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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1879
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[609]

No. 37. 1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig· – In Heften à 50 Pfennig.


Im Schillingshof.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Die Baronin erschien auf der Schwelle. Sie war in grauer Seide, hatte das große Goldkreuz auf der Brust und über dem blonden Scheitel eine weiße Barbe, die unter dem Kinn lose geschlungen war – ihr Gesicht erschien dadurch noch schmäler und länger, als es wirklich war.

Ihre Augen überflogen forschend das Zimmer, und auf den Wangen lag ihr ein schwaches Roth; dies wie das fieberische Funkeln ihres Blickes belebten die Erscheinung – die sonst mattgrauen Augensterne waren in diesem Augenblicke entschieden stahlfarben. Man sah, sie wollte imponiren; sie hielt den Oberkörper stolz und steif, als sei sie ihrer Rückenschwäche ledig.

„Ah, da bist Du ja, mein Freund!“ sagte sie sehr unbefangen. Sie erwiderte den ehrerbietigen Gruß der Handwerker mit einem kaum merklichen Kopfnicken und hielt ihrem Mann mit nachlässiger Grazie die Fingerspitzen hin. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie ihn seit dem stürmischen Auseinandergehen im Atelier nicht wieder gesprochen.

Baron Schilling, der bei Robert’s Meldung rasch aus der Mauertiefe getreten war, empfing die Unerwartete mit kühler Zurückhaltung und berührte kaum die ihm hingestreckten Finger.

„Sieh da,“ bemerkte die Baronin, indem sie mit häßlichem Lächeln einen Blick auf das in dem Salon befindliche Instrument warf, „der Missethäter, der mir gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft die heftigsten Nervenkrämpfe verursacht hat! Solch ein Klimperkasten – nimmt er sich nicht wunderlich aus, gerade in meinem Zimmer, Arnold? Er ist ein ausgesprochener Hohn auf mein ganzes Sein und Wesen. Hast Du gewußt, daß man dergleichen – Ueberfracht mitbringen würde?“

„Es wäre sehr überflüssig gewesen, mir das anzuzeigen“ versetzte er kurz. „Uebrigens ist dieses prachtvolle Instrument kein Klimperkasten, so wenig wie es in Deinem Zimmer steht – Du bewohnst die Beletage.“

„O, bitte recht sehr, mein Freund. Ich danke Gott, daß mit dem Vermauern dieses Spitzbubenweges der unheimliche Lärm verschwinden wird.“

„Es ist nicht Adam’s arme Seele gewesen, wie Du in Deiner Unfehlbarkeit apodiktisch festgestellt, und den ‚Spitzbubenweg’ haben Klosterbrüder angelegt, Clementine –“

„Verschwinden wird,“ wiederholte sie mit eintöniger, gleichmüthiger Stimme, seine boshafte Bemerkung völlig ignorirend. „Diese Räume habe ich in der ersten Zeit unserer Ehe bewohnt, und Du weißt, daß ich an meinen Rechten festhalte.... In der Beletage ist die Beleuchtung für meine empfindlichen Augen zu grell; ich muß hinter herabgelassenen Rouleaux; ohne frischen Luftzug halb ersticken. Hier dämpft der Säulengang wohlthätig das Licht. Das war der Grund, weshalb ich Dich wiederholt gebeten hatte, Dich wegen Beschleunigung der Reparaturen mit mir zu verständigen; Du wirst mir zugeben, daß ich auch ein Wort drein zu reden habe, wie und wann dieselben in Angriff genommen werden sollen – und deshalb bin ich jetzt gekommen. Ich brenne darauf, mich hier unten wieder einzurichten.“

Er lachte bitter und wandte ihr den Rücken, um die Handwerker zu entlassen, die ihre Untersuchung inzwischen beendet hatten. Ihnen auf den Fersen folgend, schien er mit den Leuten zugleich hinausgehen zu wollen.

„Nun – soll ich allein hier bleiben?“ rief sie empört, bewegte sich aber nicht von der Stelle; sie stützte vielmehr die Hand fester auf den Flügel, neben welchem sie stand.

„Hast Du mir noch etwas zu sagen?“ fragte er von der Schwelle aus zurück, nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten – er hielt das Thürschloß in der Hand. „Dann muß ich Dich bitten, mich in den Garten zu begleiten. Ich finde es nicht sehr anständig, so ungenirt in Räumen zu verhandeln, die uns augenblicklich durchaus nicht zur Verfügung stehen.“

„Mein Gott, wir haben ja doch nicht contractlich vermiethet. Uebrigens wird sich Dein Gast der Einsicht gewiß nicht verschließen, daß die Renovirung der zerstörten Wand an Ort und Stelle besprochen werden muß –“

„Wärst Du bei der Sache geblieben –“

„Aber ich bitte Dich, was habe ich denn Anderes berührt? Meine spätere Uebersiedelung in diese Wohnung ist ja eng damit verknüpft.... Uebrigens wirst Du mir zutrauen, daß ich diesen meinen Lieblingswunsch unterdrückt haben würde“ – sie sprach im Tone der ausgesuchtesten Höflichkeit – „wüßte ich nicht, daß die Mission im Schillingshofe zu Ende ist. Die Versöhnung ist erfolgt, notorisch erfolgt, wie ich mich täglich überzeuge; die Majorin Lucian wird ihre Enkel voraussichtlich in der Kürze reclamiren – dann steht die Wohnung hier leer, ehe man sich dessen versieht. Ich kann mir nicht denken, daß sich Frau von Valmaseda auch nur einen Tag länger, als absolut nöthig ist, in unserem einfachen Hause genügen läßt. Die Dame hat ihrem verstorbenen Bruder der Opfer genug und übergenug gebracht, wie ich recht gut einsehe. Und Du wirst ihr eben so wenig zumuthen, zu bleiben –“ [610] „Ich?!“ – Seine Hand ließ das Thürschloß los, und er trat in das Zimmer zurück. – „Wie möchte ich auch nur um eine Linie die Befugnisse überschreiten, mit denen Felix mich betraut hat! Darüber hinaus habe ich keine Macht – noch weit weniger aber habe ich den Willen, sie zu erlangen und auszuüben.“

„Nun, dann wären wir ja einig, mein Freund! Und Frau von Valmaseda wird ohne Zweifel entschuldigen –“

In diesem Augenblicke wurde die Thür des Nebenzimmers weiter geöffnet, und Donna Mercedes trat heraus. Sie hatte bis dahin wohl nicht die Absicht gehabt, sich sehen zu lassen, denn ihre gewaltige Haarfluth, die sonst das Netz bändigte, war nur lose mit einem Kamm aufgenommen; er lief als breite, goldene Spange durch die blauschwarzen Strähne und ließ da und dort lockige Enden und Ringel nach dem Nacken, gegen die Stirn und Schläfen entschlüpfen.

„Ich habe nichts zu entschuldigen; Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, Frau Baronin,“ sagte Donna Mercedes, die Herrin des Schillingshofes mit stolzem Kopfneigen begrüßend. „Ich sehe auch ein, daß die Verunstaltung Ihres Salons so schnell wie möglich beseitigt werden muß, und doch bin ich gezwungen, Sie noch für einige Tage um Aufschub zu bitten, so schwer es mir auch wird. Mein kleiner Neffe ist noch nicht erstarkt genug, um den Lärm und die Unruhe des Hôtellebens ohne Schaden zu ertragen – der Arzt ist augenblicklich entschieden gegen einen derartigen Wohnungswechsel.“

Die Baronin ließ ihre halbgeschlossenen Augen verstohlen, aber rastlos musternd an der frappanten Erscheinung auf- und niedergleiten. Sie hatte sich eben noch der größten Höflichkeit, des sanftmüthigsten Tones beflissen, allein nichts war mehr geeignet, ihr die Stimmung zu vergiften, als der Anblick einer schönen Frau. Und diese Amerikanerin war, in der Nähe betrachtet, von einer wahrhaft erschreckenden Schönheit. Gab es wohl einen herrlicheren Anblick, als dieses fluthende, auf dem Scheitel lässig zusammengefaßte Haar, wie es den feinen, stolz getragenen Kopf umwogte, kaum das pikante, kleine, von den mächtigen Sonnenaugen gleichsam durchleuchtete Gesicht und einen schmalen Streifen des zarten Halses freilassend? Das entschied.

„Das Wolfram’sche Haus dürfte im Augenblick an Stille nichts zu wünschen übrig lassen, denn die Frau Majorin Lucian bewohnt es allein,“ sagte die Baronin mit niedergeschlagenen Augen und harmloser Miene, „aber es eignet sich selbstverständlich nicht zum Aufenthalt einer eleganten Dame.“

„Das ist’s nicht,“ fiel Donna Mercedes ein. „Ich würde viel leichter dort hinübergehen, als ich mich jetzt anschicke, meine Bitte zu wiederholen. Aber es geschieht um meines Bruders Kinder, nicht für mich. Ich erfülle nur meine Pflicht, wenn ich sie nicht in das düstere, dem frischen Luftzug schwer zugängliche Haus bringe, in welchem sie sich obendrein fürchten und ängstigen. Auch die Großmama wünscht es durchaus nicht.“

Baron Schilling war inzwischen an den Flügel getreten. Er blätterte in einem Notenheft.

„Wozu diese sehr überflüssigen Erörterungen! Und wie mögen Sie vom Hôtel sprechen, gnädige Frau?“ fiel er kühl ein, ohne von den Noten aufzusehen. „Stehen Ihnen nicht meine Zimmer, in welchen Frau Lucile gewohnt hat, unumschränkt zur Verfügung, so lange es Ihnen nur irgend wünschenswerth erscheint, im Schillingshofe zu bleiben?“

„Ich danke, Herr Baron,“ lehnte sie kurz und schroff ab. „Es handelt sich, wie bereits gesagt, nur um Tage. Ich stehe im Begriffe, eine Villa nahe der Stadt zu kaufen –“

„Sie?!“ – Er ließ das Notenheft sinken, und ein dunkles Roth schoß in seine Wangen; „Sie standen ja neulich schon mit einem Fuße gewissermaßen auf den Schiffsplanken, – und nun wollen Sie plötzlich auf deutschem Boden Anker werfen? Auf deutschem Boden?“

„Ja, auf deutschem Boden, mein Herr,“ bestätigte sie trotzig. „Beabsichtigen Sie, mich Landes zu verweisen?“

„Das ist kein Privileg der Schillings,“ entgegnete er. „Mein Einwurf galt dem schnellen Wechsel der Stimmungen.“

„O, kommt da die Stimmung noch in Betracht, wo sich die Verhältnisse so jäh verändert haben?“ fiel sie ein; „ich habe die Mutter meines Bruders liebgewonnen; seine Kinder gehören nunmehr zu ihr. Diese drei Menschen sind die Einzigen, die ich noch besitze, die Einzigen, sage ich, die meinem Herzen theuer sind – und das entscheidet. Ich fühle, daß ich mich von ihnen nicht trennen kann. Darum werfe ich Anker auf deutschem Boden, den ich mehr als je verabscheue. – Wenn Sie meinen, darin habe sich meine Stimmung verändert, so ist das eine Illusion des germanischen Nationaldünkels.“

Sie hielt inne und strich sich mit der Hand über die Stirn – sie schien über ihre eigene Leidenschaftlichkeit zu erschrecken; dazu ruhte der Blick der widerwärtigen grauen Frau so aufdringlich und kaltlauernd auf ihr. Ihre ganze Selbstbeherrschung aufbietend, brach sie mit einer Geberde des Unwillens ab und fügte ruhiger hinzu. „Die Villa erinnert mich nach Stil und Lage an mein niedergebranntes Geburtshaus daheim, und im Sommer kann ich mich leicht der Täuschung hingeben, als sei ich nicht auf deutschem Boden. Die großen Treibhäuser sorgen für die südliche Flora, welche das Schlößchen umgiebt und sich bis unter die Waldbäume des umschließenden Parkes verirrt –“

„Sie wollen die fürstlich Trebra’sche Besitzung kaufen?“ unterbrach sie Baron Schilling betroffen, während die „Gnädige“ ihre Augen weit öffnete in einem Gemisch von Erstaunen, Aerger und unwillkürlichem Respect.

„Ja, mein Herr – ist das so verwunderlich? Glauben Sie, eine Dame könne keinen Kauf abschließen ohne vormundschaftlichen Rath und Beistand?... Ich kann Ihnen versichern, daß ich ganz genau weiß, was ich thue. Der Fürst geht nächste Woche nach Italien, um für immer dort zu leben, und der zwischen uns vermittelnde Agent versichert, die Parterrewohnung sei erst kürzlich neu decorirt worden; ich würde sie sofort mit den Kindern beziehen können.“

„Aber das trifft sich ja prächtig,“ sagte die Baronin sehr höflich, wobei sie sich zum Gehen anschickte. „Ich bitte Sie, nach wie vor diese Wohnung als Ihr einstweiliges Heim anzusehen.... Gegen Deinen Vorschlag freilich, bezüglich der Uebersiedelung in Deine Räume, lieber Arnold, müßte auch ich energisch protestiren, da ich nicht länger zugeben werde, daß Du in dem engen, heißen Oberbau des Ateliers bleibst. Es ist erdrückend schwül unter den niedrigen Zimmerdecken.“

„Beunruhige Dich nicht!“ versetzte der Baron ruhig. „Morgen geht meine neueste Arbeit nach Wien zur Ausstellung, und ich werde ihr nach höchstens zwei Tagen folgen, um dann in Kopenhagen, behufs neuer Vorstudien, einen längern Aufenthalt zu nehmen.“

„Mein Gott – und das erfahre ich erst in diesem Moment? Wie soll denn die Jungfer mit den nöthigen Vorbereitungen fertig werden? Und meine Reisetoilette – verzeihe, Arnold, aber diese Ueberstürzung ist denn doch ein wenig rücksichtslos.“ Sie zog mit hastigen Händen die Zipfel der Barbe fester unter dem Kinn zusammen und nahm eiligst die Schleppe auf. „Dann habe ich aber auch nicht einen Augenblick zu verlieren, wenn ich zur rechten Zeit reisegerüstet sein will –“

„Du wirst doch nicht denken, daß ich Dir zumuthe, mich zu begleiten?“ unterbrach er sie. „Du fühlst Dich kränker als je, wie Du mir sagst; das nordische Klima sagt Dir nicht zu – auch bist Du kaum heimgekehrt –“

„Gleichviel, ich gehe unter allen Umständen mit.“

„Wir werden sehen.“ Er sagte das kurz und schroff und verabschiedete sich mit einer tiefen, ernsten Verbeugung von Donna Mercedes, die regungslos auf ihrem Platze verharrte, während auch die Baronin, kaum mit einem Augenwinken grüßend, das Zimmer verließ.

Donna Mercedes hörte, wie sie draußen die Flurhalle durchschritten und die nach dem Garten führende Thür unverweilt öffneten. Ohne kaum selbst zu wissen, daß sie es that, ging sie hinaus in den Corridor und trat in das gegenüberliegende Fenster. Dort unter den Platanen gingen sie hin. Die graue Frau hing vertraulich am Arme ihres Mannes. Ein Nebel legte sich vor Donna Mercedes’ Augen – sie drückte sich tief in die Ecke der Fensternische, und heiße Thränen rollten ihr unaufhaltsam über das stolze Antlitz.




38.

„Deine Hand fiebert,“ sagte die Baronin, während sie draußen auf der Freitreppe des Säulenhauses ihren Arm in den ihres Mannes schob und seine Rechte dabei streifte. „Du bist ernstlich böse, wie mir scheint, setzte sie hinzu, indem sie sich noch fester an seinen Arm hing. „Und ich habe doch im Grunde [611] nichts verbrochen. Hast Du wirklich das Recht, von mir zu verlangen, daß ich eine treue, aufopfernde Freundin ohne Weiteres vor die Thür stoße, weil sie Dir antipathisch ist?“

„Das Recht habe ich in diesem Falle unbedingt.“

„Arnold, Niemand leidet mehr unter dem Verhältniß Adelheid’s zu unserm Hause, als ich selbst. Aber das ist ja nun zu Ende. Eine bessere Gelegenheit, sie loszuwerden“ – ihre Stimme sank zum Flüstern herab, und sie sah sich scheu um, ob kein Horcher in der Nähe – „läßt sich nicht denken. Wir verreisen eben, und es bedarf nur Deines ausdrücklichen Befehls, daß ich Dich begleite – –“

„Und Du glaubst wirklich, ich spreche den Befehl aus?“ Er zog seinen Arm, den sie umschlungen hielt, straff nieder und blieb stehen – bis dahin hatte er dem Atelier so eilig zugestrebt, daß sie sich kaum an seiner Seite zu halten vermochte.

„Allerdings wirst Du das thun,“ bestätigte sie kategorisch.

Er lachte bitter auf.

„Ich reise allein, jetzt und immer! Und auch Du hast die vollkommene Freiheit, zu gehen, wohin Du willst. Ich habe mich ja schon jedes Einspruchs begeben, als Du nach Rom gingst, ohne meine Einwilligung auch nur mit einem Wort nachzusuchen. Ich ließ Dich widerspruchslos gewähren mit dem festen Vorsatz, daß es fortan zwischen uns auch so bleiben solle.“

„Ich will diese Freiheit nicht, und Dir gestatte ich sie nicht.“

Er lächelte statt jeder Antwort und schritt nach dem Atelier. Sie hielt sich eng an seiner Seite. Die Thür des Wintergartens stand offen, und sie traten ein. Es war schwül drinnen; keine der Fontainen sprang; Baron Schilling hatte sie vor einigen Stunden selbst geschlossen, weil ihm ihr Rauschen störend gewesen war. Er trat an das große Bassin und gleich darauf zischte die silberfunkelnde Wassergarbe empor und durchstäubte erfrischend die schwere, balsamische Luft.

Die Baronin eilte mit der flinken Geschäftigkeit einer sorglichen Hausfrau helfend zu den zwischen den Pflanzen halb versteckten kleinen Steinmulden und ließ die Fontainenstrahlen eine nach der andern aufsteigen.

„Das ist sehr hübsch,“ sagte sie, mit den Augen die glänzenden Wasserbogen verfolgend, die sich über ihrem Haupte wölbten, um in das große Bassin niederzusinken – sie ließ sich gefällig zu einem Lob herab. „Ich habe keine Ahnung von dieser netten Spielerei hinter den Glaswänden gehabt, sonst hätte ich doch vielleicht meine Aversion vor dem Atelier unterdrückt und wäre manchmal hierher geschlüpft, um in Deiner Nähe zu sein. Nun, wenn wir zurückkommen!“

Er schwieg; kein Zug seines Gesichts bewegte sich, während er umherging und sorgfältig die Röhren wieder schloß, die sie aufgedreht hatte.

„Das macht zu feucht,“ bemerkte er kurz. „Es war ein Fehler, so viel Wasser neben dem Atelier zu sammeln –“

„Ist denn der Zufluß so erheblich?“

„Er ist so bedeutend, daß mein Arbeitslocal bei irgend einem Versehen sehr schnell unter Wasser gesetzt werden könnte.“ Damit wandte er sich ab und schob den Velourvorhang hinter der offenen Glasthür zurück, um in’s Atelier zu gehen.

„Ei, das könnte uns in diesem Augenblicke noch fehlen!“ rief sie, ihm auf dem Fuße folgend. „Drüben im Hause die Zerstörung und hier – Apropos, mein Freund, nun gieb der Wahrheit die Ehre!“ – unterbrach sie sich und fiel leise in den nächsten Lehnstuhl. „Habe ich nicht Recht gehabt mit meiner Antipathie gegen diese amerikanische Einquartierung? Was Alles hat unser ehrbarer, stiller Schillingshof in dieser Zeit mit ansehen müssen! Die Flucht einer Ballettänzerin mit Hinterlassung von Schulden, eine tödtliche Krankheit, die auch mein Leben bedroht hat, als ich ahnungslos zurückkehrte, die Verwüstung in unserem schönen Holzsalon und unser eigenes Zerwürfniß um dieser fremden Leute willen. Und was ist der Dank für alle diese Misère, welche Du Dir und mir aufgebürdet hast? – Das impertinente, unverschämte Auftreten dieser arroganten Baumwollenbaronin.“ Sie schüttelte, leise und boshaft in sich hineinlachend, den Kopf. „An dieser bronzefarbenen Schönheit hast Du keine Eroberungen gemacht, mein Freund. Sie hat Dir böse Dinge gesagt, häßliche Dinge – der ‚germanische Nationaldünkel’ war auch keine Schmeichelei.“

Er war längst hinter die Staffelei getreten. Das große Bild verdeckte ihn vollkommen, und so konnte sie nicht sehen, wie dieses kräftig gefärbte, ausdrucksvolle Männergesicht blaß wie der Tod wurde.

Die schlaff und bequem hingesunkene Frau sprach weiter, lächelnd vor innerer Befriedigung und unerschöpflich in der Schilderung der „ergötzlichen“ Scene, die sie kaum noch im Holzsalon erlebt, und dann richtete sie sich plötzlich aus ihrer lässigen Stellung auf und rief erschrocken. „Aber ich verplaudere hier die Zeit, und meine Jungfer sitzt drüben und liest, um die Nachmittagsstunden todtzuschlagen; sie hat keine Ahnung davon, daß die Arbeit bergehoch über sie hereinbricht. ... Im Ernst, Arnold, kannst Du nicht noch einen einzigen Tag zugeben?“

„Ich sagte Dir bereits, daß meine Abreise Deine gegenwärtigen Lebensgewohnheiten in keiner Weise stören wird,“ rief er ungeduldig herüber. „Wie oft soll ich wiederholen, daß ich allein reisen werde –“

„Thorheit! Ich gehe jetzt, um Adelheid zu benachrichtigen.“

Er trat rasch hinter der Staffelei hervor – jetzt fühlte sie, jäh zusammenschreckend, daß sie es mit einem unerbittlichen Gegner zu thun habe.

„Und ich“ – unterbrach er sie harten Tones – „ich werde Fräulein von Riedt schriftlich anzeigen, daß ich Dir unter keinen Umständen gestatte, mich zu begleiten, daß ich ‚Deine Seele’ – um mit ihrem klösterlichen Pathos zu sprechen – für heute und immerdar ihrer Obhut und Leitung widerspruchslos überlasse.“

Sie schnellte empor, als habe sie nie in ihrem Leben an Muskel- und Nervenschwäche gelitten, und trat ihm hochaufgerichtet gegenüber.

„Das wirst Du wohl bleiben lassen, mein lieber Arnold!“ sagte sie hohnvoll. „Ich habe Freunde, die schon seit lange sehnsüchtig die Arme nach mir herüberstrecken. Bin ich einmal in ihrem Bereiche, dann würdest Du mich – aber von mir will ich gar nicht reden! – ich meine Alles, was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist, vergebens reclamiren. Du stehst, der Schritt würde Dir ein wenig theuer zu stehen kommen.“

„Diese guten Freunde kenne ich,“ entgegnete er. „Es sind Dieselben, denen man glaubhaft zu machen gewußt hat, mein guter alter Vater habe Dich durch allerhand teuflische Künste und Blendwerk Deinem ursprünglichen, heiligen Berufe entrissen, um seinem Sohne eben jenes ‚Alles’, was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist, zuzuwenden. Sie sind bis zur Stunde in der Meinung erhalten worden, Dein der Askese zugeneigtes Herz sei dabei gar nicht betheiligt gewesen, Du würdest, der Ehe innerlich abhold, längst wieder in die Reihen dieser entsagungsvollen Braven zurückgekehrt sein, wenn Dein in jener teuflischen Verblendung gesprochenes ‚Ja’ Dich nicht an meine Seite zwänge.... Ich bin vollkommen unterrichtet, Clementine, und längst im Stande, die Intriguen einer Frauenseele zu übersehen, die um keinen Preis den Heiligenschein einbüßen und doch dem Weltleben nicht entsagen möchte.“

Sie war sprachlos in den Stuhl zurückgesunken und biß sich leidenschaftlich auf die Lippen.

„Es ist ja wahr, mein Vater hat lebhaft unsere Verbindung gewünscht,“ fuhr er fort, indem er tieferregt den Raum des Ateliers durchmaß. „Dein stilles, gelassenes Wesen, die widerspruchslose Hingebung in Deinen sehr hübsch geschriebenen Briefen haben Dich in seinen Augen madonnenhaft verklärt. Er war damals dem Tode nahe und hat geglaubt, er bette seinen Sohn sanft und weich. Und dieser Sohn hat in jenen schweren Stunden gar nicht an die Zukunft gedacht; er hat nur angstvoll in das verschleierte Auge des Kranken gesehen und über den geweckten Freudenstrahl gejubelt – Du weißt das; ich habe damals aufrichtig, ohne Rückhalt mit Dir gesprochen –“

„Das soll wohl jetzt – wer weiß aus welchen Gründen – heißen, Du habest mich nie geliebt?“

„Habe ich Dir je Liebesleidenschaft geheuchelt?“ fuhr er empört auf. „Wohl habe ich mich vom Anfang an redlich bemüht, unser Zusammenleben zu einem harmonischen zu machen –“

„Ich auch!“ Sie erhob sich so überlegen, als halte sie den letzten wichtigsten Trumpf in Händen. „Es ist mir unvergeßlich, wie ich vor unserer Verheirathung auf mehrstündigen Besuch im Schillingshofe war, um mich – ein wenig umzusehen. Ich war – warum soll ich’s leugnen? – sehr erschrocken, um Deinetwillen, der Du gezwungen sein solltest, Deine junge Frau [612] in jene tabakverräucherte Hauswirthschaft eines alten Soldaten zu bringen. Was damals geschehen konnte, Dir diese Beschämung zu ersparen, ich habe es opferwillig gethan – der Schillingshof war binnen wenigen Wochen ein standesgemäßes Heim für uns. Du hast das leider nur zu bald vergessen –“

„Nie! Dafür hast Du gesorgt! Wie hätte ich sonst so oft seufzen können: ‚Gott behüte jeden mittellosen Mann vor einer reichen Frau!’“

„Nun, solch ein unerträgliches Joch läßt sich ja abschütteln.“

„Es wird uns allerdings sehr leicht gemacht werden – ich weiß das. Die schwarze Dame drüben in der Beletage des Säulenhauses, ‚Deine treue, aufopferte Freundin’, hat die Lösung von Rom aus längst in der Tasche.“

„Das hättest Du gewußt und doch keine Hand gerührt, um diese willkommene Erlösung zu beschleunigen?“ triumphirte sie.

„Weil ich meine ehrliche Hand nicht in diesen klösterlichen Intriguen haben, mein Gewissen aber von dem inneren Vorwurf rein erhalten wollte, geholfen zu haben, Dich dem Kloster auszuliefern.“

„Arnold!“

Er wich zurück vor dem umgewandelten Ton, und diese unzweideutige Geberde erbitterte sie bis zur Wuth.

„Vielleicht hast Du Dir dann auch vergegenwärtigt, daß das Kloster Alles mitverschlingt, was dem Auftreten des Baron Schilling Glanz verliehen hat,“ sagte sie impertinent. „Glaubst Du ernstlich, man werde, wenn Du ohne mich wieder in unsere vornehmen Kreise trätest, den Mann ohne den Hintergrund eines großartigen Besitzthums noch ebenso auszeichnen, wie bisher geschehen?“

„Und meinst Du, ich habe auf diese sehr zweifelhafte Auszeichnung je auch nur den allermindesten Werth gelegt?“ unterbrach er sie. „Ich frage Dich, wer sind sie, die lediglich dem Rittergutsbesitzer – notabene in diesem Fall ‚dem Mann seiner Frau’ – ihre Auszeichnung zu Theil werden lassen? Ein Häuflein Standesgenossen, die in unserer den Reichthum nicht mehr in ihrem Sinn vertheilenden Zeit froh sind, einen Geldmächtigen mehr in ihren Reihen aufzählen zu dürfen. Sie machen die Welt nicht aus, die meinen Namen mit Ehren nennt, und wenn ich jetzt hinausgehe, ohne Dich –“

„Dann hast Du nicht einmal mehr einen heimischen Herd, an welchem Du zurückkehrend Deine Füße wärmen kannst –“

„Meinst Du? – Das alte, liebe Säulenhaus mit seinem Garten ist mein. Das Werk da“ – er zeigte nach dem Bild auf der Staffelei – „tilgt den Rest Deiner Hypothek auf meinem Vaterhause. Mehr will ich nicht. Es klebt nicht ein Heller der Steinbrücks daran, und kraft meines nunmehrigen unumschränkten Rechtes möchte ich Dich hiermit ersuchen, Alles, was Du zwischen die vier Wände des Schillingshofes gebracht, bis auf den kleinsten Bildernagel herab, möglichst rasch fortbringen zu lassen.“

„Arnold, verzeihe!“ rief sie plötzlich mit ausgebreiteten Armen.

„Fort!“ stieß er außer sich hervor; an dem kraftvollen Manne bebte jede Fiber. „Nach Allem, was Deine bitterböse Zunge mir angethan hat, giebt es kein Wort der Erde mehr, das uns versöhnen könnte. Gehe hin zu Denen, ‚welche die Arme sehnsüchtig nach Dir ausstrecken’! Gehe zu den Pflegerinnen Deiner Jugend! Mögen sie die Früchte ihres Erziehungssystems ernten und mit all den bösen Dämonen kämpfen, die mir das Leben vergiftet haben! Sie verfluchen das Theater mit seinem ‚teuflischen Blendwerk’ und bedenken nicht, daß sie mit ihrer heuchlerischen Erziehung der Mädchenseelen die Komödie in die Ehe, in das Heim des ahnungslosen Mannes tragen.“

Er schritt rasch nach der Wendeltreppe, während die Baronin zerknirscht neben dem Lehnstuhl in die Kniee gesunken war!

„Und bedenkst Du nicht, daß Du diesen Schritt gar nicht thun darfst, ohne alle die zu compromittiren, die in Eurem großen Saal von den Wänden herabsehen?“ rief sie ihm nach. „Bis jetzt wissen nur Wenige, wie schlimm es zuletzt um die Schillings gestanden hat, in dem Augenblick aber, wo die Kirche von Allem, was mir gehört, Besitz ergreift, wird es der Welt offenbar werden, daß der alte Freiherr Krafft von Schilling nicht mehr über einen Halm auf den Wiesen, einen Baum im Walde verfügte.“

„Mag die Welt es wissen! Wir haben nur selbst darunter zu leiden; kein anderer Mensch hat dabei auch nur einen Pfennig verloren – von Betrug ist unser Name vollkommen rein.“

„Aber der Fluch der Lächerlichkeit wird an dem Namen der Schillings haften,“ sagte sie, sich erhebend. Es war ihr gewesen, als habe seine Stimme geschwankt, seine Haltung einen Augenblick die imponirende Sicherheit verloren; sie meinte, den Boden wieder unter ihren Füßen zu fühlen. „Arnold, lasse dies das letzte Wort des Streites zwischen uns sein!“ sagte sie, mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilend. „Ich verspreche Dir, daß ich diesen Punkt nie, nie mehr berühren will – nimm mich wieder auf!“

„Niemals! – Ich will nicht länger mein Leben so sonnenlos und gedrückt neben Dir hinschleppen.“

„Aber ich gebe Dich nicht frei. Ich weiche nicht von Deiner Seite – der Platz ist mein, mein!“ rief sie verzweiflungsvoll. „Arnold, ich bin erbötig, offen vor aller Welt zu erklären, daß ich Dein Weib bleiben will, daß ich Dich gebeten habe, mich neben Dir zu dulden – ist Dir auch das nicht genug?“

Ein Schaudern ging durch seine Glieder, und sein Blick funkelte sie vernichtend an.

„Zwinge mich nicht, im letzten Augenblick das Wort noch auszusprechen, das sich mir seit lange schon auf die Lippen drängt!“ stammelte er, seiner kaum noch mächtig.

„Sprich es aus! Es soll mich nicht beirren –“

„Das Wort ewigen, unvertilgbaren Hasses,“ sagte er und stieg die Treppe hinauf, um sich in seinen Zimmern einschließen.

Sie hielt sich taumelnd am Treppengeländer, ohne noch einen Versuch zu machen, ihm zu folgen.

„Haß, Haß!“ murmelte sie. „Ja, der schneidet wohl das Tischtuch entzwei.“ Sie stieß ein grelles Lachen aus. „Gut denn, immerhin! Er wird schon sehen, der Elende, was er gethan hat. Er wird schon sehen. Jetzt weiß er’s noch nicht – er weiß noch nicht, wie der Sturz von der Höhe des Reichthums und Ansehens schmerzt. Jetzt triumphirt er noch. O, wie das wurmt und – wehe thut! Könnte ich sterben!“

(Fortsetzung folgt.)




Die Beethovens in Bonn.
Eine biographische Skizze von Ludwig Nohl.


„Besonders nannte er seinen Großvater einen Ehrenmann.“

Goethe wußte sich nicht blos der „Statur“, sondern ebenso „des Lebens ernstem Führen“ nach von seinem Vater abstammend, und erbte und übte nach seiner Frau Mutter die „Frohnatur und Lust zu fabuliren“. Mozart eignete sich für das ganze Leben die schöne Ordnung und ernste Bemühung um das Rechte und Tüchtige an, die er von seinem geliebten Vater von den ersten Jugendjahren an in stets vertrauterer Nähe zu erkennen und zu würdigen gelernt hatte. So wird nach dem natürlichen Bestande der Dinge den weitaus Meisten im Leben gleicher Weise der eigene Vater das moralische Vorbild sein und den Weg der späteren Lebensführung gezeigt haben.

Bei dem großen Beethoven war es nicht der Vater, sondern der Großvater, und dieser Umstand rechtfertigt es, wenn wir hier einmal in sicherem Umriß und thunlichst vollständig die Gestalt dieses Mannes zeichnen, über den die sogenannte Fischhof’sche Handschrift aus der Berliner Bibliothek das schöne Wort enthält: „Ludwig van Beethoven, Großvater unseres Beethoven, war von Geburt ein Niederländer, wo fast Jeder ein ‚van’ vor seinem Namen führt; von Geburt war er nicht von Adel, besaß aber den Seelenadel als ein würdiger Mann.“ War doch sein vom Hofmaler Radoux gemaltes, in einer Nachbildung unserem Artikel beigegebenes Portrait das Einzige, was der Enkel sich, sobald keine Aussicht mehr war, nach Bonn zurückzukehren, in seine neue Heimath Wien nachschicken ließ, ein Besitz, der ihm bis zu seinem Tode Freude machte. Das Bild wanderte dort mit zu einer, zur anderen der zahllosen Wohnungen, welche der in seinem [613] tiefen Sinnen so leicht gestörte und selbst so sehr wählerische Meister durch dreißig Jahre in und um Wien inne hatte, und zeigt noch heute nicht die geringste Spur der Gefahren, die so häufige Umzüge besonders für Kunstdinge mit sich bringen; es hängt völlig unverletzt in Wien im Zimmer der Frau Karl van Beethoven, der Wittwe jenes Neffen des Meisters, der sein Erbe ward.

„An diesem Großvater hing der kleine Louis mit der größten Innigkeit,“ sagt Beethoven’s Bonner Jugendfreund Dr. Wegeler, „und so zeitig er denselben auch verlor, blieb bei ihm der frühe Eindruck doch sehr lebendig. Mit seinen Jugendfreunden sprach er gern vom Großvater, und seine fromme und sanfte Mutter, die er weit mehr als den nur strengen Vater liebte, mußte ihm viel vom Großvater erzählen. … Dieser Großvater war ein kleiner, kräftiger Mann mit äußerst lebhaften Augen und als Künstler vorzüglich geachtet.“ Und doch war der Knabe erst drei Jahre alt, als der alte „Hofcapellenmeister“ starb! –


Beethoven’s Großvater.
Nach einem Gemälde vom Hofmaler Radoux in Bonn (Besitzerin: Frau Wittwe Karl van Beethoven in Wien).


Nicht blos des alten Herrn eigene hohe Begabung, mehr noch dessen persönliche bedeutende Erscheinung macht diesen so frühen und doch so sicheren Eindruck erklärlich, und spätere Erlebnisse fuhren dann gewissermaßen diesen Umrissen stets auffrischend und vertiefend nach.

Der Großvater Beethoven’s war als drittes Kind von zwölfen im December 1712 zu Antwerpen geboren und erschien nach einer Bonner Tradition „von einer schönen Erziehung und schönem Herkommen“. Nach alter Familientradition war er noch als Knabe in Folge eines Conflicts mit der Mutter auf- und davongegangen. Da er so lange ausgeblieben, habe die Mutter ihn suchen lassen, und als man ihn nicht gefunden, ihn für todt gehalten. Auch kam er in der That nie in’s Elternhaus zurück, es muß sich aber später ein Briefwechsel zwischen ihm und den Seinen entsponnen haben.

Hier sehen wir die „altniederländische Starrköpfigkeit“, über welche des großen Meisters Freunde so oft klagten, als Keim im Beethoven’schen Blute. Es war aber nicht etwa jenes „Nichtgutthunwollen“, das den Leichtsinn ausmacht und dann auch in der Regel zu nichts Gutem führt. Der Eigenwille ging auf Bethätigung der angeborenen Kraft, wenn auch dabei etwas von der alten Abenteuerlust der Nordländer wie speciell das „Sichaustobenmüssen“ der Niederländer nicht fehlt. Und so sehen wir den so eigenwillig Davongelaufenen denn auch mit noch nicht ganz achtzehn Jahren in einer praktischen Stellung, nämlich als Singlehrer an einem geistlichen Capitel zu Löwen, woher die Familie Beethoven ursprünglich stammte und wo er also vielleicht auch noch Verwandte hatte; die ganze Familie wird als „von altersher musikalisch“ bezeichnet. Hier in Belgien, und zwar speciell in dem nahen Lüttich soll ihn dann, ebenfalls nach der Familientradition, der Kurfürst Clemens August von Köln „als guten Musicus und Sänger erfahren und wahrgenommen haben“. Und in der That „dependirte“ das Bisthum Lüttich von der „Köllnischen Kirche“, und Clemens August war seit 1725 Probst der dortigen Kathedrale, hatte also Anlaß und Pflicht, zuweilen in diese Gegend zu reisen.

Die Stellung in Löwen war nur eine vorübergehende Vertretung gewesen, und so stand einer Uebersiedelung nach Bonn nichts im Wege. Im März 1733 wird denn der Singlehrer [614] Beethoven durch Decret des Kurfürsten „auf unterthänigstes Bitten zu Dero Hofmusicum gnädigst erklärt und angenommen“ und zwar mit vierhundert Gulden rheinisch, ungefähr siebenhundert Mark, ein ansehnliches Gehalt für einen erst Zwanzigjährigen! Ein Jahr lang etwa war er in Bonn herkömmlicher Weise zur Probe in der Capelle beschäftigt gewesen und hatte „mit einer schönen und biegsamen Stimme“ die in den Messen vorkommenden Baßsolos gesungen, da schritt er zur Heirath. Josepha Poll hieß seine neunzehnjährige Frau. Ein Jahr darauf sah er sich mit einem kleinen Mädchen beschenkt – Herd und Haus, Amt und Stellung – welcher Erfolg persönlicher Energie! Audacem fortuna juvat! „Dem Muthigen gehört die Welt!“ Das Kind starb freilich ein Jahr darauf, und ein zweites scheint ebenfalls nicht lange gelebt zu haben. Sein drittes Kind war Johann, der Vater Ludwig’s, um 1740 geboren.

Seine Stellung hob sich mit Einnahme und Rangsteigerung, und bald gehörte er fraglos zu den angesehensten Künstlern in Bonn. Zuerst heißt er einfach „Musicus“, dann „Herr“, darauf „Hofmusicus“ und im Jahre 1761 „Herr Capellenmeister“. Charakteristisch für ihn ist sein Eintritt in den letzteren Rang. Er war amtlich der Capellmeisterstelle „versichert“ worden. Der Kurfürst, jetzt Max Friedrich, hatte aber einen Geiger Touchemoulin vorgezogen. Dieser verzichtete jedoch auf die Stelle, als der neue Minister Belderbusch sein Gehalt herabsetzte. Darauf schreibt nun der „Passist“ Beethoven männlich, offenherzig, zornig: „Weil aber aus besonderer Empfehlung mir der Touchemoulin vorgezogen worden ist und zwar widerrechtlich (!), so mußte ich mich bis hierher dem Geschicke unterwerfen.“ Jetzt bittet er, ihm „das Recht widerfahren zu lassen, welches bei dem Vorgänger ihm benommen worden sei“, und wegen seiner doppelten Dienste auch sein Gehalt zu erhöhen. Der neue Kurfürst achtet auch wirklich die Dienste wie den resoluten Charakter seines „Passisten“ und ernennt ihn mit Gehaltserhöhung zum kurfürstlichen „Hofcapellenmeister“. Daß er dabei Sänger blieb, lag in der Sitte der Zeit, die manche berühmte Componisten als solche sah. Nur kam jetzt noch der Theaterdienst dazu, und Dr. Wegeler erwähnt einer Tradition, wonach er in gewissen Singspielen den „größten Beifall“ erhalten habe.

Nähere Nachrichten über die Persönlichkeit und das häusliche Leben des alten Herrn entstammen einer Handschrift, welche kürzlich an’s Licht gekommen und zuerst auszugsweise neben andern werthvollen Documenten aus dieser Bonner Zeit des Meisters und seiner Vorfahren dem Buche „Ludwig van Beethoven’s Leben“ von A. W. Thayer einverleibt ist. Es sind Erinnerungen zweier alten Leute, Kinder eines Bäcker Fischer, in deren elterlichem Hause in der Rheingasse beide Familien Beethoven gewohnt haben; an diesem Hause prangt noch heute fälschlich eine Geburtstafel Beethoven’s.

Zunächst heißt es daselbst von unserem „Hofcapellenmeister“: „Statur des Herrn van Beethoven: mittlere Größe, längliches Gesicht, breite Stirn, runde Nase, große, dicke Augen, dicke, rothe Wangen, sehr ernsthaftes Gesicht,“ und die ganze Erscheinung wird als die eines stattlich schönen Mannes bezeichnet. So war er im Alter von siebenundzwanzig Jahren gemalt worden. Das Portrait in natürlicher Größe hing nach jenen Aufzeichnungen in einem vergoldeten Rahmen in der Mitte des Zimmers, links nach der Straße, wo gegenüber rechts sein Clavier stand; er war dargestellt sitzend auf einem Sessel, in Pelz, Kleidüberzug mit Schlägeln (Troddelschnüren), sammetener Pelzkappe mit goldener Troddel und ein paar Blätter Noten vor sich – unsere Abbildung. Und da das Portrait gar von dem kurfürstlichen Hofmaler gemalt war, so müssen die Verhältnisse des Hofcapellmeisters recht gute gewesen sein.

Auch darüber erfahren wir hier zuerst Näheres: „Hofcapellmeister van Beethoven hatte liegende Gelder. Er hatte zwei Keller mit Wein, wo er faßweise verkaufte. Er verkaufte seinen Wein in’s Niederland, wo er seine Kenner hatte, Kaufleute, die ihm den Wein abkauften, und so schlug er bei einem guten Jahrgang wieder Wein ein.“ Daher konnte wohl, wie uns weiter berichtet wird, „alles so schön und propper und wohleingerichtet sein, mit Pretiosen, die sechs Zimmer alle mit schönen Möbeln versehen, viel Malereien und Schränke, ein Schrank mit silbernen Servicen, ein Schrank mit feinvergoldetem Porzellan und gläsernem Geschirr, ein Vorrath der schönsten Leinwand, die man durch einen Ring hätte ziehen können: die geringsten Artikel hätten alle wie Silber geblinkt.“

Läßt nun das Letztere auf eine sehr ordentliche Hausfrau schließen, so lag doch gerade auf dieser Seite der Ehe ihr Schatten. „Statur der Madame van Beethoven: ziemliche Größe, längliches Gesicht, etwas gebogene Nase, mager, ernsthafte Augen; Cäcilia Fischer wußte sich nie zu erinnern, daß sie Madame van Beethoven hätte lachen sehen; immer war sie ernsthaft,“ sagt jenes Manuscript. Es war der Ernst des Kummers, und zwar des schlimmsten, des verzehrenden Grams über die eigene an das Laster grenzende moralische Schwachheit. Denn wir hören weiter: „Er war ein sehr respectabler Mann, in seinem Umgang ein herzensguter Mann, seine Ehegemahlin eine stille gute Frau, die aber dem Trunk stark ergeben war, womit er soviel heimliche Leiden ertragen hat, daß er zuletzt auf den Gedanken gekommen war, sie nach Köln in Pension zu thun, wo sie auch starb.“

Nun begreifen wir, warum er bei einer Hochzeit des Vaters der beiden Fischer im Jahre 1761, also noch während der Ehe, Thränen vergoß und, darüber befragt, antwortete, daß er dabei an seine Trauung und Hochzeitslage gedacht. Die Gegenwart war ihm tief-trübe gegen den Sonnenglanz jener Jugendjahre, und vielleicht hatte sein eigenes Unternehmen, der Handel mit Wein und der darum stets offene Keller, das Leiden herbeiführen helfen oder doch tiefer einreißen lassen, als sonst wahrscheinlich gewesen wäre.

Ja, dieses Leiden warf schon früh seinen Schatten auch auf die kommende Generation der Familie. Die auffallend geringe Schulbildung des einzigen Sohnes, der Beethoven’s Vater werden sollte, weist auf eine sehr vernachlässigte Erziehung hin, und mehr noch bekundet sich dieselbe durch die folgende Nachricht: „Der Hofcapellmeister Beethoven hat einst im Unterhause gesagt: ‚Da stehen passend drei Johannse wie ein Kleeblatt zusammen, der Lehrbusch ist Johannes der Fresser, den sieht man immer essen, und der Gesell im Haus ist Johannes der Schwätzer, und (indem er mit der Hand auf seinen Sohn wies) das ist Johannes der Läufer – lauf nur, lauf nur! Du wirst noch einmal an dein End’ laufen.’ Johann van Beethoven hatte einen flüchtigen Geist, machte gelegentlich kleine Reisen nach Köln, Deutz, Andernach, Koblenz, Thal Ehrenbreitstein und wer weiß wohin. Dies that er, wenn er wußte, daß sein Vater zwei, drei oder vier Tage verreiste.“ Der bloßen Wanderlust fügte sich aber bald ein anderer Trieb. „Er suchte zu freien, auch anzulanden; welche? wo? wußte man damals noch nicht,“ sagt die Handschrift. Es war in Thal Ehrenbreitstein, wo er im Jahre 1767 „anlandete“, und dies in einer Weise, die dem würdigen Hofcapellmeister wenig behagte. „Als Johann van Beethoven seinem Vater seine Geliebte persönlich vorstellte, da erschien sie seinem Vater nicht angemessen, nicht gewichtig genug,“ heißt es dort. „Herr Hofcapellmeister ließ es bei der Vorstellung bewendet sein und wollte weiter nichts wissen, obschon sie eine schöne, schlanke Person war und keiner etwas auf sie bringen konnte und von bravem rechtschaffenem bürgerlichem Herkommen war und durch alte Urkunden aufweisen konnte, daß sie vornehmen Herrschaften gedient, wobei sie eine schöne Erziehung und Bildung erhalten.“ Sie war die Tochter eines kurtrierschen Hauptkochs und Wittwe eines kurfürstlichen Kammerdieners. „‚Das hätte ich nie von dir geglaubt und erwartet, daß du dich so heruntergesetzt hättest,’ sagte der Hofcapellmeister. ‚Thu du nur was du willst, so thue ich auch was ich will; ich überlasse dir hier das ganze Quartier und ziehe aus.’“ Ja, die junge Frau selbst erzählte später, daß sie von ihrer Seite eine gute Hochzeit hätten halten können, aber ihr Schwiegervater würde ihr „aus Eigensinn“ nicht beigewohnt haben, deswegen sei die Sache kurz abgemacht worden. Es war also der Keim zum Unfrieden tief gelegt.

In der That finden wir das junge Ehepaar auch nicht bei dem Vater wohnen, der doch so gut wie Wittwer war, seitdem er seine Frau in ein Kloster hatte geben müssen. Der Sohn war ebenfalls kurfürstlicher Sänger und hatte 300 Mark Gehalt nebst einigen Nebeneinkünften bescheidener und unregelmäßiger Natur. Nach anderthalb Jahren kam ein Knabe, der jedoch bald starb, zwei Jahre darauf unser Beethoven. Der Großvater war sein Pathe. Daß aber der Taufschmaus im Hause einer reichen Nachbarin, Frau Baum, die ebenfalls Pathin war, stattfand, beweist, wie bescheiden die Verhältnisse des jungen Ehepaares schon [615] der Wohnung nach waren. Ja bald sollten dieselben sehr traurig werden, und eben auf diesem dunklen Hintergrunde der Gegenwart hob sich dann für die Phantasie und Empfindung des Knaben Beethoven das Bild seines verstorbenen Großvaters nur um so lichter und würdiger ab. Derselbe starb nämlich Ende December 1773, wo also der Enkel gerade drei Jahre alt war.

Die Hinterlassenschaft fiel dem einzigen Sohn Johann zu. Allein mit den „liegenden Geldern“ muß es nicht mehr weit her gewesen sein. Es scheint, daß der Kummer um Sohn und Gattin die Thätigkeit des Hofcapellmeisters in dessen älteren Jahren gelähmt hatte. Und dann waren ja auch die Ausgaben gestiegen, seitdem die Mutter in Pension war. Dazu kam des Verstorbenen große Gutherzigkeit. Es fanden sich nach dem Tode viel offenstehende Schuldforderungen an Bauern, die Geld geliehen, oder an Weinbauern, die auf ihren Wein Vorschuß erhalten und den Wein nicht geliefert hatten.

„Diese leugneten jetzt die Sache ab und verlangten ihre Handschrift zu sehen, welche er ihnen nicht zeigen konnte,“ sagt unsere Handschrift. „Johann van Beethoven klagte das dem Theodor Fischer und sagte: ‚Ich habe mich mit den Bauern so viel herumgefochten und richte doch nichts aus. Ich habe es mir so oft gedacht, daß es so kommen würde. Mein Vater war hierin ein eigener Mann, hielt immer auf Wort und wörtliche Bedingungen, nichts Schriftliches. Wenn Bauern ein Anliegen brachten, die seine gute Seite kannten und eine schöne frische Butter oder schönen Käse brachten, dann war er erkenntlich, lieh ihnen Geld und Vorschuß auf ihren Wein, und so bin ich um Vieles gekommen.’“

Eine Eingabe Johann’s an den Kurfürsten, dem der alte Hofcapellmeister „mit größtem Ruhm“ gedient habe, sagt, daß er sich durch Ableben seines Vaters in sehr betrübten Umständen befinde, da sein geringes Gehalt ihn zwinge, das vom Vater Ersparte zuzusetzen; er bittet als „unterthänigster Knecht“ und „fußfälligst“ um Zulage aus dem erledigten Gehalt des Vaters, da er auch noch seine Mutter im Kloster zu erhalten habe. Ihr Kostgeld wird ihm bewilligt und fällt ein Jahr später, wo sie starb, ihm selbst zu. Unser Manuscript schildert nun allerdings die Ehe als eine rechtschaffen friedliche; auch sei die Hausmiethe und geliefertes Brod alle Vierteljahre auf den Tag gezahlt worden. Durch Nebenpräsente und Lehrstunden habe die Haushaltung gut bestehen können.

Allein bald wandte sich das Blatt mehr und mehr, und leider zum Theil durch die in dem Sohne wiedererstandene Schwäche der Mutter. „Die nothwendigsten Artikel, wie Hausmiethe, Bäcker, Schneider, müßten am ersten bezahlt werden, aber Trinkschulden würde sie nimmer zahlen,“ hörten Fischer’s die Frau van Beethoven sagen. Dazu kamen bald noch mehrere Kinder, und obwohl sie eine „gute häusliche Frau“ war, trat bittere Noth ein. „Sehr arm, von ziemlicher Aufführung,“ heißt es von Johann van Beethoven in einem Promemoria über die kurfürstliche Hofmusik vom Jahre 1784. „Denn was ist Heirathen? Ein wenig Freud’, aber nachher eine Kette von Leiden,“ meinte seine arme Frau einmal, wie Cäcilia Fischer berichtet. Die Erinnerung einer andern Frau aber besagt, daß eine große Unordnung in der Familie geherrscht habe.

„Jene feine Leinwand, die sich durch einen Ring ziehen ließ, wanderte ein Stück nach dem andern aus dem Hause; selbst das schöne große Portrait, worauf der Vater mit der Troddelmütze auf dem Haupt abgebildet war, kam zum Trödler,“ sagt ein Bericht vom Jahre 1838, und wenn letzteres auch nur vom Pfandverleiher gelten kann, so erinnerte sich doch die Fischer, daß der Vater nach dem Tode seiner Frau ihre Garderobe an die Trödler verkaufte, wodurch sie auf den Markt zur Ausstellung kam: „Cäcilia ging über den Markt und sah die schönen Kleider, die ihr bekannt schienen; sie fragte und erhielt die Antwort: ‚Von der verstorbenen Madame van Beethoven.’ Sie wurde sehr traurig und brachte ihren Eltern die Nachricht.“ Nun begreifen wir, warum eine alte sichere Ueberlieferung die Mutter „eine stille, leidende Frau“ nennt, aber auch, warum der Vater als „nur streng“ bezeichnet wird und, wie bekannt ist, seinen ältesten Sohn Ludwig mit Unerbittlichkeit an’s Clavier fesselte. Er sollte ein „Wunderkind“ wie der kleine Mozart werden, der zehn Jahre zuvor auch in Bonn gewesen war, und sollte der Familie Brod schaffen helfen.

Das war mindestens schon von 1776 an, wo Beethoven im sechsten Lebensjahre stand. „Cäcilie Fischer sieht ihn noch, wie er als ein kleiner Bube auf einem Bänkchen vor dem Clavier stand, woran die unerbittliche Strenge seines Vaters ihn schon so früh fesselte,“ sagt jener Bericht vom Jahre 1838, und ein anderer Augenzeuge hatte dabei „den kleinen Louis Thränen vergießen sehen“. Im Jahre 1775 oder 1776 aber waren Beethovens in die ehemalige Wohnung des alten Hofcapellmeisters gezogen, und jetzt hing eben, so lange es noch da war, das Gemälde in dem Staatszimmer, wo zuverlässig auch wieder das Clavier stand. Mit welchen Gefühlen mußte der heranwachsende Knabe sich in den Anblick des Bildes vertiefen!

Von diesem Zimmer erzählt nun noch weiter unsere Handschrift Folgendes: „Alljährlich am Magdalenentag wurde der Namens- und Geburtstag der Madame van Beethoven herrlich gefeiert. Dann wurden die Notenpulte herbeigebracht und in beide Zimmer nach der Straße rechts und links gesetzt und ein Baldachin auf das Zimmer gemacht, wo der Großvater Ludwig van Beethoven im Porträt hing, mit schönen Verzierungen, Blumen-, Lorbeerbäumchen und Laubwerk verfertigt. Am Abend vorher wurde Madame van Beethoven bei Zeiten gebeten schlafen zu gehen; bis zehn Uhr war Alles in der größten Stille herbeigekommen und fertig. Nun fing das Stimmen an, dann wurde Madame van Beethoven aufgeweckt, mußte sich anziehen, und nun wurde sie unter den Baldachin auf einen schönen verzierten Sessel geführt und hingesetzt. Nun fing eine herrliche Musik an; die erscholl in der ganzen Nachbarschaft, Alles was sich zum Schlafengehen eingerichtet hatte, wurde munter und heiter. Nachdem die Musik geendigt, wurde aufgetischt, gegessen und getrunken, und wenn nun die Köpfe etwas toll geworden und Lust hatten zu tanzen, dann wurden, um im Hause keinen Tumult zu machen, die Schuhe ausgezogen und auf den bloßen Strümpfen getanzt und das Ganze so geendigt und beschlossen.“

Das waren noch schöne Tage, und doppelt schön, weil der Stifter der Familie in Bonn, der Großvater, im Bilde auf sie herab sah, im gleichen Zimmer, wo er einst gewohnt hatte, in den gleichen Tagen, wo er geboren und gestorben war; denn Frau van Beethoven’s Geburtstag war der 20. December. Wie mußten da aus dem Baldachin hervor die „ernsthaften Augen“, von denen die Fischer’sche Handschrift spricht, den Anwesenden lebendig werden und leuchten! Zudem galt damals noch, was dort ebenfalls von Beethoven’s Vater steht: „Er war zu rechter Zeit ein guter Weintrinker; dann war er munter und fröhlich, hatte Alles genug; er hatte keinen bösen Trunk an sich.“ Im Jahre 1787 aber starb die Mutter: Kummer und Sorge hatten lange Krankheit und diese die Auszehrung herbeigeführt. Der älteste Sohn hatte sehr gegen seine Neigung von Wien, wo er seine letzte Ausbildung bei Mozart suchte, vor der erreichten Absicht zurückkehren müssen. „Sie war mir eine so gute liebenswürdige Mutter, meine beste Freundin,“ heißt es in dem ersten Briefe Beethoven’s, der uns erhalten geblieben ist. „O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte! Und es wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen? Den stummen, ihr ähnlichen Bildern, die mir meine Einbildungskraft zusammensetzt? Das Schicksal hier in Bonn ist mir nicht günstig.“

Was bisher schon Ehrensache gewesen, etwas Rechtes aus sich zu machen und seiner Familie aufzuhelfen, es wurde jetzt Pflicht, heiße Pflicht. Kam es doch bald so weit, daß er das Haupt der Familie spielen, nein ganz und gar thatsächlich darstellen mußte!

„Die Knaben von Herrn Johann van Beethoven, Ludwig, Caspar und Nicola, waren sehr auf die Ehre ihrer Eltern bedacht. Wenn ihr Papa bei Gelegenheit in Gesellschaft, was nicht oft geschah, ein wenig zu viel getrunken hatte und seine Söhne hörten das, so waren sie alle drei gleich da und suchten ihren Papa auf die feinste Art, daß es nur kein Aufsehen gäbe, still nach Hause zu begleiten, indem sie ihm schmeichelten: O, Papächen, Papächen! Er ließ sich dann auch sagen,“ so berichtet die Fischer’sche Handschrift. Ludwig hatte die Ehre der Familie aber auch größer gefaßt. Sein Fleiß hatte ihm schon mit elf Jahren factisch die Anstellung als Vicar des Hoforganisten gebracht, und ein paar Jahre darauf wurde er auch selbst Hoforganist und als solcher besoldet. Ja, von mancherlei Compositionsversuchen wissen wir aus solch frühen Knabenjahren. Und noch in der Fischer’schen Wohnung, die in dieser Knabenzeit Beethoven’s verlassen wurde, hörten die [616] beiden Bäckerskinder Johann van Beethoven selbst sagen: „Mein Sohn Ludwig, daran habe ich jetzt meine einzige Freude; er nimmt in der Musik so zu; er wird von Allen mit Bewunderung angesehen. Mein Ludwig, mein Ludwig, ich sehe ein, er wird mit der Zeit ein großer Mann in der Welt werden. Die hier versammelt sind und es noch erleben, gedenken sie an mein Wort!“ Und er konnte dies beurtheilen, denn er selbst war nach Beethoven’s eigenem Bericht ein „guter Musiker“. Leider aber sollte auch er selbst jetzt einstweilen ein großes Hemmniß in dieser künstlerischen oder vielmehr technischen Entwickelung des Sohnes werden, indem er ihm die Pflichten auflud, die er persönlich zu erfüllen gehabt hätte, und ihn so in der Ausbildung als Componist hinderte.

„Johann van Beethoven behauptete sein Amt pünktlich,“ heißt es noch in der Handschrift. Ein Jugendfreund Beethoven’s aber sah einmal, wie dieser seinen betrunkenen Vater zornig und gewaltsam aus den Händen eines Polizeibeamten befreite. Schon bei dem Tode der Mutter mußte ein College bei der Capelle die sehr bedürftige Familie auf jede Art thätig unterstützen, und der Vater selbst bittet kurz zuvor, da er sich mit seiner kranken Frau und vielen Kindern nicht mehr zu helfen wisse, bei dem Kurfürsten Max Franz um Unterstützung. Die Verwirrung steigt; der Vater versinkt stets mehr in seine traurige Schwäche; es bleibt dem Sohne, der ohnehin schon die Kosten des Haushaltes mit zu bestreiten hatte, nichts übrig, als mit einem kühnen männlichen Schritte sich selbst zum Haupte der Familie zu machen. Ich habe schon vor Jahren im ersten Bande von „Beethoven’s Leben“ das Schriftstück veröffentlicht, worin dem noch nicht Neunzehnjährigen vom Kurfürsten die Bitte gewährt wird, daß sein Vater von seinen Diensten gänzlich dispensirt und die Hälfte seines Gehaltes, das jetzt 600 Mark betrug, ihm selbst zur Erziehung seiner beiden Brüder und zur Tilgung der Schulden gereicht werde.

Die gute Absicht blieb leider trotz der Ausstellung dieses Decrets unerreicht. Der Vater hatte aus Schamgefühl innigst gebeten, jenes Decret doch nicht bei der Casse zu präsentiren, „um nicht öffentlich dafür angesehen zu werden, als sei er unfähig, seiner Familie selbst vorzustehen“. Nach seinem Tode, im December 1792 aber wurde der Sohn, wie er selbst in einem ebenfalls in meinem Leben Beethoven’s veröffentlichten Documente sagt, „mit Schröcken gewahr, daß sein Vater solches unterschlagen habe“.

Es ist ein schönes Zeugniß für den Charakter Beethoven’s, und wohl auch für den Geist der Familie im Allgemeinen, daß Beethoven trotz der Schwächen des Vaters ihm eine pietätvolle Erinnerung bewahrte. Sicherlich trug dazu bei, daß in seinem Gedächtniß die ehrwürdige Gestalt des Großvaters so befriedigend und versöhnend neben jenem stand. „Von seinen Eltern sprach er mit vieler Liebe und Achtung, besonders nannte er seinen Großvater einen Ehrenmann“, dieses Wort, dem unser Motto entstammt, ist aus den Jahren, wo Beethoven bereits auf seiner Höhe stand und Weltruhm genoß, aus der Zeit nach dem Wiener Congreß von 1814.

Im Geist des Großvaters die Ehre der Familie wieder unverdüstert, ja unvergleichlich glänzender herzustellen, verblieb jetzt das Ziel des von früher Jugend an hochstrebenden Enkels, und wie Welt weiß, wie ihm das gelungen ist. „Man konnte nicht sagen, daß Ludwig ehemals viel auf Cameraden oder Gesellschaft hielt. Nun gar, wenn er über Musik nachdenken oder sich allein beschäftigen mußte, nahm er eine ganz andere Fassung an, wurde sehr auf seinen Respect. Das waren ihm wie glücklichsten Stunden, wenn er von aller Gesellschaft befreit war, wenn die Seinigen alle heraus waren und er sich allein befand,“ so sagt unsere Quelle. Einmal sah ihn Cäcilia Fischer morgens früh im Fenster seines Schlafzimmers nach dem Hofe zu liegen, den Kopf in beide Hände gelegt und ganz ernsthaft aussehend. Sie ging über den Hof und rief ihn an, erhielt aber keine Antwort. Nachher sagte er auf ihre Frage: „Entschuldige mich, ich war da gerade in einem so schönen tiefen Gedanken beschäftigt, daß ich mich gar nicht stören lassen konnte.“ Diese Gedanken umfaßten schon damals, gleich Schiller’s „Seid umschlungen Millionen“, das ihm bereits zur Composition am Herzen lag, die Wonnen und Leiden der Menschheit. „Ich danke Ihnen für Ihren Rath, den Sie mir sehr oft bei dem Weiterkommen in meiner göttlichen Kunst ertheilten,“ schreibt er als Zweiundzwanzigjähriger an seinen Lehrer Christian Neefe. „Werde ich einst ein großer Mann, so haben auch Sie Theil daran.“




Die neue Justiz-Aera.[1]
Zur Orientirung über die am 1. October in’s Leben tretende Neugestaltung des deutschen Gerichtswesens.


Während sich in die Führung der deutschen Nation augenblicklich diejenigen Parteien theilen, die sich bisher dem Reiche und seiner Entfaltung entgegenstellten, steigt aus dem Schooße desselben wiederum eine seiner bedeutsamsten Schöpfungen, eine Institution, die sich bis in die entlegensten Winkel unseres Vaterlandes fühlbar machen wird; die Einheit deutscher Rechtspflege und deutschen Rechtsverfahrens, die große deutsche Justizorganisation. Ein Rückblick auf die Geschichte und das Wesen dieser tief eingreifenden Umgestaltung und die allgemeinen Grundsätze, welche bei dem am 1. October d. J. in Kraft tretenden Justizverfahren Geltung haben werden, dürfte daher nicht blos aufrichtend für die augenblicklich herabgedrückte Stimmung, sondern auch wichtig für das praktische Leben sein.

Unter den Forderungen, welche das in unserm Jahrhundert wieder mächtig erstarkte Nationalbewußtsein des deutschen Volkes mit gebieterischer Mahnung an die Leiter seiner Geschicke stellte, stand immer voran der Anspruch auf ein gleiches und einheitliches Recht und zugleich auf eine Heraushebung desselben aus den schweren Banden drückender Formen und dem lichtscheuen Verschluß der Gerichtsstuben. Es war nicht so leicht, dieser Forderung Gewähr zu verschaffen, denn das nationale deutsche Recht, dessen Wiege nicht zwischen Schranken und Schragen, sondern auf freier Wahlstatt stand, war durch das aus Wälschland herübergekommene römisch-canonische Recht in seiner eigenen Lebensentwickelung gehemmt und unterbrochen worden. Der starre Formalismus des letzteren hatte es immermehr dem Volksbewußtsein entfremdet und in die Arme des gelehrten Richters geführt. Die wachsende Zerstückelung des Reichs zerriß seine Einheit und stellte neben die gemeine die jene überbietende particulare Satzung. Der Gang der Rechtsverfolgung wurde ein immer langsamerer und schwerfälligerer, und mit der wachsenden politischen Selbstständigkeit des Volks erhob sich dessen Ruf nach Sprengung der erstarrenden Fesseln, nach Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens nur immer mächtiger. Seltsamer Weise hatte gerade die Botmäßigkeit, unter welcher das linksrheinische deutsche Gebiet längere Zeit gestanden hatte, demselben das nach diesen Grundsätzen geregelte französische Verfahren gebracht, die größte Segnung aus der Hinterlassenschaft des großen Völkertyrannen.

Als in den achtundvierziger Jahren alle Volkswünsche auf den offenen Markt gebracht wurden, stand das auf Reform der Rechtspflege gerichtete Verlangen in erster Reihe. Durch die zunächst erreichte Einführung der Schwurgerichte war der Bann gebrochen, der Weg zum Ziele angetreten. Die Gesetzgebung der einzelnen Länder war nicht müßig. Besonders bahnbrechend ging Hannover vor. Mit frischem keckem Griffe warf es das alte System über den Haufen und schuf in seiner im Jahre 1852 veröffentlichten Civilproceßordnung die fast in allen Zügen getreue Mutter des am 1. October dieses Jahres in Kraft tretenden neuen Verfahrens. Im Jahre 1862 setzte dann auch der weiland deutsche Bundestag, jedoch unter Ausschluß Preußens, das damals schon seine eigenen Wege zu gehen anfing, in Hannover eine Commission zur Ausarbeitung einer Allgemeinen deutschen Proceßordnung nieder.

Da kam das Jahr 1866 und die Aufrichtung des Norddeutschen [617] Bundes. Seine gesetzgeberischen Organe nahmen die große nationale Arbeit sofort auf, und die erste ausgetragene Frucht, welche sie zeitigte, war die Herstellung eines allgemeinen deutschen Strafgesetzbuchs. Es war die leichtere Arbeit, denn auf diesem Gebiete war die nationale Entwickelung weniger von wälschen Einflüssen durchbrochen worden, es war aber auch die drängendere, denn da, wo es „an Hals und Hand ging“, um in der Sprache des altdeutschen Rechts zu reden, war die territoriale Verschiedenheit der Gesetze eine empfindlichere, als in den Fragen um Mein und Dein. So vollzog sich schon am 25. Mai 1870 die Geburt des Norddeutschen Strafgesetzbuchs, und die im nächsten Jahre zu dem Bunde hinzutretenden süddeutschen Staaten nahmen den norddeutschen Täufling ohne Weiteres an Kindesstatt an. Daneben war aber auch in Ausführung des Artikels 4 der Norddeutschen Bundesacte eine Commission zur Förderung der weiteren gesetzgeberischen Arbeiten auf dem Gebiete des Rechts zusammengetreten, zunächst zur Ausarbeitung eines Entwurfs zu einer deutschen Civil- und Strafproceßordnung. Schon war der neue norddeutsche Entwurf fertig und harrte der Sanction durch die gesetzgebenden Organe, als die großen Ereignisse des Jahres 1870 dazwischen traten und eine Erneuerung und Erweiterung der Commissionsarbeiten nöthig werden ließen. Nachdem die Vorlagen das Medium des Bundesraths und einer Reichstagscommission durchschritten, kamen sie in der Schlußsitzung des Reichstags am 21. December 1876, nicht ohne schwere Geburtswehen, hauptsächlich durch das Verhalten der nationalliberalen Partei zur Annahme. Auch kann nicht geleugnet werden, daß die starke Arbeitskraft des Justizministers Dr. Leonhardt sich erhebliche Verdienste um das Zustandekommen des Gesetzes erworben hat.

An diese Gesetze schloß sich dann im Jahre 1878 die Rechtsanwaltsordnung an, sowie die gesetzliche Fixirung der Gerichtskosten, der Gebühren für die Zeugen und Sachverständigen, die Gerichtsvollzieher und die Rechtsanwälte. Alle diese Gesetze treten zum 1. October 1879 im ganzen deutschen Reiche in Kraft. Von diesem Tage datirt somit ein ganz neuer geschichtlicher Abschnitt, eine neue Aera der deutschen Justiz. Die volle Krönung des Werkes wird indeß erst mit der Fertigstellung eines deutschen Civilgesetzbuches eintreten, mit dessen Ausarbeitung eine vom Reichstage ernannte Commission beschäftigt ist. Vor Jahren schon ist durch die Codification des Handels- und, noch vorher, des Wechselrechts hier eine wichtige Etappe geschaffen worden.

Die allgemeinen Grundsätze, welche durch das neue Verfahren hindurchgehn, sind, in Umrissen gezeichnet, folgende.

Gewissermaßen oberster Grundsatz, und als solcher auch in dem Gerichtsverfassungsgesetze vorangestellt, ist die völlige Unabhängigkeitsstellung der Gerichte. „Die richterliche Gewalt wird durch unabhängige, nur dem Gesetze unterworfene Gerichte ausgeübt.“ Auch der letzte Schein einer Cabinetsjustiz ist verflogen; alle Ausnahmegerichte sind ausdrücklich für unstatthaft erklärt. Die Loslösung der Rechtspflege von der Verwaltung ist, wo ja noch das Gegentheil bestand, nunmehr vollendete Thatsache.

Das Verfahren – im Strafrecht, Civilrecht und Concurse – ist innerhalb der Marken des deutschen Reiches jetzt ein völlig gleiches. Die richterliche Gewalt eines jeden deutschen Gerichtes erstreckt sich gleichmäßig über das ganze Reich, auf Jeden, der sich in den deutschen Grenzen aufhält. Der Betroffene hat einer an ihn ergangenen Weisung zu folgen, auch wenn das bestimmende Gericht nicht speciell dem Einzelstaate zugehört, in dem er sich befindet. Ebenso sind auch die Urtheile jedes deutschen Gerichts ohne Weiteres im ganzen deutschen Reiche vollstreckbar.

Jeder bei einem deutschen Gerichte zugelassene Anwalt ist befugt, vor jedem deutschen Gerichte als Vertheidiger und als Beistand einer Partei aufzutreten; nur die eigentliche Vertretung ist bei den vor den Landgerichten und den höhern Instanzen verhandelten Processen, welche dem Anwaltszwange unterliegen, an die besondere Zulassung zur Praxis vor dem Gericht des Processes geknüpft. Dagegen kann in den vor den Amtsgerichten abgewickelten Processen (Parteiprocessen), welche hauptsächlich Sachen behandeln, deren Werth die Summe von dreihundert Mark nicht übersteigt, jede proceßfähige Person vor jedem deutschen Amtsgerichte ihre Sache selbst führen oder mit deren Führung eine dritte Person, sei’s ein Rechtsanwalt oder eine andere rechtlich selbstständige Person, beauftragen.

Von großem Werthe, namentlich für die Geschäftswelt, ist die allgemeine Einführung des Mahnverfahrens. Bekanntlich findet der größte Procentsatz aller bei Gericht eingehenden Klagen seine Veranlassung in einer bloßen Zahlungsunlust des verklagten Schuldners und endet deshalb mit der ausdrücklichen oder stillschweigenden Unterwerfung des Schuldners unter das Gesuch des Klägers. Zu diesem Zweck genügt jetzt an Stelle der ein mündliches Verhör nöthig machenden Klage ein einfaches an das Amtsgericht des Wohnortes des Schuldners gerichtetes Gesuch um Erlaß eines Zahlungsgebots. Dieses Gebot enthält die Aufforderung an den Schuldner, binnen zwei Wochen den Gläubiger, bei Vermeidung sofortiger Zwangsvollstreckung, zu befriedigen oder beim Gericht Widerspruch zu erheben. Das Gebot kann sich auf die größten Summen erstecken.

Auch das Verhältniß zwischen Richter und Parteien ist ein freieres, selbstständiges, sozusagen reineres geworden. Der Bann des Bureaukratismus, in welchem die deutsche Beamtenwelt lange gefangen lag, ist hier durchbrochen. Die Parteien sind mündig geworden. Sie werden nicht mehr am Drahtseile amtlicher Bevormundung in der Form von an sie erlassenen Verfügungen geführt. Die Initiative ihrer Handlungen ist ihnen zurückgegeben. Frei und unbefangen erscheinen sie vor dem Stuhl des Richters in einem von diesem notirten Termine, zu dem sie sich gegenseitig selbst vorgeladen haben. Ebenso frei und unbefangen tritt ihnen der Richter gegenüber. Nicht erst vorbereitet durch ein mühsames Studium der Acten, nicht verwirrt durch die Spitzfindigkeiten, Unklarheiten und allerhand logischen Reserven eines vorhergehenden Schriftenwechsels der Parteien, läßt er die Anträge, Entgegnungen, Beschwerden und Vertheidigungen unmittelbar vor seinen Sinnen sich entwickeln. Losgelöst von der Last des technischen Dienstes, der sich in die Hände der Gerichtsschreiber gelegt findet, kann er seine Kraft allein dem Rechtfinden und Rechtsprechen widmen. Auch die Formel beherrscht ihn nicht mehr. Wie oft ist der deutsche Richter gezwungen gewesen, ihr seine bessere Ueberzeugung zu opfern! Er kann sich in unmittelbarem Verkehr mit den Parteien die Klarheit in der Sache verschaffen, welche die Parteischrift mitunter wohl geflissentlich verdeckte.

„Die Schrift,“ sagt ein neuerer juristischer Schriftsteller mit Recht, „hat zwar den Vortheil der schriftlichen Dauer, aber auch den Nachtheil des schwierigen Verständnisses und der Verdrehungen.“ Die bekannte sprüchwörtliche Redensart von der Geduld des Papieres verdankt ihren Ursprung dem volksthümlichen Mißtrauen gegen das Schreiberhandwerk.

Auch einer Schriftbarmachung der mündlichen Verhandlungen durch das gerichtliche Protokoll, soweit es sich dabei nicht um bestimmte Anträge oder den Proceß selbst aufhebende oder verändernde Erklärungen handelt, steht in strenger Verfolgung des Grundsatzes der Mündlichkeit das Verfahren entgegen. Die alte Actenherrlichkeit, von welcher der Humor des Liedes spricht, ist somit begraben. Hinter ihrem Sarge schreitet in grollender Trauer der in den Acten ergraute Beamte, der so oft bekannte, daß er ohne Acten nicht leben könne, und der an ihrem wahrhaft grausamen Wahrspruche. „Quod non est in actis, non est in mundo“ („Was nicht in den Acten steht, existirt in der Welt [des Juristen] nicht“), mit unentwegter Treue Zeit seines Lebens festhielt. Er vergißt, daß nach diesem Grundsatze der Sieg, den eine Partei erfocht, oft nur ein Sieg der Acten über die Wahrheit, der Form über den materiellen Inhalt war.

Erst im Eingangstexte des Urtheils, und allein da, wird der Thatbestand, das fachliche Verhältniß zwischen den Streitenden, festgestellt und kann dort Berichtigung finden.

Die seither bereits im Strafverfahren eingeführte Oeffentlichkeit der Verhandlung bildet eine weitere Schutzwehr gegen die schlimmen Geister des Verdrehens und Verdeutelns, der Verschleppung und Verklaubung. Sie wird ein Wecker für das Ehrgefühl, ein Mahner zur Klarheit und Bündigkeit.

Auch im Gange des Verfahrens selbst ist an die Stelle der vorgeschriebenen Form, von welcher oft kein Jota breit abgewichen werden konnte ohne die drohendsten Folgen für den Gewinn oder Verlust des Processes, eine freiere Bewegung getreten. Sonst bewegte sich das processuale Verfahren innerhalb festgezogener Schranken von einem Stadium zum anderen langsam und gemessen fort; es duldete keinen Grenzübergriff und warf hinter jeder verlassenen Station einen Wall auf, der den Rückschritt dahin, die Nachholung des darin Vergessenen oder Versäumten [618] unbarmherzig wehrte und dadurch die Parteien nöthigte, Thatsachen, welche oft erst in zweiter oder dritter Linie, nach Beseitigung verschiedener Voraussetzungen, wirksam waren, schon im Anfangsstadium vorzubringen, falls sie nicht für sie unwiederbringlich sollten verloren gehen. Heute hat das neue Verfahren mit dieser juristischen Technik (der sogenannten Eventualmaxime) fast vollständig gebrochen und sich dafür auf den Boden praktischer Zweckmäßigkeit gestellt. Es gestattet den Parteien Einwendungen und Vertheidigungen, sowie neue Beweismittel auch noch in einem späteren Stadium des Processes, ja selbst nach bereits verkündetem Urtheile, noch in der Berufungsinstanz vor- oder nachzubringen. Nur wehrt es in der letzteren einer Verbesserung und Veränderung der Klage, da diese den Grundstein des ganzen Processes bildet. Um indeß damit nicht eine böswillige Verschleppung des Processes zu begünstigen, erlaubt das Gesetz dem Gerichte, die durch die verspätete Vorbringung entstandenen Kosten der Partei aufzulegen, wenn sie nicht gehindert war, die Thatsache früher vorzubringen.

Ebenso kann der Richter den ihm vorgetragenen Proceßstoff in einer ihm angemessen scheinenden Weise sichten und aus einander trennen und z. B. über einen Theil der klägerischen Ansprüche, der bereits zum Urtheile reif oder durch Anerkenntniß oder überhaupt gar nicht mehr bestritten ist, besonders entscheiden.

Auch die alte Zerlegung des Verfahrens in zwei abgesonderte Hälften, von denen die erste der gegenseitigen schriftlichen Auseinandersetzung gewidmet war, gleichsam den Proceßstoff zusammentrug, während die andere mit dem Beweise desselben sich beschäftigte und zu diesem Behufe den ganzen Stoff, soweit er strittig war, zum zweiten Mal zu Papier brachte, hat das neue Verfahren glücklich vermieden und mit ihr auch die Ertheilung eines besonderen, der Berufung zugängigen Beweisbescheids überflüssig gemacht.

Was unsere Rechtspflege beim proceßführenden Publicum besonders in Mißcredit zu bringen geeignet war, der Wechsel der Entscheidungen in den verschiedenen Instanzen, wurde gleichfalls durch das schriftliche Verfahren und das Festhalten an der oben geschilderten Eventualmaxime vielfach begünstigt. Auch das ist anders geworden. Die Grundsätze der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit sind auch für das Verfahren der Berufungsinstanz festgehalten. Dasselbe erscheint nicht mehr als ein blos kritisches, nachprüfendes, sondern als eine Erneuerung des Processes vor andern Richtern.

So bekundet sich in dem neuen Proceßverfahren überall das sichtliche Bestreben, dem wirklichen, tatsächlichen Recht zu Ungunsten des blos formalen zum Siege zu verhelfen.

Die Vollstreckung der Hülfe, mindestens soweit sie eine reale ist, weist die neue Gesetzgebung besonderen Organen zu, dem für die meisten deutschen Gebiete neuen Institute der Gerichtsvollzieher. Auch hierin zeigt sich das Bestreben, die richterliche Stellung rein und frei zu halten; diese Schlußhandlung der processualen Thätigkeit des Richters entbehrte, wenn sie auch in ihrer letzten Consequenz nicht dem Richter selbst anheim fiel, bisher in der Meinung des Volkes doch nicht ganz des Gehässigen. Ebenso wurde die Vollstreckung der Strafen von den richterlichen auf die Behörden der Staatsanwaltschaft übertragen.

Im Strafverfahren findet sich ein großer humanistischer Gedanke besonders in der Bestimmung vertreten, daß der Angeschuldigte in jeder Lage des Verfahrens, also auch schon im Stadium der Voruntersuchung, sich eines Vertheidigers bedienen kann, mit welchem er sowohl mündlich wie schriftlich verkehren darf, daß ihm seiner ebenso wenig die Theilnahme an einem Augenscheine (Besichtigung des Schauplatzes der That) wie an der Vernehmung der Zeugen, und zwar auch der nicht in der Hauptverhandlung erscheinenden, versagt ist.

Im Concursverfahren ist dem Gesammtwillen der Gläubigerschaft eine größere selbstständige Mitwirkung eingeräumt, als dies seither im gemeinen und sächsischen Concursprocesse der Fall war, wo die Gläubigerschaft immer nur durch den gerichtlich bestallten Concursvertreter zum Worte kam.

Die Heranziehung von Laien zur richterlichen Thätigkeit wurde namentlich Seitens der Fachmänner vielfach bekämpft. Sie hat deshalb keine durchgehende grundsätzliche Berücksichtigung gefunden. Man will hier erst die Erfahrung reden lassen. Die Mitwirkung der Laien bei den Schwurgerichten, als ein getrennt vom fachmännischen Richterstande für sich selbstständig die Schuldfrage erörternder Körper, ist beibehalten. Daneben ist in den Schöffengerichten, die sich aus zwei Laien (Schöffen) und einem Amtsrichter als Vorsitzendem zusammensetzen, eine Vermischung des juristischen und Laienelements eingetreten, wogegen bei den Landgerichten die dahin gehörenden Strafsachen von fünf juristisch gebildeten Richtern abgeurtheilt werden.

Da, wo bei den Landgerichten besondere Handelskammern abgezweigt werden, bilden sich dieselben aus einem Mitgliede des Landgerichts und zwei dem Kaufmannsstande angehörenden, im Bezirke wohnenden Handelsrichtern, welche gemeinsam über Handels- und Wechselsachen urtheilen, sofern die klagende Partei den Proceß dort geführt haben will.

Auch zur Bildung eines von zwei Streittheilen gewünschten Schiedsgerichtes behufs gütlicher Austragung ihres Streites können Laien ausersehen werden. Außerdem bleibt es der particularen Gesetzgebung überlassen, in jedem Orte einen Laien als Schiedsmann, Friedensrichter u. dergl. m. zur Vermittelung von Differenzen, namentlich Beleidigungen, anzustellen.

Ob die neuen Gesetze den auf sie gestellten Hoffnungen entsprechen, ist zuletzt nur eine Frage der Zukunft. Das alte Erbtheil der Unvollkommenheit und des Irrthums, das allen Kundgebungen des Menschengeistes anhängt, wird auch ihnen nicht erspart geblieben sein. Zu einer gedeihlichen Wirkung ist aber das Eine nöthig, daß den Vorlagen volles unbefangenes Vertrauen entgegengebracht wird, sowohl auf Seiten der Gebenden wie der Empfangenden, der Richter wie des Publicums.

Zur Befestigung dieses Vertrauens und als Schlußstein unserer Skizze wollen wir an die bedeutsamen Worte erinnern, mit welchen unser Kaiser die Verabschiedung der Gesetze am 23. December 1876 begleitete: „Durch die stattgehabte Verabschiedung der Justizgesetze,“ sagte er, „ist die Sicherheit gegeben, daß in naher Zukunft die Rechtspflege in ganz Deutschland nach gleichen Normen gehandhabt, daß von allen deutschen Gerichten nach denselben Vorschriften verfahren werden wird. Wir sind dadurch dem Ziele der nationalen Rechtseinheit wesentlich näher gerückt. Die gemeinsame Rechtsentwickelung aber wird in der Nation das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit stärken und der politischen Einheit Deutschlands einen innern Halt geben, wie ihn keine frühere Periode unserer Geschichte aufweist.“

Fr. Helbig.




Aus vergessenen Acten.

Eine Criminalgeschichte von Hans Blum.

(Fortsetzung.)


„Ziehen Sie doch einmal diese Beinkleider an!“ sagte der Amtsrichter.

King gehorchte.

„Herr Doctor, es ist doch merkwürdig, daß die löcherartigen Schürfungen im Stoff genau an den Stellen sich befinden, wo die rothbraunen Flecke an den Schenkeln King’s sich zeigen – wie?“

Der Doctor nickte zustimmend.

„Sehen Sie, wenn Sie nun Unterbeinkleider trügen, Herr King, so könnten die Schürfungen im Stoff auch von Hammerschlägen herrühren, wie die Flecke,“ sagte Kern lächelnd. „So aber müssen wir nach einer anderen Erklärung suchen.“

„Und nach welcher?“ fragte King sehr ruhig.

„Nun, wir haben unten an den Nägeln des Ermordeten Fasern ganz des nämliche Stoffes gefunden, wie dieser hier ist.“

„Das möchte ich erst einmal sehen,“ fuhr King auf.

„Dazu wird Ihnen Gelegenheit geboten werden.“

„Und dann trägt alle Welt hier solche Unterhosen.“

„Ich sehe den Stoff zum ersten Mal,“ entgegnete Kern.

[619] „Ich soll nun einmal schuldig sein – aber der alte Gott –“

„Lassen Sie den alten Gott aus dem Munde, King!“

King hatte die Unterbeinkleider mit den verdächtigen Schürfungen wieder ablegen müssen und warf sich nun in die Kleider. Er stand bald angezogen vor Kern. Aengstlich hatten sich die Lehrlinge in die Thür gedrängt und der Scene in King’s Zimmer zugesehen. Kern sprach jetzt leise zu dem einen der Diener, welche hinter den Lehrlingen standen. Der Diener entfernte sich rasch, und Kern trat wieder zu King.

„An den Beinkleidern, die Sie tragen, sind Blutflecke, hier, hier.“ Er zeigte sie King. „Woher stammen diese?“

„Ich trug vorhin doch die Leiche mit herauf.“

„In diesen Beinkleidern? Hark, Barth, ist das richtig?“

„Ja, die hat er angehabt.“

„Zeigen Sie mir einmal Ihr Taschentuch, King!“

King griff in die hinteren Rocktaschen. Er suchte. „Ich habe gerade keines eingesteckt,“ sagte er.

„So?“ meinte der Amtsrichter wieder. „Aber gewöhnlich tragen Sie doch eins?“

„Natürlich,“ erwiderte King gereizt.

„Trugen Sie diesen Rock in der Ressource?“

„Jawohl.“

„Und Sie hatten kein Taschentuch darin?“

„Wie es scheint, nicht; ich habe es nicht vermißt.“

„Wir werden sehen. – Kennen Sie dieses Licht hier?“ Kern zeigte King das in einen Papierbogen eingeschlagene Licht.

„Nein,“ sagte King, „doch – es sieht aus wie Hark’s Licht.“

„Es ist mein Licht,“ sagte Hark bestimmt. „Nur etwas kürzer, als es war, da ich’s zuletzt brauchte. Und so schmutzig!“

„Ja, es klebt Sand und Blut daran, King. Wissen Sie nicht, wie das daran gekommen sein mag?“

„Nein, durchaus nicht.“

„Zeigen Sie mir einmal Ihren Hausschlüssel, King!“

King griff in die Tasche und überreichte den Schlüssel.

„Auch an diesem Schlüssel klebt Blut,“ sagte Kern bestimmt.

„Das kann sein,“ erwiderte King gelassen. „Ich hatte den Schlüssel und auch dieses Taschenmesser – sehen Sie, es ist gleichfalls blutig – als ich auf das Geschrei hinunter eilte, in der Tasche und habe nachher mit den blutigen Fingern, die ich vom Hinauftragen der Leiche bekam, diese Gegenstände angefaßt, ehe ich mich reinigte.“

„Also gereinigt haben Sie sich auch?

Kern trat an den Waschtisch King’s. Das Waschbecken war leer, das Handtuch sehr blutig.

„Habt Ihr gehört, daß er sich gewaschen?“ fragte Kern die Lehrlinge.

„Jawohl!“ riefen diese. „Als wir von unten wieder heraufkamen.“

„Das Handtuch ist sehr blutig, King. Wohin haben Sie Ihr Waschwasser gegossen?“

„Hier zum Dachfenster hinaus.“

„Warum?“

„Weil mich das blutige Wasser anwiderte.“

„Das kann ich mir denken,“ sagte Kern.

Das Messer, welches King dem Richter übergeben, war in die Hand des Arztes gewandert. Dieser gab es jetzt an Kern mit dem Bemerken zurück, daß mit diesem Messer der Mord keinesfalls ausgeführt sei. Die Mordwaffe mußte viel breiter, stärker und zweischneidig geschliffen sein.

„Diese Dolchscheide zu kennen, haben Sie schon im Keller unten verneint – nicht wahr?“ fragte Kern den Gesellen, indem er ihm noch einmal die beim Todten gefundene Scheide vorwies.

„Ich kenne sie nicht,“ erwiderte King bestimmt.

„Nun nur noch eine Frage,“ sprach Kern, indem er ein Licht ergriff und es auf den Boden hielt. „Herr King, können Sie mir vielleicht diese Blutspur erklären?“ Dabei ließ er den Diener beinahe von King’s Bett an durch die Lehrlingskammer hindurch bis auf den Vorflur die blutigen Tropfen beleuchten, während King und alle Uebrigen folgten. Kern’s Auge heftete sich dabei fortwährend durchdringend auf King’s Züge.

Beim Anblicke dieser Spur war King einen Augenblick erblaßt – offenbar sah er die Spur zum ersten Mal; denn er war vorhin mit den Lehrlingen im Dunkel heraufgekommen.

„Herr Amtsrichter,“ sagte er in völlig verändertem Tone, weich und einschmeichelnd, „ich kann diese Spur nicht erklären, wenigstens nicht so, daß Sie mir glauben würden. Aber ich bitte Sie um Verzeihung wegen jedes harten Wortes, das Ihre Anklage mir entlockt hat. Ich gestehe Ihnen, daß ich – stünde ich an Ihrer Stelle und Sie an meiner – gehandelt haben würde, wie Sie. Hätten Sie mir früher davon gesagt, ich hätte Alles ruhig über mich ergehen lassen.“

Diese Worte erweckten bei Kern einen leisen Zweifel an der Schuld King’s. So etwa hätte die angeklagte Unschuld auch sprechen können – das mußte er zugestehen.

„Nun, wollen Sie nicht wenigstens eine Erklärung dieser Blutspur versuchen, Herr King?“ fragte Kern.

„Ich werde es thun, sobald ich von Ihnen gehört habe, Herr Amtsrichter, inwiefern Sie diese Spur mit dem Morde, mit Ihrer Vermuthung, ich sei der Thäter, in Verbindung bringen. Ich möchte Sie herzlich bitten, mir zu sagen, wie Sie sich die Entstehung dieser Spur denken?“

Auch diese Worte waren in bescheidenem, zuletzt beinahe in innigem, flehendem Tone gesprochen. Aber dem Amtsrichter entging ihre verborgene Ironie nicht. Das war ja die einzige Frage, auf welche er selbst bis jetzt noch keine Antwort wußte.

King war zweifellos zu der gestellten Frage berechtigt, denn er konnte sich durch eine Erklärung nicht bloßstellen, und Kern mußte sich gestehen, daß er hauptsächlich aus dieser Absicht die Frage an King gestellt hatte. Er hatte gehofft, King würde antworten: auch die Spur rühre von dem Blute her, mit dem er sich beim Tragen der Leiche besudelt haben wollte. Dann würde er dem Angeschuldigten erwidert haben, daß die Spur für diesen Anlaß viel zu viel Blut aufweise, sich bis zum Keller in gleicher Stärke fortsetze und gegen die Hof- und Hausthür abzweige, also in Richtungen, wo King nach dem Tragen der Leiche gar nicht hingekommen sei. Aber King war dieser Gefahr – wenn es für ihn eine war – auf die geschickteste Weise ausgewichen, sodaß dem Richter nichts übrig blieb, als zu sagen:

„Gut. Wenn Sie nicht antworten wollen, ich kann Sie nicht dazu zwingen. Die Folgen Ihrer Verschlossenheit werden Sie sich aber freilich selbst zuzuschreiben haben.“

Er gebot die Abführung des Gefangenen, indem er mit dem Arzt voranging; dann folgte King; hinter ihm hatte der Amtsdiener blank gezogen. Zögernd schlossen sich die Lehrlinge an, und auf der oberen Treppe kam auch der entsendete zweite Amtsdiener dem Richter entgegen. Er meldete, daß die Patrouille in dem Hausflur warte, und man hörte in der That von unten das Klirren und Absetzen von Gewehren, wodurch die Aufmerksamkeit Aller einen Augenblick von dem Gefangenen abgelenkt wurde. Dieser stützte die Rechte auf das Ende des hölzernen Geländers, das längs der steilen, obern Treppe hinlief. Früher war das Geländer durch eine große, kugelförmige hölzerne Rosette abgeschlossen worden. Aber die Rosette war längst abhanden gekommen. Jetzt starrte an ihrer Stelle nur der rostige, zackige eiserne Stift, der sie ehedem festgehalten. Er blickte spähend um sich. Aus dem Dunkel des obern Vorflurs sah er zwei Augen auf sich gerichtet – er brauchte keine Erklärung, wem diese Augen gehörten. Er wandte seinen Blick nach den beiden Augen mit dem Ausdruck eines so unversöhnlich wilden Hasses, daß selbst Margret’s tapferes Herz eine Secunde erbebte. Dann senkte er das Haupt, schob die Hände in die Taschen, stieg die Treppe ruhig hinab und ließ sich drunten, wortlos und ungefesselt, den sechs Musketieren überliefern, die ihn mit geladenem Gewehr und aufgestecktem Bajonnet abführten, als den muthmaßlichen Mörder seines Herrn, des Kürschnermeisters Wolf.

Der Tag graute schon leise im Osten, als endlich auch Kern und Doctor Ammann den Heimweg antraten, nachdem der Amtsrichter in Verbindung mit dem Arzt noch kurze Notizen über die bisherigen Erörterungen aufgenommen hatte. An der nächsten Straßenecke gingen ihre Wege aus einander, und sie gaben sich eben die Hand zum Abschied, als ein Unterofficier an ihnen vorübereilte.

„Sind Sie nicht der Herr Bezirksarzt?“ sagte er, plötzlich seinen Lauf hemmend und zum Doctor Ammann zurückkehrend.

„Zu dienen!“

„Kommen Sie rasch auf die Wache, Herr Bezirksarzt; der Geselle King ist in Gefahr sich zu verbluten. Er ist bereits ohnmächtig.“

[620] „Verbluten? Ohnmächtig?“ fragte der Arzt verwundert. „Da muß er doch eine Verletzung haben?“

„Und was für eine, Herr Bezirksarzt!“ versicherte der in Friedenszeiten ergraute Unterofficier. „So lang“ – dabei hielt er die Hände eine halbe Elle weit von einander.

„Wir haben aber doch bestimmt keine Wunde an ihm bemerkt,“ meinte Kern, der kraft seines Amtes mit dem Arzt rasch der Hauptwache zuschritt.

„Nein, gewiß nicht,“ erwiderte Doctor Ammann.

„Wo hat er denn die Wunde?“ fragte Kern.

„An dem Ballen der rechten Hand, Herr Amtsrichter.“

„Wo hat er sie sich denn geholt?“ fragte der Arzt weiter.

„Ja, wer das sagen könnte!“ meinte der Unterofficier.

„Also auf der Hauptwache nicht?“ fragte Kern.

„Da gewiß nicht. Und unterwegs, so lange er in den Händen der Wache war, gewiß auch nicht.“

Sie waren jetzt in das Local der Hauptwache eingetreten.

Auf einem Stuhl, neben dem Pult des Wachtmeisters, lag King, Arme und Beine steif von sich gestreckt, den Kopf zurückgesunken, blaß, kaum athmend, besinnungslos. Unter seinem Stuhl befand sich eine große Blutlache.

Der Arzt erfaßte seine rechte Hand und besichtigte die Wunde, ohne daß der Patient etwas davon zu merken schien.

„Unerklärlich,“ sprach er leise zu Kern. „Zwei Zoll lang, einen Viertelzoll breit, über einen halben Zoll tief. Ich werde die Wunde nähen. Da wird er zu sich kommen und uns das Wunder zu erklären versuchen.“

Es geschah so, wie der Arzt erwartet hatte. Die Wunde war nahezu fertig genäht, als King zusammenzuckte und die Augen aufschlug. Er schien sehr matt, aber er lächelte. Es war ein etwas boshaftes Lächeln, wie Kern zu bemerken glaubte.

„Was soll das bedeuten, King?“ fragte der Amtsrichter streng. „Woher haben Sie die Wunde? Vorhin, als wir Sie untersuchten, waren Sie entschieden unverwundet.“

„Meinen Sie?“ fragte er leise und wieder lächelnd. „Ein Glas Wasser! Bitte, Wasser!“ rief er plötzlich.

Er stürzte es hinab, sowie der Wachtmeister es ihm gereicht.

„Wir meinen das nicht,“ entgegnete der Arzt, „Wir wissen das bestimmt.“

„So?“ fragte King fast spöttisch. „Sahen Sie denn da auch, daß ich ein großes Stück fleischfarbenes englisches Pflaster hier auf die Wunde geklebt hatte?“

„Nein, das sahen wir freilich nicht, Herr King,“ rief entrüstet der Arzt. „Aber aus dem einfachen Grunde nicht, weil die Wunde damals noch nicht existirte, und demnach auch kein Pflaster darauf lag.“

„Würden Sie das zu beschwören wagen, Herr Bezirksarzt?“

„Ja, gewiß. Aber ich will Ihnen noch etwas sagen. Es – wäre geradezu unmöglich gewesen, daß Sie eine Wunde, die Ihnen hier auf der Wache, das heißt etwa eine halbe Stunde nach unserer Untersuchung, einen so gewaltigen Blutverlust zuzog, mit englischem Pflaster hätten verkleben können.“

„Und doch ist es so, Herr Bezirksarzt.“

„King,“ sagte der Richter ernst und würdig, „Ihre neue Wunde da soll die Antwort sein, die Sie mir vorhin verweigerten: die Erklärung der Blutspur vom Mordkeller bis in Ihre Schlafkammer, nicht wahr?“

„Nein, Herr Amtsrichter. Diese Wunde“ – und dabei hob er die Hand betheuernd empor – „soll nicht blos die Erklärung für jene Blutspur sein, sondern sie ist es – sie wird es sein im Auge jedes unparteiischen Richters. Das sage ich auf Ihre Frage. Und dem Herrn Doctor erwidere ich, daß ich absichtlich den Klebstoff abgerissen, um zu beweisen, daß die Blutspur aus dieser Wunde entstanden sei.“

„Aber wie haben Sie sich dieselbe nur zugezogen?“ fragte Doctor Ammann.

„Als ich im Dunkeln hinuntereilte auf den Lärmruf der Lehrlinge, stieß ich mit der Hand gegen den scharfen Nagel, der am Ausgang des oberen Treppengeländers sich befindet, und da ich gleichzeitig stürzte, riß ich mir den Ballen auf.“

„Sie haben viel Glück bei Ihren Unglücksfällen, King,“ warf Kern trocken ein. „Warum gaben Sie uns denn vorhin nicht diese ganz unverfängliche Erklärung Ihrer Wunde?“

„Nun, Herr Amtsrichter, das will ich Ihnen offen sagen. Vorhin hätten Sie aus dieser Wunde, bei Ihrer Eingenommenheit gegen mich, nur wieder neues Material für die Anklage zu gewinnen versucht. Sie hätten gesagt: diese Wunde muß ihm Herr Wolf bei dem – von Ihnen angenommenen – Kampfe beigebracht haben.“

„Meinen Sie?“ fragte Kern achselzuckend. „Sie sollen sehen, daß Sie Unrecht haben; ich will annehmen, Sie hätten sich die Wunde schon beim Hinabeilen zugezogen, an der oberen Treppe. Wie kommt denn da die Blutspur in Ihr Schlafzimmer, in die Lehrlingskammer, auf den Vorsaal vor der Treppenspitze?“

„Sehr einfach; bei meinem Rückweg. Ich legte gleich das Pflaster auf, als ich den Schmerz fühlte. Es platzte auf bei der Anstrengung, als ich die Leiche trug, ohne daß ich’s bemerkte. Beim Waschen in meiner Kammer merkte ich, daß die Wunde von neuem offen sei, und verklebte sie abermals.“

„Sie hatten sich recht gut mit Pflaster versehen,“ warf der Arzt ein. „Aber ich bleibe dabei, daß Sie die Wunde, als ich Sie untersuchte, nicht hatten, daß ein Pflaster den Blutverlust nicht gehemmt hätte, daß Sie den Schmerz und den bedeutenden Blutverlust gerade dieser Wunde nicht hätten verheimlichen, daß Sie endlich bei solchem Schmerz nicht ruhig hätten schlafen können – und schlafend fanden wir Sie doch, als wir in Ihr Zimmer traten.“

King wollte etwas erwidern, aber er gab nur unarticulirte Laute von sich. Seine Züge verzogen sich krampfhaft; er mußte sehr schwach geworden sein durch das Entweichen von so viel Lebensstoff. Er sank abermals ohnmächtig in den Stuhl zurück.

„Sehen Sie, daß ich Recht habe?“ sagte der Arzt. „Wenn er die Wunde ungenäht solange trüge, wie er behauptet, er wäre schon lange zu Wort und Gedanken unfähig gewesen.“

„Bringen Sie ihn in Untersuchungshaft im Gerichtsgebäude nebenan!“ befahl Kern. „Für heute ist die Fortsetzung der Erörterungen unmöglich.“ –

Auch die folgenden Tage zeigte King große Ermattung und Erschlaffung und konnte längeres Verhör nicht aushalten.

„Er will Alles hinterhalten und über jede Frage und Antwort lange nachsinnen,“ meinte Kern.

Der Bezirksarzt versicherte aber, daß dies nicht Verstellung, sondern eine natürliche Folge des starken Blutverlustes sei.

„Ihr Mediciner faßt die Sache immer zu materialistisch,“ entgegnete Kern, „und seid dadurch nicht selten, allerdings unfreiwillig, wie ich gern anerkenne, die besten Bundesgenossen der Herren Verbrecher. Unser Mann hat seine fünf Sinne stets beisammen, so lange es ihm in sein Vertheidigungssystem, in seine Betheuerung vollständiger Schuldlosigkeit hineinpaßt. Sowie er Rede und Antwort stehen soll auf unangenehme Fragen und Indicien, schickt er sich an, wieder ein Bischen ohnmächtig zu werden.“

Der Untersuchungsrichter hatte wohl nicht ganz Unrecht mit seinen Bemerkungen. Denn in der That hatten die Nachforschungen, welche in Abwesenheit King’s am Tage nach seiner Verhaftung stattgefunden, ein ihm wenig günstiges Ergebniß geliefert.

In King’s Schlafzimmer war in einem bestaubten und verschimmelten Stiefel ein von Blut starrendes Taschentuch gefunden worden, das sich durch die gestickten rothen Buchstaben und die Vergleichung mit den andern Taschentüchern in King’s Kommode entschieden als dessen Eigenthum auswies. Dieses Taschentuch zeigte an vielen Stellen hellere, blaßrothe, verwischte Flecken, welche nach der Meinung des Bezirksarztes daher rührten, daß das Tuch dem unglücklichen Wolf nach den ersten Stichen vom Mörder in Mund und Hals gestopft worden sei, um den Kampf zu verkürzen und einen lauten Schrei oder die Namensnennung des Mörders zu verhindern. Dieser Vermuthung entsprach auch der äußere Befund der Leiche. Einige Hautverletzungen am Halse wiesen darauf hin, daß Wolf zuerst am Halse gepackt und gewürgt worden sei.

Ein viel wichtigerer Fund wurde aber noch gemacht, ehe Wolf’s Körper der Erde übergeben worden war.

(Fortsetzung folgt.)



[621]
Heimstätte für Heimathlose.
Eine Erinnerung von der Insel Sylt.

Donnernd braust die Brandung drunten,
Wild erdröhnt der Wogenschwall;
Auf und nieder, hin und wieder
Bäumt und schäumt der Wellenwall.

Hinter Dünen auf der Haide,
Einsam, eingefriedet schlicht,
Eine kleine Friedhofstätte –
Die dort ruhen, kennt man nicht.

Namenlose, Heimathlose –
Niemand weiß aus welchem Land –
Von der Fluth zurückgegeben,
Fanden Heimath hier im Sand.

Nur ein Kreuz und drauf die Nummer,
Jahreszahl und Bergungstag
Schmückt das Grab, um das die ferne,
Bange Liebe weinen mag.

Hier und dort, zum Kranz gewunden,
Haidekraut und Enzian,
Leicht umschwebt von Schmetterlingen,
Hängt als loser Schmuck daran.

Eine Möve seh’ ich ziehen,
Weithin über’s dunkle Meer,
Und ihr Ruf, ein leises Jammern –
Kann die Klage deuten wer?
 Emil Schmidt.

[622]
Aus den Zeiten der schweren Noth.
„Westfälische“ Erinnerungen eines Kasselaners.


Als im Jahre 1806 zwischen König Friedrich Wilhelm dem Dritten von Preußen und Napoleon der Krieg ausbrach, welcher bald durch die Schlacht bei Jena eine für Preußen so verhängnißvolle Wendung nehmen sollte, neigte bekanntlich der Kurfürst Wilhelm der Erste von Hessen-Kassel zwar im Geheimen auf Preußens Seite, aber er wagte doch nicht offen für dasselbe Partei zu ergreifen. Trotz aller dringenden Mahnungen ließ er seine Truppen nicht zu den preußischen stoßen, sondern nahm eine abwartende Stellung ein, um erst zu sehen, nach welcher Seite sich das Kriegsglück wenden würde. Diese Zweideutigkeit seines Benehmens sollte sich bitter rächen. Napoleon, welcher wohl wußte, daß die Sympathien des Kurfürsten nicht ihm galten, schickte alsbald nach der Schlacht bei Jena den General Mortier mit einem französischen Armeecorps nach Kurhessen, um dieses Land zu besetzen und den Kurfürsten seines Thrones zu berauben.

Noch erinnert sich Schreiber dieser Zeilen deutlich des Abends – es war am 31. October 1806 – als man von Kassel aus am Saume des anderthalb Stunden entfernten Söhrer Waldes eine lange Reihe von Bivouacfeuern leuchten sah und sofort über die ganze Bevölkerung Kassels das bange Gefühl kam, daß die dort lagernden Franzosen, welche angeblich zur Besetzung Hannovers bestimmt waren, auch auf Kassel feindliche Absicht haben möchten. Diese Befürchtung wurde am nächsten Morgen zur Gewißheit, als der Kurfürst in größter Eile von Kassel nach seinem Sommerschloß Wilhelmshöhe flüchtete, von wo er dann über Arolsen und Hameln nach Schleswig, in das Gebiet seines Schwiegervaters, des Königs von Dänemark, gelangte. Kaum hatte der Kurfürst seine Hauptstadt verlassen, so rückten auch schon die Franzosen ein, entwaffneten die hessischen Truppen und nahmen alle Cassen in Beschlag. Napoleon erklärte die kurhessische Dynastie als der Herrschaft verlustig und übergab die Verwaltung des Landes einem französischen Generalgouverneur, dem Divisionsgeneral Lagrange.

Schon im Jahre 1806 herrschte im Hessenlande nach Auflösung der hessischen Regimenter eine große Gährung, welche hauptsächlich durch die heimgeschickten alten Soldaten genährt wurde. In Eschwege an der Werra kam es zum Aufruhr. An dessen Spitze befand sich der ehemalige hessische Unterofficier Schumann, welcher, nach rascher Unterdrückung des Aufstandes, in Kassel vor ein Kriegsgericht gestellt und in dem an der Fulda gelegenen Park, der sogenannten Au, erschossen wurde.

Im Jahre 1807 richtete Napoleon das Königreich Westfalen auf, dessen Hauptstadt Kassel und dessen Beherrscher der damals dreiundzwanzigjährige „Jérôme“ wurde.

Am 10. December 1807 hielt der neue König von Wilhelmshöhe aus einen prunkenden Einzug in seine künftige Residenz. Am Weichbilde der Stadt nächst dem Dorfe Wehlheiden empfing ihn der Magistrat von Kassel und überreichte ihm auf einem seidenen Kissen den goldenen Schlüssel der Stadt. Der König fuhr dann im offenen Wagen durch die Hauptstraßen nach dem alten Schlosse, welches auf der Stelle der späteren Kattenburg stand.

Kassel nahm unter der westfälischen Regierung einen ungeahnten Aufschwung, namentlich weil der lustige Hof Jérôme’s viel Geld unter die Leute brachte. Es läßt sich daher wohl begreifen, daß in der Gesinnung der meisten Kasselaner ein vollständiger Umschwung zu Gunsten der Franzosen vor sich ging. Hauptsächlich trugen hierzu auch die mancherlei neuen Einrichtungen im Staatswesen bei, durch welche die Standesvorrechte der früheren Zeit und alle Reste der alten feudalen Lasten beseitigt wurden. Für die Jugend zumal war es ein erhebender Gedanke, daß hinfort der Zutritt zu allen Aemtern nicht blos den Söhnen des Adels und der Beamten, sondern allen Ständen eröffnet war. Und so beseelte die jungen Leute bürgerlichen Standes damals vorzugsweise der Wunsch, durch die militärische Laufbahn zu Ruhm, Ehren und Würden zu gelangen. Das französische Wort, daß jeder Soldat den Marschallsstab im Tornister trage, hatte auch bei der Jugend Kassels gezündet, und daß das Ziel nur unter den französischen Adlern zu erreichen war, daraus machte sie sich nichts, da leider von einer deutsch-nationalen Gesinnung in jener Zeit weder bei den Fürsten noch bei den Völkern der Rheinbundstaaten viel zu finden war.

Aus diesen Umständen erklärt es sich, daß für den Aufstand der hessischen Bauern unter Oberst von Dörnberg (1809) in der Bevölkerung Kassels wenig Sympathieen vorhanden waren. Nachdem die schlecht bewaffneten und ungeordneten Schaaren Dörnberg’s von den westfälischen Truppen nach kurzem Gefechte bei der sogenannten Knallhütte, einem anderthalb Stunden von Kassel gelegenen Wirthshause, zersprengt worden waren (23. April 1809), füllte sich das Staatsgefängniß zu Kassel, das an der Fulda gelegene Castell, mit Gefangenen von allerlei Art, und das westfälische Kriegsgericht begann seine Blutarbeit.

Sein erstes Opfer war der ehemalige hessische Lieutenant von Hasserodt. Am Nachmittag des 2. Mai war ihm der Spruch des Kriegsgerichts, welcher ihn zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilte, mitgetheilt worden, und schon am nächsten Morgen um neun Uhr wurde dieses Urtheil vollstreckt, und zwar auf dem sogenannten großen Forst, einer weiten Wiesenfläche unweit Kassels, welche schon damals dem Militär zu seinen Uebungen diente. Als von Hasserodt aus seiner Zelle zunächst in den Hof des Castells hinabgeführt und der Executionsmannschaft übergeben wurde, bat er den commandirenden Officier, einen ehemaligen Cameraden, um die Erlaubniß, daß nicht, wie gewöhnlich, sechs Mann auf ihn feuerten, sondern daß er sich drei zuverlässige Schützen aussuchen dürfe, welche ihm den letzten Dienst erweisen sollten. Da ihm diese Bitte gewährt wurde, wählte er sich drei Jäger aus und bat einen von diesen, ihm zwischen die Augen zu halten, während die beiden anderen ihm nach dem Herzen zielen sollten. Auf dem Forst angekommen und vor das bereits aufgeworfene Grab gestellt, ließ er sich die Augen nicht verbinden, und die drei wohlgezielten Kugeln machten seinem Leben augenblicklich ein Ende.

Glücklicher waren drei andere Gefangene, welchen es noch zu rechter Zeit gelang, durch kühne Flucht aus dem Castell dem Tode zu entrinnen. Es waren dies drei junge Officiere der westfälischen Armee, von Giesewald, Schmalhaus und Berner, welche, dem Beispiele des Obersten von Dörnberg folgend, sich an dem Aufstande betheiligt hatten. Ihre Zelle lag auf derjenigen Seite des Castells, deren gewaltige Grundmauer von der hier ziemlich tiefen und breiten Fulda bespült wird. Durch einen Freund in der Stadt hatten sie sich eine Feile und einen Strick zu verschaffen gewußt. In dunkler Nacht (10. Juni 1809) durchfeilten sie einen Eisenstab an dem Fenstergitter ihrer Zelle und bogen diesen mit vereinten Kräften so weit in die Höhe, daß man sich durch die entstandene Oeffnung durchzwängen konnte. An einem andern Eisenstabe ward dann der Strick befestigt, und an diesem ließ sich zuerst Lieutenant von Giesewald, welcher ein guter Schwimmer war, in den Fluß hinab. Es galt zunächst einen Kahn herbeizuschaffen, da von seinen beiden Cameraden Berner nur schlecht und Schmalhaus gar nicht schwimmen konnte.

Vorsichtig schwamm von Giesewald stromaufwärts unter der ganz in der Nähe befindlichen Fuldabrücke hindurch und fand nicht weit von derselben am Ufer einen Kahn, welchem aber leider das Ruder fehlte. Trotzdem band er ihn los und brachte ihn längs der Ufermauer glücklich stromab bis unter das Fenster des Castells, auf welchem sich dann auch seine beiden Schicksalsgenossen herabließen. In Ermangelung eines Ruders versuchten die drei jungen Männer mit den Händen den Kahn nach dem andern Ufer zu rudern, aber sie waren nicht im Stande, die Strömung zu überwinden, welche sie unaufhaltsam stromab trieb. Nicht weit unterhalb des Castells zieht sich quer durch die Fulda ein Wehr; diesem kam das Boot immer näher, und die Flüchtlinge schwebten in der augenscheinlichen Gefahr, mit dem Kahn über den brausenden Fall hinabgestürzt zu werden. Hier galt kein langes Besinnen: unverzagt sprangen alle drei aus dem Kahn in den Fluß; von Giesewald, wie schon bemerkt, ein trefflicher Schwimmer, zog mit dem linken Arm seinen Cameraden Schmalhans neben sich her und brachte ihn unter schweren Anstrengungen glücklich an’s Ufer. Auch Berner arbeitete sich mit Aufbietung seiner letzten Kraft durch das Wasser – und nach vielen Abenteuern schlugen sich die Flüchtlinge glücklich durch bis nach Sachsen, wo damals die Freischaar des Herzogs von Braunschweig-Oels stand; in diese traten sie sofort ein, um dann den kühnen Zug der „schwarzen Schaar“ [623] von der böhmischen Grenze mitten durch Deutschland bis zu den Gestaden der Nordsee mitzumachen.

Das westfälische Kriegsgericht, welchem diese drei Officiere entronnen waren, erkor als zweites Opfer den fünfundsiebenzigjährigen Oberst Emmerich, einen alt-hessischen Officier, welcher den siebenjährigen und den amerikanischen Krieg mitgemacht hatte. Selbst nach dem Fehlschlagen des Dörnberg’schen Aufstandes hatte dieser alte Haudegen in Marburg im Bund mit dem dortigen Professor der Medicin Hofrath Dr. Sternberg einen neuen Aufstand gegen den König Jérôme zu erregen versucht, welcher jedoch noch im Entstehen unterdrückt wurde. Nach Kassel vor das Kriegsgericht geführt, wurde Oberst Emmerich zum Tode verurtheilt und am 18. Juli 1809 auf dem „Forst“ erschossen. Auf seinem letzten Gang rauchte er ruhig aus einer kurzen Pfeife, und diese in der Hand haltend, ohne Binde vor den Augen, rief er selbst mit lauter Stimme das Commandowort „Feuer!“ Mochten den sechs Soldaten, welche befehligt waren, dem alten Kriegshelden den Tod zu geben, die Hände gezittert, oder mochte die Mehrzahl absichtlich vorbeigeschossen haben – von den sechs ihm bestimmten Kugeln traf nur eine einzige, aber diese eine mitten in’s Herz.

Am nächsten Tag (19. Juli 1809) traf das Todesloos den Hofrath Dr. Sternberg. Vergeblich hatte dessen Gattin eine rührende Bittschrift an König Jérôme eingereicht. Obwohl sie ihrer nahen Niederkunft entgegensah, machte sie sich doch auf den Weg von Marburg nach Kassel, um durch einen Fußfall vor dem König Gnade für ihren Gatten zu erlangen. Allein sie war nicht im Stande, die Beschwerden der Reise auszuhalten; sie sah sich genöthigt, unterwegs wieder umzukehren und langsam nach Marburg zurückzufahren. Sie würde auch zu spät in Kassel eingetroffen sein. Denn an demselben Morgen wurde ihr Mann auf dem „Forst“ erschossen. Schlecht getroffen, sank Sternberg stöhnend nieder, und man hörte ihn noch leise wimmern: „Ach, meine arme Frau! Meine armen Kinder!“ Dann machte die Kugel eines Soldaten, welcher ihm den Gewehrlauf an die Schläfe setzte, seinem Todeskampf ein Ende.

Gleich nach Sternberg wurden noch zwei ehemalige hessische Soldaten, Mentel Günter aus Sterzhausen und Daniel Muth aus Ockershausen, an derselben Stelle erschossen.

Der letzte Blutzeuge dieser verunglückten Versuche, das Joch der Fremdherrschaft abzuwerfen, war der Wachtmeister im ersten westfälischen Kürassierregiment Christoph Hohnemann, der Sohn eines Magdeburger Kaufmanns. Am 11. August 1809 erlitt auch er auf dem „Forst“ den Tod durch Pulver und Blei.

Um den trüben Eindruck dieser Ereignisse, welche über so viele Familien des Königreichs Westfalen Jammer und Elend gebracht hatten, einigermaßen zu verwischen, wurden durch Vermittelung der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, welche 1810 zum Besuch an dem Hof ihres jüngsten Sohnes erschien, viele der Gefangenen vom König begnadigt und aus der Haft entlassen.

Die letzten Soldaten, welche ich habe erschießen sehen, waren der Lieutenant Kupfermann aus Magdeburg und sein Wachtmeister von einem der westfälischen Husarenregimenter, welche unter General Hammerstein in der Nacht des 22. August 1813 in Sachsen zu den Oesterreichern übergegangen waren. Eine halbe Schwadron war jedoch an diesem Uebertritt verhindert und gefangen genommen worden. Sie wurde nach Kassel geführt, wo der Lieutenant und sein Wachtmeister, sowie jeder zehnte Mann vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt wurden. Doch wurde das Urtheil nur an den beiden ersteren vollzogen.

In gleicher Weise sind auf dem „Forst“ zu Kassel noch mehrere brave Soldaten, welche die Schmach ihres Vaterlandes schmerzlich empfanden und nicht länger in fremdem Dienst gegen ihre deutschen Brüder kämpfen wollten, erschossen und unter der Rasendecke verscharrt worden.

Lange Zeit hat nur eine einsame Eiche, von einigen Patrioten nach dem Sturz der Fremdherrschaft gepflanzt, die Stelle auf dem „Forst“ bezeichnet, wo diese deutschen Männer die Liebe zum Vaterlande mit ihrem Blute besiegelten. Erst bei der Feier des fünfzigsten Jahrestages der Schlacht bei Leipzig besann man sich auf die längst verfallene Schuld, den Blutzeugen der westfälischen Zeit ein steinernes Denkmal mit Aufzeichnung ihrer Namen zu errichten. Und so bewegte sich denn am 18. October 1863 unter dem Geläute aller Glocken ein großartiger Festzug durch die reichgeschmückten Straßen der Stadt Kassel hinaus auf den „Forst“ und bildete mit dem dort bereits aufgestellten Militär ein großes Viereck um jene Eiche. Nach den üblichen Reden und Gesängen wurde unter dem Donner der Kanonen der Grundstein zu einem solchen Denkmal gelegt, wobei noch der letzte Kurfürst die üblichen drei Hammerschläge verrichtete.

Später ist man jedoch zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Platz neben der Eiche auf der großen Ebene des „Forstes“ für ein künstlerisches Denkmal ungeeignet und außerdem von der Stadt zu weit entfernt sei, um dem Publicum, besonders durchreisenden Fremden bequem zugänglich zu sein. Man hat sich daher begnügt, neben jener Eiche einen einfachen Denkstein aufzurichten mit der Inschrift: „Zum Andenken der als Opfer der französischen Fremdherrschaft gefallenen hessischen Patrioten.“

Das eigentliche Denkmal aber ist an einem sehr glücklich gewählten Platz in dem herrlichen Park an der Fulda, der sogenannten Au, unterhalb Bellevue aufgestellt worden, und zwar nahe bei der Stelle, wo der oben erwähnte Unterofficier Schumann (am 16. Februar 1807) erschossen worden ist. Dieses Denkmal steht auf einem künstlichen Rasenhügel, zu welchem auf der vordern und hintern Seite breite steinerne Treppen führen. Auf einem länglichen Postament von Tuffstein, welches die gleiche Inschrift trägt wie der Denkstein auf dem Forst, liegt ein gewaltiger schlummernder Löwe von weißem Marmor, ein Meisterwerk des Herrn Professor Kaubert in Frankfurt am Main. Seltsamerweise ist das Denkmal im Frühling 1874 ohne jegliche Feierlichkeit, ohne Sang und Klang enthüllt worden, und auch in den öffentlichen Blättern hat es kaum Erwähnung gefunden.

Gleichsam ein Vorbote des nahen Zusammenbruches war für das Königthum Jérôme’s der große Schloßbrand am 24. November 1811, welcher den größten Theil des alten, hoch über der Fulda gelegenen Residenzschlosses zu Kassel vernichtete. Jérôme bezog darauf das in der Oberneustadt gelegene Bellevueschloß. Die Ausführung seines Planes, das abgebrannte Residenzschloß wieder aufzubauen, wurde zunächst durch den russischen Feldzug von 1812, welcher so viele Menschen und so viel Geld erforderte, verzögert und dann durch den Ausgang desselben und die Ereignisse des Jahres 1813 vereitelt. Erst nach der Rückkehr des Kurfürsten Wilhelm des Ersten wurde Hand an’s Werk gelegt und unter der Leitung des Oberbaudirectors Jussow, welcher auch das in Folge der Gefangenschaft Napoleon’s des Dritten wieder vielgenannte Schloß zu Wilhelmshöhe und die dortige Löwenburg gebaut hatte, der Neubau eines großartigen Schlosses begonnen, welches den Namen „Kattenburg“ führen sollte. Als kaum die Mauern des Erdgeschosses standen, starb der baulustige Kurfürst Wilhelm der Erste (1821), und sein Sohn und Nachfolger Wilhelm der Zweite setzte den Bau nicht fort. So hat die Kattenburg fünfzig Jahre lang als Ruine dagestanden, bis in den letzten Jahren die preußische Regierung die Mauern abbrechen und die prächtigen Quadersteine zum Bau der neuen an der Bellevuestraße gelegenen Bildergallerie verwenden ließ.

Mit jenem Schloßbrand waren die lustigsten Tage des Königs Jérôme vorüber. Bald sollte die ganze westfälische Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken nehmen.

Noch ist mir in lebhafter Erinnerung, wie am 28. September 1813 die Kosaken unter Tschernitscheff auf ihrem kühnen Streifzug vor den Mauern Kassels erschienen. Alles lief auf den Schloßplatz, wo die ganze Garnison aufmarschirt war. König Jérôme kam zu Pferde von Bellevue herunter, wurde von den Truppen mit dem Rufe „Vive le roi!“ empfangen und ließ dieselben vor ihrem Ausmarsch gegen den Feind defiliren. Man hörte aus der Ferne, wie sich das Gefecht vor der Stadt, in der Gegend des Siechenhofes, entspann. Die westfälischen Truppen wurden zurückgedrängt, konnten aber nur mit Mühe wieder in die Stadt gelangen, weil das Leipziger Thor und die Fuldabrücke unterdessen verrammelt worden waren. Die Russen nahmen das Thor mit Sturm, drangen in die Unterneustadt ein, befreiten die Staatsgefangenen im Castell und versuchten, jedoch vergebens, auch die Fuldabrücke zu stürmen. Sie zogen dann südwärts in der Richtung des Städtchens Melsungen, erschienen aber nach zwei Tagen abermals vor Kassel. König Jérôme, welchem der Muth vollständig abhanden gekommen war, hatte sich unterdeß mit seiner Garde in der Richtung nach Marburg zurückgezogen, nachdem er den General Alix zu seinem Stellvertreter in Kassel ernannt hatte.

[624] Die Russen hatten sich auf dem sogenannten kleinen Forst aufgestellt und beschossen von dort die Stadt. Die Westfalen hatten ihre Batterien vom Schloß an, Bellevue entlang, bis auf den Weinberg aufgestellt und erwiderten lebhaft das Feuer. Durch diese Beschießung der Stadt gerieth die Bürgerschaft in Aufruhr. Ein Schwarm Volkes, an der Spitze ein Bäcker, zog durch die Straßen und rief: „Bürger ’raus!“ Durch die drohende Haltung der Bürgerschaft wurde der General Alix genöthigt, am 30. September zu capituliren. Das Feuer wurde eingestellt und ein russischer Officier mit verbundenen Augen, voran ein blasender Trompeter, nach dem Rathhaus geleitet. In Folge der abgeschlossenen Capitulation verließen die westfälischen Truppen noch am Abend desselben Tages durch das Kölnische und Holländische Thor die Stadt mit Sack und Pack.

Am anderen Morgen (1. October 1813) hielt Tschernitscheff seinen Einzug in Kassel, und da das Volk ihn vielfach für den damals im preußischen Heere dienenden Kurprinzen hielt, so wurde er mit doppeltem Jubel empfangen und in das Bellevue-Schloß geleitet. Er erließ alsbald eine Proclamation, in welcher es hieß: „Das Königreich Westfalen welches aus Provinzen zusammengesetzt wurde, die ihren rechtmäßigen Oberherren mit Gewalt entrissen waren, hört von heute an auf, jedoch nicht, um als erobertes Land behandelt, sondern um von der französischen Herrschaft befreit zu werden.“

Diese Ankündigung kam noch um einige Wochen verfrüht; die Völkerschlacht bei Leipzig war noch nicht geschlagen. Tschernitscheff’s Kosakenschwarm (2300 Reiter mit 6 Kanonen) war weder im Stande, noch dazu angewiesen, den vorgeschobenen Posten in Kassel zu behaupten. Nur wenige Tage hielten sich die Russen in Kassel auf, wobei, wie ich mich sehr deutlich erinnere, alle Kinder die gutmüthigen Kosaken auf ihren kleinen Pferden, trotz ihrer langen Bärte und langen Lanzen, sehr lieb gewannen. Besonders seltsam nahmen sich einige darunter befindliche Baschkiren aus, welche nach ihrer heimischen Sitte noch mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren. Damals stand auf der Mitte des kreisrunden, durch sein siebenfaches Echo berühmten Königsplatzes ein Marmor-Standbild des Kaisers Napoleon. Nach diesem schossen die Baschkiren mit ihren Pfeilen und jubelten laut auf, als es endlich einem von ihnen gelungen war, der Statue die Nase abzuschießen.

Nach dem so rasch wieder erfolgten Rückzuge der Russen (3. October) war Kassel auf kurze Zeit herrenlos. Um die Stadt nicht der Anarchie verfallen zu lassen, traten vierzig der angesehensten Bürger zusammen und bildeten eine Art von provisorischer Regierung. Als zehn Tage nach seiner übereilten Flucht Jérôme mit französischen Truppen, welche er aus Mainz herangezogen hatte, noch einmal nach Kassel zurückkehrte, wurden jene vierzig Bürger in’s Castell geworfen und würden einem strengen Spruche des Kriegsgerichts sicher nicht entgangen sein, wenn nicht inzwischen die Schlacht bei Leipzig mit dem ganzen Königreiche Westfalen gründlich aufgeräumt hätte. Am 26. October verkündete eine Bekanntmachung der Minister: der König sehe sich durch den Drang der Zeitumstände veranlaßt, sich aus seinen Staaten zu entfernen. Mit zahlreichen Wagen, welche die Kostbarkeiten aus allen Schlössern fortführten, entfloh Jérôme zum zweiten Mal, und zwar diesmal gleich über den Rhein. Er hat seine Residenz Kassel nie wieder gesehen.




Blätter und Blüthen.


Weltliche Feste in den Kirchen Amerikas. Im Gegensatz zu dem geistig regeren Westen Nordamerikas weht in den östlich gelegenen Neu-Englandstaaten noch vielfach etwas von jener puritanischen Luft, welche die „Pilgerväter“ 1620 bei ihrer Landung am Plymouthfelsen (vergl. „Der Altvätertag der Union“ in Nr. 51, 1878) in’s Land trugen.

Nirgends spielt die Kirche wohl eine so große Rolle in der Gesellschaft, wie in den eben bezeichneten Gebieten von Amerika. In Springfield (in Massachusetts) z. B. existiren 36 Kirchen und 30 verschiedene Gemeinden, was für den geselligen und gesellschaftlichen Verkehr sehr lähmend ist, denn wie sich ist Europa Coterien aus dem Bürger-, dem Beamten-, dem Finanz- und Militärstand bilden, so bezeichnen in jenen Gegenden Amerikas diese Gemeinden ebenso viele Coterien, in die zu kommen es nur gelingt, wenn man dieselbe Kirche, ob aus Ueberzeugung, ob aus Politik, besucht. Jede Gemeinde sammelt und spendet für sich allein, und immer in der Kirche, weshalb auch die Einrichtung der Kirchen eine ganz andere ist, als bei uns in Europa.

Das erste Fest, dem ich in einer Springfielder Kirche beiwohnte, war ein Erdbeerfest, welches in den Zeitungen angekündigt war.

Ein Erdbeerfest! Eintritt fünfzehn Cents, Kinder zehn Cents, Erfrischungen und Unterhaltung in der Kirche! Das war mir neu, und ich beschloß, das Fest mir anzusehen.

Als ich hinkam, hatte es schon begonnen; in der hochgewölbten Kirche tummelten sich jauchzende Kinder, war es ihnen doch heute gestattet, frei überall herumzulaufen; selbst auf des Predigers Plattform wagten sie sich und stritten, wer zuerst reden solle.

In der schönen, einem Saale ähnlichen großen Sakristei waren Tische und Bänke an den Wänden aufgestellt; junge Damen bedienten die Kommenden mit Thee, Kaffee, Kuchen, Eis und vor Allem mit Erdbeeren, welche in Amerika auf Aeckern gezogen werden und den Hauptertrag mancher Farmen bilden. Die Preise waren mäßig, obwohl der Erlös für die Kirche bestimmt war.

Die Pfeiler der Sacristei hatte man reizend mit großen frischen Bouquets geschmückt, die gleich Medaillonbildern daran befestigt waren; in allen Nischen des Raumes standen Tische mit schönen Arbeiten, welche die Damen der Gemeinde gespendet hatten und die zu hohen Preisen verkauft wurden. An dem einen Ende der Sacristei, auf einer Bühne, welche im Winter zu Concerten und zum Theaterspiel verwendet wird, blühte ein förmlicher Garten von Blumen; es gab da Bouquets von allen Größen, zu allen Preisen. Die Maiglöckchen mit ihrem berauschenden Dufte, und die Rose, der Liebling der Amerikaner, hatten da ihr Lager aufgeschlagen; hier war das Gedränge der Kauflustigen am größten; die jungen Verkäuferinnen hatten vollauf zu thun.

Es war ein frisches, fröhliches Frühlingsfest, frei von äußerem Zwang und doch durch Ort und Zweck in gewisse Schranken gebannt. Eine Predigt wurde nicht gehalten; der Prediger selbst war gar nicht anwesend; es war einfach eine freiwillige Sammlung für die Kirche, von den Kirchenmitgliedern, die auch Erfrischungen besorgten, ausgehend.

Man bleibt aber nicht bei solch poetischen Erdbeerfesten stehen. Die Gemeinden geben ihre Concerte, Theatervorstellungen, Soiréen und Thees in der Kirche. Neben der Sacristei befindet sich eine Küche und Geschirrkammer, und statt des Weihrauchs strömt Abends gar oft der Duft eines gebratenen Truthahns durch die heiligen Räume.

Die Idee, die Gemeindemitglieder in dieser Weise mit einander bekannt zu machen ist gewiß eine ganz praktische, aber solche Feste nehmen der Kirche jede religiöse Weihe; denn wo ich Abends gespeist, getanzt und gelacht habe, kann ich den andern Tag nicht meine Gedanken zu Gott erheben, ohne unwillkürlich an die vergangene Unterhaltung zu denken, wenn sie auch nur in den Nebenräumen der Kirche stattfand.

Aber nicht nur zur Unterhaltung versammelt man sich in der Kirche, auch zu wohlthätigen Zwecken. Die Damen der Gemeinde kommen an bestimmten Abenden der Woche dort zusammen, um für arme Kinder Anzüge zuzuschneiden und zu arbeiten. Ueberhaupt sind die Amerikaner, wie bekannt, äußerst wohlthätig.

Die Unterhaltungen werden immer ist den Zeitungen angekündigt; so z. B. heißt es: heute Abend Austernschmaus in der Methodisten-Kirche, oder: heute Abendunterhaltung mit Tableaux in der Congregisten-Kirche. Sogar die Katholiken machen diese Mode mit. Sie geben ihre Feste und Unterhaltungen aber immer im Stadthause im großen Saal und erreichen dieselben Zwecke, denselben Ertrag. Im Sommer werden auch Ausflüge gemacht, und da heißt es: „Picnic der Baptisten-Kirche“, oder „Picnic der South (Süd)-Kirche“ und so fort; da wird in offenen Omnibuswagen welche zwanzig bis dreißig Personen fassen, auf’s Land gefahren, wobei die Erfrischungen mitgebracht werden. So ist die Kirche der Brennpunkt des gesellschaftlichen Lebens in jenen Gegenden Amerikas.




Eine neue Art von Särgen. Auf Anregung des Artikels „Zur Frage der Leichenbestattung“ von Karl Vogt (Nr. 14 d. J.) sucht ein Industrieller der Provinz Sachsen den Sanitätszwecken der Feuerbestattung und zugleich den Ansprüchen der Pietät in folgender Weise gerecht zu werden. Er verwendet für die Särge nicht mehr das leichtvergängliche Holz, sondern stellt sie aus gebranntem Thon oder Cement, Asphalt oder Gyps her. Da aus Mangel an Platz die Neubenutzung der Grabstätten vielfach schon nach acht bis zehn Jahren geschehen müßte, legt man zwischen zwei Gräberreihen einen Thonröhrenstrang, mit welchem jeder Sarg mittelst eines Thonrohrs engster Sorte verbunden wird; sämmtliche große Röhrenstränge des Friedhofs münden nun in einen Hauptstrang, an dessen Ende ein fortwährendes Coaksfeuer unterhalten wird. Der Cementsarg ist so porös, daß an die Stelle der abziehenden Gase atmosphärische Luft treten kann, und so geht die Oxydation der Körper rasch von Statten. Im Laufe von acht Jahren kann jeder Leichnam auf diese Weise in Asche verwandelt werden, die alsdann die Angehörigen der Todten in einer Urne aufbewahren, während die Grabstätte einen neuen Sarg aufnehmen kann. Herr A. Lesse in Bitterfeld giebt nähere Auskunft über diesen beachtenswerthen Gegenstand.



Nachträgliches zu dem Artikel „Die Bewohner des Mundes. (Nr. 30 dieses Jahrganges.) Der Vorstand des Centralvereins deutscher Zahnärzte theilt uns im Hinblick auf die im genannen Artikel erwähnten Mittel zum Ausspülen des Mundes und zum Putzen der Zähne freundlichst mit, daß die deutschen Zahnärzte auf Grund sorgfältiger Prüfung es gegenwärtig vorziehen, zum Mundausspülen Wasser mit reinem Spiritus gemischt, zum Zähneputzen fein geschlemmte Kreide, Beides mit unwesentlichen aromatischen Zusätzen, zu verwenden; die Mittheilung verweist im Uebrigen auf das Buch „Anleitung zur Pflege der Zähne und des Mundes“ von Dr. W. Süersen. Wir empfehlen diese Bemerkungen der Beachtung unserer Leser.
D. Red.



Verantwortlicher Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Von dem Verfasser obigen Artikels ist vor einiger Zeit eine lediglich für Laien bestimmte systematische Darstellung des Wissenswerthesten aus den neuen Justizgesetzen nebst einem Anhange, enthaltend Formulare für die gebräuchlichsten Anträge und Schriftstücke, unter dem Titel: „Deutsches Laienrechtsbuch“ (Erfurt, A. Stenger, Preis 1 Mark) erschienen, auf welche Veröffentlichung wir hiermit besonders aufmerksam machen.
    D. Red.