Die sieben Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis/Das erste Sendschreiben

« Einleitung Hermann von Bezzel
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Sendschreiben
an die Gemeinde zu Ephesus:


 „Dem Engel der Gemeinde zu Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern:
 Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst und hast versucht die, so da sagen, sie seien Apostel und sinds nicht, und hast sie Lügner erfunden;|
 und verträgst und hast Geduld und um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde geworden.
 Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße und tue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich dir kommen bald und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße tust.
 Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse.
 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Holz des Lebens, das im Paradies Gottes ist.“
Offenbg. 2, 1–7. 


 Im ersten Sendschreiben, in dem an die Gemeinde zu Ephesus, nennt der Herr, indem er nun dieses Dreieck ansieht, welches, an dem Mittelmeer hingestreckt, die sieben Gemeinden bildet, sich „den, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten mitten unter den sieben Leuchtern“ (Vers 1). Jesus hat die sieben Sterne, die Bischöfe und Hirten der Gemeinden, in seiner Hand. Es sind Sterne, von seinem Licht erleuchtet, die er an seinem Himmel aufgesteckt hat. Und diese „trägt“ er wie ein Diadem an seiner Hand. So kann ihm keiner entgehen und wenn er aus seiner Hand fällt, wird er ein Irrstern. Der Herr, der dieses Diadem seiner Knechte um sich schlingt, diese siebenfache Perlenschnur, welche die Sterne bilden, auf und in seiner Hand trägt, „wandelt unter den sieben Leuchtern.“ Er wandelt durch die sieben Gemeinden hindurch, die er als Leuchter für die kleinasiatische Kirche und für ganz Europa erwählt hat. „Er wandelt,“ d. h. er teilt ihren Lauf; nicht nur in Feierkleidern prangt er als König unter ihnen, sondern wandelt unter ihnen auch am Werktag, in der Mühseligkeit des Lebens, bei der| täglichen Berufsarbeit. Ja, der König des Himmels wandelt als ein Mensch des Alltags, in der menschlichen Alltäglichkeit, im Arbeitsgewand unter denen, die selbst mitten in der Arbeit stehen. Es ist alles Festliche ausgezogen; die festliche Gewandung Jesu Christi würde die Gemeinde verstören und ein Sterblicher kann diesen Festesglanz noch nicht ertragen. Darum hat er über den Glanz, vor dem Johannes niederfiel als ein Toter, das Werktagsgewand gebreitet. Und wenn auch an einem Sonntage diese Visionen ihm erschienen sind, so sind es eben doch Visionen, die vom Sonntage in den Alltag hinüberleuchten, damit sie ihn verklären.

 Wir sind Leuchter seit unserer heiligen Taufe. Jede Christenseele ist ein Leuchter, den der Herr Christus in diese so dunkle Welt eingesenkt hat. Sterne und Leuchter unterscheiden sich nur dadurch, daß die Sterne in näherer Beziehung zu ihm stehen, aber auch viel schneller von ihm abfallen können. Während die Sterne bereits in der Gnade ewigen Lichts glänzen, kann es unter den Leuchtern und auf denselben noch finster sein. Während aber die Leuchter noch scheinen, können die Sterne, die einst stark genug waren, Licht zu vermitteln, bereits ihre Leuchtkraft verloren haben. Das ist das Verhältnis von der Zentralsonne zu den Sternen, von Christus zu denen, die auf der Erde seine Knechte und Diener sind und durch deren Vermittlung („Wer euch höret, der höret Mich“[1].) er seiner Welt das Licht spendet.

 Indem nun der Herr Jesus Christus im Alltagsgewand durch die Gemeinde hinschreitet, spricht er der Gemeinde von Ephesus alles das zu, was er an ihr zu loben hat. Es war ja diese Gemeinde sonderlich| begnadigt. Hatte sie doch den Apostel Paulus zu wiederholten Malen gesehen und von ihm aus Rom den Brief erhalten, der das Geheimnis der christlichen Kirche als der innigsten Gabe der Liebe Jesu darstellt. In manchen seiner Briefe hat er auch die Herrlichkeit Jesu Christi, des aus Leiden des Todes gekrönten Heilsmittlers, mit herrlichen Farben geschildert; aber in keinem andern hat er so die Beziehungen zur Gemeinde dargestellt, als im Epheserbrief. Es ist der Brief, in dem er den wunderbaren gliedlichen Zusammenhang aller Glieder untereinander und mit dem königlichen Haupte aufzeigt. Die Gemeinde hatte auch seinen Schüler Timotheus als ihren Bischof und nun den Ertrag der ganzen Lebenserfahrung des Apostels Johannes erhalten. Vier Stücke also: 1. St. Pauli Missionstreue, 2. seinen Gefangenschaftsbrief, 3. seinen Schüler Timotheus als letzten Liebesgruß zu ihrem ersten Bischof und 4. den ganzen Ertrag des reichen Lebens St. Johannis, der ja ihr zweiter Bischof gewesen.
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 „Ich weiß“ (V. 2), spricht der Herr. Unser Urteil ist nur ein Glauben, Denken, Meinen und auch das Urteil der Menschen, welche meinen, viel zu wissen, wird durch Enttäuschung oft getrübt. Selbst das Urteil derer, welche mit dem ganzen Ernste der Nüchternheit Menschen beurteilen möchten, trägt die Gefahr des Irrtums in sich. Bei dem Herrn Jesus Christus, der die Gemeinde durchschreitet und seine Hirten ansieht, sind diese Täuschungen ausgeschlossen. In der Offenbarung stehen Hirten und Gemeinden so zueinander, daß, was den Hirten trifft, auch der Gemeinde gilt. „Ich weiß“, ohne die Möglichkeit des Irrtums, der| vielmehr ganz aus meinem Wesen ausgeschlossen ist, aus dem Wesen des, der unter euch wohnte und nun über euch ist.
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 „Ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld.“ (V. 2a) Es ist also die Gemeinde zu Ephesus eine Gemeinde, welcher der Werktag ein ernster Tag war und die am Arbeitstag auch gearbeitet hat. Sie verschmähte den Arbeitstag mit Zerstreuungen zu würzen und war fern davon, Abwechslung zu suchen. Wenn in einem Menschenleben ein Tag an den andern sich reiht mit dem ganzen Ernst des Wirkens und wenn man nur soweit Abwechslung begehrt, daß sie den Menschen von neuem zur Arbeit tüchtig mache, dann ist es ein ihm gefälliges Leben. Es ist noch niemand an der Arbeit gestorben, wohl aber daran, daß er die Arbeit sich nicht eine Freude sein ließ. Es ist in der Arbeit nicht die einzige, wohl aber eine große Macht gegen die Sünde. Es gibt manchen Christen, dessen Leben aus lauter Zutaten sich zusammensetzt. So wenig das aber eine solide Mahlzeit ist, die aus lauter Zutaten besteht, so wenig ist das ein solides Leben, das vor lauter Unterbrechungen zu keiner Arbeit kommt. Es gehört mit zu den schwersten Aufgaben, solchen Menschen das Gewissen zu schärfen, weil gewiß nichts geschärft werden kann, was nicht vorhanden ist. Wenn mir ein Christ mit Eigenwillen, Trotz und Hartnäckigkeit zu Händen kommt, und er arbeitet, so gibt er doch dem heiligen Geist Gelegenheit, daß er an ihm arbeite. Aber ein Mensch, der nicht arbeitet, der vor lauter Abwechslung nicht zur treuen, einfältigen Tagesarbeit kommt, ein solcher Mensch geht des ewigen Zieles nur allzuleicht verlustig. Man wird uns droben vor allem| fragen, nicht was, sondern wie wir gearbeitet haben, ob mit dem Gelübde des ganzen Wollens, nie ungeschehen zu lassen, was geschehen muß, oder mit Ansätzen, denen Zerstreuung folgte. Wenn etwas getan werden soll und niemand will es tun, so tue du es! – „Ich weiß deine Werke“, es waren keine mühelosen Werke. Jede Arbeit muß, um genußreich zu sein, anstrengend sein. Eine Arbeit, die der Mensch spielend leistet, ist keine Arbeit. Schwielen sollen der Schmuck des Arbeiters sein. Weil wir wissen, daß dieser Leib über kurz oder lang verwesen muß, ist es unsere Pflicht, ihn so streng als möglich zu gewöhnen, daß er allen Unbilden trotze, solange es möglich ist. Wir danken es dem Herrn, daß er so viel Wert auf die Arbeit legt.
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 „Ich weiß deine Geduld“ (V. 2), eine Geduld, die stark genug ist, bei der Arbeit auszuharren, auch wenn nichts zu genießen ist, weil sie weiß, daß der Erfolg des Herrn ist. Es ist etwas Großes um die Geduld, welche sagt: Ich danke dir, Gott, daß Du mich arbeiten lässest; wie die Arbeit gerät und was aus ihr entstehe, das überlasse ich getrost Dir. – Geduld der Gemeinde ist keine fromme Ergebung, als ob mans ja doch nicht mehr ändern könnte, sondern sie ist zugleich die Kraft: „daß du die Bösen nicht tragen kannst“. Das Böse kannst du tragen: böse Zeit, die mühevollen Tage, Enttäuschungen immer wieder mit neuer Kraft anzunehmen. Aber eines kannst du nicht, du kannst die Bösen nicht tragen, denn das sollst du auch nicht. Ist es nicht an dem, daß wir, indem wir die Bösen tragen, auch das Böse tun? – „Tragen!“, nicht weil es uns Freude macht, also zu tun, sondern weil sie nicht zu tragen beschwerlich ist. Nicht, als ob die Gemeinde| nicht hätte vergeben können; denn das kann doch der Herr nicht loben. Aber, daß die Bösen sich gleichberechtigt in deine Arbeit drängten, daß sie wollten, es solle auf sie gehört werden, das wolltest du nicht. Du hast sie versucht in schwerer entscheidender Arbeit und hast gefunden, daß sie weder treu, noch wahr, noch lauter waren. Du hast sie versucht und hast sie Lügner erfunden; darum hast du sie nicht tragen dürfen. Wahrlich, wenn wir uns nur das recht merken würden, daß neben aller Geduld und allem Erbarmen der einzelnen Seele gegenüber nichts zu tragen ist, was den Lauf der Gemeinde aufhält. Du bist weder fähig, es zu tun, noch dazu irgend verpflichtet.
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 Wie steht es bei uns? Ist es an dem, daß es in unserer Umgebung der Fadheit, Leere, Tändelei, Armseligkeit und Lüge weh zu Mute und eng ums Herz wird, daß in unserer Umgebung sich die Plattheit des Lebens gar nicht halten kann? Gar mancher Mensch bildet sich ein, Christi Sinn dadurch zu erfüllen, daß er alle Unarten bei ihm sich aufhäufen läßt, als ob wir nicht die Pflicht hätten, alles aus unserer Nähe hinauszutun, was unrein ist. Also Tragkraft, in der Arbeit selbst die Erholung von der Arbeit, Geduld, ausharrende Treue, aber zugleich diese heilige brennende Ungeduld: „Meines Vaters Haus ist ein Bethaus, es soll nicht zur Krämerbude, nicht zur Räuberhöhle gemacht werden.“ (Matth. 21, 13[2]) Du hast die Bösen geprüft und da du sie Lügner fandest, hast du sie ausgetan. Zweierlei lobt also der Herr, einmal die Energie der Arbeit nach innen, im Kämmerlein, und zum andern die Energie nach außen, die Energie im Beruf,| die zähe Energie nach innen und die jähe, vernichtende Energie nach außen. Wenn also nicht die zähe Energie der Arbeit vorausgeht, ist die jähe Energie fleischlicher Eifer. Man bringt jämmerlich andern gegenüber das ein, was man selbst seinem König und Herrn gegenüber versäumt hat. Man rafft sich aus dem Traum des Tändelns auf, indem man gegen andere scharf wird und durch diese Schärfe die eigne Lauheit verbergen will.

 Tragen und nicht tragen, das sind also die Tugenden, die der Herr an der Gemeinde von Ephesus rühmt. Sie arbeitet, sie trägt, sie läßt es sich sauer werden. Es ist ihr ein rechter Ernst, in der Pflicht ihre Erholung und ihre Freude in der Arbeit zu suchen. Aber sie trägt auch nicht. Sie ist eine Feindin der falschen Duldsamkeit, welche das Kind der Feigheit und die Mutter der Sünde ist. Es gibt keine Verbindung zwischen süß und sauer, bitter und schmackhaft, recht und unrecht, um ja nicht in ernsten Kampf zu geraten. Es ist der Gemeinde und ihren Hirten auch nicht vorzuwerfen, daß sie die ausstößt, welche sprechen, sie seien Propheten und sind es nicht, sondern dieselben geprüft hat. Die Gemeinde wartet. Sie trägt, sie sieht lange zu, sie läßt das Böse ausreifen. Wo sie aber sieht, daß das Böse sich verhärtet, da geht sie allen Bündnissen aus dem Wege.

 „Und um Meines Namens willen arbeitest du.“ (V. 3). Wir danken dem Herrn, daß er die Arbeit seiner Knechte und Mägde so würdigt. Wir danken ihm, daß er sich mit uns zur Arbeit zusammen geschlossen hat, als er sagte: „Ja, mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden und hast mir Mühe| gemacht in deinen Missetaten.[3]“ Indem wir auf seine am Kreuz durchbohrten Hände sehen, achten wir der Schwielen nicht, mit denen wir unsere Hände bedecken werden. Aller die Zeit vergeudenden und verträumenden Art, welche sich bei uns noch findet, muß der Krieg erklärt werden. Nicht jeder Arbeiter ist ein Christ, aber jeder Christ ist ein Arbeiter; nicht jeder, der treu ist im irdischen Beruf, ist auch treu seinem himmlischen Herrn; aber wer treu ist seinem himmlischen Herrn, der ist auch treu im irdischen Beruf. Prüfe dich für dein ganzes Leben und habe nie Verzeihung für die Versuche, über die Arbeit sich hinwegzudenken! Diejenigen arbeiten in der Regel am wenigsten, die das Wort „Kopian“ („sich mühen“, V. 3 im Urtext) am meisten im Munde führen. Wer viel darüber spricht, dessen Arbeit hat wenig Gehalt. Der Herr erfülle uns mit dem Gelübde: „Ich will Dir immer treuer dienen“. Wir wollen arbeiten, bis wir nicht mehr sein werden. Es ist doch neben dem Gebet die Arbeit das höchste Mittel, des Todes zu spotten und seine Bitterkeit zu verachten. Es liegt in der Arbeit die große Kraft, daß Jesus Christus sie geliebt, sie gelobt hat.

 „Um Meinet-willen arbeitest du.“ Wer von uns könnte sagen, daß seine ganze bisherige Arbeit in das Einige eingetaucht gewesen sei: „Um meinet-willen“? Jener großer Maler Fiesole[4], Zeitgenosse Savonarolas, hat bekannt: „Das ist mein Ruhm, daß all mein Tun, Christe, dem Deinigen galt.“ Wer unter uns könnte auch nur von den letzten Wochen sagen, daß er um Christi willen gearbeitet habe und daß ihm Christus allein auf dem Altar seines Herzens, auf dem Grund seiner täglichen Arbeit geleuchtet habe? – –

|  „Und bist nicht müde geworden.“ (V. 3b) Es ist, als ob nichts mehr zu loben und auch nichts mehr zu tadeln übrig bliebe bei dieser Gemeinde. Es liegt ja auch in der Arbeit um Christi willen eine Gefahr der Ermattung, weil unser Herr Christus eine so eigenartige Arbeit verlangt, weil er verlangt, daß wir nicht auf das Sichtbare sehen. Damit verlangt er ja, daß wir uns die Augen ausreißen! Weil er verlangt, daß wir nicht auf das Hörbare hören, – da müßten wir uns ja die Ohren verschließen! – es ist ganz unglaublich! Ich soll meine Anerkennung, mein Lob nicht ansehen, sondern allein denken, daß Er geehrt werde. Tragen und nicht tragen, sich mühen, sich quälen und alles um Seinetwillen. Wenn die Tage in der Gemeinde zu Ephesus schwer waren, so leuchtete doch über ihnen dies „um Christi willen“. Wenn’s noch so bitter und hart in ihrer Mitte zuging, eines schien tröstlich zu sein: „um Christi willen“. Es wird von einer alten Gemeinde in Syrien erzählt, daß sie alles, was sie tat, mit der Formel einleitete „aus Liebe zu Jesu“. Und wenn auch dies jetzt nur noch eine Formel ist, so ist es doch eine süße Erinnerung an vergangene Tage. „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn Jesu“ (Kol. 3, 17) und in der Liebe zu ihm. Wenn der Becher Wein getrunken wurde, wenn Brot gegessen, wenn die Arbeit begonnen wurde, – so wie wir einander zurufen: „das walte Gott!“ – so erklang es dort: „Aus Liebe zu Jesu!“. Das sind die letzten süßen Nachklänge dieser Gemeinde.
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 Wo solch ein Lob einer Gemeinde gespendet wird, da sollte man erwarten, daß nun das Andere komme:| „Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über Wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude!“ (Matth. 25, 21) Und wie ganz anders kommt es doch! Nachdem der Herr in seiner Weise zuerst das Herz der Gemeinde ganz gewonnen hat, wie ein feiner Lehrer, der zuerst lobt und dann tadelt, nicht zuerst tadelt, dann lobt, spricht er aus, was er an ihr aussetzen muß.

 „Aber ich habe wider dich, daß du die Liebe des Anfangs verlassen hast.“ (V. 4) Welch ein Wort, wenn Christus zu einer Seele spricht: „Ich habe etwas wider dich.“ Ist es uns schon schwer, wenn ein geliebter, von uns verehrter Mensch etwas wider uns hat, wie muß es erst klingen, wenn der Herr spricht: „Ich habe“ – nicht „Ich glaube, ich meine, vermute, argwöhne“, – sondern so, wie vorhin „Ich weiß“. Hier ist jede Einbildung ausgeschlossen. Er weiß und er hat.

 Was hat er wider die Gemeinde, die so als Ideal dasteht? Kann er überhaupt, der harte Herr, nicht zufriedengestellt werden? „Ich habe wider dich, daß du die Liebe des Anfangs verlassen hast.“ Es ist mir, als ob ich die Klänge des Hohenliedes hörte: „Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe gäbe, so gälte es alles nichts!“ (Hohelied 8, 7) und St. Pauli Worte: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib ins Martyrium und mich ganz hingäbe und mich um Jesu willen verzehrte, und hätte der Liebe nicht, so wäre es nichts.“ (1. Kor. 13, 3). Aber es ist die Liebe des Anfangs, die erste Liebe, dieses Geheimnis, über das Könige und Propheten nachgedacht haben, ohne es zu ergründen. Es| ist das Geheimnis, da man sprechen kann: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?“ (Luk. 24, 32) Es ist dies erstmalige Erkennen Jesu Christi, dieses Legen der Hände in seine Hände: „Mein Herr“, nicht: „Herr“, sondern „Mein Herr und mein Gott“. (Joh. 20, 28). Die erste Liebe läßt die ganze Welt verschwinden, daß nur noch Christus und die Seele, die ihn liebt, allein auf der Welt sich befinden. „Fahr hin, was heißet Stund und Zeit, ich bin schon in der Ewigkeit, weil ich in Jesu lebe.“ Es ist die große Begeisterung für Jesum Christum: So gering ich bin, wenn ich nur für Dich etwas tun könnte! Du hast mir das Herz gewonnen, als Du das Deine für mich brachst, da Du als Lamm mich umgabst, da Du als Löwe, der mir auf dem Wege begegnete, mich niederschlugst. – Dem Apostel Johannes ist er als Lamm erschienen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“[5] Dem Apostel Paulus ist er als Löwe entgegengetreten auf dem Wege nach Damaskus: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“[6] Diese Liebe des Anfangs hat etwas Stürmisches, Eilfertiges; was an ihr unreif ist, das muß fallen. Es heißt nicht, daß du die erste Liebe nicht bewahrt hast, sondern daß du sie weggeworfen hast. Der Herr verlangt nicht, daß einer auf dem Standpunkt stehe, den ein Kind hat, aber das Kindliche verlangt er. Er verlangt nicht, daß Johannes noch auf demselben naiven Standpunkt stehe wie am Anfang seiner Jüngerschaft. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem ängstlichen Konservieren einer Sache und dem treuen Bewahren und Pflegen. Diese erste jugendfrische Begeisterung ist in der Gemeinde gewichen.| Es war das Arbeiten ein treues, aber der inneren Begeisterung entbehrendes. Es war nicht mehr die Arbeit derer, von denen der Herr Jesus gesagt hat, daß sie seine Freunde seien, sondern die Arbeit treuer Söldner. Und wenn ja einmal Begeisterung kam, dann war sie eine künstliche und darum nicht lang anhaltende. Kein Hauch der Frische geht mehr durch das Ganze, bereits zeigen sich die Anfänge der Stimmung, die jenen Knecht hat reden lassen: „Herr, ich wußte, daß Du ein harter Mann bist. Du schneidest, wo du nicht gesäet hast, und sammelst, da du nicht gestreut hast.“ (Matth. 25, 24) – Die Freudigkeit freilich, die in dem Diener Jesu Christi am Tage der Ordination war, da es ihm zu Mute war, als wollte er der ganzen Welt sagen, was Großes es heißt, ein Diener Christi geworden zu sein, kann nicht lange nachhalten. An diesem Tage stehen die Jünglinge so glaubensfrisch und alles Große des Amtes steht so leuchtend da, daß Menschen glauben, es könne nie anders werden. Alle Schwierigkeiten erscheinen so klein angesichts der leuchtenden Gaben. Einige Jahre später denkt man anders. Man hat sich überschätzt, die Verhältnisse überschätzt, das Amt zu leicht sich vorgestellt. Was an der ersten Liebe Unkenntnis seiner selbst, Unkenntnis der Verhältnisse ist, die Unreifheit fällt ab, doch das, was an der ersten Liebe Schätzung des Ewiggeliebten ist, was in ihr Dank an Jesum ist, das bleibt und wächst in die Ewigkeit hinüber. Es soll uns nicht wundern, wenn die Begeisterung am Konfirmationstag abfällt, wo es uns wirklich Ernst gewesen ist, niemals Jesu untreu zu werden. Der eigentliche Kern und Nerv der Begeisterung aber ist, daß er mich Sünder| zu seinem Mahle einlädt, daß er für mich, von all seinen Jüngern verlassen, ihnen nicht mit gleichem Verlassen gelohnt hat: diese Begeisterung muß bleiben. Das ist die erste Liebe, dieser glühend ernste und doch so ewig junge Dank für seine Treue. Der Herr will sagen: Ich habe wider dich, daß du zu mir lediglich im Pflichtverhältnis stehst als ein treuer Tagelöhner und nicht mehr in kindlicher, ja brüderlicher Eintracht mit mir. Christus hat sich nicht Tagelöhner erkauft, sondern Tagelöhner erlöst. Christus hat sich nicht Arbeitssklaven erworben, sondern sie von der Sklaverei der Sünde freigemacht. Es ist das Christentum kein neues Gesetz; dazu hat es die römische Kirche gemacht. In dieser Kirche ist das Geheimnis der ersten Liebe nimmer vorhanden. Christentum ist brüderlicher Sinn in Dank und Treue. – Die erste Liebe! Man kann weit weniger von ihr reden, als über sie und um sie beten. Es ist der begeisterte und begeisternde Dank für alle seine Treue. Dieses Aufblühen eines bisher unbekannten Frühlings, da aus so viel Winterkälte und Winterstarre eine neue Blume leuchtet. So wie es im Hohenlied K. 2, 11 heißt: „Der Winter ist vergangen, der Regen ist weg, die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen.“ O, daß es im Christenleben immer Frühling bleibe! Christus der Herr sieht alle Treue nur dann an, wenn hinter ihr und unter ihr die Begeisterung lebt. Er hat nie der Begeisterung gewehrt, denn sie hat etwas Beflügeltes und Beflügelndes. Es ist nicht wohlgetan, wenn sie in späteren Jahren weicht, sondern das sei des Christen Gebet, daß er, je näher er dem Ende kommt, desto begeisterter werde. Wo andere von| Dämmerung und Nacht niedergebeugt sind, da kann der Christ rühmen: „Abend heller als der Morgen, weil mein Jesus bei mir ist.“[7] In dieser Begeisterung liegt die Kraft, darin wir sprechen können: „In dem allen überwinden wir weit um des willen, der uns geliebet hat.“ (Röm. 8, 37) Das ist dasselbe, wie wenn der Apostel Petrus spricht: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung!“ (1. Petri 1, 3) und wenn dann aus seinem Munde ein Lob um das andere hervorquillt, daß er jubelt von einem „unvergänglichen, unbefleckten, unverwüstlichen, unverwelklichen Erbe.“ Er hat das Welken seiner Begeisterung gesehen, er weiß genau von dem Tage, da er den Herrn im Garten Gethsemane verleugnet hat, was es um die Schwachheit der ersten Liebe sei; aber das Bleibende der ersten Liebe ist ihm teuer geworden. Hier kann man lernen, was erste Liebe ist. Das Naive, Oberflächliche, Sanguinische der ersten Liebe ist bei Petrus weggefallen. Ketten machen den Menschen nüchterner; jeden Augenblick kann man befürchten müssen, daß der Scherge eintritt, der zum Tode führt. Aber Petrus hat das Eine festgehalten: „Und ob die Sterne dieser Erde alle fliehen, sieht doch der Christ die Sterne heimwärts ziehen.“
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 Wie stehts bei uns? Haben wir überhaupt die erste Liebe erfahren? Oder sind wir Christen, weil unsere Eltern es waren, weil sie uns in die Schule geschickt haben, weil es so hergebracht ist? Sind wir evang.-lutherische Christen, weil eben zufällig unsere Eltern solche waren, die ebenso gut katholisch oder etwas anderes| hätten sein mögen? Oder sind wir deshalb evangelisch-lutherisch, weil wir sagen müssen: „Nirgends ist die Liebe Jesu Christi so gesund erfaßt und begeistert erfahren und geschildert worden als in dieser Kirche.“? „Jesu, Deiner zu gedenken, kann dem Herzen Freude schenken, doch mit welchen Himmelstränken labt uns deine Gegenwart!“ (Zinzendorf). Dies Aufglühen der ersten Liebe, das hält mich bei meiner Kirche. Wir halten daran fest: Und wenn ich nocheinmal die Wahl hätte, ich möchte nie etwas anders sein als evangelisch-lutherisch. Wir sind doch alle in den Jahren, wo der Mensch nüchtern wird, – wiewohl es nicht immer so ist, daß mit dem Alter die Nüchternheit wächst – und dürfen es nicht bloß im Aeußern, sondern auch im Innern werden. Wenn aber die Nüchternheit in unserem Leben größer geworden ist, dann ist häufig auch die erste Liebe am Ende und so erkaltet, daß wir freudlos, begeisterungslos, traurig, mißmutig, träge an unser Tagwerk gehen. Es ist etwas Furchtbares um einen übel gelaunten Christen. Nicht, als ob wir nicht auch wüßten, was Launen sind; aber wir müssen sie sofort niederschlagen. Ein Christ darf keine Launen haben. Immer wieder muß die erste Liebe aufquellen und herangebetet werden. Diese erste Liebe läßt sich nicht hervorzaubern, aber sie läßt sich hervorbeten, denn:
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 „Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße!“ (V. 5). Also, es gibt noch einen Trost und eine Möglichkeit, die erste Liebe wieder zu erhalten. Bei Gott sind alle Dinge möglich. Wir aber müssen bloß gedenken, wovon wir gefallen sind. Die Welt sagt: „Vergiß, es ist nicht mehr zu ändern!“ Bei| den Christen aber geht die Umkehr erst dann an, wenn die Einkehr erfolgt ist. Die Einkehr aber ist nur dann möglich, wenn der Christ sagt: „Wie viel Tagelöhner sind in meines Vaters Hause, die Brot die Fülle haben und ich verderbe im Hunger...“ (Luk. 15, 17. 18) – Gedenke, wovon du gefallen bist!, d. h. erinnere dich der seligen Stunden, die du mit Christo verleben konntest, der Gebetsgnaden, der Freudigkeit, die du bei ihm fandest. Weil wir solche sind, die von der ersten Liebe gefallen sind, laßt uns gedenken, wovon wir gefallen sind! Was waren unsere besten Tage, deren wir ohne Scham und Neue gedenken? Doch die, da wir wußten: „Ich bin bei Gott in Gnaden.“ Gedenke, wovon du gefallen bist, wie du so glücklich warst, der du jetzt so trübe siehst. Gedenke, erinnere dich der Freude der ersten Liebe! Tue Buße, ändere deinen Sinn, tue die ersten Werke! Christus will einen ganzen Lebensertrag hingegeben sehen um das Anfangswerk der Liebe des Anfangs. Es ist so gemeint: Mit der Erfahrung, die du im Ringen des Lebens erhieltest, mit der Ernüchterung, welche die Jahre dir zuführten, verbinde die Begeisterung der ersten Frühlingstage deines Lebens! Laß es Frühling werden in deinem Herzen! Deine Werke werden dann nicht mehr den unreifen Charakter der ersten Tage tragen, sondern den ausgereiften des Spätsommers, aber der Duft, die reizende Lieblichkeit des Frühlings in seiner Ursprünglichkeit wird deine Werke wieder schmücken. Mit einem Wort: All deinen Werken sehe man nicht die Mühe an, aus der sie erwachsen sind, sondern es liege über deiner Arbeit das Jugendfrische, Frohe, in Christo Begeisterte. Solche| Persönlichkeiten haben das Geheimnis des Beeinflussens, des Begeisterns, daß sie auch andere fortziehen und fortreißen können. Natürliche Frische hält nicht vor; wer aber das Geheimnis der ersten Liebe lernen will, der lerne die Aussage des Jesaias (K. 40, V. 30. 31): „Knaben werden müde und matt und Jünglinge fallen“, Jungfrauen stehen traurig und schwächlich; „aber die auf den Herrn harren“, die in der Erinnerung der ersten Liebe wieder zur Quelle eilen, aus der die erste Liebe ihnen zuströmte, „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“, nicht, daß sie laufen wie Jünglinge, nicht, daß sie arbeiten wie die Knaben, nicht mit der Primitivität der Anfangszeit, sondern „sie kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“
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 „Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße und tue die ersten Werke!“ (V. 5a). Also gibt es noch ein Mittel, um die erste Liebe wieder zu empfangen und dies Mittel heißt Einkehr und Umkehr. „Tue die ersten Werke!“, indem du den Ertrag der Jahre bisher verwendest, deine Werke ausgereifter, vollendeter und bestimmter sein zu lassen. Was für ein Trost liegt doch in den Worten: „Tue die ersten Werke!“ und wie glücklich dürfen wir uns schätzen, noch Zeit zu haben, wieder auf den Ursprung unseres Christenlebens zurückzugehen. In all dem Schweren, was das Herz bedrückt, kann wieder eine Erneuerung statthaben, solange und so oft man nur will, nicht bloß eine neue Stimmung, sondern auch ein neues Sein. Gott möge uns Erstlingsliebe und Erstlingsfreude, schenken, damit wieder Erstlingswerke getan werden.| Wir wollen nicht einer künstlichen Verjüngung das Wort reden; das Zurückschrauben des Fortschritts ist lächerlich, schädlich und undankbar. Lächerlich, denn man vermag es nicht; man kann nicht leben, als lebten wir anno dazumal. Schädlich, weil man dadurch in ein Scheinarbeiten und unlauteres Wesen gerät und in Empfindungen fällt, die man unmöglich haben kann. Undankbar, denn Gott ist ein Gott des Fortschritts und nicht des Stillstandes. Gott will nicht, daß wir auf einem Punkt irgendwie ausruhen. In seiner Nachfolge heißt es: nur vorwärts mit dem, was man erlebt hat. Man kann nicht, wenn einzelne Menschen sterben, gleich mit ihnen gehen; es wird einst bei uns nicht anders sein: Die Zukunft wird zur Gegenwart und der Lebende hat Recht. Wir müssen es beizeiten lernen, daß manches von dem geändert wird, was wir vielleicht eingerichtet haben. Mögen die Schalen fallen, wenn nur der Kern bleibt!
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 „Wo aber nicht, werde Ich dir kommen bald und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stelle, wo du nicht Buße tust.“ (V. 5b) Ephesus ist verloschen; nur ein armseliges Fischerdorf, ganz von Türken bewohnt, steht jetzt an der Stelle, wo einst vor 1900 Jahren die erste Liebe aufflammte und das Lied der ersten Liebe erklang. – Man kann ja, wenn man die Kerze umwirft, schon noch darauf hinwirken, daß sie etwas weiterglimmt, aber sie verzehrt sich auf dem Boden und niemand hat Gewinn davon. Wenn wir nicht Buße tun, werden wir alle gleich also umkommen. Dieweil wir alle das Beste der Gemeinde suchen müssen, weil wir in ihr das Beste empfangen – Wort und Sakrament, – so laßt uns mit rechtem| Ernst den Herrn bitten: Du kannst alles, Du vermagst alles, Du weißt, daß ich Dich lieb haben möchte. „Ach, zünde Deine Liebe in meiner Seele an!“[8] und „Laß leuchten Dein Antlitz!“[9]. – Aber gerade, als ob’s den Herrn reute, lenkt er nocheinmal ein:

 „Aber das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, welche ich auch hasse.“ (V. 6.) Nocheinmal fällt dem Herrn bei, was er an der Gemeinde Gutes zu erkennen hat, nämlich, daß sie die Werke einer fleischlichen Richtung haßt. Die Nikolaiten stellten den Satz auf: Wer einmal in die Tiefen des Satans hineingeblickt habe, der dürfe alles tun und das Fleisch gebrauchen, wie er wolle. Für das Kind sei es nicht wohlgetan, sich der Zügellosigkeit hinzugeben, aber für den Mann in Christo sei dies nicht mehr Sünde. Das sind die Leute, welche Christentum und Zügellosigkeit vereinigen zu dürfen glauben und die in ihrer Liebe zu Christo nicht keusch sind. Der reine Herr, der lieber eine noch ungefüge Liebe hat als die schwärmerische, der spricht: „Das hast du bei deiner Nüchternheit doch noch, daß du die Nikolaiten hassest und ich hasse sie auch.“ Er freut sich erkennen zu können, daß die Gemeinde die falsche fleischliche Begeisterung ablehnt. So ist dieser Gemeinde noch im Letzten ein Trost gegeben, daß er für sie immerhin noch irgend einen Anknüpfungspunkt hat. Und nun schließt er:

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist, mein heiliger Geist [10], den Gemeinden sagt.“ (V. 7a.) So wollen doch auch wir recht acht geben, was der Geist den Gemeinden sagt. Wir wollen der falschen Begeisterung widerstehen und von ihm die rechte, reine, wahre erbitten!

|  „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Holz des Lebens, das im Paradiese Gottes ist.“ (V. 7b) Immer, nachdem er zuvor gesagt hat, was geschehen soll – Heiligung, ernste Treue – endet er mit dem, was er noch mit uns tun will. Er will uns zu essen geben vom Holz des Lebens, das im Paradiese Gottes steht. Fleischeslust war es, die vom verbotenen Baum aß. Falsche Begeisterung hat den Menschen zu Höhen hinantragen wollen, auf denen er werden wollte wie Gott und hat ihn in solche Tiefen hinabgestürzt, in denen er sich jetzt befindet. Wer aber den Geist der Lauheit, Mattigkeit und Trägheit überwindet, wer den Geist der Arbeitstreue und Arbeitsenergie ohne innere Liebesfreudigkeit überwindet, wer endlich den Geist der fleischlichen, unrechten Liebe zu ihm überwindet, dem will der Herr vom Paradies seines Vaters Lebensfrüchte selbst geben. Im Paradies hat die Jugend des Menschen begonnen, im Paradies soll die verjüngte Welt sich wiederfinden. Also, das ist das Ziel des Christenlebens, daß es vom Lebensbaum im Paradies sich nähren, daß es erfahren und schmecken soll, wie freundlich der Herr ist. Hier auf Erden ist ja doch oftmals unsere Seele, statt satt zu werden, von neuem Verlangen erfüllt worden; dort im Paradies wird alles, was unser Sehnen und Denken, Meinen und Hoffen war, ganz erfüllt und erstattet werden. So will unser Heiland der Gemeinde Mut machen. Angefangen hat er mit dem, was sie tut; er endet mit dem, was Er ihr schenken will. Angefangen hat er mit der Anerkennung der Mühe, so endet er mit dem Lobpreise der seligen, mühelosen Arbeit im Paradies. Er| verheißt keine Ruhe, wie der Mensch manchmal sie erträumt, aber Freiheit von dem, was unruhig macht, von der Sünde. Wie wird es uns einst sein, wenn wir durch seine Gnade vom Baum des Lebens essen werden, vom Holz essen werden, das im Paradies Gottes ist, vom Lebensholz! Hier haben wir uns immer wieder an den Früchten der Welt den Tod gegessen. Wie wird es dann sein, wenn der Baum der Erkenntnis und des Lebens uns gleichmäßig zugedacht und zugeneigt ist. Ein solcher Gedanke ist groß genug dies ganze Leben zu erfüllen und zu beherrschen. Darum beten wir ja auch: „Mach immer süßer mir den Himmel und immer bitt’rer diese Welt. Gib, daß mir in dem Weltgetümmel die Ewigkeit sei vorgestellt.“[11]Er selbst will’s geben, er will geben vom Lebensbaum die Lebensfrucht, wie er hier auf Erden vom Stamme des Kreuzes die Früchte seines bittern Leidens uns dargereicht hat. Er will uns nichts mehr vorenthalten, nichts mehr verwehren; denn wir haben schwer daran getragen, daß wir nach verbotenem Gute die Hand ausgestreckt haben. So endet dieser Brief mit dem Frühling nach dem Tod, nachdem er den Frühling mitten im Tod von uns verlangt. Der die erste Liebe ins Herz gegeben hat und alle ihre Lebensgüter, will vom Lebensbaum auch die letzte Liebe uns schenken. Er will uns das Höchste erst geben, obgleich er als der Erhöhte jetzt schon auf unseres Lebens Bedürfnisse eingeht; denn wir sind zu Freuden angelegt und unsere Seele ruht nicht eher, als bis sie sich freut. Sie kann nicht zu ihrem Frieden kommen, als bis sie froh wird in ihrem Herrn. So wollen wir bitten, daß er in dieses arme Leben den Glanz der Paradiesesfreude senkt, in diese arme, ungenießbare| Zeit den Vorschmack der Lebensfreude des himmlischen Gartens. Wer also das Holz des Kreuzes auf sich nimmt, nicht weil es eine Last ist, sondern weil es Seine Last ist; wer es auf sich nimmt, weil Jesus es heißt, um Jesu willen mit der Freudigkeit: „Leg auf, ich will Dir’s tragen“[12]; wer mit Augustinus spricht: „Gib, was Du befiehlst und dann befiehl, was Du willst“; wer also das Kreuz des Berufes freudig trägt, der soll es erfahren, daß das Kreuz, das er hier trägt, ein Lebensbaum und Lebensholz geworden ist. Wie der Herr Jesus von der Gemeinde zu Ephesus scheidet und an jeden Sieger sich wendet, an alle, die durch seine Kraft überwinden, so danken wir ihm, daß er uns Unterliegenden die Zusicherung gibt, daß wir Sieger werden sollen. Er wird uns Sieger nicht ohne Genuß sein lassen im Reiche seines Vaters, sondern er hat Erquickung für alle Trübsal verheißen. Die erste Liebe überschaut Zeiten, Fernen, Schwierigkeiten, sie rückt Hoffen und Geben zusammen. Die erste Liebe läßt Wünschen und Besitzen eins werden. Sie versteht, was der Hohepriester betet: „Das ist aber das ewige Leben, daß sie Dich, der Du allein wahrer Gott bist und den Du gesandt hast, Jesum Christum erkennen!“ (Joh. 17, 3) Diese erste Liebe besitzt bereits und wird, was sie besitzt, reichlicher, völliger, innerlicher einst ganz haben. So erbitten wir für uns, daß er uns teuer werden möge. Ist dir Jesus bloß ein Richter, dann hat er seine ganze Kraft in dir verloren; ist er dir bloß ein Heiland, dann wirst du seiner bald überdrüssig werden. Wenn du ihn aber als Richter in der Angst deines Lebens erblickst, dann wirst du es auch als höchste Freude erkennen, daß dieser Richter der Meister barmherzig-| erfinderischer Liebe geworden ist, welcher den Seinen alles zubereitet, was sie bedürfen in der Ewigkeit. Er hat auch für uns jetzt schon zubereitet, was wir bedürfen. Trauen wir ihm und bitten wir ihn, daß er unsere Tage jugendfroh mache! Und wenn wir glücklich sind, dann werden wir auch andere glücklich machen. Wenn wir im Geheimnis der ersten Liebe gehen, dann wird um unser ganzes Wesen sich das ausbreiten und auswirken, was das Anziehendste am Christenmenschen ist: Man wird uns ansehen, daß wir täglich mit einem Könige verkehren und vom Glanze dieses Verkehrs etwas herausleuchtet. Ja, das wolle er uns allen schenken, die wir unter dem Kreuze jetzt stehen, daß wir nicht müde und mühevoll unter diesem Kreuze arbeiten, sondern bedenken: „Unsere Trübsal, die zeitlich und darum leicht ist, und unser Kreuz, das vergänglich und darum nicht hart ist, „schaffet eine ewige und darum unaussägliche Herrlichkeit.“[13] Wohl den Menschen, die in solchem Geheimnis stehen, die loben ihn immerdar! Amen!




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lk 10,16.
  2. Ein sehr freies Zitat der angeführten Bibelstelle. Dort wörtlich nach Luther 1912: "Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht". Bezzel nimmt in seinem Zitat wahrscheinlich Joh. 2,16 auf: "Machet nicht meines Vaters Haus zum Kaufhause".
  3. Jes. 43,24.
  4. Fra Angelico († 1455 in Rom), der nahe Fiesole geboren wurde und auch als Fra Giovanni da Fiesole bezeichnet wurde. Fiesole wird manchmal – so auch hier von Bezzel – fälschlich als Teil seines richtigen Namens interpretiert.
  5. Joh. 1,29.
  6. Apg. 9,4.
  7. Vgl. Johannes Schmidlin, Singendes und spielendes Vergnügen reiner Andacht oder geistreiche Gesänge, Zürich ³1767, S. 70.
  8. Vgl. EG 404,6.
  9. Ps. 80,4.
  10. Die Worte "mein heiliger Geist" sind ein Einschub Bezzels ohne Anhalt am Urtext.
  11. Vgl. Æmilie Juliane von Barby-Mühlingen im Lied Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (EG 530) in einer im EG nicht abgedruckten Strophe.
  12. EG 83,3.
  13. Vgl. 2. Kor. 4,17.
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