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Titel: Eine steinerne Schatzkammer der Kunst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 282-285
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine steinerne Schatzkammer der Kunst.
Die Heimath der Pappenheimer. – Die Arbeitercolonie von Solnhofen und ihre Aristokratie. – Der Patrefactenschatz und Sennefelders Grabstein.

Glücklicher Weise birgt sich in unserm lieben Deutschland noch gar mancher schöne Winkel, welchen der Tourist von Profession noch nicht entdeckt hat, wo man noch nichts weiß von Sommerschwärmen blasirter Großstädter und steifbeiniger Uebercanäler, wo vielmehr noch der ganze Zauber unberührter Jungfräulichkeit, die Poesie ungestörten Naturfriedens und unverkünstelter Naturwüchsigkeit das Gemüth des stillvergnügten Fußwanderers erquicken, der gern abseiten der ausgetretenen großen Heerstraßen in Beschaulichkeit seine eigenen Wege geht.

Baiern, dessen Binnenstrecken für die Welt draußen zum Theil noch halbe terra incognita sind, ist vorzugsweise reich an solchen nicht abgelaufenen Winkeln, und selbst einer seiner allerlieblichsten, der Altmühlgrund in Franken mit seinen freundlichen wohlhabenden Ortschaften, ist, trotzdem, daß er eine Weltberühmtheit umfaßt, die Solnhofener Kalkbrüche, welche die sämmtlichen Lithographen der Erde mit den nöthigen Steinen versorgen, nur selten besucht und bereist.

Es war ein heiterer Morgen des letzten Frühherbstes, als ich mit mehreren Nürnberger Freunden in Pleinfeld, einer Station der nach München führenden Eisenbahn, dem Waggon entstieg, um mir einmal dies vielgenannte und wenig bekannte Solnhofen zu beschauen. Die Massen von Steinen, welche auf dem Bahnhofe zur Versendung aufgeschüttet lagen, sagten mir besser als die blauweiße Wegtafel, daß wir uns auf richtigem Pfade nach unserem Ziele befanden. War es der wolkenlose Himmel, die frische Luft, waren es die weiten Wiesengründe ringsum, auf denen man eben in munterem Gewühle den zweiten Schnitt zu Schobern aufbaute, die nur erst leise gesprenkelten Laubwaldungen, durch welche unser Weg sich schlängelte, oder war es das freundliche „Grüß Gott“, das uns zurief wer immer uns begegnete, Jung oder Alt, was uns so recht mit Wanderlust erfüllte – genug, es war uns ganz Wilhelm-Müllerisch oder Eichendorffisch zu Muthe. Frisch und froh, „bald singend, bald fröhlich still“ marschirten wir drauf los und merkten erst, daß unsere Wanderung uns schon vor die Mauern eines zweiten jener alterthümlichen Städtchen geführt hatte, wie wir ihrer in dem aus gar mancherlei Herren Besitzungen zusammengeschweißten Baiern so viele finden, als ein eigenthümlich bethürmtes Thor, dasselbe, welches das linke Seitenbild unserer Illustration zeigt, uns in sein kühles Schattendüster aufnahm. Ein recht schmuckes Städtchen, in das wir nun einrückten, dies Weißenburg mit der Veste Wülzburg, die es überragt, und den sauberen Häusern, auf denen der Anstrich nicht modernen Dampfhochdrucklebens, aber altgegründeter Bürgerbehaglichkeit und gemüthlicher Kleinstädterei liegt. Auch ein Brunnen ist da, ein Mineralbrunnen nämlich von reichem Eisengehalt, wie man uns rühmte, nur schade, daß ihn Niemand kennt und trinkt außer den glücklichen Eingebornen, wenn diesen das treffliche Bier, das uns in der Herberge zur goldenen Rose in höchst empfehlenswerther Qualität geschenkt wurde, noch Anwandlungen von anderswelchem Durste aufkommen läßt, was freilich kaum glaubhaft erscheint.

Wie wir etwas minder behende, denn vor dem würzigen Labetrunke, durch Weißenburgs Straßen fürbaß wandelten, fesselte uns die ungewöhnliche Staffage derselben. Vor den Hausthüren und in den Fluren saßen je zwei bis vier Frauen oder Mädchen zusammen und klöppelten Spitzen aus – Goldfäden, die dann theils zu Kirchenparamenten verwandt werden, theils den Bäuerinnen der Umgegend zu zierlichem Kopfschmuck dienen. Wer sich eine gewisse Fertigkeit in dieser Arbeit erworben hat, gewinnt damit einen ganz leidlichen Erwerb. Groß und Klein betheiligt sich an dieser Industrie, die sonderbarer Weise nur auf ein einziges Stadtviertel Weißenburgs, die sogenannte Türkei, beschränkt geblieben ist.

Immer reizender wird die Landschaft. Zwei und eine halbe Stunde bequemen Steigs durch rauschende Buchen- und Eichengehölze brachten uns nach Pappenheim. Hier thut sich vor dem entzückten Blicke ein Gebirgsbild auf, zwar nur in bescheidenen Dimensionen, aber so anheimelnd, so lauschig, so harmonisch in allen Einzelheiten, so mannigfaltig je nach dem Standpunkte des Beschauers, so – doch still, verrathen wir nicht mehr von diesem weltentlegenen, kleinen Eden, auf daß es noch recht lange im Verborgenen blühe und nicht eines schönen Morgens von einem jener Federpioniere aufgestöbert werde, welche das moderne Pilgerthum mit den unerläßlichen rothen Reisebrevieren versorgen. – Wer kennt nicht seine Pappenheimer? Die alte Burg uns zur Rechten, die noch aus Römerzeiten stammen soll, ist das Stammschloß jenes kühnen Reiterführers, der uns allen seit den Knabentagen eine vertraute Erscheinung ist.

In einem fürtrefflichen Wirthshause mit noch fürtrefflicherem Biere machten wir eine sehr werthvolle Acquisition in der Person des Solenhofener Revierförsters, der hier eben ausruhte von den Beschwerden seines dem Wohle des bairischen Großstaats gewidmeten Lebens. In seiner Begleitung legten wir bei schon sinkendem Abend das letzte Stück unseres derben Tagmarsches zurück, und unter seiner Führung drangen wir am nächsten Morgen nach wohlverdientem Schlummer in die merkwürdige Welt der großen Steinbrüche ein, denen zumeist unser Ausflug in diese unbekannten Gebreite galt.

Bekanntlich erfand Sennefelder in München im Jahre 1819 die Lithographie, angeregt hierzu durch eigenen Bedarf in mancherlei Vervielfältigungen und jedenfalls nicht ahnend, zu welcher industriellen Bedeutung sich seine Kunst dereinst emporschwingen sollte. Nach vielerlei Versuchen entdeckte er bei Solnhofen eine Art Kalkstein, den er, Stein auf Stein, glatt rieb, um nun hierauf zu zeichnen und ihn zum Abdruck vorzubereiten. Zuerst wurde auch lediglich nur mit Kreide, d. h. in Kreidemanier gearbeitet; die Kunstleistungen selbst aber waren derart, daß man diesen Vervielfältigungsmittel nur für die allergewöhnlichsten Bilder in Anwendung bringen konnte. Bald kam man auf eine Weise des Steinzeichnens, die sogenannte Federmanier. Während bei der erstern, der Kreidemanier, der Stein ebenmäßig rauh (gekörnt) gemacht wird, wird er bei der letzteren glatt geschliffen, und man bedient sich hier nicht der Kreide, sondern, wie dies der Name anzeigt, der Feder, welche mit einer besonders präparirten Tusche gefüllt wird. Diese Behandlung hat den Vortheil, daß sie auf dem Steine eine viel größere Anzahl von Abdrücken zuläßt, als die weicheren und deshalb nicht so gründlich ätzbaren Kreidezeichnungen. Später noch erfand man die Gravier-Manier, womit der Weg zur Herstellung der feinsten Schriftsachen gefunden war, so daß bald die bisher einzig dem gleichen Zwecke dienende Stahl- oder Kupferstechkunst aus ihrem alten Recht verdrängt und z. B. Landkarten, die man früher auf keine andere Art, als die des sehr theuren Kupferstichs herzustellen wußte, nun auf dem zehnfach billigeren Weg der Lithographie in Feder- oder auch Graviermanier erzeugt wurden.

Daß man hellere und dunklere Abdrücke erzielte, führte auf die Idee des Tondrucks, d. h. den Gedanken, einen milden Ton über das Ganze zu legen, in welchem die höchsten Lichter frei gelassen sind, also auf dem Papiere wieder weiß erscheinen, während alles Uebrige jener Ton deckt. Zu dieser Manipulation werden für ein Bild zwei Steine gebraucht, der eine für Schwarzdruck, der andere für den Tondruck, und es ist nun Aufgabe des Lithographen (Zeichners) wie des Druckers, die Steine so auf einander zu passen, daß Ton und Schwarz sich genau ineinander fügen. Welchen warmen Hauch eine solche zweite Tonplatte jedem Bilde giebt, sei es Landschaft oder Portrait, das wird jedem unserer Leser schon aufgefallen, sein.

Dieselben Grundsätze, welche bei dem Druck dieser zweierlei Platten in Anwendung kommen, mußten sich nun auch bei einer erhöhten Anzahl von Platten zur Geltung bringen lassen; man begann dem Bilde drei, vier Töne zu geben, man kam auf den Farbendruck, in dem jetzt von den in verschiedenen größeren Städten Deutschlands und des Auslands bestehenden Anstalten so vollendet Schönes geleistet wird. Zu einem solchen Farbendruckbild sind oft 16 bis 20 und mehr Platten nöthig und würden vielleicht noch mehr gebraucht, wenn nicht der Aufeinanderdruck zweier Farben oft wieder eine dritte erzeugte. Die Mischung in Farbe und Ton, die Genauigkeit in Druck und Behandlung sind indeß sehr schwierig und fordern Meister ihrer Kunst.

Bedenkt man nun, daß in der ganzen Welt blos die Solnhofner Steine für alle diese Zwecke gebraucht werden können – ein in Frankreich mit ähnlicher Steinmasse aufgefundener Bruch hat sich nicht als verwendbar erwiesen –; rechnet man ferner, wie viele Tausende von Zeichnern, Lithographen und Druckern existiren, deren jeder eine mindere oder größere Anzahl solcher [283] Steine nöthig hat; wie viele gewerbliche Etablissements zu ihren Erzeugnissen täglich neue Lithographiesteine bedürfen: so kommt selbst bei der bescheidensten Berechnung eine Summe heraus, welche die Bedeutung der Solnhofner Brüche klar genug vor die Augen führt. Der Bedarf ihrer Steine, mit welchen sich die ganze civilisirte Welt versorgt, ist ein enormer! Wird sich doch nicht leicht ein Industriezweig denken lassen, der nicht an die Lithographie seine Steuer abgiebt, wäre es auch nur durch den Verbrauch von Etiquetten.

Die Solnhofener Steinbrüche dehnen sich über einen Umkreis von drei bis vier Stunden aus; unser Mittelbild aber zeigt die eigentliche Seele, den Markt, das Lager, den Mittelpunkt des Verkehrs. Bis zum Jahre 1819, als Sennefelder seine bedeutungsschwere Erfindung machte, dienten diese Steinbrüche nur dazu, um Chaussee-, Pflaster- und Bausteine zu liefern, und mancher Bruch, der zu weit von einem fahrbaren Weg ablag, war um die jährliche Bodenzinssteuer zu kaufen, da besser gelegene Brüche genug des zu erwähnten Zwecken erforderlichen Materials liefern konnten, das bei seiner damaligen Werthlosigkeit einen weitem Transport nicht vertrug. Kaum hatte jedoch Sennefelder seine erfolgreichen Versuche mit diesen Steinen gemacht und kaum war die lithographische Vervielfältigung ein Erwerbszweig geworden, so stiegen auch die Preise dieser Brüche, ohne indeß noch entfernt an ihre heutigen sehr hohen Preise zu erinnern. Wie ich bereits bemerkte, wird auf dem ganzen Continent kein Stein weiter gefunden, der den Solnhofner ersetzte, und somit ist auch ein Herabgehen der Preise für den glücklichen Besitzer nicht mehr zu fürchten, sie werden vielmehr voraussichtlich mit der Ausbeute noch steigen. Mancher größere Bruch, z. B. der sogenannte Actienbruch, der auf der Bergwand des Bildchens von Solnhofen sichtbar ist, repräsentirt ein Capital von 5–600,000 Gulden.

Eine Eigenthümlichkeit der Steine, die sie neben ihrer Weichheit noch besonders brauchbar für die Lithographie macht, ist der Umstand, daß sie in flachen 1 bis 5″ starken (auch schwächeren) Lagen abgesondert auf einander linealgerade ruhen und wie Schiefer in jeder Stärke sich ablösen. Im Anbruch wird auf der Oberfläche des Bodens begonnen; man gräbt nie von der Seite oder nach oben, sondern direct von oben nach unten. Zwischen jeder Lage ist eine Ader sichtbar, an welcher man den Meißel ansetzt, der sofort, vorsichtig eingetrieben, die obere von der nächsten Schicht abhebt, manchmal eine Platte von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Geviert gewinnend. Die Arbeiter prüfen nun die gehobene Platte nach ihrem Klang, wie die Käufer von Porcellan oder Steingut, jedoch mit einem kleinen Hämmerchen. Klingt die Platte hell und rein, so ist sie vorläufig fertig und wird für die Schleifwerkstätte bei Seite gestellt; ist sie dagegen mit Adern durchzogen, so wird mit der Spitzseite des Hämmerchens so lange geklopft, bis die Ader springt und den Stein wieder in zwei oder mehrere Stücke theilt. An diesen einzelnen Stücken wird die gleiche Probe vorgenommen und darnach entschieden, ob der Stein in’s Lager, oder, falls er dem Format nach ungünstig gesprungen, in die „Schütte“ zu bringen sei. Die Schütte, die durch ungeschickte Arbeiter zum fühlbaren Nachtheil des Besitzers sehr vergrößert werden kann, muß von Zeit zu Zeit mit bedeutendem Zeit- und Kostenaufwand auf besonders hierzu angewiesene Plätze geschafft werden, damit man wieder tiefer gelangen kann.

Der gehobene Stein wird je nach der Stärke und Größe sortirt; die größten, wenn tadelfrei, haben einen Werth bis zu 300 Gulden pro Stück und werden für Architecturzwecke, Balcons, Altane etc., namentlich aber auch für Glasfabriken und Gerbereien gesucht. Dann folgen die Platten zu Tischen etc., welche ebenfalls nach Größe und Qualität ihren Werth normiren. Jetzt erst kommt die bekannte Größe für Lithographie-Steine, die von einem Quadrat-Fuß bis zu acht und zehn Quadrat-Fuß schwankt. Sofort werden diese Steine in drei bis vier Qualitäten ausgeschieden, namentlich bedingt der seltenere blaue Stein einen höheren Werth als der gelbe. Alsdann folgen die Parquetsteine, welche, mit Farbe auf eigenthümliche Art gebeizt, zu prachtvollen Parquets für Kirchen, Säle, Vorplätze in den mannigfaltigsten Dessins verwendet werden, und endlich in vorletzter Reihe jene zu Dachziegeln und Bausteinen benutzten. Die Dachziegel, welche wieder einen kleinen Industriezweig für sich bilden, werden von Mädchen und Kindern, wie unsere kleine Abbildung zeigt, mit der Zange gezwickt und in die dienliche Form gebracht.

Die geringsten Sorten verwendet man zu Pflastersteinen, welche immerhin durch die erleichterten Verkehrsmittel noch einen erwähnenswerthen Handelsartikel bilden, da sie bis nach Wien und Pesth versendet werden.

Auf unserem Hauptbilde sieht der Leser eine Häusercolonie dargestellt. Dies sind die Hütten, in denen theils die Lager fertiger Steine sich befinden, theils die Steine bearbeitet, sortirt und zu dem Gebrauch hergerichtet werden, zu dem sie später dienen sollen. Wir fanden in einer solchen Hütte, die wieder aus dem gleichen Material erbaut ist, dreißig bis vierzig männliche und weibliche Arbeiter, welche auf den langen Tafeln einen schweren Stein auf dem anderen herumrieben, um den untern zu schleifen. Zu diesem Behufe wird eine ganz besondere Sorte Donausand zwischen die Steine gestreut, mit Wasser benetzt und nun so lange mit herculischer Kraft und Ausdauer gerieben, bis der Sand zum feinsten Brei geworden und der Stein Glätte angenommen hat. Eine einzige für uns kaum wahrnehmbare Vertiefung genügt, um mit demselben Stein noch Tage lang diese Procedur vornehmen zu müssen, da natürlich der Lithographiestein auch nicht einen einzigen Fehler enthalten darf. – Gleiche Bearbeitung finden die Platten zu Tischen, Waschtischen, Consolen u. s. w.

Diese Colonie, die, ein kleines Dorf, auch ihr eigenes Wirthshaus, aber kein einzigen Wohnhaus besitzt, hat ihre förmliche eigene Hausordnung, welcher sich jeder Arbeiter fügen muß. Auf dem kleinen Thürmchen, welches auf unserem Bilde ebenfalls zu sehen ist, verkündet die Glocke den Beginn und Schluß der Arbeit für alle Brüche, sie vereinigt die Arbeiter zu Frühstück, Mittag- und Vesperbrod, deren bestimmte Zeit stets mit militärischer Pünktlichkeit eingehalten wird. Unter den Arbeitern sind die Schleifer, fast sämmtlich Solnhofener Insassen, die bestbezahlten; sie haben unbedingt die schwierigere Arbeit, bilden daher auch eine Art haute volée gegenüber den Stein-Brechern und namentlich den sogenannten Schüttern (welche die Schütte zu leeren haben), die jene niemals als ebenbürtig ansehen.

Wir finden auch in Solnhofen fast jeden Inwohner als Arbeiter oder Steinbruchbesitzer oder mindestens Theilhaber eines Bruches – alles Interesse concentrirt sich im Steinbruch. Daher sind die sonstigen Gewerbe auch nur nothdürftig, jedenfalls aber nicht für den eigenen Bedarf ausreichend vertreten, und der Ackerbau wird nur insoweit betrieben, als jeder Ackerbesitzer höchstens für sich selbst zu sorgen sucht. Kein Wunder also, wenn sich die Preise für alle Lebensbedürfnisse fast auf dem städtischen Niveau bewegen.

Der Ort Solnhofen mahnt durch die ihn umgebenden ansehnlichen Berge, seinen üppigen Wiesengrund mit dem sich dazwischen hinschlängelnden Altmühlflüßchen einigermaßen an die Schweiz und ist überhaupt recht anheimelnd. Die weißen Dächer, aus dem beschriebenen Material errichtet, schauen blendend, wie mit Schnee bedeckt, in die Ferne, und die braunen Wasser der stillen, fischreichen Altmühl zwischen hohem Schilf beleben das freundliche, nicht zu breite Thal auf anmuthige Weise. Durch alle diese Idylle aber macht sich die große Wohlhabenheit bemerklich, die den Ort auszeichnet.

Wohl wird noch manches Jahr verrauschen, ehe der Steinreichthum dieser Brüche einmal erschöpft wird; aber was dann, wenn diese concurrenzfreien Bergriesen ausgehöhlt und der Erde gleichgemacht sind? Vielleicht daß alsdann längst eine vollkommnere Kunst die Lithographie entbehrlich und vergessen gemacht hat. Inzwischen wird noch mancher interessante Fund in Solnhofen von sich reden lassen. Ich meine die in diesen Steinmassen begrabenen Versteinerungen aus den Zeiten der Ichthyosauren, von denen schon Vieles an’s Tageslicht kam und sich voraussichtlich noch Vieles finden wird. Ein Arzt, dessen Name mir entfallen, hat im Laufe der Jahre eine reiche Sammlung von Petrefacten daraus gezogen, die unbeachtet von den Arbeitern bei Seite geworfen worden waren und später für wenige Kreuzer erworben werden konnten. Schließlich machten sie, gesammelt, einen Schatz aus, von dem der größere Theil für über hunderttausend Gulden nach England, der Rest für etwa dreißigtausend Gulden an Baiern verkauft wurde.

So hat die große Erfindung eines deutschen Mannes einen gewöhnlichen Steinbruch in eine steinerne Schatzkammer verwandelt, aus welcher für Millionen die Freuden der Kunst und für Tausende Reichthümer gehoben worden sind; dem armen Erfinder brachte sie nichts, als den Ruhm und den Stein auf sein Grab.



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Die Gartenlaube (1865) b 284.jpg