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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[91]
Gebunden.
Erzählung von Ernst Wichert.
(Fortsetzung.)


7.

Die jungen Herren arbeiteten trotz des frischen Morgens und des Waldschattens im Schweiße ihres Angesichts an der alten Grabstätte der heidnischen Preußen. Sie hatten auf Harder’s Wunsch den höchsten Hügel ausgewählt. Der Referendar war der Eifrigste und Neugierigste; denn Harder hatte Damenbesuch zugesagt, und er merkte wohl, wer gemeint war. „Nun –?“ fragte er heimlich, „haben Sie sich noch so kaltes Blut bewahrt?“

„Vollkommen!“ versicherte Harder. „Es thut mir leid, Ihr Schicksal nicht theilen zu können.“

Der Referendar präparirte eine Cigarre. „Ach!“ sagte er lächelnd, „ich würde Ihnen diese Eroberung von Herzen gönnen; meine kleine Wunde ist längst vernarbt. Ich habe kürzlich eine Bekanntschaft gemacht, wissen Sie –!“ Er legte die Finger auf den Mund, als wollte er sich selbst Schweigen gebieten. Dabei blitzten ihm die Augen. – –

Irmgard hatte ihre Mutter vermocht, sie zu begleiten. Als die Damen anlangten, war eben einer der Spaten auf einen Stein gestoßen. Irmgard wollte nun selbst mithelfen, und man ließ ihr den Willen. Die Steine wurden oben und an der einen Seite gänzlich freigelegt, sodaß sich nun ein roher Bau erkennen ließ: auf einem Viereck von Feldsteinen lagen einige große platte Steine als Decke; vorn war eine Lücke gelassen, die wie eine kleine Thür zu dem Gewölbe erschien. Die Herren wälzten die Platten ab.

Der innere Raum war mit weißem Seesand mehrere Zoll hoch gefüllt gewesen; jetzt zeigte er sich fast überall mit der Erde überschüttet, die durch die breiten Fugen eingedrungen war. Es standen darin zwei Urnen von braungelbem Thon, die eine mit, die andere ohne Deckel. Die größere brach bei der ersten Berührung in kleine Scherben zusammen; die andere leistete, als Irmgard sie behutsam heraushob, mehr Widerstand; nur der Rand bröckelte ab. Sie schüttete den Inhalt von Asche und Kohlenresten auf ein Tuch. Dabei fiel zu ihrer großen Freude auch eine hübschgeformte Fibula von Bronze heraus, wie sie zum Zusammenhalten des Gewandes gebraucht wurde. Im Sande fanden sich noch das Eisengestell eines Pferdezaumes, eine Lanzenspitze, beides stark vom Rost angefressen, ein Häuflein rohbearbeiteter Bernsteinperlen, die zu einer Schnur gehört haben mochten, und einige Münzen aus der späteren römischen Kaiserzeit. Alle Gegenstände wurden von den Herren sehr galant dem Fräulein überreicht, unter dessen glücklichen Auspicien der Fund gemacht worden war.

Harder hielt, als die kleine Gesellschaft sich mit der Entzifferung der schwer leserlichen Inschriften auf den Münzen beschäftigte, eine Nachlese in der Asche, die der zusammengebrochenen Urne entfallen war, indem er sie mit einem spitzen Stöckchen durchsuchte. Dabei blieb etwas auf der Spitze stecken. Er nahm es ab, reinigte es von Erde und steckte es, wie er glaubte, unbemerkt zu sich.

Irmgard aber hatte ihn beobachtet. Als nun die Asche aus dem Tuch wieder in den Steinkasten geschüttet, die Steinplatte darüber gewälzt und die Erde in die Oeffnung des Hügels zurückgeworfen worden war, die kleine Gesellschaft aber den Rückweg antrat, schloß sie sich an Harder an, der absichtlich etwas zurückzubleiben schien, und begann ein Gespräch mit ihm. „Unsere Ausbeute ist recht zufriedenstellend,“ sagte sie. „Die Grabstätte scheint einem Krieger gedient zu haben, das eiserne Mundstück des Zaumes und die Lanzenspitze deuten darauf. Auch ist der Gewandhalter zu groß, um zu einem Frauenkleide gehört zu haben.“

„Ganz recht,“ antwortete er, „aber die Bernsteinperlen gehörten doch wohl einem weiblichen Schmuck an. Wir fanden ja auch zwei Urnen.“

„Aber in der zweiten war nur Asche. Oder haben Sie eine Entdeckung gemacht? Ich bemerkte, daß Sie einen kleinen Gegenstand aufhoben und an sich nahmen.“

„Ich stand also unter scharfer Aufsicht. Nun – eine Unterschlagung war nicht beabsichtigt, wie ich versichern darf.“

„Ach, wie können Sie so sprechen! Es hat ja jeder das beste Recht auf das, was er findet. Und wenn die Herren so freundlich waren –“

„Ich wollte aber auch etwas zu schenken haben, und etwas ganz Besonderes dazu. Wozu brauchten es die Andern zu wissen?“

„Sie machen mich neugierig.“

„In dem Steingehäuse – davon bin ich überzeugt – haben die Aschenurnen eines Mannes und einer Frau gestanden. Ich denke mir, die Frau war seine Frau, und sie starb jung. Er errichtete ihr dieses Grabmal und ließ in dem Steinkasten Raum für seine eigenen Reste. Nach seinem Tode wurde der Hügel geöffnet und seine Urne beigesetzt.“

Irmgard sah ihn überrascht an. „Woraus wollen Sie das schließen?“ fragte sie.

„Aus dem Umstande, daß die erste Urne zerfiel. Sie war die ältere und schon einmal dem Zutritte der Luft ausgesetzt gewesen, vielleicht auch beim Abräumen der Decksteine damals schon beschädigt worden.“

„Das läßt sich hören. Aber warum sagen Sie, daß die Frau jung war, als sie starb? Wissen Sie nicht auch gar, das sie schön gewesen ist?“

[92] „Spotten Sie nur! Ich habe doch meine Gründe. Der Mann muß seine Frau zärtlich geliebt haben, da er neben ihr ruhen wollte und einen so stattlichen Grabhügel für sie ausrichtete. Warum sollen wir nicht annehmen, daß sie ihm früh verstorben war, wenn wir schon dichten? Aber ich mache auch noch einen andern Schluß: junge Frauen schmücken sich gern.“

„Ah! die Bernsteinperlen!“

„Sie nicht allein. Ich darf behaupten, daß die junge Dame eine sehr kleine Hand gehabt hat –“ er warf einen Blick seitwärts – „ich glaube, keine größere Hand, als Sie, mein Fräulein.“

Irmgard versteckte unwillkürlich ihre Hand in den Falten des Kleides. „Als ich? Wie kommen Sie darauf?“

Er griff in die Tasche. „Wenn Sie einmal die Probe gestatten wollen.“ Er trat ganz nahe an sie heran, haschte ihre Hand und zog ihr einen Ring auf den Finger, der eine mehrmals gewundene Schlange darstellte, die Windungen bestanden aus glattem Silberdraht, nur Kopf und Schwanz waren figürlich dargestellt. „Sehen Sie – das Ringelchen paßt vortrefflich.“

Das junge Mädchen wurde blutroth im Gesichte. Die Hand zuckte und entzog sich ihm doch nicht. „Ein Ring?“ stammelte der kaum geöffnete Mund. „Und den fanden Sie in der Asche – und den soll ich …“

„Behalten, wie alle die übrigen Sachen,“ ergänzte er, „vielleicht auch zum Andenken an diesen Tag tragen – zum Andenken an die junge schöne Frau, um die gewiß einmal viel Thränen geflossen sind, die sie verdiente, und die geliebt war, wie die beste und glücklichste ihres Geschlechts.“

„Die geliebt war …“ wiederholte Irmgard ganz leise. Sie sah unverwandt auf den Ring an ihrem Finger, und ihre Augen wurden feucht.

„Und wenn Sie nun die kleine Schlange betrachten,“ fuhr er fort, die sich so zierlich um den Finger ringelt, „so gedenken Sie dessen, daß vor vielen, vielen hundert Jahren einmal ein Augenblick war, dem dieser Ring eine frohe Bedeutung gab. Dann werden Sie selbst froh sein und beglücken wollen. Eine bessere Auslegung weiß ich diesem Funde nicht zu geben.“

Sie ging schweigend neben ihm her, bis sie mit den Vorausgeeilten zusammentrafen. Vielleicht um den Ring nicht sehen zu lassen, zog sie einen Handschuh an. Als ihre Mutter den Ring zu Hause bemerkte, sagte Irmgard: „Er wurde auch in der Kapurne gefunden.“

Es war vielleicht nur Täuschung, wenn Robert Harder sich einredete, sie erröthe jedesmal, sobald ihr Blick von ihm ab auf den Ring streifte. Er wiederholte sich dann in Gedanken, ohne es zu wollen, die Worte, die er zu ihr gesprochen hatte, und meinte, sie müsse die gleiche Erinnerung haben.

Rath Pfaff hatte mit dem Quartett einen weiteren Ausflug nach Brüsterort verabredet, Frau von der Wehr, die sich für verpflichtet hielt, den Architekten als ihren Gast möglichst gut zu unterhalten, erklärte sich zur Mitfahrt bereit. Es wurde deshalb noch ein zweiter Wagen bestellt.

Man bestieg den Leuchtthurm, um die weite Aussicht über die Nord- und Westküste des Samlandes und über das Meer recht aus der Höhe zu genießen. Dann wurde den Tauchern auf der See ein Besuch abgestattet, bei dem sich jedoch die ältere Dame nicht betheiligte, die reiche Bernsteinkammer besichtigt, der Taucherapparat genau in Augenschein genommen und spät erst die Rückfahrt angetreten. Man hatte auf den Mond gerechnet, aber der Himmel hatte sich bewölkt, da ein starker Seenebel aufstieg, und die Leuchte war recht trübe.

Der „Musikwagen“, wie ihn der Referendar nannte, fuhr voran. Das Quartett wurde nicht müde zu musiciren. Auf dem zweiten Wagen saß der Rath neben Frau von der Wehr und hinter ihnen Harder neben Irmgard. Man hatte nicht nöthig zu plaudern, da der Gesang das Ohr beschäftigte – wenigstens schienen die jungen Leute durchaus dieser Meinung zu sein. Es lag wohl an der mangelhaften Construction des Strohgefäßes, daß sie einander näher und näher rückten, wie es aber gekommen war, daß ihre Hände sich gefunden hatten und nun festhielten, dafür wußten sie wahrscheinlich selbst den ausreichenden Grund nicht anzugeben. –

Irmgard befand sich in jenem Traumzustande des Glückes, der sich nur des unendlich wonnigen Gefühls bewußt ist, etwas ganz Neues, Wundersames, bis dahin nie Geahntes zu erleben, in eine reichere und lichtere Welt einzutreten, nicht aber das Bedürfniß hat, sich über diese Veränderung aufzuklären oder ihren Bedingungen nachzuforschen. Sie wußte nicht, „wie ihr geschehen“, beunruhigte sich aber auch nicht darüber, daß sie’s nicht wußte. Nie vorher hatte sie so wenig über sich nachgedacht, nie sich so ganz als eine fühlende Seele empfunden. Es war, als ob alle die Thüren des Hauses, in dem sie sich heimisch wußte, nicht nur geschlossen, sondern gänzlich verschwunden wären und die Wände, wie bloße Täuschungen des Auges, überall freien Durchlaß in einen magisch erleuchteten Garten von lauter unbekannten und doch gar nicht befremdenden Bäumen und Blumen gewährten. So träumte sie, bevor sie einschlief, und so träumte sie wieder, als sie erwachte. Sie liebte, aber sie war weit entfernt, sich zu sagen, daß sie liebe. Sie fühlte sich nur sehr glücklich, sehr glücklich, sehr wohl. Als sie sich des Morgens bei einer Näharbeit tief in den Finger stach, merkte sie es erst, als das Blut tropfte: der körperliche Schmerz war ohnmächtig gegen dieses Gefühl des Wohlseins, das den ganzen Menschen erfaßt hatte.

Erst als Robert Harder kam und ihr zum Gruß die Hand reichte – dieselbe Hand, welche heimlich von der ihren Besitz genommen hatte – erhielt dieses Gefühl eine bestimmte Richtung auf die Person. Ein leises Zittern befiel sie. Unwillkürlich gab sie ihm nicht die rechte, sondern die linke Hand, an der sie den Schlangenring trug, und schien dann darüber zu erschrecken, als der gesenkte Blick ihn streifte. Harder war in seiner ganzen Art milder, weicher als sonst, aber nicht befangen; seine Ruhe und Sicherheit gab auch ihrem Wesen die frühere Unbefangenheit zurück. Er sagte ihr, daß er den Zauberwald gefunden habe und sich getraue, sie ohne Umwege dorthin zu führen. Es war in seinen Worten wieder etwas, das über ihre gewöhnliche Bedeutung hinausging, aber sie forschte nicht nach dem geheimen Sinne; es schien sich ihr ganz von selbst zu verstehen, daß Alles, was er zu ihr sprach, einen geheimen Sinn haben müßte.

Auf die Haide zu gehen, dazu war das Wetter nicht einladend. Die Wolken hatten sich völlig seit der Nacht zusammengezogen, und nun hing die graue einförmige Masse schwer über dem sonst so freundlichen Thale. Der Westwind schüttelte von Zeit zu Zeit dichte Regenschauer hinaus zur großen Freude der Landleute, deren sandige Aecker von der Dürre viel zu leiden gehabt hatten. Zum Glück hatte das Zelt eine feste Decke; die Damen konnten auch während des Regens darin verweilen, und Harder leistete ihnen Gesellschaft.

Irmgard brachte ihre Mappe mit Zeichnungen und ihre Skizzenbücher. Harder hatte schon früher den Wunsch ausgesprochen, sie zu sehen; nun gab sie unaufgefordert, was sie damals verweigert hatte. Er bemühte sich zum Dank dafür ein recht milder Kritiker zu sein. Nur zu loben, war freilich zu sehr gegen seine Art.

Wie er nun so langsam Blatt nach Blatt umschlug und zu jedem seine klugen Bemerkungen machte, schien plötzlich seine Aufmerksamkeit in ungewöhnlicher Weise beansprucht zu werden. Er hob den Kopf, setzte sich aufrecht, brachte die Zeichnung in einige Entfernung vom Auge und sah mit einem fragenden Blicke darauf hin. Irmgard, die seitwärts saß, wußte nicht sogleich, um welche Aufnahme es sich handelte, bemerkte aber sein besonderes Interesse. Wie sie sich nun vorbeugte, um über seinen Arm hin das Blatt zu mustern, fuhr sie erschreckt zurück und griff mit der Hand danach, um es ihm zu entziehen.

„Ach! das ist nichts,“ sagte sie eilig, „eine ganz verunglückte Skizze! Ich hätte sie längst vernichten sollen.“

Er ließ das Blatt nicht los. „Die Perspective ist allerdings verfehlt,“ antwortete er, „und auch das Verhältniß von Höhe und Breite nicht richtig getroffen, aber das ist’s nicht, was mir bei dieser Zeichnung auffällt. Der Gegenstand selbst … Wie sind Sie zu diesem Hause gekommen?“

„Ach, fragen Sie nicht!“ bat sie ängstlich. „Es ist eine unglückliche Verknüpfung von Umständen, die – die …“

Ihre Mutter wurde aufmerksam. „Was ist das für ein Haus?“ fragte sie. Nun sah sie auch von ihrer Arbeit auf und zu dem Blatte hin, das Harder ihr zugewendet hatte, obgleich Irmgard es zu hindern suchte. Sie wurde bleich. „Ah, das!“ stieß sie leise hervor. „Ich wußte nicht, daß Du jene Zeichnung …“

Irmgard war aufgesprungen und zu ihr geeilt, umfaßte sie und sagte beruhigend: „Sie sollte Dir nie vor Augen kommen – ich selbst hatte sie vergessen.“

[93] Frau von der Wehr gewann ihre Fassung wieder. „Das Haus ist Ihnen bekannt?“ fragte sie den Architekten.

„Gewiß,“ antwortete derselbe, „es müßte denn ein zweites ihm völlig ähnliches geben. Mein Onkel wohnt seit vielen Jahren darin.“

„Ihr Onkel?“

„Der Maler Max Werner.“

„Er ist –?“

„Mein Onkel. Aber was ist daran so verwundernswerth oder erschreckend? Ich bemerke, daß die Damen …“

Irmgard wendete sich rasch ab, als wollte sie sich nicht in’s Gesicht sehen lassen. Sie legte die Hand auf’s Herz und schien schwer und beklommen zu athmen. Ihre Mutter saß eine Weile vorgebeugt und die Augen auf den jungen Mann geheftet, der sich nun erst als der Neffe des Malers zu erkennen gab, den er immer nur mit seinem Vornamen genannt hatte. Es war eine sehr peinliche Minute. „Sie scheinen meinen Onkel zu kennen,“ sagte Harder, um sie abzukürzen, „und die Bewegung, in der ich Sie sehe, verräth mir, daß Sie einigen Antheil an seiner Person nehmen.“

„Er war einmal mein Lehrer,“ antwortete Frau von der Wehr, sich zur Ruhe zwingend, „und wir begegneten ihm letzten Sommer in der Schweiz. Die Zeichnung, die Irmgard aufbewahrt hat, erinnert uns an einen Besuch, den wir – seinem einsamen Hause machten.“

„Sie waren also die beiden Damen,“ rief Harder, „von denen die alte Ursel so geheimnißvoll sprach? Ihre Andeutungen blieben mir unverständlich; so viel nur ging für mich daraus hervor, daß das Zusammentreffen mit denselben ihren sonderbaren Herrn in ganz ungewöhnliche Aufregung versetzt hätte und gewisse Veränderungen in der häuslichen Einrichtung auf sie zurückzuführen seien.“

Frau von der Wehr ließ die Augenlider tief hinabsinken, um nicht zu verrathen, was in ihr vorging. „Sie sahen also Ihren Onkel – nach uns?“ sagte sie. „O, bitte – theilen Sie mir etwas von ihm mit. Wie fanden Sie ihn?“

„Ich besuchte ihn im Spätherbst,“ erzählte der Architekt, „als ich von Paris zurückkam, um ihm für die großen Wohltaten zu danken, die er mir von Kindheit an erwiesen, und ihm zu sagen, daß ich seiner Unterstützung nun nicht weiter bedürfen würde. Er war damals in seinem einsamen Hause auf der Höhe schon tief eingeschneit und nur mit einiger Beschwerde zu erreichen. Seine Existenz schien mir sehr kümmerlich, wenn schon die alte Frau in ihrer Art mütterlich für ihn sorgte. Er bewies aber auch gegen alles, was seine Leiblichkeit anging, die allergrößte Gleichgültigkeit. Ich hatte ihn mehrere Jahre nicht gesehen und fand ihn sehr verändert. Damals war er schwermüthig und mied den Umgang mit Menschen, aber in seinem Urtheile über sie zeigte er sich milde, und die Kunst war ihm eine erheiternde Genossin; nun hatte sein Wesen etwas Finsteres und Verschlossenes, und seine Bemerkungen klangen oft sarkastisch. So meinte er, als ich mich darüber verwunderte, daß in einem seiner Zimmer ein gedeckter Tisch stand, dem nur die Speisen fehlten –“

Frau von der Wehr zuckte mit den Augenwimpern und den Spitzen der Finger. Er bemerkte es und pausirte. „Fahren Sie nur fort!“ bat sie.

„Er meinte lachend, es sei gut, sich immer die gedeckte Tafel vor Augen zu halten, an die man sich nicht setzen dürfe. Und dann sprach er das bekannte: ‚Zwischen Lipp’ und Kelchesrand –‘ mit schwermütigstem Ausdruck wie etwas Selbsterlebtes. Er hat viel Trauriges im Leben erfahren – davon bin ich fest überzeugt. Gesprochen freilich hat er zu mir nie davon. Ich denke mir, daß eine unglückliche Jugendliebe sein Dasein früh verstört haben muß. Was hätte er der Kunst leisten können, wenn seinem Leben wärmerer Sonnenschein zu Theil geworden wäre! Er hat von früh auf gegen widrige Verhältnisse ankämpfen müssen. Auf dem Platze, den ihm die Natur anwies, wäre er ein Bauer geworden; seine Eltern bestimmten ihn zum Stubenmaler. Er arbeitete sich durch zur freien Kunst, und was er in besserer Zeit geleistet hat, ist mehr als achtenswerth. Aber ihm fehlte die Liebe, und so ist er verkümmert.“

„Er malt doch noch?“ fragte sie bestürzt.

„Wenig. In seinem Atelier fand ich am ersten Fenster vor einem kleinen Sopha, das früher dort fehlte, eine verhangene Staffelei. Unbefangen hob ich die Decke und sah darunter ein reizendes Bild, das ein Touristenabenteuer im Gebirge darstellte. Sobald er meine Voreiligkeit bemerkte, trat er hinzu und riß mir das Tuch aus der Hand. Das werde Niemand mehr mit den zwei Augen sehen, sagte er, die zuletzt darauf geblickt hätten; es sollte verhüllt bleiben, bis man es einmal zu Häupten seines Sarges aufstelle. Er litt auch wunderlicher Weise nicht, daß sich Jemand auf das Sopha setzte. Er selbst malte jetzt am zweiten Fenster – die lächerlichsten Caricaturen.“

„O mein Gott!“ rief Frau von der Wehr mit einem schmerzlichen Seufzer aus gepreßter Brust, und Irmgard’s Hand zitterte auf der Stuhllehne.

„Ich blieb eine Woche lang bei ihm,“ fuhr der Architekt fort, „fürchtete aber ihn länger lästig zu fallen. Ich hörte von der Alten, daß er den größten Theil des Tages – öfters auch halbe Nächte – auf dem See zubringe. Er hätte ein Boot gekauft, sagte sie, einen Fährmann brauchte er nicht. Sturm und Regen hielten ihn nicht am Lande zurück; es sei zu verwundern, meinten die Leute unten, daß er nicht längst seine Waghalsigkeit mit dem Leben gebüßt habe. Ich machte ihm freundliche Vorstellungen, aber er meinte lachend, es lohne den finsteren Gewalten gar nicht, ein so schwaches Gefäß, wie ihn, zu verderben. Und übrigens fahre immer der gute Geist einer glücklichen Stunde seines Lebens mit ihm und lasse nicht zu, daß ihm ein Leid geschehe. Was könne ihm auch der Tod –“

Die unglückliche Frau vermochte sich nicht länger zu beherrschen. Sie schluchzte laut auf, hielt das Tuch vor die Augen und entfernte sich mit schwankenden Schritten aus dem Zelte. Harder, bestürzt über den Eindruck seiner Erzählung, erhob sich rasch, um sie nach dem Hause zu führen, aber sie winkte ihm mit der Hand zu bleiben.

„Mein Himmel!“ rief er, „was habe ich gethan? Irmgard – was ist’s mit Ihrer Mutter? Was hat das zu bedeuten?“

Das arme Mädchen war ganz verwirrt und todtenbleich.

„Sie können ja nichts dafür,“ stammelte sie, „nicht daß Sie sein Neffe sind, nicht daß meine Mutter … o, daß diese unselige Zeichnung … daß Sie von ihm sprechen mußten –!“

„Aber wie konnte ich ahnen? Und noch jetzt weiß ich nicht – – Irmgard, was ist geschehen? Vertrauen Sie mir Alles!“

„Nein, nein, nein!“ wehrte sie heftig ab. „Ihnen am wenigsten – Sie würden mich hassen.“

„Irmgard –!“

„Nein, es ist unsagbar – ich kann’s nicht sagen.“

Er drang noch weiter in sie, aber sie schüttelte nur immer den Kopf und wiederholte: „es ist unsagbar.“

Sie schieden diesmal ganz anders als sonst. – –

Und auch am nächsten und am dritten Tage wollte die Spannung nicht nachlassen; sie verstärkte sich eher noch, je mehr vergebliche Versuche Harder machte, die Damen heiterer zu stimmen. Frau von der Wehr war von einer Unruhe gepeinigt, die sich nothwendig auch ihrer Umgebung mitteilen mußte. Irmgard beobachtete sie ängstlich, ging ihr auf Schritt und Tritt nach und wandte ihr alle Sorge einer zärtlichen Krankenpflegerin zu. Dagegen wich sie Harder aus, vermied es, auch nur auf Minuten mit ihm allein zu sein. Es war, als ob sie ihn jetzt fürchtete. Er suchte sie hinauszulocken, indem er an den Zauberwald erinnerte, den sie zusammen noch immer nicht entdeckt hätten, aber sie achtete kaum darauf. Er schlug Abends eine Kahnfahrt auf dem Mühlenteiche vor, aber sie lehnte ihre Begleitung in fast schroffer Weise ab. Harder war von Natur nicht der Geduldigste; wäre seine Neigung nicht schon so stark gewesen, er hätte sehr bald seine Pläne eingepackt und die Rückreise angetreten.

Nun konnte er sich doch nicht entschließen, Abschied zu nehmen. Er war sich bewußt, von seiner Seite bei diesem auffallenden Bruche der Freundschaft nichts verschuldet zu haben. Daß eine nahe Beziehung zwischen Frau von der Wehr und seinem Onkel bestand oder bestanden hatte, daß vor einem Jahre eine Annäherung stattfand, die Hoffnungen erweckte, und daß dann eine empfindliche Störung irgend welcher Art dazwischengetreten war, reimte er sich aus den Andeutungen dort und hier wohl zusammen, aber warum behandelte man ihn nun plötzlich wie einen Fremden, da er ihnen doch als ein Verwandter Max Werner’s näher getreten sein sollte? Denn daß Frau von der Wehr nicht [94] im Zorn von diesem geschieden war, bewies ihre warme Theilnahme an seinem Schicksal. Wenn sie aber auch schwieg, weil sie litt, warum entzog Irmgard ihm ihr Vertrauen? Jetzt gerade hätte es sich bewähren müssen. Sich von ihr zu lösen, war schon eine sehr schwere Aufgabe, aber er fühlte sich in recht geärgerter Stimmung und hatte das Bedürfniß, irgend etwas zu thun, was eine männliche Haltung bekundete, ohne doch ganz zu brechen.

So wanderte er denn eines Morgens in’s Land hinein, seinem Heimathsdorfe zu, dem er noch den Besuch schuldig war. Er konnte sich dort aufhalten, so lange es ihm gefiel, und auch wieder rasch zur Stelle sein, wenn man ihn rief oder das Herz ihn zurücktrieb. Er ließ im Gasthaus Kunde zurück, wo er zu finden sei, sagte aber den Damen nichts von seinem Vorhaben, um doch zu zeigen, daß er seine freundschaftlichen Mittheilungen nicht aufdringen wolle. Das kam ihm schon nach einer halben Stunde Weges wie kindischer Trotz vor, aber es war nun nichts mehr zu ändern.

Irmgard erschrak, als er nicht zur gewohnten Stunde kam. Es war ihr gleich gewiß, daß es seine Absicht war, nicht zu kommen. Sie hatte den Wunsch gehabt, er möchte abreisen, wo möglich erklären, daß er den Bauauftrag zurückgebe; sie sagte sich, daß ihre Mutter durch ihn immer wieder an Max Werner erinnert werden müßte. Nun er sich aber wirklich zurückzog, fühlte ihr Herz einen so heftigen Schmerz, daß sie sich Vorwürfe machte, ihn vertrieben zu haben, denn daß sie es war, die ihn vertrieb, darüber tauchte nicht der mindeste Zweifel bei ihr auf. Und sie hätte ihn doch beim besten Willen nicht sagen können, was sie ihm so plötzlich entfremdete. Konnte sie’s doch sich selbst nicht einmal klar sagen!

Was ihr bis vor Kurzem als das allein Rechte und Richtige erschienen war, gerieth in ihrer Vorstellung nun in’s Schwanken. Aber nicht der Verstand rüttelte daran, sondern das Herz, und die Stimme, die sich da heimlich mahnend vernehmen ließ, hatte vorher nie mitgesprochen. Sie sprach auch jetzt nicht in Worten, es war ihr nicht Antwort zu geben in Worten. Sie wirkte wie eine das Gemüth besänftigende und zu mildester Stimmung zwingende Musik. In die Zukunft konnte sie gar nicht denken, es gab nichts Zukünftiges für sie, nur eine Gegenwart, die sie zugleich beglückte und beängstigte, und eine Vergangenheit, in der vor ihren Augen zerbröckelte, was sie felsenfest gedünkt hatte. Das Bild des Vaters erblaßte, wenn sie sich den Lebenden vorstellte, und nahm eine festere Gestalt an, wenn sie an dem Todten dachte. Er war nun wirklich gestorben, und was in ihr von ihm fortlebte, das begehrte für sich kein ausschließliches Recht, das konnte nicht beeinträchtigt werden durch ein anderes Gesicht. Und je mehr dieses andere Gefühl erstarkte, desto schwächer äußerte sich der eifersüchtige Drang, im Herzen der Mutter das Andenken an den Vater durch keine andere Neigung gestört zu wissen. Sie fing an – was früher nie geschehen war – darüber zu grübeln, wie es wohl möglich gewesen sein könnte, daß ihre Mutter als junges Mädchen den Maler liebte und daß sie sich doch fremden Wünschen fügte. Hatte sie sich doch vor einem Jahr, gewiß mit sehr schweren Herzen, ihren eigenen Wünschen gefügt!

Nun erst begriff sie, daß ihre Mutter ihr ein Opfer gebracht haben müßte, so groß sie’s in ihrem kindischen Eifer nie zu fordern gemeint hätte. Max Werner erschien ihr jetzt in ganz anderem Lichte; sie empfand nicht nur aufrichtiges Mitleid mit ihm, er wurde ihr auch ein viel liebenswürdigerer Mensch. Es erschreckte sie nicht mehr, an den Augenblick zurückzudenken, als sie ihre Mutter in seinen Armen sah. Daß sie den nächsten Anlaß zum Wiederfinden der Beiden gegeben hatte, war sie nun schon sehr geneigt, als eine Fügung des Himmels anzusehen, die ihr Unverstand gewaltsam anders lenken wollte. Ihr eigenes Mißbehagen empfand sie nun wie eine Strafe dafür.

Sie konnte das bekümmerte Gesicht der Mutter nicht mehr betrachten, ohne im Innersten beunruhigt zu werden. So entschloß sie sich denn, sie zu nöthigen, das Schweigen zu brechen. „Es kann so zwischen uns nicht bleiben, Mutter,“ sagte sie, ihre Hand ergreifend und mit heißen Küssen bedeckend. „Ich erkenne jetzt erst, wie weh ich Dir gethan habe. Laß mich Alles wissen -“

„Wovon sprichst Du?“ fragte Frau von der Wehr kalt ablehnend.

„Von meiner Thorheit und Lieblosigkeit,“ rief Irmgard, „von Deinem Unglück, von dem trostlosen Schicksal eines Mannes, den ich –“

„Das ist vorbei,“ unterbrach die Mutter, „rühre nicht daran!“

„Und doch laß mich mehr erfahren, als ich damals in meinem kindischen Unverstand hören wollte! Du botest mir Deine Freundschaft an, Mutter – ich trotzte auf Deine Liebe; ich rang Dir ein Opfer ab, dessen Größe ich gar nicht erfassen konnte. Und gewiß, ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn Du mir es nicht gebracht hättest; ich glaubte es allen Ernstes nicht erleben zu können, Dich so zu verlieren. Jetzt denke ich ruhiger darüber. Wenn heute dieselbe Frage –“

Frau von der Wehr schüttelte der Kopf. „Das Schicksal stellt dieselbe Frage nie zweimal. Sie ist beantwortet.“

„Aber ich sehe Dich schwer leiden, Mutter, ich mache mir Vorwürfe – ich weiß, daß ich Dir und ihm Unrecht that.“

„Dein Bedenken kommt zu spät.“

„So versage mir wenigstens Dein Vertrauen nicht, damit ich ganz mit Dir fühlen kann! Es darf nicht etwas zwischen uns stehen, das ängstlich gemieden werden muß. Nicht wahr, Du liebtest jenen Max Werner -“

„Sprich nicht von ihm!“

„Du liebtest ihn, bevor Du meinen Vater kanntest? Es muß so sein.“

„Es war so.“

„Und Du hast meinen Vater Deine Hand gereicht – ohne …“ Ihre Stimme zitterte.

„Ohne tiefere Herzensneigung – gezwungen.“

„Gezwungen? Durch wen gezwungen?“

„Durch meinen Vater. Es war meine Schwäche, daß ich nachgab; Du weißt, wie schwach ich bin.“

„Aber wie konnte ein Vater …?“

Ein strafender Blick traf sie. „Wie konnte ein Kind –?!“

Irmgard sank neben ihr nieder und drückte das Gesicht in ihren Schooß. „Mutter! kannst Du verzeih’n?“

Frau von der Wehr legte ihre Hand auf Irmgard’s blondes Haar. „Ich kann’s,“ sagte sie. „Ich hatte schon überwunden. Nur die unerwartete Mahnung … Doch genug! Kein Wort weiter davon – es ist abgethan.“

„Aber Du liebst ihn noch,“ sagte Irmgard leise, ohne den Kopf zu erheben.

Ihre Mutter sah schmerzlich zum Himmel auf; die Lippen bebten, die Augen glänzten feucht. „Ich habe verzichtet,“ antwortete sie, „aber mein Gefühl darf ich nicht verleugnen: ich liebe ihn; ich werde ihn lieben, so lange ich athme.“ –

Irmgard drang nicht weiter in sie. Aber am nächsten Morgen stand sie früh mit der Sonne auf, kleidete sich ganz leise an, um die Mutter nicht zu wecken, nahm ihre Briefmappe und ging in’s Zelt. Sie schrieb; die Feder flog über das Papier; jedes Wort schien längst vorbedacht zu sein. „Mit Gott!“ sagte sie, als sie die Feder fortlegte, und faltete die Hände.

(Fortsetzung folgt.)





Kieler Bücklinge.

Vor einigen Jahren gab Julius Stettenheim ein niedliches Büchlein heraus: „Die Berliner Wespen im Aquarium“, das unter Anderm eine Lobhymne auf den Häring enthielt. Sie pries den schätzenswerthen Seebewohner in allen Gestalten, unter denen er des Menschen Herz erfreut, und so lautete die vierte Strophe:

„Köstlich ist der wundersame
Meerdurchwimmler anzuschauen,
Wenn der Rauch der heil’gen Flamme
Ihn geschmückt mit gold'nem Braun.

Und er fährt im Hundenwagen.
Wenn der Himmel lenzlich blaut;
Wenn die Nachtigallen schlagen,
Ruft man seinen Namen laut.

Drei und auch vier für den Groschen erhaltend
Kauft ihn die Hausfrau, und, mütterlich waltend,
Zieht sie ihm ab seine goldene Haut.“

Drei bis vier Bücklinge (oder vielleicht richtiger, wie man in Süd- und Mitteldeutschland meistens sagt: Pöklinge) für zehn

[95]

Bei den Bückling-Räucherern in Ellerbeck.
Nach der Natur aufgenommen von Wilhelm Claudius.

[96] Reichspfennige wäre übrigens, wenn hier keine poetische Licenz obgewaltet hat, ein ganz außerordentlich billiger Marktpreis, jedenfalls eine locale Berliner Notirung, denn z. B. in Hamburg hat Schreiber dieser Zeilen stets bedeutend höhere Ansätze zahlen müssen. Fünf Pfennig etwa kostet daselbst der kleine, acht bis zehn Pfennig der große, „schöne“ Bückling. Auserlesene Exemplare im Frühjahre werden von den Leckermäulern der Hansestadt selbst mit zwanzig bis fünfundzwanzig Pfennig das Stück gern bezahlt.

Wenn der Durchschnittspreis im Inlande erheblich billiger ist, so mag das daran liegen, daß nur der frischgeräucherte Bückling, wie man ihn in Nordalbingien direct aus der Räucherei erhält, eine Delicatesse ist, die auch an den feinsten Tafeln Liebhaber findet. Schon vierundzwanzig Stunden später hat er an Wohlgeschmack bedeutend verloren, wird daher von der „wohlsituirten Minorität“ im Inlande meistens verschmäht und muß zu niedrigeren Preisen an die ärmeren Classen losgeschlagen werden.

Um so großartiger gestaltet sich aber eben durch den qualitativen Verlust seine Betheiligung an der Mission des Härings: den Segen der Ernte des Meeres bis in die entlegenste Hütte zu tragen, und auch auf diese Erscheinungsform des unschätzbaren Faches paßt Brehm’s Ausspruch: „Die Bedeutsamkeit der Fische für den Haushalt des Menschen läßt sich mit dem einzigen Worte Häring verständlich genug ausdrücken. – Wenn irgend ein Fisch es verdient, Speise des Armen genannt zu werden, so ist es dieser, welcher, auch dem Dürftigsten noch käuflich, in gar vielen Häusern die Stelle des Fleisches vertreten muß. Es giebt keinen, welcher unentbehrlicher wäre, welcher größere Beachtung und Theilnahme verdiente, als er.“

Die hat er denn auch gefunden. Ueber den Häring in seiner ursprünglichen Gestalt, über Naturgeschichte, Fang, Einsalzung, Verpackung etc. dieses Fisches, seine medicinische Wirkung bei derjenigen Alkoholvergiftung, welche man als Katzenjammer zu bezeichnen pflegt, sowie über seine Bedeutung als Handelsartikel ist bereits so viel geschrieben worden, daß wir das Wesentlichste als allgemein bekannt voraussetzen dürfen und sofort zu der Wandelung übergehen können, welche den „gemeinen Häring“ (Clupea Harengus L) zum „Kieler Bückling“ werden läßt.

Nur über die Abstammung der letzteren Bezeichnung mag noch kurz dasjenige bemerkt werden, was gleichfalls wohl den meisten unserer Leser schon bekannt: Bückling ist selbstverständlich von einpökeln (bökeln) abgeleitet, welches Wort auf den biederen holländer Fischer Willem Beukelson (Böckel) zurückzuführen ist, der gegen Ende des 14. Jahrhunderts starb, nachdem er sich durch die nach ihm benannte Erfindung des Einsalzens der Fische unsterbliches Verdienst erworben. Das ist durchaus ernst gemeint, denn bis dahin blieb die gesammte Fischerei in der Kindheit, da nur die Küstenländer von ihrem Ertrage profitirten; erst als auch das Binnenland zum Absatzgebiete wurde, nahm sie enormen Aufschwung.

Was die nähere Bezeichnung als „Kieler Bücklinge“ betrifft, so geht es hiermit ähnlich wie mit den Havannacigarren und dem Mokkakaffee. Kiel ist eine der Städte, welche die feinsten und zartesten Bücklinge versenden, und hat weit und breit das bezügliche Renommée; viele Käufer verlangen daher vorzugsweise Kieler Waare, und so wird ihnen denn unter diesem Namen das Product aller benachbarten Orte verkauft. Ja, es mag hiermit ebenso gehen, wie mit den Cigarren, die aus der Pfalz nach der Havanna exportirt werden, nun von dort als „echt“ wieder „importirt“ zu werden. Höchst wahrscheinlich wird mit mancher Partie Bücklinge ebenso verfahren, und ganz bestimmt wissen wir von den gleichen Wanderungen seines Gattungsverwandten, des „Sprott“ (Sprotte, harengulus sprattus), denn alle Welt verlangt und kauft „Kieler Sprott“, aber Hunderttausende und aber Hunderttausende in der Elbe und Nordsee gefangener Breitlinge werden nach Kiel gesandt, um von dort als echte Kieler Sprott wieder zur Ausfuhr zu gelangen. Das kann um so leichter geschehen, als nur sehr feine Zungen den Unterschied zwischen der echten und der untergeschobenen Waare merken.

Jedenfalls steht fest, daß das, was im deutschen Inlande als Kieler Bücklinge verkauft wird, größtenteils nicht aus Kiel stammt. Die Kieler Räuchereien produciren sehr ansehnliche Quantitäten, aber ebenso bedeutend sind die Räuchereien in Lübeck und Hamburg, wie denn auch in einer langen Reihe von Städten Schleswig-Holsteins und Hannovers im Großen geräuchert wird; nicht einmal ausschließlich die Küstenstädte betreiben diesen Erwerbszweig, und so ist z. B. in Neumünster eine ansehnliche Räucherei, desgleichen in Lüneburg. Bemerkt sei hier, daß der besondere Ruf des Kieler Products auch mehr im Inlande verbreitet ist, als im Norden, z. B. in Hamburg hat der Name der Lübischen Bücklinge einen wohl ebenso guten Klang, und hört man die Waare oft als solche anpreisen. – Die in der Schlei bis Schleswig gefangenen Häringe sollen die besten Bücklinge geben. – Die eigentliche Stadt Kiel befaßt sich, wie hier noch gesagt werden muß, hauptsächlich mit dem Vertriebe, weniger mit dem Räuchern selbst, welches vornehmlich in dem ihr benachbarten freundlichen Fischerdörfchen Ellerbeck, wohl fast jedem Besucher Kiels bekannt, beschafft wird.

Was den Proceß des Räucherns anbelangt, so hatten wir das Vergnügen, einen erfahrenen Räucherer zu „interviewen“ und von ihm Folgendes zu erfahren.

Unser Gewährsmann nahm zunächst das diesen Artikel beigegebene Bild, von dem wir ihm einen Abzug avant la lettre vorlegen konnten, mit großem Interesse in Augenschein und sprach sich so äußerst befriedigt darüber aus, daß der Zeichner seine Freude am Zuhören gehabt haben würde.

„Sehen Sie,“ sprach der Kritiker, der in diesem Falle gewiß so zuständig war, wie der bekannte Besucher des Apelles, „das ist getreulich nach der Wirklichkeit und das sind unsere Fischersleute, wie sie leiden und leben. Da ist nichts vergessen, selbst die Enten nicht, die um den Fischabfall lungern.“

Uebrigens kann auch der Schreiber dieser Zeilen bestätigen, daß das Bild, abgesehen von der hübschen Auffassung, an realistischer Treue nichts zu wünschen übrig läßt. Mit dem Costüme der Fischer auf Maskeraden hat die Tracht der guten Ellerbecker nicht die geringste Aehnlichkeit. Es ist ein kerniges, kräftiges Geschlecht, das der Ost- und Nordseefischer, welches Deutschlands junger Flotte den Stamm trefflicher Seeleute sichert; ihr Wahlspruch ist: „Mehr Sein als Schein“; von Flitter und Putz wollen sie nichts wissen. Mit ihrem Beruf vertragen sich auch besser die gestrickte wollene Jacke und Mütze des Mannes, die „holten Tüffeln“ (Holzpantoffeln) des Ehepaares oben im Hause und die „Krempers“ (Krempstiefel) und „Südwester“ (wasserdichten Hüte), welche die Fischer unten auf dem Bilde tragen und die daneben und oben ihrer Wichtigkeit halber noch besonders dargestellt sind. Von den trophäenartig arrangirten Fischereigeräthschaften an beiden Seiten des Bildes bedürfen die meisten keiner Erläuterung; nur des schiffchenartigen Apparates sei gedacht, der rechts vom Beschauer über dem Netze, neben dem „Ketscher“ (Handnetz), der Oeljacke und den geräucherten Flundern hängt. Das Ding, dessen Größenverhältniß zu den übrigen Geräthen ein ganz richtiges, ist ein sogenannter „Jäger“; es dient zur Aufnahme von feinen Fischen als Schnepel, Resen etc., die möglichst lange am Leben erhalten werden sollen, um recht frisch auf den Markt zu kommen. Dieselben wandern daher sofort nach dem Fange in den „Jäger“, der hinten am Fahrzeuge angebunden wird und durch zahlreiche Löcher den Gefangenen fortwährend frischen Vorrath des ihnen unentbehrlichen Elemente zuführt.

Doch zurück zu unserm Gewährsmann!

„Der Hauptfang,“ erzählte er, findet bei Korsoer statt. In der Kieler Bucht werden gewöhnlich kleinere, sehr feine Häringe in geringerer Anzahl gefangen; bei Korsoer fischt man die großen Quantitäten. Von dort bringt der Dampfer die Häringe nach Ellerbeck, wo sie des Morgens um halb fünf Uhr anlangen. Zuerst werden sie ausgenommen (die Eingeweide entfernt) und dann in Kisten gesalzen, die etwa vier bis fünf „Wall“ fassen. Der Wall ist das Maß für Häringe und Sprotten, nämlich achtzig Stück. Auch in den Handel gehen die Bücklinge nach Wall, das heißt in Kiel und in den meisten übrigen nordischen Städten; nach dem Binnenlande wird in Kilogrammen gehandelt, besonders im Großhandel. – Im Salz bleiben die Fische etwa vierundzwanzig Stunden.

Das Salzen, sei hier aus anderer Quelle eingeschaltet, geschieht auch auf folgende Weise. Wenn das am Abend vorher ausgeworfene Netz am Morgen mit den gefangenen Häringen [97] (manchmal 120 bis 140,000 auf einen Zug) auf’s Schiff gezogen worden ist, wozu drei Stunden Arbeit erforderlich, werden die Eingeweide und Kiemen sofort herausgenommen, dann die Fische in starke Lake von Boysalz gelegt und in eichene Tonnen verpackt; zwischen jede Schicht Häringe wird wiederum Boysalz gestreut, welches bald zur Lake wird. Diese Art ist das „weiße Einsalzen“ und dauert nur eine Nacht. Wenn dagegen die zu Bücklingen bestimmten Häringe zwei Nächte hindurch in der Lake liegen bleiben, so nennt man dies das „rothe Einsalzen“.

„Nach Beendigung des Salzens,“ fuhr der Räucherer fort, „werden die Fische gewaschen, leicht an der Luft getrocknet, sortirt, auf hölzerne Stangen gezogen und kommen nunmehr in den Räucherofen.“

„Hat derselbe eine besondere Bauart?“

„Nein. Es ist eigentlich nur ein gewöhnlicher deutscher Heerd. Man räuchert oft mit Pappelholz, am liebsten aber mit Ellerholz.“

„Feucht, nicht wahr?“

„Beileibe nicht. Möglichst trocken gehacktes Holz, sogenannte Hackspähne. Der Räucherer sorgt für ganze Böden voll Vorrath von diesen Spähnen, damit sie gehörig austrocknen; feuchtes Holz giebt schlechte Bücklinge. Zunächst muß helles Feuer sein, damit die Bücklinge rasch trocken werden und eine glatte Haut bekommen. Nachher wird dann mehr auf Rauchentwickelung gehalten. Gute Bücklinge müssen groß, fett, zart, biegsam und wunderhübsch goldigbraun sein. Auch recht klare Augen nach dem Räuchern sind ein Zeichen der Güte.“

„Und wie lange dauert das Räuchern?“

„Je nachdem - die Zeit ist verschieden eine Menge von Umständen hat Einfluß darauf, das Holz, die Jahreszeit, die Frische der Fische etc. Die Durchschnittszeit mag etwa zwei bis drei Stunden sein. Durch das Anfühlen prüft man sie, ob sie gahr sind. Ist das Räuchern und das Abkühlen vorbei, so geht es an’s Verpacken. Nach Hamburg und anderen naheliegenden Städten verschickt man sie in Körben, weiter in’s Binnenland hinein in Kisten.“

„Geht das Geschäft das ganze Jahr hindurch?“

„Leider nicht. Im Sommer geht es gar nicht; vom Mai bis Ende Juni wird nicht geräuchert. Nach dem 1. August sind die Bücklinge am besten.“

Hier sei zum Verständnisse des später Folgenden eingeschaltet, was Karl Vogt in seiner „Nordfahrt“ zur Widerlegung der alten Fabeln von den Wanderzügen der Häringe bemerkt: „Der Häring lebt weder vorzugsweise am Polarmeere, noch macht er weite Reisen. Er bewohnt die Tiefen derjenigen Meere, an deren Küsten er laicht, wird dort zu allen Zeiten vereinzelt gefangen, namentlich mit solchen Geräthschaften, welche in die größeren Tiefen reichen, und hebt sich aus den Tiefen nur zur Laichzeit empor, um der Küste zuzusteuern, an welcher er seine Eier ablegt. Die Laichzeit, während welcher der bedeutendste Fang geschieht, fällt in die Wintermonate, scheint aber, je nach der Witterung und anderen ziemlich unbekannten Einflüssen, oft um Wochen und Monate zu schwanken. Die Fischer haben verschiedene Anzeichen, aus welchen sie das Herannahen der Häringsschwärme beurtheilen, doch sind dieselben sehr trügerisch. Auch sind die Jahre sehr verschieden; in einem Winter erscheinen ungeheuere Massen, in dem anderen gerathen nur einzelne Fische in’s Netz. Die Ursachen dieser Erscheinungen sind noch gänzlich unenträthselt.“

Auch in anderer Hinsicht ist (nach Brehm) die Lebenskunde des Härings dunkel und unklar. Nicht immer sind es Schaaren fortpflanzungslustiger Fische, die sich zeigen, sondern es kommen auch alljährlich große Heere sogenannter Jungfern- oder, wie die Holländer sagen, Matjes- (Mädchen-) Häringe aus ihrer heimatlichen Tiefe hervor. Ueber das Leben in den tieferen Gründen wissen wir so gut wie nichts; mit Sicherheit haben wir noch nicht einmal die Nahrung besagen können, welche der Häring genießt. Auch eine bestimmte Laichzeit hat er nicht, mit Ausnahme des Juni und December fängt man in allen übrigen Monaten Stücke, die von Milch oder Rogen strotzen. Die hauptsächlichsten Laichmonate mögen im Frühling Februar und März, in der späteren Jahreszeit August und September sein.

Lassen wir jetzt wieder unseren Räucherer reden und zwar von der Wirkung der soeben vorgeführten Ursachen:

„Auch im Winter geht das Geschäft nicht jeden Tag, sondern richtet sich nach dem Fange. Der Wind spielt dabei, wie an der Küste überhaupt in vielen Dingen, die Hauptrolle. Ist der Fang gut gewesen, kommen reichlich Fische, so herrscht reges Leben und Treiben überall von früh bis spät, alle Arbeitskräfte der Fischerdörfer werden ausgeboten; Alles muß heran, Männer, Frauen und Kinder; da giebt’s Geld zu verdienen. Die Frauen besorgen namentlich das Aufziehen der Fische auf die Räucherstöcke. Die kleinen Kinder selbst, die nicht mit arbeiten können, freuen sich solcher guten Zeit; fällt da einmal ein Bückling vom Stock, wenn die Fische aus dem Ofen an die Luft zum Abkühlen getragen werden, so erhaschen ihn die Jungen und thun sich gütlich daran, wenn viel da ist, kommt’s auf ein Stück mehr oder weniger nicht an.“

Hiermit scheint die von uns wahrgenommene Thatsache zusammenzuhängen, daß so ein richtiger Kieler oder Ellerbecker Eingeborener auch ganz unglaubliche Quantitäten „Buckel“ oder Sprott vertilgen kann; des Brodes braucht er zu der fetten Speise nur so verschwindend wenig, wie Falstaff desselben zu seinem Sect.

Unser Gewährsmann erwähnte dann noch nebenbei des Umstandes, daß bei so günstigen Verhältnissen gar mancher Räucherer den brillanten Verdienst durch extra-riesige Portionen äußerst „steifen“ Grogs zu feiern pflegt, welches erwärmende Getränk ja überhaupt als Schutzmittel gegen atmosphärische Einflüsse der nordischen Küstenbevölkerung stets so lieb und werth sein wird, daß alle Mäßigkeitsvereine nichts dagegen ausrichten können.

Der Vollständigkeit wegen seien hier neben den Kieler Bücklingen noch einige andere Sorten erwähnt. Da ist zunächst der „Häringsbückel“, eine im Großen fast ausschließlich in Hamburg bereitete Sorte, zu welcher man große, bereits längere Zeit in Tonnen aufbewahrte gesalzene Häringe nimmt, die ausgewässert und dann geräuchert werden. Viele Leute schätzen sie als Delicatesse; Schreiber dieser Zeilen hat der äußerst derben, sehr zähen und thranig duftenden Speise nie Geschmack abgewinnen können. Die beste Sorte derselben heißt auch Speck- oder Lachsbückling. - Flohm-, Flick-, Flack- oder Fleckhäringe (ziemlich theuer) sind holländische Bücklinge; auf dem Rücken ausgeschnitten sind sie auf etwas andere Art geräuchert und werden in der Regel nicht roh verzehrt, sondern gebraten, gewöhnlich in Gesellschaft von Spiegeleiern. Endlich giebt es eine untergeordnete Qualität. Stroh- oder Tonnenbücklinge, über Kohlenfeuer geräuchert, schrecklich trocken schmeckend, aber sehr billig im Preise.

Dagegen gehört, wie schon Eingangs dieser Zeilen erwähnt, ein richtiger Kieler Bückling Prima-Qualität in der besten Jahreszeit mit Recht zu den von Feinschmeckern allseitig anerkannten Delicatessen; so zart ist das Fleisch, so lockend der Geruch, so fein das unter der goldigen Haut sitzende Fett. Einige ziehen die „Milchner“, andere die „Rogener“ vor, nebenbei erwähnt, birgt ein weiblicher Häring 40,000 bis 50,000, ja selbst 60,000 bis 70,000 Eier. Recht störend wirkt es beim Genuß, wenn man, wie das wohl vorkommt, einen mangelhaft ausgenommenen Bückling zerlegt und anstatt des gehofften Rogens ein abscheulicher Brei von halbverdauten Krebschen zu Tage tritt. Diese winzig kleinen Krebse, wie sie in ungeheuren Massen die See und namentlich die Ostsee erfüllen, bilden die Hauptnahrung des Härings. Möbius sagt hierüber:

„Die Hauptnahrung der Häringe, die in der Nord- und Ostsee gefangen werden, bilden wenige Arten sehr kleiner Krebse aus der Ordnung der Spaltfüßler (Copepoden). Im Februar 1872 wurden in der Kieler Bucht sehr viele Häringe gefangen. Fast alle, die ich öffnete, um ihre Nahrung kennen zu lernen, hatten ihren Magen mit Spaltfüßlern angefüllt, die fast ausschließlich einer einzigen Art (Temora longicornis) angehörten. In dem Magen eines großen Härings, der prall mit Temorabrei angefüllt war, betrug die Zahl der verschluckten Krebschen nach einer sicheren Zählung 60.895 Stück. Ein anderer Häring hatte 19,170 Stück im Magen. Diese Beispiele zeigen, daß unsere flachen Küstenmeere trotz ihrer Armuth an Arten ungeheure Mengen thierischer Individuen erzeugen.“

Die Bedeutung der „Kieler Bücklinge“ als Handelsartikel ist, wie aus allem Gesagten hervorgeht, sicherlich eine nicht geringe; an zuverlässigen statistischen Abmachungen hierüber fehlt [98] es indessen sehr. Das liegt in erster Linie daran, daß, wie schon oben erwähnt, eine außerordentlich große Anzahl von Städten respective Dörfern die Räucherei betreibt; in den meisten derselben werden Declarationen der verarbeiteten Quantitäten behördlicherseits nicht verlangt. Des Weiteren geben auch die Ein- und Ausfuhrlisten und andere statistische Nachweise der größeren Handelsplätze hierüber insofern nur ganz unklare Auskunft, als man nicht die Rubrik „Bücklinge“, sondern nur diejenige der geräucherten Fische zu führen pflegt, also Aal, Sprott, Lachs, Dorsch, Flunder, Makreele, Maifisch, Schnepel etc. Diese gesellen sich also in den Registern zum Bückling und können nicht wieder von ihm getrennt werden. Eine annähernde Schätzung könnte man allenfalls auf Grund der Angabe Brehm’s versuchen, daß durchschnittlich jährlich 10,000 Millionen Häringe gefangen werden. Deutschlands Fischerei steht leider noch auf so niedriger Stufe, daß noch nicht drei Procent hiervon auf seinen Anteil kommen. Es ließe sich annehmen, daß von diesen 300 Millionen Häringen 10 bis 15 Procent in Bücklingsgestalt zum Vertrieb kommen, doch können wir für diese Zahl nicht einstehen, da unsere sämmtlichen Versuche, Genaueres hierüber zu erkunden, erfolglos geblieben sind.

Gustav Kopal.






Erinnerungen aus dem Kriege mit Frankreich.
Von Moritz Busch.
8. Etwas von dem, was uns der Kanzler in Versailles erzählte.
Nachdruck verboten.

Ich habe im vorigen Abschnitte gesagt, die Unterhaltung bei Tische sei im Jeffe’schen Hause eine lebhafte und vielfach lehrreiche gewesen, wenn der Kanzler am Essen theilgenommen habe. Im Folgenden gebe ich eine Auswahl dessen, was er bei diesen und einigen anderen Gelegenheiten äußerte oder erzählte. Im Betreff der Erzählungen mache ich im Voraus darauf aufmerksam, daß der Stil derselben zuweilen mit seinen Sprüngen und stummen Voraussetzungen dem der Ballade gleicht, und daß das Gewebe häufig einen humoristischen Einschlag hat. Sowohl diese Geschichten, wie die Aussprüche sind, dünkt mich, Photographien ohne Retouche, das heißt, ich glaube gut gehört und gemerkt zu haben, und ich habe nichts Mittheilbares weggelassen, nichts geändert und nichts hinzugethan. Wo ich den Sprechenden einmal nicht genau verstanden, ist’s angegeben. Das Eine und das Andere wird Dem oder Jenem unbedeutend erscheinen; mir erscheint nichts von dem hier Mitgetheilten so.

Mehrmals erzählte der Minister von Fällen, wo er in Lebensgefahr gewesen. So hatte er einmal auf einer Tour in der Schweiz - wenn ich nicht irre, war’s bei einem Ausfluge nach dem Rosenlaui-Gletscher - mit einer Gesellschaft einen schmalen Grat passiren müssen. Eine Dame und der eine Führer waren schon drüben gewesen. Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere Führer. „In der Mitte der Kante sagte der Franzose: ‚Ich kann nicht mehr,‘ und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm und fragte den Führer: ‚Was machen wir nun?‘ - ‚Steigen Sie über ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme, befestigen sie an ihm und tragen ihn hinüber.‘ - ‚Sehr schön,‘ sagte ich, ‚aber ich steige nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank, packt mich in seiner Verzweiflung, und wir fallen Beide hinunter.‘ - ‚Nun, so drehen Sie um!‘ - Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit Hülfe des anderen Führers.“

Einmal berichtete Hatzfeldt beim Thee, daß die Coburger Hoheit vom Pferde gefallen. „Glücklicher Weise ohne Schaden zu leiden,“ fügte Abeken mit froher Miene eilig hinzu. Der Chef wurde dadurch veranlaßt, uns von verschiedenen Unglücksfällen zu erzählen, die ihm selbst widerfahren. „Ich glaube, daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzig Mal mit dem Pferde gestürzt bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, sodaß es auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Barzin, wo ich drei Rippen brach. Da dacht’ ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so viel Gefahr, wie es schien, aber es that doch ganz erschrecklich weh.“ - „Früher aber, hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der zeigt, daß das Denken des Menschen doch von seinem Gehirne abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus war, auf einmal einen fürchterlichen Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens gescheut und war mit mir zusammengefallen und auch auf den Kopf. Ich verlor zuerst die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Theil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten - zur Begrüßung - hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht thun wollten. Ob sie denn den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich und auch der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich am Morgen ausgeschlafen hatte, war es gut.“ - „Es war ein seltsamer Fall: den Sattel hatte ich untensucht, mir ein anderes Pferd geben lassen etc. - alles praktisch Nothwendige that ich also. Hierin war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. Ein eigenthümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger betäubt worden.“

„Ich erinnere mich noch eines andern Sturzes. Da ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürzte ich mit dem Pferde und verlor das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden ohne Besinnung dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war weit weg von unserem Hause und mir ganz unbekannt. Ich hatte meine Geisteskräfte noch nicht ordentlich wieder. Aber das Nothwendige that ich auch hier. Ich machte den Martigal ab, der entzwei war, und ritt auf einem Wege, der, wie ich dann erfuhr, der nächste war - es ging da auf einer ziemlich langen Brücke über einen Fluß - nach dem nächsten Gute, wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten können; er möchte mich fahren, was er denn auch that.“ - „Ich muß wohl fünfzehn Schritt fortgeflogen sein bei dem Sturze und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doctor den Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß ich nicht den Hals gebrochen hätte.“

Am 21. October sagte der Chef bei Tische, entweder heute oder doch in diesen Tagen könne er sein parlamentarisches Jubiläum feiern. Vor fünfundzwanzig Jahren um diese Zeit sei er in den Provinziallandtag von Pommern eingetreten. „Ich erinnere mich,“ fuhr er fort, „daß es da schrecklich langweilig war. Ich hatte als ersten Gegenstand den übermäßigen Talgverbrauch am Armenhause zu bearbeiten. Wenn man daran denkt - wie man - ich habe da und später im vereinigten Landtage doch manche dumme Rede gehört - und (nach einer Pause, lächelnd) gehalten.“

Einige Tage später bemerkte er bei der Nachtischcigarre zum Oberregierungsrath Wagner, indem er von seiner formalistischen Thätigkeit sprach: „Ich weiß, mein erster Zeitungsartikel war über Jagd. Ich war damals noch der wilde Junker. Da hatte Einer einen hämischen Artikel über Parforcejagden gemacht. Darüber erzürnte sich mein Jägerblut, und ich setzte mich hin und [99] verfaßte eine Erwiderung, die ich dem Redacteur schickte. Aber ohne Erfolg. Er antwortete mir sehr höflich, sagte aber dann, das ginge nicht. Ich war äußerst empört darüber, daß Jemand das Recht haben sollte, die Jäger anzugreifen, ohne sich eine Widerlegung gefallen lassen zu müssen. Aber das war damals so.“

Wieder ein ander Mal war von der Verhaftung Jacoby’s in Königsberg die Rede, und der Kanzler äußerte, man werde die Paßlichkeit der Maßregel bezweifeln können. Das Recht der Militärbehörde, Leute, welche der Kriegführung und somit der baldigen Erreichung des Friedens in den Weg treten, zeitweilig unschädlich zu machen, lasse sich nicht bestreiten, was er dann weiter ausführte und mit Beispielen belegte. Einer der Tischgenossen sprach seine Freude darüber aus, daß man „den faulem Schwätzer eingespunden“. Der Chef aber erwiderte recht bezeichnend für seine Denkart: „Ich freue mich darüber ganz und gar nicht. Der Parteimann mag das thun, weil seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden. Die Politik kennt solche Gefühle nicht. Sie fragt nur, ob es nützt, wenn politische Gegner mißhandelt werden.“

Eines Abends kam man, ich weiß nicht wie, auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister bekannte, den habe er schon als Knabe nicht leiden können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler meuchlerisch getödtet habe. „Natürlicher und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,“ setzte er hinzu, „wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken – den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte – wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine grausame Zumuthung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt mir nicht, das paßt sich nicht für Helden.“

Am 3. November war beim Diner unter Anderem die Rede von den Berliner Wahlen, und Delbrück meinte, sie würden besser ausfallen als bisher, wenigstens würde Jacoby nicht wiedergewählt werden. Graf Bismarck-Bohlen war anderer Ansicht. Der Chef sagte: „Die Berliner müssen immer Opposition machen und ihren eigenen Kopf haben. Sie haben ihre Tugenden – viele und sehr achtbare; sie schlagen sich gut, halten sich aber für nicht gescheidt genug, wenn sie nicht Alles besser wissen als die Regierung.“ Es wäre das jedoch, fuhr er fort, nicht ein Fehler, den man bei ihnen allein fände. Alle großen Städte hätten diese Eigenthümlichkeit, und manche wären sogar schlimmer als Berlin. Sie wären überhaupt unpraktischer als das platte Land, welches mehr mit dem Leben, directer mit der Natur verkehre und sich auf diese Weise ein natürliches, der thatsächlichen Entwickelung der Dinge angepaßtes Urtheil bilde und bewahre. „Wo so viele Menschen zusammen sind,“ sagte er, „entstehen aus der Lust, aus Hörensagen, Nachsagen allerlei Meinungen, die wenig oder gar nicht auf Thatsachen begründet sind, die sich aber in Zeitungen und Volksversammlungen verbreiten und dann feststehen – unausrottbar. Es ist eine zweite, falsche Natur neben der ersten, ein Massenglaube, Massenaberglaube.“ – „Man redet sich ein, was nicht ist, hält es für Pflicht und Schuldigkeit, dabei zu bleiben, begeistert sich für Bornirtheiten, Absurditäten.“ – „Das ist in allen großen Städten so, in London, wo die Cockneys auch eine ganz andere Race sind, als die übrigen Engländer, in Kopenhagen, in New-York und vor Allem in Paris. Die Pariser sind mit ihrem politischen Aberglauben ein ganz besonderes Volk in Frankreich, befangen und beschränkt in Vorstellungen, die Herkommen sind, aber nichts als Phrasen und Flausen.“

Einmal, als Herr v. Werder, der preuß. Militärbevollmächtigte in Petersburg, beim Kanzler zu Gaste war, kam das Gespräch auf Wrangel und von diesem auf den alten General von Möllendorff. „Da erinnere ich mich,“ sagte der Chef, „eines scherzhaften Vorfalles nach den Märztagen, wie der König und die Truppen in Potsdam waren. Da kam ich auch hin, und es war Berathung, was jetzt zu thun wäre. Möllendorff war dabei und saß mit schmerzhafter Miene auf einem Stuhle nicht weit von mir. Er konnte nur mit der einen Hälfte sitzen, so hatten sie ihn zerprügelt. Der Eine rieth dies, der Andere das, aber Niemand wußte recht, was zu machen. Ich saß neben dem Pianoforte und sagte nichts, schlug aber ein paar Töne an – Dideldum Dittera. (Dudelt den Anfang des Infanterie–Sturmmarsches.) Da erhob sich der Alte freudestrahlend plötzlich von seinem Stuhle, humpelte auf mich zu, umarmte mich und sagte: ‚Das ist das Rechte – ich weiß, was Sie wollen. Das ist’s – marschiren – nach Berlin.‘“

Einige Tage später, wo Fürst Putbus und der schlesische Graf Frankenberg mit uns aßen, erzählt Ersterer von allerlei energischen Maßregeln der Baiern gegen widerspenstige Dörfer. Der Chef lobte dieses Verfahren und fügte dann hinzu: „Man muß die Leute entweder so rücksichtsvoll behandeln wie möglich, oder unschädlich machen. Eins von beiden.“ Und nach einer Weile fuhr er fort: „Höflich bis auf die letzte Galgensprosse, aber gehenkt wird er, der Kerl. Grob darf man nur gegen seine Freunde sein, wo man überzeugt ist, daß sie’s nicht übelnehmen. Wie grob ist man zum Beispiel gegen seine Frau!“

Am 1. December kam der Kanzler noch nach halb elf Uhr zu uns, als wir beim Thee saßen. Nach einer Weile sagte er: „Die Zeitungen sind unzufrieden mit dem baierischen Vertrage (wegen Zutritt zum Bunde Norddeutschlands). Es mißfällt ihnen, daß gewisse Beamte baierische heißen, die sich doch ganz nach unseren Gesetzen richten müssen. Die Biersteuer ist ihnen auch nicht recht; als ob wir das nicht Jahre lang im Zollverein gehabt hätten.“ – „Sie thun, als ob wir den Krieg gegen Baiern geführt hätten, wie 1866 gegen die Sachsen, während wir doch diesmal Baiern als Bundesgenossen gehabt haben.“ – „Ehe sie den Vertrag gutheißen, wollen sie lieber warten bis sie die Einheit in der ihnen genehmen Form erhalten. Da können sie lange warten. Sie sind nicht zufrieden mit dem Erreichten, wollen mehr Einförmigkeit; wenn sie doch fünf Jahre zurückdächten – womit wären sie damals zufrieden gewesen?“ – „Constituirende Versammlung! Wenn der König von Baiern nun nicht dazu wählen läßt? Das baierische Volk wird ihn nicht dazu zwingen, und ich auch nicht.“

Denselben Abend nahm er Goldstücke heraus, mit denen er dann eine Weile spielte. „Auffällig ist,“ sagte er dabei, „wie sehr man hier auch von anständig gekleideten Leuten angebettelt wird. Schon in Reims kam das vor, hier aber ist’s viel schlimmer.“ – „Wie selten man jetzt Goldstücke mit Ludwig Philipp oder Karl dem Zehnten zu sehen bekommt! Ich erinnere mich, wie ich jung war, in den zwanziger Jahren sah man noch manche mit Ludwig dem Sechszehnten und dem Achtzehnten, dem Dicken. Selbst der Ausdruck Louisd’or ist nicht mehr gebräuchlich; will man bei uns vornehm sein, so redet man von Friedrichsd’or.“ – Er balancirte dann einen Napoleond’or auf der Fingerspitze, als ob er ihn wägen wollte, und fuhr fort: „Hundert Millionen doppelte Napoleonsd’or, das wäre jetzt ungefähr die Kriegsentschädigung – später kostet’s mehr – viertausend Millionen Franken.“ – „Vierzigtausend Thaler in Gold werden ein Centner sein, dreißig Centner gehen auf einen tüchtigen zweispännigen Wagen; ich weiß – ich habe einmal vierzehntausend Thaler in Gold von Berlin nach Hause tragen müssen – was das schwer war! – das wären etwa achthundert Wagen.“ – „Die werden sie eher beschaffen, als die für die Munition zum Bombardement,“ meinte Jemand, dem wie den meisten von uns die Geduld in Betreff dieser Maßregel ausgehen wollte.

Am 5. December beim Thee hatte Hatzfeldt uns vom Großherzoge von Weimar erzählt, und von dem war man auf Radowitz und zuletzt auf Humboldt gekommen, als der Chef das Wort nahm. „Bei unserm hochseligen Herrn,“ so erzählte er, „war ich das einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt die Gesellschaft in seiner Weise unterhielt. Er las da gewöhnlich vor, oft stundenlang – eine Lebensbeschreibung von einem französischen Gelehrten oder einem alten Baumeister, die keinen Menschen als ihn interessirte. Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter ließ er’s fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber zu verbreiten.“ – „Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. Die Königin nähte fortwährend an einer Tapisserie und hörte gewiß nichts von seinem Vortrage. Der König besah sich Bilder – Kupferstiche und Holzschnitte – und blätterte möglichst geräuschvoll darin, in der stillen Absicht augenscheinlich, nichts davon hören zu müssen. Die jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich, kicherten und übertäubten damit förmlich seine Vorlesung. Die aber murmelte ohne abzureißen fort wie ein Buch.“ – „Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen runden Stuhle und schlief, daß er schnarchte, sodaß ihn der König einmal weckte und zu ihm sagte: ‚Gerlach, schnarchen Sie nicht!‘“ – „Ich war Humboldt’s einziger geduldiger Zuhörer, das heißt, ich schwieg, that, als ob ich [100] seinem Vortrage lauschte, und hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und weißen Wein gab.“ – „Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war Einer da, der die Rede an sich riß und zwar auf ganz natürliche Weise, indem er Dinge, die Alle interessirten, hübsch zu erzählen wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller mit einem Haufen – so hoch – (zeigt es mit der Hand) von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz und anderen Unverdaulichkeiten – ein wahrer Berg! – es war erstaunlich, was der alte Mann essen konnte.“ – „Als er nicht mehr konnte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort zu erobern. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl,‘ fing er an. Aber es half nichts; der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig machen. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl, siebentausend Toisen über‘ – wieder drang er nicht durch, der Erzähler sprach gelassen weiter. ‚Auf dem Gipfel des Popocatepetl, siebentausend Toisen über der Meeresfläche‘ – er sprach es mit lauter erregter Stimme, jedoch es gelang ihm auch damit nicht: der Erzähler redete weiter, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. Das war unerhört – Frevel! Wüthend setzte Humboldt sich nieder und versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit und bald darauf ging er.“ – „Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst unentbehrlich war und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien. Das hinderte nicht, daß er dann mit Varnhagen über den Hof raisonnirte und allerlei schlechte Geschichten von ihm erzählte. Varnhagen hat hernach Bücher daraus gemacht, die ich mir auch gekauft habe. Sie sind erschrecklich theuer, wenn man die paar Zeilen bedenkt, die eines groß gedruckt auf der Seite hat.“ – Keudell meinte, aber für die Geschichte wären sie doch nicht zu entbehren. – „Ja,“ erwiderte der Chef, „im Einzelnen sind sie nicht viel werth, aber als Ganzes sind sie der Ausdruck der Berliner Säure in einer Zeit, wo es nichts gab. Da redete alle Welt mit dieser malitiösen Impotenz.“

Häufig kam der Minister auf Erinnerungen an seine Jugendzeit zurück, die er anmuthig zu erzählen wußte, bisweilen auch auf den einen oder den andern seiner Ahnen, z. B. auf seinen Aeltervater, der, wenn ich recht verstand, bei Czaslau gefallen war. „Die alten Leute bei uns haben ihn,“ so berichtete er, „meinem Vater oft noch beschrieben. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn und ein starker Zecher. Er hat einmal in einem Jahre einhundertvierundfünfzig Rothhirsche geschossen, was ihm der Prinz Friedrich Karl nicht nachthun wird, aber der Herzog von Dessau.“ – „Wie er in Gollnow stand, da aßen die Officiere zusammen; die Küche führte der Oberst. Da war’s Mode, daß bei Tische fünf oder sechs Dragoner aufmarschirten hinter den Stühlen; die schossen zu den Toasten aus ihren Karabinern. Es waren da überhaupt seltsame Sitten. So zum Beispiel hatten sie statt der Latten einen hölzernen Esel mit scharfen Kanten; auf dem mußten die Dragoner, die sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen, sitzen – ein paar Stunden oft, eine sehr schmerzhafte Strafe. Und immer am Geburtstage des Obersten und Anderer zogen sie nach der Brücke und warfen den Esel hinein, es kam aber immer ein neuer. Sie hätten wohl hundertmal einen neuen gehabt, sagte die Bürgermeisterin (Name nicht recht verständlich – es klang wie Talmer) meinem Vater.“ – „Dieser Aeltervater – ich habe sein Bild in Berlin – ich sehe ihm wie aus den Augen geschnitten ähnlich, das heißt wie ich jung war; da war’s, wie wenn ich mich im Spiegel sähe.“

Einmal wurde erwähnt, daß man Briefe an Favre mit „Monsieur le Ministre“ anfinge, worauf der Chef äußerte: „Ich werde nächstens an ihn schreiben: Hochwohlgeborener Herr!“ Daraus entspinnt sich eine byzantinische Disputation über Titulaturen und die Anreden: Excellenz, Hochwohlgeboren und Wohlgeboren. Der Chef vertritt dabei entschieden antibyzantinische Ansichten und Absichten. „Man sollte das ganz weglassen,“ sagte er. „In Privatbriefen brauche ich’s auch nicht mehr, und sonst gebe ich das Hochwohlgeboren den Räthen bis zur dritten Classe.“ Abeken als reiner Byzantiner meint, die Diplomaten hätten es schon übel vermerkt, daß man ihnen bisweilen ihre Titulaturen nicht ganz hätte zu Theil werden lassen, und das Hochwohlgeboren gebühre nur den Räthen der zweiten Classe. „Und den Lieutenants,“ ruft Jemand. „Ich will’s aber ganz abschaffen bei unsern Leuten,“ erwidert der Minister, „es wird damit im Jahre ein Meer von Tinte verschrieben, worüber sich die Steuerzahler mit Recht als über eine Verschwendung beklagen können. Mir ist’s ganz recht, wenn man an mich einfach: An den Ministerpräsidenten Graf von Bismarck schreibt. Ich bitte Sie (zu Abeken), mir darüber Vortrag zu erstatten; es ist ein unnützer Schwanz und ich wünsche, daß das wegfällt.“ Abeken Zopfabschneider – eigene Fügung!

Eines Tages kam die Rede auch auf schöne Literatur. Man sprach von Spielhagen’s „Problematischen Naturen“, die der Kanzler gelesen hatte und über die er nicht ungünstig urtheilte, aber doch bemerkte: „Das wird ihm allerdings nicht passiren, daß ich ihn zweimal lese. Man hat dazu überhaupt hier keine Zeit. Sonst aber kommt es doch wohl vor, daß ein vielbeschäftigter Minister so ein Buch zur Hand nimmt und ein paar Stunden daran hängen bleibt, bevor er wieder zu seinen Acten greift.“ Auch „Soll und Haben“ Hofrath Freytag’s wird erwähnt, und man lobt die Darstellung des Polenkrawalls in Krakau, sowie die Ballgeschichte mit den Backfischen, wogegen man seine Helden unschmackhaft zu finden scheint. Abeken, der sich an dem Gespräch lebhaft betheiligt, macht die Bemerkung, er könne doch nichts von dieser Sachen zweimal lesen, und von den bekannten neueren Schriftstellern sei meistens nur ein Buch wirklich gut. „Na,“ sagt der Chef, „von Goethe schenke ich Ihnen auch drei Viertel. Das Uebrige freilich – mit sieben oder acht Bänden etwa von den vierzig, wollte ich wohl eine Zeit lang auf einer wüsten Insel leben.“ Zuletzt wird auch Fritz Reuter’s gedacht. „Ja,“ äußert der Minister, „Ut de Franzosentid’ ist sehr hübsch, aber es ist kein Roman.“ Man nennt die „Stromtid“. „Hm,“ sagt er, „dat is as dat Ledder is. Das ist allerdings ein Roman, Manches gut, Anderes mittelgut, aber so, wie der Bauer geschildert ist, so sind sie wirklich.“

Als wir einmal von Favre sprachen, sagte der Kanzler: „Uebrigens hat der keine Idee, wie es bei uns zugeht. Er ließ mich mehrmals merken, daß Frankreich das Land der Freiheit wäre, während bei uns Despotismus herrsche. Ich hatte ihm z. B. gesagt, wir brauchten Geld, und Paris müßte welches schaffen. Er dagegen meinte, wir könnten ja eine Anleihe machen. Ich erwiderte, das ginge nicht ohne den Reichstag oder den Landtag. Ach, sagte er, fünfhundert Millionen Franken, die könnte man doch auch auftreiben, ohne die Kammer. Ich entgegnete: Nein, nicht fünf Franken. Er wollte es nicht glauben. Aber ich sagte ihm, daß ich vier Jahre lang mit der Volksvertretung im Kriegszustande gelebt hätte, aber eine Anleihe ohne den Landtag aufzunehmen, das wäre immer die Barriere gewesen, bis zu der ich gegangen, und es wäre mir nie eingefallen, die zu überschreiten. Das schien ihn doch in seiner Ansicht etwas irre zu machen. Er sagte nur, in Frankreich würde man sich nicht geniren. Doch kam er immer wieder darauf zurück, daß Frankreich ungeheure Freiheit besäße. Es ist wirklich sehr komisch, einen Franzosen so sprechen zu hören, und besonders Favre, der immer zur Opposition gehört hat. Aber so sind sie. Man kann einem Franzosen fünfundzwanzig aufzählen – wenn man ihm dabei nur eine schöne Rede von der Freiheit und Menschenwürde hält, die darin sich ausdrücke, und die entsprechende Attitude dazu macht, so bildet er sich ein, er werde nicht geprügelt.“

Jemand hatte die Entwickelungsgeschichte der deutschen Frage auf’s Tapet gebracht. Da bemerkte der Minister unter Anderem: „Ich erinnere mich: vor dreißig und mehr Jahren wettete ich in Göttingen einmal mit einem Amerikaner, ob Deutschland in fünfundzwanzig Jahren einig sein würde. Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben sollte, der gewänne. Wer verlor, sollte über’s Meer kommen. Er hatte für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich 1853 und wollte hinüber. Wie ich mich aber erkundigte, war er todt. Er hatte so einen Namen, der kein langes Leben versprach – Coffin, d. h. Sarg. Das Merkwürdigste dabei ist, daß ich damals schon den Gedanken und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hülfe wahr geworden ist, obwohl ich zu der Zeit mit den Verbindungen, die das wollten, nur im Gefechtszustande verkehrte.“

Anfang Februar war der Kanzler einmal in St. Cloud gewesen. Er erzählte dann: „Wie ich mir die Brandstelle des [101] Schlosses mit ihren Schutthaufen besah und mich in Gedanken erging über den Zustand des Zimmers, wo ich mit dem Kaiser gespeist hatte, war ein wohlgekleideter Herr da, der sich von einem Blousenmanne herumführen ließ – vielleicht aus Paris herausgekommen. Ich konnte deutlich verstehen, was sie redeten; denn sie sprachen laut, und ich habe ein gutes Gehör. ‚C’est l’oeuvre de Bismarck‘ sagte der in der Blouse. Der Andere aber erwiderte blos: ‚C’est la guerre.‘ Wenn die gewußt hätten, daß ich’s gehört hatte!“

Hieran anknüpfend, fuhr er fort, in Ricolsburg wäre er einmal in Civil ausgegangen, und da hätte er zwei Gensd’armen getroffen, die einen Mann arretiren gewollt. „Ich fragte, was er verbrochen hätte, bekam aber als Civilist natürlich gar keine Antwort. Da erkundigte ich mich bei ihm selber, und er sagte mir, es wäre, weil er sich über den Grafen Bismarck unehrerbietig geäußert hätte. Beinahe hätten sie mich auch mit fortgenommen, weil ich sagte, das hätten wohl Viele gethan.“

„Das erinnert mich daran, daß ich mir einmal selbst ein Hurrah habe ausbringen müssen. Es war Sechsundsechszig, beim Einzuge der Truppen, Abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch – heimlich, und wie ich beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da ein großer Haufen Menschen beisammen, die mir eine Ovation bringen wollen. Ich war in Civil und muß ihnen mit meinem hohen Hute, den ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht weßwegen, verdächtig vorgekommen sein, und Einige machten eine feindliche Miene, sodaß ich für’s Beste hielt, in ihr Hurrah einzustimmen.“




Doppeltes Bewußtsein.
Von Dr. Ludwig Büchner.

Wenn man sich in der Seelenlehre des Menschen (oder auch der Thiere) umsieht, so stößt man mitunter auf gar merkwürdige Dinge. Eine der merkwürdigsten Erfahrungen hat man neuerdings bezüglich des sogenannten doppelten oder alternirenden (abwechselnden) Bewußtseins gemacht. Bisher hielt man das menschliche Bewußtsein für etwas durchaus Einheitliches, Unveränderliches und Untheilbares. Nun hat man aber Fälle beobachtet, wobei derselbe Mensch an verschiedenen Tagen oder zu verschiedenen Zeiten ein ganz und gar verschiedenes Bewußtsein hat und an dem einen Tage nichts von dem weiß, was an dem anderen mit im vorgegangen war, während die einzelnen getrennten Tage unter einander einen regelmäßigen Erinnerungszusammenhang haben. Oder, mit anderen Worten, der Mensch ist ein doppelter oder zu bestimmten Zeiten ein sich selbst durchaus fremder, der sich, seine Umgebung, seine Wohnung nicht mehr kennt, an seiner eigenen Existenz zweifelt und sich wie ein Mensch fühlt, der eben erst auf die Welt gekommen ist. Die Ursache dieses merkwürdigen Zustandes ist höchst wahrscheinlich keine andere, als ein vorübergehender Krampf der einen bestimmten Theil des Mittelhirns ernährenden Blutgefäße, wodurch dieser Theil eine Zeitlang in seiner Ernährung und damit auch in seiner Verrichtung gestört oder beeinträchtigt wird.

Den ersten bestimmten Fall dieser Art hat der berühmte holländische Arzt Schröder van der Kolk beobachtet und in seiner „Pathologie und Therapie der Geisteskrankheiten“ (Braunschweig, 1863) beschrieben. Er besuchte ein zwanzigjähriges Mädchen, das sieben Jahre vorher eine langwierige Krankheit überstanden hatte und nun an dieser eigenthümlichen mit Krampfzufällen verbundenen Bewußtseinsstörung litt. Sie war an dem kranken Tage ein gänzlich verändertes Wesen, läppisch und kindisch, ohne Bewußtsein oder Erinnerung des vorhergehenden Tages, und mußte an einem solchen Tage mit großer Anstrengung etwas lernen, das sie an dem gesunden Tage bereits vollkommen wußte. So war sie an dem letzteren ein recht gescheidtes Mädchen, sprach gut französisch und deutsch und zeigte sich sehr belesen. Am folgenden Tage wußte sie von Allem nichts und hatte nur Erinnerung an den kranken Tag, während das Gedächtniß des gesunden Tages nur mit dem zweitvorhergehenden oder hellen Tag correspondirte. Dies ging so weit, daß sie an dem läppischen oder kindischen Tage wieder französisch zu lernen angefangen, aber nur geringe Fortschritte gemacht hatte, während sie es am folgenden Tage ganz fließend sprach. Verbrachte man sie an dem kranken Tage an einen bestimmten Ort, so wußte sie am gesunden Tage nicht, wie sie dahingekommen war. Schröder van der Kolk besuchte sie vierzehn Tage hindurch stets an dem kranken Tage, wobei er jedesmal von ihr erkannt wurde. Als er aber zuerst an einem gesunden Tage zu ihr kam, war er ihr vollkommen fremd; sie konnte sich nicht entsinnen, ihn je gesehen zu haben. Dieser merkwürdige Wechsel war bereits seit vier Jahren ununterbrochen mit der größten Regelmäßigkeit eingetreten.

Noch viel merkwürdiger sind die von Dr. Krishaber in Paris gemachten Beobachtungen (Paris 1873), über welche der berühmte französische Philosoph H. Taine im dritten Hefte der „Revue philosophique“ vom Jahre 1876 berichtet, indem er hinzufügt, „daß diese Berichte belehrender seien, als ganze Bände voll Metaphysik über die Substanz des Ich.“ Der Kranke, sagt Dr. Krishaber, ist keineswegs verrückt und vollständig vernünftig; er erklärt seine Einbildungen selbst für falsch. Um so auffallender ist der in der Regel ganz plötzlich eintretende Anfall. Man kann den Zustand des Patienten am besten mit demjenigen einer Raupe vergleichen, welche, indem sie ihre Raupenerinnerungen beibehält, plötzlich zu einem Schmetterlinge mit allen Sinnen und Empfindungen desselben geworden ist. Zwischen dem alten und neuen Zustande oder zwischen dem Raupen- und Schmetterlingsbewußtsein gähnt ein tiefer Abgrund; die neuen Empfindungen können nicht an die alten anknüpfen, und der Kranke kann sich selbst in denselben nicht wiederfinden. Daher derselbe einmal zu dem Schlusse kommt. „Ich bin nicht“, und zum Zweiten zu dem Schlusse: „Ich bin ein Anderer“. Ein Kranker gab an, daß, wenn er sprach, seine eigene Stimme ihm diejenige eines Fremden schien. Alles um ihm her schien ihm so verändert, als ob er sich auf einem anderen Planeten befände, oder als ob er eben erst auf die Welt gekommen sei. Alle Beziehungen seines Geistes zu dem, was ihn umgab, und zu seiner Vergangenheit hatten aufgehört. Er konnte seine Wohnung nicht wiederfinden, auch wenn er ganz in ihrer Nähe war, und brach darüber in Thränen aus.

Ein anderer Kranker dieser Art sagte nach seiner Genesung aus, er habe sich wie ein neugeborenes Kind gefühlt oder wie Caspar Hauser, als er seine Zelle verließ. Er erklärte, daß er weit, weit fort sei, obgleich er sehr wohl wußte, daß er zu Hause sei, aber zwischen dem Augenblicke, der seinem Anfalle vorhergegangen, und demjenigen, der ihm gefolgt war, schien ihm eine unermeßliche Entfernung zu liegen, eine Entfernung, so groß, wie diejenige der Erde von der Sonne. Auch Dinge und Menschen um ihn her schienen ihm endlos entfernt, und er konnte nicht begreifen, daß der Kutscher eines Wagens, den er genommen hatte, seinen Zuruf verstand, denn seine eigene Stimme erschien ihm fremd und weit entfernt. Er mußte unerhörte Anstrengungen machen, um zu begreifen, daß er Er selbst sei, daß er durch die Straße gehe, seinen Kutscher rufe etc. Er hatte das Gefühl, als ob seine Beine oder Arme nicht ihm gehörten, sein Kopf nicht der seinige sei, und als ob er nur wie ein Automat handle. Er sah gewissermaßen wie ein unbetheiligter Zuschauer den Handlungen dieses seines zweiten Ich zu, welches er haßte und verachtete. Er würde sich getödtet haben, wenn er nicht das brennende Verlangen gehabt hätte, wieder Er selbst zu werden und seine alte Welt wieder zu erblicken.

Ein dritter Kranker hatte die Empfindung, als ob er überhaupt nicht mehr existire. Er betastete seinen Körper und fühlte ihn; trotzdem hatte er große Mühe, an dessen Wirklichkeit zu glauben. Erst später und nach und nach lernte er es, seiner neuen Empfindungen sich zu bedienen und nicht mehr davor zu erschrecken, daß er, wie es ihm schien, allein in einem ganz fremden Lande sei. In diesem zweiten Stadium pflegt dann der Kranke nicht mehr zu sagen: „Ich bin nicht“, sondern: „Ich bin ein Anderer“. In diesem Stadium zeigen die Aeußerungen fast

[102] aller Kranken eine seltene Uebereinstimmung bezüglich der schon geschilderten Empfindungen.

Dr. Krishaber ist der Meinung, daß sich der Kranke in der That nicht täuscht, wenn er glaubt, daß er ein Anderer sei. Auch wiedergenesene Kranke sind derselben Meinung. Das Ich ist ein Product unserer Empfindungen; ändern sich diese, so muß sich auch das Ich ändern und kann nicht eher wieder erscheinen, als bis Empfindungs-Störungen, welche den Verlust des persönlichen Bewußtseins zur Folge hatten, wieder ausgeglichen sind.

Seitdem man einmal auf diese merkwürdige Bewußtseins-Störung aufmerksam gemacht worden ist, häufen sich, wie dieses bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, die einschlägigen Beobachtungen von verschiedenen Seiten her. So erzählt M. Azam („Revue scientifique“) die Geschichte der dreiunddreißigjährige Felida X., welche seit frühester Jugend fast täglich plötzlich in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf verfällt, aus welchem sie nach einigen Minuten als ein völlig verändertes Wesen erwacht. In diesem „zweiten Zustande“ weiß sie genau Alles, was während der früheren zweiten Zustände mit ihr vorgegangen ist, während sie im normalen Zustande davon auch nicht die leiseste Erinnerung hat. In den letzten Jahren hat sich die Dauer des „zweiten Zustandes“ dergestalt verlängert, daß er fast zum normalen geworden ist, und daß, wenn sie wieder zur Norm zurückkehrt, ein großer Theil ihres Lebens aus ihrem Gedächtnisse verschwunden ist.

Professor Laveran am Hospital Val de Grace erzählt in der „Union médicale“ (Nr. 36, 1877): Der dreiundvierzigjährige Capitain M. S. glaubt sich in zwei Personen verwandelt. Er sieht fortwährend an seiner Seite einen Andern, der ihm Alles nachthut. Der Kranke weiß, daß er das Opfer einer Täuschung ist, aber dennoch kann er sie nicht los werden.

Dr. Th. Galicier („Revue philosophique“, 1877, Nr. 7.) behandelte einen Kranken, der während der Heilung eines sogenannten Anthrax die Erscheinung des doppelten Bewußtseins darbot. Er glaubte plötzlich nicht mehr Er selbst oder in Frankreich zu sein es kam ihm vor, als ob er ein Anderer oder in dem Körper eines Anderen sei. Später sagte er aus, daß er sich in einen Chinesen verwandelt und in China zu sein glaubte. Auch dieser Kranke pflegte zu sagen: „Ich bin nicht mehr Ich,“ oder „Ich bin ein Anderer.“ Galicier vergleicht diesen Zustand sehr gut mit jenen eigenthümlichen Zuständen, die zeitweise wohl jeden Menschen derart befallen, daß er die oft gehörten Redensarten gebraucht: „Ich kenne mich selbst nicht mehr;“ „Ich weiß nicht, was ich spreche;“ oder daß er zu seiner Umgebung sagt: „Achtet nicht auf das, was ich spreche oder thue! Ich bin unschuldig daran.“ Auch Neugeborene und ganz junge Kinder haben, wie bekannt, nicht das Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit oder des eigenen Ich und erlangen es erst nach und nach. Daher auch dem Erwachsenen das Gefühl oder die Erinnerung der frühesten Kindheit total abgeht. Was wir davon wissen, wissen wir nur vom Hörensagen. Das Kind weiß auch anfangs die verschiedenen auf die Oberfläche seines Körpers einwirkenden Empfindungen nicht voneinander zu sondern oder aber zu einem Ganzen zu verbinden. Erst in Folge einer langen Erfahrung beginnt das Ich sich als Individuum oder als ein einiges untheilbares Wesen zu fühlen und sich als solches dem Nicht-Ich gegenüberzustellen; erst Gedächtniß und Erinnerung können dem Bewußtsein des Ich jene Festigkeit, Dauer und Einheit verleihen, welche es nach seiner vollständigen Ausbildung zu besitzen pflegt. Nach dem gewöhnlichen Vorurtheil begleitet das Bewußtsein des Ich unaufhörlich alle unsere Gedanken und Handlungen und wird nur durch Schlaf, Ohnmacht oder dergleichen unterbrochen. Aber eine vorurtheilslose Ueberlegung und Selbstbeobachtung zeigt, daß dem keineswegs so ist. Ein heftiger leiblicher oder moralischer Eindruck kann unseren Geist so vollständig absorbiren oder gefangen nehmen, daß Empfindungen, die zu jeder anderen Zeit unsere ganze Aufmerksamkeit gefesselt haben würden, spurlos an uns vorübergehen. Auch tiefes Nachdenken, künstlerische Einbildung oder dergleichen bringen denselben Effect hervor. Wir können uns in solchen Lagen vollständig selbst vergessen und erinnern uns erst später wieder daran, daß wir selbst es waren, die solchen Eindrücken hingegeben waren.

So ist das Ich-Bewußtsein nur eine wechselnde Form der Gesammt-Summe unserer Empfindungen. Solange diese einen gewöhnlichen und gleichbleibenden Verlauf nehmen, bleibt auch das Ich mehr oder weniger das nämliche. Sobald aber ein starker Wechsel, eine bedeutende Aenderung hierin eintritt, wechselt oder ändert sich auch das Ich-Bewußtsein. Die heftigste Aenderung stellen jene im Eingang unseres Aufsatzes beschriebenen Fälle von doppeltem Bewußtsein dar; die mäßigsten und allmählichsten Aenderungen sind diejenigen, welche durch den Uebergang vom Kindheits-Alter in dasjenige der Jugend und von der Jugend in das Mannes- und schließlich in das Greisen-Alten bewirkt werden. Ja, man kann ohne Uebertreibung sagen, daß jeder einzelne Mensch in jedem einzelnen Augenblicke seines Lebens ein anderer ist, so gering und allmählich auch die einzelnen Wechsel oder Aenderungen an sich sein mögen. Erst wenn wir längere Intervalle unseres Lebens auf einmal überschauen, werden wir deutlich und in der Regel mit Verwunderung gewahr, wie sehr wir uns geändert haben. Ja, es wird uns bisweilen schwer, in einzelnen Phasen oder Handlungen unseres Lebens uns selbst wieder zu erkennen; wir stehen gewissermaßen einem Fremden gegenüber, den wir nicht für unser eigenes Selbst erkennen würden, wenn wir nicht bestimmt wüßten, daß es so wäre.

Jene Fälle von doppeltem Bewußtsein sind also nur die höchste Steigerung eines an sich natürlichen physiologischen Verhältnisses oder Vorgangs, sodaß sie in dieser Hinsicht kaum den Namen „Krankheit“ verdienen. Auch sind ja die sogenannten Kranken mit doppeltem Bewußtsein an sich vollkommen vernünftig und berichten über ihren merkwürdigen Zustand, nachdem er vorüber ist, mit vollster Klarheit. Sobald der Krampf der Hirngefäße, welcher den Zustand hervorgerufsen hat, nachläßt und die Ernährung der betreffenden Hirntheile wieder in normaler Weise vor sich geht, ist Alles vorüber. Vielleicht ließen sich physiologischerseits auch die allmähliche Veränderungen des Bewußtseins und des ganzen Charakters im Laufe des individuellen Lebens, durch die allmählichen anatomische Veränderungen jener Hirngefäße und die dadurch herbeigeführte Aenderung in der Ernährung bestimmter Hirntheile erklären!?

Jedenfalls darf man dem genannten französischen Philosophen Taine Recht geben, wen er aus den hier beschriebenen Erscheinungen folgert, daß „das Ich oder die moralische Persönlichkeit als ein Product unserer Empfindungen zu verschiedene Zeiten verschieden ist und nur darum oder so lange als dasselbe erscheint, weil oder so lange diese Empfindungen dieselben sind. Aendern sie sich plötzlich, so ändert sich auch das Ich und erscheint als ein Anderes, bis es später mit Rückkehr der normale Sensationen wieder erscheint.“

Daß sich aus diesen Erfahrungen die wichtigsten Schlüsse für die Beurtheilung unseres Seelenwesens und namentlich für das gegenwärtig wieder so viel besprochene Verhältniß von Gehirn und Seele oder Gehirn und Geist ziehen lassen, wird sich Jeder unserer Leser von selbst gesagt haben. Unser seelisches Wesen ist nicht, wie man früher glaubte, an einen einzelnen Punkt des Gehirns geknüpft (Sensorium commune) sondern an die Gesammtmasse desselben und setzt sich gewissermaßen zusammen aus der zu einem einheitlichen Ganzen verbundene Thätigkeit aller einzelnen Hirntheile. Tritt dadurch, daß einer dieser Theile in seiner Verrichtung gestört wird, eine Störung ihres Zusammenwirkens, ihrer einheitlichen Thätigkeit ein, so müssen nothwendig solche Erscheinungen auftreten, wie die oben beschriebenen. Wahrscheinlich giebt es einen im tiefsten Innern des Gesammthirns gelegenen Hirntheil, welcher in Folge seiner anatomischen Lagerung und Faser-Verbindung dazu bestimmt ist, jene Einheit zu vermitteln, oder die Thätigkeit der einzelne Hirntheile unter einander zu verbinden. Dieser Theil wird es denn wohl auch sein, welcher bei der Erscheinung des doppelten Bewußtseins vorzugsweise betheiligt ist. Wäre unser Nervensystem so organisirt, wie dasjenige jener niederen Thiere, welche man in beliebig viele Stücke zerschneiden kann, wobei dann jedes einzelne Stück mit einem besonderen Bewußtsein für sich weiter lebt, so könnte die Theilbarkeit unserer Seele und unseres Bewußtseins (welche so viele Philosophen unter keinen Umständen anerkennen wollen) vor aller Welt durch den Augenschein bekundet werden.

Aber da unser Seelenmechanismus ein kunstvolles, zu einem einheitlichen Ganzen verwobenes Ineinander darstellt, so kann ein einzelner Theil nicht entfernt oder an seiner Thätigkeit gestört

[103]

„Mama, warst du eigentlich eine Junge oder ein Mädchen, als Du klein warst?“
Originalzeichnung von R. Beyschlag.

[104] werden, ohne daß die Thätigkeit des Ganzen nothleidet, gerade so wie auch bei einer Uhr nicht ein einzelner Theil entfernt oder verletzt werden kann, ohne daß der Gang der Uhr aufhört oder gestört wird. Unser Seelenwesen oder unser Ich-Bewußtsein ist also nicht theilbar wie ein Klumpen Blei oder Messing, den man in beliebig viele Stücke zerschneiden kann, ohne seine Eigenschaften zu zerstören oder zu ändern, sondern es ist theilbar wie ein feiner Mechanismus, den man nicht zerschneiden kann, ohne das kunstvolle Ineinandergreifen seiner einzelnen Theile unmöglich zu machen. Nichtsdestoweniger können, wie bekannt, in Folge von Gehirnverletzungen und dadurch erzeugter Mängel der Gehirnsubstanz einzelne Stücke der Seele oder der Erinnerung und des Gedächtnisses verloren gehen, ohne daß dadurch das Ganze als solches erheblich leidet, und der Anatom, welcher das bloßgelegte Gehirn eines Thieres schichtweise mit dem Messer abträgt, er theilt, trennt oder zerlegt gleichzeitig das seelische Wesen oder die seelischen Eigenschaften des Thieres je nach Art, Weise oder Tiefe seines Eingriffs. Aus allem diesem ist leicht ersichtlich, wie verwickelt und schwer zu durchschauen trotz aller Fortschritte der Wissenschaft immer noch die so überaus wichtige Seelenfrage ist, und wie dieselbe nicht durch allgemeine philosophische Betrachtungen, sondern nur auf dem mühsamen und langsam zum Ziele führenden Wege der Beobachtung, der Erfahrung, und der aus dem Boden der Thatsächlichkeit sich aufbauenden Schlüsse gelöst werden kann. Dasselbe gilt freilich von aller wahren und Wahrheit suchenden Wissenschaft und Philosophie überhaupt, welche letztere bisher mehr eine Gefühls-, als eine Verstandes-Philosophie war und mehr auf unbewiesenen Voraussetzungen als auf Thatsachen sich aufbaute. „Es wird nachgerade Zeit,“ sagt du Prel, „daß wir uns daran gewöhnen, der Natur in’s Antlitz zu schauen, statt uns ein idealisirtes Bild von ihr zu entwerfen, wobei unsere Wünsche den Pinsel führen.“





Auf Waltersburg.
Novelle von J. D. J. Temme.
(Fortsetzung.)

Johannes hatte die Zügel des Pferdes genommen und führte den Wagen den Weg entlang, der zwischen Kirche und Pfarre, vom Dorfe abwärts, lief. Neben dem Wagen ging Regine mit den beiden jüngeren Geschwistern, das Schwesterchen an der Hand, und hinter Allen schritt der Vater, auf Alle und auf Alles achtend. Zu ihm gesellte sich der Bauernadvocat.

„Ein schwerer Tag für Sie, Herr Pfarrer!“

Der Pfarrer achtete nicht auf ihn.

„Und ein saurer Weg, Herr Pfarrer!“ fuhr der häßliche Mensch fort. „Sie erlauben doch, daß ich Sie auf einige Schritte begleite?“

„Georg Hausmann,“ antwortete nun der Pfarrer ruhig, aber mit Bestimmtheit, „Euer Weg war immer ein anderer als der meinige. Laßt es auch heute so sein!“

Abermals lachte Georg Hausmann höhnisch.

„Hoho, Herr Pfarrer! Sie haben so Manchem dieser Gemeinde auf seinem letzten Wege das Geleite gegeben, da darf ich ja wohl auch Sie auf Ihrem letzten Gange aus der Pfarre eine Weile begleiten. Ich habe zudem noch ein paar Mittheilungen für Sie, auch für die Pfarrmamsell noch eine.“

Noch einmal suchte der Pfarrer sich des Menschen zu entledigen: „Ich bitte Euch aber, mich und meine Kinder allein unsern Weg machen zu lassen.“

„Die Landstraße ist frei, Herr Pfarrer, und sobald ich fertig bin, sollen Sie von mir befreit werden.“

Der Pfarrer schwieg.

„Herr Pfarrer,“ fragte zunächst der Bauernadvocat. „Sie dürfen mir doch sagen, wohin Sie sich zu wenden gedenken, wo Sie, wenn auch nur vorläufig, eine Zuflucht zu finden hoffen?“

„Wozu die Frage?“ wich der Pfarrer aus.

Georg Hausmann lachte.

„Zu Ihrem Besten, Herr Pfarrer! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Sie zu bekehren, der Bock den Hirten. Wenn Sie versprechen wollen, ein treuer Diener unserer Kirche, also auch der Gemeinde zu sein, so zweifle ich keinen Augenblick, daß diese Sie wieder aufnehmen wird. Geben Sie mir diese Erklärung um Ihrer Kinder willen! Besonders die Kleinen thun mir leid. Wohin wollen, wohin können Sie mit ihnen? Noth und Sorge ist jetzt überall im Lande, und Jeder hat mit sich selbst zu thun. Wohin Sie auch kommen – sollte man auch noch Ihre Noth und Sorge auf sich nehmen? Geben Sie mir die Erklärung, Herr Pfarrer! Ich lege sie noch heute der Gemeinde vor. Die Bauern halten auf Sie, und ich setze Ihre Zurückberufung durch. Sagen Sie mir, wo ich Sie treffe, und ich hole Sie morgen sicher zurück.“

„Georg Hausmann,“ erwiderte der Pfarrer ruhig und entschieden, „gebt Euch keine Mühe! Ich wies Euern Antrag schon einmal zurück, denn von meiner Pflicht kann ich mich nicht entfernen und die Achtung vor mir selbst werde ich mir stets bewahren. Verlaßt uns jetzt! Laßt uns in Frieden ziehen!“

Georg Hausmann gab nicht nach.

„O, Sie verlassen sich wohl darauf, daß wieder andere Zeiten in’s Land kommen werden?“ fragte er bitter; „die Hoffnung können Sie getrost aufgeben. Wir sind die Sieger überall, und in wenigen Tagen sind wir die Herren im ganzen Lande. In dieser Gegend sind wir es schon. Sie haben doch vorhin das Schießen gehört? Sie auch, Mamsellchen? Ach, ich hatte ja für Sie noch etwas Apartes. Sie wissen doch, daß der Freiherr Ottokar da oben eingetroffen ist, mit seinen Husaren?“

Regine erbebte.

„Ja, ja, mein Püppchen! Er ist da, zum Schutze seiner schönen Schwägerin. Sie hatte wohl lange schon Verlangen nach ihm gehabt, und er nach ihr. Da kamen die unruhigen Bauern ihnen Beiden gelegen. Und er hatte ja auch sogleich Gelegenheit, sich ihr als Held, als tapferer Ritter zu zeigen. Sie hörten doch das Schießen da oben? Ich war auch dabei. Unsere Bauern hielten sich brav. Schuß fiel auf Schuß. Die Kugeln flogen hin und her, und wenn auch nicht alle trafen, manche fand doch ihren Mann, und –“

Er brach plötzlich ab.

Der Weg, den sie verfolgten, zog sich durch eine kleine Waldung, und hier wartete ihrer unter den Bäumen eine Ueberraschung. Ein Haufen von Männern und Frauen hatte sich aufgestellt, sie zu empfangen. Es waren Bauersleute aus dem Dorfe, in denen der Pfarrer und seine Kinder den besseren, ruhigeren Theil der Gemeinde erkannten. Sie waren in ihrer Sonntagskleidung und erwarteten in feierlicher Stille die Pfarrersfamilie, um Abschied von ihr zu nehmen. Den Pfarrer ergriff eine tiefe Bewegung bei ihrem Anblicke. Georg Hausmann gerieth einen Augenblick in Verlegenheit, aber seine Frechheit siegte. Er hatte geschwankt, ob er umkehren solle, allein sein Trotz litt es nicht.

„Ah, mein Püppchen,“ unterbrach er sich, „die braven Leute bringen Ihnen ja im Voraus den Balsam auf die Wunde, die ich Ihnen schlagen muß. Gehen Sie zu ihnen! Ich warte hier.“ Er trat zurück.

Die Bauersleute schritten vor; an ihrer Spitze ein Greis, der älteste Mann der Gemeinde.

„Lieber Herr Pfarrer,“ begann er seine Ansprache, „wir sind die getreusten Mitglieder Ihrer Gemeinde. Wir haben Sie immer geliebt und verehrt; denn wir Alle sind Ihnen vielen Dank schuldig. Sie haben uns und unsern Kindern stets das Wort Gottes rein und lauter gelehrt. Sie haben uns getröstet in Drangsal, uns aufgerichtet, wenn schwere Zeit an uns herantrat, uns beigestanden wenn wir in Nöthen waren; darum mußten wir unsern Dank Ihnen darbringen, aber im Dorfe, in der Pfarre konnten wir es nicht; denn die Schlechtigkeit, die jetzt dort die Oberhand hat, hätte es uns verwehrt. Da versammelten wir uns hier, und, lieber, verehrter Herr Pfarrer, nehmen Sie unsern Dank freundlich an und die geringen Gaben, die er Ihnen darbringt! Sie kommen aus gutem Herzen.“

[105] Der Greis schwieg. Er trug eine schwere Rolle in der Hand, die er in die des Pfarrers legen wollte.

Diesem waren Thränen in die Augen getreten; ein leises Zittern durchschauerte ihn – er zog die Hand zurück.

„Nein, nein!“

„Es kommt aus gutem Herzen,“ wiederholte der alte Bauer. „Nehmen Sie es, Herr Pfarrer! Sie haben es hundertfach an uns verdient, und können es in der schweren Zeit gebrauchen, die über Sie hereingebrochen ist.“

Der Pfarrer nahm die Rolle, und der Bauer zog sich zurück, um keine Worte des Dankes zu empfangen und Anderen Platz zu machen, den Frauen. Die Frauen stellten sich in einem Kreise um die Kinder des Pfarrers auf, und Jede überreichte dann jedem einzelnen Kinde eine Gabe, feine Leinewand für Regine, Taschentücher für Johannes, Zeug zu einem Sommeranzuge für den kleinen Knaben, zu Kleidchen für das kleine Mädchen, für Beide Aepfel und Nüsse, die sie noch aus dem Winter aufbewahrt hatten. „Es kommt aus gutem Herzen,“ sagten auch sie dabei, und die Kinder weinten vor Rührung – die Frauen mußten mit ihnen weinen.

„Nun aber fort!“ sagte zu seiner Begleitung der Greis. „Der Herr Pfarrer wird noch einen weiten Weg haben, und der Abend ist nahe.“

Sie nahmen Abschied.

„Nicht für immer, Herr Pfarrer,“ sagte der alte Mann. „So Gott will, nur für kurze Zeit! Aber sollte es auch lange dauern, ehe Sie wieder kommen, Sie wissen immer, wo wir zu finden sind – unser Pfarrer soll niemals Noth leiden.“

Der Greis schüttelte dem Pfarrer die Hand und wandte sich, um mit seiner Begleitung in’s Dorf zurückzukehren. Da gewahrte er den Bauernadvocaten, der zur Seite getreten war. Seine Züge verfinsterten sich und nahmen den Ausdruck der Verachtung an.

„Du elender Bursch!“ rief er ihm zu und machte einen Schritt ihm entgegen. „Du warst Zeuge, wie ein braver Mann geachtet und geehrt wird. An Dir selbst wirst Du erleben, wie man mit Schurken und Bösewichtern umgeht. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich von Dir hörte, daß man Dich an einem Baume aufgeknüpft hat. – Gehen wir jetzt, Ihr Leute, zu unserm armen Dorfe zurück!“

Still kehrten die Bauersleute zurück. Still zog der Pfarrer mit seinen Kindern weiter. Aber zu ihm hatte sich bald wieder Georg Hausmann gesellt.

„Herr Pfarrer, die Landstraße ist frei,“ begann der abscheuliche Mensch mit seiner ganzen Frechheit und Widerwärtigkeit, „sie ist frei für Jedermann, für Sünder und Gerechte, auch für solche, die sich zu den Gerechten zählen. Indessen, Sie sollen in Frieden ziehen. Nur für Ihre Mamsell Tochter habe ich noch ein paar Worte, etwas Apartes, wie ich schon sagte. Hören Sie mir jetzt zu, Mamsellchen! Der Rittmeister, der schöne, tapfere, vornehme Freiherr Ottokar, war da oben angekommen, und seine schöne Schwägerin hatte sich ihn wohl expreß verschrieben – zum Schutze für das Schloß natürlich. Er kam auch sogleich, aber nicht gleich mit seinen Husaren; denn die Dame hatte wohl noch zuerst allein mit ihm zu sprechen. Frauen haben oft Geheimnisse, und ehe ihn seine Husaren nachkommen konnten, waren unsere Bauern am Schlosse, und es kam zum Schießen zwischen den Bauern und den Schloßleuten; der Herr Rittmeister meinte als vornehmer Herr, wenn er sich dem Bauernpack nur zeige, so werde Alles vor ihm davon laufen. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die braven Bauern hielten Stand, und in dem Hin- und Herschießen fiel eine Kugel, die nun Rittmeister und Freiherren, um zärtliche Edelfrauen und Pfarrerstöchter sich nicht genirte. Sie war gut gezielt auf den tapferen Freiherrn, und – leben Sie wohl, Mamsellchen!“

Der Bauernadvocat war damit unter den Bäumen des Wäldchens verschwunden, dessen Ende sie gerade erreicht hatten. Der Pfarrer mußte seine Tochter stützen, die umzusinken drohte.


5. Im Friedenthal.

Unter den Bäumen des Waldes war es schon dunkel; ihre Kronen leuchteten noch im Sonnenglanze. Auch auf der Landstraße, die durch den Wald führte, verflochten die Zweige sich zu einem schützenden Laubdache, schützend gegen den Sonnenschein am hellen Tage, schützend gegen Regen und Schnee, wenn der Himmel mit dunkeln Wolken oder der unendlichen grauen Schneedecke behangen war. Immer tiefer und tiefer kam man unter dem dichten Laubdache in den Wald hinein; immer stiller wurde es rings umher. Kein Laut wurde aus der Ferne, wurde in der Nähe vernommen; kein Rufen oder Zwitschern eines Vogels in den Bäumen; kein Schleichen einer Eidechse aus dem Moose des Bodens. Hörte denn die Welt hier auf?

Der Weg machte eine jähe Biegung und setzte sich dann, breiter werdend, nach rechts in fast schnurgerader Richtung fort. Die Kronen der Bäume zu beiden Seiten verzweigten sich oben nicht mehr, denn die Stämme standen von einander zu weit entfernt. Ueber sich sah man den blauen Himmel, neben sich hohe, steil ansteigende Bergwände: der Weg führte in ein schmales Thal hinein, in dem dieselbe Stille herrschte, die den Wald umfangen hatte. Sie erschien traulicher, heimlicher zwischen den sich fast berührenden Bergwänden als unter den Bäumen des Waldes, dessen Ende das Auge nicht gewahren konnte. Das Thal weitete sich nach einiger Zeit, aber nur allmählich; der Waldcharakter verschwand, und der Weg lief zwischen Wiesengründen hin. Irgend eine Cultur des Bodens durch thätige, schaffende oder nachhelfende Menschenhand war nicht wahrzunehmen, aber plötzlich änderte sich auch das. Ein kleiner Waldbach, der zwischen Gesträuch, Moos und Gestein dem Auge sich verborgen hatte, trat jetzt näher an den Weg heran und durchschnitt ihn quer. Eine kleine Brücke führte über ihn, und jenseits derselben befand man sich in einem Garten mit den schönsten Spalieren, Gruppen von Obstbäumen. Blumenbeeten, Bosquets, Wiesenland und sich schlängelnden Pfaden. Ein Landhaus zeigte in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten seine weiße Façade. Es war einfach gebaut, und über seinen hohen Parterre erhob sich nur ein Stockwerk; es hatte an der Fronte nur drei Fenster. Aber es war frisch und sauber, seine Verhältnisse harmonisch, seine ganze Erscheinung freundlich und anspruchslos; so lag es in ruhiger, friedlicher Abendstille, und die untergehende Sonne goß ihre goldenen Strahlen mild darüber aus.

Welch ein wunderbar schöner Platz zum Ausruhen von den Mühseligkeiten des Lebens in dieser Einsamkeit, in dieser Abgeschiedenheit von der Welt und ihrem Getümmel, ihrem Treiben und ihren Kämpfen! Auch zum Ausruhen für immer, zum Sterben?

Zwei Menschen, die an dem Abend des Tages, von dem wir erzählen, die kleine Brücke hinter sich hatten, an den Spalieren, Bäumen und Beeten vorübergekommen waren und nun aus dem letzten Bosquet hervortraten, sie richteten wohl die Frage nicht an einander, aber jeder an das eigene bange, beklommene Herz.

Der Besitzer des freundlichen, einsamen Landhauses war ein alter Herr; er schien ein Sechsziger zu sein, aber man wußte, daß er schon in der zweiten Hälfte seiner siebenziger Jahre stehe. Er war klein, sehr klein, dürr und verwachsen; der Kopf steckte zwischen den erhöhten Schaltern und lehnte sich hinten an einen Höcker. Aber dieser Kopf war der schönste Kopf eines Greises, den man sehen konnte; er zeigte ein feines Oval; die etwas zurückliegende Stirn war hoch, die Nase ein wenig gebogen. Stirn und Nase in solcher Harmonie bekunden den durchdringenden Verstand, den sicheren, festen Mannesmuth: der erste Napoleon sah bei seinen Generalen darauf. Die Lippen des kleinen alten Herrn waren schmal in seinen alten Tagen, aber sie bezeugten noch heute in ihrer Feinheit den guten Geschmack des Mannes, der wohl zu leben weiß, des Geistes, der bei ernsten Denken den Scherz liebt, Satire und Witz übt, oft auch derben und paradoxen. Gutmüthigkeit zeigten die großen, dunkelblauen, klugen Augen. Die Kleidung des alten Herrn war eine gewählte, die Wäsche glänzend weiß; weiß waren auch die Weste, die Halsbinde, die Hemdskrause, die Manschetten, die bis zu den Wurzeln der langen schmalen Finger hinunterhingen; hellgraue Beinkleider und ein gleicher Hausrock vollendeten den Anzug. Das Haupt war mit einem Käppchen von schwarzem Sammt bedeckt, unter dem wenige schneeweiße Haare hervorschauten.

So lag der kleine alte Herr unter einer Veranda an der Rückseite des Landhauses auf einem Sopha ausgestreckt, behaglich die letzten Strahlen der Abendsonne auf den Spitzen der Berge verfolgend, blaue Wölkchen aus seiner feinduftenden Cigarre zum Himmel hinaus sendend und mit den Augen sie verfolgend. [106] Ein aufgeschlagenes Buch lag neben ihm; er hatte wohl bis vor Kurzem darin gelesen. So ruhte er still in der vollen Stille des Abends, des Thales und des Waldes, der das Thal einschloß.

Vom Eingang des Thales her wurde der Trab von Pferden und das Rollen von Wagenrädern laut. Er horchte auf, nur einen Augenblick.

„Ah!“ sagte er. Er horchte weiter. „Ja, ja! Sie kommen schnell.“

Er nahm ein feines silbernes Glöckchen, das neben ihm auf dem Sopha lag, und ließ es leise ertönen. Ein alter Mann trat an seine Seite, sein Diener.

„Empfange die Herrschaft,“ sagte der alte Herr. „Führe sie –“ er stockte, sann einen Augenblick nach und fuhr dann fort: „Führe sie hierher, wenn sie zu mir kommen können! Sonst rufe mich!“

„Welche Herrschaft erwarten der Herr Doctor?“ fragte der Diener.

„Alter Thomas, Du wirst vergeßlich. Hörten wir nicht Beide die Schüsse da hinten? Die alte Margarethe, der in dieser Einsamkeit nichts entgeht, hatte uns zuerst darauf aufmerksam gemacht.“

„Der Herr Doctor meinen also –?“

„Ja!“

Der Diener ging. Der Doctor legte die Cigarre auf einen Tisch, der vor ihm stand, erhob sich, wie um besser horchen zu können, verließ aber schon in demselben Augenblicke sein Ruhebett, als ob er des Horchens nicht weiter bedürfe.

Da hielt ein Wagen an der Vorderseite des Hauses, und hastig und erschrocken erschien eine alte Dienerin aus der Veranda.

„Herr Doctor, die Herrschaft aus dem Schlosse!“ rief sie. „Der arme Herr – ach, ich weiß nicht, ob er noch lebt.“

„Leben wird er ja wohl noch,“ sagte der Doctor. „Einen Todten bringen sie mir nicht hierher.“

Der alte Diener kehrte mit einem trübseligen Gesicht zurück.

„Der Herr Doctor hatte Recht. Die Herrschaft kann nicht hierher kommen.“

„So gehen wir zu ihr.“

Der Doctor verließ die Veranda; Diener und Dienerin folgten ihm.

Doctor Fabricius war lange Jahre hindurch, seit Menschengedenken, ausübender Arzt in der benachbarten Kreisstadt gewesen und hatte den Ruf eines vorzüglichen Mediciners und wohlwollenden Menschen. Er war unverheirathet geblieben. „Ein Mann mit einem Höcker,“ pflegte er zusagen, „und eine Frau passen nicht zusammen; der Höcker auf dem Rücken könnte einen auf der Stirn nach sich ziehen.“ Er hatte sich trotz seiner Uneigennützigkeit ein beträchtliches Vermögen gesammelt, von dem er in seinen alten Tagen behaglich leben konnte. Für diese Tage hatte er in dem stillen, einsamen Thale einen weiten Platz angekauft; er ließ das freundliche Landhaus darauf bauen und es mit Gartenanlagen umgeben. Seiner Praxis entsagend, zog er dann sich hierher zurück, nur begleitet von den beiden alten Dienern, die über ein Menschenalter lang bei ihm gelebt hatten. Es war ihm ein Bedürfniß geworden, sich von der Welt zu trennen, aber er war kein Menschenhasser geworden. „Ich liebe die Menschen,“ sagte er oft, „und um mir diese Liebe zu bewahren, meide ich sie. Der Greis versteht die Jugend nicht mehr, nicht einmal das reife Mannesalter. Dem Manne gehört die Welt, obwohl die Jugend meint, daß sie ihr gehöre. Beide spotten über die Drohne, die nicht mehr schaffen kann, um nicht aus dem Korbe geworfen zu werden, verläßt sie ihn daher freiwillig. Das erhält die Liebe, die Freundschaft.“

Auf der Pfarre in Waltershausen und auf dem Schlosse Waltersburg war er während seines ganzen Aufenthaltes in der Kreisstadt ein treuer Hausarzt gewesen. Er blieb es auch jetzt, da sein Tusculum dem Schlosse und dem Dorfe noch einmal so nahe lag, wie die Kreisstadt. In beiden Häusern war er ein hochgeehrter Freund, dem kein Familiengeheimniß fremd war, der für Alle die innigste Theilnahme hatte.

Mit der Welt außerhalb seines Thales hatte er keinen Verkehr. Seine Besitzung lieferte ihm den größten Theil seiner Lebensbedürfnisse, und was etwa fehlte, kaufte der alte Diener monatlich einmal in der Stadt ein. Monatlich einmal brachte ihm dieser auch eine Zeitung der Provinz mit. Nicht einmal der Postbote kam in sein Haus; denn eine Correspondenz unterhielt er nicht. Die Nahrung, die sein Geist bedurfte, gewährte ihm, neben einer reichhaltigen Bibliothek, die Beobachtung des mannigfachen, stets wunderbare Lebens der Natur.

Der heutige Tag sollte den Doctor in die Wirren des Weltgetriebes zurückwerfen.

Vor wenigen Tagen hatte der alte Thomas bei seiner letzten Rückkehr aus der Stadt die Zeitungen mitgebracht und dazu allerlei Neuigkeiten, die in der Stadt das Tagesgespräch bildeten. Das Volk war fast überall in den deutschen Landen unruhig geworden und hatte sich gegen Verfassung und Regierung erhoben. In der Stadt waren schon Beispiele der Nachahmung erlebt worden, und die Besseren hatten mit Schrecken den nahenden Umwälzungen entgegengesehen. Der alte Thomas kam mit Jammer und Wehklage zurück; die alte Margarethe hörte es zitternd an, aber in dem Gesichte des Doctors verzog sich beim Anhören der Nachricht keine Miene. Er durchblätterte ruhig seine Zeitungen, und als er sich über die Sachlage näher unterrichtet hatte, sagte er zu dem alten Diener:

„Was wehklagst Du denn? Das Geschwür, das seine bösen Säfte nach innen abzulagern drohte, ergießt sich nach außen. Der Kranke ist gerettet, wenn – Doch das verstehst Du nicht.“

Bei sich selbst fuhr er fort: Die Katastrophe ist noch nicht da, erst die Krisis. Wohin wird sie führen? Bei jeder Action, auch bei denjenigen der Natur, hängt der Ausgang von der Reaction, vielmehr von den Reactionen ab. Halten sie Maß, so ist der Ausgang ein günstiger; es tritt ein normaler Zustand ein. Ueberschreiten sie aber das Maß, so wird der vorige Zustand zurückgerufen; er steigert sich, wird gefährlicher, zuletzt zerstörend. – Und hier? Es handelt sich um eine schwere Krankheit.

„He, Thomas,“ wandte er sich wieder zu seinem Diener. „Glaubst Du, daß der Aufruhr auch bis hierher in meine Besitzung, in mein stilles ‚Friedenthal‘, vordringen könnte?“

„Das wäre wohl unmöglich, Herr Doctor. Die ganze Gegend verehrt Sie ja, fühlt nur Dank für Sie.“

„Hm, Du gläubiger Thomas! In Zeiten, wie diese, werden die Bande der Verehrung und Dankbarkeit zu allererst zerrissen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn – Hm, sprach man in der Stadt nicht von den Bauern in Waltershausen?“

„Herr!“ rief entrüstet der alte Diener. „Gegen wen sollten die denn revoltiren? Die Schloßherrschaft ist die beste von der Welt.“

„Eben darum, Thomas! Aber genug davon!“

„Ja, Herr, man soll den Teufel nicht an die Wand malen.“

„Den Tag aber auch nicht vor dem Abend loben.“

Der Doctor ging in sein Studirzimmer. – –

Zwei Tage waren seitdem in Ruhe vergangen. Am dritten Tage erschienen die beiden Dienstboten mit leichenblassen Gesichtern bei ihrem Herrn.

„Herr Doctor, Sie hatten Recht. In Waltershausen soll es noch heute losgehen.“

„So? Von wem habt Ihr Eure Nachrichten?“

„Der alte Invalide mit dem Stelzfuß ist da. Er fragt, ob er es Ihnen erzählen soll.“

„Ich danke ihm. Ich liebe diese alten Invaliden mit ihren Rathschlägen nicht.“

„Sie geben ihm doch monatlich seine zwei Thaler, Herr Doctor,“ warf die alte Margarethe ein.

„Ja, weil die Regierung ihm nur Einen Thaler giebt.“

„Sie haben also doch Mitleid mit dem armen Menschen.“

„Mitleid?“ sagte der Doctor wieder für sich. Mitleid? Mit dem armen Teufel wohl, aber nicht mit der Gattung von Menschen, welcher er angehört. Haben diese Burschen doch sich dazu hergegeben, Muth zu zeigen und sich zu Krüppeln schießen zu lassen für eine Sache, von der sie nichts verstehen, die sie oft nicht einmal kennen, die sie zumal in jenen Zeiten nicht kannten, als dieser alte Invalide noch jung war. Sie werden belohnt, bezahlt, mit den herkömmlichen Trompetenstößen, die ihre Thaten als Heldenthaten in die Welt hineinposaunen, und außerdem mit dem monatlichen Gnadenthaler. Und sie sind damit zufrieden und fristen ein trauriges Leben. Freilich, was haben sie mehr verdient, für all das Elend, für all den Jammer, den der Krieg, ihr Schlachten und Morden über das Land gebracht haben? Und [107] die Regierung, was kann sie, die all ihr Geld – ihr Geld? – für den Krieg verbraucht, was kann sie denn mehr geben, als den einen Thaler monatlich? O, dieser Invalidenthaler ist das entsetzlichste Zeichen der Zeit, von dem und von der die spätesten Jahrhunderte als Zeichen und Zeit der tiefsten Verkommenheit noch reden werden. – Hier, gebt dem Burschen heute vier Thaler! Er hat mir einmal wieder eine wohlthätige Gemüthsbewegung gemacht. Die ewige Ruhe bringt oder ist eigentlich schon Fäulniß. Er soll mir aber nicht vor die Augen kommen.“

„Wollen der Herr Doctor auch nicht hören, was er erzählt hat?“ fragte die alte Magd.

„Nein!“

„Aber es könnte uns hier nahe angehen.“

„So werde ich es ohnehin erfahren.“

Die alte Margarethe mußte dennoch ihre Neuigkeiten an den Mann bringen. „Die Bauern im Dorfe,“ sagte sie, „sind in voller Revolution. Der Bauernadvocat ist da und hetzt sie gegen die Schloßherrschaft, ja gegen den braven Pfarrer. Es soll Alles fortgejagt werden.“

„Ja, ja! Geht jetzt!“

„Noch heute fortgejagt werden,“ fügte Margarethe noch schnell hinzu. Dann folgte sie dem Diener, der schon gegangen war.


(Schluß folgt.)


Blätter und Blüthen.


Die Jungfernrede des deutschen Kronprinzen. Bei seiner letzten Anwesenheit in dem altehrwürdigen Cöln besuchte der deutsche Kronprinz in Begleitung des Oberbürgermeisters Dr. Becker den bekannten Isabellensaal im Gürzenich. Als der Kronprinz in den Saal eintrat, schaute er sich um, und auf eine Stelle hinweisend, wandte er sich an Dr. Becker mit den Worten:

„Sehen Sie, Herr Oberbürgermeister, an dieser Stelle habe ich einmal im schwersten Sinne des Wortes Blut geschwitzt.“

„Wieso, Kaiserliche Hoheit?“ fragte Dr. Becker, erstaunt darüber, daß ein so hoher Herr gleich anderen Sterblichen auch „Blut schwitzen“ könne, wie man zu sagen pflegt, wenn man sich in einer fürchterlichen Verlegenheit befindet und vergeblich Alles aufbietet, sich aus derselben zu befreien.

In seiner liebenswürdigen, jovialen Weise, die ihn überall so außerordentlich beliebt gemacht hat, erzählte der Kronprinz sodann Folgendes:

„Es war während der ersten Zeit meines Bonner Universitätbesuches, als mir mein Vater einst in einem Briefe unter Anderem schrieb, daß ich zu einer Feierlichkeit in Cöln, welche hier im Isabellensaale stattfinden solle, eingeladen werden würde, und daß ich dieser Einladung würde Folge leisten müssen. Nun kenne ich meinen Vater und weiß, daß, wenn er in einem solchen Tone redet, dies einem Befehle gleich kommt und er keinen Widerspruch duldet. Ich nahm daher, als die Einladung kurz darauf an mich erging, dieselbe an und sagte mein Erscheinen bei dem Feste zu. Es war dies die erste Festlichkeit, welcher ich officiell als Repräsentant meines Hauses beiwohnte, und da ich voraussichtlich als solcher von den Festgebern begrüßt werden würde, so setzte ich mir eine Rede auf, die ich als Antwort aus jene Begrüßung halten wollte. Ich lernte diese Rede auswendig, und bald konnte ich sie zu meiner Freude den Wänden meines Studirzimmers ganz flott und ohne zu stocken vordeclamiren. So vollständig auf die Dinge, die da kommen sollten, gerüstet und vorbereitet, reiste ich am Tage des Festes seelenvergnügt nach Cöln, begab mich zur festgesetzten Stunde in den Isabellensaal und wurde hier mit Herzlichkeit empfangen. Das Fest nahm seinen frohen Verlauf, und als die erwartete feierliche Ansprache an mich vorüber war, erhob ich mich von meinem Platze und begann: ‚Meine Herren!‘ – Aber so ausgezeichnet ich auch vorher meine Rede konnte, so ohne Anstoß ich sie auch kurz vor dem Eintritt in den Isabellensaal mir noch einmal recapitulirt hatte – jetzt, wo ich Aller Augen auf mich gerichtet sah, jetzt konnte ich den Anfang nicht finden. Vergeblich suchte ich mich in der Eile auf denselben zu besinnen – umsonst, umsonst! Der Faden war wie völlig abgeschnitten. ‚Meine Herren!‘ begann ich nochmals, einen neuen Anlauf nehmend, hoffend, daß ich nunmehr den Anfang der Rede treffen würde – eitles Bemühen! Denn auch jetzt wollte sich meine so schön einstudirte Rede vor dem geistigen Auge nicht aufrollen. Und doch hingen Aller Blicke an meinem Munde, meiner Rede erwartungsvoll entgegensehend; Todtenstille herrschte im ganzen Saale. Heiße Angst überfiel mich, dicke Schweißtropfen perlten an meiner Stirn; tausend Gedanken flogen blitzschnell durch mein fieberndes Hirn: sollte ich, ein Hohenzoller, mir das Armuthszeugniß geben müssen, keine freie Rede halten zu können? Ein Armuthszeugniß, mir selbst ausgestellt vor Leuten, die womöglich meine Unterthanen werden würden, wenn – was Gott noch recht lange Zelt hinausschieben möge – ich einst König geworden? Nein, das konnte, das durfte nicht sein, und mit einer Verzweiflung, die nur derjenige kennt, der sich in ähnlicher Lage befunden, erhaschte ich ein Wort, welches, als in der Mitte meiner Rede stehend, mir einfiel, sprach es aus, erinnerte mich jetzt der nächstfolgenden Worte und – ich hatte den Faden meiner Rede. Zwar hatte ich diesen nur von der Mittel an, allein ich wurde jetzt sicher, verflocht gelegentlich die Gedanken des ersten Theiles der Rede mit denen des zweiten Theiles, damit Logik, sowie der richtige Sinn der Rede herauskäme, und schloß dieselbe sodann genau mit den Worten, die ich mir als effectvolle Schlußworte in dem Concepte meiner Rede niedergeschrieben hatte. Wie froh, wie glücklich war ich, als ich mich wieder niedersetzte! Und mit heiterem Sinne, wie ihn nur innere Selbstzufriedenheit zu schaffen vermag, wohnte ich sodann dem Feste bis nahe zum Schlusse bei. Sehen Sie, lieber Herr Oberbürgermeister, das war meine Jungfernrede, und nun glauben Sie bei den dieselbe begleitenden Umständen mir wohl, wenn ich vorhin sagte, daß ich damals Blut geschwitzt habe.“

Und lachend zeigte er Dr. Becker nochmals die Stelle, von welcher aus er damals die Rede gehalten und an der er „Blut geschwitzt“ hatte – letzteres vielleicht zum ersten und letzten Male in seinem Leben, trotz der vielen Schlachten, die er später siegreich schlug und in denen er oft sein Leben den feindlichen Kugeln aussetzte, wo also minder Tapfere als er wiederholt Gelegenheit zum „Blutschwitzen“ gehabt hätten. –

Welcher Redner erinnerte sich bei dieser Erzählung nicht an seine eigene Jungfernrede, bei der er vielleicht, gleichwie der künftige deutsche Kaiser, ebenfalls „Blut geschwitzt“ hat?



Eine Episode aus dem Leben Karl von Holtei’s. Graz hat inmitten der Stadt einen prachtvollen, vom Erzherzog Johann gestifteten Garten. In der botanischen Abtheilung dieses Gartens waren im Sommer des Jahres 1850 fast täglich, Morgens von vier bis fünf Uhr, zwei Hörer der Technik zu sehen, welchen regelmäßig um diese Zeit ein promenirender Herr dadurch auffiel, daß er einen großen Regenschirm in verticaler Richtung auf dem Rücken mit beiden Händen festhielt. Diesem Herrn fielen ebenso die beiden Studenten auf, weil sie so zeitig schon ihren Studien oblagen.

Eines Morgens geht der Herr mit dem Regenschirme auf die beiden Studenten los und redet sie also an: „Guten Morgen, meine Herren! Sie gefallen mir, denn Sie sind fleißige Studenten, und es soll mich freuen, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Wenn ich Ihnen in irgend etwas nützen kann, so besuchen Sie mich!“ Damit überreichte er den Studenten seine Karte und ging seiner Wege.

Auf der Karte stand: Karl von Holtei.“ Die beiden Studenten waren arme Tiroler, die sich in Graz mit Lectiongeben spärlich ihren Unterhalt erkämpften. Unweit des Gartens befand sich ein den Landständen gehöriges Gebäude. In diesem Gebäude waren im ersten Stocke ein Speisewirth, im zweiten eine Speisewirthin etablirt. Die Letztere, eine gutherzige Wittwe, gab gute und billige Kost und, was die Hauptsache war, gerne und viel auf Credit, sodaß sich hierdurch namentlich unbemittelte Studenten magnetisch angezogen fühlten. Darunter litt der Wirth des ersten Stockes von Tag zu Tage mehr, weil fast alle seine Kunden mit der Zeit zur Befriedigung ihres Magens eine Treppe höher stiegen. Der Speisewirth brütete Rache, und es kam ihm höchst erwünscht, daß für seine begünstigte Nebenbuhlerin die Gewerbslicenz dem Ablaufe nahe war. Es gelang ihm, die Wirthin bei den betreffenden Behörden so zu verdächtigen, daß es dieser, trotz aller Versuche, nicht möglich war, eine Erneuerung ihrer Gewerbslicenz zu erreichen.

Eines Mittags wird einer der obenerwähnten Studenten in das Privatgemach der Speisewirthin gerufen, wo ihm diese unter bitteren Thränen mittheilt, daß sie, so leid es ihr thue, von ihm das für langes Borgen rückständige Geld sofort haben müsse, weil man sie zwinge, das Geschäft und Graz zu verlassen. Der Student betheuert, daß er jetzt nicht zahlen könne, und die weinende Frau klagt, daß sie von dem herz- und gewissenlosen Menschen unter ihr in infam verleumderischer Weise um Ehre und Existenz gebracht worden sei und daß sie verzweifle, weil ihr wiederholtes Petitioniren und Klagen vergeblich gewesen wäre.

Da schießt plötzlich dem Studenten eine Idee durch den Kopf, und er ruft: „Gedulden Sie sich noch bis morgen, und klagen Sie nicht mehr, denn ich hoffe, daß Ihnen wird geholfen werden.“ Der Student geht geradeswegs zu Karl von Holtei, schildert diesem schlicht und offen seine und der Wittfrau Lage und betheuert der Letzteren Güte und rechtschaffenen Charakter. Holtei fordert den Studenten auf, ihm die betreffende Frau zu schicken, und versichert, wenn sich die Sache in Wahrheit so verhalte, wie er sage, so werde der Frau geholfen werden. Acht Tage später hatte die Frau eine neue Geschäftslicenz und die hergestellte Ehre, der Student aber erneuerten unbeschränkten Credit.

Seither hängt im Schlafgemache der Frau in vergoldetem Rahmen das Bild Karl von Holtei’s, das alljährlich am Erinnerungstage mit frischen Blumen geschmückt wird.



Für Haus und Geschäft. Wenn gesprochene oder gedruckte Rathschläge überhaupt auf große Massen noch nützlich wirken können, so ist ein kürzlich von Fritz Kalle unter dem Titel „Wirthschaftliche Lehren“ veröffentlichtes Büchlein sicher zu großem und segensreichem Einfluß berufen. Der liberale Industrielle und frühere preußische Landtagsabgeordnete, berühmt auch als der eigentliche Begründer und als emsiger Förderer der „Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung“, bietet mit diesem Werkchen etwas dar, was längst von allen wahren Vaterlandsfreunden für unsere gegenwärtigen Verhältnisse sehnsüchtig herbeigewünscht, aber von manchen Seiten her vergeblich angestrebt wurde. Eine gemein

[108] verständliche, den Laienverstand nicht zurückschreckende, sondern fesselnde Darlegung volkswirthschaftlicher Gesetze und Grundsätze ist eine ganz unabweisbare Nothwendigkeit geworden, aber sie gehört zu den allerschwierigsten und deshalb von Vielen für unlösbar gehaltenen Aufgaben. Herrn Kalle ist es gelungen diese Aufgabe zu lösen, weil er nicht blos auf dem Wege des Studiums eine ausgezeichnete theoretische Bildung und Fachkunde sich erworben hat, sondern weil diese sich in ihm auch mit einer genauen Kenntniß der thatsächlichen Zustände der Arbeiterwelt, mit reicher praktischer Erfahrung und allen Anschauungen und Wünschen eines durchaus human gesinnten Patrioten verbindet. Darum trägt sein Wort das Gepräge der Verstandesschärfe wie der Liebe des Herzens, und darum ist es so faßlich und schlicht und doch so warm, so eindringlich und überzeugend. Unser modernes Gesellschaftsprincip mit seiner rechtlichen Gleichstellung Aller und seinem Streben nach der Unabhängigkeit jedes Einzelnen erscheint auch ihm als das einzig segensreiche und des Menschen würdige, aber es erscheint ihm so nur unter der Voraussetzung, daß Alle auch in der Lage sind, durch Erlangung der unbedingt erforderlichen inneren Kräfte der Erkenntniß und Sittlichkeit von der neuen Freiheit den rechten Gebrauch zu machen und so ihren Rechten gegenüber auch ihre Pflichten in Bezug auf sich selber und auf die Gesammtheit zu erkennen.

Daß auf diesen Punkt jetzt das Bestreben aller Volksfreunde mit rühriger Energie sich richten müsse, das ist in den letzten Jahren oft gesagt, gepredigt, in den ernstesten Mahnrufen auseinandergesetzt worden. Nun sehe man aber, wie der bezeichnete Verfasser aus einer kleinen Anzahl von Bogen die Sache praktisch angreift, um sie endlich einer Verwirklichung näher zu bringen! Von der idealen Gesichtsseite aus, daß fortschreitende geistig-sittliche Hebung und Veredelung die Grundlage und das Ziel alles wahren Gesellschaftslebens sei, gestaltet sich seine kleine Arbeit zu einer anregenden, immer die nächsten Interessen berührenden wirthschaftlichen Belehrung voll goldener Regeln für Jedermann, namentlich aber für den kleinen Geschäftsmann, Handwerker und Arbeiter. Wie vortrefflich sind z. B. die Abschnitte über die Nothwendigkeit des Rechnenkönnens und einer geordneten Buchführung (zu welcher gleichzeitig die Anregung gegeben wird) für Haus, Werkstatt und Geschäft, ferner die Capitel über den wirthschaftlichen Werth der sittlichen Tugenden, der Ehrlichkeit, des Fleißes, der Ordnung etc., sowie über die materiellen Bedingungen eines gedeihlichen Familienlebens! Wahrhaft erhebend werden die Ausführungen, wo Kalle von dem eingerissenen Classenhaß, von den communistischen Träumen und dem socialistischen Agitationswesen, von den wahren Pflichten nicht blos der Arbeiter, sondern auch der ganz besonders hier verantwortlich gemachten Arbeitgeber spricht. Was er in der Volkserziehung erstrebt sehen will, darüber möge man eben seine deutlichen Aeußerungen selbst nachlesen! Ein trauriges Zeichen träger Sorglosigkeit aber wäre es, wenn eine so dankenswerthe Leistung nicht Allen bekannt werden, nicht von Allen mit freudigem Eifer verbreitet werden sollte, denen das Wohl unseres Volkes und die Rettung aus den täglich stärker herausdrohenden Gefahren unseres Gesellschaftswesens am Herzen liegen muß. Der Erlös des Büchleins ist für eine Stiftung der „Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung“ bestimmt, und es wird dasselbe wohl am sichersten durch das Büreau dieses Vereins (Berlin, Matthäikirchstraße 15) zu beziehen sein.


Ueber die Beförderung der Hunde auf den Eisenbahnen. Ein ebenso großer, wie leicht zu beseitigender Mißstand herrscht noch auf den Bahnen beim Transporte von Hunden. Es ist bekannt, daß diese Thiere in die an dem Packwagen befindlichen Hundeställe gebracht werden müssen und hier oft viele Stunden lang Frost oder Hitze, jedenfalls aber eine traurige Einzelhaft zu ertragen haben. Die Hundeställe, welche auch zum Transporte von anderem Vieh verwendet werden und deren Raum äußerst knapp bemessen ist, sind oft nicht einmal hinlänglich ventilirt und meist auch sehr verunreinigt. Jedenfalls nur zu oft bergen sie Krankheitskeime oder sind mit Carbolsäure stark desinfiziert, also mit einem Geruche angefüllt, der für die Nase des Hundes die furchtbarste Marter ist und dessen fortgesetzte Einwirkung dieses Sinneswerkzeug, auf welchem fast allein der materielle Werth eines Hundes beruht, nachhaltig schwächen oder bis zum Grade völliger Unbrauchbarkeit abstumpfen kann. Zu diesen physischen Unannehmlichkeiten, Nachtheilen und Gefahren, mit welchen der Aufenthalt in einem solchen Hundekasten für seinen Insassen verbunden ist, gesellt sich bei diesem noch das trostlose Gefühl des Verlassen- und Gefangenseins, die Angst um das eigene Schicksal und das des verloren geglaubten Herrn, die, durch das Poltern des Zuges und andere Vorkommnisse (z. B. das Passiren von Tunnels etc.) noch gesteigert, sich in den verzweifeltsten, herz- und ohrzerreißenden Klagetönen Luft macht. Also ist die Beseitigung solcher Kasten schon ein dringendes Gebot der Humanität.

Ferner ist es auch für den Eigenthümer des Hundes, wie für das Zugpersonal eine nicht zu unterschätzende Belästigung, daß sie gerade zu der ohnedies kurzen Zeit des Ein- und Umsteigens mit der Unterbringung des Hundes in dem von den Personenwagen entfernten Packwagen aufgehalten werden. Wohl mögen der Bahnverwaltung auch manchmal Unzuträglichkeiten und Unkosten aus ihrer Haltbarkeit für das Thier erwachsen, wenn dasselbe irgend welchen Schaden leidet oder aus seinem Gefängnisse entspringt etc.

Allen diesen Mißständen dürfte leicht abgeholfen sein, wenn bei jedem Zuge wenigstens ein Coupé zweiter Classe sich befände, in welches Hunde mitzunehmen gestattet wäre; eine Tafel mit entsprechender Aufschrift würde dieses Coupé leicht kenntlich machen und verhindern, daß Personen in dasselbe einstiegen, denen die Gegenwart eines Hundes unangenehm ist. Auch für die Bahncasse würde sicherlich kein Schaden aus einer solchen Einrichtung erwachsen, indem alsdann wohl mancher kleine Liebling sein Billet gelöst bekäme, der jetzt, nur um nicht in das grausige Loch zu müssen, versteckt wird und umsonst mitreist.


Elektrische Holzfällung. Ein dünner Metalldraht, der zwischen den Polen eines galvanischen Elementes ausgespannt wurde, geräth bekanntlich, sobald das Element in Thätigkeit gesetzt worden, in ein dauerndes Glühen, und zwar um so sicherer, je dünner er ist, während zum Glühendmachen stärkerer Drähte eben auch stärkere Elemente erforderlich sind. Der Physiker Dr. Robinson in New-York fand nun vor zwei Jahren, daß man mit einem derartig in Dauergluth erhaltenen Platindraht Holz in ähnlicher Weise durchschneiden könne, wie die Seifensieder mit einem kalten Drahte ihr Product in kleine Stücke zerschneiden. Es geht zwar nicht ganz so leicht, wie bei der Seife, aber jedenfalls leichter als mit der Säge, und dabei giebt es keine Spähne, sondern nur eine leicht angekohlte Fläche, welche der Dauerhaftigkeit des so zerschnittenen Holzes entschieden günstig ist. Dieses Verfahren ist neuerdings von den Herren H. S. Parkinson und W. H. Martin in Bombay im Großen zum Fällen der Bäume angewendet worden, indem man die Stämme mit dem glühenden Drahte bis auf ein Fünftel ihres Umfangs durchschnitt und dann auf gewöhnliche Weise zum Umfallen brachte. Dabei soll ein Baum, dessen Fällung in althergebrachter Weise zwei Stunden Zeit erfordert, schon in einer Viertelstunde niedergelegt werden, wobei es keine Holzverluste giebt, was bei werthvolleren Hölzern auch Beachtung verdient. Aber die Methode hat auch ihren Haken, der darin besteht, daß selbst dickere Platindrähte die Verwendung nicht allzu oft gestatten, sondern bald reißen. Es wird sich mithin darum handeln, Drähte von einem zäheren und vielleicht billigeren Metalle ausfindig zu machen.


Keine Prämien zur „Gartenlaube“! Wiederholt müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die „Gartenlaube“ sich des Zugmittels von Prämien weder jemals bedient hat noch augenblicklich bedient und daß, wenn solche von größeren Colportage-Handlungen zu Vertriebszwecken unseres Blattes beigegeben werden, dies völlig ohne unser Dazuthun geschieht.


Berichtigung. In einem kleinen Theile der Auflage unserer Nr. 5 ist in der Unterschrift zu dem Bilde des zweiten Bogens wie auch in dem erklärenden Texte dazu „Großfürst – Thronfolger“ statt „Großfürst Nikolaus“ irrthümlich gedruckt worden, wovon wir Notiz zu nehmen bitten.


Kleiner Briefkasten.

D. M. in Hückeswagen. Gegen den Verkäufer, respective den Fabrikanten, der Ihnen die gesundheitsschädlichen Geschirre verkauft hat, in welchen Sie angeblich fünfzehn Procent Bleigehalt gefunden haben, können Sie in keinerlei Weise vorgehen. Ein deutsches Reichsgesetz bezüglich der Controle industrieller Gesundheitssünden giebt es leider noch nicht, und ist es einzig und allein in die Hand des Publicums gegeben, sich vor Schaden dadurch zu schützen, daß man sich nur an solche Händler wendet, welche durch glaubwürdige Nachweise die Garantie des Verkaufes gesundheitsgemäßer Utensilien bieten.


Nachträglicher Dank.

Es sind mir bei Gelegenheit des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums der „Gartenlaube“ so viele Zeichen der Sympathie zugegangen, daß ich in hohem Grade dadurch überrascht und fast beschämt worden bin. Weiß ich auch, daß diese freundlichen Aufmerksamkeiten mehr der Sache als der Person galten, so dürfen doch alle die lieben Grüßer in Prosa und Versen, die Spender sinnreicher Geschenke und duftiger Gaben, die Unterzeichner von Glückwunschadressen städtischer Behörden und anderer Corporationen überzeugt sein, daß sie mir persönlich eine unendlich wohlthuende Freude bereitet haben durch die der „Gartenlaube“ damit bewiesene Anhänglichkeit und Theilnahme. Jede einzelne dieser liebenswürdigen Zuschriften zu beantworten, erlaubt mir leider meine knapp zugemessene Zeit nicht. Alle aber, die dieses Tages freundlichst gedacht, wollen sich versichert halten, daß ich vollkommen den Werth der Ermunterung zu schätzen weiß, welcher meinem Streben für ein immer würdiges und befriedigendes Leisten der „Gartenlaube“ durch einen so warmen Ausdruck treuer Liebe bereitet worden ist.

Glück auf also für ein freudiges Wirken, so weit und so lange uns die nöthige Kraft dazu beschieden ist!

     Leipzig, Ende Januar 1878.

Ernst Keil.