Süden und Norden

Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
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Titel: Süden und Norden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37–44, S. 577–580, 593–596, 609–612, 638–640, 641–644, 657–660, 673–677, 689–694
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[577]
Süden und Norden.
Eine bairische Dorfgeschichte von 1866.
Von Herman Schmid.


1. Luttrische Leut’.

„He, Tonerl wo steckst? Bring’ mir noch einen Laib heraus. Wenn die Ehhalten vom Heuwenden herein kommen, werden sie tüchtig Hunger haben!“ rief die Bäuerin des Funkenhauser-Hofes, die auf der Bank neben der Hausthür saß, eine mächtige irdene Schüssel im Schooße, in welche sie den Rest eines runden Brodlaibes zu kleinen Scheiben aufschnitt. „Na, was ist’s?“ wiederholte sie nach einer Weile, als der Vorrath beinahe zu Ende war, ohne daß Jemand sich eingefunden oder auf den Ruf gemeldet hätte. „Wie lang’ soll ich denn noch warten? Sitz’st auf den Ohren oder bist gar eing’schlafen am hellen lichten Tag?“

„Gleich, Mutter, gleich!“ antwortete jetzt eine frische Stimme, der man die Jugend und ihre Freudigkeit in jedem Tone anhörte, wenn sie auch weit entfernt klang und wie aus den innersten Räumen des Hauses kommend.

„Wo sie nur wieder sein muß!“ fuhr die Bäuerin kopfschüttelnd für sich fort. „Es laut’ als wenn sie drunten im Keller wär’ oder gar droben in dem höchsten Dachstübel …“

Nach einigen Augenblicken erschien die Gerufene in dem Hausgang und blieb auf der Thürschwelle stehen; es war eine große kräftige und dennoch schmeidig und schlank gebaute Mädchengestalt, mit wohlgeformtem Angesicht von frischer klarer Farbe, zu welcher das reiche braune Haar trefflich stand und in seinem echten Kastanienglanze nur von dem mildem Schimmer der gleichfarbigen Augen erreicht ward. Es war in zierlichen Doppelzöpfen um die heitere verständige Stirne geschlungen; der lebhaft geröthete Mund war zu schalkhaftem Lächeln geöffnet und ließ ein Paar kleiner festgeschlossener Zahnreihen erblicken, deren blendendes Weiß die Farbe des Elfenbeins übertraf. Sie war nach dem Brauche des Miesbacher Gaus bäurisch gekleidet, aber ohne allen Schmuck und häuslich einfach; ein lose um den Hals geschlungenes Seidentuch hing mit bunten Zipfeln auf das leichte schwarze Zeugmieder herab, das den Leib zum Umspannen knapp und doch bequem umschloß; die nur bis zum Ellenbogen reichenden Hemdärmel wie die vorgebundene Schürze aus grobem ungebleichten Leinen ließen erkennen, daß die Trägerin von der Arbeit kam, doch verriethen die feinen, durch nichts verunstalteten Hände, daß sie die Tochter eines reichen Hauses war und trotz aller Thätigkeit sich zu schonen verstand.

„Da bin ich, Mutter!“ rief sie der Bäuerin von der Schwelle aus zu, indem sie ein stattliches rundes Brod mit beiden Händen wie einen Ball schwenkte. „Heb’ die Händ’ auf und fang’ … ich schutz’ Dir das Brodlaibel zu!“

„Ob Du gleich aufhören wirst, Du unmüßige Dingin Du!“ eiferte die Bäuerin halb unmuthig, halb wider Willen lachend. „Gieb mir den Laib ordentlich her und treib’ kein solches Gespiel mit der Gab’ Gottes …“ Aber das Mädchen hörte und folgte nicht; anmuthig fuhr sie fort, das Brod hin und her zu schwenken, wie Jemand, der sich eines sichern Wurfes vergewissern will, und wollte die Bäuerin nicht Gefahr laufen, es auf den Boden kollern oder die Schüssel davon zertrümmert zu sehen, so mußte sie wohl oder übel auf den Scherz eingehen und den endlich heranfliegenden Laib mit den Händen auffangen.

„Du machst ja Deine Sach’ prächtig, Mutter,“ sagte das Mädchen, indem es herantrat und sich lachend neben die Bäuerin setzte, „kannst Dich alle ’Bot verdingen, wenn s’ drüben in der Prälatenkuchel zu Tegernsee wieder einmal wen brauchen zum Küchel-Auffangen!“

„Und Du kannst Dich um ein Plätzl bei der Schneckenpost umschau’n!“ erwiderte die Alte. „Ist ja schier net zu erleben, bis Du kommst! Ich hab’ Dir zwei Mal geschrie’n; wo bist Du nur gewesen?“

„Geht’s Dir zu langsam?“ rief Toni lachend. „Hab’ alleweil gemeint, ich wär’ fein lüftig und es ging’ mir recht rundig aus der Hand – aber wenn’s gar so pressirt, dann ließ ich mir den Geometer von Miesbach hereinkommen und ließ mir eine Eisenbahn bau’n, mitten durch den Funkenhauserhof! Wo werd’ ich gewesen sein! Droben in der guten Stube, hab’ ein Bissel nach den Betten geschaut und nach den Vorhängen und hab’ die Fenster aufgemacht, daß es ein wengel auslüftet … es ist ganz dämmig und dumpfig droben und Spinnweben sind in allen Ecken, groß wie ein Kramerstand: man muß schon bald anfangen und auf’s Herrichten denken …“

„Auf’s Herrichten?“ fragte die Mutter verwundert. „Auf was willst herrichten, Tonerl? Willst mir etwan gar die Freud’ machen und thun, um was ich Dich schon so oft gedrängt hab’ … Willst anfangen, zu der Hochzeit herrichten . . ?“

„Na, Mutter!“ rief das Mädchen mit lautem Lachen, indem es wie abwehrend die beiden Hände erhob, und das Lachen klang so frisch und natürlich, daß man nicht zweifeln konnte, daß es frei und ungezwungen aus dem Herzen kam. „Mit der Hochzeit hat’s noch eine gute Weil’ Zeit … komm’ ich Dir denn schon gar so alt und schiech vor, Mutter, daß Du mich mit aller Gewalt unter die Hauben bringen willst?“

„Aber der Ambros …“ wollte die Frau erwidern, doch Tonerl ließ sie nicht ausreden.

„Der Ambros!“ rief sie und zog die Oberlippe etwas geringschätzig [578] in die Höhe. „Der Ambros ist mein Vetter und ist so weit ein ganz guter und handsamer Mensch – ich hab’ nichts einzuwenden wider ihn, und wenn’s Gottes Willen ist und der Deinige, Mutterl, so kann’s ja wohl geschehen, daß wir ein Paarl werden, aber nöthen und drangsaliren lass’ ich mich net! Glaub’ schon, daß er lieber heut’ als morgen Funkenhauser-Bauer werden möcht’, aber bei mir hat’s kein Eil’ … ich bin noch jung und will erst noch was haben von meiner Jugend … Also sei gut, Mutter, und tratz mich net mit der Hochzeit … Ich hab’ was ganz Andres gemeint mit dem Herrichten! Denkst gar net dran? Haben wir net übermorgen nur mehr drei Wochen auf Johanni? Ist denn das net die Zeit, um die alle Mal unsere Sommergäst’ kommen?“

„Deswegen also?“ sagte die Bäuerin enttäuscht mit gedehntem Tone. „Damit brauchst Dich gerad’ so wenig zu eilen, wie mit der Hochzeit! Die Frau von Schulze hat’s freilich beim Abreisen gesagt, sie wollten heuer wieder kommen – aber das steht noch im weiten Feld, und eh’ man das Haus umkehrt und mit dem Herrichten anfangt, muß man doch erst gewiß wissen, daß sie kommen!“

„O, sie kommen schon!“ rief Toni rasch. „Ich weiß es gewiß, er hat es auch gesagt …“

„Er? Was für ein Er?“ fragte die Funkenhäuserin, indem sie Laib und Messer sinken ließ und ihre Tochter verwundert betrachtete.

„Nun – die Frau von Schulze halt!“ erwiderte mit leichter Verwirrung das Mädchen. „Und dann ihre Tochter, die Fräul’n Wine …“

„Das sind ja aber lauter Weiberleut’ und kein Er …“ sagte die Bäuerin noch mehr verwundert.

„Nun – er hat es halt auch gesagt … der Sohn, der Herr Günther, mein’ ich…“

„So, so … also das ist der Er?“ rief die Bäueriu, die sich von ihrem Staunen noch immer nicht zu erholen vermochte. „Der junge Herr hat’s gesagt, und deswegen, meinst Du, müßt’ es schon gewiß sein… Freilich, wenn’s von ihm abhängen thät, könnt’s wohl sein, daß er sich net lang besinnen thät zu der Recration, aber die Mutter, die Frau von Schulze, die den Geldbeutel hat, wird auch ein Wört’l drein reden, und so denk’ ich, wenn Du keinen bessern Verspruch hast, als den von dem jungen Loder, dann haben unsere Spinnweben in der guten Stuben eine gute Ruh!“

„Warum?“ sagte das Mädchen, indem es die Mutter lächelnd ansah und sich wie neckend fester an sie drängte. „Er ist doch das Kind und sie die Mutter, und wenn er sie recht schön darum bittet, wird sie nicht Nein sagen… Zu was haben denn die Kinder eine Mutter, als daß sie ihr manchmal ’was abschmeicheln können?“

„Bleib’ mir vom Leib’, Du Schmeichelkatz’,“ sagte die Bäuerin und konnte sich doch ebenfalls des Lachens nicht erwehren. „Bei der Frau von Schulze schmeichelt sich nichts, das ist eine gar gescheidte Frau, die in ihre Kinder net hineinschaut, wie in einen Spiegel, wie eine gewisse Andere…“

„Das macht nichts – die gewisse Andere ist doch noch viel gescheidter, und wenn sie auch nicht in Berlin daheim ist…“

Die Bäuerin schlug die Hände zusammen. „O mein Dirnl’,“ rief sie, „wann wirst etwan Du einmal gescheidt werden! Ich fürcht’, bei Dir geht’s wie bei den Schwaben, es wird net eher einschnappen, bis der Vierziger da ist, wenn Du’s net am End’ schon ganz und gar überhört hast! Es ist kein richtiges Wort zu reden mit Dir … aber mit der obern Stuben brauchst’ Dich auf kein’ Fall zu eilen: die Frau von Schulze hat uns noch jedes Jahr geschrieben, wenn sie’s im Sinn gehabt hat, zu kommen, sie wird also heuer auch keine Ausnahm’ machen – also wart’ Du nur, bis ein Briefel kommt – in anderthalb Tagen ist doch Alles in Ordnung… Es wird wohl das Meiste drauf ankommen, wie’s dem Fräul’n geht…“

„Das glaub’ ich kaum,“ entgegnete Tonerl rasch, „bei dem Zustand, den die arme Fräul’n hat, wird’s ihr auf alle Fäll’ gut thun, wenn sie zu uns kommt – es ist ihr ja verrathen worden, daß es gar nichts Besseres giebt für ihre kranke Brust, als den guten Geruch von unsere Tannenbäum’, und da mein’ ich halt, wenn’s ihr schlechter ging’, thät sich’s von selbst versteh’n, daß sie kommt, und geht’s ihr besser, dann muß sie erst recht kommen, damit ihr Gesund’ wieder recht fest wird…“

„Es ist völlig aus mit Dir, Tonerl,“ rief die Bäuerin. „Du red’st ja ganz doctormäßig daher!“

„Na ja,“ sagte das Mädchen etwas innehaltend, „das kann sich ja ein Jedes selber zusammen setzen, und er hat es auch gesagt…“

„Schon wieder der Er? Das ist wohl wieder der Sohn, der Günther oder wie er heißt? … Madel, Madel, ich will net hoffen, daß Du mir Dummheiten machst und daß hinter dem Hinauszögern mit der Hochzeit gar ’was Anderes steckt! Bis jetzt hast’ das Gered’ von den Mannerleuten für das genommen, was es ist – für ein Gered’ … wirst doch bei dem wildfremden, hergelaufenen Bürschl kein’ Ausnahm’ machen?“

„Ich? Wo denkst’ hin, Mutter!“ entgegnete Toni mit Lachen, aber diesmal klang es, wenn auch ebenso munter, doch nicht so ganz frei wie zuvor.

Das mochte auch der Bäuerin nicht entgehen, denn sie ließ ihr Geschäft völlig ruhen und wandte sich ganz gegen das Mädchen hin. „So ’was ist leicht gered’t,“ sagte sie dann, „aber ich muß das schon gewiß wissen … Du hast mich in Dein’ Leben noch nie angelogen, Madel … schau’ mir einmal g’rad’ und ehrlich in’s Gesicht und sag’ Nein, wenn Du kannst … ich mein’, ich müßt’ Dir’s in den Augen ablesen, wenn Du mir die erste Lug’ sagen wollt’st… Na, wie ist’s?“ fuhr sie fort, da Tonerl einen Augenblick zu zögern schien. „Kannst’ mich net anschau’n?“

„O ja, Mutter, ich kann …“ erwiderte diese herzlich, indem sie die Rechte der Frau zwischen ihre beiden Hände faßte und herzlich drückte.

„Ich brauch’ mich also net zu ängstigen wegen Deiner?“ fragte diese entgegen. „Du hast nichts mit dem jungen Menschen? Hast Dir net das Maul machen lassen von ihm, denn das versteh’n sie dort, wo er daheim ist! Bis Unsereiner sich besinnt, was er sagen soll, reden sie uns in ein Mausloch hinein und auch wieder heraus! Er hat Dir nichts vorgeschwatzt?“

„Nein, Mutter, wahrhaftig net!“ rief Tonerl. „Ich thät’s sagen, wenn’s so wär’. Er ist alleweil freundlich mit mir und grüßt mich, wenn er mir begegnet … da muß ich ihn doch auch grüßen und kann nit entgegen grandig sein mit ihm! Und diemalen … da schwatzen wir halt miteinander, von allem Möglichen … es ist ihm gut zuhören, weil es ihm so flink von der Zung’ geht, und hat doch Alles, was er sagt, Hand und Fuß, wie sich’s gehört, und er – er unterhalt’t sich auch gern mit mir, er sagt, ich wär’ …“

„Nun, was wärst’ denn?“

„Er sagt …“ fuhr Tonerl stockend fort, „… ich wär’ so brav …“

„Das brauchst’ Dir net von dem jungen Windreißer sagen zu lassen! Was versteht der davon! Sei zufrieden, wann Dir’s Dein Gewissen sagt… Aber das ist doch gewiß nicht Alles?“

„O nein … er sagt auch, er hätt’s in sein’ Leben net für möglich gehalten, daß er sich mit einem Bauermädel so gut unterhalten könnt’ und – und …“

„Und? nur frisch heraus damit!“

„… Und daß, wer mich reden hört, in Ewigkeit net glauben sollt’, daß ich auf dem Land aufgewachsen wär’!“

„Da haben wir’s!“ rief die Bäuerin und schlug wieder die Hände zusammen, aber diesmal nicht im Scherze, sondern mit dem Anflug eines wirklichen Schreckens. „Also, daß Du so brav bist, hat er Dir gesagt? Und so gescheidt? Und so sauber auch? Sag’s nur, ich errath es doch…“

„Nein, nein …“ rief Tonerl, mit dunklem Roth übergossen … „das hat er mir nie gesagt…“

„Das net? Aber wohl ’was Anderes, das gerad’ so laut’t? … Besteh’ mir’s nur ein, Tonerl – jetzt muß ich Alles wissen, jetzt geht’s in einem Aufwaschen hin! Was hat er also gesagt, der preußische Er?“

„Aber, Mutter, wie kommst’ mir denn vor?“ rief Tonerl, welche auf einmal alle Befangenheit von sich warf und ganz ihren früheren heiter neckischen Ton wieder fand. „Du nimmst mich ja in’s Verhör, als wenn ich vor dem Schwurgericht steh’n thät’! Kennst’ mich denn erst seit gestern? Wenn Du so genau wissen willst, was er gesagt hat, warum fragst’ net auch um das, was ich geantwort’t hab’? Das wissen alle Burschen in der G’meind’, daß die Funkenhauser-Tonerl die dumme Dirn’ net ist, die sich [579] anplauschen laßt mit ein paar schöne Wörteln! Er hat wohl ein paar Mal anfangen wollen, von meiner Schönheit zu reden und von meine nußbraune Augen, aber ich hab’ ihm nichts drauf gegeben und hab’ ihn ausgelacht und hab’ ihm gesagt, er sollt’ seine Geckereien und Spergamenter aufsparen, bis er wieder heim kommt zu seine Berlinerinnen.“

„Na, ich muß’s wohl glauben, wenn Du so red’st,“ sagte sichtlich beruhigter die Bäuerin, „aber es ist mir justament net zuwider, daß unsere Sommergäst’ heuer ausbleiben, wie’s scheint – um die Zeit ist sonst allemal schon ein Briefel dagewesen als Quartiermacher. Für alle Fäll’, Tonerl, bleib’ bei Deiner Gesinunng und denk’, daß es mit Euch Zwei doch nie ’was Richtig’s werden könnt’, und zu ’was Unrichtigem – das weiß ich – ist sich die Funkenhauser-Tonerl viel zu gut und zu stolz!“

„Recht hast, Mutter,“ rief diese entschieden, „ich hab’ nichts mit ihm und will nichts von ihm haben … aber gut bin ich ihm, das leugn’ ich gar net, und warum sollt’ ich ihm das net in allen Ehren sein – Du glaubst net, was er für ein g’schmacher herziger Bue ist …“

„Ich glaub’s, o ich glaub’s übrig …“ sagte die Bäuerin, „aber ich bin schon zufrieden, wenn’s so bleibt! Für alle Fäll’ … ich sag’s nochmal … denk’ daran, daß er net Deines Gleichen ist – er ist aus einem weitentfernten, fremden Land – er hat einen anderen Brauch, eine andere Sprach’ und vor Allem – einen anderen Glauben, er ist ein Luttrischer … er ist ein Stadtherr, Du bist ein Bauernkind, und das ein richtig’s, und sollst ein richtig’s Bauernkind bleiben … Dein’ Bravheit, Dein’ Schönheit und Dein’ G’scheidtheit thäten net auslangen, wenn Du über den Bauernstand hinaus gehen wolltest aber für den Funkenhauserhof, für den Ambros und für mich, da hast gerad’ das richtige Maß!“

Mit dem letzten Grunde schien Tonerl nicht ganz einverstanden zu sein, aber sie kam nicht zur Erwiderung, weil die Bäuerin, die ihre Arbeit beendet hatte, aufstehend ihre Geräthschaften zusammenraffte. „Geh’ in die Kuchel, Tonerl,“ sagte sie, „und gieß’ die Suppen an, ich mein’ ich hör’ die Leut’ schon heimkommen, weil der Hund, der Sult’l gar so rebellt… Richtig, da ist ja der Ambros schon!“

Das Mädchen hatte die Brodschüssel ergriffen und wollte durch die Thür, an dem ihr entgegenkommenden Burschen vorüber, indem sie ihm zu flüchtigem Gruße zunickte.

„Hoho,“ sagte er, ihr leicht den Weg vertretend, „ist es gar so eilig jetzt auf einmal? So viel Zeit wirst doch haben, daß Du mein’ guten Morgen mitnehmen kannst?“

„Auch so viel, Ambros,“ entgegnete sie kurz und wollte weiter, aber Ambros, dessen Gesicht immer trotziger wurde, gab seine Stellung nicht so leichten Kaufes auf.

„Ist das Alles?“ sagte er. „Ich denk’, wie wir Zwei zu einander stehen, wär’s net zu viel, wenn Du Dir net jedes Wort so abkaufen ließest!“

„ … Wie wir Zwei mit einander stehen?“ fragte Tonerl und wandte sich ihm zu. „Ja, wie stehen wir denn eigentlich mit einander? Für Vetter und Basel ist der Grüß-Dich-Gott wohl genug, und alles Andere ist noch in weitem Feld, mein’ ich!“

„Aha, ich merk’s wohl,“ rief Ambros spöttisch und ärgerlich, „Du bist heut’ wieder mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden! Vielleicht machst ein freundlicheres Gesicht, wenn ich Dir eine Neuigkeit bring’! Wie wir vorhin unten an der Straß’ gearbeit’ haben, ist der Postbot’ vorbei’gangen und hat mir ein Briefl gegeben für Dich!“

„Für mich? Von wem denn?“ fragte das Mädchen, indem sie das Briefchen verwundert zwischen den Fingern drehte. „Der kommt ja aus der Münchnerstadt, wenn ich mich anders in dem Zeichen recht auskenn’… Wer ist denn in der Stadt, der an mich schreiben sollt’?“

„Ha, närrische Dingin,“ rief die Bäuerin, die ebenfalls neugierig näher getreten, „ich thät den Brief halt aufmachen, da wird’s wohl drinnen stehen!“

Tonerl that es, faltete ein zierlich beschriebenes Blatt auseinander und sah zuerst nach der Unterschrift. „Windacher …“ las sie. „Ich kenn’ Keinen, der sich so schreibt…“

„Windacher? Sonst nichts?“

„Ja, da unten steht noch ’was im Eck,“ rief Toni und buchstabirte etwas mühsam einen Rechnungscommissär heraus. „Rechnungscommissär Windacher,“ fuhr sie kopfschüttelnd fort, „wenn unser Herrgott das Mannsbild net besser kennt, als ich, dann geht’s ihm einmal schlecht in der Ewigkeit!“

„Windacher?“ sagte bedächtig die Bäuerin und legte nachdenkend den Finger an die Nase. „Es ist mir doch, als wenn ich den Namen schon einmal gehört hätt’… Richtig, es ist schon so! Der junge Herr, der im vorigen Jahr ein paar Mal zu uns heraufgekommen ist, der drunten gewohnt hat auf der Schweig’ bei der Hohenleutnerin, der, mein’ ich, hat einen solchen Namen gehabt… Aber was ist’s denn nachher mit ihm? Was will denn der Herr Commissari von Dir?“

Das Mädchen las: ,Geehrtes Fräulein’ … „Ah, das ist lustig,“ unterbrach sie sich lachend, „geht das an mich? Ich werd’ mich wohl in der Aufschrift verschaut haben! Aber nein, da steht ganz deutlich mein Nam’ … Antonia Funkenhauser … es muß doch wohl mich angehen…“

Unter allseitiger Spannung wurde der Brief zu Ende gelesen; er enthielt einen Heirathsantrag in aller Form. Der junge Mann schrieb und schilderte, wie er Tonerl gesehen und kennen gelernt und wie er nun, da er endlich die längst erhoffte Anstellung als Rechnungscommissär bekommen, das Glück seines Lebens darin zu finden glaube, wenn sie sich entschließen könnte, ihm ihre Hand zu reichen. Der Brief war in der Hauptsache recht klar und bündig geschrieben, es war nicht zu verkennen, daß der Schreibende nach Beruf und Art eine berechnende Natur war, aber mitunter fehlte es nicht an Bildern und überschwenglichen Redensarten, die gegen die Nüchternheit des übrigen Inhalts um so mehr abstachen, als man ihnen ansah, daß sie wie ein gesuchter Schmuck blos äußerlich angeheftet waren. Ein länger ausgeführtes Bild verglich die Schönheit des Haares der Erwählten mit der Kastanie, ihre Augen mit braunen Haselnüssen; ihre Lippen waren als rothe Kirschen und die Wangen vollends als zarte Pfirsiche gepriesen.

Ambros unterbrach ungeduldig die letzten Zeilen der Vorlesung durch lautes Spottgelächter. „Nun weiß ich freilich,“ rief er, „warum das Tonerl auf einmal gar so hoffärtig und kurz angebunden ist! Da wird das Fräulein wohl mit beiden Händen einschlagen, wenn sie eine gnädige Madam’ werden kann, mit einem Federhut und einem Schlepp und einem Reifrock dazu! Das ist freilich ein anderes Korn, als ein armseliger Bauernbursch! Der Commissari muß ein ganzer Kerl sein! Der versteht’s, wie man den Weibeten schön thun muß – der macht gleich einen ganzen Obstgarten aus Dir!“

Das Mädchen öffnete schon den Mund, um in gleichem Tone zu antworten, aber sie hielt inne und begnügte sich die Achseln zu zucken. „Jedenfalls,“ sagte sie, „ist es besser, als wenn er mich für ein Ackerland anschaut, von dem er die Ernt’ kaum erwarten kann… Nimm das Briefel, Mutter, heb’s auf und laß dem Herrn durch den Schullehrer schreiben … einen schönen Gruß von der Funkenhauser-Tonerl, und mit uns Zwei ist es nichts… Aber das siehst doch, Mutter,“ fuhr sie, der Bäuerin auf die Schultern klopfend, fort, „daß es kein Bauer ist, der angeklopft hat… Es mnß das Maß doch ein bissel hinaus langen über den Funkenhauserhof!“

Sie ging; Ambros hatte sich an den Thürpfosten gelehnt und sah ihr mit brennenden Blicken nach, bis sie in der Küche verschwand. Es war ihm auch nicht zu verargen, wenn er die Augen von der anmuthigen Gestalt nicht loszubringen vermochte, die so sicher und mit so ruhigem Ebenmaße den Gang dahin schritt. Aber auch der Bursche konnte sich unbedenklich neben ihr sehen lassen; als Mann mindestens ebenso groß, war er zwar keine ansehnliche Erscheinung, weil er sehnig und beinahe hager gebaut war, aber in dem ganzen Körper lag ein angenehmes Verhältniß, aus seiner Haltung sprach Gelenkigkeit, aus seinem ganzen Gebahren das Bewußtsein überlegener Kraft. Damit stimmte auch die breite niedrige, von schwarzem Kraushaar umgebene Stirn, sowie das Paar dunkler Augen überein, aus denen Muth und Entschlossenheit funkelten, wenn auch unverkennbar mit heftigem Wesen und auflodernder Wildheit gepaart.

„Was war das für eine Red’, Bas’?“ wandte er sich nun fragend an die Bäuerin. „Was hat das heißen sollen von wegen dem Maß?“

„Wer wird darnach fragen!“ erwiderte diese ausweichend. „Weißt ja, was sie für allerhand Flausen im Kopf hat!“

„Das weiß ich freilich, aber eben deswegen sollt’ ihr’s die [580] Bas’ net angehen lassen … sie soll ihr die Flausen net leiden und soll ihr sagen, daß sie mit mir sein soll, wie sich’s gehört, und net so kurz und so voll Stacheln, wie ein Igel, von dem man net weiß, wo man ihn anrühren soll!“

„Laß mich damit in Ruh’, Ambros,“ rief die Bäuerin entgegen, „in so was misch’ ich mich net hinein! Du bist mir lieb und werth und bist mein nächster Gefreundeter, es ist mir also ganz recht, wenn Du auf den Hof einheirathen und Funkenhauser werden willst – aber einreden thu’ ich dem Madel nichts! Sie muß einmal mit Dir leben, sie muß Dich also mögen und muß Dich freiwillig nehmen… Thätst Dich net schämen, wenn Dich ein Weib Deinem Schatz erst aufdisputiren müßt’? Bist sonst überall voran, wirst wohl so viel Schneid’ haben, daß Du einem Madel unterm Brustfleck so warm machen kannst, daß es nimmer von Dir lassen will…“

Der Bursche erwiderte nichts, sondern biß sich auf die Lippen. Eben traten die Knechte und Mägde durch die hintere Thüre in’s Haus, sich die sonnenheißen Gesichter trocknend und der kühlen Wohnstube zueilend, in welcher bereits, von Tonerl aufgetragen, die Suppenschüssel auf dem großen Eßtisch dampfte. Das von dem Oberknechte vorgesprochene und von Allen ebenso eintönig wiederholte Gebet war bald zu Ende, aber Ambros lehnte noch immer am Thürgerüst; die Bäuerin, es gewahrend, blieb wie wartend stehen, und eben trat Tonerl wieder aus der Stube.

„Willst Du net hineingeh’n zur Morgensuppe?“ rief sie ihm flüchtig zu.

„Nein,“ antwortete er, „mir ist der Appetit vergangen …“

Ohne sich daran zu kehren, ging das Mädchen den Gang entlang; eine Magd, die sich etwas verspätet haben mochte, kam ihr fragend entgegen. „Wie ist’s,“ sagte sie, „soll das Herrenstübel heut’ noch ausgeräumt werden oder hat’s damit Zeit bis morgen?“

Eh’ eine Antwort erfolgen konnte, hatte Ambros sich hastig aufgerafft und stand neben ihnen. „Was ist’s mit dem Herrenstübel?“ rief er. „Warum soll mein Stübel ausgeräumt werden?“

„Ich weiß nicht davon,“ sagte die Bäuerin, „ich hab’s nicht angeschafft …“

„Ich hab’ es angeschafft,“ unterbrach sie Tonerl; „Du weißt ja, daß es jedes Jahr geschieht, wenn die Sommergäst’ kommen; in dem Stübel schlaft der Herr Günther…“

„So?“ rief Ambros, der bis in die Lippen hinein kreidenweiß wurde, „und wo soll ich denn schlafen?“

„Wo Du noch jedes Jahr während der Zeit geschlafen hast,“ entgegnete Tonerl, ohne seine Erregung zu beachten. „Drüben in der vorderen Kammer im Heustock …“

„Bei den Knechten?“ stieß Ambros grimmig hervor. „Freilich! Warum denn nicht? Ich bin ja auch nichts Anderes als ein Knecht … Aber ein Knecht hat auch das zu fordern, was ihm versprochen ist, und noch bin ich, so viel ich weiß, bei der Funkenhauser-Bäuerin im Dienst und net bei ihrer Tochter. Ist das der Bas’ recht? Leid’t das die Bäuerin?“

„Was ist da viel zu leiden!“ sagte diese gelassen. „Es ist alle Jahr’ so gewesen und ist nichts Besonderes dahinter. Es ist nur eine Voreiligkeit von der Tonerl, denn es ist ja noch gar net gewiß, ob unsere Gäste heuer kommen oder nicht!“

„Und wenn sie auch kommen,“ rief Ambros wild, „ich will ihnen net alle Mal Platz machen, denen hochmüthigen Leuten, die Einen immer über die Achsel ansehen, als wenn man schlechter wär’ als sie, weil man die Reden net so spitzig setzen kann! Das Herrenstübl ist einmal mein und ich seh’ net ein, warum das Preußigen, das siebengescheidte, nit auch einmal drüben im Heustock schlafen kann!“

„Siehst das net ein?“ fragte die Bäuerin und stemmte die Arme in die Hüften, „dann will ich Dir ein Licht aufstecken, daß Du besser siehst. Wenn die Fremden kommen, ziehst Du wieder in den Heustock hinüber, das sag’ ich Dir, weil ich, wie Du selber sagst, noch die Funkenhauser-Bäuerin bin und weil in meinem Haus’ Alles tanzen muß, wie ich’s will. Hast Du es jetzt verstanden?“

„Freilich wohl,“ sagte Ambros grimmig, „es ist ja deutlich genug! Jetzt seh’ ich gut, wie’s steht, und kann mich darnach richten … Na, wenn’s in dem Haus keinen Platz mehr für mich giebt, dann kann ich ja auch ganz und gar gehen!“

Tonerl hatte inzwischen die Thür zur Wohnstube zugezogen, damit die Dienstboten das immer lauter werdende Gespräch nicht hören sollten; jetzt trat sie wieder hinzu und hielt Ambros, der rasch enteilen wollte, mit kräftiger Hand au der Schulter fest.

„So?“ sagte sie und sah ihm fest und ruhig in das zornbebende Gesicht. „Du willst fortgehen wegen dem? So geh’ zu, aber merk’ Dir Eins, Ambros … bist draußen, so giebt’s für Dich keinen Gangsteig, der wieder auf den Hof führt! Ich halt’ Dich nicht auf; einem bockbeinigen Menschen, der wie Du seinen Trutzkopf aufsetzt wegen nichts und wider nichts, dem wird kein Hahn nachkrähen!“

Er wollte sprechen, sie ließ ihn aber nicht zu Worte kommen. „Du willst Funkenhauser werden?“ rief sie wieder. „Willst, daß ich Dich heirathen soll? Da mußt Du es schon anders anstellen, Du geschmerzter Bub’; auf die Manier wirst es kanm zuwegen bringen. Ich nimm’ kein’ Mann, wegen dem man sich schämen müßt’, weil er daher redt, wie ein klein’s Kind, das noch kein’ Verstand hat! Red’ jetzt, wenn Du einen vernünftigen Grund hast – sag’s, warum Du Dein Stübl nicht herlassen willst, wie alle Jahr’ …“

„Weil ich die Fremden net leiden kann,“ sagte Ambros stockend und mit Widerstreben, „weil es ein zuwideres Volk ist, das Einen über Alles ausfratschelt und dem man’s über’s Gesicht ansieht, daß sie nichts im Sinn haben, als sich lustig zu machen und über uns dumme Menschen zu spötteln! Weil ihnen hinten und vornen nichts recht ist und weil sie doch jedes Jahr wiederkommen wie die Maikäfer! … Und kurz und gut … ich hab’s gesagt und ich bleib’ dabei, wenn ich auf dem Funkenhauser-Hof nur noch so viel gelt’, als das Schwarze unter’m Nagel ausmacht, so kommt die preußische Sippschaft heuer nimmer in’s Haus!“

„Wie er sich anstellt!“ sagte die Bäuerin. „Wie er thut, wenn er die Leut’ alle miteinander net aussteh’n könnt’, und wenn sie da sind, ist er doch die Freundlichkeit und die gute Stund’ selber mit ihnen! Wie oft hast Du stundenlang die Fräul’n ’rumgeführt, – ich glaub’, Du hätt’st sie stundenweit getragen, wenn’s hätt’ sein müssen, und bist auf das höchste Gewänd’ am Kogel hinaufgestiegen, blos weil sie sich eingebildet hat, sie möcht’ einmal ein ganz frisches Edelweiß haben …“

„Ja die Fränl’n,“ sagte er, um Vieles milder, „bei der ist es was anders – die ist krank, mit der muß man Erbarmniß haben …“

„Das ist mir eine schöne Erbarmniß, die Du mit ihr hast!“ rief Touerl darein. „Du weißt, wie krank sie ist und daß sie nirgends gesund werden kann, als da bei uns, und aus lauter Erbarmniß willst Du sie nimmer in’s Haus lassen? Oder soll sie vielleicht allein bis aus Preußen zu uns herreisen? Oder …“ fuhr sie etwas langsamer fort, indem sie ihm mit den Augen in’s Herz zu bohren schien, „hast Du vielleicht einen andern Grund, den Du selber nicht eingestehen magst?“

Ambros sah schweigend zu Boden; er kämpfte mit sich selbst, ein Wort nieder zu ringen, das sich ihm wieder und wieder auf die Zunge drängen wollte – es gelang ihm; er blickte ruhiger auf und gewann es über sich, in gelassenem Tone zu antworten. „Kannst Recht haben, Tonerl,“ sagte er, „ich will nachgeben; aber wer ist denn schuld daran, wenn mir die Geduld reißt und die Gall’ übergeht? Niemand als Du! Warum vergönnst Du mir nicht einmal ein kleinleiziges Wörtel zum guten Morgen und nickst mir nur so von der Seiten zu, wie einem landfremden Menschen? Warum bist Du alleweil so auf der Höh’ mit mir und weißt doch, daß Du mich um den Finger wickeln kannst mit einem einzigen freundlichen Wort?“

„Na, wenn Dn weiter nichts verlangst,“ rief Toni lachend, „das kannst Du haben, und eine Hand dazu! Willst hernach,“ fuhr sie fort und streckte ihm die Rechte entgegen, „Dein Stübl ausräumen und die Preußen, wann sie kommen, net hinauswerfen aus dem Hof?“

„Auf dem Buckel will ich sie herein tragen!“ rief er und schlug fröhlich ein. „Heut’ noch richt’ ich mir selber die Liegerstatt auf dem Heustock ein!“

„So ist’s recht!“ entgegnete Tonerl. „So könntest Du mir bald anfangen zu gefallen! Siehst Du’s, Mutter, so muß er sein; also red’ ihm zu, wenn Du haben willst, daß es bald eine Hochzeit giebt . . Wer weiß, was im Herbst geschieht, wenn der Sommer gut vorübergeht!“

[593] Lachend lief Tonerl hinweg; der Bursche sprang hochvergnügt mit einem Satze aus der Thür, daß er beinahe einen Mann zu Boden rannte, der, im Begriffe einzutreten, durch dieselbe grüßend herein sah. Die Bäuerin erwiderte den Gruß und eilte ihm freundlich entgegen. Es war ein älterer, kräftig gebauter Mann, mit mächtigem rothen Vollbart, der aber schon stark in’s Aschengrau spielte, wie auch das unter einem weichen Filzhute von abenteuerlicher Form ungeordnet herabhängende Haar. Ein Kittel von ungebleichtem Leinen, durch eine Gürtelschnur mit Quasten zusammengehalten, Beinkleider von gleichem Stoff und derselben Farbe und ein paar schwerbenagelte Bergschuhe bildeten den ganzen Anzug des Fremden; ein niedriger breiter Holzkasten, der an einem Riemen über der Schulter hing und auf welchem ein großer Schirm und ein Feldstuhl aufgeschnallt waren, ließen den Maler nicht lange verkennen.

„Guten Tag, Bäuerin,“ rief er in munterem Tone, „ist es erlaubt, einen Augenblick Rast zu machen und um ein Glas gute Milch zu bitten?“

„Freilich, Herr, das können Sie haben,“ sagte die Bäuerin, indem sie Bank und Tisch vor dem Hause mit der Schürze abwischte und einer aus der Stube kommenden Magd auftrug, ein Glas Milch und ein Stück Brod herbeizubringen. „Habt Euch schon früh auf den Weg gemacht, Herr? Ihr seid wohl ein Maler, weil Ihr solch’ einen Werkzeug bei Euch habt?“

„Auf’s erste Mal errathen, Frau,“ rief der Mann lachend, „ich gehöre zu der lustigen Compagnie, die unserem lieben Herrgott den Tag abstiehlt und seine schöne Welt dazu!“

„Und das Geschäft muß net schlecht gehen, weil Sie so wohlauf sind!“ entgegnete die Bäuerin. „Sie kommen mir auch so bekannt vor … sind Sie nicht schon einmal bei uns eingekehrt?“

„Nein, gute Frau,“ rief der Maler, „aber daß ich Euch bekannt vorkomme, ist deshalb doch möglich … wir Gesellen, die wir mit dem Werkzeug da wandern, sehen einander alle ein bischen ähnlich, nur daß eben bei dem Einen das Geschäft etwas besser geht, als bei dem Andern. Ich habe diese Gegend schon oft durchstreift, aber bis hier herauf bin ich nie gekommen; wenn man unten im Thale dahin geht, sieht man Euren Hof kaum und glaubt nicht, daß er so frei und herrlich da liegt und eine so wundervolle Aussicht gewährt!“

„Ja, ja, die Aussicht läßt sich nicht spotten,“ erwiderte die Bäuerin, indem sie der herankommenden Magd das Glas mit der fetten, rahmbedeckten Milch abnahm und vor den Maler hinstellte. „Und der Luft ist auch so besonders gut!“

Der Maler trank mit Behagen und ließ während des Schlürfens den Blick über die Gegend streifen. „Ihr seid zu beneiden, Frau,“ sagte er dann, „Ihr wißt gar nicht, wie schön Ihr wohnt! Wie in einem versteckten Paradies, einem heimlichen Zaubergarten oder einer unentdeckten seligen Insel! Es kommen wohl selten Fremde zu Euch?“

„Diemalen geschieht’s doch, daß sich Einer herauf versteigt; aber im Sommer logirt jedes Jahr eine fremde Familj bei mir...“

„Ah, es giebt also doch noch Leute, die Geschmack haben! Wer sind die Glücklichen?“

„Das weiß ich selbst nit so recht; sie sind aus dem Preußischen daheim, aber Heuer sind sie noch nicht da!“

„Preußen also? Die werden in diesem Jahre wohl auch schwerlich kommen!“

„Warum? Wissen Sie vielleicht ’was davon?“

„So könnt Ihr fragen!“ rief der Maler und warf den Hut in’s Gras, daß der Ostwind ungehindert in den grauen Locken spielen konnte. „Ihr wißt also gar nicht, was draußen geschieht, und was die ganze Welt bewegt, wie ein stürmendes Meer, bricht sich wie eine Fluth am Fuße Eurer Berge und die Brandung reicht nicht herauf zu Euch. Erfahrt Ihr denn gar nicht, was sich im Lande zuträgt?“

„Herrgott,“ sagte die Bäuerin ängstlich, „es wird ja doch nicht sein! Neulich, wie ich am Sonntag im Dorf d’runten war im Gottesdienst, da hat’s geheißen, es soll der Befehl vom König ’raus kommen, daß die Buben einrücken müssen und daß es Krieg geben soll …“

„Leider ist das sehr zu befürchten!“ entgegnete der Maler ernst, „der Zwiespalt zwischen Preußen und den anderen Fürsten Deutschlands wird mit jeder Stunde bedrohlicher; sie wollen, daß die Schleswig-Holsteiner, von denen Ihr doch wohl auch schon gehört haben werdet, ein eigenes Volk für sich sein und ihren eigenen Landesherrn haben sollen; Preußen will das nicht, es will das schöne Land für sich behalten. In diesen Tagen sitzen die Gesandten alle am Bundestag in Frankfurt beisammen, und von dem Beschluß, den sie da fassen, wird es abhängen, ob wir Frieden behalten oder ob es zu einem Kriege kommen soll, in dem Deutsche wider Deutsche stehen. … Doch nichts mehr von diesen Dingen, liebe Frau. Ihr bekommt da noch einen anderen Besuch …“

[594] Er zeigte den Bergabhang hinunter, welchen eine schwarze düstere Gestalt langsam heranschritt, wie ein dunkler Schatten, der in die weite sonnenlichte Landschaft fiel.

„Jetzt weiß ich nicht,“ sagte die Bäuerin, „ob mir träumt, oder ob das wirklich unser Cooperator ist …“

„Etwas Geistliches ist es. Ihr werdet doch die Herren aus Eurer Pfarrei kennen.“

„Das wohl … aber unser alter Herr Pfarrer, der in die dreißig Jahr’ bei uns gewesen ist, hat sich in die Ruh’ gegeben und ist Beneficiat ’worden; den neuen kenn’ ich noch nicht genau, und der junge Herr da ist erst im Auswärts zu uns gekommen; kann mir auch gar nicht einbilden, was den herauf treibt auf den Funkenhauser-Hof.“

Der junge Geistliche war indessen näher gekommen; eine wohlgebaute Gestalt, welche aber der enganliegende Gürtel und der lange Talar aus schwarzem, matt glänzendem Stoffe fast überschlank erscheinen ließ; ein schwarzer niedriger Hut mit sehr breiter Krämpe beschattete ein längliches, etwas hart geschnittenes Antlitz, in welchem ein paar feurige Augen glühten, jetzt eifrig in das Brevierbuch gesenkt, das der junge Mann in den festgeschlossenen Händen trug und so, eifrig lesend, ohne aufzuschauen vorwärts schritt. So kam er hart an das Haus heran; erst auf den Gruß der Frau schlug er langsam das Buch zu, richtete den Blick der großen durchforschenden Augen fest auf das Gesicht der Bäuerin und erwiderte das „Gelobt sei Jesus Christus“ derselben in wohlklingendem, feierlichem Tone mit dem landesüblichen Gegengruße.

„In Ewigkeit, Amen!“ sagte er. „Ihr seid wohl die Funkenhauser-Bäuerin? Ich habe mit Euch zu sprechen!“

„Mit mir?“ rief die Bänerin verwundert. „Ja, was könnt’ denn das sein … Reden S’ nur Hochwürden, Herr Cooperator, mit was ich dienen kann! Wollen S’ denn nicht in’s Haus hereinkommen …“ Der Geistliche machte eine ablehnende Bewegung und sah forschend nach dem Maler hinüber, der eben sein Glas geleert hatte und dasselbe noch einmal gefüllt haben wollte. „Dann nehmen S’ halt hier vorlieb, Hochwürden,“ sagte sie eifrig, „es ist auch angenehmer hier … in der Stuben sind gar so viele Fliegen! Ich will nur dem Herrn Maler da noch ein Glas Milch holen und bin gleich wieder da!“

Sie ging; die beiden Männer blieben eine Weile allein, sich und dem weit vor ihnen aufgeschlagenen Buche der Weltoffenbarung gegenüber. Es war ein eigenthümlicher Gegensatz, den sie bildeten – Haupt und Züge des viel älteren Künstlers zeigten, daß die Welt mit vielen stürmischen Stunden darüber hingezogen, wohl auch mit manchen andern, die er, wäre es vergönnt, sie noch einmal zu leben, gewiß besser benutzen würde; dennoch war in seinem Antlitz das Gepräge der errungenen Ruhe nicht zu verkennen und aus dem an der herrlichen Landschaft hangenden Auge schimmerte ein Strahl von Glück – die strenge geschlossene Haltung des weit jüngeren Priesters zeigte, wie fern ihm die Welt lag, von welcher Erziehung und Beruf ihn von den ersten Knabenjahren an sorgfältig zu trennen und zu bewahren gewußt, aber wie keine Kampfesspur zu erkennen war, fehlte auch das Zeichen des Sieges. Hinter der anscheinend leblosen Stirn rangen ruhelose weitstrebende Entwürfe und in dem Auge, das auf den Worten des Gebetes ruhte, war der Friede noch nicht aufgegangen.

Die entzückte Umschau des Malers hatte auch ihren guten Grund.

Wäre einem Künstler oder Dichter aufgegeben worden, einen Platz zu einem Hause auszusuchen, wo es für das Auge lieblich, für den Sinn gefällig und für das Herz wohlthuend sei, sie hätten nicht vermocht, einen schönern Erdenwinkel aufzufinden. Die stattliche Vorderseite des schönen Gehöfts, nach Morgen und Mittag gewendet, beherrschte eine angenehm ansteigende breite Berghalde, auf welcher Licht und Wärme beinahe den ganzen Tag über heimisch waren und ein kleines fruchtbares Eden schufen, um so lieblicher und fruchtbarer, als nach allen Seiten hin breite Waldsäume mit mächtigen Buchenkronen oder Ahornwipfeln und hundertjährigen Riesentannen dazwischen sich wie Mauern dahinzogen, die rauhen Weststürme abhielten und die Gebäude gegen den erkältenden Nordwind schützten. Im Rücken davon und darüber hinaus, wie in einem Halbrund, stieg der eigentliche höhere Gebirgsstock hinan, ein ewiger undurchdringlicher Wall und Schutz. Nach vorn zu aber öffnete sich dem Auge ein nicht breites, doch um so lieblicheres Thal, rings von Felsen und waldigen Bergen umrahmt, während im Grunde Wiesen in bunter Blumenpracht leuchteten, grüne Matten schimmerten, Waldschatten dunkelte, Bäche und Wässer blitzten und über Allem der Sonnenschein lag, der Duft der noch von keiner Sense berührten Blumenhänge schwebte und das Summen der Käfer und der Gesang der Vögel darein klang, als wäre es ein Theil des zu Tönen gewordenen Duftens, Wallens und Wehens.

Die Bäuerin mußte durch ein Geschäft aufgehalten worden sein, denn es verging geraume Zeit, bis sie wieder kam. Der Maler gewahrte es aber nicht; die Hände unter Kinn und Bart stützend sah er unbeweglich in die Landschaft hinaus, als wolle er Linien, Töne und Farben, die blitzenden Lichter und die wallenden Schatten in sich einfangen, sie zum inneren kunstvollen Bilde zu gestalten. Er hatte darüber die Anwesenheit des Geistlichen ganz vergessen, der, noch immer in sein Brevier vertieft, die Gegend nicht eines Blickes würdigte.

„Wie, mein Herr,“ rief der Maler verwundert, als er, sich einmal abwendend, dies gewahrte, „Sie vermögen es, an einem solchen Orte zu lesen? O, nur einen Augenblick gönnen Sie diesem lebendigen Buche, und der Blick Ihrer Augen wird nicht mehr zu den todten Lettern zurückkehren!“

„Was von außen kommt, ist vergänglich,“ erwiderte der Priester ernst; „wer klug ist, lernt bei Zeiten, den Blick nach innen zu richten!“

„So?“ sagte der Maler sich erhebend im gedehnten Tone der Verwunderung. „Dann verzeihen Sie, wenn ein Mensch, der so ganz am Aeußern hängen muß, wie der Maler, Sie in Ihrem innerlichen Schauen unterbrochen hat … Jedenfalls aber sind Sie in der Gegend wohl bekannt und sind vielleicht so freundlich mir eine Frage zu beantworten … Wie heißt wohl jener Berg mit dem gewaltigen Doppelhorn, dort über der Waldbreite, unmittelbar neben dem kahlen langgestreckten Felsgrat?“

„Das weiß ich nicht,“ sagte der Caplan wie zuvor, „wir kümmern uns nicht um die Berge!“

„Nicht?“ rief der Maler, unangenehm berührt, beinahe wie zürnend entgegen. „Um was kümmern Sie sich denn – wenn es erlaubt ist, zu fragen?“

„Um das, was erhabener ist, als die Berge, und unvergänglicher, als sie!“

Dem Künstler stieg es heiß in’s Gesicht; er wollte gereizt erwidern, wie ihn die Gluth antrieb, die er in seiner Brust nährte, wie die Opferflamme in einem Heiligthum – er begegnete dem fest und erwartend auf ihn gerichteten Auge des Priesters und in ihm dem Leuchten eines ähnlichen Strahles, das einer anderen, aber gleich heilig gehaltenen Ueberzeugung entstammte – und er schwieg. Hastig packte er seinen Kasten und die anderen Geräthschaften zusammen und rief der eben herankommenden Bäuerin zu: „Ich will dort hinüber, auf den Abhang, wo die zwei Buchen stehen – es scheint ein hübscher Punkt zu sein, ich will eine Studie malen … die Beleuchtung hat gerade noch etwas von dem letzten verschwindenden Dufte des Morgens in sich! – Meine Milch nehme ich mit,“ fügte er, ihr das Glas abnehmend, leiser hinzu, „in der Gesellschaft könnte sie mir sauer werden!“

Der Geistliche wartete ab, bis er weit genug entfernt war, und lud dann die Bäuerin mit feierlicher Geberde ein, neben ihm auf der Hausbank Platz zu nehmen.

„Aber was giebt’s denn nur, Hochwürden?“ rief sie staunend. „Sie machen mir ja völlig Angst – das muß ja ’was Schreckliches sein, was Sie mir sagen wollen!“

„So ist es auch,“ erwiderte er ernst, „etwas, was das Heil Eurer Seele, das Wohl der ganzen Gemeinde und der Kirche selber betrifft…“

„So reden S’ doch – was soll ich denn thun?“

„Antworten – und mir vertrauen; die Macht, die den Sturm erregt, vermag ihn auch wieder zu besänftigen… Ihr habt, wie ich höre, schon seit mehreren Jahren zur Sommerszeit, Gäste in Eurem Hause. Es sind Fremde – aus dem Norden Deutschlands … aus Preußen – nicht wahr?“

„Ich weiß net, Hochwürden – ich kenn’ die Gegend net so genau: sie sind halt noch viele Stund’ hinter Berlin daheim – in der Mark, glaub’ ich, oder wie man’s heißt … sie sind Gutsherrnleut’ und haben auch eine große Oekonomie, wie wir…“

[595] „Und werden sie auch in diesem Jahre kommen?“

„Das weiß ich selber net – ich denk’ wohl, aber ich hab’ noch keine Nachricht…“

„Dann erkennet eine gütige Fügung deö Himmels darin, der mich zu Euch führt, da es noch Zeit ist, Euer Haus vor einem großen Unglück zu bewahren! Wisset, daß ich deswegen zu Euch gekommen – ich will Euch warnen, will Euch beschwören, jene Menschen nicht mehr aufzunehmen in Euer reines, altchristliches Haus…“

„Sie erschrecken mich, Hochwürden! Sie werden doch nichts Unrechtes wissen von denen Leuten? Ich hab’ sie für ordentlich und rechtschaffen gehalten…“

„Das zu untersuchen, würde zu weit führen und ist auch unnöthig! … Wißt Ihr nicht, daß sie Protestanten sind … das ist genug, ein solcher Umgang kann und wird Euch niemals Segen bringen…“

Die Bäuerin hatte die Hände im Schooße gefaltet und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. „Das weiß ich wohl,“ sagte sie dann, „und es mag wohl ein arges Volk sein um die Luttrischen … aber mit denen, die bei mir logiren, muß es doch net gar so weit gefehlt sein! Das sind recht stille, ordentliche Leut’, – ein Jedes davon … ich hab’ wohl drauf Acht gegeben … hat sein Gebetbuch, und ich hab’s auch gesehen und gehört, wie sie Alle Morgens und Abends das Vaterunser gebet’ haben, gerad’ wie wir auch, und recht andächtig, Hochwürden, Sie können mir’s glauben!“

„Und dünkt Ihr Euch so klug,“ rief der Priester in strengem Tone, „daß Ihr das zu beurtheilen im Stande seid? Wie es nur Eine Sonne am Himmel giebt, kann es auch nur Einen wahren Glauben geben, nur Eine rechte Art, zu beten! Ich sehe leider, daß das Gift solcher Umgebung Euch schon ergriffen und verblendet hat! Das ist eben die entsetzliche Gefahr, daß ein solcher Verkehr den eigenen Glaubenseifer abstumpft, daß er jene sträfliche Lauigkeit hervorbringt, welche die Welt so gern mit schönen Worten aufputzen möchte und die doch nichts ist, als Gleichgültigkeit, von der nur noch ein Schritt ist zu dem entsetzlichsten Unheil, zum Unglauben! Ich will doch nimmermehr glauben, daß es der schnöde Geldgewinn ist, der eine so reiche Frau bewogen hat …“

„Mit Verlaub, Hochwürden,“ unterbrach ihn die Bäuerin, „das sind harte Reden, die Sie mir da geben … ich sehe wohl, ich muß Ihnen schon erzählen, wie’s zugegangen ist, daß die Preußischen auf den Funkenhauserhof ’kommen sind! … Es werden so um Jacobi herum gerad’ volle drei Jahr’ sein, da ist die Frau von Schulze zum ersten Mal mit ihrem Sohn und ihrer Tochter zu mir herauf gekommen, sie haben einen Spaziergang gemacht und haben dabei über Macht gethan, denn die Tochter, die krank ist und an der Schwindsucht leidet, die war so müd’ und matt, daß sie vor Elend nicht mehr weiter gekonnt hat und da, wo wir jetzt sitzen, in einer völligen Ohnmacht auf der Bank gelegen ist. Wie sie nachher wieder zu sich ’kommen ist, da hat sie die Mutter zu sich hingewinkt und hat ihr zugewispert: ‚O Mutter, wie ist es hier oben so schön – welch’ balsamische Luft! Wie thut sie meiner kranken Brust so wohl… O, hier möchte ich bleiben! Hier würde ich gewiß bald gesund werden.‘ – ,Nun, hat die Mutter darauf gesagt, ‚das kann ja vielleicht geschehen, wir ziehen aus dem Dorfe und aus dem Gasthause herauf und die Bäuerin hier wird uns gegen gute Vergütung wohl behalten.‘ Ich hab’ es wohl gemerkt und verstanden, wie sie so untereinander gered’t haben und um die Sach’ herumgegangen sind, aber ich hab’s net hören und verstehen wollen, denn ich hab’ mir’s wohl gedenkt, wie’s mit der Religion bei denen Fremden stehen mag, und ich hab’s net für möglich gehalten, daß ich einmal Ja sagen sollt’ und sollt’ Luttrische in meinen Hof lassen. Wie sie dann mit der Sprach’ herausgerückt sind, hab’ ich Nein gesagt und hab’ zuerst allerlei Ausreden ’braucht, daß ich keinen Platz hätt’ in meinem Haus, daß da oben in der Einöd’ nichts zu haben sei, daß meine Leut’ auf die Bedienung von solchen Herrschaften net eingeschossen sind … wie’s aber Alles net hat helfen wollen, da hab’ ich auch net mehr hinter’m Berg gehalten und hab’s der Frau gerad’ heraus gesagt, ich könnt’ mir wohl einbilden, daß sie luttrische Leut’ wären – ich aber und mein Haus, wir wären gut und alt katholisch, und das könnt’ sich net gut vertragen miteinander und ich könnt’s vor mein’ Gewissen net verantworten, wenn ich ihnen ihren Willen thät’… Ich hab’ mir eingebild’t, sie würden mir noch viel vormachen und mir’s auszureden suchen oder mich wohl gar auslachen – aber das haben s’ Alles net gethan… ‚Wenn das ist,‘ hat die Frau gesagt, ‚so reden wir nicht mehr davon, um unsertwillen soll Euer Gewissen nicht beunruhigt werden.‘ Die kranke Fräul’n aber hat gar nichts gesagt und hat mich nur mit ihren großmächtigen Augen aus dem blassen eingefallenen Gesicht angeschaut, ich kann gar net sagen, wie… Sie sind nachher fortgegangen; der Bruder und die Mutter haben die Kranke fortgeführt, bis da vorne zu dem Wegkreuz, da sind sie nochmal stehen geblieben und haben zurück geschaut – ich aber bin in’s Haus hinein, damit ich sie nimmer gesehen hab’. … Und wie ich in die Stuben hineintret’, da bin ich vor dem geschnitzten Bild gestanden, das auf dem Hausaltarl’ steht … es ist unser Herr in der Rast mit der Dornenkron’ auf dem Kopf und mit dem rothen Königsmantel… Da ist’s mir gewesen, als wenn er mich anschauen thät mit sein’ schmerzhaften traurigen Blick und als wenn er mit denen gebundenen Händen hindeuten thät auf die Schrift unten am Postament und als wenn er sagen wollt’ … ‚Kommt her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen seid und ich will Euch erquicken‘ … da hab’ ich mich vor mir selber geschamt bis in’s tieffste Herz hinein, und die bittern Zäher sind mir ’runtergelaufen und ich bin denen Fremden nach und hab’ ihnen schon von Weitem zugerufen, sie sollten bleiben, ich wollt’ sie aufnehmen – und wenn das eine Sünd’ gewesen ist, dann wird’s unser lieber Herrgott mit mir gnädig machen, denn ich hab’ net anders gekonnt… Und so – so ist es halt zugegangen, so sind die Luttrischen Leut’ auf den Funkenhauserhof gekommen…“

Der Geistliche hatte zugehört, ohne sie mit einer Miene oder einem Laute zu unterbrechen. „Ihr habt Euch von einem menschlichen Gefühle leiten lassen,“ sagte er dann, „das an sich ganz lobenswerth ist, zu weit getrieben aber zum großen Unrecht, zu sträflicher Schwäche wird. Ihr habt Eurem weichen Frauenherzen Genüge gethan, mögen die Fremden nun einen andern Platz zu Vergnügen oder Heilung suchen – an Euch ist es jetzt, den Umgang abzubrechen und das Aergerniß wieder gut zu machen, das Ihr gegeben habt!“

Die Bäuerin wendete sich rasch und blickte den Geistlichen scharf an, indeß es ihr roth bis unter die grauen Scheitelhaare aufstieg. „Ein Aergerniß auf dem Funkenhauserhof?“ rief sie. „Das wär’ das erste Mal, seitdem ich und mein sel’ger Mann da heroben hausen! Und Ihr Wort in Ehren, Hochwürden, aber das kann ich auch nicht glauben! Ich bin selbiges Mal am andern Tag in aller Früh hinunter zum Herrn Pfarrer und hab’ ihn um Rath gefragt, und der hat mir die Hand gegeben und hat gesagt, ich hätt’ recht gethan … und das ist für meinen Bauernkopf zu rund, wie das, was dazumal nicht unrecht gewesen ist, jetzt auf einmal eine Sünd’ sein soll!“

„Darüber, meine gute Frau,“ sagte der Caplan mit Nachdruck, „möget Ihr das Urtheil am besten Andern überlassen, deren Beruf und Amt es ist – gläubiger Gehorsam ist Euer Verdienst und Eure Aufgabe… Ueberleget daher wohl, wozu Ihr Euch entschließet; nützet die Augenblicke, die Euch noch gegeben sind, denn sie sind wie gezählte Tropfen in der Hand des Herrn und ein jeglicher bringt Euch dem des Todes näher, da die Seele von dem Körper geschieden wird, um Rechenschaft abzugeben…“

Er hatte sich während dieser Worte erhoben, die Bäuerin that das Gleiche; sie rückte ungeduldig an der schwarzgestrickten Hausmütze, die ihren grauen Kopf bedeckte, und schien zu kämpfen, ob sie ihren Gedanken und Empfindungen Worte geben solle… „Ich bin keine solche Unchristin, Hochwürden,“ unterbrach sie ihn jetzt losplatzend, „daß ich net an meine Sterbstund’ denken sollt’, ich thu’s alle Tag’, und ich denk’, wie ich grau geworden bin in Ehren, will ich mein graues Haar auch in Ehren in die Grube bringen… Aber weil wir doch so schön bei einander sind und weil wir doch so jung nimmer zusammen kommen, so muß ich Ihnen schon sagen… Es kann Alles recht schön sein, was Sie mir gesagt haben, aber ich gehöre noch zu der alten Welt und halt’s noch mit der alten Frömmigkeit! Ich hab’ es schon gehört, daß sie jetzt eine neue Frömmigkeit aufbringen wollen, und Sie werden Wohl auch Einer von denen sein! Ich hab’ mir sagen lassen, Sie wollen den jungen Leuten das Tanzen verbieten und selber das Singen, es soll Alles still sein und unterthänig, [596] wie in einem Kloster … zu meiner Zeit, wie ich jung gewesen bin, da hat man gesagt: je reiner das Gemüth ist, je heller klingt’s, wenn man singt – da hat man aus der Welt kein Kloster machen wollen, und unser alter Herr Pfarrer hat gesagt, die Engel im Himmel haben ihre Freud’ daran, wann s’ irgendwo vergnügte und fröhliche Menschen sehen… Sehn’s, Hochwürden, das ist halt mei’ Glauben und bei dem will ich bleiben und glaub’, wenn’s zum Sterben kommt, wird unser Herrgott auch ein Einseh’n haben und wird’s mit einem geringen Bauernweib net so haarscharf nehmen, denn der schaut in’s Herz und net in den Kopf!“

Ein Bauernjunge, der rufend die Halde hergelaufen kam, unterbrach sie im Redefluß. Athemlos kam er heran und brachte die Botschaft vom Postmeister im nahen Marktflecken, die jährlichen Gäste des Funkenhauserhofes seien eingetroffen und einstweilen bei ihm eingekehrt, weil sie von der Reise sehr angegriffen seien, morgen aber würden sie kommen und ihren feierlichen Einzug halten.

„Also doch!“ rief die Bäuerin und beachtete in ihrer Freude gar nicht, daß der Geistliche ohne Abschied sich entfernt hatte und mit ernstem Schritt, wie er gekommen, langsam und lesend den Berg hinabwandelte. „He, Tonerl, geh’ hinauf in die gute Stuben, mach’ die Fenster auf und thu’ die Spinnweben herunter – uns’re Sommergäst’ kommen!“

Eilend schritt sie dem Hause zu, ohne Antwort abzuwarten; sie war aber wohl gehört worden, denn aus dem Innern des Hofes ertönte aus einer Mädchenkehle ein frischer langgezogener Juhschrei, wie wenn die Sennerin auf hoher Alm der aufgehenden Morgensonne entgegenjauchzt.




2. Schwarz oder Blau.

Die Junisonne stand schon hoch und brannte mit vollster Gluth auf der steilen Felswand, welche über dem Bergwalde so schroff und riesig hinanstieg, daß ein paar der höchsten Kirchthürme, über einander gestellt, kaum genügt hätten, an die oberste Kante zu reichen. Wer unten vom Fuße derselben aus der hügeligen Halde zwischen den verstreuten Heuhütten emporsah, mußte scharfe Augen haben, wenn er in den kleinen dunklen Punkten, die an dem höchsten Schrofen hingen, wie im Vorüberfluge sich rasch anklammernde Vögel, Menschen zu erkennen vermochte. Es waren zwei Jäger, welche die Felswand hinankletterten, Rucksack und Büchse über die Schulter gehängt, um im Steigen nicht gehindert zu sein, während sie mit den Füßen vorsichtig nach einer Spalte oder einem Vorsprung als Stützpunkt tasteten und zugleich mit den Händen nach einer herabhängenden Ranke oder dem Geäste einer Zwergtanne griffen, die ihre zähen Wurzeln in das Gestein einzukeilen gewußt. Es galt dabei immer noch, sich mit den Knieen fest an das Gestein zu stemmen und jeden Blick in die Tiefe zu vermeiden. Der Eine, Geübtere schien mit der Oertlichkeit vollkommen vertraut und rief voranschreitend dem Gefährten aufmunternde Worte und Weisungen zu, wie er auf die Stellen, welche er selbst eben verlassen hatte, vorsichtig den Fuß setzen und sich an den Felsen anhalten solle, um nicht in die grausige Tiefe zu stürzen.

Es war Ambros. Sein braunes Gesicht war von der Anstrengung geröthet; sonst schien er nichts von derselben zu empfinden. Seine Kniee waren stramm, und nichts zuckte an der ganzen, gedrungenen Gestalt, als er eben auf einer steil vorspringenden Platte ankam, von welcher aus jede Möglichkeit, weiter vorzudringen. durch eine tiefe Kluft abgeschnitten war. Die Wildwasser, welche im Frühling und Frühsommer aus den schmelzenden Schneemassen herniederstürzen, hatten sich mehrere Klafter tief und breit eine schauerliche Bahn eingerissen, über welche es keinen anderen Weg gab, als sich mit eingesetztem Bergstock auf die andere Seite zu schwingen, wo einige Schuh tiefer ein breiter, mit Gras bewachsener Block eine bequeme Stelle zum Ansprung bot.

„Da heißt’s jetzt, ein kleines bissel springen,“ rief Ambros seinem Nachmanne zu. „Es hat aber nichts zu sagen, Herr; der Bergstock tragt Einen schon hinüber, und zudem geht’s ein bissel abwärts. Ich will’s Ihnen gleich vormachen.“

Vorsichtig trieb er die Eisenspitze seines Stockes in einen Felsenspalt und prüfte wohl, daß er weder abgleiten, noch das Gestein absprengen konnte. Dann setzte er mit gleichen Beinen zum Sprunge an und schnellte sich in kräftigem Schwunge über die Kluft. Er kam glücklich auf dem Blocke an, und wenn auch im ersten Augenblicke von der Erschütterung die Kniee knickten, stand er doch bereits im nächsten wieder so kerzengerade da, wie die Tannen, welche unfern davon ihre Gipfel emporstreben, als wären sie nach der Schnur in die Höhe gezogen.

Der zweite Jäger hatte wohl den Ruf vernommen, aber er vermochte den Sprung nicht genau zu sehen, weil derselbe nach abwärts ging. Vorsichtig tastete er sich auf den Felsstücken, auf welchen Ambros zuletzt gestanden, vorwärts, und stand nun an der Schlucht über dem Abgrund, durch denselben von seinem Führer getrennt, der es sich gegenüber schon bequem gemacht und wie zur Erleichterung Rucksack und Stutzen abgeworfen hatte. Auf den Bergstock mit übereinandergelegten Armen sich stützend, stand Ambros erwartend da und schien dem Sprunge seines Gefährten mit gespannter Neugier entgegenzusehen.

Dieser trug ebenfalls die Tracht der Jäger im Gebirge: die graue Joppe mit grünem Saum und Kragen und den gleichfarbigen Hut, auf welchem weder der zierliche Federschmuck noch der krause Gemsbart fehlte. Die bloßen Kniee, welche zwischen der kurzgeschnittenen Lederhose und den Wadenstrümpfen hervorsahen, verriethen durch ihre Weiße ebenso wie der bessere Stoff, aus welchem die Kleider gefertigt waren, daß der junge Mann die Jägerei in diesen Bergen wohl nur zum Vergnügen betreibe und darin weder gehörig geübt, noch völlig abgehärtet war. Man sah dem feinen, schlanken jungen Manne die Mühe und Anstrengung an; der Schweiß rann in schweren Tropfen von der Stirn, und es kostete ihn sichtbar Mühe, sich aufrecht zu halten. Dennoch wußte er die gute Haltung, welche ihm angewöhnt schien, zu bewahren; der Wille in ihm war stärker und ersetzte, was der weniger geübten Kraft gebrach. Mit einem Befremden, das ziemlich das Ansehen des Schreckens trug, sah er von der Platte bald in die Schlucht hinunter bald zu Ambros hinüber, und in seinen Blicken lag die Frage, ob es nicht etwa einen andern Weg gebe und ob er wirklich da hinüber müsse.

„Kommen Sie nur, Herr Günther!“ rief Ambros. „Müssen sich nicht lang besinnen; es giebt keinen andern Weg! Setzen Sie nur den Bergstock fest ein! Sie sehen ja, wo ich den meinigen eingesetzt habe. Sie haben mir ja oft gesagt, daß Sie beim Turnen, oder wie das Ding heißt, so gut springen gelernt haben – da können Sie’s gleich einmal probiren! Müssen nur nicht hinunterschauen, damit Sie nicht etwa schwindlig werden.“

[609] Der junge Mann stand noch einen Augenblick unschlüssig, ein flüchtiger Blick rückwärts überzeugte ihn, daß es keine Möglichkeit gab, den Weg, auf dem er gekommen, wieder zurückzuklettern; ein zweiter scheuer und noch rascherer Blick streifte in den Abgrund, der unter ihm wie eine Thurmmauer abstürzte, dunkel und tief, daß kein Ende davon abzusehen war; drüben aber lag und lockte der breite, grasbewachsene Block, und schon von Weitem war zu erkennen, daß ein betretener Pfad von dort gefahrlos weiter führe. Sich zusammenraffend, richtete er daher den Stock zurecht und nahm die Stellung eines Springenden an; allein in dem Augenblicke verirrten sich seine Augen unwillkürlich in die Schlucht unter ihm, er fühlte, wie es ihm im Gehirne zu kreisen begann und vor den Augen dunkelte.

„Na, was ist’s denn?“ rief Ambros wieder. „Wenn Sie herüber sind, ist alle Gefahr überstanden. Von da wird der Weg wieder gut, und wir kommen bald auf einen prächtigen Gamsstand. Springen Sie frisch zu, Herr Günther! Es passirt Ihnen nichts. Ich bin schon da und fang’ Ihnen auf, damit Sie nicht etwa zurückfallen. Ich glaub’ gar, Sie fürchten Ihnen.“

Günther fühlte sich allerdings sehr lebhaft von einer ähnlichen Empfindung durchzuckt. Er nahm nochmals einen Ansatz zum Sprunge, ließ aber wieder ab, und schon schwebte ihm wiederholt die Frage auf den Lippen, ob es nicht etwa doch einen anderen Weg gebe, aber der Gedanke, Furcht zu zeigen, scheuchte sie wieder zurück. In der krampfhaft festen Art, wie er den Bergstock anfaßte, zeigte sich jetzt, daß der Entschluß in ihm reifte; er blickte noch einmal zu Ambros hinüber, der eben den Hut abgenommen hatte, daß sein Gesicht deutlich zu sehen war … es kam ihm vor, als ob dasselbe von einem höhnischen Lächeln verzogen sei, und ohne sich weiter zu besinnen, schwebte er in der nächsten Secunde über dem Abgrund und langte wohlbehalten neben Ambros auf dem Felsblocke an. War er auch zögernd unternommen worden, so ließ der Sprung es doch wohl erkennen, daß es ein geübter Körper war, welcher ihn ausführte; ohne zu wanken, fest und aufrecht, stand Günther auf dem Felsen und bedurfte des haltenden Armes nicht, welchen ihm Ambros entgegenstreckte.

„Ich danke,“ sagte er, kurz ablehnend, und schritt sogleich auf dem deutlich erkennbaren Pfade vorwärts, während Ambros ihm verblüfft nachsah und erst nach einigen Augenblicken folgte. Als er um die Felsecke vorgetreten, hielt er an und deutete auf eine grüne Rasenstelle, welche zwischen dem Gestein recht angenehm zum Ausruhen einlud. „Wie ist’s, Herr Günther,“ sagte er, „wollen wir net ein bissel anhalten und ausrasten? Da wär’ ein ganz bequemer Sitz.“

„Habe kein Bedürfniß,“ entgegnete Günther. „Auch habe ich sagen hören, daß man bei großen Wanderungen es wohl unterlassen muß, auf kurze Zeit auszuruhen, weil dann die Müdigkeit immer ärger wird. Ich will mir das Ausruhen sparen, bis wir auf der Almhütte sind.“

„So?“ sagte Ambros, der den Unmuth seines Gefährten wohl herausfühlte. „Davon hab’ ich noch nie etwas g’spürt, es wird wohl auch nur in Ihren Büchern stehen. Ich will mich schon ein bissel dahersetzen, der Weg über die schieche Wand legt sich einem doch curios in die Glieder; da schmeckt ein Schluck Kirschgeist drauf.“ Er zog die Korbflasche aus dem Rucksack hervor und bot sie Günther. „Das ist echter, selbstgemachter,“ sagte er, „den werden Sie doch nicht verschmähen? Sie müssen ja an so ’was gewöhnt sein, bei Ihnen zu Haus in Preußen haben s’ ja gar nichts Anderes zu trinken, sagt unser Schullehrer.“

Der Jäger zuckte mit den Achseln und wies die Flasche zurück, welche Ambros sofort an den Mund setzte und bis auf einen kleinen Rest leerte. „Na, meinetwegen,“ sagte er, „mir kann’s recht sein, es thut halt Jeder nach seinem Brauch! Aber mir kommt’s vor, als wie wenn Sie a bissel harb war’n? Es verdrießt Ihnen wohl der schlechte Weg, den wir haben machen müssen? Aber Sie haben ja verlangt, daß ich Ihnen auf die Gamsjagd führen solle! Da hat man’s net am Schnürl, da muß man so ’was schon mit in den Kauf nehmen! Das kann Jedem g’scheh’n, daß er sich a mal versteigt, und die Gams haben halt auch ihren eigenen Brauch, daß sie zuhöchst droben in denen Steinfelsen logir’n und daß man sie net in der Ebnet’ mit der Schlafhaub’n todt werfen kann wie die Hasen.“

„Wie kommst Du darauf?“ erwiderte Günther. „Ich habe mich nicht beklagt und hab’ es auch nicht anders verlangt, obwohl es mich allerdings bedünken will, daß diese halsbrecherische Tour vielleicht nicht nöthig gewesen wäre, und daß Du Dir vielleicht nur den Spaß gemacht hast, meine Kraft und Ausdauer ein bißchen auf die Probe zu stellen.“

Er mußte ziemlich nahe an die Wahrheit gestreift haben, denn über das Antlitz des Burschen flog ein verräterisches Roth; weit entfernt aber, sich dadurch beirren zu lassen, rief er lachend [610] aus: „Warum net gar! Bin ich denn nicht selbst mitgegangen, Herr Günther, und noch dazu voran? Sie werden doch net denken, daß ich Sie zum Spaß irgendwohin führ’, wo’s g’fährlich ist? Es thät’ ja meinen Hals auch kosten, und das werden S’ auch glauben, daß mein Leben für mich g’rad’ so viel Werth hat, wie das Ihrige. Es giebt wohl ein’ anderen Weg, aber ich hab’ ihn in denen Steinfelsen verloren und mich nimmer zurecht g’funden, weil eben einer ausschaut wie der andere. Aber jetzt, jetzt kenn’ mich wieder völlig aus! Gleich da vorn ist der Hauptkamm, und wenn wir da net ein Rudel Gams aufsprengen, müßt’s mit’m Teufel zugehen. Es is gut, wenn wir unsere Stutzen zuvor herrichten … derweil aber gehen S’ da nach der anderen Seit’n ein bissel vor und schaun S’ in’s andere Thal ’nunter. Da liegt die Blümelalm, die zum Funkenhauserhof g’hört. Vielleicht g’fallt Ihnen die Aussicht, daß Sie doch einen Augenblick rasten mögen…“

Dem Winke folgend, trat Günther an die andere Seite des Berggrates, der, unbewachsen und nur aus festem Gestein bestehend, sich eine ansehnliche Strecke ziemlich breit und bequem dahinzog, und blieb mit einem Ausruf der Ueberraschung am Rande stehen. Auch hier fiel das senkrechte Geschröf in beträchtlicher Tiefe ab, gegenüber stieg ein breiter, felsiger Bergrücken von gleicher Höhe und Schroffheit empor, und zwischen beiden in einem weiten, aber nicht sonderlich tiefen Kessel lag, wie ein Garten in seiner Umzäunung, ein herrlicher, grüner Rasenteppich eingebettet und ausgebreitet, auf welchem hier und da ganze Gruppen von Feldblumen gleich rothen und blauen Stickereien leuchteten und die Sennhütte mit ihrem grauen, steinbelasteten Dache hervorsah wie ein mattes Juwel. Es war ein so stilles, liebliches Thal, als wäre es absichtlich versteckt und von den Bergen wie von Mauern umgeben, damit das Glück einen sicheren Ort habe, wo es heimisch bleiben könne und in den nichts von außen einzudringen vermöge, es zu stören oder zu verscheuchen. Die Hütte mitten im Grün, sammt den durch die weite Entfernung wie zu winzigem Spielzeug verkleinerten Heerden, bot ein ungemein anmuthiges Bild, und das Gebimmel von den Halsglocken und Schellen der weidenden Thiere klang in so eigenthümlichem und doch melodischem Gewirr herauf, daß das Ohr mit gleichem Entzücken lauschte, wie das Auge gefällig an dem reizenden Anblick hing.

„Einzig! Wundervoll!“ rief Günther. „Einzig in der That! Ein solcher Anblick belohnt für alle Mühe und macht jede Anstrengung vergessen, und wenn sie noch gefährlicher und halsbrecherischer gewesen wäre, als der Weg über die schieche Wand! Eine Idylle, an der nichts auszusetzen ist!“

„Ja, ja,“ sagte Ambros, der hinzugetreten war, „die Blümelalm ist gar net übel, aber daß nichts daran ausz’setzen wär’, dasselbige könnt’ ich doch net sagen. Das Dach braucht schon bald Neulegen, und wenn am Stall net nachg’holfen wird, so druckt’s im nächsten Winter der Schnee ein, und wie’s etwan mit der Dielen beschaffen ist, das weiß ich net.“

Um Günther’s Lippen zuckte ein starkes Lächeln, doch war er artig und gewandt genug, es rasch zu unterdrücken, wenn auch nicht so schnell, um es vor Ambros zu verbergen, dem es wieder roth in’s Gesicht stieg. „Du hast mich nicht recht verstanden,“ sagte er. „Ich meinte, die Sennhütte im Thal da unten sehe aus wie gemalt oder wie es in den Büchern geschrieben steht.“

„Von den Büchern weiß Unsereiner nichts,“ erwiderte Ambros finster und trotzig. „Dazu hat ein Bauer keine Zeit.“

„Warum nicht?“ entgegnete Günther, indem er sich auf der Schneide des Felsgrates niedersetzte und ein Buch aus der Tasche zog. „Ich habe viele Bücher und lese viel und bin doch auch ein Bauer.“

„Wollen Sie mich wieder einmal foppen?“ sagte Ambros mit scheelem Blick entgegen. „So seh’n ja die Bauern aus und haben g’rad’ solche feine, weiße Hand’ln!“

„O, die hab’, ich auch nicht immer,“ erwiderte Günther lachend, „ich habe eben längere Zeit keine grobe Arbe’t mehr verrichtet, aber ich habe sie schon alle gethan. Ich muß einmal das Gut meiner Mutter übernehmen, darum habe ich mich zum Landwirth oder Oekonomen oder Bauer ausgebildet und bin drei Jahre auf der Schule gewesen.“

Ambros lachte noch wilder und unmuthiger als zuvor. „Das giebt’s net bei uns,“ sagte er. „Unsere Schul’ ist der Stadel und der Stall und der Acker.“

Günther hatte inzwischen das Buch geöffnet, einen Stift hervorgezogen und fing an, mit flüchtigen, sicheren Linien das Alpenthal zu seinen Füßen zu skizziren. „Ich gebe zu,“ sagte er während dessen, „daß es jetzt so bei Euch sein mag, aber es muß darum nicht so sein und wird nicht immer so bleiben. Auch Ihr werdet dazu kommen und werdet einsehen lernen, daß derselbe Zweck auch mit anderen Mitteln und noch dazu leichter erreicht werden kann.“

„Hören S’ mir auf mit dem G’red’!“ unterbrach ihn Ambros zornig. „Das wissen wir schon lang, daß Sie g’scheidter sind als wir dummen Baiern, aber Alles müssen S’ doch auch net besser wissen wollen. Im Baiernland, da ist der Bauer der Herr, und so lang man denkt, ist der Ackerbau unser Stolz g’wesen. Bei Ihnen daheim kann’s freilich anders sein, Sie haben ja nichts als Sand. Bei unserm Boden braucht’s die Nothkünsten net, die in Ihren Büchern steh’n.“

Günther erwiderte nichts. Er wußte, daß die schon hie und da flüchtig berührte Saite immer einen Mißton vernehmen ließ, und schien so in seine Zeichnung vertieft, als ob er den Zornausbruch des Burschen gar nicht vernommen hätte. Darüber trat eine augenblickliche Stille ein. Man hörte den heiseren Ruf eines Geiers, der hoch über den Felsen dahinschwebte; man vernahm das Rauschen des Ostwindes, der im Thale drunten die Tannenwipfel schüttelnd beugte, mit dem Rauschen trug er den Gesang einer weiblichen Stimme deutlich zur Berghöhe hinan.

Ueber das Antlitz des jungen Mannes flog rasche, freudige Bewegung. „Was ist das?“ fragte er. „Das ist ja, wie wenn gesungen würde? Das ist wohl gar –“

„Das ist wohl ein G’sang,“ sagte Ambros, „der kommt von der Blümelalm. Sehen S’ dort, unter der Thür, vor der Hütten sitzt die Sennerin und singt.“

Bis an den Rand vortretend, nahm er jetzt den Hut ab, schwang ihn über dem Kopfe und stieß einen langgezogenen, kräftigen Juhschrei aus; die Sennerin unten horchte auf und blickte in den Höhen rasch umher, dann hob sie ebenfalls den Hut in die Höhe und ließ als Gegengruß ihren Juchzer ertönen, der so klar und melodisch heraufklang, wie das halbverwehte Läuten einer reingestimmten Glocke.

Günther stand hastig auf und klappte sein Skizzenbuch zu. „Das ist die Toni,“ sagte er, „ich erkenne sie an der Stimme. Wir wollen eilen, zu ihr hinunter zu kommen. Wo führt wohl der nächste Weg hinab?“

„Oho!“ rief Ambros, den Gefährten seitwärts mit bedenklichen Blicken musternd. „So genau kennen Sie die Stimm’, daß Sie s’ nach Jahr und Tag wieder kennen? Freilich ist’s das Funkenhauser Tonerl, aber net Toni, Herr Günther, so vornehm geht’s net ’runter bei Bauersleuten. Wir kommen schon hinunter zu ihr; da müssen wir noch einen weiten Bogen machen durch ’n Wald und haben immer noch ein paar Stündeln.“

„Ei, es wird doch einen näheren Weg geben!“ rief Günther unwillig.

„Den giebt’s schon,“ sagte Ambros, „gleich da durch das G’stein über die Wand ’nunter; aber der ist net viel besser, als der über die schieche Wand, und es wird wohl net gar so sehr eilen, Herr Günther – Sie vergessen ja auf einmal ganz auf die Gamsen.“

„Das nicht,“ erwiderte Günther, der sich bemühte wieder völlig unbefangen zu scheinen, „aber mit dem Irregehen haben wir uns verspätet, und ich fürchte, es möchte schon zu spät sein für die Jagd. Du weißt ja, daß auch meine Mutter und meine Schwester mit der Bäuerin in die Sennhütte heraufkommen; sie müssen bald hier sein, und wir dürfen eilen, wenn wir nicht zu spät kommen wollen.“

„O, so g’schwind geht das net,“ entgegnete Ambros. „Vor Mittag kommen die net herauf.“

„Ist denn der Weg so weit oder so anstrengend? Dann wird es meiner armen Schwester übel ergehen.“

„Der Fräul’n Wine?“ fragte Ambros rasch. „Nein, für die hab’ ich schon g’sorgt. Für die hab’ ich die braune Stuten, die Lies, herg’richt’t, das is ein lammfrommes Thier und hat einen Gang wie eine Sänften. Ich hab’ einen Sattel und Decken hinaufg’schnallt, da kann sie d’rauf sitzen. Der Geisbub’ führt das Roß am Zügel, und so kommt sie ’rauf, sie muß gar net wissen, wie.“

[611] Lächelnd stand Günther vor Ambros, sah ihm in’s Gesicht und streckte ihm dann die Hand zum Einschlagen entgegen. „Du bist ein rechter Trotzkopf,“ sagte er, „ein widerhaariger Bursch. Ich sollte Dir eigentlich böse sein, weil Du mich erst in der Irre herumführst und nun mir nicht einmal vergönnen willst, auf dem kürzesten Wege nach der Almhütte zu kommen und die Toni zu sehen, mit der ich, wie Du weißt, noch gar nicht zusammengetroffen bin. Aber wenn ich dann wieder sehe, wie herzlich Du für meine kranke Schwester sorgst, dann erkenne ich wieder Dein gutes Gemüth und kann Dir nicht gram sein. Es ist nur schade, daß wir immer mit einander zanken müssen, so oft wir zusammen kommen.“

Zögernd nahm Ambros den Handschlag des jungen Mannes an und sah ihm unschlüssig in’s Gesicht. Er wußte nicht, ob er dessen Rede als Spott annehmen solle oder als wirklichen Ernst; ehe er sich aber auf eine Antwort besonnen hatte, riß er sich los, denn hinter den Felsen hervor ertönte plötzlich ein kurzer, eigenthümlich gellender Pfiff. Im Augenblicke hatte Ambros sich gewendet, den Stutzen ergriffen und gespannt und lag schußfertig auf dem einen, gebogenen Knie da. „Machen Sie’s auch so!“ rief er mit unterdrückter Stimme seinem Begleiter zu. „Das ist ein Gamspfiff; da ist der Rudel aufg’scheucht worden, und die Wacht hat das Zeichen ’geben. Es sollt’ mich wundern, wenn uns nit ein Bock in’ Schuß rennt … Ich mein’, ich hör’ schon ’was trappen …“

Wirklich ließ sich ein immer näher heranpolterndes Geräusch vernehmen, und wie vom Sturmwind getragen, kam eine Gemse aus den Steinklippen hervor und in mächtigen Sätzen den Felsgrat entlang an den beiden Schützen vorüber. Ambros als der Vorderste wollte sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen: der Schuß knallte aus seinem Rohr; aber sei es, daß er nicht genügend gezielt, oder war seine Hand unruhig gewesen – noch durch den Rauch sah er das flinke Thier entspringen. Im Moment aber, als wäre es der Wiederhall des ersten Knalles, krachte der Schuß auch aus Günther’s Gewehr – die Gemse hielt zurückprallend im Laufe ein, stieg mit den Vorderfüßen bäumend in die Höhe und plumpte dann, sich überschlagend, auf den Rücken nieder. Klappernd schlug sie noch ein paar Mal mit den Läufen auf den Felsgrund und verendete.

Ambros hatte sich erhoben und stand vor Verwunderung noch unbeweglich, als Günther bereits neben das gefallene Wild getreten war und es betrachtete. „Ein schönes Thier,“ sagte er. „Es ist beinahe schade, daß wir Menschen so hoch heraufsteigen und uns so viel Mühe geben, es seiner Freiheit und seines Lebens zu berauben.“

„Ah, wem wird denn so was einfallen!“ sagte Ambros, nun ebenfalls näher tretend. „Deswegen ist ja das Wildpret da, daß man’s schießt, und wenn man sich plagt, muß man doch auch was davon haben. Aber das ist ein Capitalbock,“ fuhr er fort, indem er das Thier mit dem Fuße bei Seite schob. „Und wie ihm die Kugel in der Weichen sitzt! Ein Jäger hätt’ ihm den Flankenschuß in der Flucht nicht besser hinsetzen können. Um den Schuß bin ich Ihnen fast neidig.“

„Das ist eben nichts Besonderes,“ sagte Günther gleichgültig. „Dazu gehört nichts als ein sicheres Auge, eine feste Hand und einige Uebung, beide an’s Zielen zu gewöhnen. Bei uns in Preußen, wo Jeder Soldat sein muß, lernt auch Jeder mit dem Gewehr umgehen und auf die Scheibe schießen. Aber was soll nun mit dem Thiere geschehen?“

„Ja,“ sagte Ambros, sich hinter den Ohren krauend, „da ist guter Rath theuer! Da kann’s nit liegen bleiben. So hoch es herauf ist, würden es die Füchs’ doch bald wittern und vor allen die Geier, und um den Bock bis auf die Blümelalm mitzuschleppen, das wär’ doch ein gar zu großes Stück Arbeit … Aber da fallt mir eben ein, daß da unten im Wald die Holzknecht’ arbeiten. Zu denen will ich ihn ’nuntertragen; die können den Bock Abends heimschaffen, wenn s’ Feierabend machen. Ich komm’ bald wieder. Sie müssen sich nur die Zeit nit lang wer’n lassen, Herr Günther, – oder,“ fuhr er zögernd und wie sich besser besinnend fort, „vielleicht könnten Sie gleich mitgeh’n! Unser Wildpret haben wir jetzt, und da könnten wir auch auf dem Weg auf die Blümelalm geh’n …“

Günther fühlte sich angenehm berührt, als der Bursche den Vorschlag machte, ihn allein zu lassen; ein flüchtiger Gedanke ging ihm durch den Sinn, er bemühte sich aber, die Bewegung zu bemeistern und völlig ruhig zu scheinen. „Es ist ganz gut so,“ sagte er. „Ich will aber doch lieber hier bleiben und Dich erwarten. Ich fühle erst jetzt, daß ich doch etwas ermattet bin und mir beim Sprung den linken Fuß ein wenig geprellt habe. Die Sohlen brennen mir, und es ist, als ob der Knöchel anfangen wollte, zu schwellen. Ich will hier sitzen bleiben und meine Zeichnung fertig machen.“

Ambros sah ihn wieder mit seinen bedenklichen Seitenblicken an. Es war, als erriethe er, welche Gedanken seinem Gaste durch den Kopf gingen. „Das ist doch merkwürdig,“ sagte er, „daß das so auf einmal und hinterher kommt! Wenn Sie nur das Warten net verdrießt! Es kann eine hübsche Zeit dauern, bis ich die Leiten ’nauf und ’nunter gestiegen bin.“

„Das schadet nicht,“ entgegnete Günther im unbefangensten Tone. „Desto länger kann ich mich ausruhen, und wenn mich ja die Langeweile überkommen sollte, so kann ich auch vorausgehen. Ich werde wohl den Weg in die Alm hinunter selber finden können? Du darfst mir nur sagen, in welcher Richtung ich gehen soll.“

„Ja, das is wahr; da haben Sie Recht,“ entgegnete Ambros mit einem lauernden Blicke, der das Gegentheil von dem enthielt, was seine Worte sagten. „Der Weg ist auch gar net schwer zu finden. Wenn Sie dort hinter der Steinklippen, wo der Bock für’kommen ist, in den Wald hinein gehen, kommen S’ bald auf einen Prügelweg. Dem gehen S’ nach, bis Sie an einen Bildstock kommen, der steht mitten im Wald auf einer Blößen unter einer großen Buchen. Von dort geht ein Straßl links; dem gehen S’ nach: dort laßt Ihnen nimmer aus, bis Sie auf die Blümelalm kommen.“

Der junge Mann erwiderte nichts; er nickte nur, nahm, wie zuvor, mit seinem Skizzenbuche auf dem Felsenrande Platz und schickte sich an, weiter zu zeichnen. Ambros hatte bald die Gemse auf den Rücken geladen, schielte aber während des Bückens immer nach seinem Gefährten hinüber.

„Ich will Ihnen anschreien, wenn i komm’,“ sagte er.

„Thu’ das!“ antwortete Günther. „Anschreien oder lieber noch ansingen! Ich höre das gar so gerne, und Du könntest auch beim Gehen etwas singen. Es klingt gar so gut, zumal aus der Entfernung.“

Ambros lachte listig in sich hinein und schritt ohne Erwiderung hinweg. Bald war er in dem Felseneinschnitt verschwunden, und bald hallte seine Stimme von unten immer ferner und ferner herauf. Er sang:

„Senderin, Senderin,
Denkst no an mi’?
Laß Dir nix plauschen für!
Bal’ i nit ’s Leb’n verlier,
Senderin, Senderin,
Kimm’ i zu Dir.“

und wieder:

„Deandl, mei’ Deandl, sag’:
Hast frischen Mueth?
Bal’s D’ mir an Andern magst
Und mi nit z’ersten fragst,
Deandl, mei’ Deandel, z’nach
Geht’s Dir nit guet.“

Eine geraume Zeit saß Günther völlig ruhig, anscheinend nur mit seiner Zeichnung beschäftigt, doch horchte er aufmerksam, wenn es auch nicht den Worten galt, die ihm doch nicht völlig verständlich klangen. Auch das Singen selbst war es nicht, was ihn anzog, wohl aber dessen immer schwächeres Verhallen, weil es bewies, daß der Singende sich immer weiter und weiter entfernte. Jetzt war der Gesang nur noch ganz schwach zu hören; jetzt verstummte er völlig, Ambros mußte also im Walde am Fuße der Wand angekommen sein. Gemächlich klappte Günther sein Zeichenbuch wieder zu und erhob sich, und nicht die mindeste Beschwerde verrieth etwas von den Schmerzen und dem Ungemach am Fuße, worüber er erst kurz vorher geklagt hatte. Rasch und gelenkig warf er Rücksack und Büchse über die Schulter, trat an den Rand der Schneide vor und blickte über das Gestein in die Matte hinunter, aus welcher ihm die Blümelalm zuwinkte.

„Ich wette meinen Kopf,“ sagte er für sich hin, „der Bursche hat etwas von meinem Vorhaben gemerkt und hat mir ganz gewiß den falschen Weg gesagt. Wenn ich ihm folge, mache ich sicher einen Umweg von ein paar Stunden … Aber sagte er [612] nicht auch, daß ein Pfad hier gerade durch die Felsen hinunterführe? Richtig, dort zwischen den Steintrümmern zieht es sich deutlich hinunter, wie das ausgewaschene Rinnsal einer Quelle. Es geht zwar etwas steil hinunter, und der Bergstock wird tüchtig herhalten müssen … Gleichviel! Ich wage es auf eigene Gefahr; ich will nicht umsonst an der schiechen Wand herumgestiegen sein und will zeigen, daß ich das Klettern gelernt habe. Jedenfalls bin ich ein Stündchen früher an Ort und Stelle als Alle.“ Während dieses halblauten Selbstgespräches war die Absicht auch zum Theil schon ausgeführt und Günther in vollem Herabsteigen begriffen.

Unten auf der Blümelalm war Tonerl indessen schon lange geschäftig gewesen, ihre Hütte, wie sie es nur vermochte, auf das Schönste und Beste auszuschmücken. Sie hatte Tannenzweige vom nahen Walde geholt und zu einem Gewinde gebunden, das sich über der Thür gar stattlich ausnahm. Das holzgebretterte Stübchen mit dem Heerde war zwar schon lange gefegt und gereinigt, daß die weißen, leicht gebräunten Fichtenbretter so blank aussahen, wie eine reingescheuerte Tischplatte. Dennoch fand das Mädchen immer noch etwas zu säubern und zu putzen. Mit einem aus rothem Haidekraut zusammengebundenen Besen ward jedes Stäubchen von dem Crucifix in der Ecke, sowie von den gemachten Blumenbüschen darunter und von den paar Bildern an der Wand abgekehrt, die Milchgeschirre und Schüsseln wurden von ihrem Platze genommen und wieder und wieder zurecht gerückt. Es war ein guter Ableiter für ihre Ungeduld, daß eine kranke Kuh, die ihrer Pflege bedurfte, sie nöthigte, manchmal im Stalle nachzusehen; so oft sie aber nur konnte, trat sie unter die Thür, um nach allen Seiten zu spähen, ob noch Niemand von den erwarteten Gästen sich blicken lasse. „Ich schau’ mir fast die Augen aus dem Kopf heraus,“ murmelte sie, „es kommt halt immer nichts! Es wird doch nichts dazwischenkommen sein? Das wär’ eine dumme G’schicht’.“ Dann kehrte sie unmuthig wieder zurück und trat an den Heerd, wo Holz und Kessel schon zurecht gemacht waren, um für die Gäste zu kochen, und fing in der Unruhe ihres Gemüthes wieder an, das Holz durcheinander zu stören, um es dann wieder anders aufzurichten. Sie hatte sich so sehr auf die Ankunft der Fremden gefreut, und die Freude war ihr arg in den Brunnen gefallen, denn am Tage nach dem Eintreffen des Anmeldebriefes hatte die Dirne, welche als Sennerin auf der Blümelalm war, einen gefährlichen Fall gethan, und die Bäuerin, welche den werthvollen Platz mit der großen Heerde nur einer ganz verlässigen Person anvertrauen wollte und im Hintergrunde ihrer Gedanken wohl auch noch andere Gründe haben mochte, hatte für gut gefunden, die Tochter auf die Alm zu schicken, um die Sennerin abzulösen. Wenn sie es auch nicht gern that, war Tonerl doch nichts übrig geblieben, als zu gehorchen, und so kam es, daß sie die preußischen Sommergäste, die einige Tage später eingetroffen waren, noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Das war ihr auf die Dauer um so ärgerlicher geworden, als es zu Anfang der Woche war und sie nicht hoffen durfte, daß vor Ende derselben Jemand heraufkommen und ihr Nachricht bringen würde; darum war es ihr eine doppelte Freude gewesen, als in den letzten Tagen der Bub zum Abtragen heraufgestiegen kam und ihr die Botschaft brachte, sie sollte Sonntags nicht hinunterkommen, die Bäuerin wolle mit den Fremden heraufsteigen und den ganzen Tag auf der Alm zubringen.

„Ja, ja – es wird schon so sein, wie ich sag’,“ rief sie, indem sie wieder aus der Thür trat und sich auf der Gräd’ niedersetzte. „Die Preußischen haben net aus den Federn gekonnt, sonst müßten sie schon lang’ da sein. Wenn man net gar kriecht, wie die Schnecken, ist man in drei Stunden heroben, und jetzt muß’s schon stark auf Neun geh’n; der Schatten vom Gamskogel legt sich schon fast bis zur Hütten herüber.“

Verstummend stützte sie den Kopf in die Hand, es war, als wolle sie ihren eigenen Gedanken und den Regungen ihres Herzens lauschen, und sie wußte selber nicht, wie es kam, daß sie mit einem Male zu singen anfing, zwar anfangs nur leise, wie man vor sich selber hinsummt, dann aber immer lauter und bald mit voller Stimme; es war, als ob ihr mit dem Singen ein Stein vom Herzen fiele, und als ob gerade das Singen die Zerstreuung wäre, deren sie in ihrer Stimmung bedurfte. Plötzlich unterbrach sie sich aber, denn von der Bergschneide gegenüber hallte ein Juhschrei herunter. „Der Ambros!“ sagte sie hastig vor sich hin und grüßte und juchzte entgegen, wie es ihr noch selten so freudig und laut aus der Kehle gegangen war. „Es ist noch wer bei ihm,“ sagte sie wieder für sich. „Das kann wohl kein anderer Mensch sein, als er …“ Sie wußte wieder nicht, wie es kam, aber sie fühlte, daß es ihr siedend heiß über Wangen und Nacken lief, und in die Kniee kam es ihr wie ein plötzliches Zittern und eine Schwäche, daß sie wieder auf der Gräd’ zusammenkauerte. Im Herzen aber wollte es ihr mit einem Male so unruhig werden, daß sie mit beiden Händen nach der Stelle fuhr und sich zugleich schüchtern umsah, als fürchte sie, von irgend Jemandem belauscht zu werden. „Wie g’schieht mir denn?“ fragte sie sich selbst. „Warum ist mir denn so eigen? Ein Glück, daß Niemand da ist! Wenn mich Jemand so seh’n thät’, der müßt’ wahrhaftig glauben, es wär’ nimmer richtig mit der Funkenhauser Tonerl, und das ist ja doch wohl net wahr.“ Sie war recht froh, daß das kranke Thier im Stalle sich regte, die unangenehme Selbsterforschung unterbrach und sie zwang, sich auf Augenblicke mit anderen Dingen zu beschäftigen. Sie vergaß darüber das Warten und die Ungeduld des Wartens; aber das währte nicht lange, und kaum war das Geschäft vorüber, als das Alles mit doppelter Stärke wieder über sie zurück kam und sie wieder unter die Hüttenthür trieb. Darüber gewahrte sie nicht, daß Günther vom Walde eilend herangekommen war, und als er mit lautem, fröhlichem „Grüß Gott!“ auf dem Rasenplatz vor der Hütte ihr gegenüber trat, stand sie vor ihm athemlos und rathlos, ein vollendetes Bild des Schreckens.

„Wie, Toni,“ sagte er lachend, „komm’ ich Dir so sehr unerwartet, daß Du vor mir erschrickst?“

„O, ich erschreck’ net,“ antwortete sie, nach Fassung ringend. „Wenn man ein gut’s G’wissen hat, fürcht’t man sich vor kein’ Menschen. I hab’ nur im ersten Augenblick ’glaubt, es kommen Schelmenleut’.“

„Schelmenleut’?“ fragte Günther, indem er Gewehr und Waidsack ablegte. „Was ist das für ein Geschlecht?“

„Wissen Sie das net?“ sagte Toni. „Bei uns ist das Wort halt so im Brauch. Giebt’s bei Ihna in Preußen keine Schelmenleut’? Wissen S’, das sind solche Leut’, die nichts arbeiten und die nichts haben, weil sie nichts arbeiten, und weil sie nichts haben, holen sie das, was sie brauchen, wo anders her und langen zu, wo ’was zu finden ist.“

„Hm, derlei Leute giebt es leider auch in Preußen im Ueberfluß,“ entgegnete Günther. „Aber das Wort Schelm braucht man bei uns meistens in anderer Bedeutung. Man sagt z. B. von einem hübschen, muthwilligen Mädchen, wie Du bist, sie habe den Schelm im Nacken, oder der Schelm gucke ihr aus den Augen oder sitze in solchen Grübchen, wie sie sich gerade jetzt in Deinen Wangen so reizend bilden.“

„Ah, närrisch!“ rief das Mädchen, sich zum Lachen zwingend. „Was Sie Alles g’lernt haben, seit Sie aus g’wesen sind! Aber ich will doch net denken, daß Sie nur deswegen auf die Blümelalm ’kommen, um mir von derer Schelmerei z’ erzählen?“

„Nein,“ rief Günther herzlich und streckte ihr beide Hände zum Gruße hin. „Ich bin gekommen, weil ich Dir ‚Grüß Gott‘ sagen will. Sind es doch bald acht Tage, daß wir hier sind, und ich habe Dich noch nicht zu Gesicht bekommen.“

„Ja, ja, so geht’s halt,“ sagte Tonerl. „Ich hab’ auf die Alm ’rauf müssen, weil sich die Sennerin so arg erfallen hat. Es ist mir leid g’nug g’wesen,“ fügte sie etwas übereilt hinzu.

„Wirklich? Hat es Dir leid gethan?“

„G’wiß. Es ist wohl schön auf der Alm, aber manchmal ist’s halt doch gar zu einsam. Aber wie ist denn das?“ fuhr sie einlenkend fort, indem sie auf die Bank an der Thür wies, „ich muß Ihna doch einen Sitz antragen, Herr Günther – wie kommen Sie denn in mein’ Almhütten? Sind Sie denn net erst vor einer halben Stund’ da droben auf der Schneid’ g’standen, wie mir der Ambros ’runter g’juchzt hat?“

„So hast Du mich erkannt?“ rief Günther, indem er sich neben sie setzte. „Allerdings war ich da oben. Wir haben einen Gemsbock geschossen; Ambros trug ihn zu den Holzknechten hinunter und hieß mich inzwischen auf ihn warten – aber ich habe das nicht ausgehalten, so vor mir unten im Thale die Hütte zu sehen und Dich darin zu wissen; deshalb bin ich herunter, um Dich zu begrüßen, ehe die Anderen alle kommen. Wenn sie da sind, kann man das doch nicht so herzlich und so offen wie unter vier Augen.“

[638] Tonerl hatte die Augen niedergeschlagen, und die Hände in den Schooß legend, spielte sie mit dem Schürzenbande. „Ich dank’ Ihnen recht schön dafür,“ sagte sie. „Ich bin schon froh, wenn Sie mich net ganz vergessen haben.“

„Wie könnt’ ich das!“ rief Günther feurig. „Ich begreife selbst nicht, wie das zugeht, aber nachdem ich von Dir fort war, erkannte ich erst, wie sehr ich mich an Dich gewöhnt hatte! Der Gedanke an Dich hat mich auf Schritt und Tritt begleitet, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, wo wir wieder in den Süden kommen würden, zu Euren schönen Bergen!“

Tonerl sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. „Net wahr,“ sagte sie, „es ist schön in unsere Berg – es ist schön in meiner Heimath, in mein’ lieben Baierland?“

„Gewiß!“ entgegnete Günther. „Es ist ein Garten unter den Ländern – in dem die schönste Blume blüht, wenn es auch nur eine duftige Feldblume wäre! Wie aber ist es mit Dir? Hast auch Du meiner gedacht?“

„Ich?“ antwortete sie befangen. „Ich hab’ zu so was keine Zeit gehabt. Es giebt immer so viel Arbeit, und bei der Arbeit muß man seine Gedanken bei einander haben.“

„O, ich war eben auch nicht müßig,“ rief Günther wieder, „aber ich habe doch die Zeit gefunden, an Dich zu denken. Ich that es während der Arbeit. Jede ländliche Verrichtung, die ich vornehmen sah, erinnerte mich an Dich. Wenn der Hahn im Hofe krähte, erinnerte ich mich, wie ich Dich auf dem Funkenhauserhofe gesehen hatte, mitten unter Deinem Hühnervolke stehend, und wie sich Dir die Tauben auf Kopf und Schulter setzten, und wenn es Abend wurde, sah ich Dich, mit der Sichel in der Hand und die frische Grasbürde auf dem Kopfe, von der Wiese hereinkommen, wie das erste Mal als wir uns begegneten. Ich habe Abends nach der Arbeit an Dich gedacht und Morgens vor derselben. Wenn man will, bleiben immer gar viele Minuten übrig.“

„Wir haben keine Uhr, die so genau geht,“ entgegnete Tonerl ausweichend. „Wir können uns nur nach der Sonn’ richten.“

Günther schwieg und sah sie einen Augenblick von der Seite an. „Du willst nicht antworten, wie es scheint,“ sagte er dann. „Du willst nicht Ja sagen, weil Du das wahrscheinlich nicht kannst, und scheust Dich doch auch Nein zu sagen, weil Du denkst, daß es mich verletzen würde. Freut es Dich denn gar nicht, daß ich wieder da bin?“

„Ich müßt’ lügen, wenn ich auf die Frag’ Nein sagen wollt’,“ erwiderte sie nach einigem Besinnen. „Also ist’s wohl gescheidter, ich sag’s Ihnen, wie’s ist. Ja, es freut mich, und ich bin recht froh, daß Sie wieder da sind.“

„Nun, siehst Du,“ rief Günther entzückt, „so hab’ ich Dich gern. Das ist das liebe, offene Wesen, das mir immer an Dir so wohl gefallen hat. Ach warum –“

Er brach ab und verstummte; auch sie fand sich nicht bewogen, um die Fortsetzung des unvollendeten Satzes zu fragen. Eine Pause von ein paar Minuten trat ein, in welcher Jedes nach anderer Richtung an die Berge hinansah, als wäre dort Wunder irgend etwas Merkwürdiges zu sehen.

„Ich habe Dir auch ein Buch mitgebracht zum Andenken. Den ‚väterlichen Rath an meine Tochter‘, den Du im vorigen Jahre bei meiner Schwester gesehen, und worin Du so gerne gelesen hast.“

„Ach mein!“ erwiderte sie beschämt. „Ich hab’ ja das Wenigste davon verstanden.“

„Das schadet nicht. Du wirst es öfter lesen und dann Alles verstehen. Siehst Du, ich habe das Buch in meiner Jagdtasche mitgebracht.“

Er hatte dabei den Rücksack geöffnet und einen in schwarzes Leder mit Golddruck sauber gebundenen Band hervorgeholt, den Tonerl schüchtern und neugierig ergriff, indem sie vor dem Anfassen die Fingerspitzen an der Schürze abwischte.

„Aber das ist ja viel zu kostbar für mich!“ rief sie lachend, „Und warum haben Sie’s denn schwarz gemacht? Das sieht ja aus wie das große Buch, das der Meßner bei der Todtenvigil hat oder bei der Seelmeß’!“

„Wenn es Dir nicht gefällt, will ich es anders binden lassen. Hast Du eine Farbe, die Dir die liebste ist?“

„Wie Sie nur so fragen können! Freilich hab’ ich eine Leibfarb’, und das ist blab (blau), und das schon von wegen der Bedeutung. Das Schwarz das ist der Tod und die Traurigkeit und die Feindschaft – das Blau aber das bedeut’t die Treu’ und die Beständigkeit, und dann – ist denn das Blaue net auch die Farb’ von mein’ lieben Baierland?“

„Du sollst einen blauen Einband haben,“ rief Günther hastig. „Du sollst ein Zeichen der Treue haben, der Beständigkeit und der –“ Wieder erstarb ihm das Wort auf der Zunge; auch Tonerl war unruhig geworden und rückte unbehaglich auf ihrem Sitze hin und her. „Du bist so befangen, Mädchen,“ begann er wieder nach einiger Zeit. „Du siehst immerwährend um Dich – erwartest Du Jemand, oder ist Dir meine Gegenwart lästig?“

„Nein,“ sagte sie, indem sie nach dem Schürzenzipfel haschte, „ich erwart’ Niemand, und Sie sind mir auch gar net lästig, aber es wär’ mir doch lieber, wenn Sie gingen.“

„Nun, das nenn’ ich wenigstens offen gesprochen!“

„Soll ich nicht?“ fragte sie und richtete die großen, dunklen Augen fest auf ihn. „Sie sagen ja, daß Ihnen g’rad’ das an mir so g’fallt. Sehen S’, ich kann Ihnen gar net sagen, wie mich das freut, daß Sie zu mir ’kommen sind und haben mir ‚Grüß Gott‘ g’sagt, bevor die Andern alle kommen…. Aber eben deswegen mein’ ich halt – es wär’ justament net nothwendig, daß ’s die Andern alle wissen.“

„Ah, ich verstehe Dich,“ sagte Günther lächelnd und sich rasch erhebend. „Du willst den Schein vermeiden.“

„Wenn ich aufrichtig sein soll – ja.“

„So sage mir auch, warum? Und welcher Schein wäre das, den Du vermeiden möchtest?“

Tonerl lachte fröhlich und doch nicht ohne Verlegenheit auf.

„Nix für ungut,“ sagte sie dann. „Aber das ist eine tappete Frag’. Das können Sie sich ja an die Finger abbeten …. wenn die Andern alle kommen und finden uns allein bei einander, müßten sie denn net denken, daß – daß wir Zwei –“

„Daß wir Zwei einander gut sind?“ sagte Günther, indem er näher trat und seinen Arm leise um ihre Hüfte legte. „Es wäre wohl möglich, daß die Leute so etwas denken würden – wäre Dir denn dieser Schein so sehr zuwider?“

„Gehen S’ fort, Herr Günther,“ sagte Tonerl herzlich, „ich bitt’ Ihnen gar schön.“

„Antworte mir zuerst! Dann will ich gehen. Wäre dieser Schein Dir so sehr unangenehm?“

„Gehen Sie aber nachher g’wiß?“ fragte sie, indem sie ihm mit offenem Lächeln kindlich in’s Gesicht sah. „Versprechen S’ mir das?“

„Ja.“

„Dann will ich Ihnen antworten,“ sagte sie, „und sag’ Ihnen, daß mir aller Schein zuwider ist…. Ich halt’s überall lieber mit der Wahrheit.“

Damit hatte sie mit einer raschen, neckischen Bewegung sich aus seiner halben Umschlingung befreit und war in die Hütte entflohen. Unschlüssig sah ihr der junge Mann ein paar Augenblicke nach, als ob er mit dem Entschlusse kämpfte, ihr zu folgen. Dann blickte er nach allen Seiten herum, und als er nirgends eine Spur von Menschen bemerkte, eilte er raschen Schrittes wieder dem Walde zu, aus dem er gekommen war. Es gelang ihm auch, denselben zu erreichen, ehe die erwartete Gesellschaft auf der Blümelalm eintraf.

Diese war inzwischen schon ziemlich weit im Bergwalde hinangestiegen und machte eben auf einer Rasenblöße Halt, auf welcher eine majestätische Buche ihre Arme, wie ein Zelt zur Rast bei gutem und zum Schirm bei stürmischem Wetter, ausbreitete. Daneben stand ein durch ebenso ansehnliche Höhe und eine stattliche Krone ausgezeichneter Wildkirschbaum und unter ihm ein [639] halb verwitterter Bildstock, wie sie hier und da an Wegen und Stegen getroffen werden, mit einem wetterverblichenen, kleinen Gemälde daran. Der ganze Zug sah sich recht anmuthig an, und es hätte nur eines Rahmens bedurft, um daraus ein recht hübsches Bild von ländlicher Waldeinsamkeit zu schaffen.

Die Funkenhauser Bäuerin in ihrer Rüstigkeit hatte sich’s nicht nehmen lassen, voranzuschreiten als Wegweiser und Reiseführer, und der schwere Henkelkorb mit Eßwaaren, den sie am Arme trug, hinderte sie nicht, so rasch auszuschreiten, daß Frau Schulze, eine kleine, etwas beleibte Frau mit angenehmen Zügen von gütigem Ausdruck und einem Paar klarer, frischer Augen, mitunter ernstlich Mühe hatte, ihr folgen zu können, und von Zeit zu Zeit der Rast bedurfte. Neben Beiden in kleiner Entfernung hielt der Geisbub’, dessen rothe Sonntagsweste sich von der grünen Waldumgebung als einziger heller Farbenton abhob, gleich als wäre er von einem Maler mit Absicht leuchtend hineingesetzt. Er hielt die braune Liese am Zügel mit so stolz bewußter Haltung, als sei er ein Edelknecht und habe das Saumroß einer durchlauchtigen Fürstin zu führen. Das wohlgenährte Thier war ebenfalls stattlicher als sonst geschirrt und schien sich auch auf seinen Putz etwas zu Gute zu thun; denn alle Augenblicke schüttelte es den Kopf, daß die gelben Troddeln daran hin- und herflogen. Für die Reiterin selbst hatte Ambros wirklich trefflich gesorgt und an dem mit weichen Decken behangenen Sattel sogar etwas wie eine Lehne angebracht, worauf sie sich stützen und so den Ritt vollenden konnte, als ob sie in einem bequemen Stuhl säße. Ein helles, langes Sommerkleid war über die schlanke Gestalt gegossen, wie ein leichter sie ganz umhüllender Mantel; das fein geformte, aber eingefallene Angesicht war von jener durchsichtigen, wachsartigen Weiße, welche nur zu deutlich erkennen ließ, wie weit das Todeswerk der Zerstörung in ihrer kranken Brust schon um sich gegriffen hatte. Die Hand, mit welcher sie, leicht seitwärts geneigt, sich an der Lehne hielt, war zart und zum Durchscheinen mager. Blondes Haar von seltener Stärke und Schönheit fiel in reichen Locken darüber herab; es war das Einzige, was noch an die Erde und irdischen Schmuck zu erinnern schien; denn der eigenthümliche Glanz in den blauen Augen war etwas, was bereits nicht mehr diesen tiefen Regionen angehörte.

„Alwine,“ sagte Frau Schulze, die einen Augenblick hinzugetreten war, „wie ist Dir, mein Kind? Strengt Dich der Ritt doch nicht an?“

Sie nickte der Mutter freundlich zu, und aus den schönen Augen brach ein Strahl unendlicher Liebe und Lieblichkeit. „Nicht im mindesten, Mutter,“ sagte sie. „Mein getreuer Stallmeister hat für mich gesorgt, daß ich wie im Bette ruhe. Mir ist sehr wohl, Mutter, so wohl, wie ich mich lange nicht gefühlt habe. Besonders ist es die Waldluft, die mich erquickt, der Harzduft, der von den Tannen strömt. Wie beneide ich die Vögel, die Glücklichen, die immer in diesen immergrünen Zweigen wohnen dürfen! Ach, da begreift es sich wohl, daß es ihnen so leicht ist um die Brust, und daß sie fröhlich singen können!“

„Das macht mich recht glücklich, liebe Alwine!“ sagte Frau Schulze, indem sie verstohlen sich eine Thräne abtrocknete. „Auch Dir wird es wieder leicht werden in der Brust, auch Du wirst wieder singen, mein Kind. Du mußt nur heiter sein und den Sommer recht genießen. Nicht wahr, meine Liebe?“

Die Kranke reichte ihr die Hand herunter; dann trat Frau Schulze wieder zu der Bäuerin, welche noch immer vor dem Bildstock stand und denselben tiefsinnig betrachtete. „Ich habe mir das Ding auch schon angesehen,“ sagte sie, „ich kann aber nicht klug daraus werden, was es vorstellt. Ich sehe einen Baum, an welchem ein Ast bricht, einen Knaben, der herunterfällt, und eine Frau, welche unten voll Schrecken die Hände zusammenschlägt. Das soll wohl seine Mutter sein?“

„Ja wohl,“ sagte die Funkenhauserin, „das ist eine wahre Geschichte, die sich vor hundert Jahren, oder wie lang’s etwa her ist, auf dem Platz da zugetragen hat. Die Hauptsach’ aber ist die Mutter Gottes da über’m Baum. Die Mutter, das ist eine Bäuerin gewesen von da drüben aus dem nächsten Dorf. Die hat im Holz g’arbeit’t; während dem ist ihr Bübel auf den Kirschbaum den Kirschen nachgekraxelt, da ist der Ast ’brochen, und es ist ’runterg’stürzt; aber wie’s schon im Fallen war, hat sich die Frau in ihrer Angst verlobt, daß sie barfuß eine Wallfahrt machen wollt’ zur Mutter Gottes vom Birkenstein. Da ist das Bübel net g’fallen, sondern ist ’runter’kommen, wie wenn’s Jemand g’halten und langsam ’runterg’lassen hätt’.“

„Aber, liebe Funkenhauserin,“ sagte Frau Schulze mit leichtem Lachen, „das kann doch unmöglich wahr sein!“

„Warum net?“ entgegnete die Bäuerin verwundert. „Derselbige Stock steht schon bald in die hundert Jahr da, und das ist auch noch derselbige Kirschbaum; da muß’s doch wahr sein.“

„Freilich, das ist ein Grund, gegen den sich nicht viel einwenden läßt,“ fuhr Frau Schulze in einem Tone fort, der fast spöttisch klang, aber sie brach mitten in der Rede ab, denn ihr Blick traf in Alwinens tiefglänzendes Auge, das wie eine ernste Mahnung fest auf ihr ruhte.

„Die Frau hat vielleicht doch Recht, Mutter,“ sagte das Fräulein sanft und halblaut. „Wer weiß, ob sie nicht zu beneiden ist? Es heißt nicht umsonst: ,Selig sind, die da nicht sehen und doch glauben.‘“

Frau Schulze nickte ihrer Tochter zu und nahm mit der Bäuerin das frühere unterbrochene Gespräch über Wirthschaft und Haushaltung wieder auf, denn das war etwas, worin die beiden Frauen sich vorzüglich verstanden. Es gab da hunderterlei kleine Dinge, die einer Jeden anziehend und wohlbekannt waren, und über welche doch Jede der Anderen etwas Neues und Nützliches zu sagen wußte. Gartenbeet und Küchenschrank, Leinwandkasten und Flachsacker boten unerschöpfliche Anlässe dazu, und als die Bäuerin darüber klagte, daß in diesem Jahre so ungewöhnlich viele Bohnen wüchsen, und sie nicht mehr wisse, was mit der Gottesgabe anfangen, wenn man sie nicht dem lieben Vieh geben wolle, da war Frau Schulze gleich mit gutem Rathe zur Hand, und die Bäuerin ließ sich begierig erklären, daß man die Bohnen an einen Faden anreihen und dann überkocht und wieder getrocknet auf den Speicher hängen und so viele Monate lang bis tief in den Winter hinein aufbewahren könne.

So waren sie wieder ein gutes Stück Weges weiter gekommen, als hastigen Schrittes aus einem Waldwege Ambros hervorkam und plötzlich, selbst überrascht, den staunenden Frauen gegenüberstand.

„Ambros,“ rief die Funkenhauserin, als sie ihn erblickte, „wo kommst denn Du her, allein und so ganz erhitzt? Was ist’s denn mit dem Herrn Günther? Wo hast Du den gelassen?“

„Um Gotteswillen!“ rief Frau Schulze hastig. „Was ist’s mit meinem Sohne? Es ist ihm doch nichts zu Leide geschehen? Rede, Ambros! Wart Ihr nicht miteinander auf der Jagd?“

„O ja, ja,“ sagte Ambros mit unmuthigem Lachen, „wir waren auf der Jagd. Wir haben auch was g’schossen, und dem Herrn Günther ist nix zu Leid g’schehen. Er hat sich nur den Spaß g’macht und hat mich ein bissel zum Narren g’habt. Wir haben ausg’macht, daß er auf mich warten sollt’, bis ich den Bock ab’tragen hätt’, er aber hat sich aus dem Staub g’macht und ist fort, wahrscheinlich, um a bissel früher auf die Blümelalm zu kommen.“

„Und das ist Dir wohl nicht recht?“ fragte Alwine, zu welcher er an das Pferd herangetreten war und grüßend emporsah. Er vermochte aber nicht lange, ihren Blick auszuhalten, und sah unwillig und verwirrt zu Boden. „Du bist wieder einmal zornig,“ fuhr sie sanft fort, „nicht wahr? Und Du bist es deswegen, oder hast Du einen anderen Grund zum Unwillen?“

Ambros blickte noch immer nicht empor. „Es ist schon wahr,“ sagte er ärgerlich, „es hat mich verdrossen, daß er davon ist – aber das ist’s net allein. Ich hab’ mich g’ärgert, weil ich da droben im Steinwald wieder dem fremden Mannsbild begegnet bin, das schon seit ein paar Wochen sich bei uns ’rumtreibt und alle Weg’ und Steg’ aufschreibt und jedes Straßl und jede Brücken abzeichnet. Er hat mich auch angerufen und hat gefragt, ob’s net an andern und näheren Weg über den Gamskogel geben thät …“

„Nun, was ist daran Sonderbares?“ sagte Alwine. „Es wird ein Kartenzeichner sein oder Jemand von der Landesvermessung.“

„Kann sein, kann sein auch net,“ murrte Ambros. „Mir kommt der Mensch einmal verdächtig vor, und ich laß mir’s net nehmen, daß er was auskundschaften will. Ich hab’s ihm auch g’sagt. Wenn Sie einen anderen und näheren Weg wissen wollen, hab ich g’sagt, dann suchen S’ ihn selber; aber von Unsereinem müssen S’ net verlangen, daß wir ihn Ihnen zeigen.“

[640] „Immer dieser Unwille, dieser beständige Groll!“ entgegnete Alwine mit ihrem sanftesten Lächeln. „Dein Gemüth kommt mir vor wie ein gewittervoller Tag. Du bist sonst ein so braver Bursche, Ambros, und hast nur den einzigen Fehler an Dir, dieses heftige Wesen. Du solltest Dir vornehmen, es zu zügeln.“

„Will’s probiren,“ entgegnete Ambros nach einigem Zögern und Widerstreben, indem er dem Buben die Zügel des Pferdes aus der Hand nahm, um dieses selber zu leiten. „Ich kann Enk in nichts zuwider sein, Fräul’n.“

„No ja, da sieht man’s, was ein paar schöne Augen Alles können!“ rief die Funkenhauserin, welche herankommend die letzten Worte gehört hatte. „Sie können sich ’was einbilden, Fräul’n Wine, Sie richten bei dem Trutzkopf mehr aus, als wir Alle miteinander. Ich werd’s der Tonerl sagen, daß sie Ihnen die Kunst ablernt.“

Noch dunkler als sonst ward das Gesicht des Burschen von dem Roth überdeckt, welches ihm so leicht bei jedem Anlaß aufstieg. „Das ist ganz ’was Anders, Bas’,“ sagte er dann leise, zu dieser gewendet. „Das Tonerl hab’ ich gern. Ich gebet das Herz aus’m Leib für sie, und wer mir sie nehmen will, dem brich’ ich’n Hals ... Aber das Fräul’n, das g’mahnt mich immer an die Heilige, die in unserer Kirch’ auf’m Seitenaltar ang’malt ist, – weiß die Bäuerin, die mit die langen, lichten Haar’?“

„Die heilige Philomene,“ sagte die Bäuerin.

„Ja, die; an die mahnt sie mich, und wenn sie mit mir red’t, so ist’s mir g’rad’, als wenn ich in der Kirchen wär’.“

Schweigend schritt er wieder neben dem Thiere her, denn der Weg begann steiler und unebener bergan zu steigen. Es galt, I die letzte Höhe durch den Bergwald zu überwinden. Von ferne zwischen den Bäumen ward es schon hell, und hie und da schimmerte mit grünem Lichte das Almthal herein. Jetzt war dasselbe erreicht. Ambros deutete nach der in der Mitte stehenden Sennhütte hin und rief: „Das ist die Blümelalm! Und da kommt ja auch der Herr Günther gerad’ vom Wald her auf die' Sennhütt’n zu. Hat ihm also doch nichts g’nutzt,“ grollte er in sich hinein, „daß er mich hat anschmieren wollen. Er ist doch nur um ein paar Minuten früher als wir ’komma. – Die sind ihm nit z’ gut.“

Bald war die Gesellschaft an der Sennhütte angelangt, von Tonerl und Günther schon von Weitem mit lautem Zuruf empfangen und freundlichst begrüßt.

„Oho, Herr Günther!“ rief Ambros spöttisch. „Sie haben sich ja daher g’schlichen wie der Marder auf’n Taubenschlag. Nur ein bissel zu spät sind S’ gekommen! Sie können ja wieder ganz frisch marschiren, wie mir scheint. Thut Ihna der Fuß nimmer weh?“

„Nein,“ sagte Günther, indem er ihn, ebenfalls lachend, auf die Schulter klopfte. „Das war nur droben auf der schiechen Wand, aber wie ich in die Ebene herunter kam, da sind mir so schöne Sachen begegnet, daß mir alles Weh darüber vergangen ist.“

Ambros kniff den Mund zusammen, schoß einen wüthenden Seitenblick auf Toni und führte das Pferd beiseite dem Stalle zu. Nun ward die ganze Hütte durchwandert, ihre Reinlichkeit und Bequemlichkeit gepriesen und die Menge und Schönheit des stattlichen Viehes bewundert, das in gewohnter Weise zur Mittagszeit herankam, von seinem Milchreichthum entlastet zu werden. Dann ging es in die Stube, um von der Bergwanderung auszuruhen und sich die köstliche, frische Milch schmecken zu lassen, bis die Bäuerin aus den mitgebrachten Speisen ein Mittagsmahl bereitet haben würde. So bequem der Ritt gewesen, hatte er Alwinen doch ermüdet; sie hatte sich in das mit einem weißen Leintuch zusammengebundene Heubett der Sennerin, in den sogenannten Kreister, gelegt und war nach wenigen Augenblicken in einen sanften, tiefen Schlummer versunken.

[641] Die Funkenhauserin machte sich emsig am Heerde zu schaffen, Frau Schulze hatte sich auf den Rand desselben gesetzt, Günther und Ambros saßen einander gegenüber auf den Bänken der Hütte. Ohne es zu zeigen, beobachteten sie einander, und Keiner verließ die Stube, weil Jeder sicher war, daß der Andere schnell einen Vorwand finden würde, ihm zu folgen.

„Weil wir gerade Zeit haben,“ sagte Frau Schulze, indem sie ein Blatt aus der Tasche zog, „muß man doch ein wenig umsehen, was in der Welt draußen geschieht. Ich habe darum meine Zeitung mitgenommen. Es ist eben eine schwere, bedenkliche Zeit.“

„Ja wohl,“ rief die Bäuerin. „Drum ist mir’s auch am liebsten, wenn ich von gar nix hör’, und ich bin oft froh, daß ich so einsam auf mein’ Hof leben kann und oft Wochen lang nix erfahr’, was in der Welt g’schieht.“

„Es ist allerdings angenehm,“ sagte Günther, „unter sich so recht behaglich und zufrieden beisammen leben zu können, und es ist ein erklärlicher Wunsch, Alles fern zu halten, was ein solches Glück stören könnte; allein da wir uns doch einmal nicht unter eine Glasglocke setzen und von der Luft absperren können, müssen wir wohl oder übel auch das mitnehmen, was eben in der Luft der Zeit liegt. Wie steht’s mit den politischen Angelegenheiten, Mutter? Ist schon eine Entscheidung getroffen?“

Frau Schulze hatte einen raschen Blick in das Blatt geworfen, dann ließ sie es mit einem Ausruf schmerzlicher Ueberraschung wieder sinken. „O mein Gott!“ sagte sie, „es ist also wirklich wahr!“

„Was denn?“ riefen Alle miteinander.

„Der Bundestag in Frankfurt hat beschlossen, daß die Bundesfürsten rüsten sollen, Preußen ist darauf aus dem Bunde ausgetreten und hat ihn für aufgelöst erklärt.“

„Allerdings schlimme Nachrichten,“ sagte Günther ernst. „Das heißt mit Einem Worte: der Krieg ist erklärt.“

„Leider,“ rief Frau Schulze, „und er hat auch bereits begonnen. Die Preußen sind schon am Tage darauf in Sachsen und Kurhessen eingerückt.“

„Was,“ sagte Ambros, „so ohne Weiter’s? Und was haben denn die Sachsen und Hessen gethan?“

„Nichts,“ erwiderte Frau Schulze. „Sie waren überall unvorbereitet. Die Preußen sind in Dresden ohne Schwertstreich eingezogen; in Cassel haben sie den Kurfürsten gefangen genommen und mit sich weggeführt.“

„Und kein Mensch hat sich entgegengestellt?“ rief Ambros wieder. „Kein Mensch hat sich gewehrt? Sie haben sich das ruhig g’fallen lassen?“

„Um Gotteswillen!“ rief jetzt die Funkenhauserin, welcher der Kochlöffel entfallen war, und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. „Also soll’s wirklich Krieg geben, und der Krieg könnt’ am End’ wohl gar auch bis zu uns nach Baiern kommen, und da könnten die Preußen als Feind’ zu uns kommen?“

„Das ist leider nicht unmöglich,“ sagte Günther. „Bis jetzt steht Baiern bei den Gegnern von Preußen.“

„Mein Gott, mein Gott!“ jammerte die Bäuerin wieder, „was soll denn daraus werden? Das kann ja doch net sein! Der liebe Gott wird doch ein Einsehen haben, daß er uns vor solchem Unglück bewahrt!“

„Ho,“ rief Ambros, „deswegen braucht die Frau Bas’ die Courag’ net so g’schwind zu verlieren! Es is schon was gut dafür, daß die Preußen net zu uns kommen.“

„Nun, und was denn?“ fragte Günther gespannt.

„Unsere Fäust’, Herr Günther,“ entgegnete Ambros, indem er aufstand und mit nicht zu mißkennender Geberde seine kräftigen Arme streckte.

Günther zuckte die Achseln. „Es wäre schlimm, wenn es zum Widerstande käme. Ich weiß zu gut, wie vollständig und ausgezeichnet wir in jeder Beziehung gerüstet sind; der Erfolg wird zeigen, daß wir die Uebermacht haben. Was können da Staaten ausrichten, welche im Verhältniß um so viel kleiner und machtloser sind? Man wird gut thun, es sich zwei Mal zu überlegen, ehe man es zum Widerstande kommen läßt. Diese vielen kleinen Staaten haben von jeher zu nichts Gutem geführt, und das Volk befindet sich am besten, je größer das Land ist, zu dem es gehört. Was liegt auch am Ende daran, ob zu dem Weiß in Euerer Farbe Schwarz zu stehen kommt oder Blau? Es kommt am Ende auf Eins heraus.“

„Das versteh’ ich net so genau, Herr Günther,“ sagte Ambros etwas derb; „aber das weiß ich, daß wir Baiern uns unser Weiß und Blau net nehmen lassen, und daß es uns auch kein Mensch nehmen kann. Schauen S’ hinauf auf ’n Himmel! Der tragt unsere Farben. Nehmen Sie s’ ’runter, wenn Sie können!“

„Hm,“ entgegnete Günther ebenfalls etwas gereizt, „das ist eine Redensart, ein recht hübscher Einfall, der Dir alle Ehre macht, wenn Du ihn vielleicht in einem Deiner Schnaderhüpfeln [642] anbringst. Aber damit werdet Ihr die schwarz-weiße Farbe, wenn sie vorrücken will, nicht aufhalten.“

„Na, na,“ rief die Funkenhauserin dazwischen. „Ihr werdet Euch doch nicht wegen dessen ereifern unter einander! Noch lebt der alte Gott; der wird’s schon recht machen, wenn wir nur fleißig zu ihm beten.“

„Beten, liebe Frau?“ sagte Frau Schulze. „Das Beten ist wohl recht und gut; aber hier wird es wohl nicht viel nützen. Mir scheint, hier ist das beste Gebet: ‚Hilf Dir selbst, dann wird Dir auch Gott helfen!‘“

„Nicht doch, Frau Schulze,“ sagte die Bäuerin kopfschüttelnd. „So was müssen S’ net sagen! Das Beten hilft alle Mal, und ein recht kräftig’s Gebet hat unser Herrgott noch alle Mal erhört. Denken S’ an das Bildstöckel beim großen Kirschbaum im Wald!“

„Aber liebe Frau!“ sagte Frau Schulze, ihr Lächeln nicht mehr zurückhaltend. „Ich habe vorhin geschwiegen; aber Ihr werdet doch solche Märchen nicht im Ernste glauben?“

„Nicht?“ sagte die Bäuerin in unverhehltem Staunen. „Nach meinem heiligen Glauben halt’ ich das für wahr – wenn ich bet’, dann glaub’ ich auch und spür’s inwendig, daß mein Beten was helfen muß, und wenn Sie net so beten können nach Ihrem Glauben, Frau Schulze, nachher thut’s mir leid um Ihnen – da möcht’ ich wahrhaftig net tauschen mit Ihnen.“

„Und ich sag’,“ rief Ambros dazwischen, „die Frau Schulze hat Recht. Selber muß man sich helfen. Es ist noch Keiner verlassen g’wesen, der sich selber g’holfen hat, und wenn’s überall fehlt, nachher kommen wir Oberländer und ziehen wieder auf die Münchner Stadt hinein – wir haben’s ihna schon amal ’zeigt, was wir können – selbiges Mal bei der Mordweihnacht in Sendling.“

„Wir erhitzen uns umsonst,“ sagte Günther. „Das ist immerhin eine schöne, aber auch traurige Erinnerung für Euch – damals war das Volk unter allerlei Vorwänden für Privatzwecke aufgereizt und wurde herausgelockt und dann schmachvoll im Stiche gelassen.“

„Wir haben’s aber doch durchg’setzt und haben unser Land b’halten und unsern Landesherrn,“ rief Ambros.

„Wie man’s nimmt. Wenn Frankreich nicht gewesen wäre, möchte es mit Beiden übel bestellt gewesen sein, und wie war es denn später? Als der österreichische Adler seine Krallen nach Eurem Lande ausstreckte, wer war’s denn, der ihm wehrte und noch als Greis seinen Degen in die Wagschale warf, wer sonst, als unser großer Friedrich der Einzige? Daß noch ein Baiern existirt, habt Ihr Niemandem zu verdanken, als Preußen, und es ist schlimm, wenn ein Fremder die Geschichte Eures Landes besser kennt, als Ihr selbst in Eurer kleinlichen, engherzigen Anschauung.“

Während der letzten Reden war Tonerl, welche bis dahin im Stalle beschäftigt gewesen war, eingetreten und hatte zugehört; sie schwieg – aber immer heißer stieg es ihr in’s Gesicht, und immer lebhafter begannen ihre Augen zu funkeln. Jetzt vermochte sie nicht mehr, an sich zu halten. „Nein,“ rief sie dazwischentretend, „der Ambros hat Recht. Nicht er – aber wer so reden kann, wie Sie, dem ist es eng und muß es eng sein um das Herz.“

„Toni!“ rief Günther erstaunt.

„Ist’s etwa net wahr?“ fuhr sie feurig fort. „Es red’t Ihnen kein Mensch ’was ein, wenn Sie Ihr Preußenland gern haben, und wenn Sie’s so schön machen, wie Sie nur wollen – es ist Ihre Heimath, und die Heimath ist wie ein Schatz, für den man sein Leben hergiebt, und Jedem kommt sein Schatz als der schönste vor. Aber einen Anderen muß er deswegen net auf’s Herz treten, Herr! Das ist kein richtiger Bue, der sein’ Schatz schlecht machen laßt oder gar auslachen.“

„Aber mein Gott,“ rief Günther, „wer redet denn davon?“

„Sie,“ rief das Mädchen immer heftiger, „Sie reden davon! Freilich net so g’rad heraus, wie’s bei uns der Brauch ist, aber in der versteckten Weis’, die noch viel weher thut! Probiren Sie’s einmal, kommen S’ mit Ihre Preußen und holen S’ uns unseren König fort, wenn S’ ’was erleben wollen! Und wenn unsere Bueb’n Lettfeiger wären und blieben daheim, nachher giebt’s noch Madeln g’nug, die auch umgehen können mit einem Stutzen!“

„Ah, das geht denn doch zu weit,“ sagte Günther lachend. „Ein weibliches Schützencorps! Du gingst wohl am Ende selber mit, Toni? Nun, ich denke, Ihr würdet Euch wohl besinnen, was Ihr thut! Und wenn ich nun unter den Feinden stände, würdest Du auch den Stutzen nehmen und mich niederschießen?“

„Jeden,“ rief Tonerl mit flammenden Augen, „und wenn er mir noch so fest an’s Herz g’wachsen wär’! Uns ist es net gleich, Herr, ob wir bei unserem Weiß das Schwarze haben oder das Blaue. Ich hab’s Ihnen schon g’sagt: das Schwarz, das ist die Feindschaft und der Haß; das Blau aber ist die Treu’ und die B’ständigkeit. Wer aber so denkt, wie Sie, der ist falsch! Der meint’s net ehrlich mit uns, und wenn er uns no’ so schön thut.“

Mitten in der höchsten Erregung brach ihr die Stimme, und mit einem Strome nicht mehr zurückzuhaltender Thränen stürzte sie aus der Hütte. Lautloses Schweigen waltete einen Augenblick.

„Ich glaub, es ist eine Kuh los ’worden im Stall,“ sagte die Bäuerin nach einer beklommenen Pause, obwohl sich nicht ein Lant geregt hatte. „Muß doch nachschauen, was es ist.“

Ambros folgte ihr; die Fremden waren allein. Das Essen blieb unberührt, und der würzige Kaffee duftete vergebens einladend vom Heerde her. Nach wenig Augenblicken brachen die Gäste auf und kehrten verstimmt und stumm nach dem Hofe zurück. Noch am Abend sandten sie einen Boten in’s Dorf und bereiteten Alles zur Abreise. Es waren Briefe angekommen, darunter auch für Günther der Befehl, sich beim Heere einzufinden.

Am andern Morgen waren sie beim frühesten Tagesgrauen geräuschlos und ohne Abschied verschwunden. Leute aus dem Dorfe waren gekommen, ihr Gepäck fortzubringen. Als die Funkenhauserin und Tonerl in die Stube traten, lag ein Päckchen Geld auf dem Tische; es war die Miethe für den bedungenen Sommeraufenthalt. „Ambros!“ rief die Bäuerin dem eben Vorübergehenden zu; „da nimm das Geld und trag’s in’s Dorf hinunter zum Herrn Cooperator! Er soll’s an die Armen vertheilen, ich will nichts wissen davon.“

Als sie sich wandte, gewahrte sie erst ihre Tochter, die wie versteinert dastand und sich ihr, mit einem Male laut aufschluchzend, um den Hals warf. „Steht’s so mit Dir, armer Narr?“ sagte sie ergriffen. „So hab’ ich halt doch Recht g’habt? Am End’ wär’s doch besser g’wesen, wenn die Fremden draußen geblieben wären aus unserem Haus und aus unserem Land. – Was net z’sammen g’hört, thut halt net gut beieinander!“




3. Bei Kissingen.

Der Juli-Abend ging trüb zu Ende. Es war, als schwebte über ihm ein unheimliches Vorgefühl dessen, was der folgende Morgen zu bringen bestimmt war: nur ganz zuletzt brach die Sonne durch das Gewölk und warf einen scheidenden Gluthblick auf das friedliche Thal, daß die Waldsäume der Hügel, die es umschlossen, sich rötheten und der Fluß aufleuchtete wie in blutigem Widerschein. Rascher strömten seine Wellen dahin, als eilten sie, um nicht sehen zu müssen, wie sehr das anmuthige Bild sich verändert hatte, das sie sonst den lieblich umbuschten Ufern gewohnt waren zurückzuspiegeln. Wo sonst die zahlreichen Gäste des Städtchens sich lustwandelnd ergingen, die aus allen Theilen der Welt herbeigeströmt, um an den Gesundbrunnen Heilung ihrer Leiden zu suchen oder doch sie auf einige angenehme Wochen minder schwer zu empfinden – da blitzten jetzt Waffen und leuchteten die bunt einförmigen Kleider kriegerischer Abtheilungen durch das Gesträuch; statt des sprachverwirrten Geplauders einer schönen Gesellschaft ließ sich ein wildes Durcheinander rufender Commandostimmen vernehmen, und die Klänge lustiger Musik waren verstummt vor den Lärmzeichen der Trommeln und Signalhörner, welche um die Wette wirbelten und schmetterten.

Schon im Laufe des Nachmittags hatte der entfernte Donner der Geschütze die Nachricht bestätigt, daß die Preußen mit einer starken Heeresabtheilung gegen die Saale vorgingen, um die Vereinigung der bairischen Armee mit dem achten Bundescorps zu verhindern, und daß es den Anschein habe, als sei Kissingen gewissermaßen zum Mittelpunkte des Angriffes ausersehen und dazu bestimmt, den Hauptstoß desselben auszuhalten. Auf einer Anhöhe hinter der Stadt waren daher schon Geschütze zu ihrem Empfang aufgefahren, die Stadt selbst nebst allen umliegenden Anhöhen war besetzt und alle Wege, auf welchen eine Ueberschreitung des Stromes möglich war, in Eile unzugänglich gemacht. Die Uebergänge [643] und Stege waren abgeworfen, die große steinerne Brücke aber in der Mitte durch ein Bollwerk abgeschlossen, hinter welchem in einiger Entfernung dunkle Geschützmündungen gähnten, bereit, den andrängenden Feinden das Verderben entgegenzuschleudern.

Die Vorbereitungen waren beinahe vollständig getroffen. Truppweise hatten die Soldaten am Ufer dahin in den Gärten, unter den Arcaden der Curgebäude und in den Büschen an der Saale entlang sich aufgestellt und waren geschäftig, sich für die Nacht einzurichten; denn da die Ankunft der Preußen jeden Augenblick erwartet werden durfte, wurde nicht mehr in die Quartiere zurückgekehrt, sondern befohlen, sie im Bivouac zu erwarten. Es war abgekocht und die Abendmahlzeit rasch beendigt; wie allmählich die Finsterniß immer tiefer und tiefer hereinbrach, wurden hie und da erlöschende Feuer sichtbar, die wie unheimliche Wächteraugen aus dem Dunkel hervorglotzten.

Bald lastete, wie vor dem Ausbruche des Gewitters, über dem ganzen Thalgrunde schwüles, düsteres Schweigen, nur von dem eintönigen Ruf der Wachen und der verhallenden Antwort wie von fernem Rollen des Donners unterbrochen.

Bei einer Abtheilung baierischer Jäger, welche etwas weiter stromabwärts an einem Grasabhang gelagert war, ging es dagegen noch ziemlich laut und fröhlich her. Die Aufstellung war unweit einer Mühle genommen, und durch Gebüsch und die Kronen einiger Lindenbäume so ziemlich gedeckt, falls die immer trüber werdende Nacht ihre Drohung verwirklichen und sich in Regen entladen sollte. Die kurzen Stutzen mit den dunkel angelaufenen Haubajonneten und dem schwarzen Riemenwerk waren in Pyramiden zusammengelehnt; daneben saß die Mannschaft auf ihren Tornistern, im Kreise gereiht, in dessen Mitte ein mattes Feuer zu Kohlen herabgeglommen war. Frühreife Kartoffeln, von einem der nächsten Felder geholt, brieten an der Gluth und schienen eine Art Nachtisch bilden zu sollen, während Einer der Jäger mit so lauter Stimme vorsang, als steckte er noch in der Bergjoppe und nicht in dem blauen, grüneingefaßten Rocke, als säße statt des Helms noch der leichte, grüne Jägerhut mit Feder und Gemsbart auf seinem Kraushaar. Obwohl er durch den Anzug etwas verändert aussah, hätte doch, wer ihn etwa aufgesucht, in dem Burschen Ambros wiedererkannt, wäre es auch nur an der hastigen Gelenkigkeit gewesen, mit welcher er von Zeit zu Zeit in den Zwischenräumen des Gesanges den Abhang hinanlief, um bei den nächsten Posten nachzufragen, ob keine neue Meldung gekommen, oder auf den Wunsch der Cameraden unter den unfern liegenden zerstreuten Häusern der Vorstadt ein Wirthshaus auszufinden und einen ersehnten Labetrunk herbeizuschaffen; es schien, als sei es ihm unmöglich, lange an einem Orte, in derselben Stellung und bei der gleichen Beschäftigung auszuhalten, wie Einem, der eine wichtige Wendung seiner Geschicke erwartet, und ihr, wenn auch nicht eben freudig, doch mit Spannung entgegensieht, weil er von ihr die Lösung eines Geheimnisses hofft und das Aufhören eines unerträglich gewordenen Zustandes erwartet.

Eben war er wieder an seinen Platz zurückgekehrt, und für einen Augenblick hatte sich tiefes Schweigen auf die Versammelten herabgelassen; sie waren in allerlei Gedanken vertieft, und wie es bei einer Truppe die noch nie im Feuer gewesen, wohl erklärlich ist, mochten die Meisten, Jeder nach seiner Weise, es überdenken, daß sie am Vorabend des Tages standen, an welchem sie zum ersten Male einem ernsten Kampfe mit allen seinen möglichen Folgen entgegengehen sollten. Es waren meist Bauernbursche, welche das Loos unter die Fahne gerufen hatte, darunter ein paar Handwerker, Bürgerssöhne aus kleineren Städten, welche mit schwerem Herzen ihr Gewerbe zurückgelassen hatten, weil sie nicht im Stande waren sich einen Ersatzmann zu kaufen. Etwas seitwärts saß eine feinere, schlanke Gestalt, deren Haltung und Aussehen den von seinem Arbeitstisch weggerissenen Studenten vermuthen ließ. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und summte eine alte Volksweise vor sich hin zu den Worten des bekannten Reiterliedes:

„Morgenroth, Morgenroth,
Leuchtest mir zum frühen Tod!“

„Das ist ein trauriger Gesang für einen Soldaten,“ unterbrach ihn Ambros. „Das lautet ja, als ob’s schon zum Eingraben ging’,“ und mit frischer, wenn auch etwas gedämpfter Stimme begann er eines seiner heimathlichen Lieder zu singen, daß die Cameraden, aus ihren düsteren Gedanken aufgeweckt, sich bald ihm zuwendeten und in den am Schlusse immer wiederkehrenden Jodler einstimmten. Ambros sang:

„Jetz steck’ ich drei Federn
Verkehrt auf’n Huet,
Und den möcht’ ich seg’n,
Der mir’s ’ra’nehma thuet!

Jetz werd’ ich mir kaffa
An Ring und a Büchs,
Der Ring gehört zum Raffa (Raufen),
Zum Schießen die Büchs!

Die Büchs trifft in d’ Fern,
In der Nähet der Ring –
Kommt’s her, wer a Schneid hat!
Mir is’s fredi (gleichwohl) ein Ding.“

Ueber dem Singen und der allgemeinen Lustigkeit hatten die Bursche nicht gewahrt, daß, durch die laute Unterhaltung herbeigezogen, der Oberjäger herangetreten war. Es war ein älterer, schon etwas beleibter Mann, der in den langen Friedensjahren sich in Ehren die wollenen Borten auf dem Kragen erworben hatte und der Vater und Liebling der ganzen Compagnie war. „Recht so, Cameraden,“ sagte er, „das ist die Art, die sich für richtige baierische Soldaten schickt, wenn sie dem Kampfe entgegengehen! Ein fröhliches Lied macht ein fröhliches Herz – da werdet Ihr morgen auch gutes Muthes sein, wenn’s in’s Feuer geht.“

„Ho, warum sollten wir nit?“ rief Ambros lachend. „Ich meinestheils, ich kann’s kaum erwarten, bis’s zum Dreinschlagen kommt.“

„Nun,“ sagte der Oberjäger, „ich bin schon meine fünfzehn Jahre Soldat und werde mich gewiß nicht schlecht finden lassen und meinen Mann stehen – deswegen aber könnt’ ich doch nicht sagen, daß ich mich auf das Dreinschlagen freute. Du bildest Dir wohl ein, eine Schlacht sei als wie eine Rauferei bei Dir daheim auf der Kirchweihe?“

„Sei’s wie immer,“ sagte der ehemalige Student; „es ist traurig genug, daß es so weit hat kommen müssen, und daß wir Deutsche nun Deutschen als Feinde gegenüberstehen.“

„Deutsche?“ rief Ambros. „Ich hab’ mir sagen lassen, die Preußen sollen gar keine richtigen Deutschen sein, und wenn sie’s auch wären, ich kann sie einmal nit leiden und ich freu’ mich drauf, wenn wir einmal an’s Abraiten (Abrechnen) kommen.“

„Ho, ho,“ fragte der Student lachend, „was haben die Preußen wohl Dir so Besonderes zu Leide gethan?“

„Mir?“ fragte Ambros, und es ward ihm wieder heiß um den Kopf. „Ist’s etwa nit g’nug, was sie uns Allen miteinander anthua? Ist’s nit g’nug, daß sie uns so in’s Land fallen und unsern König zwingen wollen, daß er thun soll, wie sie’s haben wollen – blos deswegen, weil sie sich für die Stärkern halten? Ich mein’, das thät’ schon langen, daß wir sie mit blutige Köpf’ heimschicken! Aber ich hab’ auch für mich selber was auszumachen mit ihnen. Ich bin d’rum und d’ran gewesen, mich auf einem prächtinga Hof hinzusetzen und ein reicher, richtiger Bauer zu werden. Aber ich hab’ Alles hinten g’lassen und bin freiwillig zu’gangen und als Ersatzmann eing’standen für an Andern, nur daß ich meine Rechnung gleich machen kann.“

„Nun, und was haben sie Dir denn gethan?“ fragte der Student wieder.

„Das kann ich kein’ Menschen sagen,“ erwiderte Ambros trotzig nach einigem Besinnen. „Aber ich spür’s inwendig in mir, und werd’s gespüren, so lang mir das Herz nit still steht … Es geht auch sonst kein’ Menschen was an, als mich selber!“

„Je nun,“ begann der Student, „wer weiß auch, ob es morgen wirklich zum Kampfe kommt? Ein so berühmtes, von allen Nationen besuchtes Bad wie Kissingen gehört zu den neutralen Orten, welche im Kriege gewöhnlich verschont bleiben. Ich meine auch, gehört zu haben, als sei zwischen Oesterreich und Preußen hierüber ein eigener Vertrag abgeschlossen worden. So kann es wohl geschehen, daß es bei der bloßen Aufstellung bleibt und der Kampf auf anderen Punkten sich entwickelt.“

„Wär’ mir nit lieb,“ rief Ambros. „Am liebsten möcht’ ich auf der steinernen Brucken hinter dem Verhau steh’n, damit ich gleich Einer von die Ersten wär’, die mit denen Preußen zu thun kriegen.“

„Es scheint, Dich juckt das Fell gehörig,“ rief der Oberjäger. „Aber sorge nicht, daß wir nicht auch vollauf zu thun bekommen! Ich denke, wenn die Preußen über den Fluß wollen, werden sie [644] es eben nicht bloß bei der Brücke versuchen, herüber zu kommen, sondern überall, wo’s eben angeht.“

„Nun, an mir soll’s nicht fehlen,“ sagte Ambros. „Aber dann muß ich mich wundern, daß an dem Steg, den wir da unten bei der Mühl’ seh’n, bloß die Bretter und Balken weggenommen sind und daß man die Joch’ und sogar die Geländer steh’n gelassen hat!“

„Du überkluger Bursch’,“ entgegnete der Oberjäger, „hüte Deine Zunge und überlasse diese Anordnungen Leuten, die das besser verstehen. Das Räsonniren schickt sich nicht für einen Soldaten.“

„Räsonniren!“ sagte Ambros. „Das thu’ ich ja nit. Ich bild’ mir nur ein, wenn über dem Wasser da drüben mein Schatz wär’ und thät auf mich warten – ob ich mich wohl viel d’rum kümmern thät und aufhalten ließ dadurch, daß die Bretter auf der Brucken fehlen!“

„Ja,“ sagte der Oberjäger spöttisch, „in Deinen Bergen könntest Du so was wohl probiren – wenn drunten kein Wasser ist und drüben keine Schützen steh’n mit Zündnadelgewehren!“

„Meinetwegen,“ sagte Ambros, „die Officier’ müssen das besser wissen. Ich fürcht’ mich nit, wenn die Preußen auch herüberkommen. Zu stark sind’s uns nit, das weiß ich gewiß – wenn’s uns nur nit zu pfiffig sind!“

„Also auf morgen, Cameraden!“ sagte der Oberjäger, während ein fernes Trommelsignal die Stunde verkündete, in welcher es auf allen Lagerplätzen und Bivouacs zur Ruhe kommen mußte. „Legt Euch schlafen die paar Stunden, die wir noch vor uns haben, damit Ihr morgen gehörig dabei sein könnt, und vergeßt nicht auf Euer Nachtgebet. Es könnte leicht das letzte sein, das Einer verrichtet.“

Bald hatten sich Alle auf Tornister und Mantel zur Ruhe hingestreckt; wieder war weit und breit kein Laut mehr vernehmbar, als das melancholische Rauschen der Saale und die immer wiederkehrenden eintönigen Rufe der Wachen, welche gleich lebendigen Uhren die Stunden der Nacht zählten, bis die letzte langsam abgerieselt war, bis das Dunkel zum Morgengrauen verblich und in den vollen Tag überging.

Die Truppen waren längst an ihren Posten bereit, und mit der bangen Spannung der Ungeduld flog mit der Morgenhelle die Nachricht unter ihnen hin, daß ein Häuflein Freiwilliger, das von der Barricade auf der Hauptbrücke aus auf das andere Ufer auf Kundschaft hinübergegangen war, mit der Meldung zurückgekommen war, sie seien jenseits bereits einer Schaar preußischer Reiterei ansichtig geworden. Der Hall einzelner ferner Flintenschüsse bestätigte das und weckte bald die schlummernden Wälder auf den Höhen aus dem letzten Morgentraum des Friedens. Kampfbereit lauschte Alles auf jeden Laut, welcher verrathen könnte, wann der Feind wirklich erscheine und wo er zuerst anzugreifen gedenke. Da quoll von den Hängen des Simbergs über den Thürmen und Dächern des Städtchens ein weißgrauer Qualm empor, ein mächtiger Schlag erschütterte die Luft – die baierischen Kanoniere hatten den ersten Schuß abgefeuert; sie sahen also von ihrer Höhe bereits den anrückenden Gegner, und ihr wildes Hurrah-Rufen zeigte, daß sie, was sie sahen, auch zu erreichen gewußt hatten. Es währte nicht lange, so donnerten die preußischen Batterien den Gegengruß herüber, und das Prasseln der Häuser und Dächer, auf welchen die ersten Kugeln einschlugen, ließ erkennen, daß sie nicht minder gut zu zielen verstanden. In wenig Augenblicken stürmte der Vortrab preußischer Füsiliere in vollem Laufe von der Höhe die Straße herab, welche gegen die verbarricadirte Hauptbrücke führte, unbekümmert um das Feuer der auf dem Straßendamme dahinter aufgeführten Geschütze und die Gewehrsalven der Schützen, welche die anliegenden Häuser besetzt hatten. Bald standen sich die feindlichen Schaaren, nur durch den Fluß getrennt, überall gegenüber; Stutzen knallten, Musketen knatterten von beiden Seiten, übertönt vom Blasen und Rasseln der Signalzeichen, vom Rufen der Commandirenden und vom Hurrah der Schützen, welche getroffen, oder dem wilden Aufschrei eines Verwundeten.

[657] Wie im Fluge breiteten sich die Preußen auf- und abwärts am Ufer aus, um eine geeignete Stelle für den Uebergang zu finden. Die auf der Brückenbarricade befindlichen Schützen sahen sich bald auch von den Seiten beschossen und waren genöthigt, sich hinter die Geschütze zurückzuziehen. Die anderen Abtheilungen in den Arcaden des Cursaales, in den Promenaden des Gartens und im Ufergebüsch unterhielten indessen ein lebhaftes Feuer, indem sie mit wohlgezielten Kugeln manchem Gegner, der sich furchtlos oder übermüthig zu weit vorgewagt, den Rückweg ersparten.

Auf ein Knie niedergelassen, mit geröthetem Angesicht, ließ Ambros gleichmüthig wieder und wieder seinen Stutzen knallen, wie er es sonst wohl beim lustigen Scheibenschießen gethan; kein Gedanke stieg in ihm auf, daß auch ihn ein Geschoß, wie er sie hinübersendete, von drüben erreichen könnte. Kaltblütig, als wäre es das Schwarze in der Scheibe, nahm er seinen Gegner auf das Korn und mußte an sich halten, bei dessen Falle nicht in lautes Juchzen auszubrechen, wie es am Schießstand üblich, wenn der Schuß den Punkt getroffen und die Maschine geweckt hat.

„Wenn das weiter nichts ist,“ rief er dem neben ihm stehenden Cameraden, dem feinen Studenten, zu, „dann ist net so viel dahinter. Aber wie wird denn das werden? Wenn wir net hinüber und die Preußen net herüberkommen, da können wir einander ein paar Tag lang anschauen und viel Pulver verpuffen! Ich hab’ mir den Krieg anders vorg’stellt, viel lustiger, daß sich ’was rührt und sich einem das Blut rigelt.“

Der junge, schlanke Jäger, dem am Abend zuvor die traurige Weise vom Morgenroth durch den Sinn gegangen war, handhabte nicht minder eifrig seinen Stutzen und war eben daran, eine Patrone zu öffnen. „Ja wohl,“ sagte er, halb als Antwort, halb vor sich hin, „auch im Kriege geht die Poesie verloren, wie überall. Der Bauer ackert und drischt mit dem Dampfe, statt des gemüthlichen Posthorns pfeift die Locomotive, und für das lustige Laden des Gewehrs und den springenden Ladstock überholen sie uns da drüben und setzen die Patrone fein still und heimtückisch von hinten in’s Rohr. Was wohl der alte Dessauer sagen würde, wenn er aufstände und sähe, wie sie schießen – ohne eisernen Ladstock, auf dessen Erfindung er sich so viel zu gut gethan! Wir werden es ihnen wohl bald ablernen müssen, aber es ist doch schade um den Ladstock und um das Laden! Nicht einmal die alten Lieder taugen mehr, weil sie nicht mehr wahr sind. Wie könnte man dann noch das Lied vom treuen Camerad singen: ,Will mir die Hand noch reichen, dieweil ich eben lad’?“

Ein unarticulirter Laut unterbrach ihn in dem halblauten Gesang. Mit flüchtigem Seitenblicke gewahrte Ambros, wie der Stutzen den Händen des durch die Brust Getroffenen entglitt; wie er mit diesen, als suche er einen Gegenstand, um sich daran anzuhalten, in der Luft herumtastete und dann zusammenknickte, mit einem schweren Seufzer im letzten Athemzuge das junge Leben verhauchend.

Ein schmetterndes Hornsignal gellte von der Stadt her und gab den zerstreuten Plänklern das Zeichen, sich zu sammeln.

„Da hilft wohl nichts mehr,“ sagte Ambros, indem er flüchtig hinzutrat und den Todten betrachtete. „Da kann kein Bader in der Welt mehr ’was ausrichten. Der hat’s überstanden, Gott geb’ ihm die ewige Ruh’! Aber was ist denn das?“ rief er den Schützen zu, welche von allen Seiten laufend herbeikamen. „Warum wird denn zum Sammeln g’blasen? Das heißt ja zurückgehen!“

„Das heißt,“ erwiderte der eben vorüberkommende Oberjäger, beinahe athemlos vor Beleibtheit und von der Anstrengung des Laufens, „das heißt, daß die Preußen richtig über den Steg bei der Lindenmühle da unten gegangen sind und daß sie uns in den Rücken kommen, wenn wir uns nicht weiter zurück aufstellen.“

„Na, hab’ ich’s net g’sagt?“ rief Ambros, indem er sich dem Zuge anschloß. „Wenn sie nur net auch noch das G’länder hätten stehen lassen. Wir haben es ihnen doch gar zu kommod’ g’macht!“

„Wer hätte aber auch das denken sollen?“ erwiderte laufend und keuchend der Oberjäger. „Die Kerle können ja klettern wie die Katzen, und die Schützen dort am Lindenbaum waren auch zu weit aufgestellt und haben sie nicht aufhalten können. Ihre Zimmerleut’ sind voraus, so keck, als wenn’s gar keine Kugeln gäbe und als wenn drunten gar kein Wasser wäre. Aber wir wollen’s doch noch wieder gut machen,“ rief er, die kleine Schaar, die sich sammelte, um sich aufstellend. „Wir wollen ihnen jetzt noch entgegen und sie zurückwerfen oder wenigstens aufhalten, so lang’ es geht. Vorwärts, Cameraden!“

Die muthigen Burschen folgten dem Rufe des Oberjägers; sie wollten sich nicht nachsagen lassen, daß sie ruhig zugesehen, wie der Feind vor ihren Augen den Uebergang erzwang. Mit Hurrahruf und gefälltem Bajonnet stürzte sich die kleine Schaar gegen den Eingang des Steges, über welchen eben eine größere Schaar der Feinde angerückt kam und sie mit einem Regen von Kugeln überschüttete, der mit unheimlichem Sausen so dicht unter die vorstürmenden [658] Plänkler einschlug, daß er sie nach allen Seiten niederwarf und nach wenig Augenblicken nicht ein Drittheil davon mehr aufrecht stand. Der dicke Oberjäger war unter den Vordersten gewesen; er war auch einer der Ersten, welche fielen, er hatte es wahr gemacht, daß er sich nicht schlecht finden lassen werde, wenn es gelte.

Die wenigen Übriggebliebenen mußten erkennen, daß sie außer Stande waren, den Uebergang aufzuhalten, und daß längerer Widerstand sie nur nutzlos einem sicheren Tode aussetzen würde.

Sie wichen daher der Uebermacht und zogen sich plänkelnd und unter wohlgezielten Schüssen langsam zurück. Unter den Letzten befand sich Ambros, den sein kaltes Blut auch hier nicht verließ.

Es kam ihm beinahe lustig vor, wie die Kugeln so dicht um ihn herumpfiffen, und lachend rief er: „Ho, ho! Das thut ja hellicht net anders, als wenn im Auswärts ein Imp’ (Bienenstock) zu schwärmen anfangt!“

Unaufhaltsam waren inzwischen die Preußen auch gegen das Bollwerk auf der steinernen Hauptbrücke vorgegangen. Die in der Straße postirten baierischen Truppen mußten fürchten, in der Flanke gefaßt zu werden, und konnten nicht umhin, auf ihren Rückzug aus der nicht mehr zu haltenden Stadt bedacht zu sein. Die Geschütze fuhren ab, um hinter derselben eine neue, bessere Stellung zu finden. Hart hinter den Abziehenden drangen die Preußen in lichten Schaaren von allen Seiten nach, und ein erbitterter Kampf wälzte sich Schritt für Schritt durch die Straßen, eine Reihe wilder, nicht zu beschreibender Einzelgefechte, bis es endlich den Baiern gelungen war, sich am südlichen Ende der Stadt noch einmal festzusetzen, wo der mit hohen Mauern umgebene Kirchhof einen festen, willkommenen Stützpunkt bot. Viele von den tapfern Vertheidigern lagen todt und verwundet neben den Leichen der Feinde, die sie zahlreich zu sich niedergestreckt; eine große Anzahl hatte von der überraschend und schnell ausgeführten Ueberrumpelung nicht eher Kenntniß erhalten, als bis es zu spät war und sie sich in den Häusern, die sie zur Vertheidigung besetzt hatten, vom Feinde eingeschlossen und angegriffen sahen. Es blieb ihnen kein anderes Loos, als Gefangenschaft oder Tod.

Auch Ambros hatte mit den zersprengten Schützen den Weg durch Gärten und zwischen Gartenhäusern nach dem Kirchhof hin eingeschlagen, unablässig verfolgt von den immer dichter nachrückenden Preußen und ihren ruhelos vorausschwärmenden Plänklern.

Ihre sicheren Schüsse stürzten noch Manchen auf den Rasen oder in die Gartenbeete; aber auch die wackeren baierischen Schützen ließen es an tapferem Widerstand nicht fehlen: jeder Baum wurde zum flüchtigen Bollwerk, jede Mauer zum Walle, jeder Graben zur Brustwehr, um sich noch einmal gegen den Feind zu setzen und, wenn es auch unmöglich war, den Andrang der Uebermacht aufzuhalten, ihn doch jeden Schritt durch Wunden und Tod theuer genug erkaufen zu lassen.

Je heftiger und wilder das Gefecht entbrannte, je näher und schauerlicher die gräßlichen Bilder des Todes und der Zerstörung vor seinen Blicken sich entrollten, desto gelassener wurde Ambros; aber desto schrecklicher kam es ihm mit jeder Minute vor, daß er sich von einer Schaar Männer verfolgt sah, die er im Leben nie gesehen, denen er nie ein Leid gethan, und die doch mit einem Ingimm auf ihn eindrangen, als wäre er ihr verhaßtester Feind, – desto mehr that es ihm leid, diese Menschen, welche ihm alle gesund, kräftig und stattlich gegenüberstanden, und die ihn nie beleidigt, zur eigenen Vertheidigung verletzen und tödten zu müssen, wie auf der Jagd ein schädliches Raubthier. Durch eine wunderbare Verkettung der Gedanken kam es ihm plötzlich in den Sinn, wie er vor einigen Wochen auf der Hochplatte neben der schiechen Wand gestanden: er sah die erlegte Gemse vor sich liegen und glaubte Günther’s Stimme zu hören, wie er klagte, daß es unrecht sei, so weit heraufzusteigen, um so viel Kraft und Schönheit zu vernichten. War es doch nur ein Thier gewesen, dem diese Klage gegolten, und nun sah er vor und um sich so viele kräftige Schönheit zernichtet, so viel schöne Kraft zerstört – sah so viele wackere Herzen leiden und brechen, und in seinem einfachen, im Grunde gutartigen Gemüthe stieg die Ahnung auf von der ganzen, himmelschreienden Entsetzlichkeit des Krieges, und zum ersten Male fiel wie ein Bleigewicht der Gedanke auf sein Herz, daß er sich selbst in diesen Kampf gedrängt! Es war nicht Furcht, was ihn anwandelte, wohl aber eine bittere Regung der Reue, doch es blieb bei der flüchtigen Regung des Augenblicks, denn gleichzeitig mit dem Erinnern an die Hochplatte war auch ein Laut an sein Ohr gedrungen, der ihn nicht minder an jene Stunde mahnte, – aus den Reihen der immer näher kommenden Füsiliere war das Rufen einer Stimme erklungen, die er schon gehört zu haben glaubte. „Sollte das Günther sein?“ zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn, und der auflodernde Grimm schlug über der weichen Regung zusammen. Wenn er es wäre! Wenn sein persönlicher Gegner ihm wirklich gegenüberträte als Feind, Aug’ in Auge und Stirne gegen Stirne… Eben war er mit den Gefährten hinter einer langgezogenen Gartenhecke angelangt und sah gegenüber in halber Schußweite die aufgelösten preußischen Colonnen anrücken, um mit gefälltem Bajonnet die Schützen aus dem Gebüsch zu vertreiben und auf den letzten Halt innerhalb der Kirchhofmauern zurückzuwerfen.

Ein Officier, ein stattlicher Man, vor der Front herschreitend, wies mit dem Degen dahin und forderte mit lauter, mächtiger Stimme zum Angriff auf.

In Ambros’ Händen bebte der Stutzen, als er ihn sah. „Ist das net –“ murmelte er hastig, indem er in die Patrontasche griff. „Ja, wahrhaftig, ich irr’ mich net – das ist der Fremde, der mich in unsern Bergen nach dem Weg über’n Gamskogel g’fragt hat – der Landkartenzeichner! Also hab’ ich doch Recht g’habt: er ist als Gast in unserm Land g’wesen und hat uns heimlich auskundschaften wollen… Na, wart’, Spion! Dir will ich den kürzesten Weg zeigen, wenn’s auch mein’ letzte Kugel ist!“ Er drückte ab, und schwer getroffen, lautlos stürzte der Officier zu Boden.

Die Truppe stutzte einen Augenblick über den Fall des Führers, aber auch nur einen Augenblick; im nächsten schon stürmte sie mit lautem Hurrah gegen das Gebüsch vor und hatte es mit wenigen Schritten umflügelt; was nicht stürzte, war gezwungen, eilig hinter der Kirchhofmauer Schutz zu suchen.

Einer der Letzten war Ambros, der langsam und Schritt für Schritt zurückwich; wenn er sich auch verschossen hatte, war er doch stets bereit, den andrängenden Gegnern im Einzelnkampfe mit Haubajonnet oder Kolben zu stehen. Schon war er nicht mehr ferne von den äußersten Häusern, hinter welchen er sich geborgen zurückziehen konnte, und wendete sich um einen letzten Busch herüber, da sah er auf die Entfernung von wenigen Schritten einen Füsilier sich gegenüber, der, Einer der äußersten des rechten Flügels, das Zündnadelgewehr schußfertig an der Hüfte, in stürmendem Eilschritt vorging. Ein Ruf der Ueberraschung klang von den Lippen Beider; eines Gedankens Dauer lagen beiderseits die Waffen regungslos in ihren Händen.

„Herr Günther!?“ rief dann Ambros, der zuerst Worte fand. „So sind Sie’s wirklich und kein Geist? So bin ich doch net umsonst mit’gangen, und wir können Abrechnung halten mit einander!“

Schußbereit, aber ruhig stand der junge Mann. „Du bist’s, Ambros!“ rief er. „Traurig, daß wir uns so wiedersehen – aber ich will Dir nicht begegnet sein. Das ist keine Verletzung meiner Soldatenpflicht, wenn ich an Dir vorübergehe.“

„Vorübergehen?“ keuchte Ambros, dem die gewohnte, sinnverwirrende Gluth wieder zu Kopfe stieg. „Glaub’s schon, daß Sie das möchten; aber ob ich Ihna vorüberlaß’, das ist eine andere Frag’. Mir ist’s ganz recht, daß wir da so z’samm kommen. Jetzt können wir ausmachen, was wir ausz’machen haben.“

„Besinne Dich, Ambros!“ rief Günther hastig entgegen. „Ich habe nichts mit Dir abzumachen. Zieh’ Dich zurück, sag’ ich noch einmal; ich will nicht Gewalt brauchen gegen Dich.“

„So, Gewalt wollen Sie net brauchen?“ knirschte Ambros. „Aber Ihre Kniff’ und Pfiff’ haben Sie schon gegen mich und meine Leut’ gebraucht – da haben Sie sich nicht besonnen? Wohl haben wir zwei ’was abzumachen mit einander und viel noch dazu! Wer hat mich aus ’m Haus und aus der Heimath vertrieben, als wie Sie? Wer hat mir mein ganz’ Leben zernicht’t, hat mir mein Lieb’ g’nommen und mein Glück, als wie Sie? Und net einmal für sich hab’n Sie’s gethan, nein, bloß zu Ihrem schlechten Zeitvertreib! Wer, als Sie, hat mich unglücklich g’macht und das Tonerl dazu? Wehr’ Dich, heimtückischer Preuß!“ rief er wüthend. „Wenn ich auch keine Kugel mehr hab’, so schlag’ ich Dich mit ’n Kolben nieder wie eimen tollen Hund.“

„Du bist selber toll und siehst nicht, daß Du in meiner Macht bist. Es kostet mich nur einen Fingerdruck an meinem [659] Gewehr, um Dich niederzustrecken – aber ich will Dich schonen; ich will Dein Blut nicht! Das Unglück, das leider gekommen ist, hab’ ich nicht verschuldet.“

„Meinen Sie, ich fürcht’ mich vor Ihrem Feuerspielzeug da? Mit einem Sprung bin ich doch über Ihnen!“

„Nun denn, wenn es gekämpft sein muß,“ rief Günther, in dessen Angesicht ebenfalls die Erbitterung emporzuwallen begann, „so soll es sein; aber mein Wille ist es nicht. Ich will nicht schießen, weil Du keine Kugel mehr hast; ich habe ein Bajonnet wie Du; also – zurück, Wahnsinniger!“

Wild schlugen die Gewehre zusammen; die Klingen daran klirrten gegen einander. Wohl war Ambros dem Gegner an wilder Kraft überlegen; aber dieser wußte den Abstand durch die Gewandtheit auszugleichen, mit der er das Gewehr handhabte und, hin und wieder sich wendend, rasch die Stöße des Gegners abwehrte. Dennoch gelang ihm dies nicht immer, und bald drang ihm die Bajonnetspitze tief in die linke Schulter. Einen Augenblick wankte er; aber die Gefahr begreifend, nahm er seine volle Kraft und Geschicklichkeit zusammen. „So geht es denn um Leben und Leben!“ rief er und fing, als Ambros die ganze Wucht seines blinden Zornes zu einem entscheidenden Schlage zu sammeln schien, denselben als gewandter Fechter so kräftig auf, daß der schon während des Gefechtes schadhaft gewordene Stutzen des Jägers am Laufe brach und ihn wehrlos dem Gegner gegenüberstellte.

„Du bist wehrlos,“ sagte Günther. „Ergieb Dich jetzt oder fliehe! Ich sag’ es Dir noch einmal: Ich will nicht wissen, daß wir uns begegnet sind.“

„Ergeben? Ich mich Dir ergeben?“ schrie Ambros außer sich. „Wer sagt Dir, daß ich wehrlos bin? Ich bin’s nit, so lang ich noch einen Arm rühren kann, um Dich mit den Händen zu erwürgen …“ Mit wildem Sprunge stürzte er sich auf den verhaßten Gegner, um ihn im verzweifelten Ringkampfe zu umfassen – aber in Mitte desselben stürzte er mit grellem Aufschrei zusammen; er hatte das von Günther zur Abwehr vorgehaltene Bajonnet sich tief in die Brust gerannt. Ein Blutstrom schoß hervor. Das Auge fest auf den Gegner gerichtet, schien er noch ein Wort des Fluches sprechen zu wollen; aber die Lippen vermochten nicht mehr, es hervorzustoßen, und wie sterbend schloß er die Augen.

„Du hast es selbst begehrt, Unglücklicher!“ sagte Günther. „Wälze nicht mir die Schuld zu, daß es so gekommen – ich hätte es anders gewollt.“ Er bückte sich zu dem Gefallenen nieder und versuchte, ihn aufzurichten. Jetzt erst fühlte er den heftigen Schmerz seiner Armwunde. Das Blut strömte in starkem Gusse aus derselben, dunkel umflorten sich seine verschwimmenden Augen, und mit einem Seufzer sank er neben Ambros zur Erde.

Unbekümmert um die Beiden ging das Gefecht seinen blutigen Gang.

Der Abend brach bereits herein, als die siegenden Preußen die ganze Umgebung der genommenen Stadt nach den Gefallenen und Verwundeten durchsuchten. Die kühler werdende Abendluft hatte Günther aus der Ohnmacht geweckt, in welche Schmerz und Blutverlust ihn versenkt hatten. Auch Ambros hatte noch nicht zu leben aufgehört; sein Puls ging noch schwach, wenn auch das Bewußtsein vollständig geschwunden war. Trotz der schweren Wunde setzte die Kraft der gesunden Natur und der unverdorbene Körper der Vernichtung einen hartnäckigen, wenn auch vom Arzte der Ambulance nach kurzer, flüchtiger Untersuchung für vergeblich erklärten Widerstand entgegen. In dem nämlichen Saale, nur durch wenige Lagerstätten von einander getrennt, wurden die Doppelfeinde untergebracht. Für Günther mit seiner, wenn auch starken und schmerzhaften, Fleischwunde zeigte sich bald, daß keine Gefahr vorhanden; er bedurfte nur der Erholuug und Ruhe, um wieder Kraft zu sammeln und einer etwaigen Lähmung des Armes vorzubeugen. Schon nach wenigen Tagen war er wieder im Stande, das Bett zu verlassen.

Ambros dagegen war noch immer beinahe ununterbrochen in demselben bewußtlosen und schlafähnlichen Zustande gelegen, nur selten öffneten sich die starren Augen, und wenn es geschah, war es unverkennbar, daß sie nicht sahen und nicht erkannten, was ihn umgab; die Wahngebilde eines heftigen Wundfiebers hielten ihn unerbittlich umstrickt.

So waren ein paar Wochen vorübergegangen, und einem flüchtigen Beschauer wäre es kaum mehr möglich gewesen, die Spuren des Unheils zu erkennen, welches über die schönen, friedlichen Fluren dahingezogen war. Im Thale und die Höhen hinan, auf welchen der Kampf bis an die nächsten Dörfer sich ausgetobt hatte, haben lange schon die Massengräber sich friedlich über Freund und Feind geschlossen als letzte, einträchtige Ruhestätte; an Straßen und Häusern begannen die Kugelspuren und sonstigen Zeichen der Zerstörung wieder zu verschwinden, und nur in den Spitälern blieben noch lange die traurigen Beweise zurück, mit welch’ hartnäckiger Erbitterung von beiden Seiten um den Sieg gerungen worden war, wie viele unglückiche, brave Menschen dabei Leben und Gesundheit eingesetzt und nichts gewonnen hatten, als einen frühen schmerzlichen Tod oder ein verkümmertes Leben als siech gewordene Männer oder Krüppel.

Eines Abends, als eben der Arzt durch den Saal seine letzte Runde machte, begann Ambros sich zu regen; er schlug die Augen auf, sprach einige Worte mit dem Wärter und verlangte zu trinken. Sein Blick war sichtbar klarer geworden, und mit dem Ausdruck unverkennbaren Behagens schlürfte er den kühlenden Trunk; aber wieder war es nur ein flüchtiger Augenblick der Sammlung und Erholung; denn über den Arm des Wärters hin fiel das Auge des kranken auf Günther, welcher theilnehmend näher getreten war, und wie mit einem Schlage kehrte das Fieber mit seinem Wahne zurück. Nur mit Anstrengung vermochte Ambros einen Laut aus der wunden Brust hervorzustoßen, während die Augen im Feuer der alten Wildheit aufloderten. „Da ist er wieder!“ keuchte er endlich. „Thut mir ihn weg. – Muß ich ihn denn überall finden, den Teufel? Lache nur, weil Du wohlauf bist und gesund! Komm’ her, wenn ich daliegen muß auf den Tod … ich nehm’ es auf mit Dir … Du sollst sie nicht haben, Teufel … ich werfe Dich hinunter über das Gewänd …“ Beim ersten Laute war Günther hinweggeeilt; Ambros rang einen Moment mit dem Wärter, der ihn zurückhielt – er wollte aufspringen und auf den Verhaßten losstürzen, aber dann verließ ihn die Kraft und lallend sank er auf’s Lager und in den alten Zustand zurück.

Während der Arzt herantrat, nach Veranlassung und Zusammenhang des Vorfalls zu fragen, kam der Wärter mit der Meldung herein, daß zwei fremde Frauenspersonen vor der Saalthür stünden, die einen Verwundeten zu besuchen gekommen seien. „Sie müssen weit her sein,“ sagte er; „denn die Kleider, welche sie tragen, sind in der ganzen Gegend unbekannt.“

„Zu welchem Verwundeten wollen sie?“ fragte der Arzt. „Es ist schon spät, und der Besuch kann die Ruhe der übrigen Kranken stören. Es wird wohl bis morgen Zeit haben.“

„Der Besuch gilt dem baierischen Jäger,“ sagte der Wärter, „dort in der Ecke, der den Bajonnetstich in die Brust bekommen hat. Es sind wohl Mutter und Schwester, die ihn besuchen wollen, oder es ist gar sein Schatz, weil sie so verweinte Augen hat.“

„Erinnern Sie sich, Herr Doctor,“ sagte Günther, leise hinzutretend, „daß auf meine Veranlassung an die Angehörigen des Unglücklichen, die mir bekannt sind, geschrieben und ihnen Nachricht von seinem Zustand gegeben wurde!“

„Ganz recht,“ entgegnete gleichgültig der Arzt; „wenn es den angeht, dann erleidet die Sache allerdings keinen Aufschub. Ich glaube nicht, daß der Bursche den Morgen erlebt. Da ist der Besuch noch gerade recht gekommen. Wollen Sie,“ fuhr er, sich zu Günther wendend, fort, „es vielleicht übernehmen und die Frauen hereinführen, da Sie doch mit ihnen bekannt zu sein scheinen?“

Günther kämpfte einen Augenblick mit sich selbst. „Nein,“ sagte er dann, „es wird besser sein, wenn ich ihnen nicht begegne. Es würde sie und mich zu sehr erschüttern und doch nichts fruchten. – Ich will beiseite gehen, damit ich ihnen nicht zu Gesicht komme – wenigstens für heute nicht.“

Der Arzt wendete sich dem nächsten Bette zu, und auf den Wink des Wärters, der die Thüre leise öffnete und zur Stille aufforderte, trat die Funkenhauser Bäuerin ein, hinter ihr Tonerl. Man sah es der Frau an, wie sauer ihr der Gang wurde, den sie machen mußte; aber sie hielt sich tapfer aufrecht; das Mädchen dagegen hinter ihr schwankte, als ihr die Luft des Krankenzimmers entgegenschlug; aus dem einst so lachenden Angesicht war alle Fröhlichkeit gewichen, und der Wärter hatte wohl Recht: man sah es den Augen an, daß sie viel geweint hatten und bitterlich.

[660] „O du liebe Mutter vom Birkenstein!“ rief die Bäuerin schmerzlich, als sie den Leidenden bleich und entstellt vor sich liegen sah. „Ist’s denn menschenmöglich, daß dies der Ambros ist, der gute, brave Bursch, der noch vor ein paar Wochen dag’standen ist, so frisch und g’sund wie ein Kirschbaum?“

Tonerl konnte nicht sprechen. Schweres Schluchzen erschütterte ihre Brust; wie unwillkürlich sank sie am Bettrande in die Kniee und beugte das thränenübergossene Antlitz auf die kaltfeuchte Hand des Verwundeten nieder. „Ambros!“ rief sie weinend, „hörst mich nimmer? Das Tonerl ist da! ich bin bei Dir – Ambros – Ich will Dich um Verzeihung bitten für Alles, was ich Dir angethan hab’ – daß ich Dein gut’s, treu’s G’müth so von mir gestoßen und veracht’t hab’. Schau mich nur noch ein einzig’s Mal an und sag’, daß Du mir verzeihst! Ich bin hart g’nug g’straft, auch ohne das, davon ist Gott mein Zeug’!“

Waren es die heißen Thränen, welche die Hand des Leidenden überströmten, oder hatte die bekannte Stimme eine solche Gewalt über die entschwindenden Lebensgeister, – Ambros öffnete noch einmal die schweren Augenlider, sein Blick traf das Antlitz der Bäuerin; er streifte über dem gebeugten Haupte des Mädchens hin und ein unbeschreiblicher Ausdruck der Seligkeit und des Glückes brach aus den dunklen Augen hervor. „Was? Die Bas’ kommt zu mir!“ flüsterte er. „Das ist schön; das freut mich … Und Du bist auch da, Tonerl, und Du weinst wohl gar um mich? Das macht mir das Sterben leicht.“

„Red’ net vom Sterben, Vetter!“ sagte die Bäuerin. „Du wirst vielleicht schon wieder werden. Du mußt halt ein recht’s Vertrauen fassen zu der heiligen Mutter vom Birkenstein; die hat schon noch viel größere Wunder gewirkt.“

„Nein, Bas’,“ sagte Ambros mit leichtem, traurigem Kopfschütteln, „was in meiner Brust zerrissen ist, das wird net wieder ganz. Ich spür’s, das Bajonnet ist zu tief ’neingegangen; er hat gar z’ fest zug’stoßen, der Herr Günther.“

„Wer?“ rief die Funkenhauserin. „Wer, hast Du g’sagt?“ und die wenigen Silben blieben ihr beinahe auf der Zunge haften. Toni starrte ihn entsetzt und wie versteinert an: die Thränen in ihren Augen standen einen Augenblick still.

„Der Günther,“, wiederholte Ambros matt. „Ihr kennt ihn ja, den Herrn Schulze, der unser Gast g’wesen ist auf dem Funkenhauserhof … Wir sind mit einander z’samm ’kommen und haben abg’rechnet mit einander.“

„Das auch noch!“ stammelte Toni halblaut und tastete, dem Umsinken nahe, um sich. „Mir wird so schwarz vor den Augen; ich glaub’, mir wird net gut.“

„Das macht die Luft von der Krankenstube und die Alteration,“ sagte der Wärter. „Ich führ’ die Jungfer ein wenig hinaus an die frische Luft; da wird ihr schon wieder besser werden.“ Er that’s; Toni wankte hinaus, und mit Augen, die wie zwei erlöschende Kohlen funkelten, blickte Ambros der Verschwindenden nach.

„Sie hat ihn noch immer gern, Bas’,“ stammelte er. „Daß ich sterben muß, das kränkt sie viel weniger, als daß es der Günther ist, der mir das gethan hat …“

„Denk’ jetzt net an solche weltliche Sachen!“ rief die Bäuerin. „Jetzt ist zu ernsthaften Gedanken Zeit. Mach Ordnung mit unserem Herrgott! Ambros – denk’ an die Ewigkeit!“

„Ich kann net, Bas’,“ jammerte er. „Das hat mir wieder einen Stich ’geben, mitten durch’s Herz, der brennt mehr als die Wunden von dem spitzigen Eisen – so kann’s höllische Feuer net brennen. Sie hat mich amal gern g’habt, Bas’; ich weiß’s g’wiß, von Herzen gern, bis der Preuß’ ’kommen ist mit seine Schmeichelwort’ und seine schönen Reden – der hat sie verkehrt und hat mir ihr Herz gestohlen und ihre Lieb’, und jetzt nimmt er mir auch noch mein jung’s Leben! Und ich kann mich net rächen an ihm und kann’s ihm net vergelten!“

„Scham’ Dich, Ambros,“ sagte die Bäuerin ernst, „daß Du so abscheuliche Reden führst! Ist Dein ganz’ Christenthum verloren ’gangen in der kurzen Zeit von Dein’ Soldatenleben? Denk’ an die Ewigkeit, denk’ an’s Beten! Schau, ich will bei Dir bleiben, Ambros, und will Dir vorbeten.“ Sie hatte sich auf den Rand des Lagers gesetzt und ein altes, vergriffenes Büchelchen mit großgedruckten Gebeten und unscheinbaren Holzschnitten hervorgezogen; sie blätterte und wollte eben anfangen zu lesen. Darüber fiel ein Blatt heraus und flog auf die Decke.

Ambros griff darnach, schaute es an, und wie in den Tagen der Kraft und Gesundheit trieb ihm das Blut die letzten seiner Wellen in’s Angesicht. „Die heilige Philomena!“ hauchte er, und aus seinem Auge brach ein Glanz des Friedens, wie ein plötzlicher Sonnenstrahl durch das Gewölk bricht. „Die Heilige vom Seitenaltar in unserer Kirchen daheim, – die Fräul’n!“

Es war das letzte Aufflackern der erlöschenden Flamme gewesen. Mühsam hob er die erlahmende Hand und streckte sie der Bäuerin und Tonerl entgegen, die gefaßter eben wieder in’s Zimmer trat. Sie ergriff seine Hand; ihr letzter Druck durchzitterte sie. Fest und starr hing sein Auge an ihr, aber nicht mehr feindlich und bitter wie zuvor; immer heller, immer verklärter brach der Strahl der Liebe daraus hervor. Um seinen Mund breitete sich ein versöhnendes Lächeln – noch wenige Augenblicke, und er hatte vollendet.

In wort- und thränenloser Rührung verließen die Frauen den Saal und traten auf den von trüben Laternen beleuchteten Vorplatz hinaus; hart an der Schwelle, so nahe, daß die Begegnung nicht mehr zu vermeiden war, stand ihnen Günther gegenüber.

Einen Augenblick blickten sie sich schweigend und überrascht an. Günther machte eine Bewegung, als ob er sich nähern wollte; ein Wort schwebte auf seinen Lippen; die Bäuerin aber wies ihn mit heftig abweisender Geberde zurück. Toni verbarg ihr verstörtes Angesicht in ihrem Tuche; dann schritten sie an ihm wie an einem Fremden vorüber. „Ein Begegnen auf Nimmerwiedersehen,“ sagte er dann vor sich hin, trat an die Thür und schaute den Dahinschreitenden nach in die Nacht, die draußen sich niedergesenkt hatte, finster und sternenlos.

[673]
4. Zur Eintracht!

Ein Jahr war vorüber: der Sommer hatte wieder seine ganze Herrlichkeit ausgebreitet über Thäler, Gebirg und See; hätten auf dem Friedhof des kleinen Dorfes nicht die schwarzen Kreuze und die Leichensteine daran gemahnt, daß es ein Ort des Todes, eine Stätte der Trauer um die Vergangenheit sei, man wäre versucht gewesen, ihn für einen Garten zu halten, dem fröhlichen Leben gewidmet und der fröhlich hoffenden Gegenwart. Von den Grabhügeln war fast nichts zu sehen, so hoch waren sie mit Gras bewachsen, so dicht von Rankenrosen überhangen und mit anderen Strauchblüthen bedeckt; und die dahinter stehende große Linde war so überreich von den duftenden weißgrünen Blüthenflügeln übergossen, daß davor alle Gedanken an Grab und Vergänglichkeit verschwanden und das Auge des Vorüberwandelnden auf dem Grün und dem Flor so ruhig haftete, wie der bunte Falter, dem es gleichgültig ist, ob die Blume, die er umgaukelt, auf einem Grabe blüht oder auf einem Gartenbeet. Die Bevölkerung des am anstoßenden Schullehrerhause angebrachten Bienenstandes summte nur zwischen den Lindenzweigen und Blumenkelchen hin und wieder und dachte nicht daran, die zarten Flügel über die Mauer des Friedhofs hinauszuwenden, wo im verduftenden Thau die breiten Wiesenmatten schimmerten, wo der See blaute und flammte, wo die Berge und Wälder grünten und dunkelten bis hoch in den Himmel hinein, der Alles umfaßte, leuchtend und klar, wie ein einfacher, großer Gedanke.

An der Kirchhofmauer stand der Maler, der schon im vorigen Jahre das Thal durchwandert hatte; die Mappe auf die Brüstung gelegt, war er emsig daran, eine kecke Farbenstudie der Umgegend hinzuwerfen. Jetzt hielt er einen Augenblick inne und betrachtete sein Werk, wie es schien, nicht ohne Zufriedenheit; dennoch schüttelte er den grauen Kopf und rief: „Wir sind und bleiben doch Stümper, wir Maler! Unser Können ist ewig Stückwerk! Farbe und Gestalt, Licht und Schatten kann man wohl wiedergeben und festhalten, aber nimmermehr das große lebende Ganze! Um das zu vollbringen, müßte ich den Ton der Glocke mit hineinmalen können, der jetzt so ernst und doch so innig vom Thurme herniederklingt – ich müßte den Duft hineinmalen, der von der Linde strömt und von den Rosenbüschen und von den Grashalmen, die dort auf der Wiese unter der Sense fallen und im Welken den süßesten Duft ihres kurzen Daseins verhauchen wie einen letzten Athemzug.“

Vertieft im Schauen und Arbeiten, beachtete der Künstler nicht, daß in der Dorfkirche nebenan der Gottesdienst zu Ende ging; das Läuten verstummte, und die Kirchenbesucher wanderten über den Friedhof ihren Häusern zu, einzeln und hier und da an einem Grabe verweilend, um es mit einem Tropfen Weihwasser zu besprengen oder am Rosenkranz eine Gebetkoralle fallen zu lassen. Die meisten Besucher waren dunkel gekleidet, wenigstens die Frauen hatten schwarze Tücher und Schürzen um; denn es war ein Trauergottesdienst gewesen, wie sie üblich sind am Jahrestage der Stunde, die einen theuren Verwandten oder lieben Freund aus dem Kreise abgerufen hat, in welchem, wenn auch seine Stelle längst ausgefüllt ist, ihn doch mindestens an diesem Tage eine fromme Erinnerung zurücksehnt.

Der Friedhof war beinahe leer geworden; nur an der Rückseite der Kirche standen noch Tonerl und die Funkenhauser-Bäuerin vor einer in die Mauer eingesetzten Wandtafel, einer schlichten Kelheimer Platte mit schwarzer Inschrift und dem schwarzen Kreuze darunter. Unterhalb waren an einem Drahte Korallen wie an einem Rosenkranze zum Hin- und Wiederschieben angebracht, und auch ein schlichtes Blechkästchen für das geweihte Wasser fehlte nicht, daß den armen Seelen der Geschiedenen, die vielleicht für eine irdiscbe Schwäche im Fegfeuer zu dulden haben, die Labung nicht fehle, die ihnen Kühlung giebt, wie ein Tropfen erfrischenden Thau’s den Halmen einer versengten Flur. Lag Ambros auch im fernen Frankenlande begraben, so durfte es doch in der Heimath an einem Denkzeichen für ihn nicht fehlen; es war der Tag des heiligen Cyrillus, der Jahrestag von Kissingen, und die Todtenfeier hatte seinem Andenken gegolten. In Gebet und stumme Betrachtung versunken standen die beiden Frauen lange da; die Funkenhauserin hatte anfangs den Verlust des einzigen und nächsten Verwandten, des vermuthlichen und nicht unwillkommenen Eidams, anscheinend leichter getragen als Tonerl, auf welcher neben der Last des Doppelverlustes, den sie erlitten, in seiner vollen Bitterkeit der Gedanke lastete, auf welche Art das Alles so gekommen, und wie sie vielleicht nicht ganz frei von der Verantwortung war, daß es so hatte kommen müssen. Jetzt aber hatten Beide die Rollen getauscht: die rüstige Bäuerin war bedeutend gealtert, noch weißer sah das Haar unter der dunklen Trauerhaube hervor, um die Augenwinkel und an den sonst so glatten Wangen hatte stiller, unausgesprochener Kummer seine leisen Fältchen tiefer eingegraben. In Tonerl dagegen hatte die Kraft der [674] Jugend, die Fülle des noch aufstrebenden Lebens sein Anrecht gegen den Schmerz behauptet; ihr Antlitz war wieder blühend geworden; schön und stattlich stand sie da im feierlichen Trauergewande; aber das Braun ihrer Augen war einen Ton dunkler geworden, und der Mund war so ernst und fest geschlossen, als sollte er nie mehr sich zu heiterem Lachen öffnen und jene lieblichen Grübchen bilden, die ihn sonst so anmuthig gemacht hatten. Geraume Zeit waren sie so gestanden; die Uhr vom Kirchthurm mahnte mit dröhnendem Schlage an die eilig fliehende Zeit. Die Bäuerin schloß ihr Gebet, bezeichnete Stirn und Mund mit dem Zeichen des Kreuzes und sprengte Weihwasser auf den Boden. „Der Herr Cooperator kommt net,“ sagte sie. „Er wird wohl aufg’halten worden sein. Komm’, Tonerl! Wir wollen geh’n.“

Schweigend wollte die Tochter der Aufforderung und dem Beispiel der Mutter folgen, als, durch die Reden aufmerksam gemacht, der Maler sich umwendete und, die Beiden jetzt erst gewahrend, grüßend näher trat. „Ei grüß Gott!“ rief er. „Das ist ja ein angenehmes Zusammentreffen! Ist das nicht die Funkenhauser-Bäuerin?“

„Wohl bin i das,“ sagte die Frau mit einem Seufzer, „und sind Sie net der Maler, der lustige, der im vorigen Jahr bei uns auf ’m Hof oben war?“

„Freilich,“ rief der Künstler, indem er die dargebotene Hand faßte und schüttelte. „Es freut mich, daß Ihr mich wieder erkennt, aber mit der Lustigkeit, gute Frau, hat es nicht mehr viel zu bedeuten! Was wir seither erlebt haben, ist für einen Menschen, der hinter der Stirne nicht trockenen Schwamm und unter dem Brustlatz nicht einen fühllosen Stein hat, so bitter gewesen, daß wohl geraume Zeit nöthig ist, es zu verwinden, wenn es je völlig verwunden werden kann. Ihr habt es ja auch erfahren; ich seh’ es an Euren Kleidern und hab’ auch davon gehört, daß der Krieg auch Euch einen lieben Verwandten geraubt hat.“

„Leider, leider – Gott geb’ ihm die ewige Ruh’!“ sagte die Frau, indem sie sich die Augen mit der Schürze trocknete. „Mein Vetter Ambros, meiner Mutterschwester Sohn. Es ist g’schwind ganz einsam worden auf dem Funkenhauserhof seit dem vorigen Sommer.“

„Das glaub’ ich wohl,“ sagte der Maler, „einsam mag es sein, aber immerhin noch schön, immerhin seid Ihr noch zu beneiden, welche keine Schranke, kein Beruf von der herrlichen Natur um Euch her trennt! Das ist der beste Trost, daß die Natur sich nicht verändert. Mag der Mensch sich noch so furchtbar an ihr versündigen, in ihrer Erhabenheit übersieht sie den Frevel und verhüllt ihn mit noch schöneren Blüthen als zuvor. Wo nähme ich die Kraft her, das Leben noch zu ertragen ohne sie? Darum will ich mich diesen Sommer auch so recht nach Herzenslust an ihr laben! Wie wär’s, Funkenhauserin, wenn Ihr mich zu Euch nähmet? Ihr habt Raum genug im Hause, und ich bin ein stiller, genügsamer Miethsmann.“

„Du lieber Gott,“ sagte die Bäuerin mit einem leichten Seufzer, „Platz hätten wir freilich g’nug; aber es ist am besten, wenn Jedes für sich selber bleibt.“

„Warum doch?“ lachte der Maler entgegen. „Wenn die Weltordnung es so gewollt hätte, so würde sie es auch gewiß darnach eingerichtet haben, daß Jedes für sich wie in einer Muschel eingeschlossen lebte. Weil es aber nicht so ist, ist das der beste Beweis, daß es nicht so sein soll. Darum sollen die Menschen mit einander leben und sollen einander leben helfen. Ich denke, es muß mitunter gar zu einsam sein auf dem Funkenhauserhofe; Ihr seid jetzt die Gäste gewohnt von früheren Jahren her. Ihr sagtet mir ja selbst, daß eine preußische Familie bei Euch gewohnt hat, die wird heuer wahrscheinlich doch nicht kommen…“

„Nein,“ sagte die Funkenhauserin mit etwas unsicherem Tone, „die kommen wohl so bald net wieder.“ Die Bewegung in den Zügen und der Stimme der sonst so starken Frau entging dem gewandten Künstler eben so wenig als die Hastigkeit, mit welcher Tonerl, um ihre vorstürzenden Thränen zu verbergen, sich gegen die Wandtafel abwendete und an derselben herumstudirte, als lese sie deren Inhalt, den sie doch längst auswendig wußte, zum ersten Male.

„Was ist das?“ sagte er, indem er Beide betroffen betrachtete. „Da hab’ ich die unrechte Saite berührt, wie es scheint, habe schmerzliche Erinnerungen aufgeweckt, und Ihr habt wohl gar unangenehme Erfahrungen mit Euren Gästen gemacht! Nun, dann müßt Ihr mir eben verzeihen. Ich konnte das nicht wissen und ich will Euch auch nicht weiter drängen. Aber das werdet Ihr doch erlauben, daß ich einmal auf Besuch bei Euch einspreche?“

„Gewiß,“ rief die Bäuerin treuherzig, „kommen Sie nur! Sie haben so was Gewisses an Ihnen, daß man Ihnen net wohl feind sein kann.“

„Gut,“ sagte der Maler, „ich komme, dann lernt Ihr mich näher kennen und gewöhnt Euch vielleicht doch noch an mich, daß Ihr mich als Euren Gast aufnehmt. Ich will Euch in Eurem Leben und Weben in nichts stören, und wer weiß, ob ich Euch nicht hier und da helfen oder Euch gar trösten kann. O, ich verstehe mich darauf trotz dem besten Doctor; ich besitze, eine Universalmixtur, die für Alles hilft, von der will ich Euch geben.“

„Ein solches Trank’l wär’ freilich net zu verachten,“ sagte die Bäuerin trübselig, „aber es giebt halt Sachen, für die kein Kraut g’wachsen ist, so wenig wie für den Tod!“

„Das ist nicht wahr,“ scherzte der Maler weiter, „und wenn Ihr mir folgt, will ich’s Euch beweisen, daß es nicht so ist. Ich mache aus meiner Cur gar kein Geheimniß, mein Mittel kostet nichts und wächst überall, Sommer wie Winter, und besonders bei Euch auf dem Lande da ist es zu haben, wenn man nur den Fuß vor die Thür setzt und die Augen aufmacht. Die Universaltinctur ist die herrliche, ewige Natur um uns herum! Wer es versteht, ihr nahe zu kommen und sie so recht zu begreifen, der kann so wenig für immer unglücklich sein, als es in der Natur immer Winter bleibt. Der Schnee und der Schmerz sind alle zwei gleich vergänglich – wenn sie aber vergangen sind, kommen aus ihnen die frischen Quellen, die in’s Land herunterrieseln und wieder frisch machen, was erstarrt und vertrocknet war. Die Natur –“

„Sie thun sehr Unrecht, mein Herr,“ unterbrach ihn die feierliche Stimme des Cooperators, der inzwischen auf dem Grasboden ungehört herangekommen war, „Sie begehen ein Verbrechen, wenn Sie die Gewandtheit Ihrer Rede mißbrauchen, um diese einfachen Gemüther mit solchen Worten zu verwirren und irre zu leiten. Nicht da hinaus müssen Sie das Auge des Leidenden lenken, nicht auf die vergängliche Schöpfung, so schön auch ihr wechselndes Gewand erscheinen mag! Auf den ewigen, allein nicht wandelbaren Schöpfer müssen Sie dieselben verweisen, auf ihn, vor dem alle Creatur verschwindet, wie ein Wassertropfen vor der Sonne! Nicht aus der Natur quillt Trost und Erquickung, sondern nur aus Gott allein.“

Der Maler stand ruhig und ließ den forschenden Blick vom Antlitz des Eifernden bis auf die Sohle nieder gleiten; dann deutete er in die wunderbare Landschaft hinaus und rief: „Und wo ist Gott, wenn nicht in der Natur? Sie ist aus ihm und was wäre er ohne sie?“

„Entsetzlich!“ rief der junge Priester mit aufblitzenden Augen. „Welche Grundsätze! Das ist offenbare Lästerung, heillose Vergötterung der Natur! Das sind die Früchte jenes falschen Lichtes, jener Scheinbildung, mit welcher Ihr kalter und unfruchtbarer Norden prahlt, und womit er auch unseren warmen, gemüthvollen Süden verpesten will!“

„Sie thun mir zu viel Ehre an, wenn Sie mich für einen Nordländer halten,“ sagte der Maler mit gutmüthigem Spotte; „meine Wiege stand zufällig tief im Süden, in Oesterreich – aber Sie brauchen sich weder für diese guten Frauen noch um meinetwillen so zu erhitzen. Jedenfalls aber dächte ich, die norddeutsche Bildung, die Sie so sehr schmähen, hätte sich doch in letzterer Zeit glänzend bewährt.“

„Aber der Glanz wird vergehen,“ rief der Geistliche eifrig, „er wird verschwinden, wie er gekommen ist, und seine Spur wird nicht mehr zu sehen sein, wie die des Nordlichts am Horizont! Triumphiren Sie nicht über diese vorübergehenden Erfolge! Der Himmel läßt oft wunderbare Fügungen und Prüfungen zu; aber seine Langmuth ermüdet endlich. Dann greift er nach der Wage und hält sie zwischen Aufgang und Niedergang, gegen einander zu wägen, was wahr und falsch ist! Doch,“ unterbrach er sich einlenkend, „gehen Sie immerhin Ihre Wege, mein Herr! Es wird mir nicht einfallen, Sie belehren und von denselben abbringen zu wollen, aber suchen Sie nicht die Schäflein der mir anvertrauten Heerde zu verlocken, sonst dürfte ich doch Mittel finden, dieselben vor Ihnen zu schützen! Und Ihr, meine Lieben,“ [675] fuhr er, gegen die Bäuerin gewendet, fort, „Ihr wachet und betet, daß Ihr nicht wieder in Versuchung fallet, denn der böse Geist geht herum in der Welt wie ein brüllender Leu und sucht, wen er verschlinge… Es war etwas Hochwichtiges, was ich Euch mittheilen wollte, und weshalb ich Euch bat, mich hier zu erwarten aber andere Geschäfte rufen mich, die Zeit ist schon zu weit vorgeschritten, ich will meine Mittheilung auf eine andere und bessere Stunde verschieben. Ich werde Euch demnächst besuchen – ich danke dem Himmel, daß es mir endlich gelungen ist, ein Körnlein guten Samen in Euer Herz zu streuen; aber noch droht das Unkraut es zu überwuchern, das Körnlein bedarf der Obhut und Pflege des Säemanns … von allem Unkraut aber das schlimmste und gefährlichste ist böser Umgang, unheilige Gesellschaft, wovor ich Euch früher schon gewarnt habe… Seid meiner Worte eingedenk!“

Er ging; obwohl er mit Salbung und Feuer gesprochen, hatte er doch etwas an sich gehalten; die Nähe des ungläubigen Malers lastete auf seinem Redestrom wie ein unbequemer Dämpfer. Auch die Bäuerin wollte mit Tonerl hinweg, die unbekümmert um das Gespräch indessen zwischen den nächsten Grabhügeln dahin gewandert war und sich von einer Wermuthstaude ein silbergraues Blättchen pflückte, um es an ihr Mieder zu stecken, gleich als erkenne sie in dem bitteren Kraut das Zeichen und die rechte Zier für ihr leidvolles Herz.

„Komm’, Tonerl!“ rief ihr die Mutter zu. „Wir haben uns ein bissel zu lang verhalten, wir wollen den Weg am See hin machen! Es geht wohl eine Weil’ streng bergauf, aber es ist doch eine halbe Stund’ näher, und wir müssen ’reinbringen, was wir versäumt haben.“

„Funkenhauser-Bäuerin, noch ein Wort!“ rief ihr jetzt der Künstler nach, der eben sein Malgeräth zusammenpackte. „Ich habe nicht gewußt, daß es so bei Euch steht … da hat sich ja Manches, wie es scheint, sehr geändert, seit ich im vorigen Sommer mit dem frommen Herrn bei Euch auf dem Funkenhauserhofe zusammentraf. Wenn ich auch etwas in der Ferne saß, so habe ich doch gehört, wie und was Ihr damals mit ihm geredet habt, und ich hätte nicht geglaubt, Euch heute so wieder zu finden. … Es müssen Euch ja merkwürdige Dinge zugestoßen sein! Aber immerhin, ich will Euch nichts einreden; bleibt bei den Gedanken und Empfindungen, die Euch bisher glücklich gemacht haben! Das Einzige aber muß ich Euch sagen: Wenn Ihr Euch vielleicht doch besinnen und mich als Miethsmann auf einige Wochen aufnehmen wolltet, so will ich es lieber offen gestehen: Wenn der Herr da oft in Euer Haus kommt, dann bleib’ ich lieber draußen.“

„Na, na, es ist so arg net, als der Herr vielleicht glaubt,“ sagte die Bäuerin kopfschüttelnd und mit leichtem Lächeln. „Daß die Mannerleut’, wenn s’ nur z’sammkommen, gar so gern streiten! Mein Seliger ist g’rad auch so g’wesen, und der Herr Cooperator, das is Einer von den gar Scharfen! Ich mag aber von all’ der Streiterei net viel wissen, und doch, im vorigen Jahr, wie er mir g’sagt hat, ich soll die Preußen, die lutt’rischen Leut’ net in’s Haus nehmen, wenn ich ihm da g’folgt hätt’, hätt’ ich mir viel Kreuz und Kummer erspart! Der arme Narr, von dem nicbts mehr übrig ist, als die Tafel dorten an der Wand, der lebet’ vielleicht heut’ noch, und auf dem Funkenhauserhof thät’ eine lustige, rüstige Frau herumgeh’n, statt dem Mad’l dort, das den Kopf hängen laßt, wie ein Henn’l, das den Zipf hat! Wissen S, Herr Maler, der Weg geht am Funkenhauserhof vorbei; wer einkehren will, kriegt ein freundliches Gesicht und einen Grüßgott, ob’s nachher der Herr Cooperater ist oder ob Sie’s sind, Herr Maler die alte Funkenhauserin behalt’ schon ihren Kopf und laßt sich keinen neuen mehr aufsetzen! Und so b’hüt’ Gott und nix für unguet, Herr!“

Sie trennten sich. Der Maler schritt dem Wirthshause zu, wohl um sich nach einem Mittagsmahle umzusehen; das Paar wanderte den Steig zum See hinab, an dessen jenseitigem Ufer, von einer schönen, hochgelegenen Berghalde, der Funkenhauserhof so stattlich herabsah, daß ihm nur Thurm und Zinnen fehlten, um für ein Schlößlein oder eine Ritterburg zu gelten. Der anmuthige Weg zog sich erst durch etwas feuchte Wiesen und Aenger dahin, auf welchen zu beiden Seiten die Schmalzblume ihre hochgelben Rundkelche schaukelte, das Vergißmeinnicht seine blauen, fünfsternigen Blüthen verschüttet zu haben schien, und die Wiesenhyacinthe ihre braunrothen Dolden zwischen einzelnen, starren Schachtelhalmen oder den glänzenden Rundblättern des Cyclamen emporstreckte. Am Wege hin zog sich dichtes Gebüsch von Hasel, Schlehdorn und Weinschörl, die ihre Träubchen und rauhen Bartkätzchen wie spielend zu den Schmeelen und Taubnesseln nieder senkten, mit denen der Wegrain bewachsen war. Hart daneben spülte der See mit leise plätscherndem Anschlag auf die Kiesel und wiegte auf der seichten Uferfluth eine weiße Wasserrose mit saftigem Stengel und den breiten Blättern, welche um dieselbe herumschwammen, wie aufmerksame, dienstbeflissene Diener um ihre fürstliche Gebieterin. Unweit davon stand eine Gruppe schöner Edeleschen, die auf dem feuchten Grunde besonders gediehen und ihre gefiederten Blattbüschel zu einer dichten Krone zusammen bauschten, so daß die goldglänzenden Stämme wie Säulen aussahen und eine kleine, scheinbar künstlich angelegte Baumrotunde mit fast undurchdringlichem grünem Schattendach bildeten. Unter derselben war eine schlichte Sitzbank angebracht, zum Ausruhen wie zur bewundernden Umschau, denn es waren wenige Plätze am ganzen Gestade, die einen schöneren Ueberblick über den See gewährten. Hier lag an der linken Seite hin das Dorf mit Häusern und Bäumen, Dächern und Thurm in anmuthiger Einbuchtung; rechts gegenüber sprang der unten bewäldete Berg mit dem Funkenhauserhofe kräftig und wie gebieterisch in einem schönen Vorhügel empor; in der Mitte aber, über den Wasserspiegel hin, war das ganze Bild von einem breiten, majestätischen Felsgebirge abgeschlossen. Das Gebüsch am Wege und die mancherlei Krümmungen desselben verbargen das heimliche Plätzchen, daß es der Wanderer nicht eher gewahr ward, bis er in den Schatten selber trat und beinahe unmittelbar vor der Ruhebank stand.

Es war nur eine kurze Strecke Weges, welche Mutter und Tochter bis zum Eschenbühl zu wandern hatten, und dennoch brauchten sie geraume Zeit, denselben zurückzulegen; was sie einander zu sagen hatten, war nicht viel, aber gewichtig genug, um sie immer wieder zum Verweilen zu veranlassen.

„Glaubst Du, daß ich schier errathen kann,“ sagte die Bäuerin, „was der Cooperator uns hat sagen wollen?“

„Ich glaub’, ich kann’s auch, Mutter,“ nickte Tonerl entgegen. „Da ist die Lies’, die Tochter von dem armen Maier Hans – Du kennst sie ja. Die ist mein’ Cameradin g’wesen, wie wir miteinander in die Schul’ ’gangen sind. Seitdem sind wir aber auseinander ’kommen und haben keine zehn Wort’ mehr miteinander g’sprochen. Ich bin daheim; sie ist im Pfarrhof im Dienst. Der geistliche Herr hat neulich ein Wörtl davon fallen lassen, daß man net hochmüthig sein soll gegen seine Jugendfreund’ von der Schul’ her, wenn sie auch arm sind… Ich hab’ net gleich verstanden, was er damit hat sagen wollen, aber ein paar Tag’ darnach ist mir die Lies’ begegnet, ist stehen geblieben und hat mir ordentlich den Weg abg’wart’t. Sie hat mich trösten wollen, weil ich meinen Hochzeiter verloren hätt’ … ich sollt’ es machen, wie sie, sie hätt’ den bessern Theil erwählt und sich den himmlischen Bräutigam ausg’sucht, sie wollt’ sich nächstens einkleiden lassen als Klosterfrau auf’m Reitberg.“

„Er hat mir auch schon so ein Schlauderwörtl ’geben,“ sagte die Funkenhauserin, „und wie ist nachher Dein Sinn wegen dem Kloster?“

„Du hast es vorhin g’sagt, Mutter,“ entgegnete Toni, „daß es bei uns auf’m Funkenhauserhof so gar einsam ist – es kann auf dem Reitberg auch net einsamer sein; also glaub’ ich, daß es mich net hart ankommen thät’, im Kloster zu sein; aber ich glaub’ halt doch, ich hab’ keinen Beruf dazu. Ich bin an’s Arbeiten gewöhnt und könnt’ das müßige Leben net vertragen, und was das Beten anlangt, das kann ich bei uns daheim g’rad’ so gut, wie wann ich auf’m Reitberg eing’sperrt wär’, und vielleicht noch besser– Beten und Traurigsein,“ setzte sie nach kleiner Pause wiederholend mit leichtem Seufzer hinzu.

„Es ist mir lieb, daß Du so red’st,“ sagte die Bäuerin; „zwar, was die Traurigkeit angeht, wegen der laß’ ich mir kein graues Haar wachsen, die vergeht wieder. Aber wie soll’s sonst werden mit Dir? Du weißt, daß ich Dich nie genöthigt hab’; aber ich hätt’ Dich schon lang gern versorgt g’wußt und hätt’ gern Richtigkeit gemacht mit dem Funkenhauserhof, und jetzt ist’s mein erster Gedanken, wenn ich in der Früh’ aufsteh’, und der letzte, mit dem ich mich niederleg’ … es ist einmal net Gottes Willen gewesen, daß Du mit dem Ambros zusamm’kommen bist; aber es giebt noch g’nug richtige Mannerleut’ und brave Burschen, wo [676] Du Dir Ein’ aussuchen kannst. Da ist der Niederg’stettner neulich bei mir g’wesen, der meint …“

„Nein, Mutter, von dem will ich auch nix hören,“ unterbrach sie Tonerl rasch. „Aus der Welt will ich net; aber ich will doch einschichtig und ledig bleiben und will mit der Mutter forthausen.“

„Das ist ein dummes Gered’, das keine Heimath hat!“ eiferte die Alte. „Wie lang’ werd’ ich’s wohl noch treiben? Nachher bist Du ganz allein und dazu bist Du noch viel zu jung – das thut niemal net gut!“

„Aber die Mutter hat’s ja auch so g’macht! Wie oft hast mir’s erzählt, daß Du mit dem Vater net viel über ein Jahr verheirathet gewesen bist, und daß er g’storben ist, kurz nachdem ich auf d’ Welt ’kommen bin. Das ist jetzt schon an die zwanz’g Jahr – zu selbiger Zeit bist Du auch noch jung gewesen, Mutter, und ganz allein, und es hat doch gut ’than.“

„Ja ich,“ sagte die Bäuerin. „Ich! Bei mir ist das ’was Ander’s gewesen. Ich hab’ Dich g’habt und mein’ liebe Sorg’ und Noth, Dich aufzuzieh’n, und hernach … hernach hab’ ich meinen Mann, den Matthies, so viel gern g’habt; ich hätt’s ihm im Grab net anthun mögen, ein’ Andern zu nehmen.“

„Siehst, Mutter, g’rad’ so geht’s mir auch.“

„Ach mein,“ rief die Bäuerin, „das ist ein ganz ander’s Korn. So lang er gelebt hat, bist alleweil in Disputat mit ihm gewesen; jetzt, weil er todt ist, willst mir auf einmal weis machen, Du hätt’st den Ambros wunder wie gern g’habt.“

„Wer weiß, Mutter,“ sagte Toni nachdenklich, „wär’ das net möglich? Es mag wohl diemalen vorkommen, daß man erst hintennach einsieht, wie gut und treu es Eins g’meint hat mit uns und wie schlecht man’s ihm gedankt hat.“

„Mach’ mir keine Flausen vor! Ich bin kein heuriger Has’, den man im Krautgarten fangt! Ich seh’ wohl, Du willst mir ’was Blau’s vormachen, Du bist alleweil noch net g’scheidter wor’n, all mein Predigen und Zureden hat nichts g’holfen … Du hast alleweil noch den g’wissen Er in Kopf und Herz.“

„Und wenn’s so wär’, Mutter,“ sagte Tonerl stehen bleibend, „wär’ denn das was Unrecht’s?“

„Wohl ist’s ’was Unrecht’s,“ rief die Bäuerin eifrig. „Der Mensch muß für sich schauen, wie sein Weg geht, und was er unternimmt; dafür hat ihm unser Herrgott die Augen gegeben. Drum soll er sich Alles zuvor überlegen, ob er’s ausführen kann, und was er net ausführen kann, das soll er von vornherein net anfangen und soll sich’s aus dem Sinn schlagen, und wer das net thut, und wer sich auf a Sach’ verbeint und steift, die net möglich ist, wer baardu einen Stern haben will, den er doch net haben kann, weil die Stern’ festgemacht sind am Firmament – der verthut und vertragt seine kostbare Lebenszeit, die ihm vorg’messen ist nach der ewigen Ellen, und das ist wohl ein Unrecht, und ein groß’ Unrecht noch dazu, und das thust Du, weil Du als ein Bauernkind mit Dein’ alten christlichen Glaub’n von dem luttrischen Stadtherrn net lassen willst, der noch dazu Dein’ nächsten Freund den Garaus g’macht hat.“

„Nein, Mutter,“ sagte Toni treuherzig, „ich will mein’ Lebenszeit gewiß net verthun, ich will Alles redlich verrichten, was mein’ Schuldigkeit ist und was mir unser Herrgott auflegt – aber daß ich heirathen soll, das mußt net von mir verlangen, Mutter, das kann ich net. I will ja nix von – Du weißt schon, wen ich mein’! Ich laugn’s auch net; denn ich kann nix dafür und weiß selber net, wie’s so ’kommen ist – aber ich hab’ ihn halt gern, und erst jetzt, seitdem der Ambros todt ist, seitdem ich weiß, daß ich den Günther auf dieser Welt nimmer mehr zu sehen krieg’, jetzt g’spür’ ich’s erst, wie gern ich ihn hab’. Der Eh’stand ist eine heilige Sach’, Mutter. Ich möcht’ kein’ Andern nehmen; denn ich thät’ ihn doch betrügen, wenn ich ihm versprechen thät’, daß ich ihn gern haben wollt’. Ich könnt’s doch net halten, Mutter, meine Gedanken wären doch allweil – Du weißt schon, wo. Muß denn Einer g’rad’ g’storben sein, Mutter, daß man ihn nimmer vergessen kann? Der Herr Günther, wenn er auch noch so g’sund und wohlauf ist, ist für mich doch so gut, als wenn er zehnmal g’storben und begraben wär’ … schau, Mutter, da denk’ ich mir halt, wie Du beim Vater. Ich hab’ ihn so viel gern g’habt; ich möcht’s ihm im Grab’ net anthun, daß ich ein’ Andern nehmen thät’.“

Sie waren während dieser Reden langsam fortgewandert. Die Bäuerin wollte eben erwidern, als sie in die Baumgruppe traten und hart vor der Ruhebank standen, von welcher sich bei ihrem Anblick zwei ebenfalls in tiefe Trauer gekleidete Frauengestalten erhoben und ihnen, überrascht wie sie, gegenüberstanden.

Es waren ihre einstigen Sommergäste, Frau Schulze mit dem Fräulein.

Beide Parteien trauten ihren Augen kaum; beide standen wie festgebannt; die Blicke wurzelten auf einander, Keines war vor Ueberraschung eines Wortes mächtig. Auch die beiden Fremden hatten sich sehr gegen das vorige Jahr verändert, und es war nicht blos die schwarze Tracht, welche diese Veränderung hervorbrachte. Frau Schulze hatte viel von dem früheren, behäbigen Aussehen verloren, das sonst ihre Erscheinung so angenehm und gefällig gemacht hatte. Alwine war fast nicht mehr wiederzuerkennen. Ihre, Blässe hatte nicht zuzunehmen vermocht, wohl aber war sie noch hagerer geworden; das Antlitz war wie durchsichtig, als ob das Feuer der wunderbaren Augen, das mit noch überirdischerem Glanze daraus hervorstrahlte, nahe daran sei, die immer dünner werdende Körperhülle, hinter der es brannte, zu durchbrechen und dieselbe abzuwerfen wie einen verbrauchten Schleier. Alwine war sehr schwach, sie mußte sich beim Gehen auf den Arm der Mutter stützen; und doch that sie auch das so leicht, daß ihr Gang fast wie ein Schweben erschien; ihre in den Arm der Mutter gelegte Hand war keine Last, sie war wie ein Band, an welchem die Mutter hielt, damit ihr der Engel nicht zu früh entschwebe.

Eines Pulses Dauer standen sich die Frauen so gegenüber, dann trat die Funkenhauserin bei Seite in das Gras des Weges, um diesen den Fremden freizulassen; das Gesicht nach dem See hinausgewendet, stand sie und ließ dieselben ohne Gruß oder Zeichen der Beachtung an sich vorübergehen. Toni hatte einen Augenblick geschwankt, ob sie die Begegnenden ansprechen sollte; dann aber wendete auch sie sich ab und langte zuckend nach der Stelle, an welcher der Wermuthstrauß in ihrem Mieder steckte, als ob es ihr dort einen Stich gegeben habe mitten in’s Herz. Auch Frau Schulze und Alwine gingen weiter; dann blieben Beide stehen, blickten sich einen Moment in die Augen und wandten sich dann, den fortschreitenden Bäuerinnen nachzusehen; schon hatten diese den Ausgang des Eschenhains erreicht, als ihnen Frau Schulze nachrief: „Wie, Funkenhauser-Bäuerin,“ sagte sie, „ist es denn möglich, daß wir so aneinander vorübergehen? Wir haben so lange in Eurem Hause gelebt, wir waren so gern dort und verlebten mit Euch so viele schöne Stunden – Ihr seid uns auch gut gewesen, und nun sollen wir uns nicht einmal begrüßen und aneinander vorübergehen, wie vollkommen fremde Menschen? Wir sind als Feinde, im Zorne voneinander gegangen,“ fuhr sie fort, als die Funkenhauserin zwar stehen blieb, aber ohne näher zu treten. „Wir hätten das nicht thun sollen, es wäre vielleicht Manches zu verhindern gewesen, wenn wir es nicht gethan hätten. Wollen wir auch jetzt wieder so auseinander gehen, da wir doch wohl gewiß wissen, daß wir uns nicht mehr wiedersehen?“

Die Bäuerin stand noch immer unbeweglich und schwieg; Toni hatte sich abgewendet und starrte nach dem Funkenhauserhofe hinauf.

„Wir Beide,“ begann Frau Schulze wieder, „haben Euch so wenig ein Leides gethan, als Ihr uns – wir tragen keine Schuld an dem Unglück, das Euch begegnet ist. Das haben Mächte gethan, denen wir Frauen nicht zu gebieten vermögen, und in deren Walten wir uns einfach ergeben müssen; aber wir fühlen mit, was Euch begegnet ist! Glaubet mir, wenn ich Euch sage, daß es uns gleich schwer getroffen hat wie Euch!“

„Was? Ihnen auch?“ rief die Bäuerin, jetzt näher tretend, während Toni noch weiter bei Seite trat und, als ob sie eine leichte Schwäche anwandelte, sich an die Sitzbank lehnte. „Wie soll ich denn das verstehen, Frau Schulze? Und jetzt seh’ ich’s erst, daß Sie auch in der Klag’ sind! Sie haben also auch Jemand verloren, wie wir … Da darf und will ich wohl net weiter fragen, wer’s ist, den Sie verloren haben, ich kann mir’s ohne dem einbilden …“ fuhr sie nach kurzem Schweigen näher tretend fort. „Sie haben Recht, Frau Schulze … wir sind Leidensgefährten und müssen net so aneinander vorbeigehen. Wir sind ja Alle heutige Menschen; wie bald ist’s um Einen g’schehen, und man kann nix mehr gut machen, und wenn’s Einen noch so [677] sehr reut. Ich hab’ mir’s schon oft g’dacht, es wär’ vielleicht besser g’wesen, wir hätten uns net kennen gelernt; aber feind wollen wir einander net sein. Drum sag’ ich: Grüß Gott, Frau Schulze! Grüß’ Ihnen Gott, Fräul’n Wine! So haben Sie doch die alte Gegend wieder aufg’sucht?“

„Ja,“ entgegnete Frau Schulze. „Ihr wißt, wie sehr meine Tochter gerade dieses Thal liebt, dessen Luft ihr so sehr behagt. Der Arzt hat ihr, weil sie doch nicht hier bleiben kann, den Aufenthalt im südlichen Tirol verordnet, und als der Weg uns durch Euer Thal führte, wollte Alwine wenigstens den Ort wiedersehen, der ihr so theuer ist. Deshalb haben wir diesen Punkt besucht. Drüben im Gasthause wartet der Wagen nur auf unsere Rückkehr, um die Reise fortzusetzen.“

[689] Die Bäuerin war beklommen. Sonst so gewandt und rasch entschlossen in allen Verhältnissen, befand sie sich der Fremden und ihren Worten gegenüber in so eigenthümlicher Lage, daß sie die Augen niederschlagen und erst mit sich selbst zu Rathe gehen mußte, ehe sie etwas zu erwidern vermochte.

„Wo ist Eure Tochter, wo ist Toni?“ fragte Frau Schulze, um das verlegene Schweigen zu unterbrechen.

„Sie hat sich entfernt,“ erwiderte Alwine, vom Rande des Gebüsches zurückkommend. „Sie kniet dort oben an der Wegcapelle; sie will der Begrüßung mit uns ausweichen, wie es scheint, und wenn ich das auch begreiflich finde, weil sie wohl den schwersten Grund hat zu grollen, so ist es doch für mich nicht minder schmerzlich.“

„Sie ist noch jung,“ sagte Frau Schulze. „In dem Alter sind Empfindungen und Leidenschaften noch heftig! Wenn die [690] Zeit ihre verderbliche und doch auch wieder so segensreiche Macht auch an ihr bewährt haben wird, wird auch sie freundlich an uns denken – wenn dann auch das Grab sich über uns geschlossen hat. Wir Beide, ich und Ihr, Funkenhauser-Bäuerin, wir sind wohl die Nächsten an dem ernsthaften Schritt … drum haben wenigstens wir Frieden gemacht. Wir sind nicht mehr Feinde, und wenn wir uns einmal in der Ewigkeit wiedersehen, so werden wir wohl auch wieder Freunde werden.“

Die Funkenhauserin sah ihr ernsthaft und bewegt in’s Gesicht. „Werden wir uns denn wiedersehen in der Ewigkeit?“ fragte sie dann.

„Ich verstehe, was Ihr meint!“ rief Frau Schulze entgegen; „aber habt deswegen keine Sorge! Wir sehen uns wieder in der Ewigkeit.“

Die Bäuerin erwiderte nichts; sie nahm die dargebotene Hand der Scheidenden und stand noch eine Weile regungslos, als Beide schon aus dem Haine getreten waren und den Seeweg hinunterwandelten. Erst nach einigen Augenblicken wandte sie sich und schritt tiefsinnig dem Pfade nach, den Tonerl vor ihr eingeschlagen hatte. Als sie bei der Capelle ankam, traf sie Tonerl auf der Betbank knieend, die Arme aufgestützt und das Antlitz in den gefalteten Händen verbergend, durch deren Finger sich einzelne Tropfen hervorstahlen.

„Hast sie verstanden, Mutter?“ sagte sie leise, als diese neben ihr niederkniete. „Weißt, für wen die Frau Schulze und das Fräul’n Trauer anhaben?“

„Wie kann ich das wissen?“ entgegnete die Bäuerin. „Hab’ sie auch nit fragen wollen. Aber errathen kann ich’s leider Gottes!“

„Mutter, ich weiß’s,“ sagte Toni, indem sie sich gefaßt die Thränen abtrocknete. „Ich g’spür’s inwendig auch ohne Fragen. Du hast jetz nix mehr vor mir voraus wegen dem Ledigbleiben.“

Die Bäuerin erwiderte nichts; sie schien zu beten, und ihre Augen hingen an dem Heiland, dessen kunstloses Bild in der Capelle dargestellt war, wie er, das Kreuz schleppend, mühselig unter der Last desselben zusammenbricht. Er wendete das Antlitz nach den Betern hin, und es war, als ob sein Blick mit gramvoll flehender Bitte auf ihnen hafte. Die Funkenhauserin weinte nicht; aber auch sie schlug die Hände vor das Gesicht und verharrte noch einige Augenblicke schweigend, der Blick mahnte sie wie strafend an eine frühere Stunde. Plötzlich erhob sie sich, auch Tonerl stand auf; Beider Blicke trafen sich und hingen mit einer unausgesprochenen und doch von Jeder verstandenen Frage fest in einander. Von der Stelle, wo sie standen, konnten sie den Weg gewahr werden, der sich am See hinzog, und sahen das Fräulein, von der sorglichen Mutter geleitet, langsam auf demselben dahinwandeln.

Einen Augenblick schien die Bäuerin noch mit sich zu kämpfen; ihre Lippen bewegten sich in stillem Selbstgespräch; bald aber ging es in Murmeln und dann in laute Worte über. „Und meinetwegen kann er sagen, was er will,“ rief sie dann. „Ich kann einmal nit anders … Tonerl, Du hast junge Füß’. Geh’ voraus nach’m Hof! Ich will noch einmal hinunter in’s Dorf – ich hab’ was vergessen.“

Toni trat vor die Mutter hin und sah ihr mit feuchten Augen und herzinnigem Lächeln in’s Gesicht. „Was hast denn vergessen, Mutterl?“ fragte sie. „Ich glaub’, das kann ich noch besser errathen, als das wegen dem Kloster!“

„Wenn Du’s errathen kannst,“ sagte ihre Mutter rasch, „nachher mach’, daß Du heimkommst! Ich will Dir’s nur eingesteh’n: ich bring’s nit über’s Herz, daß das arme, kranke Fräul’n, das vielleicht noch ein paar Wochen zu leben hat, so von uns fort soll. Ich bin vor der Frau Schulze dag’standen, wie Ein’s, das ein schlecht’s G’wissen hat, und hab’ die Augen nit aufschlagen können. Das ist mir in meinem Leben noch nicht passirt. Ich hab’ sie selbigesmal in den Funkenhauserhof aufg’nommen, und es ist mir nit schwer worden. D’rum will ich mein gut’s Werk, wenn’s eins ist, nit halb thun, sondern will’s durchführen, wenn’s auch ein Bissel Beißen braucht… Richt’ die gute Stuben her auf ’m Hof, Tonerl! Ich will der Frau Schulze und dem Fräul’n nach; ich will ihnen sagen, sie sollen auf’m Funkenhauserhof bleiben, so lang sie wollen – wir wollen d’ Freundschaft nit auf die ungewisse Ewigkeit verschieben.“

Obwohl die Botschaft den Frauen unerwartet und überraschend kam, klang sie ihnen doch sehr willkommen und wurde besonders von Alwinen mit Entzücken aufgenommen. Ein Widerschein der Rosen, die einst auf ihren Wangen heimisch gewesen, erblühte auf Augenblicke wieder, einmal, als sie die Nachricht vernahm, und dann, als sie nach langsamer, beschwerlicher und sorgfältiger Fahrt den Funkenhauserhof erreicht hatte. Trotz ihrer Schwäche eilte sie von ihrem Wohnzimmer auf den Gang hinaus, der wie eine Altane sich an dem Hause hinzog, und breitete die Arme dem ihr entgegenlachenden Landschaftsbilde zu begeistertem Gruße entgegen. „O Dank, Dank,“ rief sie, „daß ich wieder hier bin! Dank dem Himmel und den guten Herzen Dank, durch die ich es erreichte! O diese Luft!^ Sie ist so balsamisch und weich, als käme sie über die Blumen des Paradieses. Von diesem Orte möchte ich mich nicht wieder trennen; hier möchte ich bleiben!“

Es währte nur wenige Tage, so war auf dem Hofe unter dessen Bewohnern und Gästen das frühere trauliche Verhältniß hergestellt, und wer sie so ruhig und freundlich mit einander verkehren sah, hätte es nicht für möglich gehalten, daß noch vor kurzer Zeit ein so ernstes Zerwürfniß zwischen ihnen bestanden, daß sogar verwandtes Blut zwischen ihnen geflossen und vergossen worden. Das Meiste trug dazu bei, daß die Gäste aus Klugheit, die Bewohner aus richtigem Gefühl auch nicht mit einer Silbe des Vorgefallenen gedachten; es war, als ob Ambros nie gelebt und im Hause nie eine Stelle gehabt hätte. Den Dienstboten wurde in der Stille auf’s Strengste eingeschärft, niemals und in keiner Weise seiner Erwähnung zu thun und ebenso Alles zu vermeiden, was sich auf den Sohn und Bruder der Gäste, auf Günther, bezog. So kam es, daß der Name desselben von Seite der Hofbewohner unausgesprochen blieb, während die Anderen dasselbe thaten, um hinwieder keine Erinnerung an Ambros hervorzurufen. Es folgte sich eine Reihe stiller Tage, nicht vom hellen Sonnenglanze der Freude erfüllt, wie früher, aber warm beleuchtet von einem schönen Abendroth derselben, friedlich und angenehm.

Die einzige und bitterste Störung brachte der Zustand Alwinens in den kleinen Kreis; denn so sehr in den ersten Tagen die unerwartete Erfüllung ihres Lieblingswunsches und der Einzug auf dem Hofe ihre Lebensgeister angefrischt und den Funken ihrer Kraft zu neuen Flammen angehaucht hatte, zeigte sich doch nur zu bald, daß dieser neuen Flamme der Stoff fehlte, um auszudauern, daß, je heller sie brannte, sie nur um so schneller den Rest desselben aufzehrte und dem Erlöschen immer näher zuflackerte.

Es war bald völlige Gewißheit, daß auch ihr letzter bei der Ankunft ausgesprochener Wunsch sich erfüllen werde: es sollte ihr vergönnt sein, an dem Lieblingsorte, von dem sie Genesung gehofft, die Heilung für immer zu finden und sich von der geliebten Gegend nicht mehr trennen zu müssen. Frau Schulze war davon auf’s Tiefste ergriffen und litt um so schmerzlicher, als sie ihre Besorgniß vor Alwinen, die, als ob sie das Bedenkliche ihres Zustandes nicht ahne, immer gleich heiter und liebenswürdig blieb, hinter einem stets lächelnden Antlitz verbergen zu müssen glaubte. Sie schrieb viele Briefe; andere kamen an und gaben ihr erwünschten Anlaß, vom Krankenbette der Tochter, das sie sonst nur selten verließ, wegkommen und ungestört sich ausweinen zu können. Niemand störte sie dabei; kein Mensch kümmerte sich, wohin die Briefe gingen und woher sie kamen; die Funkenhauserin beobachtete sie wohl, aber sie schwieg und litt mit der braven Frau, die, wie sie glaubte, den einzigen Sohn verloren hatte und nun in so kurzer Zeit ganz kinderlos werden sollte.

Der Einzige, der mit den Vorgängen auf dem Funkenhauserhofe nicht zufrieden und einverstanden war, war der Cooperator. Schon in den nächsten Tagen, als die unglaubliche Mähr sich im Dorfe verbreitete, die Preußen, die lutt’rischen Leut’, die in früheren Jahren auf dem Funkenhauser Hofe gewohnt, seien wieder gekommen und von der Bäuerin eigens zu sich hinaufgeholt worden, kam er ganz gegen seine sonstige Art in finsterer Hast herangeschritten. Die Bäuerin war eben beschäftigt, für Alwinen auf der Hausbank vor dem Hofe einen bequemen Ruhesitz aus Kissen zurecht zu machen, und die sonst so entschiedene Frau konnte sich einer leichten Befangenheit nicht erwehren, als sie den jungen Mann mit dem ernsten, streng blickenden Antlitz auf sich und auf das Haus zukommen sah. Dennoch war sie schnell wieder gefaßt, geleitete den dunklen Gast mit ehrerbietigen Bücklingen in’s Haus und wollte ihn an der großen Gesindestube, vor deren offenem Fenster sich draußen die Gröd mit der Bank hinzog, vorüber nach [691] ihrem Zimmer führen. „Laßt uns gleich hier eintreten!“ sagte der Geistliche ernst, indem er den Fuß in die geöffnete Thür setzte, obwohl die Bäuerin dagegen Einsprache that, daß das kein gerechter Platz sei für den hochwürdigen Herrn.

„Ihr errathet ohne Zweifel, was mich zu Euch führt,“ begann der Geistliche, nachdem sie hinter sich die Thür zugezogen, „ich habe es Euch schon bei unserem jüngsten Gespräche an der Kirche angedeutet. Leider war ich damals verhindert, die Sache durchzusprechen; allein hoffentlich ist dieselbe inzwischen durch Ueberlegung nur reifer geworden. Ihr wißt, es betrifft die Zukunft, das irdische wie das geistige Wohl Eures Kindes!“

Der Bäuerin, welche sich nichts Anderes erwartet hatte, als daß er sogleich wieder mit einer Strafpredigt wegen der Wiederaufnahme der Fremden beginnen würde, fiel es bei diesen Worten wie ein Stein vom Herzen. „Ich weiß schon, was Hochwürden meinen,“ sagte sie geläufig. „Es ist von wegen dem Klostergehen. Sie haben g’sagt, ich soll schauen, ob ich den Sinn meiner Tochter net erforschen kann.“

„Allerdings. Und habt Ihr Gelegenheit gefunden, das zu thun?“

„Jawobl, an der G’legenheit hat’s net g’fehlt; aber g’holfen hat’s nix. Sie will eben vom Klostergehen nix wissen. Es ist mir schon lieber, wenn Sie’s selber probiren und mit ihr reden; aber ich glaub’ allweil, viel werden S’ auch net ausrichten mit ihr.“

„Ich werde es versuchen,“ entgegnete der Geistliche, „obwohl das Zureden einer Mutter, der es Ernst ist mit der Sache, das Meiste vermöchte. Ihr hättet ihr eben eindringlicher zureden sollen. Ich wundere mich, daß trotz der schweren Heimsuchung, die über sie gekommen ist, ihr Sinn doch noch so sehr an der Welt hängt und an ihrer Eitelkeit.“

„No, das kann ich just net sagen, Hochwürden,“ sagte achselzuckend die Bäuerin. „Die Eitelkeit thut Unsereinem net viel, wenn man den ganzen g’schlagenen Tag arbeiten muß. Das Tonerl meint halt, sie könnt’ in der Welt auch brav sein und beten.“

„In der Welt!“ rief eifrig der Cooperator. „In dieser verderbten Welt, welche dem arglosen, unerfahrnen Gemüthe stündlich in hundert verschiedenen Gestalten der Verlockung erscheint, und die für jeden Fehltritt eine Verkleidung, für jedes Laster eine Entschuldigung bereit hat! Steil und schlüpfrig ist die Bahn, welche durch die Welt zum Heile führt. Sie ist wie ein über einen Abgrund gespanntes Haar, auf dem man wandeln soll, und nur die Verblendung kann es wagen, sich zu rühmen und zu sagen: Ich falle nicht! Der sorgt am besten für sein Heil, der diese Bahn gar nicht betritt, sondern sogleich einläuft in den Hafen der Ruhe und der Sicherheit!“

„Freilich wohl,“ entgegnete die Funkenhauserin. „Aber da müßten nachher alle Leut’ in’s Kloster geh’n, und das wird sich doch net gut machen lassen.“

„Wollte Gott, es gelänge, in Allen den Klostersinn zu erwecken! Den Sinn der Ergebung, die Erkenntniß der eigenen Hinfälligkeit, die stete Reue und Zerknirschung über die menschliche Verworfenheit, über den Gräuel unserer Sünden!“

„Sie müssen das freilich besser verstehen, Hochwürden,“ sagte die Bäuerin; „es ist ja Ihr Geschäft, aber ich kann mir net helfen, mir fällt dabei immer mein Seliger ein, mein Mann, der Mathies. Der hat g’sagt, die größte Straf’, die man Einem anthun könnt’ nach dem Gesetz, wär’ die, daß man ihn einsperrt auf seiner Lebtag, und da mein’ ich halt, so große und schwere Sünden wird mein Dirndl doch net auf’m G’wissen haben, daß sie eine so schwere Straf’ verdient hätt’.“

„Ihr scheint meiner spotten zu wollen,“ rief der Geistliche mit blitzenden Augen. „Ich sehe wohl, wie es mit Euch steht. In den Zeiten der Trübsal waret Ihr zerknirscht! Als die Hand des Herrn schwer auf Euch lastete, da trieb es Euch, ihn zu suchen; da waret Ihr bereit, meiner Mahnung zu folgen. Nun, da kaum noch das Gras über den Gräbern der Märtyrer und Opfer gewachsen ist, hat die Saat des Bösen die besseren Regungen in Euch schon wieder überwuchert.“

Der Bäuerin wurde es warm unter der Haube; sie rückte dieselbe hin und her. „Mit Verlaub, Hochwürden,“ – wollte sie sagen.

„Schweigt!“ rief er, sie unterbrechend, aus. „Macht keinen Versuch, Euch zu vertheidigen, wo Eure üble Gesinnung durch den Augenschein erwiesen ist! Habt Ihr nicht trotz meines Rathes, trotz meiner angelegenen Warnung die ketzerischen Preußen wieder in Euer Haus aufgenommen?“

„No, ich sollt’ doch meinen,“ sagte die Bäuerin in steigender Befremdung, „in meinem Haus sollt’ ich doch Herr sein!“

„Wohlan,“ fuhr er fort, „wenn Ihr denn in der Verstocktheit verharrt und die sanften Mahnungen nicht hört, sollt Ihr statt des schmeichelnden Rufes des Hirten dessen strafende Zornesworte vernehmen! Wer nicht hören will, muß fühlen. In Dingen Eures Seelenheils seid Ihr mir untergeben und Gehorsam schuldig. Kraft meiner geistlichen Macht trag’ ich Euch anf und befehle Euch, die Protestanten zu entfernen, durch deren Umgang Ihr zu dieser sträflichen Lauigkeit im Glauben verführt werdet…“

„Befehlen?“ sagte die Bäuerin. „Das ist sonderbar. Ich weiß net viel von dem, was Gesetz ist bei uns; aber ich hab’ doch sagen hören, daß’s bei uns im Baierland auch lutt’rische Leut’ giebt, und daß sie so gut sein sollen wie die Andern.“

„Das habt Ihr nicht zu untersuchen,“ rief der Priester gebieterisch. „Eure Sache ist, zu gehorchen, wenn Ihr nicht selber von Eurem Glauben abtrünnig werden wollt. Mögen die amtlichen Gesetze bestimmen, was sie wollen! Gesetze kann man wieder aufheben! Wer weiß, ob diese unglücklichen Verirrten von der reinen Heerde nicht wieder ausgeschieden werden können! Jedenfalls soll dafür gesorgt werden, daß sie, wo sie noch nicht sind, sich nicht einschleichen. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen; denn es steht geschrieben –“

Mitten im Redeflusse unterbrach er sich selbst und blickte befremdet nach der Thür, welche sich leise geöffnet hatte. Alwine, welche durch die offenen Fenster die laut geführte Unterredung vernommen, stand auf der Schwelle im weiten, weißen Krankengewande, eine erhebende, Ehrfurcht gebietende Erscheinung, mit wallendem Haar und begeisterten Blicken, einer Verklärten gleich. „Es steht geschrieben,“ sagte sie mit feierlicher Stimme: „‚Liebet einander, meine Kindlein! Daran will ich erkennen, ob Ihr meine Jünger seid, daß Ihr einander liebet.‘ Sie, mein Herr, nennen sich einen Diener dessen, der so gesprochen? Sie tragen das Kleid eines Trägers seiner Lehre und predigen Haß! Ist das im Sinn und im Geiste Ihres Meisters gehandelt?“

„Ja,“ rief der Geistliche, welcher die augenblickliche Ueberraschung schnell überwunden hatte, „ja; denn die Liebe ist nicht jenes weichliche, weibische Gefühl, das die Welt so nennt; die Liebe ist stark und eifrig. Wer seine Pflicht thut, der übt die Liebe; denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er.“

„So spricht der Ewige von sich in der Fülle seiner Unendlichkeit,“ rief Alwine. „Er vermag, so zu thun; denn vor ihm liegt Alles ausgebreitet vom Beginn bis zum Ende. Er erkennt Ursache und Folge, er wägt Schuld und That, Wollen und Vollbringen gegen einander ab. Dem Menschen aber, dem schwachen Geschöpfe, dessen Dasein nur vom Morgen bis zum Abend währt, der nur das Nächste sieht, was vor ihm liegt und geschieht, dem hat er ein anderes Maß für das gegeben, was seine Pflicht sein soll; denn er sagt: ‚Liebe den Nächsten wie Dich selbst! Füge keinem Andern zu, was Du nicht willst, daß Dir geschehe!‘ Sie wollen uns aus diesem Hause, aus dieser Freistätte der Ruhe und des Glückes, welche uns gütige Menschen bereitet, verstoßen; – fühlen Sie nicht, daß die Waffe, die Sie führen, auch eine Schneide gegen Sie hat?“

„Die haben wir nicht zu fürchten,“ sagte der Kaplan gelassen. „Auf unserer Seite ist die Wahrheit.“

„Die Wahrheit? Wer bürgt Ihnen dafür? Wer dafür, daß unser Glaube falsch ist? Uns ist er nicht minder wahr als der Ihrige! Er hat Millionen beseligt, hat sie in allen Wechselfällen des Lebens ruhig und sicher geleitet, hat ihnen Trost und Zuversicht gegeben in der Sterbstunde… Wir glanben all’ an Einen Gott!“

„Und doch giebt es nur Eine Wahrheit.“

„Auch nur Ein Licht,“ rief Alwine feurig, „und doch leuchtet Gottes Erde in unzähliger Farbenpracht. Sagen Sie an, womit erproben Sie die Wahrheit?“

„Die Kirche lehrt, die Wissenschaft behauptet, die Geschichte beweist sie!“

„Dann müßte Gottes Walten hienieden übereinstimmen mit dem, was Kirche, Wissenschaft und Geschichte lehren. Thut es [692] das? Es stimmt nicht damit überein. Sind wir Ungläubigen von Gott gestraft, sind wir von ihm gezeichnet? Versagt er unseren Händen das Glück, das Gelingen, unserem Denken den Erfolg? sind unsere Saaten minder grün, unsere Ernten minder fruchtbar? Nein, der Ewige läßt Sonnenschein und Regen auch auf unsere Fluren herniederträufeln; er fragt nicht, wessen Glaubens der Säemann sei.“

„Das ist sein unerforschlicher Rathschluß,“ sagte der Geistliche nach einigem Zögern, „dem wir hienieden uns beugen müssen.“

„So thun Sie es,“ rief Alwine begeistert, „beugen Sie sich und versuchen Sie nicht, diesen Rathschluß zu durchdringen! Wenn er ein Geheimniß mit einem Schleier bedeckt hat vor irdischen Augen, so überlassen Sie es dem Ewigen, ihn aufzudecken! Greifen Sie ihm nicht vor und richten Sie nicht – Wir glauben All’ an Einen Gott.“

Das Gespräch war lauter geworden und hatte außer Toni auch einige der Hausgenossen herbeigelockt. Frau Schulze kam ebenfalls und wollte beruhigend dazwischen treten, aber Alwine hatte sie von sich gewiesen. Mit flammenden Augen stand sie da, einer Prophetin ähnlich, hoch aufgerichtet, wie in voller Lebenskraft; ihre Stimme klang so mächtig, als käme sie nicht aus einer kranken Brust, als entströmte sie einem Körper von ungebrochener Jugendfülle. Bald aber vermochte sie die ungewöhnliche Spannung nicht länger zu ertragen; die Schwäche des Körpers gewann die Oberhand über die Erregung der Seele. Mit den letzten Worten sank sie in die Arme der hinzu eilenden Mutter; erschrocken bemühten sich Alle, die Ohnmächtige in ihr Zimmer und auf ihr Lager zu bringen; Niemand achtete darüber auf den Kaplan. Als die Bäuerin nach dem ersten Schrecken sich nach ihm umsah, war er verschwunden. „Verzeih’ mir Gott die Sünde, wenn’s eine ist!“ rief sie, die Hände zusammenschlagend. „Aber ich bin fast froh, daß er fort ist. Das Fräulein aber kann reden, daß es Einem durch’s Herz geht. Schade, daß die kein Bub’ ’worden ist!“

Die ungewöhnliche Erregung hatte Alwinen heftiger ergriffen, als es anfangs den Anschein hatte; sie vermochte nicht mehr das Lager zu verlassen und bat nur, es so zu stellen, daß sie von demselben aus durch das Fenster sehen und einen Theil der Gegend überblicken konnte. Die meiste Zeit lag sie in einem ruhigen Schlummer der Erschöpfung da; außer der zunehmenden Kürze des Athems hatte sie wenig zu leiden – sanft, wie ihr Leben gewesen, schien auch der Tod ihr nahen zu wollen. Die Mutter verließ sie so wenig als möglich. Sie wollte keinen Augenblick verlieren; denn es war auch dem Unbefangensten klar, daß ihre Lebensdauer nur noch nach Stunden zu zählen war.

Wieder war eine Nacht unruhig und schmerzvoll vorübergegangen. Frau Schulze, dem unablässigen Bitten und Drängen nachgebend, war einen Augenblick zur Ruhe gegangen. Tonerl hatte ihre Stelle eingenommen und bewachte mit liebenden Schwesteraugen den sanften und doch heißathmigen Schlummer der Kranken. In der Zimmerecke verstellt, flimmerte die Lampe; draußen aber begann schon der Morgen, und obwohl es in den Thälern noch vollständig dunkel war, fing es über den Bergen nach Osten hin schon zu grauen an; denn nicht auf einmal quillt das Licht hervor: langsam und steigend entfaltet es seinen unwiderstehlichen Glanz, damit die sterblichen Augen lernen, sich daran zu gewöhnen, und nicht erblinden von dem plötzlichen Uebergang. Tiefes Schweigen herrschte in der Stube. Nur ein Nachtfalter war vom Lampenschein verlockt durch das wegen der Kühle offen gelassene Seitenfenster hereingeflattert; er vermochte nun den Ausgang nicht wieder zu finden, und zerstieß sich die immer matter werdenden Flügel an der Decke und an den dämmernden Glasscheiben. Toni sah ernst vor sich hin; die Hände im Schooße und in den Händen den Rosenkranz, hatte sie nach ihrer frommen Weise für die Andersglaubende gebetet und war darüber in Sinnen und Denken verfallen, daß ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft träumerisch ineinander flossen. Die Vergangenheit zog an ihr vorüber, wie ein flüchtiges Schiff, mit schönen, lichten Gestalten besetzt, dahin gleitet durch eine heitere Gegend voll Sonnenschein. Dann kam es herauf mit finsterem und immer düsterer werdendem Gewölk; das Gewitter brach los und brachte die Nacht und den Blitz, der die Gräber beleuchtete, und hinter diesen in trostloser Finsterniß gähnte der Abgruud der Zukunft. Ueber ihrem Sinnen gewahrte sie nicht, daß Alwine erwacht war und, ohne sich zu regen, sie lange mit den milden, seelenvollen Augen betrachtete. „Du bist bei mir!“ sagte sie endlich leise. „Das ist mir lieb. Ich hätte Dich schon lange gern allein gesprochen, um Dir für Deine Sorge und Liebe zu danken.“

„Wie können Sie so was sagen, Fräulein?“ erwiderte Toni. „Ich thu’s ja gern.“

„Deine Sorge,“ fuhr Alwine fort, „ist mir doppelt wohlthuend, weil gerade Du, wenn auch ohne unsere Schuld, durch uns den bittersten Schmerz erfahren hast. Du hast Deinen Bräutigam verloren. Es war klug und gut, daß wir von allem Geschehenen nie gesprochen haben; aber unter uns Beiden besteht kein Grund, weshalb wir davon schweigen sollten. Ich habe süß geruht, und ein freundlicher Traum hat mich erquickt. Mir war, als zögen wir aufwärts durch den Wald nach der Blümelalm. Ich saß zu Pferde und Ambros stand neben mir und wollte mir eben die Hand reichen, mich herunterzuheben, als ich darüber erwachte. Sein Gesicht war so hell und freundlich, wie ich es selten gesehen. Der Sturm in seinem Gemüth hatte ausgetobt und ein stiller Ausdruck der Versöhnung lag in seinen Zügen.“

„So ist er auch in die Ewigkeit hinübergegangen,“ sagte Toni. „Ihr Name, Fräulein, ist das letzte Wort gewesen, das er auf der Zunge gehabt hat. Die Erinnerung an Sie hat ihn im letzten Augenblick noch dahin gebracht, daß er Allen verziehen hat.“

„Er war ein guter Mensch,“ flüsterte Alwine, „ein trefflicher Kern, wenn auch in stachliger Schale. Ich freue mich, ihm drüben wieder zu begegnen, frei von der unseligen Heftigkeit seines Gemüthes, die hienieden sein Unglück war und auch seinen Tod herbeiführte.“

„Seinen Tod?“ fragte Toni verwundert. „Ich wüßt’ net, wie Sie das meinen.“

„Ich kann mir wohl denken, daß Du nicht erfahren hast, wie es in jenem entsetzlichen Augenblicke zuging, als sich die Beiden in der Schlacht begegneten. Mein Bruder hat Alles aufgeboten, einen Kampf zu vermeiden. Er vertheidigte sich blos; aber Ambros in seinem wilden Grimme stürzte auf ihn los und rannte sich selbst das tödtliche Eisen in die Brust.“

Toni saß unbeweglich, mit weit geöffneten, erwartenden Augen. „Was sagen Sie? Woher können Sie das wissen?“

„Mein Brnder hat es mir erzählt.“

„Ihr Bruder!“ rief Toni enttäuscht. „Freilich, der kann’s wohl wissen. O, ich weiß net, was ich drum geben wollt’, wenn’s so wär’, wie Sie sagen. Ich hab’s ihm nie verzeihen können, daß er den armen Menschen net verschont hat.“

„Er konnte es nicht. Ambros kannte sich selbst nicht mehr vor Wuth. Er glaubte sich von meinem Bruder betrogen; er glaubte, Günther habe ihm heimlich Dein Herz abwendig gemacht; er glaubte ihn von Dir geliebt.“

Dunkle Gluth überzog Toni’s Angesicht; sie vermochte nichts zu erwidern.

„Und er hat Recht gehabt, wie ich jetzt sehe,“ fuhr Alwine fort; „denn Dein Erröthen zeigt, was ich manchmal geahnt. Du liebst meinen Bruder wie er Dich.“

Sachte, und so gut sie es vermochte, rückte sie auf dem Kissen näher und streckte Toni die Hand entgegen, die sich schweigend darauf niederbeugte. „Sie mögen es in der Ewigkeit ausmachen,“ sagte sie dann, nach einem Augenblick der Sammlung sich erhebend. „Sie stehen ja alle zwei vor unserem Herrgott.“

„Wie sagst Du?“ rief Alwine staunend. „Alle Beide? Du hältst meinen Bruder für todt?“

„Nicht? Ist er nicht todt?“ schrie Toni und sprang auf in freudigem Schrecken über die unerwartete Botschaft. „Er ist nicht im Kriege geblieben? Er lebt?“

„Er lebt. Er konnte uns auf der Reise nicht begleiten, weil er den Verkauf unseres Gutes besorgen mußte. Es war verabredet, daß er nach Tirol nachkommen sollte.“

„Er lebt …. lebt!“ stammelte Toni, indem sie die Hände an Stirn und Herz drückte. „Und ich hab’ um ihn geweint, wie um ein’n Todten, und hab’ mein schwach’s Herz gegen Sie verrathen! Aber wie is denn das möglich? Haben Sie denn net selber g’sagt, daß Sie einen gleichen Verlust erlitten haben wie wir? Gehen Sie net selber in der Klag’?“

„Der Bruder meiner Mutter, ein höherer Officier, ist gefallen. – [694] Das ist auch die Ursache, warum wir das Gut verkauft haben.“

„Er lebt!“ flüsterte Toni wieder, welche sich noch immer von der Ueberraschung nicht zu erholen vermochte und eben beginnen wollte, zu fragen und weitere Aufklärung über Alles zu fordern, was ihr noch undeutlich und unmöglich schien. Da wurde von draußen durch den anbrechenden Morgen Geräusch von Schritten hörbar und Stimmen sich nähernder Menschen. „Heiliger Gott!“ rief sie auffahrend. „Die Stimm’ –“ sie wollte der Thüre zu, als dieselbe rasch geöffnet wurde und Frau Schulze hereineilte.

„Er ist da, mein Kind!“ rief sie. „Dein Bruder kommt, Dich zu sehen. Er hat meinen Brief erhalten. Bist Du stark genug? Darf ich ihn hereinführen?“

Die Kranke nickte nur mit seligem Lächeln. Ihr Blick hing an Toni, die wie verwirrt an dem nächsten Kasten stand, im Begriff zu entfliehen, und doch unfähig es zu thun. In demselben Augenblicke trat Günther in die Stube und flog mit ausgebreiteten Armen auf die Schwester zu, auf die er sich niederbeugte und sie mit heißen Küssen überdeckte. Auf der Schwelle, noch im Nachtgewande, blaß wie ein Geist oder Jemand, der einen vom Tode Erstandenen erblickt hat, stand die Funkenhauserin.

„Dank Dir, mein Bruder,“ flüsterte Alwine, „daß Du noch gekommen bist! Dank dem Himmel, daß er mir vergönnt, von Dir Abschied zu nehmen!“

„O, rede nicht so!“ rief Günther. „Noch ist die Gefahr nicht so dringend. Du wirst Dich wieder erholen.“

„Ich werde bald keiner Erholung mehr bedürfen,“ entgegnete sie matt. „Du kommst eben zur rechten Zeit. Vielleicht nur noch wenige Augenblicke, und Du hättest mich nicht mehr getroffen. Warum will Eure sorgliche Liebe mir verhehlen, was ich am besten fühle? Glaubt Ihr, daß ich mich vor dem Tode fürchte? Aber Du siehst ja nicht, Günther –“ fuhr sie mit schönem Lächeln fort. „Hier ist noch Jemand, den Du begrüßen mußt, – eine Freundin, die Dich todt geglaubt und als todt beweint hat.“

„Toni!“ rief Günther, sich gegen diese wendend, indem er ihr die Hand bot. „Du hier? Wirst Du meinen Gruß auch jetzt zurückweisen wie damals, als Du von jenem anderen Leidensbette kamst? Nein, Du wirst nicht – ich lese es in Deinen Augen! Du weißt jetzt, daß diese Hand schuldlos ist an jenem Blute. Die Versöhnung ist eingezogen in Deiner Brust; sonst träfe ich Mutter und Schwester nicht hier.“

Sie widerstrebte nicht, als er ihre Hand ergriff; Alwine winkte ihm lächelnd zu, mit Toni trat er an das Lager der Kranken. „Mutter,“ rief dieselbe, „komm’ hieher! Kommt her, Funkenhauserin! Du verlierst mich, liebe Mutter; für diese Welt müssen wir aus einander. Funkenhauserin, Ihr habt an Ambros so zu sagen einen Sohn verloren. Hier ist Ersatz für Euch Beide: Sohn und Tochter … Lasset diese gemeinsam Eure Kinder sein! Sie gehören einander ja längst, und sie wollen bei einander bleiben für’s ganze Leben; nicht wahr?“

Die Beiden antworteten nichts; aber sie sahen einander an, und wie vom gleichen Gedanken durchdrungen, sanken sie am Lager der Sterbenden in die Kniee.

„Aber das geht doch net,“ rief die Funkenhauserin, obwohl sie so ergriffen war, daß ihr dicke Thränen über die Wangen kugelten, „ein Stadtherr und eine Bauerntochter!“

„Ich verlange kein anderes Glück, als sie mir bieten kann,“ rief Günther.

„Ich kann sie auch net auf’m Hofe entbehren,“ rief die Bäuerin wieder; „ich kann sie net fort lassen von hier.“

„Das sollt Ihr auch nicht. Wir haben unser Gut verkauft. Wenn Ihr einwilligt, wollen wir bei Euch bleiben. Ich will ein Landmann sein mit Euch und nach dem Brauch Eures Landes. Ich will hier eine neue Heimath haben.“

„Aber es geht halt doch g’wiß und wahrhaftig net,“ schluchzte die Frau. „Vergeßt Ihr denn ganz und gar auf d’ Hauptsach’, auf den andern Glauben?“

„Mutter!“ rief Alwine. „Davon nichts mehr auf dieser Welt! Seht,“ fuhr sie, sich emporhebend, fort, indem die Mutter sie mit Kissen und Armen stützend unterfing, „die Sonne geht auf, herrlich, erhaben. Wohl mir, daß ich dich noch einmal sehe, seliges Gestirn des Lichtes!“ Sie breitete die Arme wie grüßend gegen die Sonne; dann tastete sie nach Günther’s und Toni’s Händen, legte sie fest in einander und schloß sie zwischen die ihrigen. „So verlobe ich Euch einander,“ sagte sie mit erlöschendem Tone. „Es ist Morgen; … liebet einander und seid glücklich … wir glanbeu all’ an Einen Gott.“

Ruhig, ohne Seufzer, ohne Zuckung glitt sie auf das Lager zurück und war entschlafen. Lautlos standen Alle um dasselbe gereiht; ihr Schmerz war zu groß, um Worte zu finden – wie ein frommer Spruch besagt, flog wirklich ein entschwebender Engel durch das schweigende Zimmer. –

Groß war der Andrang, als das fremde „lutt’rische“ Fräulein auf dem Kirchhof des Dorfes begraben wurde. Statt des Kaplans, der schnell abberufen worden war, um seines erprobten Eifers wegen ein Lehramt an einer geistlichen Erziehungsanstalt zu übernehmen, segnete der alte, edle Pfarrherr ihre letzte Ruhestätte ein, an der Kirchenwand, hart unter der Tafel, die an Ambros erinnerte. Der Pfarrer vollzog auch die Trauung, als unter noch zahlreicherem Zusammenströmen des Volkes das seltene Brautpaar zum Altare trat. Es war ein Ereigniß, wie es die ganze Gegend noch nicht geschaut, von Vielen mit unklarem Widerwillen betrachtet und mit heimlichem Groll; doch ging im Ganzen ein Gefühl der Befriedigung durch die offenen Gemüther des Landvolks: sie ahnten, daß wieder ein Kette weniger geworden auf Erden.

Einer der Fröhlichsten unter den Hochzeitsgästen war der alte Maler. „Es ist eine seltene Hochzeit, die wir feiern,“ rief er, als beim Mahle die Gläser an einander klangen. „Die Liebe hat zusammengeführt, was sich fremd und weit entfernt war; sie hat das Feindliche versöhnt – Liebe, die Zauberin, welche Abgründe überbrückt und Ewigkeiten ausfüllt! Möge sie immer mit diesem Paare sein, und sie wird es, wenn dasselbe nie verlernt, in dem großen Gebetbuche zu lesen, was vor ihr aufgeschlagen ist, – in der Natur! Ob der Süden oder der Norden uns geboren, die Herzen schlagen unter allen Himmelsstrichen denselben Schlag und sagen uns, daß wir Menschen sind, alle verschieden und doch einander so gleich, – Alle so vergänglich, daß jeder stündlich daran denken mag, den Andern als Menschen zu achten und gelten zu lassen, für sich allein und Jeden in seinem Volke. Wie schön ist der Grashalm, den der Frühling sprießen macht! Wenn allein betrachtet, ist er eins der erhabensten Wunder der Schöpfung; aber erst zu Millionen anderer gesellt, bildet er die herrlich Wiese! Schön ist der einzelne Baum mit den festen Wurzeln, dem kräftigen Stamme und der erhabenen Krone; aber die Herrlichkeit des Waldes ist höher als der Baum – im majestätischen Rauschen des Waldes hören wir Gottes Stimme! Viel und vielerlei sind der Bäume in ihm – Eiche und Buche, Laubholz und Nadelstamm, jedes soll wachsen nach seiner Art, frei und groß und doch wieder ein Theil des größeren Ganzen, denn miteinander machen sie ja erst den Wald! So steht es geschrieben im Buche der Natur, und ihm wollen wir folgen und in diesem Sinne dem Brautpaar doppelt Glück wünschen, dem Brautpaar, das uns vorangeht zur Versöhnung und zur Eintracht!“

Nach einigen Tagen stand die junge Frau nachdenklich unter der Thür des Funkenhauserhofes und sah in die Gegend hinaus. Günther trat hinzu. „Ich habe das Buch, das ich Dir im vorigen Jahre schenkte, noch nicht bei Dir gesehen, meine Liebe!“ sagte er. „Gieb es mir, damit ich den schwarzen Einband ändern lasse.“

Toni sah ihn lächelnd an. „Nein,“ sagte sie, „ich will’s net ändern lassen; es soll schwarz bleiben aus einem guten Grund. Ich will’s als ein Andenken und als ein Wahrzeichen dazu! Aber Du schau’ da hinaus in den Himmel über uns! Siehst, wie schön rein und klar er ist? Das Gewitter ist vorbei, und das Weiß und Blau ist doch stehn ’blieben!“ – –

Wo der Funkenhauserhof liegt? Das muß mich der Leser nicht fragen. Genug, daß ich ihn im Geiste dahingeführt und ihm zur Bekanntschaft eines glücklichen Paares verholfen habe. Mancher könnte in Versuchung kommen, dasselbe kennen lernen und die schöne Gegend, wo sie hausen, aufsuchen zu wollen. Ich denke aber, es ist besser, sie bleiben allein mit ihrem jungen und so neuen, gewiß aber dauernden Glücke.