Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Kossak
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Berliner Bilder/Der Zauberer von Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 809-811
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[809]
Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
Nr. 11. Der Zauberer von Berlin.

Jeder Mensch beobachtet und zieht nach seinen geistigen Anlagen aus den angestellten Beobachtungen Resultate. Aber dieser innerliche Proceß geht nur selten mit mehrerer Geschwindigkeit vor sich, und die Mehrzahl der Menschen braucht längere Zeit, ehe sie mit den sittlichen Resultaten zu Stande kommt. Daher liebt sie es, zur unterhaltenden und belehrenden Beobachtung meistens solche Persönlichkeiten auszusuchen, welche leicht und häufig der Besichtigung ausgesetzt sind und sich derselben nicht wohl entziehen können. So kommt es, daß Jedermann zunächst seine Aufmerksamkeit auf die Nachbarschaft richtet, seine Lebenserfahrungen aus ihrer Geschichte sammelt, seinen Humor an ihrem Gebahren labt und sein Album mit ihren Gestalten bereichert. Dagegen ließe sich nun nichts einwenden, wenn nicht sehr Viele, namentlich Beobachter weiblichen Geschlechtes, weiter gingen und der lockenden Versuchung erlägen, sich in fremde Schicksale zu mischen und die Handlungen ihrer Nachbaren einer in der Regel ätzenden Kritik zu unterwerfen, welche nach dem traurigen Laufe dieser mangelhaften Welt nicht selten Schimpfworte, Handgreiflichkeiten und Injurienprocesse im Gefolge hat.

Dieser ein wenig philosophisch aussehende Satz mußte vorausgeschickt werden, da die folgende wahrhafte Geschichte wesentlich auf einer derartigen Beobachtung beruht und die Gefahr nahe lag, sämmtliche darin vorkommende Personen durch etwaige mißliebige Kritik zu kränken; der Chronist hat sich daher so viel als möglich auf einfache Berichterstattung beschränkt, überläßt dem Leser die höhere Kritik und ist zufrieden, ein anspruchsloses Genrebild aus dem Leben aufgerollt zu haben.

Wenn das Wetter günstig ist, liebe ich es, Morgens und Abends den Kopf aus dem Fenster zu stecken und alle anziehenden Gegenstände zu beobachten, welche jede Straße einer großen Stadt darbietet. Ich besichtige die Wetterfahnen und den aufsteigenden Rauch der Schornsteine, die Jungen, wenn sie nach der Schule gehen und sich unter einander prügeln, die Milchkarren mit ihrem Vorspann von verdrießlichen Hunden, die Bäckerburschen mit Körben voller Semmeln am Arm, namentlich aber die Bevölkerung des benachbarten Hauses. Im Verlaufe der Jahre hatte ich zwei seiner Einwohner sogar so lieb gewonnen, wie ein Naturforscher seine Magnetnadel, sein Barometer oder Thermometer, täglich ruhten meine Augen mit Wohlgefallen auf ihnen, und ich fühlte mich verstimmt, wenn ich nicht wenigstens eines dieser beiden Exemplare ansichtig wurde.

Der Aeltere von ihnen bewohnte ein Zimmer im zweiten Stock und brachte einen beträchtlichen Theil des Tages damit zu, aus dem Fenster zu sehen und aus einer langen Pfeife zu rauchen. Doch that er Beides mit dem Zartgefühl eines gebildeten Mannes, er widerstand heroisch der Versuchung, auf die Köpfe der Vorübergehenden zu spucken oder die Pfeife über ihnen auszuklopfen, was ledige Herren so gerne thun, wenn kein Polizeibeamter sich in der Nähe aufhält. Der Herr konnte etwa ein halbes Jahrhundert erlebt haben, trug einen gut unterhaltenen Schnurr- und Knebelbart, und bedeckte seinen kahlen Scheitel vorsichtig mit dem Haarwuchs des Hinterkopfes. Unverkennbar gehörte er zu jenen biedern Militairpersonen, die in der tiefen Muße eines langen Friedens über Vieles nachgedacht haben und endlich zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß aus einem wohlverdienten Krieger nothwendiger Weise ein Philosoph werden müsse. Auf seiner bleichen melancholischen Stirn lag etwas Nachdenkliches, jene Wolke, welche wir nicht selten im Antlitz alter, nicht sonderlich wissenschaftlicher Herren bemerken, wenn sie sich, um doch irgend eine Beschäftigung zu haben, auf die unklarsten Dinge legen, und in Magnetismus, Od und Tischrückerei arbeiten. Die Schwermuth meines Nachbars zeigte aber noch einen auf minder sublime Sorgen deutenden Anstrich; er sah aus wie ein Mann, der nicht im Golde sitzt und, um nicht elendiglich zu verkommen, das Seinige ängstlich zu Rathe halten müsse. Er besaß nur wenige Röcke und bediente sich ihrer sehr lange, auf seinen Hüten leuchtete ein poetisches Abendroth, er trug sich ferner stets diplomatisch zugeknöpft, und in der heißen Jahreszeit ältere phantastische Sommerröcke, aber dessen ungeachtet blieb er immer ein stattlicher Mann von grader Haltung und von vornehmem Wesen.

Einen Stock höher wohnte gleichfalls in einem vereinzelten Gemach ein junger Mann zur Miethe, dessen Profession aus jeder seiner Gebehrden, aus der Art, wie er ging, stand, aus dem Dachfenster sah und die Aufmerksamkeit der Menschheit in Anspruch nahm, hervorging. Auch wenn man ihn Morgens nicht mit der schwarzen Tasche unter dem linken Arme aus der Hausthür treten und mit einem kühnen Satz über den Rinnstein springen, während dessen aber der Conditormamsell gegenüber eine flüchtige Kußhand zuwerfen sah, mußte man ihn nach seiner gewählten Haltung für einen Schüler Figaro’s bewundern. Hatte mich am Morgen der Anblick des schnurrbärtigen Herren mit poetischer Schwermuth erfüllt, so erquicke ich mich Abends an dem lebensfrischen Bilde dieses Jünglings, wenn er nach dem Schluß seiner Berufsthätigkeit mit einer Guitarre im Arme dicht unter dem Dache auf dem Fensterbrete saß, und die Hauptmotive der eben beliebten Oper sang. Beide Herren bildeten auch in socialer Hinsicht große Gegensätze. Wenn der wehmuthsvolle Kahlkopf einsam von einer kleinen Pension leben mochte, so nährte sich der Jüngling mitten in der Gesellschaft durch die Dienste, welche er von früh bis spät dem menschlichen Geschlechte erwies. Da er das Barbierexamen hinter sich, aber kein Geld hatte, um sich zu etabliren, so trieb er ein fliegendes Geschäft, freilich hinter dem Rücken des Gewerberathes und ganz wider die Gesetze des Zunftzwanges. Er rasirte, frisirte, zog Zähne aus und verkittete sie, falls Rettung noch möglich war, setzte Blutegel, schröpfte, ließ zur Ader, verband die in Bierhäusern Blessirten, legte Magenpflaster, beschnitt die Hühneraugen, und genoß das Vertrauen eines Schönlein oder Frerich bei der gesammten dienenden Classe des Reviers. Ich hatte seine Bekanntschaft gemacht, als ich in Folge einer unerwarteten, nicht wohl abzulehnenden Einladung von vornehmer Seite sein Talent als Friseur in Anspruch zu nehmen genöthigt war, und in ihm eine seltene Begabung für Haarschnitt und verwegene Kräuselei entdeckte. Von diesem Abende an bediente ich mich stets seiner leichten und sicheren Hand, und verdankte ihm außerdem eine Menge des merkwürdigsten Memoirenstoffes aus unserer Gegend, über den er mir frei zu disponiren gestattete, da ihm die moderne Pedanterie der Lehre vom geistigen Eigenthum durchaus fremd war. Selbst als ich wegen Vergrößerung meiner Familie in eine entfernte freundlichere Stadtgegend zog, blieb ich ihm treu, und bei Gelegenheit von Bällen und Gesellschaften waren die Meinigen stets mit seinen Leistungen im Felde des Haarputzes außerordentlich zufrieden.

[810] Inzwischen hatte ich den anderen Nachbar, dessen Namen ich bisher aus Bequemlichkeit verschwiegen habe, da er sich schwer aussprechen und nur vorsichtig niederschreiben läßt, ganz aus den Augen verloren und über einer längeren Sommerreise beinahe vergessen. Als ich aber wenige Tage nach meiner Heimkehr um die Abendstunde, in welcher die Equipagenbesitzer frische Luft zu schöpfen pflegen, vor meiner Thür saß, und das elegante Berlin im Thiergarten die Revue passiren ließ, sollte ich auf die unerwartetste Weise an ihn erinnert werden. Eben fand ein lebhafteres Gedränge der Equipagen statt, und dicht vor mir mußte ein anständiger Halbwagen still halten, in dem ich Herrn Mansuetus von Sczkrippinski erblickte. Aber welche glänzende Veränderung war mit ihm vorgegangen! Der sorgenvolle Ausdruck seiner Gesichtszüge hatte einem stillen Behagen Platz gemacht, wie es sich für einen Mann schickt, der an seinem eigenen Tische speist und über einen vollständig eingerichteten Weinkeller disponirt. Mansuetus, wie ich ihn billiger und kurzer Weise als alten Bekannten wohl nennen darf, war in eine elegante Sommertracht aus einem hellgrauen Stoffe gehüllt und abwärts durch eine gestickte feinwollene Decke gegen die kühle Abendluft geschützt. Sein edles Haupt hatte er mit einem Panamahute feinster Qualität und seine etwas großen Pfötchen mit Pariser Handschuhen von Jouvin bedeckt; sein Aeußeres entsprach mithin allen Anforderungen eines guten Geschmackes. Ich hätte das Ganze für eine jener unheimlichen Gesichtstäuschungen halten können, vor denen Niemand sicher ist, wenn mir nicht eine zur Rechten Mansueti sitzende ältere Dame sofort den Zusammenhang erklärt hätte. Ich that ihr wohl nicht Unrecht, wenn ich sie für ein längere Zeit unverheiratet gebliebenes, wohlhabendes „junges Mädchen“ hielt, das mit Herrn von Sczkrippinski ein Eheverhältniß eingegangen war, und ihm für den Genuß seines adligen Namens die Theilnahme an ihren reichlichen irdischen Gütern gestattete. Auch aus der Haltung und dem Aussehen der Frau von Sczkrippinska ging hervor, daß die stillen Wünsche eines sehnsüchtigen Herzens befriedigt waren, und die Dame in ihrem jungen Ehestande sich ganz glücklich fühlte. Allerdings hatte sie die Vergilbtheit, eine Folge der allzu langen Dauer ihres vestalischen Zustandes, nicht verloren, doch war die bekannte Schärfe der Opposition gegen das undankbare männliche Geschlecht, welche aus den meisten Gesichtern unverehelichter überreifer Damen spricht, einer gelassenen Zufriedenheit gewichen. Man hätte die beiden Portraits gleich als Muster eines guten Ehepaares photographiren lassen können. Die Pferde zogen jetzt an, und das Paar entschwand aus meinem Gesichtskreise; aber meine Neugier war im höchsten Grade erregt. Nur mein freier Künstler, der talentvolle Haarkräusler und Bartkratzer, konnte mir die nöthige Auskunft geben. Sofort warf ich mich an den Schreibtisch und lud ihn ein, meinem in der Fremde arg mißhandelten Haupt- und Barthaar wieder einen kunstgerechten Schnitt zu geben.

Am nächsten Morgen erschien das Factotum aller Barbiere und äußerte auf angemessene Weise seine Freude, mich wiederzusehen. Ich ließ ihn nicht zu Worte kommen.

„Ich habe Sie nicht allein meinetwegen, sondern auch eines alten Bekannten wegen citirt,“ hub ich an; „gestern habe ich Herrn Mansuetus von Sczkrippinski vorbeifahren gesehen ….“

Der Barbier lächelte verschmitzt.

„Neben ihm saß eine Dame, ohne Zweifel seine Gemahlin. Sie müssen den Zusammenhang der Sache kennen!“

„Ob ich ihn kenne!“ sagte schmunzelnd Figaro jun.

„Erzählen Sie mir den ganzen Handel; die Sache ist ja unbegreiflich rasch gegangen.“

„Natürlich, in zwei Monaten war Alles abgemacht, sie sind ein für alle Mal aufgeboten worden und haben am darauf folgenden Sonntage ihre Hochzeit gefeiert.“

„Aber wie war das möglich?“ rief ich staunend.

„Der Zauberei ist Alles möglich, höhere Kräfte der Natur, ohne mich hätten sich die armen Leute niemals kennen gelernt, hätten sie ihr Leben einsam vertrauern müssen. Nun ist Allen geholfen!“ Das Wort „Allen“ betonte der Bader auf eine stark ironisch vergnügliche Weise.

„Soll ich noch lange warten?“

„Sie wissen, daß Herr von Sczkrippinski ein starker Mystiker ist und zu einer kleinen Fraction von Tischrückern und Psychogräphlern gehört, welche sämmtlich kein Geld haben und wöchentlich einmal die polirten Breter und Papptafeln befragen, ob es dem Geisterreiche nicht möglich sei, ihre leidigen Umstände zu verbessern. Wenn ich am Tage darauf zum Rasiren kam, pflegte er mir regelmäßig den Hergang der Geisterbeschwörungen des verflossenen Abends zu erzählen. Etwa vor einem Vierteljahre fand ich ihn einmal Morgens sehr aufgeregt und sein Bein reibend. „Hören Sie, Meister, wie es mir gestern ergangen ist,“ sagte er sehr ernsthaft, „ich war in unserem Club, und wir hatten uns im tiefsten Dunkel um einen Tisch gesetzt. Das Medium hatte uns nämlich angezeigt, Horaz von Forno, ein berüchtigter böser Geist, wolle sich uns ausnahmsweise heute körperlich manifestiren. Wir saßen eine Viertelstunde, eine halbe, eine ganze Stunde mäuschenstill beisammen, aber Horaz ließ sich nicht hören und sehen. Ich saß neben einem Collegen von Ihnen, einem alten Chirurgus, der fortwährend an allen Gliedern bebte und mit den Zähnen klapperte. Er hielt in Todesangst meine Hand fest, dann sagte er plötzlich: „„Ha, ich sehe ihn, dort sitzt er unter dem Tisch, er redet Sie an, er meint, Sie würden in kurzem Ihr Glück durch eine reiche Heirath machen. Jetzt zeigt er mir die Zähne und streckt die Zunge hervor!““ Kaum hatte der Chirurgus ausgesprochen, als unser Vorsteher auch schon rief: „„Sie werden das doch nicht leiden? Rasch, stoßen Sie ihm mit dem Stiefel in die Schnauze; das fehlte noch, daß ich mir in meinem eigenen Hause dergleichen von einem bösen Geiste gefallen ließe.““ – Der Chirurgus holte aus und that nach Horaz von Forno unter dem Tische einen gewaltigen Stoß. Der Geist war augenblicklich verschwunden, wie der Chirurgus sagte, aber ich lag auf dem Fußboden. Der Stoß hatte eigentlich mein Bein getroffen und mich niedergeworfen. Ich schrie laut auf, der Hausknecht kam mit einer Lampe herein, und ich ließ mir eine Droschke holen, da ich unmöglich zu Fuße nach Hause gehen konnte.“ – „Herr von Sczkrippinski,“ sagte ich, „Sie wissen, daß ich über die psychographisch citirten Geister noch nicht recht im Klaren bin und nach Allem, was Sie mir von Horaz von Forno erzählt haben, namentlich ihn für einen sehr unzuverlässigen Charakter halte, aber diesmal hat er eine entschiedene Wahrheit ausgesprochen. Auch mir ist dieser Gedanke vor kurzem durch den Kopf gegangen; Sie müssen ein reiches Frauenzimmer heirathen.“ Herr von Sczkrippinski schmunzelte, meinte aber, daß er vermöge seiner in der Abnahme begriffenen Persönlichkeit auf keinen sonderlichen Erfolg bei bemittelten Damen zu hoffen habe.“

„Der gute Mansuetus ist wirklich ein vernünftiger Mann, ich habe mich nicht in ihm geirrt,“ warf ich halblaut ein, aber mein geistreicher Barbier bemerkte auch nicht ganz übel: „Wenn er mit Ihrer gewöhnlichen Hypochondrie zu Werke gegangen wäre, müßte er sich noch heute mit dreihundert Thalern jährlich behelfen und könnte sich nicht einen gemachten Mann nennen. Nein, die Sache nahm eine andere Wendung. Ich sprach ihm Muth ein und machte ihn darauf aufmerksam, daß Herren vom Militär schon durch ihre geradere Haltung und ihre soldatisch strenge Sorgfalt in der Tracht zehn Jahre länger jung bleiben, als die meisten nachlässigen Civilisten. Das leuchtete ihm ein, und er gestand mir, daß er schon längst sein Auge auf eine würdige, seinen Jahren entsprechende Dame geworfen habe, aber aus Furcht, schmählich abgewiesen zu werden, nicht wage, einen Heirathsantrag zu formuliren. – „Darf man den Namen der Schönen wissen?“ – „Es ist Fräulein Klemke, dort in dem Hause neben der Apotheke, die reiche Rentiere,“ sagte Herr von Sczkrippinski etwas verschämt. Kaum hatte er diesen Namen ausgesprochen, als der Plan, nicht allein den guten Herrn zu verheirathen, sondern auch mir endlich zu einem eigenen Geschäftslocal zu verhelfen, fertig vor meiner Seele stand. „Herr von Sczkrippinski,“ sagte ich, „Sie setzen mich in Erstaunen, ich habe sonst nicht viel von Psychographen und Geistern gehalten, aber hier geht etwas vor, und ich möchte fast glauben, daß die Geister unter dem Tische auch unter einander zusammenhalten. Ich zweifle nicht, daß Sie bei der Dame reüssiren werden, aber lassen Sie mich machen, in einigen Tagen sollen Sie näheren Bescheid erhalten, ich werde Alles anbahnen –““

Bei diesen Worten schwieg der Barbier und sah mich fragend an.

„Warum fahren Sie nicht fort?“ fragte ich erstaunt.

„Kann ich mich ganz auf Sie verlassen? Ich verlange nur, daß Sie noch vierzehn Tage über die Geschichte schweigen, dann dürfen Sie dieselbe Jedermann erzählen, dem sie einigen Spaß macht,“ meinte der College des gleichfalls ungläubigen Bartscheerers im Don Quixote.

[811] „Selbst vierzehn Wochen oder Monate will ich schweigen, wenn es nöthig ist, bringen Sie aber nur Ihre Geschichte zu Ende.“

„Sehen Sie, das reiche alle Fräulein hielt auch viel von dem Psychographen, und ihre Mamsell, übrigens ein hübsches Mädchen, für das ich mich längst interessire, dient ihr als Medium.“

„Nun dachten Sie, wenn ich recht verstehe, daß auch die jungen Leute ausgestattet und verheirathet werden könnten, wenn man nur erst die beiden Alten unter die Haube gebracht hätte, nicht wahr?“

„Finden Sie etwas Unrechtes darin?“

„Durchaus nicht, wenn Alle glücklich geworden sind; aber wie trug sich die Sache weiter zu?“

„Noch an demselben Tage besprach ich mich mit Marien, der Mamsell, und theilte ihr den Wunsch des Herrn von Sczkrippinski mit, wie auch meine Hoffnung, bei der Sache könne für uns Beide etwas herauskommen und sie auf eine gute Art Frau Meisterin werden. Ihr schien das Ganze sehr einleuchtend, und sie versprach mir von Stund an ihre Unterstützung. Brauche ich Ihnen das Nähere zu schildern? Noch an demselben Abende ließ Marie den Psychograpben spielen und theilte ihrer Herrin durch den Mund eines guten Geistes mit, daß ein Herr von Adel für sie im Geheimen schwärme. Für den ersten Abend war dies genug. Das alte Fräulein Klemke hatte eine schlaflose Nacht und konnte kaum den Abend des nächsten Tages erwarten, wo das Verhör des guten Geistes fortgesetzt wurde. Ich hatte Marien gesagt, daß sie den Geist heute schon denunciren lassen könne: der Herr von Adel besuche häufig das Odeum. Damit war schon viel gewonnen, die gute Dame wollte in ihrer Aufregung gleich wissen, wie der Herr heiße, aber das Medium erklärte sich auf meinen vorsichtigen Rath vorläufig noch schwach und inkompetent. Fräulein Klemke ließ sich natürlich nicht abhalten, Nachmittags das Odeum zu besuchen und meinen dort bereits anwesenden Heirathscandidaten zu beäugeln. Am Abend darauf war der Geist schon mittheilsamer, die heirathslustige Dame hatte den Amoroso sich wohl eingeprägt und beschrieb ihn, da er ihr nicht mißfallen, dem Geiste so genau, daß er sofort seinen Namen schriftlich durch das Medium offenbarte. Hätte Fräulein Klemke etwas weniger Vertrauen in die Mittheilungen aus dem Jenseits gesetzt, so wäre die Sache wohl bei dieser Gelegenheit schief abgelaufen.“

„Was geschah denn? Es trat doch nicht ein böser Geist unvermuthet auf, wie es wohl zu geschehen pflegt, und durchkreuzte die Fülle der Gesichte?“ fragte ich besorgt.

„Nein,“ berichtete der Barbier, „das Fräulein hätte der Orthographie wegen leicht Lunte riechen können. Das Medium, das natürlich in den polnischen Familiennamen nicht recht taktfest ist, schrieb den des Herrn von Sczkrippinski immer schlechtweg „Schrippinski“.“

„Und wie verhielt sich Fräulein Klemke dabei?“

„Sie fand den Namen eigentlich nicht recht vornehm, da er sie an ein volksthümliches Gebäck erinnerte, welches Droschkenkutscher und Lehrjungen sehr gerne essen, als aber bald darauf nach gemachter Bekanntschaft der Heirathscandidat zu einer Visite erschien, und seine Karte mit einem stattlichen Wappen und der Inschrift: „Mansuetus von Sczkrippinski“ in das Empfangszimmer sandte, beruhigte sie sich vollständig und verliebte sich nebenbei auch in die wasserpolakische Romantik des Namens.“

„Sie hätte als eine gewiegte Psychogräphin auch schwerlich Argwohn geschöpft, denn die Rechtschreibung fremder Namen, wie überhaupt Kenntnisse in alten und neuen Sprachen, bilden nicht die starke Seite der citirten Geister, und notorische Selige sind in Wissenswürdigkeiten schon hie und da von soliden Quartanern tief verdunkelt worden!“ sagte ich, um die Erinnerung meines Barbiers zu beruhigen.

„Von da an war keine Gefahr mehr vorhanden. Sobald die guten Leutchen einander persönlich kennen gelernt hatten und handelseinig geworden waren, gerieth bei Beiden der Psychograph vollständig in Mißcredit.“

„Doch nicht auch das Medium?“

„Keinesweges. Marie brach eines Abends in Thränen aus und meinte, sie würde nach des Fräuleins Verheirathung wohl das Haus verlassen müssen, diese aber umarmte sie gerührt und versprach ihr, als sie das Geständniß ihrer Neigung zu mir abgelegt hatte, aus Dankbarkeit für ihre Dienste als Medium und treue Kammerzofe eine Aussteuer von fünfhundert Thalern. Nun war uns geholfen.“

„Bewies sich denn nicht der beglückte Heirathscandidat gleichfalls dankbar, denn er sieht mir wirklich zufrieden und fett genug aus?“

„Er hat mir an unserem Hochzeitstage hundert Thaler und außerdem die ewige Erhaltung seiner Kundschaft versprochen!“

„Das ist immerhin etwas, aber wann wird die Hochzeit sein?“

„In vierzehn Tagen, dann können Sie, wie gesagt, die Geschichte Jedermann erzählen.“

„Schade,“ sagte ich nachdenklich, als ich den lustigen Handel angehört hatte, „daß unsere heutigen Barbiere nicht mehr Inschriften und Titel der Geschäfte über den messingenen Becken anbringen; für Sie, mein Lieber, wüßte ich eine unvergleichliche Signatur.“

„Und die wäre?“ rief der Barbier neugierig, indem er meine grauen Mähnenreste von den Rockärmeln klopfte und mir nach Vollendung seines Geschäftes eine wohlgefällige Verbeugung machte.

„Sie müßten über den Becken einen Psychographen befestigen und darauf schreiben: „Zum Zauberer von Berlin“!“