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Autor: Unbekannt
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Titel: Die Aufhebung der Klöster in Mexico.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 297–299
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein Blick in die kirchlichen Zustände jenseits des Oceans.
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Die Aufhebung der Klöster in Mexico.
Ein Blick in die kirchlichen Zustände jenseits des Oceans.


Verkauf der Kirchengüter – und Aufhebung der Klöster! Kein staatliches oder politisches Ereigniß hat wohl je in der Republik von Mexico größeres Aufsehen erregt, als dieses Gesetz, welches Juarez im Jahre 1861, kurz nach seiner Eroberung von Mexico erließ. Es lief wie ein Feuerbrand durch alle Parteien des Landes.

Benito Juarez, der als armer Indianerknabe in den Straßen Orangen verkaufte, hat sich zu einer so bedeutsamen geistigen Höhe emporgeschwungen, daß man von ihm keck behaupten kann: er hat von allen Präsidenten, welche bis zu der unglücklichen Kaiserkatastrophe das Staatsruder der Republik geführt, am entschiedensten gehandelt und am durchgreifendsten der Sache des Fortschritts genützt. Der Druck, welchen die größtentheils ungebildeten Priester auf das Volk ausübten, war geradezu lähmend für dasselbe, denn sie hatten sich nach und nach nicht nur eine Herrschaft über die Kirche angemaßt, die selbst über jedes katholische Recht hinausgriff, sie hatten auch in weltlicher Hinsicht, wie dies ja überall ihr planmäßiges Bestreben ist, für ihren steigenden Reichthum gesorgt und mindestens die halbe Republik in ihrem Besitz. Das Einkommen der Kirche war um die volle Hälfte größer, als die Gesammteinnahme des ganzen Staates. Alle die unglückseligen Verhältnisse, an denen das Land krankte, diese fortwährenden Regierungswechsel, waren größtentheils das Machwerk der Kirche, und das aufathmende Volk segnete die Hand des unerschrockenen Benito Juarez, welche zuerst den Muth hatte, den Strang so fest um den Hals des herrschsüchtigen Clerus zu ziehen, daß er stille halten mußte. Das gesammte Ausland blickte mit Spannung auf den kühnen Reformator.

Zuerst erschien das Gesetz: „Verkauf der Kirchengüter“, und es schleuderte seine Funken mit einer so aufregenden Heftigkeit in die Geschäftswelt, wie in das Priesterheer, daß fast wochenlang von nichts Anderem gesprochen wurde. Die vielen schönen Häuser in der Hauptstadt selbst (es waren über zweitausend!), [298] welche Eigenthum der Kirche und von derselben meist an vornehme Familien vermietet waren, die schon seit Generationen in diesen Häusern wohnten und sie fast wie ihr Eigenthum betrachteten, wurden nun ungefähr für den sechsten Theil des Werthes vom Staate zum Verkauf ausgeschrieben. Welche glänzenden Aussichten für speculative Köpfe! Allerdings riskirte man, über kurz oder lang, wenn die clericale Partei wieder am Ruder sein würde, das Gesetz beseitigt zu sehen. Trotzdem sprachen mehr Gründe für als gegen die Benutzung der Gelegenheit, und viele Fremde namentlich, welche richtig erwogen, daß die Zeit nicht zurückschreitet, selbst wenn sie es einmal mit einem kurzen Anlauf versucht, unternahmen die Geschäfte und hatten es später auch nicht zu bereuen.

Die Mexicaner selber waren zaghafter, und die offenen Anhänger der clericalen Partei mußten ja schon des Princips wegen von dem Ankaufe absehen. Die Gleichgültigen und Principlosen aber waren doch zu befangen in dem Glauben, es könne ein der Kirche „entwendetes“ Gut, wie die Clericalen es nannten, unmöglich Segen bringen. Auch sie beteten scheu und ängstlich ein Ave Maria, wenn der Gedanke an das vortheilhafte Geschäft einmal in ihrem Innern auftauchte – und unterließen es. Es waren also nur die Liberalen und die Fremden, welche öffentlich diesen in der That brillanten Handel machten. Dennoch entdeckte man schließlich, daß man durch eine überraschende List getäuscht worden war. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Hauptkäufer die reich mit Geld versehenen Clericalen gewesen waren. Als diese schließlich sahen, wie die Sache ernsthaft wurde, versteckten sie sich hinter Agenten und gaben denselben unter Zuwendung eines kleinen Gewinnes das Geld.

Die Handlungsweise des klugen Benito Juarez ist kühn zu nennen, wenn man die Verhältnisse in Mexico und die Mittel und Wege genauer kennt, welche hier der Priesterpartei zu Gebote standen. Man fürchtete, daß Juarez eines Tages still bei Seite geschafft werden würde, denn der Clerus knirschte vor Wuth, und es war eine furchtbar aufgeregte Stimmung, die sich erst lange nachher beruhigte, als nun auch die Klostermauern zusammenstürzten und elegante Häuser aus diesem geheiligten Boden erwuchsen.

Bei allen diesen Aufregungen jedoch sah man Juarez mit seinem häßlichen, aber charaktervollen Indianergesicht ruhig in seiner einfache offenen Chaise durch die Straßen von Mexico fahren; er gab nicht in dem kleinsten Punkte nach und ging unbeirrt den Weg, welchen er sich vorgezeichnet hatte. Das Gesetz über „die Aufhebung der Klöster“ brütete lange in seinem Hirn, denn er verstieß damit nicht nur bei seinen Parteigängern, sondern fand bei Bewerkstelligung der Sache auch selber unzählige Schwierigkeiten. Selbst viele in dieser Beziehung ganz freidenkende Leute fanden es menschlicher, daß man die Klöster, wie sie einmal bestanden, mit allen den Menschen, deren Seelen mit diesen Instituten verwachsen waren, vorläufig dulden, das heißt, wie in andern Ländern, einfach aussterben lassen solle. Dagegen hatte man denjenigen Mönchen und Nonnen die volle Freiheit zu geben, welche dies wünschten. Bei dieser Gelegenheit trat deutlich zu Tage, daß es stark eigensinniges Indianerblut war, das in den Adern des tatkräftigen Juarez rollt. Vielleicht würde er, wenn er ein weicheres Empfindungsleben gehabt hätte, zum Nachtheile der Sache es nicht über sich vermocht haben, so viele Menschenseelen, namentlich unter den Frauen, in furchtbare innere und äußere Conflicte zu stürzen. So aufrichtig man auch die guten Eigenschaften von Juarez, namentlich seine Energie und Uneigennützigkeit, zu schätzen wußte, war man doch etwas gereizt gegen ihn, als zahlreiche Nonnen mit verhüllten Gesichtern durch die Straßen liefen, heimath- und obdachlos und doch bereit, lieber zu sterben, als ihr Gelübde zu brechen. Eine junge, reizende Nonne, welche ich erst einige Jahre früher hatte einkleiden sehen, die Tochter einer Marquise, flößte mir besonderes Mitleid ein. Ich dachte der Stunden, als man sie damals in aller Pracht ihrer Jugend und Schönheit, im Schmucke der Braut – nach Klosterbrauch – noch einmal der Welt präsentirte und sie dann einige Zeit später, als Schwester Brigitta, mit abgeschnittenem Haar, im grauen Nonnenkleide durch die Kirche führte – um sie für ewig in derselben zu begraben. Aber heute, als ich sie zufällig wieder, dicht verhüllt, in die Chaise steigen sah, welche sie vorläufig in eine abgeschiedene Kammer ihres Elternhauses bringen sollte, und als sie selbst die Theuersten – ihrem Gelübde treu, nicht sehen und sprechen wollte, that mir das Herz weh über all dem Elend, mit welchem sich die Menschen in ihrem Wahne martern. Erst nach Monaten hörte ich, daß Schwester Brigitta’s Bruder, ohne daß sie ihre Gelübde gebrochen, sie glücklich nach Rom begleitet habe und sie dort wieder im Hafen klösterlicher Ruhe sei.

Betrachtete man dagegen die Sache von der anderen Seite, so mußte man sich allerdings sagen, daß die Klöster nur mit einem tiefgreifenden und schmerzhaften Schnitt ausgemerzt werden können und daß uns ja die Geschichte genugsam darüber belehrt hat, wie einzelne Menschenleben nicht berücksichtigt werden können, wenn es sich um das Wohl und Wehe der Gesammtheit handelt. Zudem wollte Juarez das Beste und handelte nach seiner innersten und tiefsten Ueberzeugung – das wußten wir damals genau, da wir mit Leuten verkehrten, welche zu ihm in den nahesten Beziehungen standen. Selbst als er später das Todesurtheil an dem unglücklichen Maximilian vollziehen ließ, gab er ihm vorher genugsam Gelegenheit zu entfliehen(?); er beklagte den österreichischen Prinzen als Mensch, weil er ihn achtete und bemitleidete – aber von seinem politischen Standpunkte aus, als Präsident der Republik, betrachtete er ihn als Rebellen und glaubte nicht anders handeln zu dürfen.

Die Angelegenheit verursachte natürlich große Umwälzungen im ganze Lande, und wenn auch späterhin ein etwas milderes Gesetz manche Klöster wieder duldete, so änderte doch das für den Augenblick an der entstandenen Verwirrung nichts. Neugierig schritten nun Viele aus der Bevölkerung durch die großen, leeren Klostergebäude, in deren Innerem es so kahl und unheimlich aussah, daß man es nur dem Fanatismus und der Gewohnheit zuschreiben konnte, wenn Töchter aus den ersten Familien in diesen kleinen, öden Zellen ein zum Glück berechtigtes Menschendasein langsam abgetödtet hatten. Fast alle Klöster, welche ich damals durchwandert habe, boten dasselbe Bild. Jede Nonne hatte ihre eigene Zelle, so klein, wie nur möglich, mit getünchten Wänden, einem vergitterten kleinen Fester, einem Bett, einem Stuhl, einer Kiste. In jedem dieser Gemächer stand ein Kochherd mit einigem Geschirr, auf welchem sich die einsame Bewohnerin der Zelle, mochten ihre Hände noch so fein und verwöhnt sein, selbst das Mittagsmahl bereitete, welches sie auch allein zu verzehren hatte.

Inmitten des Hofes befand sich ein Garten, in dem die Nonnen zu gewissen Stunden spazieren gehen durften, ohne jedoch mit einander zu sprechen und zu verkehren. Unwillkürlich mußte ich der sehnsuchtsvollen Seufzer gedenken, die wohl aus der Brust so mancher junge Nonne aufgestiegen sein mochten, wenn sie hier, die Hände auf das heißklopfende Herz gepreßt, an weichen Abenden unter den prachtvollen Orangenbäumen stand, vielleicht den Mond betrachtend, wie er über der hohen Mauer, welche sie von der Welt trennte, so einsam emporstieg, und sie sich dann in der öden Gefangenschaft ein Leben träumte – schöner gewiß, als es die Wirklichkeit jemals bietet.

Schrecklich melancholisch sahen mich diese Mauern an, und es war mir, als könnte ich aus den morschen Quadern die traurigen Geschichten lesen, die sich hier abgespielt. Von diesen Geschichten redeten auch die Physiognomien der Nonnen, so viel ich deren gesehen habe; sie alle trugen denselben Ausdruck des Herben, der Verbitterung und Fühllosigkeit.

Anders war es mit den Mönchsklöstern. Es gab nur sehr wenige in Mexico, welche ganz von der Welt abgeschieden waren, und als man die Klostermauern niederriß, zeigten sich Spuren von dort verübten Verbrechen, die nur zu klar bewiesen, daß die Bewohner, trotz Abtödtung und Entsagung, allen weltlichen Lüsten gefröhnt hatten. Als das Kloster von San Francisco, eines der größten der Republik, niedergerissen wurde, fand man daselbst Frauen- und Kinderskelete in Menge, und der Zudrang zu der Stätte war so groß, daß man sich genöthigt sah, den Platz polizeilich absperren zu lassen. Ein besonders schrecklicher Fall trug sich bei derselben Gelegenheit in einer kleinen Provinzialstadt in der Nähe Toluccas zu. Als die Mönche, welche durchaus das dortige Kloster nicht räumen wollten, endlich vor der Gewalt die Flucht ergriffen, vernahm man beim Durchgehen der Räume eine wimmernde Menschenstimme. Nach langem Nachforschen entdeckte man endlich eine Fallthür in einer der Sacristeien, [299] von der man auf einer gut angelegten Treppe in einen unterirdischen Raum gelangte. Dort fand man auf einem Bette eine jammernde Frau, welche die Mönche bei der Flucht vergessen hatten und die nun dem Verhungern nahe war. Man versuchte sie zu beleben, aber erst nach mehreren Tagen gewann die Aermste einige Kraft zum Sprechen. Sie gab sich als die Frau eines Kaufmanns zu erkennen, welche seit sechszehn Jahren, nachdem sie eines Tages in die Beichte gegangen, spurlos verschwunden war. Der trostlose Mann und vier kleine Kinder mußten schließlich annehmen, daß sie verunglückt sei. Es war ein Glück, daß sie bald in den Armen ihres Sohnes sterben durfte und daß ihre Seele nicht die entsetzlichen Erinnerungen an durchlebte Scenen der Vergewaltigung und Schmach länger mit sich herumtragen mußte.

Wenn man das geistliche Leben und Treiben in der Republik von dieser Seite beleuchtet, dann kann man freilich die Verdienste eines Mannes, wie Benito Juarez, nicht hoch genug anschlagen, der das Alles that ohne den geringsten Vortheil für sich selbst. Wem die damaligen Verhältnisse in Mexico bekannt sind, wer es mit angesehen hat, wie hier die Clericalen wie überall, wo sie zu Gewalt und Herrschaft gelangen, das Volk unterjochten, jeden Aufschwung desselben unterdrückten und Bildung und Aufklärung nicht aufkommen ließen, der wird den Muth eines Staatslenkers doppelt bewundern, der einen so gewaltigen Schritt vorwärts that, wie vor ihm kein Einziger ihn zu versuchen gewagt hätte.

Die Stadt Mexico, welche fast in allen Straßen ein Kloster aufzuweisen hatte, in welchem eine Unzahl Menschenkräfte brach lag, nahm einen ganz anderen Charakter an, als diese Stätten des Müßiggangs, der Unsitte und Heuchelei dahinsanken und an ihrer Stelle freundliche und heitere Häuser aus der Erde wuchsen. Zahlreiche Arbeiter fanden dabei Beschäftigung, und die Republik hätte sicher durch diese Maßregel einen gewaltigen Aufschwung genommen, wenn nicht abermals die Kirche mit aller Macht ihre Parteien in’s Feld geführt und ein dreijähriger Bürgerkrieg jeden aufkeimenden Wohlstand vernichtet hätte. – Es war fast, als ob ein unseliger Stern über dem wunderschönen Lande leuchtete, welcher ihm trotz seines wolkenlosen Himmels und der überreichen Pracht seiner Erde ein ewiges Verderben geschworen.

Als endlich der Clerus geschlagen war und die Republik mit ihren Führern als Siegerin dastand, da suchte er Hülfe und Schutz bei Frankreich und kam mit der Bitte zur guten Stunde. Napoleon schickte seine Franzosen in das Land, fragte nicht, was daraus werden sollte, und opferte mehr, viel mehr Leute, als jemals bekannt wurde, allein durch das Fieber. Die republikanische Regierungsform wurde zerstört und dem edelsinnigen österreichischen Erzherzog die Dornenkaiserkrone auf das unglückliche Haupt gedrückt. Die leise rauschenden Meereswellen, welche sein schönes Schloß Miramar umspülten, mochten ihm wohl bis dahin nichts zugeflüstert haben, als süße Märchen von ewigem Glück und Frieden. Sie hatten ihm nichts erzählt von dem wüthenden Parteikampfe, dem priesterlichen Haß und der armen, unter jahrelangem Pfaffendrucke verkommenen Nation, deren Ruhm und Größe er so hochherzig zu gründen vermeinte. Es war ein wahrhafter Glückstraum, an dem er zu Grunde ging, wie Unzählige, welche einer Idee leben wollen und daran sterben müssen.

Juarez, der bekanntlich am 18. Juli 1872 in Folge eines Schlagflusses aus dem Leben geschieden, glaubte dem Kaiser Maximilian gegenüber nicht anders handeln zu dürfen, als er es gethan. Er selbst setzte Gut und Blut hundertmal ein, um das Volk von der zermalmenden Schwere der clericalen Partei zu befreien, und eine Genugthuung, wie ihm keine schönere werden konnte, mußte es ihm sein, daß Maximilian selbst eingestand: „es gehöre zur Grundbedingung der staatlichen Einheit Mexicos wie aller anderen Staaten und Länder, jede Ueberzeugung und Religionsübung zu schützen aber den Uebergriffen geistlicher Anmaßung und priesterlichen Hochmuths für immer die stärksten Riegel vorzuschieben.“