Eine neue Pflicht des Publicums

Textdaten
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Titel: Eine neue Pflicht des Publicums
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 521, 522
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[521] Eine neue Pflicht des Publicums. Niemand kann leugnen, daß bei der Summe des in jedem Lebensberufe nothwendigen Wissens und dem allgemeinen Bildungstrieb der Gegenwart es Bücher giebt, die wie das liebe Brod zum tagtäglichen Bedürfniß werden. An die Spitze dieser Literaturwerke stellt heutzutage Jedermann die Conversationslexika oder sogenannten Real- oder Universal-Encyklopädien. Es versteht sich von selbst, daß man solchen Büchern gegenüber vor Allem wünschen muß, daß sie so fehlerfrei hergestellt werden könnten, wie dies eben menschenmöglich ist. Wie schwer dies aber ist, davon hat der größte Theil des Publicums keine Ahnung. Es bekommt das Buch fix und fertig in die Hand; da fällt es ihm so wenig bei, zu überlegen, wie viel hundert Köpfe daran gearbeitet haben, als es bei Messer, Gabel und Löffel darüber nachdenkt, durch welche Anzahl von Händen das Material gegangen ist, bis es in so bequemer Form neben dem Teller liegt.

Jede neue Auflage eines solchen Werkes erfordert jahrelange Vorbereitung. Es ist nicht damit gethan, eine lange Liste von Mitarbeitern zusammen zu bringen: diese Mitarbeiter müssen für jedes Fach wieder neu geschult werden, und dies ist um so schwieriger, je berühmter die Herren, je mehr sie Autoritäten in ihrem Fache sind. Jeder derselben hält sein Fach für das wichtigste und beansprucht für seine Artikel „angemessenen“ Raum. Für ein Werk von festbestimmter Bändezahl und Erscheinungsfrist ist aber Ein- und Unterordnung aller Mitarbeiter nöthig, wenn nicht ein literarisches Ungethüm wie z. B. die „Ersch und Gruber’sche Encyklopädie“ daraus entstehen soll, die seit fünfundsechzig Jahren nicht erleben und ersterben kann, obwohl sie als eine unerschöpfliche Fundgrube gelehrten Wissens in ihren bis jetzt einhundertachtundfünfzig Bänden auch ihre wohlverdiente Ehre hat.

Eine Hauptfrage ist dann: aus welchen Quellen schöpfen die Mitarbeiter? Haben sie eine Stellung und die Mittel, um sich immer das neueste und beste Material zu verschaffen? Haben sie immer die Gewissenhaftigkeit, es sich nicht hie und da mit solchen Arbeiten bequem zu machen, d. h. Vorhandenes ohne strengste Prüfung zu benutzen? Gerade deshalb, um jeden Einzelnen zu überwachen, sind heutzutage Fach-Redactionen für ein solches Werk unentbehrlich; der Haupt-Redaction bleibt mit der Regulirung des Gleichmaßes der Artikel und deren möglichst allgemein verständlicher Form immer noch genug zu thun.

Ferner: wie schwer ist es oft, das Richtige und Wahre aus entfernten oder noch wenig erschlossenen Gebieten zu erlangen! Ein solches Gebiet ist z. B. Rußland und das gesammte russische Staats- und Volkswesen. Dort wird der Regierung selber Vieles anders berichtet, als es in der Wahrheit ist, so daß man mit den officiellen Quellen noch vorsichtiger, als mit den privaten sein muß. – Und wiederum giebt es Gegenstände, für deren encyklopädische Bearbeitung der Stoff erst herbeigeschafft werden muß. Beispiel: der in der dritten Auflage vom Meyer’schen fünfzehnbändigen Conversationslexikon so eben beginnende Artikel Banken. Um die Mitarbeiter in den Stand zu setzen, diesen Gegenstand nach seiner [522] Weltwichtigkeit zu behandeln, mußten Verlagshandlung und Redaction an sämmtliche Bank-Directionen Deutschlands und die wichtigsten des Auslandes schreiben und sich von ihnen selbst die authentischsten Mittheilungen über deren Entstehen, Wesen, Entwickelung und Statistik erbitten. Dieser Bitte wurde von den meisten Directionen, und von einzelnen mit eben so großer Bereitwilligkeit wie Ausführlichkeit, entsprochen. Und aus diesen Stößen von Material mit den Tausenden von Zahlen mußte der Artikel herausgearbeitet werden, der nach der Oekonomie eines fünfzehnbändigen Werkes doch nur einen sehr bestimmt beschränkten Raum einnehmen darf. Nun selbst angenommen, in diese Materialmasse habe sich kein Irrthum eingeschlichen, wie leicht ist bei der Bearbeitung selbst durch den aufmerksamsten Mann ein Fehler begangen, denn der Geist ermüdet ja auch, und wie schwer ist dann ein solcher Fehler durch die Correctoren zu entdecken! Und so geht es mit jedem neuen Material; der Weg von der Quelle durch die Köpfe und Hände der Schriftsteller, Schriftsetzer, Correctoren und Revisoren bis vor das Auge des Publicums ist ein langer, und trotz aller Gewissenhaftigkeit bedarf jeder Mitarbeiter daran für sich nicht selten des entschuldigenden Sprüchleins, daß eben „Irren menschlich“ sei.

Dennoch kann die Fehlerzahl jedes gewissenhaft redigirten Conversationslexikons auf ein Minimum beschränkt werden, wenn das Publicum sich zu seinem eigenen Besten dazu entschließt, selbst Mitarbeiter, oder noch besser Mitcorrector seines encyklopädischen Hausbuchs zu werden. Wenn jeder Leser sofort jeden von ihm bemerkten Verstoß niederschreiben und verbessern und die Niederschrift der betreffenden Redaction einsenden wollte, anstatt etwa nur mündlich gegen Andere seinem Aerger über entdeckte Fehler Luft zu machen – wie dankbar würden ihnen die Redactionen dafür sein! Nur auf diesem Wege ist es möglich, nach und nach den höchsten Grad von Correctheit solcher Werke zu erreichen.

Es ist wirklich kein Meisterstück, selbst einem mit anerkanntester Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit redigirten Conversationslexikon immer noch eine Reihe von Fehlern nachzuweisen, wenn man mit ganz besonderem Eifer sich darauf legt, und namentlich, wenn man hinsichtlich der Auswahl der Artikel größere Anforderungen an ein Werk stellt, als es erfüllen kann oder will. Auch in dieser Hinsicht sollte das Publicum seine Wünsche offen gegen die Redactionen aussprechen, und es ist deßhalb ein sehr glücklicher Gedanke der Redaction des Meyer’schen Conversationslexikons, daß dieselbe zu diesem Behufe bereits einen brieflichen Verkehr mit ihren Abonnenten eröffnet, zu welchem sie die Umschläge ihrer Hefte benutzt. Man wird nämlich gerade in der dritten Auflage des Meyer’schen Werkes manchen weniger wichtigen geographischen und biographischen Artikel vergeblich suchen. Derlei mußte wegfallen, um einestheils für die ausführlichere Behandlung wichtiger Gegenstände und anderntheils für das aus der Gegenwart herandrängende Neue den nöthigen Raum zu gewinnen. Wird der Leser jenes Ausführliche und dieses Neueste missen wollen? Nein! Aber das Ausgefallene wünscht er auch noch dazu. Gut! Dann bedenke der Leser, daß dieser Zuwachs die Zahl der Bände des betreffenden Werkes eben um einen vermehren würde – und es ist dann ja sehr möglich, daß die große Mehrzahl der Abnehmer zu der Ueberzeugung gelangt, daß es besser sei, von einem gediegenen Buche einen Band mehr, als eine große Anzahl kleiner Artikel weniger zu besitzen.

Ein solches näheres Verhältniß zwischen Publicum und Redactionen ist möglich; wir erlebten es längst bei mancher Zeitschrift, an deren Redaction die Leser aus allen Nähen und Fernen sich mit ihren verschiedensten Wünschen und Bitten wenden; warum soll dies nicht auch da möglich sein, wo die Ausübung dieser neuen Pflicht ihre besten Früchte nur für das Publicum selber trägt?