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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Meine Löwin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 200–203
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[200]
Meine Löwin.
Von Dr. A. E. Brehm.
„Wir waren in Tagen, die nicht mehr sind,

Gar treue Gespielen, wie Kind und Kind,
Wir hatten uns lieb, wir hatten uns gern.

Die schönen Tage, sie liegen uns fern.“ (Chamisso.)

Als ich während meines Aufenthaltes in Charthum einmal meinen Freund und Gönner Latief-Pascha besuchte, zeigte mir dieser eine junge, allerliebste Löwin, von der Größe eines halberwachsenen Pudels, welche er vor Kurzem als Geschenk von einem der „Aschiách“ oder Befehlshaber der ihm untergebenen Araberstämme erhalten hatte. Das Thierchen war im höchsten Grade zahm, sehr liebenswürdig, possierlich und dabei vollkommen an den Menschen gewöhnt, hatte gelernt, diesen als seinen Herrn, Gebieter, Ernährer und Beschützer anzusehen, und ließ sich deshalb alle Unbilden, welche der Mensch seinen ihm untergebenen Hausthieren angedeihen zu lassen pflegt, ohne Murren gefallen. „Bachida“, zu Deutsch die Glückliche, so hatte man die Löwin benannt, spielte nach Art junger Kätzchen dreist und furchtlos mit dem Beherrscher eines ganzen Landes, dessen Befehl Leben gewähren oder Tod bringen konnte, und sprang auf dem ernsten Manne tollkühn mit aller ihr angeborenen anmuthigen Leichtfertigkeit und Dreistigkeit herum, als sei er eben auch nur ein gewöhnliches Menschenkind; und Latief-Pascha hatte seine große Freude an dem zierlichen Geschöpfe.

Ich will nicht leugnen, daß die Löwin augenblicklich auch mein Herz gewonnen hatte; allein ich bedachte im Stillen, wie viel mich ihre Unterhaltung und später ihre Fortschaffung kosten würde, und konnte bei meiner damaligen Armuth den Gedanken nicht in mir aufkommen lassen, das liebenswürdige Wesen mir zur Gesellschafterin zu erwerben. Mein Freund Bauerhorst aber, welcher mich begleitete, kannte solche Bedenken nicht, und da ihn, wie mich, die [201] Liebenswürdigkeit Bachida’s bezaubert hatte, gab es bald für ihn nur einen Wunsch: das Thier sein eigen nennen zu können. Er bestürmte mich fortwährend, meinen „Einfluß beim Pascha“, wie er es nannte, hier geltend zu machen und für ihn die Löwin mir zu erbitten. Ich aber, wohlbewußt dessen, was ich dem großartigen Manne, meinem väterlichen Freunde und Gönner, Alles verdanke, und schon damals ahnend, daß er allein es sein würde, durch dessen Hülfe es mir gelingen könnte, die heimathliche Erde jemals wiederzusehen, ich wollte anfangs nicht recht daran, meinem Beschützer das Gesuch meines Freundes zu unterbreiten, bis mich dieser endlich doch für sich gewann, und ich dem eines Tages besonders gut gelaunten Pascha sagte, seine Löwin habe das Herz meines Freundes gewonnen, und er sei förmlich verliebt in sie. Für einen Türken ist eine solche Aeußerung genug, um den betreffenden Gegenstand sofort als Geschenk anzubieten, und Latief-Pascha war viel zu sehr Türke, als daß er eine solche Artigkeit hätte unterlassen sollen. Kurz nach meiner Heimkehr erschien ein Arnaut mit der Löwin im Arme und der Botschaft im Munde, sein Herr mache sich ein großes Vergnügen daraus, dem Gaste in seinen Landen, seinem Freunde, hiermit diese geringfügige Gabe als Zeichen seiner Achtung zu übersenden. So waren wir in den Besitz des allerliebsten Thieres gelangt, und ich meinerseits fühlte nun auf einmal Wünsche in mir rege werden, vornehmlich aber denjenigen, allein und ausschließlich der Erzieher und Beschützer des jugendlichen Thieres sein zu dürfen. Bauerhorst war damit natürlich vollständig einverstanden, und so erhielt denn ich die Löwin zu ganz besonderer Pflege und Wartung anvertraut. Und ich glaube, diesem Vertrauen keine Schande gemacht zu haben.

Es währte nicht lange, bis das Thier in unserem Gehöfte vollkommen eingewohnt war, obwohl sie sich noch lange Zeit ihres früheren Herren erinnerte. Denn wenn dieser einmal bei unserm Hause vorüberritt, und Bachida zufällig in der Thür stand, unterließ sie es nie, ihn bis zu seinem Palaste, der Hokmodarïe Charthums, zu begleiten, und mußte von dort aus regelmäßig zu uns zurückgebracht werden. Wir ließen die Löwin natürlich frei herumlaufen, wie dies bei allen meinen Thieren, welche sich eines solchen Vorrechts würdig zeigten, zu geschehen pflegte. Sie durchstreifte nach Belieben Haus und Hof, Kammern und Speicher, Stallungen und Schuppen, wenn ich von den verschiedenen Höhlen unseres Hauses überhaupt derartige Unterscheidungen gebrauchen darf; sie ging in den Garten, bestieg zuweilen die niedrigen, platten Dächer der untergeordneten Räume unseres Hauswesens und benahm sich bald mit sehr großer Sicherheit und Zuversichtlichkeit.

Nach kurzer Zeit hatte ich ihre Freundschaft mir zu erwerben gewußt. Bachida liebte mich zärtlich, folgte mir wie ein Hund, liebkoste mich bei jeder Gelegenheit und wurde nur bisweilen lästig, nämlich wenn sie Nachts auf den Einfall kam, mich auf meinem Lager zu besuchen und durch ihre Liebkosungen aufzuwecken. Dann war sie gewöhnlich so leicht nicht wieder wegzubringen und raubte mir in dieser Weise manche Stunde Schlafs.

Sehr bald hatte sie sich die Herrschaft über alles Lebende auf unserem Hofe zu erringen gewußt. Die Affen schnitten entsetzliche Gesichter, wenn sie sich zeigte, oder wurden gänzlich außer Fassung gebracht, wenn sie gar nach ihnen hinsprang, um mit ihnen zu spielen; die Kameele, welche bei uns vorübergingen, machten verzweiflungsvolle Sätze, wenn sie das in ihren Augen furchtbare Wesen gewahrten; und oftmals kam es vor, daß die vorübergehenden Kameele eines Zuges sich plötzlich ihres Gepäckes entledigten, wenn Bachida in einer Mauerluke oder auf der Mauer erschien und mit einigen, nach unsern Begriffen gar nicht entsetzlichen bauten die Kameele von der Anwesenheit eines so furchtbaren Raubthieres belehrte. Die gute Löwin erntete dann oft Fluchen und Schellen in reichem Maße seitens der Kameeltreiber, obwohl selbstverständlich keiner der Sudahnesen es wagte, sich ihr in böswilliger Absicht zu nähern. Es kam vielmehr bald dahin, daß Jedermann in Charthum die Löwin als den Wächter unseres Hauses betrachtete und fürchtete oder wenigstens achtete; und wir hatten so das Glück, von allem lästigen Gesindel für immer befreit zu sein. Ich muß dabei allerdings im Voraus bemerken, daß die gutgesittele Bachida sich zuweilen Scherze erlaubte, welche den Sudahnesen über den Spaß gingen und sie vollkommen berechtigten, in ihr ein wahres Ungeheuer zu erblicken.

Als sich die Zahl meiner zahmen Thiere nach und nach vermehrte, bekam Bachida Gelegenheit, sich unter ihnen nach Herzenslust zu vergnügen. Sie brachte oft den ganzen Hof in Unordnung, weil sie keines der mit ihr dort lebenden Thiere in Ruhe ließ. Es war dies keineswegs Böswilligkeit von ihrer Seite, sondern blos eine unbegrenzte Lust, die anderen Geschöpfe zu necken und zu foppen. Zu den Antilopen, welche wir hin und wieder bekamen, aber immer nur kurze Zeit am Leben erhielten, durfte sie allerdings nicht gelassen werten, weil diese Thiere bei ihrem Erscheinen verzweiflungsvoll gegen die Wände rannten und sich selbst so beschädigten, daß sie zu Grunde gingen. Dagegen waren die Affen und unsere Raubvögel die beständige Zielscheibe ihres Uebermuthes. So lange sie klein war, ging die Sache; denn Bachida fand in einem allen Pavian einen würdigen Gegner, jedoch nur dann, wenn sie besonders zudringlich wurde. Auch er zitterte bei ihrem Erscheinen und verzog das Maul auf grauenvolle Weise, griff sie aber, wenn sie sich näherte, ohne Weiteres muthvoll mit seinen Händen an und rieb ihr die Ohren dergestalt um den Kopf herum, daß ihr Hören und Sehen vergehen mochte und sie gewöhnlich eiligst das Weite suchen mußte. Mit der Zeit jedoch wurde die Löwin so stark, daß der Pavian ihrer nicht mehr Herr werden konnte und nunmehr, wie sämmtliche Thiere, von ihrem Uebermuthe zu leiden hatte.

Da erhielt ich neuen Zuwachs zu meiner Thiergesellschaft, und zwar einen Marabu. Dieser gewaltige Vogel wurde augenblicklich von der Löwin angegriffen, war sich jedoch des Gewichtes seines furchtbaren Schnabels so bewußt, daß er den Angriff nicht nur ruhig abwartete, sondern auch siegreich zurückschlug. Bachida hatte lange Zeit lauernd und ganz nach Katzenart mit dem Schwanze wedelnd auf dem Boden gelegen und den neuen Ankömmling starr betrachtet, welcher sie seinerseits gar nicht zu beachten schien und ruhig auf und niederstolzirte: jetzt gedachte sie, ihn in ihrer gewöhnlichen Weise zu erschrecken, und machte, als er sich ihr hinreichend genähert hatte, einen gewaltigen Satz nach ihm. Der Vogel erschrak allerdings und sprang hoch in die Höhe, besann sich aber keinen Augenblick lang, sondern schritt muthig mit halbgebreiteten Schwingen auf die verwunderte Löwin zu und versetzte ihr rasch hinter einander mit seinem gewaltigen Keilschnabel mehrere Püffe in so nachdrücklicher Weise, daß er sie wenigstens gründlich überzeugte, hier sei ohne ernsten Kampf kein Sieg zu erringen. Zum ersten Male sahen wir jetzt das sonst so sanfte Thier in Wuth gerathen. Ergrimmt über die erlittene Schmach stürzte sie sich brüllend auf den Vogel, welcher sich inzwischen schon zu einem neuen Angriffe vollkommen vorbereitet hatte. Bachida versuchte, ihn mit den Tatzen anzugreifen; allein der Marabu ließ sie dazu gar nicht kommen, sondern brachte ihr wiederum mit außerordentlicher Schnelligkeit und Sicherheit eine Anzahl von Schnabelhieben bei. Wuthbrüllend antwortete die Löwin und stürzte sich nochmals auf den gefährlichen Gegner; dieser aber, vielleicht ahnend, daß der jetzige Angriff ein entscheidender sein würde, nahm seine ganze Kraft zusammen und bediente den Vierfüßler nochmals so reichlich, daß dieser plötzlich umdrehte und die Flucht ergriff. Schnabelklappernd verfolgte sie der übermüthige Sieger in alle Winkel und Ecken, durch alle Gebäude des Hofes. Bachida wußte schließlich keinen Ausweg mehr und kletterte endlich, bestürzt über dieses Ereigniß, an der Wand eines niedrigen Gebäudes empor. Diese empfangene Lehre vergaß die Löwin allerdings nicht wieder und ließ fortan stets den Storchvogel achtungsvoll in Ruhe, trieb es jedoch mit den anderen Thieren wie früher.

Nur mit einem einzigen ihrer Hofgenossen schien sie in besonderer Freundschaft zu leben. Derselbe war ein muthiger Widder und stets geneigt, einen Strauß mit ihr auszufechten. Es war allerliebst, dem Spielen und Kämpfen dieser Beiden zuzusehen. Sobald sich Bachida dem Widder näherte, erhob sich dieser und stellte sich mit niedergebeugtem Kopfe zum Gefecht. Die Löwin legte sich nieder, sah ihn starr an, und schlich dann entweder an ihn heran, oder sprang mit einem, höchstens zwei Sätzen auf ihn zu. Gewöhnlich bekam sie gleich beim ersten Zusammentreffen mit ihm einen tüchtigen Hornstoß von ihrem Spielgefährten, und schien dann vollkommen befriedigt zu sein; in einzelnen Fällen aber gelang es ihr auch, dem Widder einen Tatzenschlag beizubringen, und dann war sie natürlich übermüthiger, als je. Dieses schöne Verhältniß wurde grausam zerrissen. Bei einem der Zweikampfe mochte der Widder etwas zu derb zugestoßen und die Löwin erzürnt haben, wenigstens [202] war sie, wie meine Diener mir erzählten, plötzlich wüthend auf denselben losgestürzt und hatte ihm derb mit Tatzenschlägen zugesetzt. Am andern Tage war er todt!

Einen großen Spaß bereitete uns Bachida eines Tages, freilich sehr zum Nachtheile eines Mitbewohners unseres Hauses. Im zweiten Theile unserer Wohnung, in dem sogenannten Harehm oder der Frauenabtheilung desselben, war nämlich ein dicker griechischer Kaufmann eingezogen, welcher uns durch sein eingebildetes Wesen schon vielfach geärgert hatte. Er besaß einen dicken Esel zu seinen Spazier- und Geschäftsritten, welchen wir unserseits als Reitpferd für unsere Paviane zu benutzen pflegten und dadurch den guten Mann bisweilen sehr in Harnisch brachten. Es war während der Regenzeit, als Bachida sich einmal mit diesem Griechen besonders beschäftigte. Halb Charthum und unser Hof war durch die Regengüsse eines Gewitters überschwemmt, und die Löwin machte sich ein Vergnügen daraus, durch Dick und Dünn mit mächtigen Sätzen zu springen und die übrigen Thiere dadurch in Angst zu versetzen. Wir saßen unter der Vorhalle des Hauses, weil wir bei diesem Wetter nicht ausgehen konnten, und erfreuten uns nun an den Sprüngen unseres Lieblings. Da tritt plötzlich durch die Hinterthür eine weiße Gestalt heraus; es ist unser Grieche, in der frischgewaschenen, blendenden Jellabïe, dem talarähnlichen Obergewande aller vornehmen Sudahnesen, welcher sich in diesem sauberen Anzuge zu „seinem Freunde“, dem Pascha, begeben will. Mühsam schleppt er sich durch den Koth, um nach dem Stalle zu gelangen, in welchem sein Reitthier eingesperrt ist. Bachida liegt im dicksten Schmutze und sieht verwundert lange Zeit starr auf diese weiße Gestalt. Plötzlich duckt sie sich platt auf den Boden, nimmt den Griechen fest in’s Auge, macht einen furchtbaren Satz auf ihn und bewirkt dadurch, daß der gute Mann halb ohnmächtig vor Schreck ohne Weiteres die schöne, reingewaschene Jellabïe mit dem Lehmwasser des Hofes übertüncht, bezüglich rückwärts in die Schmutzpfütze stolpert.

Bachida hätte genug an dem bereiteten Schrecken gehabt, hätte der Mann nicht laut zu schreien angefangen. Auf dieses Zeichen hin mußte das neckische Thier seinen Muthwillen fortsetzen. Noch ein zweiter Satz bringt unsern Griechen völlig zum Liegen, und nun sitzt ihm das Ungeheuer mit beifälligem Gebrüll auf dem Leibe, umarmt ihn sehr zärtlich, wälzt ihn dabei aber, da er entrinnen will, dergestalt im Kothe herum, daß von der blendenden Kleidung auch nicht ein handgroßer Flecken mehr rein bleibt. Alle Heiligen fleht er um Hülfe an, allein keiner hilft ihm; endlich wendet er sich an uns, und wir entwinden ihn auch glücklich den Klauen seines Peinigers, welcher ihn natürlich nicht im Geringsten verletzt hatte. Der dicke Herr kam wieder auf seine Beine, allein er begann jetzt so furchtbar zu schimpfen, daß wir ihm die erlittene Unbill als ganz gerechte Strafe von ganzem Herzen gönnten. Er schwor, sich zu rächen und diese Fahrlässigkeit von unserer Seite sofort dem Pascha zu berichten, sobald er nur wieder frisch angezogen sein werde. Nach einer halben Stunde erschien er denn auch wieder, noch immer Wuth schnaubend, und begab sich zum Pascha. Leider aber traf das alte Sprüchwort: „Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen“, dies Mal auch bei unserm Griechen ein; denn der Pascha war nicht weniger ergötzt über den geistreichen Einfall der Löwin, und Channa Sabuâ hatte das Vergnügen, anstatt der gehofften Rache gegen uns, den Spott und das Gelächter seines Freundes und des Hofstaates zu ernten.

Gegen uns benahm sich Bachida immer sehr liebenswürdig, und nur einmal mußte sie von mir derb gezüchtigt werden, was mir freilich beinahe übel zu stehen gekommen wäre. Bachida hatte meinen Lieblingsaffen anfangs erschreckt, später gemißhandelt, und zuletzt getödtet und gefressen, und ich mußte fürchten, daß sie sich mit der Zeit noch an andere Thiere machen und mir großen Schaden verursachen würde. Ich führte sie also, mit der Peitsche in der Hand, zu den einzigen Ueberbleibseln ihres Schlachtopfers, welche ich noch vorfand, zum Kopfe und Schwanze des Affen, und prügelte sie tüchtig ab. Sie suchte zu entfliehen, wurde jedoch von mir verfolgt und schließlich bin in einen der Räume unseres Gehöftes getrieben. Als sie einsah, daß sie nicht entrinnen konnte, nahm sie plötzlich eine andere Miene an, als früher, und stellte sich mir so herzhaft zur Wehr, daß ich fürchten mußte, von dem zu jener Zeit mehr als halberwachsenen Thiere erheblich verletzt zu werden. Ich bin überzeugt, daß sich die im höchsten Grade erzürnte Löwin sofort auf mich gestürzt haben würde, wenn ich auch nur einen Schritt zurückgewichen wäre, allein gleichwohl lag mir Alles daran, ihr freien Ausweg zu verschaffen. Ohne Unterlaß mit der Peitsche ihr Fell bearbeitend, drückte ich mich auf die Seite, und öffnete so der Löwin den Ausweg, welchen sie auch schleunigst benutzte. Schon nach einer halben Stunde war ihr Zorn verraucht, und sie kam wieder, freundlich, wie immer, gleichsam abbittend, mich liebkosend wie vorher, so daß mich jetzt die ihr ertheilte Strafe fast ebenso schmerzte, als dieselbe sie geschmerzt haben mochte. Das war der einzige Streit, welchen wir Beide jemals mit einander gehabt hatten. Ich wiederhole nochmals, daß Bachida sonst nie sich eine Unart gegen uns erlaubte, oder in irgend einer Weise die Wildheit eines Raubthieres bekundigte.

Meine Armuth zwang mich, zu meiner Rückreise die gefährlichste Straße zu wählen, d. h. ein gerade nach Egypten abgehendes Schiff zu benutzen, auf welchem ich über alle Stromschnellen des Nils hinwegtanzen sollte. Der Thiere wegen, welche wir bei uns führten, war dieser Weg in gewisser Weise den andern Straßen durch die Wüste vorzuziehen, da wir auf ihm niemals Mangel an Wasser verspürten. Auf unserm Boote lebten wir nun in sehr inniger Gemeinschaft mit unserem sämmtlichen Vieh zusammen, und namentlich Bachida war der erklärte Liebling aller Bewohner des Schiffes. Ihre Reinlichkeitsliebe war merkwürdig. Niemals verunreinigte sie ihren Käfig während der Fahrt; sie wartete vielmehr mit Schmerzen des Augenblickes, welcher das Schiff dem Ufer zuführen und ihr die gewohnte Freiheit gewähren sollte. Ihretwegen legten wir gewöhnlich ziemlich entfernt von den Dörfern an, und ließen dann sofort nach der Landung das liebe Thier aus seinem Käfig. Sobald dies geschah, stürzte Bachida eiligst auf’s Land, um sich zu entleeren, was stets an einer verborgenen Stelle und ganz nach Katzenart geschah, indem die Löwin für ihre Losung jedesmal eine Grube scharrte und dieselbe, nachdem sie ausgefüllt worden war, auch regelmäßig wieder mit Erde bedeckte. Nach Beendigung dieses wichtigen Geschäftes wurde sie lustig und übermüthig. Wie ein junges Füllen sprang sie mit mächtigen Sätzen umher, kürzere oder längere Ausflüge machend, kehrte aber immer bald wieder zum Schiffe zurück. Unsere Ankunft bei einem Dorfe brachte in demselben stets die freudigste Aufregung hervor. Alt und Jung strömte herbei, um die Frendjis zu sehen, welche ein ganzes Schiff mit „wilden Thieren“ oder „Söhnen des Waldes “ befrachtet hatten. Gewöhnlich war schon eine halbe Stunde nach unserer Landung das Schiff mit einer so großen Menschenmenge umgeben, daß der Besuch uns zuweilen recht lästig wurde. Dies schien auch Bachida einzusehen, und da sie jedenfalls die gute Absicht hegen mochte, uns solcher Last zu entheben, erlaubte sie sich oft tolle Scherze nach ihrer Art, indem sie plötzlich den Einen oder den Andern durch einen wilden Satz erschreckte, sich hinter Buschwerk oder Felsen auf die Lauer legte und unverhofft brüllend hervorschoß oder andere Streiche vollführte, welche den Muth der guten Dorfbewohner jener Gegenden auf allzuharte Proben stellten. Ich muß hervorheben, daß Bachida hier wirklich mit Verständniß handelte und stets sehr erfreut schien, wenn ihr ein solcher Schreck besonders gelungen war.

Zwei Male ging sie jedoch zu Thätlichkeiten über, welche ich nicht ganz billigen konnte, und daher einschreiten mußte. Das eine Mal war sie vom Nilufer hinauf in ein ärmliches Dorf geklettert und hatte dort die eben heimkehrende Schafheerde nicht nur vollständig zersprengt, sondern sich auch einen Zoll aus ihr erhoben, nämlich ein Lamm ergriffen, jedenfalls in der guten Absicht dasselbe abzuwürgen. Die Dorfbewohner erhoben förmlich ihr Kriegsgeschrei, jenes zitternde, durch unnachahmlichen Zungenschlag und gellende Töne hervorgebrachte, weit hörbare Tonunwesen, welches Goltz mit „wildem Waldvogelgesang in Urwäldern vor der Sündfluth und Einführung eines geläuterten Naturgeschmackes“ vergleicht. Aus allen Hütten hervor stürzten die erregten Bewohner des friedlichen Dorfes mit Waffen allerlei Art, um dem schauderhaften Feinde zu Leibe zu gehen. Die brüllenden Weiber hielten sich allerdings in entsprechender Entfernung, um sicher zu sein, und die muthigen Männer berathschlagten glücklicher Weise noch, wie sie es anfangen möchten, das Ungeheuer in möglichst gefahrloser Weise zu besiegen, als ich ankam und der ganzen Aufregung dadurch ein Ende machte, daß ich, wie weiland Simson, meine Löwin am Kopfe packte, ihr den Rachen aufriß, und das erfaßte [203] Lamm mit einem Fußtritte fortschleuderte. Von der Dorfbewohnerschaft erntete ich allerdings Schmeicheleien und Bewunderung für meine Heldenthat, nicht so aber von Bachida, welche Lust zu haben schien, störrisch zu werden und ihre rechtmäßige Beute unter allen Umständen wiederzuerobern. Um auch sie zu befriedigen, wurde deshalb das ohnehin etwas mitgenommene Lamm für baare sechs Silbergroschen unseres Geldes erhandelt und nach dem Schiffe gebracht, wo es Bachida noch selbigen Abend wohlgemuth verspeiste.

Der zweite Fall war ernster. Wir lagen bei Theben, und Bachida ward der großen Menschenmenge wegen mit ihrer Kette an eine der Säulen des Tempels von Luksor gefesselt. Natürlich sammelten sich außer den stets dort sich findenden neugierigen Reisenden aus aller Herren Ländern auch sämmtliche Dorfbewohner, um „die Tochter Abu Fathmes“, wie die Sudahnesen die weiblichen Löwen nennen, in gehöriger Nähe gefahrlos betrachten zu können. Unter ihnen befand sich ein kleiner zudringlicher Negerknabe, welcher Bachida wohl zu nahe gekommen oder sie gar erzürnt haben mochte; denn plötzlich theilte sich der dichte Kreis, der sie bisher umgeben hatte, unter entsetzlichem Geschrei und Geheul, Verwünschungen, Fluchen und Jammern, und mir wurde schleunigst die Nachricht hinterbracht, daß mein „Scheusal“ soeben einen kleinen Adamssohn erfaßt habe und im Begriff stehe, ihn ohne Umstände zu verschlingen. Es sei zwar nur ein Sclave, allein ich möge bedenken, daß er 1000 Piaster gekostet habe, und ich ihn entschieden bezahlen müsse, wenn die Löwin ihn fressen würde. Daß dieser letztere Satz, nach dortiger Ansicht jedenfalls der wichtigste, auch bei mir seine Wirkung nicht verfehlen würde, schien natürlich, und diese Meinung ward auch vollkommen gerechtfertigt; denn ich stürzte diesmal mehr als eilig zu meiner Freundin, um den gefangenen Buben zu befreien. Bachida spielte mit ihm, wie eine Katze mit der Maus, drehte ihn in ihren Pranken hin und her, beroch ihn, zog ihn zu sich heran, ließ ihn wieder los, um ihn augenblicklich von Neuem zu halten, hatte ihm aber bisher auch nicht das geringste Leib zugefügt und nirgends ihn auch nur geritzt. Meine Ankunft brachte sie augenblicklich zur Besinnung, daß der schwarze Schreihals kein Spielzeug für sie sei; sie ließ denselben fahren, noch ehe ich Miene machte, ihr ihn zu entreißen.

In Egypten wurde der Zudrang der Menge zu unserm Schiffe so arg, daß wir öfters unsere Bachida zur Abwehr benutzen, das heißt, sie am Stricke führend die Leute zurücktreiben mußten. Gewöhnlich half blos dieses Mittel, dann aber auch gründlich. Kein Mensch konnte begreifen, daß ein Löwe in dieser Weise gezähmt werden könne, wie es hier ersichtlich war; Jedermann schien vielmehr zu glauben, ein Opfer des Ungeheuers werden zu müssen, und auch die Zudringlichsten machten sich eiligst auf die Socken, wenn wir mit der Löwin auf sie zukamen.

Während unseres Aufenthaltes in Kairo gab Bachida den „Söhnen der Begnadigten“ mehrere Male ein ganz außergewöhnliches Schauspiel. Um ihr zuweilen den Genuß von freier Luft zu verschaffen, führte ich sie nämlich an der Kette spazieren, und einige Male bin ich mit ihr über die stets von Spaziergängern erfüllte Esbekie gegangen. Man kann sich denken, welche Menschenmenge augenblicklich sich versammelte, um solches nie Gesehene gehörig betrachten zu können. Unter den Ausrufen der vollsten Bewunderung folgte Jeder, welcher uns sah, sodaß unsere Schleppenträger bald zu Hunderten anwuchsen. Ihre Bewunderung schien jedoch vorzugsweise der Löwin, nicht aber meiner Wenigkeit, zu gelten, da ich Ausrufe, wie: „Bewahre uns der Allmächtige vor dem aus seinen Himmeln herausgestürzten Teufel!“ „Behüte uns der Herr vor allem offenbaren Zauber!“ „Gott verdamme diesen Christen!“ und andere öfters zu hören bekam. Gewöhnlich wurde der Zulauf zuletzt so unerträglich, daß ich nach kurzem Spaziergange zurückkehren mußte. Dabei wurde ich aber keineswegs durch die Menge der Zuschauer gehindert; denn wie in Oberegypten machte auch hier Jedermann eiligst Platz, wenn das bewunderte Thier erschien, auf dessen Gutmüthigkeit man sich dennoch nicht ganz verlassen zu können glaubte.

Bauerhorst schenkte die Löwin dem Thiergarten in Berlin, und ich übernahm gern die Begleitung von ihr und einer ganzen Menge anderer Thiere, welche der preußische Generalkonsul Dr. v. P. derselben Anstalt geschenkt hatte, obwohl sich unter den Thieren auch ein erwachsener, männlicher Löwe befand, mit welchem nicht gerade zu scherzen war. Unsere Ueberfahrt von Alexandrien war rasch und glücklich, wenn sich auch die Thiere mit dem finstern Schiffsraume nicht recht befreunden konnten. Selbst Bachida schien sehr mißmüthig und ärgerlich darüber geworden zu sein, obschon ich sie tagtäglich zum großen Ergötzen und Erstaunen der Reisenden auf’s Verdeck heraufholte. Sie mußte dabei eine leiterartige Treppe heraufsteigen, und dies schien ihr stets viel Beschwerde zu verursachen, wurde jedoch nach Katzenart mit vielem Geschick bewerkstelligt. So oft sie auf Deck erschien, war sie artig und liebenswürdig, wie immer; in den dunkeln Schiffsraum kehrte sie aber stets mit großem Verdrusse zurück. Einmal verkannte sie mich gänzlich und ließ ihrem Grolle freien Lauf, als ich an ihrem Käfig vorüberging. Ich wollte sie streicheln, wurde aber von ihr plötzlich so heftig am Arme gepackt, daß ich heute noch die Narben der dabei erlittenen Verletzungen an mir trage. Allerdings war sie außer sich, als ich sie anrief, und sie ihr Unrecht erkannt hatte; ich aber merkte, daß in dieser Lage mit ihr nicht zu spaßen sei. Sogleich nach unserer Ankunft in Triest war sie wieder das liebe gute Thier, wie früher, und als ich sie nach viertägigem Getrenntsein wiedersah, kannte ihre Zärtlichkeit gar keine Grenzen. Es wurde für mich fast gefährlich, zu ihr in den Käfig zu gehen, da sie mich mit Gewalt dort festhalten wollte, und ich jedesmal nur durch List von ihr loskommen konnte. Unser Abschied ging mir sehr nahe, und ich muß offen bekennen, daß ich von Hunderten von Menschen mich getrennt habe, ohne auch nur entfernt so ergriffen worden zu sein, als ich es in jenem Augenblicke war, welcher mich für Jahre von meiner treuen Freundin scheiden sollte. Auch sie schien es zu ahnen, daß wir nun getrennt werden würden; denn sie jammerte fast kläglich, als ich zuletzt von ihr gehen wollte und doch immer noch einmal zu ihr zurückkehren mußte, um sie von Neuem zu liebkosen.

Und in der That vergingen Jahre, ehe ich Bachida wiedersah. Erst zwei Jahre nach meiner Rückkehr aus Afrika kam ich nach Berlin, und meine erste Frage war natürlich nach Bachida. Ich erfuhr zu meiner Freude, daß sie sich wohl befinde, groß und schön geworden sei und ihre alte Liebenswürdigkeit sich noch bewahrt habe. Da trieb es mich denn fast mit Gewalt zu ihr. Ich bedurfte keiner neuen Vorstellung seitens eines Aufwärters, denn ich erkannte meine Löwin auf den ersten Blick wieder. Eine ziemlich zahlreiche Gruppe von Neugierigen stand vor ihrem Käfig, als ich mit einem Freunde mich näherte. Man warnte mich freundlich, nicht zu nahe zum Käfig zu gehen, allein ich glaubte diesmal dieser Warnung nicht zu bedürfen und beruhigte die Besorgten, indem ich sagte, daß ich die Gewalt habe, die Thiere durch den Blick meines Auges zu bändigen, und ihnen gleich beweisen würde, daß es wahr sei. Und wirklich war das höhnische Gelächter einiger Anwesenden, welches die Entgegnung dieser Worte war, zu früh, denn der Erfolg bestätigte das, was ich erwartet hatte. In der völlig veränderten Kleidung, in welcher ich vor Bachida stand, erkannte sie mich augenblicklich zwar nicht, allein beim ersten Worte, welches ich an sie richtete, lauschte sie hoch auf, ihre Augen funkelten, sie legte sich wie zum Sprunge zurecht und lauschte nochmals. Und als ich dann wie in alten Zeiten zu ihr sagte: „Bachida, ja Bachida, Habibti, kef chalak, kef salamtak?“ das heißt, als ich sie begrüßt hatte, wie man eine theure Freundin begrüßt, in der Sprache, in welcher man zur Freundin redet, da war Bachida mit einem Satze an dem Gitter und reichte mir durch dasselbe beide Pranken. Ich gab ihr furchtlos meine Hand, sie zog sie an sich, legte sich nieder und auf den Rücken, wie sie es zu thun pflegte, wenn sie sich recht glücklich fühlte, und ließ sich nun mit der höchsten Befriedigung von meiner Seite streicheln und hätscheln wie in vergangenen Tagen. Es bedurfte einer großen Ueberwindung, um mich wieder von diesem Thiere trennen zu können, und ich nahm noch einmal ebenso traurig Abschied von ihr, als ich ihn in Wien genommen hatte.

Es war der letzte; denn Bachida ist todt.