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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1878) 585.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[585]
Gratiana.
Eine Harzgeschichte von E. Vely.


„Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen.
Bäche rauschen, Vögel singen
Und die stolzen Wolken jagen.“
     Heine

Der schwerfällige Postwagen hielt mit einem ächzenden Ruck vor dem Wirthshause zum „Weißen Roß“ still; der Postillon hatte noch nicht einen Fuß auf die Erde gesetzt, als schon sämmtliche Passagiere drunten standen. Vier frische Jünglingsgestalten wandten sich schnell der Wirthshausthür zu; ein Herr, ganz in Grau gekleidet, blieb zweifelnd stehen und blickte zu den Bergen empor und die lange, theilweise nur an einer Seite mit Häusern besetzte Straße entlang. Der Wirth hatte dem „Schwager“ schon auf der Thürschwelle ein Gläschen Branntwein credenzt. „’S ist ein frischer Morgen, und auf den Bergen findet Ihr noch Nebel,“ sagte er.

„Das will ich meinen; es wird schon Herbst,“ nickte der Andere, ehe er das Glas ansetzte und dessen Inhalt auf einmal hinuntergoß.

Der Wirth zeigte mit dem Daumen über die Schulter:

„Akademiker, hm?“

„Ja, so etwas! Lustige Burschen; haben den ganzen Weg her gesungen.“

„Wird dem da nicht angenehm gewesen sein,“ lachte der Besitzer des „Weißen Rosses“ und zeigte auf den Grauen, „der sieht ja mit einem Gesichte drein, wie zehn Tage Regenwetter.“

„Schwager!“ rief es von drinnen, „ein Glas Bier!“

„Lustige Burschen!“ wiederholte der Gerufene und verschwand schmunzelnd.

Der Wirth blickte nach eine Weile wie musternd auf den Fremden nieder, dann stieg er würdevoll die drei Stufen herab und trat neben ihn.

„Belieben der Herr nicht eine kleine Stärkung?“ fragte er, seine Mütze ziehend.

„Nein!“

„Der Herr wundert sich, wie alle Fremden, über unser langes Dorf – nicht wahr? Ja, das sieht aus, als ob es gar kein Ende nehmen wollte.“

„Es heißt?“ fragte der Graue.

„Lerrbach, mein Herr; es ist der Ort, von welchem man gefaselt, daß alle Leute daselbst einen Kropf hätten. Aber wenn Sie sich überzeugen wollen, so sehen Sie nur –“

Ein Lächeln flog über das Gesicht des Fremden.

„Mich an –, wollen Sie sagen, Herr Wirth!“

„Ich bin ein geborener Lerrbacher,“ entgegnete er, als habe der Andere ihm eine Schmeichelei gesagt. „Aber ich bin auch schon in der Welt herumgekommen; ich war in Braunschweig in meinen jungen Jahren. – Der Herr will nach Clausthal?“

„Ja, und ich möchte am liebsten zu Fuße von hier gehen!“

„Das können der Herr. Sie brauchen nur auf der Landstraße hin zu gehen; kommen schneller, als mit dem Wagen. Es giebt zwar noch Richtwege, aber die findet der Herr nicht, und es ist auch zu feucht; also immer der Straße nach. Und beim Weghause die Aussicht beachten; wenn’s klar ist bis dahin, sehen Sie auch den Brocken.“

„Ich danke,“ sagte der Graue und lüftete seinen Hut.

„Bitte – und wenn Sie zurückkommen, kehren Sie vielleicht im ‚Weißen Roß‘ ein.“

„Ich will mich seiner erinnern; es hat ein vortreffliches Schild. Guten Morgen!“

„Sonderbar!“ murmelte der behäbige Wirth und schaute dem Davonschreitenden nach. „Sonderbarer Passagier, Andres,“ wiederholte er, als der Postillon heraustrat, „Ihr seid ihn jetzt los.“

Andres klappte mit der Peitsche. „Wird denen drinnen noch lieber sein als mir. Aber jetzt wird’s Zeit; ich muß zehn Minuten einholen, die wir hier zu lange gehalten, und das ist schwer bei dem immerwährenden Bergauffahren. Bis zum Nachmittag, Adjes!“

Die flinken, lustigen Passagiere nahmen ihre Plätze ein. Andres stieß in’s Horn, das einen ohrenzerreißenden Mißton gab, und schwerfällig setzte sich der Wagen wieder in Bewegung.

Der Fußgänger war auf der sich schlangengleich um den Berg windenden Landstraße schon weit voran. Bei jeder Biegung erschien das lang hingestreckte Dorf wieder; zur rechten erhob sich eine steile Bergwand, dicht mit dunklen Fichten besetzt; links am Abhange hinunter stand noch Laubholz. Je höher der Wanderer stieg, desto mehr schwand jedoch das frische, freundliche Grün der Buchen; bald dehnten sich zu beiden Seiten die ernsten Tannenwälder aus und verliehen der Landschaft einen strengen Charakter. Er schritt jetzt durch den sinkenden Nebel, der an den Bäumen sich zertheilte, wunderliche Gestalten bildend. Nichts rührte sich; kein Vogel flatterte auf; kein Gethier huschte über den Weg; ein seltsames Gefühl überkam ihn. Er blieb stehen und stützte sich auf seinen Stock. Seine dunkelblonden, etwas krausen Haare hingen feucht an den Schläfen herunter; er strich sie zurück, [586] fuhr darauf mit dem Tuche über den Vollbart, wischte über die braunen Augen und stieß dann plötzlich einen erleichternden Seufzer aus.

„In der Freiheit also!“ sagte er mit wohlklingender Stimme und seine Augen leuchteten dabei auf; „es ist mir, als bliebe aller Zwang dort zurück in der Tiefe, als habe ich alle Sorgen abgeschüttelt. Eine neue Welt, in die ich trete, frisch und fröhlich, unbesorgt, wie der wandernde Bursche, der keine Ahnung hat, unter welches gastliche Dach er zur Nacht sein Haupt betten wird.“

Ein heller Schein brach durch die Nebelschicht. „Guten Morgen, Frau Sonne! Heißest Du mich hier auf der Berghöhe willkommen?“ lachte er und schwenkte seinen Hut. „Ah, das thut wohl. Nun wollen wir den Vater Brocken suchen, wenn er anders nicht so tückisch ist, noch in der Neppelkappe zu stecken. Dort oben bei der Lichtung muß der Aussichtspunkt sein, von dem das ‚Weiße Roß‘ geredet.“

Er erstieg vollends die Höhe, schritt an dem Weghause vorüber und blickte forschend um sich. Aber nichts zeigte sich seinen Blicken nach der Tiefe zu, als die wallenden und fallenden Nebel.

„Schon recht,“ sprach er wieder halblaut vor sich hin; „zurück, was grau und düster ist! Ich will denken, daß ich hellen Tagen, ruhigen Stunden hier auf der Berghöhe entgegen gehe.“

„Glück auf!“ klang es neben ihm, und zur Seite schauend, gewahrte er eine schlanke weibliche Gestalt.

Dieser unvermuthete Gruß war ihm in dem Augenblicke wie eine Verheißung für seine eben lautgewordenen Wünsche.

„Glück?“ sagte er, ohne den Gruß, wie es üblich, zu wiederholen, „sage mir, Kind, werde ich das Glück noch jemals finden?“

Zwei tiefblaue Augen sahen ihn so groß und staunend an, daß er fast verwirrt eine Secunde seine Blicke senkte; dann setzte er, sich erinnernd, daß seine Frage etwas seltsam geklungen haben mochte, wie erläuternd hinzu:

„Ich bin fremd und suche von hier den Brocken zu entdecken.“

„Der steckt im Nebel,“ erwiderte das Mädchen und deutete mit ausgestreckter Hand nach der Richtung, in welcher der höchste Berg des Harzes liegt.

Der Fremde musterte im Fluge ihre Erscheinung; dieselbe hatte etwas Eigenartiges, das ihn interressirte. Unter dem dreieckigen schwarzen Kopftuch, das im Nacken geknüpft war, schimmerte nur eine Strähne rabenschwarzen glänzenden Haares hervor; die Gesichtsfarbe des Mädchens war blendend weiß und wurde durch schwarze Augenbrauen und Wimpern gehoben; die feine Nase und die Linien des Mundes deuteten auf Eigensinn und Stolz. Die Gestalt war schlank und geschmeidig.

„Ich kann nicht irren hier auf dem Wege nach Clausthal?“ fragte der Graue weiter.

„Nein, wenn Sie der Landstraße nachgehen; überdies finden Sie Wegweiser und dort“ – sie zeigte rückwärts – „kommt die Post; der brauchen Sie nur zu folgen.“

Eben bog der schwere Wagen um die Ecke; zwei Köpfe schauten aus dem Fenster, fuhren zurück, und dann erschienen die vier lachenden Gesichter der Insassen und blickten belustigt auf den ehemaligen Reisegefährten hinunter. Jetzt gewahrten sie auch das Mädchen, und sich noch weiter hinausbiegend, warfen sie demselben unter Scherzreden unzählige Kußhände zu.

„Uebermuth – -!“ begann der Graue und stockte dann, als er sah, daß dunkle Gluth in die Wangen des Mädchens stieg und daß sie sich mit einer Miene der Verachtung umdrehte, ihr Tuch fester um das Gesicht zog und sich auf’s Neue zum Gehen anschickte.

„Sind Sie erzürnt über die jungen Burschen?“

„Nein.“

„Sie wollen nach der Stadt zurück, vermuthe ich; darf ich den Weg mit Ihnen machen?“

„Ich bin gewohnt allein zu gehen.“ Damit hatte sie sich blitzschnell gedreht und war in der Waldung zur Linken verschwunden. Der Fremde starrte auf die hinter ihr zusammenschlagenden Fichtenzweige, kniff die Lippen fest zusammen, lachte dann und sagte im Weitergehen:

„Das erste Abenteuer! Ein hübsches Mädchen übrigens; ich bin doch neugierig, ob sie den Durchschnitt der hiesigen Schönen darstellt – das spräche für den Menschenschlag. Eigensinn und Eigenwille gehört mit zu den Charakterzügen des Harzers, das ist bekannt. Sie sollen Köpfe haben, so hart wie das Erz ihrer Berge c nun, das war ja eben eine kleine Probe. Wie gut sie dieser Stolz kleidete und wie sie kurz angebunden war … haha,“ unterbrach er sich dann selber, „Heine und Goethe wirbeln mir angesichts des Brockens im Kopfe herum – ganz natürlich! Dort sind die ersten Häuser; soll mich wundern, welche von den ‚frommen Hütten‘ mir ein Obdach gewähren wird!“

Aber er hatte sich getäuscht; er mußte, obwohl er das Bergstädtchen da auf der kahlen Hochebene mit seiner nur mäßighohen, kupfergedeckten Kirche fast greifbar vor sich liegen sah, noch ziemlich weit gehen, ehe er die ersten Häuser erreicht hatte. Dieselben machten einen düsteren Eindruck; sie waren zum Theil mit Holzschindeln an Dach, Façade und Seitenwänden bekleidet, während andere blauschwarzen Schiefer wie eine Art Schuppenpanzer trugen; sämmtlich niedrig, lagen sie verstreut hier und dort an den bergauf- und bergabführenden Straßen. Erst dem Marktplatze zu, der groß und geräumig sich um die Kirche ausdehnt, gewannen die Straßen etwas mehr an Regelmäßigkeit. Glockengeläute ertönte vom Thurm; es bezeichnete alter Sitte gemäß eine neue Einfahrt der Bergleute in den Schooß der Erde.

Langsam schritt der Ankömmling eine steile Straße hinab, ohne Zweck und Ziel sich dem Zufall überlassend.

„Glück auf! Glück auf!“ tönte ihm der Gruß zweier schwarzgekleideter Bergmannsgestalten entgegen, die, von ihrem schweren Tagewerke zurückkehrend, dem heimischen Herde zuschritten.

„Glück auf!“ wiederholte er ihren Gruß und sah den bleichen Männern nach, deren feuchte und schmutzige Kleidung von ihrem unterirdischen Aufenthalt redete.

An jedem der kleinen schwarzen Häuser schaute er hinauf, forschend, als suche er altbekannte Gesichter und Gestalten hinter den kleinen blinkenden Fensterscheiben. So kam er hinab bis zum andern Ende des Ortes, wo die Häuser wiederum nur einzeln standen; winzige Gärten schlossen sich an ihre Rückseite. Als er das letzte erreicht hatte, blieb er stehen und lehnte sich gegen einen verkümmerten Walnußbaum. Es war still ringsum, nur aus der Ferne tönte von dem einen Grubenwerke herüber der Klang des gläsernen Glöckchens, dessen unaufhörliches Bimbim anzeigt, daß an dem Gewerke Alles in Ordnung ist.

Vor dem kleinen Hause stand ein lederner Lehnstuhl, weitarmig und weitbeinig, auf dem Fußschemel saß ein weißes Kätzchen und sonnte sich. An den drei Fenstern zu ebener Erde und den vier kleinen im oberen Stock sah man sorglich gepflegte Blumen; das machte einen freundlichen Eindruck neben dem dunklen Schieferblau der Bekleidung.

„Ob das eine Stätte des Friedens ist?“ flüsterte der Fremde vor sich hin. „Es ist ein Haus, in welchem Heine’s ‚Harzidylle‘ gespielt haben könnte.“

Schlürfende Schritte wurden auf dem Hausflur hörbar; dann schob sich die Thür etwas weiter auf und eine alte, gebückte Frau erschien in derselben. Sie stützte sich eine Secunde gegen den Pfosten und erreichte dann den Lehnstuhl, in welchem sie sich niederließ. Die Katze drängte sich schmeichelnd an ihre Füße, und sie strich ihr liebkosend über de gebogenen Rücken. Dann nestelte sie langsam aus dem seitwärts stehenden Korbe ein grobwollenes Strickzeug schob die Hornbrille auf die Nase und begann eine Stricknadel nach der anderen durch die knöchenen Finger gleiten zu lassen.

Lange Zeit gewahrte sie den Fremden nicht, als aber die Katze nach dem Garn haschte und sie aufsehen mußte, fiel ihr staunender Blick auf die graue Gestalt. Eilig schob sie die großglasige Brille hin und her, als könnte sie sich dadurch über den ungewohnten Zuschauer orientiren. Der Fremde kam ihrer Neugier zu Hülfe, indem er zu ihr herantrat und ihr freundlich „Guten Morgen!“ bot.

„Ja, ein guter Morgen,“ erwiderte sie mit einem Lächeln, das ihre welken Züge wunderlich verjüngt erscheinen ließ, „so ein echter Gottesmorgen, wo man in der Sonne sitzen kann; das thut gut für meinen alten Rücken. Wenn man siebenundsiebenzig Jahre auf der Welt ist, Herr, und noch rüstig blieb und gesund, ob auch die Füße nicht mehr ganz mitwollen, so dankt man Dem dort oben für Alles, was man noch genießen kann. Ihr kennt das nicht; Ihr seid ein Kind gegen mich.“

[587] „Es ist schön hier,“ sagte der Fremde, „so friedlich und weltabgeschieden,“ und dabei hob er ihr das entfallene Garn auf. Sie hatte für diese Galanterie kein Verständniß, nahm es aus seiner Hand und ließ es in den Korb gleiten, ohne zu danken.

„Friedlich, ja, wenn man Frieden in der eigenen Brust hat – und den habe ich, Herr.“

„Ich wollte, Großmutter, denn das seid Ihr gewiß und deshalb darf ich Euch auch so nennen, ich könnte hier bei Euch bleiben und Euch Gesellschaft leisten in solch einsamen Morgenstunden.“

Sie fixirte ihn scharf, legte das Strickzeug hin und erwiderte:

„Ja, warum könnte das nicht sein? Ihr nehmt das obere Zimmer, das seit Jahren leer ist – wenn Ihr das wollt.“

Er blickte freudig überrascht auf, „Ihr wollt mich als Miethsmann, Großmutter? Topp, sage ich, es gilt.“

„Wenn ich’s sage, ist’s Ernst. Mein Sohn hätte zwar ein Wort mit drein zu reden, aber er thut’s nicht; wenn ich etwas gut finde, so ist er’s zufrieden. Und für das Kind ist jede Ersparniß ein Segen; die Zeiten sind jetzt schlecht. Wollt Ihr gleich dableiben?“

„So ohne Sack und Pack, Großmutter?“ lachte er. „Wie harmlos und gutdenkend man hier noch ist! Ich muß mir mein Hab und Gut selber auf der Post einfordern.“

„Thut’s,“ versetzte sie, weiterstrickend, „und seht, dort ist mein Sohn, der Gottlieb.“

Ein etwas gebückt gehender Mann kam näher, nahm die kurze Pfeife aus dem Munde, die Mütze vom weißen Haupte und grüßte.

„Wen ich hier habe, Gottlieb, räthst Du nicht – einen Miethsmann für das obere Stübchen neben Deinem. Wir sind eins geworden; es gefällt ihm hier.“

Der Ankommende blickte nicht einmal verwundert. „Was Ihr thut, Mutter, ist immer recht. Es ist aber rauh und kalt bei uns, Herr, und einsam für Leute, die aus dem Lande kommen.“

„Sage mir nichts gegen den Harz, Gottlieb! Du bist doch ein echter Harzer und hast Deine Heimath lieb.“

„Ob ich’s bin!“ versetzte der Alte; „was mir nur leid thut, ist, daß ich habe Schicht machen müssen. Aber wenn der Sinn auch noch wollte, die Hand zittert schon lange, und der Fuß ist nicht mehr sicher und die Augen, ja, es fehlt an allem, was ein tüchtiger Bergmann braucht.“

„Setzt Euch dahin!“ sagte die Großmutter, vertraulich ihren neuen Miethsmann am Aermel zupfend, „ich gehe hinein.“

„Sie waren Bergmann?“ fragte der Graue und ließ sich gehorsam auf dem Sitze der alten Frau nieder.

„Viele Jahre – unsere Vorväter und Väter waren’s, und wir kannten das nicht besser und wollten’s auch nicht anders haben. Wir sind dazu geboren und von Gott hier auf die Berge gesetzt, um aus ihrer Tiefe das heraufzuholen, was er dort versteckt hat. Es ist, damit der Mensch fleißig sein soll, daß er nicht alles oben auf der Erde findet – es ist weislich eingerichtet.“

„Und Eure Söhne werden, was die Eltern waren – ist’s nicht so, Freund?“

Ein Seufzer entfloh den Lippen des greisen Mannes, und er schüttelte traurig den Kopf.

„Doch wohl nicht, Herr! Die Zeiten sind anders. Der Bergbau wird zurückgehen. Warum? Nun, das erzähle ich Euch wohl noch ein andermal, wenn ich Euch hinausgeführt habe an die Gruben und Ihr einen Begriff bekommen habt von dem Leben und Treiben der Bergleute. Es hat noch seine Eigenthümlichkeiten bei uns von Alters her, und die sind schön, und wir ehren sie, weil unsere Väter es thaten. Wenn ich einmal die Augen schließe, hinterlasse ich keinen Sohn, der mit meinem Werkzeuge einfährt.“ Er klopfte seine Pfeife an der Mauer aus und setzte dann noch hinzu: „Aber es thut mir nicht mehr weh, daß er vor mir ging, weil die Welt anders wird.“

„Man sagt,“ fiel der Fremde ein, „daß Ihr Harzer ein ganz besonderes Völkchen seid, bieder und brav, hart und doch stets lustig.“

„Ja, ja,“ schmunzelte der Alte, „man kann uns nichts Schlechtes draußen im Lande nachsagen. Seht, täglich umgeben uns die Gefahren; es steigt Niemand hinab in die Erde, ohne Gott seine Seele zu empfehlen! – denn vielleicht ist’s ihm bestimmt, nie mehr das Tageslicht zu erblicken. Ist er aber wieder droben, dann wirft er alle Sorgen hinter sich und ist lustig, und darin liegt auch eine Dankbezeugung gegen Den, welcher ihm das Leben erhielt. Im Lande haben sie uns auch stets gern gehabt, namentlich die Regierung. Nun, das hat sich auch ändern müssen, wie das oft so in der Welt ist. Wir haben von Alters her ein Sprüchwort über die im Lande und die Harzer, das sagt: ‚In dem Land die Ehre winkt, aus dem Harz der Thaler klingt‘ – aber das wird bald seine Bedeutung verlieren.“

„Vater,“ sagte da plötzlich eine weiche Stimme hinter dem Redenden, „der Ohm zu Buntenbock läßt Euch – –“ aber dann stockte dieselbe, denn der Alte war zur Seite getreten und gab so den Blick auf seinen Gast frei, und sie standen einander staunend Auge in Auge gegenüber, der Fremde und das schwarzhaarige Mädchen, welches ihm droben aus der Höhe so kurz geantwortet.

„Meine Tochter, Herr, ein gutes Kind!“

Der Fremde zog fast ehrerbietig den Hut; das blauäugige Mädchen nickte dankend; keins von Beiden erwähnte etwas von der früheren Begegnung.

„Wie sieht’s dort aus?“ fragte der Bergmann.

„Schlecht, Vater, der Ohm will Euch sehen, denn –“

„’S wird bald Schicht mit ihm sein,“ sagte er halb fragend, halb gewiß. „Ja, ja – will den Weg nicht lange aufschieben; wer weiß, wie viel Zeit ich noch habe.“

„Ich gehe zur Großmutter, Vater,“ sagte das Mädchen und ging.

Des Alten Pfeife dampfte stärker, und er versank in stille Träumerei. Der Fremde störte ihn nicht; die Aufmerksamkeit desselben war sichtlich abgelenkt, und er neigte das Haupt wie in’s Innere des Hauses lauschend. Nach einer Weile erhob er sich, „weil er das Grundstück ansehen wolle“, und schritt um das Häuschen herum, vergnügt vor sich hinlächelnd.

Hinter dem Hause lag das Gärtchen, hoch gegen den Berg hingestreckt, eine schmale Steintreppe führte aus dem engen Hofraume hinaus, und hatte man die erstiegen, so war man in gleicher Höhe mit dem oberen Stocke des kleinen Bergmannshauses. Herbstgewächse standen dort oben; nur ein ganz winziges Beet war der Anpflanzung von Blumen überlassen; ein Bündel Georginenstauden erhob sich daraus und streckte seine halbverwelkten Blumen stolz empor, und bescheidene Reseda bedeckte den Boden. Zu letzterer hatte sich das schöne Mädchen herabgebeugt, um zu pflücken. Sie vernahm den Schritt des Kommenden nicht, und so blieb ihm Muße, sie ungestört in ihrer graziösen Stellung zu betrachten. Sie hatte das schwarze, unkleidsame Tuch vom Kopfe genommen und zeigte dadurch den Reichthum der glänzend schwarzen Flechten, welche sie wie einen Kranz um das Haupt gelegt trug. Ihr Anzug bestand aus einem dunkelwollenen Kleide der einfachsten Art: eine blaue Leinenschürze schützte dasselbe bei den häuslichen Geschäften. Die Füße steckten in groben Schuhen, aber bereits auf der Höhe hatte der Fremde bemerkt, daß diese Füße außerordentlich klein waren im Verhältniß zu ihrer hohen, schlanken Gestalt.

„Wird es ein Strauß für die Großmutter?“ fragte der neue Miethsmann.

Ohne zu erschrecken, schaute das Mädchen empor, maß ihn ruhig mit den kalten, blauen Augen und erwiderte ebenso:

„Nein.“

„Und darf man nicht erfahren, für wen Sie sich Ihrer letzten Lieblinge berauben?“

Eine kleine Falte zeigte sich zwischen den schöngeschwungenen Brauen des Mädchens, aber sie entgegnete doch:

„Für den Besuch, welchen die Großmutter erwartet.“

Er lächelte, indem er sagte:

„So soll er zum Willkommen auf dem oberen Zimmer stehen?“

Erstaunt sah sie auf.

„Ja.“

„Dann – dann,“ er dehnte seine Worte seltsam, „ist er für mich.“

„Für Sie?“

Er weidete sich eine Secunde lang an ihrer Verwunderung, ehe er hinzusetzte: „Noch heute räumt mir die Großmutter das Stübchen ein – aber womit habe ich das böse Gesicht verdient? Bin ich Ihnen unwillkommen?“

[588] Ein stolzer Zug flog um ihren Mund, und eine herbe Verachtung lag in dem Tone, in welchem sie erwiderte:

„Es ist mir Alles unwillkommen was von draußen aus der Welt kommt in die Abgeschlossenheit unserer Berge und unseres stillen Lebens.“

Das war eine wunderliche Sprache aus dem Munde eines Bergmannskindes, ein scharfer Contrast zu der Einfachheit, die sie umgab, und zu der frommen Einfalt der Leute, welche sie ihre Angehörigen nannte.

„Das sind strenge Ansichten – vielleicht auch ungerechte.“

Sie schüttelte halb verneinend das Haupt und schien gehen zu wollen, aber wie einige Stunden früher, so stand ihr der Fremde auch jetzt im Wege.

„Wir werden Hausgenossen, und es ist nicht mehr als schicklich, daß Sie und die Ihrigen wissen, wen man unter dem gastlichen Dache aufgenommen – ich bin ein simpler Professor, komme aus B. und nenne mich Ehrenfried Winter.“

Wie gleichgültig die Miene war, mit der sie ihm zuhörte! Das Mädchen schien nur auf den Augenblick zu warten, in welchem er ihr den Weg freigab.

In seinem Wesen lag etwas Kampfbereites, das er der stolzen Gleichgültigkeit dieses Kindes der Berge entgegensetzte.

„Sie schulden mir nun die Nennung Ihres Namens! Wie ruft man Sie?“

Mit einer schnellen Bewegung warf sie den dunklen Kopf zurück: „Gratiana!“ Dann war sie an ihm vorüber eilends die Steinstufen hinabgeschlüpft und im Hause verschwunden.

Der Professor faßte nach seiner Stirn und rieb sie, als müsse ihm dadurch Klarheit in seine Gedanken kommen. „Gratiana,“ wiederholte er, blieb noch eine Weile sinnend stehen und blickte auf die duftenden Resedablüthen nieder. Endlich stieg er langsam die Steinstufen hinunter.




Länger als eine Woche beherbergte das letzte Haus des Bergstädtchens den Professor aus B. in seinen bescheidenen Räumen. Er schien sich in dem stillen Winkel so wohl zu befinden, als habe er nie ein anderes Leben gekannt. Seit seiner Ankunft hatte er die Straßen der kleinen Stadt noch nicht wieder durchschritten; er machte lange Spaziergänge hinaus in’s Freie, brachte die übrige Zeit bei seinen Büchern und die Abende häufig neben dem Lehnstuhl der alten Großmutter zu. Beim schwachen Scheine des Oellämpchens lauschte er ihrem Geplauder, oft so eifrig, als docire sie ihm wunderbar Neues und Gelehrsames; der Bergmann rauchte dazu behaglich seine Pfeife und streute dann und wann etwas mit ein, einen uralten Vers, Weisheits- und Lebensregeln, oder er erzählte von bösen Wettern und Bergmannsabenteuern. Selten ergänzte das schöne, kalte Mädchen die kleine Tafelrunde – dann hatte sie ein Strickzeug in den flinken Händen, das schnell in denselben wuchs; sie fertigte unzählige buntfarbige Kinderschuhe, wie andere Harzfrauen und Mädchen Strümpfe und Röckchen. Diese Strickindustrie, deren Erlös nicht viel bedeutet, ist über den ganzen Oberharz verbreitet, selbst Frauen, die Berg auf und ab die schwersten Lasten auf dem Rücken schleppen, sieht man nie ohne Strickzeug, das sie während des Gehens fleißig fördern.

Nur einmal hatte der Professor nach der Hausgenossin, die er von den Andern „Janchen“ nennen hörte, gefragt und zur Antwort erhalten, daß sie Abends den alten kranken Lehrer und dessen Schwester besuche. Blieb sie daheim, so saß sie still, theilnahmlos seitwärts auf der Holzbank über ihre Arbeit geneigt. Schlug’s neun Uhr, die Stunde, wo die Großmutter schlafen ging, dann erhob sie sich geräuschlos, zündete dem neuen Hausbewohner das Talglicht auf dem Messingleuchter, dem Prachtstück des Hauses, an und reichte ihm dasselbe mit einem leisen „Gute Nacht“.

Tagsüber huschte sie stets wie ein scheues Reh an ihm vorüber oder entfloh schon von Weitem, sobald sie ihn kommen sah; der Professor hatte seit jenem Gespräch im Garten auch keine Annäherung wieder versucht, er wollte es sich selber nicht gestehen, daß ein ärgerliches Gefühl ihn beschlichen, als er am ersten Abend auf seinem Zimmer den Resedastrauß vergeblich gesucht hatte. Er nannte in seinen Selbstgesprächen – und die hielt er in der Stille seines Zimmers oft – das Bergmannskind ein scheues, unheimliches Geschöpf, was ihn aber doch nicht hinderte, demselben, so oft er es sah, nachzublicken.

Das Wenige, was er an Bedienung beanspruchte, besorgte Vater Gottlieb, der oft vor Verwunderung über die Genügsamkeit des gelehrten Herrn staunte – denn als solchen taxirte er ihn besonders, nachdem er die gewaltigen Bücherkisten gesehen, welche für den Professor Winter angekommen waren.

„Wie wollt Ihr die nur wieder zusammenbringen,“ sagte er beinahe ängstlich, „wenn Ihr plötzlich einmal geht?“

„Daran denke ich ja nicht,“ lachte Ehrenfried, „es gefällt mir bei Euch.“

„Aber der Winter kommt, da schneien wir ein und sitzen gefangen monatelang – wie wird Euch das behagen?“

„Ich werde mich doch nicht vor dem Besuch meines Namensvetters fürchten, Vater Gottlieb – seid unbesorgt!“

Und er ordnete seinen Bücherschatz mit einem wahren Wohlbehagen, pfeifend und singend, mit sich selbst redend und Regen, Nebel und Wind, die um das kleine Haus ihr Wesen trieben, völlig dabei vergessend.

Jetzt stand er vor der letzten Kiste, deren Deckel der alte Bergmann gesprengt hatte, und bückte sich nach ihrem sorgsam verpackten Inhalt. Das erste, was seine Hände griffen, war ein vielumhüllter flacher Gegenstand, der ihm selber einen Augenblick wie unbekannt erschien zwischen all den Büchern großen und kleinen Formats, den schweinsledernen Folianten und broschirten Werken. Er riß hastig die Hülle ab und hielt ein Bild in goldglänzendem Rahmen in der Hand, auf das er erbleichend niederschaute. Es war ein blonder Frauenkopf mit großen, brennend-schwarzen Augen, der den Beschauer mit lieblichem Lächeln begrüßte. Ehrenfried Winter’s Stirn zog sich jedoch in immer düsterere Falten, je länger er auf das in halber Lebensgröße wiedergegebene schöne Antlitz sah.

„Das hatte ich nicht gewollt,“ murmelte er, „nun verfolgt sie mich auch hier in meiner glücklichen Einsamkeit, hier, wo ich sie zu vergessen dachte.“

Er legte das Bild mit einer beinahe heftigen Bewegung nieder und trat an das kleine Fenster. Wind und Regen draußen; der Wald in der Ferne sah aus wie ein dicker schwarzer Strich, der am nebelgrauen Horizont entlang gezogen war.

„Vergessen –“ wiederholte er, „das ist nicht das rechte Wort; warum sollte ich sie vergessen? – ich will mich ihrer erinnern, nur sie zu verachten. Und darum –“ er drehte sich schnell um – „soll sie hier in meinem stillen Stübchen einen Platz haben mit ihrem lächelnden, falschen Gesicht, damit ich ihr Abends und Morgens meine Verachtung in dasselbe schleudern kann. Und wenn es Ahnungen giebt, wie meine weise, alte Großmutter dort unten bei ihrer Seligkeit wettet, so –“

Er ging auf den Gypsboden des Vorflurs hinaus, lehnte sich über das Treppengeländer und rief hinab:

„Vater Gottlieb, wollt Ihr mir nochmals Euren Hammer leihen?“

Eine Frauenstimme gab ihm Antwort, daß sein Rufen gehört worden sei, dann trat er in’s niedrige Zimmer zurück und durchschritt dasselbe einige Male, als wolle er damit seine Aufregung niederkämpfen. Am Tische fesselte das Bild wieder seine Aufmerksamkeit, sodaß er stehen blieb und es nochmals prüfend anblickte. Er stieß dabei mit dem rechten Arm einen Haufen Bücher, die scharf an der Kante gelegen, hinab; selbst das Poltern schreckte ihn nicht auf, und das Klopfen an der Thür mußte zum dritten Male wiederholt werden, ehe seinen Lippen das „Herein!“ entglitt. Leise öffnete sich die kleine Thür, und Janchen trat auf die Schwelle.

„Die Großmutter schickt mich, weil der Vater soeben zu seinem sterbenden Vetter gerufen worden ist,“ sagte sie mit ihrer vollen Altstimme und schritt näher, um ihm das Gewünschte zu überreichen.

„Gut!“ entgegnete er flüchtig, ohne sie anzusehen, ging zum Tische, nahm das Bild, stieg auf das kleine, dünnbeinige Sopha, das man für den Miethsmann erst auf einer Auction erstanden hatte, und prüfte die Stelle an der Wand, in welche er den Nagel schlagen wollte.

Janchen war zu den auf dem Boden liegenden Büchern geeilt, um sie aufzuheben; mitten in ihrer Beschäftigung innehaltend blickte sie dann plötzlich in das eine und las, des Professors Gegenwart vergessend, einige Zeilen darin.

Ueber der Beschäftigung mit dem Bilde beachtete Ehrenfried [589]

Die Gartenlaube (1878) b 589.jpg

Sommer-Idylle.
Nach einem Oelgemälde von Karger in München.


Winter die ihrige nicht; er hatte dem Portrait jetzt den günstigsten Platz gegeben und blieb stehen, um es so zu betrachten.

„Wie lieblich der Mund ist!“ sagte er dabei zu sich selber; „genau so gleißend wußte er zu reden – so schön ist sie und so falsch. Man mußte sie lieben; sie wußte das, die schöne Schlange. Und es wäre ihr doch gelungen, mein Mannesbewußtsein zu untergraben, wie sie es mit meinem Seelenfrieden gethan, hätte ich nicht ihre Nähe geflohen – nur die Entfernung schützte mich. Nein,“ rief er lauter, „ich verleumde mich selbst; was man verachten muß, kann man ja nicht mehr lieben.“

[590] Er drehte sich ab von dem lockenden Frauenantlitz und gewahrte stutzend das am Boden knieende Mädchen, dessen dunkler Kopf über ein offenes Buch gebeugt war.

Eine Wolke des Aergers bildete sich auf seiner Stirn – hatte sie ihn belauscht?

„Was thun Sie da?“ fragte er beinahe barsch.

Erschreckt sah sie empor in sein strenges Gesicht, dunkle Gluth bedeckte das ihrige, sie hob wie bittend die eine Hand und deutete mit der andern auf das Buch.

„Ich las –“ sagte sie stockend.

Es lag etwas in ihrem Blick und der Bewegung, was ihn rührte und ihn seine Heftigkeit sofort bereuen ließ.

Er trat näher und bot ihr die Hand, um sie emporzuziehen, aber sie stand blitzschnell neben ihm, ohne seine Hülfe zu beachten, ihre Augen senkend, als erwarte sie noch weiteren Tadel; das offene Buch hatte sie auf den Tisch gelegt. Ehrenfried griff nach demselben. „Goethe’s Leben,“ las er und blickte sie überrascht an; „interessirt Sie das?“

Sie wurde wieder roth. „Ich hörte davon – durch den Schulmeister, der es zu lesen wünschte, und als ich es vom Boden aufhob, mußte ich daran denken. Ich bitte um Verzeihung.“

„Nein,“ sagte er, „nein, so nicht, Gratiana!“ – es war das erste Mal, daß er sie so anredete – „wenn Sie lesen wollen, nehmen Sie, was Ihnen gefällt, und das dort bringen Sie dem Schulmeister sofort! Er ist Ihr Freund – nicht wahr?“

Ihre Augen leuchteten. „Ja, er ist mein Freund, und für ihn nehme ich es an – nicht für mich.“ Sie machte dem Professor eine rasche Verbeugung und verließ das Zimmer.

„Gratiana –,“ sagte Ehrenfried, „wie kommt der Name und das sonderbare Wesen hier unter die Bergleute? Sie ist so eigenartig und schön zugleich und doch sich dessen unbewußt – sie spricht gewählt und doch natürlich – und Goethe sogar hat eine Stelle in ihrem eigensinnigen Kopfe! Wahrscheinlich des Schulmeisters Verdienst …“

Er pfiff den Anfang eines lustigen Studentenliedes und lachte dann hell auf: „Wahrhaftig, ich ertappe mich da bei allerhand krausen Gedanken, welche nicht mehr in meinen würdigen Kopf gehören. Ja, wenn man noch ein sorgloser Bruder Studio und dieser Schönheit dort unten so zufällig genaht wäre, wer stände da für das junge Herz, das leicht Feuer fängt – aber jetzt?“ Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Was ich noch besaß an Glauben und Vertrauen auf die Menschheit, an Poesie – das hat sie mir geraubt, alles und für immer. Und wie spielend kindlich, wie grausam klug … o Constanze!“

Das hübsche Antlitz da an der Wand lächelte auf seinen Zorn herab, wie vorhin zu seinen Reflexionen. Ja, er hatte sie geliebt, die verführerische Frau, mit einer Schwärmerei, deren man ihn nie fähig gehalten, und über welche seine Freunde unter einander spotteten. Alle beurtheilten die kokette Wittwe richtig, welche in dem gelehrten Herrn nur ein pikantes Spielzeug erblickte, während Ehrenfried von ihr als seiner einstigen Gattin träumte. Das Erwachen war früh genug gekommen. Ganz unerwartet hatte ihm ein Billet Constanzens ihre Verlobung mit einem Ebenbürtigen angezeigt, und als er, bleich, verstört zu ihr geeilt, war sie lächelnd, wie immer, ihm entgegengetreten. Er solle ihr Beifall zollen für ihre kluge Taktik, hatte sie gesagt; ihn, wie sich, habe sie gerettet. Die Leute hätten ernstlich gemeint, sie habe Neigung, eine „kleine Frau Professorin“ zu werden – dem Gerede hätte ein Ende gemacht werden müssen. Er mußte etwas von „thörichten Einfällen“ erwidert haben, und das faßte sie sofort auf; die Menschen hatte sie leichtfertig hinzugefügt, seien oft von kindlicher Naivetät – sie, die an Glanz und Luxus gewöhnte Frau – und er, der strenge Gelehrte, welcher das Leben in der großen Welt, wenn nicht verachtete, so doch belächelte, wie das wohl in Einklang zu bringen gewesen wäre?

Als er dann endlich die Herrschaft über sich selbst wiedergewonnen, hatte er ihr in eisigem Tone gratulirt – zu ihrem Verstande. Sie war klug genug, um seinen Hohn zu fühlen, hatte ihm scherzend mit dem Finger gedroht, eine Rose und ein Vergißmeinnicht aus ihrem Strauße gezogen und, ihm dieselben hinhaltend, gemeint, sie blieben doch Freunde – genau, wie bisher. Sie sei nicht eifersüchtig auf seine Geliebte, die Wissenschaft, gewesen; er dürfe es auch nicht auf den zukünftigen Gatten, den „armen Sclaven“ sein. Er machte eine Verbeugung, übersah die sinnige Spende und verließ das Gemach.

So war das Ende – o, die bittere, häßliche Erinnerung!

„Bin ich denn noch der alte Thor?“ fragte er laut und schüttelte den ausdrucksvollen Kopf. „Nein, nein, ich bin ein Mann und will über meine Schwäche siegen.“ Dann faßte er nach seinem Hut und sprang die schmale Treppe hinab. Schon hielt er den Thürgriff in der Hand, als ihn die Stimme der alten Großmutter zurückrief.

(Fortsetzung folgt.)




Der Donnerstag in Sage und Culturgeschichte.

Aus der Umarmung des obersten Gottes der alten Deutschen, des Wotan, und der Göttin der Erde, Nirdu, entsproß der Gott des Luftkreises, des Wetters und der Geister, Donar. In seiner Person vereinigen sich also die Kräfte des Himmels und der Erde; er ist der starke Herr der ganzen Natur und zugleich auch der Schützer der Ehe, des Ackerbaues und der Viehzucht. Die goldhaarige Sippia, die Göttin des Getreidefeldes, nannte er seine Gemahlin; Ostara, die Göttin des Frühlings und Morgens, und Paltar, der Gott des ruhig strahlenden Sonnenlichtes, sind seine Geschwister.

Unsere Altvordern sahen in dem Gewitter mit Donner und Blitz, seinen Schrecknissen und Segnungen die Gegenwart eines Gottes, und dieser Gott war eben der Donar. Sobald die den Menschen und Göttern feindlichen Riesen, in denen die Mythologie der alten Deutschen die schädlichen Naturkräfte personificirt, sich aus ihren Höhlen und Schlupfwinkeln hinausbegeben, da spannt Donar eilig seine beiden stattlich gehörnten Ziegenböcke, Zahnknirscher und Zahnknisterer, vor seinen Donnerwagen, legt sich eine schwarze Wetterwolke als Gürtel um die starken Lenden, zieht die Eisenhandschuhe an und ergreift seinen Hammer. So ausgerüstet, zieht er gegen die Riesen los: mit zorniger Kraft schüttelt er seinen rothen Bart; Feuer flammt hellleuchtend aus seinen Augen und ein Unwetter mit zuckenden Blitzen und krachendem Donner bricht aus. Rasch, wie der Blitz selbst, durcheilt er die Luft und streckt mit wuchtigem Schlage seines Hammers die Riesen nieder, welche sich nicht zeitig genug vor seiner Alles zermalmenden Kraft geflüchtet haben. So ist er der Beschützer und Schirmherr der Menschen, der König der Erde und ihrer Bewohner, der Gott des Segens und der Fruchtbarkeit.

Aber Donar ist nicht nur dieses, er ist mehr: er ist wohl der volksthümlichste Gott der alten Deutschen. Sie stellten sich ihn als einen schönen, rothbärtigen Jüngling mit aufbrausender Jugendkraft vor, der leutselig sich unter die Menschen mischt, schlicht zu Fuße einhergeht und Hoch und Niedrig gleich achtet. Er treibt seine Scherze mit dem niederen Volke, läßt sich von ihm an seinem rothen Barte zupfen, schwingt seinen Hammer in der Schmiede und schmiedet gar herrliche Waffen. So hatte sich das deutsche Volk den Gott des Donners zu seinem Vertrauten gemacht. „Ein Volk aber,“ – um mit Th. Colshorn zu reden – „das im Donnerhall die Nähe eines Freundes erkennt, das sich wohl und heimisch fühlt im brausenden Tumult der flammenden und rollenden Wetterwolke, das bekundet rüstigen Sinn und urkräftiges Leben.“

Es ist daher kein Wunder, daß Vieles in Sitten und Gebräuchen der Deutschen an diesen Gott gemahnt. Vor Allem ist sein Name dadurch unvergänglich, daß der fünfte Tag in der Woche nach ihm benannt ist, der Donnerstag. Die ursprünglichen Namen für denselben lauten verschiedentlich: Donrestag, Donresdach, Donarestag, Donderdag, Dönderdag, woraus sich dann unser Donnerstag entwickelte. Im germanischen Norden aber nannte man den Gott Donar: Thor, und danach den ihm geweihten Tag: Tornsdei, Tongersdey, Thunoresdäg, Thursday, Thorsdagr, Thorsdag, wovon Thursday ja noch heute im Englischen vollständig erhalten ist. Als das Christenthum nach

[591] Deutschland kam, blieb der Name ruhig bestehen und ebenso auch die alten heidnischen Gebräuche, welche mit dem Donnerstage verknüpft waren, wenn ihnen auch ein christliches Gepräge verliehen ward. Unter den heidnischen Donnerstagen ragte besonders einer hervor, der, an welchem das große Donarsfest im Frühjahre gefeiert wurde. Die christliche Kirche verbot natürlich die Feier in diesem Sinne, aber sie konnte die alten, liebgewordenen Gebräuche nicht gänzlich unterdrücken, sondern dieselben wurden auf christliche Feiertage übertragen und zwar theils auf die beiden hohen Festdonnerstage der christlichen Kirche, den grünen Donnerstag und den Himmelfahrtstag, theils auf das Osterfest, wie z. B. die Freudenfeuer. Aber auch der nicht durch besondere Feste ausgezeichnete Donnerstag spielt noch immer in Sitte und Brauch eine große Rolle. Es soll unsere Aufgabe sein, die hauptsächlichsten dieser mit dem Donnerstage verknüpften Gewohnheiten und Bräuche hier aufzuführen.

Wie Donar die Riesen bekämpfte, so war er dagegen Schutzherr des Volkes der Kleinen, der Zwerge, worauf mancherlei Sitten, die ihren Ursprung aus der heidnischen Urzeit herleiten, zurückzuführen sind. In Berlin sagt man z. B.: Am Donnerstag muß man Erbsen essen. Erbsen sind aber das Lieblingsgericht der Zwerge, und Donar selbst ging manches Mal mit ihnen in die Schotenfelder, um dort zu naschen. Den Zwergen und ihrem Herrn opferte man in früheren Zeiten eine schwarze Henne und nahm besonders Hennen, die am Donnerstag dem Ei entschlüpft waren, woher das Wort stammt: Hähne aus einem Donnerstag-Ei gehören dem Teufel. Dieser nämlich trat häufig da an die Stelle Donar’s, wo sein Cultus durch die Heidenbekehrer mit Gewalt unterdrückt und sein Name verflucht wurde. An den Küsten Pommerns, besonders aber in Swinemünde, findet man die eigenthümliche Forderung: Am Donnerstage soll man sich nicht kämmen, damit den Zwergen das Ungeziefer nicht in die Schüssel fällt. In Holstein hat man einen der Zwerge nach ihrem Herrn und Meister benannt, denn es heißt daselbst ein gewisser Zwerg Hans Donnerstag, während ebendaselbst der Donnerstag auch zum Fluchen dient, indem man sagt: Hät’ ihn de Donnerstag! In vielen Gegenden lebt noch die Erinnerung an die alte Gewohnheit, den Donnerstag durch Aussetzung der Arbeit zu heiligen, denn früher hieß es: Am Donnerstagabend darf nicht gesponnen, gedroschen und gehauen werden. In gewissem Sinne ist übrigens dieses Feiern am Donnerstage in manchen Gegenden noch erhalten, man feiert nämlich die Kirmessen am Sonntag und Montag, arbeitet dann Dienstag und Mittwoch, und am Donnerstag ist noch einmal ein Festtag, womit die Kirmeß beschlossen ist. Oder man sieht den Donnerstag auch als Vorfeiertag der Kirmeß an, wie in Schlesien. Wie wir oben gesagt haben, war Donar auch der Beschützer des Land- und Ackerbaues, aber er verlangt, daß am Donnerstag kein Mist ausgetragen werde (Altmark). Wer hiergegen fehlt, sowie am Donnerstagabend drischt, haut oder dergleichen thut, der wird von Donar, vom Donner, erschlagen. Eigenthümlich scheint es auf den ersten Blick, daß man in der Mark den Donnerstag für besonders unglücklich als Hochzeitstag ansieht, wogegen er in Hessen und Holstein hierzu als sehr glückbringend gilt. Dies ist aber ebenso zu erklären, wie das Vertauschen Donar’s mit dem Teufel.

Die meisten auf Donar Bezug habenden heidnischen Gebräuche knüpfen sich jedoch, wie gesagt, an das große Fest, das man ihm zu Ehren im Frühling jedes Jahres feierte und wovon die Gebräuche später theils auf den Gründonnerstag, theils auf den Himmelfahrtstag übergingen. Besonders Schwaben ist reich an einer Menge mit dem Himmelfahrtstage verknüpfter heidnischer Bräuche. So läßt zunächst Paltar, der Bruder Donar’s, an diesem Tage ihm zu Ehren die aufgehende Sonne drei Freudensprünge machen, wie es besonders in Reutlingen, Tübingen und Umgegend heißt. Am Himmelfahrtstage erwartet man aber auch ein Gewitter, welcher Glaube besonders im Schwarzwald herrscht. Damit nun die Häuser vor Donar geschützt und vor dem Blitzstrahl gefeit seien, windet man für diesen Tag in vielen Landstrichen Immortellenkränze, wozu das sogenannte Himmelfahrtsblümchen (Gnaphalium dioicum) verwandt wird. In Schwaben ziehen die Mädchen zu diesem Behufe schon in der Nacht um zwei Uhr aus, gewöhnlich in größeren Gesellschaften, und bekränzen die Häuser vor Sonnenaufgang. In den katholischen Gemeinden Schwabens hielt man noch vor nicht sehr ferner Zeit an jedem Himmelfahrtstage den sogenannten Flurgang oder die Eschprocession, bei welcher die Saatfelder gesegnet wurden. Während früher die ganze Gemarkung durchzogen ward, geht man jetzt dort, wo die Sitte noch besteht, nur so mitten hindurch, daß man den größten Theil des Landes überschauen kann. An vier Grenzpunkten aber liest man Stücke aus den vier Evangelien vor und spricht den Wettersegen. Nach der Rückkehr vom Felde werden die Häuser gesegnet und mit Weihwasser besprengt.

Allen Nähterinnen und Flickschneidern rathen wir, am Himmelfahrtstage die Nadel ruhen zu lassen, denn, sagt man im Harz, Osterode, Ilsenburg etc., in das Haus, wo am Himmelfahrtstage genähet oder geflickt, oder sonst gearbeitet wird, schlägt das Gewitter. Die Laboranten aber wissen, daß Kräuter, auf Himmelfahrt gesucht und gepflückt, besondere Heilkräfte besitzen und als Mittel gegen alle Krankheiten dienen. Ein eigenthümliches Fest, dessen Bezug auf den Gott Donar noch recht erkennbar ist, wird an den Dörfern Fienstedt, Gödewitz, Gordeleben, Krimpe und Zornitz am Himmelfahrtstage gefeiert. Bei demselben wird eine Tonne Bier getrunken und dann in einer dicht neben der Kirche errichteten Scheune, der Himmelfahrtsscheune, getanzt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts fand vor dem Tanze außerdem eine Versammlung am Brunnen des Dorfes statt, woselbst die Geschichte des Festes vorgetragen und sieben Eimer Bier vertilgt wurden. Der Vorsteher gemahnte sodann die Gemeinde, die Feier des Festes nicht untergehen zu lassen, denn wenn dies geschähe, so müßte man der Obrigkeit den Zehnten, ein schwarzes Rind mit weißen Füßen, einen Ziegenbock mit goldenen Hörnern und ein vierspänniges Fuder Semmeln liefern. Diese Gegenstände weisen auf das Deutlichste auf Donar hin: das Rind auf den Beschützer der Viehzucht, die Semmeln auf den Segenspender des Ackerbaues; den Wagen Donar’s aber zogen, wie erwähnt, die beiden Ziegenböcke Zahnknirscher und Zahnknisterer.

Mit dem Gründonnerstage sind nicht weniger heidnische Gebräuche und Gedanken verknüpft. Am bekanntsten ist wohl die Regenschene oder Regenstärke, welche man am Gründonnerstag aus den neun verschiedenen Kräutern: Taubnessel (Lamium album), Spinat, Körbel, Pimpinelle, Giersch (Aegopodium podagraria), Sauerampfer, Braunkohl, Kuhblume (Taraxacum officinale) und Porree anzufertigen hat, um stark zu werden, wie vornehmlich die Meinung der Ribbesbüttler, aber auch anderer guter Leute ist. Ebenso sagt man in Ribbesbüttel: Gründonnerstags-Flachs friert nicht ab, während es am Rhein heißt: wer am Gründonnerstage fastet, bekommt keinen Zahnschmerz. In Ribbesbüttel hat man noch einen solchen an den Gründonnerstag geknüpften Glauben: alles Wasser ist nämlich um Mitternacht dieses Festes Wein. Besonders erwähnenswerth in Bezug hierauf ist sodann die Wetterau. Hier sagt man: die Kohlpflanzen, die unter dem Kirchenläuten am Gründonnerstag gesäet werden, gerathen am besten, und überhaupt an das an diesem Tage Gesäete wagen sich die zerstörungslustigen Erdflöhe nicht. Ferner bringe man an diesem Tage seine Kleider in die Luft! Dann kommen keine Motten hinein. Endlich aber geben Eier, die am Gründonnerstag gelegt worden sind, Hühner, welche alle Jahre die Farbe wechseln. Sieht man in der Kirche durch solch ein Ei bei Sonnenschein, so erkennt man die Hexen der Gemeinde, da sie nämlich dem Altar den Rücken zuwenden. In Schorndorf existirt übrigens ein ähnlicher Glaube: Man mache sich einen runden Holzstuhl aus Tannenholz und sehe während des Gottesdienstes durch eines der drei Löcher, in welche die Beine des Stuhls hineingesteckt werden; man wird sodann alle Hexen verkehrt sitzen sehen.

So lebt das Andenken Donar’s noch immer lebendig in den Sitten, Gebräuchen und Erinnerungen des deutschen Volkes; und wenn diese auch der Alles vertilgende Zahn der Zeit schließlich ganz dem lebendigen Bewußtsein entziehen sollte, so wird der Name des Gottes selbst doch nie verlöschen, so lange es einen Donnerstag giebt.

H. Salchow.
[592]
„Nach Mercator’s Projection“.

Wer kennt nicht die Erdkarte in jedem Schulatlas mit der Aufschrift „Nach Mercator’s Projection“? Wer erinnert sich nicht an die Eigenthümlichkeit dieser Karte, daß sie die ganze Oberfläche der Erde nicht in zwei Bildern, in zwei Hälften, der östlichen und westlichen Halbkugel, darstellt, sondern in einem einzigen Bilde, das alle Länder und Meere unserer Erde mit einem Male veranschaulicht? Wer wüßte nicht, daß alle Längen- und Breitengrade auf einer Karte „Nach Mercator’s Projection“ sich nicht als Kreise darstellen, wie auf Hemisphären oder Halbkugeln, sondern als gerade Linien, die einander senkrecht schneiden? – Und wie Vielen ist die Erinnerung, ja die Kenntniß von alledem doch nur ein ungelöst aus der Jugend in das Leben hinüber genommenes Räthsel geblieben!

Am 2. September dieses Jahres wurde in Duisburg ein unserem Mercator geweihtes öffentliches Denkmal mit den schönsten Ehren enthüllt, und dies ist es, was uns zur Erinnerung an Mercator, sein Leben und wissenschaftliches Leisten in diesem Augenblicke Veranlassung giebt.

Das Leben Mercator’s liegt der Hauptsache nach in seinen geistigen Werken; die äußeren Momente desselben lassen sich in wenigen Daten zusammenfassen.

Gerhard Kremer, oder mit späterem Namen Mercator, wurde am 5. März 1512, zufällig während eines Besuchs seiner Eltern im Hause seines Oheims Kremer, in Rupelmonde in Flandern geboren. Sein Geburtsort war sonach allerdings in Flandern, aber zu einem Vlaming oder Vlamländer hat ihn derselbe nicht gemacht. In der Widmung seiner „Tabulae Galliae et Germaniae“, die im Jahre 1585 zu Duisburg erschienen, sagt er mit Nachdruck: „Obwohl ich in Flandern geboren bin, so sind doch die Herzöge von Jülich meine angestammten Herren, denn unter ihrem Schutze bin ich im jülicher Lande und von jülichischen Eltern erzeugt und erzogen.“ Er sagt also selbst ausdrücklich, daß er ein Deutscher sei.

Auf Kosten seines Oheims im Hause der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ in Herzogenbusch erzogen, ging er 1530 auf die Universität Löwen, wo er sich humanistischen Studien widmete. Die Philosophie brachte ihn aber in zweifelvolle Conflicte mit seinem Glauben. Die Lehren des Aristoteles ließen sich mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte nicht vereinigen. So kam es denn, daß er, früh verheirathet, die Mathematik als eigentliches Brodstudium wählte. Er erfreute sich dabei der gelegentlichen Unterweisungen des in der Geschichte der mathematischen Geographie ausgezeichneten Arztes Gemma Frisius, welcher kurz zuvor die damals weitverbreitete Kosmographie des sächsischen Astronomen Peter Bienewitz (Apianus) aus Leisnig herausgegeben hatte. Daneben verfertigte Mercator, ähnlich wie früher Regiomontanus und damals Gemma, mathematische und astronomische Instrumente und gab, als ein charakteristisches Zeichen seiner wissenschaftlichen und religiösen Richtung, bereits 1537 sein Erstlingswerk, eine Karte vom heiligen Lande, heraus. – Die reformatorische Bahn in der Kartographie betrat er 1541 mit einer Abhandlung über den Gebrauch und Schnitt der Cursivschrift, wodurch auch in Deutschland für Karten die lateinische, das heißt die sogenannte Antiqua-Schrift, allein und ausschließlich in Anwendung gekommen ist. Mehrere Arbeiten erwarben ihm die Aufmerksamkeit Kaiser Karl’s des Fünften und verschiedene Aufträge. – Damals schon mochte er nach der Gelehrtensitte der Zeit seinen deutschen Namen Kremer in Mercator latinisirt haben.

Als er aber im Jahre 1544, um den Nachlaß seines verstorbenen Oheims zu ordnen, nach Rupelmonde ging, wurde er, der schon auf der Universität sich den Vorwurf glaubenswidriger Grübelei zugezogen hatte, unter dem Verdachte der Ketzerei gefangen gesetzt. – Wie lange er im Kerker schmachten mußte, ist nicht bekannt geworden. Der Eifer seiner Freunde, zu denen Cardinal Granvella gehörte, kam ihm indeß zu Gute und entzog ihn dem Schicksale der geographischen Märtyrer seiner Zeit, des Deutschen Sebastian Frank und des Spaniers Serveto.[1]

Werfen wir nunmehr einen Rückblick auf das frische, weitverbreitete Interesse, welches schon früher und damals in Deutschland für geographische Studien heimisch war.

Deutschland hatte sich als Staat an den großen geographischen Entdeckungen des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts nicht betheiligt, aber Deutsche waren es, die durch ihre Arbeiten in Werkstatt und Studirstube ihnen den wesentlichsten Vorschub geleistet haben. Die kunstreichen Werkstätten Nürnbergs lieferten den iberischen Seefahrern die besten nautischen Instrumente; Johannes Müller, genannt Regiomontanus, der Heros der damaligen Mathematiker, hatte für die Jahre 1474 bis 1506 die vortrefflichsten astronomischen Ephemeriden berechnet, welche die deutsche Astronomie mit der portugiesisch-spanischen Schifffahrt verbanden und auf den Entdeckungsreisen des Diaz, Columbus, Vespucci, Gama gebraucht wurden; – Martin Behaim aus Nürnberg saß im Rathe der königlichen Entdeckungsjunta zu Lissabon und verfertigte schon im Jahre der Entdeckung Amerikas, 1492, in Nürnberg den ersten Erdglobus. Von den 21 Ausgaben des Ptolemäus, die überhaupt im sechszehnten Jahrhundert gedruckt wurden, waren in Deutschland allein nicht weniger als 16 erschienen. In Deutschland war es, wo die ersten Briefe und Berichte von den großen Entdeckungen in verschiedenen deutschen Uebersetzungen, selbst in’s Plattdeutsche, die früheste und weiteste Verbreitung fanden. Ein deutscher Professor in Lothringen Namens Waldseemüller, oder wie er sich gräcisirt nannte, Hylacomilus, war es, der die Berichte Vespucci’s in’s Deutsche übersetzte und im Jahre 1507 der Neuen Welt den später vielbestrittenen Namen „Amerika“ für alle Zeiten beigelegt hat. Ein deutscher Kartenzeichner war es, der bereits erwähnte Peter Apianus, der 1520 die erste Landkarte mit dem Namen „Amerika“ herausgab, wie denn überhaupt deutsche Kartenzeichner die Meisterschaft in der bildlichen Darstellung der Erdoberfläche bis zu dem späteren Emporblühen der Kartographie in den Niederlanden ruhmvoll behaupteten.

Die Kunst, Landkarten, Bilder von der Erde zu verfertigen, kann nur da gedeihen, wo gewisse darstellende Künste schon eine höhere Ausbildung erreicht haben. Es ist daher kein Zufall, daß die besten Landkartenzeichner in Italien, Deutschland, den Niederlanden auch in der Blüthezeit der dortigen Malerschulen lebten. Die deutsche Kartographie erwuchs mit dem Holzschnitt und Kupferstich Albrecht Dürer’s. Aber zur Fertigkeit der bildlichen Darstellung gehört auch die Kenntniß der mathematischen Wissenschaft, und im sechszehnten Jahrhundert begann auch die Zeit unserer großen Mathematiker und Astronomen, und deutsche Mathematiker ersannen damals die verschiedensten Arten zur Darstellung des Oberflächenbildes unserer Erdkugel, die verschiedensten „Projectionen“.

Auch Mercator nahm bald nach seiner Freilassung die geographischen und kartographischen Arbeiten mit Eifer wieder auf. Die Zahl seiner Werke, die Folge ihrer Entstehung braucht in einer nur skizzenhaften Federzeichnung, wie diese Zeilen sein sollen, nicht streng angegeben zu werden. Und so sei nur Einiges hervorgehoben.

Mercator’s Untersuchungen über die Abweichung der Magnetnadel, welche von Seefahrern beobachtet war, sind zuerst in einem Briefe an Granvella vom 23. Februar 1546 niedergelegt. Sie sind epochemachend. „Es ist mir ein vollständiges Räthsel,“ sagt sein vortrefflicher Biograph, der Director der Steuermannsschule in Bremen, Dr. Breusing, „wie es Mercator mit den damals vorhandenen Hülfsmitteln möglich gewesen ist, eine so genaue Untersuchung durchzuführen.“ Er ist der Erste, der die Anfänge einer Theorie des Erdmagnetismus giebt. Auch hat Mercator selbst auf seine Feststellung des magnetischen Pols einen ganz besonderen Werth gelegt und sich auf einem noch erhaltenen Bilde (nach welchem unser Portrait gezeichnet ist) den Globus zur Seite malen lassen, auf dem er mit dem Cirkel den magnetischen Pol [593] absetzt. Diese Untersuchungen haben ihn dann naturgemäß auf ein verwandtes kartographisches Feld geführt, auf die zweckmäßigste Darstellung der Seekarten. Seine Ideen hierüber führten ihn vor nunmehr 300 Jahren zu der weltberühmten Projection, die nach ihm Mercator’s Projection heißt.

Hochberühmt wurde besonders seine große Seekarte in dieser Projection vom Jahre 1569, also gerade zweihundert Jahre vor der Geburt Alexander von Humboldt’s. „Das Jahr 1569,“ sagt Breusing, „wird in der Geschichte der Geographie und der Schifffahrtskunde ein ewig denkwürdiges bleiben. Im Monat August desselben vollendete Mercator den Stich der großen Weltkarte zum Gebrauche der Seefahrer. Von ihr datirt die Reform der Kartographie; durch sie wird eine neue Epoche in der Steuermannskunst begründet.“

Seefahrer, Geographen, Historiker sind voll seines Lobes. „Mercator,“ sagt Ranke, „ist es, der die erste durchgreifende Verbesserung der Land- und Seekarten herbeiführte,“ und Peschel erklärt: „Die Geschichte kennt nur drei große darstellende Geographen, Ptolemäus und seine Reformatoren Mercator und De l’Isle.“

Mercator’s hohe wissenschaftliche Leistungen bestehen vor Allem in der Erfindung und Einführung neuer Netzentwürfe zur Uebertragung von Kugelflächen in die Ebene, also neuer Projectionsarten. Eine Klarlegung dieser seiner Projectionen erfordert eine mathematische, strengwissenschaftliche Behandlung. Es ist dies aber ein Thema, das weder allgemein zugänglich, noch interessant ist. Und wir mögen uns nicht schmeicheln, die Feinheiten des höheren Calcüls unseren Lesern in homöopathischer Verdünnung wie ein Wundertränkchen beibringen zu können.

Begnügen wir uns daher, uns mit Peschel’s Worten über „Mercator’s Projection“ zu verständigen.

Die Gartenlaube (1878) b 593.jpg

Nach einem alten Stiche.

„Die Mercator-Projection,“ sagt Peschel, „ist ein walzenförmiger Entwurf. Die Erde wird nicht mehr als Kugel, sondern als Cylinder gedacht. Denkt man sich die Achse der Walze so lang wie den Drehungspol und ihren Durchmesser wie den Durchmesser der Erde, so erhalten wir durch Abrollen ein zu verjüngendes Rechteck, noch einmal so breit wie hoch, auf dem die Mittagskreise gleichabständige senkrechte, die Breitengrade gleichabständige wagrechte Linien bilden, durch deren Kreuzungen lauter Rechtecke abgeschnitten werden. Auf der Kugel sehen wir dagegen, daß die Abstände der Mittagskreise, die in der Nähe des Aequators fast genau den gleichwerthigen Abständen der Breitenkreise entsprechen, je mehr wir uns den Polen nähern, immer schmäler und am Pole selbst Null werden. Um nun beim Entwurfe in der Ebene den Gang dieses Gesetzes auszudrücken, behielt Mercator die gleichen Abstände für die Mittagskreise bei, verlängerte aber dafür die Abstände der Breitenkreise in entsprechender Weise und gab dadurch dem Bilde eine streng symmetrische Auflockerung von dem Aequator nach den Polen. Der einzige unvermeidliche Uebelstand dieses Entwurfes ist nur, daß er nicht gut über den 80. Breitegrad ausgedehnt werden kann, weil in größeren Polhöhen die Breitengrade zu rasch, jenseits von lat. 89 Grad aber in das Unendliche wachsen müssen. Die Vortheile dieses Entwurfes sind sonst gar nicht zu überschätzen, denn in allen zwischen zwei Breitenkreisen eingeschlossenen Vierecken bleiben die Verhältnisse richtig, nur daß der Maßstab sich mit jedem Breitenkreise ändert. Einzig auf einer Karte nach Mercator-Projection lassen sich die Himmelsrichtungen, in welchen irgend ein irdischer Punkt zu allen anderen irdischen Punkten liegt, streng einsehen, weil alle Himmelsrichtungen als gerade Linien durch das Bild laufen. Ohne Mercator-Projection war den Seeleuten eine strenge Ermittelung ihres Courses ebenso wenig wie eine schärfere Berechnung des zurückgelegten Weges, außer durch astronomische Ortsbestimmung, möglich. Für alle thermischen, für erdmagnetische, für pflanzen- oder thiergeographische, für Fluthbewegungs-, überhaupt für alle physikalischen Karten ist die Mercator-Projection unerläßlich; sie ist mit einem Worte der Stein der geographischen Weisheit geworden.“

Und Mercator war nicht blos praktischer Kartenzeichner, Geodät (Erdmesser), Kupferstecher und Mechaniker; er war auch Astronom, Mathematiker, Physiker, Geschichtsforscher, Chronolog. Die Erfindung der „Mercator-Projection“ für Seefahrtskarten hat indeß seine zahlreichen Arbeiten weit überstrahlt, denn sie hat Bedeutung für alle Zeit, für alle Welt. Und wie diese Projection nach ihm ihren Namen, so hat sich auch von ihm der Name „Atlas“ erhalten, den er zuerst für eine einheitliche Sammlung von Karten gebraucht hat.

Das in diesen Tagen zu Duisburg, wo Mercator vom Jahre [594] 1552 bis zu seinem Tode, 2. December 1594, gelebt hat, enthüllte stattliche, überlebensgroße Standbild, vom Bildhauer Reiß in Düsseldorf, ist sinnig geschmückt mit allegorischen Kinderfiguren, welche Meßkunst, Schifffahrt, Handel, Industrie repräsentiren. Möge diese Zierde der deutschen Stadt dauernd an eine der ersten Zierden deutschen Geistes erinnern![2][WS 1]

J. Lwbg.




Die Salzkammergutbahn.
Von Otto Prechtler.
Mit Abbildung.

Hingelehnt und allmählich aufsteigend mit seinen Alpenriesen zwischen den Grenzen von Baiern, Oberösterreich und Steiermark, beherrscht von den krystallenen Gipfeln des Dachsteins, durchrauscht von den grünen Wellen der eilenden Traun – mit den tiefblauen Augen seiner herrlichen Seen – grünt und blüht es, das Paradies der österreichisch-steirischen Alpen, das gemüthlich-anheimelnde Land mit dem prosaischesten aller Namen – das Salzkammergut. Wenn es bisher schon diesem Stückchen Erde an Zufluß von Reiselustigen nicht fehlte, so werden sie fortan in Strömen kommen, da nunmehr auch in dieses „Paradies“ die eherne Schlange der Eisenbahn eingedrungen ist und es seiner ganzen Länge nach durchzieht.

Wir besteigen den Zug in Attnang, dem Ein- und Ausgangspunkte der aus dem deutschen Reiche kommenden Reisenden, und wollen es versuchen, die hervorragendsten, schönsten und interessantesten Bilder der jungen, unvergleichlichen Alpenschienenstraße festzuhalten.

Gerade gegenüber dem Bahnhofe von Attnang steigt in scheinbar sehr kleiner Entfernung der majestätische Traunstein empor, seine König-Ludwigs-Silhouette im blauen Aether, seinen Fuß im Abgrunde des Traunsees badend, weithin schauend in das reichgesegnete Oberland. Immer höher und riesiger scheint der Bergesalte zu wachsen, je näher das Dampfroß durch das liebliche Aurachthal dem weithin berühmten Gmundner Paradiese entgegenbraust. Da liegt die kleine weißschimmernde Seestadt, amphitheatralisch sanft vom nordöstlichen Ufer des herrlichen Sees aufsteigend, überragt von grünen Hügeln, hinschauend auf die zahlreichen glänzenden Villen an den Bergabhängen, welche in den letzten fünfzehn Jahren wie durch ein Zauberwort diesem Eden Oesterreichs entwachsen sind.

War Gmunden, welches den Gartenlaubenlesern erst jüngst in Wort und Bild vorgeführt worden (Nr. 13), noch vor einigen Jahrzehnten eine fast nur von Studenten und spärlichen Touristen im Sommer besuchte Alpeneinsamkeit, so hat die Neuzeit ein kleines Nizza daraus gemacht, das von den höchsten und hohen Herrschaften aller Länder und den Geldfürsten Israels gern bewohnt und von tausend und aber tausend Wanderlustigen besucht wird. Das Seethal von Gmunden, umschlossen einerseits von sanft aufsteigenden, mit Tausenden von Obstbäumen gesegneten oder waldigen Höhen, andererseits von den schneebedeckten Ausläufern des weitverzweigten Hochgebirgs, gewährt aber auch in der That eines der reizendsten Landschaftsbilder, welche die österreichischen Alpen aufzuweisen haben.

An dem aus einer Insel des Traunsees liegenden Schlosse Ort und dem anmuthig situirten alterthümlichen Altmünster, desgleichen an Schloß Ebenzweier, jetzt Besitzung der Gräfin Chambord, vorüber, führt die Bahn in mäandrischen Krümmungen an die Station Traunkirchen, die ehemalige Stätte eines Nonnenklosters. Zunächst hinter Traunkirchen erhebt sich der 1085 Meter hohe Dolomitfels Sonnenstein, durch dessen endlos scheinenden, 1450 Meter langen Tunnel die eherne Schlange ihren Lauf nach Ebensee mit seinem großen Salzsudwerke nimmt. Unweit Ebensee liegen die einsamen Langbathseen, in deren Umgebung der Kaiser von Oesterreich seine Lieblingsjagdreviere hat.

Von Ebensee längs der und über die Traun führt uns der Schienenweg in breiter Waldschlucht der Sommerfrische von Ischl zu, das sich im Laufe der letzten Decennienz zu einem glänzenden Curorte emporgeschwungen hat; namentlich haben die gichtbannenden Soolbäder den Markt berühmt gemacht. Es ist der alljährliche Badeort des Kaisers von Oesterreich, dessen prächtige Villa das Thal beherrscht. Als überaus lohnende größere Ausflüge von Ischl aus müssen wir die Fahrt nach dem großen Attersee mit seinen malerische Uferstationen und dem Seebade Schloß Kammer, so wie die Fahrt nach Mondsee, und den bequemen, höchst interessanten Aufstieg auf den österreichischen Rigi, dem fernhin schauenden Schafberg (1789 Meter hoch), bezeichnen.

Von Ischl führt der Dampfzug uns an dem uralte Laufen mit seinem kleinen Traunfall vorüber – abermals längs der Traun – nach dem kleinen Anzenau mit der weitbekannten Chorinskyklause, jener Holzschwemme-Vorrichtung mit den zu einem kleinen See angestauten Gebirgswassern, deren Eröffnungstag stets in Ischl angekündigt wird, weil der Wasser- und Holzsturz wirklich ein großartiges und deshalb vielbesuchtes Schauspiel gewährt. Von da fortdampfend, berühren wir das uralte Dorf Goisern, dessen römischer Ursprung durch die vielen hier ausgegrabenen römischen Münzen wohl erwiesen ist. Wir begrüßen den Ort als die Wohnstätte Conrad Deubler’s (Jahrg. 1875, S. 400), der eines Ludwig Feuerbach verständnißvoller Freund war und der für seine muthige Geistesfreiheit unglaublich schwer gelitten hat.

Von da gelangen wir an das nördliche Ende des Hallstädtersees und das Oertchen Steg, und längs des dunkeln Spiegels – dem terrassengleich aufsteigenden Hallstadt gegenüber – nach Obertraun. Wir sind hier von steil aufsteigenden Alpengiganten eingeschlossen, über deren Gipfel im Winter monatelang der Sonnenstrahl nicht einmal auf kurze Frist sich Bahn bricht. Stumm und todt, wenn kein Sturm ihn aufwühlt, liegt der grünschwarze See in dem ewigen Alpensarge, an dessen Wänden die kleinen Häuschen der Hallstadt kleben, welche keine Gassen und Gäßchen hat und nur durch Stiegen und selbst Dächer die Communication ermöglicht. Die Bewohner von Hallstadt sind theils in den kaiserlichen Salzwerken bedienstet, theils finden sie einen Haupterwerbszweig im Schnitzen von anmuthenden oder praktischen Holzgegenständen; in jüngster Zeit ward dort sogar eine eigene Holzschnitzerschule gegründet, welcher ein Professor mit Staatsgehalt vorsteht. Der Salzberg von Hallstadt bildet die ältest-benutzte Salzgrube des Salzkammergutes und gipfelt in dem buchenbewachsenen, hochgelegenen und steilaufsteigeden Rudolphs-Thurme mit der Wohnung des Bergmeisters. In neuerer Zeit fand man bei Hallstadt aus Anlaß von Ausgrabungen Menschengerippe von mehr als normaler Größe, Waffen und seltsame Schmuckgattungen, die wahrscheinlich celtischen Ursprunges sind; auch werden die Erdhöhlungen „Celtengräber“ genannt.

In einer desto reizenderen Thalmulde sehen wir das protestantische Dorf Obertraun, von welchem dann die Straße über den Koppen nach dem vielgenannten steiermärkischen Markte Aussee führt. Eine höchst romantische Naturschönheit, durch schauerliche Enge und Steinbildungen eigenthümlich fesselnd, ist

[595] das durch den Schienenstrang jetzt ganz zugängige Koppenthal, das die Traun zwischen himmelansteigenden Felsenreihen rauschend und donnernd durchbricht. Hier ragt auch der 1985 Meter hohe Sarstein in die blaue Luft, von dessen Gipfel aus die volle Aussicht über das ganze Salzkammergut sich aufthut. In der Schlucht des Sarsteins zählten wir vierzehn Lawinenstürze, welche von seinen Gipfeln und hohen Wänden herab in die Traun stürzten; eine der letzteren übersprang sogar die Traun und deckte, Wald und Wild mit sich reißend, die Eisenbahn an sechszehn Fuß hoch zu, sodaß noch nach drei Monaten der Zug durch die geöffnete Kluft der Lawine fuhr.

Nun ruht das Dampfroß vor dem schönen Bahnhof in Aussee, dem in letzter Zeit oft und gern genannten Curort mit seiner äußerst lieblichen Lage und waldfrischen Umgebung. Die drei Arme der Traun, welche aus dem Alt-Aussee, Grundlsee und Oedensee hereinreichen, umschlugen den frischlebigen Markt, der im Sommer von vielen Fremden aus allen Gegenden für längere Zeit besucht wird. Vorzugsweise sind es die wundervollen Umgebungen, welche Aussee anziehend und unvergeßlich machen. Vor Allem wandere der Naturfreund durch schattiges Waldthal zum hochromantischen Alt-Aussee, in den die steile, castellähnliche Trisselwand senkrecht hinabfällt. Die Bergriesen in seiner Nähe, namentlich der Loser und Sandling, überschatten seine stillen Gewässer, welche den Eindruck einer wahrhaft poetischen, nicht eben herabstimmenden Melancholie machen. Heiterer und heller spiegelt der Grundlsee den blauen Azur eines wolkenfreien Himmels; seine Ufer sind üppig-grüne Wiesen und sanft aufsteigende Waldhöhen. Ein besonders schöner Menschenschlag haust an den Ufern des Grundlsees, aus welchem die ruhelose Tochter des Salzkammergutes, die grüne Traun, entspringt, von See zu See eilend, bis sie mit der ernstströmenden Donau sich verbindet.

Von Aussee ab, gegen die Wasserscheide der Traun und Enns hin, steigt nun der Schienenweg an den Orten Mühlreith, Pichel und Knoppen – dies weniger durch malerische Umgebung als durch seine Torfstecherei bemerkenswert – vorüber, gegen Kainisch und Mitterndorf, zwei Stationen, welche durch anziehende kleine Ausflüge nenneswürdig sind. Die nächste Station ist Klachau, wo die Salzkammergutbahn ihre höchste Höhe über dem Meere erreicht. Der Ort selbst bietet an und für sich nichts Interessantes als die mögliche Besteigung des 2346 Meter hohen Grimming, dessen fast senkrechter Abfall und zweigetheilter Gipfel eine großartigfesselnde Eindruck machen.

Von Klachau fort befahren wir die letzten, aber hochinteressanten Ausläufe der eigentlichen Salzkammergutbahn, welche in der Station Steinach-Irdning schließt, wenn auch auf den Schienen der Giselabahn die Waggons noch bis an den steierischen Knotenpunkt Salzthal rollen, von wo die Kronprinz-Rudolph-Bahn einerseits nach Leoben, Klagenfurt und Laibach, andererseits nach Admont und Steyer und bei St. Valentin in die Westbahn abzweigt.

Die letzte Strecke der Salzkammergutbahn entrollt ein überwältigendes Bild, wie sich dessen wenig deutsche Bahnen erfreuen dürften. Hinter Klachau öffnet sich ein reichbewachsenes schluchtähnliches, langgestrecktes Thal, durch welches der Wallerbach in schäumenden Cascaden der Ebene und der Enns zustürzt. Nach langem Bogen fährt der Zug in den die Pirggerwand durchziehenden 332 Meter langen Burgstaller-Tunnel, an dessen Ende uns plötzlich im verklärenden Sonnenglanze das weithingeschwungene, alpenumgürtete Ennsthal entgegenlacht; aus seiner Mitte steigt das castellähnliche Schloß Trautenfels auf einem hohen Hügel über der glitzenden Enns empor. Wahrlich ein herzerfreuender, geisterhebender, unvergeßlicher Anblick, werth, die Krone der endenden jungen Bahn zu sein! Noch zischt die eherne Schlange durch den 180 Meter langen Unterburger-Tunnel, in dessen Nähe, tief unten am Fuße des majestätischen Grimming, das Dorf Untergrimming zu versinken scheint. Dann fährt der Zug in den freundlichen Ruhepunkt der Gisela- und Salzkammergutbahn ein, indeß wir uns im Geiste – durch die Luftlinie – wieder nach Attnang versetzen, um die junge Bahn bis an den Inn zu durchfahren.

Von Attnang ab, der Kreuzungsstation nach Wien und Salzburg, führt der Schienenweg in bedeutender Steigung nach Maning-Wolfsegg; die Kohlenlager von Wolfsegg versorgen weitum das Land mit ergiebigster Ausbeute. Eine gute Viertelstunde vom Bahnhofe liegt hoch am Hausruck das weithin sichtbare Schloß Wolfsegg mit überraschender, großartiger Ausschau in’s Land und über die Alpenkette Oesterreichs, Steiermarks und Salzburgs. Von Wolfsegg fort, noch immer aufsteigend, führt die Bahn über das hübschgelegene Holzleithen am Abhange des Hausruck, durch den gewaltigen 706 Meter langen Hausruck-Tunnel an die Marken des Innviertels.

Von der Station Eberschwang aus erreicht man die landesfürstliche Stadt Ried, welche in neuester Zeit einen lebhafteren Aufschwung, aber für Naturfreunde leider keine Gegend aufzuweisen hat. Monotone Fläche, meist sandig, keine Berge und Alpen mehr sichtbar – das ist, kurz gesagt, der Charakter der Landschaft. Längs der Bahn erblicken wir, Ried verlassend, die um einen großen Lindenbaum erbaute Capelle Maria Aich, und bald darauf das alte, ungeheuerliche Schloß Aurolzmünster, welches, wie St. Martin mit seinem auffallend schönen Parke, dem Grafen Arco-Baley gehört. In der Nähe der Bahn liegen auch das berühmte Stift Reichersberg mit seinen großen Alterthumsschätzen und der schöne, hoch am Innufer gelegene Markt Obernberg. Ueber das einstmalige Augustiner-Stift (jetzt „höhere“ Sträflingsanstalt) Suben gelangen wir endlich nach der alten, historisch berühmten Grenzstadt Schärding am klippen- und scheerenreichen, raschhinbrausenden Inn, über den eine uralte Steinbrücke nach Baiern führt. – Und hier scheiden wir von dem Leser mit dem Wunsche, daß ihm vom Schicksal vergönnt sein möge, einmal die Herrlichkeiten der jungen Salzkammergutbahn, deren genialer Erbauer Freiherr von Schwarz sich in ihr ein neues Denkmal zu manchem alten geschaffen hat, aus eigener Anschauung kennen zu lernen.



Um hohen Preis.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)
Nachdruck verboten und Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Max stand neben seinem Vater, dessen bleiches Antlitz und brennende Augen eine durchwachte Nacht verriethen und der sich vergebens bemühte, seine fieberhafte Erregung zu verbergen. Seine Lippen waren fest zusammengepreßt, und durch seine Hand, die in der des Sohnes lag, flog bisweilen ein nervöses Zucken.

„Fassung, Papa!“ flüsterte Max ihm zu. „Deine Hand ist so unsicher; Du wirst kaum abdrücken können.“

„Sei ruhig! Ich werde es können,“ versetzte der Doctor, gleichfalls in gedämpftem Tone und mit einem Blicke auf die Waffen, welche soeben von den Secundanten geladen wurden.

„Oberst Wilten ist bereits aufmerksam geworden,“ sagte Max bedeutsam. „Soll er glauben, daß es die Furcht vor der Kugel ist, die Dich so erregt?“

Brunnow machte eine heftige Bewegung des Unwillens.

„Du hast Recht. Die Fremden könne ja nicht ahnen, was in mir wühlt. Sie sollen mich wenigstens nicht für einen Feigling halten.“

Er raffte sich zusammen, und es gelang ihm auch wirklich, ruhiger zu erscheinen, aber er vermied es, nach der Stelle zu blicken, wo der Freiherr stand. In seiner gewohnten stolzen Haltung, mit der kalten Festigkeit in den Zügen, schien Raven völlig unbewegt von dem Kommenden.

Der Nebel begann allmählich zu fallen; schon traten die Berggipfel und die höher gelegenen Ortschaften daraus hervor, und die Sonne mußte soeben aufgegangen sein, denn der ganze östliche Horizont schimmerte in rothem Lichte, wenn die Strahlen es auch noch nicht vermochten, sich durchzukämpfen. Die Stadt lag noch in einen weißen Dunstschleier gehüllt, aber das Schloß auf der Höhe war bereits sichtbar, zwar noch undeutlich, wie ein Nebelbild, aber es trat mit jeder Minute klarer und deutlicher durch den Nebel hervor. Dort träumte Gabriele ahnungslos und glücklich dem Morgen entgegen, und hier fiel indessen die blutige Entscheidung auch über ihr Schicksal.

[596]
Die Gartenlaube (1878) b 596.jpg

Bilder aus dem Salzkammergut.
Nach der Natur gezeichnet von Hermann Heubner.

[597]  WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [598] Oberst Wilten verkündete, daß jetzt Alles bereit sei, und die beiden Gegner traten auf den Kampfplatz. Raven stand hochaufgerichtet da, das Auge klar und voll aufgeschlagen und die Waffe lag so fest und sicher in seiner Hand, als könne sie ihr Ziel gar nicht verfehlen. Brunnow’s Fassung war augenscheinlich eine gewaltsam erzwungene. Wenn der Augenblick der Entscheidung und die Furcht vor Mißdeutungen ihm auch seine Haltung zurückgaben, seine Hand war doch unsicher und bebte leise, als er das tödtliche Geschoß auf die Brust des einst so leidenschaftlich geliebten Freundes richtete.

Wilten gab das Zeichen. Die beiden Schüsse krachten gleichzeitig, und einen Augenblick lang standen beide Gegner noch fest auf ihrem Platze. Dann entfiel dem einen die Waffe; er preßte die Hand auf die Brust, trat einen Schritt zurück und stürzte dann lautlos zusammen. Arno Raven lag am Boden, und der weiße Reif auf dem Rasen ringsum begann sich dunkel zu färben.

Max überzeugte sich hastig, daß sein Vater unverletzt sei, und eilte dann zu dem Verwundeten, an dessen Seite sich bereits der Oberst befand. Brunnow stand regungslos da, die Pistole noch krampfhaft festhaltend; er blickte mit starren Augen zu jener Gruppe hinüber. Sein Secundant trat an seine Seite.

„Was soll denn das bedeuten?“ fragte er leise. „War es denn nicht der Freiherr, der Sie forderte? Er hat in die Luft geschossen.“

Das Wort schien die Erstarrung zu lösen, welche Brunnow gefesselt hielt. Er warf die Pistole weg und stürzte hinüber.

„Arno!“ rief er aus – es war ein Schrei der wildesten Verzweiflung. Max machte soeben den Versuch, das Blut zu stillen, aber der Vater drängte ihn ungestüm zurück, als habe er allein ein Recht auf diesen Platz, entriß ihm das Tuch und drückte es auf die Wunde. Der junge Mann zog sich schweigend zurück, während er dem Oberst und dem anderen Secundanten, die betreten dieser Scene zuschauten, einen Wink gab, mit ihm seitwärts zu treten.

„Können Sie dem Freiherrn keine Hülfe leisten?“ fragte der Oberst halblaut.

„Hülfe ist nicht mehr möglich.“ versetzte Max. „Der erste Blick auf die Wunde zeigte mir, daß sie tödtlich ist. Es handelt sich nur noch um Minuten, und da wird mein Vater das Nöthige thun. Bitte, lassen Sie ihn allein mit dem Sterbenden!“

„Es fiel überhaupt nur ein Schuß, der tödlich werden konnte,“ sagte der Secundant Brunnow’s bedeutsam.

Der Oberst nickte. „Ich habe es gleichfalls gesehen. Raven wandte im letzten Moment die Pistole – seltsam!“

Die drei Männer sahen sich schweigend an; sie begannen zu ahnen, weshalb dieses Duell provocirt worden war, aber Keiner lieh seinen Gedanken Worte. Sie fühlten, daß dort drüben, wo der Gegner an der Seite des Gefallenen kniete, sich etwas vollzog, was von den gewöhnlichen Vorfällen bei einem Duell weit abwich, und die Bitte des jungen Arztes ehrend, blieben sie in einiger Entfernung stehen.

Brunnow hielt mit dem linken Arme den Verwundeten umfaßt, dessen Haupt an seiner Brust ruhte, während er mit der Rechten das Tuch auf die Wunde preßte. War es der Schmerz dieser Berührung oder der Aufschrei: „Arno!“ der dem Ohnmächtigen das Bewußtsein zurückgab – er schlug die Augen auf und machte eine matte, abwehrende Bewegung.

„Laß das!“ sagte er. „Du hast gut getroffen – ich wußte es.“

„Arno, warum hast Du mir das gethan!?“ stöhnte Brunnow. „Warum mußte es gerade meine Hand sein? O, ich weiß es jetzt, weshalb Du mich gezwungen hast.“

Es lag ein so qualvoller Schmerz in diesen Worten, daß sie selbst den tödtlich Verwundeten erschütterten; er versuchte es, dem Sprechenden die Hand zu reichen.

„Verzeih’, Rudolph!“ sagte er kaum hörbar. „Mache Dir keine Vorwürfe! Ich danke Dir.“

Die Stimme versagte ihm, aber er richtete sich mit einer letzten Anstrengung halb empor, und sein Blick schien in der Ferne irgend etwas zu suchen. Brunnow stützte ihn; er versuchte mit Todesangst, das Blut zu hemmen, den rothen Lebensstrom, den seine eigene Hand entfesselt hatte, und der Arzt wußte doch, daß es hier nichts mehr zu hemmen, zu retten gab. Soeben brach die Sonne durch den Nebelschleier; drüben stand das Schloß auf seiner Höhe in leuchtender Morgengluth. Seine Mauern und Thürme schimmerten in rothem Lichte, und seine Fenster schienen Flammenblitze wie Grüße herüberzuwerfen. Arno’s Auge hing unverwandt an diesem einen Punkte; sein letzter Blick wandte sich dem „Sonnenstrahl“ zu, der ihn von dort her grüßte. Dann begann es zu dämmern; das leuchtende Bild wich weit und weiter zurück, und endlich versank es ganz. Es legte sich um den Sterbenden wie düstere Schatten, wie kühle Wasserschleier und er wurde fortgezogen, weit fort, in geheimnißvoll dämmernde Tiefen, wohin kein Laut des Lebens mehr drang, wo alles Ringen und Sehnen, alles Glück und Weh in einem tiefen Traum erstarb, und in den Traum verflocht sich ein fernes Rieseln, das leise geisterhafte Singen eines Quells, das wie aus endloser Ferne herniedertönte. –

Brunnow legte den Körper des Todten sanft nieder. Er wollte sich erheben, aber die Kraft versagte ihm, und fassungslos brach er an der Leiche des Jugendfreundes zusammen.




Eine neue Zeit war für das Land angebrochen. Die letzten vier Jahre hatten viel, beinahe Alles geändert; die einst verfolgte und unterdrückte Partei stand jetzt an der Spitze der Regierung, und mit diesem Umschwunge vollzogen sich auch tief eingreifende Veränderungen in allen Kreisen des öffentlichen Lebens. Bestrebungen, die einst gehemmt und bekämpft wurden, durften sich jetzt frei und offen regen, und mit den neuen Verhältnissen traten auch neue Persönlichkeiten auf den Schauplatz.

Unter denen, welche die jetzige politische Richtung ungewöhnlich schnell emportrug, befand sich auch Georg Winterfeld. Er nahm als Ministerialrath bereits eine für seine Jahre sehr bedeutende Stellung ein. Der Gouverneur, welcher gegenwärtig an der Spitze der -schen Provinz stand, war in allen Dingen das Gegentheil seines Vorgängers, liberal, nachsichtig und ohne jede Hinneigung zum Despotismus; ein energisches Durchgreifen war seine Sache nicht, und doch that dies bisweilen noth.

Brunnow hatte unmittelbar nach jener Katastrophe die Stadt verlassen. Er gab den dringenden Bitten seines Sohnes nach, sich nicht einer neuen Haft auszusetzen, der er nach den Duellgesetzen des Landes verfallen war, und die der alternde, durch die letzten Vorfälle so schwer gebeugte Mann wohl kaum ertragen hätte. Der Doctor war ja ohnehin entschlossen, sein Vaterland für immer zu verlassen. Noch ehe das Duell in der Stadt bekannt geworden war, kehrte er nach der Schweiz zurück, trat aber von dort aus öffentlich mit mit vollem Nachdrucke für das Andenken des Gefallenen ein. Er erklärte, unter dem Einfluß eines Irrthums gestanden zu haben und durch eine letzte Eröffnung Raven’s darüber aufgeklärt worden zu sein. Jene Beschuldigung sei unwahr und ein schweres Unrecht gegen den Todten. Dieses Zeugniß des Gegners, von dessen Hand der Freiherr gefallen war, fiel natürlich schwer in’s Gewicht, wenn auch die Sache jetzt so wenig erwiesen werden konnte wie früher. Der Tod erwies sich auch hier als der beste Vertheidiger. Was man dem Lebenden nie geglaubt haben würde, das glaubte man dem Todten, der gewissermaßen noch mit seinem letzten Atemzuge die ihn schändende Verleumdung für eine Lüge erklärt hatte.

Raven hatte seine Dienerschaft mit sehr reichen Legaten bedacht; im Uebrigen fiel sein ganzes Vermögen nach dem Testamente der jungen Baroneß Harder zu. Gabriele war nach dem Tode des Freiherrn lange und schwer krank gewesen und erholte sich nur sehr langsam. Gegenwärtig lebte sie mit ihrer Mutter in der Residenz, wo sie das Ziel unausgesetzter Bewerbungen war, aber sie schien den Gedanken an eine Vermählung weit von sich zu weisen, zur Verzweiflung der Baronin, die oft ihre ganze Beredsamkeit erschöpfte, nur die Tochter umzustimmen. Gabriele war vor Kurzem mündig und damit freie Herrin ihres Vermögens geworden; es war also nach Ansicht ihrer Mutter die höchste Zeit, ihre Wahl zu treffen. – –

Hofrath Moser hatte schon vor vier Jahren seinen Abschied genommen. Einerseits bestimmte ihn der Tod seines Chefs dazu, diese langgehegte Absicht auszuführen; andererseits ging es nicht gut an, im Staatsdienste zu bleiben, wenn man sich mit einer Demagogenfamilie verschwägerte, und dieses Schicksal hatte den Hofrath nun doch ereilt. Er sträubte sich zwar mit Händen und Füßen dagegen, aber das half ihm nichts; Max Brunnow lief so lange Sturm gegen ihn, bis er sich ergab. Dieser unverwüstliche [599] Freier erschien nämlich Tag für Tag, mit der größten Regelmäßigkeit, um seinem lieben Schwiegervater mitzutheilen, wie sehr er sich darauf freue, sein Schwiegersohn zu werden, und daß ein besserer Schwiegersohn überhaupt gar nicht in der Welt sei. Wenn der alte Herr zornig auffahren wollte, so drohte der gewissenlose Doctor mit Schlaganfällen und verschrieb Beruhigungstropfen. Wenn Jener ihm das Haus verbot, so erklärte Max, er könne den Anblick seiner Braut nicht entbehren, und kam am nächsten Tage eine Stunde früher. Der Hofrath ergab sich endlich in sein Schicksal; er gehörte zu den Naturen, die, wenn man ihnen täglich dasselbe sagt, es zuletzt glauben, und da er alle Tage hören mußte, daß dieser Schwiegersohn ebenso unabwendbar wie vortrefflich sei, so glaubte er es schließlich und nahm beides als eine unumstößliche Thatsache hin.

Einen etwas schwereren Stand hatte man mit der „geistlichen Vormundschaft“, die natürlich die Verlobung nicht anerkennen wollte und Himmel und Hölle dagegen in Bewegung setzte. Man drohte dem jungen Bräutigam mit der Hölle; er drohte dagegen mit der Presse und erklärte, er werde die ganze Stadt zur Vertrauten seiner Herzensangelegenheit machen und in sämmtlichen Zeitungen Lärm darüber erheben, daß man ihm seine Braut entreißen wolle, um sie wider ihren Willen in das Kloster zu sperren. Das erregte denn doch Bedenken. Man hatte bei dem Sturze des Gouverneurs gesehen, was Zeitungsartikel anrichten konnten.

Man gab nach. Die feindliche Partei zog sich zurück, und Max behauptete triumphirend das Feld. Er war klug genug, die Hochzeit so rasch wie möglich zu betreiben, und entführte seine junge Frau schon nach wenigen Monaten nach der Schweiz. Brunnow, der durch die Erbschaft seines Vetters völlig unabhängig geworden war, bestand darauf, daß Sohn und Schwiegertochter vorläufig in seinem Hause wohnten, da Max bei seiner schnellen Heirath nicht Zeit gefunden hatte, sich zuvor eine Praxis zu gründen. Dies geschah nun zwar in kürzester Frist; trotzdem wurde aber das Zusammenleben beibehalten. Das Verhältniß zwischen Vater und Sohn war ein durchaus anderes geworden, seit jener Scene am Krankenbette des Letzteren, und wenn einmal eine Differenz vorkam, so trat Agnes mit ihrer sanften Vermittelung dazwischen. Die junge Frau hatte in Kurzem das ganze Herz des Schwiegervaters gewonnen. Der Hofrath dagegen lebte nach wie vor in R. unter dem Scepter der Frau Christine, aber er befand sich wohl dabei und kam jeden Sommer, um seine Kinder zu besuchen. – –

Es war wieder Sommer geworden. Der See und die Stadt an seinen Ufern lagen im hellsten Sonnenschein, und das Gebirge erhob sich duftumhüllt und nur zur Hälfte sichtbar in der Ferne. Die einst so kleine und bescheidene Besitzung Rudolph Brunnow’s zeigte jetzt ein weit stattlicheres Aussehen. Der Garten hatte durch Ankauf der benachbarten Grundstücke fast das Doppelte an Raum gewonnen, und auch das Wohnhaus war umgebaut und bedeutend vergrößert worden, da es jetzt Platz für zwei Familien gewähren mußte. Der junge Doctor Brunnow pflegte sonst die Vormittagsstunden zu Besuchen bei seinen Patienten zu benutzen, heute aber war die gewohnte Ausfahrt unterblieben, und Max befand sich im Garten, mit einem Gaste, der erst vor einer halben Stunde eingetroffen war.

„Jetzt kommst Du aber mit mir, Georg, damit ich Dich auch einmal für mich allein habe!“ sagte er nachdrücklich. „Papa läßt Dich sonst gar nicht aus den Händen, und Dein Besuch gilt doch vor allen Dingen mir. Das war eine Ueberraschung! Ich ahnte gar nicht, daß Du in der Schweiz seiest.“

„Es war eine Dienstreise,“ versetzte Georg. „Ich mußte zu unserer Gesandtschaft nach B. Meine Aufträge waren schneller erledigt, als ich glaubte, und da konnte ich es mir nicht versagen, auf der Rückreise Dich zu überraschen.“

Winterfeld hatte sich in den letzten vier Jahren kaum verändert. Er war nur reifer, männlicher geworden, und seine Haltung hatte an ruhiger Sicherheit noch gewonnen. Die frühere durchsichtige Blässe aus seinen Zügen war längst der Farbe der Gesundheit gewichen, aber aus der einst so klaren Stirn lag ein Schatten, und die schönen blauen Augen, die sonst nur ernst blickten, hatten jetzt etwas entschieden Düsteres. Der kaum zweiunddreißigjährige Mann mit seiner so viel verheißenden Lebensstellung schien irgend etwas mit sich herumzutragen, was ihm die Freude am Leben nahm. Max Brunnow’s Aussehen dagegen entsprach vollständig seiner Behauptung, daß er sich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz vortrefflich befinde, und war überdies ein glänzendes Zeugniß dafür, daß Frau Agnes die Hausfrauentugenden sich zu eigen gemacht hatte.

„Sage einmal, Georg,“ fragte Max im Laufe des Gesprächs, „wie lange dauert es denn noch eigentlich, bis Du Minister wirst?“

Georg lachte. Wahrscheinlich noch eine ganze Reihe von Jahren. „Vorläufig bin ich Ministerialrath.“

„Und die rechte Hand des Ministers, die Seele der ganzen Verwaltung. O, wir wissen ganz genau, wie es in Eurer Residenz zugeht. Ich höre oft genug davon durch meinen Schwiegervater. Die gute Stadt R. muß nun einmal opponiren, das bringt die lange Gewohnheit so mit sich. Der neue Gouverneur ist die Liberalität und Menschenfreundlichkeit selbst; sie finden eigentlich nichts an ihm auszusetzen und das gerade ärgert sie.“

„Was man vermißt,“ sagte Georg, „ist die mächtige Persönlichkeit Raven’s, die selbst den Feinden Bewunderung abzwang. Der jetzige Gouverneur ist redlich und wohlwollend, aber er ist durchaus keine hervorragende Natur und vielleicht nicht ganz einem so wichtigen und verantwortungsreichen Posten gewachsen. – Der Hofrath lebt also noch immer in R.? Ich glaubte, er würde sich endlich zu einer Uebersiedelung zu seiner Tochter entschließen.“

„Welche beleidigende Idee!“ spottete Max. „Mein Schwiegervater, der Inbegriff aller Loyalität, sollte einer schnöden Republik den Besitz seiner Person gönnen? Er lebt und stirbt unter den Fittigen seines allergnädigsten Souverains. Hier würde sich übrigens das Zusammenleben des alten Herrn mit meinem Vater auf die Dauer doch sehr unerquicklich gestalten. Sie sind zu schroffe Gegensätze, um je mit einander auszukommen.“

Winterfeld warf einen Blick nach dem Hause zurück. „Max, ich habe Deinen Vater doch recht gebeugt und gealtert gefunden.“

Max zuckte die Achseln. „Er kann den Tod Raven’s nicht verwinden. Ich glaubte, die Zeit würde den Schmerz mildern – leere Hoffnung! Als Arzt muß ich mir sagen, daß wir ihn nicht mehr lange besitzen werden. Ich kenne die Symptome.“

Er war ernst geworden bei den letzten Worten, und der gleiche Ausdruck legte sich auf Georg’s Gesicht.

„Er kann sich nicht losreißen von dem Gedanken an das, was er einst geliebt hat,“ sagte er, „er geht zu Grunde an der Erinnerung – ich verstehe das.“

„Ja, Du scheinst mir auch nicht übel Lust zu haben, an solch einem ‚Gedanken‘ zu Grunde zu gehen,“ fiel der junge Arzt mit aufflammendem Aerger ein. „Als wir uns das letzte Mal sahen, wolltest Du mir durchaus nicht Rede stehen, jetzt aber siehst Du noch elegischer aus als damals. Beichte einmal!“

Georg machte eine abwehrende Bewegung. „Erlaß mir das! Du weißt es ja, ich bin unverbesserlich, und in dem Punkte verstehst auch Du mich nicht.“

„Natürlich, ich werde als unverbesserlicher Realist gar nicht in dem Heiligthum Deiner Gefühle zugelassen.“

Winterfeld runzelte die Stirn und wandte sich ab, aber Max fuhr unbekümmert fort:

„Dieses ängstliche Zögern und Fliehen vor einem Glücke, das Du mit einem kecken Griffe vielleicht noch erreichen könntest, dieses zartsinnige Schwanken und Bedenken wird so lange dauern, bis irgend ein Anderer, der nicht so zartfühlend ist, Dir zuvorkommt, und dann hast Du zum zweiten Male das Nachsehen. – Ja, das verletzt Dich nun wieder, ich sage Dir aber: Alldieweil und sintemal Du über diese unvernünftige Liebe nicht herauskommen kannst, so mußt Du heirathen, – Punctum!“

„Du sprichst allerdings aus Erfahrung,“ sagte Georg mit einem erzwungenen Lächeln. „Du hast dieses Mittel bei Dir selbst versucht und mit dem glücklichsten Erfolge. Deine Frau ist eine allerliebste Erscheinung.“

„Nicht wahr, sie macht meiner Behandlung Ehre?“

Sie hatten inzwischen ihren Rundgang durch den Garten vollendet und näherten sich wieder dem Hause. In der Veranda saß Doctor Brunnow mit seiner Schwiegertochter, die ihm aus der Zeitung vorlas. Der Doctor war allerdings sehr gealtert, und sein Aussehen zeigte, daß er auch körperlich leidend sei. Seine frühere Reizbarkeit war verschwunden und hatte einer matten Theilnahmlosigkeit Platz gemacht, aus der nur selten noch ein Funke der einstigen Leidenschaft emporflammte. Aus Agnes dagegen [600] war eine blühende junge Frau geworden, die mit der früheren Sanftmuth jetzt eine gewisse Haltung und Würde verewigte. Ein etwa zweijähriger Knabe spielte zu den Füßen der Mutter; er erblickte kaum die beiden Kommenden, als er sich aufrichtete und noch etwas unbeholfen versuchte, dem Vater entgegenzulaufen. Mit einem Sprunge war Max die Stufen hinauf und hob den Kleinen empor.

„Sieh Dir diesen Jungen an!“ rief er, den derben, rothbackigen Buben mit vollem Vaterstolze seinem Freunde entgegenhaltend. Dann wandte er sich seiner Frau zu.

„Mein liebes Kind,“ sagte er, Georg bleibt vorläufig bei uns. „Er muß leider morgen schon wieder abreisen, bis dahin aber ist er unser Gast. Du bist wohl so gut, die nöthigen Anordnungen zu treffen.“

Die junge Frau war in der That allerliebst, als sie dem Freunde ihres Mannes ihre Freude an dem Besuche aussprach. Dann erhob sie sich, um nachzusehen, ob das Gastzimmer in Ordnung sei.

„Ich nehme den Kleinen mit mir,“ bemerkte sie. Er ist es gewohnt, Vormittags eine Stunde zu schlafen. „Du trägst ihn mir wohl nach dem Schlafzimmer hinauf?“

„Ich werde wohl bei Georg bleiben müssen,“ versetzte Max. „Der Junge muß es endlich lernen, die Treppe allein hinauf zu gehen; er ist groß genug.“

„Wie Du willst, lieber Max,“ erklärte Frau Agnes nachgiebig. „Aber Rudolph ist gewöhnt, von Dir getragen zu werden. Er wird weinen, wenn Du ihm nicht den Willen thust.“

„Das hat er von seiner Mutter!“ sagte Max.

Die junge Frau beugte sich mit unendlicher Sanftmuth nieder und nahm den Kleinen auf den Arm. Es war ein kräftiges Kind, aber doch keine allzuschwere Last; die Mutter schien es jedoch nur sehr mühsam zu tragen und an der Thür mußte sie sogar stehen bleiben, um Athem zu schöpfen, wobei sie einen halb vorwurfsvollen Blick zurücksandte. In der nächsten Secunde war Max an ihrer Seite.

„Wie oft habe ich Dir schon gesagt, daß Du Dich nicht so anstrengen sollst!“ sagte er in seinem alten Commandotone. „Gieb das Kind her! Ich werde es hinauftragen.“

Damit nahm er den Knaben von ihrem Arm und trug ihn wirklich nach dem oberen Stockwerke, wo sich die Wohnung des jungen Paares befand. Frau Agnes neigte gehorsam das Haupt und folgte – sie fügte sich jetzt wie immer dem Willen ihres Mannes.

Georg sah den Beiden mit einem gewissen spöttischen Zucken der Lippen nach.

„Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Sohne,“ sagte der alte Brunnow, „und machen Sie sich für Ihre dereinstige Ehe kein Programm und keine Paragraphen! Die Frau stellt sie doch insgesammt auf den Kopf.“

Die Worte sollten scherzhaft klingen, aber der Blick des Sprechenden weilte dabei forschend mit tiefem Ernste auf dem jungen Manne, der leise den Kopf schüttelte.

„Meine dereinstige Ehe?“ wiederholte er. „Ich werde mich nie vermählen. Sie kennen ja meinen Entschluß.“

„Ja, aber ich habe ihn stets bekämpft. In Ihrem Alter schließt man noch nicht für immer mit dem Glücke ab, und Sie gerade sind am wenigsten für das Alleinstehen geschaffen. Der Ehrgeiz wird nie Ihr ganzes Leben ausfüllen. Sie brauchen die Familienbande.“

Winterfeld antwortete nicht; er stützte sich auf das Gitter der Veranda und sah auf den See hinaus. Der Doctor legte die Hand auf seine Schulter.

„Georg, blutet die alte Wunde noch immer?“

Georg wandte sich um. In dem Blicke, der so düster dem seinigen begegnete, fand er eine verwandte Stimmung.

„Es giebt Wunden, die sich niemals schließen,“ versetzte er. „Ich konnte vielleicht nicht so leidenschaftlich aufflammen wie Andere, was ich aber einmal mit ganzer Seele umfasse, das halte ich auch für immer fest. Ich kann mich nicht davon losreißen, und ich will es auch nicht.“

„Haben Sie Gabriele in der letzten Zeit wiedergesehen?“ fragte Brunnow nach einer Pause.

„Ja, und viel öfter, als für meine Ruhe gut ist. Ich verkehre ja jetzt viel in den Kreisen wo sie lebt, und in der Residenz läßt sich ein unerwartetes Zusammentreffen nicht vermeiden. Oft steht sie mitten in irgend einem glänzenden Gewühl von Gästen vor mir, und wir müssen Beide der Begegnung Stand halten, wenn wir auch fliehen möchten, so weit als möglich. Hätte ich sie nicht wiedergesehen seit dem Tage, wo ich sie verlor, es wäre besser gewesen. Diese fortwährenden Begegnungen wühlen immer wieder von Neuem die Vergangenheit auf und rauben mir Kraft und Selbstbeherrschung. Ich leide furchtbar darunter.“

„Es war also doch nur der Zufall, der Sie herführte? Ich dachte es.“

Winterfeld sah den Doctor erstaunt an. „Sie hören ja, daß ich mich auf einer Dienstreise befinde und Sie und Max überraschen wollte.“

„So hat Ihnen Max noch nicht gesagt, daß die Harder’schen Damen hier sind?“

(Schluß folgt.)



Blätter und Blüthen.

Theodor Döring. Berliner Blätter bringen die Trauerkunde, daß der Altmeister deutscher Schauspielkunst, Theodor Döring, am 17. August in Berlin gestorben ist. Wir haben bereits in zwei illustrirten Artikeln unseres Blattes (Nr. 29, 1863 und Nr. 34, 1874) theils dem genialen Künstler eine eingehende Biographie gewidmet, theils einige Anekdoten mitgetheilt aus dem reichen Schatz, der sich an seine theatralische Laufbahn knüpft, so bleibt uns jetzt nur übrig, der tiefen Trauer Ausdruck zu geben, die uns und das ganze deutsche Volk bei diesem schmerzlichen Verluste durchdringt. Mit seltener Rüstigkeit und ungeschwächtem Humor hatte der Fünfundsiebenzigjährige noch in der letzten Saison seine schöpferische Kraft der Berliner Hofbühne gewidmet. Drei Jahre erst sind verflossen, seitdem das fünfzigjährige Künstlerjubiläum des Verstorbenen in Deutschland, besonders in Berlin und Leipzig festlich begangen wurde (am 25. Januar 1875). Da mußte er in diesem Sommer Heilung eines Magenleidens in Hamburg suchen; aber er kehrte kränker zurück und starb bald darauf in Berlin.

Was das ursprüngliche Talent theatralischer Darstellung betrifft, braucht Döring keinen Vergleich mit den gepriesensten Künstlern zu scheuen. Die Kunst der Nachahmung war ihm angeboren; selbst ohne die Mittel der Schminke und der scenischen Illusionen vermochte er Persönlichkeiten in dem Ausdruck ihres Mienenspieles wie ihres ganzen Wesens mit fast photographischer Treue wiederzugeben; er war ein Meister darin, die Organe und Sprachweisen der Menschen nachzuahmen. In dieser Selbstentäußerung und Verwandlungsfähigkeit liegt aber das Hauptgeheimniß der dramatischen Kunst. Mit einem genialen, oft kaustischen Humor ausgestattet, war Döring wie wenige berufen, die Humoristen des großen britischen Dichters auf der deutschen Bühne einzubürgern; sein unübertrefflicher Falstaff und sein meisterhafter Malvolio bezeichnen die Höhepunkte dessen, was er auf diesem Gebiete geleistet hat. Er zeichnete ferne Gestalten mit solcher Schärfe, daß sie für die Bühne typisch wurden: sein Elias Krumm, sein Commissionsrath Frisch, sein Banquier Müller waren solche unvergeßliche Gebilde des ergötzlichsten Humors, denen gegenüber den andern Künstlern nichts übrig blieb, als die Nachahmung und die Copie; doch auch sein Franz Moor, sein Nathan, sein Shylock und Mephisto waren interessante Charaktere, mit der markigen Energie eines hervorragenden Genius gezeichnet; man mochte hier und dort mit der Auffassung des Künstlers rechten, aber man mußte zugeben, daß seine Schöpfungen aus Einem Guß und jederzeit von tonangebender Bedeutung für die Bühne waren.

Immer mehr lichtet sich die alte Garde des Berliner Hofschauspiels; mit Döring hat dasselbe seine letzte Berühmtheit verloren. Er gehörte noch jener alten Schule an, welche durch geniale Instincte und Eingebungen zu wirken verstand und auch außer der Bühne sich populär zu machen wußte, ihre Kunst nicht wie einen Stern vornehm unter dem Ueberrock verbarg, sondern in allen heiteren Kreisen ihre mimischen und pantomimischen Feuerwerke zum Besten gab. Alles Langweilige, theaterakademisch Zurechtgeschneiderte war diesem noch in hohen Jahren frischen und ursprünglichen Kunstgenie zuwider. Das Berliner Publicum vor Allem wird die Erinnerung an seine hervorragenden Leistungen sowohl, wie an seine joviale, oft sarkastische, stets gutmüthige Persönlichkeit treu bewahren, die deutsche Kunstgeschichte aber ihm einen bleibenden Platz in dem Pantheon gönnen, in welchem die Unsterblichen aus dem Gefolge der Thalia und Melpomene eine Stätte finden.

Indem wir dem ausgezeichneten Künstler und Menschen an seiner Gruft ein wehmütiges Lebewohl nachrufen, verbuchen wir damit den Wunsch, daß das Genie deutscher dramatischer Schauspielkunst nicht mit den Meistern aussterben, sondern sich stets erneuern möge in jüngeren Kräften zur Freude des kommenden Geschlechtes.



Kleiner Briefkasten.

M. M. in R. Wir kennen allerdings in einer norddeutschen Seestadt eine sehr empfehlenswerte Privat-Pension für junge Ausländer, deren Adresse wir Ihnen, wenn Sie es wünschen, gern mittheilen.

Düsseldorf. Ollendorff’sche Methode.

W. v. M. in L. Sie scheinen vergessen zu haben, daß die Herstellung einer „Gartenlauben“-Nummer circa drei Wochen in Anspruch nimmt.


  1. Frank, der Verfasser der ersten in deutscher Sprache (1534) erschienenen allgemeinen Geographie: „Weltbuch, Spiegel und Bildtnis des gantzen Erdtbodens“, ist verschollen auf der Flucht vor dem Anathem des protestantischen Kirchentags zu Schmalkalden. – Michael Serveto, der treffliche Herausgeber des Ptolemäus, wurde 1553 in Genf durch das protestantische Ketzergericht Calvin’s unter anderem auch deshalb lebendig verbrannt, weil er dem „gelobten Lande“ nicht den nämlichen Reichthum an Naturgaben zuschrieb, wie die Bibel, und daher Moses der Unwahrheit in seinen Schilderungen geziehen habe.
  2. Das Denkmal Mercator’s besteht in einem sich aus einem Wasserbassin erhebenden Pfeileraufbau, welcher mit Rundbögen und einem Kuppelgewölbe geschlossen ist; über diesem Pfeilerbau ragt das Standbild auf einem Postament empor, an welchem sich vier mit Inschriften versehene Nischen befinden; neben diesen sitzen auf den vier Ecken allegorische Kinderfiguren. Die überlebensgroße Figur Mercator’s, welche den Aufbau krönt, ist nach vorhandenen Gemälden und Kupferstichen in der kleidsamen Tracht jener Zeit hergestellt, eine halb entrollte Karte in der einen, einen Zirkel in der andern, in die Seite gestemmten Hand haltend; ein Globus steht zu Mercator’s Füßen. Im Innern des Pfeileraufbaus ist eine bronzene, überlaufende Schale mit springendem Wasserstrahl angebracht, und darunter lagern vier wasserspeiende Seeungeheuer, wie sie Mercator auf den Rand seiner Karten zu zeichnen pflegte. Ein Wasserbassin, welches auf einer achteckigen Platte ruht, umgiebt den ganzen Bau. Die Höhe des Denkmals beträgt 9,2 Meter. Das ganze Werk, mit Ausnahme der Schale, ist aus weißem Trierer Sandstein hergestellt. Der Entwurf rührt von dem Stadtbaumeister Schultze zu Duisburg her, während der Bildhauer Jos. Reiß in Düsseldorf die Ausführung des Denkmals besorgt und die Figuren selbst modellirt und gemeißelt hat; die architektonischen Steinmetzarbeiten sind von den Steinmetzen Kaufhold und Berndt in Düsseldorf beschafft worden.
    Die Redaction.

Anmerkungen (Wikisource)