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Ein verschwundenes deutsches Lustschloß und die Vermählungsfeier des alten Fritz

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein verschwundenes deutsches Lustschloß und die Vermählungsfeier des alten Fritz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 197-200
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Das Fürstliche Lust-Schloß zu Salzthalen.

Die Gartenlaube (1860) b 197.jpg

[198]

Ein verschwundenes deutsches Lustschloß und die Vermählungsfeier des alten Fritz.

(Mit Abbildung, nach einer alten Zeichnung.)
„Die Stätte, die ein großer Mann betrat,

Ist eingeweiht, nach hundert Jahren klingt
Sein Wert und seine That dem Enkel wieder.“

Goethe.

Eine neue Ordnung hatte das neue Reichsgrundgesetz, der westphälische Friede, in Deutschland eingeführt. Es stand zwar noch ein Kaiser an dessen Spitze, aber dennoch ließ die gesteigerte Macht der unmittelbaren Reichsfürsten es mehr und mehr als einen Staatenbund erscheinen. Die alte, einfache, treuherzige Sitte, womit noch die Väter der Letztern Hof gehalten und wahrhaft patriarchalisch regiert hatten, fand nun keine Statt mehr. Die neue Ordnung erheischte, zum alten Ruhme des Fürstenhauses Pracht und Glanz zu gesellen in bis dahin kaum am Kaiserhofe selbst erhörten Maßen. Und da in diesem Zeitalter unbestritten Frankreich allen andern Staaten vorleuchtete durch verfeinerte Sitten, vervollkommnete Sprache, Institute für Wissenschaft und Künste, ausgezeichnete Dichter und Redner, überhaupt durch hohe Cultur und Gewerbfleiß, so kann es eben nicht verwundern, daß – fast mit alleiniger Ausnahme des preußischen – alle deutschen Höfe und besonders kunstsinnige Fürsten den französischen Sitten nacheiferten, wenn das auch kaum weniger zu beklagen ist, als daß sie zugleich sich mit beugen mußten vor Ludwig des Vierzehnten Macht, seit er die Garantie des westphälischen Friedens übernommen hatte. Zu den kunstsinnigsten, eifrigsten Freunden und Bewunderern des „großen Ludwig“ gehörte der Erbauer des Braunschweiger Versailles Salzdahlum, der unter den Schöngeistern seiner Zeit als Dichter und Romanschriftsteller bekannte Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Ein jüngerer Sohn des Herzogs August, des frommen und gelehrten Gründers der berühmten Bibliothek zu Wolfenbüttel, welcher Lessing von 1770 bis 1781 [199] vorstand, gelangte er zur Mitregentschaft, dann nach dem Tode seines Bruders Rudolph August zur Regierung des Herzogthums und damit zu der Gelegenheit, sein einnehmendes, galantes Wesen, seinen ungewöhnlichen Scharfsinn, sowie seinen unbegrenzten Ehrgeiz und seine Prachtliebe als Reichsfürst zur Geltung zu bringen.

Braunschweig verdankt der Kunstliebe dieses für seine Zeit fein gebildeten Herrn, neben dem nachherigen Herzog Karl I., dem Gründer des Carolinums und Beförderer der Landes-Universität Helmstedt, alles Schöne, was es an Kunstschätzen besitzt, sein Salzdahlum ward nicht nur der Ort, wo Lustbarkeiten der Art, wie sie jene Zeit gebar, den Hof ergötzten, es ward auch der Platz, der durch seine mit feinem Geschmack zusammengetragenen Kunst-Sammlungen einen großen Ruf erlangte. Diese Wiege der Kunstschätze Braunschweigs, das Lustschloß Salzdahlum, ward neben dem noch vorhandenen gleichnamigen Dorfe, welches einem erst unlängst eingegangenen Salzwerke seinen Namen verdankt und in einer fruchtbaren Niederung, 11/2 Stunde etwa von Braunschweig, etwas näher der damaligen Residenz Wolfenbüttel gelegen ist, errichtet.

Unter des Herzogs persönlicher Leitung führte Herrmann Korb den Bau aus. Dieser geniale Mann hatte sich vom einfachen Tischler in seines Herrn Umgebung zum Landesbaumeister empor gearbeitet, obgleich er nicht einmal eine Zeichnung anzufertigen, sondern seine Ideen und Entwürfe nur in rohen Umrissen mit Kreide anzudeuten verstand. Mit dem Hofmaler und spätern ersten Gallerie-Inspector Tobias Querfurt sandte ihn der Herzog nach Frankreich, dort wurde das elegante „Marly“ zum Muster genommen. Der Bau begann 1694, leider nur, wie auch Herrenhausen, von Holz, denn die sparsamen Braunschweiger begnügten sich, wie der Frankfurter Tourist von Uffenbach sagt – „allein vor sich zu bauen“ – und nicht wie der große Ludwig für die Nachwelt; dennoch war Salzdahlum ein imposanter, schöner Bau.

Durch zwei geräumige Vorhöfe gelangte man zu dem Hauptgebäude, welches in der Mitte und an den Ecken drei, dazwischen aber zwei Stockwerke hoch war, in den Frontispizen befand sich das braunschweigische Wappen, das Dach war reich mit Statuen geziert. Mittels der großen Haupttreppe, deren Wände al fresco gemalt waren, gelangte man in einen Pracht-Saal, der eine auf korinthischen Säulen ruhende Gallerie hatte; zwischen den Säulen standen Statuen von weißem Marmor, die Decke zierten Fresco-Gemälde. Zu jeder Seite dieses Saals lagen sechs große Gemächer, auf das Prächtigste ausgestattet, die Meubel-Ueberzüge, ja selbst die Tapeten, nach damaliger Mode, zumeist von den fürstlichen Damen mit kunstreicher Hand gestickt. Eins dieser Zimmer war dem bewunderten Ludwig besonders gewidmet, es hieß das französische Zimmer, seine Wände waren mit den Portraits des Königs, Mazarins, Richelieus und Anderer geschmückt. Das „Audienz-Gemach“ hatte sogar eine Gobelintapete, dazu der berühmte Lebrun die Zeichnung gemacht hatte. Den Glanzpnnkt des Baues bildete die Gallerie. Sie befand sich in einem rechter Hand an die Colonnaden des zweiten Hofes stoßenden Gebäude, und stand durch einen Pavillon und ein Vorgemach, in welchem sich die Relief-Büsten des Herzogs und seiner Gemahlin über dem Kamin befanden, mit dem Schlosse in Verbindung. Die große Gallerie war 200 Fuß lang, 50 breit und 40 hoch; aus dieser gelangte man in eine zweite, 160 Fuß lange, an deren Ende sich das durch ein vergoldetes Gitter abgesperrte Cabinet befand, worin die jetzt auf dem Braunschweiger Museum befindliche berühmte Majolicen-Sammlung aufgestellt war. Damals schon zierte der größte Theil der die Kunstfreunde jetzt auf dem Museum anziehenden Bilder die Wände dieser Gallerien. Der Katalog führt vortreffliche Bilder von L. Cranach, Alb. Dürer, v. Dyck, Correggio, J. Jordaens, Rubens, Rembrandt, H. Holbein, Steen, v. d. Werff, Veronese, Corravagio, Ravenstein, G. Reni etc. etc. an.

In gleicher Linie mit dem Gallerie-Gebäude, linker Hand an der Colonnade, lag die Orangerie. Sie hatte ein schönes Deckengemälde, in Nieschen, der Fensterreihe gegenüber, standen die kolossalen Bildsäulen der zwölf ersten Kaiser, an beiden Enden des Saales befanden sich elegante Balcone, von denen ab man die Aufstellung der 400 Orangenbäume im Winter übersehen konnte.

Im Eckpavillon des linken Flügels lag die Schloßkirche. Zwölf auf einem römischen Hauptgesims stehende Engel trugen die perspektivisch wie eine Kuppel gemalte Decke, deren Gemälde die Ausgießung des heiligen Geistes darstellte. Die Sitze waren von Nußbaumholz, das Pflaster der Kirche von weißem und schwarzem Marmor. Der Kanzel gegenüber befand sich der fürstliche Stuhl, daneben Anton Ulrichs Betcabinet, die ganz vergoldeten Wände mit Schildereien behangen, welche die sieben Worte Christi am Kreuze veranschaulichten; die Inschriften hatte der Gründer aller dieser Herrlichkeiten selbst verfaßt. Ueber dem Betpulte hing das Bild, welches den oft gemalten schönen alten Herrn gar als Petrus glorificirte. Nach der in der Apostelgeschichte enthaltenen Erweckung der Tabea componirt, steht der Herzog am Sterbebette seiner als Tabea dargestellten Gemahlin, um ihn her seine Kinder und Enkel, darunter aber der Vers:

Tabea schlaft, – der Will’ ist da sie aufzuwecken,
Die Zeugen treten auf die Thaten zu entdecken,
Der nimmer müden Hand nur fehlet Petri Macht,
Sonst wäre was hier schläft schon wieder aufgewacht.

In dieser Kirche ward am 12. Juni 1733 der große König von Preußen mit der Braunschweig-Bevernschen Prinzessin Elisabeth Christine copulirt.

Hinter diesen Gebäuden, an die sich noch Wohnungen für Cavaliere, der Marstall, Küchen, auch ein Oekonomiehof schlossen, dehnte sich dann der große, im französischen Geschmack angelegte Garten aus, mit seinen hohen Hecken, schnurgeraden, sonnigen Alleen, Fontainen, Wasserfällen, Grotten etc. Die Haupt-Allee war 800 Fuß lang und zu beiden Seiten mit Statuen der Götter und Helden Roms und Griechenlands besetzt. Bei der spätern Demolirung dieser Anlagen ward die bedeutende Anzahl dieser Figuren der Art verschleudert, daß der größte Theil der Privatgärten um Wolfenbiittel und Braunschweig heute noch, oft in der abenteuerlichsten Zusammenstellung, damit ausgestaltet erscheint. Wenn der Hof in diesem Prachtwege bis zu der den Wasserstrahl fünfzig Fuß hoch werfenden Fontaine seine Staatspromenade hielt, bot derselbe einen imposanten Anblick dar. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Seen mit eleganten Gondeln darauf, auch ein aus grünen Hecken gebildetes Theater. Die als Höhepunkte guten Geschmacks und sinnreicher Erfindung von der damaligen Welt angestaunten und gepriesenen Theile des Gartens aber waren „der Parnaß“ und „die Eremitage.“

Ersterer lag, den point de vue vom Schlosse ab bildend, am Ende der großen Allee; anscheinend ein rauher Felsen, barg er aber in seinem Innern elegante, kühle Zimmer, vom Hof in der heißen Jahreszeit besonders gesucht, Wasserfälle stürzten aus dem Felsen hervor und sammelten sich in einem Bassin, in welchem „Latona“ mit ihren Kindern saß, die sie umgebenden Frösche spieen das Wasser abermals als kleine Fontainen in die Höhe. Als Bewohner dieses Berges zeigten sich ferner Apollo, die neun Musen und Minerva, unter ihnen weilte auch die Brunonia, und auf dem Gipfel sprang der vergoldete Pegasus.

Die „Eremitage“ diente einem hölzernen Hieronymus zur Wohnung, der, mit dem Steine in der Hand, um sich wach zu erhalten, in der Kapelle betete, während sein Gesellschafter, der Löwe, aus dem nahen Quell trank. Außer der Kapelle enthielt dieselbe indeß noch einen Saal, dessen Wände mit Scenen aus dem Leben dieses Heiligen al fresco bemalt waren, ein Studirzimmer, Schlafkammer, Küche und einen sorgsam gepflanzten Gemüsegarten, Alles mit einem Comfort ausgestattet, in dessen Genuß der Bewohner hätte sehr angenehm leben können, wenn er nicht von Holz gewesen wäre.

Zu der Aufstellung der schönen Orangerie im Sommer diente der besonders eingehegte, sogenannte „kleine Orangerie-Garten“, mit einem Treibhause, worin man seltene ausländische Gewächse zog. Unter der Regierung Herzog August Wilhelms, Sohnes und Nachfolgers Anton Ulrichs, blühete hier 1720 zum ersten Male eine riesige amerikanische Aloe; die bei dieser Gelegenheit geschlagene Medaille trägt die wohl auf die Kinderlosigkeit August Wilhelms nicht ganz unbezügliche Inschrift:

„Wenn’s auch an Frucht gebricht,
Fehlt’s doch an Blüthen nicht.“

Vielleicht um dem dort herrschenden üppigen Freudenleben ein Gegengewicht zu geben, stiftete Anton Ulrichs fromme Gemahlin, Elisabeth Juliane von Holstein, das Kloster „zur Ehre Gottes“ zu Salzdahlum für zwölf protestantische Jungfrauen, deren Domina eine Adelige sein muß. Seil 1791 ist dies Stift nach Wolfenbüttel verlegt.

Dieses mit so vielem Geschmack ausgestattete Schloß blieb [200] auch, nachdem sein Gründer am 27. März 1714 dort gestorben war, der Hauptfreudenort des Braunschweiger Hofes. Das glänzende Leben wurde fortgesetzt und erreichte besonders unter Herzog Carl I., eine große Ausdehnung, bis sein Sohn, der weise, sparsame Carl Wilhelm Ferdinand, ihm ein Ende machte.

Neben dem Rufe aber, welchen Salzdahlum seiner Gemäldesammlung wegen im Auslande hatte, ist sein Name wohl in weiteren Kreisen am häufigsten als der Ort genannt, wo, wie erwähnt, im Jahre 1733 die Vermählung des damaligen Kronprinzen Friedrich, nachmaligen König Friedrich des Großen, mit der Bevernschen Prinzessin Elisabeth Christine, einer Urenkelin Anton Ulrichs, gefeiert wurde. Am 11. Juni trafen zu diesem Zwecke König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, die Königin Sophie Dorothea, der Kronprinz Bräutigam mit einem glänzenden Gefolge, darunter auch die Speciale des Königs, von Grumbkow und Seckendorf, am Hoflager des regierenden Herzogs Ludwig Rudolph zu Salzdahlum ein.

Abends wurden die Festlichkeiten mit einem Schäferspiele auf dem grünen Theater eröffnet; sämmtliche dabei mitwirkende Herren und Damen des Hofes, fünfzig Paare, auch das Musikcorps, waren in Schäfertracht. Drei junge Arkadier, darunter auch Friedrich, erschienen vor einem Hirtenfürsten, um die Hand seiner Tochter zu werben. Der Vater erklärte, er werde sie nur dem geben, welcher am schönsten die Flöte blase. Der Wettstreit der Bewerber begann, ließ aber den Kunstrichter in seinem Urtheil unentschieden. Da rauschten die Büsche, die goldene Lyra erklang, Apoll erschien und erbot sich, den Streit zu entscheiden; abermals ertönten die Flöten, der schöne Gott erklärte Friedrichs seelenvolles Spiel unübertroffen und führte dem Sieger die Braut zu. Fröhlicher Tanz im Freien beschloß diese Vorfeier. An einem die Gärten von Salzdahlum im schönsten Grün zeigenden Frühlingstage, Freitag den 12. Juni, fand, nachdem die Ehepacten im Zimmer der Königin-Mutter vollzogen waren, die Trauung in der Schloßkirche durch Abt Dreyßigmark statt. Von dort begab sich der Hochzeitszug, unter dem das Ereigniß dem Lande verkündenden Kanonen Donner und Trompeten-Schall, in das Audienz-Gemach, wo die gebräuchliche Gratulations-Cour stattfand, dann folgte Tafel und Ball. Sonnabend war Ruhetag. Am Sonntage, früh zehn Uhr, versammelte sich der Hof in der Kirche, wo der berühmte Kirchenhistoriker Lorenz von Mosheim, Abt zu Marienthal und Professor zu Helmstedt, eine „besonders verordnete“ Einsegnungspredigt: „von dem Segen des Herrn auf die Ehen der Gerechten“, hielt. Abends dirigirte der berühmte Componist des „Tod Jesu“, Graun, damals noch fürstlich braunschweigischer Vice-Kapellmeister, seine neue Oper „lo Speochio della fedelta“ – der Spiegel der Treue – der am Montage die Aufführung von Händels „Parthenope“ und die französische Komödie „le Glorieux“ von Destouches folgten. – Am 16. Juni reisete der preußische Hof nach Potsdam ab, wohin am 24. die Braunschweiger Fürstlichkeiten folgten; am 27. hielt Friedrich seinen glänzenden Einzug in Berlin.

Nachdem Salzdahlum hundert und zehn Jahre etwa der glänzende Sammelplatz des braunschweigischen Hofes gewesen war, machte das Unglücksjahr 1806 seiner Pracht ein Ende. Schon der letzte Aufenthalt seines Besitzers war ein tragischer. An der Spitze des bei Jena geschlagenen preußischen Heeres hatte der greise Herzog Carl Wilhelm Ferdinand gestanden, der Erlasser des unglücklichen Manifestes von 1792. Mit der Todeswunde am Haupte, kam er fliehend am 20. October, Mittags ein Uhr, in Saldahlum an. Der mit Wachsleinwand überspannte Tragkorb, in welchem er seiner Wunde wegen transportirt werden mußte, wurde in dem ehemaligen Wohnzimmer seines Vaters Carl niedergesetzt, und nachdem er hier eine Traube aus dem Salzdahlumer Garten genossen, erquickte „den armen blinden Mann“, wie er sich selber nannte, zum letzten Male auf heimathlichem Boden und im eigenen Hause ein vier Stunden langer Schlummer, dann ward die Flucht, ohne die Residenz zu berühren, nach Ottensen fortgesetzt, wo der Held am 10. November starb.

Das Herzogthum ward nun dem neu geschaffenen Königreiche Westphalen einverleibt, und unter einem Regimente, das keine Pietät für das Alte hatte, ging Anton Ulrichs Schöpfung rasch ihrem Verfall entgegen. Am Tage nach seinem glänzenden Einzuge in Braunschweig – am 18. Mai 1808 – kam der junge König Jerome von dort ab auch nach Salzdahlum und durchwanderte die schon verödeten Prachträume. Dann traf Denon ein, um eine Auswahl unter den Kunstschätzen des Schlosses für den Imperator zu treffen und sie als Trophäen nach Paris zu senden; erst mit dem Siegeswagen des Brandenburger Thores zu Berlin kehrte das Geraubte in den rechtmäßigen Besitz zurück.

Die westphälische Commun der alten Welfenstadt Braunschweig hatte dem Könige für den Fall, daß er gelegentlich von Cassel ab dort einspräche, das Residenzschloß ausbauen lassen, und für die daraus entstandenen Kosten schenkte die Majestät derselben huldvoll das wohlfeil erworbene Schloß – zum Abbruch. – Sodann begann im Herbste 1811 die Versteigerung des von Denon Zurückgelassenen; Hunderte von interessanten Portraits wurden damals für einige Groschen das Stück verschleudert, Gleiches geschah mit dem Rococo-Meublement, und die jetzt herrschende moderne Passion, sich Zimmer mit diesem Hausrathe voriger Jahrhunderte auszustatten, hat eben durch die seit der Demolirung des geräumigen Schlosses über das Land zerstreuten Gegenstände der Art nicht unbedeutende Befriedigung aus Braunschweig erhalten. Im Jahre 1812 wurde das also geplünderte Schloß selbst abgebrochen, sein kunstreicher Garten, welcher vielleicht noch jetzt zu den sehenswerthesten Umgebungen der Residenz zählen könnte, ward, in Ackerland verwandelt, der Domaine zugelegt, und wo einst der von den Musen bewohnte Parnaß stand, da zieht jetzt der Pflüger seine Furchen, und im Herbst pfeift der Wind über die Stoppeln, wo sonst Fürsten und Edelfräulein wandelten.