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Autor: Julius Loewenberg
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Titel: Die beiden Borsig
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 299–301
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die beiden Borsig.


Borsig! – Labyrinthe von imposanten Fabrikanlagen und Werkstättburgen, Wälder von Schornsteinen, rastlos arbeitende Dampfmaschinen, flammende Puddelöfen, betäubend dröhnende Eisenhämmer, dazu ein Heer von Arbeitern: markige Cyklopengestalten, Schmiede, Schlosser, Bohrer, Dreher, Fräßer, Gießer, Zimmerer, Tischler; sodann eine Schaar von Zeichnern, welche die Gedanken des Meisters fixiren, – schnaubende Locomotiven, die mit unabsehbaren Wagenzügen über festgefugte Eisenbrücken rasseln; kolossale Pumpwerke, welche Seen auf Bergeshöhen heben, um sie von hier in tausendfachem Geäder in Wasserleitungen, Fontainen, Ueberrieselungen abströmen zu lassen, – eine fürstliche Wohnung mit blühenden Gärten, Treib- und Palmenhäusern, deren hochaufragende Eisensäulen mit dem Schaft schlanker Cedern wetteifern, mit Anlagen, wo der feine Geschmack des kunstverständigen Besitzers sich in jedem Blumenbeete, jeder Fontaine, jedem Pavillon, jeder Bank und tausend einzelnen Zierstücken stets auf’s Neue bethätigt – Vorstellungen von großen Bedürfnissen, großer Productivität, rapidem Wachsthum der sich an einander reihenden Erfolge, – alle diese Bilder und Anschauungen, sie steigen vor uns auf wie wechselnde, märchen- und feenhafte Zaubererscheinungen bei dem bloßen Klange des Namens – Borsig.

Zwei Träger dieses Namens sind die Zierden, der Ruhm und der Stolz deutscher Eisentechnik, deutschen Locomotiven- und Maschinenbaues: August Borsig, der Vater, „der alte Borsig“, und Albert Borsig, der Sohn, gewöhnlich „der junge Borsig“ genannnt. Beide, Vater und Sohn, sind in den besten Mannesjahren aus dem Leben geschieden. Der Vater, der Begründer der weltberühmten Fabrikanlagen, hatte, als er am 6. Juli 1854 sein Auge geschlossen, das fünfzigste Lebensjahr nur um wenige Tage überschritten; der Sohn, der Nachfolger und Erweiterer aller dieser Anstalten, hatte dieses Alter an seinem Todestage, den 9. April dieses Jahres, noch lange nicht erreicht.

Der vor kurzem erfolgte Heimgang Albert Borsig’s macht uns einen Rückblick auf sein Leben zur wehmuthsvollen Pflicht. Aber sein Leben, sein Schaffen und Wirken ist mit dem seines großen Vaters eng verbunden, wie Krone und Stamm eines und desselben Baumes. Man kann nicht vom Sohne reden, ohne auch zugleich des Vaters zu gedenken.

August Borsig, der Vater, ursprünglich Zimmergesell, kam 1824 nach Berlin, um sich hier im Gewerbe-Institut mehr, als es sonst gewöhnlich Handwerker zu thun pflegen, in der Baukunst auszubilden. Aber unglaublich: nach anderthalb Jahren wurde er aus der Schule ausgewiesen, weil ihm bei seiner einseitigen Vorliebe für das Studium der Mechanik das Verständniß für die Chemie fehlte. – Armer Zimmergeselle!

Auch für den Dienst des Königs wurde der mit einem wahrhaft athletischen Körperbau ausgestattete junge Mann nicht tauglich befunden „wegen seines zu dicken Halses,“ der für die vorschriftsmäßige Kragenbreite der Uniform zu kurz war.

So hart die Ausweisung aus der Schule für Borsig war, so ist ihm nachgerade von dem obersten Leiter derselben, von dem Geheimenrath Beuth, doch nichts Aergeres widerfahren, als Alexander von Humboldt von Schiller, als Fichte von Goethe. Schiller sagte von Humboldt: „er werde nie was Großes leisten, er habe für seinen Gegenstand ein viel zu grobes Organ und sei dabei ein viel zu beschränkter Verstandesmensch.“ – Goethe hatte als Weimarischer Minister Fichte von seiner Professur der Philosophie in Jena abgesetzt und gesagt: „aus Fichte wird nichts; Fichte ist für sich und die Welt verloren.“ – –

Nun, wir haben’s anders kommen sehen. Humboldt wurde nichts weniger als eben – Humboldt; der in Jena abgesetzte Professor Fichte ging nach Berlin und erhob hier seit 1801 mit in erster Linie das deutsche Volk gegen die Napoleonische Gewaltherrschaft, und Borsig wurde nichts weniger als eben – Borsig.

Die Eisenindustrie in Berlin war zu jener Zeit kaum aus dem Stadium der Kindheit herausgetreten Die königliche Eisengießerei, 1803 gegründet, hatte allerdings bereits 1821 in der [300] Ausführung des herrlichen statuarischen Werkes, des Siegesdenkmales auf dem Kreuzberge, ihre Leistungsfähigkeit bewiesen. Aber sie hatte die vielbeklagten Mängel jedes königlichen mercantilen Instituts, das, weil es für sein Bestehen nicht zu sorgen braucht, im Publicum keine neuen Bedürfnisse schafft und die vorhandenen, milde gesagt, nur mit gleichgültiger, vornehm thuender Gefälligkeit befriedigt. Königliche Beamte sind selten – man glaubt es wenigstens – gute, zuvorkommende Geschäftsleute. Das Geschäft scheint für sie da, nicht sie für das Geschäft.

Egells hatte in den zwanziger Jahren eine Maschinenbauanstalt und die „Neue Berliner Eisengießerei“ gegründet. Sie hatte vollauf zu thun, als Borsig im Herbste 1825 mit gründlichen Kenntnissen und flammender Begeisterung für den Maschinenbau als schlichter Maschinenbauer in dieselbe eintrat. Er erlernte von Grund auf den praktischen Maschinenbau, arbeitete in der Gießerei, zeichnete und projectirte viel, und nicht lange, so wurde er Monteur, Werkführer, Factor und endlich an dem Geschäfte interessirter Dirigent.

Um diese Zeit war der Bau von Eisenbahnen für Deutschland eine Lebensfrage geworden. Die Vortheile, welche England, Belgien, Frankreich aus ihnen gezogen hatten, drängten Borsig bei seinem Arbeitstrieb, seinem scharfen Verstande, seiner Auffassungs- und Combinationsgabe, unabhängig von jedem Einfluß Anderer seine eigene Maschinenbauanstalt am Oranienburger Thor mit einem erarbeiteten Vermögen, das kaum fünftausend Thaler übersteigen mochte, zu gründen.

In Bretterschuppen wurden die ersten Maschinen gebaut, die dazu nöthigen Dreh- und Bohrwerke durch ein Fußwerk getrieben; die Zahl aller Arbeiter betrug kaum fünfzig. Im nächsten Jahre war der Bau der Eisengießerei beendet und die erste Dampfmaschine zu deren Betrieb aufgestellt. Anfangs lieferte die Fabrik Eisengußwaare aller Art, vorzugsweise stehende Dampfmaschinen. Der deutsche Locomotivenbau hatte bei Borsig’s erster Thätigkeit die beschwerlichste Concurrenz mit dem Auslande zu bestehen, wo Erfahrungen, die reichsten pecuniären Hülfsmittel, die besten Materialien zu billigeren Preisen zur Verfügung standen, und wie gewöhnlich hatte das Ausland in unserer deutschen Heimath ein größeres Vertrauen. Bis zum Jahre 1846 waren auf deutschen Eisenbahnen, wenige vereinzelte Ausnahmen abgerechnet, nur ausländische, namentlich englische und amerikanische Locomotiven in Gebrauch.

Unter solchen Umständen mußte das Unternehmen, den Locomotivenbau bei uns heimisch zu machen, allerdings als ein sehr gewagtes erscheinen. Es gehörte ein nicht gewöhnlicher Muth und Scharfblick, eine unbeugsame Ausdauer dazu. August Borsig besaß alle diese Eigenschaften in hohem Maße. Die erste Locomotive, zu deren Vollendung er ein Jahr brauchte, ging im Jahre 1841 aus der Anstalt, die hundertste 1846, die fünfhundertste 1854, also in seinem Todesjahre.

Der große Bedarf von Schmiedeeisen, welches in der nothwendigen Güte nur von England bezogen werden konnte, hatte bereits den „alten Borsig“ bestimmt, eigene Eisen-, Walz- und Hammerwerke in dem nahen Moabit anzulegen, auch die zeitherige Maschinenbauanstalt der Seehandlung daselbst, sowie weit ausgebreitete Eisen- und Kohlegruben in Schlesien zu erwerben.

So wurde der schlichte Zimmergeselle Borsig der Schöpfer einer neue Industrie. Er hat einen Samen gelegt, für den er den Boden erst fruchtbar gemacht, für dessen Pflege er die Kräfte erst wach gerufen und durch eigene Leistung und Beispiel gebildet.

Aber das Endziel seiner Thätigkeit war erreicht, und seine letzte Arbeitsstunde schlug unerwartet am 6. Juli 1854.

Kaum anderthalb Dutzend Jahre bedurfte Vater Borsig, um in Berlin, Moabit, Schlesien die Anstalten zu schaffen, die in seinem Todesjahre fast drittehalb tausend Arbeitern Beschäftigung und Brod gaben, und deren Arbeiten im letzten Jahre einen Werth von fast drei Millionen Thaler repräsentirten. – –

Albert Borsig war fünfundzwanzig Jahre alt, als er 1854 nach dem unerwarteten Tode des Vaters als einziges Kind die Erbschaft aller weit verzweigten industriellen Anlagen desselben antrat. In dem Gleichmaß seiner Anlagen und Fähigkeiten trat keine einzige besonders hervor; die Harmonie seiner Kenntnisse und Neigungen wurde durch keine Vorliebe für irgend eine specielle Besonderheit von Wirken und Schaffen gestört. Seine Erziehung und Bildung entsprach den reichen Vermögensverhältnissen, der tüchtigen Einsicht und dem arbeitsamen Bürgersinn des vortrefflichen Vaters; die Mutter, eine Frau von bescheidenster Einfachheit, Anspruchslosigkeit und Herzensgüte, hat den einzigen Liebling ihres Herzens nicht verwöhnt und verzärtelt.

Das Leben Stephenson’s, des Erfinders der Locomotive, zeigt rührende und erhebende Situationen, wie sich der Vater heranbildete an dem Unterricht des einzigen Söhnchens, wie der Mann schon in vorgerückten Jahren noch mit dem Knaben die Elemente formaler Bildung aufnahm, und wie der begabte Jüngling die fruchtreichen Ideen des Vaters in Wort und Zeichnung fixirte. Solche Situationen mögen wohl die stillen Stunden im Hause des alten Borsig nicht verschönt haben. Auch mögen die Erwartungen und Hoffnungen, die sich an den jungen Zweig des alten Stammes anrankten, nicht allzu üppig gewesen sein. Aber wir wissen ja, daß auch Linné’s Genie lange so verhüllt war, daß sein Vater ihn zu einem Schuhmacher in die Lehre bringen wollte – daß auch Newton aus gleichem Grunde von der Mutter aus der Schule genommen und für die Landwirthschaft bestimmt werden sollte – daß es auch im Kopfe Alexander von Humboldt’s „erst spät licht geworden“.

Albert Borsig hat die Hinterlassenschaft des Vaters mit Pietät angetreten, und weder aus Eitelkeit noch aus Anmaßung und Ueberhebung die Schöpfungen desselben reformatorisch angetastet. Alles blieb, wie es bisher gewesen; Alles ging in dem bisherigen Geleise unverändert und stetig vorwärts.

Trotz der unsicheren politische Verhältnisse wurden die Bedürfnisse immer größer; der vermehrte Eisenbahnverkehr führte den Maschinenbauanstalten aus dem Inlande und den Zollvereinsstaaten zahlreiche Aufträge zu. Namentlich galt es die Anlage vieler neuen Eisenbahnen und die reichere Ausrüstung schon bestehender. Hierzu kamen ferner die zahlreichen neuen Aufschlüsse von Kohle- und Eisensteingruben am Rhein, in Westfalen und Schlesien, die den Berliner Anstalten noch auf mehrere Jahre Bestellungen zuführten.

Inzwischen hatte die Leistungen des Maschinenbaues außerordentlich gewonnen. Die Durchbildung der Arbeiter, die Technik der Ausführung zeigte den musterhaftesten Fortschritt. Ganz enorm waren namentlich die Bedürfnisse der Eisenbahnen, die zur eigentlichen Specialität der Borsig’schen Werkstätten gehörten und noch gehören, namentlich der Locomotivenbau.

Der junge Borsig hat allein im Jahre 1855 hundertdreizehn, und 1857 gar hunderteinunddreißig Locomotiven fertig hergestellt. Die sechshundertste Locomotive erhielt auf der Pariser Weltausstellung (1855) die große goldene Medaille. Die tausendste ward am 21. August 1858 vollendet. Das großartige Industriefest, durch welches die Anstalt dieses Arbeitsziel feierte, ist im Jahrgange 1858 der „Gartenlaube“ (S. 541 f.) ausführlich geschildert. Nach kaum neun Jahren, am 2. März 1867, lief die zweitausendste, und am Todestage Albert Borsig’s waren etwa dreitausendsiebenhundert (nicht, wie es übertrieben in den Tagesblättern hieß: zehntausend) aus den Werkstätten hervorgegangen.

Doch sind es nicht Locomotiven allein, die in den Borsig’schen Anstalten gebaut werden. Auch Brücken, Dächer, Kuppeln, Maschinen und Geräthe von sinnigster Construction und sorgsamster Ausführung sind hier fort und fort in Arbeit.

Selbstverständlich mußte, um so Großes zu leisten, die Anstalten, die der „junge“ vom „alten Borsig“ übernommen, sehr wesentlich erweitert werden, in räumlicher Ausdehnung, in allen einzelnen Partien der ausführenden Technik, in der ganzen inneren Organisation ihres Zusammenhanges. Wir bescheiden uns, nur einer solchen Erweiterung zu gedenken, der Anlage und der Eröffnung des Walzwerkes zu Borsigfelde im Beuthner Kreise in Oberschlesien.

Bereits der „alte Borsig“ wollte die schlesischen Eisenerze besser verwerthen und die Industrie seiner arbeitsamen Landsleute fördern. Die Mehrzahl seiner Arbeiter in Moabit waren Schlesier. Noch kurz vor seinem Tode kaufte er bei Gleiwitz ein bedeutendes Territorium, um hier die Kohlen und Eisenerze auszubeuten. Der „junge Borsig“ setzte die Arbeit beharrlich fort, legte Hochöfen an, Hütten- und allerlei Werke und kurz eine weit ausgedehnte Arbeiterstadt, die Fabrikcolonie Borsigfelde. Er führte dieselbe nach eigenen Ideen und Plänen zu einer Zeit aus, als eine ganz außerordentliche Steigerung des [301] Grundwerths in Berlin und in deren Gefolge Wohnungsnoth eingetreten war. In Borsigfelde sollten die Eisenerze gleich zu Maschinentheilen verarbeitet und dann als Halbfabrikate den Anstalten in Berlin und Moabit zugeführt werden. Im October 1870 wurden vierhundert bis fünfhundert Arbeiter, darunter viele Familien aus Moabit nach Borsigfelde übersiedelt. Die Anlagen sind von sehr ausgedehnten Dimensionen und gedeihen vortrefflich. Alle Bedürfnisse der Arbeiter finden hier Befriedigung, wie kaum in einer größeren Stadt, denn ihnen ist alle Sorge gewidmet, und keine Einrichtung zum Wohl für Leib und Seele fehlt hier.

So kam es, daß selbst in getrübten Zeiten das Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer immer ein vertrauensvolles war, daß die Arbeiterbewegungen in Borsig’s Werkstätten keinen Eingang fanden. Wie der alte war auch der junge Borsig ein sorgsamer Vater, ein treuer Freund seiner Arbeiter. Auch zu der Zeit, als der große Krach die gesammte industrielle und finanzielle Welt in ihren Grundvesten erschütterte, blieb Borsig von der fast allgemeinen Misere verschont. Er blieb es deshalb, weil jene heillose Gründerwirthschaft, jenes moderne Raubritterthum, auch nicht einmal mit dem Schein einer Versuchung an ihn herantreten durfte, weil der Borsig’sche Credit ein so fest begründeter, die geschäftlichen Beziehungen derartig umfangreich und solide waren, daß sie von der Calamität nicht einmal berührt, geschweige denn in Mitleidenschaft gezogen wurden. – –

Beide Borsig, die scharfsinnigen Techniker, die Männer so anstrengender Arbeit waren auch große, sinnige und verständige Freunde der Natur und der Kunst. Mit den theuersten Opfern, mit fürstlichem Aufwande huldigten sie ihnen. Ihr Heim, wo es auch ist, macht den Eindruck des Soliden, des Schönen, des Praktischen. Alles hat den Reiz frischer, sinniger, verschönernder Thätigkeit.

Darum auch das erquickende Wohlgefühl, das freudige, theilnahmsvolle Wohlbehagen, das wir beim Besuch der Wohnstätten, der Gartenanlagen Borsig’s empfanden. Wir fühlen es instinctmäßig heraus, sie sind selbst ersonnene Schöpfungen, eigene Arbeiten, eigene Werke ehrlichen Bürgerfleißes. Hier stört keine impertinente Schaustellung, kein Geldprotzenthum, kein unpassendes Prunken des reichen Emporkömmlings, der Natur und Künstler seinen Launen dienstpflichtig macht, weil – „seine Mittel es ihm erlauben“.

Nur eines Prachtbaues Albert Borsig’s werde hier besonders gedacht. In Berlin, am althistorischen Wilhelmsplatze, wo die Helden der schlesischen Kriege in monumentaler Verherrlichung dastehen, wo die Ministerpaläste des deutschen Reiches und des Reichskanzlers sich erheben, eben da, inmitten dieser deutschen Monumentalwerke baute sich der schlesische Grande, Fürst von Pleß, in den ersten siebenziger Jahren nach dem letzten französischen Kriege einen Palast in dem zopfigen, französischen Rococostile Ludwig’s des Vierzehnten mit der Fürstenkrone und dem Namenszuge des Erbauers. Alles an diesem Baue, Plan, Arbeit aller Art, ist französisch, selbst das Rohmaterial ist aus Frankreich herbeigeschafft; alle Handwerker, Künstler und Decorateure waren Franzosen. Keiner deutschen Hand wurde hier Brod und Erwerb gegönnt. – Neben dieser fürstlichen verzwickten architektonischen Mißgestalt, nach Zeit und Art der Ausführung ein Denkmal aristokratischer, undeutscher Gesinnung, hat der bürgerliche Fabrikant Borsig einen stattlichen, breit gelagerten Palast im edelsten Renaissancestile erbaut. Statt der Fürstenkrone zieren es in den Nischen zwischen den Fenstern die mehr als lebensgroßen Statuen von Männern der Kunst und der Arbeit. Es sind vortreffliche Statuen von Archimedes, Leonardo da Vinci, James Watt, Robert Stephenson, Friedrich Schinkel, August Borsig, Wilhelm Beuth. Unzweifelhaft eine imponirende Huldigung des Genies, der Schildträger der Arbeit! – –

Schließlich noch ein flüchtiger Blick in die Arbeitsräume einiger Borsig’scher Werkstätten. Hier verwirklicht sich die alte dichterische Fabel von den Eingeweiden des Aetna, und die Feueressen, wo Vulcan die Donnerkeile Jupiter’s schmiedete, gehören fürder nicht mehr in das Reich poetischer Träume. Die dunklen Gestalten der von schmelzender Gluthhitze geschwärzten Männer, der krachende Fall der Riesenhämmer und ihre erschütternden Schläge, das dämonische Aechzen der brausenden Blasebälge, die Feuerströme flüssigen Metalls, die Milliarden Funken von den gehämmerten Amboßen – alle diese grandiosen Effecte fallen wie Blitzstrahlen in die Seele, geben ein Bild von den Vorstellungen, wie sie dem Dichter vom Tartarus vorschwebten und verwirren und erdrücken die Sinne des Zuschauers zu stummer Bewunderung.

„Die Werke klappern Nacht und Tag,
Im Tacte pocht der Hämmer Schlag,
Und bildsam von den mächt’gen Streichen
Muß selbst das Eisen sich erweichen.“

Mehr noch als die Schmelz-, Guß- und Schmiederäume frappiren die Localitäten, in denen die einzelnen Werkstücke zugerichtet werden. Hier wird gedreht, gehobelt, gebohrt, genietet, gestoßen; hier wird tausenderlei Arbeit vollführt, und alle hierzu erforderlichen dämonischen Kräfte werden nur von schwirrenden Rädern, von fliegenden Treibriemen verrathen, vom leisesten Fingerdrucke des Arbeiters geleitet und geregelt.

„Tausend fleiß’ge Hände regen,
Helfen sich im muntern Bund,
Und im feurigen Bewegen
Werden alle Kräfte kund.“

Die Bewunderung steigt, wohin man auch schreitet, sei es in die Montir- oder in andere Räume. Wer wollte hier alle die Vorgänge und Arbeiten, alle die Eindrücke und Empfindungen wiedergeben?[1]

Die Leistungen Albert Borsig’s haben die ursprünglichen Erwartungen weit übertroffen und ihm wohlverdiente Anerkennung erworben, aber darin ist er weniger glücklich als der Vater August Borsig, daß sein Erbe noch ein unmündiger elfjähriger Knabe ist.

Wie der „alte“, ist auch der „junge“ Borsig von Fürsten, vom Staate mit Titel und Orden, mit Ehren und Würden hoch ausgezeichnet worden. Volle Kränze von Immortellen, Stein- und Erzdenkmale schmücken die Stätten, wo beide im Leben gewirkt, wo sie jetzt im Tode ruhen. Doch Titel und Würden verhallen und werden vergessen; die reichsten Kränze verwelken und vermodern; Denkmale verwittern und zerfallen in Staub. Aber so lange deutsche Industrie, deutscher Fleiß in der Geschichte genannt werden, so lange werden alle Ehren des Fleißes, alle Titel des Genies, alle Würden der Arbeit verknüpft werden mit dem einfachen Namen Borsig.

J. Loewenberg.
  1. So weit es für die Anschauung des Laien möglich, ist dies in Bild und Wort im Jahrgang 1867 der „Gartenlaube“ geschehen wo wir unter der Rubrik „Deutschlands große Industrie-Werkstätten“ S. 554 Borsig’s Etablissement in Moabit bei Berlin, und S. 779 Borsig’s Eisengießerei und Locomotivenbauanstalt am Oranienburger Thor in Berlin zur Darstellung brachten. Wer aber vergleichen will, wie dieser Industrieriese als Kind aussah, dem giebt Jahrgang 1854, S. 289, die Gelegenheit dazu.
    D. Red.