Die ewge Weisheit

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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die ewge Weisheit
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aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 365-372
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Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Google und Commons
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 Die ewge Weisheit.




     Von allem Schönen wählt’ Amandus sich
Das Schönste nur; und also kam er bald
Vom Tand’ hinweg zur frohen Einsamkeit.
Dann sprach er oft, wenn er vom Weltgeräusch

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Zurückkam in sich selbst: „o hättest du

Nicht Dies und Das gesehen und gehört,
So wäre jetzt dein Herz nicht so betrübt.“

     Einst zeigete sich ihm, was keine Zung’
Aussprechen kann. „Ist Das nicht Himmelreich

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Und Wonne? sprach er. Alles Leiden mag

Die Freude nicht verdienen.“ –


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 Ihm erschien
Die Schönheit alles Schönen, in Gestalt
Der ewgen Weisheit. Wie der Morgenstern

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Trat sie hervor und ward zur Morgenröthe,

Zur Morgensonne. Die Unsterblichkeit
War ihre Kron’; ihr Kleid die Anmuth. Süß
Und Huldreich sprach ihr Mund; und Sie, sie war
Der Freuden Freude, die Allgnugsamkeit.

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     Sie schien ihm nah und fern, von allem Hohen

Das Höchste, und von allem Innigen
Das Innigste, der Schöpfung Meisterinn,
Die sie in zarter Milde streng regiert.
Mit süßester Gebehrde sprach sie: „Sohn!

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Gib mir dein Herz.“


 „O drücke mir dich selbst,
Dich selbst ins Herz, daß jeder Busenschlag
Es heb’ und mich erinnre, daß ich Dich,
Nur Dich in Allem seh.“


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 Sie ließ ihr Bild,

Berührend ihn, im Herzen ihm zurück.
So oft der Morgenstern erklang, erklang
Sein Hymnus: „Schaut! Der Schönen Schönste kommt!
Die Mutter aller Gnaden geht hervor

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Vom Aufgang! Deiner hat mein Herz begehrt,

Auch schimmernd, o du Liebliche.“

 Er sprachs,
Und küßete die Erde, redet’ oft
Mit seinem Engel, der ihm sichtbar dann

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In schöner himmlischer Gestalt erschien,

Und mit ihm freundlich von den Fügungen
Der ewgen Weisheit sprach. „Willst du Dich selbst
Erblicken, sagt’ er einst, schau her!“ – Er sah:
Ein Jüngling lag im Arm der Liebenden,

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Die er im Herzen trug. Wie seligfroh

Erkannt’ er sie! Es tönten himmlische

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Gesänge um ihn her: „Der Weisheit Lust
Ist an den Menschenkindern! Je und je
Hab’ ich geliebet dich und zog zu mir

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Aus Liebe dich und will dich zu mir ziehn!“


     „Wie du uns gerne hörest, sprach zu ihm
Sein Engel, hören wir auch gerne Dich,
Zumal wenn du mit freudigem Gemüth
In Schmerzen auch die ewge Weisheit singst.“

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Er sang; es ward ein Jubel um ihn her;

Ein Chor der Seligen umringt’ ihn. Seelen,
Die er gekannt und nicht gekannt, umfingen
Ihn liebend, und erzählten traulich ihm
Ihr Wohl und Weh; wie aus der Bitterkeit

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Die Weisheit ihnen stets das Süßeste

Bereitet. Seine Mutter kam zu ihm,
Sein Vater, (jetzt Gestalten jener Welt)
Und sprachen ihm ihrer Prüfungen
Belohnung. Und sein Antlitz glänzte. Oft

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65
Sah man es glänzen, wenn er betete,

Und vorm Altar: „Aufwärts die Herzen!“ sang.[1]

     In solchen Süßigkeiten schwamm Amandus,
Sein Herz bewahrend, strenge gegen sich,
Und überstrenge. Da erschien ihm einst

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Sein Engel wieder: „Glaubst du, sprach er sanft

Zum Schlummernden, indem du deinen Leib
Mit Büßungen belegest, dieses sei
Das schwerste Leiden? Leiden andrer Art
Erwarten dich. Schau her! Ich bringe dir,

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Dem zarten Knaben, Ritterkleider. Rüste

Dich tapfer. Wenn du selbst dich peinigtest,
So höretest du, wenn du wolltest, auf.
Dich werden andre peinigen, und nicht
Aufhören, wenn du wünschest. Bis hieher

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Empfand im Schmerz dein innerstes Gemüth

Geheime Süßigkeit. Wenn aber du
Im tiefsten Schmerze Rath und Hülf’ und Trost
Bei Menschen suchest und nicht findest; Freund
Und Feind verfolgen dich; und wer dich schützt,

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Wird selbst verfolget; wenn im Innern dann

Dich auch dein Gott verläßt; dann spricht zu dir
Die ewge Weisheit: „Sohn, gieb mir dein Herz!“
Auf diesen Dornen blüht allein der Kranz,
Den deine Königinn von Dir verlangt.“

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     Voll Schrecken fuhr der Jüngling auf; und bald

Ward seines Engels Red’ erfüllet. Schmach
Und Hohn, Verachtung, Kränkung jeder Art,
Verläumdungen und Haß und Neid und Wunden
Am zartsten Herzen trafen ihn. Er sah

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Kein Ende mehr, und lernt’ im Leiden nur
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Noch mehr zu leiden. Hülf und Rath und Trost
Bei Menschen war verschwunden. Wer ihm half,
Ward auch verfolget, und zuletzt gebrach
Das Letzte ihm, sein innrer Trost.

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 Da sprach er:

„Sein Will geschehe!“ und gab sich zur Ruh.

     Und plötzlich stand vor ihm die Schönste da,
Sanftglänzender, als er sie je gesehn.
Sie flocht aus vielen Rosen einen Kranz

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Für ihn, und er erkannt’ in jeder Rose

Den Dorn, auf welchen sie entsproßen war.
„Nimm, sprach sie, ihn; er ist der Deinige.
Jetzt ist mein Bild in Deinem Herzen: Du
Gewannest selbst es dir, bewahr’ es treu.

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Ihr Menschenherzen traut! Von allem Schönen

Die schönste Weisheit wird durch Prüfung nur.“


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     Sie sprach es, und ein sanfter Abendglanz
Umfloß Amandus Haupt. All seine Feinde.
In Träumen kamen die Verstorbnen selbst,

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Und flehten um Verzeihung und Gebet.

Und seinen Freunden war der vielgeprüfte
Amandus doppelt werth. Jungfraun und Fraun,
(Er ehrete in ihrer Tugend stets
Der Mutter Gottes Gnad’ und Zucht und Huld)

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Sie ehreten in ihm der Weisheit Sohn.

  1. Sursum corda.