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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1883
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[545]

No. 34.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Ueber Klippen.

Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)


Es war Sonnabend Abend. Hansel hatte mit der Geliebten eine Zusammenkunft verabredet, und als seine Eltern sich zur Ruhe begeben hatten, verließ er das Haus zu dem beschwerlichen Gange. Wohl machte er jetzt einen weiten Umweg, aber er würde zehnmal so weit gegangen sein, um die Geliebte zu treffen.

Und reichlich wurde er für den mühseligen Weg belohnt. Er traf Moidl bereits seiner harrend unter dem Felsen, sie trocknete ihm den Schweiß von der Stirn und schmiegte sich fester an ihn, um ihn zu erwärmen. Dann erzählte sie ihm, wie ihr Vater sie mit jedem Tage mehr dränge, dem Unterburgsteiner ihre Hand zu geben, wie er immer härter gegen sie werde und gedroht habe, sie zu verstoßen.

„Harre aus!“ suchte Hansel die Weinende zu beruhigen. „Er verstößt Dich nicht, und wenn er es thäte, dann weißt Du, bei wem Du Schutz findest. Mein Vater würde Dich mit Freuden in sein Haus aufnehmen.“

„Mein Vater würde mich enterben,“ warf das Mädchen ein.

„Moidl, wär’ das ein so groß Unglück?“ rief Hansel heiter. „Oder glaubst Du, ich rechne auf den Oberburgstein? Von dem Tag, an welchem Du mein wirst, will ich allein für Dich sorgen und meine Ehr’ darein setzen, daß die Leute sagen: des Hansel’s Frau hat es gut, die braucht Keinem nachzustehen. Mach’ Dir keine Sorgen und nimm ein drohendes Wort Deines Vaters nicht zu streng. Ich denk’, wenn Du ausharrst, dann wird David endlich selbst die Geduld verlieren und Dich aufgeben. Es steigt ihm schon jetzt das Blut in den Kopf, wenn seine Freunde ihn fragen, wann die Hochzeit sei. Ich kenn’ ihn auch, das erträgt er nicht lang’, er ist zu hochmüthig, um sich hänseln zu lassen, eines Tags wird er der Sache ein End’ machen und an andre Thür pochen.“

Zweifelnd schüttelte Moidl mit dem Kopfe.

„Ich würde ihm alles Gute wünschen, aber er thut’s nicht,“ entgegnete sie. „Und mein Vater würde seinen Sinn auch dann noch nicht ändern.“

„Doch, Moidl,“ fuhr Hansel fort. „Ein Leid hab’ ich ihm ja nie zugefügt, ich bin ihm zu gering und ich kann ihm nicht zürnen, wenn er mit seiner Tochter höher hinaus will. Das Gehöft meines Vaters ist herabgekommen, wenn er aber sieht, daß es durch mich wieder in die Höhe kommt, wenn er gewahr wird, daß ich keine Arbeit scheue und es weiter bring’, dann wird auch er ein Einsehn haben, denn er weiß, daß hier allein durch Fleiß etwas zu erreichen ist.“

„Du kennst seinen harten Kopf nicht, der bricht, ehe er nachgiebt.“

Trotzdem gelang es Hansel, die Geliebte mehr und mehr zu beruhigen, denn Alles, was er ihr sagte, wünschte ja ihr eigenes Herz.

Es war schon spät geworden, und er kehrte heim. Der Himmel war mit grauen Wolken bedeckt, die den Mond nicht durchdringen ließen, trotzdem war es nicht dunkel, der Schnee leuchtete und ließ ihn deutlich den Weg erkennen. Es begann langsam zu schneien. Er schritt schneller. Noch einmal wiederholte er im Geiste jedes Wort, welches Moidl zu ihm gesprochen hatte. Der Weg führte anfangs durch den Wald, dann zog er sich an einem ziemlich steil abfallenden Abhange zwischen Felsblöcken hin. Er ging langsamer, denn er mußte Obacht geben, daß sein Fuß nicht zwischen Steine gerieth.

Da blitzte es in geringer Entfernung vor ihm auf, und es war ihm, als ob er gleichzeitig einen Schlag auf den Kopf erhalte. Zurücktaumelnd brach er zusammen. Wenige Minuten lag er betäubt da, dann raffte er sich wieder auf, ohne sofort zu fassen, was geschehen war. Mit der Hand griff er nach dem Kopfe, der ihn schmerzte, aber er fühlte keine Verletzung. Es war ihm, als ob er einen Schlag erhalten habe, der ihn noch etwas betäubte.

Zur Gegenwehr gerüstet, blickte er sich um, aber er sah Niemand, es war still ringsnm. Seitwärts lag sein Hut im Schnee, er hob denselben empor, und jetzt erst wurde das Geschehene ihm klar. Der Hut war durchlöchert. Die Kugel, die seinem Kopfe gegolten, hatte denselben nur gestreift und ihn für kurze Zeit betäubt.

Er sah seinen Gegner nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben erfaßte ihn ein banges Gefühl. Er trug keine Waffe bei sich. Konnte nicht jeden Augenblick aus sicherem Versteck eine zweite Kugel auf ihn gesandt werden? Sich zusammenraffend sprang er in wilden Sätzen den Abhang hinab. Er dachte nicht daran, wie leicht er zwischen den Felsblöcken stürzen könne. Das Glück war ihm indessen günstig. Ungefährdet langte er im Thale an. Jetzt hatte er nichts mehr zu fürchten. Der Schnee fiel in immer dichteren Flocken nieder. Langsam stieg er zu dem Gehöft seines Vaters empor. Die Gefahr, der er kaum entgangen war, hatte sich lähmend auf seine Glieder gelegt. Der Weg wurde ihm schwer.

Ueber Eins war er nicht einen Augenblick lang im Zweifel: [546] die Kugel hatte seinem Leben gegolten, und er wußte, wer sie geschossen hatte.

Die Tücke hatte er David nicht zugetraut. Die Feigheit des Mordanschlages empörte ihn.

Wäre der Unterburgsteiner ihm offen entgegengetreten, er hätte es ihm verzeihen können. Diese That zeigte ihm, wie groß der Haß des Bauern gegen ihn war, es war jetzt zwischen ihnen ein Kampf auf Leben und Tod, und es war nicht einmal ein ehrlicher Kampf, denn aus einem Hinterhalte war in feiger Weise auf ihn geschossen. Das lag schwer lastend auf ihm. Gab es für ihn einen Schutz gegen die Tücke eines Meuchelmörders? Konnte sich derselbe nicht jeder Zeit an ihn heranschleichen und ihn durch eine Kugel niederstrecken, wenn er bei der Arbeit war?

Erschöpft und in Schweiß gebadet langte er in dem Hause seines Vaters an.

Er dachte an Moidl und ihre Verzweiflung, wenn der Anschlag Davids gelungen wäre. Dann hätte sie keinen Schutz mehr gehabt.

Er wollte am folgenden Morgen die Stelle des Ueberfalls wieder aufsuchen, er wollte nach den Spuren des Tückischen spähen, sie mußten ihm den Beweis geben, daß der Unterburgsteiner auf ihn geschossen hatte, denn die großen Füße desselben mußten zum Verräther werden. Aber selbst diese Hoffnung wurde ihm vernichtet, denn immer dichter fiel der Schnee und mußte schon jetzt jede Spur überdeckt haben.

Es war spät in der Nacht, als er sein Bett aufsuchte, und spät am folgenden Morgen erwachte er, es war ihm noch wüst im Kopfe.

Als er zu seinen Eltern in das Zimmer trat, blickte seine Mutter ihn besorgt an.

„Du siehst bleich aus, Hansel,“ sprach sie.

„Es ist nichts,“ entgegnete er und setzte sich an den Tisch, auf welchem der Napf mit dem Milchbrei stand. Aber nur wenige Bissen genoß er, dann legte er den Löffel auf den Tisch. Sein Auge blickte auf die alte Wanduhr.

„Wollt Ihr nicht in die Messe gehen?“ fragte er vor sich hinstarrend, denn die Tücke des Unterburgsteiners beschäftigte seine Gedanken.

„Hast Du nicht gesehen, wie stark es in der Nacht geschneit hat?“ warf sein Vater ein. „Wir beiden Alten können nicht in’s Thal hinab.“

„Auch Du solltest heute nicht hinab gehen!“ sprach seine Mutter.

„Weshalb nicht?“ rief Hansel, sich aus seinen Gedanken aufraffend.

„Es ist keine Bahn.“

„Nun, Einer muß sie zuerst machen,“ fuhr Hansel fort. „Mich kümmert der Schnee nicht, denn den Weg find’ ich schon. Mir soll Niemand nachsagen, der Schnee sei für mich zu hoch gewesen, um zur Messe zu kommen. Er hat früher oft noch höher gelegen und ich hab’ mich als Junge durchgearbeitet, wenn ich Morgens zur Schule ging. Das war ein Hauptspaß, wenn ich bis an die Schulter einsank und mich wie ein Maulwurf durchwühlte.“

Die Alte blickte mit stolzem Lächeln auf ihren Sohn.

„Du bist immer ein verwegener Bub’ gewesen,“ sprach sie.

„Es hat mir nicht geschadet, Mutter,“ entgegnete Hansel und verließ die Stube.

In Hast zog er seine Sonntagsjoppe an, denn aus dem Thale klangen bereits die Glockentöne, welche zur Messe riefen, zu ihm empor. Er nahm den Hut vom Nagel, und als er die Löcher in ihm erblickte, da zitterte seine Hand. Zum ersten Male wurde er sich bewußt, wie tief er David haßte.

Er stieg zum Thal hinab. Der Schnee lag hoch, aber er brach sich nicht mit lustigem Uebermuthe wie früher durch ihn Bahn. Der Oberburgstein war in Nebel gehüllt, wie eine feste Wand zogen sich die Wolken an dem Berge hin. Nur das Gehöft des Unterburgsteiners lag hell vor ihm, als ob es ihn herausfordern wolle.

Das alles wirkte verstimmend und erbitternd auf ihn. Der Schnee machte ihn müde.

Als er endlich in die Kirche trat, hatte die Messe bereits begonnen. Langsam, den durchlöcherten Hut in der Hand, schritt er zwischen den Kirchenstühlen vor und blickte nicht zur Seite, um die Andacht nicht zu stören. In der Mitte des Ganges blieb er stehen, hob den Hut zum Munde empor und flüsterte leise sein Vaterunser in denselben hinein.

Dann erst blickte er sich um und zuckte unwillkürlich zusammen, als er unmittelbar neben seinem Feinde stand. Sein Auge begegnete dem starren Blicke des Unterburgsteiners, er sah, wie dessen Gesicht erbleichte, wie seine große Gestalt zitterte. Der Tückische hatte ihn todt und unter dem Schnee begraben gewähnt, und nun stand er plötzlich an seiner Seite.

Glühend leuchtete sein Auge, einige Secunden hielt der Unterburgsteiner diesen Blick aus, dann trat er wankend zurück. Es trieb Hansel, vor ihn hinzuspringen, ihn an der Brust zu erfassen und ihm laut in’s Gesicht zu rufen, daß er einen Meuchelmord habe begehen wollen – die Heiligkeit des Ortes hielt ihn zurück.

Die Messe war beendet.

Als Hansel die Kirche verließ, suchte sein Auge vergebens seinen Feind, derselbe hatte vor ihm das Gotteshaus verlassen. Mit seinen Freunden trat er in das Wirthshaus. Es gährte und stürmte in ihm, denn die ganze Aufregung seit der Nacht zitterte in ihm nach.

Das bleiche Gesicht und der starre, erschreckte Blick David’s hatte ihm die Gewißheit gegeben, daß er sich in seinem Verdachte nicht geirrt, und doch konnte er nicht vor ihn hintreten und ihn anklagen, denn er durfte nicht gestehen, daß er mit der Geliebten sich getroffen hatte.

An dem Nebentische hatten sich mehrere Freunde des Unterburgsteiners niedergelassen, was kümmerte es ihn! Er trank hastig, um den in ihm zehrenden Groll zu bekämpfen, aber der Wein fachte denselben nur noch mehr an. Die Stelle seines Kopfes, welche die Kugel gestreift hatte, brannte wieder.

Die Freunde des Unterburgsteiners am Nebentische sprachen über dessen bevorstehende Hochzeit, sie schätzten ab, wie viel sein Gehöft gewinnen werde, wenn er auch die Felder, die Wiesen und den Wald des Oberburgsteiners sein nennen werde.

„Dann thut es ihm Keiner mehr gleich,“ sprach ein Bauer. „Wenn ich der Oberburgsteiner wär’, ich gäb’ ihm meine Tochter auch, denn einen bessern kann er nicht für dieselbe finden.“

Der Alte dachte nicht daran, Hansel zu kränken, er wußte nicht einmal, daß dieser die Moidl liebte, aber den jungen Burschen traf jedes Wort wie ein Stich. Er hätte aufspringen und dem Alten zurufen mögen, daß die Moidl nie das Weib des hochmüthigen Burschen werde; er beherrschte sich und ließ die Worte in sich zehren und seinen Groll noch erhöhen.

Hansel’s Freunde hatten keine Ahnung, was in ihm vorging, denn er lachte laut und stieß mit ihnen an, daß die Gläser klirrten.

„Hansel,“ rief der Sepp Plankensteiner, um den Freund zu necken, „der David war gestern Abend hier. Wir sprachen von Deinem Glück, welches Du auf der Gemsjagd hast, denn bis jetzt bist Du noch nicht leer heimgekehrt. Er behauptet, das letzte Thier, welches Du gebracht, sei ein Bock gewesen, der aus Alter verendet, Du habest ihn an der Stöckelspitz gefunden.“

Wie ein Feuer an der Lunte langsam glühend hinschleicht und weiter zehrt, bis sein erster Funke das Pulver erfaßt und zum Explodiren bringt, so war es mit Hansel’s Erregung. Es hatte gezehrt und gezehrt an ihm, seine Freunde hatten nicht bemerkt, wie das Feuer still weiter geglommen war, der Scherz des Freundes war der Funke in’s Pulverfaß.

Wie ein Blitz schnellte er von seinem Sitze empor, seine Wangen waren bleich, seine Augen glühten, sein ganzer Körper zitterte. Jede Selbstbeherrschung hatte ihn verlassen.

„Der David ist ein lügnerischer Bub’!“ rief er heftig, laut. „Wenn Du ihm begegnest, dann sag’ ihm, daß meine Kugel sicherer trifft als die seinige, und sag’ ihm, daß er mir ausweicht, denn ich habe etwas mit ihm auszumachen, was sich in Frieden nicht ausgleichen lasse. So soll es ihm ergehen!“

Er erfaßte sein Glas und schmetterte es so heftig auf den Tisch, daß die Splitter desselben bis zu der Decke des Zimmers flogen.

„Hansel, was ist Dir?“ riefen seine Freunde erschreckt, da sie seine Erregung nicht begriffen.

„Ich hab’ nur einen Scherz gemacht, Du hast ihn sonst verstanden,“ rief Sepp kleinlaut.

[547] Hansel war erschöpft auf seinen Sitz zurückgesunken und blickte starr vor sich hin.

„Laß solche Scherze,“ sprach er ruhiger. „Aber was ich gesagt hab’, nehm’ ich nicht zurück. Sag’ dem Unterburgsteiner, daß meine Kugel sicherer trifft und daß er mir ausweicht, es ist besser für ihn und für mich.“

„Was hast Du mit ihm?“ rief Franz Steger.

„Laß,“ entgegnete Hansel abwehrend. „Gebt mir ein Glas und Wein! Wir wollen trinken!“

Um seiner Erregung Herr zu werden, trank er hastig Glas auf Glas, und der Wein verfehlte seine Wirkung nicht. Hansel war bald wieder so lustig wie früher.




Die Freunde des Unterburgsteiners unterließen es nicht, diesem, der in der „Post“ beim Wein saß, die wilde Drohung Hansel’s noch in derselben Stunde zu hinterbringen.

David, der bei dem unerwarteten Anblicke seines Feindes in der Kirche die Fassung verloren, hatte dieselbe längst wieder gewonnen. Er war klug genug, sich zu gestehen, daß er jeden Verdacht nur durch ein unbefangenes und heiteres Benehmen von sich abwenden könne.

In ihm zehrte freilich der Haß.

„Was Dir einmal mißlungen ist, wird das zweite Mal nicht fehlschlagen!“ flüsterte es in ihm.

„Ich lache über die Drohung des Welschen!“ rief er. „Es hat ihn übermüthig gemacht, weil er mich beim Raufen geworfen, aber er soll nicht denken, daß ich mich vor ihm fürcht’!“

„Er ist ein verwegener Bursch’, weich’ ihm aus,“ mahnte ein älterer Bauer.

„Weshalb? Ich fürcht’ ihn nicht,“ entgegnete David. „Aber ich wüßt’ nicht, wo unsere Wege sich kreuzen sollten,“ fuhr er ruhiger fort. „Zu seinem Gehöft steig’ ich nicht hinauf, und auf dem Unterburgstein hat er nichts zu suchen. Begegnen wir uns im Thal – nun, da ist der Weg breit genug. Ich such’ keinen Streit mit ihm, will er ihn indeß beginnen, so kann es mir recht sein.“

„Weshalb hat er einen so heftigen Groll auf Dich?“ fragte der Bauer.

„Er hat’s mir nicht gesagt, aber ich kann’s mir denken,“ gab David lachend zur Antwort. „Er hat ein Aug’ auf die Moidl geworfen und wahrscheinlich geglaubt, er brauch’ nur heimzukehren, dann werde der Oberburgsteiner ihm seine Tochter antragen, weil er in Wien gewesen ist. Der Oberburgsteiner denkt aber anders, er will kein welsches Blut in seiner Nachkommenschaft, er meint auch, mein Gehöft sei etwas besser, als das des Haidacher’s, das vielleicht der nächste Sturm über den Haufen werfen wird, das scheint den Burschen zu ärgern. Mich kümmert’s nicht, denn ich geh’ meinen eigenen Weg und ich hab’ auf meinem Gehöft so viel zu schaffen, daß mir nicht Zeit bleibt, nach dem zu schauen, was Andere treiben.“

Seine Freunde gaben ihm Recht, denn so dachten auch sie.

Die Nachwirkung der heftigen Erregung auf Hansel blieb nicht aus. Er war an dem folgenden Tage niedergedrückt. Welchen Weg sollte er einschlagen, um sich gegen die Tücke seines Feindes zu schützen? Daß David den Anschlag auf sein Leben nicht aufgegeben habe, war er fest überzeugt.

Er dachte daran, zum Oberburgsteiner zu gehen und ihm zu sagen, welche That Der begangen habe, dem er seine Tochter geben wolle; er wußte, daß dies den Bauern empören würde, denn so hart und eigensinnig er war, sein Charakter war ein rechtschaffener. Aber hatte er Beweise, daß David die Kugel abgeschossen? Durfte er verrathen, daß er mit Moidl sich getroffen hatte?

Und wenn es ihm auch gelang, den Oberburgsteiner von David’s Schuld zu überzeugen, stieg denn dadurch seine eigene Hoffnung?

All diese Gedanken warf er schnell von sich. Eins stand in ihm unerschütterlich fest; er konnte Moidl nie aufgeben, er mußte sie sehen und sprechen. Aber wie sollte er zu ihr gelangen, ohne daß David im Stande war, seinen Weg zu entdecken und ihm aufzulauern? Einen größeren Umweg konnte er nicht machen, denn weiter am Berge hinauf schob sich eine jäh abfallende Felswand vor. Oberhalb des Unterburgsteins mußte ihn sein Weg immer durchführen.

Eine Möglichkeit gab es vielleicht noch, den Oberburgstein zu erreichen. In der Nähe desselben zog sich eine Thalsenkung den Berg empor. Herabströmende Wassermassen, wenn es regnete oder im Frühjahre der Schnee auf dem Berge schmolz, hatten vielleicht seit Jahrhunderten an den Felsen genagt und eine Rinne in dem Berge hervorgerufen. Bis zu der Höhe des Oberburgsteins lag Steingeröll in derselben, dann trat der glattgewaschene, nackte Felsen bis zu der Spitze des Berges hervor.

Er kannte diese Schlucht sehr genau. Als Knabe hatte er öfter mit den Gaisbuben ein Wettklettern veranstaltet, und wer auf dem Gerölle sich bis zum Oberburgsteine emporarbeitete, galt als Sieger. Das war freilich zur Sommerzeit gewesen, wenn kein Wasser in der Schlucht floß, im Winter, wenn Schnee die Steine deckte, hatte er es nie versucht. Er wußte auch Niemand, der es gewagt hatte, denn jeden Winter, wenn der Schnee nicht fest lag oder im Thauen begriffen war, stürzten Lawinen, die sich oben an der steilen und glatten Bergspitze bildeten, in dieser Schlucht nieder.

Er wollte diesen Gedanken als unausführbar zurückweisen, aber immer wieder kam er darauf zurück. Er konnte es ja versuchen, Gefahr war augenblicklich nicht damit verbunden, denn der Schnee lag fest. Dort lauerte ihm der Unterburgsteiner sicherlich nicht auf, denn daß er hier den Aufstieg wagen werde, konnte er nimmer vermuthen.

Vom Thale aus konnte er die Schlucht nicht ersteigen, denn an einer Stelle fiel sie mehr denn zwanzig Fuß hoch senkrecht herab. Die Hälfte des zum Unterburgsteine führenden Weges mußte er emporsteigen und sich dann am Bergesabhange hinwenden, bis er die Schlucht erreichte.

Als der Abend, an dem er Moidl zu treffen versprochen hatte, gekommen war, rüstete er sich sorgfältiger, als bisher, zu dem Wege. Er hatte aus Wien einen Revolver mitgebracht, den ihm ein Freund geschenkt. Ihn steckte er in seine Joppe, um dem Unterburgsteiner, wenn ihm derselbe entgegentreten sollte, nicht wehrlos gegenüberzustehen, er nahm seinen Bergstock und mit frischem Muthe verließ er das Gehöft seines Vaters.

Ungefährdet gelangte er bis zu der Schlucht und begann, sich in ihr emporzuarbeiten.

Es war ein unsagbar schwieriges Unterfangen, und nur langsam kam er weiter, denn der Schnee lag hoch und für jeden Tritt mußte er erst einen sicheren Grund gewinnen. Ohne Bergstock würde es ihm kaum möglich gewesen sein. Mehr als einmal mußte er stillstehen, um seine Kräfte zu sammeln.

Aber glücklich, wenn auch verspätet, langte er oben an und eilte dem Platze zu, wo er die Geliebte traf.

Moidl hatte ihn schon seit geranmer Zeit erwartet.

„Ich befürchtete schon, Du werdest heute nicht kommen – es sei Dir ein Unfall begegnet,“ sprach sie, indem Hansel sie in seine Arme schloß.

„Ich bin glücklich da!“ rief Hansel, über das Gelingen seines Wagnisses erfreut. „Es war ein beschwerlicher Weg – ich bin in der Schlucht aufgestiegen.“

„In der Schlucht?“ wiederholte das Mädchen halb erstaunt und halb erschreckt, denn sie hatte dies für unmöglich gehalten. „Weshalb?“

„Ich mußte den Weg wählen, denn der Unterburgsteiner trachtet mir nach dem Leben,“ entgegnete Hansel. Er erzählte, mit wie genauer Noth er der Kugel des Bauers entgangen und wie derselbe erbleicht war, als er unerwartet am folgenden Morgen in der Kirche an seine Seite getreten.

„Jesus Maria!“ rief Moidl erschreckt und umklammerte ihn fester. Der Gedanke an die Gefahr, in welcher der Geliebte geschwebt, machte sie erzittern. „Du darfst nicht mehr zu mir kommen,“ fuhr sie fort. „Ich will Alles ertragen, um Dein Leben zu bangen, halt ich nicht aus.“

„Ich komm’ dennoch, denn ich ertrag’ es nicht, wenn ich Dich nicht sehen kann,“ rief Hansel heiter. „Du brauchst Dich nicht zu sorgen, der Weg in der Schlucht ist ein mühsamer, aber zum zweiten Male wird er mir leichter werden, denn ich habe Bahn gebrochen. Dort sucht David mich nicht. Mag er jetzt hinter irgend einem Felsen auf der Lauer liegen. Die Zeit wird ihm lang werden, bis er mich trifft.“

[548] Moidl war nicht im Stande, das Gehörte zu überwinden.

„Weshalb hast Du ihn nicht angeklagt?“ sprach sie.

„Kann ich beweisen, daß er auf mich geschossen hat?“ entgegnete Hansel. „Ich weiß, daß er es gethan hat, denn ich besitze außer ihm keinen Feind, der einer solchen That fähig wäre, sein Erbleichen in der Kirche hat mir die volle Gewißheit gegeben; dem Richter würde das nicht genügen. Und wenn es genügte, ich würde es dennoch nicht thun. Soll ich verrathen, daß ich mich mit Dir getroffen hab’? Dein Vater wär’ im Stande Dich einzuschließen und Tag und Nacht wie eine Gefangene zu bewachen. Die Leut’ würden reden, und Dein Ruf ist mir so heilig wie ein Muttergottesbild.“

„Hansel, wir dürfen uns in langer Zeit nicht wieder treffen,“ sprach das Mädchen mit fast lautloser Stimme. „Ich entbehr’ ja mehr wie Du, denn ich hab’ hier oben Niemand, aber sei meinetwegen ohne Sorge, mein Herz gehört Dir, und es giebt keine Menschenmacht, die mich Dir untreu machen könnt’.“

„Und es giebt auch keine Macht, die im Stande wär’, mich zurückzuhalten,“ unterbrach Hansel sie, mit beiden Armen sie umschlingend. „Laß mich gewähren, Moidl! Einmal muß ich Dich wenigstens jede Woche sehen. Sieh, ich fühle, daß eine wilde Kraft in mir lebt. Du milderst und besänftigst dieselbe, Dein Blick genügt, um das Blut in meinen Adern ruhig fließen zu lassen, Du giebst mir die Kraft zur Arbeit. Jedes Wort, welches Du zu mir gesprochen, wiederhole ich mir immer und immer; sieh, mein Herz lacht, wenn ich den Oberburgstein im Sonnenschein liegen seh’, und wenn er in Wolken gehüllt ist, dann ist es mir, als ob um mich Nacht wär’. Dann umschleicht mich der Gedanke, daß Du mir doch genommen werden könntest, und ich fühle, wie es in meinen Schläfen pocht! Ich muß Dich sehen und sprechen, Du bist mein guter Geist.“

„Ich will es bleiben,“ sprach das Mädchen leise. „Aber der Weg in der Schlucht ist zu gefährlich.“

„Jetzt nicht, denn der Schnee ist fest. Trag’ meinetwegen keine Sorge,“ suchte Hansel die Geliebte zu beruhigen. „Jeden Sonnabend Abend komm’ ich hierher, aber jeden Tag send’ ich viel Grüße zum Oberburgstein. Fang’ sie nur auf, Moidl, daß sie nicht in unrechte Hände gerathen,“ fügte er scherzend hinzu.

Die Liebenden trennten sich. Der Abstieg wurde Hansel viel leichter, denn durch den Bergstock hatte er eine sichere Stütze. Ungefährdet langte er im Thal wieder an.

(Fortsetzung folgt.)




Die internationale landwirthschaftliche Thierausstellung in Hamburg.

Von Harbert Harberts.

In Hamburg liegt zwischen dem Holsten- und Millernthore, eine Grenzscheide zwischen der inneren Stadt und der volkreichen Vorstadt St. Pauli bildend, ein weites, circa dreißig Hectaren umfassendes Feld, das Heiligengeistfeld genannt. In den ersten Tagen des diesjährigen Julimonats war dasselbe in eine förmliche Budenstadt verwandelt, aus deren Mitte eine thurmgezierte große Halle emporragte, und von den Dächern dieser Budenstadt flatterten die Fahnen aller civilisirten Länder, den internationalen Charakter der landwirthschaftlichen Thierausstellung, die hier abgehalten wurde, andeutend.

Man könnte verwundert fragen: wie kommt die Handelsstadt Hamburg dazu, eine Ausstellung zu veranstalten, die lediglich Zwecken der Landwirthschaft dient? Die Antwort auf eine solche Frage ist eine leichte, denn Landwirthschaft und Handel stehen ja unter sich im innigsten Connex, und der letztere ist fortwährend auf die Producte der ersteren angewiesen. Landwirthschaft und Handel ergänzen sich unter einander, und die Blüthe der einen setzt auch die des anderen voraus. Dessen ist man sich in Hamburg vollauf bewußt und hat seit langer Zeit sein Bestreben darauf gerichtet, thatkräftig an der Hebung der deutschen Landwirthschaft mitzuwirken. So hat denn Hamburg in den letzten zwei Jahrzehnten bereits vier große Ausstellungen veranstaltet, die lediglich der Landwirthschaft zu dienen bestimmt waren. Im Jahre 1863 sah das Heiligengeistfeld eine Allgemeine landwirthschaftliche Ausstellung, die noch heute in den Kreisen der Fachleute als eine Berühmtheit in ihrer Art gilt; 1877 folgte eine große Molkereiausstellung, und bereits 1878, also nur ein Jahr später, eine internationale landwirthschaftliche Maschinenausstellung. Die letzte Thierausstellung hat das vierblättrige Ausstellungskleeblatt rühmlich vervollständigt.

Die Idee und die gelungene Ausführung dieses Unternehmens gingen von einem Kreise von Männern aus, die sich in Hamburg sämmtlich einflußreicher Stellungen erfreuen. An der Spitze der Direction stand der bekannte steinreiche Importeur Albertus von Ohlendorff, der selbst im Holsteinischen und Mecklenburgischen bedeutende Landgüter besitzt und sich auch um alle vorhergehenden landwirthschaftlichen Ausstellungen hervorragend verdient gemacht hat. Letzteres muß gleichfalls von Dr. Richard Seelemann gesagt werden, der als Schriftführer einen wahren Berg von Arbeitslast zu bewältigen hatte. Als Ehrenpräsidenten fungirten der hamburgische Bürgermeister Dr. Kirchenpauer und der preußische Staatsminister Dr. Lucius. Die Stellung eines Ehrenpräsidenten des aus einer großen Anzahl Capacitäten auf landwirthschaftlichem Gebiete bestehenden Preisrichtercollegiums hatte sogar ein regierender deutscher Fürst, der Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha übernommen, der seine mühevollen Functionen mit gewissenhaftem Eifer erfüllte. Die Direction und das Executivcomité hatten nach den angestrengtesten Vorarbeiten die Genugthuung, am 3. Juli eine fertige Ausstellung eröffnen zu können.

Wir gehen sofort zur Ausstellung selbst über. Sie zerfiel in neun große Abtheilungen, die der Reihe nach Folgendes umfaßten: 1) Pferde; 2) Rindvieh; 3) Schafe; 4) Schweine; 5) Bienen, Geräthe für die Bienenzucht, Producte der Bienenzucht; 6) Fische; 7) Geflügel; 8) Stallungen und sonstige Aufenthaltsräume für die Thiere der Abtheilungen 1 bis 4 und 6 bis 7, sowie Maschinen und Geräte, welche in unmittelbarer Beziehung zur Zucht und Wartung oder zur Verwendung vorstehender Thiere stehen; 9) wissenschaftliche Forschungen und Ergebnisse (Literatur, Lehrmittel) aus dem Gebiete der Thierzucht.

Die Abtheilung für Pferde war eine der interessantesten. Nicht wenig trug dazu die Einrichtung eines besonderen großen Vorführungsringes bei, der mit einer Zuschauertribüne versehen und trotz eines nicht geringen Eintrittsgeldes immer stark besucht war. Im Ganzen waren 551 Pferde ausgestellt und in zwei Hauptclassen geschieden, in die der Pferde zu Zuchtzwecken und in die der Gebrauchspferde. Unter den Pferden zu Zuchtzwecken nahm naturgemäß das englische Vollblut einen hervorragenden Platz ein, denn dasselbe dominirt gegenwärtig und hat dem einst so hochberühmten arabischen Vollblut längst den Rang abgelaufen. Das englische Vollblutpferd übertrifft jede andere Pferderasse an Ausdauer und Leistungfähigkeit, und die Züchter aller Länder verwenden es seit Jahren zur Verbesserung ihrer heimischen Rassen mit dem sichtlichsten Erfolge. Die Abkunft derjenigen Pferde, die von Hippologen für echtes englisches Vollblut gehalten werden wollen, muß auf das „General Stud-Book“ zurückgeführt werden können, in welchem Buche man schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Stammbäume der Rennpferde zusammenstellte. Dieses alte englische Zuchtregister hat in den Stutbüchern anderer Länder, wo englische Vollblutpferde eingeführt und rein weiter gezüchtet wurden, Fortsetzungen erfahren, die in ihrer Gesammtheit wichtige Documente auf dem Gebiete der modernen Thierzucht bilden.

Aus Vermischungen von englischem Vollblut mit anderen Rassen sind edle Halbblutpferde hervorgegangen, ferner schneidige Reit-, Jagd- und Soldatenpferde, wie sie besonders trefflich in Hannover und Ostpreußen gezüchtet werden, und endlich die sogenannten Carossiers, von denen prächtige Exemplare aus Holstein, aus Oldenburg und Ostfriesland ausgestellt waren. Unter den fremden Pferden erregten die Shire–horses, die der Züchter Walter Gilbey aus Sudenham-Hall in Essex ausgestellt hatte, durch ihre Erscheinung gerechtfertigtes Aufsehen.

Die Thiere, von denen unser Bild den Hengst „Gay Spark“ (Nr. 1) und die Stute „Startling“ (Nr. 2) wiedergiebt, sind von geradezu kolossalen und doch dabei eleganten Körperformen. Ihr Aussteller hatte sie außer die programmmäßige Concurrenz gestellt,

[549]

Aus der internationalen Thierausstellung in Hamburg.
Originalzeichnung von M. Delfs.
1. Shire-Hengst „Gay Spark“ . 2. Shire-Stute „Startling“. 3. Vollblut „May Day“. 4. Englisches Vollblut „Monkshood“. 5. Norischer Hengst. 6. Arabisches Vollbut „Amurath“. 7. Ostpreußischer Stier. 8. und 9. Schweizerisches einfarbiges Vieh. 10. Polled-Angus. 11. Telemarken-Vieh 12. Widder, Stammschäferei Münchenlohra. 13. Widder, Althaldensleben, Besitzer von Nathusius. 14. Gesperberte Italiener. 15. Houdans. 16. Japanische Bantams.

[550] doch wurde ihnen der Ehrenpreis Hamburgischer Bürger (1000 Mark) zuerkannt. Von der Erscheinung echt englischer Vollblutpferde geben uns die beiden Abbildungen des Hengstes „Monkshood" (Nr. 3) und der Stute „May Day" (Nr. 4) ein treues Bild. Das erste Thier war von dem dänischen Kammerherrn und Rittmeister R. von Oppen-Schilden aus Livoe und das zweite von dem Rittergutsbesitzer Johannes Kellinghusen aus Maasleben in Schleswig-Holstein ausgestellt. Der von dem Majoratsherrn Ernst Lehnsgrafen von Schimmelmann-Lindenberg aus Ahrensberg ausgestellte arabische Vollbluthengst „Amurath" (Nr. 6) ist ein prächtiger Repräsentant des orientalischen Rosses, dessen Lob schon so viele Dichter gesungen haben. Das Thier, ein Schimmel mit rosafarbenen Nüstern, trägt durchaus reinen arabischen Typus. Die drei edlen Pferde wurden denn auch jedes mit einem ersten Preise ausgezeichnet.

Niedliche Thiere sind die aus Norwegen gesandten norischen und Gulbrandsdaler Pferde; die letzteren sind meist von gelber oder hellbrauner Farbe, haben schwarze Mähnen und einen schwarzen Streifen den Rücken entlang. Einen norischen Hengst, den Gerhard Martens aus Rosendal bei Bergen in Norwegen ausgestellt hatte und dem ebenfalls ein erster Preis zufiel, zeigt die Mitte unseres Gruppenbildes (Nr. 5).

Besonderes Interesse erregte auch der Viererzug Ponies, den der Thierhändler Heinrich Möller aus Hamburg von den Shetlandinseln bezogen und ausgestellt hatte. Die muthigen, glänzend schwarzen Thiere haben trotz ihrer kleinen zierlichen Gestalt lange üppige Mähnen und Schweife. Es war eine Freude, zu sehen, wenn dieselben, alle vier Hengste, im Ringe vorgeführt wurden und ihren Wagen in sausender Carriëre durch die Manege zogen.

Eine für Maulthiere reservirte Classe war vacant geblieben. Der Bankert schien es nicht gewagt zu haben, sich öffentlich neben seinem legitimen Halbbruder zu zeigen.

Die Abtheilung des Rindviehs war noch reicher beschickt als diejenige der Pferde. Nicht weniger als 983 Exemplare der „breitgestirnten Rinder" waren erschienen und kündigten schon von ferne den Besuchern der Ausstellung ihre Anwesenheit durch eine imposante Entfaltung wuchtiger Stimmmittel an.

Die Thiere waren in 33 Stallungen untergebracht, und diese zu durchwandern, mußte für Kenner wie für Laien ein Hochgenuß sein. Da sah man in bunter Reihenfolge die verschiedensten Rassen nach einander beisammen, und wenn man auch französisches Vieh vermißte, so trug doch diese Abtheilung einen ausgeprägt internationalen Charakter. Man erblickte Norddeutsche, Süddeutsche, Schweizer, Holländer, Engländer und Schweden. Die Marschschläge der Holländer, Oldenburger, unter denen sich besonders die von dem Gutsbesitzer John Funch aus Rastede ausgestellten Thiere hervorthaten, und Ostfriesen sind schöne schwarzbunte Thiere, und man sieht es ihren schweren Körperformen an, daß sie den grasreichen Niederungen entstammen.

Ein prächtiger Stier Holländer Rasse, der aus Westfriesland importirt und von dem Domänenpächter Hugo Schrewe aus Tapiau in Ostpreußen ausgestellt wurde, findet sich auf unserem Bilde (Nr. 7).

Zu den schweren Marschschlägen gehört auch das berühmte Wilstermarschlander und Breitenburger Vieh, doch hat dasselbe, abweichend von dem ebengenannten, eine rothbunte Färbung.

Leichter sind die sogenannten Geestschläge, die auf dem Höhelandsboden der norddeutschen Tiefebene gezüchtet werden, doch zeichnen dieselben sich durch eine entsprechend hohe Milchergiebigkeit aus, und unter ihnen steht allen voran die „Original-Angler-Vollblut-Viehrasse". Von derselben hatte die „Vereinigung Angler Viehzüchter" eine reiche Anzahl schöner Exemplare ausgestellt, und die zierlichen dunkelrothen Thiere mit ihren feinen Gliedern, ihren kleinen Köpfen mit den schlanken gewundenen Hörnern sahen mit ihren netzartigen Decken, in deren Ecke ein großes buntes Angeler Landschaftswappen prangte, prächtig aus. Für einen Beweis, wie hoch die Rasse selbst in der Werthschätzung der Ausländer steht, mag der Umstand gelten, daß ein Engländer für einen der ausgestellten Angeler Stiere 3000 Mark bot; der Besitzer forderte jedoch den Preis von 4000 Mark.

Wenn auch die Abtheilung von England aus nicht besonders stark beschickt war, so waren doch englische Rindviehrassen in Händen deutscher Aussteller zahlreich da, namentlich Shorthorns, die bekanntlich außerordentlich mastfähig sind, ferner Alderneys und Ayrshires, auch schottische Polled-Angus-Rinder, von denen unser Bild (Nr. 10) die von dem Grafen Alexander von Kielmannsegg auf Gülzow bei Lauenburg gezüchtete und ausgestellte „Stack Agnes" vorführt.

Hier ist der geeignete Ort, zu erwähnen, daß auf der Ausstellung auch ein deutscher Schlag ungehörnten Rindviehs vertreten war, und zwar in recht trefflichen Exemplaren. Die schönen Thiere sind von J. Jacobi auf Gut Stau bei Oldendorf in Hessen-Kassel gezüchtet worden. Diese erste deutsche ungehörnte Rasse entstand ohne jede Einmischung schottischen oder englischen Blutes, indem der Züchter einen prämiirten ungehörnten Stier des Weserviehschlages erwarb und mit ihm Ostfriesen, Oldenburg- und Wesermarschkühe kreuzte. Die Thiere zeichnen sich durch außerordentlichen Milchreichthum aus und haben eine Färbung vom hellsten Silber- bis zum dunklen Mausegrau. Wo Vieh in Laufställen gehalten wird, ist das Fehlen der Hörner ein wesentlicher Vorzug.

Melodisches Glockengeläute des Kuhreigens kündet uns an, daß wir uns den Stallungen nähern, wo das Höhenvieh der Alpen ausgestellt ist. Dasselbe bildet eine Zierde der Abtheilung im vollsten Sinne des Wortes; man erblickte nur ausgesucht schöne Thiere mit kräftigen Gliedern und breiten Köpfen. Unsern Lesern gewähren die Abbildungen (Nr. 8 und 9) des Schwyzer Stieres „Sultan" und der Bündner Kuh eine Vorstellung von der Beschaffenheit dieser prächtigen Rassen. Der Stier war von dem Landwirth J. Bruppacher in Rüschlikon und die Kuh von dem Nationalrath und Gutsbesitzer Andreas Rudolf von Planta zu Samaden und Tänikon bei Aadorf in der Schweiz ausgestellt.

Allseitiges Interesse erregten bei den Besuchern der Ausstellung die norwegischen Telemarkkühe von dem Agronomen Jens Jakobsen aus Okien in Norwegen, von denen unser Gruppenbild gleichfalls ein Exemplar aufweist (Nr. 11). Die in ihren feinen Formen und ihrer Zeichnung so hübschen Thiere tragen auf den Spitzen der Hörner Messingknöpfe und am Halse helltönende Glöckchen. Eine alte Norwegerin mit durchwetterten Gesichtszügen behütete in ihrer malerischen Landestracht auf der Ausstellung ihre Pflegebefohlenen.

Unter dem Gebrauchsvieh imponirten namentlich gewaltige Zugochsen.

Die dritte Abtheilung der Ausstellung enthielt 1192 Schafe. Die deutsche Schafzucht hat in den letzten beiden Jahrzehnten eine totale Umwälzung erfahren. Früher begnügten sich die deutschen Landwirthe, mit möglichst wenig Unkosten ihre Schafe zu züchten, deren Wolle als hauptsächlichster Ertrag gelten mußte. Erst in neuerer Zeit wenden die deutschen Schafzüchter auch dem Körper ihrer Thiere die nöthige Aufmerksamkeit zu und bemühen sich, neben dem Wollertrage tüchtige Fleischschafe zu erzielen. Man übt jetzt in den deutschen Schäfereien je nach der Beschaffenheit des Bodens und des Wirthschaftsbetriebes auf rationeller Grundlage die verschiedensten Zuchtrichtungen mit bestem Erfolge, wovon man sich auf der Ausstellung leicht überzeugen konnte. Ein Gang durch die betreffende Abtheilung war auch durch den Umstand besonders lehrreich, daß uns auf demselben die wesentlichsten, bei der Schafzucht in Betracht kommenden Rassen zu Gesicht kamen.

Französische Merinos, Rambouillets, Negrettischafe, englische Cotwolds, Southdowns, Shropshires, Hampshiredowns und andere, deutsche Kammwollschafe und Landschafe etc. waren in schönen Exemplaren vertreten. Namentliches Interesse beansprucht unter den specifisch deutschen Rassen das friesische Milchschaf, dessen reiche und fette rahmartige Milch besonders in den friesischen Bauernhäusern sehr geschätzt wird. Der Landwirth R. W. Weerda aus Accumersiel hatte schöne Thiere dieser Art ausgestellt. Im Ganzen steht Mitteldeutschland in Bezug auf die Schafzucht auf hoher Stufe, und hier glänzen in erster Reihe die sächsischen Lande. Prächtige Merinokammwollschafe hatten z. B. der renommirte Züchter Heinrich von Nathusius aus Althaldensleben und der Amtsrath Rudolf Rockstroh aus Münchenlohra in Sachsen ausgestellt. Von ersterem zeigt unser Gruppenbild einen Widder (Nr. 13), von letzterem einen Widder und ein Schaf (Nr. 12).

Ueber die Abtheilung der Schweine können wir kurz hinweggehen. Sie enthielt nur 341 der grunzenden Borstenthiere, lieferte aber durch die der deutschen Aussteller vollgültigen Beweis, daß unser Vaterland auch in dieser Beziehung wohl berechtigt ist, sich mit England, dem klassischen Lande der Schweinezucht, ebenbürtig [551] in eine Reihe zu stellen. Die englischen, von deutschen Ausstellern gezüchteten Rassen standen denen von englischen Züchtern, die verhältnismäßig stark vertreten waren, kaum nach.

Die beiden folgenden Abtheilungen für Bienen- und Fischzucht stehen eigentlich nur in losem Zusammenhange mit der landwirthschaftlichen Thierzucht, doch boten sie sehr viel Interessantes und erfreuten sich lebhaften Besuches. Die Bienenzucht ist in deutschen Landen schon sehr alt und stand früh in großem Ansehen, denn die Producte derselben waren sehr begehrt. Die deutsche Hausfrau konnte in einer Zeit, in der man noch keinen Zucker kannte, ihre Speisen nur mit Honig versüßen, und die katholische Kirche hatte für eine Menge Wachs Verwendung. Eine Nürnberger Chronik erzählt, daß man im Mittelalter für einen Bienenschwarm drei, für eine Kuh nur zwei Gulden bezahlte. Der deutsche Kaiser verlieh den Bienenzüchtern im Reiche besondere Gerechtsame, z. B. eigene Gerichtsbarkeit. Aber erst in neuerer Zeit hat sich die Bienenzucht in Theorie und Praxis in der außerordentlichsten Weise entwickelt, woran Männer wie Dr. Dzierzon, von Hruschka und andere kräftig und erfolgreich mitwirkten. Die deutsche Bienenzucht erweist sich denn auch von erheblicher Leistungsfähigkeit. So dringt allein die Provinz Hannover jährlich circa 500,000 Pfund Wachs und für 2 Millionen Mark Honig in den Handel. Die Ausstellung enthielt in ihrer betreffenden Abtheilung zahlreiche Königinnen und Bienenvölker aller Culturrassen, Bienenwohnungen, Geräthe, wie sie der Imker gebraucht, und Producte der Bienenzucht. Das Ausland war am stärksten durch Italien vertreten.

Die Abtheilung für Fischzucht enthielt zunächst in einem Gebäude Netze, Modelle, Geräthe und Gebrauchsutensilien; hinter demselben auf einem langen Stande todte und in mehreren hübsch angelegten Bassins lebende Fische. Die bemerkenswerthesten Aussteller dieser Abtheilung waren der „Schleswig-Holsteinische Central-Fischerei-Verein“, welcher unter Anderem eine ebenso einfach wie sinnreich construirte Aalleiter vorführte, der renommirte Karpfenzüchter Adolf Gasch aus Gut Kaniow in Galizien und die Fischhändler F. und J. Meyer aus Hamburg, die sich dort unter dem Namen „Fisch-Meyer“ bei der ganzen Bevölkerung großen Ruf erworben haben. Dieselben hatten auch auf der Ausstellung eine complete Störschlachterei mit Räucherei eingerichtet, die eine starke Anziehungskraft ausübte, weil man dort ein Stück delicaten, frisch geräucherten Störfleisches sofort zu einem guten Trunke kühlen Moselweins verzehren konnte. Die Abtheilung hat derartigen Anklang gefunden, daß das Ausstellungs-Comité beschlossen haben soll, vielleicht schon im nächsten Jahre eine eigene Fischerei-Ausstellung in Hamburg zu veranstalten.

Die siebente Abtheilung für Geflügelzucht war eine glänzend beschickte. Fast um das ganze Ausstellungsfeld zog sich ein weiter Kranz von Käfigen, von krähenden, gackernden, schnatternden und gurrenden Hühnern, Enten, Gänsen und Tauben belebt. Man konnte hier wunderschöne Exemplare der verschiedensten Arten ausgestellt sehen.

Der „Hamburg-Altonaer Verein für Geflügelzucht“ pflegt sonst alljährlich eine besondere Geflügelausstellung zu arrangiren und hatte dieselbe in diesem Jahre mit der internationalen landwirthschaftlichen Thierausstellung vereinigt.

Aus der reichen Anzahl der ausgestellten befiederten Thiere hat unser Zeichner drei Hühnerpaare festgehalten. In der Mitte des Gruppenbildes finden wir ein Paar gesperberte Italiener (Nr. 14), die C. C. Clausen in Averfleth bei Wilster ausgestellt hatte. Die Italiener sind an Größe etwa unseren Landhühnern gleich, haben einen sehr großen einfachen Kamm, der beim Hahn aufrechtstehend, bei der Henne überliegend ist, und gelbe Beine und Schnäbel. Sie sind ausgezeichnete Eierproducenten und übertreffen als solche alle anderen Hühnerarten. Unten im Bilde ist ein Paar der französischen Rasse der Hondans (Nr. 15) gezeichnet, das F. W. Rubens in Umea gehört. Die Thiere sind groß und kräftig von Figur und tragen Haube und Federbart. Sie besitzen an den Füßen fünf Zehen, von denen die fünfte hinten sitzt und aufwärts gerichtet ist. Das Huhn ist ein treffliches Lege- und Masthuhn. Sehr hübsche Thiere sind die japanischen Bantams, die gleichfalls unten in unserem Bilde (Nr. 10) zu sehen sind und die Otto Friedrich Ehlers in Groß-Borstel bei Hamburg ausgestellt hatte. Die Hühner haben weißes Gefieder und schwarze Schwänze, deren Federn schmal weißgesäumt sind. Der einfache Kamm ist bei dem Hahne sehr groß und der volle reiche Schwanz wird von demselben derartig getragen, daß er fast den Kopf berührt. Die Thierchen sind niedliche Liliputer des Hühnergeschlechts.

Die Abtheilung für Stallungen, Maschinen, Geräthe etc. interessirte durch manches darin gebotene Neue, doch im Großen und Ganzen war sie die dürftigste Abhteilung der Ausstellung. Ungetheiltes Interesse allein mußten die verschiedenen Centrifugen in Anspruch nehmen, welche die alte Methode der Milchentrahmung in die Rumpelkammer werfen und binnen kürzester Zeit Rahm und Magermilch so genau von einander scheiden, daß ein Chemiker es nicht sicherer bewerkstelligen könnte. Die Centrifuge ist noch eine sehr junge Erfindung. Aus der Hamburger Molkerei-Ausstellung im Jahre 1877 war erst die Idee derselben in einem versiegelten Modelle eingesandt, während wir jetzt schon verschiedene Systeme der Centrifuge besitzen, die man auf der Ausstellung in voller Thätigkeit erblicken konnte.

Die letzte Abteilung, der Wissenschaft und den Ergebnissen ihrer Forschungen gewidmet, war eine sehr reichhaltige. Da sah man die reichen Sammlungen zur Unterstützung der Thierzuchtlehre, der zootechnischen Abhteilung der königlich preußischen landwirthschaftlichen Hochschule in Berlin entnommen, und da war vor allen Dingen die verblüffend großartige Collectivausstellung aus dem Königreiche Sachsen, zu der alle sächsischen Lehranstalten für Landwirthschaft das Ihrige beigetragen hatten. Diese ganze Abtheilung bildete überhaupt einen imposanten Schlußstein der gesammten Ausstellung und zeigte uns, wie emsig Theorie und Praxis Hand in Hand arbeiten, um die Thierzucht, diesen wichtigen Zweig der Landwirthschaft, auf immer höhere Stufen der Entwicklung zu heben. Von H. Settegast, dem Lehrer an der Berliner Landwirthschaftlichen Hochschule, hing in der Ausstellung ein vortreffliches Tableau, auf dem man an der Hand eines kurzgefaßten begleitenden Textes die verschiedenen Phasen verfolgen konnte, welche die deutsche Thierzucht durchgemacht hat. Die Schlußworte auf diesem Tableau hat die internationale landwirthschaftliche Thierausstellung in Hamburg, die im Ganzen vom 3. bis zum 11. Juli währte, im reichsten Maße bestätigt. Wir lassen dieselben als den passendsten Schluß unseres Artikels hier folgen. Settegast sagt:

„Was auf dem Gebiete der Thierzucht vordem gedacht, gewollt, gestrebt und angebahnt worden ist, das hat die Gegenwart gezeitigt. Wir dürfen mit Befriedigung auf den heutigen Standpunkt unserer Viehzucht blicken und der Zukunft vertrauen, denn die Eroberungen der Wissenschaft und Praxis, sich sowohl auf die Kunst der Züchtung wie auf die Haltung und Fütterung der Thiere erstreckend, gewährleisten uns weitere Erfolge. Die Hoffnung, daß es uns trotz aller von Seiten auswärtiger Concurrenz drohenden Gefahren gelingen wird, in der Rentabilität der Viehzucht keine Einbuße zu erleiden, ist vollberechtigt.“




Die Aufstellung der Germania auf dem Niederwald.

Es war am 28. Juli gegen zwölf Uhr Mittags, als von den Höhen des Niederwalds wiederholt Böllersalven ertönten, welche in doppelter Zahl von Bingen aus erwidert wurden und welche nicht allein in den angrenzenden Rheinorten einen lauten Jubel der Bevölkerung weckten, sondern in allen deutschen Gauen einen mächtigen Widerhall fanden. Da ging die Kunde von Mund zu Mund, auf dem Niederwald, das Antlitz gegen Frankreich gewendet, die Kaiserkrone hoch in der Rechten, stehe stolz das Sinnbild des deutschen Volkes, die gewaltige Germania.

Noch als unsere tapferen Truppen vor Paris standen, regte sich allenthalben der Gedanke, ein der unvergleichlichen Siege würdiges Denkmal zu errichten. Langsam, aber festen und sicheren Schrittes ging man später an die Ausführung der Idee. Der Niederwald war als die passendste Stätte erwählt worden, und [552] aus dem Concurrenzkampf ging siegreich der kunstvolle Entwurf des Meisters Joh. Schilling in Dresden hervor. Dann erschien der herrliche Tag, der 16. September 1877, an welchem Kaiser Wilhelm den Grundstein des Nationaldenkmals legte, und weithin tönte sein Weihespruch: „Den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung!“

Kopf der Germania vor dem Aufzug.
Nach einer Photographie von Hillsdorf in Bingen.

Eine Feier war es, von welcher Emil Rittershaus in der „Gartenlaube“ sang:

„Der Redner spricht; dem Kaiser sehn wir jetzt ihn einen Hammer reichen.
Des Kaisers Rechte weiht den Stein; er weiht ihn mit drei Hammerstreichen.
Und wie das Eisen niederfällt, da ruft bei jedem Hammerschlag
Der Donner aus Kanonenmund der Berge rollend Echo wach.
Da werden in den Dörfern rings die Glocken allzumal geschwungen.
Da tönt der Deutschen Heergesang, ‚Die Wacht am Rhein‘, von allen Zungen. –
Still, rede nicht! Der Grundstein liegt. Nun mögen frisch die Meister bau’n. –
Gott geb’, daß wir in Frieden noch auf dieses Werks Vollendung schau’n!
Daß mit der Einheit fest im Bund der Geist der Freiheit möge walten!“

Aufzug des Kopfes.
Nach einer Photographie von Hillsdorf in Bingen.

Nun rückt thatsächlich der Tag heran, an welchem das Denkmal enthüllt werden wird, und der Wunsch des Dichters und Volkes ist in Erfüllung gegangen: Es ist uns vergönnt, in Frieden dieses Werks Vollendung zu schauen. Ganz Deutschland rüstet sich zu der bevorstehenden Feier des 28. September, aber es verfolgt auch mit höchster Spannung den Fortgang der Arbeiten auf dem Niederwald, namentlich die Aufrichtung der Germania, deren classisch vollendetes Bild wir heute unseren Lesern vorführen. Sie ist nicht mehr jene mit gezückter Waffe zur Abwehr bereite Heldin, wie sie einst die Künstler darstellten, nein, ihre Linke ruht auf dem lorbeerbekränzten Schwert, und ihre Rechte hält stolz die Siegestrophäe, die im Kampf errungene Kaiserkrone des geeinten Deutschlands, empor – sie ist das stolze Symbol des siegreichen und friedlichen Volkes. Von ihren Schultern wallt der mit Edelsteinen und Reichsadlern verzierte Kaisermantel herab, und zwei mächtige Adler stützen den neben ihr stehenden Thronsessel.

Oft hat man Siegesdenkmäler aus erobertem Kriegsmateriale errichtet, aber hier ist zum Gusse der Germania nicht eine einzige französische Kanone verwendet worden. Deutsches Geschütz wurde zu diesem Zwecke eingeschmolzen, und deutsches Erz ist es, welches dem Wanderer von der Kuppe des Niederwaldes entgegen winkt und ihn an die Zeit der großen nationalen Erhebung erinnert.

Selbstverständlich besteht diese riesige, gegen 750 Centner schwere Figur aus mehreren Stücken, die auf der Höhe des Niederwaldes montirt wurden. Der Guß derselben hat dreieinhalb Jahre in Anspruch genommen, und das berühmte Etablissement der Herren von Miller in München zeigte sich der schwierigen Aufgabe vollständig gewachsen. Alles glückte, und kein einziger Guß schlug fehl. In der ersten Hälfte des Monats Juni stand die Figur fertig in der Münchener Erzgießerei, die gewaltige Höhe von etwa elf Metern erreichend.

Doch nur kurze Zeit hatten die Meister die Freude gehabt, die „Jugendlich Schöne“ in ihrem väterlichen Hause zu schauen; sie mußte bald hinaus in die weite Welt, an die rebenbehängten Hügelufer des sonnigen Rheinlandes. Aber die Fahrt sollte mit ungemein vielen Schwierigkeiten verbunden sein, denn noch niemals wurden auf den deutschen Eisenbahnen so umfangreiche und gewichtige Stücke befördert. War doch die Kiste, in welcher der Rumpf der Figur verpackt wurde, allein gegen fünf Meter breit und sechs Meter hoch. Darum hielt man es von der Vorsicht geboten, zunächst auf den von München nach Rüdesheim führenden Schienenwegen Probefahrten mit einem den eben erwähnten Größenverhältnissen entsprechenden Lattengerüste zu machen. Aber da stellte sich heraus, daß die Lechbrücke zwischen Hochzell und Augsburg zu schmal war, um dem Riesenrumpf der Erzjungfrau freie Durchfahrt zu gewähren. Endlich wurde der Transport über Kaufering-Buchloe bewerkstelligt, und die Firma Holzmann u. Comp. in Frankfurt am Main brachte die Lasten auf einem Trajectschiffe glücklich auch den Rheinstrom hinab.

[553] Nun ging es von Rüdesheim bergauf, sechszehn Pferde mußten vor die Wagen gespannt werden. Das geschah am 7. Juli und am 28. desselben stand die Figur fertig aus der Höhe des Niederwaldes. Die kühnsten Hoffnungen gingen glücklich in Erfüllung, denn weit und breit ist die herrliche Figur zu sehen, und vom Rhein aus kann man das vollendete Ebenmaß der Gestalt bewundern.

Es seien uns noch einige Worte über die Größenverhältnisse der Figur erlaubt.

Ihr kleiner Finger kann gerade von zwei Händen eines Erwachsenen umspannt werden, ihr Daumennagel ist neun Zentimeter breit und elf Centimeter hoch. Durch ihr Armgelenk kann ein Mann bequem schlüpfen, und im Innern ihres Unterkörpers bis zur Brusthöhe könnten zehn Paare tanzen. Das gewaltige Schwert wiegt fünf bis sechs Centner und ist acht Meter lang. Nach seiner Fertigstellung überragte es die gewaltige Einfahrt des Münchener Gießhauses. Der untere Theil der Figur wiegt hundertsiebzig bis hundertachtzig Centner, der Oberkörper etwa hundertdreißig und der Kopf zwanzig bis vierundzwanzig Centner.

Die Bildsäule der Germania auf dem Niederwalddenkmal.
Modellirt von Professor J. Schilling.

Das untere Stück der Germania wurde, nachdem es in der Nacht des 9. Juli 11 Uhr 30 Minuten an der Geisenheimer Chaussee bei Fackelschein ausgeladen und auf einem mit zehn Pferden bespannten Wagen auf den Denkmalsplatz geschafft worden, am Montag, 16. Juli, aufgezogen. Vorher aber wurde die Tragfähigkeit des Gerüstes und der Seile durch eine Last von zweihundertfünfzig Centner Eisenbahnschienen erprobt. Das von Holzmann in Frankfurt erbaute Gerüst, hat sich als sehr praktisch bewährt, und waren die Befürchtungen des Publicums unbegründet. Die Gußtheile wurden mittelst zweier Maschinen, die je durch fünf Mann bedient wurden (also durch Händekraft), emporgewunden, und befanden sich die Maschinen nicht etwa oben auf dem Gerüste, sondern auf der Erde. Die Seile liefen über Rollen. Innerhalb dreieinhalb Stunden war der untere, schwerste Theil bis an den Ort seiner Bestimmung gelangt. Am 28. Juli, Vormittags, wurde der Kopf emporgewunden, und nun begann der kritischeste Augenblick der ganzen Arbeiten: die Befestigung des Kopfes auf den Rumpf. Diese Arbeiten mußten im Innern der Figur vollzogen werden, und das Anziehen, Abschlagen und Vernieten der zweiundvierzig Schrauben, mit denen der Kopf befestigt wurde, leitete Herr von Miller persönlich. Drei Planken waren im Oberkörper der Figur so befestigt worden, daß drei Arbeiter darauf fußen konnten. Die Leitern, die früher im Rumpfe der Figur gestanden, hatten schon vor dem Aufsetzen des Kopfes entfernt werden müssen. So befanden sich die Arbeiter in einem weiten Raum, unter ihnen gähnte ein finsterer Abgrund, aus dem fortwährend die Ausdünstungen der riesigen Cementmassen emporstiegen, mit denen der untere Theil der Figur angefüllt und so mit dem Postamente unlöslich verbunden worden war. Kein Luftzug war in dem durch einige Lampen schwach erhellten Raume, glühende Hitze ringsum. Wäre einer der Arbeiter von einer Ohnmachtsanwandlung befallen worden und hinabgestürzt, so war alle Möglichkeit dahin, seine Rettung zu bewirken, da Leitern und Stricke dem Unglücklichen nicht hätten zugängig gemacht werden können. Aber nach fünfviertelstündiger Arbeit war das Werk vollendet, die Arbeiter, die wahrhaft den Tod vor Augen gearbeitet, nahmen ihren Ausgang durch die Armöffnung, welche bald darauf durch die Hand und Krone geschlossen wurde. Kein Unfall hat sich bei Aufrichtung dieses schwierigsten Teiles des Nationaldenkmals ereignet, ein günstiger Stern hat über der ganzen Arbeit gewaltet; im vollen Vertrauen auf ihre Führer konnten die Werkleute ihre schwierige Aufgabe glücklich lösen.

„Meine Empfindungen,“ sagte Herr von Miller nach seinem Niederstieg vom Gerüste zu unserm Gewährsmanne, „kann ich Ihnen nicht ausdrücken, nicht schildern; mit einem Dankgebete verließen wir die schwindelnde Höhe, dankend dafür, daß wir das Werk ohne Unfall, so glücklich beenden durften.“

Aber als die unerschrockenen Arbeiter noch oben auf dem [554] Gerüste standen und das Gelingen des berühmten Werkes mit perlendem Rheinwein feierten, erschollen unten an den Stufen des Denkmals die Weisen der „Wacht am Rhein“, welche fünfzig Seminaristen aus Boppard unter der Leitung ihres Lehrers mit voller Begeisterung vortrugen. Dann wandte sich ein Schützengenosse mit einer Ansprache an die um das Denkmal geschaarte Menge. Da krachten wieder Böllerschüsse, und Hochrufe auf die Meister wurden laut, und so schloß die einfache, aber erhebende Feier, die dem Gedächtniß aller Teilnehmer sich unauslöschlich eingeprägt hat.

Wir aber rufen allen unsern Lesern zu: Auf Wiedersehen am 28. September auf der Höhe des Niederwalds!




Wie und wo entstehen die „Schulkrankheiten“?

Von Dr. L. Fürst.
(Schluß.)
Die „Nervosität“ im Schulalter. – Die Ansprüche des Hauses und der Schule an das Kind. – Störung der Hirn-Ernährung. – Krampfzustände mancher Schulkinder. – Seelische Erkrankungen in ihren ersten Anfängen. – Leiden der Athmungsorgane. – Die Schule als „Ansteckungsherd“. – Endergebnisse.

Sehr viel wird in unserer Zeit von der Nervosität und den Nervenleiden mancher Schulkinder gesprochen.

Natürlich wird auch diese Calamität nur den Einflüssen der Schule zugeschrieben. Daß unsere ganze Generation, in Folge des heutigen Culturzustandes, zu nervöser Ueberreizung neigt, daß in vielen Fällen ererbte oder frühzeitig ausgebildete Anlage vorhanden ist und gar oft die unzweckmäßige häusliche Erziehung, die frühzeitige Zerstreuungs- und Vergnügungssucht mindestens ebenso viel Schuld haben, wie die Schule – wer gesteht dies zu? – Der Balken im eigenen Auge wird eben nicht beachtet. Freilich ist es durchaus klar, daß eine Summe von Gelegenheitsursachen gleichzeitig mit dem Schulbesuch und auch zum Theil durch das Wesen und den Charakter der Schule in Thätigkeit tritt. Schon der gesetzlich festgestellte Termin der Schulpflicht ist, nach ärztlichen Begriffen, in ein zu zartes Alter verlegt und ohne Rücksicht auf die verschiedene Entwicklung der Kinder ein zu früher. Er zwingt alle Kinder gleichmäßig in einem Durchschnittsalter, ohne vorherige ärztliche Ausmusterung der noch nicht genügend Kräftigen, in das Joch des Schulzwanges, wo ihnen vielleicht das Spiel noch dienlicher wäre. Wer denkt dabei nicht an Schiller’s Worte:

„Spiele! Bald wird die Arbeit kommen, die hag’re und ernste,
Und der gebietenden Pflicht mangeln die Lust und der Muth.“

Wenn sich aus dieser für manches Kind entschieden verfrühten Anspannung eine geistige Schlaffheit entwickelt, so ist, wie man auf den ersten Blick meinen sollte, diese vorzeitige Schulpflicht mit ihren das noch nicht genügend ausgebildete Gehirn und noch nicht so widerstandsfähige Nervensystem abspannenden Aufgaben die Ursache.

In Wirklichkeit unterliegt aber die Familie gar nicht diesem Zwange, ein noch minderkräftiges Kind in die Schule zu schicken. Das Zeugniß des Arztes genügt schon, um den Beginn des Schulunterrichts bei reizbaren, schwächlichen Kindern noch hinauszuschieben.

Aber damit ist leider eben vielen Eltern, welche es kaum erwarten können, ihre Kinder der Schule zuzuführen, gar nicht gedient. Getrieben von einer Ungeduld und Eitelkeit sind sie es, gegen deren Anforderung sich noch mancher Leiter einer Schule abwehrend verhalten möchte. Anstatt es dem Urtheile ihres Hausarztes anheim zu geben, ob das Kind einer geregelten geistigen Anstrengung schon gewachsen ist, handeln sie nach eigenem Ermessen und schaffen dadurch jene Fälle von frühzeitiger Entwicklung, von vorzeitigem Verbrauch und überraschend schnellem Nachlaß der Energie des Gehirns, welche dem raschen Dahinwelken künstlich getriebener Pflanzen ähnelt.

Ueberhaupt gilt die „Nervosität“ vieler Schulkinder, die sich besonders in nervöser Reizbarkeit ausspricht, so recht eigentlich als der Typus einer Schulkrankheit. Eine gewisse Ueberhastung des Lehrganges, eine in höheren Schulen und Classen fast bis zur Unvernunft sich steigernde Ueberbürdung, eine von Jahr zu Jahr steigende Ueberfülle von Lehrgegenständen und ein Aufstellen zu hoher Ziele – das sind die allgemeinen Klagen der Eltern schulpflichtiger Kinder, Klagen, die eine gewisse Berechtigung haben.

Ja, es liegt in diesen gesteigerten Ansprüchen der Schule an das Kind geradezu eine Gefahr, die man erkannt und die bereits eine mächtige Gegenströmung hervorgerufen hat.

Und doch ist, wie es scheint, der Grund zum großen Theil erst in den gesteigerten Ansprüchen der Eltern an die Schule zu suchen, von welcher eine Fülle von Belehrungen in allen Fächern, eine rasche geistige Förderung auf den verschiedensten Gebieten verlangt oder doch erwartet wird. Diesen Wünschen glaubt die „Schule“ Rechnung tragen zu müssen, indem sie dieselben zugleich überflügelt. Zu den gesteigerten Anforderungen des Unterrichts in der Schule gesellen sich nicht nur die hier und da zu reichlichen häuslichen Aufgaben, sondern die kärgliche Erholungszeit wird noch durch Privatstunden in allen möglichen Fächern eingeschränkt. Hier ist also eine Entlastung der Schulkinder, nicht nur von Seiten der Schule, sondern noch viel mehr von Seiten des Hauses geboten. Erst wenn man sich daran gewöhnt haben wird, nicht jedes Kind in Lehrgegenständen, zu denen es oft absolut kein Talent hat, ausbilden zu wollen, werden jene Zustände nervöser Ueberreizung seltener werden, unter denen jetzt das übermäßig beschäftigte Schulkind leidet. Unser mehrfach citirter Gewährsmann trifft auch hier den Nagel auf den Kopf, indem er schreibt: „Häufig ist die Ueberbürdung der Familie zur Last zu legen, die aus Eitelkeitsrücksichten dem Kinde höhere Ziele steckt, als die Anlagen desselben es gestatten.“

Leider sind manche Kinder so erregbaren Naturells, daß schon der Beginn des Schulunterrichts trotz der in den ersten Jahren nur mäßigen Anforderungen nervösen Kopfschmerz und Reizzustände hervorruft, und letztere Erscheinungen sich in Aufregung, fieberhafter Unruhe, gestörtem Schlaf, Furcht- und Angstgefühl, Schreckhaftigkeit und Neigung zum Phantasiren äußern. In Delirien zeigt sich, daß die Gedanken nur bei der Schule verweilen. Man kann zuweilen sogar das Bild einer scheinbar drohenden Gehirnerkrankung vor sich haben. Gewiß ist es, daß übertriebene Strenge und Ueberspannung des Ehrgeizes, diese hauptsächlichsten Quellen solcher peinlicher Symptome, fast ebenso außer, wie in der Schule zu Tage treten, und daß es für gewisse Kinder deshalb geradezu geboten ist, daß die Eltern und Erzieherinnen Geduld, Nachsicht und Eingehen auf ihre Eigenthümlichkeiten nicht außer Augen lassen.

Anstacheln des Ehrgefühls einerseits, beschämende, kränkende Bestrafung andererseits sind gewiß für träge, faule Kinder am Platze. Strebsamen, eifrigen, lernbegierigen Kindernaturen gegenüber sind solche Mittel gefährlich; was für das eine heilsame Arznei ist, ist für das andere ein bedenkliches Gift.

Wie bekannt, ist der Blutreichthum der das Gehirn ernährenden Gefäße ein stets wechselnder. Manche Kinder neigen von Haus aus zu Blutmangel oder Blutüberfüllung des Gehirns, und beide schon lange vor der Schulzeit bestehende Zustände können, nachdem schon vorher die Zahnung, manche Aufregung, die Sonnenhitze und andere Einflüsse sie gesteigert hatten, mit Beginne des Schulbesuchs sich verstärken und gelegentlich sogar zu sehr stürmischen Symptomen Veranlassung geben. Blutarmut des Gehirns, meist eine Theilerscheinung allgemeiner Blutarmut, wird sich durch Neigung zu Schwindel, Ohnmacht, Erbrechen, Kopfschmerz und leichtes Ermüden der geistigen Thätigkeit äußern. Aehnlich ist das Bild bei Blutüberfüllung des Gehirns, die bekanntlich bei jeder Geistesarbeit und Gemüthsaufregung in Form von Congestion zunimmt, aber auch als Stauung durch anhaltendes Gebücktsitzen, durch gestörte Verdauung und Hindernisse eines freien Blutumlaufs auftritt.

Nur das Auge des Arztes kann in manchen Fällen, besonders bei allgemeiner Bleichsucht, entscheiden, ob es sich, trotz anscheinender Blutarmut, doch dabei um örtlichen Blutandrang handelt. Nur der Arzt also kann das hygienisch-diätetische Verhalten regeln und [555] dieser ungleichen Blutvertheilung, die man nicht mit Unrecht als eine bei Schulkindern häufige Krankheit bezeichnen kann, vorbeugen. Die Familie aber hat die Pflicht, solche Kinder, welche an Blutüberfüllung in der Schädelhöhle leiden, durch Erholung des Gehirns, durch Kühlhalten des Kopfes, durch Regelung der Verdauung, durch ableitende Douchen und Körperbewegung im Freien gesund zu erhalten, blutarmen Kindern aber vielen Schlaf, Milchkost und kräftigende, blutbildende Kost zu Theil werden zu lassen.

Von manchen Seiten wird das Auftreten von Krampfzuständen, insbesondere vom sogenannten „kleinen Veitstanz“, der Schule zugeschrieben. Das noch ebenso räthselhafte, wie unheimliche Zunehmen mancher Nervenkrankheiten während der Schuljahre, das zuweilen gruppenweise Auftreten derselben unter Schülern, und häufiger Schülerinnen einer Classe fordert wohl zu Nachdenken auf.

Geht man aber den einzelnen Fällen auf den Grund, und sucht man besonders die Vorgeschichte der zuerst erkrankten Kinder kennen zu lernen, so zeigt sich meist, daß diese schon in frühester Jugend an Krämpfen litten, daß ihre Schädelbildung abnorm angelegt war, daß die Verknöcherung des Schädels nicht regelmäßig erfolgte, und nicht selten gelingt es, eine erbliche Anlage von väterlicher oder mütterlicher Seite aufzuweisen. Oft läßt sich eine solche durch mehrere Generationen aufwärts an Familienmitgliedern constatiren.

Die Keime der Krankheit liegen also meist in der Körperbeschaffenheit des Individuums. Auch muß man bedenken, daß außer dieser angeborenen Anlage zu Nervenleiden eine früh erworbene vorhanden sein kann. Manche Krankheiten der ersten Lebensjahre hinterlassen schwere, nie ganz zu vertilgende Spuren in den edelsten Centralorganen des Nervensystems, und es bedarf manchmal nur eines äußeren Anlasses, um die schlummernden krankhaften Zustände wieder wachzurufen.

Dieser Anstoß, überhaupt die Gelegenheitsursache zu Erregung des Nervensystems wird freilich, wie man zugeben muß, bei einmal dazu disponirten Kindern in dem ganzen Schulleben mit seiner Disciplin, seinen Anforderungen und seinen Strafen begünstigt. Das stundenlange Zusammensein mit vielen Kindern in demselben Raume, die Anspannung der Aufmerksamkeit, die unvollkommene Respiration kommen dazu und der unvermeidliche Anblick ähnlicher plötzlicher Erkrankung anderer Kinder ist bisweilen, vielleicht in Folge eines noch unaufgeklärten Nachahmungstriebes, schuld, wenn bei mehreren Kindern nach einander ähnliche Leiden auftreten. Wie große Volkskrankheiten im Mittelalter sich auf diese Weise verbreiteten, so verbreiten sich auch derartige Nervenleiden (Veitstanz, Epilepsie, Starrsucht), indem sie einen mächtigen Eindruck auf die Umgebung machen, zuweilen in bestimmten Schulen.

Mindestens ebenso oft aber mögen an dem Auftreten von Nervenkrankheiten während der Schuljahre psychische Affecte in der häuslichen Erziehung schuld sein. Unverständige Strenge, Erregung von Furcht, Angst vor ungenügender Erfüllung der Pflichten, aufregende Vergnügungen, ungleichmäßige, launische Behandlung geben sicher häufig den ersten Anlaß.

„Es ist nicht recht,“ betont eine Autorität, „in jedem Falle zunächst die Schule für die nervöse Empfindlichkeit und geistige Schlaffheit der Schuljugend verantwortlich zu machen.“

Und ich möchte hinzufügen:

„Es ist Pflicht, den Ursachen in jedem einzelnen Falle in und außerhalb der Schule ohne Voreingenommenheit und Uebertreibung nachzugehen, um solche Kinder vor schwereren Schädigungen zu schützen.“

Solche Patienten können eben nicht schablonenmäßig genau wie gesunde Schulkinder behandelt werden, und es ist Sache des Arztes, die Disposition möglichst frühzeitig zu beseitigen, da die Nerven, je länger, desto hartnäckiger eine Gewöhnung an krankhafte Functionirung sich aneignen und schließlich der Wille ohne Einfluß bleibt.

Bekanntlich machte sich vor mehreren Jahren auch bezüglich der Geistesstörungen, besonders durch Hasse, die Behauptung geltend, daß die Schüler höherer Lehranstalten ein starkes Contingent zu der Zahl späterer Geisteskranken stellten. In der Ueberbürdung des Gehirns sollten reiche Quellen zu späteren psychischen Störungen entspringen.

Eine officielle, speciell darauf gerichtete Erörterung hat nun ergeben, daß diese Annahme sich nicht bestätigt und daß die Fälle von geistiger Erkrankung in Folge von Ueberanstrengung in der Schule jedenfalls viel seltener sind, als in dem ersteu Ansturm behauptet worden war.

Man muß in der Beurtheilung jedes einzelnen solchen Falles besonders vorsichtig sein und auch hier etwaige Erblichkeit oder anderweitige Entstehungsursachen ausschließen, ehe man die Schule dafür verantwortlich macht. Damit ist aber nicht gesagt, daß unsere heutige Organisation der höheren Schulen und die in denselben an die Schüler gestellten Anforderungen gleichgültig für Kinder sein müßten, welche irgendwie zu geistigen Störungen geneigt oder der geistigen Anstrengung und Anspannung nicht genug gewachsen sind.

Im Gegentheil wird auf solche jugendliche Individuen, deren ungenügende geistige Befähigung, Energie und Widerstandskraft nicht immer berücksichtigt werden kann, die Schule leicht ungünstig einwirken. Andererseits sind die Beispiele, daß die Schule auf ganz normale Kinder in gleicher Weise schädigend einwirke, gewiß zu den Seltenheiten zu rechnen, ein Umstand, der, wenn man die notorische Ueberlastung in manchen höheren Schulen in Betracht zieht, nur beweist, was ein gesundes Kinderhirn ohne Schädigung aushalten kann.

Nachdem Vierordt, Kußmaul, Wundt und Andere bereits der Entwickelung der Seelenthätigkeit des Kindes nachgegangen sind, hat neuerdings Preyer in seinem Werke „Die Seele des Kindes“ dies bisher noch dunkle Gebiet auf dem Wege der Beobachtung zu erforschen gesucht.

Indem er an seinem eigenen Kinde während der drei ersten Lebensjahre desselben regelmäßig dreimal täglich ganz methodische Beobachtungen angestellt hat und über Alles, was er erforschte oder wahrnahm, sofort Notizen machte, hat er uns in zusammenhängender Weise das Erwachen und die Entwicklung der Seelenthätigkeit geschildert. Die classische Arbeit, die jeder Denkende lesen sollte, zeigt uns deutlich, wie und wann sich aus den ersten Sinneswahrnehmungen der frühesten Organgefühle und Regungen von Lust und Unlust nach und nach Urtheil, Wille und Bewegung herausbilden.

Wir sehen, wie unmerklich der Uebergang von angeborenen, willenlosen und reflectorischen Bewegungen zu den bewußten, gewollten ist, sehen, wie der Wille die Brücke zum Intellect bildet, und belauschen die ersten Regungen des Verstandes- und Gemüthslebens.

Da mit dem ersten Verlangen, Wünschen und Begehren auch die ersten Affecte, wie Freude, Zorn, Furcht, Zuneigung sich einstellen, so liegt es auf der Hand, daß die ersten Spuren geistiger Anomalie schon sehr früh, im ersten Lebensjahre entstehen können und im zweiten Jahre schon das Temperament sich deutlich ausspricht. Lange vor der Schulzeit also sind die ersten Anfänge von geistigen Störungen, oft für die Umgebung nur als Eigenheiten, Sonderbarkeiten und Launen bemerkbar, angelegt. Wenn man die Biographie Geisteskranker aufmerksam zurückverfolgt und darin von Leuten unterstützt wird, welche die betreffenden Kranken schon in der Kindheit zu beobachten Gelegenheit hatten, so findet sich, wenn nicht Erblichkeit anzunehmen ist, schon sehr frühzeitig mancher ungewöhnliche psychische Zug, aus dem sich allmählich eine wirkliche, ausgesprochene psychische Störung entwickelte.

Die Schule kann unmöglich jede psychische Eigenart und Absonderlichkeit berücksichtigen, und dies um so weniger, als nur zu oft die häusliche Erziehung mit gewissen Verschrobenheiten, Inconsequenzen und unverständigen Grundsätzen die Quelle der ersten Anlage zu abnormer Richtung der Gemüths- und Charakerentwickelung bildet. Wenn ein solches Kind unter dem Eindrucke der Schuldisciplin, der gesteigerten Aufgaben und des höheren Pflichtenkreises geistige Störungen zeigt, so ist es wenig verständig und gerecht, zu behaupten, aus der Schule recrutirten sich die Irrenhäuser. Es wäre viel correcter, die häusliche Pflege des Gemüths und Charakters sorgsamer zu überwachen und zu leiten und durch eine normale, vernünftige, harmonische Erziehung, durch Erweckung und Pflege aller edlen Regungen, durch Abhalten und Entfernen schädlicher Einflüsse, durch Ueberwachen des Verkehrs und zweckmäßige, dem Gehirn angepaßte Einteilung der Zeit und Kraft das Kind zu einem normalen Menschen heranzubilden.

Man zügle die kleinen Leidenschaften, anstatt sie interessant zu finden, man dämpfe die Affecte, oder leite sie in richtige Bahnen, ehe sie zu bleibender Gewohnheit werden, man verhüte [556] Erregung, wo das Kind schon zu erhöhter Reizbarkeit neigt, und behandle es mit zarter Rücksichtnahme auf seine seelischen Regungen. Viel mehr, als durch viele Schularbeiten, wird ein Kind durch häusliche Lectüre in seiner Phantasie erregt. Viel mehr, als die, wenn auch angestrengte, so doch geregelte Beschäftigung in der Schule schadet manchem Kinde der Mangel an Einsicht seiner Umgebung, welche an sich ganz harmlose momentane „Stimmungen“ gestattet, die sich durch häufige Wiederkehr zu bleibenden Abnormitäten umgestalten.

Die Schule hat in erster Linie dem Kinde einen angemessenen Grad von Bildung beizubringen und kann nur im Anschluß hieran gewisse Grundsätze der Erziehung pflegen.

Die schöne Aufgabe, es seiner Natur nach zu erziehen, fällt dem Elternhause zu. Nur hier wird man mit feinem Gefühl im Stande sein, alles Rohe, Verletzende von dem Kinde fern zu halten, es an freudigen Gehorsam, an Ordnung und Sauberkeit, an Beherrschung des Willens zu gewöhnen, im Spiel und in freier Natur ihm Erholung zu verschaffen und seinen edlen Bestrebungen, seinem Thatentriebe und seinen Talenten Gelegenheit zur Entfaltung zu geben.

Ganz besonders verdienen größere Kinder, zumal Mädchen, zur Zeit ihrer Entwicklung sorgsamer Körperpflege und größter Schonung, da unverstandene Empfindungen ihr seelisches Gleichgewicht stören und ihre in diesen Jahren starke Reizbarkeit leicht steigern. Freilich ist es hierzu nöthig, daß die Schule die freie Zeit nicht durch ein Uebermaß häuslicher Aufgaben verkümmert, sondern diese auf das geringste Maß reducirt, daß sie Körperstrafen möglichst einschränkt und in der Wahl von Strafen die körperlich bedenklichen und die entehrenden vermeidet, überhaupt nur Charakerstärke, nur Pflichtgefühl, aber nie Furcht oder krankhaften Ehrgeiz erweckt. Dann werden gewiß die Anlagen zu psychischen Krankheiten der Kinder im Schulalter auf eine sehr geringe Zahl sinken und jene traurigen Selbstmorde älterer Schulkinder wegfallen, die zuweilen, besonders in Großstädten, als Ausdruck schwerer, krankhafter Zustände des Nervensystems sich ereignen. – –

Die Verantwortlichkeit der Schule für manche Krankheiten der Athmungsorgane ist nicht abzuleugnen. Die oft von Staub verunreinigte Luft in den zuweilen überheizten Schulclassen, das oberflächliche Athmen beim hockigen Sitzen, die unnatürliche Anstrengung, welche den Kindern in den Elementarclassen dadurch bereitet wird, daß man sie statt des deutlichen Articulirens schreien und an die Stelle eines auf regelrechter Stimmbildung begründeten Gesanges ein „Brüllen“ oder „Krähen im Chorus“ treten läßt - alles das und noch manches Andere öffnet den Krankheiten der Respirationsorgane Thür und Thor. Manche Kinder, die sich bis zum Besuche der Schule einer klaren Stimme und freien Athmung erfreuten, werden von da an den Husten, die Heiserkeit nicht recht los, oder ziehen sich wenigstens beides sehr oft zu. Der chronisch geröthete Hals wird zu einer häufigen Erscheinung; er wird, in Verbindung mit „den angeschwollenen Mandeln“, zu einem Schrecken der Eltern.

So wenig man den Einfluß der Schule auf diese Leiden verkennen kann, so wird man doch nur zu oft gewahr, wie die Kinder noch warm und erregt von dem Unterricht, mit dem letzten Ton der Schulglocke dem Gebäude entströmend, in einer weder der Jahreszeit noch dem Wetter entsprechenden Kleidung heim gehen, die einen dabei laufend, die andern trotz ungünstigen Windes unaufhörlich sprechend und schreiend. Die frische, sich austobende Lebenslust bildet manchmal einen grellen Contrast zu der übertriebenen, ängstlichen Vorsicht, unter der die Kinder bis dahin vor jedem Lüftchen behütet worden waren.

Auch zu Hause, in der Wohnung und noch mehr im Garten, sind übrigens der Gelegenheitsursachen nicht wenige, um eine katarrhalische Erkrankung in die Länge zu ziehen. Es ist in dieser Hinsicht zu bedauern, daß nicht in jeder Familie mit der nöthigen Vorsicht in Beobachtung der Windrichtung, der Trockenheit der Luft, der mehr praktischen als eleganten Kleidung und der Ventilation in den Kinderstuben, eine Abhärtung durch Abreibungen von Hals, Brust und Rücken, sowie durch frühzeitiges, kühles Gurgeln mit leicht desinficirenden Mundwässern einhergeht. Wenn diese sehr empfehlenswerthe Prophylaxe mehr eingebürgert wäre, würden gewiß die Dispositionen zu den in der Schulzeit auftretenden Katarrhen sich ermäßigen, die Widerstandskraft der Schleimhäute des Rachens, des Kehlkopfes, der Luftröhren sich erhöhen und das Einnisten von Krankheitskeimen in die Buchten, Grübchen und Falten dieser Organe verhütet werden.

Man würde sich einer nicht minderen Täuschung hingeben, wenn man für das mit Beginn des Schulbesuchs sichtbare Auftreten „allgemeiner Ernährungsstörungen“, vor Allem der Blutarmuth, die vorwiegende Ursache anderswo suchen wollte, als in den mit einem Schlage so wesentlich veränderten Lebensbedingungen des Kindes. Die frische Farbe schwindet durch den Aufenthalt in der sich mit Kohlensäure und organischen Stoffen erfüllenden Schulluft, und die oft recht hoch bemessenen Schulaufgaben bannen das Kind an das Zimmer, während draußen der helle Sonnenschein so verlockend zum Tummeln und zur Erholung winkt.

Aber die Gerechtigkeit gebietet, ohne Vorurtheil danach zu fragen: „Werden allgemeine Störungen der Ernährung lediglich durch die Schule hervorgerufen, lediglich durch sie in der Weise verschlimmert, daß man sie darum als ‚Schulkrankheiten‘ bezeichnen müßte?“ Und diese Frage ist zu verneinen. Blutarmuth, Skrophulose, Schwindsucht. Muskelschwäche und andere Anomalien gehören, abgesehen davon, daß sie häufig ererbt sind, zu denjenigen Leiden, die sich oft in den ersten Lebensjahren durch ungünstige hygienische Verhältnisse der Wohnung und der Kost, durch Stubenhocken mancher Kinder und durch die ängstliche Luftscheu mancher Eltern entwickeln.

Auch sind viele höchst unzweckmäßig eingerichtete Spielschulen, sogenannte Kindergärten, die, wie lucus a non lucendo[WS 1], oft ganz ohne Gärten, nur auf einige, natürlich dafür ganz ungeeignete Miethzimmer angewiesen sind, und manche überfüllte Kinderbewahranstalten sicher die Quellen solcher Leiden.

Ich bin überzeugt, daß, wenn man auf die Hygiene solcher Anstalten mehr Gewicht legte und sie besser überwachte, wenn man ferner während des Spielalters auf die Gesundheitspflege der Kinder mehr achtete, gewiß nicht so viele zarte, blasse, schlaffe Kinder der Schule zugeführt werden würden.

Wie wenig gerade die Schule allein, die man ja gern als Herd für die Verbreitung ansteckender Krankheiten bezeichnet, im Stande ist, die aus dem täglichen Zusammenströmen vieler Kinder aus den verschiedensten Familien sich ergebenden Nachtheile zu verhüten, ergiebt sich bei den Infektionskrankheiten ganz von selbst. Es ist ja leider wahr, aber auch ebenso erklärlich, daß sehr oft die Anfangsstadien einer ansteckenden Krankheit vom Lehrer selbst übersehen oder nicht beachtet werden; ist es doch selbst dem ärztlich geübten Blick zuweilen schwer, ein bedeutungsloses Unwohlsein vom Beginn übertragbarer Leiden zu unterscheiden, ganz abgesehen davon, daß das Kind, ohne selbst erkrankt zu sein oder sichtliche Merkmale von Krankheit zu haben, Zwischenträger und Verbreiter von Ansteckungsstoffen sein kann. Diese oft beobachtete Thatsache ist zwar neuerdings bestritten worden; man wird aber gut thun, an derselben nicht zu rütteln.

Muß auch die Schule als ein bedeutungsvolles Zwischenglied in der Kette der Uebertragungen von flüchtigen oder organisirten Krankheitserregern betrachtet werden, so ist doch, wie dies bereits von den Gesundheitsbehörden richtig erkannt und festgestellt worden ist, in vielen Fällen die Familie verantwortlich zu machen. Viel zu sehr dominirt hier der Egoismus und die Gleichgültigkeit gegen das Wohl Anderer. Aus einem Hause, in welchem Masern, Scharlach, Diphtherie, Keuchhusten, Pocken, Typhus herrschen – von Ziegenpeter, ansteckenden Hautausschlägen und Augenentzündungen ganz zu geschweigen – werden gesunde oder doch noch nicht deutlich erkrankte Geschwister, die mit den kranken in Berührung waren, zur Schule geschickt, die Erkrankung etwa noch nicht schulpflichtiger Kinder wird verheimlicht, und den Reconvalescenten zu früh der Schulbesuch wieder gestattet. Die Privatbesuche zwischen inficirten und gesunden Häusern, die Betheiligung an Privatstunden – überhaupt die ungenügende Abschließung in allen durch das sociale Leben sich ergebenden Formen - und die Sorglosigkeit oder Unkenntniß bezüglich der Verhütung ansteckender Krankheiten thun das Uebrige.

Hier läge eine echt humane, selbstlose Aufgabe der häuslichen Gesundheitspflege – aber wie Wenige sind sich derselben bewußt! Und „läßt man es gehen, wie’s Gott gefällt“, verbreiten sich dann die Epidemien von Haus zu Haus, lichten sich ganze Schulclassen, ja muß eine Schule zeitweise ganz geschlossen werden, dann denkt man selten daran, daß, wenn Jeder bei Zeiten seine

[557]

Vor dem Feste der Madonna. Nach dem Oelgemälde von Heinrich Rasch.

[558] Pflicht gethan hätte, die Seuche in ihren vereinzelten Anfängen isolirt und unterdrückt worden wäre, wie dies bei Einschleppung eines Pockenfalles in einer Stadt durch strenge Ahschtießung desselben und durch Revaccination der mit seiner Pflege betrauten Personen meist erfolgreich geschieht. Hier ist das „principiis obsta“, die Quarantaine des ersten Krankheitsherdes im Elternhause die Hauptsache.

Und nun das Resultat dieser Betrachtung: Die Quelle aller Uebel, welche unsere Schulkinder treffen, nur in der Schule zu suchen, ist ein durch Mode, Gewohnheit und Bequemlichkeit entstandener Irrthum. Die großen Fortschritte der Schulhygiene durch Einzelforschungen und Sammelschriften – es seien hier nur die Werke von Erismann, Baginsky, Guillaume neben Uffelmann erwähnt – zeigen deutlich, daß man auf die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse in der Schule ein wachsames Auge hat und eifrig bemüht ist, die Rücksicht auf die Körperpflege mit der Aufgabe der Geistespflege in Einklang zu bringen. Aber alles Heil von der Schule zu erwarten, das wäre thöricht. Man denke an Herder’s Worte:

„Ein Thor, der klaget
Stets Andere an.
Sich selbst anklaget
Ein halb schon weiser Mann.
Nicht sich, nicht andere klaget
Der Weise an.“

Nicht mit Anklagen, sondern mit Selbsthülfe, nicht mit dem Zuschieben der Verantwortlichkeit auf Andere, sondern mit Erkennung und Erfüllung der eigenen Pflichten ist hier zu helfen. Familie, Arzt und Schule müssen eben, sich unterstützend, in viel regerem Verkehr stehen, müssen Hand in Hand gehen und ihre eigenen Interessen an dem Gedeihen eines Kindes so viel wie möglich mit den Zielen harmonischer Ausbildung und allgemeinen Wohles in Uebereinstimmung zu bringen suchen.

Bekämpfen wir die Vererbung der Krankheiten von Geschlecht zu Geschlecht, sichern wir durch rechtzeitige Regeneration dem Menschen noch vor seinem Eintritt in’s Leben eine möglichst gesunde Constitution und leiten wir die Aufziehung des Kindes im Säuglings- und Spielalter nach rationellen Grundsätzen, suchen wir ferner das Gleichgewicht zwischen geistiger und körperlicher Uebung, zwischen Arbeit und Erholung außerhalb der Schule festzuhalten und Schädigungen zu verhüten, kurz, handeln wir nach dem Grundsatze: Schul- und Hausgesundheitspflege auf verschiedenen Wegen demselben Ziele zustreben zu lassen, dann wird der Lohn nicht ausbleiben. Zwischen dem Erzieher, dem Arzte und dem Elternpaar giebt es einen für Jeden gleich wichtigen Berührungspunkt: die Hygiene.

Pflegt sie nur einer dieser drei Factoren, dann ist die Arbeit umsonst; sind alle drei einig, dann wird ein kräftiges, gesundes Geschlecht heranblühen und die Frage der „Schulkrankheiten“ mehr und mehr von der Tagesordnung verschwinden.




Die Cholera in Aegypten.

Von Adolf Ebeling.
(Schluß.)

Als der Hakihm fortging, erinnerte er nochmals an die vergessene Aloepflanze, die auch schon nach einigen Tagen unter den Lampen des Portals hing; denn vierundzwanzig Stunden mußte sie vorher auf dem Grabe irgend eines Heiligen gelegen haben, um wirksam zu werden. Inzwischen war freilich der Kranke gestorben, obwohl ihn eine verständige ärztliche Behandlung, so hörten wir wenigstens von competenter Seite, sehr wahrscheinlich gerettet haben würde. Das Kismet war diesmal stärker als die Kunst und das Gebet des Hakihm gewesen.

Dies ist ein und überdies nur in kurzen Umrissen gezeichnetes Bild der arabischen Heilkunde von ihrer prakischen Seite; nur Eins von Hunderten, ja von Tausenden. In keinem Lande, wenigstens in keinem civilisirten, und dazu muß Aegypten doch wohl gerechnet werden, ist der Aberglaube so allgemein verbreitet wie dort, und er ist in seinen Folgen um so verderblicher, als er mit dem Fatalismus Hand in Hand geht; dieser ergänzt gewissermaßen jenen.

Als daher im Sommer des Jahres 1865 die Cholera in Aegypten auftrat, blieb man von oben her der Seuche gegenüber fast ganz unthätig, oder ergriff verkehrte Maßregeln, die noch dazu ganz kopflos oder auch gar nicht ausgeführt wurden. Allah hatte sie gesandt, und die Opfer und ihre Zahl waren ja vorher bestimmt. Was halfen also menschliche Vorkehrungen und Mittel gegen das unabänderliche Kismet! So wenigstens dachte und redete man im Volk.

In Kairo wie im ganzen Lande wüthete die Epidemie auf wahrhaft entsetzliche Weise. An manchen Tagen starben in vierundzwanzig Stunden zwischen zweitausend und dreitausend Menschen. Die Calamität und die allgemeine Verwirrung erreichten ihren Höhepunkt, als der Khedive Ismail, nachdem in seinem Palast zwei plötzliche Todesfälle vorgekommen waren, heimlich über Nacht Stadt und Land verließ und nach Europa flüchtete. Er war, dank seiner in Paris erhaltenen Bildung, viel zu „aufgeklärt“, um noch an das Kismet zu glauben. Hatte er sich doch sogar schon photographiren lassen, wie er auch mit dem Plane umging, seinem Großvater Mohammed-Ali und seinem Vater Ibrahim Denkmäler zu errichten – schwere Versündigungen gegen den Koran, der jedes menschliche Abbild streng verbietet, und mancher fanatische Ulema erklärte dies, im Verein mit sonstigen christlichen Neuerungen, als die eigentliche Ursache der Epidemie.

Die feige Flucht des Landesherrn, der sich selbst noch kurz vorher in seinen Proclamationen einen Landesvater genannt hatte, was die bezahlten französischen und italienischen Zeitungsschreiber begeistert als eine „neue Aera“ für Aegypten verkündet hatten, gab die Losung zu einem universellen „Rette sich, wer kann“, und während eines ganzen Monats herrschte fast vollständige Anarchie in der Khalifenstadt und im übrigen Aegypten.

Europäische Aerzte, darunter mehrere deutsche, und eine Anzahl europäischer Kaufleute, die den Muth hatten, zu bleiben, organisirten auf eigene Hand Ambulancen und eine Art von Sicherheitsdienst und retteten nicht wenige vom Tode, namentlich vom Hungertode, weil man unzählige Kranke ohne jeglichen Beistand gelassen, um nur sich selbst in Sicherheit zu bringen. Trotzdem hielt der „Schwarze Tod“ (denn für das ägyptische Volk sind noch heute Pest und Cholera gleichbedeutend) eine fürchterliche Ernte und raffte nach einer späteren oberflächlichen Schätzung mehr als ein Fünftheil der gesammten Bevölkerung hinweg.

Eine so entsetzliche Katastrophe trug denn doch für die Folgezeit mehrere gute Früchte, und wenn dieselben auch vielfach hinter den gehegten Erwartungen zurückblieben, so lag es diesmal wirklich weniger an dem guten Willen der Regierung (vorzüglich unter der Präsidentschaft Nubar-Paschas) als an dem Starrsinn, der Faulheit und der Unwissenheit der großen Mehrheit des ägyptischen Volkes. Wer die letztere, bei der unbestreitbaren Bildungsfähigkeit der Aegypter, auf dem Gewissen hat, weiß Der am besten, der im Jahre 1879 von seinem sogenannten Thron herabsteigen und in’s Exil wandern mußte, nachdem er das aus den Händen seines Vorgängers so blühend erhaltene Land nicht an den Rand des Abgrundes, sondern geradezu in denselben hinein gebracht hatte.

Auch in Aegypten rächen sich die Sünden der Väter an den Kindern, vorzüglich wenn die Kinder so schwach und unselbstständig sind, wie der jetzige Khedive, der als Privatmann gewiß gute und lobenswerthe Eigenschaften hat, der aber der ihm gewordenen, allerdings auch sehr schweren Regentenaufgabe keineswegs gewachsen ist. Er hat dies wenigstens bis jetzt und vom Beginn seiner Regierung an gezeigt, und die Engländer haben eben deshalb um so leichteres Spiel im Lande. Mit einem Mohammed-Ali wären sie jedenfalls nicht so leichten Kaufs fertig geworden.

Als sich nun im Mai dieses Jahres die ersten Cholerafälle in Damiette zeigten, die schon nach einigen Wochen so bedenkliche Proportionen annahmen, stieg bei Allen, die mit den ägyptischen Verhältnissen, mit Land und Leuten und mit der dortigen Regierungsweise und Beamtenwelt näher bekannt sind, sofort die [559] ernste Befürchtung auf vor einer weiteren Verbreitung und vor einem Anwachsen der Seuche zu einer wirklichen Landesepidemie. Diese Befürchtungen sind leider nur zu sehr und zu bald eingetroffen.

Jetzt noch die Entstehung der Seuche näher zu untersuchen, ob sie spontan in Damiette entstanden, was immerhin möglich sein kann, oder ob sie, was wahrscheinlicher ist, durch englische Schiffe von Bombay, wo sie bekanntlich in noch höherem Grade als in Syrien und Mesopotamien endemisch ist, eingeschleppt wurde – das scheint, wenigstens hier für uns, eine müßige Frage. Die Aegypter selbst sind viel zu sehr Partei und möchten zu aller sonstigen Noth, die, nach ihrer Ansicht, die englische Occupation über sie gebracht hat, auch noch gar zu gern die Cholera auf Rechnung der Engländer setzen.

Die Nationalpartei, „Aegypten für die Aegypter!“, die mit dem Sturz Arabi Paschas keineswegs vernichtet ist, sondern (man täusche sich nicht!) unter der Asche fortglimmt und, wenn auch nicht bald, so doch jedenfalls dermaleinst wieder in Flammen aufschlagen wird, diese Partei bezeichnet schon jetzt offen und geheim die Engländer als die Urheber des neuen Unheils und vielleicht nicht mit Unrecht, denn in Europa und sogar in England selbst sind ja schon mehrfach Stimmen laut geworden, die ähnliche Anklagen wegen der aus Ostindien angekommenen und nicht controllirten englischen Dampfer erhoben, – die Grundgesetze der Gesundheitspflege sollen die Engländer verletzt haben, nur um dem „Geschäft“, das allerdings im vorliegenden Falle den Welthandel bedeutet, nicht zu schaden.

Als nun von Damiette aus sich die Epidemie weiter und weiter verbreitete, aber doch immer noch im nördlichen Delta blieb, also zu Anfang des Juli, da hätte man schon in Kairo die nöthigen und zwar die umfassendsten vorbeugenden Maßregeln treffen müssen, um sie, wie einen heranrückenden Feind, wohlgerüstet zu empfangen. Da war es vor Allem angezeigt, die Nilufer oberhalb Kairo und bis nach Minieh und Siut hinauf streng zu überwachen, um den Strom, die einzige Wasserquelle in ganz Aegypten, von allen Cadavern und von dem tausendfachen Unrath frei zu halten, der nach Landessitte seit Menschengedenken hineingeworfen wird, und eine gleiche Fürsorge und Aussicht für die Straßen der Städte und Dörfer anzuordnen. Das hat man aber nicht gethan, im Gegentheil, es ist nach durchaus glaubwürdigen Augenzeugen erwiesen, daß man sich in Mittelägypten an vielen Orten der Befolgung aller jener Vorschriften hartnäckig entzog und sich über das Erscheinen und Umsichgreifen der Cholera geradezu freute, vollends als es hieß, daß sie auch unter den englischen Truppen ausgebrochen sei, weil man hoffte, dadurch am schnellsten von der verhaßten Occupation befreit zu werden. Der Polizeipräfect von Kairo, ein fanatischer Feind der Engländer, mag ähnlich gefühlt und, wenll er geschichtskundig ist, vielleicht gar an Rostopschin gedacht haben, der Moskau lieber den Flammen preisgeben, als es in die Hände Napoleon’s fallen lassen wollte. Hier jedenfalls ein verdammenswerther Patriotismus.

Für Bulak ferner, die eigentliche Hafenstadt von Kairo, geschah anfangs gar nichts, und doch lagen dort aus früheren Pest- und Cholerajahren die traurigsten Erfahrungen vor. Jedes mal, wenn eine Epidemie die Hauptstadt heimgesucht, war sie in Bulak zuerst ausgebrochen, und vereinzelte Cholerafälle mit tödtlichem Ausgang kommen dort alljährlich in den letzten zwanzig Jahren vor. Das Häusergewirr der dortigen engen, dichtbevölkerten und dazu grenzenlos schmutzigen Gassen hat von jeher alle Fremden und Touristen als Reisecuriosum angezogen, weil man dort ein Stück Orient finden und beobachten kann, gegen das die verrufensten und schlimmsten Quartiere von Kairo und Constantinopel zurücktreten müssen.

In Bulak brach denn auch diesmal die Seuche, soweit sie die Hauptstadt selbst betrifft, wieder zuerst aus, und es ist jetzt erwiesen, daß sie dort schon mehrere hundert Menschen hingerafft hatte, als man noch nicht die geringsten Maßregeln getroffen hatte; denn die ersten amtlichen Bekanntmachungen, die sich direct auf die Bevölkerung von Kairo beziehen, datiren vom 15. und 18. Juli. Und jetzt, wo wir dies schreiben (in den letzten Julitagen), tritt erst die eigentliche Sanitätscommission zusammen, die schon so lange auf dem Papier stand, und auch das nur, weil man endlich einige englische Persönlichkeiten als Mitglieder darin hat aufnehmen müssen, gegen die man sich bis dahin hartnäckig gesträubt hatte.

Noch weiß man nichts Näheres von der Wirksamkeit und den Erfolgen dieser Commission, die auch leider zur Bekämpfung der Seuche machtlos bleiben wird. Man kann ein ganzes Volk in seinen Sitten und Gebräuchen, in seiner ganzen Denk- und Anschauungsweise nicht im Handumdrehen ummodeln, und bei dieser Gelegenheit tritt der civilisatorische Fortschritt, mit welchem der Ex-Khedive sein Land zu beglücken vorgab und der so pomphaft in alle Winde hinausposaunt wurde, als klägliches, wesenloses Scheinding so recht zu Tage. Unten hätte er mit seinen Reformen anfangen müssen, das heißt dem eigentlichen Volke ein besseres Heim, eine menschenwürdigere Existenz nach Gesetz und nicht nach Willkür schaffen und dadurch den Sinn wecken für Ordnung, Sauberkeit, Regel und Maß - prosaische Dinge immerhin, aber im Staatshaushalt von hoher Bedeutung – dann hätte man schon früher während seiner Regentschaft und vollends jetzt bei dieser neuen entsetzlichen Calamität den Segen davon verspürt. Doch das sind utopische Bilder, die vor der ernsten, erschütternden Wirklichkeit in Dunst und Nebel zerfließen. Dieser jetzt mannhaft die Stirn zu bieten, um zu retten, was noch zu retten ist, bleibt die Aufgabet der genannten Commission und überhaupt der Regierung. Der jetzige Khedive, der junge Tewsik, tritt dabei gottlob nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Er bleibt doch wenigstens in seiner Residenz, durchfährt täglich die Straßen und hat auch bereits die Cholerakranken in den verschiedenen Hospitälern besucht; nach europäischen Begriffen ganz gewöhnliche Dinge und im Grunde nichts als die Pflicht des Landesherrn, nach orientalischen aber wahrhafte Heldenthaten.

Den weiteren Verlauf der Epidemie vorherzusagen, ist natürlich unmöglich; man hat dafür als Anhalt nur die Erfahrungen früherer Cholerajahre, nach welchen sie mit dem fallenden Nil, also gegen Ende September, ebenso rapid abnahm, wie sie mit dem steigenden gewachsen war. Eine neue Erfahrung tritt diesmal hinzu, nämlich die von der fast vollständigen Nutzlosigkeit nicht der eigentlichen Quarantaine, sondern der Absperrung der bereits heimgesuchten Ortschaften. Die erstere mag, trotz ihrer Gegner, namentlich für Seehäfen, also im vorliegenden Falle für Triest, Marseille und hauptsächlich für die verschiedenen italienischen Häfen, von Erfolg sein, die zweite, die Absperrung, ist, wie gesagt, nicht allein zwecklos, sondern unter Umständen, wie diesmal in Damiette, Mansurah und Damanhur, erst recht gefährlich. Die Sperrgürtel wurden, trotz der scharfen militärischen Bewachung und des unmenschlichen Befehls, jeden Herankommenden niederzuschießen, fast überall durchbrochen und die Flüchtigen trugen den Ansteckungsstoff weiter, was in den südlicher gelegenen Städten Tantah, Zagasihk und Benha amtlich constatirt wurde, wie es gleichfalls officiell erwiesen ist, daß in Damiette Hunderte von Nichterkrankten aus Mangel an Nahrungsmitteln umgekommen sind, weil die Hineinschaffung derselben in die Stadt gleichfalls nicht gestattet wurde. Ein neuer Beweis von der Kopflosigkeit der ägyptischen Behörden, die sich nicht wenig auf die Idee einer „Localisirung der Seuche“ einbildeten.

Mehr als sonst hat sich übrigens die Cholera in Aegypten diesmal launisch und unberechenbar gezeigt; so sind namentlich in Kairo einzelne arabische Viertel bis jetzt ganz verschont geblieben, wo unter gleichen Vorbedingungen die nächstgelegenen schwer heimgesucht wurden. Im sogenannten Frankenviertel, den unter dem Ex-Khedive Ismall angelegten neuen Stadttheilen mit breiten Straßen und vielen Gärten, sind bis Ende Juli nur wenig einzelne Fälle vorgekommen, aber dafür ausnahmsweise in dem dicht bei Kairo, hart am Wüstenrande liegenden Gizeh. Sonst bot die Wüste immer das sicherste Asyl gegen die Epidemie, und die Wüstenbewohner selbst, die Beduinen, kennen weder Pest noch Cholera. Ein Gleiches gilt von der nur wenige Meilen südwestlich von Kairo liegenden herrlichen Oase Fajuhm, die stets von den Epidemien verschont geblieben ist und wohin auch diesmal wieder schon im Juni viele Hundert arabische und europäische Familien übersiedelten, die nun vielfach unter Zelten campiren und allen Comfort entbehren, dafür aber ihr Leben in Sicherheit gebracht haben.

Die große Masse des eigentlichen arabischen Volkes leidet aber unendlich schwer unter dieser neuen Zuchtruthe des unerbittlichen Schicksals, und es gehört der durch vielhundertjährige Knechtung sclavisch gewordene Charakter desselben und nicht minder die Furcht vor den englischen Truppen dazu, um es nicht trotz alledem zu einem Aufstand zu treiben, der in seinen Folgen nicht [560] unterschätzt werden dürfte. Heimliche Abgesandte des Mahdi (des sogenannten „falschen Propheten“, der nichts weniger als besiegt ist) treiben sich seit Monaten in Kairo umher, und auch aus Abessinien kommen beunruhigende Nachrichten wegen eines geplanten Handstreiches des Königs Johannes auf die Hafenstadt Massaua am Rothen Meere, dem alten Zankapfel zwischen Abessinien und Aegypten.

War also die Lage im Pharaonenlande seit den Ereignissen der letzten Jahre ohnehin schon sehr ernst, so ist sie es jetzt noch weit mehr geworden, und was das Schlimmste und zugleich das Betrübendste ist; sie bietet zur Zeit so gut wie gar keinen tröstlichen Lichtblick in die nächste Zukunft. Ganz lassen wir dennoch die Hoffnung auf bessere Tage für Aegypten nicht sinken, wenn wir auch für unseren heutigen Artikel kein anderes Schlußwort finden können, als den ägyptischen Trostspruch: Insch Allah! Wie Gott will!




Blätter und Blüthen.

Das Fest der Madonna auf den Lagunen. (Illustration S. 557.) Es naht der Tag, an welchem der Marien-Cultus sein höchstes Fest begeht, ein kirchliches Freudesfest für Millionen: der 8. September, der Geburtstag der Madonna. Wie verschiedenartig die Pracht ist, welche bei dieser Feier entfaltet wird, ist bekannt; in welch einfacher, kindlicher Weise das Volk selbst sich dabei betheiligt, dafür mochten wir unseren Lesern ein ebenso anmuthiges, als für unser Auge seltsames Beispiel zeigen. Wir lassen sie durch einen jungen Künstler, den Schleswiger Maler Heinrich Rasch in München, am Morgen des großen Madonnenfestes zu der Schiffer- und Fischerbevölkerung führen, welche auf den Inseln und an den Gestaden der venetianischen Lagunen lebt.

Die weite Wasserfläche, auf welcher, von der Höhe des Marcus-Thurmes aus betrachtet, Venedig zu schwimmen scheint, so lange die (ungefähr einen Meter hohe) Fluth herrscht, zeigt, sobald die Ebbe eintritt, ein anderes Bild des Strandsees, den die lange Inselkette des Lido vom Adriatischen Meere scheidet. Von der Landseite her treten dann weite Flächen des Sumpfbodens an das Licht, die zum Theil kahl, zum Theil mit üppiger Meeresvegetation bedeckt und wiederum von Wasserflächen und Fahrstraßen für die Schiffer und Fischer durchzogen sind. Der bilderreiche Volksmund bezeichnet diesen Theil der Lagunen als „den todten“ (Laguna morta), zum Unterschied von der Laguna viva, dem frischen Strandsee, der durch die fünf Wasserstraßen (Porti), welche ihn mit dem Meer verbinden, immer frischen Zufluß erhält. Das Wasser selbst ist natürlich eine Mischung von dem Süßwasser der Landzuflüsse und dem Seewasser, und daraus ist auf die Mannigfaltigkeit der Vegetation des Lagunenbodens und des Fischreichthums zu schließen.

Da besonders während der Fluth- oder zur Nachtzeit die Fahrt in den todten Lagunen gefahrbringend sein könnte durch die Sand- und die Schlammbänke, welche selbst die frische Lagune auf gewissen Strecken unsicher machen, so hat man die fahrbaren Wasserstraßen (Fondi, zum Theil wirkliche Canäle) durch Reihen von eingerammten Pfählen bezeichnet, die durch Form und Farbe sogar andeuten, ob sie vor unbewachsenen oder bewachsenen Untiefen warnen. Besonders ausgezeichnet sind auch die an der Kreuzung zweier Canäle stehenden, sowie die mit Laternen versehenen, welche Fari heißen.

Läßt diese sorgfältige Straßenordnung uns auf die Lebhaftigkeit des Verkehrs schließen, besonders wo durch sie die Verbindung volksreicher Orte vermittelt wird, so fällt es uns auch nicht mehr auf, daß sich hier auf dem Wasser wiederholt, was uns dort auf dem Lande so vielgestaltig vor Augen tritt: daß an den betretensten Straßen und Pfaden Capellen oder Bildstöcke angebracht sind, die den Wanderern oder den Arbeitern auf dem Felde die Gelegenheit bieten, ihre Andacht zu verrichten oder ihren besonderen Heiligen ihre besondere Verehrung zu erweisen. Auch an diesen Wasserstraßen erheben sich solche Bildstöcke. Auf eingerammten Pfählen steht das durch ein Dach geschützte Häuschen mit dem zu verehrenden Heiligen. Wer wird aber auf den Lagunen, die der Acker und der Garten der Schiffer und der Fischer sind, etwas Anderes suchen und verehren, als die höchste Heilige des Volkes, die Madonna, von welcher allein sie im ganzen Jahr glücklichen Fang und glückliche Fahrt erflehen? Und ihr Fest sollte nicht das herrlichste des ganzen Jahres sein?

Eine solche Feier beginnt vor unseren Augen. Schiffer und Fischer einer Ortschaft schmücken ihre Madonna für den großen Tag. Denn es giebt für jenes kindliche Volk keine allgemeine Madonna, sondern jeder Ort hat seine Madonna, die ihm hoch über allen anderen Madonnen steht. Ich wohnte einmal einem Madonnenfeste in Dolo, einem Städtchen an der Brenta und der alten Heerstraße von Mestre nach Padua, bei und erlebte es selbst, daß in einer Osterie die Bewohner verschiedener Ortschaften über den Werth ihrer Madonnen in Streit und hart an einander geriethen. Sie warfen gegenseitig ihren Madonnen sogar nicht gewöhnliche Uebelthaten vor, um die Ehre der eigenen Schutzheiligen um so höher zu erheben, und es würde zum Aeußersten gekommen sein, wenn nicht die (damals noch österreichischen) Gensdarmen Fäuste und Messer zurückgehalten hätten. Für die Ehre ihrer Madonna stehen Männer und Weiber in Flammen. Darum opfert das arme Volk auch das Möglichste an seinem Madonnenfeste.

Ja, arm sind sie, die Fischer und Schiffer der Lagunen, aber auch genügsam und ehrlich. Namentlich gilt dies von den Gondlern Venedigs, so offenkundig auch deren Beharrlichkeit in der Nachbitte um „noch eine Kleinigkeit“ bei jedem verabfolgten Trinkgelde ist. Ein solcher Mann könnte die größten Kostbarkeiten und Geldsummen in seiner Gondel finden, er würde sie nicht anrühren, sondern Anzeige von dem Funde machen, denn die Ehrlichkeit ist seines Standes höchste Ehre, wie groß auch die Armuth sein mag. Freilich sind auch ihre Ansprüche an die Genüsse des Lebens sehr gering. Sie bedürfen für sich und die Ihrigen fast nur einer Schlafstätte. Nicht selten sollen, namentlich in Chioggia, bis zu einem halben Dutzend Familien in einer Baracke oder in den unteren Räumen eines verfallenen Palastes beisammen wohnen, denn die eigentliche Heimath dieser Leute ist ihr Fahrzeug, ob Gondel, Arbeitsboot oder Schiff zum Fischfange. Einige Schnitte von gebackenem Kürbis mit ein paar Fischchen oder ein Teller voll Polenta sind Leckerbissen für sie und genügen für den ganzen Tag. Gilt es aber die Feier eines Festes ihrer Madonna, so wird das Beste von Kleidung und Schmuck angelegt, blüthenweiß ziert das Kopftuch die Frauen, Alles freut sich an den buntesten Farben. Und so geht’s zum Feste.

Vor Allem muß das Bild der Madonna geschmückt werden, und daran nimmt auch das nahe Kapuzinerkloster Theil. Wir sehen das Klosterboot mit dem weiß und roth gestreiften Baldachin, vor welchem der stattliche Mönch die Decorationsarbeit leitet. Kränze und Sträuße aus Sonnenblumen, Weinlaub, Schilf und Granatblüthen werden so reichlich als möglich angebracht, und wie vermag dieses arme Volk sich darüber zu freuen! Wie zeigt sich eine angeborene Anmuth in allen Bewegungen! Es ist wirklich ein Hochgenuß, einem solchen Volksfeste beizuwohnen, der Anblick bleibt erquickend, scheint es doch, als bemühe sich jede einzelne Person ganz besonders, das Bild des Ganzen so schön wie möglich zu gestalten.

Die Madonna prangt in ihrem Schmuck. Männer und Frauen, die am Bildstock beschäftigt waren, steigen in ihre Kähne und Boote, und schon hallt von allen Inseln und Ufern über die weite, stille Lagune der Glockenklang der Kirchen und Klöster. Und erschallen erst die Böllerschüsse, dann beginnt die Procession, das Schiff der Geistlichen mit dem Allerheiligsten voran und dahinter in bunter Reihe die Fahrzeuge des Volkes, alle ausgerüstet mit Fahnen und Standarten und mit reicher Blumenzier den Tag ehrend. Man kann anderer Glaubensrichtung sein, als die hier feiernde Schaar, aber unwillkürlich wird man zu dem Wunsche kommen: Möge die Madonna der Lagunen dem armen Volke allezeit Fang und Fahrt segnen!

Fr. Hfm.




Für Ischia! Ein Aufruf, welchen der Kronprinz des deutschen Reiches in einem Schreiben an den Fürsten Bismarck an das deutsche Volk richtet, wird nirgends im deutschen Vaterland ohne Echo bleiben. Auch wir wiederholen ihn:

„Das Unglück, durch welches Ischia heimgesucht und ganz Italien in tiefe Trauer versetzt worden ist, hat in Deutschland den schmerzlichsten Eindruck gemacht. Es ist Meiner Gemahlin und Mir daher ein Bedürfniß, diesem Gefühle Ausdruck zu verleihen, und Wir hegen den innigen Wunsch, daß dies in einer Unserer Betrübniß würdigen Weise geschehe. Deshalb möchten Wir, von Tausenden umringt, im Geiste an die Trauerstätte treten, aber nicht nur, um die Todten zu beklagen, sondern um zu helfen, das überlebende Leid zu lindern. Wir sind gewiß, daß das deutsche Volk dem befreundeten Nachbar im Unglück wird zur Seite stehen wollen, und daß es bereits nach Wegen dahin sucht. Darum bitten Wir Sie, hiermit bekannt zu machen, daß die Kronprinzessin und Ich Uns an die Spitze einer Sammlung für die Verunglückten von Ischia gestellt haben.
Berlin, den 10. August 1883.
Friedrich Wilhelm, Kronprinz.“

Wenn Italien uns heute auch nicht so nahe stände, wie dies der Fall ist, so würde solch ungeheures Unglück dennoch unserer menschlichen Theilnahme gewiß sein. Nachdem aber ein gleiches Schicksal Deutsche und Italiener aus der Zerrissenheit und Uneinigkeit ihres Staatslebens erlöst und beide Nationen, die ein despotischer Geist gefesselt, getrennt und mit Feindschaft gegen einander erfüllt hatte, durch den Sieg ihrer Einheit und Freiheit zu offenen Freunden geworden, ist es doppelte Pflicht, dem Rufe unseres Kronprinzen und dem unserer Herzen zu folgen. Der Opferstock für die Unglücklichen von Ischia steht in Deutschland überall offen, und wer giebt, dem wird der öffentliche Dank nicht fehlen.

Die Redaction.




Inhalt: Ueber Klippen. Von Friedrich Friedrich (Fortsetzung), S. 545. – Die internationale landwirthschaftliche Thierausstellung in Hamburg. Von Harbert Harberts, S. 548. Mit Abbildungen, S. 549. – Wie und wo entstehen die „Schulkrankheiten“? Von Dr. L. Fürst (Schluß), S. 554. – Die Cholera in Aegypten. Von Adolf Ebeling (Schluß), S. 558. – Blätter und Blüthen: das Fest der Madonna auf den Lagunen. Mit Illustration S. 557. – Für Ischia, S. 560.



Für die Redaction bestimmte Sendungen sind nur zu adressieren: „An die Redaction der Gartenlaube, Verlagsbuchhandlung Ernst Keil in Leipzig“.

Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)