „Was giebt’s denn, daß Du noch so bei Nacht und Nebel unterwegs bist? Willst noch nach Schliers hinüber?“

„Ja,“ erwiderte die Angeredete. „Mein ältester Bub’ ist alleweil so letz’ g’wesen mit seinen Augen, daß ich g’fürcht’t hab’, er wird mir ganz blind. Da hab’ ich mich verlobt zu der Mutter Gottes auf dem Birkenstein, und seitdem ist’s besser worden, und so hab’ ich mich jetzt auf den Weg g’macht. Heut’ will ich drüben in Schliers beim Forstner nachten und morgen in aller Früh’ mich auf den Weg machen. … Leicht, daß ich noch überführen kann über’n See?“

„Wird sich wohl noch machen,“ sagte Liesl, indem sie aufstand und auf der Gräd gegen die Vorderseite des Hauses ging, wo das Seil zu der Glocke hing, um dem Fischer am andern Ufer das Zeichen zu geben, daß noch Jemand übergeführt und geholt sein wolle. Der Hall des Glöckleins klang bald in die aufhorchende Nacht, und nach wenigen Augenblicken antwortete von drüben ein ähnlicher Schall.

„Sie sind wohl noch auf beim Fischer,“ sagte Liesl, „haben Dich schon g’hört und werden gleich da sein mit dem Schiffe. Wie ist’s aber,“ fuhr sie fort, „daß Du noch so spät kommst? Bist Du erst so spät fort zu Tegernsee?“

„Das nicht,“ antwortete die Frau. „Aber unterwegs bin ich auf der Gindelalm eingekehrt, und da hab’ ich mich ein Bissel verhalten.“

Liesl lachte laut auf, wie sie nicht oft zu thun gepflegt. „Ja, ja, jung gewohnt, alt gethan,“ sagte sie dann. „Es scheint, Du gehst noch alleweil gern auf die Gindelalm.“

So dämmrig es bereits geworden, so war doch nicht zu verkennen, daß die Frau bei diesen Worten von einer raschen, eigenthümlichen Bewegung ergriffen ward. Sie lachte ebenfalls hell auf; aber ihr Lachen klang ganz eigen, fast wie beginnender und im Beginn wieder abgebrochener Gesang.

Von dem Hügelabhange herauf hörte man zugleich das Ausholen und Einfallen der Ruderschläge, welche den Fischernachen durch den See herantrieben und sie einer Antwort überhoben. Statt derselben rief sie: „Gute Nacht!“ und war in [636] wenig Augenblicken den steilen Bergweg hinuntergeeilt und im Dunkel verschwunden.

Liesl kehrte zu uns zurück, die wir schweigend zugehört. Auf meine Frage, wer die Frau sei und welche Bewandtniß es habe mit ihrer offenbar beziehungsreichen Andeutung wegen der Gindelalm, erwiderte sie mit ihrem gewohnten Kopfnicken, indem sie den Spitzhut auf dem grauen Haare drehte und etwas nach vorne schob: „Wer das gewesen ist? Das war die Wittib vom Forstner drunten in Tegernsee. Wie sie jung g’wesen ist, hat man sie nur das Spötterl g’heißen, und warum man sie so g’heißen hat und was ich mit der Gindelalm gemeint hab’, das ist eine sonderbare Geschicht’, von der man lange erzählen könnt’. Aber ich muß noch in’s Haus hinein, muß Alles herrichten. Morgen ist ein abgeschaffter Feiertag. Da kommen schon in aller Früh’ so viel’ Leut’, die Küchel haben wollen; da muß vorgerichtet sein, damit ich gleich in aller Früh’ eine tüchtige Pfann’ voll ’rausbachen kann. Wenn’s Euch bis dahin nit zu spät wird und Ihr die Geduld nit verliert, kann ich’s ja erzählen, wenn ich wieder komm’.“

Und sie kam wieder. Der Mond war inzwischen aufgegangen; See und Berge schliefen und lagen hell, fast wie am Tage, und doch in einen Duftschleier gehüllt, der ihren Schlummer zu verdecken schien. Der Mond neigte sich schon zum Untergange, als auch wir zur Ruhe gingen und sie ihre Erzählung geendet hatte – die Geschichte vom Spötterl.




1. Klopf’ an!


Der Gesang einer kräftigen, aber etwas rauhen Männerstimme schwebte vom Ufer des Tegernsees über die abendbeglänzten Wellen hinaus; verhallend klangen die Töne durch das dämmernde Abendlicht, wie Wasserkreise, welche ein fallender Stein immer weiter und immer schwächer bis an das ferne jenseitige Gestade treibt, wo sie am Fuße der Berge erlöschen. Die Worte des Gesanges lauteten:

„Im Zwielicht singt d’ Amsel,
Und der Baamhackl hackt;
Aber nix is’ so fein,
Als wenn d’ Wachtel so schlagt.“

An den Gesang reihte sich im Tacte des Liedchens eine Nachahmung des Wachtelschlages von solcher Natürlichkeit, daß man glauben mochte, an einem vollen, reifen Aehrenfelde zu stehen, aus welchem wirklich der lockende Ruf erscholl.

Der Singende war ein hochgewachsener Bursche, der in einem Kahne saß und die Cither auf den Knieen hielt, mit der er seinen Gesang begleitete. Der Bursche war nicht mehr ganz jung, sondern stand nahe an der Schwelle des reiferen Mannesalters. Wohl lockte sich das braune Kraushaar dicht um seinen Kopf; aber die Stirn wölbte sich schon höher nach oben. Fest und beinahe streng waren die Züge des scharf geschnittenen Angesichts mit der kräftig gebogenen Nase und dem starken, lang herabhängenden Schnurrbarte; dennoch war der Gesammtausdruck ein freundlicher, und das nußbraune Auge, das unter dichten Brauen funkelte, blickte ebenso freundlich wie trotzig; es zeigte, daß das Gemüth, das aus ihm sprach, zum Freundesgruße ebenso bereit und geübt war, wie zum Feindestrutze. Ueber die hohe Stirn lief eine breite Narbe und ließ zum Theil errathen, daß der Weg, auf dem der Bursche gewandelt, nicht immer ein friedlicher gewesen.

Um den Nachen des Sängers herum lagen viele andere Fahrzeuge dicht aneinander gedrängt, wie eben der Zufall beim früheren oder späteren Anlanden sie geordnet; viele Landleute aus den Seedörfern saßen darin, andere waren ausgestiegen und standen nun am Gestade bei den Einwohnern von Tegernsee, die sich ebenfalls eingefunden, an den erwarteten Lustbarkeiten des Abends, die zu Ehren der anwesenden Kaiser von Oesterreich und Rußland stattfinden sollten, theilzunehmen.

Ein Weile waltete Schweigen umher, auf dem Wasser wie auf dem Gestade; Alles hatte mit Wohlgefallen dem Gesange und Tonspiele gelauscht und schien einer etwaigen Wiederholung oder Fortsetzung gewärtig. Diese blieb auch nicht aus. Nach wenigen Augenblicken erhob sich wie zur Antwort eine zweite Stimme, deren erste Töne verkündeten, daß sie aus einer jüngeren und zarteren Kehle kamen; ein Mädchen, das ziemlich weit entfernt ebenfalls in einem Kahne saß, begann zu singen, und ihr Gesang, zart und nicht stark, hörte sich beinahe wie Vogelgezwitscher an, aber auch lieblich und anmuthig wie dieses; das Mädchen sang:

„Jeder Vogel, der singt,
Hat sein’ vorg’schrieb’nen Schlag;
Grad’ das Spötterl, das einzig’,
Das singt, was es nur mag.“

An den Gesang reihte sich der übliche Jodler, aber in ganz anderer Weise, als dies sonst gebräuchlich war. Er glich einer Art von Wettgesang verschiedener Vögel, und hatte der Bursche in seiner Nachahmung der Wachtel das Unglaubliche geleistet, so wurde er weit durch die Kehlfertigkeit, Geschicklichkeit und Naturtreue übertroffen, mit welcher das Mädchen abwechselnd und in buntem Durcheinander das Schmettern des Finken, den Schlag der Amsel, das Schmätzen der Grasmücke, das gurgelnde Geschwätz der Schwalben oder das Gezwitscher des Rothkehlchens hören ließ. War zuvor die Aufmerksamkeit und das Wohlgefallen allgemein gewesen, so hielt jetzt Alles mit Gespräch und Bewegung inne, um nicht den Uferkies unter den Füßen knirschen oder die Nachen aneinander stoßen zu lassen. Nichts war zu vernehmen, als der lallende Anschlag der Wellen an den Kähnen, der sich fast wie eine melodische Begleitung anhörte.

Der aufmerksamste Zuhörer aber war der Wachtelschläger. Gleich beim ersten Tone hatte er sich in seinem Schiffe hoch aufgerichtet und starrte nun wie versteint nach der Sängerin hinüber. Es war nicht zu sagen, ob sein Betrachten mehr der Gestalt der Singenden oder dem Gesange galt, in welchem sich ihr ganzes eigenartiges Wesen kund zu geben schien; so scharf sein Auge auch spähte, konnte er doch nicht mehr erkennen, als daß die Sängerin ein schlank gebautes, jugendliches Mädchen von seltener Zierlichkeit der Gestalt war. Die Züge des Angesichts verschwammen in der Entfernung, denn immer grauer wurde die Abenddämmerung, immer bleicher ihr Widerschein im See.

Der Gesang war zu Ende, das anfängliche Schweigen der Versammlung verwandelte sich in Murmeln und halblautes Rufen. Man fand aber nicht Zeit, dem Gefallen vollen Ausdruck zu geben, denn der Bursche im Kahne hatte sofort, ohne sich wieder niederzusetzen und zur Cither zu greifen, laut und ohne Begleitung zu dem Mädchen hinübergesungen, wie dies bei Trutzgesängen der Brauch ist:

„Du Spötterl, Du schneidig’s,
Wie stellst denn das an?
Und wenn ich Dein Nest wüßt’,
Nachher klopfet i’ an.“

Begierig drängten sich Alle näher; denn der Herausforderung, die hierin lag, mußte nach aller Wahrscheinlichkeit ein munterer Wettkampf folgen, aber so schnell der Angriff abgeschossen war, so flink schnellte die Abwehr zurück und zeigte, daß das Mädchen wohl im Stande sei, sich sieghaft auf einen solchen Kampf einzulassen, daß sie aber entweder augenblicklich keine Lust verspürte, einen solchen zu beginnen, oder daß ihr der Gegner nicht gefiel, und sie ihn sonst nicht für ebenbürtig hielt. Sie sang:

„Wennst a Schneid hast, klopf’ an!
Etwann wird Dir auf’than.
Wann i’ ’n Schlüssel nit hab’,
Heißt’s halt wieder: Fahr’ ab!“

Die Anwesenden brachen in lautes Lachen aus und drängten näher gegen den Kahn des Mädchens, um sie besser zu sehen und zu hören, ihr schien aber gerade diese Annäherung nicht zu behagen: sie war aufgesprungen, mit raschem und sicherem Tritte aus dem Nachen an das Ufer gestiegen und hatte sich, ehe man es recht gewahr geworden, unter der Menge verloren.

Auch der Bursche war herbeigeeilt, rasch und dennoch zu spät; er kam nur noch eben recht, um Zuhörer der Gespräche zu sein, mit denen die Umstehenden sich über die Entflohene unterhielten. Es waren mehrere ältere und reiche Bauern aus der Umgegend, die als eine Art von Respectspersonen etwas bei Seite standen und das junge Volk sich selbst und seiner eigenen Fröhlichkeit überließen, während sie selbst sich zu den Dorfbewohnern hielten. Nicht nur von den nächsten Anhöhen waren die Siedler vom Pfliegel- und Westerhofe heruntergekommen; auch der Sonnen-Moser aus seiner lindenumrauschten Einsamkeit hatte sich eingefunden; die Bauern von Rottach und Egern fehlten nicht, und auch die Anwohner des jenseitigen, westlichen Gestades waren von ihren Einöden herübergerudert.

[637] „Wer ist denn das Mädchen?“ fragte der Landarzt Reinhard, indem er den Deckel seiner großen, runden Dose drehte und quieken ließ, sie dann öffnete und einem Bauern, einer großen, markigen Gestalt mit hagerem Antlitz, anbot. „Kennst Du sie, Hofbauer? Du bist ja Vorsteher und also eine lebendige Tabelle von Allem, was lebt und stirbt um den ganzen See herum.“

„Dasselbige just nit,“ erwiderte der Hofbauer geschmeichelt, indem er zugleich die Finger spitzte, um die angebotene Prise nach Gebühr zu erfassen. „Aber ich bin halt schon ein alter Kampel, und wer so lang mitlauft wie ich, der lernt die Leut’ wohl kennen. Die Dirn’ aber kenn’ ich freilich; das ist ja die Rohnberger Corona.“

„Rohnberger – vom reichen Rohnberger drüben über’m See?“ fragte der Chirurg.

„Ja, das wär’ ihr wohl recht, glaub’ ich,“ lachte der Hofbauer entgegen, „aber sie hat nur den gleichen Namen und ist bloß weitschichtig mit ihm befreundet; sie ist blutarm, muß dienen und wird jetzt wohl auf einer Alm als Sennerin sein. Wenn sie aber auch arm ist wie ein Feldmäus’l, ist sie doch so hochgeistig wie die reichste Bauerntochter, und deretwegen, und weil sie von den Burschen nichts wissen will und sie abschnalzt, daß es nur so kracht, und wegen ihrem G’sang, haben sie ihr den Spitznamen ’geben – man kennt sie überall nur als das Rohnberger Spötterl.“

„Spötterl – ah! Es ist gewiß der Vogel damit gemeint,“ sagte der Landarzt, indem er wieder die Dose spielen ließ und sich besann. „Wie heißt er doch in der Naturgeschichte? Turdus … turdus …

„Den Namen weiß ich auch nicht, aber den Vogel kenne ich wohl,“ erwiderte der Pfarrer Heimgreiter, ein freundlicher, gelehrt aussehender Mann; „es ist eine Drosselgattung, die hier in der Gegend häufig vorkommt; ich habe selbst längere Zeit einen im Käfig gehalten und mich an seiner Lustigkeit und seinem Gesang ergötzt. Er hat nicht nur einen eigenen, recht hübschen Schlag, sondern weiß auch den Gesang vieler anderen Vögel und jeden Laut nachzuahmen, den er oft hört. Der meinige zum Beispiel verstand es prächtig, das Aechzen des Ziehbrunnens im Pfarrhause, der etwas schwer ging, nachzuahmen, so daß meine Schwester ein paar Mal hinauslief, weil sie glaubte, es seien Buben, die sich am Brunnen zu schaffen machten. Im Freien nistet er ganz versteckt, am liebsten in den Gabelzweigen der höchsten Birken, und auch da verkleidet er das Nest noch mit der weißen Birkenrinde, so daß man es von Stamm und Ast gar nicht unterscheiden kann.“

„Aber Sie haben da eine schöne Dose, Herr Landarzt,“ unterbrach ihn der Sonnen-Moser, indem er ebenfalls eine Prise nahm. „Was ist denn da für ein schönes Gemäld’ darauf?“

„Die Dose ist nicht übel,“ sagte der Landarzt wohlgefällig; „mit der Zeit kann sie sogar einmal einen großen Werth bekommen. Unter dem Glasdeckel ist das Kloster Tegernsee gemalt, wie es vor der Aufhebung aussah. Es wird bald eine Zeit kommen, in der sich Niemand mehr darauf besinnen kann, wie es damals hier ausgesehen hat. – Damals,“ fuhr er fort, während die Dose in den Händen der Bewundernden kreiste, „damals war das Kloster viel größer, hatte andere Thürme, und da, wo wir jetzt stehen, und der kleine Garten angelegt wurde, stand noch ein großes Viereck des Klosters mit einem weiten Hofe.“

„Das sind betrübte Zeiten gewesen,“ sagte der Sonnen-Moser. „Ich denk’s noch wie gestern. Wir haben gemeint, es wird Matthäi am Letzten sein mit Tegernsee, wie die geistlichen Herren fortgezogen sind, und Alles verkauft worden ist, und jetzt ist’s doch noch so gut ’worden, und seit der König das Kloster gekauft hat, ist’s noch viel besser als früher. Dafür haben wir den König auch alle gern, und Jeder ginge für ihn durch’s Feuer.“

„Es muß mit dieser Liebe doch nicht so weit her sein,“ sagte näher tretend ein älterer Mann in hechtgrauem Ueberrocke mit grünem Kragen, worauf goldnes Eichenlaub gestickt war; „Ihr würdet sonst dem guten Herrn nicht so viel Aerger machen.“

Dieses Wort, von dem Ankömmling mit der Art, aber auch dem Nachdruck eines eingebildeten Mannes gesprochen, fiel unter die Bauern wie ein Funken unter gestreutes Pulver, daß nach allen Seiten Staunen, Widerspruch und Unwillen aufzusprühen begann.

„Was? Wir machen dem König Verdruß? Wir thäten ihn ja lieber auf der Hand tragen,“ rief es von allen Seiten. „Wie kann uns der Herr Forstmeister so was nachreden?“

„Nun, wenn es nicht durch Euch selbst geschieht,“ erwiderte dieser begütigend, „so thut Ihr aber auch nichts, um ihm den Verdruß fernzuhalten. Wie lange ist es nun schon, daß der unbekannte Wildschütz in der Gegend sein Wesen treibt! Wie oft hab’ ich Euch nicht gebeten, Ihr solltet mir helfen, ihm auf die Spur zu kommen, und jetzt – nach mehr als drei Monaten – wissen wir so wenig wie vorher.“

„Ja so, Sie meinen den Gamstod, Herr Forstmeister,“ sagte der Sonnen-Moser kopfschüttelnd. „Ja, da können wir nix dafür. Wenn den Ihre Jäger und Schützen nit erwischen, wie sollten wir Bauern dazu kommen?“

„Umgekehrt,“ entgegnete der Forstmeister; „gerade Ihr habt die beste Gelegenheit, dahinter zu kommen, wer dieser Raubschütz ist, und wo er sich aufhält. Alle Anzeichen sind dafür, daß er selber ein Bauer ist. Würdet Ihr Eure Leute gehörig beaufsichtigen und nicht durch die Finger sehen, müßte es längst herausgebracht worden sein, wer der Gamstod ist.“

„Also ist wirklich etwas Wahres an der Sache?“ fragte der Landarzt. „Ich habe bisher immer geglaubt, es sei nur so ein Gerede unterm Volke; dem ist nicht wohl, wenn es sich nicht eine Geschichte zu erzählen hat.“

„Leider ist es wahr,“ sagte der Forstmeister. „Seit ein paar Monaten ist in den Bergen der ganzen Reviere das Dasein und die Thätigkeit eines Wildschützen zu spüren, den sowohl seine außerordentliche Keckheit wie die Sicherheit seines Schusses zu einer außergewöhnlichen Erscheinung macht. Er treibt sein Wesen hauptsächlich bei Nacht und in den wildesten, unzugänglichsten Steigen, wo kaum meine Gehülfen fortzukommen wissen. Schon mehrmals sind sie seiner ansichtig geworden; schon öfters glaubten sie, ihn umgangen und eingekreist zu haben – immer wußte er aber wieder zu entwischen, wenn er auch manchmal die Beute zurücklassen mußte. Und was noch das Merkwürdigste ist, die Hirsche oder Gemsen sind immer waidgerecht und meist auf das Blatt geschossen, als wenn er sie immer im Ansprunge abfinge, und die Kugeln, mit denen er schießt, sind nicht, wie gewöhnlich, von Blei, sondern es sind Zinnkugeln von außerordentlicher Kleinheit und Festigkeit.“

„Aha! Dann können wir den Raubschützen mit der Hand erlangen,“ sagte der alte Sonnen-Moser lachend, indem er auf einen beleibten Mann deutete, der bisher aufmerksam, aber schweigend zugehört hatte. „Dann ist’s Niemand Anderer als der Schandl, der Bäcker. Leugn’s nit!“ fuhr er fort, als der Andere entrüstet auffuhr. „Hast Du nicht selbig’s Mal, wie’s geheißen hat, daß sich oben hinter Deinem Hause in der Neureut ein Bär hat spüren lassen, in der Eil’ gleich den Zinnknopf von Deinem Krügl heruntergedreht? Du kannst es also nit leugnen, daß Du Dich auf Zinnkugeln verstehst.“

Der dicke Bäcker wollte zornig antworten; aber ehe er dazu kam, nahm der Forstmeister wieder das Wort. „Die Sache ist mir sehr ärgerlich,“ sagte er. „Nächstens werde ich aus den benachbarten Revieren und der ganzen Gegend Alles aufbieten, was gehen und ein Gewehr tragen kann; dann werden wir doch wohl die Spur finden und dem Gamstod das Handwerk legen. Ich habe nie einen solchen Aerger gehabt wie heute. Ihr Alle kennt doch den Standhirsch in dem Holze oberhalb des Westerhofes? Ein starkes Thier, ein prächtiger Sechszehnender!“

„Wer soll den nicht kennen!“ riefen die Bauern durcheinander. „Ist ja so zahm, daß er an Winter in die Häuser kommt und Einem schier aus der Hand frißt.“

„Ja wohl,“ sagte ein Anderer, „und ist der Lieblingshirsch vom Könige, der bei Leib und Leben verboten hat, daß ihm Jemand was zu Leide thut.“

„Der nämliche,“ sagte der Förster noch ärgerlicher. „Er muß sich in letzter Nacht zu weit verzogen haben. Drinnen, wo es nach Kreuth hineingeht, hat ihn heute Abend mein Jagdgehülfe gefunden – verendet. Der Gamstod scheint nicht Zeit gehabt zu haben, ihn zu verschleppen; aber die kleine Zinnkugel hat er richtig mitten auf dem Blatte sitzen gehabt.“

[638] Eine unruhige Bewegung kam über die Versammelten; Rufe des Unwillens wurden laut über den Frevler, der das harmlose Thier, das kaum noch für ein Wild gelten konnte, getödtet – nicht minder die Besorgniß, wie der König das Leid aufnehmen würde, das seinem Lieblinge widerfahren. Schnell waren Alle einig, daß der Unfug nicht länger zu dulden sei, und daß Alle zusammen helfen müßten, um den verwegenen Wildschützen zu ermitteln und unschädlich zu machen.

Ueber der allgemeinen Erregung, wie vorher im Eifer des Gesprächs, hatte Niemand Zeit und Anlaß gefunden, den Wachtelschläger zu beachten, obwohl er so nahe stand, daß er jedes Wort vernehmen konnte. Er schien anfangs nicht darauf zu achten; seine Augen suchten immer noch unter den Burschen und Mädchen die Sängerin zu entdecken; sein Ohr lauschte, um den eigenthümlichen Klang ihrer Stimme aus dem Gewirre der übrigen herauszufinden. Erst als der Forstmeister hinzugetreten, hatte er seine Aufmerksamkeit dieser Gruppe zugewendet und schien nun offenbar mit dem Entschlusse zu kämpfen, sich den Männern noch mehr zu nähern. Es war, als wolle er schon den Fuß heben, um zu dem Förster hinzutreten; die Wendung des Gesprächs aber machte ihn wieder an sich halten und seine Aufmerksamkeit verdoppeln. Hatte zuerst ein listiges Lächeln um seinem bärtigen Mundwinkel gezuckt, so war dasselbe bald dem Ausdrucke des Unwillens gewichen, der sein ganzes Gesicht mit dunkler Röthe überdeckte. Unwillkürlich machte er eine rasche Bewegung, durch welche der Bergstock, den er im Arme lehnen hatte, zu Boden fiel, hart vor die Füße des zunächststehenden Forstmeisters. Dieser wendete sich und sah ihn forschend von unten bis oben an.

„Was ist’s mit Dir, Bursche?“ fragte er. „Willst Du etwas von mir, weil Du Dich so nahe heranpürschest? Bist Du nicht Einer von den Arbeitern im Marmorbruche? Ich glaube, Dich dort gesehen zu haben.“

„Ja, Herr Forstmeister,“ sagte der Bursche unbefangen und unterwürfig, „ich bin Arbeiter im Steinbruche; aber eben deswegen hätt’ ich schon lang’ ein Anliegen an den Herrn Forstmeister. Ich hab’ mir’s nur immer nit zu sagen getraut.“

„Ein Anliegen? Das wäre?“ fragte der Forstmeister.

„Ich möcht’ gern eine andere Arbeit; das Steinhauen ist mir zu schwer.“

„Zu schwer – einem Burschen wie Du, so stark wie ein Baum?“

„Und doch zu schwer, Herr, weil ich keinen Verstand dafür hab’ – wissen S’, Herr Forstmeister, so den rechten Verstand. Ich mein’, wenn man eine Arbeit thut, soll man sie nicht blos mit der Hand thun, sondern soll im Kopfe einen Begriff davon und im Herzen eine Lieb’ dazu haben. Das hab’ ich nit, wenn ich in dem todten Gestein drinn sitzen und den ganzen lieben Tag d’rauf los klopfen muß, bis ein Trumm herunterfallt. Ich kann die stille, sitzende Weis’ nit vertragen; ich möcht’ mich so gern rühren und was um mich her haben, was sich rührt, so wie im Walde, wo das Wasser rauscht und die Bäum’ sausen, wo in dene Bäum’ die Vögel flattern, und drunten ’s Wild durchbricht …“

„Hoho!“ rief der Forstmeister, indem er den Burschen abermals betrachtete. „Bist ja gar vertraut mit dem Walde; möchtest wohl gar Jäger werden?“

„Ja, das möcht’ ich,“ rief der Bursche. freudig. „Das wär’ das Einzige, was ich mir wünschen thät’. Wenn mir oft im Traume was Schön’s vorkommt, ist mir’s immer, als wenn ich ein Jäger wär’ und durch den Wald pürschen oder auf den Anstand gehen thät’.“

Der Forstmeister lachte. „Da haben wir das rechte Beispiel eines Müßiggängers,“ sagte er, zu den Umstehenden gewendet. „Weil dem Burschen das Steinhauen im Marmorbruch zu stark in die Glieder geht, möchte er es bequemer haben und das Gewehr im Walde spazieren tragen. Nein, guter Freund, damit ist es nichts; da muß man auch schießen können.“

„Das kann ich,“ sagte der Bursche schnell, wenn auch etwas verdüstert. „Ich bin lang genug Soldat und im Kriege gewesen. Der Herr Forstmeister könnten’s ja probiren, ob ich schießen und treffen kann.“

„Ach was – Dummheiten!“ sagte dieser wieder. „Lass’ mich in Ruhe! Ich kann keine solchen Bauernjäger brauchen. Auch ist es mit dem Schießen allein noch nicht gethan: die Hauptsache ist jetzt der Wald, und ein rechter Jäger muß gar Vieles wissen.“

„Was ich nicht weiß, könnt’ ich ja wohl lernen,“ sagte der Bursche bescheiden.

„Nein, nein, das könnte mir zu lange währen,“ rief der Förster sich abwendend, „und kurz und gut, ich will von dem dummen Zeuge nichts mehr hören. Geh’ in Deinen Marmorbruch und klopfe Steine, oder wenn Du durchaus eine andere Arbeit haben willst, so greife zur Sense und Drischel und mache einen ordentlichen Bauernknecht! Da kannst Du Dich rühren genug.“

„Also ist’s nix?“ fragte der Bursche, indem er den Blick fest auf den Forstmeister richtete. „Meinetwegen,“ sagte er dann, wie sich selbst antwortend, „dann muß es halt bleiben, wie’s ist.“

Er ging und war bald unter den Anwesenden verschwunden. Vielleicht hätte er das Gespräch doch noch länger fortgesetzt; aber es war ihm gewesen, als hätte er die schlanke Gestalt des Spötterls durch die Menge gleiten gesehen, leicht und rasch, wie der gleichnamige Vogel kaum bemerkbar durch die Zweige und Blätter schlüpft.

„Schade um den Burschen,“ sagte der Sonnen-Moser, indem er ihm nachsah. „Er ist stark wie ein Bär und könnt’ leicht als Oberknecht oder Baumann einen Platz finden. Ich selber hätt’ ihn schon eingestellt, wenn er gewollt hätt’; aber er bleibt nirgends lang und hat das herumstreunende Leben schon gewöhnt. Das kommt von der Soldatenzeit. Er hat den großen Krieg mitgemacht und ist in der russischen Gefangenschaft gewesen. Davon hat er auch die Narbe her über das ganze Hirn. Die wird ganz blutroth, wenn’s heißes Wetter ist oder wenn er zornig wird, und es hat schon geheißen, daß es dann darunter auch nicht ganz richtig sei. Dann ist gar nichts mit ihm anzufangen; er läßt alle Arbeit liegen und stehen und will keinem Menschen mehr gehorsam sein.“ – –

In dem am Seegestade aufgeschlagenen Zelte begann es inzwischen ebenfalls lebhaft zu werden; glänzendes Licht schien durch die gespannten Leinwanddecken und zog immer mehr die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Durch den halb offenen Eingang war die Tafel zu sehen, welche, kostbar gedeckt und mit Speisen und Leckereien aller Art besetzt, der vornehmen Gäste harrte, für welche ihre Reichthümer bestimmt waren. Es war das erste Mal, daß das Zelt, ein Geschenk der Stadt Augsburg an den allgeliebten König, zu solch festlichem Zwecke dienen sollte. Die Gartenanlage, welche später um dasselbe gepflanzt wurde, war damals im ersten, dürftigen Entstehen begriffen. Schon begannen auch einzelne Gäste sich einzufinden und warteten auf die Ankunft der Fürsten, welche der König von Baiern zu sich an den lieblichen Tegernsee geladen hatte, ihnen die Schönheit seines Reiches zu zeigen.

Eben war der Congreß der Fürsten nach Verona zusammenberufen, und auf dem Wege dahin hatten Alexander von Rußland und Franz von Oesterreich dem Baiernkönig ihren Besuch zugesagt; Beide waren sehr willkommen, noch mehr aber der Letztere, weil mit dem Kaiser auch die Kaiserin Charlotte, Maximilian’s Tochter, den Vater wieder zu sehen kam. In dem stillen, schönen Gebirgsthale sollte auf einige Tage vergessen werden, daß draußen der Himmel düster war und sich immer trüber umwölkte. Noch war kein Jahrzehnt verflossen, seit die deutschen Stämme sich in edler Begeisterung erhoben, um den gewaltigen Franzosenkaiser niederzuwerfen, der Volk und Fürsten zu seinen Unterthanen gemacht. In feierlicher Anerkennung dessen hatten die Fürsten ihren Staaten die Freiheiten verheißen, deren sie sich so würdig bewiesen; aber die Erinnerung daran war von Jahr zu Jahr schwächer und unbequemer geworden, und als die Völker mahnend des versprochenen Dankes gedachten, war man bereits einig, die Verheißung nicht zu erfüllen, sondern den gefährlichen Geist und die Männer, in deren Köpfen er sich besonders lebhaft regte, niederzuhalten. Auch außer den deutschen Landen gohr es bedenklich. Die Spanier hatten ihren Ferdinand verjagt, und die Griechen waren aufgestanden, um das schwere, verhaßte Türkenjoch abzuschütteln – die heilige Allianz hatte das Alles wohl überdacht und geplant: zu Verona sollte dem großen Werke des Rückschritts das Siegel aufgedrückt werden.

[655] Die vornehme Gesellschaft hatte dem friedlichen Seegestade für einige Tage ein völlig verändertes Ansehen gegeben. Die Kaiser, mit zahlreichem Gefolge gekommen, wetteiferten trotz allen Anscheins ländlicher Einfachheit, alle Macht und Pracht zu entfalten, über die sie zu gebieten vermochten, und der Gastfreund hinwieder wendete Alles auf, sie angenehm zu unterhalten und doch zugleich zu zeigen, daß es ein König war, der sie beherbergte und bewirthete. Den Tag über war großes Jagen gewesen und in einem Waldthale nach Art fürstlicher Waidmänner getafelt worden; für den Abend war während der Mahlzeit Concert angesagt, und eine Bergbeleuchtung der glänzendsten Art sollte des festlichen Tages würdigen Schluß bilden. Darum war auch die Landbevölkerung herbeigeströmt, die fremden Potentaten alle zu sehen, die Musik aus dem Zelte zu hören und das Flammenschauspiel zu bewundern, das die Berge bieten sollten. Es war selten, denn die Vorbereitungen dazu forderten ebenso große Ortskenntniß wie Zeit. Es galt nicht nur, Wochen vorher die Bäume zu fällen und klafterweise so zu ordnen, daß sie irgend einen Namenszug bildeten, es kam vor Allem darauf an, richtig zu bemessen, auf welchem Platze die Holzmassen aufgethürmt werden mußten, wenn sie in der Entfernung von einigen Stunden am See nicht nur gesehen werden, sondern auch die kolossale Wirkung hervorbringen sollten, welche beabsichtigt und nur durch den damals noch ungelichteten Reichthum der Berge zu erreichen war.

Das Gefolge der Fürsten, das in dem kleinen Raume mit zur Tafel gezogen war, drängte sich in ernsthaften, dunklen Kleidern durcheinander, in kurzen Escarpins, mit Seidenstrümpfen und Schuhen, – eine unscheinbare Versammlung, nur ein wenig von den Sternen, Kreuzen und Ordensbändern erhellt, die, wenn auch zu kurzen Endchen Band oder verkleinerten Abzeichen eingeschrumpft, doch daran erinnerten, daß man sich unter Leuten befinde, welche dazu berufen waren, oder sich für berufen hielten, die Geschicke der Völker zu lenken und in den Lauf der Weltordnung einzugreifen. Auch die Gesandten der auswärtigen Mächte am bairischen Hofe hatten sich eingefunden. Neben dem russischen Fürsten Baryatinsky war der Prinz Colobrano von Neapel erschienen und erzählte von der italienischen Primadonna, welche durch ihren Gesang der Glanzpunkt des Abends sein sollte. Ein hoher österreichischer Polizeibeamter, ein unscheinbarer, stiller, aber auch unscheinbar und still beobachtender Mann, war in eifrigem Gespräche mit dem französischen Gesandten Grafen Mercy d’Agentour begriffen, der in Erscheinung und Manieren sich als würdiger Vertreter der alten Bourbonen bewährte, die, von den Spitzen deutscher Bajonnete wieder auf den Thron gehoben, bereits den Verlust wie die Wiedererlangung desselben vergessen hatten. Das Gefolge war nicht sehr zahlreich, aber gewählt, – ein junger Russe, Baron von Worinoff, welcher der Gesandtschaft beigegeben war, ragte besonders durch seine anmuthige, kräftige Gestalt, wie durch die zwar etwas asiatische, doch nicht abstoßende Gesichtsbildung und das soldatische Costüm, das etwas an diese Abstammung erinnerte, vor Allen hervor.

In der Ecke war ein Flügel bereit gestellt, auf welchem die Gesangsvorträge des Abends begleitet werden sollten; an der Tafel eilten noch einige Diener in blauen, reich mit Silber bordirten Livreen geschäftig hin und her, noch etwaigen Mängeln abzuhelfen, sowie Schenktisch und Flaschenkeller vollends zu ordnen.

Der österreichische Polizeimann stand noch immer am geöffneten Zelte und sah bedenklich auf den dunklen See und auf die Volksmenge hinaus, welche sich unweit davon am Seegestade lachend und plaudernd durcheinander drängte. Mit zufriedenem Kopfnicken lauschte er den beredten Worten des Franzosen, welcher von den neuen Königsthaten seines achtzehnten Ludwig’s erzählte, wie er unerbittlich gewesen, den General Berton, der in eine bonapartistische Verschwörung verwickelt gewesen, den verdienstvollen grauen Kopf auf das Schaffot tragen zu lassen, um zu zeigen, daß es endlich darauf ankomme, den Schwätzern, welche immer von Freiheit und von Rechten des Volkes declamirten, ernstlich den Mund zu stopfen und der Revolution für immer das Schlangenhaupt zu zertreten. Er setzte mit Genugthuung auseinander, wie auch in Spanien bald die alte Monarchie von Gottes Gnaden aufgerichtet sein werde, und wie es dann nur noch Sache der deutschen Fürsten sei, das Wiederaufleben des Ungeheuers zu verhüten, das von jeher aus deutschem Boden die meiste Kraft und Nahrung gesogen.

Mit verklärtem Lächeln hörte der Polizeichef zu, als sähe er das gelobte Land dieser Verheißungen bereits vor sich; dennoch mischte sich ein Zug der Trauer in seine Freude. Er vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken und deutete auf das Volk vor dem Zelte.

„Dazu hat es noch so lange keine Aussicht,“ sagte er bekümmert, „so lange es Regenten giebt, die ein Gefallen daran finden, sich das Volk so nahe auf den Leib kommen zu lassen. König Max geht in seiner Herzensgüte viel zu weit. Hören [656] Sie nur!“ fügte er entsetzt hinzu, während draußen wieder Gesang laut wurde. „Sie fangen schon wieder zu johlen an, dreißig Schritte von den Majestäten, und Niemand weiß obendrein, was sie singen. Ich glaube, es ist noch Niemand eingefallen, auf diese Art von Volksgesang, der mir sehr verdächtig scheint, ein wachsames Auge zu richten …“

Die geängstigte Seele des Beamten hätte sich wohl noch weiter Luft gemacht, wäre nicht der König von Baiern mit seinen Gästen eingetreten, vor denen er mit ungesuchter Freundlichkeit, wie ein einfacher Privatmann, den Zelthang zurückschlug. Czar Alexander führte die junge Kaiserin von Oesterreich; Kaiser Franz hatte seinen Arm der Königin Caroline geboten. Der Czar war eine hohe, gebietende Erscheinung in voller Manneskraft, doch schon etwas gebrochen und überflort von der frömmelnden Gemüthsstimmung und Rebellionsfurcht, welche seine letzten Jahre umdüsterte; – neben dem Herrscher aller Reussen erschien Kaiser Franz etwas unbedeutend; aber es war eine ungesuchte, leutselige Würde an ihm, die bei längerem Beschauen für den Mangel der äußeren Erscheinung entschädigte. Die gewinnendste Gestalt war unstreitig der greise König Max, mit dem vollen, freundlichen Angesichte und den gütigen Augen, in denen beim ersten Blicke zu lesen war, wie mit vollem Rechte ihm das Volk das Prädicat des „besten Herzens“ gegeben.

Während Alle an der Tafel Platz nahmen, fand er Zeit, an den Schenktisch zu treten und einem Lakaien auf die Schulter zu klopfen, dem der Augenblick unbeachtet und günstig genug geschienen hatte, eine Weinflasche im Rockschoße verschwinden zu lassen. „Gieb Acht, guter Freund,“ sagte er, „daß Dich der Hofmarschall nicht sieht, sonst jagt er Dich davon!“ Unbekümmert um das Zittern und Stottern des Erschrockenen, wendete er sich dann der Gesellschaft zu und beauftragte einen andern Diener, dem Dümler, seinem ersten Bereiter, zu sagen, daß ja für den andern Morgen Alles in früher Stunde zur Fahrt in das Bad Kreuth bereit sein solle. Der Czar, der den Befehl gehört, nahm davon Veranlassung, hervorzuheben, wie viel er schon von dem neuen Bade und von Allem vernommen, was daselbst in kurzer Zeit Rühmliches geschaffen worden, und wie er sich darauf freue, die königliche Schöpfung zu bewundern. Max sah ihn mit herzlichem Lächeln an und schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so weit her, wie Sie ’s machen,“ sagte er mit jenem leisen Pfälzer Anklange, den er nie ganz abzulegen vermochte. „Aber es ist ein schönes Waldthal, das Kreuth. Ich thu’ ja so viel für mein eigenes Vergnügen; da ist’s wohl nicht mehr als billig, daß ich auch etwas für die Armen und Kranken thue.“

Nach der vorgeschriebenen Festordnung des Abends war es bald Zeit, mit dem Concerte zu beginnen. Auf einen Wink des Königs erschienen mehrere Künstler von der italienischen Oper zu München, die zur Verherrlichung des Festes eigens aus der Hauptstadt berufen waren. Der Tenorist Brizzi, des Königs Liebling, sang eine Cavatine, dann mit dem berühmten Buffo Santini ein scherzhaftes Duett aus Danzi’s Oper „Il baccio“, und nach kurzer Pause erschien die italienische Primadonna, deren Leistungen die Hauptblume in dem musikalischen Kranze des Abends bilden sollten. Der Gesang der Dame entsprach auch vollkommen dem Ruhme, der ihr vorangegangen. Sie vereinigte mit einer vollen, umfang- und klangreichen Stimme eine so seltene Kunst des Gesanges, daß sie bald die allgemeinste Aufmerksamkeit fesselte. Der Beifall stieg, als sie zum Schlusse eine Art scherzhafter Canzone vortrug in welcher alle Schwierigkeiten und Gesangskünste absichtlich gehäuft waren, um durch deren Besiegung die volle Meisterschaft der Sängerin bewähren zu können. Läufe wechselten mit Läufen; Fermaten, Cadenzen, Vorschläge und Verzierungen aller Art rankten sich um die Melodie, und als das beifällige Staunen ob solcher Kunstfertigkeit schon den höchsten Grad erreicht zu haben schien, reihte sich noch eine Trillerkette an, welche aus keiner andern Kehle zu quellen schien, als aus der einer Nachtigall. Die ganze erlesene Gesellschaft bezeigte der Sängerin ihren unbegrenzten Beifall und bewog die Geschmeichelte zur Wiederholung des letzten Satzes. Ebenso glücklich ward derselbe vollendet; nicht minder laut wollte sich der Beifall abermals Luft machen, als mit einem Male eine eben so ungeahnte wie unerwartete Erscheinung Alles verstummen ließ.

Draußen vor dem Zelte erscholl eine andere singende Stimme, nicht so mächtig wie die der Signora, aber ebenso zierlich und fein; offenbar kunstlos, aber nur um so überraschender, weil sie genau und sicher die eben verklungene Trillerkette und den langgezogenen Halt des Schlusses nachsang wie ein liebliches, schwächer nachtönendes Echo.

Die ganze Gesellschaft gerieth in Bewegung und die Sängerin, welche vor Aerger in allen Farben spielte, für einen Augenblick in völlige Vergessenheit. Die Fürsten alle wollten wissen, wer die unbekannte Sängerin sei; die Lakaien rannten um die Wette, um bald mit der Nachricht zurückzukehren, die Sängerin sei niemand Anderes als ein einfaches Bauernmädchen, eine Sennerin, welche diese große natürliche Gabe der Nachahmung besitze und dafür vom Volke den Spitznamen „das Spötterl“ erhalten habe.

Alles war begierig, das Wunderkind zu sehen, und es währte nicht lange, so stand die Sennerin in Mitte der lachenden und fragenden Herren und Frauen, unter welchen der Pianist, der die Gesänge begleitet hatte, und der junge Russe als die meist Erregten erschienen. Das Mädchen hatte nichts Auffallendes an sich. Sie hatte die schmucke Bergtracht angelegt, welche damals noch eine auszeichnende Eigenthümlichkeit jener Thäler war: der grüne Hut mit den reichen, breiten Zöpfen darunter ließ ihr recht gut; aber das Gesicht war bleich und kaum hübsch zu nennen – nur der Mund war von seltener Wohlgestalt und Färbung; die Augen waren brunnenklar und von so lieblichem Aufschlage, als wäre es wirklich das Auge eines Vogels, das scheu und doch zutraulich dem Beschauer aus dem Busche entgegenblickt. Sie war nicht schüchtern, aber auch nicht keck; die allgemeine Theilnahme, die sie erweckte, war ihr offenbar nicht gleichgültig, aber es lag etwas in ihrem Lächeln, als sei sie sich wohl bewußt, daß diese Huldigung ihr gebühre. Sie war ohne Zögern bereit, ein Lied zu singen und einen Vogelgesang nachzuahmen; aber sie ließ doch den Arm einer ältern Bäuerin nicht los, die sie mitgebracht hatte, als ob sie es gerathen fände, doch für alle Falle weiblichen Schutz in der Nähe zu haben.

„Du hast ja eine Kehle, wie ein Vogel,“ sagte Maximilian freundlich. „Wenn solche Talente in meinen Bergen wachsen, da kann ich künftig meine italienische Oper wohlfeiler haben. Wo hast Du das gelernt, Mädel?“

„Wie Du daher red’st, Herr König,“ entgegnete sie lachend. „Wo werden ich und das Lernen zusammengekommen sein? Das hab’ ich gekonnt, so lang ich’ denk’ – ich werd’s wohl mit auf die Welt gebracht haben, wie die Enten das Schwimmen.“

„Dann bist Du ein glückliches Geschöpf,“ sagte der König gütig,<!-Interpunktion berichtigt--> „und hast eine schöne Gabe mitbekommen in die Welt. Bewahre sie Dir! Und wenn ich wieder komme im nächsten Sommer, mußt Du mir wieder was vorsingen. Damit Du mich aber indessen im Andenken behältst, nimm Das!“

Er zog aus der Brusttasche, die er zu ähnlichen Zwecken immer wohlgefüllt trug, einige blanke Kronenthaler hervor; sie aber streckte die Hand nicht zum Empfange aus, sondern blickte zu Boden, während eine dunkle Röthe ihr Gesicht und Nacken überflog. Ihre gewohnte Begleiterin wußte das gut zu machen und wies die blinkende Münze nicht zurück.

„Das braucht’s nit, Herr König,“ sagte das Mädchen befangen. „Einen Thaler will ich schon nehmen; den will ich anöhrln lassen und an’s Mieder hängen zum Andenken – aber das Andere –“.

„Nimm nur!“ sagte Max freundlich. „Von Deinem König darfst Du schon ein Geschenk annehmen, ohne roth zu werden … Oder hast Du sonst etwas auf dem Herzen, wo ich Dir helfen kann, dann ist mir’s auch recht. Bitte Dir eine Gnade aus!“

Sie erröthete noch tiefer. „Du wirst mich für recht dumm halten, Herr König,“ sagte sie, „aber das geht nicht so g’schwind. – Auf so was muß man sich doch besinnen.“

„Nun, so besinne Dich! Mir eilt es nicht,“ lachte her König. „Sage mir’s den nächsten Sommer! Und wenn etwa in der Zwischenzeit etwas auskommen sollte, dann schreibe mir halt, Spötterl, oder suche mich heim in meiner Residenz in München! Ich bin leicht zu erfragen.“

Die beiden Kaiser nahmen den Gastfreund in Anspruch, so daß die Stelle um Corona frei wurde und auch die Hofherren Gelegenheit fanden, sich ihr zu nähern. Der Pianist wendete noch immer kein Auge von ihr; aber vor den vornehmen Herren war es ihm nicht möglich, zu ihr durchzudringen; der junge Russe aber trat frei zu ihr, machte der ihn verwundert [657] Betrachtenden einige nicht vollkommen deutsch klingende Lobeserhebungen und versuchte, was denselben vielleicht an Verständlichkeit abging, dadurch zu ersetzen, daß er ihr an das Kinn greifen und sie in die Wange kneifen wollte. Er kam aber nicht dazu, sein Vorhaben auszuführen; die bloße entschiedene Annäherung wurde ebenso entschieden durch einen so derben Schlag auf die Hand abgewiesen, daß ihm der Handschuh platzte.

„Das kannst unterwegs lassen, Du spaßiger Ding!“ rief Corona. „Du glaubst wohl, Du hast eine Krawatin vor Dir?“

Das Klatschen war laut genug gewesen, um im ganzen Zelte vernommen zu werden. Alles wendete sich fragend der Gruppe zu, und im Nu säuselte ein leises Lachen ob des Vorgefallenen durch die Versammlung. Das Benehmen des entschlossenen Mädchens schien ein heiteres Nachspiel zu den gehabten Genüssen zu versprechen. – Da gab ein dröhnender Böllerschuß den Gedanken eine andere Wendung; es war das Zeichen, daß die Bergbeleuchtung begonnen habe, und die Schiffe bereit seien, die Gesellschaft zur nächtlichen Seefahrt abzuholen, weil die Beleuchtung immer von der Mitte des Sees aus am schönsten und vollständigsten zu beschauen war.

Der fürstliche Zug brach auf. Bald war er in den hübschen zehnrudrigen Fregatten und einigen anderen Fahrzeugen untergebracht, und die kleine Flotille, mit nur wenigen Lichtern versehen, um den Eindruck der Beleuchtung nicht zu stören, ruderte in den See hinaus, über dessen Fluthen jetzt die Nacht vollständig herniedergesunken war. Schwarz standen die Bergriesen umher; in der Mitte aber, auf dem Wall- und dem Setzberge, brannten auf dem dunklen Grunde die Anfangsbuchstaben der drei fürstlichen Gäste in riesenhaften, hoch auflodernden Flammenzügen. Von drüben, vom anderen Ufer, klangen die Hornfanfaren der Jäger, die dahin geschickt worden waren – wie Grüße aus einer überirdischen Welt des Friedens schwebten die weichen Düfte über den leise wallenden See und mischten sich mit dem kaum hörbaren Geplätscher der Ruder.

Auch das Landvolk war zu seinen Kähnen geeilt, um die Heimfahrt anzutreten und dabei ebenfalls die Bergbeleuchtung zu bewundern. Corona hatte sich bald von den neugierig Fragenden befreit, die sie umringten und wissen wollten, wie es ihr im Zelte ergangen, ob sie wirklich alle die fremden Potentaten in der Nähe gesehen, und wie jedes einzelne Wort gelautet, das König Max mit ihr geredet. Mit ihrer Begleiterin hatte sie ebenfalls ihren Kahn schon vom Gestade in das Wasser geschoben; es schien, als ob irgend ein besonderer Grund sie zur Eile triebe. Mindestens ließ sie einige Male ihr lichtes Auge scharf über die Menge weg in das Dunkel gleiten, wie um sich von etwas Gewißheit zu verschaffen, das sie befürchte.

Schon setzte sie das Ruder an, um den Kahn abzustoßen, als ihr ein Mann in den Arm fiel und sie anhielt: eine lange, hagere Gestalt in städtischer Kleidung, aber von etwas fremdartigem Aussehen. Lange Beinkleider steckten in Schnürschuhen, welche zur halben Wade hinanreichend, an ungarische Zischmen erinnerten; das schwarze, glänzende Haar, mit ausnehmender Sorgfalt gepflegt, hing an jeder Schläfe in einer langen Locke auf die Schulter herunter. Es war Jessik, der Dorfschneider von Enterrottach, ein aus Illyrien eingewanderter Geselle, der sich dort seßhaft gemacht und es unternommen hatte, die Einförmigkeit seiner Schneiderei dadurch zu unterbrechen, daß er den Stadel seines Häuschens zum Tempel der dramatischen Kunst umgestaltete und mit unsäglicher Mühe und Selbstaufopferung sowie zur größten Verwunderung der Bauern allerlei schnurriges Zeug zur Aufführung brachte.

„O halt’ noch ein Bissel, Madel!“ rief er. „Du weißt, bin ich Jessik, der Schneider. Hab’ ich auch ein Komedihaus; da fehlt mir ein Madel so prächtiges, was kann singen so gut. Will ich aufführen den Tanzmeister Pauxel und will fragen, ob das Spötterl nit will spielen. Zahl’ ich jedes Mal zwei Zwanziger und spiel’ den Pauxel selbst.“

Trotz des Dunkels hätte der Schneider bemerken können, welche Gluth der Entrüstung und Beschämung Corona’s Antlitz überflog; in seinem Eifer ward er es nicht gewahr und sollte dafür den Unwillen des Mädchens noch kräftiger spüren, als der Russe ihn bereits erfahren. Mit einem starken Zuge hatte sie ihr Ruder freigemacht, daß er, seines Haltes beraubt, zu taumeln anfing und sich auf den Kies des Ufers ziemlich gewaltsam niedersetzte.

„Da hast meine Antwort, verruckter Schneider!“ rief sie. „Schamst Dich nit, einem ordentlichen Madel einen solchen Antrag zu machen? Eher wollt’ ich das ganze Jahr um eine rupfene Pfoad (Hemd aus Werg) arbeiten oder betteln geh’n, ehe ich Dir und den Leuten einen Narren mach’.“

Damit schwamm der Nachen schon im See und war nur noch schwach zu unterscheiden: der beleidigte Schneider und Theaterdirector aber, der sich wieder aufgerichtet hatte, kreischte vor Grimm und rief ihr unverständliche Flüche und Schimpfworte nach. „Ich will Dir’s merken, hochmüthige Bauerndirn’,“ rief er im Davoneilen. „Sollst mir an den Jessik denken.“

„Nimm das andere Ruder, Clarl, und zieh’ an!“ flüsterte draußen auf dem nächtlichen Wasser Corona ihrer Begleiterin zu. „Mir ist, als ob uns da Einer im Schiff nachfahren wollt’. Es ist schon so,“ fuhr sie, schärfer hinblickend, fort; „es ist der Bursch’, der wüste, der mich heut’ ang’sungen hat. Ich hab’s wohl g’merkt, er ist mir den ganzen Abend nach’gangen und hat gethan, als wenn er mich anreden wollt’ … Was er nur von mir will?“

„Er wird halt wissen wollen, wo das Spötterl sein Nest hat,“ sagte die Begleiterin lachend.

„Dann fahren wir in der Irr’,“ entgegnete Corona gedämpft, denn die Rede schallt Nachts weithin über das Wasser. „Wir fahren gegen den Ringsee und Abwinkl zu und nachher im Bergschatten wieder zurück – das wird ihm wohl zu weit sein …“

Sie thaten, wie gesagt, und ruderten rasch dahin. Der Nachen des Gefürchteten blieb weit zurück und war ihnen bald ganz aus dem Gesichte.

Es war schon völlig dunkel. Die Flotille der Fürsten hatte längst wieder das Ufer gesucht; die Hörner waren verstummt und die Flammenbuchstaben im Waldesdunkel dem Erlöschen nahe. Da landeten Beide an der Straße bei der Capelle, wo gegenüber das Bergöl des heiligen Quirinus aus der Erde quillt, und eilten flüchtigen Fußes die Anhöhe hinan. Dennoch hatte ihre Vorsicht sie getäuscht. Sie waren noch nicht lange ausgestiegen, als ein zweiter Nachen, lautlos herangleitend, anlegte: der Wachtelschläger huschte wie ein Schatten heraus und folgte, hinter den Büschen sich duckend und von ihnen gedeckt, den Voraneilenden, bis über die Richtung, die sie einschlugen, kein Zweifel war. Dann schwang er mit einem unterdrückten Juchzer den Hut und sang:

„Du Spötterl, Du schneidig’s,
Flieg’ nur lüftig voran!
Hab’ Dein Nest schon g’funden;
Jetzt klopf’ i’ gen (halt) an.“




2. Fahr’ ab!


Noch lagen die Sennhütten der Gindelalm im Schatten der nächsten Bergrücken, hinter denen die Sonne herauskam, aber hinter den Tannenwipfeln, welche über den Absturz der Hochebene emporragten, lag schon klare Helle. Sie verkündete, daß unten und draußen im weiten Flachlande, in den bebauten Fluren, zwischen lebenden Flüssen, in den Dörfern und Städten, wo der Menschen Schaaren verbreitet hausen, der geschäftige Tag sein brausendes Werk schon begonnen hatte. Auf den Berghöhen aber, wo der Mensch nur vereinzelt seine Hütten angesiedelt, zwischen Haidegrund und Felstrümmern, neben Geiernestern, Gemsklüften, Fuchsbauten und Ameisenhaufen, war es noch ruhig und einsam. Nur auf der Grasmatte, in der ein paar Almhütten zerstreut lagen, fing es an, laut zu werden; die einzelnen Stimmen des Morgens übten den Chor, mit dem sie die Sonne begrüßen wollten, wenn sie über die Bergschneide herübergekommen sein würde. Die Tannenwipfel am Absturz ließen an ihren obersten Zweigen bereits die Thauperlen wie Feuerzeichen blitzen, welche verkündeten, daß das Erscheinen des gewaltigen Gastes jeden Augenblick zu erwarten sei. Das kleine Bergwasser, das durch das Gras rannte, brauste voller und rascher; über den würzigen Halmen der Bergkräuter und den nickenden Blumenhäuptern surrten Käfer, summten glänzende Hummeln, schwebten lautlose Libellen, oder schnellten zirpende Heuschrecken empor. Wohl war der Sommer und mit ihm die Zeit vorüber, in welcher um die Nester und Brutstätten die Lieder der Singvögel schallen, aber noch immer waren einige Spätlinge übrig geblieben, [658] die ihre hellen Noten auf das Rauschen des Wassers und die noch dunkleren Töne des sausenden Waldes setzten. Wie verirrt klang hier und da eine der Glocken am Halse der weidenden Rinder darein, welche die Nacht über unter dem Sternenhimmel gelagert waren, und jetzt in immer engeren Kreisen der Hütte nahten, in der sie bald Aufnahme finden sollten. Langsam, mit ausgebreiteten Schwingen und lautlos wie ein königlicher Bote, dessen bloßes Erscheinen seine Botschaft verkündet, schwebte ein Adler über den Berg herein, und hinter ihm schlug die Lohe des Sonnenfunkens empor.

Beinahe gleichzeitig öffnete sich die Thür der Almhütte zunächst des Abhangs, von deren Schwelle sich durch eine Lücke in den Tannenwipfeln eine weite Aussicht öffnete auf das weit tagende Flachland und die darin aufblitzenden Wasserbänder. Die Sennerin trat unter die Thür. Sie athmete hoch auf und sog die frische, von Wald und Wiese durchwürzte Morgenluft in tiefen Zügen ein, dann blickte sie auf der Almweide umher und schaute in’s Land hinaus; aber kein frischer Juhschrei, wie sie sonst gepflegt, grüßte die erwachende. Welt, um den Gegengruß der Berge und Nachbarhütten zu wecken. Wie mit einem Ausdrucke der Besorgniß ließ sie ihr Auge wiederholt in der Umgebung herumgleiten, und erst als sie in derselben nichts als die gewohnten Gegenstände gewahr geworden, zeigte ein zweiter tiefer Athemzug die erleichterte Brust; jetzt erst, als gleichzeitig die benachbarte Sennerin ihr hutschwenkend zujauchzte, blieb sie die Antwort nicht schuldig. „Es ist nichts da,“ sagte sie vor sich hin. „Er wird’s eben doch einmal genug kriegen, wenn er sieht, daß ich mich nicht drum kümmere.“ Dabei streifte ihr Blick ein Felsstück, das, in nur geringer Entfernung von der Hütte liegend, aus dem Graswuchse mächtig emporragte und auf seiner Platte zwei große halb vertrocknete Sträuße von Almenblumen trug, hoch genug, daß die weidenden Thiere die Blumen nicht erreichen konnten, entfernt genug, um zu zeigen, daß die Bewohnerin der Sennhütte von denselben nichts wissen wollte.

Eben wollte sie in ihre Hütte zurücktreten, als ihre Genossin auf der Schwelle erschien. Die Sennerei war zu groß, die Heerde zu zahlreich, als daß Corona allein vermocht hätte, Wirthschaft und Käserei zu bewältigen; die Alte war ihr daher als Gehülfin beigegeben und hatte dagegen das Geschäft über sich, von Zeit zu Zeit die entstandenen Vorräthe abzutragen und, was etwa an Lebensmitteln oder anderen Bedürfnissen mangelte, zu ergänzen. Eben hatte sie einen stattlichen Weitling mit Milch auf den Herdrand der Hütte gesetzt und stand nun, beide Arme in die Hüften gestemmt, mit lautem Lachen unter der Thür, daß Corona sich verwundert nach ihr umwendete, alsbald aber die gleiche Stellung einnahm und ihr mit gleichem lautem Lachen gegenüberstand.

„Was ist’s nachher?“ rief sie. „Hast schon ist aller Früh’ zu tief in’s Enzianflaschl hineing’schaut, daß Du so kuderst (lachst)? Oder ist Dir das Radl noch laufend ’worden in Deinen alten Tagen?“

„Wär’ kein Wunder,“ sagte Clarl, indem sie sich die thränenden Augen wischte. „Was kann man denn thun, als lachen, wenn man solche Narretheien sieht? Ja, hab’ ich in dem Stübl den Fensterladen anmachen wollen und hätt’ bei einem Haar das Vogelhäusl ’nunterg’worfen.“

„Vogelhäusl?“ sagte Corona stutzig. „Jetzt glaub’ ich bald, daß Du im Ernst überg’schnappt bist. – Wo soll denn ein Vogelhäusl herkommen?“

„Ja, das weiß ich nit,“ erwiderte Clarl, noch immer lachend. „Es wird’s wohl derselbige wüste Ding gebracht haben, von dem die Buschen dort sind. So viel ist einmal g’wiß, daß an dem Fensterladen ein kleines Schlaghäusl mit einem Vogel hängt. Schau’ nur selber! Ich hab’ gemeint, Du müßtest es schon geseh’n haben, wie Du aufgestanden bist.“

Corona war um die Hütte herumgeeilt und stand vor dem kleinen Käfige, in welchem ein Spötter, munter und scheinbar mit seiner Haft ganz ausgesöhnt, hin und wieder hüpfte. Sie sprach nicht; aber mit rascher Bewegung hatte sie den Käfig herabgehoben und schritt der Hüttenthür zu, während eine starke Röthe ihr über Nacken und Angesicht flog.

Verwundert folgte die Alte. „Was thust denn?“ fragte sie. „Wirst den Vogel doch nicht auch auf den Felsen hinausstellen? Da müßt’ er ja verhungern und verkommen. – Mach’ lieber das Thürl auf und laß ihn fliegen!“

„Ich weiß selber nit, was ich thun soll,“ erwiderte Corona, indem sie den Käfig in die Hütte trug und bei Seite stellte, sich selbst aber eilig an den Tisch setzte, als wäre es ihr sehr darum zu thun, das Frühstück zu beginnen.

Die Alte brachte den Brodlaib, legte die Blechlöffel daneben und fing an, Schnitten in die Milch zu schneiden. „Du gefallst mir schon,“ sagte sie; „wie Du den Vogel siehst, wirst roth über und über, und jetzt mußt Dich erst noch besinnen, was Du mit dem Vogel thun sollst – das heißt, wenn man’s recht auslegt: Du mußt Dich besinnen, bis Dir eine Ausred’ einfallt, daß Du ihn behalten kannst.“

„Was Dir nit Alles einfallt,“ entgegnete Corona, aus der Schüssel schöpfend. „Es ist wohl kein Wunder, wenn man roth wird – vor Zorn. Muß ich mich denn nit ärgern, wenn man mir meinen Spitznamen aufmutzt und mir ein Spötterl vor’s Fenster hängt? Wenn ich mir nur einbilden könnt’, was er will, der zuwid’re Mensch.“

„Thu’ mir den einzigen G’fallen,“ rief Clarl, „und stell’ Dich nit gar so an, als wenn Du nit Fünfe zählen könntest! Was wird er wollen? Mit Dir anbandeln will er, eine Bekanntschaft mit Dir anfangen! Schon neulich, wie er auf Dich so herübergeschaut hat, hab’ ich ihm das an der Nas’n angeseh’n. Seitdem sind noch nit acht Tag’ vergangen, und während der Zeit hat er Dir schon dreimal in der Nacht einen Buschel frische Almrosen ’bracht. …“

„Ich hab’ sie aber allemal wegg’legt,“ sagte Corona rasch. „Da wird er wohl wissen, wie viel’s geschlagen hat. …“

„Ja wohl, er wird aber auch wissen, daß kein Baum auf ’n ersten Hieb fallt; drum laßt er nit aus. Das Nest vom Spötterl hat er einmal ausgefunden, und es soll mich gar nit wundern, wenn er über kurz oder lang selber kommt und klopft an, wie er’s gesagt hat.“

„Soll nur kommen und soll’s probir’n; dann kann er erleben, daß es geht, wie ich gesagt hab’, und kann abfahren.“

Corona sagte dies so hastig und entschieden, als ob sie dadurch ihren eigenen Entschluß beschleunigen und befestigen wollte.“

Clarl nickte beistimmend, indem sie den Löffel zum Munde führte, „Das ist das Rechte, Corona!“ sagte sie dann. „Bei dem Vorhaben bleib’, und wenn er etwa wirklich kommt, und Du willst ihm’s nit selber sagen, laß nur mich reden für Dich! Ich will ihm den Weg zeigen, daß er ihn als Blinder finden soll.“

„Ich bin zwar selber nit versponnen, und könnt’ selber mit ihm fertig werden,“ rief Corona; „aber wenn’s Dir eine Freud’ macht, kannst schon meinen Procurator spielen. Ich glaub’ aber nit, daß er kommen wird. … Wenn wir aber so fortmachen miteinander, dann scheint mir, Clarl, es geht mir am End’ wie Dir: ich bleib’ über, und wir können einmal in der Ewigkeit als alte Jungfern miteinander Wolken schieben.“

[671] Clarl ließ den Löffel sinken und sah Corona mit einem Blicke an, in welchem so viel Ernst lag, daß man ihr denselben trotz der Falten ihres immer heiteren Gesichtes gar nicht zugetraut hätte. „Das hat keine G’fahr bei Dir,“ sagte sie dann. „Du bist so viel sauber, daß schon noch ein Anderer kommt, als ein solcher Steinklopfer, der nix ist und nix hat, und mit dem Du Dich nur in die Noth hinein setzen thät’st. Wenn’s aber so wär’ und wenn’s Dir bestimmt wär’, auch unter das alte Eisen zu kommen, dann wirst Dich halt auch d’reingeben müssen. Es ist nit so schwer, als Du meinst, und wenn man nur will, kann man Alles überwinden.“

Sie hielt inne und sah vor sich hin; ihren Gedanken drängten sich die Gestalten vergangener Zeiten in den Weg. Auch Corona verstummte und sann; sie mochte die Richtigkeit des Gesagten überlegen, als der Spötter im Käfig zu singen anhob, gleich einem Finken schmetternd, als wolle er nichts wissen von der trübseligen Lebensweisheit der Alten.

„Schrei’ nur, dummer Vogel!“ sagte diese. „Deswegen wird’s doch nit anders. Du kannst leicht lustig sein; Dir stellt man alle Tag’ das gefüllte Nürscherl in’s Haus. Aber so müssen’s die Leut’ auch machen. Zuerst muß man schauen, daß man zu leben hat, und lang’ darnach erst, wie und mit wem man leben will. Es haben sich schon gar Manche zusammengefunden, die im Anfange Hott und Wist gezogen haben; wenn sich aber Zwei miteinander in’s leere Nest setzen, kriecht gar oft aus dem ersten Ei die Noth mit aus; die zankt und streit’t, und was zuerst g’wesen ist, als wenn’s zusamm’g’schmied’t wär’, das bringt und frißt der Unfrieden aus einander, wie der Rost das Eisen.“

„Du bist ein trauriger Vogel,“ sagte Corona mit schwachem Lächeln. „Wenn’s Dir nachging’, dann müßt’ man beim Heirathen an Alles eher denken, als an die Lieb’. Ich hab’ aber g’hört, daß die das Erst’ und Nothwendigst’ ist. Ich hab’s an mir selber noch nit erfahren, wie’s damit ist, und Dir wird’s auch so ’gangen sein, und d’rum willst jetzt, weil Du alt bist, nix mehr wissen davon und red’st daher wie der Blinde von der Farb’.“

Das Gesicht der Alten war noch ernster geworden. „Es wird bald Zeit, daß wir zum Butterausrühren herrichten,“ sagte sie. „Aber wenn Du’s hören willst, will ich Dir erzählen, wie’s mir ’gangen ist, als ich in Deinen Schuhen g’standen bin – kannst nachher selber unterscheiden, ob ich die Blind’ bin oder Farben auseinanderkenn’! … Ich bin ein arm’s Dirndl g’wesen,“ begann sie nach einigem Besinnen, „wie Du, grad so lebfrisch und schneidig wie Du, und gar Mancher hätt’ vielleicht einen weiten Weg nit gescheut, wenn er gewußt hätt’, daß ich ihm Gehör geben thät; ich aber hab gemeint, die ganze Welt gehört ohnedem mein; was brauch’ ich mich um die Mannsleut’ zu kümmern! Hat aber nit lang’ angehalten, der Hochmuth, und wie ich meinen Balthes gesehen hab’, da ist’s mit ein’ Mal gewesen wie umgewend’t – ich hab’ keinen andern Gedanken mehr gehabt als den Buben, und wenn er zu mir g’sagt hätt’: ‚Geh’, Clarl, geh’n wir auf und davon und in die Welt!‘ ich hätt’ mich keinen Augenblick besonnen und wär’ mit’gangen. … Das hat’s aber bei ihm nit nothwendig gehabt; er ist ein reicher Bauernsohn gewesen über’m See und der Einzige noch dazu und hat gesagt, er hat schon genug, er braucht kein reiches, aber ein richtiges Weib, das ihm hausen und erhalten hilft. So haben wir gemeint, könnt es uns nit fehlen, und die ganze Welt ist grün gewesen und rosenroth, wie wenn im Lanks (Lenz) die Aepfelbäum’ blüh’n. Es hat aber doch g’fehlt – an seiner Mutter hat’s g’fehlt. Die hat ihm eine Andere vermeint und hat gesagt, sie thät’ niemals nit leiden, daß eine arme Dirn’ in ihren schönen Hof einheirath’t; das soll er sich nur aus’m Sinn schlagen, so lang sie ein offenes Aug’ hat, und auch nachher, weil sie dann im Grab’ keine Ruh’ hätt’ und nix mehr von ihm wissen wollt’ in der Ewigkeit. Da ist’s wohl ein Bissel grau ’worden um uns her, wie wenn sich der Himmel zum Regnen einricht’t auf ein paar Wochen. Es hat auch geregn’t genug, daß man’s gar nit glauben sollt’, daß aus ein paar Augen so viel Wasser kommen könnt’. Eine Weil’ haben wir’s probirt, ob wir’s nit doch durchsetzen. – Dann hat sich aber der Pfarrer dreingemischt und hat ihm vorgestellt, was er seiner Mutter schuldig wär’, und bei mir haben s’ gedacht, daß mir’s nur um die reiche Heirath zu thun wär’, und haben mich hart gered’t und heruntergesetzt, als wenn ich ihn nur desweg’n nit losließ. … Da haben wir uns zusammengered’t, daß es aus sein sollt’ mit uns Zwei auf der Welt und daß wir nix mehr von einander wissen und einander vergessen wollten – wenn’s möglich wär’.“

Die Erzählerin schwieg einen Augenblick, um aufzuathmen. Corona saß regungslos und mit gesenktem Blicke; der Vogel aber flötete in langgezogenen Tönen, wie das Amselmännchen sie hören läßt, wenn es Abends dem Weibchen vorsingt, das brütend im Neste sitzt.

[672] „Wir haben’s auch gehalten,“ begann Clarl wieder. „Er ist auf’m Hof bei seiner Mutter ’blieb’n; ich hab’ mich über’n See hinüber verdingt, und wir haben einander nimmer geseh’n. Ich hab’ meine Arbeit gethan als wie zertrellt, vom ersten Sonnenstrahl bis in die sinkende Nacht, und wenn’s so recht schwarz gewesen ist, das war mir’s Liebste, und hat mich g’wundert, wie’s nur wieder Tag werden kann. … Und wie der Auswärts wieder ’kommen ist, da hat’s geheißen, der Balthes hätt’ endlich seiner Mutter nach’geben und thät Hochzeit machen am nächsten Sonntag. Es ist aber anders ’kommen. … Am selbigen Sonntag bin ich im Grasgarten am See draußen gestanden und hab’ die Leinwand begossen, die zum Bleichen ausgespannt war. Die Bäum’ haben ’blüht über mir und die Blümeln unter mir. – Die Luft war weich und der Himmel so blau, als sollt’s gleich hinaufgeh’n in die ewige Glückseligkeit, in der Kirche aber haben’s g’läut’t, so feierlich, als wenn man schon von Weitem die Engel singen höret’. … Da ist von drüben ein Schiff ’rübergefahren; in dem ist eine Truhen gestanden, und in der ist der Balthes gelegen. … So gut er den Willen g’habt und sich vorg’nommen hat, er hat’s nit zwingen können. … Er ist auch ’rum’gangen, wie vor’n Kopf geschlagen, und am Abend vor der Hochzeit hat er sich hingelegt und ist nimmer aufgestanden – das Grämen hat ihm’s Herz ab’druckt. Jetzt haben s’ ihn, statt zu der Copulation, zu der Begräbniß ’rübergeführt über’n See, und ich hab’ das Schiff kommen seh’n und hab’ gewiß kein Wasser zu meiner Bleich’ ’braucht. Ich hab’ die Händ’ aufgehoben in die blühenden Bäum’ und den blauen Himmel hinein und hab’ hinaufgefragt, wie’s denn möglich ist, daß die Welt so schön und in der schönen Welt ein Mensch so unglücklich sein kann. …“

Wieder trat augenblickliche Stille ein. Corona reichte der Alten beide Hände, gleichsam als wolle sie widerrufen und ihr abbitten, was sie ihr durch ihre Scherzworte angethan. „Sei nit harb, Clarl,“ sagte sie. „Das hab’ ich nit wissen können, daß Du so was Traurig’s erlebt hast. Bist ja alleweil so vergnügt und lachst, als wenn Du Deiner Lebtag keinen betrübten Augenblick gehabt hätt’st.“

„Ja, Mein Herz ist härter g’wesen als dem guten Buben seins,“ antwortete Clarl. „Das hat’s ausg’halten und durchg’macht, und wie ich wieder Oberwasser gehabt hab’, da ist mir Alles in der Welt ganz klein vor’kommen. ‚Wie Du das überstanden hast,‘ hab’ ich zu mir selber g’sagt, ‚da ist nix der Müh’ werth, daß Du drum eine Zähre vergieß’st. … Es ist gescheidter, Du nimmst Alles auf die leicht’ Achsel und lachst drüber.‘ So hab’ ich’s gemacht bis heut’, und so will ich’s machen, bis sie mir die Hobelspähn’ unter’n Kopf legen.“

„Und ist Dir nie in den Sinn ’kommen, einen Andern z’ nehmen?“ fragte Corona nach einer Pause des Nachdenkens.

„Nie,“ sagte Clarl fest. „Ich hätt’s meinem Bub’n nit anthun mögen in der Ewigkeit. Es sind wohl noch ein Paar ’kommen, die nit ’glaubt haben, daß mir’s Ernst sei mit ’m Ledigbleiben; aber es waren lauter kleine Leut’: Tagwerker und Wegmacher, wo man mit ’m Mann auch die Noth g’heirath’t hätt’. Da hätt’ ich, wenn mir auch anders um’s Herz g’wesen wär’, den Leuten die Freud’ nit vergonnt, daß sie hätten sagen können: ‚Da schaut’s her – erst hat sie so hoch ’nausg’wollt, hat eine reiche Bäurin werden wollen, und jetzt ist sie doch zufrieden, weil sie nur wo unterkriechen kann.‘“

Sie stand auf, wendete sich kurz ab und ging hinweg, damit Corona nicht sehen sollte, wie die Augen naß geworden, in denen sonst nur die Funken der Freude geglitzert.

Die Sennerin versuchte nicht, sie zu halten; nachdenklich sah sie vor sich zu Boden, wie Jemand, der in dem Rücklasse eines theuren Todten ein demselben werth gewesenes Buch gefunden, der darin geblättert und nun zwischen den Seiten eine vertrocknete Blume ober ein welkes Kleeblatt entdeckt. Von der vergilbten Blume weht ein kaum spürbarer Athem wie ein Echo des Duftes, den sie zur Zeit ihrer Blüthe verhauchte, und durch die Seele des Beschauers geht die Ahnung dessen, was in dem Herzen gepulst, als die Hand die noch frische Pflanze gebrochen und vielleicht mit Zuversicht das Glück erwartete, das ihre fünf Blätter bedeuten sollen.

Geraume Zeit war es still in der Sennhütte und um diese herum. Die Sonne, schon höher heraufgekommen, legte sich warm auf die Matte, als wenn auch ihr das grüne Plätzchen zwischen Felsen und Wald gefiele, und sie gern da verweilen möchte. Die weidenden Thiere suchten gesättigt die kühleren Stellen am Waldesrande und streckten sich in das Gras nieder, so daß auch ihre Glöcklein wie einschlafend verstummten. Plötzlich fuhr die Sennerin aus ihrem Brüten empor. Es war nicht der Gedanke an die ihrer wartende Arbeit, was sie aufsuchte; denn sie eilte nicht zu der Hütte, sondern stand wie unwillkürlich fest auf der Stelle; draußen vom Freien aber, vom Waldwege her, schallte deutlich mehrmals wiederholter lauter, gellender Wachtelschlag. Was sollte das bedeuten? Um diese Zeit sind die Saaten längst gefallen und mit ihnen die Wachteln verstummt, die darin gehaust. … Ueberdies ist die Wachtel ein Vogel, der die Ebene liebt und nur selten, wie verloren und verscheucht, die Berghöhen aufsucht. … Sollte das nicht natürlicher Gesang, sondern die nachgeahmte Lockung eines Vogelstellers sein, der sein Garn aufgestellt, um streichende Schnepfen zu fangen, oder sollte gar – – Das Mädchen dachte die ganze Gedankenreihe nicht aus; denn die Lösung aller Vermuthungen und Zweifel stand bereits fest und deutlich unter den Tannen, aus denen der Waldweg heraufführte.

Es war der Wachtelschläger vom jüngsten Tegernseer Festabend.

Der Bursche sah einen Augenblick mit dem gewohnten und geübten Auge des Jägers über die ganze Alm; eine Secunde lang ruhte sein Blick besonders auf dem Steine mit den Blumenbüscheln; dann eilte er schnurgerade und raschen Schrittes der Sennhütte zu.

Corona stand noch immer auf der Schwelle, unentschlossen, ob sie entfliehen oder die Annäherung des kecken Burschen abwarten sollte. Für das Erste sprachen die Gefühle der Abneigung und einer gewissen unbestimmten Scheu, die sich in ihr gleich beim ersten Begegnen geregt, ohne daß sie vermocht hätte, sich über deren Grund Rechenschaft zu geben. Geschieht es doch öfter im Leben, daß beim ersten Begegnen einer fremden Person die Seele in uns zusammenschauert wie von einer Ahnung, daß dieses Wesen bestimmt sei, auf unser Leben Einfluß und Macht über uns zu gewinnen – ist es doch keine seltene Erscheinung, daß die Liebe, welche ein Paar beim ersten Anblicke, ihm selbst unbekannt, ergriff, die Gestalt der Abneigung, ja selbst des Hasses erwählt. Es ist der Widerstand der freien Seele, die sich unwissentlich aufbäumt gegen die von außen kommende Gewalt, die ihren mahnenden Schatten vor sich her wirft. Für das Bleiben dagegen sprach der Gedanke, daß das Entweichen leicht wie Feigheit aussehen und den Nahenden zu Voraussetzungen veranlassen könnte, deren keine auch nur im Entferntesten begründet war. Auch war es wohl jedenfalls das Beste, der ungesuchten Annäherung des Burschen ein für alle Mal dadurch ein Ende zu machen, daß man ihm Rede stand und in Wort und Benehmen keinen Zweifel darüber ließ, daß man nichts von ihm zu wissen begehre.

Schließlich mochte für das Bleiben auch der Anblick des Kommenden entscheiden, der gar nicht so aussah, als habe er Uebles im Sinne, und der offenbar darauf ausging, sich in so günstiger Erscheinung wie möglich zu zeigen. Sein Anzug war allerdings nichts weniger als kostbar. Man sah es der grauen Joppe wie dem grünen Spitzhute an, daß sie ihrem Herrn schon lang treue Dienste geleistet hatten; aber sie waren rein und sogar von gewisser Zierlichkeit, und was ihnen an Neuheit abging, ersetzte das zwar grobe, aber schneeblanke Hemd, von welchem der rothe Wollgurt des Hosenträgers sich ebenso gefällig abhob wie die schwarze Florbinde, die unter dem schmalen Hemdkragen durch einen bleiernen Ring zusammengehalten war. Die gestrickten Beinlinge, den Fuß von der Wade bis zum Knöchel deckend, waren dafür unverkennbar von der Nadel her; auch die Schuhe mit ihren schweren, benagelten Sohlen und den Lederschnüren daran zeigten, daß sie geschont und nur an Festtagen getragen worden, und als entgegengesetztes, aber entsprechendes Ende prangte auf dem verschossenen Hütlein ein Spielhahnstoß mit Adlerflaum, wie wohl ein zweiter im ganzen Gebirge nicht mehr zu finden war.

„Grüß Gott, Spötterl!“ rief er, als er in die Nähe gekommen. „Ich hab’ Dein Nest ausgegangen, wie Du siehst; jetzt wär’ ich halt da und klopf’ an. Wie wird’s jetzt werden mit uns Zwei?“

[673] „Da brauchst nit lang’ fragen,“ erwiderte sie, halb abgewendet. „Ich hab’ Dir nit geschrieben; also hast Du halt den Hinweg für’n Herweg. Mußt Dir schon viel einbilden, weil Du glaubst, es braucht weiter nix, als kommen und anklopfen. Kannst alle Stund’ ’s Wachtelschlagen aufgeben und dafür dem Pfau seinen G’sang nachmachen.“

„No, da seh’ ich wohl, daß Du Dein’ Namen nit umsonst hast,“ sagte der Bursche, indem er beide Hände über den Bergstock legte und das Kinn darauf stützte. „Aber wenn Du noch so spotthaft thust, Du kannst doch nit leugnen, daß Du eingewilligt hast, daß ich zu Dir komm’.“

„Ich? Eingewilligt?“ rief Corona entrüstet. „Ist mir im Schlaf nit eingefall’n.“

„So? Warum hast dann meine Botschaft angenommen? Im Anfang hast Dich gespreizt; ich hab’s wohl geseh’n, daß Du die Almrosen weggelegt hast – aber heut’ Nacht das Spötterl, das ich Dir vor’s Fenster gehängt hab’, das hast nit weggestoßen, sondern behalten.“ …

„Du lebst stark in der Einbildung,“ rief Corona mit spöttischem Lachen. „Ich hab den Vogel nit behalten, sondern nur so steh’n lassen, weil ich nit gewußt hab’, was ich damit anfangen soll. Aber wenn’s auch so wär’,“ fuhr sie, einen Schritt näher tretend, fort, „so hätt’ ich Dich nur erwart’t, damit ich Dir sagen kann, daß Du mir aus ’m Weg geh’n sollst; ich will nix von Dir wissen.“

„Das kann schon sein,“ sagte der Bursche kaltblütig. „Aber ich möcht’ etwas wissen von Dir, Spötterl.“

„So heiß’ ich nit,“ rief sie erzürnt. „Wir sind nit so gut bekannt, daß ich mich von Dir bei meinem Spitznamen nennen lassen sollt’.“

„Sei nit harb deswegen!“ sagte er. „Aber der Name ist so übel nit. – Das Spötterl ist gar ein lieber Vogel, und wenn Du das Göschl so aufwirfst und so trutzig d’reinschaust, so siehst ihm völlig gleich mit Deinen Haselnußaugen. Aber wenn’s Dir nit recht ist und wenn Du’s erlaubst, nenn’ ich Dich bei Deinem rechten Namen und frag’ ob die Rohnberger Corona mir Red’ und Anwort geben will auf das, was ich gern wissen möcht’.“

Das Mädchen erröthete wie verwirrt; sie wußte nicht, wie sie dem gutmüthigen Tone ihres Widersachers gegenüber die frühere Schärfe des ihrigen aufrecht halten sollte. „Und was sollt’ denn das sein?“ fragte sie merklich milder und mit abgewandtem Blicke, während der Bursche ohne weitere Anfrage näher trat, Rucksack und Bergstock in das Gras warf und sich auf der Bank vor der Hütte niederließ.

„Das kannst gleich hören,“ sagte er. „Aber da gehört eine ganze G’schicht’ dazu, die ich Dir voraus erzählen muß. Wie wär’s, wenn Du mir vorher eine Schüssel Milch auftragen thät’st? Es ist sonst der Brauch so auf den Almen … wird doch auf der Gindelalm keine Ausnahm’ sein?“

Abermals betreten, eilte Corona der Milchkammer zu und erschien bald mit einer Schüssel, die sie neben den Burschen auf die Bank stellte. Wollte sie auch für die Zukunft jeden Verkehr mit ihm abbrechen – jetzt war er einmal durch eigenthümliche Verhältnisse ihr Gast geworden, und sie ärgerte sich über sich selber, wie sie vergessen konnte, ihm die Gastfreundschaft mindestens anzutragen. Halb unwillkürlich ließ sie sich ebenfalls auf die Bank nieder, so daß die Schüssel zwischen ihnen stand. Sie schaute vor sich nieder und vermochte nicht, ihre sonstige Schärfe wiederzufinden; die ungewohnte und unerwartete Weise, wie der Bursche sich benahm, verwirrte sie, und sie erwartete mit Neugier, was er ihr zu sagen vorhabe. Ihm aber schien es damit gar nicht zu eilen, wenn ihm auch mit dem Verlangen eines Frühstücks kein besonderer Ernst gewesen sein mochte, denn er genoß nur einige Löffel voll. Während dessen blickte er in das Innere der Hütte, stand dann auf und ging, als ob er da zu Hause wäre, hinein und kam mit der Cither zurück, die er auf dem Richtbrette über dem Herde liegen gesehen. Ohne die verwunderte Miene seiner Wirthin zu beachten, legte er sie auf das Knie und begann zu spielen, daß seine ungewohnte Fertigkeit bald ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

In den Seitenblicken, mit denen sie ihn betrachtete, lag nichts mehr von jener Feindseligkeit, mit der sie sein Kommen gesehen; aus denselben sprach eher Verwunderung, daß sie ihn beim ersten Begegnen so abschreckend gefunden. Sie hatte ihn damals für einen alten Taugenichts gehalten, aber daran mußte die Entfernung und die Abenddämmerung schuld gewesen sein; denn jetzt fand sie von dem Allen nichts mehr vor. Zu den jungen Burschen, die sich sonst um sie bemühten, war er allerdings nicht mehr zu zählen; aber er machte den Eindruck eines tüchtigen Mannes, der auch, was Wohlgestalt betraf, nicht zu den Letzten gehörte, die halb kahle Stirn, über die sie am Tegernseer Festabende sich so lustig gemacht, gab ihm sogar etwas Keckes und Trotziges, und die furchtbare Narbe, die wie ein rothes Band über dieselbe lief, war keineswegs geeignet, diesen Eindruck zu verringern.

Allmählich leitete der Citherspieler von den bäuerischen Tänzen, die er zuerst angeschlagen, zu Gesangsweisen über und begann nach jener von Tegernsee zu singen. Es war, als wollte er seine siegreiche Gegnerin zu einem neuen Wettkampfe herausfordern – sie fühlte das durch und war keinen Augenblick verlegen, in denselben einzutreten. Die launigen Vierzeilen flogen bald wie neckende Bienen hin und wieder, und in dem Jodler am Schlusse vereinten sich ihre Stimmen so sicher und wohltönend, als wären sie jahrelang zusammengewöhnt. Die Lust am Gesange hatte bei Corona allmählich die letzten Bedenklichkeiten überwunden, so daß sie ihrer Stimme und Laune vollen freien Lauf ließ.

„Sacra!“ sagte der Bursche nach einer Weile. „Wir singen ja zusamm’, als wenn wir zusamm’ gehöreten. Deine Stimm’ ist schon gerad’ wie ein Glöckerl – oder nein, wie ein ganzes Glockengespiel; das klingt durcheinander, daß man nit weiß, wo man Ohren genug hernehmen soll zum Zuhören. Darüber hätt’ ich bald ganz drauf vergessen, was ich von Dir wissen will.“

Corona erröthete; auch sie hatte es vergessen.

„Es ist nur eine Frag’,“ begann er wieder, „auf die Du mir Antwort geben sollst oder einen guten Rath. Du bist so ein gewitztes Leut, daß ich vor keine bessere Schmiede gehen kann. … Du mußt wissen, mein’ liebe Rohnbergerin,“ fuhr er ernsthaft fort, „daß ich ein armer Kerl bin, und wenn ich, wie ich jetzt dasitz’, auf einen Baum hinaufsteig’, so hätt’ ich unten auf der Erden nicht viel mehr zu suchen. Ich bin noch ärmer als gar viele andere arme Leut’; denn ich hab’ niemals keine Heimath gehabt, hab’ von Vater und Mutter nix gewußt. Wie ich auf die Welt ’kommen bin, da ist der große Krieg gewesen; die Franzosen haben ihren König geköpft gehabt und sind zu uns ’rüber ’kommen. Da ist’s arg im Land zu’gangen, daß Alles, was können hat, sich in die Wälder und in die Berg’ geflücht’t hat. Da muß ich von einem Wagen herunterg’fallen und verloren gegangen sein; denn ich bin im Straßengraben gefunden worden, und nach dem Tage, an dem sie mich g’funden, haben s’ mich Quirinus geheißen und nach dem Orte, an dem ich gelegen bin, Grabner. Es hat auch nie ein Mensch nach mir gefragt – so hat mich die Gemeind’, in der ich gelegen bin, aufnehmen müssen, und ich bin im Huthaus bei der alten Hutfrau aufgewachsen. Nachher bin ich in der Kost herum’gangen, alle Tag’ bei einem andern Bauern, die oft selber nit genug g’habt haben – aber mir hat das Alles nix g’macht; ich bin doch aufg’wachsen und g’sund und stark ’worden wie ein Waldbaum. Da war’s grad um dieselbige Zeit, wo der Bonapartl nach Rußland hinein ist; man hat nicht genug Soldaten auftreiben können und nit lang’ gefragt, ob Einer schon die Jahr’ hat – da haben s’ mich auch zum Soldaten g’nommen, und ich hab’ nichts dawider gehabt; hab’ ja sonst auch nix vor mir gesehen und gewußt …“

Corona hatte schon bei Beginn der Erzählung mit Theilnahme zugehört. Diese wuchs mit jedem Worte; sie sah den Sprechenden nicht mehr blos von der Seite an, sondern wandte ihm das ganze Antlitz zu.

„Wie’s uns in Rußland gegangen ist,“ begann der Bursche wieder, „brauch’ ich Dir nit zu erzählen; Du wirst schon davon gehört haben. Wir sind dem Winter entgegengegangen, und wenn wir auch gerauft und dreingeschlagen haben wie die Bären, gegen die Kälten haben wir doch nichts ausrichten können und gegen den Hunger. Bei Polozk, wo die Franzosen uns im Stich gelassen und uns die Brucken vor den Augen abgebrochen haben, da haben die Meisten müssen in’s Gras beißen – mich hat ein Kosak mit der Lanze niedergerennt, daß mir das Kasket vom [674] Kopf gefallen ist, und wie ich mich hab’ wieder aufrichten wollen, ist ein Kürassier vorbeigesprengt und hat mir mit dem Säbel Eine über den Kopf gegeben, daß mir Hören und Seh’n vergangen ist.“ Er schwieg; aber wie lebhaft die Erinnerung in ihm war, zeigte die Narbe, welche dunkelroth glühte. „Wie ich wieder zu mir ’kommen bin,“ fuhr er fort, „bin ich mit vielen anderen Verwundeten auf einem Wagen gelegen und schon weit weggeführt gewesen. Um uns her sind Kosaken geritten; die haben uns in’s Rußland hineintransportirt als Gefangene, und weit und breit, so weit man hat sehen können, ist nichts gewesen als Schnee, und nur manchmal hat das Dach einer Hütten d’runter mit dem Rauchfang herausg’schaut.

Manchmal, wenn’s Einer von uns ausgemacht hat, hat man ihn über den Wagen ’runtergeworfen und liegen lassen, und die Geier sind zehn Schritt hinter uns darauf ’runtergestoßen. Nachher hat man uns noch einen weiten Weg zu Fuß geh’n lassen und mit den Lanzen fortgetrieben, und wer zusammengefallen ist vor Müdigkeit und Hunger, der ist im Schnee gleich gestorben und auch begraben gewesen. Ich hab’s lang’ ausgehalten, daß ich’s heut’ noch nit begreif’ – für den Durst hab’ ich manchmal Schnee in den Mund genommen; das Schrecklichste aber ist der Hunger gewesen, wenn wir oft ein Paar Tage lang nichts Ander’s gekriegt haben als ein Stück hartes Brod. … So sind wir einmal in ein Dorf gekommen, wo ein großes Schloß gestanden ist. Wir sind in den Hof hineingetrieben worden, wie eine Heerde Vieh; nachher ist der Verwalter gekommen – ich seh’ ihn heut’ noch vor mir mit seinem großen schwarzen Bart. – Der hat Mitleid mit uns gehabt und hat Jedem ein Krügel voll warmer Milch geben lassen. …. Schon hab’ ich das Krügel an den Mund gehoben, da ist der Sohn vom Schloßherrn herausgekommen, ein junges Bürsch’l in einem prächtigen Rock, mit Pelz gefüttert und rundum besetzt mit Pelz, und die Reitpeitsche in der Hand, weil er eben hat ausreiten wollen. … Der hat mir lachend das Krügel vom Mund gerissen und hat verlangt, daß ich vor’m Trinken erst niederknieen und mit aufgehobenen Händen d’rum bitten sollt’. In meinem Elend hätt’ ich das vielleicht auch gern gethan; aber ich habe ihn nicht verstanden, weil er russisch gered’t hat. Darüber ist der junge Herr ganz wüthend geworden; ‚Chatshesh sluchat tui ssawaka?‘ – das heißt auf Deutsch: ‚Willst Du gehorchen, Hund?‘ – hat er geschri’en und mich mit der Reitgerte über die Hand gehaut; der Krug mit Milch ist auf den Boden gefallen und das gehoffte Labsal vergeblich im Schnee zerronnen. Da hab’ ich nimmer gewußt, was ich thu; trotz meiner Armseligkeit hab’ ich auf ihn losstürzen wollen – aber ich bin gleich zu Boden gerissen und mit der Knute geschlagen worden, bis ich für todt liegen geblieben bin.“

Corona schauderte.

„Ich hab’ auch das ausgestanden,“ begann Quirin wieder. „Wie ich wieder hab’ gehen können, hab’ ich arbeiten müssen als Bauernknecht, und so sind die Paar Jahr’ vorbeigegangen, bis die Gefangenen ausgewechselt worden sind, und mir ist just nichts abgegangen in Rußland. Der Muschik, der Verwalter, hat zwar gemeint, ich sollt’ ganz bei ihm bleiben, und es wär’ vielleicht nicht mein Unglück gewesen; aber wenn ich auch keinen Menschen, keinen Freund, kein Haus und Hof daheim gewußt hab’ – ich dummer Teufel hab’ doch das Heimweh nicht verwinden können. Ich hab’ mir eingebild’t, es wird doch wer eine Freud’ haben, wenn ich wieder heimkomm’ – aber die Gemeind’ hat nichts mehr von mir wissen wollen und das alte Weibl im Hüthaus ist auch lange gestorben gewesen. … So arbeite ich seitdem so fort und bring’s zu nichts. Ich bin Bauernknecht gewesen und Fuhrmann, und jetzt bin ich Steinhauer im Kreuther Marmorbruch – aber ich hab’ keine Freud’ und kein Leid und weiß eigentlich gar nicht, wegen was ich auf der Welt bin. Da ist mir zunächst in der Nacht einmal eingefallen, wie’s denn wär’, wenn ich auch einmal daran denken thät’, mir ein Heimathl zu schaffen. … Am Hirschberg hab’ ich einen Platz geseh’n, mitten im Walde, mit einem frischen Bach und einem kleinen Angerl, wo eine Schneidsäg’ gar gut stehen thät’. …. Ich hab’ mir ausgerechnet, daß, wenn ich mich drei Jahre als Flößer verdingen thät’, nach Oesterreich und Ungarn hinunter, ich mir so viel erhausen könnt’, das Platzl zu kaufen und mir eine Säg’ und ein Häusl zu bauen und dann ein Weib heirathen zu können. – Aber ich bin ein wilder Kerl. Wenn ich nicht was hab’, was mich dazu zwingt, da ist’s nichts mit dem Hausen und Sparen, da geht das Geld, das ich verdien’, allemal wieder dahin, wie Wasser zwischen den Fingern. Ich muß zuerst wissen, daß mich Eine nimmt; ich muß wissen, für wen ich mich schind’ und haus’ – wie ist’s, Rohnberger Corona, weißt mir keine Heirath? Könntest Dich auf einen schönen Kuppelpelz freuen – weißt mir Keine, die drei Jahre auf mich warten und nachher Säg’müllerin werden möcht’?“

Er hielt inne, der Antwort gewärtig, aber Corona kam nicht dazu, sie zu geben, denn Clarl, die im Stalle vergeblich nach der Sennerin gesucht, stand auf der Schwelle, schlug verwundert die Hände zusammen und rief: „So ist’s recht. Jetzt freut mich mein Leben. Also auf die Weis’ bist Du nit versponnen! Ich hab’ gemeint, Du willst geschwind fertig werden mit dem Burschen da, und jetzt sitzt Ihr nebeneinander, als wenn Ihr Euch schon zwanzig Jahr’ kennen thätet.“

Corona war wie mit Blut übergossen; Quirin lachte vergnügt vor sich hin – aber jede weitere Erörterung ward durch das Erscheinen zweier neuer Gäste unterbrochen, welche auf die Sennhütte zukamen. Es waren der Münchener Pianist (der Perzel heißen soll, wenn er auch anders hieß) und der junge Russe, der schon im Concerte zu Tegensee so besondern Antheil an der Sennerin und an ihrem kunstfertigen Gesange genommen hatte. Erstaunt sahen ihnen die Anwesenden entgegen. Es war kein Wunder, wenn Corona und Clarl die Kommenden, die sie nur einmal flüchtig gesehen, nicht erkannten; Beide sahen jammervoll aus und kamen sehr gelegen, um der Stimmung, die schon unangenehm zu werden drohte, durch ihre Erscheinung wieder eine heitere Wendung zu geben.

Der Städter sowie der Fremdling hatte die Bergfahrt auf eigene Gefahr unternommen und, unkundig des Weges wie der Art solcher Wanderung, mit Mühseligkeiten aller Art zu kämpfen gehabt. Ihr Anzug war dem entsprechend. Dem Russen waren die an solche Zumuthungen nicht gewöhnten feinen Stiefel gesprungen, der feine Rock war vielfach von Gesträuch und Gestein zerfetzt und zerrissen, das durchkrochen oder überstiegen werden mußte; die Form des aus weißem Glanzfilz verfertigten hohen Hutes aber war kaum mehr zu erkennen, seit sein Besitzer beim Ausgleiten auf einer steinigen Berghalde ihn vom Kopfe verloren und unter sich gebracht hatte. Der Pianist sah äußerlich etwas weniger schadhaft aus, war aber dafür innerlich desto mehr erlegt; er war klein und beleibt, während dem jungen Russen seine Schlankheit die körperlichen Mühen minder fühlbar gemacht hatte. Erschöpft sanken Beide auf die Bank, von welcher Quirin, dessen Angelegenheit sie gerade im entscheidenden Augenblicke unterbrachen, sie nicht mit den freundlichsten Blicken betrachtete, während die mitleidige Sennerin eilte, aus der Vorrathskammer Erfrischungen herbeizutragen. Der Clavierspieler war denn auch bald in die Milchschüssel vertieft und schmauste das schwarze Brod mit gleichem Behagen, als wäre es das feinste Backwerk gewesen; auch der Russe, dem diese Kost nicht munden wollte, fand sich in sein Schicksal, als Clarl mit der Kirschgeistflasche angerückt kam und ihm den kräftigen Trank credenzte. Die Erzählung ihrer Mühen und Gefahren wurde mit lachender Theilnahme angehört, und so schroff Corona im Königszelte die Annäherung des Russen von sich gewiesen, konnte sie sich doch des Lachens nicht erwehren, als er in seinem Kauderwelsch erzählte, daß er nur ihretwegen auf den Berg heraufgestiegen, um sich bei ihr wegen seiner Zudringlichkeit zu entschuldigen und sie nicht auf dem Glauben zu lassen, als wüßte ein Russe nicht, was einem schönen Mädchen gegenüber die Sitte erforderte. Ob ihn nicht noch andere Gründe bewogen, ob er sich nicht schmeichelte, den ersten Eindruck verwischen und die vor Zeugen erlittene Niederlage durch einen Sieg in der Bergeinsamkeit wettmachen zu können, ließ er nicht errathen. Corona dachte an nichts Solches; aber der klügeren Clarl entgingen die feurigen Seitenblicke nicht, mit denen er, kaum etwas erfrischt, sich an Gestalt und Antlitz des Mädchens weidete.

Auch Quirin entging das nicht; wenigstens wurde seine Miene stets finsterer, und die Narbe auf seiner Stirn schwoll immer mehr an, gleich einer sich bäumenden Natter; dabei haftete sein Auge immer durchdringender auf dem zutraulichen Russen, als habe er denselben nicht zum ersten Male erblickt. Immer [675] schärfer lauschte er den einzelnen russischen Worten, die sich in das verstümmelte Deutsch mischten – war es doch seit Jahren zum ersten Male wieder, daß er solche Laute vernahm. Er hatte um so mehr Muße zu seinen Beobachtungen, als sich Niemand um ihn kümmerte. Mit einem Male brach jedoch der Russe das Gespräch ab, indem er aufsprang und die Taschen seines verunstalteten Rockes abfühlte und durchsuchte. Er vermißte sein Taschenbuch und in diesem seine ansehnliche Reisecasse, besann sich aber sogleich, daß er dasselbe bei der letzten Rast unter einer großen Tanne am Wege noch gehabt und erst von da an verloren haben müsse; es galt daher, da er selber zu müde war, sogleich Jemand auf den Weg zurückzuschicken. „Ha! da ist ein Mann,“ rief er, indem sein Blick auf Quirin fiel, „Der kann suchen. He da, Bauer!“ rief er ihn an, „gehe den Berg hinunter und suche meine Brieftasche! Ich gebe Dir zehn Rubel, wenn ich sie wieder habe.“

Quirin maß ihn, sich erhebend, vom Kopfe bis zum Fuße, nahm seinen Bergstock an sich und murrte: „Ich mag nicht.“

Dem Russen stieg bei der unerwarteten Weigerung das Blut in’s Gesicht; er stieß einen Fluch aus und knirschte mit den Zähnen. „Verdammter Bursche!“ schrie er, „wenn Du nicht willst nehmen Rubel, sollst haben Knute.“

Quirin’s Antwort bestand darin, daß er den Bergstock enger faßte wie zur Abwehr des Hiebes, zu welchem der Russe seinen Gehstock erheben zu wollen schien.

„Chatshesh sluchat tui ssawaka?“ schrie dieser. „Ich spalte Dir den Schädel, wenn Du Dich rührst! …“

Diese wenigen Worte brachten Quirin’s mühsam verhaltenen Grimm zum Ausbruch. „Chatshesh sluchat tui ssawaka –“ rief er mit bebenden Lippen. „Sagst Du mir das? Jetzt weiß ich auf einmal, wo ich das hochmüthige Gesicht schon gesehen und den Spruch gehört hab’. … O, ich hab’ ihn mir gut gemerkt. Du bist es also g’wesen, der schon als Bub’ einem halb verhungerten, halb erfrorenen Gefangenen das Milchkrügl vom Mund geschlagen, der verlangt hat, daß ich vor Dir niederknien und mit aufgehob’nen Händen bitten sollt’ wie zu unserm Herrgott. Du hast mich einen Hund geheißen; jetzt mach’ Reu’ und Leid, Kosak! Ich hab’s g’schworen: Wenn Du mir nochmal im Leben unter die Händ’ kommst, schlag ich Dich nieder, wie einen Hund.“

[687] Leichenblaß, unfähig ein Glied zu regen, stand der Russe; der friedliche Pianist war im Begriffe umzusinken, noch ehe der Todesstreich, den er schon fallen sah, wirklich fiel; auch Clarl hatte einen Augenblick die Fassung verloren; denn der Wüthende war furchtbar anzusehen: seine Narbe glühte wie Feuer und seine Augen rollten wie im Irrsinne.

Corona war die Einzige, die besonnen blieb; fest trat sie zwischen ihn und den Bedrohten. „Was willst, unbändiger Mensch?“ sagte sie mit ruhigem Tone und Blicke. „Den Augenblick legst Deinen Stock weg! Da heroben auf der Gindelalm bin ich Herr, und ich fürcht’ Dich nit, wenn Du noch so wild thust.“

„Aber es ist ja derselbige, von dem ich erzählt hab’,“ stieß Quirin aus keuchender Brust hervor.

„Und wenn er’s ist!“ rief Corona entgegen. „Willst Du’s ihm nach so viel Jahren heimgeben, was er damals als unmündiger Bub’ gethan hat? Scham Dich, ungeschlachter Mensch, und halt’ Frieden! Nieder mit Deinem Stock, oder, wenn ich gleich nur ein Madl bin, so nehm’ ich Dir ihn ab.“

Einen Augenblick stand der Zürnende unschlüssig; er kämpfte mit dem langgenährten Grimme, mit der im Stillen großgefütterten Rachelust und dem Einflusse, den das Mädchen bereits über ihn gewonnen, dessen Gunst er nicht völlig auf’s Spiel zu setzen gesonnen war. Von dem Russen glitt sein Blick auf das Mädchen ab. Er sah sie durchdringend an; dann warf er den Rucksack auf die Schulter, drehte sich um und schritt ohne Gruß und Wink davon, dem höher hinanführenden Bergsteig zu.

Erleichtert sahen ihm die Uebrigen nach. Corona athmete tief auf, fuhr mit Hand und Arm über die Stirne und hieß dann Clarl den Weg abwärts einschlagen, um nach dem verlorenen Taschenbuche zu suchen.

Nachdem der Eindruck des erregenden Auftritts sich etwas gemildert, war den Gästen erwünschte Gelegenheit gegeben, ungestört mit den eigentlichen Absichten herauszurücken, die sie auf die Alm geführt hatten. Der Pianist, der trotz seiner Dicke eine starke Gabe von Enthusiasmus im Leibe trug, hatte bei seiner Rückkehr nach München Corona’s Gesang und wunderbare Kehlfertigkeit nicht aus dem Sinne gebracht. Er hatte aller Welt davon erzählt und den Zuhörern bald die in ihm lebende Ueberzeugung mitgetheilt, daß es nur einer kurzen Ausbildung bedürfe, den rohen Edelstein so zu schleifen, daß er in allen Lichtern und Farben der Kunst zu brilliren vermöge. Er hatte sich zuletzt entschlossen, noch einen Ausflug nach Tegernsee zu machen, das seltene Bauernmädchen aufzusuchen und sie dahin zu bringen, daß sie seinem Antrage Gehör gebe, ihm in die Stadt zu folgen und sich unter seiner Leitung und Obhut zur Sängerin auszubilden. In der Freude seines Herzens und im Lichte seiner regen Einbildungskraft sah er sie schon als eine zweite Catalani mit Gold und Ruhm überschüttet, und sich selbst als den glücklichen Entdecker des Kleinods im Mitbesitze aller dieser Schätze

In dieser Stimmung war er dem jungen Russen begegnet, der ihm wie ein alter Bekannter war, weil er ja auch in dem Zelte zugegen gewesen. Er theilte demselben sein Vorhaben mit, das dieser mit lebhafter Theilnahme aufgriff. Er erbot sich sogar, den Pianisten auf seinem Werbegange zu begleiten. Nun rückte dieser gegen Corona mit seinem Vorschlage hervor und erzählte der Staunenden, welche herrlichen Aussichten für ihr künftiges Leben sich öffneten, ein Leben des Gesanges statt harter Arbeit, statt eines Daseins von Mühe, Entbehrungen und Armuth eine Laufbahn des Ueberflusses, des Glanzes und der Freude.

Er hatte bereits mit dem Director des zweiten Theaters am Isarthore gesprochen und ihn, da er auf sein musikalisches Urtheil viel gab, dahin gebracht, daß er bereit war, für die Probe- und Lehrzeit zu den Kosten des Unterhalts den größten Theil beizutragen und das Mädchen entsprechenden Falles mit einem vorläufigen Gehalte von tausend Gulden zu engagiren. Was etwa noch fehlte, konnte leicht durch reiche und vornehme Kunstfreunde oder vom Könige selbst, der sie ja ebenfalls kannte, herbeigeschafft werden. Mit beredter Zunge schilderte er ihr die Leichtigkeit, mit welcher sie bei ihrer wunderbaren Naturanlage die Lehrzeit vollenden werde, wie sie dann öffentlich auftreten würde, umgeben und unterstützt von allem Aufwande der Kunst, wie sie Triumphe über Triumphe feiern und den Augenblick preisen werde, in welchem sie ihre Zusage gegeben. Auch Worinoff unterließ nicht, ihr das Leben als Künstlerin mit den feurigsten Farben zu schildern und hervorzuheben, wie sie gar keine Furcht zu haben brauche; ihre Liebenswürdigkeit werde ihr bald in den ersten und höchsten Kreisen Freunde schaffen, welche Alles aufbieten würden, ihr Erfolge zu bereiten, die bereiteten zu verschönern und mit ihr zu theilen.

Corona hatte den Vorschlag zuerst mit Erstaunen, dann [688] mit ungläubigem Lachen erwidert: als aber Beide die Sache ernsthaft wiederholten, entschwand allmählich ihre Besorgniß, als ob man beabsichtigte, sie zum Besten zu haben. Die Möglichkeit eines mühelosen, von allen Erdengütern umgebenen Lebens trat plötzlich wie eine Erscheinung in ihr Leben, blendete ihr Auge und erschreckte ihr Gemüth, daß sie rathlos vor derselben stand. Wohl hatte sie immer große Genugthuung empfunden, wenn man ihren Gesang bewundert hatte; wohl war es ihr oft gewesen, als sei sie zu etwas Besserem bestimmt und gehöre nicht unter die Bauern und in die Sennhütte, aber die unerbittliche Wirklichkeit hatte die hochfliegenden Einbildungen immer gar bald und so unbarmherzig vernichtet, daß sie bei ihrem sonst klaren und entschlossenen Wesen sie wieder auf lange Zeit von sich ferne hielt. Sie kam sich jetzt vor wie das arme Kind im Märchen, das die Gänse hüten muß, und das eine vorüberfahrende Fee auf einmal in ihren Wagen nimmt und ihm sagt, daß sie seine Mutter sei, daß es nun nicht mehr die Gänse auf die Weide treiben, sondern für immer bei ihr bleiben dürfe und selber eine Fee geworden sei. Wohl war etwas in ihr, das widersprach, wenn sie auch die Stimme nicht deutlich verstand – wie sie in die grüne Bergmatte hinaussah, war es, als ob ihr dieselbe winke, sie nicht zu verlassen, und in ihr Ohr klang es wie Waldeswehen, wie Wasserrauschen und das Knirschen einer Sägmühle, das sie zu sich lockte in die Waldeinsamkeit.

Es ward Worinoff und dem Pianisten nicht schwer, die Bedenken der Unkundigen zu widerlegen, und ein schweres Gewicht fiel in die Wagschale, als Clarl mit dem vermißten Taschenbuche wiederkam, das ein freundlicher Weinschörlbusch zwischen seinen Stacheln und Trauben vor dem Falle in eine größere Tiefe bewahrt hatte. Das war so recht Wasser auf ihre Mühle, als sie den Gegenstand ihres Gespräches erfahren hatte; sie war augenblicklich Feuer und Flamme und schürte die Gluth, welche Eitelkeit und der Wunsch nach einem angenehmen Leben in Corona’s Busen bereits entzündet hatten.

„Wirst Dich doch da nit besinnen?“ rief sie. „Schlag’ ein, sag’ ich, mit allen zwei Händen! Du bist ein Glückskind! In der Stadt leben und tausend Gulden haben und nix dafür thun als das Bissel Singen? Ich bin einmal d’rin gewesen in der Münchner Stadt und im Komedihaus und hab’ geseh’n, wie die erste von den Sängerinnen droben herumgestiegen ist wie der Gockel im Werg, und angezogen wie eine Königin, daß sie über und über nur so gefunkelt hat von Gold, und die Leut’ haben geschrien und in die Händ’ geklatscht und Blumen hinaufgeworfen und grünes Zeug. Und da willst Du Dich noch besinnen? Das Alles kannst Du jetzt haben. Willst Du vielleicht lieber alle Tag’ mit der Sonn’ aufsteh’n, die Küh’ melken, die Butter ausrühren und dreschen und spinnen im Winter? Oder willst Du einen Häusler oder Tagwerker heirathen und Dich fortfretten Dein ganzes Leben lang mit Mann und Kindern, bis Du zusammgerackert bist, daß Dich kaum der Tod mehr holen mag?“

Lächelnd hörte Corona der eifrigen Alten zu. „Laß’ nur gut sein!“ sagte sie, indem sie ihr die Hand auf die Schulter legte, „und strapazir’ Dich nit so ab! Ich sag’ nit Ja und nit Nein; ich will mir’s überlegen. Haben sie im Theater so lang’ gesungen ohne mich, so werden sie’s wohl auch noch acht Tag’ zuweg’ bringen. Der Herr soll mir sagen, wo ich ihn find’. In acht Tagen komm’ ich dann nach München, wenn ich mich entschließ’, und wenn nit, kommt statt meiner ein Briefl; wenn’s auch schlecht zu lesen sein wird, werden s’ dann doch schon so viel herausbuchstabiren können, daß’s nichts ist.“

Der Pianist, Worinoff und Clarl versuchten zwar, sie zu einer sofortigen Zusage zu bestimmen; aber sie blieb fest dabei, sodaß der Pianist nichts anderes thun konnte, als sich damit zufrieden zu geben und den Rückweg anzutreten. – War es doch hohe Zeit und über den Gesprächen und Ereignissen der späte Nachmittag herangekommen – die Sonne war schon über den Rand der Tannen hinuntergegangen und nur noch draußen am Horizonte der Ebene und dann im Widerscheine an den Felswänden sichtbar.

Der Pianist verabschiedete sich warm und herzlich von seiner zukünftigen Schülerin; Worinoff that nicht minder feurig und freute sich schon im Voraus auf das Wiedersehen und all die schönen Stunden, die darauf folgen sollten. Als Abschlag dieser künftigen Herrlichkeiten faßte er die derb gehärtete Hand des Mädchens, und als sie diese ihm ohne Widerstand ließ, versuchte er, sie zu umfassen und einen Kuß zu erhaschen. Sie wies ihn diesmal zwar nicht so derb, aber darum nicht minder entschieden zurück, so daß er wieder in Verlegenheit gerieth. „Du bist noch unerfahren,“ rief er, sich zum Lachen zwingend. „Komme nur erst in die Stadt und zum Theater, dann wirst Du schon auf andere Gedanken kommen, so gewiß Deine rauhe Hand dann weich wird und Du sie in weiche Handschuhe stecken wirst.“

„Das glaub’ ich kaum,“ sagte Corona ernsthaft; er aber ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern fuhr, indem er sich zum Gehen anschickte, in voller Zuversicht fort, daß er das besser verstehe und sie beim Wiedersehen an seine Vorhersagung erinnern wolle. „Lebe wohl!“ rief er noch aus der Ferne. „Lebe wohl, Du wildes Spötterl! Auf Wiedersehen als zahme Nachtigall!“

Es war wieder still und einsam geworden auf der einsamen und stillen Gindelalm. Die Sennerinnen gingen der Arbeit nach, die vollauf ihrer harrte; sie hatten nicht Zeit, über das Erlebte sich zu unterhalten. Corona fehlte auch die Lust dazu: zu viel des Neuen und Bedeutsamen war in den wenigen Stunden an sie herangekommen, daß sie erst darüber nachsinnen und Alles in Kopf und Herz ordnen und sichten mußte, ehe sie es in Worten auszudrücken vermochte. Darüber kam der Abend vollends heran. Hütte und Stall war beschickt, und als der Mond über den hohem Grat emporsah, traf er Corona nachdenklich wie zuvor auf der Bank vor dem Almträt sitzen, so vertieft, daß sie das Herannnahen Quirin’s gar nicht gewahrte, bis er langsam und geräuschlos näher gekommen war und beinahe hart vor ihr stand. Ueberrascht sprang sie auf und wollte in einer ersten Regung der Furcht der Hütte zueilen, besann sich aber und blieb auf der Schwelle stehen, indem sie ruhig zurückblickte, gleich als frage sie, was ihn noch einmal zu ihr führe.

„Fürcht’ Dich nit!“ sagte er in so sanftem Tone, wie er ihn nur aus der Kehle bringen konnte. „Ich bin schon wieder bei mir selber. Die Wildheit ist halt so über mich gekommen, wie ich den Russen geseh’n hab’. … Du weißt nit, Madl, wie so was thut; aber Du hast Recht g’habt: es war eine Schand’, daß ich mich so vergessen hab’.“

„Gut für dich, wenn Du das einsiehst,“ sagte Corona kalt. – Der Ton hätte vielleicht doch etwas anders geklungen, wäre nicht von rückwärts Clarl aus dem Stalle in die Hütte getreten und Zeugin des Gesprächs geworden, das sogleich ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

„Und hernach,“ fuhr Quirin, über den kühlen Empfang beklommen, fort, „nachher hab’ ich doch nit so ohne ‚B’hüt Gott!‘ fortgeh’n und mir erst Antwort holen wollen auf meine Frag’ von vorhin. Wie ist’s, Spötterl – oder, wenn Du das lieber hörst, Corona Rohnbergerin – weißt keine Sägemüllerin für mich?“

„Nein,“ antwortete sie, „ich weiß keine, die mir so zuwider wär’, daß ich ihr das anthun und sie einem solchen Wildling zubringen möcht’. Such’ Dir die nur selber aus, die mit Dir unglücklich werden soll!“

„Unglücklich!“ sagte Quirin betrübt. „Also meinst wirklich, mit mir könnt’ man nit anders als unglücklich sein? Ich wollt’ mich schon zusamm’nehmen und wollt’s hinunterschlucken, wenn’s mir so heiß wird unter der Stirn.“

„Was da!“ unterbrach ihn Clarl. „Das ist lauter Gered’, das keine Heimath hat. Die Corona hat jetzt was Anderes zu thun, als sich mit Dir und Deiner Säg’müllerin abzugeben. Sie hätt’ auch keine Zeit; denn daß Du’s nur weißt, mit dem Sennerin sein und Dienen ist’s aus bei ihr – die Corona geht in die Stadt und wird Sängerin.“

„Aber Clarl!“ rief Corona abmahnend; sie wollte nicht, daß jetzt schon so sicher von der Sache gesprochen würde, aber der Funken war schon bereits auf brennbaren Zunder gefallen und brannte lichterloh.

„In die Stadt? Sängerin?“ würgte Quirin zum Tode erschrocken hervor und ließ den Bergstock zu Boden fallen. „Wird ja doch das nit sein.“

„Warum etwa nit?“ rief Clarl entgegen. „Der Stadtherr, der dagewesen ist, ist ein Musikant, und der hat gesagt, die Corona hat eine Stimm’, wie’s keine zweit’ in der Welt giebt. [689] Drum wird sie eine Sängerin und kriegt tausend Gulden und darf nur die Finger rühren und bloß verlangen, was sie will.“

„Corona, es ist nit wahr,“ sagte Quirin ergriffen. „Sag’, daß’s nit wahr ist! Es ist ja unmöglich.“

„Warum sollt’s unmöglich sein?“ rief Corona gereizt. „Du glaubst wohl, ich könnt’ das nit zuweg’ bringen?“

„Es ist unmöglich,“ sagte Quirin, „weil Du nit geschaffen bist für so was. Schau, ich weiß nit viel vom Stadtleben und versteh’ gar nichts von der Komödie; aber ich mein’, es wär’ schad’ um Dich. Du kommst mir vor wie ein Almrösel; das blüht so schön, wo’s hingehört, wo’s daheim ist – auf’n Bergen, in der frischen, freien Luft. In einem Garten, und wenn er noch so schön wär’, da geht’s zu Grund’. Schau, laß Dich nit versetzen, Du Almrösel, Du schön’s! Bleib’ auf Deinen Bergen – bleib’ daheim!“

Clarl brach in Lachen aus, in das Corona, wenn auch nicht ebenso laut, einstimmte, das aber doch hinreichte, die Stimmung des Burschen, die erst weich gewesen, in den Gegensatz grimmiger Erbitterung umschlagen zu lassen.

„Du lachst?“ rief er. „Ueber mich? Lach’ über Dich selber, Du gutherzig’s Ding, das in seiner Eitelkeit nit begreift, wie die Stadtleut’ nur ihren Spaß mit Dir haben! Weil Du ein paar Schnaderhüpfl singen kannst, bildest Dir ein, Du könntest eine Sängerin werden? Das ist gerad’, als wenn man Birn’ brocken wollt’ von einem Lindenbaum. Auslachen werden s’ Dich – denk’ an mich! Es ist nit Deine Art.“

„Weißt das so gar gewiß?“ unterbrach ihn Corona, durch den Spott erbittert. „Und wenn ich’s zuvor nit im Sinn g’habt hätt’, jetzt ist’s b’schlossen wie mit einem eisernen Schloß; – jetzt will ich Dir zeigen, daß ich kann, was ich will.“

Der Bursche schien noch etwas erwidern zu wollen; dann wandte er sich, wie bei seinem ersten Entfernen, kurz ab, als verlohne es nicht der Mühe, noch ein Wort zu verlieren, drückte den Hut fest auf den Kopf und ging durch den Anger der abwärts führenden Bergstraße zu. Aus der Ferne noch erscholl sein Gesang:

„Klopf’ an und klopf’ an
Und fahr’ ab und fahr’ ab!
Was i’ krieg’, weiß i’ nit;
I’ weiß nur, was i’ hab’.“

„Geh’ nur zu!“ rief ihm Clarl nach. „Und damit Dich nit zu kümmern brauchst, nimm Deinen Vogel mit Dir!“

Damit öffnete sie das Thürchen des Käfigs, durch das der Vogel im Nu entwischte. Der unerwarteten Freiheit froh, stieg er mit schmetterndem Lustgesang gerade auf in die Höhe. Corona sah schweigend in den mondlichten und doch umschleierten Abend hinaus. Die Gefährtin aber sang mit weit schallender Stimme:

„Auf die Höh’ da geht’s langsam,
Aber lüfti’ bergab;
Hinauf da heißt’s kraxeln
Und hinunter: Fahr’ ab!“

Noch nicht lange war der letzte Ton ihres Jodlers verklungen; der Mond stand senkrecht über den Almen. Sie lauschten, ob keine andere Antwort auf das Lied erfolge als die des Wiederhalls. Es kam keine. Dafür krachte nach einiger Zeit ein Schuß in der Tiefe; der Wiederhall trug ihn verzehnfacht dahin durch die aus dem ersten Schlummer aufschreckende Nacht.




3. Was i’ krieg’, weiß’ i’ nit.


Im Theater am Isarthor zu München war Alles schon Morgens in voller, hastiger Thätigkeit; es galt die Hauptprobe eines Stückes, das zwar nicht zum ersten Male, aber doch mit allerlei Aenderungen gegeben werden sollte. Es war die Zauberposse „Der Geist im Hofgarten“, in welchem der Director und Komiker Carl, der Liebling der Münchner, diesen ein Stück aus ihrem Leben voll örtlicher Anspielungen und Späße geschrieben – war er doch mit der Stadt, deren Bewohnern und ihren Eigenheiten vollkommen vertraut und wußte seine Witz-Raketen und Knallschläge immer so einzurichten, daß sie nie wirkungslos verpufften.

Der Vorhang der Bühne war aufgezogen, diese selbst nur mit wenigen Oellampen beleuchtet, eben genügend, um das Dunkel in schwache Dämmerung umzuschaffen und in den leeren Zuschauerraum noch undurchdringlichere Schatten zu breiten; nur ein an diese Art von Beleuchtung gewöhntes Auge vermochte in demselben die matten Umrisse der Logenreihen und Parterresitze zu erkennen. Zu den Seiten der Bühne standen hohe Wald-Coulissen, und die Zimmerleute waren eben beschäftigt, Versatzstücke aufzurichten und aus ihnen den Vorgrund einer Berglandschaft zusammenzustellen. Im Widerspruche damit hing im Hintergrunde ein Vorhang mit einem stattlichen Burggewölbe herunter, das noch von dem Ritterstücke des vorigen Abends zurückgeblieben. Voran am Bühnenrande hockte, wie der Eingang eines Schachtes, der Kasten des Souffleurs; die Lampe desselben flimmerte matt daraus hervor wie das Grubenlicht eines Bergmannes. Unweit davon standen Stuhl und Tisch, und auf diesem brannte eine Oellampe, die ihren Schein über ein breites aufgeschlagenes Buch mit verbogenen und verstrichenen Blättern warf. An demselben vorüber, die Rampe entlang, schritt ein stattlicher Mann hastig hin und wieder und zog manchmal mit einer Geberde der Ungeduld seine Taschenuhr heraus. Die Zeit zum Beginn der Probe war nahe; aber die Schauspieler schienen säumig; in den Coulissen-Lücken wurde nur hie und da ein einzelner Schatten sichtbar.

Jetzt begann das Gewölbe des Hintergrundes sich zu heben, und statt desselben öffnete sich die dämmernde Aussicht in eine tiefe Berggegend, in weiter Ferne abgeschlossen mit der Aussicht auf einen See und das um ihn gelagerte Hochgebirge. Es war die ganze Tiefe der Bühne verwendet, denn der kundige Director liebte es, seinen Zuschauern solche Ueberraschungen zu bereiten: geschah es doch nicht selten, daß auch der hinter dem Theatergebäude liegende Garten noch zum Spiele hereingezogen wurde, um, wie im „Graf Waltron“, Schlachten und Gefechte von ganzen Compagnien oder Reiter-Schwadronen aufführen zu lassen.

Der Wandler an der Rampe stand still; es schien ihm willkommen, etwas zu finden, woran er den wachsenden Unwillen auslassen konnte.

„Aber in Dreiteufelsnamen, Herr Sußbauer!“ rief er im breitesten und unverfälschtesten Tone eines echten Münchener Kindes. „Was treiben S’ denn? Lassen S’ doch den Prospect hängen! Es ist ohnedem kalt genug auf dem verfluchten Theater; es scheint, der Heizer hat wieder einmal den Schlüssel zu der Holzkiste verloren.“

Der angerufene Maschinist hielt augenblicklich inne, daß das Gewölbe mit seinen Säulen frei in der Luft baumelte. „Der Herr Director will die ganze Scene sehen,“ rief er entgegen, „er kommt mit dem Herrn Burnickel, dem Maler, herunter, – er hat ja eine neue Almhütte dazu gemalt. Also muß ich den Prospect doch aufziehen.“

„Die große Bergdecoration wegen der einzigen Scene!“ lachte der Regisseur ärgerlich. „Was das für Geschichten sind!“

„Aber Sie wissen ja, Herr Regisseur,“ entgegnete Sußbauer, „daß in der Scene die neue Sängerin zum ersten Male auftritt.“

Der Regisseur lachte noch grimmiger. „Das muß ich sagen! Das lohnt der Mühe, so viel Umstände zu machen wegen der Bäuerin, der ungehobelten, aus der doch in Ewigkeit nichts wird – sagen Sie, ich hab’s gesagt! Ich heiße Schneider.“

Der Maschinist konnte nichts erwidern, denn aus den Coulissen trat bereits der Theatermaler Burnickel zu ihm, und aus der dunklen Tiefe des Zuschauerraumes erscholl die Stimme des Directors, der sich dort bereits eingefunden hatte, um die Wirkung der Decoration aus gehöriger Entfernung zu beurtheilen.

„No, no, Herr Regisseur!“ rief er. „Sind Sie wieder einmal im Zug? Ich bitt’ mir’s aus, daß über Mitglieder und Gäste nicht räsonnirt wird, sonst kommt der § 27 zur Anwendung, und Sie haben um fünf Gulden zu viel gehabt.“

„Ich räsonnire nicht, Herr Director,“ antwortete der Regisseur, während Carl durch eine kleine, im Orchester angebrachte Thür unter der Bühne verschwand und dann auf dieser neben dem rothen Harlekinmantel zum Vorschein kam. „Aber als Regisseur muß mir doch erlaubt sein, meine Meinung zu sagen.“

„Das versteht sich,“ entgegnete Carl. „Aber die Meinung gehört in mein Sprechzimmer hinauf und nicht auf das Theater und schon gar nicht auf die Hauptprobe. Wenn’s das Mädl [690] hört, macht sie auf die Nacht eine Dalkerei, fallt mit Glanz durch, und ich kann schauen, wie ich zu meinem schönen ausgelegten Geld komme.“

„Aber –“ wollte der Regisseur erwidern.

Der Director aber unterbrach ihn. „Reden Sie mir nichts mehr!“ rief er. „Ich kenne Sie nicht erst seit heute, Herr Schneider! Sie sind ein ganz guter Regisseur, und ich wünsche mir keinen besseren; aber wenn Sie einmal Jemand auf der Muck’ haben, dann kann er Ihnen nichts recht machen, und wenn er auf dem Seil Monferin tanzen thät’, und wenn man Ihnen etwas dagegen sagen will, dann schlagen Sie gleich mit dem Holzschlägel d’rein und möchten Ihre Grobheit für Aufrichtigkeit verkaufen. Sie sind doch zuerst nicht gegen das Mädl gewesen und haben selber gesagt, was Alles von dem Naturwunder zu erwarten ist.“

„Das hab’ ich allerdings,“ sagte der Regisseur. „Aber inzwischen hab’ ich mich von ihrer Talentlosigkeit überzeugt. Es wird nichts aus ihr – dabei bleib’ ich. Sie können’s mir nachsagen – ich heiße Schneider.“

Der Director hatte das Gespräch halblaut im Vordergrunde geführt, während in der Tiefe die Zimmerleute hin- und wiedergingen und der Maler ihnen seine Anordnungen zurief. Im nämlichen Augenblicke aber war Corona, die unbeachtet in der dunklen Coulisse gestanden, hervorgetreten; sie legte dem Regisseur empfindlich ihre Hand auf die Schulter und fragte in lautem und entschiedenem Tone:

„Wie haben Sie g’sagt, daß Sie heißen?“

„Schneider,“ erwiderte der Ueberraschte.

„Dann geben Sie fein Acht, Herr Schneider, daß Sie den Fleck nicht neben das Loch setzen,“ erwiderte das Mädchen, „und warten Sie, bis am Abend die Komödie vorbei ist!“

Damit wandte sie sich und trat in die Coulisse zurück, den Verblüfften seinem Aerger und dem Spottlachen des Directors überlassend. „Da haben Sie’s,“ rief dieser. „Jetzt können Sie den Hieb einstecken. Aber verlegen ist das Mädl nicht – das muß man sagen. Wenn sie Abends auch so in’s Zeug geht, kann’s ihr nicht fehlen.“

Inzwischen war die Aufstellung der Berglandschaft nahezu beendet; die Zimmerleute mit dem Maschinisten schleppten nur noch ein großes Lattengerüste herbei, an dessen Vorderseite ein Hügel mit einer Sennhütte gemalt und festgebohrt war. Mehrere kräftige Männer hatten Mühe, das mächtige Stück zu schleppen.

„Was ist denn wieder für ein neuer Gehülfe dabei?“ sagte der Director, näher tretend. „Wie oft hab’ ich Ihm schon gesagt, Sußbauer, Er soll mir keine Aushülfe nehmen, ohne daß ich darum weiß. Aber Er haust in den Tag hinein und denkt, der Director soll nur blechen.“

„Sind S’ nur still, Herr Director!“ erwiderte der Maschinist halblaut und mit abwinkender Geberde. „Das ist ja ein Freiwilliger; der kostet nichts. Einen Aushelfer hätte ich heute doch haben müssen, da hab’ ich halt den Burschen genommen. Der ist drüben im Sterneggerbräuhaus Knecht und hat einen solchen Narren am Theater gefressen, daß er gar nichts verlangt, wenn er nur manchmal mitmachen darf.“

„Das muß ich sagen,“ rief Carl lachend, „ich bin doch eine gute Weile Theaterdirector, aber das ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn es aber so ist, wollen wir dem Zimmermanne nichts in den Weg legen, seine neue Art von Dilettantismus auszubilden …“

Der Aushelfer stand so nahe, daß er das Gespräch wohl hören konnte; er schien aber ganz mit seiner Arbeit beschäftigt. Es war ein kräftiger, wohlgewachsener Bursche mit bartlosem Gesichte und kohlschwarzem Haare, das tief auf Stirn und Nacken hereinhängend ihm einen etwas tölpelhaften und doch verschmitzten Ausdruck gab.

Nun stand die Berglandschaft vollends fertig da; die Lampen waren angezündet und aufgeschraubt, und das Ganze bot das wirklich anziehende und treue Bild einer Berggegend mit Wald und See. Mit dem Bewußtsein des Künstlers nahm der Maler Burnickel die Anerkennung des Directors sowie die Lobsprüche der Schauspieler hin, welche ebenfalls aus den Coulissen hervorgekommen waren, das neue Werk in Augenschein zu nehmen. Aergerlich tönte das Glöcklein vom Tische vorn an der Rampe darein und unterbrach die Huldigung.

„Von der Bühne, meine Herrschaften!“ rief der Regisseur. „Ich beginne die Probe, sonst stehen wir um drei Uhr noch auf dem Theater.“

Schweigend gehorchte Alles dem Rufe. Die Hülfsarbeiter verschwanden. Die augenblicklich nicht beschäftigten Schauspieler zogen sich geräuschlos in die Coulissen zurück, ihrer Auftritte und Stichworte gewärtig. Die Eifrigeren überlasen ihre Rollen. Andere standen in Gruppen beisammen und unterhielten sich über Alles, was in der Welt und in deren Spiegelbild, der Schaubühne, zu geschehen pflegt, in jenem liebenswürdig leichtlebigen Tone, der ein Vorrecht und Eigenthum ihres Standes ist – ist der Schauspieler doch auf den Augenblick angewiesen, wie kein anderer Künstler, und ist es doch erklärlich, wenn er deshalb auch vor Allem darauf ausgeht, den Augenblick auszunützen und jeden für verloren zu halten, der ihm nicht eine Blüthe getragen. Es war eine heitere und feine Versammlung, darunter mancher Träger eines Namens, der damals von gutem Klange war, manch schönes Talent, dem das warme Herz von den höchsten Hoffnungen und Vorsätzen schwoll, und das dann doch mit der Zeit und den Zeitgenossen spurlos dahinging, ohne daß mehr von ihm übrig geblieben als die erlöschende Jugenderinnerung der Greise. Sind einst auch diese dahingegangen, dann ist die Fluth vollends über ihnen zusammengeschlagen, als wären sie nie gewesen. Die Flüchtigkeit ihrer Schöpfungen, die mit dem Schaffen untergehen, ist es wohl auch, was den Persönlichkeiten der Schauspieler nicht selten eine gewisse Erregung und hastige Unruhe aufprägt – Niemand fühlt mehr, als sie, wie kostbar und unwiederbringlich die Minuten sind. Diese Hast zwingt sie, vorwärts zu drängen, und wer vorwärts drängt, wird nur zu leicht veranlaßt, einen Gefährten, den er sich voraus sieht, zu beneiden, ihn zurückzuhalten oder auch, wenn es die Gelegenheit möglich macht, zu verdrängen.

Etwas abseits von der Gesellschaft, der sie nach dem Erfolge des heutigen Abends auch angehören sollte, stand Corona wieder im Dämmerdunkel einer Coulisse unweit des Inspicienten, der, mit dem Scenarium ist der Hand, das richtige Auftreten der Schauspieler zu überwachen, sie auch wohl zu rufen und zugleich Alles auszuführen hatte, was hinter der Scene geschah, wie etwa einen Schuß abzufeuern, eine Glocke zu läuten, Rufen oder sonstiges Getöse auszuführen.

Sie war äußerlich kaum verändert; wie sie sich geweigert, ihre ländliche Tracht abzulegen, ehe Alles fest entschieden sei, war auch ihr Sinn während des halben Jahres, das sie in der Stadt zugebracht, derselbe geblieben – man konnte sie einer versetzten Pflanze vergleichen, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie in dem neuen Boden anwurzeln oder lieber verwelken will. Sie war sich selber nicht recht klar, was in ihr vorging; aber so viel stand fest: der trotzige Frohsinn, der sich sonst am Abend mit ihr auf das Heulager gelegt und Morgens mit ihr davon aufgesprungen, war nicht mehr in der alten Frische und Unbefangenheit in ihr. Sie lachte wohl, aber es kam nicht so frei vom Herzen weg wie früher; sie scherzte, aber der Scherz klang oft wie unwillig, nicht selten gar wie gereizt. Es erging ihr wie Jedem, der mit sich selbst nicht zufrieden ist und sich das nicht gestehen will. Wohl hatte es ihr gefallen, als man ihr bei der Ankunft in der Hauptstadt von allen Seiten mit freundlicher Aufmerksamkeit begegnet, als der dicke Pianist sie in seiner Familie aufnahm und sie die Annehmlichkeiten bürgerlicher Häuslichkeit kennen zu lernen begann. Dennoch fand sie sich nicht heimisch; sie kam sich vor wie ein fremder Gast, den man für die kurze Zeit seiner Anwesenheit im Müßiggange nicht behelligt; sie vermißte, was bisher die Grundlage ihres Lebens gewesen, die stete Arbeit, die, wie sie die Zeit ausfüllt, auch das Gleichgewicht erhält zwischen Kopf und Herzen. Der Unterricht im Gesange war nicht geeignet, ihr dieselbe zu ersetzen.

[703] Als Corona vor dem Director und anderen Musikverständigen Probe gesungen hatte, war das allgemeine Urtheil, wenn auch nicht so überschwenglich wie das des Pianisten, doch ein günstiges gewesen, das noch günstigere Erwartungen nicht ausschloß; als es aber an den eigentlichen Unterricht ging, wurde die Hoffnung des Lehrers wie der Eifer der Schülerin nur zu bald bedeutend heruntergestimmt. Corona faßte leicht und spielend auf; es machte ihr keine Schwierigkeit, eine Weise, die man ihr vorsang oder vorspielte, in ihren Naturgesang zu übertragen, aber das bloße, ermüdende und keineswegs erfreuende Ueben der einzelnen Töne und Tonverbindungen war ihr rasch verleidet; sie fühlte, daß man etwas von ihr verlangte, was in ihrem Wesen keinen Grund hatte. Der Lehrer konnte sich bald nicht verhehlen, daß die Stimme vielleicht eben ihrer Eigenart wegen einer eigentlich künstlerischen Ausbildung eigensinnig widerstrebte; der ursprüngliche Traum, aus der Sennerin eine Sängerin ersten Ranges zu bilden, zerrann und ließ nur die Möglichkeit zurück, daß das frische Naturkind dafür im muntern Fache, als Soubrette oder Localsängerin, desto Bedeutenderes leisten würde – vollauf genug, um den gutmüthigen Meister in seinem Eifer nicht erkalten zu lassen.

Was sie am härtesten vermißte, war das Leben in und mit der freien Natur, an das sie von Jugend auf gewöhnt war; trotz des Winters waren ihre Gedanken doch immer weit jenseits der Stadtmauern, und wenn der Wind so recht durch die Straßen sauste, den Schnee jagte und an die Scheiben warf, kam es ihr oft schier grauenhaft vor, als wäre es die Stimme eines Freundes, dem sie entflohen und der jetzt mit lautem Rufen und Klagen nach ihr suche – kein Wunder, wenn ihr dabei manchmal auch andere Erinnerungen erwachten und ein Gefühl sie anwandeln wollte, das der Reue so ähnlich sah, wie ein Wassertropfen dem andern. Wohl nahm sie sich dann immer wieder zusammen und sagte sich selbst, daß sie keine Thörin sein dürfe und, was sie sich einmal vorgenommen und zugetraut, auch durchführen müsse, aber die Anwandlungen kamen öfter, wie die Schwierigkeiten sich häuften. Das war besonders der Fall, als sie anfangen sollte, mit dem Gesange auch die Darstellung zu verbinden und eine Andere zu scheinen, als sie war. Bisher war ihr der Gesang, wie dem Vogel, die natürliche Aeußerung ihres eigenen Gemüthes gewesen; jetzt sollte sie etwas Anderes hineinlegen, was man ihr von außen vorschrieb. Darin lag etwas, wogegen ihr Inneres sich wie gegen eine Unwahrheit sträubte, und was eben deshalb ihre Versuche in dieser Richtung bald als sehr zweifelhaft erscheinen ließ. Der kluge Director hatte daher den Ausweg eingeschlagen, sie zuerst in einer Bauernrolle auftreten zu lassen, in der sie am wenigsten aus sich herauszugehen brauchte und gewissermaßen sich selbst spielen konnte. Zu diesem Zwecke war in der beliebten Posse „Der Geist im Hofgarten“ eine ländliche Scene eingeschoben worden; nach diesem Versuche, dachte er, sollte sich wohl bemessen lassen, ob und welche Hoffnungen überhaupt auf ihre künftige Entwickelung mit Recht gebaut werden konnten. Sie hatte der ersten Probe mit Bangen entgegengesehen, sich aber, als es zum Auftreten kam, zusammengenommen und mindestens keine auffallende Ungeschicklichkeit begangen. Eine Bemerkung, die sie dabei gemacht, war ihr von wesentlichstem Vortheile gewesen; bald genug hatte sie nämlich gemerkt, daß Manche von der Gesellschaft Lust zeigten, [704] sie als Neuling oder fremden Eindringling zu necken oder sich an ihr zu reiben; aber anstatt sie niederzudrücken oder einzuschüchtern, hatte das vielmehr dazu gedient, die ihr eigene Widerstandsfähigkeit wachzurufen und sie zu erinnern, daß auch sie nicht ohne Stachel sei. In solch gemischter, halb gereizter, halb befangener Stimmung erwartete sie nun auch den Beginn der Hauptprobe; nachdenklich hing ihr Blick an den leinwandenen Bäumen und den Bergen aus Pappendeckel, von denen sie umgeben war, und unwillkürlich schwebten ihre Gedanken von denselben hinweg und hinaus zu den wirklichen, auf denen eben wieder der Frühling einzuziehen begann – sie mochte die Empfindung eines gefangenen Vogels haben, den man dadurch an die Freiheit glauben machen will, daß man abgebrochene grüne Zweige um die Eisendrähte seines Käfigs steckt.

Ein heftiger Schlag, der unmittelbar neben ihr ertönte, schreckte sie aus ihrem Brüten auf, daß sie schreiend zusammenfuhr – es war ein Kanonenschuß, den der Inspicient eben auf der großen Trommel markirt hatte. Lachend wendeten sich die Schauspieler nach der Unerfahrenen um; sie waren eben um die schwarze Probirtafel unter der Theateruhr versammelt, auf welcher der Theaterdiener das Repertoire der nächsten Woche angeklebt hatte; dasselbe verkündete nebst Wiederholung des heutigen Stückes das Zaubermärchen „Adler, Fisch und Bär“, die Possen „Die falsche Catalani“ und „Staberl in floribus“, zur gebührenden ernsten Abwechselung aber das Schauerstück „Der Nachtwandler in der Todtengruft von Glenthorne“ und das große Ritterschauspiel „Kuno der Entartete“.

„Immer wieder die alten Schmarren!“ rief der Heldenliebhaber, nachdem er gelesen, unwillig aus. „Keine einzige ordentliche Rolle, in der es der Mühe verlohnte, sich zu plagen! Man muß versauern und verbauern bei dieser Bande.“

„Pah, daraus mach’ ich mir nichts,“ bemerkte ein kleiner, schmächtiger Mann, der Bösewichter und ähnliche Rollen zu spielen pflegte und den Anschlag mit raschem Blicke überflogen hatte. „Sechs Stücke, und sechsmal zu thun! Ich komme auf mein Spielgeld; das ist die Hauptsache.“

„Dafür kennt man Euch,“ entgegnete der edle Vater, eine große Gestalt mit mächtiger Baßstimme und der Haltung eines Festpredigers. „Ihr habt keinen andern Gedanken als Geld und wieder Geld. Wo bleibt da die Kunst?“

„Was mit der Kunst werden soll,“ rief der Liebhaber wieder dazwischen, „das kann man sich denken, wenn ein solches Repertoire gemacht wird. Das edelste Pferd, wenn es immer im Stalle steht, muß steif und lahm werden. Aber ich werde mit dem Director reden; ich werde ihm sagen –“

„Was wird es helfen, was Ihr ihm sagt?“ unterbrach ihn spöttisch der Bösewicht. „Der Director ist ein praktischer Mann; er wird sich die Hände reiben und sagen: ‚er müsse auf Das sehen, was volle Häuser und volle Cassen mache,‘ und das muß man ihm nachsagen, er kennt sein Publicum; es vergeht fast kein Abend, an dem wir nicht ausverkauft haben.“

„Und die Kunst wird darüber zum Handwerk,“ rief der edle Vater feierlich.

Der Bösewicht zuckte die Achseln. „Möglich; aber nach dem Sprüchworte hat das Handwerk einen goldenen Boden.“

„Krämerseele!“ murmelte der Held in sich hinein.

Der Bösewicht that, als ob er nicht höre, aber fuhr giftig fort: „Wenn Ihr doch einmal dem Director etwas sagen wollt, dann sagt ihm lieber, er solle sich von seinem Regisseur nicht so viel einreden lassen! Diesen Ritterschmarren ‚Kuno der Entartete‘ hat kein anderer Mensch auf das Repertoire gesetzt, als er, weil er den Kuno gerne spielt.“

„Ja, den Ihr gerne spielen möchtet,“ rief der edle Vater hinwider. „Diesmal seid Ihr Euch selbst ungetreu geworden. Was thut’s, wenn Ihr neben dem Regisseur den Burgvogt spielen und ihm das Licht halten müßt? Ihr kommt ja doch auf Euer Spielgeld.“

Lautes Lachen belohnte die Rede, so daß der Inspicient sich bemüßigt sah, durch abmahnendes Zischen Ruhe zu gebieten; leiser mischte sich ein junges, schlank gewachsenes Mädchen mit hochblonden Haaren in das Gespräch, von dem ihr, obwohl sie mit anderen Gedanken beschäftigt schien, kein Wörtchen entgangen war. Sie hatte Corona von ihrem Standpunkte näher kommen sehen und war gleich darauf bedacht, eine stachlige Bemerkung zu machen; war sie doch Gesangs-Soubrette, also zunächst bedroht, falls die Anfängerin Glück machen und auf der Bühne Fuß fassen sollte.

„Das ist noch lange nicht das Schlimmste,“ sagte sie möglichst laut, indem sie sich den Anschein gab, als bemerke sie Corona nicht. „Das Unausstehlichste bei uns sind diese ewigen Versuche mit Anfängern, von denen man doch weiß, daß sie zu gar nichts führen. Es braucht jetzt sonst nichts, als ein paar Töne im Halse zu haben, um von den Bauern hereinzulaufen und Sängerin zu werden. Ah, sind Sie da?“ unterbrach sie sich selbst, als ob sie Corona erst jetzt bemerke. „Ich habe Sie nicht gesehen und wollte Sie nicht kränken. – Weil Sie aber meine Worte doch schon gehört haben, nehme ich sie nicht zurück. Sie thun mir leid, mein gutes Kind.“

„Das ist sehr hübsch von Ihnen, mein Fräulein,“ unterbrach sie eine schöne junge Frau, welche eben hinzugetreten war und die letzten Worte noch vernommen hatte – es war die Frau des Directors Carl, die beliebte Darstellerin aller zärtlichen und rührenden Liebhaberinnen. „Noch schöner aber wäre es, wenn Sie Ihr Beileid in etwas sanftere Worte gekleidet hätten. Sei ohne Sorge, mein Kind!“ fuhr sie dann, zu Corona gewendet, mit der sanften Stimme fort, die ihr immer schon mit den ersten Lauten die Herzen aller Hörer gewann. „Du hast Dich auf einen steilen Pfad begeben und wirst wohl von Deinen Bergen her wissen, wie rauh es sich auf solchen wandelt.“

Corona war mit glühendem Antlitze dagestanden, begierig, auf den Angriff etwas zu erwidern, und doch außer Stande, es zu thun; so unverhohlener Bosheit gegenüber hielt ihre gewöhnliche Schlagfertigkeit nicht Stand. Sie folgte Frau Carl in die Tiefe des Theaters, ergriffen von der liebevollen Leutseligkeit der schönen Frau; das Eis, das ihr der Hohn an das Herz geschleudert, löste sich vor dem warmen Hauche wahrer Theilnahme in Thränen und quoll ihr heiß über die Wangen herab.

„Sei ruhig, Mädchen!“ sagte Frau Carl wieder. „Du hast den Versuch gewollt; also bleibe auch standhaft dabei! Glaube mir: Du hast einen Beruf gewählt, der viele Rosen verspricht, aber mehr Dornen bringt – Du mußt auf Beides gefaßt sein.“

Sie wollte noch mehr sagen, aber der Inspicient rief Corona zu: ihre erste Scene war gekommen. Gefaßt und entschlossen stieg sie die Brettertreppe zu der gemalten Sennhütte hinan, vor der sie ihr erstes Lied zu singen hatte; die Schauspieler traten neugierig in die Coulissen etwas vor; auch der Regisseur kam von der Bühne näher, die Ursache der kleinen Verzögerung, die entstanden war, zu erfahren. Er kam der blonden Sängerin gegenüber zu stehen, und unbewacht und unbemerkt flog ein rascher Blick des Einverständnisses zwischen Beiden hin und her.

Die Probe nahm ungestört ihren Verlauf, und rasch kam die weitere Scene heran, in welcher Corona auf der ebenen Bühne spielen und ein Lied singen sollte, das kein bloßer Naturgesang war; in ihm sollte sie bewähren, daß die Vogelkehle fähig war, sich der Weise des Vogelstellers zu fügen, die er ihr vorgespielt und eingelernt. Sie hatte vorher ein kleines Selbstgespräch zu halten und mußte sich den Anschein geben, als habe sie Heu zusammenzurechen. Das Werkzeug dazu lehnte an einem Felsstücke im Vordergrunde. Der Regisseur benahm sich äußerst schweigsam und zurückhaltend; er machte keine Bemerkung, um sie nicht, wie er sagte, im letzten Augenblicke zu verwirren; nur darauf legte er großes Gewicht, daß der Rechen ja gewiß an dem bestimmten Orte liege. Er rief eigens den Requisiteur herbei, um ihn auf die Wichtigkeit des Gegenstandes aufmerksam zu machen, dessen Mangel die noch ungeübte Darstellerin leicht vollständig aus der Fassung bringen könnte; dieser versicherte hoch und theuer, daß nichts fehlen solle; auch der Maschinist Sußbauer, die Zimmerleute und der schwarzhaarige Aushelfer versprachen ihr Augenmerk darauf zu richten, und so ging Alles in den besten Hoffnungen auseinander.

In wenigen Augenblicken war die ganze Bühne leer und dunkel. An den Stufen, die in den Corridor führten, traf der Regisseur, wie zufällig, mit der hochblonden Localsängerin zusammen: ein paar flüchtige Worte wurden zwischen ihnen gewechselt; ein noch flüchtigerer Blick der Dame deutete nach dem Felsstück mit dem Rechen.

Erst als Alles still geworden war, huschte auch Corona die Treppe hinunter und aus dem Hause.

[705] Am Abend hatte es kaum fünf Uhr auf dem Rathhausthurme geschlagen, als unter dem Portale des Isarthor-Theaters schon eine ansehnliche Menschenmenge versammelt war und, unter den Säulen und bis weit herab über die Stufen stehend, sich das Warten nicht verdrießen ließ, obwohl der Märzwind ziemlich kalt von der Brücke herein blies. Es waren meist Leute aus den geringen Ständen: Lehrjungen und Gesellen, die auf dem letzten Platze und der oberen Galerie, „Juhe“ geheißen, sich eine Stelle zu erobern hofften; doch fehlten auch einige Bürger nicht, die es vorzogen, einen bessern Platz durch ein paar Stunden Zeit, statt durch Mehrausgabe eines Sechsers zu erkaufen – die Zeit war damals noch wohlfeil.

Allerlei Gespräch war und kam bald in Gang. Der Eine erzählte von dem Wunderkinde, das heute als Sängerin auftreten solle, und das der König selbst in Tegernsee entdeckt habe. Andere, durch einen Schusterbuben veranlaßt, der den „Jungfernkranz“ pfiff, unterhielten sich von der Pracht und Herrlichkeit der Oper „Der Freischütz“, die eben damals neu gegeben worden, und lachten darüber, wie bei der letzten Aufführung das Wildschwein in der Wolfsschlucht viel zu hoch hereingekommen sei, so daß man die Filztappen des Zimmermanns gesehen, der es getragen.

Die Thorflügel des Theaters öffneten sich endlich. Alles drängte sich, stolperte und fiel in die Halle. Es war noch geraume Zeit bis zum Beginne der Vorstellung, und schon war das Theater in allen Räumen überfüllt. Im Parterre wogten die Köpfe wie eine dunkle Saat durcheinander; von der Galerie herab summte es wie ein schwärmender Bienenstock; in den Logen war kein Platz mehr unbesetzt, und die hochgegürteten Damen der vornehmen Welt mit Turbanen, Baretten, Federschmuck und manch’ anderem hochgethürmtem Kopfputz wehten sich mit ihren Fächern Luft zu oder ließen ihre Brillanten im Wiederscheine des Kronleuchters glänzen. Dazwischen reihte sich mancher artige Mädchenkopf mit silbernem Ringelhäubchen, Mieder und Geschnür, der damals noch ausgezeichneten und mit Auszeichnung getragenen Tracht der Bürgerstöchter. Nur die in der Mitte des Zuschauerraumes gelegene Loge des Königs war leer; ein unerwarteter Besuch hoher Gäste hatte sein vorausgesagtes Erscheinen unmöglich gemacht. Vor dem Vorhange standen bereits zu beiden Seiten zwei Grenadiere mit den hohen Bärenmützen, den Silberlitzen auf der Brust und dem breiten Gürtel mit Beschlag um den Leib.

Der Vorhang mit Apollo und den Sonnenrossen begann bereits zu beben. Im Orchester hauchte die Oboe den Ton, nach welchem die Musiker leicht und rasch die Stimmung prüften, als Baron Worinoff in einer Loge des ersten Ranges neben einer schönen Dame Platz nahm, deren Haltung, sowie die Kostbarkeit ihres Anzuges und Schmuckes zeigten, daß sie hohen Rang mit Reichthum vereine. Sie drückte ihre Freude aus, den Baron wiederzusehen, da sie erst vor einigen Tagen von ihrem fernen Landsitze in die Stadt gekommen und nun zu ihrem Schrecken vernommen habe, daß er inzwischen in Lebensgefahr gewesen. Der Baron nahm eine geringschätzige Miene an und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, von solcher Kleinigkeit besonderes Aufsehen zu machen. Allerdings, erzählte er dann, sei es ihm bei einer Bergbesteigung begegnet, daß er auf dem Rückwege unter einem großen Baume sich auf einen abgehauenen Stamm niedergesetzt, um in der kühlen, mondhellen Nacht etwas auszuruhen, als plötzlich ein Schuß gefallen sei, der ihm den Hut vom Kopfe genommen, während die Kugel durch denselben tief in den Baum gedrungen sei. Die Dame entsetzte sich. Das sei „horrible“, meinte sie, indem sie die Federn ihres Hutes und den Fächer schwingen ließ.

„Der Mörder ist doch längst ermittelt und eingesteckt?“

„So viel mir bekannt,“ erwiderte Worinoff, „ist es noch nicht gelungen, seiner habhaft zu werden. Ohne Zweifel war es ein Bauernbursche, der mir an demselben Tage begegnet war, ein ehemaliger Soldat, der sich an mir rächen wollte, weil ihm in der Gefangenschaft in Rußland nicht Alles nach Wunsch gegangen war. Er ist seitdem flüchtig geworden, und es ist keine Spur von ihm aufzufinden.“

Die Dame fand das unbegreiflich. Was für Zustände! Welch’ ein Land, welche Gegend mußte es sein, wo dergleichen vorkommen konnte! Das erschien ihr geradezu „abominable“. Worinoff stimmte ihr bei, schilderte die Mühseligkeiten einer Bergwanderung, den Mangel jeder Bequemlichkeit, sowie die stete Gefahr irgend eines Unglücks. Die Gegend sei gänzlich unwegsam, und in den unzugänglichen Bergschluchten verbergen sich noch obendrein Wild- und Raubschützen, von denen Einer sogar den halbzahmen Lieblingshirsch des Königs erschossen, der daher auch auf Ermittelung des Thäters einen Preis von hundert Dukaten gesetzt habe.

„Und aus diesem Lande, von diesen Halbwilden,“ fragte die Dame, „stammt die Sängerin, die wir heute zu hören bekommen sollen? Wie hat sich ein solches Talent in diese Wildniß verirrt?“

„Nun, wie man es nimmt, Comtesse,“ entgegnete Worinoff etwas befangen. „Ich habe das Mädchen dort gesehen – gewiß, sie hat eine gute Stimme und eine eigenthümliche Art zu singen. Aber ich bin doch bange für sie; es fehlt ihr jede Fähigkeit zu feinerer Ausbildung. …“

Er hatte nicht Unrecht, wenn er so sprach. Corona hatte bei seinen anfangs häufigen Besuchen in Bälde und unverkennbar gezeigt, daß sie für die Ausbildung nach seinem Geschmack keinen Sinn habe. Er war dann ausgeblieben und erklärte sie für eine dumme Bauernmagd, die am besten thun würde, bei ihren Kühen und Melkkübeln zu bleiben.

Bald begann die Musik; nach wenigen einleitenden Tacten hob sich der Vorhang. Die Vorstellung nahm ihren Anfang und ging unter lebhafter Theilnahme und großer Heiterkeit der Versammlung ihren geregelten Gang. Jetzt zeigte sich die neue Berglandschaft mit dem fernen See und der Almhütte. Ein Geflüster flog durch das Haus; denn die Debütantin stand in ihrer heimischen Bauerntracht vor der Hütte und begann ihr Lied. Corona sang mit beklommenem Athem; aber sie sang ihr Lied gut zu Ende. Sie hatte sich vorgenommen, sich an gar nichts und an gar Niemand zu kehren und gerade so zu thun, als säße sie daheim vor ihrer Hütte auf der Gindelalm. Der athemlos lauschenden Stille folgte lebhafter Beifall; aber in denselben mischten sich deutlich jene bedenklichen Töne, mit welchen das Gegentheil des Beifalls ausgedrückt oder doch angedeutet werden soll, daß es noch zu früh sei, Beifall laut werden zu lassen. Die vielen Reden und Lobpreisungen, welche in der Stadt herumgegangen waren, hatten die Erwartungen übermäßig gespannt; man glaubte, einer Art Naturwunder zu begegnen und fand verstimmt ein hübsches Bauernmädchen, das eben sang, wie ein Bauernmädchen zu singen pflegt. Die nachgeahmten Vogelstimmen aber dünkten vollends Manchem wie eine Spielerei, die sich auf den Bergen zu der Cither recht gut ausnehmen mochte, die aber in einem Kunsttempel nicht am Platze war. So kam die Hauptscene herbei, und Corona betrat die Bühne, noch immer ruhigen Blutes; sie hatte das Zischen nicht gehört oder dessen Bedeutung nicht verstanden. Sie sprach ihre Rede ohne Störung und näherte sich dem Felsstücke, um den Rechen zu ergreifen – aber wie sie auch ihre Blicke anstrengte und umherschickte, der Rechen, das wichtige und so sehr eingeschärfte Requisit, war nirgends zu erblicken. Betroffen stand sie einen Augenblick; eine Pause trat ein und säuselndes Gelächter flog durch das Haus.

Da tauchte plötzlich hinter dem Felsstücke ein Hemdärmel und ein Arm empor und reichte ihr den Rechen. Sie griff danach, aber das Säuseln draußen steigerte sich zum Sturme. Corona stieg das Blut zu Gesicht und klopfte ihr in den Schläfen. Dennoch behielt sie Fassung genug, zu bemerken, daß der Augenblick herankam, in welchem der zweite und künstlichere Theil ihrer Aufgabe abermals mit Gesang beginnen sollte. Sie begann, auch, aber unsicher und schwankend; der Anblick des auf sie schauenden bewegten Publicums, der sie zuerst gleichgültig gelassen, begann nun auf sie zu wirken: sie verlor erst den Tact, setzte unrichtig ein, und dasselbe säuselnde Lachen der einmal entfesselten Heiterkeit klang ihr als Antwort entgegen. Da fühlte sie es noch glühender in sich auflodern – zum Entsetzen des Capellmeisters, der mit erhobenem Tactstocke wie versteinert dastand, brach sie mitten im Gesange ab und trat, den Arm in die Hüfte gestemmt, bis an die Lampen vor. Sie gedachte nicht mehr, wo sie stand; es muthete sie an, als sei sie zu einem Trutzgesange herausgefordert worden und müsse darauf antworten. Schallend und mit voller Stimme, als müsse sie das Echo der Berge wecken, sang sie auf die Zuschauer hinunter:

[706]

„Das hölzerne G’lachter,
Das könnt’s wohl erspar’n.
B’hüet enk Gott miteinand’!
Macht’s enk selber den Narr’n!“

Im nächsten Augenblicke war sie hinter den Coulissen verschwunden.

So etwas war noch nicht dagewesen.

Der Vorhang sauste herunter und schied die empörten Hälften der Theaterwelt voneinander. Vor demselben schrieen, lachten, pfiffen und trampelten die Zuschauer; hinter demselben rannten Schauspieler und Bühnenleute, Director und Regisseur mit nicht minderem Lärm durcheinander. Wie ein gereizter Lindwurm, der nach seinem Opfer späht, sprang der Regisseur hin und wieder; der Director aber rief: „Wo ist die Unglücksperson? Hinauf mit dem Vorhange! Schleppt sie mir heraus! Sie muß ausspielen, oder ich lasse sie vier Wochen in den Falkenthurm setzen.“

Die hochblonde Soubrette aber trat mit lammfrommem Gesichte hinzu und erklärte sich bereit, die Rolle auszuspielen. „Eigentlich sollt’ ich es nicht thun,“ sagte sie. „Aber was bringt man nicht für Opfer für die gute Sache! Ich habe es ja vorhergesagt, daß es so kommen wird.“

Wieder blinzte sie nach dem Regisseur hin, und in dem Blinzen lag, daß sie nicht die Einzige gewesen, die gewußt, daß es so kommen werde, und auch warum. Der Director nahm den Vorschlag mit Entzücken an; aber auch die davon verständigten Zuschauer begrüßten die Aushülfe mit Applaus: es war auch der einzige Ausweg; denn Corona herbeizuschaffen, mußte bald als eine Unmöglichkeit erkannt werden. Sie hatte die ersten Augenblicke der Verwirrung benutzt und war weder im Ankleidezimmer, noch auf der Bühne, noch in den Corridors zu finden.

„Wie hat sie sich denn nur hinausgefunden?“ rief Director Carl. „Sie muß eine Versenkung oder ein Flugwerk benutzt haben. In der kurzen Zeit konnte sie sich unmöglich so im Theater orientiren und der Hausmeister sagt auch, daß sie bei ihm nicht vorübergekommen sei. Ich bin doch schon lange Director, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.“

Die Lösung des Räthsels ließ übrigens nicht lange auf sich warten. Aus der Werkstätte in der Tiefe des Theaters, wo eine meist nur von Zimmerleuten benutzte Treppe zu einem Seitenausgange führte, kam bedächtigen Schrittes der Maschinenmeister Sußbauer heraufgestiegen, auf seinem emporgehobenen Maßstabe eine schwarze Perrücke tragend. „Da schauen Sie her,“ rief er, „was ich gefunden hab’! Die Hinterthür ist offen, und daneben ist die Perrücken dag’legen und der Schurz von meinem Aushelfer.“

„Dann wissen wir schon, woran wir sind,“ rief Carl in komischem Zorne. „Das ist ein förmliches Complot. Der Bursch’ in der schwarzen Perrücke war offenbar mit dem Mädel einverstanden und hat ihr fortgeholfen. Sicher ist es auch kein Anderer gewesen, der ihr den Rechen herausgereicht hat. Aber wenn Er mir noch einmal mit einem solchen Zimmermanns-Dilettanten kommt, Sußbauer, dann soll Ihn der Teufel holen.“

– Die Entflohene war indessen in die wilde Märznacht hinausgestürmt, in welcher die matten Lämpchen der Straßenlaternen mit dem Winde um ihr flackerndes Dasein kämpften. Sie hatte gar nicht Acht gehabt, wie sie eigentlich aus dem Hause gekommen, und wer es gewesen, als eine Hand schnell die ihre gefaßt und sie hastig nach sich gezogen hatte; erst jetzt, als ihr die kalte Luft unfreundlich um Stirn und Wangen blies, besann sie sich des Vorgefallenen deutlicher; erst jetzt kam es ihr vor, als habe ihr die Stimme des Retters bekannt geklungen; erst jetzt dachte sie daran, sich nach ihm umzusehen. Er hatte sich hart an ihrer Seite gehalten – obwohl er den Bart abgenommen, erkannte sie auf den ersten Blick Quirin’s hohe, benarbte Stirn und starrte ihn wortlos an; ihr erster Gedanke war, daß er ihr diesen Anlaß abgelauert habe, um seinen Spott mit ihr zu treiben und sie fühlen zu lassen, wie sehr er Recht behalten mit seiner Prophezeiung. Aber Quirin ließ ihr nicht lange Zeit zu erwägen; er grüßte sie mit ruhigem Tone, durch welchen nur schwach die Erregung des Vorgefallenen durchzitterte.

„Grüß Gott, Rohnberg Corona!“ sagte er. „Sei nit bös, daß ich Dir so in den Weg komm’ – aber mir ist halt, als wenn Du jetzt wen brauchen könntest, auf den Du Dich gut verlassen kannst. Was hast jetzt im Sinn? Wo willst hin?“ fuhr er fort, als sie noch immer beklommen schwieg. „Da darfst nit bleiben; ich denk’ wohl, sie werden bald herauskommen und nach Dir suchen. Willst in Deine Wohnung?“

„Nein, nein!“ rief sie hastig, „Da thäten s’ mich auch suchen … Ich geh’ nimmer hin; ich thät’s nit aushalten, wenn ich den Leuten allen in die spöttischen Gesichter sehen müßt’.“

„Dasselb’ will ich wohl glauben,“ entgegnete Quirin, „aber wohin willst nachher?“

„Ich weiß nit,“ sagte Corona, und die erste freigewordene Thräne brach ihr aus dem Auge. „Ich will nur fort, fort aus der Stadt, dahin, wo mich kein Mensch mehr sucht – am liebsten fort aus der Welt.“

„Das wär’ ein bißl gar zu weit,“ rief Quirin freudig. „Aber willst wirklich ganz fort? Willst wirklich nimmer in der Stadt bleiben und nimmer in das Komödihaus da zurück?“

„Niemals, niemals,“ entgegnete sie mit matter Stimme. „Lieber sterben.“

Während des Gespräches war sie wie unbewußt an Quirin’s Hand rasch fortgeeilt und hatte, achtlos dessen Leitung folgend, längst die Bogen des Isarthores hinter sich. Sie näherten sich, an den Gärten und kleinen Häusern vorüberschreitend, der Isarbrücke.

„Wenn Du willst und das Fahren in der Nacht nit scheust,“ begann Quirin nach einer Weile, „dann könnt’ ich Dir vielleicht helfen. Ich mein’, Du wirst jetzt nach Tegernsee nit gern zurückwollen; da wird ’s ein großes Gered’ geben und ein Gespött, dem Du vielleicht gern aus dem Weg gehst. Ich hab’ neulich gehört, die Clarl, Deine gute Freundin von der Gindelalm, hat so Zeitlang gehabt nach Dir, daß sie auch nimmer hat in Tegernsee bleiben wollen – sie hat sich jetzt nach Osterwarngau heraus verdingt als Hauserin zu einem Bauern, der ganz einschichtig mit seinen kleinen Kindern haust …“

„Ja, ja, zu der will ich,“ unterbrach ihn Corona mit unverkennbarer Freude. „Die nimmt mich auf und versteckt mich vor den Leuten, bis das erste Gered’ vorüber ist. Und wenn wieder der Auswärts kommt, werd’ ich schauen, daß ich wieder auf die Gindelalm komm’ und den Leuten aus dem Gesicht bin.“

„Du wirst wohl wissen, was Du zu thun hast,“ sagte Quirin mit anscheinender Ruhe, während ihm das freudige Herz bis an den Hals herauf schlug. „Nach Warngau aber wär’ just eine gute G’legenheit da – über der Brucken drüben, im Kreuzlgießergarten, stellt der Bäck’ von Warngau ein, der jede Woch’ botenweis nach München fahrt; der reist in einem Stündl ab. Wenn ’s Dir recht wär’, so wär’ ’s doch für ’was gut g’wesen, daß ich Dir jetzt so begegnet bin.“

„Red’ nit so!“ entgegnete Corona beklommen. „Meinst, ich sollt’ glauben, daß Du mir so zufällig begegnet bist? Meinst, ich hätt’ Dich nit erkannt, wie Du mir zugerufen hast: ‚Da hinunter!‘? Warum willst es nit eingesteh’n, daß Du mit Fleiß in der Näh’ gewesen bist, daß Du in der Still’ auf mich Acht ’geben und jetzt das Alles schon im Voraus hergericht’t hast? Willst nit haben, daß ich Dir dafür danken soll?“

„Weiß Gott, wie gern ich Dir ’was zu Dank thun möcht’,“ sagte der Bursch hinwieder. „Aber es ist doch nit so, wie Du meinst; es ist Alles nur das gute Glück, daß sich ’s so getroffen hat. Ich bin Knecht gewesen in einem Bräuhaus in der Näh’, und damit ich mir ein paar Kreuzer mehr hab’ verdienen können, hab’ ich in der Komödi als Zimmermann mitgeholfen. Das ist Alles – ich hab’ halt selbig’smal nimmer daheim bleiben mögen.“

„Sag’ lieber, Du hast nit dürfen, Du hast Dich aus’m Staub g’macht!“ entgegnete Corona, „Du wirst wissen, daß am selbigen Abend, wie der Russ’ von der Gindelalm herunter ist, auf ihn g’schossen worden ist – Sie haben’s Alle auf Dich g’halten.“

„So?“ rief Quirin mit eigenthümlichem Lachen. „Haben sie’s auf mich gehalten? Kann mir’s schier denken. Aber sag’ selber: mit was hätt’ ich denn schießen sollen? Du hast ja selber g’seh’n, daß ich nix von einem Schießzeug gehabt hab’. – Es hätt’ nur höchstens mein Bergstock losgeh’n müssen.“ Corona wollte erwidern; aber Quirin unterbrach sie. „So, da sind wir schon,“ sagte er, „jetzt kann’s gleich dahin geh’n; der Bäck’ hat sein Wagerl schon hergericht’t, und der Hausknecht führt schon die Pferd’ heraus zum Einspannen. Steig nur auf, Corona! Und vor Gebetläuten bist schon in Warngau.“

[707] Corona war dieser Ausweg so erwünscht gekommen, daß sie in einer Art von Halbtraum zugehört und dahingeschritten war; sie hatte wohl noch allerlei auf dem Herzen, was sie gegen Quirin auszusprechen wünschte, aber sie fand die Worte nicht dazu, und wenn sie solche gefunden, wollte doch kein Laut aus der Kehle. – Auch war [707] Quirin sichtbar bemüht, jede weitere eingehende Unterhaltung abzuschneiden. Deshalb betrieb er die Abreise mit augenscheinlicher Eile und half der nicht Widerstrebenden auf den Sitz neben dem Bäcker, dem er sein „Bäschen“ auf’s Beste empfahl und der die Empfehlung gleich dadurch würdigte, daß er eine warme Decke zum Schutze gegen die rauhe Märznacht über sie warf. Kaum fand Corona noch Zeit, Quirin ihren flüchtigen Dank zu wiederholen, ihn zu fragen, wo sie ihn wiederfinden könne, um ihm dann erst so recht zu sagen, wie hoch sie den Dienst anschlage, den er ihr geleistet. Er überhörte die Frage, setzte den einen Fuß auf die Radspeiche, hob sich gegen Corona empor und sagte ihr seinen Abschied in’s Ohr; der Bäcker nahm eben vom Wirthe Zügel und Peitsche in Empfang und achtete nicht auf die Beiden.

„B’hüt Dich Gott, Sennerin!“ flüsterte Quirin. „Laß Dir’s gut geh’n und grüß’ mir im Auswärts die Gindelalm! Weil ich aber sorg’, es könnt’ Dir jetzt daheim ein Bißl hinderlich geh’n, d’rum möcht’ ich Dir ein Andenken mitgeben – da nimm das Papier da! Wenn Du in Warngau bist, mach’s auf und lies’s!“

Sie wollte Näheres wissen, wollte fragen – da zogen die Pferde an, das Blatt blieb ihr in der Hand; sie hörte nur noch aus weiter Ferne ein windverwehtes letztes „Bhüt’ Gott!“ des Burschen.

Es kam Alles genau, wie er vorhergesagt. Eben begann der späte Frühlingsmorgen zu grauen und die Glocke verkündete das Frühgebet, als sie vor dem Hofe hielten, in welchem Clarl als Wirthschafterin hauste. Bald hatte sie die Alte herausgepocht, die schlaftrunken und betroffen von der unerwarteten Begegnung vor ihr stand und sich flüchtig das Geschehene erzählen ließ. Zu genauerer Mittheilung war keine Zeit: im Hause des Bauern ist die Arbeit die erste Gebieterin; Clarl hatte vollauf zu thun und nur eben Zeit genug, Corona dem Bauer als ihre Base vorzustellen, die unerwartet zum Besuche gekommen. Erst als der späte Abend herankam, saßen sie Beide in Clarl’s Kammer auf dem Rande des gemeinsamen Bettes und erzählten und sprachen, bis die Mitternacht nahe und das Stückchen geringer Kerze, das die Kammer beleuchtete, am Erlöschen war.

Eine hatte der Anderen so viel zu sagen, Corona von ihren Erlebnissen bis zu der Stunde, da sie flüchtig an die Hütte der Freundin gepocht, Clarl von allen den Hoffnungen und Erwartungen, die sie sich von Corona gemacht, und wie doch oft etwas wie Reue und Sorge über sie gekommen, wie sie sich einen Vorwurf daraus gemacht, daß sie Corona angetrieben, den gewagten Entschluß auszuführen, und daß sie so vielleicht die Schuld trage, wenn die Sache keinen guten Ausgang nahm. Nachdem sie Alles erfahren, gab sie, wenn auch mit schwerem Herzen, das erträumte, vermeintlich mühelose und reizende Stadtleben auf und bot Corona herzlich die Hand. „Nun, wenn’s nit sein soll,“ sagte sie, „und wenn’s Dir so aufg’setzt ist, mußt Dich halt d’rein finden. Bist ja ein gescheites Leut; greif halt wieder zur Arbeit und lach’ über das, was Dir gescheh’n ist! Und wenn Du in meine Fußstapfen treten und ein alter Dienstbot’ werden mußt, wie ich, nachher wollen wir halt einmal in der Ewigkeit einander helfen beim Wolkenschieben. Aber was red’ ich denn da daher?“ rief sie, sich unterbrechend. „Mit dem Wolkenschieben hat’s ja wohl bei Dir keine Gefahr – der Wachtelschlager laßt Dich nach Allem, was Du mir erzählt hast, nimmer aus, und wenn Du Dich auch noch so stark einspreiz’st, geht das Spötterl zuletzt doch in dem Schlaghäusl ein. Was ist denn in dem Papier, das er Dir gegeben hat?“

„Ich weiß noch nit,“ entgegnete Corona, indem sie das Blatt aus dem Mieder hervorzog. „Ich hab’s heut’ schon ein paar Mal in der Hand g’habt und aufmachen wollen, und allemal ist mir wieder gewesen, als wenn mich was abhalten thät’. So hab’ ich’s für’n Abend aufg’spart. Kann mir zwar gar nit [708] einbilden, was das sein sollt’, das mir helfen könnt’; aber was’s auch ist – nit wahr, Clarl, das mußt mir versprechen, daß Du keinem Menschen was davon sagst.“

„Versteht sich,“ sagte Clarl; „das versprech’ ich Dir mit Mund und Hand. Wenn er auch ein Wildling und nichts ist als ein armer Steinklopfer, ist er Dir doch redlich beigestanden, und das ist schön von ihm; – das druck’ ich ihm gewiß in ein Wachsl.“

Während dessen hatte Corona das Blatt entfaltet, das in schweren unbehülflichen Zügen einige geschriebene Zeilen enthielt; sie las und hatte kaum gelesen, als sie schluchzend aufsprang und an das kleine Fenster eilte, um in die Nacht hinauszusehen und ihre Erregung vor Clarl’s verwunderten Augen zu verbergen. Kopfschüttelnd griff diese den Zettel vom Boden auf und buchstabirte mühselig und langsam daran herum. Er lautete:

„Weil der König Demselbigen hundert Ducaten versprochen hat, wer ’s herausbringt, so bezeug’ ich hiermit von freien Stücken, daß ich der Wildschütz, der Gamstod, bin. Der König soll die hundert Ducaten an die Corona Rohnberger auszahlen und soll ihr sagen, daß ich sie noch recht schön grüßen lass’. Quirin Grabner.“

Clarl schwieg, als sie geendet; schweigend löschte sie die Kerze, legte sich nieder und störte Corona nicht, die noch lange ebenfalls stumm und regungslos am Fenster verweilte. Draußen war dunkle, mondlose Nacht, durchwebt mit Sternenschein von wunderbarem Reichthum und Glanz; nur ganz in der Ferne brannte in irgend einem Hüttenfenster ein schwaches Licht. Corona’s Gedanken schwebten fragend und suchend in das Dunkel hinaus; die Erinnerung leitete den Schwung ihrer Flügel. … Bald kam es ihr vor, als höre sie Waldessausen und Wasserrauschen und das ferne Licht käme aus dem kleinen Fenster einer einsamen Sägemühle im Walde. … Die Erde schloß sich mit Wald und Flur und Berg so schwarz an den schwarzen Himmel an, daß sie in einander unterzugehen schienen; das Licht war, als wäre ein Glückssternlein vom Himmel gefallen, um nun auf der Erde zu verglühen.

[719]
4. Ich weiß nur, was ich hab’.


Der Sommer ging wieder zu Ende. In den Kirschbäumen um Tegernsee glühten und dunkelten die rothen und schwarzen Früchte, die immer später reifen als draußen im milderen Flachlande; in den Grasgärten um die Bauernhöfe fingen die Zwetschen zu blauen an, und als wollten sie mit freundlicher Färbung nicht zurückbleiben, vergilbten die Birken an den Höhen und begannen die Buchen der Wälder sich zu röthen. In Haus und Hof rüstete man sich überall für den Herbst, dem oft nur zu rasch der Winter auf die Fersen tritt. Um Fenster und Thüren wurde das Brennholz als Schutzwand und Vorrath aufgeschichtet, und aus den Scheunen klopfte schon hier und da der Tactschlag der Drischel, während auf den Berghalden das Winterheu schon in den zerstreuten Hütten untergebracht und von den höher gelegenen Almen die Abfahrt bereits gehalten war. Schwalben und Staare bereiteten sich zum Abzuge; dafür waren im Seethale andere Zugvögel angekommen – Gäste, die man gleich gern sah und mit gleicher Freude willkommen hieß wie jene, wenn sie zum Beginne des Frühjahrs kamen, den Lenz zu verkünden. König Max war wieder da, um den Jagdfreuden obzuliegen, das Herz zu erfreuen an der Schönheit des Thales und den Sinn zu erfrischen an seiner paradiesischen Ruhe und Einsamkeit.

Um diese Zeit war Handel und Wandel und das ganze Leben in den Seedörfern ein viel regeres und lauteres, und besonders an einem schönen klaren Septemberabende konnte der Wiederhall in den Bergen gar nicht zu Ende kommen, auf all’ das Jauchzen, die Horn- und Trompetentöne und das Büchsenknallen zu antworten, das an der Neureit hinan aus dem Bergeinschnitte ertönte, durch welchen der Albach sich das abschüssige Bett gegraben. Der König hatte den Bergschützen ein großes Schießen mit reichen Preisen gegeben; in der schattigen Thalschlucht waren die Scheiben aufgestellt und der Schützenstand errichtet worden, und Alles, was irgend mit dem Stutzen umzugehen verstand, hatte sich eingefunden. Da waren die Männer alle, von den jüngsten, die noch mit dem Pulver das Lehrgeld bezahlten, bis zu den wackeligen Greisen, welche die Büchse nicht mehr ruhig halten und den Schwarzschuß nicht sicher abzielen konnten, sondern im Auffahren und wie im Fluge abfangen mußten.

Auf dem geräumigen Platze vor dem Hause des Bäckers, der zugleich den Wirth machte, war der Mittelpunkt des ganzen Festes.

Da stand noch von der Frühlingsfeier her ein Maibaum von solcher Höhe, daß er mit den Kirchthürmen wetteiferte. Während den Stamm unten ein Mann kaum zu umklammern vermochte, bog er sich oben fast zur schwachen Gerte, welche nicht im Stande schien, den bekränzten und bebänderten Reifen und die weiß-blaue Flagge zu tragen, welche im frischen Abendwinde und in den Pulverwolken flatterte, die jeden Augenblick neu aus den krachenden Büchsen und Böllern emporstiegen. Unweit von den Schießständen waren Tische und Bänke im Schatten aufgeschlagen, damit auch andere Bewohner Tegernsees mit ihren Gästen und mit Frauen und Mädchen Gelegenheit hätten, an dem Feste der Schützen theilzunehmen. Daneben saßen die Musikanten, eifrig bemüht, durch allerlei Tänze, Märsche und andere Stücke die Zeit auszufüllen, bis ihre Hauptaufgabe herankam, am Schlusse des Festes bei der Preisvertheilung jeden Fahnenträger mit einem Tusche zu begrüßen und dann dem feierlichen Aufzuge durch die Dorfgassen voranzublasen. Ueber einer großen, aus Tannengewinden aufgebauten Pforte, die auf den eigentlichen Schießplatz führte, waren die Preisfahnen ausgestellt, meist schwere Seidentücher mit angereihten Goldstücken und blinkenden Silbermünzen oder feinen Gemälden aus dem Jäger- und Schützenleben. Unweit davon befand sich die Schützenschreiberei, von vielen Neugierigen umdrängt; eben war eine neue Scheibe aufgestellt und die alte hereingebracht worden; der Forstmeister als Schützenmeister und ein paar Bauern als Beisitzer waren eifrig darüber, die Schüsse abzuziehen und zu bestimmen, was jeder gelten solle, und welcher in zweifelhaften Fällen für den bessern zu halten sei.

Die Versammlung vieler Menschen hatte, wie gewöhnlich, auch allerlei Leute herbeigeführt, die eine solche Gelegenheit gern ausbeuten und daher mit allerlei Kleinkram erschienen, den sie in der erhöhten und freigebigeren Stimmung der Anwesenden an den Mann zu bringen hofften. Da waren Lahninger herübergekommen aus dem nahen Tirol – fahrende Leute, die ihren kleinen Blachenwagen selbst zogen, in dem sie mit Weib und Kind hausten und doch noch Raum fanden für einige Körbe rothblauer Küchelberger Trauben aus den Weinbergen von Meran, für schöne Goldreinettenäpfel oder zartflaumige Pfirsiche. Ein Ständchen mit Lebkuchen, Pfeffernüssen und ähnlichen Näschereien fehlte ebenso wenig wie ein anderes mit bescheidenen einheimischen [720] Kirschen und Brombeeren und ein drittes mit Amuletten, Rosenkränzen und anderem heiligem Krame für Leute, die es liebten, auch mitten in der fröhlichsten Lustigkeit ihres vielleicht bedrohten Seelenheils zu gedenken. Auch ein Zillerthaler hatte sich eingefunden – ein stattlicher Bursche mit rothem Haare und mächtigem Barte und mit starkem Lederrücken in der Jacke, um den schweren Ruckkasten leichter tragen zu können, in welchem Handschuhe und Hosenträger kunstvoll eingepfercht waren, während er einige grüne Teppiche über dem Arme trug.

Obwohl die Sonne sich schon zum Untergange neigte, krachten die Schüsse doch noch um die Wette; der alte Sonnen-Moser meinte, es sei jetzt das allerbeste Licht, und die Luft schmeichle die Kugel von selber mitten in das Schwarze hinein.

Auch viele der anderen Seebauern waren zugegen. Am Herrentische saßen der Landarzt, der Pfarrer, der Doctor und der Landrichter als Honoratioren beisammen; der Extratisch war leicht daran zu erkennen, daß über denselben ein weißes Tuch mit rothem Besatze und Fransen gebreitet war, während die Krüge niedrigerer Gäste unmittelbar auf der blanken Ahorntischplatte standen. Auch Jessik, der illyrische Schneider und Theaterdirector, fehlte nicht. Ihm war das Amt des Zielers zu Theil geworden, das er, in einen buntscheckigen Harlekinsanzug gekleidet, mit seinem Kauderwälsch und allerlei lächerlichen Geberden und Stellungen zur großen Zufriedenheit der Schützen und noch mehr der zuschauenden jüngeren Bursche versah. Sie fanden gar viel zu lachen über die wunderlichen Sprünge, die der närrische Kerl zu machen wußte, und manch Einer reichte ihm den Krug, damit er ihm Bescheid thue zum Lohne für das gewährte Vergnügen.

So zahlreich die Versammlung und so groß und laut deren Heiterkeit gewesen, kam doch neue und noch lebhaftere Bewegung in dieselbe, als gegen Abend sich auch die Jäger einfanden, von einer größeren Jagd zurückkehrend, die für einige Gäste des Hofes und vornehme Herren eigens veranstaltet worden war, um ihnen die Mühen und Freuden einer Hirschjagd in den Bergen zu zeigen. Nach Jägerart gab es da eine Menge zu erzählen; besonders aber war es heute eine Neuigkeit, welche alle gewöhnliche Jagdereignisse vollständig in den Hintergrund drängte.

Der eine der Jäger war, noch ehe er Platz genommen, zum Forstmeister getreten und hatte demselben eine Meldung gemacht. Obwohl er leise gesprochen, hatten die Beisitzer beim Scheibenabziehen doch etwas davon vernommen, und als der Forstmeister, in freudiger Ueberraschung aufspringend, ausrief: „Was sagt Ihr? Ihr habt herausgebracht, wer der Gamstod ist?“ da war das Geheimniß nicht wohl mehr zu bewahren.

„Da komm her, Bäck!“ rief der Sonnen-Moser dem geschäftigen dicken Wirthe zu. „Ich geb’ Dir Deine Ehr’ wieder: Du bist nicht der Schütz, der mit zinnenen Kugeln schießt; man weiß jetzt, daß Du nicht der Gamstod bist.“

Die Männer traten lachend zusammen und umstanden in dichtem Ringe den Jäger, der von der wichtigen Entdeckung, die er gemacht, berichtete. Er sei, sagte er, mit dem fremden russischen Cavalier, der mit dem Hofe herausgekommen, auf dem Anstande gestanden; gerade da, wo sich die Buchenleite von der Gindelalm gegen die Neureit herunterzieht, auf der kleinen Waldblöße gegen den Weg hin, wo die große einzelne Eiche stehe. Der Forstmeister erinnerte sich sogleich genau des Platzes. „Das ist derselbe Platz,“ sagte er, „wo im vorigen Jahre auf den russischer Herrn, den Baron Worinoff, geschossen worden ist, daß ihm die Kugel durch den Hut ging.“

„Genau an demselben Orte war’s,“ fuhr der Jäger fort. „Der Trieb hatte noch nicht begonnen, und so erzählte mir der Herr Baron, wie es zugegangen, und zeigte mir, wo er und wie er gesessen, als der Schuß auf ihn gefallen.“

„Ich kenne den Platz auch,“ sagte der Landrichter. „Ich habe ihn nach dem Vorfalle in Augenschein genommen und zu Aller Verwunderung eine Kugelspur nicht finden können.“

„Heute haben wir sie gefunden,“ rief der Jäger freudig. „Sie muß ein Bischen stark gestiegen sein. Wie ich genauer nachsah, entdeckte ich ein kleines Löchlein. Ich nehme geschwind mein Messer heraus, schnitze die Rinde weg, und was finde ich?“

„Wirklich eine Kugel?“ fragte der Forstmeister.

„Ja wohl, eine Kugel, aber was für eine! Da schauen Sie her!“

„Das ist ja eine Zinnkugel, wie sie der Gamstod schießt!“ riefen Mehrere, als sie das plattgeschlagene Geschoß erblickten, das der Jäger auf der Hand herumzeigte.

„Freilich ist’s eine Zinnkugel,“ rief der Jäger vergnügt, „und jetzt ist Alles auf einmal heraus; den Schuß hat kein anderer Mensch gethan, als der Quirin, der Steinhauer im Marmorbruche. …“

„Wenigstens ist der dringendste Verdacht gegen ihn,“ sagte der Landrichter. „Er hat kurz vorher mit dem Baron Worinoff in einer Sennhütte auf der Gindelalm Streit angefangen und ihn auf Leib und Leben bedroht. Ueberdies ist er gerade seit jenem Tage spurlos aus der Gegend verschwunden. Wenn der also, wie es wahrscheinlich ist, auf den Baron geschossen, wenn diese jetzt aufgefundene Kugel, wie kaum zu zweifeln, von jenem Schusse herrührt, und wenn feststeht, daß der Gamstod mit solchen eigentümlichen Kugeln zu schießen pflegte, so ist wohl auch kein Bedenken darüber, daß der Steinhauer mit dem gefährlichen Raubschützen ein und dieselbe Person ist.“

„Merkwürdiges Zusammentreffen!“ sagte der Pfarrer. „Wieder ein Beispiel, wie doch zuletzt Alles an das Licht der Sonne kommt, und wäre es noch so fein gesponnen.“

„Schau, schau – der Quirin!“ sagte der Hofbauer kopfschüttelnd. „Das hätt’ ich dem Burschen nicht zugetraut.“

„Warum nicht?“ rief der Forstmeister. „Verwegen genug sah er aus. Jetzt, wenn ich mir’s überdenke, wundere ich mich, daß ich nicht schon längst auf den Gedanken verfiel. Und der freche Bursche hatte noch die Keckheit, mich um Verwendung als Jäger anzusprechen. Er hat offenbar noch seinen Spott mit mir getrieben.“

„Desto schwerer wird das Loos sein, das ihn nun erwartet,“ entgegnete der Landrichter. „Die vielen gefährlichen Wilddiebstähle, die er verübt, dazu der offenbare Mordversuch! Wenn er je in die Hände der Justiz fällt, ist die bürgerliche Gesellschaft für ein zwanzig Jährchen gesichert.“

„Na, da wird er sich hüten und wird nimmer in die Näh’ kommen,“ sagte der Sonnen-Moser. „Weiß Gott, wo der sich in der Welt herumtreibt, wenn er noch lebt, und ich muß sagen, ich möcht’ fast wünschen, daß er nicht wieder käm’; es ist doch schad’ um ihn, und daß es so weit mit ihm hat kommen müssen. Wild ist er g’wesen und gach (jäh) – das läßt sich nit abstreiten – aber sonst doch ein richtiger Bursch.“

Das Gespräch wurde durch das Klingeln vieler Glocken und das Geblöke einer Viehheerde unterbrochen, die in der Wegschlucht des Albaches herabgetrieben wurde; zugleich krachte draußen bei den Scheiben ein Böllerschuß; ein glücklicher Schütze hatte den Punkt herausgeschossen, und Jessik, der Zieler, kam schreiend unter Capriolen und Purzelbäumen heran, die Scheibe zu überbringen, die nach jedem solchen Schusse abgenommen zu werden pflegte. Die Burschen und viele von den Gästen liefen dem Hohlwege zu, um das Vieh zu sehen.

„Das kommt von der Gindelalm herunter. Die fahren ab von der Alm,“ rief es durcheinander. „Wer sind denn die Sennerinnen?“ Und bald klang die Antwort der Vordersten zurück: „Das ist ja gar das Spötterl, das abtreibt. Da schaut’s her! Schaut das hoffartige Dirndl an, dem Keiner gut genug gewesen ist! Wie ist’s, Spötterl? Jetzt brauchst selber nimmer zu sorgen für’n Spott.“

Das Mädchen erwiderte nichts. Todtenbleich und gesenkten Blickes schritt sie den Hohlweg hinab, während Clarl die vom Geschrei erschreckten Kühe zu bändigen suchte und die Spöttereien der Bursche mit lauten Schmähreden vergalt. Auch der Zieler war durch den Lärm aufmerksam gemacht und herbeigelockt worden; er hatte Corona kaum erblickt, als er mit wildem Lachen, in dem sich Hohn und Bosheit mischten, sich über den Zaun hinunter in den Hohlweg schwang und auf Corona loseilte. Ehe sie sich des unerwarteten Angriffes erwehren konnte, hatte er sie bereits ergriffen und im Kreise gedreht.

„Oho!“ schrie er, „Spötterl, bist Du da? Das ist recht. Hast nicht wollen Narren machen auf Theater meiniges und bist zum Narren gemacht worden in der Stadt? Bist wieder da und möcht’st jetzt wohl zu mir; ich will Dich auch nehmen für ein rupfiges Hemd auf das ganze Jahr. Juhe! Gieb mir ein Bussel! Sind wir gleich und gleich, und gehört ein Hanswurst zum andern.“

[721] Er versuchte, der Widerstrebenden die Hände festzuhalten und sein Gesicht, das mit Ruß beschmiert war, damit es aussehe, als habe er einen Bart, an das ihrige zu drücken. Sie wehrte sich mit aller Kraft des Zornes; dennoch wäre sie erlegen, denn die Burschen zauderten ihr zu Hülfe zu kommen, wenn auch das Benehmen des Schneiders nicht ihren Beifall hatte. Plötzlich aber sprang ein Mann den Hag hinunter, packte Jessik und hatte ihn mit Einem Rucke von Corona weggerissen.

„Hanswurst, elender!“ schrie er. „Willst das Madl in Ruh’ lassen?“ Es war der rothbärtige Zillerthaler, der inzwischen mit seiner Handelschaft herumgegangen war und von Allem, was geschehen und gesprochen worden, nichts vernommen hatte. Corona war durch seine Hülfe augenblicklich frei; der Zieler aber ließ sich nicht so leicht abschrecken. Wie eine wilde Katze raffte er sich zusammen und sprang dem Helfer an die Kehle, indem er ihm zugleich, um ihn zu sich niederzuzerren, in das Haar fuhr; dasselbe wich der krallenden Hand, und vom Jubel und Rachegeschrei der ebenfalls herbeigeeilten Jäger begrüßt, erschien darunter Quirin’s kahle Stirn mit der mächtigen Narbe darüber.

Der nächste Augenblick sah ihn schon von seinen grimmigen Feinden umringt; trotz heftigen Widerstandes vermochte er sich der Ueberzahl nicht zu erwehren und ward zu Boden gerissen.

Auch Corona hatte ihn erkannt. Sie wollte hinzu, ihm den Beistand zu vergelten; aber Clarl hatte sie mit starker Hand gefaßt und schleppte sie hinweg. „Ist Dir’s noch nit genug?“ flüsterte sie ihr zu. „Willst noch mehr Schand’ und Spott auf Dich bringen?“ Von ferne sah die Widerstrebende noch zurück, sah ihn wegführen, sah, wie ihm über Stirn und Angesicht das Blut aus einer Wunde rieselte, die er im Geräufe davongetragen. Auch er schaute sich nach ihr um mit einem Blicke von Trauer und Vorwurf; dann waren sie einander aus dem Gesichte geschwunden.

„Was wollt Ihr von mir?“ fragte Quirin seine Gegner, während sie ihm die Arme auf den Rücken banden. „Warum fallt Ihr über mich her wie die Räuber?“

„Weil Du noch viel was Aergeres bist!“ schrieen die Jäger. „Willst Du’s etwa leugnen oder meinst Du, wir wissen nicht, daß Du der Gamstod bist?“

Ueberrascht sah er die Sprechenden einen Augenblick an. „Nein,“ sagte er dann kaltblütig; „wenn Ihr’s doch einmal wißt, dann leugn’ ich’s nicht; ich bin der Gamstod.“

Während sie ihn fortführten, spähte sein Blick noch einmal wie suchend in der Richtung, in welcher Corona dahingegangen, und ein Gefühl unsäglicher Bitterkeit stieg ihm im Herzen auf. Es war wahr – er hatte ihr das Blatt, das ihn verrieth, selbst gegeben; er hatte gewollt, daß sie davon Gebrauch machen solle: aber nun, da sie es, wie er glauben mußte, wirklich gethan, fiel es ihm dennoch wie ein stürzender Fels auf die Brust, daß ihm fast Pulsschlag und Athem stille stand.

Es war schon dunkel, als er sich im Gerichtshause untergebracht sah. Das Landgericht besaß damals keine peinliche Gerichtsbarkeit, die ohnehin höchst selten etwas zu thun hatte; das Gebäude war daher nur mit einem leichten Gefängnisse versehen, wie es zur Verwahrung geringerer Uebelthäter hinreichte; doch machten starke Eisengitter das Entrinnen zu einer immerhin nicht leichten Aufgabe.

Der Versammlung oben am Schießplatze hatte sich inzwischen ein förmlicher Freudentaumel bemächtigt, nicht nur, weil die Person des gefürchteten Wildschützen ermittelt und dieser unschädlich gemacht war, sondern noch mehr, weil es nun möglich war, dem guten König eine Freude zu machen und ihm zu zeigen, daß Niemand in dem Gebirge mit dem Wildschützen im Einverständnisse gewesen. Lebehochrufe erschollen; Trompeten und Hörner schmetterten, und Freudensalven krachten darein, bis der Mond über die Berge heraufblickte, als wollte er verwundert fragen, was der ungewohnte Lärm zu so später Stunde bedeute. An allen Tischen war kein anderes Gespräch und zugleich die Frage, wem nun der ausgeschriebene Preis gebühre, in Aller Munde. Der Jäger nahm ihn in Anspruch, weil er durch Auffinden der Kugel auf die erste Spur geholfen; Jessik aber begehrte ihn für sich, weil er es gewesen, der den Verbrecher festgehalten und ihm das Falschhaar vom Kopfe gerissen. Es war spät in der Nacht, als man mit schweren Köpfen, die unentschiedene Streitfrage in ihnen, nach Hause wandelte.

Allmählich war das Schweigen Herr geworden im Dorfe; nichts regte sich mehr als ein Haushahn, der, durch den frühen Lärm aufgestört, sich in der Zeit seines Morgenrufes irrte, oder hie und da ein vereinzelter Windstoß, der über den See her fuhr, daß die Bäume wie auffahrend rauschten und die schlaftrunkenen Wellen plätscherten. Nur in Quirin’s Gefängniß und vor demselben wollte es nicht gleich ruhig werden. Der Verhaftete fand keinen Schlaf; er stand am Gitter seines Fensters und sah in den klaren Mond empor, der so verständig herunterschaute, als nehme er Theil an dem Schicksal des Genossen, dem er so oft im Walde und auf den höchsten Felszinnen zugesehen und bei seinen nächtlichen Jagdfährten geleuchtet hatte. In Quirin’s Seele vermochte er diesmal nicht Einen lichten Funken zu werfen. Es war nicht die verlorene Freiheit und die Erinnerung an ihre kühnen Freuden, nicht der Gedanke an das traurige Loos, das ihm bevorstand und ihn wahrscheinlich in langwierigen Kerker vergrub; was ihn quälte, war der Gedanke an Corona; wie in alten Zeiten der Folterblock, der, wie der Gemarterte sich auch drehte, an allen Enden mit Stacheln und Spitzen versehen war, so quälte ihn dieser Gedanke. Als er von Corona schied und die Selbstanzeige gegeben hatte, mußte er darauf gefaßt sein, daß die Gerichte Alles aufbieten würden, ihn aufzufinden und sich seiner zu bemächtigen; trotz des Geständnisses hielt er sich aber für berechtigt, seine Freiheit gegen diese Maßregeln, so gut es nur anging, zu vertheidigen. Er hatte sich deshalb noch in derselben Nacht ebenfalls aus seinem Dienste und aus der Stadt entfernt und nach Tirol gezogen, wo man es in den einsamen Thälern mit den Fragen nach Stand, Namen und Herkunft nicht so genau nahm, und hatte sich leicht als tüchtiger Holzarbeiter das Bischen Unterhalt, dessen er bedurfte, verdient. Als es aber Frühling ward, als der Schnee zerging und auf den höchsten Gipfeln das Eis zu thauen und zu rücken begann, da litt es auch ihn nicht mehr; Sehnsucht und Neugierde ruhten nicht, ihm das Bild der Gindelalm vorzumalen mit der Sennhütte im Grünen und der Sennerin, die vor derselben saß. Das Bild wurde immer deutlicher; die Farben wurden immer brennender, bis er nicht mehr zu widerstehen vermochte und, alle Gefahren verachtend, sich auf den Weg begab.

Unterwegs in einem Dorfe, wo zur Osterzeit die Passion gespielt ward, gelang es ihm, sich den Rothbart zu verschaffen, in welchem der Judas gegeben wurde; so entstellt durfte er wohl hoffen, unerkannt und ungefährdet seine Reise machen und sein Ziel erreichen zu können. Schon war er in der Nähe der Grenze angekommen, als ihm ein Jäger begegnete, den er erkannte, und von dem er daher auch erkannt zu sein fürchtete; er glaubte also schon den Verdacht gegen sich geweckt und zog es vor, noch einen Umweg von einigen Monaten zu machen und seinen Besuch auf der Gindelalm bis zum Herbste zu verschieben. Bis dahin, hoffte er, werde der Argwohn, wenn ein solcher gegen den Zillerthaler Handschuhhändler wach geworden, wieder vergessen sein. So war er mitten am Tage des Schützenfestes eingetroffen und hatte vor, am anderen Morgen die Gindelalm zu ersteigen und Corona wiederzusehen, als ihn das plötzliche Begegnen mit derselben seine Rolle vergessen ließ, und er mit seiner Freiheit allen Hoffnungen und Entwürfen selbst ein rasches und klägliches Ende machte. Als das Schmerzlichste aber, was ihn dabei betroffen, drängte sich ihm immer wieder die Ueberzeugung auf, daß es doch eigentlich nur Corona war, durch welche er gefangen worden. Hätte sie nicht die Anzeige an das Gericht übergeben gehabt, so würden die Jäger nicht mit solcher Entschiedenheit auf ihn eingedrungen sein – das saß ihm im Herzen wie ein abgebrochener Pfeil.

Nun starrte er in die Nacht hinaus und auf den dunklen Hügel gegenüber, zwischen dessen nickende Büsche sich das Mondlicht hineinlegte, daß es manchmal den Anschein hatte, als sei es etwas Lebendiges, was durch dieselben husche. Er sah wieder und wieder hin, und immer deutlicher wurde, was er anfangs für Täuschung gehalten, ja, es wurde wirklich und lebend – eine Gestalt kam vorsichtig bald hinter dem Gesträuch hervor, bald verschwand sie wieder hinter demselben … Jetzt war sie so nahe, daß ein Zweifel nicht mehr möglich war. Es war eine weibliche Gestalt, die sich offenbar vorsichtig und auf Umwegen dem Gefängnisse näherte und zuletzt im Schatten der großen Linde, die vor demselben stand, verschwand. Jetzt hatte auch [722] Quirin’s jagdgeübtes Falkenauge sie bereits erkannt, und Freude stieg in ihm empor wie eine aufwallende Grundquelle, die er mühsam zurückdämmen mußte … Es war Corona. Auch sie hatte ihn gewahrt, und es dauerte nicht lange, so stand sie, von dem Baumschatten gedeckt, unter seinem Fenster, wo sie sich emporstreckte, soviel sie konnte … Wenn er den Arm durch die Eisenstäbe streckte, war es möglich, sich mit den Händen zu erreichen.

Beide waren so ergriffen, daß sie nicht gleich Worte fanden, ein ordentliches Gespräch zu beginnen. Die beiderseitigen Namen waren das Einzige, was sie hervorbrachten, und auch diese waren nicht gesprochen, sondern nur gehaucht, damit kein lauschendes Ohr die geheime Zwiesprache störe.

„Bist Du’s wirklich, Corona?“ fragte Quirin. „Mir ist, als wenn ich von Dir geträumt hätt’, und wie ich aufwach, bild’ ich mir ein, ich träum’ noch immer und seh’ Dich vor mir wie im Traum.“

„Ich bin’s schon,“ sagte das Mädchen. „Wie kannst fragen? Muß ich denn nit kommen und hereinbringen, was ich Dir Alles schuldig bin? Muß ich Dir nicht danken, was Du Alles für mich gethan hast?“

„Wüßt’ nit was,“ war Quirin’s ausweichende Antwort.

„Was? Hast Du mir nicht aus der Stadt fort g’holfen? Hast Du Dich nicht heut’ wieder so ang’nommen um mich?“

„Ist gern gescheh’n; ich wollt’ nur, es wär’ besser ausg’fallen. Ich hab’ nit g’wußt, daß Du heut’ schon abtreibst, und wär’ morgen in aller Früh’ bei Dir auf der Gindelalm gewesen. – Dann hätt’ Alles noch recht werden können; aber jetzt ist’s vorbei – vorbei mit Allem; jetzt brauch’ ich mich nit mehr zu kümmern um die Sägmühl und um die Sägmüllerin.“

„Wer weiß? Meinetwegen bist Du in’s Gefängniß kommen; also ist’s meine Sach’, daß ich Dir helf’. Ich weiß noch ein Mittel, das Dich frei macht. …“

„Da giebt’s kein Mittel mehr; ich bin schon allzu tief eingetunkt.“

„Mach’ mich nit selber kleinmüthig!“ rief Corona ängstlich. „Ich muß ohnehin meine ganze Kuraschi zusamm’nehmen. Aber g’schwind – vor Allem nimm, was Du mir ’geben hast! Es könnt’ wer kommen und könnt’ mich versprengen.“

„Was ich Dir ’geben hab’?“ fragte Quirin staunend. „Du bringst mir was?“

„Frag’ nit so! Hast das Papier vergessen, das Du mir ’geben hast, selbiges Mal, wie wir beim Kreuzlgießergarten auseinander sind?“

„Das willst Du mir z’rückgeben? Du hast es also noch? Du hast es nit her’geben?“ rief Quirin, sich vergessend, in heller Freude.

„Nit so laut!“ flüsterte Corona. „Wie fragst so gespaßig? Wenn ich gewußt hätt’, was in dem Papier steht, hätt’ ich’s nie angenommen. Wie ich’s aber gewußt hab’, da hab’ ich Dich nimmer finden und erfragen können, also hab’ ich’s wohl behalten müssen.“

„Du hast es noch? Du hast es nit hergeben?“ fragte Quirin nochmals.

„Gewiß. Das hast wohl im Ernst nit von mir glauben können – Du hast nit glauben können, daß ich Dich verrath’, blos damit ich mir leichter thu’. Nein, und wenn sie mir’s noch so arg gemacht hätten, und wenn ich keinen Dienst gefunden hätt’, lieber hätt’ ich im Taglohn gearbeit’t, daß mir das Blut aus den Nägeln gespritzt wär’, als daß ich das Sündengeld angenommen hätt’. … Da hast es – nimm’s wieder! Ich weiß ja doch, was Du für mich gethan hast, und werd’s nie vergessen.“

„Sie hat’s nit hergeben! Sie hat’s noch!“ rief Quirin entzückt zum dritten Male. Er faßte nach ihrer Hand, die ihm das Blatt entgegenstreckte; aber er ergriff nicht dieses, sondern die Hand, die es ihm reichte. Diese hielt er fest, zog sie hinauf zwischen seine Gitterstäbe und bedeckte sie mit Küssen. „Jetzt kommt’s mich erst hart an, daß Alles vorbei ist,“ rief er. „Sie sperren mich ein – wer weiß wie lang; sie schicken mich zum Weveldt nach München, und das halt ich nit aus. Ich bin’s zu sehr gewohnt, daß ich meinen freien Lauf hab’; da geh’ ich ein im ersten halben Jahr wie ein Baum, der kein’ Regen und kein’ Thau hat.“

„Mußt noch nit verzagen,“ rief Corona leise. „Aber ich hör’ was; und der Mondschein ruckt auch schon ganz nah’ – ich muß fort, und nur noch das Einzige will ich Dir sagen: Wenn Du wieder herauskommst und mich wieder fragen willst, wie damals auf der Gindelalm, dann bin ich um die Antwort nimmer verlegen; dann weiß ich Dir Eine, die gern drei Jahr’ und noch länger warten und Deine Sägmüllerin werden will.“

Ein Hund schlug an; von ferne klirrte ein Schlüsselbund; der Gerichtsdiener war wach geworden und eilte, nach seinem kostbaren Arrestanten zu sehen. Er fand nichts; als er schlaftrunken näher kam, war das Fenster des Gefangenen leer und verschlossen und der Besuch verschwunden. – Nur der Hund schnupperte am Boden hin, als wolle er zeigen, daß ihn sein Spürsinn nicht betrogen. – –

Ein herrlicher Herbstmorgen lag über den Bergen, die schon in voller Klarheit ihre Häupter emportrugen, während noch von der Seefläche einzelne Nebelflecken zu ihnen emporstiegen. Da stand Corona schon zu frühester Stunde in den Gebüschen an dem Parapluie, das der König an einem der schönsten Aussichtspunkte, dem Wallberge gegenüber, hatte erbauen lassen, und das er täglich zu besuchen pflegte, allein und in der Kleidung des einfachsten Bürgers. In dem freundlichen Manne im dunkelblauen Fracke mit gelben Knöpfen, grauen Beinkleidern, hohen Stiefeln und schlichtem Rundhute hätte wohl Niemand den Beherrscher des Landes gesucht. Eben schlug er den Heimweg ein, als die kleinen, roth und weiß gefleckten Wachtelhündchen, die er immer bei sich hatte, vor dem Gebüsche stehen blieben und durch lautes Gebell anzeigten, daß sich etwas darin verberge. Zögernd trat Corona auf des Königs Ruf hervor; mit brennenden Wangen und niedergeschlagenem Blicke stand sie vor ihm: sie war beim ersten Begegnen im Königszelte nicht im mindesten in Verlegenheit gekommen; jetzt vermochte sie kein Wort hervorzubringen.

„Wer bist Du, Mädl?“ fragte der König. „Willst Du etwas von mir? Ich meine, ich soll Dich kennen.“

„Du kennst mich freilich, Herr König!“ entgegnete Corona furchtsam. „Aber ich weiß halt nit, ob Du nit harb sein wirst, wenn ich mich nenn’.“

„So hast Du etwas begangen, daß Du mich fürchten mußt?“

„Begangen –“ sagte sie verwundert, „das heißt wohl so viel wie angestellt? Nein, angestellt hab’ ich just nichts; aber ich bin halt das Madl, das im voriges Jahr vor Dir gesungen hat – weißt wohl, wie die fremden Kaiser alle bei Dir auf Besuch g’wesen sind.“

„Ah! Jetzt erst kenn’ ich Dich,“ rief der König lachend. „Du bist ja das Spötterl, das eine Sängerin werden wollte und meinen Münchnern den Spaß so versalzen hat.“

Da sie die gute Laune des Königs bemerkte, sah auch Corona lächelnd zu ihm empor. „So bist nit harb,“ sagte sie, „daß ich damals davon bin, und daß alles das Geld, das Du wegen meiner ausgegeben hast, zum Fenster hinausgeworfen war?“

„Nein, ich bin nicht harb,“ erwiderte der König ihre Worte wiederholend. „Leider konnte ich an jenem Abend nicht im Theater sein; ich habe eben wieder Besuch gehabt. Aber ich habe viel darüber gelacht, daß Du Dich so resolut aus der Affaire gezogen hast, und was das Geld betrifft, so behauptet mein Schatzmeister, das sei nicht das Einzige, was zum Fenster hinausgeworfen werde. Aber was willst Du denn? Vermutlich heirathen?“

„Wär’ mir auch nit zuwider,“ entgegnete Corona, „wenn’s der Rechte wär’. – Aber es ist das nit. Du hast voriges Jahr erlaubt, daß ich mir eine Gnad’ ausbitten und mich darauf besinnen darf, bis mir was Richtig’s einfallt.“

„Und jetzt ist Dir das Richtige eingefallen? Nun gut, so sage Deinen Wunsch! Wenn es möglich ist, soll er Dir gewährt sein.“

Ermuthigt von der Leutseligkeit des Fürsten, erzählte Corona erst stockend, dann frei vom Herzen weg, was zwischen ihr und Quirin sich begeben, wie er nun als Wildschütz gefangen sitze und einem schlechten Ende entgegensehe, wenn nicht die Gnade des Königs, um die sie für den Burschen bitte, helfend und rettend dazwischen trete.

Der König war ernst geworden. „Da hast Du Dich in [724] einen bösen Handel gemischt, Spötterl!“ sagte er. „Da kann ich Dir noch nichts versprechen; das geht die Gerichte an; denen darf und will ich nicht vorgreifen. Aber Wort muß ich halten. Also will ich vorerst Deinen Schützling sehen und überlegen, was zu thun ist.“ Er hieß die Zagende ihm folgen und schritt mit ihr den Berg herab, dem Landgerichte zu.

In diesem herrschte schon große Thätigkeit; der Landrichter und der Actuarius waren vollauf beschäftigt, den Raubschützen zu verhören und alle die einzelnen Wilddiebereien festzustellen, die ihm schon seit Jahren zur Last gelegt wurden. Auch der Forstmeister hatte sich eingefunden, um seinen etwaigen Gedächtnißlücken nachzuhelfen. Aber es bedurfte dessen nicht; Quirin hatte sich alles Widerstandes, den er doch für überflüssig hielt, begeben und erzählte ohne Rückhalt, was man von ihm zu wissen begehrte. Alle waren im vollsten Amtseifer, als die Thür sich öffnete und der oberste Gerichtsherr des Landes in eigener Person erschien und den überraschten Beamten erklärte, daß er den berüchtigten Wilderer, von dem er so viel gehört, selber in Augenschein nehmen wolle.

Hinter ihm, im Winkel der Thür stand Corona. Niemand bemerkte sie, da Alles nur auf den König sah. Quirin allein erspähete sie sogleich; sein Blick traf den ihrigen, aus dem ein Strahl der Hoffnung blinkte; mit der Hoffnung kam auch die Lust des Lebens wieder und mit der Lebenslust seine alte Geradheit und Offenheit.

Fest und doch nicht keck stand er vor dem König und erzählte ihm auf sein Verlangen von seiner Geburt und Jugend, von den Leiden, die er ausgestanden, und wie er in seiner gänzlichen Verlassenheit dazu gekommen, aus Noth zum Wildern zu greifen, wie ihm aber sein Leben lang niemals so wohl gewesen, und er sich nirgends so daheim gefühlt, wie im Walde – wie er den Leibhirsch in der Nacht und in der Entfernung nicht erkannt, sondern für einen wilden gehalten, und wie er keineswegs im Sinne gehabt, dem Russen ein Leides zu thun, sondern wie er ihm nur handgreiflich zeigen wollte, daß er Macht gehabt hätte über ihn. Er erzählte die Veranlassung seines Hasses gegen den Baron und versicherte, daß er das Wildern seitdem schon aufgegeben und sich von der Arbeit und herumziehenden Handelschaft genährt, auch fest vorgehabt habe, nicht wieder in das alte Leben zurückzufallen.

Theilnehmend hatte der König zugehört. „Das kannst Du leicht sagen,“ entgegnete er dann. „Wer bürgt mir aber dafür, daß das Dein Ernst ist?“

„Die Bürgschaft hast Du mir selber mitgebracht, Herr König,“ sagte Quirin bescheiden. „Laß Dir von dem Madl den Zettel geben, den sie schon vor einem halben Jahr von mir ’kriegt hat. Ich hab’ mich selber angeben wollen; das ist wohl der beste Beweis.“

Der König überflog das Blatt und sah dem Burschen fest in’s Gesicht. „Und das ist Dein wirklicher Ernst?“ sagte er. „Und das Mädl hat das Blatt so lang aufbewahrt und nicht benützt? Das gefällt mir von ihr. Nun sag’ mir aber, Du wilder Kerl, was ich mit Dir anfangen soll!“

Da lachte Quirin, daß unter dem Schnurrbart die weißen Zähne sichtbar wurden. „Ja, wenn Du mich fragst, Herr König,“ sagte er, „bin ich nit verlegen um die Antwort. Wenn Du den Wildschützen für alle Zeit los sein willst, so mach’ einen tüchtigen Jäger daraus! Der Herr Forstmeister kann’s bezeugen, daß ich ihn schon im vorigen Jahr darum angegangen hab’.“

Der Forstmeister bestätigte das und pries sich glücklich, daß er nicht darauf eingegangen, den Bock zum Gärtner zu machen. „Der Bursche würde als Jäger schön unter dem Wildstande aufgeräumt haben,“ meinte er.

„Was meinst Du dazu?“ sagte der König, indem er den Blick forschend auf Quirin richtete. „Hättest Du das gethan?“

„Ah, bei Leib’! Niemals nit,“ rief dieser. „Wirst mich doch nit für einen so schlechten Kerl halten? Ich bin all’ mein Lebtag’ ein richtiger Bursch gewesen.“

„Ja wohl, wir haben die Proben davon gesehen,“ sagte der König mit wohlwollendem Lächeln. „Aber ich will’s mit Dir versuchen. Ich hab’ dem Spötterl erlaubt, sich von mir etwas auszubitten; sie hat Deine Begnadigung verlangt, – also muß ich wohl Ja sagen. Herr Forstmeister, wir wollen’s mit dem Gamstod versuchen; er soll Jagdgehülfe sein in Ihrem Revier, und dem braven Mädl da soll der Preis ausgezahlt werden; sie hat ihn verdient, weil sie ihren Wildschützen so tapfer verschwiegen hat. Hab’ ich’s nun recht gemacht?“ fuhr er gegen Quirin gewendet fort, der, seinen Ohren nicht trauend, vor ihm auf beide Kniee niederplumpte und ihm den Frackschooß küßte. „Steh’ nur auf und halte Dein Wort! Die Küsserei, denk’ ich, ist bei dem Mädl da besser angebracht. Ich meine, sie hat es verdient um Dich.“

Mit freundlichem Gruße trat er aus dem Gebäude und ließ die Beamten zurück, erfreut und gehoben durch den neuen Beweis der Milde des besten Herzens, Quirin und Corona aber, in einem Meere von Freude hin- und wiedertreibend, das plötzlich wie ein Wolkenbruch auf sie herabgestürzt war. Als sie gingen, mußte der Actuarius dem Burschen nachrufen, daß er seinen Hut vergessen habe – so sehr hatte er den Kopf verloren.

Nun ließ auch die Hochzeit nicht lange auf sich warten. Oben gegen die Neureit hin war ein Häuschen feil (das seitdem und noch lange nachher „zum Jäger“ hieß); das wurde gekauft und eingerichtet, und nach wenigen Wochen führte der königliche Jagdgehülfe Quirinus Grabner das Spötterl von der Gindelalm in sein jägerhaft eingerichtetes Haus. Ganz Tegernsee, die umliegenden Dörfer und Bergthäler, alle sandten Gäste zu der Hochzeit des Paares, das sich so seltsam gefunden, noch mehr aber dem edlen König zu Ehren, der einem verlorenen Menschen wieder aufgeholfen und ihn der Gesellschaft zurückgegeben. Das Hochzeitsmahl wurde bei dem dicken Bäcker am Albach gehalten, und als man eben aus der Kirche von der Trauung dahinzog, kamen noch zwei Gäste aus München angefahren – der Pianist, der sein entflattertes Spötterl noch immer in freundlichem Andenken hielt, und Frau Carl, die liebenswürdige Künstlerin, die ihr schönes Herz drängte, dem Mädchen Glück zu wünschen, das die bescheidene Bahn eines stillen Glückes einer vielleicht glänzenderen vorgezogen. Sie brachten einen herrlichen Doppelstutzen mit, ein Geschenk Worinoff’s mit einem Briefe, worin er dem Bräutigam Glück wünschte und ihn bat, die einstige Jugendübereilung, die er längst selber bereut, zu vergessen.

Als Corona ihr neues Heim betrat, fand sie am Fenster einen Vogelkäfig hängen; in ihm saß ein munteres Spötterl, das sie beim Eintritt wie absichtlich mit lautem Freudengeschmetter begrüßte.

„Grüß Gott, Camerad!“ rief sie darauf hineilend. „Dich will ich schon besser hüten, als Deinen ersten Gesellen.“

„Und ich Dich,“ sagte Quirin, sie umfassend. „Es hat so viel Hitz’ gekost’t, bis ich Dein Nestl gefunden und Dich eingefangen hab’. – Jetzt sperr’ ich Dich in das Häusl da ein und das Glück mit Dir, und werd’ wohl Acht geben, daß es nit davonfliegt.“

– Und es flog nicht davon. – Lange Jahre blieb es heimisch, als das kleine schmucke Jägerhaus schon mit ein paar Buben und Mädchen bevölkert war, die unter Clarl’s Obhut gedeihlich heranwuchsen. Die alte treue Freundin hatte sich auch da eingesiedelt. Sie war zufrieden; waren auch ihre hochfliegenden Pläne mit Corona gescheitert, so hatte sie doch noch einen „Angestellten“ zum Manne bekommen, der in der grünen, goldgestickten Uniform gar stattlich aussah. Quirin Grabner, der frühere Gamstod, hielt sein Versprechen. Der Forstmeister mußte zugestehen, daß er nie einen so eifrigen und unermüdlichen Gehülfen gehabt. Er besiegelte auch seine Diensttreue mit seinem Blute; einmal wurde er im Walde gefunden, todt, die Kugel eines Wildschützen in der Brust.

Damit endet auch die Geschichte vom Spötterl.