Ein wiedergefundenes Grab

Textdaten
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Autor: C. St.
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Titel: Ein wiedergefundenes Grab
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 133–134
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein wiedergefundenes Grab.

Es sind in den letzten Decennien dieses Jahrhunderts in Deutschland eine große Zahl von Standbildern und Monumenten errichtet worden, gewidmet dem Andenken solcher Männer, welche sich auf den Gebieten der Wissenschaft und Künste unvergänglichen Ruhm erwarben.

Die Freudigkeit, mit welcher aller Orten zu derartigen Unternehmungen durch reiche Spenden beigesteuert wurde, dürfen wir wohl mit Recht als eine Frucht des auch in weiteren Kreisen neu erwachten Nationalgefühls im deutschen Volke begrüßen, wodurch es möglich wurde, den Manen vieler großer Männer endlich eine Ehrenschuld abzutragen, welche längst als verjährt angesehen werden konnte.

Hundert Jahre ruhte Leibnitz bereits in der Neustädter Kirche zu Hannover, als man daran dachte, ihm, den Ker v. Kersland[WS 1] „die Zierde seines Vaterlandes“ nennt, ein Denkmal aufzurichten; – Luther hat gar drei Jahrhunderte warten müssen, bis man den Ort, wo er einst vor Kaiser und Reich Leib und Leben für das reine Evangelium einsetzte, mit einem würdigen Monumente bezeichnete, und viele Jahre lang war Danneker’s Büste auf der Bibliothek zu Weimar das einzige Erinnerungszeichen an Schiller, den Liebling des deutschen Volkes.

Auch Braunschweig hatte und hat noch manche alte Schuld dieser Art abzutragen. Diese Schuld stammt besonders aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wo der durch hohe Bildung und warme Begeisterung für alles Edle und Schöne ausgezeichnete Herzog Karl der Erste, nach Gründung des Collegii Carolini einen Kreis der bedeutendsten Männer jener Zeit um sich sammelte, eine Epoche, welche mit Recht als die „Morgenröthe der deutschen Literatur“ bezeichnet wird. War es doch Amalie, die in jenem Kreise aufgewachsene Tochter Herzogs Karl, welche die goldene Saat von Braunschweig aus nach Weimar trug, aus der dann unter ihrem und ihres Sohnes Karl August Schutze die große Blüthezeit der deutschen Literatur emporwuchs.

Die Gartenlaube (1870) b 133.jpg

Lessing’s Ruhestätte auf dem St. Magni-Kirchhofe in Braunschweig.

Zu diesem Kreise in Braunschweig gehörten vor Allen: F. W. Zachariä, der geniale Dichter des „Renommisten“, Carl Christian Gärtner, Johann Arnold Ebert, als Dichter und geistvoller Uebersetzer gleich hoch geschätzt, Friedrich Wilhelm Jerusalem, Conrad Arnold Schmid, Anton Leisewitz, der Dichter des „Julius von Tarent“, – Johann Joachim Eschenburg, der Uebersetzer des Shakespeare, – lauter Namen, die einen guten Klang haben. Sie alle ruhen auf den Friedhöfen um Braunschweig; wollte aber Jemand diese Gräber besuchen, wir würden ihm nur wenige davon nachweisen können. Selbst die Denksteine, mit welchen man sie einst bezeichnete, haben ihr Vergessenwerden nicht abwenden können; so ist unter anderen Zachariä’s Ruhestätte auf dem St. Katharinen-Kirchhofe längst eingeebnet, und der des Dichters Namen tragende Sockel seines zerstörten Monumentes dient jetzt, in den großartigen Anlagen des Todtenackers ausgestellt, einer modernen eisernen Vase als Untersatz.

Lessing, obgleich als herzoglicher Bibliothekar in Wolfenbüttel wohnend, gehörte diesem Kreise doch auf’s Innigste an. Denn in Wolfenbüttel, wo ihm jeder Umgang fehlte, „weil er den, welchen er haben konnte, nicht haben mochte“, fühlte er sich sehr vereinsamt, und immer wieder trieb es ihn aus dem „verwünschten Schlosse“ hinüber in die Mitte der ihm geistesverwandten Männer, nach Braunschweig. – Hier starb er auch bekanntlich am 15. Februar 1785, und zwar im Hause des ihm befreundeten Weinhändlers Angott am Aegidien-Markte, der ihm ein Zimmer zum Absteigequartier eingeräumt hatte. Von diesem neuerdings mit einer Denktafel bezeichneten Hause aus setzte sich an einem trüben Wintermorgen der einfache Leichenzug in Bewegung, welcher den großen Denker und Dichter zum St. Magni-Kirchhofe geleitete, auf dem ihm Angott in der Nähe des Platzes, wo er selbst einst zu ruhen gedachte, das Grab hatte graben lassen. Lautlos und mit thränenfeuchten Augen schieden die wenigen Freunde von dem frisch aufgeworfenen Hügel, der dann mehrere Jahre schmucklos dalag, bis [134] Joachim Heinrich Campe, der Verfasser des „Robinson“, denselben mit einem schlichten Steine bezeichnete, der des Verstorbenen Namen, Geburts- und Sterbetag trägt. Zur Errichtung eines anderweiten Monumentes vereinigte sich zwar eine Anzahl von Freunden und Verehrern Lessing’s, aber das Unternehmen fand nur sehr geringen Anklang. So, unter anderen, veranstaltete der auch als dramatischer Dichter durch sein viel gegebenes Lustspiel „Nicht mehr als sechs Schüsseln“ bekannte Schauspieldirector Großmann eine Benefizvorstellung in Kassel, spielte aber Minna von Barnhelm, aller den Zweck der Vorstellung warm empfehlenden Bekanntmachungen ungeachtet, vor leeren Bänken, – und an anderen Orten ging es nicht besser. Aus den so kümmerlich zusammengetragenen Mitteln wurde endlich das Monument beschafft, welches anfangs auf dem Schloßplatze zu Wolfenbüttel aufgestellt war, später aber in das Treppenhaus der herzoglichen Bibliothek versetzt wurde. Es ist aus blauem Blankenburger Marmor mit Lessing’s Reliefbüste aus weißem Marmor und trägt die Inschrift: „G. E. Lessing, Denker, Dichter, Deutschlands Stolz, einst der Musen und seiner Freunde Liebling.“

Blieb auch der Geistes-Heros in Dem, was er gewirkt und geschaffen, unvergessen, sein Grab vergaß man bald. Generation um Generation wurde auf dem St. Magni-Kirchhofe bestattet; die, welche einst den frischen Hügel ihres und der Musen Lieblings mit Lorbeer und Rosen geschmückt hatte, waren selbst zum Frieden eingegangen, und längst schon gehörte der Theil des Kirchhofes, wo Lessing bestattet war, zu der Abtheilung, wo nicht mehr begraben wurde. – Da kam in den dreißiger Jahren, irren wir nicht, von Wien aus, eine Anfrage über Lessing’s Grabstätte. Das für Braunschweig beschämende Bekenntniß, daß außer der allgemeinen Angabe, Lessing liege auf dem genannten Kirchhofe, keine nähere Auskunft ertheilt werden könne, veranlaßte den um die später erfolgte Errichtung des herrlichen Standbildes von Rietschel hochverdienten Dr. C. Schiller, sofort eine Nachforschung anzustellen. Nach wochenlangem vergeblichem Suchen endlich entdeckte man, unter hochaufgeschossenem Gebüsch versteckt, von Dornen und Gestrüpp überwuchert, den moosüberwachsenen grauen Stein, mit welchem einst Campe das Dichtergrab bezeichnet und so vor dem Vergessenwerden bewahrt hatte.

Der St. Magni-Kirchhof, jetzt einer der schönsten Friedhöfe Braunschweigs, ist hoch gelegen; gegen Süden wird er durch einen Fahrweg von dem ehemals Campe’schen, jetzt Vieweg’schen Garten getrennt, dessen prächtige alte Baumgruppen ihm hier als Hintergrund dienen. Nach Westen hin öffnet sich ein freier Blick auf die etwas tiefer liegende Stadt, über deren Häuser und Gärten in nächster Nähe von Lessing’s Sterbehaus und Monument gelegene Aegidien-Kirche majestätisch emporragt. Das Grab des großen Mannes, von dem die Gartenlaube heute eine an Ort und Stelle aufgenommene Abbildung bringt, befindet sich weit ab von dem Theile, wo jetzt begraben wird. Verfolgen wir den den Friedhof durchschneidenden Hauptweg, dann stehen wir fast am Ende desselben vor einer Reihe großer Monumente, welche sämmtlich der einst Lessing befreundeten Familie Angott zugehören; dicht dahinter, von dunkeln Fichten und hohe Linden beschattet, liegt auf dem von immergrünem Epheu umrankten Hügel jener oben erwähnte graue Stein, einfach und schmucklos, aber bezeichnet mit einem Namen, dessen Glanz durch die Jahrtausende strahlen wird.

So gehört denn diese geweihete Stätte, wo „ein Herz in Staub zerfällt, das groß und mächtig einst geschlagen“, wieder zu den Orten, dahin der Braunschweiger den bei ihm einkehrenden Fremden mit Stolz führt und an welcher dieser dann eine Blume oder einige Epheublätter pflückt, um sie als Erinnerungszeichen von Lessing’s Grabe heimzubringen.
C. St.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. John Ker of Kersland; Vorlage: Kers v. Kersland