Aus dem Leben eines deutschen Thierbändigers

Textdaten
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Autor: T. v. B.
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Titel: Aus dem Leben eines deutschen Thierbändigers
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 15–16
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[15] Aus dem Leben eines deutschen Thierbändigers. Es war im Herbste 1848, nach der Beendigung des mexicanischen Krieges, als ich mit einem Trupp Reconvalescenten von Veracruz in New-Orleans eintraf. Nachdem ich meine Amts- und Berufsgeschäfte beendigt und die Leute dem Vereinigten-Staaten-Inspector übergeben hatte, nahm ich mir vor, zu meiner eigenen Erholung einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und die Ankunft der Peytona abzuwarten, mit deren Capitain ich befreundet war, um mit diesem prachtvollen Dampfboote die Reise stromaufwärts anzutreten. Das gelbe Fieber zeigte sich freilich wieder in New-Orleans und fing nachgerade an epidemisch zu werden, indessen wer die Hölle des vomito prieto in der tierra caliente Mexicos mitgemacht hat, pflegt sich vor dem Fegefeuer nicht mehr zu fürchten. So schlenderte ich denn eines Tages wohlgemuth über den französischen Markt, als meine Aufmerksamkeit plötzlich dadurch rege wurde, daß ich die Menschen scheu von dem Seitenwege ausbiegen sah. Die Ursache davon wurde mir bald klar, als ich einen Mann von hohem Wuchs daher schreiten sah, dem ein mächtiger Jaguar wie eine große Dogge folgte, wie ein wohl dressirter Hühnerhund[WS 1] dem Jäger. Auf eingezogene Erkundigungen erfuhr ich, daß dieses der berühmte Thierbändiger Herr Driesbach sei, der am Abend im amerikanischen Theater eine Vorstellung geben werde und die Ausgänge mit der wilden Bestie zuweilen benutze, um Reclame für sich zu machen. Da Herr Driesbach ein Deutscher und folglich ein Landsmann von mir war, und die Anschlagzettel Außerordentliches verhießen, so konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, hinzugehen, obgleich ich van Amburgh und andere Künstler der Art schon oft gesehen hatte.

Ich hatte mir, um besser schauen zu können, einen Platz in der vordern Reihe der Sperrsitze genommen, und da ich zeitig genug gekommen war, fand ich reichlich Gelegenheit, vor dem Anfange des Stücks meine Bemerkungen über das schaulustige Publicum von New-Orleans zu machen. Da in kluger Berechnung, um das Theater noch mehr mit dem den Sport und gewaltige Aufregung liebenden Theile der Bevölkerung zu füllen, vor dem Auftreten Driesbach’s noch ein Spectakelstück „die corsicanischen Brüder“ gegeben wurde, so kann man sich wohl denken, daß das Parterre und die obern Gallerien mit jener Gentry überfüllt waren, die man gewöhnlich bei Bärenhetzen, Hahnenkämpfen, Preisgefechten und dergleichen Vergnügungen der Südländer eifrig wettend am Platze findet. Da fehlten nicht die ledernen Helme der Feuerleute, noch die wildscheuen Gesichter jener Loaser, die eine transatlantische Ausgabe der neapolitanischen Camorristen vorstellen könnten. Im ersten Range schauten die feurigen Augen jener Creolinnen hinter den bunten Fächern hervor, welche den unerfahrenen Nordländern bei dem ersten Anblick durch ihre wahrhaft classische Schönheit imponiren, duftige Rosen mit vergiftetem Stachel, denen aber ein vernünftiger Deutscher jedenfalls die tugendhafte Petersilie der Heimath vorzieht. Auch Neger und mit bunten Kopftüchern geschmückte Sclavinnen machten sich oben im Paradiese über das Publicum im Parterre lustig, zeigten grinsend ihre weißen Zähne und unterhielten ein fortwährendes Bombardement mit Orangen. Nichts konnte die fieberhafte Spannung übertreffen, mit der die Zuschauer der Handlung des Stückes folgten, und als fast in jedem Acte Mord und Giftmischerei vorkam, war des Beifallklatschens kein Ende. Zuletzt, als in der letzten Scene der Zwillingsbruder des gemeuchelten Corsen dem Todfeind seiner Familie erscheint und von diesem für den Geist des von seinen Händen Gefallenen gehalten wird, war des Jubels kein Ende, denn die New-Orleanser haben starke Nerven. „Give it to him, tuez, mata,“ tönte es von allen Bänken, und selbst die zarten Creolinnen lehnten sich weit über die Einfassung der Logen heraus, um ja den unblutigen Bühnenmord recht zu genießen. Kurz und gut, es war eine Scene, welche einen deutschen Hoftheaterintendanten und ditto Polizeicommissair zur Verzweiflung gebracht haben würde.

Endlich rollte der Vorhang auf. Ich hatte erwartet, daß das Proscenium jetzt durch ein sicheres eisernes Gitter oder eine ähnliche Vorrichtung von dem Orchester und dem Publicum abgesperrt sein würde, allein von alledem war keine Spur zu sehen, die Musiker intonirten ruhig „Eine feste Burg ist unser Gott“, und die Decorationen stellten eine wilde Waldgegend, ähnlich wie die Wolfsschlucht dargestellt wird, vor. Mag es die majestätische Melodie gewesen sein oder spannende Erwartung, oder vielleicht auch Furcht, die bei solchen Schauspielen selbst den Muthigsten befällt, es wurde still im ganzen Hause. Da erschien nun Driesbach aus der Seitencoulisse in der Tracht eines römischen Haussclaven aus der Kaiserzeit, schritt wie ein auf den Tod Ermüdeter wankend über die Bühne und sank endlich betend auf die Kniee, während man in der Ferne dumpfes Hundegebell und den Lärm der Verfolger hörte. Der gehetzte Christensclave konnte nicht weiter, das Getöse der Suchenden verlor sich, und der ermattete Mann, nachdem er noch einen Blick des Dankes nach oben gerichtet hatte, legte sich am Fuße eines Felsens zur Ruhe und versank in tiefen Schlummer. So weit war die Pantomime meisterhaft ausgeführt und hätte dem größten Schauspieler Ehre gemacht, nun kam aber die Reihe an das wilde Thier. Auf einmal hörte man das grollende Knurren des Tigers, der dicke Kopf des Raubthiers erschien in einer finstern Spalte, keine 6 Fuß über dem Haupte des ruhig Schlafenden, und ein Paar grüner Augen reflectirten den sparsamen Schein der Gasflammen in unheimlicher Weise. Immer deutlicher entwickelte sich die kolossale Gestalt des buntgefleckten Jaguars aus dem dunkeln Felsrisse, schon sah man, wie die Bestie sich die breiten Flanken mit dem geringelten Schwanze peitschte, da machte der Schläfer eine Bewegung, und der Tiger sprang unter entsetzlichem Gebrüll auf seine eingebildete Beute hinab. … Doch in demselben Augenblick fiel der Vorhang blitzschnell herunter und entzog dem athemlos hinstarrenden Publicum den Anblick des scheinbar so ungleichen Kampfes. Der großen Stille folgte nun ein gewaltiges Toben, Alles schrie und applaudirte durcheinander, die zarten Ladies klatschten, daß ihnen die Handschuhe an den zierlichen Händen platzten, und die Musik begann das „star spangled banner“ zu spielen. Als der Vorhang wieder aufging, sah man ein anderes nicht minder aufregendes Tableau. Der Jaguar stand aufrecht auf den Hinterfüßen, scheinbar im verzweifelten Ringkampf mit seinem Gegner begriffen, der ihn an der Kehle gefaßt hatte. Jetzt konnte man die massige Größe des Thieres ermessen, welches den großen und breitschultrigen Driesbach fast um eine Kopflänge überragte. Diese Scene, welche einen Tiberius in Entzücken versetzt haben würde, dauerte nur eine Minute, da der Vorhang gleich wieder fiel, doch lange genug, um der Rohheit eines Theils des Publicums vollen Spielraum zu geben. Aus dem Parterre heraus riefen mehrere Stimmen „sicke, sicke,“ ein Ausruf, dessen sich die Sportsmänner bedienen, um bissige Hunde auf einander zu hetzen, und der ungefähr dasselbe bedeutet, wie das deutsche „Pack an“. Das dritte Tableau stellte den vollständigen Sieg des Menschen über die wilde Bestie dar, indem der Tiger platt auf der Seite lag, den Kopf auf der Erde, und Driesbach in imponirender aufrechter Haltung demselben den rechten Fuß auf den Nacken setzte, während er verächtliche Blicke nach der Gegend warf, aus welcher jene brutalen Rufe gekommen waren. Im zweiten Theile der Vorstellung spielte die bekannte Geschichte des Androclus, der dem Wüstenkönig den Dorn aus dem Fuße zieht. Nero, der maroccanische Löwe, spielte seine Rolle ausgezeichnet und brüllte, als er auf den entflohenen Sclaven losgelassen wurde, so natürlich, daß das ganze Haus bebte. Wie es Driesbach dahin gebracht hat, daß das anscheinend so wüthende Thier plötzlich zur größten Sanftmuth überging, ist mir noch heute unerklärlich, obgleich ich seither in manche Geheimnisse der Thierbändiger eingeweiht wurde. Jedenfalls war des Arrangement der beiden Tableaux, welche die Höhle des Androclus und ein Segment des Circus maximus vorstellten, künstlerisch gehalten, abgesehen von der wundervollen Gelehrigkeit des Löwen, welcher seine Rolle mit der Gefühlsfrische und dem Pathos eines Devrient spielte. Wie sehr Driesbach seine Thiere in der Gewalt haben mußte, ging daraus hervor, daß die Coulisseschieber im unbedingten Vertrauen auf denselben ihre Pflicht thaten, als wenn Rochus Pumpernickel über die Bühne ritte, und daß die Musiker dicht unter dem Proscenium ruhig fortspielten, ohne bei dem Brüllen der Bestien aus dem Takte zu kommen; ob letztere selbst nicht aus dem Takte kommen würden, wenn man ihnen eine Hammelkeule auf die Breter werfen würde, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Einige Jahre später fügte es der Zufall, daß ich mit Driesbach wieder in einer großen westlichen Stadt zusammentraf und dessen nähere Bekanntschaft machte. Ich erfuhr von ihm, daß er in früher Jugend mit seinem Vater, einem verabschiedeten Officier des ehemaligen Königreichs Westphalen, in das Land gekommen sei. Letzterer sei bald darauf gestorben, und so habe er sich als mittelloser Waisenknabe einer englischen Circustruppe angeschlossen, mit der er herumgezogen sei, bis ihm der Zufall „Cuvier’s Naturgeschichte des Katzengeschlechts“ in die Hände gespielt habe. Von da an habe er ein ungewöhnliches Interesse an diesen Thieren genommen und deren Naturell genau studirt. Kein Raubthier ist so wild, daß der energische und intelligente Beobachter es nicht vollständig zähmen könnte. Auf meine Frage, ob er sich denn geheimer Mittel und Kniffe bediene, um seine Löwen und Tiger zu zähmen, antwortete er: „Ja, ja, ich kenne sie alle, aber sie taugen sammt und sonders nichts! Da rühmt sich der Eine, er könne den Bestien ein Schaf in den Rachen halten, ohne daß dieselben zugriffen. Das geht ganz natürlich zu; man schmiert den Hammel mit Terpentinöl ein, und da schaudern begreiflicher Weise die Thiere zurück. Das mag hundert Mal gut gehen, aber einmal doch hat der Tiger den Schnupfen, riecht nichts und faßt zu, wobei es sich sehr gut ereignen kann, daß er dem Manne den Arm abbeißt. Die Hauptsache ist, daß die Thiere vor jeder Vorstellung gut gefüttert werden, die magnetische Macht der Augen und die Kraft der Arme kennen lernen und das Glüheisen fürchten. Ich glaube an die Seelenwanderung und vermuthe, daß ich in einem frühern Leben einmal so eine wilde Bestie gewesen bin, und so kommen diese mir oft vor, als wenn sie meine Basen und Vettern waren, und ich behandle sie danach. Auch die Sprache der Thiere glaube ich zu verstehen. Das tiefe Knurren des Löwen, welches vom Publicum für verkappten Grimm gehalten wird, erscheint mir als das innere Behagen einem Mannes, der sich satt gegessen hat. Ich bin überzeugt, daß mein Jaguar jedes meiner Worte versteht, wie ich auch alle Modulationen seines Brüllens zu deuten weiß.“

Als ich nun zu erfahren suchte, ob er nie in Gefahr gewesen sei, von seinen Zöglingen zerrissen zu werden, sagte er: „Nie! ausgenommen es war denn menschliche Bosheit im Spiel. Glauben Sie, die vierfüßigen Bestien fürchte ich nicht, aber sie werden mitunter von zweifüßigen verführt, und diese flößen ihnen ihre eigene Bosheit ein. Sehen Sie,“ fuhr er fort, indem er seinen linken Aermel aufstreifte und mir eine häßliche große Narbe am Vorderarm zeigte, „diese Wunde verdanke ich der Niederträchtigkeit eines Geschöpfs, das ich längere Zeit in meiner Menagerie beschäftigte und dem ich immer freundlich entgegen gekommen war.“

[16] „Wenn ich nicht indiscret sein darf, Herr Driesbach, theilen Sie mir die Geschichte mit,“ sagte ich.

„Ach, das ist eine traurige Geschichte,“ sagte er, und ein trüber Schatten flog über sein schönes Gesicht. „Ich verlor dabei einen braven Freund, welcher vor meinen eigenen Augen zerrissen wurde, ohne daß ich ihm helfen konnte. Hören Sie. Vor ungefahr zehn Jahren fand ich in Baltimore einen hülflosen deutschen Emigrantenknaben, dessen Eltern auf der Ueberfahrt gestorben waren. Der Junge gefiel mir, da er ein gutes Gesicht hatte und anstellig schien. Anfangs verwandte ich ihn zu leichtern Arbeiten, zum Zetteltragen und dergleichen; da er aber einen furchtlosen Charakter hatte und ein unerschrockenes Auge, so lernte ich ihn an, und bald ließ er die Wölfe durch den Reif springen, daß es einem wohl that. George, so hieß er, wuchs immer mehr heran, und sein Körper versprach wahrhaft athletische Formen; dabei war er treu wie Gold und machte seinem Lehrer in jeder Beziehung Ehre, so daß ich eine wahre Freundschaft für ihn empfand. Zu derselben Zeit hatte ich einen Irländer Mike (Michael) zum Gehülfen, einen rohen Patron, den ich zum Metzger der Menagerie degradiren mußte, weil er ein Trunkenbold war und einmal im Rausch grausamer Weise einem ganz zahmen Jagdleoparden ein Auge mit dem Eisen ausgebrannt hatte. Dieser Bursch warf einen verstockten Zorn auf George, weil letzterer von jener Zeit an als zweiter Darsteller an seiner Stelle mit dem größten Beifall auftrat. Hätte ich ahnen können, welch ein hartgesottener Schurke dieser Mike war, so würde ich ihn augenblicklich entlassen haben, so konnte ich ihn aber nicht gut entbehren, well er mit der Wartung und Plege der Thiere genau vertraut war und ein unerfahrener Mann damit viel Schaden stiften kann. Zu dieser Zeit hatten wir eine bengalische Tigerin, Flora genannt, deren Abrichtung mir viel Mühe und Zeit kostete. Es ist ja bekannt, daß die weiblichen Thiere viel schwerer zu zähmen sind, da manche Mittel, die wir bei den Männchen anwenden, hier wegfallen. Ich sah es deshalb nicht gern, daß George zu ihr ging, da ich sie positiv für die gefährlichste Bestie in der ganzen Menagerie hielt. Indessen er war ehrgeizig und bat mich inständig, ihm die ganze Dressur zu überlassen; vielleicht hätte auch der brave junge Mann kein Unglück gehabt, wenn Mike seine höllische Hand nicht mit im Spiel gehabt hätte. Ja, diese höllische Hand war auch blutig, und ich habe das leider an mir selbst erfahren, als es fast für mich zu spät war.

Es war in Charleston, als George am Ende der Vorstellung in den Käfig der Tigerin trat, um sie die gelernten Sprünge machen zu lassen, während ich zufällig in einem entferntern Theile der Menagerie beschäftigt war. Plötzlich höre ich ein Gebrüll, das ich augenblicklich als das der Flora erkannte und das von dem gewöhnlichen Gutturalton so verschieden war, daß mir die Haare zu Berge standen. In einem Nu hin ich vor dem Käfig und sehe mit Schrecken, wie George am Boden liegt, während die Tigerin über ihm steht. Sie hatte ihn mit einem Schlage der Vorderpfote vollständig scalpirt und ihm das Genick gebrochen. Alles schrie durch einander und flüchtete, während Mike mir auf meinen Ruf die Büchse brachte. Ich drücke ab, das Gewehr versagt; was war nun zu thun? Dem jungen Manne konnte Niemand mehr helfen, denn er war offenbar todt; nur seine Leiche vor weiterer Verstümmelung zu schützen, das war meine Aufgabe. Die Bestie, welche durch meine Stimme und meinen Blick eingeschüchtert war, wagte nicht ihr mörderisches Werk fortzusetzen, sondern zog sich zähnefletschend in den hintersten Winkel des Käfigs zurück und leckte lüstern ihre blutige Pfote, gierige Blicke auf die Leiche werfend. Als Mike eine neue Büchse brachte, befahl ich ihm das Thier bei der ersten Bewegung zu erschießen und stürzte dann um die lange Wagenreihe herum, um von hinten in den Käfig zu kommen. Unbewaffnet wie ich war, öffnete ich die Thür, trat ein und ergriff den warmen Körper meines Freundes, den ich auch ohne weitere Verstümmelung in Sicherheit brachte. Mein erster Gedanke war dann, die Flora für immer unschädlich zu machen, indessen besann ich mich bald anders und beschloß, trotzdem daß die Bestie nun doppelt gefährlich sein mußte, ihr zu zeigen, daß ich ihr Herr und Meister sei. Ich wollte auf solche Weise mit ihr umspringen, daß ihr die Widersetzlichkeit für immer vergehen sollte. Nachdem ich für ein ehrenvolles Begräbniß meines Freundes gesorgt hatte, schiffte ich mich mit der Menagerie nach der Havanna ein, wo mir die Behörden nicht weit vom Tacontheater eine unbenutzte Reitbahn einräumten. –

Bald nach meiner Ankunft ließ mir der Generalcapitain sagen, daß er bei der ersten Vorstellung mit seinem Stabe gegenwärtig sein wolle. Sie wissen ja, die Dons lieben dergleichen Sachen, sind sie doch die eifrigsten Freunde der Stiergefechte. Da die andern Thiere nun eine vollkommene Dressur besaßen, beschloß ich Flora allein noch einmal vorzunehmen und ihre lauernde Tücke in blinden Gehorsam zu verwandeln. Es war gegen Abend nach der Fütterung, als ich die letzte Probe mit ihr vornehmen wollte, um sie den nächsten Tag als ein ganz dociles Thier vorführen zu können. In dem Locale war außer einem Paar untergeordneter Wärter, die eben von einem Auftrage zurückgekehrt waren, Niemand weiter, als Mike gegenwärtig, der wie gewöhnlich den Nachmittag die Fleischrationen an die Raubthiere vertheilt hatte, wie dieses sein Geschäft war. Ich fragte ihn, ob Alles in Ordnung sei, und ob die Tigerin gut gefressen habe. Der Irländer antwortet: „Noch nie hat Flora einen so guten Appetit gezeigt, wie heute,“ was mich beruhigte, da ich den zweideutigen Sinn nicht verstand. Ich trat vor den Käfig hin und sah, daß sie zwischen den Vorderpfoten einen nackten Schenkelknochen hielt, indessen lag etwas in ihrem Blick und ihrem Knurren, was mir auffiel, so daß ich mich nicht mit der gewöhnlichen Peitsche, sondern mit der schweren, deren Griff einen Todtschläger enthält, bewaffnete. Ich trat ein und hatte Mühe die Bestie aus ihrer Ecke auf die Beine zu bringen; durch Drohungen und Schläge brachte ich es endlich so weit, daß sie durch den Reif sprang, aber sie suchte stets in ihre Ecke wieder zurückzukehren, während sie mir giftige Blicke zuwarf. Ich zwang sie dann, den Sprung noch ein halbes Dutzend Mal zu wiederholen, worauf ich sie beim Ohre faßte und mir gegenüber auf die Hinterbeine stellte. Sie haben ja das Manöver oft genug gesehen. Da, als ich ihren Kopf dem meinigen gerade gegenüber sah, merkte ich, daß sie Böses im Schilde führte. Ich fühlte, daß ihre Augen sich meinem Blicke zu entziehen suchten, und gewahrte, daß die Spalte ihrer Pupillen sich haarfein gestaltete. In demselben Augenblick bemerke ich, daß auf meinem linken Aermel Blutflecke waren, und der Gedanke, daß Mike mich absichtlich mit seinen noch blutigen Händen berührt habe, schoß mir durch das Gehirn. Ich hatte keine Zeit diesen Gedanken zu fassen, als ich auch schon sah, wie sich die Tatzen des Ungethüms zum Schlage zusammenzogen. Aber blitzschnell und ehe die Bestie noch ordentlich zugreifen konnte, holte ich auch aus und traf sie mit aller Gewalt mit dem Todtschläger dermaßen zwischen die falschen Augen, daß sie augenblicklich zusammenbrach und kein Glied mehr rührte. Hätte sie mehr Zeit gehabt, würde sie mir den Arm ohne Frage amputirt haben, so aber kam ich mit einer freilich abscheulichen Fleischwunde davon, die mir lange genug zu schaffen gemacht hat.

Blutend stürzte ich aus dem Käfig, um an dem Irländer meine Rache zu kühlen, indessen Mike hatte sich, als er das Resultat sah, eiligst aus der Stadt begeben. Anzeige wurde gemacht, und da der Generalcapitain sich selbst für mich interessirte, konnte es nicht lange dauern, bis er in Eisen saß. Man hatte ihn am Fuß des Moro in einer jener berüchtigten catalanischen Kneipen, in denen sich die Mannschaft der Sclavenschiffe aufzuhalten pflegt, gefunden, wo er wahrscheinlich gehofft hatte, unbemerkt an Bord eines Fahrzeuges zu kommen. Dem Richter in meiner Gegenwart vorgeführt, konnte er nicht leugnen und gestand Alles. Seit ich ihn aus guten Gründen degradirt hatte, war er nur deshalb in meinen Diensten geblieben, um sich an mir und George zu rächen; er hätte ja leicht als gelernter Metzger ein anderes Unterkommen finden können. Um meinen jungen Freund und mich zu verderben, hatte er ein und dasselbe Stratagem benutzt, indem er der Tigerin ihre Fleischration entzog und, um der Entdeckung zu entgehen, ihr ein Paar abgeschälter Knochen in den Käfig warf, so daß die Bestie den Hunger doppelt fühlte. Um sie noch mehr aufzustacheln, hatte er es so einzurichten gewußt, daß er uns Beide, kurze Zeit bevor wir zu der Tigerin eintraten, mit seinen blutigen Metzgerhänden berührte, und Blut ist ja ein ganz besonderer Saft. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß das bösartige Thier seinem unwiderstehlichen Instincte gemäß alle Dressur vergaß und zupackte. George, der weniger erfahren und kaum halb so stark war als ich, wurde auf diese Weise ein Opfer der Bosheit des Irländers, und ich entkam demselben Schicksal nur, weil ich zufällig mit der schweren Waffe versehen war. Mike wurde nach spanischer Weise durch die Garotte hingerichtet, und die verhängnißvolle Schraube brach ihm ebenso unbarmherzig das Genick, wie die grausame Pfote der Tigerin das meines beklagenswerthen Freundes.“ –

T. v. B.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hüherhund