Ein Liebling der Berliner

Textdaten
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Autor: Max Ring
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Titel: Ein Liebling der Berliner
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 644–647
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Liebling der Berliner.

In der Werkstätte des wohlhabenden Schlossermeisters Helmerding arbeitete dessen Sohn Karl an einem neuen Wagenbeschlag so fleißig, daß die Funken von dem Ambos stoben. Dazwischen erzählte er den Gesellen allerlei Schnurren und Schwänke, worüber sie laut auflachen mußten. Mit dem ihm eigenen Mienenspiel copirte er dazu die ganze Nachbarschaft, den „dicken Budiker“ im Eckladen, den betrunkenen „Droschkenkutscher“ auf dem „Moritzplatz“, den „Milchmann“ aus „Schöneberg“, den Schusterlehrling aus dem gegenüberliegenden Keller, vor Allen aber ahmte er die berühmtesten Schauspieler der damals noch blühenden Königsstadt, den unvergleichlichen „Beckmann“ und den lustigen „Plock“ so ausgezeichnet nach, daß seine Zuhörer Augen und Mund vor Bewunderung aufsperrten.

Als aber ein lauter Husten die Ankunft des würdigen Vaters und Meisters verkündigte, da machte der „Teufelsjunge“, wie ihn alle Gesellen nannten, ein so ernsthaftes Gesicht, als ob er nicht bis Drei zählen und kein Wässerlein trüben könnte, indem er zugleich mit Hammer und Feile geschickt zu hantiren wußte.

„Det lob’ ick mir,“ sagte der Alte beifällig nickend. „Handwerk hat immer einen goldenen Boden und nährt am besten seinen Mann. Ein geschickter Schlosser ist noch mehr werth als solch ein Maler, oder gar als ein Komödiant, der am Hungertuche nagen muß. Bald hast Du ausgelernt, Karl, und denn bist Du ein ‚gemachter Mann‘.“

„In jedem Falle bin ich ‚gemacht‘,“ versetzte der lustige Karl, der als ein echtes Berliner Kind nicht so leicht einen Witz oder eine ‚schnoddrige Redensart‘ unterdrücken konnte.

„Ich sehe schon,“ erwiderte der Vater wider Willen lachend, „daß an Dir Hopfen und Malz verloren ist. Aber Du kennst auch meinen Entschluß: Zwei Jahre bleibst Du in der Lehre und arbeitest als Schlosser, dann bist Du frei und Dein eigener Herr. Meinetwegen magst Du Maler oder auch Schauspieler werden, wenn Du durchaus ein Künstler, das heißt ein Hungerleider, werden willst.“

Der Sohn schwieg, da er wohl wußte, daß mit dem Vater nicht zu spaßen war, wenn der einmal ein Wort gesagt hatte. Dabei blieb es auch, denn der Alte war einmal, wie die meisten ehrenwerthen Bürger aus früheren Zeiten, ein entschiedener Gegner von Allem, was Kunst hieß, am meisten aber war ihm das Theater zuwider, obgleich er sonst in allen anderen Dingen ein sehr verständiger und guter Mann war.

Um so mehr schwärmte Karl für die Bretter, welche die Welt bedeuten, und es gab für ihn kein größeres Vergnügen als eine Aufführung im Königsstädtischen Theater, wo er zu den Habitués der Galerie zählte. Schon als Kind kannte er keine andere Freude, als Komödie mit seinen Puppen zu spielen, zu denen er sich die Decorationen und Costume selbst malte, da er auch eine entschiedene Anlage zum Zeichnen besaß.

Nachdem er einige Jahre das Gymnasium besucht hatte, wollte er durchaus ein Künstler werden. Nur ungern ertheilte ihm endlich der Vater auf vieles Bitten die Erlaubniß, die Berliner Malerakademie besuchen zu dürfen, wo er einige Zeit den Unterricht eines geschickten Zeichenlehrers, des Professor Otto, genoß und nicht unerhebliche Fortschritte machte. Wenn Helmerding kein Raffael wurde, so trug allein seine unbezwingliche Liebe zum Theater Schuld. Aber der Vater wollte weder von der Malerei, noch von der Komödie etwas wissen und erklärte kategorisch, daß Karl zunächst ein Schlosser werden und mindestens zwei Jahre Schlüssel, Schlösser und ähnliche Arbeiten verfertigen sollte.

Erst als die ihm gestellte Frist abgelaufen war, durfte Helmerding dem Rufe seines Genius folgen und mit Bewilligung des Vaters die Bühne betreten. Sein erstes Debüt fand auf einem der zahlreichen Berliner Liebhabertheater „hinten“ unter

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Karl Helmerding in seinen Hauptrollen.
Nitschke (ein gebildeter Hausknecht).   Doucet (Berlin wird Weltstadt).   Klumpatsch, Gerichtsdiener (Nimrod).
Napoleon.  Petz, Maler und Modellsteher (Aurora in Oel)   Friedrich II.


den sogenannten „Frankfurter Linden“ statt, wo, wie in Shakespeare’s Sommernachtstraum „ehrliche Handwerker“ den Musen dienten. Dort herrschte als Director der in Berlin wohlbekannte Marionetten- und Puppenspieler Linde, eine ebenso originelle als populäre Persönlichkeit.

„Ich,“ sagte ,Vater Linde’ später mit gerechtem Stolz, „ich habe Helmerdingen uf der Bühne gebracht, ich habe ’n angelernt. Was er kann und is, hat er von mich.“

Unter dem Schutze dieses würdigen Mimen, der den „bairischen Hiesel“ und „die Teufelsmühle am Vampyrteich“, wie noch viele andere erhabene Dramen und schauerliche Tragödien mit bewunderungswürdiger Vollendung vorführte, erwarb sich Helmerding seine ersten dramatischen Lorbeeren, und zwar im Fache Emil Devrient’s – als Liebhaber.

Besonders spielte er den „Garrick“ in „Doctor Robin“ so ergreifend und rührend, daß ihm die empfänglichen Herzen aller Schlächterfrauen und Nähtermamsells entgegenschlugen. Der Kritiker der Frankfurter Linden, ein etwas heruntergekommener, aber [646] weitgereister Schneider, erklärte ihn für das größte tragische Genie des Jahrhunderts, und der große Kunstmäcen des Stadtviertels, ein „geräucherter Fleischwaarenhändler“, verehrte ihm eine selbstgemachte Wurst und tractirte ihn mit einer „kühlen Blonden“ und dem dazu gehörigen „Gilkakümmel“.

Trotz solcher Anerkennung kehrte Helmerdiug seiner Vaterstadt den Rücken, indem er der bloßen Naturalverpflegung ein festes Engagement mit wirklicher Geldgage vorzog. Zur Erreichung seines Zieles wandte er sich nach Potschappel bei Dresden, wo er von dem dortigen Director Dietrich mit offenen Armen empfangen und der kleinen todesmuthigen Künstlerschaar einverleibt wurde.

Für zwölf Thaler monatlich lieferte er heute einen zärtlichen Liebhaber, morgen einen schwarzen Bösewicht oder Intriguanten; selten oder nie trat er dagegen in komischen Rollen auf, die er damals noch unter seiner Würde hielt. Obgleich Vater Helmerding unter diesen’Verhältnissen dem angehenden Künstler unter die Arme greifen mußte und mancher Thaler als willkommener Zuschuß von Berlin nach Potschappel wanderte, so fehlte es doch häufig am Besten. Aber Helmerding verlor darum nicht den angeborenen Humor und wußte sich zu helfen.

Mit einem Freunde, einem jungen, talentvollen Schauspieler, ertrug er fröhlich und mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend die kleinen Leiden des menschlichen[WS 1] Lebens. Beide waren bei einem Häring und einem Gericht Kartoffeln ausgelassen lustig, und wenn im kalten Winter ihnen das Holz ausgegangen war, wärmten sie die erstarrten Hände – an der Spirituslampe.

Endlich riß dem Freunde die Geduld, so daß er heimlich ausrückte und das undankbare Potschappel bei Nacht und Nebel verließ, wobei er in der Eile einen Stiefel Helmerding’s mit dem seinigen verwechselte. Als dieser am andern Morgen erwachte, sah er sich gezwungen, zu Hause zu bleiben, da der zurückgelassene Stiefel des Freundes ihm trotz aller Flüche und Anstrengungen nicht passen wollte, weil derselbe ihm zu eng war und er selbst kein zweites Paar mehr zu versenden hatte.

Unter diesen Verhältnissen hielt es Helmerding für das Beste, dem Beispiele des flüchtigen Freundes zu folgen und sich ebenfalls im eigentlichen Sinne auf die Strümpfe zu machen. Lange Zeit führte er jetzt jenes wechselvolle Nomadenleben eines wandernden Künstlers, das Holtei in seinen „Vagabunden“ so anschaulich und verführerisch geschildert hat. In dem verhängnißvollen Jahre 1848 spielte Helmerding fast vor den Thoren seiner Vaterstadt, in dem Dorfe Schöneberg bei Berlin, wohin sich die Kunst vor den politischen Stürmen geflüchtet hatte, um nicht zu verhungern. Hier mochte ihm wohl zuerst die Bedeutung der Posse und des höheren Blödsinns aufgegangen sein, der hauptsächlich von dem dortigen Director cultivirt wurde. Der zu jener Zeit noch ziemlich unbekannte Kalisch ließ ebenfalls in Schöneberg die ersten Erzeugnisse seiner komischen Muse mit dem besten Erfolge vor einem bunt gemischten Publicum aufführen. Damals ahnte weder Kalisch noch Helmerding, welche Triumphe sie mitsammen einst feiern sollten. Sie gingen häufig an einander vorüber, ohne sich zu sehen und zu sprechen.

Dagegen machte Helmerding eine andere Bekanntschaft, welche gewiß nicht ohne Einfluß auf seine künstlerische Entwickelung blieb. Die innigste Liebe verband ihn hier mit einer talentvollen, fein gebildeten Schauspielerin, die von ihrem rohen Gatten zwar getrennt, aber nicht geschieden lebte. Alle Bemühungen der armen Frau, ihre unglückliche Ehe zu lösen, waren ohne Erfolg, so daß ihr nichts übrig blieb, als heimlich zu entfliehen, um den thätlichen Mißhandlungen des brutalen Mannes zu entgehen. Helmerding folgte ihr nach Schlesien, wo Beide in Glatz bei dem Director Nachtigall ein Engagement fanden. Bald aber erlag die zarte, leidende Frau der fortwährenden Gemüthsbewegung; ein plötzlicher Blutsturz machte ihrem Leben ein Ende.

Da der Wirth die Leiche der armen Schauspielerin nicht in seinem Hause dulden wollte, so wurde dieselbe in einem benachbarten Holzstall niedergelegt. Dorthin schlich sich der trauernde Helmerding wie ein Dieb in der Nacht, um die Todte noch einmal zu sehen und zu umarmen. Zärtlich küßte er die bleichen, kalten Wangen, während ihm die heißen Thränen über die noch von der letzten Abendvorstellung geschminkten Wangen liefen.

Am nächsten Tage sollte er in einem neuen Stücke auftreten; beim Scheine der mitgebrachten Laterne lernte er die große Rolle zu den Füßen des Sarges, in dem die geliebte Leiche lag. Unwillkürlich schlossen sich vor Schmerz und Ermüdung seine Augen, über das Antlitz der Todten gebeugt war er eingeschlafen. So wurde er am Morgen gefunden, die eine Wange roth geschminkt, die andere von dem frischen Anstrich des Sarges schwarz gefärbt, und an demselben Abend, nachdem er die geliebte Frau begraben, mußte er – Komödie spielen. So lernte der zukünftige berühmte Komiker den tiefen Ernst des Lebens kennen, ohne den er schwerlich ein so ausgezeichneter Humorist geworden wäre. Aber noch war die Zeit der Prüfung nicht beendet, die Schule der Leiden, die keinem wahren Künstler erspart wird, noch nicht geschlossen, Nach manchen Irrfahrten kehrte Helmerding, nach Berlin zurück, wo in Folge des Jahres 1848 sein wohlhabender Vater den größten Theil seines Vermögens verloren hatte, so daß von dieser Seite keine Unterstützung mehr zu hoffen war. Nur um zu leben, nahm Helmerding ein Engagement des Theaterdirectors Kallenbach auf dessen kleiner Gartenbühne vor dem Oranienburger Thore an. Der Scharfblick des praktisch erfahrenen Bühnenleiters erkannte zuerst das vorwiegend komische Talent des jungen Schauspielers, der seitdem sich ausschließlich dem heiteren Genre zuwendete. Kurze Zeit darauf ging Helmerding zu dem Königsstädtischen Theater über, das damals provisorisch in der Charlottenstraße unter dem Director Cerf, dem jetzigen Besitzer des Victoria-Theaters, stand.

Doch auch hier fand sein Talent keine Gelegenheit, sich zu zeigen, da die schon vorhandenen Komiker im Besitz der besten Rollen ihn nicht aufkommen ließen. Helmerding mußte sich längere Zeit mit den unbedeutendsten Episoden begnügen, und blieb so gänzlich unbeachtet. Die geringe Gage reichte kaum hin, ihn kümmerlich durchzubringen, und es gab Tage, wo er ohne Abendbrod zu Bette ging.

In dieser Zeit der Noth, wo ihn nicht selten der Hunger quälte, erblickte er eines Tages auf der Hausflur einen Korb, auf dessen Grund drei Silbergroschen lagen. Wahrscheinlich hatte ein Dienstmädchen des Nachbars den Korb stehen lassen. Der Fund schien Helmerding ein wahrer Schatz, da er selbst nicht einen Pfennig besaß und noch nicht gefrühstückt hatte. Trotzdem widerstand er der Versuchung, sich die drei Silbergroschen anzueignen, obgleich er dies unbemerkt thun konnte. Mit leerem Magen und betrübtem Herzen schlich er zur Probe nach dem Theater. Doch die Tugend sollte ihren Lohn endlich finden. Welch ein Glück! Zu seinen Füßen sieht er auf der Straße etwas Glänzendes blinken. Er bückt sich danach und findet – einen Silbergroschen, für den er sich jetzt mit gutem Gewissen Semmel kaufte.

Der Silbergroschen wurde für ihn zum Talisman und bezeichnete gleichsam die günstige Wendung in seinem Geschick. Gesättigt trat er auf die Bühne, wo ihm eine neue Ueberraschung erwartete. Ueber Nacht war der Darsteller einer Hauptrolle in der zu jener Zeit neuen und ununterbrochen gegebenen Posse „Münchhausen“ von Kalisch erkrankt. Keiner der anwesenden Schauspieler getraute sich, von dem verlegenen Director aufgefordert, die bedeutende Partie bis zum Abende zu lernen. Da meldet sich der bisher vernachlässigte Helmerding, der die Rolle durch wiederholtes Anhören fast auswendig wußte, zur sofortigen Uebernahme. Nach einiger Ueberlegung wird sein Anerbieten dankbar angenommen und noch an demselben Abend erobert er durch seine originelle Darstellung des Charakters, aus dem sich später „der gebildete Hausknecht“ entwickelte, die Gunst des Publicums und eine hervorragende Stellung in der Theaterwelt.

Der Neid der Collegen bewies ihm am besten, wie sehr er gefallen hatte. Bei einem Diner, wozu er mit einem damals über die Gebühr gepriesenen Komiker von seinem Director geladen wurde, sagte der letztere in Anerkennung dieser Leistung: „Auf die Rolle des ‚Knetschke‘ können Sie reisen.“ – „Aber nicht weit,“ setzte der boshafte College, der jetzt längst vergessen ist, verächtlich hinzu.

Helmerding kümmerte sich nicht um den Neid und befestigte sich immer mehr durch sein Talent und seinen unermüdlichen Fleiß in seiner mit Mühe erworbenen Stellung, indem er täglich Fortschritte machte. Nach dem Aufhören des Cerf’schen Theaters in der Charlottenstraße nahm er ein vortheilhaftes Engagement in Köln an, wo er seine jetzige Frau kennen lernte, mit der er in der glücklichsten Ehe lebt. Später war er wieder in Berlin kurze Zeit an der Kroll’schen Bühne thätig, von der er nach Posen zu dem den Lesern der „Gartenlaube“ wohlbekannten Director [647] Wallner kam. Mit diesem kehrte er endlich von Neuem nach seiner Vaterstadt zurück, um im Verein mit den ausgezeichneten Komikern Reusche, Neumann und der liebenswürdigen Soubrette Fräulein Schramm jenes berühmte vierblätterige Kleeblatt zu bilden, das in der Geschichte des Theaters unvergeßlich und unverwelkt bleiben und grünen wird.

Helmerding selbst ist der eigentliche Repräsentant der norddeutschen oder speciell der Berliner komischen Muse, die sich wesentlich von ihrer süddeutschen Schwester durch ihr scharfes, prickelndes Wesen, durch ihre Elasticität, Vielseitigkeit und ihren sprühenden Witz auszeichnet, während die Letztere mehr durch gemüthliche Heiterkeit, ansprechende Gutmüthigkeit und eine gewisse stereotype und breite Behaglichkeit sich auszeichnet. Der Schwerpunkt des Künstlers liegt zunächst in der treffenden Charakteristik, in dem unerschöpflichen Reichthum seiner Masken und Figuren, wobei ihm seine früheren Zeichenstudien und die dadurch geschärfte Beobachtungsgabe die besten Dienste leisten. Stets erscheint er neu und originell; selbst wo er an die Caricatur streift, wird man noch sein großes Talent bewundern müssen.

Am besten giebt er die einheimischen Typen, den bornirten Weißbierphilister, den verkommenen Bummler, den heiteren Lebemann, den geldstolzen Rentier und Hauswirth, den heiteren und angeheiterten Referendarius oder Assessor auf dem Juristentag. Um Berlin kennen zu lernen, muß man Helmerding sehen. Er ist der verkörperte Berliner, abwechselnd bornirt und witzig, malitiös und gutmüthig, pfiffig und leichtgläubig, ironisch und gefühlvoll, egoistisch und opferfähig, kurz ein trotz aller Schwächen und Maägel interessantes Berliner Kind. Dabei ist er nichts weniger, als einseitig und beschränkt, da sein Talent auch die ihm ferner liegenden Gestalten mit gleicher Liebe zu erfassen und darzustellen weiß, wofür sein „französischer Tanzlehrer“ in Kotzebue’s „Unglücklichen“ ein glänzendes Zeugniß ablegt.

Diese Vielseitigkeit wird wesentlich durch die Kunst seines Mienenspiels unterstützt. Helmerding besitzt eine seltene Herrschaft über sein Gesicht, dem er jeden beliebigen Ausdruck zu geben vermag. Ohne Schminke und oft selbst ohne Beihülfe einer Perrücke, nur mit Unterstützung eines alten Hutes erscheint er bald als „Friedrich der Große“, bald als „Napoleon“, als „Onkel“ oder „Neffe“ so täuschend ähnlich, daß man an ein Wunder glauben möchte.

Mit dieser proteusähnlichen Verwandlungsfähigkeit, dem ersten und unentbehrlichsten Erforderniß des Schauspieles, verbindet er die hinreißendste Laune, den sprühenden Witz, den sprudelnden Humor des geborenen Komikers. Eine Bewegung, ein Blick, ein Wort von ihm reicht schon hin, das Publicum zu elektrisiren und ein schallendes Gelächter hervorzurufen.

Jeden Abend feiert der Liebling der Berliner neue Triumphe, eine neue Rolle Helmerding’s ist in den meisten Fällen ein Ereigniß für die Residenz, und sein Name allein wirkt wie ein anziehender Magnet auf Heimische und Fremde. Als Schauspieler und Mensch genießt Helmerding die Anerkennung und Achtung, die seinem Talent und seinem liebenswürdigen, harmlos bescheidenen Charakter gebührt. Der Berliner aber sagt: „Es giebt nur einen Helmerding.“ Max Ring.     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: menschlichens