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Textdaten
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Autor: Bayard Taylor
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Titel: Kubleh
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 204–205
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Friedrich Spielhagen
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[204]
Kubleh.
Eine Geschichte aus der Assyrischen Wüste.
Von B. Taylor.[1]

Die dunkeläug’gen Wüstenkinder trieben
Zusammen ihre Heerden für die Nacht.
Die Zelte wurden abgesteckt; es bogen
Die müden Dromedare ihre Hälse,
Demüthig bittend knieten sie im Sand.
Die Jäger theilten bei dem Lagerfeuer
Die Beute von der Jagd am Tigrisufer,
Und all der bunte Lärm des Abends tönte
Im Schammarlager rings. Die kühle Luft
Zog auf den weichen, thaugetränkten Schwingen
Durch’s blühende Gefilde; und wie nun
Der Schnee der Kurdenberge in dem Strahl
Der Sonne rosig glühte, hob sich ab
Vom safranfarbnen Westen breit und schwarz
Der alte Hügel Nimrod’s. Dunkler wurden
Die blauen Schatten, und die Sterne kamen
Im Purpuräther schwimmend. Allgemach
Entflammten rings die rothen Lagerfeuer.
Die dämmrigen Gestalten schlanker Pferde
Und bärt’ger Reiter huschten an den Zelten
Vorbei mit wirrem Schrein und hast’gen Rufen
Und ungeduld’gem Wiehern. Kinder rannten,
Den Zaum zu halten, während jeder Reiter
Die Lanze in die Erde trieb, sein Roß
Vor seiner Thür zu fesseln. In der Mitte
Stand Schammeriyah – frei von jedem Band –
Das Füll’n der stolzen Kubleh, und dem Scheikh
Viel theurer, als die schönste Odaliske. –
Doch als das Mahl beendigt, heller strahlten
Die Feuer und das Hundebellen schwieg;
Als Schammarjäger mit den Knaben saßen,
Die Waffen reinigend – kam Alimar,
Des Stammes Dichter, dessen Liebeslieder
Noch süßer als Bassora’s Nachtigallen, –
Deß Kampfgesänge schon den Wüstenkindern
Ein halber Kampf – wer kennt nicht Alimar?
Die Männer baten: „Dichter, sing’ von Kubleh!“
Und Knaben legten hin die Messer, baten:
„Sing uns von Kubleh, die wir niemals sahn,
Der schönen Kubleh!“ Und sie drängten sich
Mit glüh’nden Augen um das Lagerfeuer,
Als Alimar im Angesicht der Sterne
Jetzt sang den Wüstenkindern:
 „Gott ist groß!
O, Araber, seitdem Mohammed ritt
Aus Yemens Sande und vor Mekka’s Thor
Das Flügelroß bestieg, deß Flammenmähne
Zur Sonne aufschlug, als auf Allahs Ruf
Es den Propheten trug zum hohen Himmel,
War keins gleich Kubleh – Sosuks stolzem Roß.
Nicht die milchweißen Hengste, deren Hufe
Das Feuer schlug aus Bagdad’s Marmorställen,
Die durch den schimmernden Bazar stolzirten,
Am Purpurzaum gelenkt von Raschid’s Hand;
Noch jenes Streitroß von mongol’scher Zucht,
Das durch die halbe Welt trug Tamerlan;
Noch jene flücht’gen Renner, die vor Zeiten
Aus Ormuz brachten schwarze Indier
Zu Persiens Kön’gen – Füllen heil’ger Stuten,
Die sich vermählt den stolzen Wellenrossen!

Wer nannte je im ganzen Wüstenland
Die vielen Thaten Kubleh’s? wer erzählte,
Woher sie kam! wer ihre Ahnen waren?
O, Araber, ein Märchen Scherezade’s,
Gehört im Lager, wenn die Lanzenschäfte
Ihr prüft am Abend einer heißen Schlacht,
Ist die Geschichte unsrer schönen Kubleh.

Fern in des Südens Wüste, sagt man sich,
Fand Sofuk sie bei einer hohen Palme.
Es war versiegt der Quell; ihr rastlos Auge
Geröthet – hohl; die schlanken, jungen Glieder
Vom Durst erschlafft. Er hemmte sein Kameel,
Und als es kniete, band er ab den Schlauch;
Und da das Füll’n getrunken, folgt es ihm –
Deshalb durft’ Sofuk nur den Sattel gürten
Um ihren Leib, und mit dem Kopfputz schmücken
Ihr glänzend Haupt, das kein Gebiß ertrug –
Selbst nicht von ihm; sie war so stolz wie er.

Ihr Wuchs war schlanker in der leichten Anmuth,
Wie einer Bajadere, wenn der Tanz
Den Gürtel lockert und die weißen Knöchel
Hell schimmern aus dem fließenden Gewand;
Stets hob sie hoch den feinen, freien Kopf;
Das Stirnhaar wehte zwischen ihren Ohren,
Den dünnen, hell-durchsicht’gen, seidenweich.
Der Nüstern Bogen, rund und weit gezogen,
Sog ein den Wüstenwind; ihr schöner Hals
Gekrümmt zur Schulter, wie des Adlers Flügel;
Die wunderbaren Linien ihrer Flanken
Und Glieder wie geformt aus weicher Luft
Von Geisterhänden. Wenn der Schlachtruf tönte
Von Zelt zu Zelt, erglänzten ihre Augen
Blutroth, wie ein Rubin – ihr helles Wiehern
Klang wilder, schärfer, als der Speere Klirr’n.

Der Tigris und die Wüste kannten sie;
Trug sie nicht Sofuk vor den Schammarkriegern
Zum Kampfe mit den Gebern, die nicht harrten,
Willkommen ihr zu bieten? Sah der Kurde,
Als wir den frechen Eindringling verjagten,
Nicht ihre Hufspur in der Berge Schnee?
Leicht wie die dunkeläugige Gazelle
Auf steilen Klippen, über jähe Schlünde
Auf Sindjar’s Hügeln überholte sie
Den wilden Esel in der vollsten Flucht.
Durch manches Kampfgetümmel stürmte sie,
Rauchend von Schweiß und Staub, und fesseltief
Im dicken Blute. Wenn der Feuernebel
Die Sonne roth verhüllte, jagte sie
Her vor der Trombe, bis im Sturm die Mahne
Sich wirbelnd drehte, während die Kameele
Stöhnend und hilflos auf dem Sande lagen.

Der Taurus und Cirkassien kannten sie;
Georgiens Fürsten hörten ihr Gewieher
Vor Tiflis’ Wällen. Auf dem Libanon,
Dem Alten, schirmten sie die heil’gen Cedern,
Als sie mit Sofuk schlief in ihrem Dunkel;
Die Woge Trebizond’s umspülte sie,
Als sie vom Ufer sah das weiße Segel,
Das heim ihn trug von Stambul. Nie,
O Araber, gab es der Kubleh Gleichen.

Und Sofuk liebte sie; sie war ihm mehr,
Als alle seine üpp’gen Odalisken.
Vor seinem Zelte stand sie lange Jahre,
Der Stolz des Stammes. – Endlich starb auch sie, –
Starb, als das Feuer noch in allen Gliedern,
Starb für das Leben Sofuk’s, den sie liebte.
Die falschen Gebern – Allah’s Fluch auf sie! –
Verlegten einst den Pfad ihm, fern vom Lager,
Und hätten ihn getödtet, wär’ nicht Kubleh
Gesprungen gegen ihre Speere. Sie durchbrechend
Gewann die offne Wüste sie. Verwundet
Trieb sie sich selbst zu sinnverwirr’nder Hast,
Den Wind zur Schnecke machend. Fort und fort
Glitt unter ihr der rothe Sand dahin,
Und hinter ihr zog eine Säule Staubes,
Wie wenn ein Stern von Eblis, abgeschleudert
Von Allahs Hand, fegt mit dem Flammenhaar
Des Dunkels Oede. Fort und fort erhoben
Die nackten Hügel sich – sie kamen – schwanden –
Es färbte jeder flücht’ge Sprung die Nüstern
Mit frischem Blut, bis Brust und Stirne Sofuk’s
Benetzt mit rothem Schaum. Den Schatz zu retten,
Wär’ gern er umgekehrt zum sichern Tod,
Doch Kubleh riß den Zügel wild entzwei.
Zuletzt, als durch den abgehetzten Körper
Die scharfen Schmerzen zuckten – sieh! da zeigten
Sich unsre Zelte, und mit einem Wiehern
Deß jauchzend Uebermaß von Lust
Die Todesqual besiegte, hielt sie an und fiel.
Die Schammarmänner kamen, als sie lag,
Und Sofuk hob ihr Haupt und hielt es fest
An seiner Brust. Ihr trüb’ verglastes Auge
Traf seins – sie zuckte einmal noch und starb.
Da, wie ein Kind, brach Sofuk aus in Thränen,

[205]
Die Gartenlaube (1860) b 205.jpg

Kubleh.


In glühend heiße Thränen; mit ihm weinte
Der ganze Stamm.
 Sie gruben ihr das Grab
An Nimrod’s Wall, wo sie begraben liegt
Bei alten Helden; und seit jener Zeit
Sah niemals man, und wird auch niemals sehen,
O Araber, und stünd’ so viele Monde
Die Welt, als Körner zählt der Wüstensand,
Der schönen Kubleh Gleichen. Gott ist groß!“




  1. Uebersetzt von Friedrich Spielhagen, dessen bereits früher avisirte Sammlung: „Amerikanische Gedichte“, wir unsern Lesern bei dieser Gelegenheit empfehlen.
    Die Redaction.