Die Reisepredigt in Schwaben

Textdaten
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Autor: E. R.
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Titel: Die Reisepredigt in Schwaben
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Reisepredigt in Schwaben.


Die Gartenlaube (1863) b 021.jpg

Werner in der Dorfscheune.
Nach dem Oelgemälde von Robert Heck in Stuttgart.

Es giebt wohl keinen zweiten deutschen Volksstamm, der sich so eifrig und, möchten wir beinahe sagen, so berufsmäßig mit dem lieben Gott beschäftigt wie der schwäbische; ja, sein ganzes öffentliches Leben, so weit das eigentliche Volk in seinem Inneleben davon berührt wird, reducirt sich heutzutage in vielen Landestheilen auf das kirchliche, auf das Pro und Contra in gewissen religiösen und dogmatischen Fragen. Der „Façons“, in welchen man einer von den weißen Cravatten in Stuttgart begünstigten crassen Pietisterei gegenüber, selig werden möchte, sind so mancherlei, als es eben Häupter giebt, die sich einen Anhang zu verschaffen wissen und den Muth und die Ausdauer besitzen, mit ihren kleineren oder größeren Gemeinden Fronte gegen die Prälaten und das Consistorium zu machen. Der Obscurantismus, der meist von der untersten Bank der Volksschule an durch alle Bildungsanstalten des Landes bis hinauf in’s alte Tübinger Stift und von da wieder heraus in Kirche und Schule als ausgesprochene „Regierungstendenz“, als das Schibboleth des Ministeriums Linden und seiner wenigen „Herren“ methodisch betrieben wird, dem sich keine noch so gediegene Intelligenz, kein noch so aufgeklärter Charakter, der im Dienste der Kirche und Schule von Württemberg einen Wirkungskreis behaupten will, für die Dauer entziehen kann, dieser unerbittliche, rücksichtslose Obscurantismus trägt allein die Schuld an den mancherlei „Winkelreligiönchen“, welche in Schwaben gegenwärtig existiren. Das Volk fühlt instinctartig den unnatürlichen gewaltthätigen Druck, der ihm von oben in seinen heiligsten Gefühlen angethan wird, in Ermangelung anderen geistigen Lebensstoffes greift es zur Sectirerei, und das Land, welches mit am ersten den alten Zunftzwang entschlossen über Bord geworfen hat, duldet in seinem kirchlichen [22] Leben alle mögliche Glaubenszünftelei. Daher haben wir denn nacheinander „Jerusalemsfreunde“, die das Christenthum mit Kalk und Steinen aufbauen, „Michael-Hahner“, pure Erbauungsmenschen, die aber der Staatskirche weit aus dem Wege gehen, „Neukirchliche“, mit dem Kirchendogma zerfallene Ultras des Pietismus, und wie alle die Secten heißen mögen, welche von ihrem schwäbischen Winkel aus die Augen der gesammten Christenheit auf ihre frommen „Bestrebungen“ gerichtet wähnen.

So hat sich das Volk mit Ausnahme weniger Orte, in welchen die Geistlichen ganz auf dem Boden des Volkes standen und ein echt patriarchalisches Verhältniß keine Störung aufkommen ließ, in tiefgehender Reaction gegen das Neue, welches seiner ganzen gut protestantischen Art zuwider ist, selber geholfen oder zu helfen gesucht. Da und dort, in Dorf und Stadt, stand ein „Mann“ auf – wie das Volk charakteristisch genug solche Leute heißt – verließ seinen Schusterschemel, seinen Ladentisch, seinen Schneiderstuhl, ja selbst die Kanzel, und erzählte den ihm andächtig lauschenden Zuhörern von den Resultaten seiner inneren Erleuchtung. Vergebens suchte man diesen „Mann“ von der Amtsstube und der Kanzel aus zu „dämpfen“, d. h. zu maßregeln; je mehr moralische Dragonaden man gegen ihn losließ, um so kräftiger wuchs sein Ansehen, sein Anhang unterm Volke; denn wie dieses früher in den Nationalistengeistlichen nur Miethlinge sah, die, vom Staate bezahlt, das „Pfarrgeschäft“ betrieben, so wendet es sich meistens mit noch größerem Mißtrauen jetzt von seinen pietistischen Seelsorgern ab, weil sein gesunder, kerniger, zur That drängender Sinn das Krankhafte, Naturwidrige und Gewaltsame des neuen Bekenntnisses wittert und deshalb nach wie vor zu seinen „Männern“ hält.

Wohl die hervorragendste, durchgebildetste und darum auch würdigste Erscheinung in der Reihe dieser „Männer,“ und dabei von durch und durch schwäbischer Art, ist der schon früher in dieser Zeitschrift (Jahrgang 1862 Nr. 15) geschilderte, aus dem geistlichen Staatsdienst ausgetretene Reiseprediger Werner; ihn hat auch unser Künstler, der junge Historienmaler Heck, als Repräsentant seiner gleichstrebenden Genossen gewählt; indessen geht doch aus der ganzen Anordnung seines Bildes zur Genüge hervor, daß nicht eine Portraitfigur Werner’s beabsichtigt war, sondern die Darstellung jenes so tiefen und schönen Zuges der Schwabennatur, das Streben nach Vergeistigung des Lebens und Erforschung der höchsten Wahrheiten.

Wie glücklich Robert Heck seine künstlerische Aufgabe gelöst hat, wie wirksam er einen an sich spröden Stoff, ohne der Natur untreu zu werden, zum lebensvollen idealen Kunstwerk gestaltet hat, wird auch der nicht in Schwaben lebende Beschauer seines schönen Bildes auf den ersten Blick inne werden. Jede Gestalt in dieser reichen Composition ist eine Repräsentation schwäbischen Lebens, ohne daß sie darum ihre tiefe ausdrucksvolle Beziehung zu dem allgemein Menschlichen verleugnen könnte. Von der tief-religiösen Andacht im Haupte des Dorfpatriarchen bis zu dem unschuldvollen Aufblick des kleinen Bauerkindes, von der intelligent freundlichen Miene der schönen jungen Pfarrerin bis zu dem skeptisch, fast wie geheime Polizeispionage dreinschauenden Gesicht der alten, von Devotion nach oben, von Sorge nach unten gekrümmten Dorfschulmeistergestalt ist jeder Zug, jede Figur eine treue Copie der schwäbischen Menschen, wie sie sich hier theilnahmvoll, dort neugierig, ohne Unterschied von Alter und gesellschaftlicher Stellung um den berühmten Reiseprediger in der Dorfscheune versammeln und seinem begeisterten Vortrage lauschen, dessen Eindruck sich in jeder Miene, je nach der Individualität und Stimmung des Einzelnen, verschiedenartig abspiegelt.

Aber nicht blos das Volksthümliche, das Localinteresse macht uns diese reiche Gruppirung um die edle Lessingsgestalt Werner’s anziehend; das Bild ist auch zugleich ein in Zeichnung und Farbe so wohl gelungenes harmonisches Kunstwerk, daß wir gleichsam von ihm den nämlichen künstlerischen Eindruck empfangen, den der Redner als religiöse Weihe in die Herzen seiner Zuhörer ausgießt.

Daß der fromme Denker und humane Menschenfreund Werner auch seine ästhetische Seite hat, diesen neuen interessanten Aufschluß über den merkwürdigen Charakter des seltenen und darum selten richtig gewürdigten Mannes danken wir diesem Bilde seines talentvollen Freundes Robert Heck.

E. R.