Hauptmenü öffnen

Die materiellen Grundlagen des menschlichen Lebens und Verstandes

Textdaten
<<< >>>
Autor: Carl Ernst Bock
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die materiellen Grundlagen des menschlichen Lebens und Verstandes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 807-809
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[807]
Die materiellen Grundlagen des menschlichen Lebens und Verstandes.

Der Mensch ist nicht blos ein lebendes, sondern auch ein verständiges Wesen. Um beides sein zu können, bedarf er ebensowohl eines Apparates für das Leben, wie auch eines solchen für den Verstand. Von dem Zustande dieser Apparate hängt natürlich der Zustand des Lebens und des Verstandes ab; der Verstand wird, wie sich von selbst versteht, nicht ohne Leben im menschlichen Körper existiren können, wohl aber kann der menschliche Körper leben, ohne Verstand zu haben. Im letztern Falle vegetirt der Mensch gleich einer Pflanze (einem lebenden, organischen Körper ohne Verstandesorgan), und gleicht nicht etwa einem Thiere, da die Thiere ein derartiges Organ, nur nach ihrer höhern oder tiefern Stellung im Thierreiche in verschiedener Vollkommenheit und sonach auch mit verschiedener Verstandesthätigkeit, besitzen (s. Gartenlaube 1860, Nr. 9 und 10).

[808] Der Lebens-Apparat besteht aus einer Anzahl von Organen, von denen ein jedes einem besondern Zwecke dient, alle zusammen aber zur Unterhaltung des Stoffwechsels (der Vegetation, Ernährung) vorhanden sind (s. Gartenl. 1854, Nr. 9). Diese Organe sind: die Verdauungs-, Athmungs-, Blutlaufs-, Blutbildungs- und Blutreinigungs-Organe; also hauptsächlich: Magen und Darmcanal (s. Gartenl. 1853, S. 232), Lungen (s. Gartenl. 1853, Nr. 16), Herz und Adern (s. Gartenl. 1853, Nr. 9), Haut (s. Gartenl. 1854, Nr. 44), Leber (s. Gartenl. 1856, Nr. 27), Milz und Nieren. – Zum Verstandes-Apparate gehört dagegen: das Gehirn mit seinen Empfindungs- und Bewegungsnerven (Hirnnerven), die Sinnes- und Sprachorgane, sowie die willkürlichen Muskeln. Diese Verstandesorgane bedürfen natürlich, wenn sie gehörig thätig sein sollen, ebenso gut, wie die vegetativen Organe, einer richtigen Ernährung. Diese kann aber nur dann eine richtige sein, wenn beim nöthigen Wechsel zwischen Thätigsein und Ruhen dieser Organe in denselben immerfort neue Organsubstanz angebildet und die alte abgebrauchte weggeführt wird. Dies hat nun das Blut (s. Gartenl. 1853, Nr. 45) zu besorgen, welches fortwährend alle die die verschiedenen Körpertheile zusammensetzenden Materien (s. Gartenl. 1853, Nr. 32) durch die Nahrung mit Hülfe des Verdauungsapparates zugeführt bekommt, die alten abgestorbenen Organtheilchen (Gewebsschlacken) aber durch Lunge, Leber, Haut und Nieren aus sich herauswirft. Um sich aber mausern, verjüngen und reinigen, den Körper also ernähren zu können, muß das Blut immerfort durch alle Theile des Körpers hindurchströmen (d. i. der Blutumlauf, s. Gartenl. 1853, Nr. 9) und durchaus ununterbrochen Sauerstoff (Lebensluft) aus der atmosphärischen Luft aufnehmen. Dem letztern Zwecke dienen die Lungen, dem erstern das Herz und die Blutröhren. – Wer also gute Lebens- und Verstandesapparate haben will, muß für ordentliche Ernährung, Thätigkeit und Ruhe derselben Sorge tragen.

Die Lebens- wie Verstandesapparate sind nun aber, selbst wenn sie ihre naturgemäße Zusammensetzung und Form haben, nicht etwa aus eigenem Antriebe thätig, sondern sie bedürfen einestheils der Anregung zum Thätigsein, anderntheils der Speisung zum fernern Fortbestehen, sonach der Zufuhr von Erregungs- und Erhaltungsmitteln. Für die Thätigkeit der Lebensorgane (und insofern als durch diese der Verstandesapparat ernährt wird, auch für das Bestehen der Verstandesorgane) sind die sogen. Lebensbedingungen und Lebensreize, wie Wasser, Nahrung, Luft, Wärme und Licht, Elektricität u. s. f. unentbehrlich; dagegen braucht der Verstandesapparat, wenn er den Verstand entwickeln soll, noch eine besondere Verstandesnahrung, und diese besteht in den Eindrücken, welche die Außenwelt und unser eigenes Ich mit Hülfe zuleitender Nervenröhren auf unser Gehirn machen. – Daß Jemand nicht leben kann, dem Speise und Trank, Luft und Wärme entzogen werden, weiß jedes Kind; daß aber der Verstand sich nicht entwickeln kann, wenn dem Gehirne nicht die gehörige Verstandesspeise (durch Schrift und Wort, durch Vorbilder zur Nachahmung, durch Naturkörper und Naturerscheinungen) zugeführt wird, wollen Viele noch nicht einsehen. – Nach der Art der Anregung und Speisung muß natürlich die Thätigkeit im Lebens- wie Verstandesapparate verschieden vor sich gehen. Widernatürliche Reizung und Speisung des Lebensapparates ruft Unordnung in den Lebenserscheinungen (Krankheit) hervor; ungeeignete Eindrücke auf den Verstandesapparat erzeugen Unverstand. Es ist das größte Unglück in der Jetztzeit, daß Eltern und Erzieher dem Aberglauben huldigen, daß der Verstand angeboren und daß er mit den Jahren schon von selbst kommen werde. Die Folge davon ist, daß sie es dem Zufalle überlassen, ob diese oder jene Verstandesspeise dem Gehirne ihrer Pfleglinge zugeführt wird, während sie doch durch richtige Wahl derselben einen gesunden Verstand zu bilden im Stande wären.

Die Lebens- wie Verstandesnahrung wird nicht sofort und unmittelbar in den Mittelpunkt des Lebens- und Verstandesapparats (also in das Blut und Gehirn) eingeführt, sondern durch röhrenförmige Zubringer (Lymphgefäße und Nervenröhren) dahin gebracht. Die wichtigsten Zubringer der Lebens- wie Verstandesspeise, und das sind die, welche von der Außenwelt die Nahrung beziehen, besitzen ganz besondere Aufnahme-Apparate. Zur Aufnahme der Lebensnahrung sind der Verdauungs- und Athmungsapparat, zum Fassen der Verstandesnahrung die Sinnesorgane vorhanden. Von den erstern wird dann die Nahrung aus dem Verdauungsapparate durch die Milchsaftgefäße und aus den Lungenbläschen in das Blut, von den letztern durch die Sinnesnerven zum Gehirn geschafft. Aus unserm eigenen Körper, und zwar von allen Theilen desselben her, bringen die Saugadern Lebensspeise, die Empfindungsnerven dagegen Verstandesnahrung (die übrigens beide erst der Außenweltsnahrung ihre Existenz verdanken) zum Lebens- und Verstandescentrum, nämlich Lymphe in das Blut und Eigengefühle zum Gehirn. – Hiernach reicht es also nicht hin, um zu leben und verständig zu sein, nur gute Lebens- und Verstandesapparate zu besitzen, sowie richtige Nahrung für dieselben zu beschaffen; es müssen durchaus auch die die Nahrung aufnehmenden und in’s Blut und Gehirn führenden Apparate in der gehörigen Ordnung sein. Bei Krankheiten des Verdauungs- und Athmungsapparates wird das Leben, bei Störungen in den Sinnesorganen der Verstand benachtheiligt werden. Taube und Blinde können niemals den Verstand wie Solche, die Herren aller ihrer Sinne sind, erreichen; Lungen- und Magenkranke werden stets an körperlichem Wohlsein herunterkommen.

Was nun von Nahrung durch die Zubringer in den Mittelpunkt des Lebens- und Verstandesapparats geschafft wurde, wird hier zum weitern Verbrauche (der in Erhaltung des Lebens und Bildung des Verstandes besteht) erst noch verarbeitet, und dies geschieht in beiden Apparaten mit Hülfe von bestimmten chemischen Materien und von Bläschen oder Zellen. So wird der Lebens- oder leibliche Speisesaft im Blute durch den eingeathmeten Sauerstoff mit Betheiligung der Blutkörperchen zur Gewebs-Bildung vorgerichtet, während im Gehirne die Gefühls- und Sinneseindrücke durch die Hirnzellen in Verbindung mit phosphorhaltigem Fette zu Vorstellungen, Begriffen, Urtheilen und Schlüssen, also zu Gedanken verarbeitet werden. Dieses Verarbeiten der Lebens- wie Verstandesnahrung geschieht aber um so leichter und besser, je reger das Zellenleben (der Blutkörperchen und Hirnzellen) vor sich geht. Für das Blut würde in dieser Beziehung alles, was die Circulation desselben recht flott und regelrecht erhält, vom größten Vortheil sein (besonders zweckmäßige Bewegungen); für das Gehirn dagegen ist natürlich stets, neben tüchtiger Ernährung und dem Thätigsein gehörig angepaßter Ruhe, eine wohlgeordnete Uebung, wie sie eine zeitgemäße Erziehung vorschreibt, unentbehrlich. Daß die allermeisten Menschen noch nicht so verständig sind, als sie sein könnten und sollten, liegt nur daran, daß man die Verarbeitung der Verstandesnahrung im Gehirn viel zu viel dem Einzelnen selbst und dem Zufalle überläßt, während eigentlich doch jeder Mensch von seiner ersten Kindheit an von Seiten vernünftiger Erzieher ebensowohl eine gesunde Verstandesspeise, wie die Anleitung zur richtigen Verarbeitung derselben erhalten müßte. Sollte dies einstens noch einmal geschehen, woran wohl nicht zu zweifeln ist, dann wird man sicherlich nicht so viel dumme und schlechte Menschen auf Gottes schöner Erde herumstolziren sehen, wie jetzt. Ebenso werden einst auch nicht mehr solche Unmassen von Kranken und Krüppeln existiren können, wenn in Haus und Schule die Lebens- und Gesundheits-Gesetze gehörig gelehrt und dann gekannt, auch besser befolgt werden, als zur Zeit.

Nach der Verarbeitung der Lebensnahrung im Blute und der Berstandesspeise im Gehirne werden dann Beide zu ihrem bestimmten Zwecke verwendet, nämlich zur Unterhaltung des Lebens und zum verständigen Thun. Die erstere wird mit dem Blutstrome durch die Blutröhren nach allen Theilen, Organen und Geweben unseres Körpers geschafft, dringt hier theilweise durch die äußerst dünnen Wände der feinsten Haargefäßchen heraus, verläßt also das Blut und wird nun innerhalb unserer Körpersubstanz zur Ernährung (zum Stoffwechsel, Leben) derselben verbraucht, was mit Hülfe der Zellen-Bildung geschieht. Der Wille des Menschen hat hierauf keinen directen Einfluß, wohl aber kann Jeder durch sein Verhalten diesen Stoffwechsel in seinem Vorsichgehen eben so fördern wie stören. Die zu Gedanken verarbeitete Verstandesspeise wird durch Nervenröhren nach Bewegungs-Apparaten geleitet, welche dadurch und zwar nach unserm Willen in Thätigkeit versetzt werden und auf diese Weise verständiges Handeln in die Erscheinung bringen können. Zu diesen Apparaten gehört der Stimm- und Sprachapparat, wie überhaupt das willkürliche Muskelsystem, zumal der Muskelapparat der Hand und des Armes. – Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß nach der bessern [809] oder schlechtern Verarbeitung der Verstandesspeise im Gehirn auch das daraus hervorgehende Handeln ein mehr oder weniger verständiges sein wird. Ebenso muß ganz natürlich der Zustand des den Verstand offenbarenden Bewegungsorgans (an den Enden der im Gehirne wurzelnden Nervenröhren) Einfluß darauf äußern. So könnte z. B. auch der Verständigste nicht durch die Rede wirken, wenn sein Sprachapparat mangelhaft wäre, während er durch die Schrift Großes zu leisten im Stande ist u. s. f.

Was folgt nun aus diesem Vergleiche des Lebens- mit dem Verstandes-Processe? Es folgt daraus, daß, wer ein gesundes Leben und einen richtigen Verstand haben will, zuvörderst die Apparate seines Körpers, welche dem einen oder dem andern dieser Zwecke dienen, den Naturgesetzen gemäß behandeln, also richtig ernähren, gehörig thätig sein und ordentlich ruhen lassen muß; daß er ihnen ferner die passenden Erregungs- und Speisungs-Mittel (mit Hülfe gesunder Zubringer) zuführen und deren Verarbeitung im Lebens- und Verstandescentrum (Blut und Gehirn) zweckmäßig fördern muß; daß er schließlich den Austritt des durch die Verarbeitung dieser Mittel Geschaffenen aus dem Verarbeitungsorgane so viel als möglich erleichtern muß, damit sich das Leben und der Verstand recht ordentlich äußern könne.

Bock.