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Textdaten
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Autor: K. v. L.
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Titel: Die thüringer Edeltanne
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 196–200
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aus dem Leben von Ludwig Storch
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[196]
Die thüringer Edeltanne.
„Thüringen, du holdes Land,
Wie ist mein Herz dir zugewandt!“

Das alte Lied, dessen Refrain diese Verse sind, tönt Einem in Thüringen überall entgegen. Es ist gleichsam Nationalhymne der Thüringer geworden. In ihm hat Ludwig Storch die Reize seines Vaterlandes besungen und zugleich ein schönes Zeugniß seiner Liebe zu ihm abgelegt. Storch ist vorzugsweise der Dichter Thüringens; mit hoher und reiner Begeisterung hat er das schöne Thüringerland in Lied und Novelle und lebendigen Schilderungen verherrlicht, aber im Gebirge, wie im flachen Lande kennt und liebt ihn auch alles Volk, vorzüglich der „gemeine Mann“, der da weiß, daß Storch sein treuester Freund ist. Das zeigte sich so recht deutlich in den vormärzlichen Tagen, wenn er auf einem der thüringer Sängerfeste erschien, der, wie eine Edeltanne, hoch und schlank gewachsene schöne Mann, dem Alles entgegenjubelte, sobald er die Rednerbühne bestieg. In den höchsten

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Die Gartenlaube (1856) b 197.jpg

Ludwig Storch.

und hohen Kreisen ist er dagegen nicht eben beliebt, auch hat er weder Orden noch Titel, noch Pensionen von thüringischen Fürsten erhalten. Er ist der schlichte, einfache und arme Dichter Storch geblieben.

Schon vor zwölf Jahren sagte O. L. B. Wolff in seiner großen Encyklopädie der deutschen Dichter von unserm Storch: „Wenn man das Leben dieses Mannes kenne, müsse man über seine Leistungen erstaunen.“ Wir wollen versuchen, eine charakteristische Skizze dieses ächt deutschen Dichterlebens zu geben, denn zu einer in’s Einzelne gehenden Darstellung desselben gebricht es der Gartenlaube an Raum. Auch hat Storch sein Leben selbst sehr ausführlich unter dem Titel „Ein deutscher Schöngeist“ beschrieben und uns das Buch, welches noch Manuskript ist, zu unserer Skizze überlassen. Die jetzigen Preßverhältnisse Deutschlands erlauben freilich den Druck dieses sehr interessanten Werkes nicht, doch getrösten wir uns der Hoffnung, daß dasselbe über kurz oder lang gedruckt werden und – wir dürfen diese Ueberzeugung aussprechen – großes Aufsehen machen wird.

Wir entnehmen dem Buche zu unserm Zwecke aus Storch’s Leben folgende kurze Angaben.

Am 14. April 1803 zu Ruhla (gothaischen Theils) im nordwestlichen Thüringerwalde geboren, einziger Sohn eines Arztes, der bei der Geburt des Dichters bereits 78 Jahre alt war, aber noch sieben Jahre lebte, war er von väterlicher wie mütterlicher Seite aus Familien von sehr eigenthümlichen und ungewöhnlichen Verhältnissen entsprungen, die auf sein eignen Schicksal und seine Bildung nicht ohne bestimmenden Einfluß gewesen sind. Von väterlicher Seite stammt er nämlich aus einem Hause, welches seit zwei Jahrhunderten eine Reihe von Aerzten und Wundärzten hervorgebracht hatte, so daß es sich gleichsam von selbst verstand, daß der Sohn wieder Medicin studire, wie der Vater gethan. Der Ahn der Familie war ein Wunderdoktor, wie sie in früherer Zeit in dieser Gebirgsgegend häufig waren, und wie unser Dichter in seinem „Vörwerts-Häns“ einen solchen geschildert hat, und der Sohn desselben, ein für seine Zeit bedeutender medicinischer Schriftsteller, der als solcher sich präcisirt „Pelargus“ nannte, auch Leibarzt der Herzöge von Eisenach und dann des Herzogs Friedrich III. von Gotha und Altenburg. Ein Großneffe desselben war der Vater des Dichters. – Der sterbende Greis ließ sich indeß von der Mutter das Versprechen geben, daß sie den Sohn nicht wolle Medicin studiren lassen, „er habe die Praxis über fünfzig Jahre getrieben, und sei stets im Dunkeln getappt, ja zur Ueberzeugung gekommen, daß die Principien der Heilkunst falsche seien. Ein gewissenhafter Arzt sei ein unglücklicher Mensch, weil er täuschen müsse.

Die Mutter den Dichters war ein Sproß der Familie Gotter, [198] deren Ahnherr Oberhofprediger und Generalsuperintendent in Gotha gewesen war, und die den beiden Ländern Gotha und Altenburg eine Menge angesehener Beamten und Geistliche geliefert hatte, so daß sie zu den ersten Familien gerechnet wurde. Die beiden Glanzsterne dieser zahlreichen Familie waren der zu seiner Zeit so berühmte Graf Gustav Adolf Gotter, Hofmarschall und Minister Friedrichs des Großen, der eine seiner poetischen Episteln an ihn gerichtet hat, und der Dichter Friedrich Wilhelm Gotter, der Jugendfreund Goethe’s, der als Geheimer-Secretair in Gotha starb, und dessen Tochter die Gemahlin des Philosophen Schelling und als solche Gönnerin des Dichters Grafen Platen war.

Die mütterliche Großmutter unsres Dichters, die er noch sehr gut kannte, war die Tochter eines der reichsten Männer in Thüringen, eines Kaufmanns Kühn in Eisenach, der den Titel „wirklicher kaiserlicher Rath“ hatte. Der Volksmund legt noch heute den Kühn’s, von welchen ein Zweig geadelt wurde, Millionen bei; sie besaßen Häuser und Rittergüter in Thüringen. Der letzte Herzog von Eisenach, Wilhelm Heinrich, ein wüster Verschwender, verstand es, dem „wirklichen kaiserlichen Rath Kühn“ fabelhafte Summen abzuborgen; als der Fürst in der Blüthe des Lebens plötzlich starb und sein Erbe, der Herzog Ernst August von Weimar, die Bezahlung der Schulden verweigerte, erhielt Herr Kühn das fürstliche Mobiliar für seine Forderung. Der Mann hatte den Tod von diesem Verlust, und von dem ganzen Vermögen ward nichts gerettet.

Die gegenständliche Erinnerung an den verlorenen Reichthum blieben die fürstlichen Möbeln, mit welchen das Vaterhaus unsers Dichters überfüllt war, und wovon er selbst noch als handgreifliche Schicksalsironie eine – leere Kassette besitzt. Was davon nicht zum Gebrauch verwendet werden konnte, war auf dem Hausboden auf- und zusammengestellt, alle von Mahagoni-, Palissander- und Ebenholz, vergoldet und verschnörkelt, mit dem herzoglich sächsischen Wappen sournirt. Da hockten unter dem Dache die Gueridons, die einst um die hochfürstlichen Paradebetten gestanden, die Consoles, Toiletten, Fauteuils, Tabourets, Etageren etc., und der Knabe baute sich aus ihnen eine phantastische Welt, Häuser und Straßen, in welchen er wohnte, träumte und Bücher las. Es ist ein pikantes Bild: ein schlanker blondlockiger Knabe mit glänzenden, hellblauen Augen und der edelsten Gesichtsbildung in einer phantastisch zusammengestellten Anhäufung prachtvoller Möbeln mit dem Sachsenwappen, auf dem wüsten Boden eines Hauses in dem hochromantischen Ruhlathale, mit den alterthümlichen, poetischen Erinnerungen, und diese Möbeln die Utensilien eines ausgestorbenen Fürstenhauses und die letzten Ueberbleibsel eines schier fabelhaften Reichthums, dessen Miterbe dieser Knabe geworden sein würde, der nun in dieser kleinen wunderlichen Rococowelt mit den ersten Weihen zum Dichter der Neuzeit und der verwandelten Welt begnadigt wird. Um ihn ein Greis, der ihm von dem Wunderdoktor aus dem dreißigjährigen Kriege erzählt und von den gelehrten Aerzten, die als „Pelgari“ Bücher geschrieben und des Knaben Vorfahren gewesen, gehätschelt von einer Greisin, die, wie eine alte Fee, nicht müde wird, von den Wundern ihrer Jugend und ihres Vaterhauses, des „wirklichen kaiserlichen Raths“ zu berichten, wie sie mit Prinzessinnen gespielt und nie über die Straße gegangen, sondern stets in einer prächtigen Karosse gefahren, und endlich unterhalten von einer jüngern Frau, die ihm die staunenswerthesten Dinge von ihrem Vorfahren, dem Grafen Gotter, mittheilt und die Lieder des Dichters Gotter recidirt. Im weitern Kreise dann die reizenden ruhlaer Mädchen, die Enakssöhne der Arbeiter, die Sagen und Märchen, die herrlichen Berge und Thäler, die Buchen- und Eichenwälder, die Wiesen, Felsen und Bäche, und über Allem der Hauch der Poesie, der Romantik – wahrlich, wenn Storch kein Shakespeare geworden ist, die Schuld liegt nicht an den Gestalten und Kräften, die auf seine früheste Jugend eingewirkt haben. Aber er sollte den Becher der Poesie noch tiefer schmecken, den bittern, schlammigen Bodensatz, der da rauhe, gräßliche Wirklichkeit heißt.

Mit dem Tode des Vaters beginnt die trübe Verwirrung in des Dichters Leben. Seine familienstolze Mutter heirathete einen vierzehn Jahre jüngern Mann, einen Pfeifenbeschläger. Die Ehe wurde über die Maßen unglücklich, und der Knabe empfing neben einer thöricht strengen, regellosen, ja albernen Erziehung die scheußlichsten und widerwärtigsten Eindrücke, die ein junges, poetisches Gemüth für das ganze Leben vergiften können. Storch erzählt in seinem Buche Scenen, die jedes sittliche Gefühl auf’s Aeußerste empören müssen. Man wird vom tiefsten Mitleide mit dem unglücklichen Kinde ergriffen , das ohne Schuld verdammt ist, in solch’ bitterböser Wirthschaft aufzuwachsen und dessen erste und wichtigste Entwickelung von solch’ verkehrten leidenschaftlichen Menschen geleitet wird. Der beschränkte Raum verbietet uns, mehr als eine dieser Scenen mitzutheilen; wir wählen diese ihrer Originalität und ihres wahrhaft dämonischen Gehaltes wegen aus.

Storch spricht nämlich in seinem Buche einen furchtbaren Verdacht aus, den wir hier nicht näher bezeichnen können, der sich aber wie ein tiefer schwarzer Schatten über des Dichters Jugend, ja über sein ganzes Leben gelegt hat. Mag dieser Verdacht begründet sein oder nicht, wehe dem jugendlichen Gemüth, auf welchem ein solcher Verdacht schrecklich beängstigend lastet, wie der Alp auf einem Träumer. Der erste Gifttropfen in den Blumenkelch seines träumerischen Kinderglücks wurde dem siebenjährigen Knaben an der Leiche seines Vaters von der Mutter gereicht, die sich mit ihm in die abgelegene Stube, wo die Leiche lag, eingeschlossen hatte und hier eine so haarsträubende Scene aufführte, daß wir uns nicht wundern, daß dem Kinde das Herz im Leibe zitterte; es ist uns beim Lesen nicht besser ergangen. Seit dieser Stunde hatte der Knabe eine leicht erklärliche Scheu vor seiner Mutter. Ein Jahr später, an einem trüben regnerischen Spätherbstabend saß der Knabe mit der Mutter allein in der Wohnstube am Tische, das Kind in einem Buche lesend, die Mutter strickend. Auf dem Tische lagen noch die Messer vom Abendessen: denn Ordnung war eben nicht in der Wirthschaft. Und diese Messer waren spitz. Den Knaben überkommt plötzlich eine eigenthümliche Angst, er schlägt die Augen nach dem Gesichte der Mutter auf und erschrickt. Aus den dunkel gerötheten und verzerrten Zügen starren ihn ein paar weit aus ihren Höhlen hervorquellende glühende Augen mit einem entsetzlichen Ausdruck an.

„Mutter! Mutter! Um Gottes willen, was hast Du? Was ist mit Dir?“

Im Nu ergreift die also Angeredete ein Messer und stößt es mit wilder Heftigkeit nach der Brust ihres Kindes, das bis zum Tod entsetzt, sich bückend zur Seite weicht, so daß der gewaltige Stoß fehl geht. Sie aber faßt, ein fürchterliches Wuthgeheul ausstoßend, nach ihrem Opfer, um es zu meucheln; es entwischt ihr, springt auf die Straße und schreit um Hülfe. Die Nachbarn eilen herbei und finden eine Wahnsinnige im ersten furchtbaren Wuthausbruch. Vier starke Männer, die sie halten wollten, schleuderte sie wie Kinder von sich. Sie tobte die ganze Nacht und in Paroxismus mit lichten Intervallen mehrere Wochen. Der Arzt verlangte, daß der Knabe aus dem Hause entfernt würde, aber obgleich er sehr reiche Verwandte hatte, nahm ihn doch Niemand zu sich. Er wäre gern so weit als möglich von der Mutter fort gewesen, denn ihr Anblick erfüllte ihn stets mit gräßlicher Angst, die jede jugendliche Lebensblüthe in ihm versengte. Er mußte wohl bleiben. Nun rieth ihm der Arzt: nie mit der Mutter im Zimmer allein zu sein. So saß er denn immer auf der Lauer, um mit der dritten Person die Stube zu verlassen.

Im nächsten Sommer versah er’s und war eines Nachmittags mit ihr allein. Zufällig wendet er sich nach der Mutter und schreit auf vor Entsetzen. Der Wahnsinn glüht wieder aus ihren Augen, ihre Hände strecken sich krallenartig nach ihm aus.

„Hab’ ich Dich endlich!“ heult sie mit verzerrtem Munde. „Jetzt sollst Du mir nicht entgehen.“ Er stürzt nach der Thüre; sie verrennt ihm den Weg, sie faßt nach ihm, um ihn zu erwürgen; er springt auf den Tisch, reißt ein Fenster auf und stürzt sich auf den Hof hinaus. Der Schrecken wirkte fast tödtlich auf ihn; er wurde doch nicht entfernt, und um das harmlose Glück seiner Jugend war’s geschehen. Der Paroxismus ging diesmal schnell vorüber, aber im Wahnsinn hatte die unglückliche Frau Dinge gesprochen und gethan, die mit ihrem Gebahren an der Leiche des Vaters zusammengehalten, im Laufe der Zeit jenen Verdacht in der Seele unseres jungen Dichtern erzeugten, der sein Leben vergiftet hat.

Zwei Ereignisse sind in dieser Zeit bedeutungsvoll für den Knaben, welche die Feder des Mannes mit großer Lebendigkeit aus eigener Anschauung beschreibt, die furchtbare Explosion der französischen Pulverwagen in den Straßen Eisenachs und die dadurch bewirkte theilweise Zerstörung der Stadt am Abend des 1. September 1810, und die großartige Einweihung des Bonifacius-Denkmals (Kandelabers) bei Altenbergen am 1. September 1811. [199] Vier Jahre lang nehmen die Truppenmärsche durch das Ruhlathal und ergreifende Kriegsscenen die Aufmerksamkeit des talentvollen Knaben fast ganz in Anspruch. Sehr rührend ist fein freiwilliger Dienst als Krankenpfleger in einem französischen Hospital. Da kocht er Suppen und labt die Leidenden.

Die Schule des Orts ist schlecht und Storch erhält den ersten besten Unterricht in der Privatschule eines Candidaten der Theologie, eines rohen und gemeinen Menschen, der im Hause wohnt. Durch den ältesten Sohn Schiller’s, der in einem in Ruhla vom Förster auf der eisenacher Seite errichteten zahlreich besuchten Forstinstitute die Forstwissenschaften studirt, lernt Storch zuerst Schiller’s Gedichte kennen. Die Wirkung ist hochberauschend. Mit den ersten Flügelschlägen der Poesie in seiner Seele zieht auch die Liebe in dieses heiße Knabenherz. Er ist kaum zwölf Jahre alt, als er ein Mädchen seines Alters (Gretchen, das er im „Vörwerts-Häns“ verherrlicht hat) mit einer Glut liebt, deren nur eine Dichterseele fähig sein kann.

Durch Zeitumstände und lüderliche Wirthschaft versank die Familie indeß mehr und mehr in Armuth. Die Mutter trieb Viehzucht, braute und schenkte Bier und hielt einen Kramladen mit Materialwaaren und Biktualien und Schnapsschank. Der elf bis zwölfjährige Knabe mußte den Gehülfen bei den Gürtlerarbeiten machen, die sein Stiefvater als Beschläger der Pfeifenköpfe betrieb, und erlangte darin eine solche Fertigkeit, daß er sie noch heute anzuwenden versteht und daraus seine Vorliebe für Mechanik erklärlich wird; er mußte ferner den Viehknecht machen und den Kühen und Schweinen ihr Futter beifahren, was er meist baarfuß verrichtete; daraus erklärt sich seine Liebe zur Landwirthschaft, respective zur Viehzucht. Er hatte ferner den Dienst eines Kellners und Bierschenken, aber auch den weit beschwerlichern eines Marketenders. Wir sehen nämlich den schlanken Knaben mit den blonden Locken und den schwärmerisch leuchtenden blauen Augen an den Sonntagmorgen früh vor vier Uhr mit einer an einem Trageband ihm über die Schultern, vor seinem Unterleibe hängenden Korbwanne voll Schnapsflaschen und Semmeln mit der neuerrichteten Landsturmkompagnie der gothischen Ruhl auf eine große Wiesenfläche hoch im Gebirge ausziehen, wo das Exercitium stattfindet, und der künftige Dichter seine Schnäpfe an die Mannschaft ausschenkt. Das Vaterhaus wurde ihm zur Hölle.

Führen wir seine eignen Worte an, um die Theilnahme des Lesern für ihn zu gewinnen. „Man wird sich schwerlich eine rechte Vorstellung von der wüsten, scheußlichen Ehe meiner Mutter machen können. Mißgriffe und Irrungen fort und fort von beiden Seiten. Arbeitsunlust, Vorwürfe, tägliche Zänkereien und Schlägereien, die den tiefsten Grad von Gemeinheit erreichten, widerwärtige Scenen, die mein junges zuckendes Herz zur Verzweiflung brachten und mir jetzt noch das Blut vor Scham und Unwillen in die Wangen treiben. Mein von launenhafter Strenge, Angst und Schrecken schon schwer niedergedrücktes Gemüth wurde zermartert und zerrissen von den Furien, die mein elterliches Haus täglich durchrasten. Meine beschmutzte Kinderseele kehrte sich mit zitternder Empörung und wachsendem Abscheu von den dämonischen Gestalten, die, gepeitscht von Haß und Wuth, mich dort täglich und stündlich umgrinsten und umtobten. Weinend floh ich in die schönen einsamen Wälder, die mir von den Bergen herab die Arme mitleidig entgegenstreckten. Dort saß ich an einem Felshange und starrte sehnsüchtig in die weite blaue Ferne, ein um sein schönes Jugendglück betrogenes Kind, oft hungernd und frierend, schluchzend vor unsäglichem Schmerz, und doch bald wieder mit aufflammender Seele, dort saß ich, der arme Knabe, der Nachkomme der steinreichen Kühn, der vornehmen Götter, der gelehrten Storch, von höllischen Geistern aus dem Vaterhause vertrieben, und – schrieb meine ersten Lieder, zu welchen es mich unwiderstehlich drängte, auf ein vergilbtes Blatt Papier. Dort zuerst brauste Schiller’s großer Genius wie ein Sturmwind durch die offnen Thore meiner Seele, dort suchten mich die neckischen Berggeister, die Sagen und Märchen, auf, dort tauchten die ehernen Gestalten der Geschichte in mir auf und zogen majestätisch vor meinem brennenden Geistesauge vorüber. Damals habe ich so manches stille – schwärmerische Lied geschrieben. Selig träumend ging ich dann weiter, um Gretchen aufzusuchen und ihr in das süße, blaue Auge zu sehen. So hat mich früh der Hort der Poesie vor dem Schmutz der Erde geschützt.“

Der Knabe hatte gewünscht, Theologie zu studiren, da er gegen die Jurisprudenz durch unverständige Reden eingenommen worden war, aber er wurde von seinen Eltern bestimmt, Kaufmann zu werden. So kam er im Spätherbst 1816 nach Erfurt in eine Engros-Material- und Landesproduktenwaaren-Handlung. Neue Drangsale warteten seiner. Von einem unbedeutenden Menschen gemißhandelt, dem Hunger preisgegeben, war er nahe daran, lüderlich zu werden. Die Poesie rettete ihn. Er schrieb ein Drama und Gedichte, die der prosaische Herr Prinzipal entdeckte und dafür den poetischen Lehrling züchtigte. Er mußte die schwersten Tagelöhnerarbeiten thun und den Pferdeknecht machen.

Aus dieser Periode hat Storch’s Buch wieder sehr interessante Genrebilder. Auch die nächste Veranlassung, daß er im Spätherbst 1817 aus dem Geschäft entlassen wird, ist poetisch originell, wir können sie aber nicht mittheilen. Einige Monate später tritt er in ein Material-Detail-Geschäft in Erfurt als Lehrling ein, brennt jeden Morgen um 4 Uhr einen Centner Kaffee in einer großen Trommel und destillirt den Tag über in einer großen kupfernen Blase alle möglichen Schnäpse und Liqueure, cujonirt von einer impertinenten Ladenmamsell, und albern behandelt von einem sehr dummen Menschen, der jetzt sein Prinzipal war. Die Schilderung seines Lebens in diesem Hause ist sehr humoristisch. Ein entsetzlicher Sturz in den Keller, der das Leben des Lehrlings in die größte Gefahr brachte, machte auch diesem Aufenthalt nach einem Vierteljahre ein Ende.

Jetzt wußte der an bittern Lebenserfahrungen schon so reiche Jüngling es durchzusetzen, daß er zu Michaelis 1818 das Gymnasium zu Gotha beziehen durfte. Der Direktor desselben, Kirchenrath Döring, wollte ihn nicht annehmen, weil er, groß wie ein Mann, aller Vorkenntnisse ermangelte. Seine Fortschritte waren indeß erstaunenswerth. Und dabei litt er den bittersten Mangel an den nothwendigsten Bedürfnissen. Seine Eltern waren gänzlich verarmt, und das geringe väterliche Erbe Storch’s in ihrer Benutzung. Da gab er Unterricht, arbeitete als Gehülfe in der Hennings’schen Buchhandlung, trieb einen kleinen Buchhandel mit Schulbüchern und arbeitete für Schüler und andere Leute. Und doch mußte er zuweilen lange darben. Eine verhüllte Hand ließ ihm sehr zweckmäßige Unterstützung zufließen. Ein Zufall entdeckte sie ihm; es war ein junges hübsches Mädchen in seiner Nachbarschaft, die Tochter eines wohlhabenden Schuhfabrikanten. Aus dem Gefühl der Dankbarkeit erwuchs, wie so oft, die Liebe. Zu Michaelis 1822 verließ Storch das gothaische Gymnasium und wurde Schüler des Gymnasiums zu Nordhausen, dessen Director Krafft ihm viele Vortheile gewährte, und ein Jahr später bezog er die Universität Göttingen, um Humaniora zu studiren. Dort erschien auch unter dem Titel: „Knospen und Blüthen,“ die zweite Auflage seiner in Nordhausen bereits veröffentlichten Gedichte, die indeß von dem Dichter als Jugendarbeit später nicht brachtet wurden.

Aber schon zu Anfang des Jahres 1825 sehen wir ihn sich um eine kleine Anstellung in Gotha bewerben, die ihm der Staatsminister Lindenau, dem er sich empfohlen, zugesagt, und seine Verlobte heirathen. In diesem Jahre schrieb er seine erste Novelle, die Intrigue, die später in zweiter Auflage erschien, und ihm viele Freunde erwarb. Er erhielt die Anstellung nicht, der Minister zieht seine kleine Unterstützung zurück; der junge Dichter ist Gatte und Vater zweier Knaben ohne namhaftes Vermögen, ohne Broterwerb. Alles zieht sich von ihm zurück, er wird überall abgewiesen, nur einige anrüchige Subjecte suchen seinen Umgang aus schmutziger Absicht. Die Schilderung dieser Zeit ist im Buche herzergreifend, die Portraitirung der Persönlichkeiten von den beiden Gymnasien und der Universität vortrefflich. Wir begegnen da z. B. Heinrich Stieglitz, der in Gotha Storch’s Mitschüler und Umgangsfreund ist, freilich der verwöhnte und verzärtelte Neffe des Baron Stieglitz, des russischen Rothschild.

Die Kraft eines ursprünglichen Geistes bewahrt sich auch hier wieder. Der unglückliche Storch rafft sich auf. Wie er 1821 nur durch einen Zufall abgehalten wurde, als Philhellene nach Griechenland zu gehen, so halten ihn jetzt die Bitten seiner Mutter zurück, mit seiner jungen Frau zum Theater zu gehen, wozu Beide entschiedenes Talent haben. Er geht zu Ostern 1826 nach Leipzig, um seine Studien zu vollenden. Frau und Kinder bleiben in Gotha. Auf originelle Weise lernt er den Buchhändler Barth kennen, und dieser führt ihn in die Schriftstellerlaufbahn ein. Während er noch einige Collegia hört, werden schon Novellen und Romane von ihm gedruckt [200] Der mit großem Beifall ausgenommene „Kunz von Kauffungen“ ist eins seiner ersten Bücher. Dabei lies’t er bei Barth Korrekturen, und verschafft sich und den Seinigen durch großen Fleiß eine anständige Existenz. Der Plan, mit zwei andern jungen Gelehrten eine Buchhandlung in Gotha zu gründen, treibt ihn dahin zurück, aber auch diese neue Hoffnung scheiterte an Leichtsinn und Untreue. Storch wurde betrogen und erlitt Verluste, die Früchte seines angestrengten Fleißes, die für seine Verhältnisse groß genannt werden durften. Zu jener Zeit übersetzte er aus dem Griechischen, Lateinischen, Französischen und gab zwei Novellen, die „Kurrutzen“, heraus, die so allgemeine Anerkennung, namentlich in Oesterreich fanden, daß ihm von vielen Seiten buchhändlerische Offerten zugingen. Die Verhältnisse in Gotha konnten ihm indeß nicht behagen, er fühlte sich dort sehr unglücklich. Deshalb ergriff er das Anerbieten eines jungen Buchhändlers Franckh in Stuttgart, dorthin zu kommen und für denselben thätig zu sein, und war im Herbst 1828 schon in der Hauptstadt Würtembergs. Dort lebte er mit Carl Spindler zusammen.

Aber Franckh war ein unedler Mensch, der Storch mißbrauchen wollte. Das erste Auftreten des Schauspielers Seidelmann auf der Hofbühne in Stuttgart wurde auf sehr drastische Weise die Veranlassung, daß sich Storch’s Verbindung mit Franckh schon nach einem halben Jahre wieder löste, und der erstere, da er in Stuttgart keinen Verleger finden konnte, mit mehren fertigen und angefangenen Manuskripten im Herbst 1829 nach Leipzig ging, wo er leider in die Hände eines gewissenlosen Buchhändlers fiel, der ihn sehr gemißbraucht hat. Zu Weihnachten hatte er seine Familie wieder bei sich, und nun erschienen „Vörwerts-Häns“, „der Glockengießer“, „die Fanatiker“ und der erste Band des „Freiknecht“, ein Roman, der mit den verschiedenen Nachdrücken nicht weniger als fünf starke Auflagen erlebt hat, und von der Birch-Pfeiffer als „Hinko der Freiknecht“ für die Bühne bearbeitet worden ist.

Aber auch in Leipzig war dem gedrangsalten jungen Manne nicht lange Ruhe gegönnt. Die Revolution von 1830 und ihre Folgen, die ihn über die Maßen anekelten, vertrieben ihn. Zu Weihnachten wohnte er mit seiner Familie wieder in Gotha in einem abgelegenen Gartenhause, das er früher schon bewohnt hatte.

In der tiefsten Zurückgezogenheit und fast ohne allen Umgang lebte er hier zehn Jahre, und schrieb seine zahlreichen Schriften, von denen wir als besonders gelungen nur: „der Karikaturist“, „der Jacobsstern“, „die Beguine“ und „der Freibeuter“ aufführen. Seine Abgeschlossenheit hatte nicht nur einen moralischen, sie hatte auch einen physischen Grund. Im Jahre 1833 zeigten sich die ersten Spuren von einer den Dichter heimsuchenden nervösen Schwerhörigkeit, die sich mit den Jahren vermehrte. Vielfache Verluste und unerfreuliche Behandlung von Buchhändlern veranlaßten unsern Storch, im Jahre 1840 auf Anregung eines jungen, ihm entfernt verwandten Schriftsetzers, der ihm vorspiegelte, Besitzers eines ansehnlichen Vermögens zu sein, mit demselben eine Buchdruckerei zu errichten, und damit eine Verlagsbuchhandlung zu verbinden. Nachdem die ersten Schritte schon geschehen waren, erwiesen sich die Vermögensangaben des jungen Mannes als falsch und Storch mußte einen Compagnon in der Person eines andern jungen Mannes annehmen. Auch in dieser Wahl war er unglücklich. Die trübste Periode in Storch’s Leben beginnt hier; er wird von allen Seiten hintergangen und getäuscht, und seine bösen Erfahrungen in dieser Beziehung endeten 1814 keineswegs mit dem Verlust seiner gänzlichen Habe. Storch erzählt über diesen Gegenstand Dinge, die nur ein mit der Verworfenheit von Menschen vertrauter Mann für möglich halten kann.

Von 1845–1849 schrieb der Dichter wieder in der alten tiefen Zurückgezogenheit seinen neunbändigen historischen Roman „Ein deutscher Leinweber,“ ein Werk, daß trotz seiner Ausdehnung allgemeinen und großen Beifall fand und noch jetzt zu den gelesensten Büchern gehört. Storch zeigt sich darin zugleich als Geschichtsforscher. Die Bewegungen der Jahre 48 und 49 berührten ihn nur in den ersten Wochen. Dagegen ergriff ihn Friedrich Fröbel’s Idee der Kindergärten lebhaft; er ließ eine Nichte, die er erzogen, von Fröbel zur Kindergärtnerin bilden, und gründete einen Kindergarten in Nordhausen, welcher schon nach wenigen Monaten vom königl. preuß. Ministerium des Unterrichts geschlossen wurde, worauf das bekannte Verbot der Kindergärten in den preußischen Staaten erfolgte. Storch hatte seinen ganzen zeitherigen Erwerb darauf verwendet, und gerieth wiederum in die bedrängteste Lage. Er lebte im Jahre 1851 in Dresden und Braunschweig, um eine Kur gegen seine schweren Unterleibsleiden zu gebrauchen, 1852 in dem schönen Gebirgsdorfe Georgenthal bei Gotha, 1853–55 in dem grünen Städtchen Waltershausen, wo Frau und Nichte einen Kindergarten hielten. Um einen Lieblingswunsch, den er seit seiner Jugend gehegt, Landwirth zu werden, auszuführen, beabsichtigte er, sich in einem westlichen Staat der nordamerikanischen Union anzusiedeln, und ein Sohn ging dahin voraus.

Aber der Buchhändler E. Keil, der Verleger dieses Blattes, Storch’s thüringischer Landsmann, mit welchem er seit 1852 in nähere Verbindung getreten war, rieth so dringend von dieser Uebersiedelung ab, daß der Dichter den Plan aufgab. 1853 erschienen Storch’s lyrische Gedichte im Verlage den genannten Buchhändlers, die von der gesammten deutschen Presse mit großer Anerkennung ausgenommen wurden. Auf Betrieb desselben Verlegers erschien dann oder erscheint vielmehr noch in dessen Verlag eine Auswahl von Storch’s Schriften in einer schön ausgestatteten Familienausgabe, die ebenfalls vielen Beifall fand, und ihm, da der Verleger seinen Gewinnantheil vollständig an den Dichter abgetreten, hoffentlich die Mittel zu einer sorgenfreien Existenz liefern wird. Seit dem Spätsommer 1855 lebt der Dichter bereits auf einem kleinen Landbesitzthum in der Altstadt bei Bayreuth und giebt sich mit Eifer und Freude dem Betriebe der Landwirthschaft hin. Die schweren körperlichen Leiden, von welchen er seit einer langen Reihe von Jahren heimgesucht war, weichen von ihm, und er sieht einen, ruhigen Alter entgegen. Seine Schaffenskraft ist wieder erwacht, und wir können noch manchem schönen Erzeugnisse seiner dichterischen Muße entgegensehen.

Hätte Storch früher mehr Muße gehabt, d. h. wäre seine äußere Lage eine günstigere gewesen, so würden alle seine poetischen Erzeugnisse einen weit höhern Grad von Reife haben. Wie wahr und treffend und warm er z. B. zu schildern versteht, das können am Besten seine Landsleute, die Thüringer, bezeugen, deren Berge, Wälder und Sagen von Allen Keiner so lieb und schön, Keiner so wahr und treu beschrieben hat, als L. Storch. Der arme Dichter mußte sein Leben aber meist unter drückenden Nahrungssorgen hinschleppen, gehetzt von einem Ort zum andern, und von Erholungen, wie sie den Meisten vergönnt sind, ist bei ihm niemals die Rede gewesen.

Storch’s Persönlichkeit ist eine ungemein anziehende und gewinnende – eine ächte Dichtergestalt. Man hat ihn die schlanke Edeltanne Thüringens genannt und nicht mit Unrecht. Auf einer hohen breitschultrigen Gestalt sitzt der noch immer klassisch-schöne Kopf, dessen Haare sich nach und nach weiß färben, während die Wangen noch in frischer Jugendfarbe glühen. Ein Augenpaar, so blau und treu, wie man es nur in Thüringen findet, schaut aus dem blühenden Antlitz so heiter und froh heraus, als ob es niemals Thränen des Kummers geweint. Alles an ihm, sein ganzes Wesen, besonders aber seine Sprache, die den treuherzigen thüringer Idiom noch ganz hat, macht den Eindruck eines offenen kindlichen Gemüths, das trotz aller bitteren Erfahrungen noch an die Menschheit und all’ ihre Ideale glaubt. Man muß ihn selbst sprechen hören über seine Vergangenheit, sein Leben und seine Hoffnungen, man muß mit ihm auf den thüringer Bergen gewandert sein, die er so treu liebt, muß mit ihm die Hoffnungen des Vaterlandes besprochen und berathen haben, um den Mann lieb zu gewinnen, der so hinreißend-begeistert und doch so kindlich offen, so ganz vertrauend und hingebend seine innere Welt zu offenbaren versteht. Storch ist ein Mensch im edelsten Sinne des Worten, und das ist in unsern Tagen schon ein großer Vorzug.

Er hat viel Gutes gewollt und Besseren verdient, als ihm im Leben geworden – möge sein Lebensabend ein heiterer und sorgenloser sein!
K. v. L.