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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1880
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1880) 041.jpg
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[41]

No. 3.   1880.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Ledige Kinder.
Erzählung aus dem oberbairischen Gebirg.
Von Herman v. Schmid.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten; Ueber-
setzung vorbehalten.


2. Hinum.

Trotz der sonstigen Beständigkeit des Herbstwetters hatte der Abend die Verheißungen des Morgens nicht erfüllt. Bald nach der Abfahrt des Königs waren Wolken über den Bergen aufgestiegen, und die Landleute wußten wohl, was es zu bedeuten hat, wenn der Wachterkopf seinen Hut aufsetzt. Die auf dem Kogelhofe versammelte Menge verlief sich so rasch, wie an einem Abhange verschüttetes Wasser; Alle eilten, um ihre Heimath zu erreichen oder doch den größten Theil ihres Weges dahin zurückzulegen, ehe das Ungewitter losbräche, das sich in gelblich grauen Massen immer dichter ballte und immer näher heranschob, bis auch der Kogel in einem Wolkenschleier verschwand, als wäre er nie hinter dem Bauernhofe gestanden. Auch das Fuhrwerk des Herrn von Steinerling sauste die Bergstraße hinunter, wie sehr dieselbe auch Aehnlichkeit mit dem verlassenen Rinnsal eines Bergbaches hatte und wie wenig die mageren Pferde auch an der raschen Bewegung Gefallen zu finden schienen.

Bald war es um den Hof wieder so einsam und still, wie in seinen gewöhnlichen ruhigen Tagen; nur hier und da war noch eine einzelne Person beschäftigt, die Spuren der stattgehabten Festlichkeit zu beseitigen oder vor dem drohenden Sturme zu bergen. Der Kogelhofer stand unter der Thür und sah mit der bedenklichen Miene, mit welcher der Landmann solche Erscheinungen zu betrachten pflegt, in das rasch ziehende Gewölk hinauf und schüttelte das kahle Haupt.

„Das giebt am Ende gar noch ein verlegenes Gewitter,“ sagte er, „das sich vom Sommer her verspätet hat. Wenn's nichts thut als blitzen und donnern, dann mag's angehen, aber wenn's etwa gar schauern wollt', das können wir nicht brauchen. Unten auf den Bergleiten und im Thal steht noch viel 'Treid' auf den Halmen. ... Mach', daß Du hineinkommst!“ rief er dann Nannei zu, die mit einer Magd eifrig daran war, die Rinder von der Weide in den Stall zu treiben. „Es kann jeden Augenblick losgehn; wie der Wind anhebt, ist das Wetter da. Sollte man doch nicht glauben, daß ein so schöner Tag im Handumkehren so umschlagen könnt'!“

„Ja, ja,“ entgegnete Nannei, die noch nicht Zeit gehabt hatte, ihren Sonntagsstaat abzulegen, „es geschieht wohl diemalen, daß ganz andere Sachen als das Wetter im Handumkehren umschlagen – es geht mit Glück und Unglück auch nicht anders.“

Die Nutzanwendung, die das Mädchen aus dem Wetter zu ziehen wußte, belustigte den Bauer.

„Was Du gescheidt bist!“ sagte er lachend, „könntest alle Stund' einen Pfarrer abgeben und mußt wenigstens einen Schulmeister heirathen. Aber wie schaust Du denn aus?“ fuhr er fort, als sie näher kam. „Du bist ja todtenblaß! Wirst Dich doch nicht vor dem Wetter fürchten? Oder ist Dir sonst nicht gut?“

„Kann schon sein,“ entgegnete das Mädchen, indem sie unter der Stallthür verschwand, „es trifft sich leicht, daß man ruttengesund ist und im Handumdrehen wird einem schlecht, daß man sich hinlegen und sterben könnt'.“

„Recht hast allemal,“ rief der Bauer, der gleichfalls rasch ernst geworden war, indem er sich über Stirn und Kopf fuhr, „es geht mir im Augenblick auch nicht anders. Ist mir wieder wie vorhin, als wenn mir schwindlig werden wollt'; es ist just, als wenn ich mir heut ein Bischen zuviel zugetraut hätte.“

Im Begriffe, in das Haus zu treten, wurde er des Lenz gewahr, der an der Scheune stand, um sie zu schließen.

„Laß nur Alles stehen wie's steht!“ rief er ihm zu, „morgen ist auch noch ein Tag zum Aufräumen.“

Er hatte das Wort noch nicht völlig ausgesprochen, als die längst erwartete Windsbraut herangesaust kam. Den kräftigen Händen des Burschen entfuhren die Thorflügel und schlugen schmetternd und krachend in einander, daß das Haus in seinen Grundvesten erbebte. Lenz hatte vollauf Zeit gehabt, das Thor ordentlich und gemächlich zu verschließen, allein er hatte einen Augenblick innegehalten, als Nannei mit den Thieren herangekommen war. Auch ihm entging das verstörte Aussehen und die Todtenfarbe des Mädchens nicht, aber es war nicht Mitleid und nicht Bedauern, was sich dabei in ihm regte, er empfand vielmehr eine Art schadenfroher Genugthuung, daß er ihr ihre Widerspänstigkeit so empfindlich heimgegeben hatte. Mochte sie zürnen und sich kränken: in einigen Tagen, meinte er, werde das schon wieder einschlafen, und wenn er ihr vollends ein gutes Wort gebe, werde sich wohl das frühere fröhliche freundliche Zusammenleben wieder einstellen, das unter den langjährigen Hausgenossen zur angenehmen Gewohnheit geworden war.

Wohl der einzige Fremde, der den Hof noch nicht verlassen hatte, war der rußige Pechler Kaspar, der sich in jedem Winkel des Hofes und seiner Umgebung herumdrückte, um Nannei aufzusuchen,

[42] die ihm nach dem letzten Gespräch entkommen war und die er nicht mehr anzutreffen wußte. Auch ihn hatte das Begebniß stark angegriffen; er war durch den Ruß hindurch blaß geworden, die frühere lustige und listige Schnellkraft seines Wesens schien ihn verlassen zu haben. So schmerzlich er die Kränkung empfunden, die seinem Liebling zugefügt worden, war es doch hauptsächlich der Zorn, was ihn dazu brachte, manchmal unverständliche Worte vor sich hinzumurmeln und dabei mit den Händen in der Luft zu fuchteln, als habe er Jemand vor sich, den er es fühlen lassen möchte, daß mit den Jahren die Kraft nicht vollständig aus seinen Armen gewichen war. Er war grimmig über sich, weil sein so schön eingefädelter Plan vereitelt worden war; er war es gegen Lenz, der ihm das angethan, gegen den Vorsteher und dessen Weib und gegen die Nachbarn alle, die so einstimmig gegen das arme Mädchen aufgetreten, die das arme Ding geschmäht hatten und doch so viel Ursache hätten, an die Bibelstelle vom Aufheben des ersten Steines zu denken, oder, nach der Sprachweise des Volkes, „sich selbst bei der Nase zu nehmen“. Die Gedanken schnurrten ihm durch den Kopf wie das Rad einer ablaufenden Uhr. Jeder Augenblick brachte neue Pläne, wie er sich und Nannei dafür an ihnen rächen, wie er ihre gekränkte Ehre wieder herstellen solle und Lenz, vor Allem aber das hochmüthige Bauernvolk zu demüthigen vermöchte – jeder neue Einfall verdrängte den alten, um nach kurzem Bedenken ebenso unausführbar zu erscheinen, wie sein Vorgänger.

Endlich war er so glücklich, die Gesuchte in der Küche anzutreffen, wo sie eben beschäftigt war, ein paar Hühner zu brühen und zu rupfen, die zum Abendessen für die Gäste bestimmt waren; so zuwider dem reichen Bauern an und für sich der Besuch war, er wollte sich doch nicht filzig zeigen und hatte daher die Schlachtung der besten Stücke befohlen. Nannei stand vor dem Herde, auf welchem bereits der Bratspieß und das Bratgestelle zurecht gerückt waren. Der Schein des offen lodernden Feuers fiel auf ihr Gesicht und spielte darauf, daß es nicht zu unterscheiden war, ob der röthliche Schimmer von dessen natürlicher Farbe herrührte, ob das Zucken in ihren Mienen ein Zeichen innerer Erregung oder die Folge der Beleuchtung war.

„Ich such' Dich überall wie eine Stecknadel,“ begann der Alte das Gespräch, nachdem er eine Zeitlang auf eine Anrede Nannei's gewartet und sich auf dem Küchenbänkchen neben dem Wassereimer niedergelassen hatte, auf welchem die Schüssel mit den gebrühten Hühnern stand. „Wo steckst Du denn eigentlich? Wie ist Dir jetzt und was hast im Sinn?“

„Wo werd' ich sein?“ sagte sie, indem sie den Blick abwandte und auf das Feuer heftete, als ob darin etwas ganz Besonderes zu sehen gewesen wäre. „Es giebt doch über und über aufzuräumen im Hof. Ich hab' zuerst die Kühe hereingetrieben und ihnen Futter vorgesteckt; jetzt hab' ich alle Hände voll mit der Kocherei zu thun. – Und wie wird mir denn sein?“ fuhr sie nach einer kleinen Pause wie geringschätzig fort. „Wie halt alleweil! Ich wüßt' nicht, warum mir anders sein sollt' als sonst.“

„Mach' mir nichts weiß!“ sagte der Alte. „Du thust ja, als ob gar nichts vorgefallen wär'.“

„Es ist ja auch nichts Besonderes geschehen,“ sagte sie höhnisch – „nichts Anderes, als daß der Lenz und die Bauern sich mit mir einen groben Spaß gemacht haben. Das muß sich eine so keinnütze Person, wie ich, schon gefallen lassen.“

Der Alte machte wieder seine gewohnte Bewegung, indem er mit den Händen auf den Knieen trommelte; der Unmuth schien in ihm aufzusteigen, aber in demselben Augenblicke fiel der in ihm aufgequollene Zorn wie das Wasser in einem Zugbrunnen wieder zurück: Nannei's Kraft und Verstellungsvermögen hatte nur bis zu dieser Secunde gereicht, in der nächsten erlag sie dem Gewichte des Schmerzes, und ihr zurückgehaltenes Leid machte sich in einem plötzlichen schmerzhaften Aufschluchzen Luft. Wie emporgeschnellt stand der Alte aufrecht da und hülfsbereit neben ihr, aber das starke Mädchen hatte nicht mehr als die Erleichterung eines solchen Ausbruches bedurft, um die alte Fassung wieder zu gewinnen. Mit einer entschieden zurückweisenden Geberde trat sie von ihm hinweg und griff nach irgend einem Geschirr, das sie nicht bedurfte, blos um ihm auszuweichen.

„Das Gescheidteste ist wohl, wir reden nicht mehr von der dummen Geschichte,“ sagte sie, „das Allergescheidteste aber wäre freilich gewesen, wenn Du mich nicht so hättest aufwachsen lassen, wie ein Henn'l, das aus dem Ei kriecht und nicht weiß, wo's hergekommen ist! Wenn Du mir von Anfang an gesagt hättest, wer ich bin, dann hätt' ich es nicht anders gewußt und hätte heut' nicht Schand' und Spott aushalten müssen. – Es wird aber wohl auch noch zu verwinden sein,“ setzte sie hinzu, „darum laß die Fragerei nur gut sein, Pechler Kaspar!“

Dem Pechler war schon wieder ein warmes Wort der Erwiderung und Beruhigung auf der Zunge gesessen, aber nun vermochte er nicht, dasselbe auszusprechen. Daß Nannei ihm Vorwürfe machte – Vorwürfe wegen all der Liebe, die er ihr erwiesen, mit der er alles Unangenehme von ihr fern zu halten gesucht hatte – das traf den Alten wie ein Messerstich mitten in's Herz und machte ihm Puls und Athem stocken. Daß sie ihn obendrein nicht, wie sie von Kindesbeinen auf gethan, Vater geheißen, daß sie ihm den Namen gegeben hatte, mit dem ihn jeder, auch der fremdeste Mensch bezeichnete, das war mehr, als der Greis mit dem Kindergemüthe zu ertragen vermochte. Gleichwohl barg er in demselben so viel Mannesstolz und Kraft, daß auch er die Bewegung niederhielt, wenn gleich sie ihm beinahe die Kniee brechen machte.

„No, das ist ja recht schön,“ sagte er, ohne ein leichtes Schwanken der Stimme völlig unterdrücken zu können, „das ist ja recht gescheidt von Dir, daß Du so resolut bist. Wenn Du die Sache so leicht nimmst, nachher ist Alles gut, nachher wird mir auch kein graues Haar deswegen wachsen, wenn überhaupt,“ setzte er bitter lachend hinzu, „auf dem alten Schädel noch ein Haar wachsen könnt'. Nachher verzeih' mir halt, daß ich meine Sach' so dumm angestellt hab'! Nachher geh' ich halt meiner Weg' – das Henn'l ist ausgekrochen und braucht den Pechler Kaspar nicht mehr.“

Er wankte der Thür zu. Auf der Schwelle hielt er an; er vermochte nicht, sie zu überschreiten, ohne noch einen Blick auf den Herd und Nannei zurückzuwerfen.

Auch dem Mädchen zuckte es durch Herz und Sinn, ihn nicht so gehen zu lassen und ihm ein gutes herzliches Wort auf den Weg mitzugeben, aber sie wandte sich trotzig wieder ab, und der Alte verschwand im Dunkel des Hausgangs.

Ueber dem Hause war das Gewitter losgebrochen. Ein blendender Blitz zuckte durch die früh hereingebrochene Dämmerung, und ein furchtbarer Donnerschlag schien die Grundvesten der Erde und die Felsen in ihrer Festigkeit prüfen zu wollen. Mit demselben waren die Schleußen des Gewölkes geöffnet, und ein dichter Platzregen brauste hernieder.

Der Weg bis an den Rand des Waldes und durch denselben bis an die Pechlerhütte war nicht weit. Das war die Veranlassung gewesen, warum Nannei schon in jungen Jahren auf den Kogelhof zuerst als Helferin, dann als Dirne gekommen war; und es war doppelt günstig – hatte der Alte so doch die Möglichkeit gehabt, an Feierabenden oder, wenn es die Woche hindurch wegen vieler Arbeit nicht möglich gewesen war, wenigstens am Sonntage hinüberzukommen, um Nannei zu besuchen und sich an ihrem Gedeihen, ihrem Wohlergehen und ihrer Bravheit zu erfreuen.

Ungeachtet des kurzen Weges war der Alte bis zum Walde schon so durchnäßt, daß ihm das Wasser vom ganzen Leibe troff, aber er fühlte und achtete es nicht. Der Auftritt mit Nannei, die letzten harten Worte derselben waren hinter ihm her wie hetzende Hunde. Zugleich war ihm, was er über den Ereignissen völlig vergessen hatte, plötzlich wieder eingefallen, daß er vor seinem Fortgehen den Schweelofen augezündet, aber in der Hoffnung baldiger Rückkehr unterlassen hatte, das nöthige Holz und Harz nachzulegen.

Bald war die schluchtartige Enge erreicht, aus welcher ihm schon von ferne die Luftlöcher des Ofens wie ein Paar glühende Augen entgegenstrahlten; dichter Qualm, der Rauch und Gestank des Ofens, lag über der Erde wie eine schwere Wolke, welcher der Wind verwehrte, zwischen den riesigen Fichtenstämmen der Umgebung und den Felswänden, die das Thälchen umschlossen, in die Höhe zu steigen.

Hastig stürzte er auf den Ofen zu; es war glücklicher Weise noch nichts versäumt. Das Holz brannte ruhig fort, und aus dem Ausflußrohre quoll das Pech in hellen Tropfen langsam und lautlos in die vorgestellten Fässer, in denen es erkaltete. [43] Befriedigt öffnete er das Füllungsthürchen und ließ durch dasselbe eine Menge Fichtenharz gleiten, wie er es mit seinen Werkzeugen, dem Schaber und Scharrer, das Frühjahr und den Sommer hindurch von den Stämmen und Rinden in Vorrath gesammelt hatte.

„So,“ brummte er in sich hinein und griff nach der Brust, wo es so ungewohnt lastete und drückte, wie noch nie, „jetzt brennt es wohl fort bis in die Früh'; jetzt löscht der Brand nicht mehr aus – gerade so wenig wie der Brand auslöscht, der in mir da drinn' angezündet ist.“

Er trat in die Hütte und setzte sich unweit einer Wandöffnung nieder, durch welche er auf den Ofen sah und dessen Wärme einströmen lassen konnte, um sich daran zu trocknen und zugleich die kleine Stube zu erhellen.

Es war ein höchst einfacher Sitz, roh aus Tannenholz zusammengenagelt und nichts weniger als bequem; dennoch sank er bald wie auf dem weichsten Ruhebette in tiefes Nachdenken, aus welchem ihn auch die Stimmen der Hausgenossen nicht erweckten, die den Hausherrn nach ihrer Weise begrüßten.

Der alte Pechler hatte es verstanden, die Einsamkeit seines Wohnsitzes zu beleben, und weil Menschengäste für ihn eine Seltenheit waren, hatte er den Wald und seine Bevölkerung zu sich geladen. Die Einrichtung des Gemaches war die denkbar schlichteste; über dem Boden waren leichte Bretterlagen befestigt; eine armselige Bettstelle mit Stroh und einer Decke darüber, ein unscheinbarer Tisch und ein paar schlechte Geschirre über dem dürftigen Herde bildeten das ganze Inventar.

Dafür waren die Wände mit allem Schmucke ausgestattet, den der Wald zu bieten vermag. An denselben waren allerlei wunderlich gestaltete Wurzeln aufgehangen, die wie Schlangen oder Ungeheuer an der Decke hinaufzukriechen schienen; große, zierlich geformte Baumschwämme waren angebracht, um allerlei Spielwerk zu tragen, das die Einsamkeit erdichtet und geschnitzt hatte. Kleine Sennhütten aus dicker Eichenrinde, aus Tannenzapfen geposselte Männlein mit mächtigen Moosbärten, allerlei ausgeblasene und an Schnüren gereihte Vogeleier, Stöcke mit wunderlichen Griffen zeugten von der geschickten Hand wie von der lebhaften Einbildungskraft und dem klugen Sinn des einsamen Waldbewohners.

Aber auch an lebenden Genossen fehlte es nicht in der Stube. In der Nähe des Ofens lag ein Igel zusammengeballt, an dessen Stacheln noch einige aufgespießte Holzäpfel verriethen, daß das Thier erst von einer Futterstreife heimgekommen war. Ueber demselben hüpfte ein rothes Eichhörnchen auf einem Stängelchen hin und wieder; ein zahmer Kolkrabe mit gestutzten Flügeln kam herbei und setzte sich krächzend auf die Kniee des Pechlers, die gewohnten Liebkosungen erwartend. Aus einem Käfige krähte ein Nußhäher, mit den weißblauen Fittigen schlagend; aus einem anderen schmetterte ein Fink, und über dem Thürgesimse saß ein mächtiger Auf (Eule), der ebenfalls die Flügel regte und den dicken Kopf mit den runden Glotzaugen wie ungeduldig drehte, weil er nicht loszukommen vermochte.

„Gebt Ruh', Cameraden!“ sagte der Alte. „Ich hör' Euch schon, aber ich habe jetzt keine Zeit, mich mit Euch abzugeben; mir gehen ganz andere Dinge im Kopf' herum.“

Er setzte den unwillig krächzenden Raben auf das Fensterbrett neben sich, warf seine Jacke über den ruhelosen Finken und drohte der Eule mit einem kleinen Stocke, und die Thiere schienen den Willen ihres Herrn zu verstehen und fügten sich in sein Gebot; sie wurden allmählich still, und bald regte sich nichts mehr in dem nächtlichen, nur von dem äußeren Feuerscheine kümmerlich erhellten Gemach, als der schwer beklommene Athemzug des Greises und der Schlag der alten Hänge-Uhr, die bedächtig diese Athemzüge zu zählen schien.

So waren einige Stunden vergangen; längst war das Gewitter verhallt; der Regen hatte aufgehört, und durch die Fichten ging nur noch das Rauschen erfrischender und beruhigender Kühlung, wie sie auf solchen Aufruhr in der Natur zu folgen pflegt. Auch über den Alten war die Ruhe gekommen; unmerklich hatte ihn der Schlummer umfangen und ihm das greise Haupt auf die Brust herabgesenkt.

Erschrocken fuhr er nach einer Weile empor, denn der Rabe am Fenster begann zu flattern, als wenn er ihn wecken und etwas melden wollte; auch war ihm gerade, als hätte sich an der Thür der Hütte ein leises Klopfen vernehmen lassen. Er hatte sich auch nicht getäuscht; das Pochen wiederholte sich, und auf sein verwundertes „Herein!“ öffnete sich die Thür. Eine Mädchengestalt erschien auf der Schwelle, die er trotz des schwach einfallenden Feuerscheines zu erkennen glaubte – gleichwohl eilte er derselben nicht entgegen, sondern trat einen Schritt zurück, als habe er Scheu vor ihr, wie vor einer gespenstigen Erscheinung.

„Du bist es, Nannei?!“ rief er dann unsicher. „Bist es denn wirklich oder ist es Dein Geist?“

„Ich bin's schon,“ erwiderte sie, indeß über ihr bleiches Angesicht etwas wie ein demüthiges Lächeln glitt, das den Zorn des Alten entwaffnet hätte, wäre dies nicht schon durch den ersten Laut der bekannten, jetzt so schüchtern gedämpften Stimme bewirkt gewesen.

„Ich bin's schon,“ wiederholte sie, „wirst Dich wundern, warum ich so daher komm', wie der Dieb in der Nacht – ich will mir nur was holen und will Dich auch bitten, Du sollst's mir nicht nachtragen, daß ich so ungut gewesen bin mit Dir. Du sollst nicht harb sein auf mich und sollst mir erlauben, daß ich wieder Vater zu Dir sagen darf.“

Sie machte eine Bewegung, als ob sie vor dem Alten sich niederbeugen wollte, und haschte nach der Hand desselben, um ihre Lippen darauf zu drücken, aber ehe sie den Vorsatz ausführen konnte, lag sie schon an seiner Brust, mit dem Kopfe auf der Schulter und ließ ihre Thränen reichlich auf den groben Zwillich niederströmen.

Der Alte lachte und weinte durch einander.

„Ist schon gut, Nannei, ist schon gut,“ stotterte er, „ist alles vergeben und vergessen. Ich hab's alleweil' denkt, daß Dir's nicht Ernst sein kann mit Deinem Reden – sag' Du nur wieder Vater zu mir wie von eh! Ich bin's gewesen, seit Du auf der Welt bist, und will's bleiben, so lang' ich noch einen Schnaufer thun kann. Aber setz' Dich nieder,“ fuhr er fort, „setz' Dich auf das Bett her und raste aus und erzähl' mir nachher, wie's weiter gegangen ist auf dem Kogelhof und wie Du jetzt so auf einmal daher kommst bei der nachtschlafenden Zeit!“

„Das siehst ja, Vater,“ sagte sie, indem sie seiner Anweisung folgte und ein starkes Bündel, das sie in der Hand trug, neben sich auf das Bett niederlegte. „Du siehst ja, daß ich auf der Wanderschaft bin.“

Der Pechler klopfte wieder mit den Händen auf die Kniee.

„Was?“ sagte er. „Du willst davon bei Nacht und Nebel?“

„Ja,“ entgegnete sie, „das kannst Dir wohl denken, Vater, daß nach dem, was sie mir heut' angethan haben, auf dem Kogelhofe meines Bleibens nicht mehr ist. Da hab' ich meine sieben Zwetschgen zusammengepackt, hab' meine Arbeit vollends fertig gemacht und bin wie ein Mäusel zum Hausthor hinausgeschlichen. Ich geh' in eine andere Gegend, wo mich Niemand kennt und Niemand d'rum anschaut, daß –“

Sie stockte; das harte Wort wollte nicht über ihre Lippen.

„Morgen in aller Früh muß ich schon weit weg sein, daß sie mich nicht finden, wenn sie mich etwa suchen thäten, weil ich unter der Zeit aus dem Dienst gelaufen bin. Aber ich habe nicht so fort gekonnt; ich hab' Dir zuerst 'B'hüt Gott!' sagen müssen, Vater, und nachher –“ setzte sie etwas zögernd hinzu, „nachher hab' ich halt noch zwei schwere Sachen auf dem Herzen.“

„Was sind denn das für schwere Sachen?“ fragte der Alte. „Gewiß noch ein Gruß an den übermüthigen Buben, den Lenz?“

„Vater,“ sagte sie, und sah ihn ernst an, „so 'was wirst doch nicht glauben von Deiner Nannei? Ich wünsch' dem Lenz alles Glück auf der Welt, aber für mich ist er so gut, wie wenn er gestorben und begraben wär'. Die eine schwere Sach' ist schon abgemacht, weil wir wieder gut sind mit einander und Du wieder mein Vater sein willst – die zweite schwere Sach' aber ist die, daß ich gar nichts weiß von den Leuten, denen ich eigentlich angehört hab'. Ich seh' wohl ein, warum Du mir bis auf den heutigen Tag nichts davon gesagt hast, aber jetzt ist es nicht mehr nothwendig, daß Du mich verschonen willst – das Aergste weiß ich ja doch schon, und ehe ich mein Glück unter fremden Leuten probir', möcht' ich, daß Du mir erzählst, was Du weißt – Du mußt ja alles wissen; sonst hättest Du Dich wohl nicht um mich angenommen und mich aufgezogen wie Dein eigenes Kind.“

Der Alte hatte sich wieder auf seinem Stuhl am Guckloch [44] niedergelassen und sah einen Augenblick nachdenklich in die Gluth der Schüröffnung hinaus.

„Ich will zuvor ein wenig hinausgehen und nach dem Ofen sehen,“ sagte er, „dann wird's wohl das Beste sein, ich erzähl' Dir, was ich weiß – wenn's auch nicht viel ist und Du darnach so gescheidt bist, wie zuvor.“

Er ging hinaus, und Nannei sah, wie er das Schürloch öffnete, darin lange herum stocherte und die brennenden Scheiter durch einander warf, daß die Funken stoben. Es war, als ob er auch von den Kohlen seiner Erinnerung die Asche abstoßen und sie zu neuem Glühen bringen wollte.

„Bevor ich Dir von Dir selber etwas sag',“ begann er, als er wieder ihr gegenüber saß, „muß ich schon auch ein bissel von mir erzählen. Nannei, ich bin meiner Lebtag' ein armer Teufel gewesen; ich bin auch einer geblieben und werd's bleiben, bis ich in die Gruben hineinfall', aber wenn ich auch nie Gesottenes und Gebratenes besonders viel gehabt habe, Hunger hab' ich doch nie gelitten und hab' alleweil unsern Herrgott einen guten Mann sein lassen. In dem Dörf'l, wo ich daheim war, bin ich oft zu einem Nachbarn, einem Schuster, in den Heimgarten gegangen und habe ihm zugeschaut, wie er die schweren Bauernstiefeln gehämmert, gedoppelt und vernagelt hat; ich hab' Gefallen an dem Handwerk gefunden, hab' es gelernt, bin dann ein paar Jahre als Handwerksbursche mit dem Felleisen auf dem Rücken herumgewandert und – ein ordentlicher Schuhknecht geworden. Unten im Dorf, wo ich auch hinkommen bin, ist damals kein Schuster gewesen; ich hab' meine Alte da kennen gelernt; die Gemeinde hat mich aufg'nommen und heirathen lassen, und so ist der Himmel voll Baßgeigen gehängt. Leider hat sie halt nicht lange gedauert, die Glückseligkeit, und der hinkende Bot' ist nicht ausgeblieben. Einmal ist's Nachts Feuer ausgekommen im Dorf' – ich war nicht der Letzte beim Löschen und Heraustragen. Da ist ein brennender Balken heruntergestürzt und hat mich an der rechten Hand getroffen, daß ich Monate lang wie ein Siech herumgegangen bin, und wie ich zuletzt curirt war, sind mir die zwei Finger steif geblieben – da ist's vorbei gewesen mit der Schusterei, und der Bettelmann war so gut wie fertig.“

Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust der Zuhörerin; auch der Erzähler mußte einen Augenblick inne halten.

Mit sichtbarer Bewegung berichtete er dann weiter, wie die Noth nun tausend Mann stark bei ihm eingezogen sei, wie das Weib sich als Tagwerkerin bei den Bauern der Umgegend verdingen mußte und ihm selbst nichts übrig blieb, als in den Forst zu gehen, Aeste zu sammeln, Besen zu binden und allenfalls beim Aufklaftern von Holz behülflich zu sein. Das Liebste wäre ihm schon damals gewesen, wenn man ihm gestattet hätte, das Harz von den Fichten und Föhren abzukratzen, Pech daraus zu sieden und Schmiere zu kochen; allein der Förster besorgte, er könnte die Bäume beschädigen und sonstigen Unfug treiben, und weil dieser ein ungünstiges Gutachten abgab, verweigerte der Landrichter standhaft die Bewilligung. So war es immer tiefer und rascher abwärts gegangen; es kam dazu, daß man ihm das Häuschen und die wenigen Geräthschaften und Werkzeuge verkaufte und ihn schließlich mit seinem Weibe in das Gemeinde- oder Hüthaus aufnahm, weil man ihm doch einmal die Heirathbewilligung gegeben hatte, ihn also nicht fortweisen konnte, und weil er sich doch seine Krüppelhaftigkeit durch die Hülfeleistung beim Brand in der Gemeinde zugezogen hatte.

„Das war nun freilich eine Zeit,“ fuhr er fort, „in welcher der Schmalhans bei uns Küchenmeister und Kellner gewesen ist, und oft hab' ich mit aufgehobenen Händen Gott gedankt, daß wir allein geblieben sind und nicht auch ein Häuflein hungriger Kinder um uns herum haben sitzen sehen. Da einmal,“ sagte er tief aufathmend, „einmal am Abend – es war schon völlig Nacht geworden – am Schutz-Engelfest jährt's sich wieder – da sind's just achtzehn Jahre – da haben wir uns gerad' niederlegen wollen, als wir vor dem Hause ein Weinen und ein Jammern und eine menschliche Stimme gehört haben, und wie mein Weib hinausgeht, um nachzusehen, findet sie eine fremde Frau draußen auf dem Boden liegend; die war ganz todtmüde und ohnmächtig gewesen, hat ganz verwirrt daher geredet, noch dazu in einer Sprach', die wir nicht verstanden haben und in der nur manchmal ein einzelnes deutsches Wort vor'kommen ist.

Du weißt, das Hüthaus liegt ziemlich weit vom Dorfe; die Frau hat immer um 'Wasser! Wasser!' gebeten; wir haben ihr also eins gegeben und haben sie dann in's Haus hineingetragen und auf das Bett gelegt, ich aber bin in's Dorf hineingelaufen zum Vorsteher und zum Herrn Pfarrer; denn ich habe gemeint, die Frau wird's nimmer lang machen. Die Zwei sind auch gleich mit mir hinausgelaufen, der Vorsteher schon in der größten Angst, es könnt' eine neue Last auf die Gemeinde kommen. Aber wie wir draußen waren, ist die Frau schon fast in den letzten Zügen gelegen; sie hat nicht mehr reden können, und nur wie sie den Pfarrer in seinem geistlichen Gewande gesehen hat, da hat sie den Mund verzogen, als wenn sie noch lächeln wollt', und hat mit den letzten Kräften die Hand zum Gesicht hinaufgeschoben und das Kreuz gemacht – dann hat sie den letzten Schnaufer gethan, mein Weib aber hat ein kleines Kind auf dem Arm gehabt; das hat sie in ihren Schurz eingewickelt, ein Mäderl mit einem lieben herzigen Gesichtl, aber so schwach, daß es jeden Augenblick zum Auslöschen war. Der Pfarrer hat gemeint, das Kind würde den Morgen nicht erleben, hat ihm die Nothtaufe gegeben, und wir haben ihm den Namen Nannei gegeben, nach meiner guten Alten, die auch so geheißen hat und die in der Geschwindigkeit Gevatter gestanden ist. Das Kind'l, Nannei,“ schloß der Alte, „das wirst Du schon errathen haben, bist Du gewesen, und die todte fremde Frau war Deine Mutter. Am andern Tage ist sie im Freithof eingegraben worden, und weil nichts zum Zahlen da war, gleich im Eck' neben dem Beinhaus – Du kennst den Fleck ja wohl; Du hast mich öfter gefragt, warum ich immer davor stehen bleiben thät'? Ich hab' Dir gesagt, daß mir der wilde weiße Rosenbusch, der dort steht, so gut gefallen thät' – in der Wahrheit aber hab' ich, so oft ich vorbei gegangen bin, an Deine arme Mutter denkt und ein 'Vater Unser' für sie gebet't.“

Die Erinnerung hatte den Alten so ergriffen, daß er inne halten mußte; auch Nannei war auf das Lager gesunken, drückte das Gesicht auf Hand und Arm nieder und weinte bitterlich.

„Am andern Tage,“ begann Kaspar wieder, „ist das ganze Dorf zusammengelaufen und hat Zeter und Mordio geschrieen, daß die Gemeind' ein fremdes Kind auf dem Halse haben müßte; das Kind solle fort; der Landrichter müsse sorgen, daß es anderswo untergebracht werde. Aber der Landrichter hat gesagt, das ginge nicht an; das Kind sei einmal da geboren, und wo es geboren sei, da habe es auch seine vorsorgliche Heimath so lange, bis die wirkliche ausfindig gemacht werde, und so lange müsse die Gemeinde für dasselbe sorgen. Da war nun Feuer im Dach, und der Vorstand wollte das Kind irgendwo in Kost geben, bei armen Leuten, die selbst nichts hatten als die Noth und die einen 'Bettel' dafür empfangen sollten. Aber wie sie nun kamen und den armen Narren holen wollten, da haben wir uns nicht mehr trennen können von dem Kind. Es war so auffallend schnell gerathen und gewachsen; wir hatten es lieb gewonnen und erklärten der Gemeinde, wir wollten es behalten und nichts dafür verlangen, wenn man mir die Erlaubniß zum Harzsammeln und Pecheln geben wollte. Das hat geholfen; das war Allen recht; der Vorstand sagte über Hals und Kopf ja; der Pfarrer war nicht dawider; drum willigte auch der Förster ein, und nun hatte der Landrichter nichts mehr dagegen einzuwenden – Gott tröste sie alle Vier!“ fügte er hinzu, „es thut ihnen allen schon lange kein Zahn mehr weh. Seitdem habe ich mir nun diese Hütte gebaut; da haben wir schlecht und recht fortgehaust, bis mir mein Weib desertirt ist in die Ewigkeit und bis Du herangewachsen bist und mich auch allein gelassen hast.“ –

Nannei war eine Weile zu sehr ergriffen um den Erzähler mit Fragen zu bestürmen; als sie etwas ruhiger geworden war, verlangte sie zu wissen, ob denn keine Nachforschungen stattgefunden und ob gar nichts über die Herkunft der Frau ermittelt worden sei.

„Nichts, nichts!“ erwiderte der Pechler. „Der Landrichter hat sich's angelegen sein lassen und hat in der halben Welt herum geschrieben, aber nirgends ist etwas zu erfahren gewesen. Die Frau hat gar kein Zeichen an sich gehabt, kein Ring'l, kein Amulett, kurz, gar nichts. Mein Weib hat ein einziges Tuch von ihr aufgehoben, das sie um den Hals gehabt hat – das hab' ich in meiner Truhen liegen und will Dir's zeigen. Morgen, wenn's Tag geworden ist, oder wenn Dir einmal darum ist, daß Du es sehen willst.

[45] 
Die Gartenlaube (1880) b 045.jpg

Ein Opfer des Winters.
Originalzeichnung von G. Arnould.

[46] Nannei machte eine abweisende Geberde; sie lehnte sich tiefer auf das Lager zurück, und nur das Schüttern und Zucken ihrer Schultern zeigte, daß sie noch immer dem Geschick der Mutter und ihrem eigenen ein Thränenopfer brachte. Allmählich wurde die Bewegung ruhiger; das viele Weinen und die Aufregungen des Tages hatten sie ermüdet und Kopf und Herz für den Schlaf empfänglich gemacht. Der Alte horchte auf ihre Athemzüge und regte sich nicht, um sie nicht zu wecken. Nach einiger Zeit übermannte das Ruhebedürfniß auch ihn. Als er am Morgen erwachte und nach dem Lager hinüberblickte, war dasselbe leer; bei Tagesgrauen war Nannei leise und vorsichtig, um ihn nicht zu stören, aus der Thür geschlüpft.

Indessen hatte das heimliche Entweichen Nannei's auch auf dem Kogelhofe seine Wirkung geäußert.

(Fortsetzung folgt.)




Mehr Fleisch!
Von Otto Dammer.


„Fleisch giebt wieder Fleisch“, sagt ein altes diätetisches Sprüchwort, und wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß man bei rein vegetabilischer Kost recht gut gedeihen und gesundes festes Fleisch ansetzen kann – die „geschmalzenen Männer“ in Baiern und Schwaben, welche fast ausschließlich von Mehl, Kartoffeln und Butter leben und von denen es heißt:

 „A habernes Roß und an g'schmalzenen Mann,
Die zwoa reißt koa Teuf'l z'samm!“

sind ein sprechender Beweis dafür – so steht doch vollkommen fest, daß ein Ersatz der durch den Stoffwechsel verbrauchten Körperbestandtheile durch nichts so schnell und leicht erfolgt, wie durch gut zubereitetes Fleisch. Die chemischen und physiologischen Forschungen der neueren Zeit bieten genug Material, diesen Satz zu beweisen, aber auch dem einfachsten Verstande leuchtet ein, daß unserm Verdauungs- und Ernährungsapparat eine viel leichtere Aufgabe gestellt ist, wenn er das Fleisch eines Thieres, welches unserem eigenen Fleisch in der chemischen Beschaffenheit so sehr ähnlich ist, verarbeiten soll, als wenn ihm zugemuthet wird, aus den Bestandtheilen der Hülsenfrüchte, des Getreides oder wohl gar der Kartoffeln Fleisch zu bilden.

Zu einer vollständigen Ernährung braucht unser Körper Eiweißbestandtheile, Fette und einen jener Stoffe, die man als Kohlenhydrate zusammenfaßt und zu welchen namentlich Stärkemehl und Zucker gehören. Hiervon können die Fette und Kohlenhydrate einander bis zu einem gewissen Grade ersetzen, wogegen es an eiweißartigen Stoffen, welche zu Blut- und Fleischbildung erforderlich sind, niemals fehlen darf.

Von den Fetten sind nicht alle für die Ernährung gleichwerthig, die einen sind viel verdaulicher als andere; noch mehr gilt dies von den Kohlenhydraten, welche zum Theil, wie Stärkemehl und Zucker, sehr leicht verwerthet werden, während der Zellstoff, den wir in allen vegetabilischen Nahrungsmitteln in ganz erheblicher Menge vorhanden finden, so gut wie vollständig unlöslich ist und die Verwerthung der verdaulichen Bestandtheile nur erschwert. Ebenso ist der Nährwerth der Eiweißstoffe ein verschiedener, je nachdem sie dem Körper in leicht anzueignender Form, z. B. von Fleisch, Milch und Eiern, oder in Gestalt vegetabilischer Substanzen zugeführt werden, wobei auf die Aneignung größere Arbeit verwendet werden muß; im letzteren Falle kommt noch in Betracht, wie viel oder wie wenig Procent Eiweiß die Vegetabilien enthalten. Kartoffeln z. B. enthalten Eiweißstoffe nur in so geringer Menge, daß Niemand im Stande ist, den Bedarf durch ausschließliche Ernährung mit Kartoffeln zu decken. Ueberall, wo Kartoffeln die Hauptnahrung bilden, wird eine an Eiweißstoffen reiche Zukost, wie Käse, Häring, Buttermilch, wenn auch nur in geringer Menge, genossen.

Dies führt uns zu der Frage, in welchem Verhältniß die einzelnen Hauptbestandtheile einer gedeihlichen Nahrung gemischt sein müssen, und wie hoch sich der Bedarf eines arbeitenden Mannes pro Tag berechnet. Zur Beantwortung dieser so überaus wichtigen Frage sind von zahlreichen Forschern eingehende Untersuchungen angestellt worden. Man hat ermittelt, wie viel ein gut ernährter Körper in vierundzwanzig Stunden ausscheidet, um aus den ausgeschiedenen Schlacken die entsprechende Menge der zuzuführenden Nahrungsstoffe zu berechnen, und andererseits hat man die Kost untersucht, mit welcher gewohnheitsmäßig Soldaten, Arbeiter etc. sich ernähren. So ist man zu Zahlen gelangt, welche großes Vertrauen verdienen, selbstverständlich aber nur einen allgemeinen Werth besitzen, da sowohl die Individualität wie landesübliche Gewohnheiten einen bedeutenden Einfluß ausüben. Der Münchener Professor Voit, durch dessen zum Theil in Gemeinschaft mit Pettenkofer ausgeführte Untersuchungen die Lehre von der Ernährung in neuester Zeit außerordentlich gefördert worden ist, fordert im Durchschnitt für einen Arbeiter pro Tag 118 Gramm Eiweiß, 56 Gramm Fett und 500 Gramm Kohlenhydrate.

Wir erwähnten schon, daß Fett und Kohlenhydrat einander bis zu einem gewissen Grade ersetzen können, und dies gilt nun auch für die hier angeführten Zahlen. Es erscheint indeß aus manchen Gründen durchaus unzweckmäßig, mehr als 500 Gramm Kohlenhydrate zu geben, und sobald angestrengte Arbeit geleistet werden soll, ist die Nahrung fettreicher zu machen. Wir finden in der That, daß überall mit der Armuth auch der Gehalt der Nahrung an Kohlenhydraten wächst, während sich die bessere Kost durch absoluten und relativen Fettreichthum auszeichnet. Der Eiweißbedarf kann, wie wir zugeben, durch Vegetabilien gedeckt werden, aber alle Physiologen stimmen darin überein, daß naturgemäß ein Theil desselben in der Form von Fleisch zu verzehren sei. Wie hoch man aber die Fleischration bemessen soll, unterliegt sehr verschiedener Beurtheilung. Voit gelangt zu der Forderung, daß eine gute Kost pro Tag 230 Gramm Fleisch enthalten müsse, das heißt: vom Metzger ausgehauenes Fleisch, welches etwa 18 Gramm Knochen und 21 Gramm Fett und nur 191 Gramm reines Fleisch enthält. Dabei bleibt dann ein Deficit an Eiweiß, welches etwa zwei Drittel des ganzen Bedarfs beträgt und durch vegetabilische Substanzen zu decken ist. Auf Grund dessen könnte man z. B. als Küchenzettel für einen Arbeitstag feststellen:

Eiweiß Fett Stärke
750 Gramm Brod oder 470 Gramm Mehl mit 62 331
230 Fleisch 42 23
33 Fett zum Kochen 33
200 Reis od. entsprechend Gemüse 15 154
–––– –––– ––––
119 56 485

Ist dies eine auf gesunder, wissenschaftlicher Basis beruhende Berechnung, so hat man ein Recht, ohne jede Sentimentalität über die kärgliche Ernährung des arbeitenden Volkes zu klagen. Denn verschwindend klein ist die Zahl der Arbeiterfamilien, welche ihre Kost dieser Aufstellung entsprechend einrichten können. Untersuchungen der Kost armer Arbeiter ergaben in der That nur einen Gehalt von

     84 Gramm Eiweiß, 13 Fett und 610 Stärke
und in einem anderen Falle
     64 Gramm Eiweiß mit ebenfalls über 600 Gramm Stärke.

Demnach kann es als eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit betrachtet werden, der ärmeren Bevölkerung und namentlich dem städtischen Proletariat billiges Fleisch zu beschaffen.

Seitdem die Zeit der in übertriebenem Maße auf Körnererzeugung gerichteten Bewirthschaftung bei uns vorüber ist, haben vielfach Landwirthe, da Korn und Wolle bei der Concurrenz des Auslandes immer mehr im Preise sanken, den Versuch gemacht, sich wieder mehr der Fleischproduction zuzuwenden. Wie unzulänglich trotzdem die einheimische Fleischproduction noch heute ist, zeigt unerbittlich die Statistik, welche ziffermäßig darthut, daß in Europa seit zwanzig Jahren der relative Viehstand, nämlich die Anzahl der Fleischthiere im Verhältniß zur Einwohnerzahl, abnimmt, und daß in den allerletzten Jahren nach der Krisis von 1873 die wirthschaftliche Bedrängniß eher zu einer Verminderung als zu einer Vermehrung des Viehstapels führte. Die inländische Hebung der Viehzucht stößt leider auf das Hinderniß ihrer geringen [47] Rentabilität im Landwirthschaftsbetriebe hoch entwickelter Cultur- und Industrieländer. Somit erscheint, besonders für die letzteren, die Versorgung aus viehreichen Ländern Europas, Amerikas und Australiens unerläßlich, und der Vieh- und Fleischhandel mit solchen Ländern hat denn auch in der neuesten Zeit einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen. Aber er stößt auf sehr viel größere Schwierigkeiten, als die kosmopolitische Brodversorgung, und ist gezwungen, Wissenschaft und Technik in weit höherem Maße in Anspruch zu nehmen, als jene.

Der primitive Viehtransport, welcher ursprünglich die Landstraße, dann die Eisenbahn, in neuester Zeit aber auch die transatlantischen Dampfer in Anspruch nahm und durch letztere amerikanische Rinder auf den Londoner Viehmarkt brachte, scheint jetzt dem ungleich rationelleren Fleischtransport weichen zu sollen. Nicht allein, daß bei letzterem der Gefahr der Einschleppung von Seuchen sehr viel wirksamer vorgebeugt werden kann, auch die Transportkosten werden erheblich verringert; man kann eine Auswahl treffen, um nur das bessere Fleisch zu versenden, und die Abfälle können eine wegen Wegfalls der Transportkosten ergiebigere Verwendung im Lande, wo die Thiere geschlachtet werden, finden.

Wie nun aber das Fleisch transportiren? Während bei trockenem Getreide die gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln genügen, um die Waare unverändert an den entlegensten Bestimmungsort zu schaffen, ist das bei dem leicht veränderlichen Fleisch ganz anders; und doch: wenn es nicht gelänge, Conservirungsmethoden anzuwenden, durch welche Ansehen, Geruch und Geschmack des Fleisches auf längere Zeit unverändert erhalten blieben, so wäre dem Fleischtransport gar keine Zukunft zu prophezeien. Hier sind für die Fleischversorgung dicht bevölkerter Länder sehr große Schwierigkeiten zu überwinden; aber wir sehen auch auf die Lösung der klar gestellten Aufgabe so viel Fleiß und Intelligenz verwandt, und die bisher erzielten Resultate sind so ermuthigend, daß wir unbedingt hoffen dürfen, in nicht ferner Zeit zum Ziele zu gelangen.

Das Fleisch, welches im Wesentlichen aus Eiweißkörpern mit sehr viel Wasser besteht, ist bekanntlich in hohem Grade der Fäulniß unterworfen. Es unterliegt, wie alle ähnlich zusammengesetzten thierischen Stoffe, von dem Moment an, wo das Thier geschlachtet wurde, immer tiefer greifenden Veränderungen, die es bald ungenießbar machen. Diese Processe haben viel Aehnlichkeit mit Gährungsprocessen; sie treten unter denselben Bedingungen ein und verlaufen wie jene; auch müssen als nächste Ursache derselben mikroskopische Organismen und zwar Bakterien angesehen werden, welche in jeder faulenden Substanz in großer Zahl auftreten. Die Keime dieser als Gährungserzeuger wirkenden Wesen scheinen in der Luft so gut wie allgegenwärtig zu sein, und sie besitzen die Fähigkeit, sich mit außerordentlicher Schnelligkeit zu vermehren. Sie entwickeln sich aber nur bei Gegenwart von Wasser und in einer gewissen Temperatur. Wenn man also eine fäulnißerregende Substanz trocknet oder bei sehr niedriger oder hoher Temperatur aufbewahrt, so entgeht sie der zersetzenden Einwirkung der Bakterien. Es genügt auch, sie stark zu erhitzen und dann den Zutritt der Luft, mit anderen Worten: nach der Tödtung der vorhandenen Bakterien den Zutritt neuer Keime zu verhindern. Endlich giebt es gewisse Stoffe, welche gleichsam als Gifte für die Bakterien zu betrachten sind, und von denen oft geringe Mengen genügen, um den Eintritt der Fäulniß zu verhindern. Auf diese wenigen Sätze ist Alles zurückzuführen, was sich speciell auf die Conservirung des Fleisches bezieht, die ältesten primitivsten Verfahren, wie die neuesten Vorschläge, deren Ausführung die ganze Leistungsfähigkeit der modernen Technik in Anspruch nimmt.

Wo es das Klima gestattet, haben selbst wenig civilisirte Völker seit lange das Fleisch durch Entziehung von Wasser zu conserviren gesucht. Man schneidet in Nord- und Südamerika, vielfach auch in Afrika, Kleinasien und den Donaufürstenthümern das frische Fleisch in Streifen und trocknet diese auf einfachste Weise an der Luft. Als „Charqui“, „Tassajo“ spielt dieses Präparat eine große Rolle in der Neuen Welt, und dasselbe Verfahren liefert im Norden Europas den Stockfisch. Wirkt hier zur Conservirung lediglich die Entziehung des Wassers, so tritt beim „Pemmikan“, den die nordamerikanischen Indianer bereiten, noch der Abschluß der Luft hinzu, der durch Vermischen des getrockneten und zerkleinerten Fleisches mit viel Fett, welches die Fleischtheilchen umhüllt, und Einpressen der Masse in lederne Säcke erzielt wird. Den höchsten Triumph aber feiert die Methode des Luftabschlusses bei dem Appert'schen Verfahren, welches der französische Koch François Appert seit 1804 anwandte und in einer eigenen Schrift 1810 beschrieb, nachdem ihm die Regierung einen Preis von 12,000 Franken ertheilt hatte.

Dieses Verfahren besteht in seiner neuesten verbesserten Form im Wesentlichen darin, die Nahrungsmittel, wie Fleischspeisen oder Gemüse, mit den gewöhnlichen Zuthaten nahezu fertig gekocht in Blechbüchsen einzuhüllen, sodann den Deckel sorgfältig aufzulöthen, sodaß nur eine kleine Oeffnung bleibt, die Büchsen im Dampfbade weiter zu erhitzen und endlich auch die letzte Oeffnung zu verschließen. Durch das Kochen werden hierbei alle Fäulnißorganismen getödtet, bei dem letzten Erhitzen treibt der sich bildende Wasserdampf die Luft vollständig aus, und wenn man nun die Büchsen luftdicht verlöthet und sie zur Vorsicht noch in Salzwasser auf 108 bis 110 Grad erhitzt, so sind alle Bedingungen erfüllt, um den Conserven eine unbegrenzte Dauer zu sichern. Dabei verlangt dieses Verfahren keine fremden Zuthaten, und die Speisen bewahren das appetitliche Ansehen, an welches wir gewöhnt sind und welches wir verlangen.

Das Appert'sche Verfahren hat denn auch die allgemeinste Verwendung gefunden. Australisches Ochsen-, Hammel-, Känguruhfleisch spielt im Welthandel, dank dieser Methode, eine große Rolle. Aus Nordamerika kommt schwach gepökeltes Fleisch als beliebte Waare in Büchsen auch auf den deutschen Markt; für die feinere Küche werden in großen Fabriken allerlei Speisen conservirt; die condensirte Milch wird nach demselben Verfahren verpackt, kurz, die Blechdose ist zu ungeahnter Bedeutung gelangt.

Eine ganz andere Richtung nimmt die Fleischconservirung bei Anwendung fäulnißwidriger Mittel. Man salzt das Fleisch und verwandelt dadurch den Fleischsaft, in welchem sich die Bakterien so reichlich vermehren, in eine Flüssigkeit, welche das Leben der Fäulnißorganismen nicht mehr unterhält. Das gesalzene Fleisch läßt sich dann ohne große Gefahr trocknen, und geschieht letzteres in Rauch, so nimmt das Fleisch auch noch Dämpfe von Kreosot auf, welches in höchst energischer Weise die Fäulniß hemmt. Hier wird, wenn man blos die Conservirung in's Auge faßt, ein vollständiger Erfolg erzielt; allein man muß doch auch die Beschaffenheit des conservirten Fleisches berücksichtigen, und da zeigt sich nun, daß beim Einsalzen sehr nachtheilige Veränderungen mit dem Fleisch vorgehen. Bekanntlich bildet sich beim Pökeln eine sogenannte Lake, welche nichts anderes ist als eine Lösung von Salz in Fleischsaft. Dieser Fleischsaft geht verloren, und wenn man denselben untersucht und das Verhalten des gepökelten Fleisches beim Kochen beobachtet, so zeigt sich, daß das Fleisch nach diesem alten und ganz allgemein verbreiteten Verfahren außerordentlich an Nahrungswerth einbüßt. Man hat ursprünglich keine Kenntniß von dieser Thatsache gehabt und behält auch jetzt das Verfahren bei, weil es durch ein gleich einfaches noch nicht ersetzt werden konnte. Indeß verdient hervorgehoben zu werden, daß die liebe Gewohnheit doch auch ein Wörtchen mitspricht. Das schöne neue Pökelverfahren von Lignac, bei welchem dem Fleisch nur die unentbehrliche Menge Salz zugeführt und die Lakebildung vermieden, also der ganze Nahrungswerth erhalten bleibt, ist einfach genug und verdient wohl allgemeinere Beachtung, als es bisher gefunden hat. [1]

Auch den zahlreichen neueren Verfahrungsarten der Fleischconservirung ist vielfach der Vorwurf zu machen, daß sie nur die Conservirung, nicht auch die Erhaltung der Verdaulichkeit und des Nahrungswerthes des Fleisches berücksichtigen. Methoden, welche in dieser Hinsicht nicht besser sind als unser altes Pökelverfahren, verdienen gar keine Beachtung. Eine andere Gruppe neuer Methoden sieht vom Kochsalz mehr oder weniger ab und wendet fäulnißwidrige Stoffe an, welche zum Theil erst durch die chemischen Forschungen der letzten Jahre bekannt geworden sind. Würde nun auch der Haushalt, vor Allem die Küche, recht wesentlich gewinnen, wenn die Hausfrauen mit den Lehren der [48] Chemie sich ein wenig vertraut machten, so soll man doch recht vorsichtig sein, wenn es sich um Anwendung von Chemikalien und chemischen Processen auf die Nahrungsmittel handelt. Sollen hier wirklich günstige Resultate erzielt werden, so sind viele Vorbedingungen zu erfüllen, und wer alle Schwierigkeiten sachverständig würdigt, wird gewiß zahlreichen Erfindern auf diesem Gebiete zurufen: Nur nicht zu viel Chemie!

Die längst bekannte Verbindung der Salicylsäure, welcher der Genius Kolbe's zu so hohem Ruhm verhalf, hat sich eine sichere Stellung in Medicin und Technik errungen. Es war nun gewiß nicht zu erwarten, daß nichts weiter erforderlich sei, als nur eben das Fleisch mit Salicylsäure in Berührung zu bringen, um die äußerst schwierige Aufgabe der Fleischconservirung zu lösen, und in der That schlugen zuerst sogar sinnreich angestellte Versuche, mit Salicylsäure zu conserviren, fehl. Indessen hat jetzt ein Münchener Techniker, Eckart, ein Verfahren, und zwar zunächst für Fische, ersonnen, welches eine große Zukunft haben dürfte. Man erfährt, daß er die ausgenommenen Fische mittelst eines hydraulischen Apparates in 15 Minuten mit schwacher Lösung von Salicylsäure durchtränkt, dann in Fässer oder Kisten verpackt und sie endlich mit Gelatinelösung übergießt, welche um und in die Fische fließt, sie geschmeidig erhält und das Austrocknen verhindert. So präparirte Fische können als gewöhnliches Frachtgut auf die Eisenbahn gegeben werden und ertragen einen Transport von 10 bis 14 Tagen, ohne irgendwie Schaden zu leiden. Das Verfahren ist gleicherweise auf Süß- und Salzwasserfische anwendbar, und ein hydraulischer Apparat, der 100 Kilogramm Fische faßt, kann täglich 4000 Kilogramm verarbeiten.

Daneben scheint auch die Anwendung von Borsäure wichtige Resultate zu versprechen. Zuerst hat man dieselbe vor etwa acht Jahren in Schweden unter dem Namen Aseptin zur Conservirung leicht veränderlicher Nahrungsmittel angewandt, und Hirschberg constatirt, daß Milch und Bier durch einen geringen Zusatz von Borsäure auf längere Zeit vor dem Verderben geschützt würden. Herzen in Florenz behandelte dann Fleisch mit Borsäure, welcher er Kochsalz und Salpeter zusetzte, um die rothe Farbe desselben unverändert zu erhalten, und er fand, daß so präparirtes Fleisch in Kisten oder Büchsen ohne besondere Verschlußmaßregeln nach einem Jahr, in welchem es zwei tropische Seereisen mitgemacht hatte, völlig genießbar geblieben war. Die Borsäure, deren größere Menge vor dem Gebrauch des Fleisches durch Abwaschen entfernt wird, ist, in der erforderlichen Verdünnung angewendet, geschmacklos und macht sich in keiner Weise bemerkbar. Sie gilt auch als völlig unschädlich, und man kann daher nur empfehlen, ein borsäurehaltiges Präparat, wie das Herzen'sche, auch im Haushalte anzuwenden, wozu sich reichlich Veranlassung bietet. Nun hat sich Hugo Jannasch in Bernburg 1877 ein Conservesalz patentiren lassen, welches er durch Einwirkung von Borsäure auf Chlorkalium und Salpeter erhält, und dieses Salz ist bei uns im Handel zu haben. Man kann es zum Conserviren von frischem Fleisch, Wildpret, Geflügel, Fischen, bei der Wurstbereitung, als Zusatz zur Milch, um diese mehrere Tage vor dem Sauerwerden zu schützen, zur Conservirung von Bouillon, Butter, auch beim Einmachen von Früchten, Spargel etc. benutzen und erzielt damit nach den zahlreichen vorliegenden Erfahrungen sehr günstige Resultate. Der billige Preis des Salzes erleichtert seine Anwendung.

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß nach diesen ersten Erfolgen, welche durch Benutzung fäulnißwidriger Substanzen gewonnen wurden, die allgemeine Aufmerksamkeit sich noch in erhöhtem Maße denselben zuwenden wird. Jetzt ringen noch viele Methoden um den Sieg, und man hat sowohl durch comprimirte Luft, wie durch verdünnte Schwefelsäure, Schwefelkohlenstoffdämpfe etc. eine befriedigende Conservirung des Fleisches erzielt. Die nächste Zeit wird zeigen, welcher Substanz schließlich der Vorzug gebührt; bis jetzt scheinen Salicylsäure und Borsäure weit im Vordergrunde zu stehen.

Was indeß die Anwendung im Großen betrifft, so wurden bis jetzt die Chemikalien durch die Kälte in Schatten gestellt. Den Werth des Eises für die Wirthschaft kennt Jedermann, und der Eisschrank ist ein unentbehrliches Hausgeräth geworden. Wie vortrefflich sich Fleisch in Eiskellern hält, ist längst bekannt, und es lag daher nahe, den Transport transatlantischen Fleisches durch Anwendung von Eis zu ermöglichen. Trotzdem hat man damit erst vor einigen Jahren begonnen, nun aber entwickelte sich die Sache überraschend schnell zu einer ungeahnten Bedeutung, und schon 1877 wurde 56,824,707 Pfund Fleisch im Werthe von 5,356,365 Dollars aus den Vereinigten Staaten (über 42 Millionen Pfund aus New-York) nach Europa, und zwar so gut wie ausschließlich nach England, verschifft.

Das für den Seetransport bestimmte Fleisch stammt von Thieren aus Kentucky, Ohio, Illinois, Indiana, Missouri und Iowa. Das Vieh wird lebend auf der Eisenbahn nach den Verschiffungshäfen transportirt, dort geschlachtet und nach vollständigem Ausbluten in Viertel zerlegt. Diese kühlt man in den Schlachthäusern sofort mit Eis, umnäht sie mit Mussolin und schafft sie dann an Bord, wo sie in den Kühlkammern untergebracht werden. Letztere fassen etwa 600 Tonnen, sind vor Erwärmung durch die äußere Luft gut geschützt und können luftdicht verschlossen werden. Jede Kammer enthält einen Eisbehälter und ein Röhrensystem, durch welches mittelst eines Gebläses die Luft in beständiger Circulation zwischen Eisbehälter und Fleischkammer versetzt wird. Man braucht für jede Reise von Amerika nach Europa 70 Tonnen Eis und erhält in der Fleischkammer eine Temperatur von eineinhalb bis dreieinhalb Grad. Dies System hat sich vollständig bewährt; das Fleisch ist in vortrefflichem Zustande nach Europa gekommen.

Ein solcher Erfolg hat aber zur Voraussetzung, daß das Eis bis zur Ankunft des Schiffes ausreicht; verzögert sich die Fahrt durch irgend einen Unglücksfall und geht der Eisvorrath zu Ende, dann ist die ganze Ladung verloren, und das Fleisch muß in's Meer geworfen werden. An solchen Erfahrungen hat es nicht gefehlt, und man ist deshalb zu dem Entschlusse gekommen, Eismaschinen aufzustellen, welche die Mitführung von Eis unnöthig machen, da sie durch Verdampfung einer sehr leicht flüchtigen Flüssigkeit (deren Dämpfe in einem anderen Theile des Apparates durch Abkühlung wieder verdichtet werden) eine bedeutende Kälte erzeugen. Der französische Dampfer „Frigorifique“, welcher im August 1877 zum ersten Mal den Hafen von Rouen verließ, um nach Südamerika zu dampfen, war mit solchen Eismaschinen versehen, die mit Methyläther gespeist wurden. Diese Flüssigkeit ist noch sehr viel flüchtiger, als der gewöhnliche sogenannte Schwefeläther, und verdampft daher unter außerordentlicher Temperaturerniedrigung. Die Wärme, welche er hierbei bindet, wird einer Chlorcalciumlösung entzogen, und diese circulirt durch ein Röhrensystem in der Fleischkammer, welche auf solche Weise beliebig abgekühlt werden kann.

Für den Transport von Fleisch auf Eisenbahnen benutzt man in Nordamerika die sogenannten Refrigerator-Cars, mit Kühlapparaten versehene Wagen. Diese Kühlwagen sind im Wesentlichen nach demselben Princip construirt, wie die Kühlkammern der Schiffe, und dienen auch zum Transport von Weintrauben, Birnen, Pflaumen Eiern etc. Will man sich bei uns auf den Bezug von amerikanischem Fleische einrichten, so wird man auch diese Wagen nicht entbehren können, und selbst wenn wir von der billigen Fleischversorgung aus Amerika im Interesse unserer deutschen Landwirthe abzusehen gezwungen würden, so behielten die Kühlwagen immer noch großen Werth, da sie wesentlich den Uebergang vom Viehtransport zum Fleischtransport, von welchem wir bereits sprachen, erleichtern würden. Ein Schreiber'scher Eiswagen faßt, nach den Angaben, welche Professor Reuleaux, jüngst machte, das Fleisch von 25 Stück Hornvieh oder 300 Schafen, während dieselbe Zahl lebender Thiere 3 bis 4 Waggons erfordern würde. Da nun diese Wagen in Kriegszeiten die Versorgung der Armee mit frischem Fleische sehr wesentlich erleichtern würden, so ist vielleicht zu hoffen, daß man im Staatsinteresse den Bau solcher Wagen begünstigt und dadurch nebenbei auch dem Proletariat, welches jetzt unter den theueren Fleischpreisen schwer leidet, einen kleinen Vortheil zuführt. Könnten wir auch amerikanisches Fleisch in unsere Industriebezirke führen, so wurden die Preise sehr bald fallen und der Ernährungsstand der Fabrikbevölkerung sich bessern, die Sterblichkeitsziffer aber sinken.



[49]
Von der Stätte des Elends.
Reisebriefe aus den Nothstandsbezirken in Oberschlesien.[2]
Von Otto Kotze.
II.


In der opferfreudigen Theilnahme, welche dem unglücklichen Oberschlesien aus allen Gegenden Deutschlands und aus allen Landen zugewendet wird, wo deutsche Herzen schlagen, in dieser imposanten Liebesbethätigung zeigt unsere Nation wieder einmal eine ebenso erhebende wie ergreifende Bethätigung des Dichterwortes: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“. Das in immer stärker anschwellenden Gabenströmen sich bekundende Mitgefühl ist so einzig, daß es in Bezug auf die Macht des Eindrucks nur von der Größe der Heimsuchung übertroffen wird, die es lindern will.

So nothwendig aber im Hinblick hierauf die ausgiebigste Hülfe von außen ist, so dringend ist es geboten, bei der Anwendung und Vertheilung der Liebesgaben gewisse Charaktereigenthümlichkeiten und Eigenarten der armen, fast durchweg polnischen Bevölkerung Oberschlesiens auf dem Lande und in den kleinen Städten in Rechnung zu ziehen. Wenn sich in der Art und Lebensführung dieser Leute wesentliche Fehler offenbaren, so ist es unrecht und unklug zugleich, dieselben ihrer slavischen Nationalität in die Schuhe zu schieben, oder sie überhaupt ernstlich dafür verantwortlich zu machen. Zur Erklärung genügt es vollständig, daß sie Jahrhunderte hindurch als ausgebeutete und mißhandelte Leibeigene unter dem härtesten Drucke der Feudalherren und der Geistlichkeit gelebt. Wie es möglich war, daß ihr Culturzustand in der Reihe von Jahrzehnten seit ihrer Befreiung aus diesem Joche und dem Eintritt in den preußischen Staat sich nicht annähernd zu der Gesittungsstufe der deutschen Bevölkerungen aufgeschwungen hat, in deren Mitte sie leben, das werden spätere Verhandlungen und Untersuchungen darthun, zu welchen dieser so erschreckend an der Grenze des deutschen Reiches sich aufthuende Abgrund von Massenelend und Verkommenheit noch Anlaß geben muß. In diesem Augenblicke aber haben wir es mit dem oberschlesischen Landmann und Arbeiter zu thun, wie er nun einmal ist und voraussichtlich noch längere Zeit wird bleiben müssen. Verwöhnt war er niemals, und zu seinen Tugenden gehörte jederzeit eine außerordentliche Genügsamkeit, die auch ihre Schattenseiten hat. In Lagen wie jetzt begnügt er sich mit rohen Kartoffeln, schlimmsten Falls auch ohne Salz, und sucht sich durch Einhüllen in Lumpen nach Möglichkeit gegen die grimmige Kälte seiner entweder sehr spärlich oder gar nicht erwärmten Hütte zu schützen. Zu einem energischen Handeln aber, um eine Besserung seiner erbärmlichen Lage herbeizuführen, wird er sich nur selten aufraffen und meist fehlt ihm auch vollständig die Erkenntniß der Gefahr, in welcher er schwebt. Von seiner Kindheit ab an Entschlußlosigkeit und passive Ergebung gewöhnt, läßt er widerstandlos über sich ergehen, was kommen mag, und verfällt so allmählich in einen Geisteszustand, welcher dem wirklichen Stumpfsinn nicht unähnlich ist. Dabei ist der Oberschlesier im Allgemeinen und in rein mechanischen Thätigkeiten ein brauchbarer Arbeiter, aber auch das ist er nur, wenn er genügend angeleitet und beaufsichtigt wird.

Diese Gesichtspunkte müssen bei der Beurtheilung der traurigen Angelegenheit festgehalten werden, wenn die nothwendig gewordene Rettung durch Unterstützungen den Unglücklichen nicht moralisches Verderben bringen und ihre Unselbstständigkeit noch vermehren soll. Es kommt aber noch ein Anderes hinzu. Die Lage der Nothleidenden in den von der Calamität betroffenen Kreisen und Ortschaften ist in Bezug auf ihre Vermögensverhältnisse und ihre Arbeitsfähigkeit eine verschiedene. Wird da nicht eine möglichst genaue Sonderung vorgenommen, so kann es nicht ausbleiben, daß Vieles von den immerhin doch beschränkten Unterstützungsmitteln Solchen zufließt, die durch eigene Belastung oder Anstrengung sich noch selber helfen könnten, aber lieber aus dem Nothstande ihren Vortheil ziehen wollen. Bereits wurden Ortschaften namhaft gemacht, wo gutsituirte Leute sich an der Entnahme freier Kartoffeln betheiligt, ja dieselben sogar unter dem Preise wieder verkauft hatten, sodaß zuletzt Polizei und Gensd'armerie einschreiten mußten. Aus verschiedenen Orten führt der „Oberschlesische Anzeiger“ Beispiele an, daß Einwohner, die noch hinlänglich mit Bekleidung versehen sind, sich doch geweigert haben, ihnen angebotene Arbeiten zu übernehmen, „weil sie während des Nothstandes nicht arbeiten könnten“ oder „weil überall Gelder für sie gesammelt, Suppenanstalten errichtet würden und es Zeit wäre, daß für sie auch etwas geschähe“ etc. Das heimische Blatt bemerkt dazu: „Solchen Unverschämtheiten darf Niemand nachgeben, es kommt sonst eine nicht zu bändigende Corruption auf und wir können es noch erleben, daß der Arbeitsscheue droht: Fütterst du mich nicht auch, so bringe ich mit Hungertyphus die Pestilenz über's Land! Hier eröffnet sich der Geistlichkeit ein Feld segensreicher Wirksamkeit. Möge sie allsonntäglich den Parochianen das 'Bete und arbeite' vor die Seele führen!“[3]

Diese unwürdige Habsucht hat den Landrath Pohl in Ratibor vor Kurzem zu einer amtlichen Bekanntmachung veranlaßt, in welcher er die Ortsvorstände auf das Strengste anweist, die zur Linderung des Nothstandes überwiesenen Unterstützungen an Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Heizungsmaterial in keinem Falle ohne Zuziehung der sämmtlichen Mitglieder des Localhülfscomités und nur an die Ortsarmen und diejenigen hülfsbedürftigen Personen zu vertheilen, die absolut nicht in der Lage sind, durch Arbeitsverdienst den nöthigen Lebensunterhalt sich zu erwerben; er macht die Gemeindevorstände für die gerechte Vertheilung der Unterstützungen und für die gewissenhafte Berichterstattung in allen Nothstands-Angelegenheiten verantwortlich.

Das sind Eindrücke niederschlagendster Art, und sie werden noch verstärkt durch widerwärtige Erscheinungen in anderen oberschlesischen Kreisen, die thatsächlich von einem wirklichen Nothstande gar nicht betroffen sind und wo die Noth nicht größer ist, als in den meisten anderen Gegenden unseres Vaterlandes, welche dennoch von Ortschaften solcher Bezirke um Hülfe angerufen werden. „Wo so viel gegeben wird, kann für unsere Gegend auch etwas abfallen“ – das ist der Grundsatz, den man häufig vernehmen kann, und flugs ist auch ein Zeitungsschreiber da, der von nackten frierenden Kindern, von trockenen und verfaulten Kartoffeln als Nahrungsmittel und von anderen schaudererregenden Details berichtet. Nicht als ob derartige Geschichten durchweg erfunden wären, sie können immerhin ganz wahr sein, gehören aber an dem betreffenden Platze doch nur zu den Ausnahmen und man braucht, um sich von dem Vorhandensein solcher vereinzelter Fälle zu überzeugen, sicher nicht nach Oberschlesien zu gehen; sie kommen anderswo auch vor. Es wäre eine Ungerechtigkeit gegen die jetzt weit und breit in Deutschland und namentlich überall in den großen Städten und in verschiedenen Gebirgsgegenden offen und heimlich grassirende Noth von Tausenden, wenn ihr auch nur ein Theil der nöthigen heimischen Fürsorge entzogen würde, um dieselbe denjenigen oberschlesischen Bezirken zuzuwenden, in denen eine wirkliche Massencalamität nicht zu finden ist.

Einen Zustand äußerster Bedrängniß weisen in Oberschlesien, allen angestellten Ermittlungen zufolge, in der That nur die im Süden desselben belegenen Kreise Ratibor, Cosel, Rybnik und Pleß [50] auf, und es ist dazu auch noch die südöstliche Hälfte des Kreises Lublinitz zu rechnen. Das Nothstandsgebiet umfaßt somit eine Einwohnerzahl von 400,000 Seelen, von denen, hoch gegriffen, zwanzig Procent unterstützungsbedürftig und höchstens zehn Procent in einem außerordentlichen Nothstande begriffen sind. Die betreffenden Kreise können bei ihrer ohnedies schon sehr gedrückten finanziellen Lage notorisch für ihre Eingesessenen nicht eintreten. Man darf aber hoffen, daß die von anderen Kreisen und der Provinz flüssig gemachten Mittel in Verbindung mit den Beträgen der Privatsammlungen den in den obigen Grenzen wirklich vorhandenen Nothstand in erheblicher Weise mildern werden.

Schon beim Herannahen der Calamität hatte der Provinziallandtag von Schlesien 888,000 Mark bewilligt, und weitere 2 Millionen bereit gestellt, von denen 1.500,000 Mark zu Darlehen an die Bewohner der Nothstandsbezirke unter Bewilligung günstiger Verzinsungs- und Rückzahlungsbedingungen, nöthigenfalls auch 10 Procent mit Risico des Verlustes, ausgegeben, 500,000 Mark dagegen zu Wegebauten verwendet werden sollen. Ebenso wetteifern die einzelnen Kreise mit einander, um ihrerseits durch Wege- und Straßenbauten den Bedrängten im Lande Arbeit zu schaffen.

Ferner hat bekanntlich auch Kaiser Wilhelm dem schlesischen Provinziallandtage die Mittheilung zugehen lassen daß ein Capital von 400,000 Mark, welches die Provinz dem kaiserlichem Paar bei Gelegenheit der goldenen Hochzeit zur Begründung einer Stiftung dargebracht, nunmehr gleichfalls zur Beseitigung des Nothstandes verwendet werden möge. Es ist daher die Summe dem Landarmenverbande für Unterstützung Hülfsbedürftiger über die gesetzliche Verpflichtung hinaus zu unbeschränkter Verfügung überwiesen worden. Was die Sammlungen und sonstigen Leistungen aus dem Publicum betrifft, so läßt sich der bisher erreichte Betrag noch nicht übersehen. Allein das in Berlin erst vor Kurzem begründete Hülfscomité quittirt an dem Tage, wo dies geschrieben wird, über eine bis jetzt eingegangene Summe von 164,000 Mark, von denen bereits 50,000 Mark nach Oberschlesien abgegangen sind. Die verschiedenen Sammlungen sind aber noch in vollem Flusse.

An Mitteln, um für den Augenblick dem Allerschlimmsten abzuhelfen, dem Allerdringendsten zu genügen und mannigfach lindernd den Gefahren vorzubeugen, fehlt es also nicht. Damit ist schon viel gethan und ein hochwichtiger Theil des Barmherzigkeitswerks in Angriff genommen. Für die erforderliche Nachhaltigkeit freilich reichen die Ergebnisse der bis jetzt gemachten Anstrengungen nicht hin. Um das zu begreifen, braucht sich der Entfernte ein nur annähernd deutliches Bild von der Gewalt und Ausdehnung des Schreckens zu machen, der unter den Mittellosen des eigentlichen Nothstandsbezirks in der Gestalt des Hungers, des Frostes, des Mangels aller nothwendigsten Existenzbedingungen und der daraus folgenden Erkrankungen sein grausig-heimtückisches Regiment entfaltet hat. Hier strecken in den verschiedenen Ortschaften Hunderte, in weiteren Umkreisen Tausende von Hungernden und Halbverhungerten, Alte und Junge, Männer und Frauen in verzweiflungsvoller Gier ihre Hände nach ein wenig Nahrung aus; hier seufzen und winden sich auf erbarmenswürdigem Lager unzählige Schwache, Sieche und Kranke jedes Lebensalters ohne Pflege, ohne Ernährung und Wärme; bei Tausenden ist kein Vorrath im Hause, kein Feuer im Ofen überall Schmutz, Lumpen, bleicher und hohläugiger Jammer, vielfach in den langen Winterabenden nicht einmal der Strahl eines Lämpchens zur Erhellung der trostlos düsteren Behausung. Und all diesem zu äußerster Höhe gesteigerten Elend stehen die Armenverwaltungen des Ortes und der Kreise ziemlich machtlos gegenüber.

„In zwei großen Dörfern des Oppathales, die ich gestern besuchte,“ so bemerkt der Geheime Sanitätsrath Dr. Heer aus Ratibor in einem Briefe vom 23. December 1879, „sind 700 Personen ohne alle Nahrungsvorräthe; sie werden durch fremde Hülfe bis zum Beginn der Arbeitszeit erhalten werden müssen. Ich habe die Kinder in den Schulen gesehen und unter ihnen eine große Menge abgemagerter, blutarmer Gestalten gefunden, die Mittags das Schullocal nicht verlassen wollten, weil sie zu Hause kein warmes Zimmer und kein Essen finden. Und was ist die Nahrung der Bessersituirten? Zwei Mahlzeiten von schlecht gerathenem Buchweizen, der, auf Handmühlen zerkleinert, mehr als zur Hälfte des Gewichts feste schwarze Hülsen giebt. Davon werden Klumpen ohne jede Fettung in Salzwasser gekocht. Leider ist diese Kost ein Luxus gegen die zahlreichen ekelerregenden Gerichte, welche aus den zur Zuckerfabrikation nicht geeigneten, mißrathenen Rüben bereitet werden und sehr vielen Familien zur ausschließlichen Nahrung dienen. Ich habe gesehen, daß eine Hausfrau fünf Kindern diese Kost dadurch schmackhaft und annehmbar zu machen versuchte, daß sie die gesottenen Rübenstücke mit geriebenem altem Käse der widerlichsten Art servirte. Inzwischen greifen die durch ungenügende und ungeeignete Nahrung bedingten Darm- und Magenkatarrhe in bedenklicher Weise um sich und bereiten dem Typhus einen fruchtbaren Boden. Seit mehreren Tagen sind an vielen Orten Volksküchen und Suppenanstalten im Gange, um aber allen Bedürfnissen zu genügen, dazu gehört noch unendlich viel. Gegenwärtig ist's noch nicht gelungen, mehr als die völlig Hülflosen zu ernähren.“

Je weniger also ohne die von draußen eingehenden Unterstützungen an eine Bekämpfung dieses äußersten Grades menschlichen Elends zu denken wäre, um so mehr liegt die bereits hervorgehobene Hauptschwierigkeit dabei in einer den Verhältnissen entsprechenden Vertheilung. Nicht blos die Ueberwachung der zahlreichen, noch gesondert wirkenden localen Hülfscomités, sondern auch eine Centralisation derselben, eine einheitliche Leitung des gesammten Hülfswerks von einem mit Autorität versehenen Mittelpunkte aus ist dringend geboten. Vielleicht ist es das Naturgemäßeste, diese Centralleitung dem ohnedies über fast alle Städte sich verzweigenden „Vaterländischen Frauenverein“ zu übertragen, der bereits in den Nothstandsbezirken eine außerordentlich segensreiche Wirksamkeit entfaltet hat.

In Betreff der als nothwendig sich herausstellenden Organisation ist ja an den einzelnen Punkten schon Manches geschehen, aber die Städte sind in der Planmäßigkeit ihrer Maßnahmen dem platten Lande weit vorausgeeilt. In den Städten wirken schon wohlorganisirte Hülfscomités, die zumeist mit dem „Vaterländischen Frauenverein“ in Verbindung stehen; Niederlagen von Lebensmitteln, Suppenanstalten sind gegründet, in denen ganze Portionen gewöhnlich für zehn, halbe für fünf Pfennig, an ganz Arme jedoch auch auf Anweisung des betreffenden Hülfscomités unentgeltlich verabreicht werden. Die Einrichtung dieser Volksküchen erweist sich als sehr praktisch; zur Verwendung gelangen dabei Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Reis und Graupen, und die Zubereitung ist eine durchaus schmackhafte, wie in jeder guten bürgerlichen Haushaltung. Auch die Krankenanstalten sind in den Städten im Allgemeinen gut; einzelne lassen freilich stark zu wünschen übrig und dürften bei einem weiteren Umsichgreifen des Hungertyphus sich als vollständig unzulänglich herausstellen. So schildert der Regierungs- und Medicinalrath Dr. Pistor in Oppeln in seinem Generalbericht über das Gesundheitswesen im Regierungsbezirk Oppeln (Breslau, Clar'sche Buchh.) das Krankenhaus zu Sohrau in Oberschlesien in nachstehender Weise:

„In Sohrau befanden sich im November 1879 in einem Raume Kranke beiderlei Geschlechts, um für den zweiten noch vorhandenen Raum die Heizung zu ersparen. Auf den Dielen lagerte der Schmutz fünf Centimeter hoch. Bettwäsche fehlte oder war so schmutzig, daß die Grundfarbe des Stoffes kaum noch zu erkennen war. Kurz, die Verwahrlosung war so groß wie möglich. Auf dem Hofe befand sich eine Latrine der primitivsten Art über einer offenen Düngergrube. Und doch zählt Sohrau über viertausend Einwohner und ist nicht unbemittelt.“

Aus Berichten der „Schlesischen Zeitung“ erhellt, daß dieser jämmerliche Zustand des Krankenhauses in der Mitte des December noch nicht verbessert war; ein neues Krankenhaus ist zwar jetzt vorhanden, wird aber aus Sparsamkeitsrücksichten nicht belegt. Es möge das als ein Beispiel der Zustände in manchen dieser oberschlesischen Gemeinden hier angeführt sein. Der inzwischen ausgebrochen Hungertyphus wird hoffentlich auch nach dieser Richtung die betheiligten Behörden zu einem beschleunigten Tempo aufmuntern.

Auf dem Lande sind zwar durch Veranlassung des „Vaterländischen Frauenvereins“ vielfach in den größeren und theilweise auch in den kleineren, besonders hart von der Noth bedrängten Dörfern gleichfalls Suppenanstalten errichtet; im Allgemeinen jedoch ist die Organisation der Hülsscomités dort bis heute noch [51] in der ersten Entwickelung begriffen, wird selbstverständlich auch viel schwieriger sein, als in den Städten, da sich nicht in jeder Ortschaft die erforderliche Anzahl zuverlässiger und zur Leitung geeigneter Persönlichkeiten finden mag. Der Bedarf an Kartoffeln dürfte inzwischen in den meisten Ortschaften beschafft sein. Das Quantum ist durch Vertrauensmänner festgestellt worden und wird den einzelnen Gemeinden gegen solidarische Schuldverbindlichkeit der Gemeindemitglieder mit zwei Mark fünfzig Pfennig bis drei Mark pro Centner geliefert.

Was nun die traurigste Hauptsache des ganzen Unglücks, den Ausbruch des Typhus betrifft, so kann leider die weithin erregte Furcht vor diesem grauenhaften Schreckbilde nicht als eine unbegründete bezeichnet werden. Nach den Mittheilungen des oben bereits genannten Dr. Heer in Ratibor vom 23. December war der Typhus bis zu diesem Tage nicht blos in dem Dorfe Solarnia, sondern auch in Ratibor selbst und in den Dörfern Olsau, Bluschczau, Plania, Marquartowitz, Kamin, Brzeznitz, Raschütz, Bobrownik, Woinowitz und Nendza constatirt. Der Arzt bemerkt hierbei: „Wenngleich in mehreren Orten erst einzelne Fälle aufgetreten sind, so muß doch die Gleichzeitigkeit ihrer Erscheinung als der Ausdruck einer allgemeinen Ursache erachtet werden, und über die Natur dieser Ursache besteht kein Zweifel mehr.“ Die furchtbare Ansteckungsfähigkeit und verheerende Gewalt dieser schrecklichen Krankheit ist zu bekannt, als daß davon noch besonders gesprochen werden müßte. Einigermaßen beruhigend können in dieser Hinsicht die Maßnahmen wirken, welche von den Behörden unter persönlicher Leitung des Oberpräsidenten an Ort und Stelle angeordnet und ausgeführt worden sind; dieselben lassen zuversichtlich hoffen, daß die Krankheit auf ihren Herd beschränkt und ein epidemisches Ueberhandnehmen derselben verhindert werden kann. Dringend nöthig in dieser Beziehung ist die strengste Controlle, namentlich der ländlichen Gemeindebehörden, da es vorgekommen ist, daß in einer Ortschaft des Kreises Gleiwitz mehrere Wochen hindurch ein ansteckende Krankheit herrschte, ohne daß auch nur der Kreisverwaltungs- oder der Kreismedicinalbehörde irgend eine Anzeige davon erstattet wurde. Hier liegt eine ganz ungeheuere Verantwortung, denn durch die so reich gespendete Hülfe haben die außerhalb Oberschlesiens wohnendem Bevölkerungen sich ein doppeltes Recht erworben, gegen die Einschleppung der Hungerpest aus dem bedrängten Lande sich in durchgreifendster Weise geschützt zu sehen.

Dieses gleichgültige Verschweigen der Gefahr ist für den Oberschlesier, wie er jetzt ist, ebenso charakteristisch, wie die häßlichen Züge, welcher ich zu Eingang dieses Berichtes Erwähnung that. Aus allem, was ich als Bewohner der Provinz längst weiß und jetzt auf's Neue wiederum gesehen und gehört habe, geht eben mit Sicherheit hervor, daß man es in Oberschlesien mit einem doppelt bedrohlichen und verhängnißschweren Nothstande zu thun hat, mit einem leiblichen und einem geistig-sittlichen. Der erstere wird durch die starke Mithülfe des opferwilligen Erbarmens hoffentlich bald abgewendet werden, der geistige und sittliche Nothstand aber wird den Hunger sammt seinem schauerlichen Gefolge auch dieses Mal überleben, und es wird sich aus dieser Seite des Unglücks, falls ihre allmähliche Besiegung nicht gelingt, das gegenwärtige Elend unter geeigneten Umständen immer von Neuem erzeugen müssen.




Dessau und sein Herzog Franz.


Von dem „alten Dessauer“ hat wohl Jeder einmal gehört, und weltberühmt seit anderthalb Jahrhunderten ist auch der aus den Kriegszügen dieses Soldatenfürsten herrührende „Dessauer Marsch“. Von Dessau selber aber wissen die meisten Leser wohl kaum etwas mehr, als daß es eine der kleineren deutschen Fürstenresidenzen ist, die am linken Ufer der Mulde, unweit ihres Einflusses in die Elbe, gelegene Hauptstadt des seit 1863 wiederum vereinigten Herzogthums Anhalt. Uebertreibung würde es sein, wenn man den Ort als einen verschollenen bezeichnen wollte. Aber von einer liebreichen Verwaltungsweisheit, welche hier in den vormärzlichen Tagen unbeschränktester Territorialherrlichkeit ihr Regiment entfaltete, wäre ihm beinahe dieses Geschick bereitet worden. Viele Jahre hindurch hat diese eigenthümliche Regierungskunst mit ängstlicher Fürsorglichkeit über der politischen und industriellen Unschuld des Ländchens und seiner Hauptstadt gewacht, ihr patriarchalisches Stillleben namentlich gegen das Eindringen eines unruhigen Fremdenverkehrs so emsig zu schützen gesucht, daß die Folgen dieser langen Absperrung noch heute nicht überwunden sind. Dessau wird noch immer wenig von Touristen besucht und auch jenseits der anhaltischen Grenzen nur selten in der Oeffentlichkeit genannt.

Das hindert es jedoch nicht, eine der schmucksten und ansehnlichsten deutschen Städte zu sein und den neu hereinkommenden Fremden meilenweit in ihrem Umkreise durch eine Landschaftsscenerie zu überraschen, die sofort seinen Blick fesselt und sein Herz gewinnt. Eine solche Fülle heiterster Anmuth, lieblichster und frischester, namentlich zu einem reichen Ganzen harmonisch vereinigter Naturbilder hatte er sicher in einer der ebenen Gegenden unseres Vaterlandes nicht erwartet, und anziehend wie die Betrachtung dieser grünen Wald-, Garten- und Auenherrlichkeit werden dem Gebildeten auch die Mittheilungen über ihre Entstehungsgeschichte sein. Erinnert sie doch lebhaft und in sprechenden Zeichen an jene merkwürdige Epoche des vorigen Jahrhunderts, wo auch deutsche Fürsten mächtig von dem durch alle Lande wehenden Humanitätsgeiste der Zeit ergriffen wurden, sodaß sie es sich zur Lebensaufgabe machten, die Verschönerer ihrer Länder, die Retter und Wohlthäter ihrer zurückgebliebenen Völker durch Förderung von Bildung und Aufklärung, von gutem Geschmack und edler und humaner Sitte zu werden.

Wer einmal durch den berühmten Weimarischen Park gewandert ist, der wird an einem schattig-lauschigen Punkte dieser classischen Stätte ein hohes, durch die Jahre schon verwittertes Steingefüge bemerkt haben mit der Inschrift: „Francisco Dessaviae Principi“ (vergl. die Abbildung Jahrg. 1878 S. 453 der „Gartenlaube“). Dieses eigenthümlich gestaltete Denkmal ist hier vom großsinnigen Karl August einem älteren Zeit- und Gesinnungsgenossen, der ihm Freund und in vieler Hinsicht Vorbild war, dem Herzog Franz von Dessau, errichtet worden. Da keine derartige Huldigung anderer Persönlichkeiten im Parke sich findet, ist jene einzige unbedingt ein Beweis höchster Verehrung seitens des Weimarischen Musenhofes, mag dieselbe nun der Genialität des großen Baumeisters, Parkschöpfers und Landschaftsgärtners, dem Schüler und Freunde Winckelmann's, oder dem erleuchteten Regenten, dem Anhänger Rousseau's und Pestalozzi's, dem eifrigen Förderer einer verbesserten Jugend- und Volkserziehung von großen Gesichtspunkten aus, gegolten haben. Nach allen diesen Seiten hin hatte der Fürst Franz mit den eingreifendsten Erfolgen gewirkt, und nur äußere Umstände tragen die Schuld, daß man das weit über den engen Localrahmen hinausreichende Bild seiner Persönlichkeit noch nicht in würdiger Biographie gezeichnet, ihm in der Culturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts noch nicht den verdienten Platz angewiesen hat. Das heutige Dessau ist zum großen Theil sein Werk, und wir werden eingehender von ihm sprechen müssen, indem wir Veranlassung nehmen, etwas über die Stadt und ihre Geschichte mitzutheilen.

Die Geschichte kleiner monarchischer Staaten und besonders ihrer Residenzstädte war und ist auch heute noch viel mehr mit der Geschichte ihrer Fürstenhäuser verwachsen, und ihr Charakter, ihr Aufschwung oder Rückgang bleibt in viel stärkerem Maße von dem Charakter, der Bildung und Befähigung der jeweiligen Regenten abhängig, als dies in umfangreicheren Ländern der Fall ist. Aus dieser Lage der Dinge ergeben sich im Laufe der Zeit sehr viele Förderungen und Vorzüge, aber auch mancherlei Nachtheile, wohin der Mangel eines unabhängigen öffentlichen Geistes und eine gewisse Unselbstständigkeit des bürgerlichen Lebens zu rechnen ist. Alle diese kleinen Residenzen zeigen daher die wohlthuende Eigenschaft einer von oben her geordneten traditionellen Zierlichkeit und Nettigkeit, einer gebildeten Gesellschaft und gewissen Eleganz der Einrichtungen und Sitten. Zu einer wirklichen

[52]
Die Gartenlaube (1880) b 052.jpg

Nach der Natur aufgenommen von Otto Strützel.

[53] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [54] Bedeutung jedoch, die nur durch eine energische Regung des Volksgeistes erreicht werden kann, hat es bis jetzt noch keine einzige derselben gebracht.

Dessau ist weit jünger als seine Schwesterstädte Köthen, Bernburg und Zerbst. Es soll erst kurz vor 1212, in den letzten Regierungsjahren des Grafen Bernhard von Anhalt und auf Betrieb dieses Fürsten, im Anschluß an einen slavischen Ort entstanden sein. Bei seiner guten Lage an der Mulde und in der Nähe der schiffbaren Elbe gewann Dessau bald an Bevölkerung und Ausdehnung, und war bereits zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts eine wohleingerichtete Stadt. Mitten im besten Aufblühen aber hatte sie am 19. August 1467 das Schicksal, bis auf die Kirche zu St. Marien abzubrennen, ein Unglück, von dem es sich in den nächsten beiden Jahrhunderten nur langsam, wesentlich aber durch die Verdienste der Fürsten Joachim Ernst (1570 bis 1586) und Johann Georg des Zweiten (1660 bis 1693), erholte.

Fürst Leopold, des Letztgenannten einziger Sohn und Nachfolger – „der alte Dessauer“ – vergrößerte Dessau bedeutend. Der Anfang des achtzehnten Jahrhunderts sah eine völlige Umgestaltung der Stadt durch ihn. Mauern und Thore fielen; neue Straßen und ganze Stadttheile entstanden, und den regsamen Bürgern schenkte er Bauplätze und Baumaterialien. Aber – er schrieb ihnen auch streng vor, wie sie ihre Häuser bauen sollten: nach der Schablone, casernenartig, meist zwei Stockwerke mit einem Erker darauf, wie sich solche noch heute vielfach in Dessau finden. Seine Häuser erinnern in ihrer Gleichförmigkeit an seine Grenadiere auf den preußischen Drill- und Paradeplätzen. Eines aber verstand Fürst Leopold nicht, oder wollte es bei seiner Eigenart nicht verstehen: auf dem von seinem Vater gelegten Grunde fortzubauen, geschäftliches Leben und Treiben in seiner Residenz zu fördern, die Industrie zu heben, Handel und Ackerbau mehr und mehr von hemmenden Fesseln zu befreien, durch Humanität und Wohlwollen sich die Herzen seiner Unterthanen zu gewinnen. Während er selbst seinen eigenen Wohlstand bedeutend vermehrte, die Einkünfte des kleinen Landes – das heißt also seine Einkünfte – von etwa 26,000 auf 240,000 preußische Thaler brachte, kamen seine Unterthanen in fast allen Schichten immer mehr und mehr zurück, ja verarmten zum Theil. Durch sein Princip, allen großen Grundbesitz, besonders den der adeligen Familien im Lande, an Gütern, Mühlen und Gefällen an sich zu kaufen, Privilegien, Monopole und Lehen, nicht selten durch Gewalt, in seine Hand und an sein Haus zu bringen, schädigte und verstopfte er vielfach die Hauptnahrungsquellen seiner Unterthanen. Die traurigen Folgen dieses Verfahrens im ehemaligen Fürstenthum Anhalt-Dessau, ein gewisses Siechthum auf dem volkswirthschaftlichen Gebiete, ganz zu beseitigen, ist selbst der regen Jetztzeit noch nicht gelungen.

Bei des Fürsten Leopold Tode (1747) zählte Dessau etwa sechstausend Einwohner. Erst dessen Enkel, der obengenannte Fürst Leopold Friedrich Franz (1758, seit 1807 Herzog, bis 1817), verstand es, aus dem Felsen Wasser zu schlagen; er prägte dem kleinen Ort und seinen verwilderten, wüst und öde daliegenden Umgebungen den Stempel seiner Bildung und seines hohen künstlerisch gebildeten Schönheitssinns, seines Geistes und Geschmacks auf.

Fürst Franz, von tüchtigen Lehrern unterwiesen, „in der Schule der Humanität gebildet, die den Fürsten die Unsterblichkeit sichert“, hatte sich ernstlich die Aufgabe gestellt: Land und Leute zu beglücken Und – was noch viel mehr sagen will – er hat diese Aufgabe, soweit es möglich war, gelöst, und zwar in einer Zeit, wo es in den großen wie kleinen Ländern des gesammten europäischen Continents irgend einen Willen des Volkes noch nicht gab und der Wille des souverainen Monarchen allein entschied und gebot.

Kaum achtzehn Jahre alt, trat Franz in einer schweren Zeit, mitten im Toben des dritten schlesischen Krieges, die Regierung an. Wegen seiner geographischen Lage, von Sachsen und Preußen umschlossen, hatte Anhalt-Dessau viel unter jenen kriegerischen Vorgängen zu leiden. Die Kriegscontributionen während der sieben bösen Jahre bezifferten sich auf eine Million Thaler. Von den Unterthanen war nichts zu verlangen, eine traurige Folge der Besitzentziehung und der schwer vernachlässigten Landes- und Menschencultur – Fürst Franz zahlte die Contributionen aus seinen eigenen Mitteln. Acht Jahre später traf eine ähnliche Calamität das Ländchen. Die Wasser der Mulde und Elbe stiegen im Vorsommer des Jahres 1771 zu einer niegekannten Höhe, zerrissen die wenigen Schutzdämme und ergossen sich zerstörend über die Aecker der Bürger und Landleute. Hunger und bösartige Krankheiten wütheten. Da trat der junge Fürst zum zweiten Male als der Retter der Seinen auf. Er verschaffte ihnen aus Hamburg billiges Brodkorn und Saatfrucht und gab ihnen Arbeit und Verdienst. So ward die große Noth in dem kleinen Lande bald überwunden. Aber der menschenfreundliche Regent sah tiefer und weiter.

Zur Ausgleichung der Schäden sollte das Selbstvertrauen des Einzelnen geweckt, sollte Jeder auf seine ihm innewohnenden geistigen und intellectuellen Kräfte hingewiesen werden. Die bisher sehr im Argen liegenden Schulen waren einzig das Mittel hierzu. Hier eröffnete sich dem schöpferischen Drange und dem Organisationstalent des Fürsten Franz ein großes Thätigkeitsfeld. „Können meine Unterthanen auch nicht durch Handel und Fabriken reich werden,“ hat er selbst einmal ausgesprochen, „so will ich sie doch wenigstens durch Bildung gut und glücklich machen.“

Im Jahre 1774 gründete er unter Basedow's Leitung das seiner Zeit berühmte „Philanthropin“ in Dessau, berief die bedeutendsten Pädagogen Deutschlands an dasselbe, richtete ein Seminar, eine Pflegestätte für junge Volkslehrer, wohl die erste in Deutschland, ein, und schuf unter vielen anderen Lehr- und Bildungsanstalten in Stadt und Land eine höhere Bürger- und Gelehrtenschule in Dessau, das jetzige Gymnasium. Inzwischen hatte Fürst Franz, als ein großer Verehrer Winckelmann's, mit dem er in Rom innige Freundschaft geschlossen, im Herzensverein mit einem jungen sächsischen Edelmann, dem für alles Edle empfänglichen und begeisterten Herrn von Erdmannsdorff, dem Studium der schönen Künste sich zugewandt – sowohl aus eigener Neigung, wie um seiner früh gefaßten volkspädagogischen Pläne willen. In schönen Kunst- und Naturgebilden sah er ein Hauptmittel, auf die Gemüther zu wirken, Sinn, Verständniß und Geschmack für das Höhere und Erhabene in seinem Volke zu erwecken.

Gleichzeitig und aus denselben Gründen begann er mit vollster Hingabe der Gartenkunst und Landschaftsgärtnerei sich zu widmen, die er in England kennen und lieben gelernt. Als Frucht dieser Arbeiten entstand der etwa drei Stunden von Dessau entfernte berühmte Wörlitzer Garten mit seinem von majestätischen Linden umschatteten, in edlem Baustile aufgeführten Schlosse. Noch heute, mehr als hundert Jahre nach seiner Erbauung, gilt diese ebenso imposante, wie poesievolle Schöpfung, wenn man einige dem Zeitgeschmacke angehörige Anhängsel abrechnet, als ein Kleinod der Landschaftsgärtnerei.

Ueber der Sorge um dieses Werk vernachlässigte der Fürst jedoch die Hauptstadt selber nicht. Fast gleichzeitig schuf er in der Umgebung derselben den durch hohen, idyllischen Reiz sich auszeichnenden Park „Luisium“ und erbaute daselbst auch auf einem Hügel, an einem träumerisch daliegenden, schilfumwachsenen Weiher, ein freundliches Schloß. Ein Seitenstück zu dieser Schöpfung ist das von Franzens kunstsinnigem Bruder Johann Georg 1780 erbaute Schloß „Georgium“, nur daß der dasselbe umgebende Park, der sogenannte „Georgen-Garten“, einen viel imposanteren Umfang hat, sich durch die herrlichsten Baumgruppen, schattigsten Laubgänge und mancherlei Häuser, Hallen, Tempel, Bogen und Statuen auszeichnet und überhaupt einen durch die nächste Nähe der Stadt bedingten belebteren Charakter trägt.

Ferner legte Franz in den ersten achtziger Jahren, auf einer natürlichen Uferhöhe an der Elbe, ein und eine halbe Stunde östlich von Dessau, den „Sieglitzer Berg“ an. Ein Verehrer des Fürsten, der kunstgebildete Fürst Ligne, nannte ihn „die reizendste Einsiedelei der Welt“. Der Sieglitzer Berg, wohin der Weg über duftige, mit majestätischen Eichen gesäumte und geschmückte Wiesenflächen führt, die in der Morgen- oder Abenddämmerung von Rudeln Hoch- und Damwild belebt sind, bildet noch heute einen der beliebtesten Ausflüge der Dessauer. Von kleineren Anlagen dieser Art sei der Hügel erwähnt, den er beim Dorfe Pötnitz unweit Dessau am See aufführte und welcher den Tempel der Winde zu Athen vorstellt.

Sein Werk ist auch der schöne, große, bei Dessau liegende Begräbnißplatz, bei Franzens Toleranz und reformatorischen Bestrebungen für „alle christlichen Confessionen“ gestiftet. Die vielen Akazien lassen ihn zur Zeit ihrer Blüthe von fern eher

[55] als einen Lustgarten erscheinen. Hier ruht, außer vielen anderen verdienten und bekannten Männern, auch der Sänger der Griechenlieder, Wilhelm Müller, ein geborener Dessauer. Die Grabstätte Friedrich Schneider's, des berühmten Componisten des „Weltgerichts“, der von 1821 bis zu seinem Tode, 1853, Hofcapellmeister in Dessau war, befindet sich auf dem angrenzenden, 1820 vom Herzog Leopold Friedrich angelegten neuen Friedhofe.

Ueberblickt man die gesammten landschaftsgärtnerischen Schöpfungen des Fürsten, ein planmäßig zusammenhängendes Werk großen Stils, so erkennt man das erfolgreiche Bemühen, nicht nur die nächsten Umgebungen Dessaus, sondern die ganze Muld- und Elbaue, ein Terrain, das sich durch seine Fruchtbarkeit und Frische allerdings leicht dem schöpferischen Walten fügte, zu einem einzigen großen Park umzuwandeln und diesem Boden in wohlthuendster Gestaltung Alles entsprießen zu lassen, was das Auge erfreuen, die Seele erheben kann.

Gewissermaßen gehörte zu diesen Schöpfungen auch jene schöne Brücke über die Elbe, welche Franz mit einem Aufwand von 80,000 Thalern erbaute, welche aber schon zweiundzwanzig Jahre später von den aus der Jenaer Schlacht fliehenden Preußen abgebrannt wurde.

Für die Stadt Dessau hat er unendlich viel gethan. Zunächst schuf er in der unmittelbaren Umgebung des Schlosses den Lustgarten mit seinem Reichthum der herrlichsten Bäume: Roßkastanien, die mit ihren aufrecht stehenden, pyramidalen Trauben uns an den lichtergeschmückten Weihnachtsbaum erinnern, Linden, Ahorn, Eschen, Eichen und die eigenthümlichen, freilich dem heutigen Geschmacke nicht mehr entsprechenden Cedernpyramiden und verschnittenen Taxushecken. An der Westseite des Gartens erbaute er ein großes Orangeriehaus und begrenzte die freundliche Anlage durch andere Hofgebäude, Marställe, Reitbahn etc., die in edlem Stil gehalten und mit vorzüglichen Bildwerken nach antiken Mustern geschmückt sind. Eine weitere Anlage des kunstsinnigen Fürsten ist auch die seinen Namen tragende Franz-Straße, eine Verlängerung der schon früher vorhandenen Karolinen-Straße. Am Ende der letzteren liegt ein gleichfalls von ihm, an der Stelle eines ehemaligen alten Kirchhofes, geschaffener, zu Lustgängen eingerichteter und mit Linden bepflanzter großer Rasenplatz. Hier hat das nachlebende Geschlecht ihm am 20. October 1858, zur Erinnerung an seinen vor hundert Jahren erfolgten Regierungsantritt, ein von Kiß in Berlin modellirtes ehernes Standbild errichtet. Fast am Ende der Franz-Straße liegt das ebenfalls von Franz auf einer ehemals todten Sandscholle hervorgerufene „Rondel“, ein von köstlichen Platanen umschlossener Rasenplatz.

Der Blick über diese 440 Ruthen lange Straßenflucht ist imponirend; es dürfte so leicht keine zweite Stadt von der Größe Dessaus sich eines solchen rühmen. Allerdings macht sich gerade an diesem Punkte die immer noch äußerst geringe Lebendigkeit des Ortes auffällig fühlbar. Es liegt in manchen Tagesstunden tiefe Stille über dieser weiten und herrlichen Straße. Aber hinter den blanken Scheiben und sauberen Gardinen sieht man, wie fast überall in der Stadt, behagliche Wohnungen, liebliche Frauenköpfe und allen Comfort einer eleganten und behaglichen Lebensführung.

Einen imposanten Anblick gewährt der Eintritt in Dessau von der gleichfalls durch Franz erbauten Muldbrücke her. Links die neue, mit burgähnlichen Thürmchen geschmückte große Mühle, rechts ein stattliches Fabrikgebäude, und über den rauschenden Laubkronen das Residenzschloß, Thurm und Kirche zu St. Marien hervorragend, die Mulde von üppig wuchernden Bachweiden eingerahmt, die mit mächtigen Weidenbäumen und kolossalen Silber- und Schwarzpappeln malerisch abwechseln – Alles, nur mit Ausnahme einiger neueren Baulichkeiten, von Franz erdacht und geschaffen.

Ein eigenthümlicher Zug im Leben des Fürsten war die Unablässigkeit seines Lernens und Strebens. Sein Haus war eine Akademie, sein Hof ein Zusammenfluß aller Derer, die in den letzten dreißig Jahren des vorigen Jahrhunderts durch Geist und Bildung hervorragten, von seiner Genialität sich angezogen fühlten, ihn liebten. Auch Goethe ist oft sein Gast gewesen und hat hier gern geweilt.

Herzog Franz starb den 9. August 1817, siebenundsiebenzig Jahre alt, im Schlosse Luisium und ruht neben seiner Gemahlin Louise, geborenen Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, der Freundin Matthisson's, unter dem von ihm erbauten Thurme der Kirche zu Jonitz, einem idyllisch gelegenen großen Dorfe etwa zwanzig Minuten von Dessau. Sein edler Traum, das Land ohne Zuthun und die berechtigte Mitarbeit des unfreien Volkes für längere Dauer glücklich zu machen, hat freilich, wie er sich dies auch am Ende seines Lebens gestehen mußte, nicht das von ihm ersehnte Maß der Erfüllung gefunden. In der Welt draußen ist Herzog Franz bald vergessen worden, in seinem Ländchen aber lebt die dankbare Erinnerung an ihn fort.

Sein Nachfolger war sein Enkel, der 1871 verstorbene Herzog Leopold Friedrich, und während seiner Regierungszeit erfolgte der Bruch mit dem patriarchalischen Regiment, erfolgten all die Umwälzungen, welche das deutsche Volks- und Staatsleben seit 1848 bis zu seinem Tode erfahren hatte. Ein gleichfalls kunstsinniger Fürst, hat er noch manches Schöne in Franzens Schöpfungen eingefügt, an das theilweise noch Unfertige die vollendende Hand gelegt. Er schmückte das bereits von Franz 1798 erbaute Theater mit einem prächtigen Vorderhause und führte eine Reihe herrlicher Bauten aus. Auch die auf der beigegebenen Zeichnung unten links, neben dem Schlosse zu Kühnau, an einem lieblichen See stehende Kirche in byzantinischem Stil, eine der schönsten Dorfkirchen Anhalts, ist sein Werk, desgleichen das den schönen Park zu Kühnau zierende Schlößchen, „Burg Kühnau“ genannt. Vom Altan desselben genießt man eine meilenweite Aussicht in das rings offen daliegende Land. Auch die majestätische Elbbrücke bei Roßlau, über welche jetzt die Berlin-Anhaltische Eisenbahn führt, erbaute Herzog Leopold Friedrich in den Jahren 1834 bis 1836. Dessau erweiterte er nach Süden und Westen durch Anlegung vieler neuen Straßen. Auf dem sogenannten Kleinen Markt – siehe das Mittelbild der Zeichnung – erhebt sich neben noch drei anderen anhaltischen Fürsten das eherne, sprechend ähnliche Bild des Herzogs aus einer achteckigen Brunnenschale mit einem viereckigen Unterbau. Dieses vom Lande errichtete „Jubel-Denkmal“, am Tage seines fünfzigjährigen Regierungsjubiläums enthüllt, ist vom Hofbildhauer Schubert, einem geborenen Dessauer, der gegenwärtig ein Atelier in Dresden hat, entworfen und ausgeführt worden.

Mercantiles Leben aber ist in Dessau auch unter dieser Regierung nicht zur Blüthe gediehen. Der günstige Zeitpunkt, die Stadt dadurch zu heben, war eben früher versäumt worden. Die von den Preußen 1806 abgebrannte Elbbrücke hätte gleich nach dem Kriege wieder hergestellt werden sollen. Es unterblieb, und dadurch ging dem Lande die große Post- und Handelsstraße nach Berlin, Magdeburg und Leipzig verloren. Selbst die im Jahre 1840 über Dessau geführte Berlin-Anhaltische Eisenbahn erfüllte nicht das, was man sich von ihr versprochen. Handel und Wandel lagen darnieder, und zur weiteren Schädigung der finanziellen Lage der Stadt kamen dann später die Fallissements einiger großer Dessauer Geldinstitute. Unwissenheit und Gewissenlosigkeit hatten hier am Ruder gesessen.

Erst in neuerer Zeit, durch den Umschwung in den politischen, staatlichen und gewerblichen Verhältnissen Deutschlands überhaupt, insbesondere aber durch die im Jahre 1869 erfolgte Auseinandersetzung zwischen dem herzoglichen Hause und dem Lande bezüglich des Domaniums, scheint der Bann gebrochen worden zu sein, der Jahrhunderte lang auf dem geschäftlichen und volkswirthschaftlichen Leben Dessaus gelegen. Die Leiter des Staats und der Stadt haben mehr freie Hand gewonnen, sind selbstständiger geworden, und in allen Zweigen ist dadurch ein erfreuliches Sich-rühren und Regen unverkennbar geworden. So kam es, daß Dessau, das ehemals „feine Städtchen“, unter der Regierung des jetzigen Herzogs Friedrich ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat und nach verschiedenen Seiten hin, besonders in der Gegend des neuen Bahnhofes, im Laufe weniger Jahre ganz neue Stadttheile mit herrlichen Straßen und Gebäuden entstanden sind.

Dessau zählt gegenwärtig in etwa 1650 Häusern fast 22,000 Einwohner. Luft, Licht und Raum die Fülle! Außerdem schließen sich an die weit überwiegende Mehrzahl der Häuser freundliche Gärten, die wesentlich zu dem guten Gesundheitszustand der Stadt beitragen. Als Sitz der deutschen Continentalgasgesellschaft wird die Stadt schon seit 1856 durch Gas beleuchtet; sie hat auch seit einigen Jahren eine städtische Wasserleitung. [56] Der Zufluß der Fremden nach Dessau, die sich hier häuslich niedergelassen haben, ist jetzt im Steigen. Wer die Ruhe sucht, dürfte sie in Dessau finden. Auch für geistige und künstlerische Genüsse ist vielfach gesorgt. Capelle und Theater wetteifern mit derartigen Instituten vieler größerer Städte, und die reichen Kunstsammlungen in den herzoglichen Schlössern sind eine wesentliche Zierde der Stadt.

An einer rechten geistigen Regsamkeit und geistig belebten Geselligkeit fehlt es zwar noch in Dessau, aber beides wird aus den erweiterten Verhältnissen, bei den vorhandenen Bildungstraditionen, allmählich sich erzeugen.

Unter den schönen Wegen und Punkten um Dessau herum dürfte das obengenannte „Luisium“ die erste Stelle einnehmen. Die Muldbrücke führt uns in die Muldaue. Hier prangt Alles in lachendem, saftigem Grün. Indem wir die Chaussee links liegen lassen, gehen wir rechts eine schattige Wallpromenade hinaus. Wir freuen uns über die jugendkräftigen Stämme und frischen Wipfel der Scharlacheichen, und über die sich uns rechts erschließende, stundenweit sich erstreckende, wahrhaft herrliche Wiesen- und Waldperspective des sogenannten „Thiergartens“, dessen mächtige uralte Eichenstämme sich im Süden und Südosten scheinbar zu einem Urwald zusammendrängen. Jenseits der bald erreichten Jonitzer Muldbrücke wenden wir uns etwas links und betreten alsbald die nach dem „Luisium“ führende Allee: Linden, Kastanien, Eichen und Buchen in malerischer Abwechslung, rings weiter und breiter Wiesenteppich, rechts das hinter Bäumen versteckte Dorf Jonitz.

Die Wipfel der Bäume verschlingen sich auf diesem Wege zu einem einzigen großen Laubdach und wehren jedem neugierig eindringenden Sonnenstrahl, Frische und Kühlung verbreitend. Es ist uns, als wandelten wir durch die Hallen eines riesigen Domes. Im „Luisium“ selbst empfängt uns Waldeinsamkeit, Waldfrieden. Es lagert wie eine immerwährende Sonntagsruhe über diesem wunderschönen Park, und wer hier mit offenem Auge und empfänglichem Sinne gewandelt, wird niemals ohne die rechte Sonntagsstimmung heimgekommen sein.

So ist auch der Weg von Dessau nach Wörlitz durch den „Vockeroder Busch“ und hinter dem Dorfe Vockerode, den hohen mit blühenden Hecken und gesegneten Fruchtbäumen eingefaßten Elbwall hinauf, ein Edelstein in den Schöpfungen des Herzogs Franz. Auf diesem an lieblichen Durch- und Fernsichten so reichen Walle, links die Elbe, von größeren und kleineren Fahrzeugen mit ihren schwellenden Segeln bedeckt, rechts ein lachendes Landschaftspanorama – hier war es, wo einst Lord Stewart, ein Freund und Verehrer Franzens, vom Anblick all der Schönheiten entzückt, in den Ruf ausbrach: „Goddam! Hier bin ich in England.“

Und Wörlitz selbst? In der That, man braucht es nur gesehen zu haben, um die Wahrheit von Goethe's Worten zu fühlen, die er von Wörlitz aus an einem Maitage der achtziger Jahre an Frau von Stein schrieb:

„Hier ist's jetzt unendlich schön. Mich hat's gestern Abend, wie wir durch die Seen, Canäle und Wäldchen schlichen, sehr gerührt, wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben, einen Traum um sich herum zu schaffen.“

L. Würdig.




Blätter und Blüthen.

Ein Opfer des Winters. (Mit Abbildung S. 45.) Die Jagd- und Waldfreunde – und deren zählen wir viele im Kreise unserer Leser – werden sich gern an einem Bilde erfreuen, welches einen Blick in das Thierleben im Winterwalde eröffnet und dabei, nach der Erzählung des Malers, den Vorzug hat, genau der Natur abgelauscht zu sein. Auf einer schneebedeckten Höhe des Hunsrück-Gebirges war es, wo die froststarre Erde dem Hochwild die Nahrung entzogen und besonders den schon altersschwachen Theil desselben dem Hungertod geweiht hatte. Ein Rudel alter Hirsche ist – so schreibt uns der Künstler – schon von einem Wechsel zum andern gezogen und hat jeden Grashalm, der noch verstohlen aus der Schneedecke sich hervorstreckte, jedes dürre Laub mit Mühe gefunden und abgeäßt. Immer höher steigt die Nahrungsnoth, immer schwächer werden die Kräfte der edlen Thiere. Ein prächtiger Zwölfender bleibt endlich, in mondklarer Winternacht, vom Rudel zurück. Mühsam schleppt er sich allein zwischen den Stämmen hin, bis er zusammenbricht, matt das gekrönte Haupt auf den vom Monde blau beschimmerten Schnee legend. Immer schwerer werden die Athemzüge; immer matter blicken die „Lichter“ wie flehend zum Sternenzelt empor. Da – noch einmal ein Aufflackern der letzten Lebenskraft – das stolze Haupt sinkt zurück – die „Lichter“ sind erloschen. So findet der heranbrechende Tag den todten König der Wälder. Soeben zieht nicht fern von diesem Todtenbette ein Rudel Sauen vorüber. Der vorderste Keiler zieht an; er nimmt eine unerwartete Witterung auf, und bald schlägt das ganze Rudel den Weg des Führers ein, der in wenig Augenblicken die Todtenstätte erreicht hat und hier unverhofft ein leckeres Frühstück findet. Zugleich aber huscht jenseits Etwas geduckt über den Schnee heran, wie unschlüssig dann und wann Halt machend und verdrießlich auf die herbei trottenden Wildschweine schielend: auch Reinecke ist schon auf guter Fährte und sieht mit mißgünstigem Auge, daß Stärkere ihm zuvorgekommen.

So sah ich das Bild im Walde. Zogen sich auch Fuchs und Sauen, als sie mich gewahrten, scheu zurück, so hatten die letzteren doch, als ich den Förster nach zwei Stunden auf den Platz führte, den Hirsch schon „angeschnitten“.




Die Harfe der Königin Marie Antoinette wird uns als dermaliges Besitzthum des Malers F. Madaus in Stuttgart angezeigt, dessen Schwiegermutter sie 1833 von der Gräfin Marbly durch Kauf erworben habe. Als Fabrikant derselben sei „Ousineau Père et fils à Paris“ genannt. Es scheinen somit mehrere Harfen der unglücklichen Königin vorhanden zu sein.



Kleiner Briefkasten.


H. N. in G. Unsere der „Revue internationale des Sciences“ entnommene Nachricht, daß die kreuzweise in der Kirche St. Peter zu Genf ausgespannten Fäden die Akustik derselben merklich verbessert hätten, ist nach einer uns von dem zuständigen Consistorium gütigst gemachten Mittheilung nicht begründet; die Fäden sind vielmehr, weil die erwartete Wirkung nicht eintrat, wieder entfernt worden.

M. F-w in Wien. Die Angabe Ihrer Adresse wird gewünscht.

A. Sch. in M. Nein, aber einem arbeitsfähigen Invaliden, welcher Drechsler oder in Portefeuille- und Etuis-Arbeiten geübt ist, kann sofort Stellung angewiesen werden.

Alter Abonnent in Santo. G. Zechmeyer in Nürnberg.



Für die Hinterbliebenen der verunglückten Bergleute von Zwickau

gingen ferner ein: L. P. Sterrenberg in Lehe M. 5; ein Freund der „Gartenlaube“ in Warnsdorf M. 20; Ungenannt M. 15; G. F. in Nürnberg M. 10; Th. Scriba in Schotten M. 3; Entschädigung d. K. G. A. in Leipzig an C. Heinze in Dresden M. 8; Frau Adelheid K. in Bocholt M. 3; Rustic. Fris. budjadingensis M. 5; A. Halbreuter in Steinau M. 14,55; gesammelt bei der Abschiedsfeier eines Freundes in Gruhle's Restaurant in Leipzig M. 15; die Kochlianer M. 3; Postsecretär Poßner in Halle M. 5; F. F. M. 18; Scatpartie in Vorsfelde M. 17; J. H. Sallanus in Burgsteinfurt M. 20; C. H. M. 10; Frau Lindig M. 10; Z. 13. M. 10; Chammensee in Hof M. 10; C. K. M. 5; Gutsbesitzer Kempka in Schwalgendorf M. 3; Henschel und Loche in Hattingen M. 2; W. Opponius in Wittenberg M. 5; Frau Oberförster E. Laschke in Wudeck M. 5; Gutsbesitzer Schönfeld in Kelpin M. 20; Postsecretär W. Schädel in Preußisch-Stargard M. 3; Fräulein Jeanette Claassen in Danzig M. 3; Louis Auler in Bentheim M. 10; R. P. in Danzig M. 10; Familie Levin in Braunschweig M. 12; „Glück auf“ aus Obertraubling M. 10; Ch. Schnittler in Bielefeld M 3; H. Ludwig Eidmann in Naumburg M. 3; Fr. Hirschfeld in Egeln M. 6; Alb. Neumann in Hirschberg M. 3; Fr. Gm. in Neugersdorf M. 5; C. M. in Bitterfeld M. 1; F. W. M. 5; Friedrich Trumpler in Augsburg M. 2; Ideiningos Damenstiftung M. 10; v. H. M. 15; E. G. in A. M. 2; M. in Vetschau M. 3; P. S. B. in Köln M. 10; Ungenannt in Schweidnitz M. 13; Fräulein J. W. M. 10; O. O. in Gotha M. 1; aus Breslau M. 5; Robert Propach in Frankfurt am Main M. 10; Abonnent vom Schwarzwald M. 5; Frau Banquier Hch. Müller's Wittwe und Frau Amalie Quosig's Wittwe in Landau M. 15; Lena und Gerta Freudenberg M. 10; L. F. M. 5; ein Unterofficier des vormaligen Kurhessischen Leibgarde-Regiments M. 50; A. M. M. 10; S. S. in Remscheid M. 30; Ertrag einer Sammlung in Langenargen durch Braß M. 25; S. V. in M. M. 10; Karl Brinke in Parchwitz M. 10; N. N. in Oldenburg M. 10; Kataster-Controleur Krüger in Stade M. 3; H. B. in Elsterwerda M. 5; aus der Sparcasse von W. S. M. 1; C. Reuter in Oberndorf M. 2; R. R. in W. M. 5; A. S. in Berlin M. 3; aus Nowawes M. 10; Herm. Unger in Granschütz M. 3; W. N. M. 15; Neue Ansiedelung Königsborn bei Magdeburg M. 10; B. D. in Brüssow M. 3; Fr. Panthel in Ems M. 5; aus Herrnstadt M. 5; W. G. in Schwerin M. 5; A. H. in Greifswald M. 5; Frau Emma Jeppe in Schwerin M. 5; Ad. Pitthahn in Wollstein M. 5; Unbekannt M. 5; Rechnungsrath Schleicher in Pyrmont M. 10; W. M. 5; Albert Grün in Straßburg im Elsaß M. 10.

Die Redaction der „Gartenlaube“.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Das Lignac'sche Verfahren ist folgendes: Zwischen den Knochen und die häutige Ausbreitung der Sehnen wird mit Hülfe eines Trokars eine Sonde eingeführt, die durch ein Rohr in Verbindung mit einem 8–10 Meter über dem Fleischstück befindlichen Behälter voll Salzlösung gebracht wird; nach Oeffnung eines Hahns strömt die Lösung ein, wird von dem Zellgewebe, welches den Knochen umgiebt, aufgesogen und durchdringt bald von hier aus das Fleisch, welches man dann noch in Salzwasser legt, um es auch äußerlich zu incrustiren.
    D. Red.
  2. Der Verfasser, welcher seine Reise leider unterbrechen mußte, hat Obiges auf unsern Wunsch nach früheren Beobachtungen und zuverlässigen Mittheilungen zusammengestellt.
    D. Red.
  3. Soweit wir die Verhältnisse aus öffentlichen und privaten Mittheilungen kennen, haben aber viele Geistliche aller dieser polnisch-deutschen Districte ihren vorwiegenden Einfluß auf das in Unwissenheit und Aberglauben erhaltene Volk bisher für ganz andere Zwecke verwendet. Die Landgeistlichen waren eifervolle Arbeiter und mächtige Werkzeuge auf dem Gebiete der hohen Politik. Statt der so nothwendigen geistigen und sittlichen Hebung dieses Volkes, die hier recht eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, liefen sie vor Allem die Schürung und Schärfung des leidigen Rassezwiespalts und Confessionszelotismus, den Kampf gegen die Staatsgesetze und die Beeinflussung der Wahlen im römisch-hierarchischen Interesse sich angelegen sein. Sollte es einem Zweifel unterliegen, daß auch in diesem traurigen Umstande und in dem Mangel einer angemessenen, durchgreifend organisirten Gegenwirkung eine der Hauptursachen der entsetzlichen Herabgekommenheit zu suchen ist?
    D. Red.