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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1889
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1889) 277.jpg
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[277]

No. 17.   1889.
      Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. — Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 2½ Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig oder jährlich in 14 Heften à 50 Pf. oder 28 Halbheften à 25 Pf.


Nicht im Geleise.
Roman von Ida Boy-Ed.
(Fortsetzung.)


Das Gespräch schlich sich mühsam hin. Alfred sprach in solchem Fall aus einer Art von Bosheit kein Wort, um zu sehen, bei welchem nichtssagenden Thema die mit armseligem Gedankengepäck umhersuchenden Geister denn endlich landen und sich häuslich niederlassen würden. Marbod hatte auf die Fragen, „wie ihm Berlin gefalle“, „wo er wohne“, „was er schon gesehen und was für Bekannte er habe“, eingehend geantwortet. Endlich brachte Ravenswann die Rede auf den gerade in Mailand tagenden Bimetallistenkongreß, holte seine Zeitung herbei und unterbrach seinen Vortrag, denn in einen solchen artete seine Unterhaltung sofort aus, durch die Vorlesung von Zeitungsstellen, die ihm in seinen Ansichten recht gaben. Marie stand dabei ab und zu geräuschlos auf und ging hinaus, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen. Jedesmal, wenn sie die Thür öffnete, kam ein Bratenduft mit herein.

Und endlich saßen sie denn im Speisezimmer um diesen vortrefflichen Braten und aßen ziemlich schweigsam. Frau Mietze hatte von der Aufregung, ob das Essen auch gut gerathen sei, kupferrothe Wangen. Sie stand auch noch vom Tisch mehrmals auf, nicht ohne sich gegen ihren Nachbar Marbod Steinweber stets zu entschuldigen.

„Meine beiden Mädchen sind so unzuverlässig,“ sagte sie, „Sie glauben gar nicht, wenn man nicht selbst hinterans-teht, kommen sie nicht vom Fleck.“

Alfred, welcher Frau Doktor Schneider zu Tisch geführt hatte, sah den Freund öfters mit einem Blick an, den man hätte schadenfroh nennen können. Wenn er allein hier gewesen war, hatte er die bleiern schleichenden Stunden nur mit der größten inneren Ungeduld ertragen. Da er jetzt unschwer Marbod ansah, daß dieser litt, freute er sich wie ein böser Junge. Marbod verstand ihn wohl und lachte ihm einmal zu, nicht ohne ihm zärtlich zu drohen.

„Warum drohen Sie ihm?“ fragte Frau Mietze, die scherzhafte Gebärde eifrig erfassend. „Er ist wohl immer gräßlich leichtsinnig, und Sie haben genug zu thun, ihm Moral zu predigen?“

Und dabei dachte sie mit gierigem Interesse an die Begegnung von heute früh, und was dieser Haumond schon alles erlebt haben mochte.

„So schlimm ist es nicht,“ sagte Marbod heiter, „ich drohe ihm, weil er mich, den gestern Angekommenen, heute schon wieder verlassen will.“

„Wieso heute? Das geht ja gar nicht mehr.“

„Er reist heute nacht nach Baden-Baden,“ erzählte Marbod.

Vor Erstaunen schwieg die ganze Gesellschaft eine Minute lang.

„So plötzlich,“ sagte Frau Mietze, von Argwohn und Neugier fast gefoltert, „was ist denn passirt? Denn gestern sagten Sie noch keine Silbe davon. Und jetzt ist es schon nach neun Uhr. Man muß Vorbereitungen treffen. Das muß ich ges-tehen, das nenne ich eine s-tarke Seelenruhe.“

„Was braucht’s da langer Vorbereitungen?“ sprach Alfred, indem er sich Kompot auffüllte.

„Mein Diener ist mit dem Gepäck an der Bahn, mein Geld habe ich in der Tasche.“

„Warum erzähltest Du das gestern nicht? Wir hätten Dich heute abend nicht gestört, denn es war Dir gewiß ein Opfer,“ sagte Ravenswann.

„Im Gegentheil,“ versicherte Alfred, sich gegen Frau Marie mit einem so liebevollen Lächeln verneigend, daß dieser ein


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Deutschlands merkwürdige Bäume: Alte Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont.
Nach einer Zeichnung von Robert Geißler.

[278] angenehmer Schreck durch die Adern rann. Sie hatte sich schon oft ausgemalt, in welche Entrüstung sie gerathen würde, wenn dieser gefährliche Don Juan es etwa wagen sollte, sich ihr bedeutungsvoll zu nähern. Und dieses Lächeln eben war ganz entschieden ein verfängliches gewesen. Ach, sie wünschte so sehr, sich einmal sittlich entrüsten zu dürfen!

Aber für jetzt fand sie eine ganz andere als die ersehnte Gelegenheit dazu, denn Alfred sagte:

„Wir haben uns erst heute mittag entschlossen.“

„Wir?“ fragten beide Frauen aus einem Munde.

„Gerda und ich,“ sagte Alfred. Er sagte es wider seinen Willen und doch nicht gedankenlos. Es giebt Augenblicke, wo der Verstand das Wort, das von den Lippen geht, zurückhalten will, tadelt, ja verdammt, und wo eine unberechenbare, sekundenschnelle Regung doch den Mund zwingt, zu sprechen.

„Gerda – das ist Baronin Offingen? Also man darf doch gratuliren?“ fragte Frau Mietze.

„Demnächst offiziell, so lange bitte ich Sie, es als vertrauliche Freundesäußerung zu bewahren,“ sagte Alfred, über sich selbst ärgerlich dem erstaunten Auge Marbods answeichend.

„Und Sie reisen zusammen? Und die Nacht durch? Wie merkwürdig!“ sprach die Doktorin Schneider, indem sie ihren Gatten durch einen Blick fragte, ob sich das schicke.

„Lieber Herr von Haumond,“ begann Frau Mietze mit mütterlich nachsichtigem Ton, „erlauben Sie mir, daß ich Sie auf etwas aufmerksam mache: eine der ersten Anstandsregeln im Verkehr zwischen Brautleuten ist, daß sie nicht zusammen reisen. Als Ludolf und ich ein Brautpaar waren, durften wir keine halbe Stunde weit allein auf der Eisenbahn fahren.“

„Ich könnte Ihnen mit der Königin in ‚Don Carlos‘ antworten: ‚Bloß Zwang bewacht die Frauen Spaniens? Schützt sie ein Zeuge mehr als ihre Tugend?‘ Was die Frau Baronin von Offingen anbetrifft,“ sagte Alfred mit beißendem Spott, „so ist sie eine Dame aus der großen Welt und giebt sich selbst die Gesetze, nach denen zu handeln sie für gut findet. Zu Ihrer Beruhigung jedoch, meine theuerste Gönnerin, kann ich Ihnen mittheilen, daß uns ein ganzer Apparat von Begleitung: eine Tante, ein Kind, zwei Domestiken, umgeben wird. Ich denke, die ‚Tante‘ muß doch etwas sehr Beschwichtigendes für Sie haben.“

„Einerlei,“ beharrte sie eigensinnig. „Die böse Welt weiß die Details so nicht und bes-pricht es dann doch nachher im schlimmen Sinn. Das Ungewöhnliche muß man immer vermeiden.“

„Sind Sie auch der Meinung, meine Gnädigste?“ fragte Alfred die Doktorin Schneider.

„Gott,“ sagte diese mit ihrem jugendlichsten Lächeln, „ich darf mir eigentlich gar kein Urtheil erlauben. Wissen Sie, ich habe so furchtbar jung geheirathet, daß ich eigentlich nichts vom Leben kennen lernte. Männe, was meinst Du?“

Auf diesen Zärtlichkeitsanruf antwortete Herr Doktor Schneider:

„Im Geleise bleiben! Immer im Geleise bleiben!“

„Ganz entschieden, ganz entschieden!“ bekräftigte Ravenswann, indem er Alfred das Glas vollgoß, sozusagen, um durch diese kleine Aufmerksamkeit anzudeuten, daß sein Wohlwollen als Wirth dem Gast gegenüber trotz der Meinungsverschiedenheit das lebhafteste sei.

„Gewiß,“ sprach Alfred, sich besonders an die Damen wendend, „gewiß ist es bequemer, wenn die Ereignisse des Lebens alle in dem Geleise sanft einherfahren, das durch den Gebrauch ausgeglättet ist. Wenn Herr Schulze durch Herrn und Frau Lehmann dem Fräulein Müller vorgestellt wird, und aus dieser Bekanntschaft entspringt eine so korrekte Verbindung, daß selbst die ganze, sonst sehr eigene Familie Meier nichts daran zu tadeln findet, dann ist das sicherlich eine sehr nette Sache. Aber sehen Sie, meine Damen, es sind just nur die ‚sehr netten Sachen‘, welche in das Geleise ohne Beschwerde hineingehen. Wenn die Leidenschaft und der Zorn und das Unglück ihre Riesenleiber emporrecken und mit ihren ehernen Füßen zu einem Ziele schreiten wollen, dann ist’s in dem Geleise zu eng. Und wenn Menschen voll Temperament, Menschen mit scharfgekanteten Charakteren sich im Geleise des Lebens treffen, dann erweist sich dies abermals als zu eng, und sie stoßen und reiben sich aneinander, bis sie beide sich auf andern ungebahnten und eigenen Wegen zurechtzufinden suchen. Und zum drittenmal ist es zu eng, wenn einen Menschen durch irgend einen unverschuldeten Umstand ein Sonderschicksal trifft, das ihn von allen Mitwandernden merkwürdig unterscheidet. Das macht den Mitwandernden Angst, und sie haben keine Ruhe, bis sie ihn ihrerseits aus dem Geleise gestoßen haben, in welchem er vielleicht gern geblieben wäre. Kraftlose Menschen gehen auf den Umwegen zu Grunde, aber die mit ganzen Sinnen und stolzem Muth tauchen sich in Drachenblut, und weder die Dornen ihres Weges ritzen ihr Gewand, noch trifft der Schmutz ihre Stirn, den die Hände der ‚Nächstenliebe‘ vom allgemeinen Geleise zu ihnen hinüberwerfen wollen.“

„Gott behüte uns alle davor,“ sprach Ravenswann bedächtig, „verschuldet oder unverschuldet von dem sichern Weg des Herkömmlichen fortgerissen zu werden!“

„Aber ich sehe nicht ein,“ rief Frau Mietze, die sich gerade aus ihrem gelb- und braunkarrirten Kleid einen Weinfleck rieb, „was das mit Ihnen und der Baronin Offingen zu thun hat und in welchem Zusammenhang es mit Ihrer gemeinsamen Reise s-teht.“

„Vielleicht,“ sagte Marbod, für den Freund das Wort nehmend, dem er tiefe Ergriffenheit ansah, „hätte Alfred besser gethan, Ihnen ein Wort von Theodor Storm zu citiren:

‚Der eine fragt: was kommt danach?
Der andre fragt nur: ist es recht?
Und also unterscheidet sich
Der Freie von dem Knecht.‘“

„Sie suchen demnach das Wesen der Freiheit darin, ohne Rücksicht auf die Erscheinungsform und die Folgen Ihrer Thaten immer den Eingebungen Ihres Willens zu folgen?“ fragte Doktor Schneider mit strafender Betonung.

Marbod lächelte.

„Unser Wille ist schon unfrei, wenn er sich in Handlung umsetzt, denn diese ist immer den Gesetzen der Erscheinungswelt untergeordnet. Die moralische Freiheit ist etwas Metaphysisches und daher immer nur vollkommen in unserem Charakter, nicht in unsern Thaten zu finden. Doch scheint mir deshalb gerade nöthig, um die moralische Freiheit uns möglichst zu bewahren, daß wir immer so handeln, wie es unserm Willen und nicht den hergebrachten Meinungen anderer am nächsten kommt,“ sagte er.

„So ist Ihnen Ihr Wille mehr Gesetz als die von Ihren Eltern und Voreltern beglaubigte sogenannte gute Sitte?“ fragte der Doktor weiter im Ton, wie ein Erzieher einen unartigen Buben zum Geständniß gethaner Unart bringt, und Frau Doktor Schneider schlug die unschuldigen Augen zum Plafond auf.

„Allerdings,“ erwiderte Marbod ruhig, „denn ich lebe mein Dasein nach den Bedürfnissen meiner Individualität aus und nicht nach dem, was Menschen, die in andern Zeiten unter andern Kulturbedingungen lebten, an Gesetzen zusammengetragen haben, und was Sie selbst eben nur die ‚sogenannte‘ gute Sitte nennen, was aber in der That nichts ist als eine Kette von Gewohnheitsansichten, geschaffen durch klimatische, kulturelle und sociale Verhältnisse, respektive – Unverhältnisse.“

Da Doktor Schneider nichts zu entgegnen wußte, trank er in stummem Widerspruch sein Glas Rothwein aus.

Alfred aber erhob sich und sagte, daß er gehen müsse, wenn er den Zug nicht versäumen wolle.

Marie meinte bedauernd:

„Ist es schon so s-pät? Sie können gewiß noch erst etwas Käse nehmen.“

Aber mit der Hast, die er zuweilen ohne ersichtlichen Grund zu zeigen pflegte, blieb Alfred dabei, daß er gehen müsse. Er verabschiedete sich von allen mit einem Händedruck und wechselte mit Marbod einen tiesen Blick.

„Bleib nur sitzen,“ sagte Frau Mietze zu dem Gatten, der sich erheben wollte, „laßt Euch nicht s-tören, ich begleite Haumond.“

Sie geleitete ihn in der That bis an die Thür des ersten Zimmers. Ihr war, als könnte er nicht so flüchtig gehen. Er hatte ihr den ganzen Abend kein Wort gesagt, über das sie sich ärgern konnte – freilich war sie sich dessen nicht bewußt, aber sie hatte das Gefühl, als wenn er sie weniger denn sonst beachtet hätte.

„Vielleicht kommen wir auch durch Baden,“ sagte sie, als er den Klopfer schon in der linken Hand hielt.

„Das wäre charmant,“ sprach er, mit seiner Rechten ihre Finger drückend. Die Pulse schlugen ihm in den Schläfen. Nur fort – hinaus!

[279] Frau Mietze fühlte den heftigen Druck. Ihr Herz klopfte. Es war doch stark, daß ein Mann wagte, so ihre Hand zu pressen. Sie ließ sie ihm, nur um zu sehen, od er sie wirklich im Druck festhielt. Und wirklich!

„Sie sind ein schrecklicher Mensch,“ sagte sie entrüstet. „Wenn man Sie zu bessern vermöchte, thäte man ein gutes Werk.“

Frauen, die ihn bessern wollten – das kannte er! Ein Lächeln spielte um seine Lippen, das Frau Marie sehr erregte.

„Also kommen Sie nach Baden, theure Freundin, und sehen Sie zu, was sich aus mir noch machen läßt. Ich empfehle mich Ihrer Güte und Geduld.“

Er küßte ihr die Hand, nicht ohne zu bemerken, daß dieselbe nach Küchenseife roch.

Sie kehrte zur Gesellschaft zurück und dachte:

„Er ist doch ein bedeutender Mensch. Schade, daß er unter dem Einfluß dieser Frau s-teht. Und gewiß ist er nur durch sie so leichtfertig geworden.“

Und sie nahm sich vor, ihn in jeder Weise zu „erziehen“.

Alfred fand draußen, daß der Sommerabend in dem engen, stark bewohnten und geräuschvollen Stadttheil keine Kühle gebracht. Der Lärm in der Königstraße dünkte ihm unerträglich. Ihm graute davor, in einen der erleuchteten, stark von Menschen gefüllten Omnibusse zu steigen, die schnell und mit der ihnen eigenthümlichen, schwankenden Bewegung vorüberzogen. Er drängte sich auf dem schmalen Bürgersteig zwischen den in Feierabendschritt wandelnden Leuten, vorüber an den geschlossenen Magazinfenstern, der Brücke zu. Nur fort aus der Straßenenge!

Und jäh war’s, als trete er in eine andere Welt. Weit und frei, vom wirkenden Mondlicht übergossen, dehnte sich drüben der Platz vor dem Schlosse. Dieses selbst ragte in düsterer Majestät in die Sommernacht hinein. Der schmale Wasserarm der Spree blinkte wie Eisen, kein Wellengekräusel verschob die metallisch glänzende Fläche, an deren Rand dort schwarz die Schloßmauern aufstiegen. Und inmitten der Brücke, die in kurzen Bogen das stille dunkle Wasser überschlug, reckte sich die erzene Gestalt des berittenen Großen Kurfürsten auf. Pferd und Mann standen schwarz vor dem lichtschimmernden Himmel. Die Umrisse der niedrigkauernden Sklaven an den vier Fußecken des Denkmals verschwammen ineinander.

Alfred konnte dieses Erzbild nie sehen, ohne sich bewegt zu fühlen. Es wirkte stets auf ihn wie eine Mahnpredigt zu Kraft und Mannhaftigkeit.

Und heute zumal, heute, wo seine Seele von Unsäglichem bestürmt war, wo ihm die Welt zu eng schien für alles Glück und allte Qual die er litt, heute war es ihm, als ob der Zufall, der ihn vorüberführte, eben kein Zufall gewesen. In Stunden, wo wir in uns keinen Halt finden, suchen wir ihn außer oder über uns. Alfred gehörte zu jenen Menschen, auf welche der Anblick eines großen Kunstwerkes befreiend und kräftigend wirkt, wie auf Gläubige ein Gebet in der Kirche.

Er hob die Stirn und sah mit neubelebtem Blick zum Himmel empor. Und eilig und freudig verfolgte er den Weg weiter.




4.

Der Eilzug von Berlin nach Frankfurt raste durch die Nacht, an schlafenden, kleinen Stationen vorbei, hinein in den grau andämmernden Morgen.

Im Schlafwagen der ersten Klasse war alles still und stumm. Der schmale Korridor, der auf der einen Seite von der Fensterreihe begrenzt war, auf der andern von den rothen herabwallenden Vorhängen, welche die Eingänge in die Coupés verhüllten, war menschenleer. Ein kühles Silberlicht brach von draußen herein; auf den Feldern, die vorbeizufliegen schienen, lag der Schimmer des Thaues. Aus Waldestiefen flatterten leichte Nebelfetzen auf und zogen mit dem Morgenwind.

Es war sehr frisch, und die Frau, die jetzt mit blassem überwachten Gesicht und brennenden Augen aus den Falten des Vorhanges hervortrat, welcher das Coupé am Ende des Korridors von diesem quer abtheilte, hatte sich fest in ihren Staubmantel von dunkelblauer Seide gewickelt und um ihre dunklen Haare einen Gazeschleier gewunden.

Sie trat an ein Fenster und starrte in die vorbeijagende Gegend. Der anbrechende Tag kämpfte mit dem blassen Morgengrau. Waldige Hügel und üppige Wiesen, ein bräunlicher Fluß und weißgetünchte, rothbedachte Fachwerkhäuser, alles floh vorüber, alles in dem gleichen kalten Licht. Keine Sonne und kein Schatten – nur ein gleichmäßig helles Grau, dessen feuchte Kälte man schon durch den Blick mitzufühlen vermeinte.

Gerda erschauerte. Sie hatte eine vollkommen schlaflose und sehr unruhige Nacht hinter sich. Das Tantchen nahm die Jungfer für sich in Anspruch, Gerda theilte mit dem Kinde eine Schlafkabine.

Der Knabe jedoch war ruhelos gewesen. Sein zarter Körper pflegte unter jeder Veränderung augenblicklich zu leiden; wurde seine Phantasie dabei noch erregt, so fieberte er. Und diese erste Nachtfahrt seines Lebens hatte ihn stark beschäftigt. Die Einrichtung des Schlafwagens hatte er in zahllosen Fragen an seine Mutter ergründet. Jede Station, an der man hielt, wollte er sehen und kletterte stets von seinem Lager an das Fenster, um zu wissen, ob der Bahnhof an dieser oder an der anderen Seite sei. Unaufhörlich ängstigte er sich um seinen „Papa“ und verlangte mehrfach, ihn zu sehen. Gerda konnte ihm auf keine Weise begreiflich machen, daß es nicht angehe, den Papa in der Nacht zu rufen oder ihn gar, wie Sascha wollte, mit in demselben Coupé zu haben.

In all dieser Unruhe stieg das Fieber des Knaben und endlich schlief er ein, noch im Schlafe von rastlos arbeitenden Gedanken gepeinigt.

Gerda seufzte schwer.

Sie begriff es; ihr waren keine sorglos heiteren Tage beschieden. Ihr Kind und ihr künftiger Gatte erfüllten ihr Dasein mit lauter brennender Unruhe.

„Gerda,“ sagte eine Stimme in flüstermdem Ton hinter ihr.

Sie schrak zusammen.

Alfred, getrieben von der Unrast, die ihn immer verfolgte, hatte ebenfalls sein Lager verlassen und stand nun neben ihr. Sein Anblick beglückte sie, und daß sie ihm die Sorgen dieser Nacht leise erzählen konnte, erleichterte ihr Herz.

„Und Du warst allein,“ sagte er zärtlich. „In Zukunft werden Deine Sorgen um unsern Sohn geringer sein, denn Hand in Hand werden wir an seinem Lager wachen. Siehst Du ein, Geliebte, daß Du schon seinetwegen bald mein, ganz mein werden mußt?“

Gerda schmiegte sich an ihn und sah ihm mit beseligender Zusage in das Auge.

Schweigend schauten sie dann miteinander in die lichtlose Landschaft hinaus, bis der bange Ruf einer Kinderstimme sie erschreckte.

Gerda eilte zu ihrem Knaben hinein, und Alfred folgte ihr ohne Besinnen. In der Kabine war es schwül, das Kind hatte rothe, heiße Wangen, übermäßig leuchtende Augen und schrie vor Freude auf, als es den Mann sah, den es so sehr liebte.

Alfred raffte die Vorhänge zurück, öffnete das Fenster ein wenig und sagte:

„So – es ist Tag.“

Und während Gerda geschäftig die Kissen und Decken zusammenlegte, auf denen sie in den Kleidern kaum geruht, nahm Alfred das Kind auf den Schoß. Er legte den kleinen heißen Kopf gegen seine Brust, faltete die Hände um die zusammengekauerte zarte Gestalt und saß ganz still, nur seine Wange auf das Gelock des Kindes geneigt.

Draußen brach plötzlich leuchtender Sonnenschein über die Welt hervor; der Duft, der durch das Fenster hereinkam, war würzig und athmete sich wohlig ein.

Der Knabe regte sich nicht. Seine armen umhergehetzten Gedanken wurden ganz müde und still. Seine kleinen Füße lösten sich aus ihrer emporgezogenen Stellung, seine Lider schlossen sich, und die Weihe eines englischen Friedens lag auf seiner jungen Stirn. Er schlief noch nicht, aber eine himmlische Zufriedenheit war in seinem ganzen Körper.

Gerda saß den beiden gegenüber. Sie sah den Mann groß und glücklich an, der so in Liebe ihr Kind umfaßte. Ihr Auge ward feucht, eine unnennbare Dankbarkeit durchfluthete ihre Seele. Und der Mann las in ihrem Blicke alles, was sie bewegte.

„Siehst Du,“ so sprach sein Auge, da seine Lippen stumm blieben „siehst Du, daß wir eins sind, Du, er und ich?“

Und es war ihnen beiden, als ob sie sich nie so heilig, so grenzenlos geliebt hätten als wie in diesen stummen Minuten, da sich nicht einmal ihre Hände berührten. –

[280]
Die Gartenlaube (1889) b 280.jpg

Frithjof bei König Ring.
Nach einem Gemälde von Ferdinand Leeke.
Photographie im Verlage von Fr. Hanfstaengl in München.

[281] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [282] Der schöne Friede aus dieser Morgenstunde hatte eine weite Leuchtkraft. Er erhellte und vergoldete ihnen den ganzen Rest der Reise, und als sie am Nachmittag desselben Tages in Baden ankamen, meinte Gerda schon, daß alle Hoffnungen erfüllt seien, die sie beide an diese Veränderung geknüpft hatten. Hier gab es keine „Bekannte“, über deren Werth oder Unwert man streiten konnte; keine gesellschaftlichen Anforderungen, die mit den Anforderungen ihrer Liebe in Kampf kamen; hier waren keine tausendfältig verschiedenen Tageseintheilungen möglich, über die man uneins werden konnte. Hier lebte man einfach und selbstverständlich der Natur und erfüllte nebenbei eine Pflicht gegen das Andenken eines theuren Todten.

Zunächst galt es, sich häuslich einzurichten. Alfred bestand darauf, daß Gerda mit den Ihrigen sein Haus bezöge, welches an der Grenze eines Waldes und auf der Höhe über Feldern und Rasenmatten lag, die sich zum Oosthal hinabzogen und zum Besitz Alfreds gehörten. Es sei zwar sehr weit bis nach Baden, allein die köstliche Lage und vollkommene Einsamkeit entschädige für die weiten Wege, die sich ja mit einem Wagen überwältigen lassen würden. Alfred selbst finde noch sein Unterkommen in dem vom Verwalter bewohnten Nebenhäuschen.

Gerda fand den Vorschlag zu vernünftig und natürlich, das im Schweizerstil erbaute Haus am Waldessaum zu reizend und die Lage so gesund für das Kind, daß sie darauf einging. Freilich kam das Tantchen mit vielen Bedenken. Man könne doch nicht bei Alfred zu Gast sein, noch weniger aber ihm das Haus für Geld abmiethen, und ähnliche Dinge. Gerda sagte einfach:

„Weshalb sollte ich nicht unter einem Dache wohnen, das in wenig Wochen mein eigenes sein wird? Weshalb nicht die Gastgfreundschaft eines Mannes annehmen, der sehr bald mein Gatte sein soll?“

„Man kann doch nicht wissen . . .“ stotterte das Tantchen.

„Was?“ fragte Gerda und sah sie mit einem jener Blicke an, die das Tantchen die „Herrscherblicke“ nannte und denen gegenüber sie keinen Laut mehr zu wagen pflegte. Aber ach, sie ihrerseits glaubte nicht an das Zustandekommen dieser Heirath, nicht eher, bis Gerda und Alfred als Eheleute annonciert in der Zeitung stehen würden. –

„Heute,“ sagte Gerda, „wird es den Hausgeistern wieder wohnlich gemacht. Morgen früh suchst Du Josephe Thomas auf.“

Und nun begann ein lustiges Hin und Her, das die Herrschaft mehr entzückte als den übellaunigen Fritz, der sich als überlistet ansah, denn von dieser Einöde aus konnte er seinen Abenteuern schlecht nachgehen.

Ohne die vorhandene Einrichtung in ihren Grundzügen umzustoßen, wußte Gerda den altmodisch ausstaffierten Zimmern bald ein Gepräge von Wohnlichkeit zu geben, daß Alfred die Räume wie übergoldet vorkamen. Der Verwalter mußte mit seinem Einspänner eine Fuhre voll blühender oder reich blättriger Topfgewächse heraufschaffen, und als es Abend war und man um den großen Tisch im Wohnzimmer saß, das sich auf den Altan öffnete, schien es, als habe man schon immer da gewohnt, und als sei das ganze Haus erfüllt von den Spuren eines harmonischen und glücklichen Lebens.

Das Bild von Alfreds Vater sah von der Wand herab. Man sprach von der unverkennbaren Aehnlichkeit und auch davon, daß Alfred den reichen blonden Haarschmuck von ihm geerbt habe. Dies sei eine Familieneigenthümlichkeit, sagte Alfred.

Das Tantchen fragte, ob er seinem Vater auch in andern Dingen gleiche.

„Nein,“ antwortete Alfred, „er war viel ruhiger und ausgeglichener als ich.“

„Das müßte schon das Alter gemacht haben,“ erwiderte Gerda, „denn von Hilde Mollin, die Deinen Vater gut gekannt hat und ihm sehr gewogen war, weiß ich, daß er ebenfalls sehr nervös gewesen sei. Vielleicht ist diese ‚Ruhe‘ und ‚Ausgeglichenheit‘ auch nur ein Erzeugniß Deiner Erinnerung. Die zerrissenen Konturen der Berge werden oft durch eine weiße Schneedecke zu einfachen und sanften Linien; so deckt ein Leichentuch auch die Charakterschroffen eines Menschen zu.“

Alfred fand in dieser Bemerkung eine Spitze, die sich gegen ihn richtete; ihm schien es, als habe sie ihm damit sagen wollen, daß auch sein Charakter „Schroffen“ besitze. Seine Stirn ward roth. Doch bezwang er sich. Gerda bemerkte dieses Bezwingen, und in ihr wallte es auf. Suchte er denn in jedem ihrer Worte etwas?

„Es wird Sie doch bewegen, lieber Alfred,“ sagte das alte Fräulein, das Gespräch über den Vater verfolgend, „nun von dem theuren Verstorbenen noch manches zu hören, was Ihnen bisher fremd war.“

„Gewiß, eine Erbschaft tritt man nie ohne Bewegung an. Und die Fürsorge für zwei mir vollkommen unbekannte Frauen ist obenan keine bequeme Erbschaft. – Du wolltest etwas sagen?“ fragte er schnell, als er bemerkte, daß Gerda die Lippen bewegte, wieder fest schloß und ihr Haupt tiefer zu der Stickerei herabbeugte, welche sie in Händen hielt.

Sie schüttelte den Kopf, ohne aufzublicken.

„Du denkst, ich könnte über Deine Worte gereizt werden, und willst mich schonen,“ sagte er heftig, „sprich nur!“

„Ich wollte nur bemerken,“ erwiderte sie, „daß ich es unerlaubt finde, dergleichen Erbschaften einem Sohne zu hinterlassen. Ein Mann sollte am Abend seines Lebens mit den Ereignissen seiner Jugend derart abgeschlossen haben, daß seinen Hinterbliebenen keinerlei Verpflichtungen mehr aus denselben erwachsen. Ganz absurd fände ich es aber, wenn Dein Vater und jene Frau wirklich den Plan gehegt haben sollten, Dich und das Mädchen zu verheirathen.“

„Diese Bemerkung hättest Du Dir allerdings sparen können, denn da wir die näheren Umstände nicht kennen, dürfen wir uns noch kein Urtheil erlauben, ob mein Vater recht oder unrecht hatte, mich diesen Frauen als Schützer zu empfehlen“ sagte er scharf. „Und was den Heirathsplan betrifft, so finde ich denselben im Gegentheil liebevoll erdacht. Vielleicht hat das Mädchen all dieselben Vorzüge wie ihre Mutter, und da diese Vorzüge meinen Vater beglückten, mußte er wohl annehmen, daß sie auch mich beglücken würden, besonders, da wir uns in unsern Charakterschroffen so sehr gleichen, wie Du sagst.“

„Wie ich sage? Wann hätte ich das?“ rief Gerda empört. „Du drehst meine Worte nach Deinem Gefallen, um für Deine Heftigkeit Nahrung daraus zu ziehen.“

„Du bist es, die einen heftigen Ton anschlägt – nicht ich.“

Sie sahen sich an. Und plötzlich erblaßten sie. Sie begriffen, daß sie sich wieder gestritten hatten, ohne alle jene Gründe, welche in Berlin die vermeintlichen Ursachen ihrer Uneinigkeiten gewesen.

Ein tödliches Schweigen legte sich auf den kleinen Kreis.

Gerdas Finger zitterten, und ihre Nadel konnte die Stelle nicht finden, wo sie den nächsten Stich hinsetzen sollte.

Alfred ließ viele lange Minuten so vergehen, dann stand er auf, sagte leise, fast gedrückt „Gute Nacht“ und ging hinaus.

Am andern Morgen lachte der hellste Sonnenschein. Die Berge in ihrem dichten Tannenbestand schienen dunkelblau umschleiert. Der Himmel war wolkenlos, und dort, wo der Blick nach der Rheinebene bis zu den Ausläufern der Vogesen hinüberschweifen konnte, verblaßte die blaue Luftferne zur Farblosigkeit. Jenseit des Thales schaute das wettergraue Gestein der alten Schloßruine aus dem Gewipfel der den Berg deckenden Buchen und Edeltannen. Eine rothgelbe Fahne flatterte deutlich erkennbar auf den Zinnen. In der Thalestiefe lag die helle Häusermenge der Stadt Baden, und rings um diese, an den niederen Höhen verstreut, blinkten weiße Villen aus dem satten Grün.

Die Bewohner des Berghauses empfanden alle die Seligkeit des Großstädters, der sich aus dem Lärm in die wohligste Stille, aus dem Staub in die köstlichste Waldesfrische versetzt sieht. Selbst das Tantchen hatte einen rosigen Schein auf ihren von Medizin und Stubenluft verkümmerten Zügen und meinte, der Tannenduft, der vom nahen Wald herüber wehe, sei fast so kräftig wie der Koniferengeist, mit dem sie ihr Zimmer zu durchstäuben pflege. Gerda pflückte sich Blumen und Gräser und ordnete sie zu malerischer Wirkung in Schalen und Vasen. Alfred spielte mit dem Kinde, das sich aber nur schwer beim Spiel halten ließ, sondern von allen Thurmruinen, die da und dort die Berge krönten, Namen und Geschichte wissen wollte, auch das Versprechen forderte, überall hin zu dürfen. Auch verlangle es genaue Erklärung, warum die Fahne drüben auf dem alten Schloß roth und gelb sei und nicht schwarz-weiß. Und bei dem allem waren sowohl das Kind wie Alfred so zufrieden und so beschäftigt, daß Gerda dreimal vergebens an den nothwendigen Gang zu der vielbesprochenen Frau mahnen mußte.

[283] Wie ungern Alfred ging, mochte er mit keiner Silbe verrathen. Obgleich es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um einen förmlichen Besuch handelte, bei dem er achtungsvoll anzuhören hatte, was man von ihm wollte, peinigte ihn doch ein dumpfes Gefühl wie vor einer großen Unannehmlichkeit, die überwunden werden sollte.

„Ah – bah!“ tröstete er sich unterwegs, „meine alte Abneigung gegen das Besuche machen!“

„Was kann sie von mir wollen?“ dachte er weiter, „vielleicht den Rath, wie ihre Tochter sich am besten eine einträgliche Selbständigkeit erwirbt? Da wird Gerda helfen. Und daß ich nicht mehr zu haben bin, muß ich ihr auch gleich zu verstehen geben.“

Er suchte aus seiner Brieftasche noch einmal jenen Brief heraus und las ihn im Gehen.

„Natürlich, es ist eine Dame, der ich gegenüberstehen werde,“ sagte er sich wieder.

Die Adresse, die man ihm angegeben, war ein Haus in der Lichtenthaler Allee. Eine kleine Reise, so schien es ihm, bis dahin, und doch als ihm endlich ein Wagen begegnete, den er hätte nehmen können, zog er es vor, zu Fuß weiter zu wandern.

In der schönen Allee, zwischen den alten Riesenulmen war es am Vormittag nur wenig belebt. Am jenseitigen Ufer der Oos lagen in dichter Reihe die freundlichen Häuser in den blühenden Gärten. Alfred überschritt eine der zahlreichen hinüberführenden Brücken und fand bald die Nummer des Hauses.

Durch einen häßlichen Vorbau, in welchem sich ein Krämergeschäft befand, gelangte man in den Garten. In diesem erhob sich ein zweistöckiges Häuschen. Der Garten ging bis an das Wasser, und daß das Häuschen für Badegäste erbaut war, zeigte ein großes blaues Schild, welches auf zwei Pfählen frei am Ufer stand und dessen Inschrift: „à louer“ bis zur Allee am andern Ufer hin lesbar war. Uebrigens bildeten aus Draht hergestellte Bogen gegen das Wasser hin die Grenze, und diese Bogen waren so dicht mit blühender Clematis berankt, daß man durch sie immer einen kleinen Ausschnitt des Alleebildes wie im lila Rahmen sah.

Dieser anmuthige Schmuck war die einzige Zier des Gartens, in dem einige einzeln stehende Tannen aufragten, an deren Stämmen je ein Tisch und eine Bank standen. Um das Häuschen zog sich im Viereck eine Rabatte hin, in der Jalappen, Levkojen und Reseda blühten.

Alfred sah das alles so genau, als sollte er eine Beschreibung davon machen.

In der offenstehenden Hausthür begegnete ihm eine Dienstmagd, welche er nach Frau Thomas befragte. Das Mädchen antwortete in einem unverständlichen badischen Dialekt eine ganze Geschichte. Alfred hörte kaum hin und verstand auch keineswegs für gewiß, ob die Damen parterre oder in welchem Stock sie wohnten.

Die gute Stimmung, in welche er sich hineingeredet, verging ihm gänzlich, als er die Treppe emporstieg. Er klopfte im ersten Stockwerk an eine Thür, einmal, zweimal und dann sehr laut noch einmal. Darauf erschien eine ältliche, sehr häßliche Dame, der man ansah, daß sie hastig ein Tuch über eine halbbeendete Toilette geworfen, und sagte auf seine Frage nach Frau Thomas sehr ärgerlich: „Eine Treppe höher“. Durch diese Kleinigkeit ward er vollends verstimmt und nannte die ganze Geschichte in seinem Innern „überspannt“ und „abgeschmackt“.

(Fortsetzung folgt.)




Eine merkwürdige Thierfreundschaft.
Mit Abbildung S. 289.

Als ich im Spätsommer des vorigen Jahres nach Berlin gekommen war und mit dem eben angestellten, voll jugendlicher Begeisterung sein Amt verwaltenden Direktor Heck den dortigen Zoologischen Garten durchwandelte, kamen wir auch in eines der noch von dem hochverdienten Reorganisator des Gartens, Dr. Bodinus, angelegten Vogelhäuser. „Hier ist auch ein junger Luchs mit einem Kaninchen zusammen,“ wurde mir gesagt, und man führte mich dabei nach einer Ecke des Inneren, die für mein Sehvermögen allerdings schon etwas zu düster war. Aber richtig, in einem durch ein Drahtgitter zu einem Käfig umgeschaffenen Raume knabberte ein weißes Kaninchen an einem Kohlrest und im Hintergrunde lag zusammengeschmiegt ein haariges Etwas, welches, wie mir versichert wurde, der Luchs war. Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick sehr ergriffen oder begeistert hätte, denn wenn man im Laufe eines halben Jahrhunderts schon mehreres auf dem Gebiete des Thierlebens, auch des Zusammenlebens versschiedener Thiere, gesehen hat, so rührt einen das bloß ruhige Vertragen zweier Thiere selbst von entgegengesetzter Art nicht mehr bis ins Innerste auf; kurz, was ich da zuerst sah, war ein mäßiger Genuß, und ich erinnere mich nicht, daß ich mich damals gedrungen gefühlt hätte, meinen Besuch bei den beiden zu wiederholen.

Glücklicherweise bekam ich aber einige Monate später eine „geschäftliche“ Veranlassung, nochmals nach Berlin zu kommen, und da hatte denn die Sache allerdings ein ganz anderes Ansehen bekommen. Luchs und Kaninchen lebten noch zusammen, waren aber umquartiert worden nach einem Außenkäfig, welcher einen besonderen Anbau am Vogelhaus bildete. Hier war es auch hell genug, denn von drei Seiten war der Platz dem Licht zugänglich, der Boden war sandgefüllt, also dem Kaninchen willkommen, ein paar von den Zeiten der früheren Bewohner des Käfigs, der Orang-Utans, her noch stehende Kletterbäume mußten dem Luchs ganz passend sein, und ein höhlenartiger schöner Schlafraum fehlte auch nicht. Was war das für ein ganz anderes Leben!

Der Luchs, obgleich bei weitem noch kein Jahr alt und also keineswegs ganz erwachsen, war bereits ein prächtiges Thier geworden und zeigte eine Wohlgelauntheit, einen Humor, eine Spiellust, wie man sie dem Thier bei dieser Größe eigentlich nicht mehr zutrauen konnte. Und nun sah ich auch erst, daß die Thiere sich nicht bloß vertrugen, sondern daß in der That im vollen Sinne des Wortes eine eigentliche Freundschaft zwischen ihnen bestand, wohl werth, auch einem größeren Kreise geschildert zu werden.

Gerade als ich damals zum ersten Male an diesen neuen Aufenthaltsort der Thiere herantrat, gab der Luchs gleichsam aus dem Stegreif eine Art Vorstellung. Wie dies meistentheils die Beschäftigung des Kaninchens war, knabberte es eben an einem Kohlblatt, und vor ihm lag auf dem Rücken lang ausgestreckt, die Beine nach oben, der Luchs, mit seinen Vorderpfoten nach dem Kaninchen haschend, offenbar um es auch zum Spielen zu veranlassen. Bei seiner mangelnden naturgeschichtlichen Kenntniß wußte er natürlich nicht, daß das Kaninchen längst erwachsen, vielleicht bereits ein paar Jahre alt und jedenfalls über die Periode jugendlicher Laune und Spiellust hinaus war. Blieben also seine Hoffnungen unerfüllt, hielt ihn dies gleichwohl nicht ab, seine Aufforderung zum Spiel immer von neuem zu wiederholen, wobei er oft die verzwicktesten Stellungen annahm, die seine Gelenkigkeit im vollsten Grade zeigten. Erst als das Kaninchen seinen Platz verlassen, gab auch der Luchs sein Bemühen auf. „Gut“, mochte er denken oder es unbewußt empfinden, „wenn du nicht mitspielen willst, so spielen wir eben ein Spiel, wo das nicht nöthig ist, spielen wir ‚Mordens‘!“ Gedacht, gethan! Schon ist er auf den wagrechten Ast des Kletterbaumes gesprungen, hat sich niedergeduckt und folgt zuerst mit leuchtenden Augen den Bewegungen der Freundin auf dem sandigen Boden. Da – wie der Blitz – ein einziger Sprung, und das pinselohrige, hochbeinige Raubthier hat den armen langohrigen Nager mit Maul und Pfoten gepackt, so daß der Beschauer nicht anders denken kann als: das ist des Kaninchens Ende. Aber nein, er „spielt“ eben nur „Mordens“, nur Maul und Pfoten, nicht aber Krallen und Zähne haben die Freundin gefaßt, und wenn dieselbe nun auch einigemal geschüttelt wird und selbst wohl auch keineswegs sehr begeistert für dieses Spiel sein mag, geschadet hat’s ihr nicht; denn als der Luchs sie zuletzt losläßt, da ist sie munter wie zuvor und bringt höchstens ihre Festtoilette durch Putzen wieder in Ordnung. Und der Luchs? Nun, der weiß, wenn dieses Spiel zu Ende, in der Zeit des Munterseins immer etwas zu thun. So z. B. macht er, während man eben noch dem sich putzenden Kaninchen zusieht, plötzlich einen [284] ganz grotesken Sprung fast senkrecht in die Höhe, mit der einen Vorderpfote dabei weit ausgreifend, und zuletzt entdecke ich nach wiederholten solchen Sprüngen auch die Ursache; es ist ein Sperling, der quer durch den Käfig geflogen ist und nach dem der Luchs seine gewaltigen Sätze gemacht hat. Sperlinge sieht man in den Thierhäusern der Zoologischen Gärten häufig; so glaubte ich auch zuerst, derselbe habe sich hierher verflogen oder einquartiert, war aber damit im Irrthum, denn der Sperling war, wie ich auf Befragen erfuhr, von dem Thierwärter Meusel, dessen Pflege diese Thiergruppe untergeben ist, absichtlich mit hinzugesellt worden, um dem Luchs mehr Veranlassung zur Bewegung zu geben. Allerdings schrieb mir später der Direktor Heck auf meine Frage nach dem Befinden der Gruppe: „Die Personalien des Sperlings wechseln öfters“, denn bei aller Sperlingsschlauheit geschieht es doch manchmal, daß der Luchs den Vogel erfaßt, und dann ist es allerdings zu Ende mit ihm. Aber im Gegensatz zu den Tausenden seiner Brüder, die unerwähnt und in schnöder Unnützlichkeit ihr Schmarotzerleben führen, ist solches Sperlingsschicksal sicher als ein bedeutend höherstehendes zu preisen, denn auch ein Sperling kann für eine gute Sache leben und sterben, wenn er muß.

Manchmal macht. der Luchs geradezu.den Eindruck eines absichtlichen Komikers. So z. B. konnte ich mich erst des Staunens und nachher des lauten Lachens nicht enthalten, als ich dazukam, wie eben das Kaninchen seinen alltäglichen Kohlkopf bekam und nun der Luchs, sich dicht neben die schmausende Freundin kauernd, auch an dem Genuß theilzunehmen versuchte. Er biß und kaute auch in der That tapfer auf den Kohl los, aber immer spie er ihn wieder aus, und jeder neue Versuch hatte dasselbe Ende, so daß für die Luchse wohl zunächst noch keine Aussicht blüht, sich in harmlose Kohlfresser umzuwandeln. Ein wesentlich anderes Schauspiel als dieses Kohlkosten bot hingegen die Fütterung des Luchses selbst. In ausgelassenster Lustigkeit ergriff er da mit den Zähnen die Fleischstücke, warf dieselben, sich auf die Hinterbeine aufrichtend, in die Luft und suchte sie mit den Pfoten wieder aufzufangen, und wenn dabei das Fleisch von dem Brett, auf dem es zuerst gelegen, in den Sand gerieth, so störte dies seinen Appetit schließlich nicht im geringsten. War dann aber der Appetit gestillt, so trat auch eine geringere Neigung zur Bewegung, vielleicht gar ein wenn auch bald vorübergehendes Ruhebedürfniß ein, und da sah ich denn einmal die merkwürdige Gruppirung, wie sie die rechte obere Ecke des Bildes zeigt: der Luchs hielt liegend das Kaninchen mit den Vorderpfoten umfaßt und benutzte es als warmes und weiches Kopfkissen.

Da mm die eigentlichen Thierfreunde unter den Lesern sich jedenfalls für die Entwickelung dieses Freundschaftsverhältnisses zwischen zwei so verschiedenen Thieren interessiren dürften, so sei hier nach den Mittheilungen des Thierwärters das Wissenswertheste davon erzählt. Es dürfte dies manchen belehrenden Wink enthalten, zugleich auch darthun, daß dieser im Vorhergehenden als so launig geschilderte Luchs eine keineswegs ganz harmlose Vergangenheit hinter sich hat.

Als das Thier, welches zu Schiff aus Rußland nach Deutschland gebracht wurde, noch ganz klein im Juli vorigen Jahres nach Berlin kam, war es mit Ungeziefer von der springenden Sorte, die in Rußland sehr gediegen sein soll, so bedeckt, daß Kämmen nichts half und der Direktor deshalb eine mehrwöchige Reinigung durch Bürsten mit Seife etc. anordnete. Nach anfänglichem Widerstreben fügte sich der Luchs, wurde gesund, lustig und gewöhnte sich bald an das ihm im August zur Gesellschaft beigegebene Kaninchen, ein Männchen, dem er an Größe anfangs noch nicht gleichkam. War der Wärter im Vogelhaus beschäftigt, so ließ er die Thiere frei in demselben umherlaufen und spielen, den Luchs mitunter sogar ins Freie hinaus, wo derselbe dann aufs lustigste auch mit den Kindern anknüpfte. An einem heißen Augusttage wurde er aber von einer Masse blauer Schmeißfliegen so furchtbar überfallen, daß er von neuem schwer krank wurde. Wieder gesund geworden, wurde er um so ausgelassener, war aber dabei so täppisch, daß er einst (im Oktober) in seiner Ungeschicklichkeit beim Spielen mit dem Kaninchen dasselbe so drückte, daß es erstickte. Ganz betroffen darüber, rührte er den todten Genossen nicht weiter an, auch nicht, als der Wärter das erdrückte Kaninchen ihm abgehäutet hinlegte. Ja sogar anderes ihm zum Fraß gegebenes Fleisch berührte er nicht, als es auf das Brett gelegt wurde, auf welchem das enthäutete Kaninchen gelegen hatte, und erst von einem neuen Brett fraß er wieder. Diese sonderbare Erscheinung kann nur durch den Geruch erklärt werden und dürfte wohl weiterer Erwägung werth sein.

Da der jetzt infolge seiner Schandtat vereinsamte Luchs sich unbehaglich fühlte, erhielt er als Ersatz ein Meerschweinchen tödtete es aber im unbeholfenen Spiele sofort, ebenso eine nachher ihm anvertraute junge Katze. Um ihm nun doch aber wieder Gesellschaft zu geben, bestellte der Wärter nach eingeholter Erlaubniß wieder ein Kaninchen von gleicher Farbe wie das erste, aber ein Weibchen und von energischem Charakter, und dieses herzhafte Kaninchenweibchen war es, welches ich im November in so freundschaftlichem Verhältniß zum Luchs, der beiläufig ein Männchen ist, fand. Die Herzhaftigkeit des Kaninchens soll sich z. B. auch darin bewähren, daß es dem Luchs, wenn er sein Spiel gar zu täppisch treibt, mit den Hinterfüßen den Sand ins Gesicht schleudert, ja ihn sogar beißt, und obgleich ich beides nicht selbst sah, so zweifle ich doch nicht im geringsten daran.

Man könnte nun nach all dem bisher Gesagten meinen, daß doch daraus eine Freundschaft auf seiten des Kaninchens noch nicht hervorgehe, da dessen Rolle doch bloß eine duldende oder abwehrende sei. Auch ich hatte fast bis zuletzt diesen Eindruck, konnte aber gerade in der letzten Stande meiner Beobachtungen dieselben auch nach dieser Seite noch vervollständigen. Es war in den ersten Stunden nach Mittag, wo man, wie es scheint, auch als Luchs sich gerne eine kleine Mittagsruhe leistet. Das Katzenthier lag also auf dem Brett über der Schlafhöhle, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt; auf dem Sande unten nahm schnell unter diesen günstigen Umständen der Sperling sein Futter zu sich, auch das Kaninchen saß erst in dessen Nähe. Nach einiger Zeit sprang letzteres aber plötzlich auf der einen zugänglichen Seite zum Luchs hinauf und begann nun denselben über und über freundschaftlich zu belecken. Der Luchs ließ sich das nicht nur mit gemüthlichem Blinzeln ruhig gefallen, sondern wedelte sogar zuletzt mit seinem kleinen Schwänzchen lebhaften Beifall. Mehr Freundschaft konnte man doch in der That von dem Kaninchen nicht verlangen.

Fälle von Thierfreundschaft lassen sich häufig beobachten. Sie haben nichts Auffälliges bei ganz gleichartigen Thieren, ebenso erklären sie sich leicht bei Thieren verschiedener Arten, wenn dieselben zusammen aufgewachsen sind, oder bei dem sogenannten „Bemuttern“, das heißt, wenn ein erwachsenes weibliches Thier sich eines hilflosen Jungen von vielleicht ganz anderer Art annimmt. Im ersteren Falle ist es einfach die Gewohnheit, im anderen der Naturtrieb. Das von mir früher zuweilen in Menagerien beobachtete Zusammenleben von Löwen mit Hunden kann man eigentliche Freundschaft nicht nennen, da dies von seiten des Löwen wohl nur als eine großmüthige Duldung, die ihm ja auch ganz gut ansteht, anzusehen ist.

Räthselhafter sind schon andere Fälle. So beobachtete ich vor Jahren bei dem Thierhändler Hagenbeck eine merkwürdige Freundschaft zwischen einem Zebu-Stier und einem Heidschnuckenbock. Die beiden gingen immer zusammen in dem mit vielen anderen Thieren ihnen gemeinsam angewiesenen Gehege, spielten oft zusammen mit freundschaftlichen Stößen, und wenn sie ruhten, lagen sie nebeneinander. Fast noch sonderbarer, jedenfalls viel komischer, war einst im Hamburger Zoologischen Garten die Freundschaft zwischen einem Storch und einem Pelikan. Sie bestand in nichts weiter, als daß beide Vögel selbander spazieren gingen, d. h. der Pelikan schwamm am Ufer entlang, während der Storch auf demselben bedächtig nebenher wandelte. Vielleicht spielt bei solcher Zuneigung auch der Geruch eine Rolle. Immerhin, so sonderbar diese Beispiele erscheinen, so betreffen sie doch Thiere von sich ziemlich nahestehenden Arten. Die in diesem Aufsatz geschilderte Freundschaft aber besteht, wie man sieht, zwischen zwei Thieren von ganz verschiedenem Wesen; denn während der Luchs als eins der unbändigsten und schädlichsten Raubthiere gilt, ist das Kaninchen das vollständige Bild des Gegentheils. Es ist daher nicht zu verwundern, daß diese Gruppe bei allen Besuchern des Berliner Zoologischen Gartens das größte Staunen erregt, und es dürfte deshalb wohl auch gerechtfertigt sein, wenn derselben hier in der „Gartenlaube“ dieses bescheidene Denkmal gesetzt wird.

Heinrich Leutemann.
[285]
Die Fahrradausstellung in Leipzig.

Die Kette von Ausstellungen, welche unser Jahrhundert durchzieht, hat besonders in letzter Zeit manchmal recht schwache Glieder angesetzt, die sich trotz lauten Gerassels nicht eben der Gediegenheit rühmen konnten (so die Kinderausstellungen in Amerika, die Schönheitskonkurrenzen von Budapest, Spaa, Turin etc.). Da ist ihr denn gleichsam wieder einmal ein neuer vollwerthiger massiver Ring angereiht worden. Wir meinen die „Erste große allgemeine Ausstellung von Fahrrädern und Fahrradutensilien in Deutschland“, welche vom 23. Februar bis 3. März dieses Jahres in Leipzig abgehalten wurde. Aus nah und fern waren die Ausstellungsgegenstände herbeigeschafft worden, etwa 150 Firmen hatten sich betheiligt, und vornehmlich waren es Deutschland und England, deren Erzeugnisse sich in friedlichem Wettstreite mit einander maßen. Wie in Schlachtordnung zogen sich die langen Reihen der Fahrmaschinen durch die weiten Ausstellungsräume des Leipziger Krystallpalastes, schlossen sich zu Vierecken zusammen oder liefen in einzelne Vorposten aus. Ein Glitzern und Funkeln ging von den blank geputzten Rädern aus wie eitel Waffenglanz. Fürwahr, ein seltenes Bild! und wir verstanden den Bauern recht gut, welcher, solchen Anblicks ungewohnt, seinen Sohn fester an die Hand nahm, um ihn nicht unter das Gewirr der Räder kommen zu lassen.

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Kröners Fahrmaschine aus dem Jahre 1846. Nach einer alten Lithographie.

Wir flüchten aus dem Klangbereich einer Signalglocke, deren schriller Ton in unserer Nähe erprobt wird, und stehen in einer Nebenhalle vor der historischen Ausstellung. In der Mitte derselben erhebt sich vor uns die 1817 von einem Deutschen, dem Freiherrn von Drais, erfundene Schnelllaufmaschine, deren Bild und Beschreibung wir unseren Lesern schon im Jahrgang 1886, S. 129 gebracht haben: ganz aus Holz, gleich einem ungelenken Pfluge lehnt sie da, ein Bild unglaublichster Plumpheit und dennoch die Ahnfrau des heutigen Stahlrades. Ein Stück Kulturgeschichte wird uns durch eine ganze Reihe solch ungefüger Holzgestelle vergegenwärtigt, von denen jedes folgende fortschreitend an Form gewinnt, bis es uns, beim letzten angelangt, nicht schwer wird, den Uebergang zu der heutigen Vollkommenheit des Stahlrades zu finden. Aber die Geschichte des Fahrrades wird durch das in dieser Gruppe zusammengestellte nicht erschöpft; wir vermissen z. B. ein Modell, das seinerzeit großes Aufsehen erregte.

Im Frühjahre 1846 baute sich nämlich der Lehrer Kröner in Markersdorf bei Chemnitz einen Kunstwagen, mit dem er allein fahren konnte, da der Arzt ihm nach einer überstandenen schweren Krankheit den Rath gegeben hatte, möglichst viel zu fahren. Die Fahrmaschine wurde von Kröner im Laufe der Zeit mehrmals verbessert, und als der Erfinder in das Voigtland übergesiedelt war, wurde damit im Jahre 1859 selbst eine Fahrt nach Karlsbad in Böhmen unternommen. Die Zeitungen brachten Berichte über diese Fahrt, und das Interesse für den Kunstwagen wurde so rege, daß der Erfinder sich veranlaßt sah, sich seine Erfindung vom Staate Sachsen patentiren zu lassen und einen Vertrag mit einer Maschinenfabrik über die Verwerthung derselben abzuschließen. – Die vierrädrige Fahrmaschine, von welcher unsere Abbildung eine Anschauung giebt, hatte kein übles Aussehen. Die Trittbewegungen des Fahrenden waren durch einen Wagenkasten dem Blick des Zuschauers entzogen; die rechte Hand war frei, so lange die Bremse nicht benutzt wurde, und das Lenken mit der Linken nicht auffällig. Auf nicht zu steilem, wohlgebahntem Wege saß der Reisende gemächlich im bequemen Sessel ohne eine Spur von Anstrengung. War auch die Schnelligkeit nicht so bedeutend, wie sie jetzt mit dem Zweirad erzielt wird, so war doch infolge des bequemen Sitzens selbst in bergigen Gegenden die Ermüdung sehr gering.

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A. v. Wedells „Kaiserrad“ (1889). Nach einer Photographie von R. Herrmann, Hofphotograph, in Leipzig.

Dieselben Erfahrungen machte auch der Sohn des Erfinders bei einem dreiwöchigen Aufenthalt in Paris Ende August 1860. Eine vortreffliche Bremsvorrichtung ermöglichte das plötzliche Anhalten selbst beim schnellsten Fahren, was bei dem regen Verkehr auf den Boulevards unbedingt nöthig war. Im größten Gedränge am Kreuzungspunkte der Boulevards von Sebastopol und St. Denis, wenn kein Fußgänger sich durchwagte, gelang es dem Maschinchen, sich zwischen den stockenden Fahrzeugen durchzuwinden. Auch ein Velociped nahm damals schon im Boulogner Wäldchen den Wettkampf mit der Krönerschen Fahrmaschine auf, mußte aber, obgleich mit letzterer ein Ungeübter fuhr, in seinem unvollkommenen Zustande noch hinter ihr zurückbleiben.

Freilich kam dem kunstverwöhnten Auge der Pariser das in Reichenbach im Voigtland gebaute Maschinchen etwas plump und, mit Recht, auch zu schwer vor. Heute sind diese Mängel in der Herstellung von Fahrmaschinen zum größten Theil überwunden; das zeigte uns ein Besuch des an die Ausstellungsräume anstoßenden Cirkusbaus, in welchem die Probefahrten vorgenommen wurden.

Wir wenden uns nach der kleinen Abschweifung in das Reich der Vergangenheit wieder der Gegenwart zu und treten in die bereits einmal durchstreiften Säle zurück. Es ist nicht möglich, alle die Räder mit Namen aufzuführen, die hier Aufstellung gefunden haben, wir nennen nur „Blitz“, „Pfeil“, „Giraffe“, „Schwalbe“, „Antilope“, „Falke“ und „Gazelle“, die ihren Taufpathen, denen sie ihre Namen verdanken, alle Ehre machen. Mehrfache Kugellager, in welchen die Achsen der Räder gehen, drücken die Reibung auf das kleinste Maß herab, doppelte Bremsen stehen dem Fahrer zur Verfügung, und ein federnder Sattel hebt die Erschütterung auf. An den Sätteln sind Lenkvorrichtungen angebracht, so daß die Maschine selbst noch nach einem Bruch der Lenkstange brauchbar bleibt. Die letztere und alle sonstigen Maschinentheile werden, soweit das möglich ist, hohl hergestellt, wodurch größere Haltbarkeit und leichteres Gewicht erzielt wird. Gleich vor uns steht ein hohes Zweirad, das nur 9,2 kg wiegt. Jagd- und Militär-, Zwei- und Dreiräder zeigen Vorrichtungen zur Anbringung des Gewehres, Tornisters und der Patrontaschen. Auch den Vertreterinnen des schönen Geschlechtes, deren Fußfertigkeit sich ehedem am Spinnrade, in neuerer Zeit an der Nähmaschine glänzend bewährt hat, [286] wird Gelegenheit geboten, ihre Geschicklichkeit auf dem Zwei- oder Dreirad zu bethätigen. Für sie sind bequeme Aufstiege und Damensitze vorgesehen. Transportfahrräder für Geschäftsleute mit einer Tragfähigkeit von mehreren Centnern ergeben sich als recht praktische Einrichtungen, Renn- und Tourenmaschinen für beide Geschlechter, für jedes Alter, doppel- und mehrsitzige Fahrzeuge bieten sich uns dar. Vier- und Dreiräder lassen sich durch leichte Handgriffe in Drei- und Zweiräder umwandeln. Wir sehen Ein-, Zwei-, Drei-, Vierräder, ja einige Modelle lassen ahnen: selbst das „fünfte Rad am Wagen“, das bisher nur bei Pferdebahnwagen, z. B. in Hamburg, zu Ehren kam, wird auch beim Velociped noch den üblen Ruf, der an ihm haftet, Lügen strafen. Wir vermögen nicht aller Vortheile und Neuerungen zu gedenken, welche die Zeit gebracht hat, das kann nur Sache der Fachzeitschriften sein; aber einige der beachtenswerthesten Erscheinungen wollen wir noch hervorheben. Da wird uns zunächst von der Firma Dumstrey u. Jungk in Berlin eine als Vierrad erbaute Velocipeddroschke „Sultan“ vorgeführt, ein Versuch, dem es nicht an Originalität fehlt und der ein viel angestauntes Kuriosum der Ausstellung bildete, aber wohl niemals die Charaktertypen der alten Droschken mit ihren Kutschern und Gäulen, wie sie jetzt an den Straßenecken unserer Städte halten, verdrängen wird. Wir sahen den beiden von der Anstrengung keuchenden Fahrern an, daß hier nur Pferdenaturen etwas auszurichten imstande wären. Eine weitere auffallende Erscheinung, wenigstens für Deutschland, ist der von der Firma Paul Focke u. Komp. in Leipzig ausgestellte zweirädrige Ponywagen, welcher nach dem Prinzip der Fahrräder errichtet ist und dessen hohle Stahlachse auf vier Kugellagern läuft, wodurch der denkbar leichteste Gang herbeigeführt wird, da die Reibung der Lager auf einen bisher unerreichten Punkt herabgemindert wird. Das Gefährt zeichnet sich durch ein gefälliges Ansehen aus und ist wie kein anderer Wagen dazu geeignet, das Pferd auch bei schneller Gangart zu schonen.

Das Hauptinteresse der Ausstellungsbesucher nahm aber mit Recht eine andere Erfindung in Anspruch, welche ebenfalls von einem Deutschen, A. v. Wedell, herrührt. Das „Kaiserrad“ oder „Gesundheitsvelociped“ hat die Aufgabe gelöst, die Einseitigkeit der Muskelbewegungen, wie sie bisher durch das Fahrrad bedingt war, aufzuheben und den gesammten Muskelapparat des menschlichen Körpers in Thätigkeit zu versetzen. Arme und Beine arbeiten hier zusammen! Die Arme haben vollkommene Ruderbewegungen auszuführen, wodurch gleichzeitig eine Kräftigung der Arm- und Brustmuskeln, mithin des ganzen Organismus erreicht wird. Wir geben auf S. 285 eine Abbildung des Kaiserrades, das übrigens auch als Dreirad hergestellt wird. Die eigenartige Bauart desselben unterscheidet sich von derjenigen anderer Zwei- oder Dreiräder dadurch, daß die sonst feste Lenkstange, die den Händen bisher einen unbeweglichen Stützpunkt gewährte, beweglich gemacht und mit zwei parallel gerichteten Kurbeln (ma) versehen ist. An diesen Kurbeln befinden sich die drehbaren Griffe (hh), mittelst deren die Hände die Fortbewegung ausführen. Die drehende Bewegung der Kurbeln bezw. der Lenkstange wird nun durch die Kette (cc) von dem Kettenrad g’ auf das an der Achse des Vorderrades befindliche Kammrad g übertragen, und zwar ist das letztere mit einer Sperrvorrichtung versehen, die es dem Fahrenden ermöglicht, jederzeit die Armbewegung auszusetzen, die Hände ruhen und die Beine allein arbeiten zu lassen. Wünscht man ein gewöhnliches Zwei- oder Dreirad zu erhalten, so kann der ganze Triebmechanismus für die Hände im Punkte d abgeschraubt und an seiner Stelle eine gewöhnliche Lenkstange aufgesetzt werden. Da die Bewegung der Arme jeden Augenblick unterlassen werden kann und dem Fahrer sozusagen nur als Kraft zweiten Aufgebotes zur Seite steht, so ergiebt sich hieraus von selbst, daß eine Ueberanstrengung der Armmuskeln nur dann eintreten kann, wenn der Fahrende dieselben aus eigenem Antriebe über Gebühr in Thätigkeit setzt. Aber nicht nur vom hygienischen Standpunkte aus betrachtet kommt der neuen Vorrichtung eine hohe Bedeutung zu, sie ist auch von praktischem Werthe insofern, als das Berganfahren und das anhaltende Fahren gegen den Wind durch Zuhilfenahme einer zweiten Kraft erheblich erleichtert wird.

In den Nebensälen hatte die Bekleidungsindustrie ihre Erzeugnisse ausgebreitet. Da fanden wir bis ins Kleinste die vollständige Ausrüstung des Radfahrers, von dem leichten Helm aus Palmengeflecht bis zu dem Fahrschuh herab, dessen geriefte Sohle sich den Gruben der Radpedale anpaßt und so dem Fuß einen festen Halt verleiht.

Der Haupterfolg der Ausstellung ist darin zu erblicken, daß durch sie dargethan worden ist, welch mächtigen Aufschwung die deutsche Industrie in den letzten Jahren auf dem Gebiete des Fahrradwesens genommen hat. Bisher ging noch immer eine Masse Geldes für Fahrraderzeugnisse nach England, aber das wird nun anders kommen. Deutschland hat die ursprünglich deutsche Erfindung, das Fahrrad, welche es eine Zeit lang an das Ausland verloren hatte, zurückgewonnen, die Ausstellung hat es erwiesen; aber sie hat noch mehr gezeigt, daß nämlich die heimische Industrie sich der bisher als unerreicht geltenden englischen durchaus ebenbürtig zur Seite stellen kann, ja daß die deutschen Fabrikate die ausländischen in vielfacher Hinsicht übertreffen.

Max Hartung. 




Lore von Tollen.
Roman von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)


Der Doktor stieg in seine Stube hinauf, in der Absicht zu arbeiten, und ertappte sich eine halbe Stunde später, am Fenster stehend, in Gedanken an Lore.

Er hatte sich eben ihr stilles, schönes Gesicht unter der Haube der Diakonissinnen vorgestellt. Sie war also doch nicht in Berlin, allein um zu leben; sie wollte, wie es schien, bereuen in guten Werken. Er zuckte die Schultern und zündete sich die Lampe an; es war zu finster, um die feine Schrift zu erkennen in dem Manuskript. Das vor ihm war eine wissenschaftliche Arbeit, die ihm einen Namen in der Welt der Gelehrten schaffen sollte. Es beanspruchte alle seine Kräfte, dieses Werk „Ueber die Reformation in der Altmark“.

Wenn er nur seine Gedanken zu bannen vermöchte! Er war nicht mehr imstande, sich ganz in das Jahr 1540, in das Kloster der Augustinerinnen zu Diesdorf zu versetzen, allwo damals eine der Nonnen – Ursula von Ritzebüttel – das Kloster heimlich verließ, um sich der neuen Lehre zuzuwenden. Immer und immer nahm diese abtrünnige Nonne Lores Gestalt an; er sah sie durch die Kreuzgänge huschen, sah sie zum letztenmale in der schönen Klosterkirche niederknieen und kindlich die Jungfrau anflehen um Vergebung ihrer Sünde; und er sah sie bei dem Rauschen des Gewittersturms durch den Baumgang eilen in Nacht und Finsterniß, dem Licht, der Aufklärung entgegen. Aber es war nicht Ursula, es war Lore, und sie barg sich nicht im Häuslein des lutherischen Geistlichen, sie floh an seine Brust.

Welch ein Wahnsinn, der ihn verfolgte in all seinem Thun und Lassen, in der Schulstube, auf seinen Spaziergängen, überall! Gewaltsam zwang er seine Gedanken zu Käthe hin.

Er warf die eben ergriffene Feder auf das Schreibzeug zurück und schritt auf und ab. Käthe war verletzt gegangen, zum erstenmal verletzt heute; ihr Lebewohl stach seltsam ab gegen sonst und es that ihm leid, ihr wehgethan zu haben.

Er setzte sich abermals an den Tisch und begann an sie zu schreiben. Zuerst stockte die Feder, dann jagte sie förmlich über das Papier, und als er vier Seiten fertig hatte und sie überlas, lachte er und zerknitterte den Bogen in der Hand. Ein schönes Schriftstück! Es war so väterlich, so vernünftig; er hatte darin von seinem Herzen gesprochen, das durch sie zu genesen hoffe, sie gebeten, daß sie Geduld mit ihm haben möge; – von Liebe kein Wort. Wenn sie es las, mußte sie fragen: „Ja, was soll denn das alles, gesteh’ es doch gleich ehrlich, Du liebst mich nicht, Du kannst Lore nicht vergessen! Geh’, hole sie Dir, sie ist ja frei, und laß mich!“ Er sah ihre weinenden schönen Augen, und er hielt sich die geballte Faust vor die Stirn.

„Es wäre schuftig,“ sagte er halblaut, „ein schöner Dank für ihre Liebe! Sie hat mein Wort, ich werde es halten – unglücklich soll sie nicht werden!“ Und abermals zwang er sich dann zu seiner Arbeit. – –

Käthe war inzwischen in der Loggia der Villa drüben jubelnd empfangen worden. Die Herrschaften, von der Spazierfahrt heimgekehrt, saßen in dem schönen Raum bei Tische, der Kommandeur und seine Frau, sowie Rittmeister von Schlieben mit seiner jungen Frau aus dem oberen Stock. Man war eben beim Dessert; eine Schale Erdbeeren duftete auf der elegant ausgestatteten Tafel, und am Nebentischchen brauten Gusti, die junge Tochter des Hauses, und Herr von Wegstedt eine Bowle.

„Wie schade,“ rief Gusti, „daß Du nicht dabei warst, Käthe! Herr von Wegstedt und ich haben einen Wettritt gemacht.“

„Ich denke, Du bist gefahren?“ fragte Käthe.

„Nun, weil Du absagtest, überließ ich Papa den Wagen und ritt mit Schliebens. Du mußt auch reiten lernen, Käthe. – Ist die Bowle gut, Herr von Wegstedt?“

„Famos!“

„Hast Du nicht Lust, Käthe? Papa kann Dir Reitstunde geben.“

„Und ich,“ rief der kleine Lieutenant.

„Mama erlaubt’s nicht,“ sagte Käthe seufzend, die im offenen Bogen lehnte und wie im Traum über das Bild vor sich sah.

Der Diener hatte Windlichter auf den Tisch gestellt, an dem die verheiratheten Herrschaften saßen und plauderten, die stattliche Mutter Gustis, der Kommandeur, der seinen Ueberrock etwas geöffnet hatte und eine kurze Pfeife, der Mücken wegen, rauchte, und der schlanke Rittmeister mit seiner zarten Frau, die so allerliebst [287] zu lachen verstand und eine entzückende Haustoilette aus weißem Flanell trug.

„Tantchen Tollen erlaubt’s nicht?“ fragte Wegstedt. „Tantchen Tollen muß! Wir haben hier großen Mangel an jungen Damen – sie hat kein Recht, uns die einzige noch zu nehmen. Was soll denn aus unserer Quadrille werden, nicht wahr, gnädiges Fräulein, wenn Fräulein von Tollen nicht mitreitet?“

„Eine Quadrille?“ fragte Käthe.

„Famos!“ rief Gusti burschikos und winkte dem Diener, daß er die gefüllten Gläser präsentire. „Haben die Herren schon über die Kostüme gesprochen; ich dachte, die Uniform eines der alten kurbrandenburger Regimenter zum Beispiel müßte sich gut machen – was, Käthe?“

„Kann sein; aber ich – ich mag nicht,“ antwortete diese.

„Mag nicht? Wetten wir, daß Sie sehr bald mögen?“ rief Wegstedt.

„Du kommst morgen mit mir in die Reitbahn!“ entschied Gusti, „ich habe noch ein zweites Reitkleid; der Rock wird Dir wohl passen. Da setzen wir Dich einmal auf den Gaul – Du hast doch nicht etwa Angst?“

Käthes Augen blitzten verächtlich. „Ich werde mich morgen aufsetzen“ sagte sie, „an Courage fehlt es mir nicht; aber nur zum Spuß, denn ich –“

„Schön; also zum Spaß,“ unterbrach sie Wegstedt.

„Aber wollen Sie denn schon wieder fort, Fräulein von Tollen?“ rief die Hausfrau.

„Ach, bleiben Sie doch noch!“ scholl es vom Tisch herüber.

„Freilich bleibt sie,“ erklärte Gusti, „sie wird überhaupt nicht gefragt, ob sie will. Komm, wir gehen durch den Garten!“

Sie zog Käthe mit fort, und als sie durch die dunkeln Gänge streiften, wo hier und da Johanniswürmchen aufflammten, fragte Gusti leise. „Du, wer ist denn eigentlich der junge hübsche Mensch, der da drüben wohnt? Ist es der Sohn von Deiner alten Pastorin, zu der Du so oft gehst?“

„Ja!“

„Er sieht gut aus; er ist doch nicht etwa gefährlich?“

„Wieso?“

„Hm, frag’ nicht so dumm! Wegstedt sagt, er kommt so oft zu Euch; ist das wahr?“

„Ja, er ist – er – weißt Du, ein alter Freund von uns und – mein ehemaliger Lehrer.“

„Weiter nichts?“ fragte Gusti eindringlich.

„Nein!“ Käthe sagte es, ohne zu stocken.

„Nun, da wird sich Wegstedt ja beruhigen.“

„Ich verstehe Dich nicht.“

„Aber bist Du dumm! Verzeih’, Käthe, bist Du denn so ein Bähschäfchen, daß Du nicht merkst, wie Wegstedt bis über beide Ohren in Dich verliebt ist?“

„Ah, Unsinn! – In Dich vermuthlich!“

„In mich?“ Das klaug ganz mitleidig. „Du weißt so gut wie ich selber, daß ich nicht an ihn denke und an wen ich denke – nein – allen Ernstes, Käthe, Dich meint er.“

„Denkst Du an einen Bestimmten?“ fragte Käthe ablenkend, aber ihr Herz klopfte stark.

„Freilich! Ich bin schon seit vorigem Jahre heimlich verlobt; Papa will’s zwar nicht zugeben, hat den armen Menschen für ein Jahr auf Reitschule kommandiren lassen, es hilft ihm aber nichts; nebenbei finde ich es ganz reizend, heimlich verlobt zu sein und – aber davon sprechen wir nicht – Wegstedt –“

Käthe hielt sich die Ohren zu. „Hör’ auf!“ rief sie. Es war ihr, als tanzten Feuerfunken vor ihren Augen.

„Auch gut!“ sagte Gusti.

Schweigend schritten sie weiter. Auf der Landstraße jenseit der Hecke ging ein Bursche mit der Ziehharmonika, und ein paar Mädchen sangen die Worte zu dem traurigen Soldatenlied, das zu den Lieblingsweisen des Volkes jener Gegend gehört:

„Die Rosen blühen im Thale,
Soldaten marschiren ins Feld.“

Sie standen still und horchten dem Lied bis zu Ende;

„so geht’s, wenn ein Mädchen zwei Knaben lieb hat,
’s thut wunderselten gut –“

hub klagend der letzte Vers an. Käthe sandte einen dunkeln Blick hinüber, und ihre Rechte, die auf Gustis Arm lag, zitterte leise. „Es ist zu grausig,“ sagte sie scherzend, „daß er sie gleich todt sticht.“

„Was willst Du denn?“ fragte Gusti laut, „ich glaube, Meiner ermordete mich auch kaltblütig, wenn ich – –“ Sie stockte. „Na, den andern schösse er jedenfalls todt – und mich –“

„Dich, Gusti?“

„Strafte er mit Verachtung, wie ich es verdiente.“

Käthe sprach nicht mehr. Sie kamen nach einer langen Weile zu der Gesellschaft zurück.

„Ich muß wirklich heim,“ sagte sie. Sie sah sehr blaß aus.

„Ich begleite Sie,“ rief der kleine blonde Offizier und ging hinaus, um sich Säbel und Mütze zu holen.

Bis zum Thorweg ging Gusti mit, und heimlich zwickte sie Käthe in den Arm. „Der gute Wegstedt,“ flüsterte sie, und laut fügte sie hinzu. „Morgen nachmittag um 4 Uhr in der Reitbahn!“

„Ich weiß noch nicht,“ sagte Käthe unsicher.

Der junge Offizier schritt anfangs schweigend neben Käthe her. „Warum wollen Sie denn nicht reiten?“ fragte er dann.

„Es wäre eine Thorheit von mir,“ erwiderte sie; es klang bitter.

„Wieso?“

„Reiten lernen – ich hätte ja kein Pferd.“

„Kein Pferd? – hm! –“

„Nun also!“

„Aber es wäre doch nett, wenn Sie es gelernt hätten, – für später vielleicht.“

„Vielleicht!“ spottete sie; „lassen wir das, bitte!“

„Nein, ich will, daß Sie reiten lernen, alles andere findet sich.“

„Sie wollen das?“ fragte Käthe athemlos.

„Ja, Sie werden nicht immer in dem Neste hier und bei Ihrer Frau Mutter bleiben; wenn Sie zum Beispiel einmal meine Eltern besuchen, und das hat ja Tantchen Tollen schon versprochen, dann – dann wäre es doch schade, wenn Sie allein zu Hause sitzen müßten, nur weil Sie nicht reiten gelernt haben“

Sie waren während dieser Worte in die einsame Straße gebogen, in der sie wohnten. Am nächtlichen Himmel wetterleuchtete es hinter drohenden Wolken, schwül und dumpf athmete sich die Luft, durchzogen von den Flieder- und Jasmindüften, die aus den Gärten herüberquollen.

„Bei unserem Schlosse ist ein köstlicher Reitplatz,“ fuhr Wegstedt fort, „ganz mit hundertjährigen Linden umstanden. Es ist überhaupt nett da, in Wegstedten; die alte Burg hat Stimmung, wie die Maler sagen; sie ist unverändert, seitdem 1615 der letzte Nagel eingeschlagen wurde. Sie müssen wirklich bald ’mal kommen, Fräulein Käthe; schon der Ahnensaal ist interessant, und, denken Sie sich, just noch zwei Bilder haben da Platz – meines und das meiner künftigen Frau, – dann muß ein neuer etablirt werden. Können Sie sich vorstellen, daß mich manchmal die Neugierde plagt, zu wissen, wie das letzte weibliche Porträt wohl aussehen wird, das da neben dem meinen hängen soll dereinst?“ –

Sie erwiderte kein Wort. Sie standen jetzt vor der Thüre des kleinen Hauses, und Käthes Rechte lag auf dem Drücker; blendend weiß leuchtete die schmale aristokratische Mädchenhand durch die Dunkelheit, dann legte sich eine Männerhand mit leisem Druck über die ihre. Einen Augenblick zuckte sie schreckhaft auf, aber sie machte dennoch keinen Versuch, sich zu befreien.

„Käthe!“ klang es in ihr Ohr.

Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt.

Langsam, ihre Hand noch immer unter der seinen, bog er den Drücker, dann leitete er sie, ohne sie loszulassen in den Hausflur, und dort preßte er die zitternden Finger an seine Lippen. „Auf Wiedersehen!“ sagte er leise, denn von oben kam ein Lichtschimmer und floß dämmernd bis zu ihnen herunter.

Sie sah ihm einen Moment in die Augen und ging dann rasch der Treppenthüre zu, die Helene öffnete.

„Kamst Du denn mit Wegstedt?“ fragte diese, halb besorgt, halb erstaunt.

„Ja!“

„Aber das will Mama doch nicht, Käthe.“

„Ich wollte es auch nicht,“ klang es leise zurück, „aber wer kann dafür?“ Und Käthe lief nach einem hastigen „gute Nacht!“ an der Schwester vorüber in ihr Kämmerchen und starrte mit großen Augen in die Dunkelheit. Und plötzlich fing sie leidenschaftlich an zu schluchzen, wie immer, wenn sie nicht aus noch ein wußte. Dann, wann sie ausgeweint, wußte sie gewöhnlich, was sie wollte, und als heute der Paroxysmus vorüber war, wußte sie es auch.



[288] „Nicht so eilig!“ sagte der Doktor, der, aus der Schule kommend, Käthe in ihrem schwebenden Schritt vor sich hergehen sah. Von der Achsel flatterte ihr eine schwarze Schleife – sie hatte überhaupt mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht und schien es eilig zu haben.

„Wohin denn?“ fragte er und setzte den Strohhut wieder auf.

„Zu Kommandeurs in die Reitstunde.“

„Wer – Du?“

„Ja!“

Er war roth geworden. „Komm doch einen Augenblick zur Mutter mit herein, Käthe!“

„Ich habe keine Zeit.“

„Ich möchte Dich um etwas bitten, herzlich bitten.“

„Ich kann’s mir denken, ich soll nicht reiten.“

„Nein, das ist es nicht. Ich wollte Dich um Verzeihung bitten wegen gestern, ich war verstimmt, ich hatte Schulärger gehabt. Du sollst mir sagen, daß Du nicht mehr böse bist, Kind!“

„O, es ist nicht der Rede werth; ich will später kommen, Gusti und Wegstedt warten.“

„Nein, jetzt!“

„Warum?“

Sie standen an der Gartenthüre seines Grundstücks unter den Rüstern.

„Weil ich will; wir haben uns gestern abend unverantwortlich benommen, und das verlangt Sühne.“

„Aber jetzt will ich nicht, Wegstedt wartet.“

„Wegstedt – was geht mich Wegstedt an? Du willst mich wohl eifersüchtig machen?“ Er sprach dies alles scherzend und öffnete die Thüre, um sie eintreten zu lassen. „Hast Du Angst, Euer blonder Verzug könnte ein wenig Wartenlassen übelnehmen?“ fuhr er fort. „Sicher nicht, zumal wenn er über kurz oder lang erfährt, daß Du mein Schatz bist und ich ihm nur aus Gnade und Barmherzigkeit erlaube, Dir seine Ritterdienste zu widmen.“

Sie trat hastig ein. „Du willst ihm sagen, daß wir –?“ fragte sie erregt.

„Verlobt sind,“ ergänzte er. „Ja, ich finde, es ist das Richtige. Er ist ja bei Euch wie zur Familie gehörig – kann es also wissen. Es bringt diese Heimlichthuerei auch allerhand Mißverständnisse zustande, und Deine Mama,“ – er sprach das mit veränderter Stimme und einem ernsten Zug im Gesicht – „Deine Mama hoffe ich bald zu erweichen, daß sie die Sache veröffentlicht; es hat wirklich keine Art so, Kind. Ich habe mir das gestern abend überlegt, als Du fort warst.“

Sie sah sehr bleich aus in diesem Augenblick.

„Wir können ja heute abend darüber reden, ich werde zu Euch kommen oder bist Du nicht zu Hause?“ fragte sie.

„Sicher, ich sage dann im Kegelklub ab.“

„Adieu!“ murmelte sie.

„Ohne ein freundliches Wort?“ fragte er. „Soll ich auch damit warten bis heute abend?“

Sie nickte kurz und wie verlegen, dann ging sie. Er sah ihr nach, wie sie hinunter schritt und im Gitterthor verschwand.

Keine Ahnung kam ihm, daß sie ihn schon verrathen hatte.

Er war die ganze Nacht schlaflos gewesen und hatte sich endlich klar gemacht, daß er sie heimholen wolle je eher, je lieber; dann sei sie vorbei, die folternde Unruhe, und er löse sein Wort als Ehrenmann ein. Die andere – war und blieb verloren für ihn. Es vergiebt sich viel im Leben, aber solcher Verrath nicht; es war eine Schwäche gewesen, angesichts der Schwester, der Vertrauenden, auch nur einen Gedanken rückwärts zu senden.

Er rief die Mutter heraus, legte seine Bücher auf einen Gartentisch und begann mit ihr über den Ausbau des Hauses zu sprechen, der noch im Sommer vorgenommen werden sollte. – –

Käthe stand bald darauf in Gustis kleinem Boudoir. Es hatte schwere bunt gestreifte Wollvorhänge, an den Wänden eine Masse englischer Bilder, den Reitsport betreffend, und in einem Winkel einen Ständer mit ausgesucht eleganten Fahr- und Reitpeitschen, Leinen und Hundehalsbändern. Auf dem Kaminteppich lagen drei reizende schwarzbraune Teckel. Der Schreibtisch war besetzt mit Terracottahunden und -pferden und verschiedenen Bildern der Lieblinge. Ecke große Photographie, eines jungen Offiziers zu Pferde, hing über dem Sofa, ferner die Porträts der königlichen Familie und einiger berühmter Sportsmänner. Ueberall Sessel und Sesselchen; am Fenster, halb versteckt unter den Vorhängen, als ob er sich schäme, ein Nähtisch, dessen Platte ein rothes Sammetkästchen trug, mit Elfenbeinwappen verziert. Daneben lag wirklich eine weibliche Arbeit, Flanellstreifen, die höchst kunstlos aneinander genäht waren – Binden für die Pferdebeine. Ein einziger Bücherschrank nahm die eine Schmalwand ein; er enthielt eine Bibliothek, die in ihrer Auswahl entschieden einem schneidigen Kavalleristen Ehre gemacht hätte.

Die junge Herrin dieses Zimmers lehnte in einem Schaukelstuhl; schon im Reitkleid, wartete sie ihres Besuchs und rauchte, sich langsam wiegend, eine Cigarette, deren Rauch sie höchst kunstgerecht in Ringeln in die Luft blies. Sie war ein kleines zierliches Geschöpf, wie ein Püppchen gewachsen, hatte ein mageres Gesicht mit etwas sonnengebräuntem Teint, der aber nicht schlecht aussah zu den grauen merkwürdig großen Augensternen, den kirschrothen Lippen und der Fülle dunkelblonder Haare über der Stirn.

„Endlich kommst Du!“ rief sie Käthe zu und sprang aus dem Stuhl; „nun rasch in das Reitkleid, Hans Wegstedt wartet schon.“

Sie schob Käthe in das anstoßende Schlafzimmer und half ihr bei der Reittoilette.

„Da nimm die Jokeymütze; ich setze den Hut auf – so! famos siehst Du aus, und nun komm! Was, gewebte Handschuhe? Die kannst Du nicht anziehen. Passen Dir welche von mir? Versuch’s.“

„Ist das Dein Bräutigam?“ fragte Käthe, das Bild des Offiziers über dem Sofa ansehend, indem sie mühelos in die Handschuhe fuhr mit ihren schlanken Händen.

„Errathen! – Das Pferd ist ‚Caressa‘, das fünfmal im Derby gefiegt hat; einmal in Hamburg, dreimal in Berlin und einmal in Baden-Baden. Das letzte Mal sogar gegen Wegstedts berühmten ‚Pompoer‘ um eine halbe Nasenlänge.“

„Wegstedt hält Rennpferde?“

„Warum sollte er’s nicht? Der kann’s doch aushalten?“

„Kennst Du seine Eltern?“ forschte Käthe und wurde roth.

„Ob! Letzten Winter in Berlin war ich auf zwei Bällen bei ihnen. Sie machen ein brillantes Haus. Die Mutter vom Hans ist enfant gâtée bei Hofe, eine liebenswürdige Dame und echt vornehm. Der kleine Hans sieht seinem Vater ähnlich, er hat gar nichts von der stattlichen Mutter; aber ein netter Junge ist er, was, Käthe? Und so der einzige,“ fuhr sie fort, „der ganze Verzug der Eltern. Sie thun einfach alles, was er will, damit ihr Herzblatt zufrieden ist – übrigens wirklich ein guter Kerl.“

„Haben sie denn auch in Berlin ein Haus?“ Käthes Augen waren immer größer geworden.

„Nein; aber eine Wohnung in der Nähe des Pariser Platzes, eine prachtvolle Etage. Was meinst Du, Schatz, was die kostet? Mehr als ein General Gehalt bekommt. Und entzückende Equipagen haben sie! Na, mit einem Wort, Schatz, der Hans ist eine Partie! Aber nun komm!“

Sie liefen eilig die Treppe hinunter und aus dem Hause, denn Gusti mahnte, Papa warte nicht gern und sei auch schon in der Bahn.

„Ist er reich, Dein Bräutigam?“ fragte Käthe während des eiligen Gehens.

„Bah, reich – ja – nein; er könnte mehr brauchen wegen der Pferde – Aber wir werden schon durchkommen; Papa giebt mir eine anständige Zulage. Was heißt reich? Wir haben eben außer Wegstedt keinen wirklich Reichen beim Regiment.“

Sie waren am Eingang eines großen Fachwerkgebäudes, das der Rath der Stadt als Reitbahn hatte aufführen lassen, angelangt. Der Oberstlieutenant stand vor der Pforte neben Wegstedt und wartete.

„Ist ‚Lillith‘ da?“ rief Gusti, „denn Käthe soll ‚Lillith‘ bekommen, ich nehme Deinen ‚Goldjungen‘, Papa.“

„Aber keine Mätzchen machen, bitte!“ rief der Vater.

Sie lachte hell auf und lief voran in den großen, trotz des draußen herrschenden Sonnenlichtes leicht dämmerigen Raum. Dort standen die Thiere, drei an der Zahl, Wegstedts ‚Bella‘, der ‚Goldjunge‘ und die ‚Lillith‘.

Mit einem leisen Wiehern begrüßte letztere ihre Herrin, die den schlanken Hals klopfte und ihr einen Kuß auf das weiße Fleckchen oberhalb der Augen gab.

„Sei gut, Du trägst eine Anfängerin heute,“ schmeichelte sie, „keine Sprüngelchen machen, dear Lillith.“

Sie saß bald darauf auf des Vaters Goldfuchs, der heute einen Damensattel trug, und amüsierte sich über den Eifer Wegstedts, der Käthe nach ein paar verunglückten Versuchen in den

[289]
Die Gartenlaube (1889) b 289.jpg

Eine merkwürdige Thierfreundschaft: Luchs und Kaninchen im Zoologischen Garten zu Berlin.
Nach der Natur gezeichnet von Heinrich Leutermann.

[290] Sattel gehoben hatte und ihr nun einen Vortrag über Zügelhilfen und Sitz im Sattel in für Laien unverständlichen Ausdrücken hielt.

„Das Gleichgewicht im Sattel ist der Kernpunkt für die Reiterin,“ rief der Kommandeur dazwischen.

Käthes Gesicht, das allerliebst unter der kecken Mütze aussah, strahlte vor stolzer Freude.

„Himmlisch!“ jubelte sie, „o, ich fürchte mich gar nicht! Ist es so recht? Danke tansendmal! Es ist ja ganz einfach.“

Die Herren lachten.

„Alle Achtung!“ rief der Kommandeur, als ‚Lillith‘ dem ‚Goldfuchs‘ an der Bande entlang nachging im Schritt und die tannenschlanke Gestalt des Mädchens davontrug.

„Ist auch Talent, Herr Oberstlieutenant,“ rief entzückt der kleine Ulan zurück.

„Das stimmt, das Mädel sitzt wie ein Alter.“

Käthe war ganz schwindlig vor Entzücken. Sie sah zu Wegstedt hinunter und fing einen langen, ernsthaften Blick von ihm auf.

Mit spielender Geschicklichkeit begriff sie, was man ihr zeigte, und als ihre erste Lektion beendet war, stand sie herzklopfend, überselig neben dem Kommandeur und sah zu, wie Gusti und Wegstedt über rasch herzugestellte Bretter sprangen. Sie war einfach Feuer und Flamme. Sie fühlte sich gehoben, begeistert, in ihrem wahren Lebenselement.

„Nun?“ fragte der kleine Offizier, als er dicht vor ihr absprang und, das Pferd am Zügel, zu ihr trat.

„Ach, es ist wonnig!“ sagte sie.

„Also der Unterricht geht fort?“

„Ja!“ rief sie stürmisch.

Er sah ihr lächelnd in die Augen. Sie standen abseits in dem weiten Raum. – Der Kommandeur war am andern Ende der Bahn neben Gusti, die jetzt, auf ‚Lillith‘ sitzend, spanischen Tritt reiten wollte und sich mit dem Thier im Kampf darüber befand.

„Wart, Du Faulpelz!“ scholl ihre klingende Stimme herüber.

„Wie gefällt Ihnen meine ‚Bella‘?“ fragte Wegstedt jetzt; „sie geht brillant als Damenpferd, es ist keine falsche Ader an ihr,“ setzte er hinzu und kraute die Stirn des zierlichen Rappen.

„Ach, sehr schön!“

„Gut, dann reiten Sie sie! Mama hat noch Damensättel in Fülle, sie soll einen schicken. Sie können sich sehr bald ins Freie hinaus wagen.“

Sie antwortete nicht, sie sah wie träumend in eine herrliche Perspektive hinein. Da stand im Hintergrunde ein stolzes Schloß, und darin hohe Säle, und in dem einen hing ganz am Ende ein Bild, ein dnnkles Köpfchen mit braunen glänzenden Augen – ach, wer ist denn das?

Freifrau Katharina von Wegstedt, geborne von Tollen – ah!

Sie lächelte und bog die Reitgerte. – Entzückend war sie in diesem Augenblick!

In der Seele des jungen Offiziers stand in diesem Moment genau das nämliche Bild. So, so wie sie da eben sei, wolle er sie malen lassen, dachte er, und sein ehrliches, verliebtes Herz war von der Freude geschwellt, diesem armen kleinen Mädchen seine fast fürstlichen Reichthümer zu Füßen legen zu können. Gusti hatte recht, er war ein so guter kleiner Mensch, der Hans Wegstedt, und wie im Taumel bei dem Gedanken, daß dieses zigeunerhaft reizende Geschöpf ihn liebte; und daß sie das that, das wußte er seit gestern abend.

„Käthe!“ sagte er leise.

Sie hob die Wimpern und sah ihn an. Wenn noch etwas gefehlt hätte, um ihn ganz in Fesseln zu schlagen, so war es dieser scheue und doch glühende Blick – er traf wie Funken in ein Pulverfaß.

„Käthe, ich habe Sie so unsinnig lieb,“ sagte er halblaut und rückte die Mütze noch schiefer auf dem blonden Kopfe, „und Sie müssen – Käthe, zum Kuckuck, ich kann keine Worte machen – Sie müssen mich heirathen!“

Sie lehnte an der Bande, rosig, verschämt, erstaunt ob des stolzen Glückes, das sie plötzlich in die Arme nahm, um sie hinwegzutragen aus der Armseligkeit ihres jetzigen Lebens. – Langsam senkten sich die dunklen Wimperm über den durstigen, verlangenden Augen; sie war das Urbild eines süß verschämten glückseligen Mädchens, das zum erstenmale von Liebe hört.

„Käthe, sagen Sie ‚ja‘!“ flüsterte er.

Er war dunkelroth geworden vor Entzücken.

„Ich halt’s nicht mehr aus, Käthe,“ flüsterte er, „ich kann Sie nicht sehen so, ohne Ihnen um den Hals zu fallen“ stieß er hervor, „auf Wiedersehen! Ich mache jetzt einen Ritt – ich –“ Er war im nächsten Moment auf der ‚Bella‘, nahm mit einem prächtigen Sprunge die Barriere des Eingangs und war verschwunden.

Sie sah auf einmal völlig verändert aus, bleich wie zum Tode erschreckt.

„Gusti,“ rief sie der Reiterin entgegen, die eben im eleganten Trab daherkam, „ich möchte heim.“

„Genier’ Dich nicht! – Bist Du sehr müde? Es strengt anfänglich kolossal an. – Wo ist denn Wegstedt?“ rief Gusti.

„Fortgeritten!“

„Ah, geh nur, zieh Dich um, laß Dir von der Jungfer helfen. ‚Lillith‘ ist eigensinnig, das darf ich ihr nicht durchgehen lassen, entschuldige mich!“

Käthe ging und vergaß, sich von dem Vater der Freundin zu verabschieden; sie war in einem unbeschreiblichen Seelenzustand. Sie wußte hinterher nicht mehr, wie sie in ihre Kleider und auf die Straße und von da in Tante Melittas Wohnzimmerchen gelangt war. Nicht wie eine Dame hatte sie den Weg zurückgelegt, sie war gelaufen wie ein Schulkind, das zu spät zu kommen fürchtet, und athmete auf, daß sie unangehalten an dem Schönbergschen Hause vorübergeschlüpft war.

Sie warf sich, ohne anders guten Tag zu sagen als mit einem stummen Kopfnicken, in die Sofaecke und ließ Tante Melitta sich über ihr echauffiertes Aussehen wundern, so viel sie wollte.

„Bist Du ein launisches Ding,“ schalt die alte Dame endlich ärgerlich, „hast Du Dich etwa mit Deinem geliebten Ernst gezankt? Aber dann suche Dir künftig einen andern Trotzwinkel; weißt Du, wenn man hierherkommt, so spricht man wenigstens.“

„Ja, gleich, Tante, laß mich nur, ich habe Kopfweh.“

„Vielleicht hast Du Hunger,“ sagte das kleine gutmüthige Fräulein, das blasse verstörte Gesicht der Nichte betrachtend, „bist Du etwa weit gegangen?“

„Nein, ich hatte die erste Reitstunde, mir zittern alle Glieder.“

„Nu, das ist kein Wunder; na warte nur!“ Und Tante Melitta ließ in dem winzigen Stübchen nebenan, das die Stelle des Eßzimmers bei ihr vertrat, noch ein Couvert auf den sauber gedeckten Tisch legen und servierte Käthe ein zierliches Glasschälchen mit saurer Milch.

Da saß nun das Mädchen mit ihr und rührte die Speisen nicht an. Ihr ekelte vor dem Essen; sie fühlte sich so merkwürdig schwach.

„Ja, ja,“ sagte eben das alte Fräulein, dem es prächtig schmeckte, „sehr entzückend das Reiten, aber – es paßt eben nicht recht für den Lebensweg, den Du Dir ausgesucht hast; – Du mußt hübsch zu Fuße gehen. Hättest Du doch gewartet! Wozu bist Du so eilig gewesen mit Deinen achtzehn Jahren? Und in den Karten lag so etwas Brillantes für Dich – der Wegstedt, Käthe, der –“

Es war so dunkel jetzt, daß Tante Melitta die Röthe auf des Mädchens Wange nicht mehr sah.

Käthe erhob sich plötzlich, rief ein „Gute Nacht!“ zurück und lief davon. Eine furchtbare Angst jagte sie heim. – Wenn Wegstedt nach Hause gekommen wäre und hätte schon Tantchen Tollen Mittheilung gemacht, daß – –? Das durfte nicht sein, um Gottes willen nicht. Sie wußte, daß er sie mit keinem Blick wieder streifen würde, wenn er von der Mutter erfuhr: „Aber lieber Hans, Käthe ist ja schon gebunden.“ –

Sie riß die Hausthür auf; stockdunkel war es im Flur, nur die geöffnete Gartenthüre gegenüber zeichnete sich als ein dämmergraues Viereck ab, und von da draußen herein schollen Stimmen. Sie schlich auf den Zehen bis hinüber zu der Thüre. Unter der Linde schimmerte ein weißes Tischtuch, und mehrere Personen saßen dort. Sie hatten sich im Garten zusammengefunden, die Mutter, Helene, Hans Wegstedt – sie sah ihn jetzt deutlich trotz der tiefen Dunkelheit; schattenhaft hob sich seine Gestalt ab, er saß rittlings auf dem niedrigen Gartenschemel, die Arme auf der Rücklehne desselben. Alles andere verschwamm im tiefen Schwarz der Sommernacht.

[291] Eben sprach Frau von Tollen, und es antwortete ihr eine Männerstimme.

Käthe sank unwillkürlich auf die Schwelle nieder und blieb da auf den Knieen liegen, den schwindelnden Kopf an die steinerne Einfassung der Thüre gelehnt. Auch er? Beide! Mein Gott, was sollte das werden? In wirrem Durcheinander jagte es sich hinter ihrer Stirn. Eine erdrückende Furcht lähmte sie förmlich; zum ersten Mal kam ihr eine brennende Scham, das Gefühl ihres Unrechtes, Todesangst vor der Entwicklung der Dinge, die sie frevelhaft ins Dasein gerufen.

Die Herren sprachen jetzt ausschließlich. Die Stimme des einen und des andern scholl abwechselnd in ihr Ohr – einmal auch ihr Name.

„Wo bleibt nur Fräulein Käthe?“ Das war Wegstedt.

„Ich denke, sie wird bei meiner Mutter sein,“ erwiderte Ernst.

„Ich glaube, sie sitzt mit Fräulein Gusti zusammen und hält Pferdegespräche,“ meinte Wegstedt. „Apropos, heute ist ja Kegelabend, warum sind Sie nicht da, Herr Doktor?“

„Und warnm Sie nicht, Herr Lieutenant?“

„Ich? Mir war der Abend zu schön für den Petroleumqualm und den Cigarrendampf in dem dumpfen Lokal, und es ist doch eigentlich ein ödes Vergnügen.“

„Ich hatte ähnliche Betrachtungen,“ bemerkte der Doktor.

„Merkwürdig,“ entgegnete Wegstedt nachlässig, „und Sie sind doch einer der besten Spieler!“

Frau von Tollen mischte sich mit leiser Stimme ins Gespräch. Helene fragte, ob es nicht zu kühl sei für die Mutter.

Dann sprach Wegstedt wieder. „Tantchen Tollen, ich schreibe heute noch an Mama. Haben Sie etwas zu bestellen? Ich versprach nämlich Fräulein Käthe einen Damensattel.“

„Das ist ja Unsinn, Hans,“ wehrte die Majorin verstimmt.

„Gar kein Unsinn, Pardon, – warum?“ Er sprach das sehr ungeduldig. „Wenn Sie sie nur gesehen hätten auf dem Gaul; ich wollte, sie käme erst, damit sie –“ Er brach ab.

„Ich glaube nicht, daß sie vor zehn Uhr kommt,“ hatte Helene gesagt.

„Und allein geht sie so spät?“ fragte der junge Offizier.

„Tantchen, das dürfen Sie doch nicht leiden!“ – Und plötzlich erhob er sich. „Ich gehe vielleicht doch noch in den Kegelklub.“

Käthe flog empor, ins Haus zurück und die Treppe hinan. Auf der obersten Stufe blieb sie sitzen. Sie hörte, wie er sporenklirrend über den Hausflur schritt, dann war er fort. „Gott sei Dank, heute abend spricht er nicht mehr mit Mama – aber Ernst –“. Sie kehrte wieder zurück auf ihren Lauscherposten.

Richtig! Ernst sprach. es sei doch besser, gerade unter den obwaltenden Verhältnissen, daß die Verlobung veröffentlicht werde. „Ich kam deshalb her, gnädige Frau, aber die Gegenwart Herrn von Wegstedts hielt mich ab, zu sprechen. Lange möchte ich Sie heute auch nicht mehr aufhalten, es wird feucht; nur bitten möchte ich, daß Sie meinen Vorschlag überlegen.“

„Lieber Schönberg, ich will es überlegen. Sie können wohl recht haben,“ klang es traurig.

„Freilich, Mama, es wäre das Beste für Käthe,“ sagte Helene, „es ist das Richtige; sie wird trotzig und unberechenbar durch den Zwang der Heimlichkeit. Sie hat den Herrn Doktor sehr lieb, und Du weißt ja, Mamachen, wenn wir Tollensmädel einmal einen gern haben, dann haben wir ihn ordentlich gern, und wenn wir zehn Jahre auf ihn warten sollen. Also verkürze dem armen Ding die Qual.“

Zum zweiten Male ergriff Käthe die Flucht. Des Doktors freundliches „Gute Nacht!“ an Mutter und Schwester scholl herüber. Diesmal flüchtete sie am Hause entlang hinter die Himbeerstauden an der Mauer. Sie kam erst hervor, als sie alle den Garten verlassen hatten, und setzte sich wieder auf die Schwelle. Sie wollte warten auf Hans Wegstedt. Gott mochte geben, daß er vor zehn Uhr kam, er durfte morgen noch nicht mit Mama sprechen, erst müßte der andere – der andere erfahren, daß – sie preßte die Hände ineinander – daß sie sich geirrt, als sie ihn zu lieben geglaubt, daß sie erst jetzt wisse, was eigentlich Neigung bedeute.

Und sie wartete da in der weichen duftenden Nacht, angstvoll zum Verzweifeln und doch selig ob dieses neuen Sieges über Hans Wegstedts Herz; schwelgend in der goldigen Zukunft, die ihr winkte, und durch dies alles in einen fieberhaften, halb besinnungslosen Zustand versetzt. Die Uhr des Gymnasiums schlug Zehn; sie zählte halblaut mit. „Nur noch eine Viertelstunde will ich warten,“ sagte sie. Merkwürdig, es fror sie auf einmal so, trotz der Schwüle, die Zähne schlugen ihr ordentlich leise aneinander und die Stirne ward ihr feucht.

In der ehemaligen Küche, jetzt Burschenstube, rührte es sich. Der junge Soldat ging pfeifend über den Flur, um in des Lieutenants Zimmer die Lampe anzustecken. Dann kam er zurück mit einer Wasserflasche, strich dicht an Käthe vorüber und verschwand in dem dunkeln Garten. Käthe hörte die Pumpe gehen und den Burschen dazu pfeifen:

„Die Rosen blühen im Thale,
Soldaten marschieren ins Feld.“

Ihr gestriges Gespräch, als sie das Lied mit angehört, fiel ihr ein, und plötzlich wollte ihr das Herz stillstehen vor eiskalter Gewissensangst! Oben ward jetzt ein Fenster aufgemacht.

„Käthe, bist Du da?“ rief die Stimme der Schwester.

Sie wandte sich ins Haus und stieg die Treppe empor; es war ihr, als habe sie Blei in den Füßen, so schwer wurden ihr die paar Stufen, und mitten auf der Treppe mußte sie sich halten, denn wieder schüttelte sie der Frost, und der Kopf begann heftiger zu schmerzen.

„Aber mein Gott, wo steckst Du denn?“ fragte Helene, „Du weißt doch, Mama ängstigt sich, wenn Du nicht pünktlich kommst. Warst Du bei Deiner Schwiegermutter?“

„Nein, bei Tante Melitta. Gute Nacht!“

Sie saß noch stundenlang und schrieb. Mitunter weinte sie, dann flog wieder ein stolzer Zug um ihren Mund und ein Lächeln. Jetzt wieder mußte sie aufhören, so elend fühlte sie sich, so schmerzte sie der Kopf. Endlich war sie fertig. „Bewahre ein freundliches Andenken Deiner Käthe von Tollen,“ hatte sie geendet. Sie konnte sich nicht entschließen es noch einmal durchzulesen, dieses Stammeln um Verzeihung, dieses Schuldgeständniß und diese Anklagen.

Sie schob die engbeschriebenen Seiten in ein Couvert und adressirte dasselbe. Als sie den Brief mit dem goldgesprenkelten Siegellack siegeln wollte und dazu den Wappenring, ein Konfirmationsgeschenk der Eltern, vom Finger zog, sah sie zufällig auf und in den kleinen Spiegel, der über dem Tischchen hing, an dem sie saß. Ein blasses, erschrecktes Gesicht blickte ihr mit einem Paar großer, flackernder Augen, unstet, wie die Schuld sie hat, entgegen; die Stirn lag halb verschattet vom zerwühlten Haar. – Unheimlich war das Bild. Und droben, in der Ecke des Glases, schimmerte wie bei einem alten Gemälde der Tollensche Wappenhund auf silberner Mauer, den sie gemalt; „Treu und fest“ stand darunter. Sie starrte wie gebannt in den Spiegel, ein furchtbares Grauen beschlich sie. Ihr war, als sähe sie des Vaters Gesicht hinter sich – zürnend, drohend.

„Was ist aus Dir geworden, Käthe?“ meinte sie zu hören. „Du bist aus der Art geschlagen, Käthe, aus der ehrlichen, vornehmen Art der Tollens; Du bist eine – Betrügerin!“

Wie eine Verfolgte sprang sie auf und barg den Brief in der Kleidertasche, und sie flüchtete sich in ihr Bett und zog die Decke über sich. Wieder schüttelte sie ein kurzer Frost, dem eine glühende Hitze folgte.

„Lieber Gott, hilf mir nur noch dies einzige Mal!“ flehte sie. Es war ihr, als säße sie auf dem Pferde, und das rase mit ihr im Kreise herum, immer herum, immer herum, bis sie schwindlig wurde und alles vor ihr versank.

Dann ertappte sie sich dabei, daß sie sprach; sie erschrak darüber. Wie kam sie dazu, nach Lore zu rufen? Lore war doch nicht hier, Lore war in dem Krankenhause zu Berlin, und ihr stilles Gesicht bog sich vielleicht eben über ein fieberndes sterbendes Menschenkind.

„Bleib bei mir, Lore,“ sagte sie, denn sie sah greifbar deutlich die Schwester vor sich, „bleib bei mir, ich will anders werden, Lore, ich will vernünftig sein, ich will alles an Ernst bestellen; sei mir nur nicht böse und laß mir den Hans. O mein Kopf, mein Kopf!“ Und sie streckte die Arme nach der Thür aus und saß aufrecht im Bett mit wahnsinniger Angst. „Ich will noch nicht sterben, ich will’s ja wieder gutmachen, was ich gethan. Singt nur das schreckliche Lied nicht mehr!“ Und als sie wieder zurückfiel in die Kissen, flüsterte sie. „’s thut wunderselten gut, wunderselten, Gusti, er darf ihn nicht todtschießen!“

(Fortsetzung folgt.)


[292]
Blätter und Blüthen.


Deutschlands merkwürdige Bäume: Alte Linde auf dem Schloßwalle zu Pyrmont. (Mit Abbildung S. 277.) Der Erdboden zu Pyrmont, aus welchem blutstärkendes und blutbildendes Wasser hervorquillt, scheint auch den Pflanzen, namentlich den Bäumen, besonders zuträglich zu sein. Das überaus kräftige Grün zeugt davon und das Alter vieler mächtiger Stämme, welche die herrlichen Alleen und Parkplätze zieren. Eine Linde auf dem Schloßwalle thut sich besonders hervor; lustig ist sie durch Jahrhunderte fortgewachsen, ohne bis jetzt einen Abgang an Kräften zu zeigen, wenn nicht die zum Theil unverhältnißmäßig langen und dabei nach den Spitzen zu ungewöhnlich dünnen Ausläufer der Aeste dahin zu deuten sind. Diese lose herunterhängenden, dem Greisenhaare vergleichbaren Zweige würden gewiß noch ausgebreiteter auf der Erde lagern, wenn nicht die Hauptäste, von welchen sie kommen, mit Ketten und Krampen aneinander geschlossen wären; man bemerkt indeß kaum etwas davon. Der Stamm des gewaltigen Baumes hat einen Umfang von über 7 Meter.

Der Schloßwall soll sehr alt sein. Schon im Mittelalter bestand das mit Kasematten versehene fürstliche Schloß und hat verschiedene Belagerungen ausgehalten. Unter dem Laubdache haben viele Geschlechter geruht: gepanzerte Ritter und ihre Frauen und der Troß ihrer Hörigen; Landsknechte und Soldaten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges; dann gelehrte Männer, das Zöpfchen im Nacken, gepuderte und geschminkte Damen; Friedrich der Große und seine Begleiter, Goethe, ja so ziemlich alles, was die neuere Zeit in Deutschland an hervorragenden Männern und Frauen aufzuweisen hat; dazu viele Gäste aus fremden Landen.

Allem Anscheine nach wird der uralte Lindenbaum noch lange fortgrünen, wenn neuer Geschlechter Erinnerungen unseres Heute als einer verblaßten Vorzeit gedenken.

Robert Geißler.


Frithjof bei König Ring. (Zu dem Bilde S. 280 und 281.) Auf seinem Bilde zeigt uns Ferdinand Leeke, wie der tapfere Nordlandssohn Frithjof, der Held der vielgefeierten und in Deutschland durch zahlreiche Uebersetzungen eingebürgerten schwedischen Dichtung Tegners, bei König Ring erscheint, der Frithjofs Geliebte, Ingeborg, als Gattin heimgeführt hat; sie folgte gehorsam dem Willen ihres Bruders, dem sie dadurch Krone und Reich rettete.

Wir sehen den König aus dein Hochsitz thronen, während Ingeborg auf seinen Wunsch dem Gast, welcher sich als Frithjofs Freund ausgegeben und erklärt hat, ihn gegen eine Welt beschirmen zu wollen, das Trinkhorn reicht:

„Der König lacht’ und sagte: ,Das heißt gelockt zum Streit;
Doch frei ist jede Rede, wo König Ring gebeut.
Gieß’ Wein ins Horn ihm, Kön’gin, den besten, den du hast,
Der Fremdling, will ich hoffen, ist unser Wintergast.’

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Da nahm die Frau, die edle, das Horn, das vor ihr stand,

Das Kleinod, einst die Zierde des Urs, in ihre Hand,
Auf blanken Silberfüßen, mit goldner Reifen Wehr,
Das Vorzeitbilder schmückten und Runenschrift umher.
Mit zücht’gen Augen reichte dem Gast das Horn sie dann,

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Doch ihre Hand erzittert und etwas Wein verrann.

Wie abendrother Purpur bestrahlt der Lilien Rand,
So glühn die dunklen Tropfen ihr auf der weißen Hand.“

Wie schmerzlich auch diese Begegnung sein mag, wer die Dichtung kennt, der weiß ja, daß Frithjof und Ingeborg nicht auf ewig geschieden sind, daß nach König Rings Tode der starke Held der geliebten Jugendfreundin die Hand zum dauernden Bunde reichen wird.

Die Nordlandsscenerie ringsum auf unserem Bilde gemahnt uns, daß König Ring ein Friedensfürst war, der aber auch die Waffen siegreich zu führen wußte; in seiner Umgebung zeigen sich reckenhafte Gestalten neben andern, deren Gesichtszüge das Gepräge einer milden Weisheit tragen; auch fehlt es nicht an zarten und kräftigen Frauen, welche den Hof des mächtigen Herrschers verschönen. Und an seine Seite schmiegt sich eines jener Kinder aus erster Ehe, für welches er in Ingeborg die Mutter gewann.


Das Viktoriahaus für Krankenpflege in Berlin. Weit ab von dem eleganten Westend, dessen Glanz den Besitz und die Macht des neuen Reiches versinnbildlicht, erhebt sich in dem bescheidenen, gewerbfleißigen Osten eine Anstalt, die ihrerseits von den großartigen Leistungen der Reichshauptstadt auf dem Gebiete der Humanität Zeugniß ablegt: das städtische Krankenhaus im Friedrichshain. Erbaut nach dem neuen Grundsatze getrennter Einzelhäuser, umfaßt es mit seiner Mauer eine eigene kleine Welt, außerhalb deren der große Verkehr brandet, während innerhalb friedliche Stille herrscht und nur die Interessen der Kranken und der Wissenschaft gepflegt werden. Ein blühender Garten, der Aufenthalt der Genesenden, ist rings umgeben von hellen prachtvoll eingerichteten Krankensälen und Operationszimmern, jedes wissenschaftliche Hilfsmittel der Neuzeit steht den leitenden Aerzten, Sanitätsrath Hahn und Professor Fürbringer, zu Gebote. Was aber diese Anstalt vor vielen ihresgleichen voraus hat, das ist ein Pflegepersonal ersten Ranges, der Stab von „Viktoriaschwestern“, welche die Opferfreudigkeit der Diakonissin und barmherzigen Schwester mit einer von den genannten Aerzten geleiteten gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung vereinigen.

Es gehört zu den größten Verdiensten der Kaiserin Friedrich, das segensreiche Viktoriahaus gestiftet und ausgestattet zu haben, welches diese Schwestern ausbildet und zur Pflege überallhin entsendet. Nicht nur das Krankenhaus im Friedrichshain, sondern zahlreiche andere Stationen sind den Viktoriaschwestern anvertraut, vor allem das Seehospiz für kränkliche Kinder in Norderney, von dessen ausgezeichneter Wirksamkeit wir in Nr. 29 des Jahrgangs 1888 der „Gartenlaube“ berichtet haben. Das Viktoriahaus zählt gegenwärtig 86 Schwestern, die meisten davon wirken im Friedrichshain, wo sowohl in den Räumen der chirurgisch Schwerkranken, als in den Frauen- und Kindersälen ihre geräuschlose, hilfreiche Gegenwart für Aerzte und Kranke unentbehrlich ist. Man muß es sehen, wie dankbar sich in den letzteren die blonden und braunen Köpfchen an die Brust der geduldigen Pflegerin schmiegen, und man wird einen unauslöschlichen Eindruck mit hinwegnehmen.

Außerhalb des Dienstes, der Tag oder Nacht über dauert, genießen die Viktoriaschwestern einer viel größeren persönlichen Freiheit als die religiösen Orden. Sie kehren zum Ausruhen in das freundliche schöne Viktoriahaus zurück, wo sie im Anschluß an eine pflichteifrige, vortreffliche Oberin ein familienhaftes beglückendes Heim finden; sie tragen dort ihre Privatkleidung und haben an ihrem wöchentlichen Ausgangsnachmittag die volle Freiheit, die jedes gesittete und gebildete Mädchen genießt, sie können in guter Begleitung Konzerte, Theater und Gesellschaften besuchen. Kein religiöser Zwang wird ausgeübt, die Anstalt trägt keinen konfessionellen Charakter, sondern beherbergt friedlich die verschiedenen Bekenntnisse. Die Gehaltsbedingungen bei völlig freier Station sind günstig, die Verpflichtung dauert immer nur zwei Jahre, nach Ablauf deren der Austritt erfolgen kann; der letztere ist indessen infolge besonderer Verhältnisse auch in der Zwischenzeit möglich. Der Beruf ist selbstverständlich kein leichter; Gesundheit, physische und moralische Kraft sind dazu nöthig, aber er lohnt mit reichem Segen den Muthigen und Thatkräftigen, die mit frohem Entschluß ihn ergreifen. Die Arbeit ist so ernst, so nothwendig, die Erfolge sind so groß und beglückend, daß die Schwestern darüber alles erlebte Schwere, oft sogar frühere Herzenswünsche vergessen und nur noch das eine Ziel vor Augen sehen: Menschenleben zu erhalten, zu retten.

Wollten doch recht viele ältere Mädchen, die innerhalb ihrer Familie über verfehlte Existenz nachdenken, diesem Beispiel folgen! Man macht heute im Suchen nach „Berufen“ so viel Anstrengungen, Pforten zu sprengen, die den Frauen noch verschlossen sind – hier aber steht eine weit offen, die noch nicht hinlänglich benutzt wird. Im kommenden Herbst übernehmen die Viktoriaschwestern ein neues großes Krankenhaus; der erste Lehrkurs hierfür begann mit dem 1. April, ein zweiter folgt am 1. Oktober. Gern würde die Vorsteherin noch eine Anzahl von Mädchen aus gebildeten Ständen aufnehmen, da es an Kräften fehlt. Wir wollen hiermit die Anregung dazu geben; möchte sie viele zu dem Entschluß bringen, ein bisher unbefriedigtes Dasein mit einem thätigen und dadurch zufriedenen und segensreichen zu vertauschen!

R. A.



Kleiner Briefkasten.



G. H. in München. Der Artikel „Ein nützliches Geburtstagsgeschenk“ hat in Ihnen den Wunsch nach ausführlicher Belehrung über Pflege und Erhaltung der Zähne rege gemacht. Sie finden dieselbe in dem vortrefflichen Buche von Geheimrath Dr. Süersen: „Anleitung zur Pflege der Zähne und des Mundes“, welches Sie zum Preise von M 2.- broschiert und M 2,50 gebunden durch ihre Buchhandlung beziehen können.

E. M. in Triest. „Elda“ ist uns nur als Name einer spanischen Stadt und eines Flusses bekannt. Eine Hallige dieses Namens giebt es unseres Wissen nicht.

W. in Stolp. Nach den uns zu Gebote stehenden Angaben sind die schwersten Lastpferde in ausgewachsenem Zustande rund 20 Centner schwer. Doch sollen auf einer Ausstellung zu Philadelphia Pferde bis zu 27 Centnern vorgeführt worden sein.

M. v. L. in Margonya, Ungarn. Die Erzählung „Der Mann im Mond“ ist von Wilhelm Hauff nicht aus einer andern Sprache übersetzt, sondern als Originalroman verfaßt worden, und zwar als eine Parodie auf die süßlich ungesunde Manier der Romane H. Claurens. Wilhelm Hauff ist längst todt; er starb, erst 25 Jahre alt, am 18. November 1827, also vor beinahe 62 Jahren.