Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1880) 713.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[713]

No. 44.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.




Schwester Carmen.
Aus dem Leben einer deutschen Herrnhuter-Colonie.
Von M. Corvus.
(Fortsetzung.)


7.

Trotz des Septembermorgens brütete eine wahre Julihitze über der Landschaft, und so oft ein Luftzug sich erhob, wirbelte er mit sengendem Hauch den Staub der Landstraße in die stillen Gassen der Colonie.

Ungeachtet der Sonnengluth arbeiteten Maurer und Zimmerleute rüstig an dem Baue des neuen Hauses, das Bruder Mauer aufführte und das außerhalb der inneren Straßen am Saume der Gärten einen anmuthigen Platz hatte. Die weite sonnige Landschaft konnte man von dem Erdgeschosse, das sich schon über dem Grunde erhob, überblicken, zunächst die grünen Wiesen mit dem Ententeiche, an dem vorüber der Weg nach der alten Mühle im Thale führt, dann die Landstraße, den Hügel mit dem freundlichen Gottesacker und endlich im Süden zu Höhen emporsteigende Waldmassen und ragende Bergkuppen, welche die weite Aussicht abschließen.

„Das also wird Dein Zimmer werden, lieber Vater, und das hier daneben das meinige,“ sagte Carmen vergnügt zu dem Alten; denn sie waren Beide in den lichten Morgen hinausgewandert, um mit eigenen Augen zu sehen, wie ihr zukünftiges Heim wachse und werde. „Wie hübsch es sich darin wohnen wird, Vater! Ich werde mir Weinlaub um die Fenster ziehen, damit im Sommer ein traulich gedämpftes Licht hereinfällt, und wenn auch kein Schmuck in das Zimmer kommt, einen Schrank mit Büchern und hier am Fenster einen Tisch mit Blumen soll es darin geben, und zwischen diesen beiden schaffe ich mir einen solchen lieben, behaglichen Winkel, wie ihn Frau von Trautenau in ihrem Zimmer hat. Und da, wenn es am Abend dämmert, lieber Vater, sitzest Du bei mir und erzählst mir von den Schneebergen des Himalaya und den Wundern der indischen Welt; oder wenn dann die Lampe brennt, lese ich Dir vor – gerade so, wie ich es mit Frau von Trautenau in ihrem heimlich stillen Traumwinkel gethan habe.“

„Wie viel Du doch immer von dieser Frau sprichst, Carmen! Ist sie Dir denn so sehr lieb geworden?“ fragte Mauer.

„Ja, sehr lieb, Vater!“ entgegnete sie lebhaft, und die Wärme ihrer Empfindung glänzte auf ihrem schönen Gesicht; „denn sie ist so voll großer Güte für mich, und bei ihr habe ich, die damals Vereinsamte, es wieder empfunden, wie schön es doch ist, wenn man einer Mutter vertrauend in's Auge sehen kann. Bei ihr würde ich immer Schutz und Verständniß gefunden haben, wenn Du mir nicht wiedergekehrt wärest, lieber Vater. Sie ist nicht so still und einfach, wie unsere Schwestern es sind, aber sie ist in Allem edel und gut, und obgleich sie zu denen von der Welt draußen gehört, kann man doch nicht fehl gehen, wenn man ihr folgt. Die Welt!“ fuhr sie sinnend fort. „Wir Alle sind doch von dieser so gescholtenen Welt, so lange wir leben – o, wie kann ein Theil dieser sich da für besser halten als die anderen?“

„Nicht für besser halten wir uns, Kind, aber auf sicherem Wege, um besser zu werden,“ fiel der Vater ein. „Und doch, auch bei uns sind die Abwege nicht ausgeschlossen, die vom Ziele ablenken,“ fügte er seufzend hinzu.

„Siehst Du, lieber Vater,“ sagte sie mit holdem Lächeln, „das ist es, was auch ich meine: der rechte Weg und der falsche kreuzen sich nun einmal überall in dieser Welt, und unser Herz muß treulich suchen, daß es den rechten immerdar finde.“

„O, daß Dich das Deine nie mißleite!“ meinte der alte Mann bewegt. „Wer lange gelebt hat, wie ich, wer gefehlt und gebüßt hat, der lernt dem Herzen mißtrauen.“

„Horch, Vater, sind das nicht Schüsse?“ unterbrach Carmen erregt den Vater.

In der That ertönten schon mehrmals von fern her dumpfe Schläge, wie Kanonenschüsse; plötzlich war es, als ließen sie sich aus kürzerer Entfernung vernehmen, und dazwischen schallte auch das Knattern von Gewehrsalven herüber – von dem Saume des nach Süden sich hinstreckenden Waldes kräuselten sich Rauchwolken auf und zogen langsam an der schwarzen Masse der Tannen hin.

Vater und Tochter waren zu einer alten Linde getreten, die etwas erhöht neben dem Baue stand. Von hier blickten sie, bequem auf dem Rasen gelagert, in den Morgen hinaus; der Himmel hatte im Westen eine dunkle Färbung angenommen; schwarze Wolken ballten sich dort drohend zusammen – man mußte auf Unwetter gefaßt sein.

Und immer und immer wieder dröhnte es von drüben aus dem Walde zu ihnen herüber.

„So viel Schüsse! Sind Jäger dort?“ fuhr Carmen erstaunt zu fragen fort.

„Soldaten sind's, die dort ein Manöver haben,“ rief einer der Arbeiter, der neugierig herbeigeeilt war. „Ich habe davon gehört, daß sie in den Ortschaften jenseits des Waldes im Quartier liegen.“

[714] Soldaten, welch ein Ereigniß! Die andern Werkleute, so fleißig und rührig bis jetzt, hielten ebenfalls mit der Arbeit inne und blickten neugierig staunend dorthin, von wo der Rauch aufgestiegen war.

Es war aber auch etwas ganz Außerordentliches, Soldaten in der Nähe zu wissen, da man hier solche seit langen Zeiten nicht gesehen hatte. Der Bruder der Unität, der doch das Waffenhandwerk für Sünde hält, war zur Zeit unserer Erzählung, also im Anfange dieses Jahrhunderts, durch eine Verordnung des Landesherrn noch vom Militärdienste befreit, und so war Mancher in der Colonie, der, wenn er nicht auf Reisen gewesen war, Soldaten nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Jetzt leuchteten plötzlich von einem der waldbedeckten Hügel Blitze auf, und wieder dröhnte das Krachen von Kanonenschüssen, diesmal lauter als zuvor; gleichzeitig antworteten Gewehre aus dem Walde. Aus den Waldwegen ließen sich die bunten Uniformen, zuerst einzelne, dann mehr und mehr, zuletzt in ganzen Truppen unter den Bäumen blicken; Bajonnette blitzten im Sonnenlicht; Fahnen und Standarten wehten, und Hornsignale tönten aus der Ferne herüber.

„O, da sind sie – die Soldaten! Wie das blitzt und funkelt!“ rief Carmen entzückt. „Wie die Reiter dahinsprengen und die Waffen in ihrer Hand leuchten – sieh doch, lieber Vater, wie herrlich sich das ausnimmt!“

„Ja, wenn kein blutiger Ernst darin ist und man dem Schauspiel aus sicherer Ferne zusehen kann!“ meinte Mauer bedächtig.

„Ich weiß doch nicht, Vater, wenn ich ein Mann wäre, ob ich nicht gern Soldat sein möchte,“ warf das Mädchen lebhaft ein. „Tödten ist zwar große Sünde, aber für das Vaterland kämpfen, das muß schön für einen rechten Mann sein – ein rechter Mann, Vater, scheint mir, ist der, welcher fest dasteht und Furcht niemals kennt, der sich der Gefahr muthig entgegenwirft, mit scharfem Auge sie übersieht und mit fester Hand sie abwehrt, unter dessen Schutz die Schwachen flüchten und der doch dabei das weiche, gute Herz und den gerechten Sinn hat – solch ein Mann, Vater, der wie eine Eiche nicht schwankt, wenn die Bäumchen im Winde zittern.“

„Hast Du denn schon Soldaten gesehen?“ fragte Mauer, erstaunt über das Feuer, das aus dem Mädchen sprach.

„Ja, in Wollmershain,“ antwortete sie schnell.

„Und waren sie denn auch solche Männer, wie Du sie schilderst?“

Sie zauderte einen Augenblick.

„Nein, alle doch nicht, Vater – es ist eben nicht Jeder ein rechter Mann.“

„Wollmershain und Frau von Trautenau – dazwischen scheinen sich Deine Gedanken und Deine Erfahrungen zu drehen, Carmen; denn Alles, was Du denkst und mir erzählst, geht von dort aus und führt dorthin zurück,“ sagte Mauer fast beunruhigt. „Sie haben großen Eindruck auf Dich gemacht – ich fürchte, größeren, als Dir gut ist.“

Sie antwortete nicht. Ihre Blicke hingen an dem Bilde vor ihr. Immer neue Truppen drangen aus dem Walde hervor – plötzlich schwenkte auch seitwärts eine große Anzahl Reiter um die Waldecke; das Schauspiel wurde immer lebhafter; Carmen’s Gesicht glühte vor Vergnügen, und ihre Augen flogen rastlos hin und her, um das ganze Bild zu umfassen.

„Ich möchte den ganzen Tag hier sitzen und dem Gewoge zusehen,“ sagte sie. „Es kann doch noch nicht spät sein, lieber Vater – nicht wahr? Schwester Agathe sagte mir heute früh, als ich fortging, ich möchte einer wichtigen Sache wegen um elf Uhr wieder im Schwesternhaus sein.“

„Elf Uhr?“ fragte Mauer, erschrocken auf seine Uhr sehend. „Aber Kind, es ist beinahe zwölf Uhr und der Mittag herangekommen.“

Carmen sprang vom Rasen auf.

„Dann muß ich fort, eilig fort. Wie schade doch! Ich bliebe so gern noch hier. Adieu, lieber Vater! Heute Nachmittag bin ich wieder bei Dir.“

Sie küßte und umarmte den Vater und eilte davon. – – –

Inzwischen hatte im Schwesternhause eine ungewöhnliche Erregung geherrscht. Wo Zwei sich in den Gängen trafen, flüsterten sie gespannt; bei der Arbeit in den Zimmern rasteten heute öfter die Hände, und die Köpfe neigten sich zu einem leise gesprochenen Worte zusammen; die Augen irrten fragend umher oder hafteten an dem Zeiger der großen Uhr, der ruhig seinen gewohnten Gang vorwärts rückte. Endlich wies er auf die erwartete Stunde, und die Uhr schlug bedächtig ihre elf Schläge, worauf aus allen Thüren die Schwestern hervorströmten und sich nach dem Versammlungssaal begaben.

Schwester Agathe und der neuerwählte Vorsteher der unverheiratheten Schwestern, Bruder Jonathan, standen inmitten des Saales, an ihrer Seite der Lehrer und die verschiedenen Chorältesten. Da nun Alle in den Saal eingetreten waren und eine lautlose Stille über den vielen erwartungsvollen Gesichtern lag, begann Jonathan zu den Versammelten zu sprechen:

„Wie Ihr vielleicht schon wissen werdet, liebe Schwestern, ist ein Brief unseres Bruders Daniel aus dem Capland bei uns eingetroffen, in welchem er uns seine glückliche Ankunft in dem Lande der Kaffern mittheilt. Sodann berichtet er uns, wie er dort mit Bruder Joseph Hübner und noch zweien Brüdern zusammen getroffen sei – wie eine kleine Gemeine gläubiger Christen sich um diese zu bilden angefangen habe und wie sie mit Hülfe des Herrn weiter fortzuarbeiten hoffen, um immer mehr Seelen der Unwissenheit zu entreißen und für den Heiland zu gewinnen. Es ist ein großes Werk, das sie gläubig begonnen haben, und Heil einem Jeden, der daran mit bauen hilft! Es fehlt ihnen an nichts, wessen sie zu ihrem einfachen Leben bedürfen – nur an Einem fehlt es ihnen: an weiblichen Händen, die ihnen beistehen und das schwere Werk ihnen erleichtern und tragen helfen. So bittet denn Bruder Joseph, daß seine Frau, Schwester Christine, die er hier zurückgelassen, ihm nachfolge, und Bruder Daniel, daß wir für ihn eine Gefährtin erwählen und in Schwester Christine’s Begleitung zu ihm senden möchten. Diese Bitte ist eine sehr gerechte und für die Frau, welche ihm angehören wird, ist ein schönes Feld bereitet, auf dem sie mit ihm wirken kann. So wollen wir denn jetzt, liebe Schwestern, durch das Loos entscheiden lassen, welche von Euch zu der Ehre berufen sei, eine Gehülfin unseres lieben Bruders bei dem Bau von des Heilandes Kirche zu werden, und wollen wir Alle in der solcher Weise getroffenen Wahl die unmittelbare Aeußerung von des Herrn Willen erkennen und ihm freudig und demüthig gehorchen.“

Jonathan schwieg, und es entstand nun eine lebhafte Bewegung unter den Schwestern, als jetzt in üblicher Weise zu dem Ziehen der Loose geschritten wurde. Spannung stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben, aber man würde vergeblich gesucht haben, auf einem derselben Furcht statt der gewohnten stillen Ergebung zu lesen.

Der Gebrauch des Loosens, der früher in der Brüderunität bei Besetzung von Aemtern und bei Eheschließungen allgemein angewendet wurde, war im Laufe der Zeit dahin eingeschränkt worden, daß es jetzt dem Ermessen jeder Ortsgemeine freigegeben war, sich desselben zu bedienen oder nicht; hier gab das Loos noch immer die Entscheidung in unsicheren Fällen, wie bei Besetzung von Aemtern, bei der Wahl von Gefährtinnen für die Mitglieder der Aeltesten-Conferenz oder für Missionäre und sonstige Brüder, die in ihren entfernten Stationen das Verlangen nach einer Frau aussprachen.

Die Gewohnheit, welche ja die Gefühle der Menschen beherrscht, ließ die Schwestern nichts Verletzendes oder Abschreckendes finden in dieser Art, über sie zu verfügen.

So ließen sie es auch heute mit heiterer Ergebung geschehen, daß Bruder Jonathan seinerseits von den gezogenen Zetteln die Namen der Schwestern, einen nach dem andern, ablas, während Agathe ihrerseits die gleichzeitig gezogenen unbeschriebenen Loose Blatt auf Blatt auf den Boden fallen ließ, wartend bis der Treffer kommen werde, welcher den Namen Bruder Daniel’s trage, und ihn so der Schwester verlobe, deren Namen Jonathan zuletzt verlesen. Die stille Demuth, die Alles, als vom Herrn kommend, gelassen hinnahm und immer auf diesen sanften Gesichtern geschrieben stand, schien selbst dieser schweren Probe standzuhalten. Keine der Schwestern zitterte, wenn ihr Name von den Lippen Jonathan’s klang.

Die Hälfte der anwesenden Schwestern mochte wohl auf diese Weise genannt worden sein; da entfaltete Jonathan ein neues Blatt, und es betrachtend, erbleichte er. Einen Augenblick hielt er den Zettel zaudernd in seiner Hand fest. [715] „Schwester Carmen Mauer!“ las er dann mit unsicherer Stimme.

Nun blickte er mit eigenthümlicher Erwartung auf Schwester Agathe, deren Finger auch ein wenig zitterten, als sie das soeben zusammengefaltete Blatt zu öffnen suchten. Lange wollte es ihnen nicht gelingen – endlich war es offen; ein Blick auf dasselbe, und ihre Hand sank langsam herab, aber diesmal ohne das Blatt niederfallen zu lassen, und ihre Augen erschrocken zu Jonathan aufschlagend, sagte sie tonlos:

„Bruder Daniel Becker!“

Haß oder Liebe, Triumph oder Verzweiflung, was war es doch, das auf Jonathan’s Zügen geschrieben stand? Diesmal vergaßen sie alle Selbstbeherrschung.

„Schwester Carmen Mauer!“ Der Name ging von Mund zu Mund und wiederholte sich überall in dem Versammlungssaale. Carmen war Allen lieb, obschon sie doch eigentlich so ganz anders als die Uebrigen war – aber das Anmuthige ihres Wesens bestrickte Alle, und die Güte ihres fröhlichen Herzens nahm Jede für sie ein.

„Carmen Mauer!“ der Name wiederhallte im Saale, aber es erfolgte keine Antwort darauf – Carmen war nicht da.

„Wo ist Schwester Carmen Mauer?“ fragte jetzt nochmals Bruder Jonathan, der sich wieder gefaßt hatte, und es schimmerte wie ein helles Licht der Hoffnung auf seinem Gesichte auf.

„Hier!“ entgegnete da plötzlich ihre Stimme, noch athemlos vom schnellen Laufe. Alle kehrten sich um, und unter der geöffneten Thür des Saales stand sie, die Wangen geröthet, und mit den großen schwarzen Augen verwundert über die Versammelten hinschweifend.

„Hier bin ich,“ wiederholte sie vortretend, da Alle schwiegen, „bedürft Ihr meiner?“

Schwester Agathe zauderte; sie wußte nicht gleich zu antworten. Daß Carmen auch gerade diesen Morgen so lange ausbleiben und es ihr dadurch unmöglich machen mußte, sie auf den eben abgeschlossenen Act vorzubereiten! Am liebsten hätte Schwester Agathe auch jetzt noch allein mit dem Mädchen gesprochen und ihr freundlich zugeredet, ehe ihr vor Aller Ohren die auf sie gefallene Entscheidung mitgetheilt wurde.

Aber da trat schon Jonathan auf Carmen zu. Seine alte Ruhe war ihm wiedergekehrt, ja es lag etwas Siegesgewisses in seinem Blicke, wie er die Augen fest auf die Ahnungslose richtete, als habe er diese nun sicher in seiner Hand.

„Liebe Schwester Carmen,“ redete er sie an, „Du hast durch Dein Fernsein es zu hören verabsäumt, daß Bruder Daniel Becker aus dem Kaffernlande an die Gemeine geschrieben und die Wahl einer Gefährtin für sich erbeten hat. Soeben ist hier das Loos darüber gezogen worden, und der Heiland hat durch dasselbe die Wahl auf Dich gelenkt.“

„Auf mich?“ fragte Carmen verwirrt, die Augen groß und erstaunt auf den Sprechenden richtend, als begreife sie nicht, was er ihr sage.

„Ja, auf Dich, liebe Schwester,“ fuhr Jonathan mit erhobener Stimme fort, „und ich hoffe, Du wirst diese Wahl demüthig annehmen, wie es sich geziemt, und Deiner Bestimmung als Frau und Gehülfin Bruder Daniel’s folgen –“ er stockte einen Augenblick und schloß dann mit Betonung: „wenn Du noch keinem andern Manne verlobt bist.“

Da flammten Carmen’s Augen leidenschaftlich und stolz auf.

„Ueber mich geloost?“ stieß sie empört hervor, „durch blinde Willkür über mich verfügt, als ob ich eine todte Zahl, eine leblose Waare sei? Einem Manne mich zugesprochen, zu dem kein Zug des Herzens mich zieht und dem es gleich ist, ob ich oder eine Andere ihm zufalle? Und das Alles in des Heilands Namen? Aber das ist ja Entwürdigung, Sclaverei, wie sie auf den Inseln schlimmer nicht sein konnte, Sclaverei, die zu mildern und zu lösen Ihr doch mit dem ganzen Aufwande Eurer Christenliebe Euch für die armen Schwarzen in den Missionen müht!“

Sie hatte leidenschaftlich gesprochen – jetzt hielt sie erschöpft inne. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen; nur die großen Augen sprühten in dunklem Feuer.

„Ich werde mich nimmer Eurem Gottesurtheil fügen und erkenne diese Wahl nicht an.“

Alle sahen entsetzt auf Carmen, erschrocken ob dieses unumwunden und schroff ausgesprochenen Eigenwillens. Plötzlich, als wäre sie eine Aussätzige, wichen alle Schwestern von ihr zurück – sie stand allein da; Agathe nur trat zu ihr hinan und ergriff bekümmert ihre Hand.

„Liebe Schwester,“ sagte sie begütigend, „Du bist erregt; da kann man des Herrn Stimme nicht hören. Geh’ in Dich!“

Carmen schüttelte abwehrend den Kopf, und in dem eigenthümlichen Gemisch von Stolz und Demuth ihres Charakters von dem einen zum andern übergehend, neigte sie sich kindlich demüthig vor der treuen Pflegerin.

„O, verzeihe mir, liebe Schwester Agathe,“ bat sie, indem sie dieselbe innig umschlang, „verzeihe mir, wenn ich anders reden muß, als Du für recht hältst – aber Du kannst nichts ändern an dem, was ich gesagt. Laß mich jetzt zu meinem Vater gehen! Er ist mein natürlicher Beschützer und hat am ehesten ein Recht auf mich und über mich zu verfügen.“

Sie hatte vermieden, Jonathan wieder anzusehen, es war ihr, als könne dieses Unheil nur von ihm über sie heraufbeschworen sein, und es gährte wild in ihr auf, sobald sie ihn anblickte. Jetzt löste sie sanft ihre Arme von Agathens Nacken und, ohne sich umzusehen, verließ sie den Saal.

Es duldete sie nicht im Hause; es drängte sie fort von hier, als müsse sie sich einer Gewalt entziehen, die ihr drohe. Sie eilte über die Straße; dunkle Wolken waren am Himmel heraufgezogen; Donner grollte – ob aus den Kanonen der noch immer in rüstigem Scheinkampf agirenden Soldaten oder aus den Wolken, sie beachtete es nicht – erst im Zimmer des Vaters hemmte sie die hastigen Schritte.

Mauer saß sinnend im Lehnstuhl. Sie warf sich an seiner Seite nieder, umschlang ihn mit ihren Armen und den Kopf an seine Brust drückend, sagte sie athemlos:

„Vater, beschütze mich!“

Er sah das Mädchen verwirrt an. Noch vor einer Stunde so heiter und jetzt fassungslos zu seinen Füßen?! Er hob ihren Kopf auf und blickte ihr in das bleiche Gesicht.

„Gott im Himmel, was ist Dir denn widerfahren, Kind?“

„Vater – man hat Dein Kind verloost!“

„Verloost?“

„Ja, verloost, wie ein Ding, das nicht lebt und nicht fühlt, keinen Willen und keine Menschenwürde hat – einem Manne preisgegeben, von dem ich nichts mag, und das in des Heilands Namen! Vater, schütze mich!“

„Verloost?“ fragte der Alte noch einmal, als könne sein Kopf nicht fassen, was sein Ohr vernommen. „Nein, da sei Gott für, daß solches mit Dir geschehe! Es ist genug, daß Eines von uns schon unter diesem Unheil gelebt und gelitten hat. Nein, Carmen, mein liebes Kind, sei ruhig, Dein Vater wird den Aeltesten sagen, daß er seines Kindes nicht entbehren könne.“

Der schwache Schimmer eines Lächelns irrte wieder um Carmen’s bleiche Lippen, als er so zu ihr sprach, und sie athmete erleichtert auf.

„Wußte ich doch, daß Du mir beistehen werdest, mein lieber Vater. Ich habe auch schon die Wahl von mir gewiesen und bin zu Dir geeilt, damit Du Deinem Kinde helfest.“

„Aber für wen sollte denn eine Gefährtin verloost werden?“ fragte jetzt Mauer, ihr sanft über die bleichen Wangen streichend.

„Für Daniel Becker, den Bruder Missionar, der vor einem halben Jahre zu den Kaffern ging. Nein, Vater, Du lässest mich nicht von Dir; wir bleiben beisammen – uns soll Niemand trennen – auch dieser Jonathan nicht,“ stieß sie unwillkürlich hervor.

Mauer schrak bei Nennung dieses Namens zusammen und starrte sie an.

„Jonathan?“ fragte er gedehnt. „Warum dieser?“

„Vater, ich fürchtete, Dir davon zu sagen,“ stotterte sie erschrocken über das, was sie soeben verrathen. „Er ist Dein Freund – Du bist so erregt, wenn irgend etwas ihn betrifft. Aber Du mußt es hören: ehe Du wiederkehrtest, hatte er mich von Schwester Agathe zur Frau begehrt – und da ich ihn nicht mochte – ich kann mir nicht helfen, mir graut vor ihm – ach Vater, da verfolgte er mich mit wilder Liebe, umarmte und küßte mich wider meinen Willen. Er bat, daß ich schweige über das, was er gegen mich gewagt, und ich habe es ihm versprochen – aber es war ja, ehe ich wußte, daß ich meinen Vater noch habe, und da es nun einmal gesagt ist, mag es auch gut sein, daß Du es weißt.“

[716] Ihre großen Augen blickten vertrauend zu ihm auf, aber sie konnten seinen Blick nicht finden; er hielt ihn von ihr abgewendet und sah bestürzt, voll Kummer und Angst in's Weite.

„Lieber Vater, bist Du mir böse?“ fragte sie besorgt.

„Nicht böse, nein, aber es ist ein Unglück, ein großes Unglück,“ sagte er tonlos.

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür – sie öffnete sich und – Jonathan trat ein. Vater und Tochter starrten ihn erschrocken an, ohne sich zu rühren: keines von ihnen sagte ein Wort und keines erhob sich. Mauer blieb zurückgesunken in seinem Lehnstuhl sitzen. Carmen erhob sich nicht aus ihrer knieenden Stellung und drängte sich nur fester an des Vaters Brust.

Jonathan betrachtete die Gruppe einige Augenblicke lang schweigend – nie war Carmen ihm schöner erschienen, als in dieser anschmiegenden Stellung, in der Hingabe von Liebe und Vertrauen. Sie so an dem Herzen des Vaters ruhen zu sehen war nichts, was eifersüchtige Gefühle reizen konnte, aber es reizte ihn, um zu begehren, daß sie so an seine Brust sich lehnen möchte. Seine Augen schwelgten in dem Anblick und seine Leidenschaft nährte sich an ihm.

„Ihr seid bekümmert – ich wußte es und komme, Euch zu helfen,“ sagte er endlich, da die Beiden noch immer schwiegen, mit dem mildesten Ausdruck seiner ruhigen Stimme. „Es thut mir leid, sehr leid, daß Schwester Carmen sich hat hinreißen lassen, aller Pflicht und Demuth zu vergessen und so wilde, hitzige Worte vor den Versammelten zu sprechen. Wir müssen sehen, wie wir das wieder ausgleichen können – ich will überlegen, was sich dagegen thun läßt, wenn Carmen mir es möglich macht, Schritte für sie zu unternehmen.“

„Lieber Bruder, schone meines Kindes!“ bat der alte Mann mit unsicherer Stimme. „Sie darf die durch das Loos auf sie gefallene Wahl nicht annehmen; sie darf nicht von mir gehen, nicht so weit fort von mir, und ich, der ich sie kaum erst wiedergefunden, kann meine Tochter nicht missen.“

„Du weißt, lieber Bruder,“ entgegnete Jonathan, „wir von der Brüderunität erkennen in dem Loose, wo es nöthig ist, sich desselben zu bedienen, den Willen des Herrn. Jeder von uns soll die Pflicht und das Amt tragen, welche der Herr ihm auferlegt, und nicht fragen, ob sie mit seines Herzens Wünschen zusammentreffen. Wenn Carmen's Hand noch frei ist, muß sie dem Rufe folgen, der an sie ergeht. Es wird ja auch nicht auf immer sein, daß sie von uns scheidet; ein paar Jahre – – und sie kehrt mit dem Gatten zurück.“

„Ein paar Jahre! Werden mir denn deren beschieden sein?“ fragte Mauer traurig.

„Lieber Bruder, ich sagte im Schwesternhause bereits, daß, wenn Carmen sich einem Manne schon verlobt habe, man die durch das Loos getroffene Wahl ablehnen und dann die Aeltesten um ihre Zustimmung für diesen Bund bitten könnte,“ entgegnete Jonathan, jedes seiner Worte scharf betonend.

Carmen's Lippen kräuselten sich stolz auf, als er so sprach, und sie sah mit schneidender Kälte, als sei ihr Blick von hartem Stahl, zu ihm hin. Sie ahnte, wo hinaus er wolle, aber sie entgegnete kein Wort. Sie lehnte an ihres Vater Brust; sie fühlte sich gewiß, an ihm eine Stütze und einen Rückhalt zu haben, und in dieser köstlichen Sicherheit nahm sie jetzt Alles ruhig hin.

An ihren stolzen, abweisenden Blicken erhitzte sich aber Jonathan, wie ruhig er auch schien, immer mehr – er mußte nun mit ihr fertig werden, so oder so; er wußte jetzt eigentlich nicht, was er für das Mädchen empfinde, Haß oder Liebe; aber er sagte sich: diesen Stolz zu beugen, diese Sicherheit zu vernichten, das müßte eine unendliche Befriedigung sein.

„Aber sie ist ja nicht verlobt,“ warf Mauer ein, da Jonathan schwieg. „Ich jedoch habe als Vater das natürliche Recht, bei der Bestimmung über mein Kind zu entscheiden.“

„Das Recht, lieber Bruder?“ Jonathan blickte höhnisch auf Mauer hin. „Es käme darauf an – nicht jedem Vater in der Brüdergemeinde würde dasselbe zugestanden werden können!“ und als der alte Mann erbleichend vor ihm die Augen senkte, fügte er lächelnd hinzu: „Doch wenn ich Dich bäte, um der alten Freundschaft willen bäte, mir Carmen zum Weibe zu geben, würde das Deine väterliche Zustimmung finden?“

Es war ein hülflos flehender Blick, den Mauer jetzt auf die Tochter richtete; seine Hände faßten nach den ihrigen und drückten sie krampfhaft; seine Lippen bewegten sich, als wollten sie sprechen, aber es klang kein Laut über sie hinweg.

Carmen sah den Vater erstaunt an.

„Vater, lieber Vater, auch das Weib Dieses hier kann ich nicht werden,“ flüsterte sie, bittend zu ihm aufblickend.

„Kind, kannst Du es um meinetwillen nicht?“ rangen sich die Worte von seinen Lippen.

„Nein, ich kann es nicht. Dringe nicht in mich, lieber Vater, es würde mich elend und Dich nicht glücklicher machen.“

Dunkle Röthe übergoß das Gesicht Jonathan's bei ihren Worten, und der Zorn, die Wuth der Enttäuschung siegten über die gewaltsam festgehaltene Selbstbeherrschung. „Du kannst nicht mein Weib werden, Schwester Carmen?“ rief er drohend aus. „Nun wohl, dann magst Du als Gefährtin Bruder Daniel's nach dem Capland gehen; denkst Du, ich werde Dein auflehnendes, störrisches Wesen dulden, das so schlecht für ein Glied der Gemeine paßt? Laß' Dir von Deinem Vater sagen, daß ich wohl Mittel in Händen habe, Dich zu dem Einen oder dem Andern zu zwingen!“

Carmen war aufgesprungen, und hochaufgerichtet maß sie ihn mit ihren stolzesten, kältesten Blicken; dann, als ob sie nicht mit ihm reden möge, kehrte sie sich gelassen zu ihrem Vater um.

„Bitte, lieber Vater,“ sagte sie, „sprich Du für Dein Kind und beschütze Du es!“

Sie ergriff seine Hand, und ihre Augen flehten in rührender Bitte, aber er schüttelte in Gram und Herzensnoth den Kopf und schwieg.

„Vater,“ schrie sie auf, „Du sagst nichts?“

Kein Ton kam über seine farblosen Lippen, nur Seelenangst sprach aus seinen Augen. Da schlug sie die Hände vor das Gesicht und brach kraftlos zusammen.

Jonathan's Augen blitzten im Triumph auf. Wie sie da lag, den Kopf an die Lehne von ihres Vaters Stuhl gesunken, das Gesicht in ihre Hände vergraben, weideten sich seine Blicke an der zusammengebrochenen Gestalt. Jetzt war sie endlich gebeugt, jetzt war sie sein, mußte es werden.

„Ihr werdet gut thun,“ sagte Jonathan, „die Sache ruhig zu überlegen und zu besprechen; dann wirst Du mir Deine endgültige Entscheidung geben, lieber Bruder Michael; ich werde heute Abend kommen, Dich danach zu fragen. Wir sollen einander in Liebe helfen und beistehen um des Heilandes willen, und Du weißt, ich übe gern Schonung und Duldung, wie der Herr es befiehlt, aber es giebt Fälle, wo beide aufhören müssen.“

Er verließ das Zimmer.




8.

Bruder Mauer war mit seiner Tochter allein; es war still geworden um die Beiden und auch düster – schwere Wolken hingen am Himmel und warfen ihre Schatten durch's Fenster. Zeitweilig fuhr ein irrer Schein an den Scheiben nieder und beleuchtete momentan mit grellem Licht Vater und Tochter, und ein Donnerschlag rief ihnen laut seine dröhnende Mahnung zu, als wolle er sie aufrütteln aus ihrer Starrheit – sie rührten sich nicht. Draußen strömte der Regen nieder, und der Wind fegte heulend über den kleinen Platz hin – sie schienen nichts davon zu vernehmen.

Endlich tastete Mauer's Hand nach dem Kopf des Mädchens und strich liebevoll, zärtlich darüber hin. Sie griff nach der Hand, als ob diese ihr wieder Leben gebe, und das Gesicht emporrichtend, suchte sie mit ihren heißen, trocknen Augen nach ihm und unsäglich traurig ihn anblickend, sagte sie:

„Vater, warum hast Du Dein Kind in der Noth verlassen?“

„Carmen, weil ich machtlos bin Diesem gegenüber,“ flüsterte er.

„Machtlos?“ fragte sie. „Aber wie kann er Gewalt haben über Dich, wenn Du sie nicht dulden willst? Er, ein Freund, gegenüber dem Freunde?“

„Ach Carmen,“ entgegnete mit sanfter Klage der alte Mann, „daß er seine Macht noch nicht an mir geübt, ist eben nur ein Beweis seiner großen Freundschaft für mich, aber, wenn er sie gebrauchen will – ich kann es ihm nicht wehren und muß es dulden. Ich sagte Dir, es ist ein großes Unglück, daß er Dich liebt und Du ihn nicht magst.“

[717]
Die Gartenlaube (1880) b 717.jpg

„Zehn bis fünfzehn Tropfen auf Zucker!“
Originalzeichnung von B. Kirsten.

[718] „Vater, meine Gedanken verwirren sich bei alledem; ich kann Dich nicht verstehen, nicht begreifen. Wie kann ein Mensch solche Macht über den anderen haben, daß darum ein Vater sein Kind schutzlos läßt?“

Mauer seufzte schwer auf. Carmen erhob sich und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Draußen tobten Sturm und Gewitter im unaufhaltsamen Kampf; hier innen suchte das arme Kind ihr stürmisches Herz zu beruhigen und die heftig arbeitenden Gedanken zu klären, zu ordnen.

„Vater,“ brach sie endlich das Schweigen, indem sie sich in einen Sessel neben den Alten niederließ, „rede, laß mich hören, wie und womit Bruder Jonathan Dir zu schaden vermag, wenn er seine Macht, von welcher Du sprichst, gegen Dich kehren sollte? Wie wenden wir die Gefahr ab?“

„Carmen,“ erwiderte er leise und zaghaft, „könntest Du es denn ertragen, in Deinem Vater einen Schuldigen, einen großen Sünder zu sehen?“

Er sah so gebrochen, so grenzenlos elend aus, daß ihr gutes, liebendes Herz von Mitgefühl und Erbarmen überströmte. In das theure Angesicht des Vaters zu sehen und darin den Jammer von Schuld und Selbstanklage zu lesen – das krampfte ihr das Herz schmerzlich zusammen, und heiße Thränen traten ihr in’s Auge.

Sie schlang die Arme um seinen Hals und sagte zärtlich: „Vor Deiner Tochter kannst Du keine Schuld haben und hast Du sie vor der Welt – o, glaube mir, ich werde Dich trotzdem lieben und Dein Leid Dir tragen helfen, Vater.“

Er schluchzte laut auf und drückte das Mädchen an sich.

„Mag es Gottes barmherzige Gnade sein, die durch den Mund meines Kindes zu mir spricht! Er segne Dich, und um Deinetwillen, und weil ich schwer gebüßt habe, mag er mir großem Sünder vergeben! Es ist eine alte Geschichte von Trübsal und Schuld, die ich Dir erzählen muß, mein Kind – von Trübsal und Schuld, an denen ich schwer und lange getragen habe – schon neunzehn Jahre. Höre denn, Carmen!“


(Fortsetzung folgt.)



Die „Entwickelung“ des Farbensinns.
Von Carus Sterne.

Die Vorliebe des neuen englischen Premierministers für altgriechische Studien, auf welche die Neugriechen ebenso große Hoffnungen setzten, wie vordem die Türken auf die orientalischen Liebhabereien seines Vorgängers, hat uns in den fünfziger Jahren mit einer höchst merkwürdigen Thatsache bekannt gemacht. Gladstone fand nämlich, daß in der Entstehungszeit der homerischen Gedichte nur die Farbenbezeichnungen für rothe und gelbe Gegenstände mit einiger Sicherheit gebraucht wurden, während die Bezeichnung des Grünen (chloros) mit der des Fahlen und Gelblichen und die Farbworte für Blau (glaukos und kyaneos) mit den Bezeichnungen des Grauen und Schwarzen oder Dunklen zusammenfielen, sodaß mit dem letzteren Worte bald die blaue Farbe des Wassers und der Kornblume (Cyane), und bald die schwarze der Haare und Augenbrauen des Donnerers Kronion, und die dunkle des Trauergewandes der Thetis charakterisirt wurden. Gladstone schloß aus dieser Unbestimmtheit der Ausdrücke in dem 1858 erschienenen dritten Bande seiner „Homerischen Studien“, daß unter den Griechen der homerischen Zeit das Vermögen, die Farben zu unterscheiden, im menschlichen Auge kaum in seinen Anfängen entwickelt gewesen sei, daß im Wesentlichen nur Helligkeitsunterschiede wahrgenommen wurden, und daß, da auch die Empfindung des Rothen sehr unsicher gewesen sei, die Welt im Wesentlichen von ihnen „Grau in Grau“ gesehen worden sei.

Diese wahrhaft „graue Theorie“ wurde von einem deutschen Sprachforscher, dem leider zu früh verstorbenen Lazarus Geiger, mit jugendlicher Begeisterung aufgenommen und dahin ausgedehnt, daß bei sämmtlichen alten Culturvölkern der Farbensinn eine mangelhafte Ausbildung besessen hätte und daß nicht blos in den Schriften des blinden Homer’s, sondern auch in denen der alten Juden, Chinesen, tatarischen und germanischen Völker Blau und Schwarz mit demselben Worte bezeichnet, ja daß sogar noch bei Virgil das Farbwort für blau (caeruleus) auch für schwarz und dunkel gebraucht worden sei. In den vedischen Schriften, im Avesta, in der Bibel und selbst noch im Koran geschähe der Himmelsbläue ebenso wenig Erwähnung, wie bei Homer, und die aramäischen und hebräischen Dialekte der alten biblischen Völker hätten gar keinen Ausdruck für die blaue Farbe gehabt. Indem Geiger sein weiter ausgemaltes Phantasiegemälde vor die 1867 in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main tagende Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte brachte, gab er seinen Ideen einen weiten Wiederhall, und ein volles Jahrzehnt hindurch blieb es einer der beliebtesten Stoffe für einen packenden Journalartikel, den Lesern zu erzählen, daß die Griechen das herrliche blaue Meer ihrer Küsten und die Pracht ihres tiefblauen Himmels gar nicht zu würdigen vermocht hätten. So populär wurden diese Gedanken auch in Künstlerkreisen, daß der geniale Feuerbach, wie es scheint, von ihnen verführt, sein im Jahre jener Rede gemaltes „Gastmahl des Plato“ so im Geiste der alten Griechen, das heißt so farblos malte, daß selbst die farbigere Wiederholung in der Berliner Nationalgallerie uns „Grau in Grau“ gemalt erscheint.

Geiger und andere der Naturforschung fernstehende Personen brachten diese graue Theorie mit den Grundgedanken der Darwin’schen Theorie in Verbindung, und eine Schaar oberflächlicher Philosophen schwelgte in der Idee, der Farbensinn gehöre zu den höheren geistigen Fähigkeiten, die erst im Menschen langsam zum Ausdruck gekommen seien. Es muß indessen zur Abwehr neuerer Zumuthungen, als ob dieses Traumbild ein darwinistisches sei, hier betont werden, daß weder Darwin an irgend einer Stelle seiner so vielfach die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten und des Farbenschmucks der Naturwesen behandelnden Werke, noch irgend ein anderer namhafter Vertreter seiner Lehre die Gladstone-Geiger’schen Anschauungen getheilt hat. Im Gegentheil gehen Darwin und seine Anhänger vielfach davon aus, daß der Farbensinn ein gemeinsames Erbtheil sogar schon der niederen Thiere sei, und ich habe den Lesern der „Gartenlaube“ früher einmal (Jahrg. 1878, Nr. 3) ausführlich erzählt, wie sie die schönen Farben vieler Blumen dadurch erklären, daß schöngefärbte Blüthen von den Insecten, die deren Fortpflanzung bewirken, bevorzugt und gezüchtet wurden, und der Oberlehrer Dr. Hermann Müller in Lippstadt, sowie der Londoner Banquier Sir John Lubbock haben sich durch genaue Beobachtung und durch Versuche davon überzeugt, daß Insecten die einzelnen Farben sehr wohl zu unterscheiden im Stande sind. Eine große Reihe anderer wichtiger Lebenserscheinungen, wie die lebhaften Farben ekelhaft schmeckender und darum gemiedener Thiere, und die ihrer Umgebung ähnlichen, unscheinbaren Farben der wohlschmeckenden und verfolgten Thiere, sind nur unter der Voraussetzung verständlich, daß im Durchschnitt alle mit Augen versehenen Thiere die verschiedenen Farben zu unterscheiden und zu würdigen wissen, sodaß die Unterstellung, gerade das höchste Lebewesen sollte dieses Vermögen von Natur aus nicht besessen haben, einem Anhänger Darwin’s ganz ungeheuerlich erscheinen muß.

Ja wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,

da läßt man sich wohl zu solchen wunderlichen Theorien verführen. Und es läßt sich ja nicht leugnen, jene Bestimmtheit und feste Umgrenzung der Farbworte, wie wir sie in unserer Sprache gewohnt sind, ist in den meisten alten Sprachen wirklich nicht vorhanden. Wir dürfen uns daher auch nicht wundern, wenn immer und immer von Neuem die Stubengelehrten in diese so verlockend aussehende Falle gegangen sind. Aber darüber müssen wir uns einigermaßen wundern, daß im Jahre 1877 sogar ein Arzt, der Breslauer Privatdocent für Augenheilkunde, Dr. Hugo Magnus, ebenfalls in die Schlinge der Sprachforscher gerieth. Die Sache hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß im Jahre 1876 ein Mitarbeiter der „Gartenlaube“, auf die Geiger’sche Theorie gestützt, die Farbenblindheit als eine Art Rückschlag (Atavismus) in den unentwickelten Zustand der Netzhaut zur Zeit der alten Arier, [719] Juden, Griechen und Germanen aufgefaßt sehen wollte (1876, Nr. 4)[1] Diesen Gedanken scheint Dr. Magnus angeregt zu haben, wenigstens wiederholte er ihn im folgenden Jahre. In einer Reihe von Schriften und Abhandlungen erhob er die Entwicklung des menschlichen Farbensinnes zu einer förmlichen Theorie und behauptete, daß der Farbensinn sich in seinen Anfängen auf die Empfindung des Rothen beschränkt habe, worauf in der genauen Reihenfolge der Spectralfarben zunächst die Empfänglichkeit für die gelbe Farbe, dann für Grün, Blau und endlich für Violett hinzugekommen sei, über welches hinaus die Menschen der Zukunft vielleicht neue Farben erkennen würden, wie denn schon jetzt einige Personen dort eine den andern verborgene Färbung sähen.

Diese Theorie wurde dann von Magnus mit gewissen Fabeln der Alten in Verbindung gebracht. Wie wir heute die Anfänge der Schrift, der Malerei und der Kochkunst in den Ueberresten des prähistorischen Menschen verfolgen, so hatten bereits die Alten sich allerlei Geschichten über den ersten Entdecker jeglicher Fertigkeit und Kunst ausgedacht. Man erzählte, wie Prometheus das Feuer, Tubal die Metallbereitung, Kadmos die Buchstabenschrift und Apollo die Musik erfunden haben, und ähnlich wie Kadmos von dem einfachen Schnörkel des Kranichzugs ausgegangen sein sollte, und, wie die Lyra anfangs nur drei auf eine Schildkrötenschale gespannte Saiten besaß, so sollte nach Plinius’ Erzählung die Malerei anfangs nur mit Roth begonnen haben, wozu dann gelbe, schwarze und weiße Pigmente kamen. Die Alten selbst betrachteten diese (bei der Seltenheit fertig gebildeter grüner und blauer Pigmente in der Natur nicht gerade abweisbaren) Erzählungen als müßige Spiele der Phantasie, und Sophokles bereits machte sich in einem von Athenäus aufbewahrten Fragmente über die Schulmeister lustig, die von Homer und andern Dichtern behaupteten, sie hätten die Farben nicht unterscheiden können, weil sie die Farbenbezeichnungen etwas willkürlich angewendet haben.

Der Schreiber dieser Zeilen hatte jener Theorie Geiger’s niemals das geringste Gewicht beigemessen, und seit langen Jahren (z. B. in einem Artikel der „Vossischen Zeitung“ vom 22. August 1874) dagegen angekämpft, anscheinend ohne Erfolg und Theilnahme; denn alle Welt liebäugelte mit dem pikanten Gedanken von der Farbenblindheit der Alten. Der schon erwähnte Artikel im Jahrgange 1876 der „Gartenlaube“, welcher die hier und da bei uns vorkommende Farbenblindheit als einen Rückschlag in den Zustand der Menschheit aus der Zeit der Bibel, Homer’s und der Veden darstellte und die Behauptung wiederholte, daß in der Bibel die blaue Farbe des Himmels nicht erwähnt werde, veranlaßte mich mit dem damaligen, nun verewigten Herausgeber dieser Zeitschrift, Ernst Keil, in eine längere Correspondenz über die besagte Theorie zu treten, in welcher ich darauf hinwies, daß die Bibel im Gegentheil an mehreren Stellen die Bläue des Himmels schildere, indem sie seine Farbe dem Sapphir vergleicht (z. B. 2. Mos 24,10), daß also jedenfalls die Empfindung des Blauen vorhanden gewesen sei, wenn auch, wie diese Benutzung des Sapphirs und andere Umstände beweisen, das Wort dafür fehlte. Ebenso wies ich die Deutung der Farbenblindheit als Rückschlag zurück, weil nicht Blaublindheit (wie sie den alten Völkern zugeschrieben wird), sondern Rothblindheit unter uns am häufigsten vorkomme. Meine ziemlich ausführliche Widerlegung wurde dem Verfasser jenes Artikels zugesandt, fand aber so wenig Zustimmung, daß derselbe noch zweimal die jetzt von ihm selbst aufgegebene Geiger’sche Theorie in der „Gartenlaube“ vertheidigt hat.

Als nun im nächsten Jahre (1877) zwei die Ideen des „Gartenlauben“-Artikels weiter ausführende Schriften von Dr. Magnus und zahlreiche in denselben Kerb hauende Artikel in verschiedenen Journalen erschienen, lieferte ich im Juniheft des Jahrgangs 1877 der von mir herausgegebenen Monatsschrift „Kosmos“ eine Widerlegung der Gladstone-Geiger’schen Theorie, der ich auch heute, trotz der zahllosen seitdem angestellten Untersuchungen über diesen Gegenstand, nichts hinzuzufügen habe. Ich bemerke im Voraus, daß ich in meiner Widerleguung jenes gelehrten Aberglaubens gar keine besondere wissenschaftliche Leistung, sondern einen einfachen Sieg des nüchternen und gesunden Menschenverstandes über die einseitige, wenn auch noch so gründliche Stubengelehrsamkeit sehe. Aber da diese fixen Ideen noch täglich in unseren Zeitschriften weiter rumoren,[2] so scheint es mir geradezu geboten, die Sache noch einmal vor das große Publicum zu bringen.

Man möchte zunächst denken, es sei eine reine Unmöglichkeit gewesen, eine solche Theorie überhaupt aufzustellen, da wir ja in den alten ägyptischen, zum Theil weit vor Homer zurückreichenden Wandgemälden, an griechischen Tempelresten und in den Gemälden von Herculanum und Pompeji die besten Beweise besitzen, daß die alten Maler Grün und Blau gerade so wie wir sahen und wiedergaben, und der berühmte Aegyptologe Johannes Dümichen in Straßburg bestätigte mir obendrein, daß sich in dieser Anwendung der gesammten Farbenscala seitens der alten Aegypter das feinste und ausgebildetste Farbengefühl offenbare. Gut, antworteten mir die Geigerianer, die alten Aegypter mögen bereits entwickelten Farbensinn gehabt haben, als die Griechen das Grün noch grau und das Blau schwarz sahen. – Aber die Griechen wendeten ebenfalls Blau an. „Wenn dennoch,“ so antwortet ein neuerer Verfechter (1880) wörtlich, „die Griechen mehrfach Blau verwendet haben, wie bei der Bemalung der Triglyphen dorischer Tempel, beim Piedestal des Zeus zu Olympia etc., so beweist dies keineswegs bei dem berechtigten obwaltenden Zweifel, daß sie auch das Blau so empfunden haben, wie wir es empfinden, das heißt als Blau. Wohl möglich, daß sie in dem von ihnen angewendeten Ultramarin nur eine bestimmte Nüance von Grau wahrnahmen.“

Die in der Unmöglichkeit des Beweises, daß das Blau der einen Person nicht das Gelb oder Roth einer anderen sein könnte, sich öffnende Hinterthür war mir nicht entgangen, weshalb ich sie gleich im Beginne des Kampfes durch eine Wand verschlossen habe, durch welche man nur, wenn man weder hören noch sehen will, mit dem Kopfe durchrennen kann. Das Fundament dieser Wand lieferte mir die oben erwähnte Bibelstelle, in welcher die Himmelbläue in Ermangelung eines besonderen Farbwortes mit dem Sapphir verglichen wird, wie wir von einem azurnen Himmel sprechen. Unter diesem Sapphir ist nämlich nicht unser durchsichtiger Sapphir zu verstehen, sondern ein härteloser, undurchsichtiger Halbedelstein, der weder Farbenspiel noch einen besondern Glanz erlangt, also das Auge einzig und allein durch seine herrlich azurblaue Farbe entzücken konnte, der Lapis lazuli. Kein Stein begegnete bei den ältesten Culturvölkern, den alten Indern Persern, Hebräern, Aegyptern etc., einer höheren Werthschätzung und hat gleich lebhaften Bergwerksbetrieb und Handel hervorgerufen, wie dieser Stein, den wir jetzt centnerweise als Ultramarin künstlich bereiten. Hätte man diese wundervolle Farbe nicht zu schätzen vermocht, so hätte man statt seiner den ersten besten unscheinbaren Feuerstein ebenso gut als Schmuckstein tragen können; denn dieser Stein besitzt nicht einmal den Glanz der schwarzen Steinkohle. Daß er aber blau und nicht etwa grün oder roth empfunden wurde, dafür bürgt uns sein Vergleich mit dem physikalisch ganz verschieden entstehenden Blau des Himmels. Um die Beweiskraft dieses „Juwels“ voll zu machen, wird neben ihm z. B. Hohelied 5,14 ein ebenfalls undurchsichtiger und härteloser, hellblauer oder grünlicher Stein, der Türkis, zu einer Zeit gepriesen, wo man von Diamanten und Rubinen noch sehr wenig sprach, weil dieselben erst durch den schwierigen Schliff ihre eigenthümliche Schönheit erhalten.

Aber jene Bibelstelle liefert nicht blos den unumstößlichen Beweis, daß nicht Homer oder Moses, sondern Geiger und seine Nachbeter mit Blindheit geschlagen waren, sondern sie zeigt auch die sehr einfache Lösung jener Schwierigkeit, an welcher die Gelehrten seit zwanzig Jahren ihren Scharfsinn vergeblich erprobt [720] hatten. Warum verglich der Verfasser jener Stelle die Klarheit des Himmels mit der Farbe des Sapphirs? Einfach, weil seine Sprache noch kein Wort für den Begriff des Blauen besaß.

„Dieser Nothbehelf“, schrieb ich „führt uns zu dem Kerne der Sache, welcher psychologisch sehr interessant ist. Es scheint mir nämlich daraus hervorzugehen, daß unausgebildeten Sprachen die Farbenbezeichnungen durchweg zu fehlen scheinen. In der That wird man bei genauerem Nachdenken finden, daß die Bezeichnung der einzelnen Farbentöne erst dringend wurde, nachdem man zu einem gewissen Kleider- und Wohnungsluxus gelangt war, seitdem der Färber sein Amt begonnen hatte.“

Weshalb man nun zuerst ein Wort für die rothe Farbe nöthig gehabt hat, erklärt sich leicht daraus, daß sich rothe Farbstoffe überall in der unorganischen und organischen Natur im Röthel, Zinnober, rothen Beeren und Farbhölzern fertig gebildet vorfinden. Man malte und färbte daher zuerst roth und brauchte deshalb auch zuerst ein eigenes Wort für diese Farbe, und dieses Wort leitet sich in allen indogermanischen Sprachen von dem Sanskritworte rudhira, Blut, (erythros der Griechen, rutilus der Römer, roth der Deutschen) her. Man sieht, unser Wort Roth heißt ursprünglich blutfarben, und da man im gewöhnlichen Leben überall mit ähnlichen Vergleichsworten auskommen kann, so war gar kein zwingender Bedarf zur Schaffung besonderer Farbworte für ein Naturvolk vorhanden. Der nächst dem rothen in der Natur am häufigsten fertig gebildete Farbstoff ist gelb, während die grünen und blauen Pigmente meist erst durch umständliche Processe aus Mineral- oder Pflanzenstoffen gewonnen werden müssen. Leib und Gewand sind gewiß lange Zeit nur roth und gelb gemalt und gefärbt worden, bis man endlich auch blaue und grüne Zeugfarben von befriedigender Lebhaftigkeit mühsam ermittelte, und im gleiche Schritte mit der Färberei hat der Wortschatz zugenommen.

„Die Bezeichnung der Mittelfarben zwischen den Haupttönen ist meist ein Werk der jüngsten Zeit, zum Zeichen, wie spät sich die Sprachen in dieser Richtung vollendeten. Aber wenn die Farbbezeichnungen Lila, Violett und Pensée die allerjüngsten darunter sind, so leite ich das nicht daher ab, daß diese Farben erst in neuerer Zeit zur Geltung gekommen wären sondern daher, weil man erst in neuerer Zeit die Flieder-, Veilchen- und Stiefmütterchenfarbe als Kleider- und Modefarbe zur Herrschaft bringen konnte und in der Küpe sicher zu treffen lernte.“

In demselben Aufsatze, in welchem ich alle diese Gesichtspunkte zuerst aufstellte, wies ich darauf hin, daß sich eine ganz ähnliche Unsicherheit im Gebrauche noch nicht hinlänglich fixirter Farbstoffnamen wie beim Homer, auch bei jetzt lebenden afrikanischen Naturvölkern finde, und forderte Reisende und Ethnologen auf, darüber Untersuchungen anzustellen, ob diese Naturkinder ein unausgebildetes Unterscheidungsvermögen – oder blos – wie ich behauptete, – eine in dieser Richtung unausgebildete Sprache besäße.

Zu meiner Freude fiel diese Anregung auf einen sehr fruchtbaren Boden. Der Erste, der sie befolgte, war ein in England lebender Amerikaner Namens Grant Allen. Herr Charles Darwin hatte nämlich meinen Aufsatz, der ihm sehr überzeugend erschienen war, Herrn Gladstone übersandt und dieser beförderte die ihm gewiß nicht sehr erfreuliche Arbeit mit dem ihm eigenen Gerechtigkeitsgefühl weiter an Grant Allen, von dem er wußte, daß er sich im Allgemeinen mit dem Farbenprobleme beschäftigte. Grant Allen sandte nun gleich im folgenden Jahre (1878) eine Menge Fragebogen an sehr zahlreiche Missionäre, Consuln und Reisende in fremden Ländern, um festzustellen, ob die Eingeborenen die Farben unterscheiden und benennen könnten. Ueber das Resultat dieser Untersuchungen hat Grant Allen in einem soeben auch in deutscher Uebersetzung erschienen Buche[3] berichtet, und es zeigte sich, daß, völlig obigen Aufstellungen gemäß, auch die am niedrigsten stehenden Menschenrassen die Farben unterscheiden könnten, aber daß sie meist nur für diejenigen Farben besondere Worte haben, die sie auch färben können, während sie von den anderen, gerade wie Homer, oft nur ein Wort für zwei Farben besitzen.

Diese Untersuchungen sind seitdem sehr vervielfältigt und zum Theil in besonderen Schriften von Dor (1878), Marty (1879) und Anderen behandelt worden, ohne daß dadurch wesentlich neue Gesichtspunkte zu Tage gebracht worden wären. Auch die beiden berühmten Berliner Autoritäten der Anthropologie und Ethnologie, die Professoren Virchow und R. Hartmann, haben durch ihre Prüfung des Farbensinns afrikanischer Naturvölker dasselbe Resultat erhalten, und Dr. Almquist, der Arzt der „Vega“, hat unter den in farbenarmen Polarländern wohnenden und auf niederster Culturstufe stehenden Eskimos und Tschuktschen sogar fast weniger wirklich farbenblinde Personen angetroffen, als unter uns, nämlich circa drei Procent. Auf Grund von in jüngster Zeit (1880) abgeschlossenen Untersuchungen des Leipziger Ethnologen Pechuel-Lösche, die ebenfalls ergaben, daß die Naturvölker ohne Ausnahme die Farben wohl zu unterscheiden, aber nicht alle zu benennen wissen, hat sich nun auch Magnus von seiner mit Zähigkeit festgehaltenen Idee losgesagt, freilich nur halb, wie man sich von liebgewonnenen Illusionen eben nur schwer trennt. Er meint nämlich, die von mir als Schlüssel gegebene Sprachentwickelung erkläre das Räthsel doch nicht befriedigend; es liege eben noch ein tieferes Geheimniß zu Grunde, welches erklären müsse, warum die Benennung der Farben gerade mit roth begonnen und mit blau und violett aufgehört habe, und warum die Naturkinder immer die neben einander liegenden Farben (z. B. blau und grün) mit demselben Worte bezeichneten. Nun, ich denke, das letztere „Wunder“ bedarf überhaupt keiner Erklärung, und das erste habe ich bereits vor drei Jahren genügend ausführlich erklärt. Die Natur hat zu viele Räthsel, als daß wir noch nöthig hätten, solche hineinzutragen, die gar keine Räthsel sind. Die Farbenempfindung ist ebenso elementar, wie die der verschiedenen Töne, Geruchs- und Geschmackseigenthümlichkeiten, und die Farbenblindheit ist einfach ein Gebrechen, welches gar nichts mit unserer Frage zu thun hat. Ich zweifle nicht daran, daß sich der Farbensinn ebenso gut bilden und vervollkommnen lässt, wie der Tonsinn; aber ich bestreite, daß er irgendwo bei normalen Menschen und Völkern fehlt oder gefehlt hat. Auch braucht er keineswegs bei niedern Rassen durchwegs unausgebildet zu sein, und Professor Hartmann hat in dieser Richtung noch in jüngster Zeit auf den außerordentlich feinen Geschmack hingewiesen, den afrikanische Völker in der Verwendung gebrochener und stumpfer Farben an ihre Kunstproducte entwickeln. Kurz, Alles, was ich wünsche durch meine früheren und diesen Artikel zu erreichen, besteht darin, einer alten, ziemlich zählebigen Gelehrtenschrulle das Lebenslicht ausgeblasen zu haben.




Ein deutscher Benvenuto Cellini.
Von Dr. Roderich Irmer.

In der äußersten Ecke von Westfalen, dort, wo die hannoverschen Lande die rothe Erde rings umschlossen, im Herzen des Landes der alten Sachsen und in der Nähe ihres von Karl dem Großen zerstörten Nationalheiligthums, der Irmensul, erhebt sich am linken Ufer der Diemel ein ziemlich hoher Berg, dessen erste Ansiedelungen noch vor die Zeiten des gewaltigen Sachsenführers Wittekind fallen. Drunten im Thale zieht sich die gewerbreiche Stadt Warburg, amphitheatralisch am Berge hinauf, im Mittelalter die zweite Hauptstadt des Hochstifts Paderborn, gerühmt wegen der Fruchtbarkeit des umliegenden Bodens. Aber im übrigen deutschen Lande würde Warburg deswegen wohl ebenso wenig bekannt geworden sein wie durch seine historische Vergangenheit, die doch nur in Kriege mit den umwohnenden rauflustigen Edeln, in wüthenden Parteikämpfen innerhalb der Stadt und in Drangsalen, welche die Wiedertäufer und der dreißigjährige Krieg über sie brachten, besteht. Erst in neuester Zeit wurde der Name der Stadt weit über die enge Grenze Westfalens getragen; denn wo man sich heute mit Kunst und Kunstgewerbe des Mittelalters beschäftigt, wird Warburg als die Vaterstadt des großen Silberschmiedes Anton Eisenhut genannt.

  1. Wir bemerken, daß der hier in Erinnerung gebrachte Artikel: „Die Farbenblindheit, eine Gefahr für das öffentliche Leben“ durchaus nicht den Zweck hatte, eine wissenschaftliche Erörterung über die historische Entwickelung der Farbenblindheit zu geben, sondern einzig und allein, wie auch der Titel des Aufsatzes besagt, auf die große Gefahr hinweisen sollte, welche durch die enorme Verbreitung der Farbenblindheit unter den Menschen bezüglich des Verkehrslebens damals (1876) noch bestand. Die Bemerkungen, die von unserem Mitarbeiter, Herrn Carus Sterne, bekämpft und in obigem Artikel angefochten werden, waren in jenem Aufsatze der „Gartenlaube“ durchaus nicht Zweck der Bearbeitung, sondern lediglich als Einleitung mitgetheilt. Der Zweck jener Arbeit wurde auf das Glänzendste erreicht, indem seit dem Jahre 1876 fast alle Regierungs- und Verwaltungsbehörden nicht nur in ganz Europa, sondern auch in außereuropäischen Ländern ihre Betriebs- und Verwaltungsbeamten auf Farbenblindheit prüfen ließen, um diejenigen aus ihrem Personale auszuscheiden, durch deren mangelhafte Sehfunctionen Störungen und Unglücksfälle auf dem Gebiete des öffentlichen Verkehrswesens hätten veranlaßt werden können.
    D. Red.
  2. Man sehe die Sonntagsbeilage des „Berliner Tageblatts“ 1880, S. 200, wo die Frage von einem Universitätslehrer so naiv behandelt wird, als sei seit Geiger gar nichts darüber gearbeitet worden!
  3. „Der Farbensinn. Sein Ursprung und seine Entwickelung.“ Autorisirte deutsche Übersetzung. Mit einem Vorwort von Dr. Ernst Krause. Leipzig. Günther 1880.

[721] Noch vor wenigen Jahren war sein Name in weiteren Kreisen unbekannt, und nur wenige gelehrte Kenner der Kunstgeschichte hatten hier und da in alten Compendien dürftige Nachrichten über einen Kupferstecher Anton „Eisenhoit“ gefunden, welcher im Ausgange des sechszehnten Jahrhunderts in Westfalen nicht gewöhnlichen Ruf in seiner Kunst besessen haben sollte, aber von seinen großartigen Kunstwerken in Silber und Gold, die seine Thätigkeit als Kupferstecher tief in Schatten stellen, hatte man nirgends eine Ahnung. Die Entdeckung derselben war erst dem in der Gegenwart erwachenden Streben, das deutsche Kunstgewerbe, welches von der Höhe seiner Ausbildung im Mittelalter zum bloßen Handwerk gewöhnlichster Art herabgesunken war, aus seiner tiefen Verrottung zu erheben vorbehalten.

Die Gartenlaube (1880) b 721.jpg

Weihwasserkessel mit Sprengwedel.
Eine Silberarbeit aus dem siebenzehnten Jahrhundert von Anton Eisenhut.

Um Pfingsten des vorigen Jahres ward eine Ausstellung der westfälischen Alterthümer zu Münster veranstaltet, die allgemeines Interesse wegen des außerordentlichen Reichthums an kirchlichen Gefäßen aus edeln Metallen erregte. Unter ihnen befand sich ein prachtvoller Schatz von Silberkunstwerken ersten Ranges aus dem Besitze des Grafen von Fürstenberg-Herdringen, welche sich, in den Schatzkammern des alten westfälischen Geschlechtes verborgen, bisher der Kenntniß der Kunstgelehrten entzogen hatten und nun, an das volle Tageslicht der Oeffentlichkeit gebracht, eine so hohe, allseitige Bewunderung fanden, wie sie eben nur die wahre Kunst zu bewirken vermag. Prof. Nordhoff in München war der Erste, der in den Jahrbüchern für Alterthumsfreunde im Rheinlande die Welt mit diesen Meisterwerken der Goldschmiedekunst der Renaissance und zugleich mit ihrem Schöpfer Anton Eisenhut aus Warburg bekannt machte.

Julius Lessing’s großes Werk über Anton Eisenhut,[1] ausgestattet mit Phototypien derjenigen Silberwerke des Meisters, welche sich im Besitze des Grafen Fürstenberg-Herdringen in der Schatzkammer des Schlosses Herdringen in Westfalen befinden und zum größten Theile den Namen Anton Eisenhut’s sowie das Wappen und das Portrait des Besitzers, des Fürstbischofs von Paderborn, Theodor’s von Fürstenberg, tragen, vermittelte später den weitesten Kreisen der gebildeten Welt die Kenntniß von dieser Entdeckung. Seitdem ist der Ruhm des Künstlers täglich gewachsen, und heute steht bereits Niemand mehr an, ihn in der Goldschmiedekunst für den größten Meister Deutschlands zu halten. Während vor einem Jahre noch kaum sein Name bekannt war, ist er heute in jedes Gebildeten Munde, und die vollständige Sammlung der Kunstwerke Eisenhut’s in der Ausstellung für kunstgewerbliche Alterthümer zu Düsseldorf bildete den größten Anziehungspunkt aller Besucher.

Die Nachrichten über das Leben und den Bildungsgang unseres Meisters sind im Ganzen sehr dürftig. Schon im fünfzehnten Jahrhundert finden wir in alten Verzeichnissen die Eisenhuts als Bürger und Hausbesitzer in Warburg an der Diemel darunter einmal einen Prior des Dominikanerklosters und einen Rathsherrn, ohne daraus aber zu erfahren, welchem Handwerkerstande diese Vorfahren Anton Eisenhut’s angehört haben, oder wer von ihnen sein Vater gewesen ist.

Im Jahre 1554 wurde er hier im Herzen Deutschlands geboren; es ergiebt sich dieses Jahr aus der Unterschrift eines Eisenhut’schen Kupfers aus dem Jahre 1603, worin er sich Antonius Iserenhodt Warburgensis (aus Warburg) – an anderen Stellen auch Eisenhoidt, Eisenhout, Eisenhaut – nennt und als sein Alter neunundvierzig Jahre bezeichnet; auf demselben finden wir auch seine Künstlermarke, einen Reichsapfel ohne Kreuz. Es war also gerade ein Jahr vor dem Abschlusse des Augsburger Religionsfriedens, welcher in kirchlicher Hinsicht die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten besiegelte und zugleich in politischer den ersten Anstoß zur Auflösung der deutschen Reichseinheit gab. Während die kirchliche Trennung Deutschland von dem religiösen Einflusse Italiens vollkommen losriß, begann ungefähr um dieselbe Zeit die italienische Kunst täglich mehr Boden zu gewinnen, bis sie gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts in allen Culturländern als absolute Herrscherin dastand. Eisenhut wurde ein Kind dieser Bewegung, welche die Nachwelt Renaissance nennt.

Eisenhut’s Jugendzeit fiel mitten hinein in die Tage der heftigsten Religionswirren, welche die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens, wie überall, so besonders in Westfalen, in dem es beinahe so viel Landesherren wie Quadratmeilen gab, erwecken mußten. Heftig wogte auch in Eisenhut’s engerem Vaterlande, dem Paderborner Hochstifte, der Kampf beider kirchlichen Parteien um die Herrschaft, die täglich mehr den Lutheranern zuzufallen schien, seit jene erste Predigt des gothaischen Hofpredigers Friedrich Myconius aus den Fenstern des Paderborner Schlosses die Herzen der Bürger für die neue Lehre gewonnen hatte. Bereits im Jahre 1570 gab es in Paderborn – und in Warburg wird es eine verhältnißmäßig noch geringere Zahl gewesen sein – nur noch vierzig katholische Abendmahlsgenossen, und auf dem Lande behaupteten sich nur noch vereinzelt katholische Geistliche. Doch geschah es nicht gar selten, daß Sonntags der evangelische Seelenhirte seinem katholischen Amtsbruder auf die Kanzel nachschlich, ihn bei den Beinen herunterzog und selbst die Sonntagspredigt vor dem herbeiströmenden Volke hielt. „Dann gab es Lärm und Laufen in die Kirche; Stöcke schwirrten durch die Luft, und statt mit heiligen Gedanken gingen die Bauern mit blutigen Köpfen nach Hause.“

Diese unruhigen Zustände blieben auf Eisenhut’s Bildungsgang nicht ohne tieferen Einfluß. Seine lateinischen Unterschriften wie seine späteren Werke selbst verrathen uns, daß er von seinen wohlhabenden Eltern – denn daß sie das gewesen sein müssen, zeigt uns die Bestimmung des Sohnes zum Goldschmied, dem vornehmsten aller Gewerke – eine für die Begriffe seiner Zeit vortreffliche Erziehung und Bildung erhielt, die aber [722] zugleich von den freieren Ideen der Reformationszeit durchdrungen war. Das Gewerbe, welchem sich der Jüngling widmete, umfaßte im Mittelalter ein viel weiteres Gebiet, als wir heute anzunehmen gewohnt sind. Der Meister der Goldschmiedekunst mußte zugleich in Allem, was wir mit „bildender Kunst“ bezeichnen, eingehend Bescheid wissen; Empfindung und künstlerischer Entwurf gehörte nicht weniger zu seinem Berufe, wie die technische Ausführung. So wissen wir, daß der berühmte Benvenuto Cellini nicht allein in allen Zweigen der eigentlichen Goldschmiedekunst, als Gießen, Treiben, Emailliren und Medailliren Bedeutendes leistete, sondern auch als talentvoller Bildhauer und Krystallschneider bekannt war und sich gelegentlich noch mit vielen anderen Sachen, wie Alchemie u. dergl. m. beschäftigte.

Wie jeder lernende Handwerker des Mittelalters mußte sich auch Eisenhut in die strenge Ordnung seiner Zunft, der wir nicht zum geringsten Theile die staunenswerthe Ausbildung des deutschen Kunstgewerbes jener Zeit zuschreiben, unbedingt fügen, bis ihm der Freispruch des Meisters erlaubte, die eigenen Wege einzuschlagen. An dem Tage seiner Freisprechung verließ der junge Geselle die Heimath, um sich auf die Wanderschaft zu begeben, die sich wohl zunächst über Westfalen erstreckte. Von hier, wo um jene Zeit unter den Knop’s in Münster, Aldegrever in Paderborn und anderen bedeutenden Meistern die Goldschmiedekunst in hoher Blüthe stand, trieb ihn der Wissensdrang und der Eifer, eine höhere Ausbildung in seiner Kunst zu erlangen, als ihm die Heimath zu geben vermochte, in das gelobte Land der Künstler, nach Italien. Ob er in Süddeutschland geweilt hat, wo, namentlich in Nürnberg, Ulm und Augsburg, berühmte Meister der Goldschmiedekunst, wie die Jamitzer und Ehinger, ansässig waren, die selbst für Paris und London arbeiteten, ist wegen der kurzen Dauer seiner Reise unwahrscheinlich; auch finden wir in seinen Arbeiten nicht die geringste Aehnlichkeit, geschweige denn irgend welche Anlehnung an süddeutsche Kunst.

Schon im Beginne der siebenziger Jahre betrat Anton Eisenhut den gefeierten Boden Italiens und blieb vorläufig als Kupferstecher in Florenz. Zwar war der berühmte Benvenuto Cellini, dessen Bedeutung man sehr überschätzt hat, bereits 1572 gestorben, aber der ganze übrige Schwarm bedeutender Künstler, welche Alle ihr Licht von dem großen Michel Angelo borgten, wirkte noch in demselben Sinne wie Cellini. Ueber Eisenhut’s Aufenthalt in Florenz erfahren wir nichts; erst mit dem Jahre 1580, wo er sich nach Rom begab, beginnt das undurchdringliche Dunkel, welches den deutschen Meister bis dahin umgiebt, sich etwas zu lichten. Hier scheint Eisenhut mit wissenschaftlichen Kreisen und vielleicht selbst mit Papst Gregor dem Dreizehnten, der vom Jahre 1572 bis 1585 die dreifache Krone trug, in Berührung gekommen zu sein, wenigstens kennen wir ein in Kupfer gestochenes Portrait Gregor’s des Dreizehnten mit reich ornamentirtem Rande, welches den Namen Anton Eisenhut’s aus Warburg trägt. Seine erste größere Arbeit als Kupferstecher, welche um dieselbe Zeit entstand, war eine wissenschaftliche, die Illustration zu der „Metallotheka“, einer Beschreibung der Mineraliensammlung des Vaticans von Michael Mercati, von welcher sich ein Exemplar auf der königlichen Bibliothek in Berlin befindet. Der italienische Gelehrte gedenkt bei Gelegenheit Anton Eisenhut’s von Warburg als eines vortrefflichen jungen Mannes, dessen Kunstfertigkeit in Zeichnung und Stich er seit mehreren Jahren für sich gebrauche und von dessen hohen Leistungen die Illustrationen seines Werkes Zeugniß geben würden.

Kurz darauf verließ Anton Eisenhut den classischen Boden Italiens, und bereits im Jahre 1585 finden wir ihn wieder in Deutschland und 1589 in Warburg. Wahrscheinlich hat er während dieser vier Jahre die Niederlande, auf welche seine Silberwerke nicht undeutlich hinweisen, besucht. Auffälliger Weise ist der Kupferstich, den er selbst für seinen ersten in der Heimath angiebt, eine allegorische Darstellung der Ketzerei, ein Drache in reicher italienischer Landschaft; fast sieht es aus, als sollte das Werk ein Glaubensbekenntniß sein, das er seinem Landesherrn dem Bischof von Paderborn, ablegte. Von dieser Zeit an lernen wir ihn in seinem eigentlichen Gewerbe als Goldschmied kennen, dem er das Ende seines Lebens fast vollkommen und mit einem Erfolge gewidmet, der ihm für alle Zeiten die erste Stelle unter den deutschen Meistern giebt und ihn ebenbürtig neben die bedeutendsten Künstler des Auslandes stellt.

Dem Kunstsinne der Familie Fürstenberg, welcher der Landesherr Eisenhut’s, Bischof Dietrich von Paderborn entstammte, konnte die außerordentliche Begabung unseres Meisters nicht entgehen, und so lange er lebte, hatten die Fürstenberger Arbeit für ihn. Noch mehr als Dietrich von Fürstenberg scheint dessen Bruder, der reiche Kaspar, für den Meister Anton eingenommen gewesen zu sein; denn sein Tagebuch zählt überaus zahlreiche Bestellungen auf, welche sich nicht allein auf Gold-, Silber- und Juwelierarbeiten beschränken, sondern sich auch auf Malereien von Porcellan, ja sogar auf Zeichnungen von Brautteppichen oder Tapeten erstrecken. Kaspar läßt den Meister wiederholt, wie er aufzeichnet, nach Neuhaus kommen, besucht ihn aber auch in seiner Werkstätte in Warburg, als er für ihn eine besonders schwierige und kunstvolle Arbeit unter Händen hatte, „den silbernen Buckal, den Adler genandt“, welcher von Eisenhut am 26. März 1597 abgeliefert, aber im Laufe der Zeiten spurlos verschwunden ist.

So lebte der Meister, hochgeachtet von seinen Fürsten und angesehen von seinen Mitbürgern, in Warburg bis in den Anfang des folgenden Jahrhunderts hinein und starb um oder kurz nach 1603. Seine letzte Arbeit aus diesem Jahre ist die Büchermarke des Fürstbischofs Theodor von Fürstenberg, ein Kupferstich, welcher das Familienwappen der Fürstenberger zeigt.

Wenn wir heute einen Blick auf die Silberarbeiten werfen, die in der Ausstellung kunstgewerblicher Alterthümer als Werke Eisenhut’s gelten, so finden wir darunter zwei Gegenstände, welche nicht den Namen Anton Eisenhut’s tragen und ihm daher nur mit zweifelhafter Sicherheit zugeschrieben werden können. Es sind dies das aus Silber gegossene spätgothische Rauchfaß, welches Julius Lessing für einen Eisenhut hält, und das große Soester Crucifix. Beide erscheinen mir nicht als Arbeiten des Warburger Meisters, wenngleich die Vermuthung nicht unbegründet ist, Eisenhut habe den Fuß des Crucifixes, der ganz in seinem Charakter gehalten ist, angefertigt, während das Kreuz selbst einer älteren Zeit angehören dürfte. Bei dem zweifelhaften Werthe jener beiden Kunstwerke ersparen wir uns hier deren Beschreibung, und es bleiben somit für Eisenhut nur vier Arbeiten von zweifelloser Echtheit übrig.

Das früheste Werk — es trägt die Jahreszahl 1588 neben dem „Anton Eisenhoidt warburgensis fecit“ — ist ein aus Silber getriebener vergoldeter Kelch von einer Höhe von 0,25 Meter. Der höchst gelungene, leichte Aufbau ruht auf einem Fuße im Sechspaß, welcher Raum für sechs getriebene symbolische Bilder aus dem alten Testament in runden Medaillons bietet; sie stellen der Reihe nach „Das Opfer Abraham’s“, „Das Osterlamm“, „Das Sammeln von Mannah“, „Moses schlägt aus dem Felsen Wasser“, „Die Errichtung der ehernen Schlange“ und „Jonas und der Walfisch“ dar. Den Uebergang zum Knauf bilden angelehnte allegorische weibliche Figuren von edelster Formenschönheit, während dieser selbst aus sechs Nischen mit gegossenen weiblichen Figuren in antiker Gewandung besteht; hier sind ausnahmsweise Ausschmückungen durch edles Gestein angebracht worden. Für die tulpenförmige Kappe ist der Aufbau im Ganzen wohl zu schlank ausgefallen, bei dem der in reichster erhabener Arbeit prangende Fuß der außerordentlichen Einfachheit des oberen Theiles gegenüber zu compact wirkt.

An den Kelch reiht sich würdig der Weihwasserkessel mit dem Sprengwedel an (vergl. die beigegebene Abbildung!), ein Werk, welches die Inschrift „Antonius Eisenhoit warburgensis fecit“ trägt. Den Kessel zieren ringsherum vier biblische Darstellungen „Die Taufe Christi“, „Christus und die Samariterin“, „Christus und Petrus auf dem Meere“ und „Philippus und der Kämmerer aus dem Mohrenlande“ in getriebener Silberarbeit, während der Boden den „Durchzug der Juden durch das rothe Meer“ zeigt. Die ornamentale Arbeit, die gleichsam als Rahmen für die einzelnen Bilder dient, ist in den reichsten Renaissanceformen gehalten, die in ihren schwunghaften Linien und üppigem Schmuck an die Schule erinnern, welche der Meister in Italien genossen hat. Der zum Kessel gehörige Sprengwedel ist ebenfalls aus Silber getrieben und vorzüglich deswegen interessant, weil er freistehende ornamentale Verzierung zeigt, wie sie in dieser Vollendung und zierlichen Schönheit bei keinem anderen Eisenhut’schen Werke zu bemerken sind. Das ganze Sieb des Wedels ist mit äußerst feingearbeiteten Rosettchen bedeckt, während den Schaft vier getriebene Figuren bilden.

[723] Die bei Weitem hervorragendsten Werke Anton Eisenhut’s – sie tragen das Wappen des Fürstbischofs Theodor von Fürstenberg – sind die beiden Einbanddeckel zu einem Missale und einem Pontificale. Beide bestehen aus je zwei getriebenen Silberplatten, die aber von so imponirender plastischer Schönheit sind und von einer Darstellungskraft zeugen wie wir sie selbst bei den gerühmtesten Silberarbeiten italienischer Künstler noch nicht gesehen haben. Ueberall blickt aus den Gruppen und Figuren von höchster Grazie und vollendetster künstlerischer Schönheit der majestätische Geist der göttlichen Antike heraus; überall spricht sich eine Freiheit in der Darstellung aus, welche den Künstler von Gottes Gnaden verräth und sich um prüde Bedenken nicht kümmert; Alles athmet hingebenden Schaffenstrieb, der das rein Technische der Kunst spielend beherrscht und sich voll und ganz der Darstellung sinnlicher Schönheit, wie sie die antiken Bildsäulen predigen, widmet. Als das Vollendetste genialer Composition und edelster Formenschönheit in anspruchsloser Nacktheit möchte ich die Gruppen und Figuren bezeichnen, welche den Deckel des Kölner Meßbuchs umrahmen. Diese Gebilde athmen alle Leben und Lebenslust und weisen auf die Muster hin, deren Studium sich der Meister im Vaterlande des feurigen Correggio, an dessen Malerei die Darstellungen am meisten erinnern, mit seinem ganzen Herzen hingegeben hat.

Die Vorderseite des Missale enthält als Hauptbild die Darreichung des Abendmahles in alttestamentlicher Form; darüber ruht im viereckigen Medaillon die Göttin des Frühlings mit reichen Kränzen, nach denen ein Genius greift; gleichsam als Bildhalter dienen zwei kostbare Mädchengestalten, deren plastische Schönheit in nichts der Antike nachgiebt. Mit dem obern Medaillon correspondirt unten die Darstellung des Sommers: ein Jüngling, im reichen Aehrenfelde ruhend, in den Ecken zwei üppige Frauengestalten mit Aehren und Kronen. Die Rückseite enthält das Abendmahl in neutestamentlicher Form als Hauptbild, darüber die allegorische Figur des Herbstes als Jüngling, mit Weinlaub umkränzt, zwischen zwei sitzenden Frauengestalten an jeder Ecke, darunter in ovalem Felde ein alter Mann am Feuer hockend, umgeben von einem gebeugten Greise und einer alten Frau, als allegorische Darstellung des Winters.

Spricht sich in diesem Werke so recht frei und schrankenlos die ganze Genialität des Meisters in der leichteren figuralen Ornamentation aus, die kein Silberschmied aller Zeiten je erreicht hat und wohl auch kaum erreichen wird, so sind die Deckel des Kölner Pontificale ein bewundernswerthes Muster für eine strenge, stilgerechte Composition ernsterer Art. Daß Meister Eisenhut dieses Werk selbst geschaffen hat, dafür sprechen zwei äußere Zeichen. Am unteren Ende der Rückseite treibt er einen seiner interessanteren Kupferstiche „Amor docet musicam“ (Amor lehrt die Musik) – eine Gruppe von vier prächtigen Kindergestalten, die sich um eine fünfte, welche Noten in der Hand hält, herum drängen – meisterhaft in Silber nach, und zwar so wie derselbe auf der Platte stand, wodurch freilich die Anordnung der Figuren, mit dem Stich verglichen, in umgekehrter Reihenfolge erscheint. Bisher hat diesen auffallenden Umstand wohl noch Niemand bemerkt, und doch dürfte das eben Gesagte ein Beweis dafür sein, daß Anton Eisenhut, was man theilweise bezweifelte, seine Entwürfe selbst gefertigt hat. Neben dieser Gruppe sehen wir zwei greise Flußgötter mit Aehren und Kränzen im Haar, die der Meister als Lippe und Diemel, jenes kleine Flüßchen, welches an seiner Heimathstadt Warburg vorüberrauscht, bezeichnet. In der Mitte des Deckels knieet die Gestalt eines Papstes mit wallendem Vollbarte, der zu den Wolken, in denen unter Engelschaaren die Mutter Gottes mit dem Kinde thront, betend emporschaut, und zu beiden Seiten stehen in vier äußerst geschickt in die zwei breiten Renaissance-Pilaster eingebauten Nischen die vier Evangelisten mit ihren Attributen. Die Vorderseite zeigt Moses im jüdischen Hohenpriestergewande in prachtvollster, plastischer Ausarbeitung, während im Hintergrunde die Kinder Israel am Fuße des Sinai um das goldene Kalb tanzen. Diese Figur ist im Entwurf, wie in der technischen Ausführung ein Meisterstück. Rechts und links umgeben das Mittelbild die vier Kirchenväter, während zwei weibliche Engelsgestalten das Wappen des Bischofs Theodor halten.

Die bewundernswerthe Beherrschung des Stoffes, der glänzende Formenreichthum, der sich in diesen beiden letzten Werken Eisenhut’s ausspricht, hebt den Meister aus dem engeren Kreise des Kunstgewerbes heraus und sichert ihm eine hervorragende Stelle unter den bildenden Künstlern. Die Zeitgenossen Eisenhut’s bestätigten dieses Urtheil, indem sie einzelne Gruppen aus den Darstellungen der Buchdeckel, wie die über dem Papste in den Wolken schwebende Mutter Gottes und die Gestalt des Papstes, in Stein ausführten. Wie jene auf dem Grabmale des Paderborner Domherrn Joachim von Langen von Heinrich Gruninger zu sehen ist, so ist diese merkwürdiger Weise das Vorbild für das Grabmonument des Landesherrn Anton Eisenhut’s, des Bischofs Dietrich von Fürstenberg, geworden.

Daß mit diesen wenigen Werken die Thätigkeit eines so genialen Meisters nicht abgeschlossen sein kann, unterliegt wohl keinem Zweifel, und es ist ein dankenswerthes Streben, wenn unsere Kunstforscher mit rastlosem Eifer nach der Entdeckung der übrigen seiner Silberwerke suchen. Professor Nordhoff in Münster, der erste Entdecker Eisenhut’s, hält noch das „Soester Kreuz“, welches sich auf der Ausstellung in Düsseldorf befindet und von hervorragender Schönheit ist, und ein Kußtäfelchen im Stile der Hochrenaissance im Schlosse des Freiherrn Adolf von Fürstenberg zu Lörsfeld für Werke des Meisters. Eine Veröffentlichung der fraglichen Silberarbeiten wird in der nächsten Zeit erfolgen.

Wo und wie die reiche Sammlung von Gold- und Silberwerken, welche die kunstsinnige Familie der Fürstenberger nicht allein durch die Hand Eisenhut’s, sondern auch durch andere Meister, wie Adreß in Paderborn, herstellen ließ, untergegangen oder verstreut worden ist, darüber herrschen nur Vermuthungen. Möglich, daß man im siebenzehnten Jahrhundert zu wenig Kunstsinn besaß, um die ererbten Silberwerke vor dem Verkauf oder dem Einschmelzen zu bewahren; möglich auch, daß sich noch manches in den reichen Museen des Auslandes, besonders Dänemarks, findet, dessen König Christian im Beginne des Dreißigjährigen Krieges nicht umsonst in jenen Gegenden gegen Tilly Krieg geführt hat. Vielleicht giebt auch eine Nachricht aus einer Handschrift des Staatsarchivs in Münster Andeutungen über den Verbleib Eisenhut’scher Werke.

Kurz vor der Einnahme von Paderborn durch den Herzog Christian von Braunschweig, jenen enthusiastischen Verehrer der Böhmenkönigin Elisabeth, der stets einen Handschuh seiner Dame im Kampfe am Helme trug, war der Domschatz von Paderborn, welcher auf 300,000 Reichsthaler Werth von Zeitgenossen geschätzt wurde, nach Soest geflüchtet und dem Propste des St. Patroclus-Stiftes in Verwahrung gegeben worden. Aber wie Paderborn, fiel auch Soest im Januar 1622 in die Hände des tollen Herzogs; unter schweren Drohungen erzwang Christian die Auslieferung des Schatzes vom Propste und schickte ihn zum Einschmelzen nach Lippstadt in die Münze. Eine reiche Nachlese hielt der Herzog im April desselben Jahres, wo er die Schätze, welche Frau von Olinghausen und ihr Bruder, der Drost von Bilstein, vom Bischof von Paderborn geerbt hatten, einzog und ebenfalls einmünzte. Es waren dies sieben Tonnen Goldes, also ein Werth von 70,000 Thalern, und dabei wird ausdrücklich „ein schoen vergulden Kruetze“ erwähnt. Vielleicht also, daß wir in jenen berühmten Thalern des tollen Christian mit der Aufschrift: „Gottes Freund, der Pfaffen Feind“ Reste der berühmtesten Kunstwerke der Renaissancezeit und darunter auch manche Arbeit Anton Eisenhut’s zu erkennen haben.

Die wenigen Stücke aber, die uns ein gütiges Geschick vor dem Untergang in Krieg und Brand gerettet hat, zeigen uns, daß um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, der Blüthezeit deutscher Renaissance, eine Kunstthätigkeit geherrscht hat, von welcher man bis heute kaum eine Ahnung hatte. Die Aufgabe unserer Tage wird es sein müssen, unser junges deutsches Kunstgewerbe, welches in so reger Lebenskraft ringsum im deutschen Land wieder erstanden ist, an den edelsten Musterwerken der Renaissance zu eigener selbstständiger Schaffungskraft heranzubilden. Jene Schöpfungen des Warburger Meisters tragen dazu bei, das Bewußtsein unserer Nation und die Hoffnung zu stärken, daß das täglich wachsende Verständniß der alten Zeit und ihrer Meister eine Blüthe in unserem Kunstgewerbe zeitigen wird, welche uns auch in dieser Beziehung unter den Culturvölkern eine unserer politischen Macht entsprechende würdige Stellung schafft.


[724]
Portraits vom französischen Parlament.
2. Der Senat.


„Freiheit, Gleichheit! Brüderlichkeit!“ Diesen theoretisch so wunderschönen Wahlspruch der großen Revolution, der auf allen öffentlichen Gebäuden von Paris eingemeißelt ist, kann man auch über dem Portal von Maria’s von Medici Luxembourg-Palaste lesen, wo unter vielen Anderen auch der Vicomte von Beauharnais und seine Frau Josephine, die nachmalige Kaiserin, hinter Schloß und Riegel saßen und Camille Desmoulins, Danton, Robespierre ihr Todesurtheil empfingen, wo Napoleon und sein bedientenhafter Senat walteten und später die Pairskammer über den Marschall Ney, die Minister Karl’s des Zehnten, die Attentäter Fieschi, Boireau und Consorten, den Putschversucher Prinzen Louis Napoleon und Andere so lange vor Gericht hielt, bis eine neue Revolution sie auseinander jagte. Hier zog auch am 27. November 1879 der Senat der dritten Republik aus Versailles ein. Möge er die Inschrift des Hauses besser beherzigen, als die früheren Bewohner!

Der Sitzungssaal enthält die fächerförmig aufgestellten Bänke der dreihundert Senatoren. In einer Nische steht vor edlen Marmorsäulen das Podium der Präsidenten, der Secretäre und Redner. Die Beleuchtung geschieht durch elektrische Kerzen, und es ist ein schöner Anblick, wenn die ernsten Standbilder Karl’s des Großen, den die Franzosen bekanntlich zu ihren Fürsten zählen, Turgot’s, Colbert’s und des muthigen Malesherbes von ihrem scharfen Lichte überfluthet werden.

Dem Besucher fällt wohl zuerst die Menschenleere der Zuschauerräume auf. Nur die Berichterstatter größerer Tagesblätter und wenige Vergnügungsreisende, welche den Luxembourg der berühmten Kunstsammlung halber betreten und nun auch gleich eine Sitzung des Senats „mitnehmen“, sind in den Logen zu sehen. Die Stammgäste, deren die Gallerie des Deputirtensaales so viele zählt, mangeln hier ganz. Diese Gleichgültigkeit des Publicums ist schon durch den Charakter des Oberhauses bedingt! Während die aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgehende Abgeordnetenkammer im Uhrwerk der französischen Staatsmaschine die Unruh vorstellt, vertritt der Senat mit seinen theils von der Nationalversammlung, theils von den Gemeinden auf drei, sechs, neun Jahre oder als „unabsetzbar“ gewählten Mitgliedern das Princip der Controle, des Stillstandes oder gar des Rückschrittes. Schon ein Niederblick aus der Vogelschau des Journalistenverschlages erklärt die überbedächtigen Tendenzen der Honorabeln. So weit das Auge reicht, sieht man nichts als speckglänzende „Billardkugeln“, wie der Pariser die Kahlköpfe nennt. Es sind ja meist alte Herren, und wenn auch einer die gesetzlich erforderten vierzig Lebensjahre kaum überschritten hat, so ist er doch ehrlich bestrebt, sich eine mehr oder minder imposante Glatze anzuschaffen, die nun einmal zur Senatorentoilette zu gehören scheint, wie die Tonsur zum katholischen Priester. Und wie leise, langsam und höflich sind die Ehrenwerthen! Während es in der Kammer wie aus der Tiefe eines Hexenkessels brodelt und braust und zischt, ist hier über all den kahlen Gipfeln Ruh’. Mechanisch greift der Vorsitzende ab und zu an die Glocke und klingelt schüchtern und verschämt, als wolle er um Verzeihung bitten, daß er so frei sei, die unverbrüchliche Stille zu unterbrechen, und fällt ja einmal ein lautes Wort in dieser edlen Zunft der Leiseredner und Leisetreter, so betrachtet man den tollkühnen Störenfried wie einen Rasenden. Man zaubere nur durch ein magisches Mittel oder ein Wahlmanöver die paar relativ jugendlichen Senatoren de Gavardie von der Rechten und Testelin und Tolain von der Linken hinweg, und man wird sich beinah in einer Kirche glauben. So war es wenigstens unter dem letzten Präsidenten, dem immer kränkelnden Martel, und seinem Stellvertreter, Grafen Rampon. Vielleicht ändert sich das unter seinem Nachfolger, dem ehemaligen Seinepräfecten und Finanzminister Léon Say, der jüngst vom kaum angetretenen Londoner Botschaftsposten hinweg zum Vorsitzenden des Senats ernannt worden ist. Der verführerische, vielgewandte Staatsmann dürfte sich zum Präsidenten trefflich eignen, obgleich der Schwerpunkt seiner eigentlichen Begabung auf finanziellem Gebiete liegt. Als Redner folgt er offenbar englischen Mustern. Er ergreift das Wort nur, wenn er wirklich etwas zu sagen hat, und plaudert lebhaft und munter stets zur Sache, namentlich gern in sprechenden Ziffern. Ohne Zweifel denkt er auch in Zahlen. Er ist die fleischgewordene Algebra. Durch die Weigerung, seine Partei des linken Centrums mit den Monarchisten zur Krönung des Grafen Chambord zu vereinigen, hat er der Republik einen Dienst geleistet, den sie ihm nicht vergessen wird.

Aber auch um seines reactionären Uebergewichtes willen hat der Senat die Erbschaft der verhaßten Pairskammer angetreten. Bis zu den Februarwahlen 1876 war die große Mehrheit entschieden monarchistisch und ultramontan, und nur so ist es möglich, daß der letzte Sprosse der älteren bourbonischen Linie drei Jahre zuvor nach Versailles kommen konnte, um mit den Repräsentanten einer Republik über seine Thronbesteigung zu unterhandeln. Erst durch den Uebertritt einiger Orleanisten zur Linken wurde das unleidliche Provisorium beseitigt und die Verfassung vom 25. Februar 1875 mit einer ganzen Stimme Mehrheit angenommen. Auf solche Weise gelangte der Urheber dieses noch zu Recht bestehendem flüchtigen Machwerkes, der reactionäre Professor Wallon, zum unverhofften Namen eines „Vaters der Republik“. Weß Geistes Kind er aber ist, bewies er als Unterrichtsminister, der die Gründung katholischer Universitäten unterstützte. Als Redner zeigt er noch heute eine Gründlichkeit, die ihn z. B. bei Verhandlungen über erbrechtliche Fragen immer mit Esau’s Linsengericht beginnen läßt, und als Schriftsteller bringt er es über geistige Dürre und sitzlederne Beschränktheit nie hinaus, wie sein Buch über Jeanne d’ Arc beweist. Auch sein nicht weniger unbedeutender Gesinnungsgenosse Charles Chesnelong, der „Senator des Syllabus“, wie er sich gerne nennt, gehört zum reactionären Triumvirat, dessen Führer, der Herzog Albert de Broglie, unstreitig eine interessante, aber nichts weniger als anmuthende Figur im französischen Parteileben ist.

Der heute fast fünfzigjährige Herzog war bis zum deutsch-französischen Kriege als wortreicher Vertheidiger der blindreactionären Interessen nur aus monarchistischen Blättern und aus der Akademie bekannt. Erst nach dem Sturze des Kaiserreiches, das ihn von allen öffentlichen Angelegenheiten fern gehalten, drängte ihn der lange niedergekämpfte Ehrgeiz auf die politische Bühne. Broglie ist der Meister der Verwickelung, ein diplomatischer Intriguant, ein schleichender Dunkelmann, der alle Wässerchen trübt, um darin zu fischen. Er war es vorzüglich, der die reactionäre Coalition zum Sturze Thiers’ zusammen brachte, und wenn Chambord’s Krönung und Mac Mahon’s Staatsstreichversuch am 16. Mai 1877 mißlangen, so ist es wahrhaftig nicht seine Schuld. Ein vortrefflicher Plauderer, spielt der mittelgroße, hagere Cavalier mit dem glattrasirten, gelben Gesicht und seinem stets ausweichenden Blicke, dessen trotzige Falschheit ein ewiges Lächeln versüßen möchte, auf der Rednertribüne doch eine sehr klägliche Rolle. Zwar sind seine Ansprachen formell tadellos, im Ausdruck gewählt und voller Epigramme, die gleichsam an die unscheinbaren, aber tiefen Stiletstiche seiner italienischen Heimath gemahnen, aber der von automatischen Armbewegungen begleitete leise Vortrag verdirbt die besten Absichten. Sein Organ ist ein spitziges und so dünnes Falsett, daß es in der lärmvollen Kammer geradezu unverständlich war und sogar im höflicheren Senate die Worte nur errathen läßt. Gewöhnlich glaubt man gegen das Ende der Perioden, das Flüsterconcert werde sich bis zum gravitätischen Wohlklang erheben, aber gerade jetzt klopft der Redner auf den marmornen Tisch oder auf seine dort zerstreut liegenden Notizen und Acten, und die ungeduldig erwartete Pointe verliert sich spurlos im leisen Geräusch. Es ist ein polizeiwidriger Musikversuch, ein 16. Mai in Tönen! . . .

Von den übrigen Vertretern der Opposition nennen wir einzig noch den vorletzten Präsidenten des Senats, den Herzog d’Audiffret-Pasquier. Auch er gehört zu den zahlreichen Royalisten, welche nur deshalb für die Republik stimmten, weil sie in ihr einen kurzen Uebergang zur Monarchie sahen. Sein heftiger und herrischer Charakter machte ihn wenig zum Vorsitze geeignet, doch hat er eine gewisse Schlauheit, die ihn stets verhindert, sich ernsthaft zu compromittiren. So trat er noch rechtzeitig von der Mai-Verschwörung zurück und verwahrte sich gegen jeden Gewaltact. „Ich hasse Euch seit zwanzig Jahren!“ rief er vom

[725]
Die Gartenlaube (1880) b 725.jpg

Schneiderbude in Venedig. Originalzeichnung von Eug. Blaas.

[726] Präsidentenstuhle den Bonapartisten zu. Womöglich noch weniger paßt er auf den Fauteuil der Akademie, die ihn verflossenen Februar zu den Ihrigen ernannte. Für welche Verdienste? Doch nicht zur Belohnung seines politischen Dilettantismus oder seiner fragwürdigem Redekunst oder seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich jeder Inventur entzieht? Aber der Herzog ist von hohem Adel, elegant und hat einen hübschen, energischen Kopf, und das befähigt ihn ja vortrefflich, unter den vierzig „Unsterblichen“ – Decoration zu spielen.

Viel kritischer und ebenso schlimm, wie in der Kammer, steht es im Senat mit der bonapartistischen Partei, die hier nur schlechte Politiker und Phrasendrescher zählt. Höchstens General Canrobert spricht mit einer Gewandtheit, die bei einem Soldaten doppelt verwundern muß; doch hat sein erst nach dreißig Jahren angestellter Versuch einer Reinigung von der Blutschuld, beim Staatsstreiche 1851 die Metzelei auf dem Boulevard Montmartre commandirt zu haben, die Monarchisten ungemein verletzt, ohne die Republikaner zu überzeugen. Im Uebrigen sticht seine offene Physiognomie und sein naiv klingender Auvergnatenaccent von dem Wesen der trockenen Schleicher Wallon, Broglie und Chesnelong erquickend ab. In Civil sieht er sogar wie ein englischer Specereihändler aus; vielleicht hat ihn die Londoner Gewürzkrämerzunft deswegen zum Ehrenmitglied ernannt.

Die überwiegend reactionäre Vertretung nahm eigentlich erst im Januar des vergangenen Jahres ein Ende, als auf fünfundsiebenzig neue Senatoren sechszig Republikaner gewählt wurden, aber daß auch dieser freisinnigen Mehrheit jede radicale Neuerung mißliebig ist, bewies die Ablehnung des Ferry’schen Schulgesetzes und die Stellung, welche der Senat in der anticlericalen Bewegung nahm. Man braucht kein Freund der rothen Partei zu sein, um die Bekämpfung, der Uebergriffe einer unduldsamen und gierigen Kirche in die staatliche Machtsphäre hinüber für aufgezwungene Nothwehr zu halten. Nur die von jesuitischem Geiste gereinigte Schule vermag ein politisch reifes Volk zu erziehen, und im Mangel an solcher Durchbildung liegt es, daß der sogenannte „Culturkampf“ selbst in vorzugsweise protestantischen Ländern kläglich im Sande verlaufen mußte. Das wissen die Pfaffen aller Bekenntnisse sehr wohl, und daher rührt ihr Haß gegen die moderne Erziehung. Diese ist dem seit neunzig Jahren in Parteikämpfen sich aufreibenden Frankreich um so nothwendiger, als besonders das destructive Proletariat dringend der gesunden Aufklärung bedarf. Je weitere Kreise der freie Volksunterricht zieht, um so unmöglicher werden die Revolutionen und um so leichter die zukünftige Lösung aller socialen Fragen. Wie kommt es nur, daß mehrere der bedeutendsten liberalen Senatoren sich dieser Wahrheit verschließen konnten und daß sogar drei berühmte Professoren von Paris, Jules Simon, Laboulaye und Littré, sich von ihren freisinnigen Principien lossagten, um die Regierungsvorlage in so heftiger Weise anzugreifen, daß deren Abweisung zuvörderst ihrem Einflusse zuzuschreiben ist?

Ja wohl, Jules Simon, der namhafte Förderer französischer Volkserziehung, der gleich nach dem Kriege einen Gesetzentwurf für den unentgeltlichen und obligatorischen Besuch der von allem clericalen Einflusse befreiten Schule vorlegte, stimmt heute gegen die souverainen Rechte des Staates im Unterrichtswesen und für die Verpfaffung der Universität, deren Zierde er gewesen ist! Unterrichtete Leute, die den ehemaligen Minister des Cultus und der Landesvertheidigung genau kennen, versichern freilich, nur ein krankhafter Ehrgeiz und seine alte Rivalität mit Gambetta, dem er 1871 die Dictatur „nöthigenfalls mit Gewalt“ abzunehmen hatte, wären an seinem Uebertritt zur Reaction schuld. Jedenfalls, ist Jules Simon ein gefährlicher Gegner, dessen außerordentlicher Rhetorik nur die Sprachgewalt Gambetta’s gewachsen ist. Sein Organ verfügt über alle Register der Leidenschaft, schmeichelt sich ein und verführt, pointirt die feinsten Schläger und entwaffnet und reißt den Gegner fort. Alle Kniffe und Pfiffe, advocatorischer Suada sind ihm geläufig, aber er vergißt doch niemals den großen Stil der öffentlichen Beredsamkeit. Wie schade, daß sein herrliches Instrument eine staatsfeindliche Weise spielt!

Er wird im Senate eifrig von einem schulmeisternden Männchen begleitet, das wie ein Quäker aussieht, jedes Wort mit einer leichten Handbewegung und jeden satirischen Hieb mit einem malitiösen Augenzwinkern begleitet und seine besten Inspirationen aus dem Glase Zuckerwasser schöpft. Wer Laboulaye's treffliche „Geschichte der Vereinigten Staaten“ und den humoristischen Roman „Paris in Amerika“ gelesen hat, wundert sich wohl nicht, warum der Begründer der rechtsgeschichtlichen Studien in Frankreich blos die Trennung von Staat und Kirche befürwortet und jede andere Maßregel gegen die clericale Landplage im Namen von Franklin und Washington verwirft. In seiner Vorliebe für die Institutionen der Union scheint er das im Lande absoluter Religionsfreiheit constatirte riesenhafte Umsichgreifen des Ultramontanismus, das kaum zu Gunsten seiner Theorie sprechen dürfte, ganz zu übersehen. Der starre Principienreiter verfolgt jedoch unentwegt sein Ziel und kehrt sich nicht im mindesten an die veränderliche Volksgunst.

Männlicher Stolz zeichnet auch den großen Sprachforscher, Arzt und Philosophen Littré aus, der bis vor Kurzem von Clericalen wie ein leibhaftiger Gottseibeiuns verflucht wurde. Der berühmte Positivist, bei dessen Wahl in die Akademie der ultramontane Heißsporn Bischof Dupanloup seinen Austritt erklärte, sieht in der Gesellschaft freilich sonderbar genug aus. Ein schönes Bild bietet der bald achtzigjährige Greis ohnehin nicht. Böse Zungen behaupten sogar, erst ein Blick in den Spiegel auf sein braunes, fast schwarzes Gesicht mit dem großen Munde, der vorstehenden Unterlippe und den unter buschigen Brauen und riesenhaften Brillengläsern versteckten Augen habe ihn zum Theoretiker der Darwin'schen Menschenabstammungslehre gemacht.

Noch stutziger kann man aber werden, wenn man den republikanischen Exminister der Justiz, den greisen Dufaure, im nämlichen Lager kämpfen sieht, und zwar nicht aus ehrgeizigen Gründen, noch mit den starren Grundsätzen der dilettantischen Politiker Laboulaye und Littré. Den originellen und ausgezeichneten Redner leitet ganz einfach das praktische Gefühl, daß der Culturkampf durch die gegenwärtige Generation und obendrein in einem gut katholischen Lande unmöglich siegreich ausgefochten werden könne. Die unter Napoleon dem Dritten und seiner spanisch bigotten Throngenossin unglaublich erstarkte Clerisei muß der jungen Republik um so verhängnißvoller werden, als das Landvolk gar leicht durch schwarze Agitatoren aufgeregt und geängstigt werden kann. Bereits hatte das Ausweisungsdecret gegen die staatlich nicht anerkannten Körperschaften die Entstehung eines rein clericalen Centrums zur Folge, womit das französische Parlament, zum Unterschiede vom deutschen Reichstage, seit langen Jahren nicht mehr heimgesucht war.

Aber noch nicht alle Kathedergrößen des Senats theilen die jesuitenfreundlichen Bedenken, so z. B. nicht der bekannte Philosoph und Secretär Thiers’ Barthélemy-Saint-Hilaire, übrigens auf der Tribüne ein ziemlich langweiliger Schulmeister, und der ehemalige Professor von Pau Challemel-Lacour, der während seiner zwanzigjährigen Verbannung in Deutschland und der Schweiz lebte. Nach Frankreich zurückgekehrt, sprang er auf das Feld der Politik und hatte sofort reichliche Gelegenheit, die von seinem Freunde Arthur Schopenhauer gelernte philosophische Resignation zu üben. Er wurde nämlich von Gambetta als Rhone-Präfect nach Lyon geschickt, als dort auch eine Commune ausbrach. Man hat immer geglaubt, daß Challemel daselbst den jacobiner Proconsul gespielt habe, und sein angeblich historisches „Erschießt mir alle diese Leute!“ wird noch heute von den Reactionären als geflügeltes Wort citirt, um furchtsame Wähler in’s Bockshorn zu jagen. In Wahrheit war aber der „moderne Robespierre“ selbst Gefangener des Lyoner Wohlfahrtstribunals, und er mußte „all diesen Leuten“ drohen, um nicht selber erschossen zu werden. Fünf Monate dauerte diese schreckliche Komödie des „Communehäuptlings wider Willen“. In den Senat gewählt, zeigte er sich als einer der gewandtesten Redner, der stets den Kern der Sache trifft und zu überzeugen versteht. Immer, wenn eine wichtige Verhandlung stattfand, kam er von Bern, als er dort Gesandter geworden, um an der Debatte oder doch am Votum theilzunehmen.

Eine nicht minder wichtige Persönlichkeit ist Victor Schölcher, der Barricadenkämpfer von 1848 und Agitator für Abschaffung der Sclaverei in den Colonien. Während des Kaiserreiches lebte er als Flüchtling in London und schrieb in englischer Sprache ein werthvolles Buch über unsern Händel, eine Huldigung, die er dem allzeit gastlichen England und wohl auch ein wenig seinem deutschen Stammlande brachte.

Den Schriftstellerkreisen gehören im Weiteren an die beiden Redacteure des „Temps“, Hébrard und Edmond Scherer, der gediegene Kritiker, und ferner der bekannte Leiter des „Journal [727] des Débats“, John Lemoinne, ein kleines, unscheinbares Männchen mit langem Gesichte und lebhaften Augen. Wie Broglie, ist auch er nur ein Salonplauderer, aber durch seine brillanten Leitartikel übt er einen größeren Einfluß, als hundert Tribünendonnerer. Ohne Zweifel ist der Journalist, dessen Mutter eine Engländerin war und der in London erzogen wurde, der Meinung jenes britischen Staatsmannes: „Ich habe manche Reden gehört; einige haben meine Ansichten beeinflußt, aber nicht eine hat mein Votum geändert.“ Um so öfter wechselte Lemoinne seine Ueberzeugungen. Ehemals liebäugelte er mit dem kaiserlichen Hofe; dann begrüßte er den Grafen Chambord enthusiastisch als Heinrich den Fünften; hierauf schlug er sich zu Mac Mahon, und endlich bekämpfte er diesen „ehrlichen Soldaten“ im Lager Gambetta’s. Ist Girardin mit seiner Ansicht, daß nur Dummköpfe immer derselben Meinung sind, im Rechte, dann hat Lemoinne jedenfalls viel, sehr viel Geist. Vor Kurzem setzte er alle Welt in Erstaunen, indem er den bereits angenommenen Brüsseler Gesandtschaftsposten nachträglich aus unbekannten Gründen ablehnte. Wie es scheint, kennt er nur den dreifachen Ehrgeiz, einer der meistbefähigten, wenn auch stillsten Senatoren, eine Zierde der Französischen Akademie und der beste Journalist von Frankreich zu sein. Nun, viele Andere würden sich damit auch begnügen.

Senator Victor Hugo ist schon ehrgeiziger, aber sein Dichterruhm leidet eher unter seinen politischen Anwandlungen. Der ehemalige Royalist ist ein nicht weniger leidenschaftlicher Republikaner geworden, aber die bloße Ueberzeugung macht den Politiker noch nicht. Bis jetzt ist der Dichter den Beweis für seinen staatsmännischen Sinn trotz aller hochtönenden Manifeste noch schuldig geblieben. Auf der Rednerbühne verfehlt er eine tiefere Wirkung, weil er keinen freien Vortrag hat, sondern alle seine hohlen Declamationen vorliest, freilich sehr theatralisch und voll schlau erklügelter Effecte, aber das Papier ist ein schlechter Wärmeleiter. Seine ganze Senatorenthätigkeit äußerte sich seither blos durch Stimmabgabe bei wichtigeren Fragen und durch alljährliche Anträge auf Generalamnestie der Mordbrenner der Commune.

Hierbei ward er namentlich von seinem radicalen Freunde, dem bekannten moralisirenden Autor und Redacteur des „Rappel“ Eugène Pelletan unterstützt, dessen düstere Prophetenmiene unter buschiger Löwenmähne ganz schauerlich zu der heiseren Grabesstimme paßt, womit er seine stets auf die Zukunft weisenden Predigten hält. Unter den gemäßigteren Liberalen findet man endlich manchen Träger eines berühmten Namens, so den talentvollen Redner Emanuel Arago, Sohn des Physikers, den gräflichen Bruder des unerreichten politischen Schriftstellers Alexis de Tocqueville, und ferner einen Enkel des Generals Lafayette.

Dies sind die Männer, die der Wille des Landes zu Rath und That in den beiden Kammern von Paris zusammengeführt hat. Es erhellt daraus, daß sich die große Mehrheit der Nation der Republik zuneigt, allein die ausschlaggebende Landbevölkerung ist und bleibt unter allen Umständen und jeder Staatsgewalt gegenüber conservativ. „Die Republik wird gemäßigt oder gar nicht sein,“ hat der kluge Thiers gesagt, und zur großen Freude ihrer Feinde ist die Regierung bald an jenem Punkt angekommen, wo schon die Girondisten umsonst gestrebt haben, den zerstörenden Mächten Halt zu gebieten. Weder das Pfaffenregiment, noch das Gottesgnadenthum des Legitimismus oder das abgewirthschaftete Bürgerkönigreich der Orléans sind die ärgsten Feinde der Republik, sondern die radicale und socialistische Revolutionspartei, welche der ängstlichen Nation stets eine solche Furcht einzuflößen pflegt, daß sie selbst einem Dictator zujubelt, welcher den sicheren Bestand der bedrohten Gesellschaft verspricht. Die Zukunft Frankreichs hängt also einzig von der Mäßigung des Opportunismus ab. Leider hat er sich der Pariser Demagogie schon zu gefügig gezeigt, um nicht ganz ihr Werkzeug zu werden; aber vielleicht rafft sich der geniale Gambetta im Augenblicke der höchsten Gefahr auf, um die einzig mögliche Republik vor ihren eigenen Anhängern zu retten, und wäre es selbst mit Waffengewalt.

Sein Liebäugeln mit dem General Marquis de Galliffet, einem der bestgehaßten Communebezwinger, scheint darauf hinzudeuten, daß er zum Kampfe gegen die Unversöhnlichen entschlossen ist. Aber wird ein neuer Barras oder Cavaignae nicht einem anderen Bonaparte den Weg bahnen? Bereits hat der einzig ernst zu nehmende Prätendent, der schlaue Prinz Jérôme Napoleon, die sattsam bekannte demokratische Maske umgehängt, womit schon zwei Bonaparte die Republik betrügen konnten. Es scheint geschrieben zu stehen, daß in unserem Nachbarlande die Freiheit zum Umsturz und Staatsstreich, die Republik zur Anarchie und endlich zum revolutionären Cäsarismus führen muß, welcher vielleicht Frankreichs sociale Ruhe und sicher die Störung des Weltfriedens bezeichnet.
Gottlieb Ritter.




Blätter und Blüthen.

Das Kölner Dombaufest. Ueber das heilige Köln war am 15. und 16. October (1880) ein Meer von Festjubel hereingebrochen, dessen brausende Wellen Alles überflutheten. Nur der katholische Clerus hielt sich zurück. Dagegen hatte die Bürgerschaft Kölns augenscheinlich jede Erinnerung an den Culturkampf und den Hader der Parteien für die beiden Tage des Dombaufestes ausgelöscht und gab sich freudig und rückhaltlos der allgemeinen Begeisterung hin. Der Kölner ist in der That mit seinem schönen Dome durch die Jahrhunderte hindurch in Freud’ und Leid zu innig verwachsen, als daß die sonst so ausschlaggebende Stimme der Priesterschaft diesmal ihre altgewohnte Wirkung nicht gänzlich hätte verfehlen müssen, und so prangte denn die ganze Stadt in grünem Feierkleide und festlichem Flaggenschmuck. Die Reiterstatuen des Kaisers und Friedrich Wilhelm des Vierten auf der Rheinbrücke trugen Lorbeerkränze; von allen Schiffen grüßten die Wimpel, und auffällig zeigten sich nur die unbeflaggten katholischen Kirchen mitten im Fahnenwalde der Stadt. Gewaltig tönte das Gewirre und Gesumme der nach Hunderttausend zählenden Menschenmenge, welche zum Domplatz drängte; dort ragten wie Felsen über dem bewegten Meere in einsamer Majestät die vollendeten Domthürme. Doch auch an ihnen empor kletterten die siegreichen Fahnen in den Reichs- und Landesfarben, immer höher und höher, bis zu den Spitzen, um gleichsam auch ihnen die Begeisterung des Tages mitzutheilen.

Die Festtage selbst waren von größtentheils klarem, mitunter sogar heiterem Wetter begleitet. Es war eben wiederum „Kaiserwetter“.

Am 15. October langten die Majestäten und die Fürsten, von dem Kanonendonner der Batterien am Rheine und den brausenden Hochrufen der Menge begrüßt, auf dem Centralbahnhofe an, und fuhren dann durch den auf dem Vorplätze errichteten hohen Triumphbogen zum Regierungsgebäude und von da in die evangelische Trinitatiskirche zum Gottesdienste. Die würdige und tactvolle Predigt des Superintendenten Bartelheim knüpfte an das gemeinsame Gebet der beiden Confessionen, das Vaterunser, an, in der Bitte: dein Reich komme.

Zu dem nun folgenden Te Deum im Dom war nur eine beschränkte Zahl besonderer Einladungen ergangen. Die Würdenträger des Reichs, die Gäste der Stadt, die Spitzen der Behörden hatten auf den Bänken des Hauptschiffes Platz genommen, alle in Gala-Uniform. Dagegen bot der Dom selbst sein alltägliches Aussehen. Ohne jeden kirchlichen Pomp schritten fünf Prälaten des Domcapitels unter Führung des Weihbischofs Baudri, welcher weder Mitra noch Stab trug, bekleidet mit der lilafarbenen Soutane, langsam vom Chore her durch das Hauptschiff zum Portal und nahmen seitwärts unter der Halle des Südthurmes, mehrere Schritte von dem Hauptportal entfernt, Aufstellung. Da kam eine Bewegung in die Menge, welche draußen das Hauptportal umdrängte, wie der erste Windstoß des Sturmes, der in den Wald fährt. Es war Moltke, der, nur von seinem Adjutanten begleitet, zuerst den Dom betrat, die Prälaten mit tiefer Verbeugung begrüßte und dann das Hauptschiff entlang schritt. Bald aber vernahm man draußen neue Bewegung, und anschwellend bis zum Sturme erdröhnte der Jubelruf: „Hoch der Kaiser!“

Draußen, an den Stufen des Hauptportals, nahm der Vorstand der Dombauverwaltung den Kaiser ehrerbietigst in Empfang; alsdann betrat das Kaiserpaar den Dom; ihm folgten der Kronprinz mit seiner Gemahlin, die Fürsten mit ihren Hofleuten, und auf eine Weile verschwanden Alle in der Nische des Südthurms. Auf die Anrede des Domdechanten, Weihbischofs Baudri, welcher unter Anderem sagte: „möge bald der heißersehnte Tag erscheinen, welcher der Kirche den Frieden, dem vollendeten Dome den Hirten wiedergiebt“, erwiderte der Kaiser unter Anderem: „Seien Sie versichert, daß wie stets so auch an diesem von der gesammten Nation freudig begangenen Tage das Walten ungetrübten Gottesfriedens allüberall im Reiche das Ziel meiner unausgesetzten Sorge und meiner täglichen Gebete bleibt!“

Unter Vorantritt der Domschweizer und der Prälaten wurden die Majestäten nunmehr von den Letzteren in den engern Chor geleitet; die Orgel setzte ein und das Te Deum begann. Es war wohlthuend, den Orgelklang zu hören, und auch der frische Knabenchor, der mit dem Gesange der Priester abwechselte, gab der im Allgemeinen etwas frostigen Stimmung mehr Wärme und Feierlichkeit. Gleich nach halbzwölf Uhr traten der Kaiser und die Kaiserin, von dem Domcapitel bis zur innern Thür begleitet, aus dem Südportale heraus auf den Domhof.

Dort hatte sich schon seit zwei Stunden ein auserlesenes Publicum auf dem von den Tribünen umgebenen Platze eingefunden. In langen dunklen Reihen standen Spalier bildend, quer über dem Domhof, die Werkleute und Steinmetzen mit Winkelmaßen in der Hand und mit gelben und weißen Lederschurzfellen angethan, dahinter die Vereine der Stadt in buntfarbigem Contrast mit grünen, rothen, gelben und goldgestickten Bannern. Auf den sieben amphitheatralisch gebauten Tribünen leuchtete und glitzerte es von Uniformen, kostbaren Damentoiletten und festlich decorirten Gewändern. Auf der Nordtribüne der hellgekleidete Damenchor, der die Festcantate vortragen soll, die sangeslustige Schuljugend [728] auf einem Gerüst neben dem Portal, auf den Stufen desselben weißgekleidete Jungfrauen und Mädchen mit Kornblumensträußen, ringsum in den Häusern alle Fenster, alle Balcone von Schaulustigen eng besetzt, aus Erkern und Dächern lugt dichtgedrängt eine buntscheckige Menge – es ist ein schimmerndes strahlendes Bild von bestrickendem Zauber. Alle sind von dem einen Wunsche beseelt, ihren Kaiser zu sehen und immer wieder zu sehen.

Da erzittert die Luft von Böllerschüssen; da erdröhnt tausendstimmiges Hurrah, in das die außenstehende Menge brausend einfällt. Der Kaiser und die Kaiserin sind auf dem Festplatze erschienen, und in ihrem glänzenden Gefolge befinden sich unter Anderem der Kronprinz, die Kronprinzessin, die Prinzen Wilhelm und Heinrich, der Prinz Friedrich Karl, der König von Sachsen, der Großherzog von Baden nebst Gemahlin, die Prinzen Karl und Albrecht von Preußen, die Großherzöge von Sachsen-Weimar, von Oldenburg und von Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Luitpold von Baiern und Wilhelm von Württemberg, der Herzog von Sachsen-Meiningen, ferner Deputationen des Königs der Niederlande und des Königs der Belgier, die Vertreter der freien Städte und das gesammte Staatsministerium. Alle diese schreiten unter sich stets erneuernden Ovationen quer über den Domhof und nehmen in dem mit rothen Sammet ausgeschlagenen Kaiserpavillon Aufstellung.

Es war ein ergreifender Augenblick, als der greise Kaiser unter dem plötzlichen Schweigen der Menge vor sein Gefolge an die Rampe des Kaiserpavillons trat und hoch aufgerichtet den ersten Blick zu der vom Gerüste befreiten Spitze des Südthurms und zu dem Adler emporsandte, welcher mit ausgebreiteten Schwingen, gleichsam schützend, zwischen den Thurmspitzen über dem vollendeten Werke schwebte. Ueber des Kaisers Antlitz war ein milder Ernst gebreitet, wie er dem Augenblick entsprach und dem Sinne, in welchem er diesen Augenblick aufgefaßt wissen wollte. Es war als ob der greise Herrscher hinübergesehen hätte in die Zeit, welche einst den Zwiespalt der Stunde nicht mehr kennen wird. Kein katholischer Geistlicher im Ornat befand sich auf dem Domplatze; kein Weihrauch, kein Kirchengesang, kein Meßgewand, kein kirchliches Gepränge wie weiland zu Friedrich Wilhelm des Vierten Zeit. Der ganze äußere Pomp der katholischen Kirche fehlte; kein Segen ward gespendet, aber es war als ob Gott selber ein sichtbares Gnadenzeichen habe herniedersenden wollen, als der Kaiser wie in stillem Gebete vor dem Riesendome stand; denn plötzlich nun brach die langersehnte Sonne siegreich durch das Gewölke und goß die erwärmenden Strahlen ihres Lichtes verklärend über die Feier. Die Domglocken erhöhen ihre hellen Stimmen zum Kyrie Eleison, und aus dem vollen sonoren Baß der Kaiserglocke erscholl ein mahnendes pax hominibus bonae voluntatis.

Es folgte die Unterzeichnung der Urkunde über die Vollendung des Dombaus und der Chor intonirte inzwischen die von Emil Rittershaus gedichtete und von Hiller componirte Festcantate:

„Und von den Lippen zum Himmel auf schwingt es
Hell sich empor
Im festlichen Chor!

Alsdann hielt der Kaiser eine kurze feierliche Ansprache und wies unter Anderem darauf hin, daß schon Friedrich Wilhelm der Dritte seit dem Jahre 1825 durch kräftiges Einschreiten den damals allein bestehenden Chor vor dem Untergange gerettet habe, daß dann vor achtunddreißig Jahren Friedrich Wilhelm der Vierte, den zündenden Gedanken der Vollendung der beiden Domthürme in das deutsche Volk geworfen, und daß dieser Gedanke ein nationales Gemeingut geworden sei. Dankend allen Gebern und Förderern des Dombaues im In- und Auslande schloß der Kaiser mit den Worten: „Nun begrüßen wir Alle dieses herrliche Denkmal, Frieden verheißend auf allen Gebieten, Gott zur Ehre, uns zum Segen.“

Nach der Rede des Oberpräsidenten der Rheinprovinz von Bardeleben und einer sehr sympathischen Ansprache des Präsidenten des Central-Dombauvereins, Oswald Schmitz-Löhnis in Köln, gab der Dombaumeister Voigtel auf Befehl des Kaisers das Zeichen, den Schlußstein, in welchen inzwischen die Urkunde eingefügt worden war, niederzusenken. Der Schlußstein befand sich nämlich oberhalb der Spitze des Südthurms auf einem kleinen bekränzten Gerüste, von wo er durch Flaschenzüge in der Schwebe gehalten wurde. Alle blickten erwartungsvoll hinauf.

Langsam sank der Schlußstein. –

Wie weissagte doch die alte Volkslegende? – Nicht eher würde der Dom vollendet, als bis das deutsche Reich in Einheit und Kraft wiedererstanden und der Geist des Kaisers Rothbart im Kyffhäuser zur ewigen Ruhe eingangen sei.

Da donnerten die Batterien. Kreischend verließ eine Schaar Dohlen die Thurmnischen. Oben auf den Domspitzen, rechts und links zu Seiten des Reichsadlers, wurde die Kaiser- und Königsstandarte aufgehißt, unten aber stand entblößten Hauptes die ritterliche Gestalt des greisen Heldenkaisers, und langsam und feierlich drang es auf zur Höhe, das Gebet der tiefergriffenen Menge: „Nun danket Alle Gott!“

Am zweiten Festtage war der Zudrang der Bevölkerung noch stärker als am Tage vorher. Es galt, durch einen historischen Festzug drei große Perioden aus der Bauzeit des Domes den Majestäten vorzuführen. Der erste Theil versinnbildlichte die Grundsteinlegung im Jahre 1248: Kölner Patricier, Reisige der Stadt, das kostbarste und älteste Kleinod des Domes, der Schrein der heiligen drei Könige, getragen von acht Goldschmiedegesellen, der Schöpfer des Bauplans und erste Dombaumeister, Gerhard von Riele, umgeben von seinen Werkmeistern, zogen auf. Der zweite Theil brachte die Einweihung des vollendeten Chors im Jahre 1322, den Prunk der Erzbischöfe und Cardinäle, den Uebermuth der Kölner Ritterschaft, den Reichthum der städtischen Geschlechter, unter Anderem in dem höchst gelungenen von dem Maler S. St. Lerde entworfenen Kriegsschiffe der Hansa zur Anschauung. Desgleichen den sehr schönen Wagen mit dem vollendeten Domchor, entworfen von den Architekten A. Lange, Rüdell und H. Wiethase.

Unter den Zünften erregten zwei stattliche Brauer den Beifall und die Heiterkeit der Zuschauer. Der dritte Theil zeigte die Vereinigung der Stadt Köln mit dem brandenburgisch-preußischen Staate und die Förderung des Dombaues seit 1842 durch Friedrich Wilhelm den Vierten und Ludwig den Ersten von Baiern, die Einigung Deutschlands und die Vollendung des Domes.

In der Nacht vom 15. auf den 16. October war dem Kaiserpavillon gegenüber in der Mitte des Platzes die Kolossalbüste Friedrich Wilhelm des Vierten in Goldbronze errichtet worden. Es war ein rührender Anblick, als bei dem Zuge aus der brandenburgischen Zeit eine Schaar Pagen mit den Wappenfahnen aller Reichslande vor den Majestäten sich verneigte, und dann Jeder einen Kranz an der Büste des Königs-Protectors niederlegte, während der dahinter aufgestellte Knabenchor nach der getragenen Melodie des integer vitae ein Danklied anstimmte. Der Wagen mit dem Domkrahne von Baumeister Deutz und der mit der Germania von Professor Mohr bildeten den Schluß, gefolgt von deutschen Truppen aller Waffen, darunter Sachsen, Baiern, Württemberger, alle mit bekränzten Helmen und Blumensträußen im Gewehrlauf. Endlich Artillerie und ein Trompetercorps, das die energische Marschhymne, „die Wacht am Rhein“, in das jubelnde Publicum hineinschmetterte.

Man war allgemein der Ansicht, daß der historische Festzug in Köln zu dem Besten gehört hat, was in dieser Hinsicht in der letzten Zeit geleistet worden ist. Auf Wunsch des Kaisers defilirten die Mitwirkenden ein zweites Mal vorbei, wobei die Majestäten den Pavillon verließen, um sich die Bedeutung der einzelnen Gruppen erklären zu lassen. Als zum Schlusse der Oberbürgermeister der Stadt Köln ein Hoch ausbrachte, erzitterten die Lüfte von donnernden Hurrahs und begeisterten Zurufen.

Nachmittags um vier Uhr gab die Stadt ein Festessen auf dem Gürzenich, an welchem der Kronprinz in Vertretung des Kaisers Theil nahm. Bei Einbruch der Dunkelheit trieb es mich noch einmal durch die alsbald taghell illuminirten Straßen und Gassen des ehrwürdigen Köln hin zum Dome. Zu drei Vierteln glühte der Koloß in rothen bengalischen Flammen, während auf die Thurmspitzen märchenhaft ein weißes elektrisches Licht fiel, das die edeln Formen bis in’s kleinste Detail erkennen ließ und sie für einen Augenblick in pentelischen Marmor zu verwandeln schien. Großer Gerhard von Riele, der du vor sieben Jahrhunderten diesen Riesenbau ahnungsvoll in deinem Geiste geschaut hast – wie das Parthenon seinen Schöpfer, so verherrlicht deinen Namen unvergänglich dieser steinerne Hymnus.

In die sinnliche Hülle der Kunstbauten gießt die Zeit wie in kostbare Gefäße die Ideen, welche die Welt bewegt haben; die heitere Harmonie der griechischen Kunst ruht vollendet in sich selber, als Verklärung der sinnlichen Welt, aber das kühne, unaufhaltsame gigantische Emporstreben der christlichen Gothik versinnbildlicht die leidensvolle Flucht aus dieser Welt des Stückwerks und des Conflictes hinaus in die Harmonie und Ruhe des Uebersinnlichen. „Vor der Kühnheit der Meisterwerke stürzt der Geist voll Erstaunen und Bewunderung zur Erde; dann hebt er sich wieder mit stolzem Fluge über das Vollbringen hinweg, das nur eine Idee eines verwandten Geistes war. Wer ist der hohe Fremdling, daß er in so mannigfaltigen Formen sich offenbaren, daß er diese redenden Denkmäler seiner Art hinterlassen kann?“ (Förster.)

Ob die Zukunft hohe Dome baut, oder in andern Formen ihr metaphysisches Bedürfniß verwirklicht – immer wird da, wo der Genius des Künstlers die Brücke schlägt zwischen Diesseits und Jenseits, die ahnungsreiche Menschheit begeistert auf die Kniee sinken und wie hier in Köln aus tiefstem Herzen anstimmen den Weihgesang „Nun danket alle Gott!“

Möge das Wort des königlichen Bauherrn Wahrheit werden: „Alles Arge, Unrechte, Unwahre und darum Undeutsche bleibe fern von den Pforten des Domes; nie ziehe wieder der Geist hier ein, der einst den Bau dieses Gotteshauses, ja – den Bau des Vaterlandes hemmte!“

Das walte Gott!
Cuno Stammel.




Schalkerei bei Alt und Jung. Schalkerei ist’s, die aus den beiden Illustrationen Seite 717 und Seite 725 dieser Nummer unseres Blattes spricht. „Zehn bis fünfzehn Tropfen auf Zucker“ soll das alte Kind einnehmen, das als grämlicher Kranker mit ausgerauchter Tabakspfeife vor dem Frühstückstische wehleidig genug thut, um wenigstens das Mitgefühl des Pintschers zu seinen Füßen zu erregen, während die kluge Frau ihr Lächeln über das komische Bild vor ihr nicht unterdrücken kann. B. Kirsten hat gut gesehen, solche weichliche Mannsleute giebt es leider nur allzuviel, und wenn Alle in gleicher Weise in ihrer Schwachheit sich öffentlich dargestellt sähen, wär’s ihnen vielleicht zu einer moralischen Cur gesund. – Eine andere Schalkerei spielt in der Schneiderwerkstätte ihre Rolle. Dort hat sie sich in die lustigen Augen der drei hübschen Schneidermamsells gesetzt, die es dem beinkleiderbedürftigen Jüngling unter des Meisters Papiermaß sichtlich angethan haben. Was der schelmische Mund der Einen den beiden Anderen wohl zuflüstert? Eugen Blaas war gewiß dabei, aber er verräth es nicht. Etwas sehr Neckisches muß es gewesen sein; das leuchtet aus den Blicken der beiden eifrig Lauschenden, und der eifersüchtige Geselle auf seinem Schneiderthron ist eben darüber, die Stirn in Falten zu legen. Auch der standhafte Jüngling hätte es gern gehört, aber man sieht’s ihm an, daß er nicht mehr davon weiß, wie wir.




„Herman von Schmid ist todt“ – diese Trauerkunde ereilt uns soeben, nach Schluß der gegenwärtigen Nummer (19. October). Durch enge Freundschaft mit dem unvergeßlichen Ernst Keil verbunden, war Herman von Schmid seit nunmehr zwanzig Jahren ein treuer und allverehrter Novellist der „Gartenlaube“. Sein Andenken wird uns theuer bleiben, und wir werden der schmerzlichen Pflicht, dem Heimgegangenen das wohlverdiente Denkmal zu setzen, baldigst nachkommen.
D. Red.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Die Silberarbeiten von Anton Eisenhoit aus Warburg, herausgegeben von Julius Lessing mit vierzehn Tafeln in Lichtdruck von Albert Frisch (Berlin, Verlag von Paul Bette). Wir entnehmen diesem überaus beachtenswerthen Werke die unserem heutigen Artikel beigegebene Illustration.
    D. Red.