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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 261.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[261]

No. 16.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Ein kleines Bild.
Von Ernst Wichert.
(Fortsetzung.)


Vierundzwanzig Stunden später konnte Rose seinen Wirthen eine sehr erfreuliche Nachricht bringen. Der Lieutenant Victor Blanchard war glücklich ermittelt worden. Er befand sich unter den gefangenen Officieren in Arnold’s Vaterstadt und hatte seine Wunde bereits geheilt. Madame Blanchard vergoß reichliche Freudenthränen; ihr Mann fühlte sich nicht weniger erleichtert, unterließ aber nicht zu bemerken: es sei also doch richtig mit der Verwundung, und es müsse eine schwere Verwundung gewesen sein, da man ihn habe gefangen nehmen können, wogegen denn Niemand ein Bedenken auszusprechen wagte, am wenigsten Arnold. Gleich nach Tisch beschäftigte sich die ganze Familie eifrigst mit Briefschreiben; aber auch Arnold schrieb an seine Mutter und an Onkel Helmbach, empfahl ihnen den jungen Officier und fügte den Wunsch hinzu, daß ihm seine eigenen Zimmer eingerichtet und zur Disposition gestellt werden möchten; was man Victor Blanchard thue, das thue man ihm selbst.

Nicht weit über eine Woche war seitdem vergangen, als die Feldpost Briefe brachte, die mit nicht geringer Spannung erbrochen wurden. Onkel Helmbach schrieb, daß man sich des lieben Gefangenen sofort bemächtigt und ihn, dem Wunsche Arnold’s entsprechend, in dessen Zimmer einquartiert habe. Man sei allseitig bemüht, ihm das Leben möglichst angenehm zu machen. Er, Onkel Helmbach, hätte ihn am liebsten bei sich selbst aufgenommen, da Clärchen doch die einzige in der Familie sei, die Französisch sprechen könne; aber Clärchens wegen sei das doch wieder nicht angegangen, weil ja keine Frau im Hause sei und man sich vor dem Gerede der Leute in Acht nehmen müsse. Man habe nun aber verabredet, daß er mit seiner Tochter bei der Commerzienräthin für gewöhnlich speisen wolle, damit doch der arme Mensch sich in seiner Muttersprache unterhalten könne. Gleich am ersten Tage habe sich’s freilich herausgestellt, daß Herr Victor Blanchard eifrig darauf aus gewesen sei, Deutsch zu lernen; er habe ein kleines Wörterbuch bei sich gehabt und könne sich mit Hülfe desselben schon ziemlich gut verständlich machen. Seine Cigarren seien ihm sämmtlich zu schwer, aber er habe schon für die feinsten Papiros gesorgt. Man freue sich, der Familie Blanchard, von der er so viel Gutes berichte, eine Gefälligkeit erweisen zu können. Das bestätigte denn auch seine Mutter und trug ihm auf, der Madame Blanchard einen Gruß zu bestellen und ihr zu sagen, daß ihr Sohn auf sie den günstigsten Eindruck gemacht habe.

Victor selbst beruhigte seine Eltern wegen seiner Wunde, die in einem deutschen Lazareth unter der sorgsamsten Pflege eines tüchtigen Arztes sehr glücklich geheilt sei, versicherte, daß man die Gefangenen sehr rücksichtsvoll behandelt und ausreichend unterstützt habe, schilderte seine Ueberraschung, sofort nach Empfang der Briefe, die ihm endlich über seine Angehörigen Gewißheit gaben, von einem sehr liebenswürdigen alten Herrn und einer sehr schönen jungen Dame in einer Equipage aus der Caserne abgeholt und nach einem luxuriös ausgestatteten Privatquartier gebracht zu sein, ertheilte der Commerzienräthin alles Lob als einer sehr aufmerksamen Wirthin und ließ Arnold Rose für die warmen Empfehlungen danken, die ihm eine so freundliche Aufnahme verschafft hätten. Es folgten dann politische Betrachtungen sehr ernster Art, zu denen Herr Blanchard den Kopf schüttelte, und zuletzt Herzensergüsse, die ihm sympathischer waren. „Alles, was wir in unserer Lage thun können,“ schrieb Victor, „ist, daß wir uns auf die Revanche vorbereiten, die wir über kurz oder lang zu nehmen haben, daß wir von unserem Unglück und von unseren Feinden lernen, und daß wir Frankreich, welche Regierung es sich auch geben mag, unser ganzes Herz bewahren. Wir müssen, wir werden siegen. Ich erlerne die deutsche Sprache und hoffe davon einmal Nutzen zu ziehen, wenn ich mit unserer siegreichen Armee diesen Boden betrete.“

„Bravo, bravo!“ rief Blanchard und las diese Stelle laut vor. „Er verliert den Muth nicht; er weiß, was die Ehre Frankreichs fordert. Vielleicht schneller, als er denkt … noch steht Paris, noch steht es.“

Arnold achtete die Gefühle des Patrioten und widersprach nicht. Er merkte bald, daß sich die Stimmung gegen ihn allseitig besserte. An die Stelle der höflichen Rücksichtnahme trat ein freundschaftliches Entgegenkommen. Victor schrieb wieder und wieder, mit immer wärmeren Ausdrücken die trefflichen Menschen lobend, die darin wetteiferten, ihm seine Gefangenschaft in Vergessenheit zu bringen, und die Familie Blanchard bemühte sich dann sichtlich, sich ein gleiches Lob aus dem Munde ihres Gefangenen – sie ahnten freilich nicht, wie sehr er’s war, – zu verdienen.

„Die Feindschaft der Nationen,“ schrieb Victor, offenbar unter dem Einflusse seiner deutschen Umgebung, „darf die Gefühle von Hochachtung und Verehrung nicht ausschließen, die der Mensch dem Menschen schuldet. Die Individuen haben das natürliche Recht, individuell zu empfinden und ihr Verhältniß zu einander nach anderen als politischen Grundsätzen zu regeln. Freilich entscheidet zuletzt patriotische und gesellschaftliche Pflicht [262] über unser äußeres Verhalten den Freunden gegenüber, die unsere politischen Feinde sind, weiter aber darf unsere Abhängigkeit von solchen Rücksichten nicht gehen, wenn wir uns noch als freie Menschen fühlen und bethätigen wollen.“

Juliette wiegte nachdenklich den Kopf. „Ihre Cousine muß ein sehr hübsches und liebenswürdiges Mädchen sein,“ sagte sie.

„Weshalb?“

„Es fiel mir nur so ein.“

„Wenn es nach meiner Mutter ginge, so würde sie meine Frau.“

Juliette richtete sich wie erschreckt auf. „Ihre Frau?“

Er lachte. „Wenn es nach meiner Mutter ginge –!“

„Und Sie?“ Sie begleitete diese kurze und schnell hingeworfene Frage mit einem Blicke, der bestimmt schien, ihn durch und durch zu sehen.

„O, ich …“ antwortete er und zuckte die Achseln.

„Nun – nun – ? Beichten Sie nur!“

„Ein Mädchen, das mich liebte, hätte von dieser Seite nichts zu fürchten.“

„Das ist eine gewundene Erklärung,“ meinte sie. „Ein Mädchen, das Sie nicht liebt, hat natürlich ebenso wenig zu fürchten. Ich wollte wissen, wie weit Sie selbst betheiligt sind … ohne jedes weitere Interesse, als das aus einer gewissen freundschaftlichen Theilnahme für einen Mann hervorgeht, der sich’s nun einmal in den Kopf gesetzt zu haben scheint, uns vergessen zu machen, daß er unser Feind ist. Mein Bruder hat nicht ganz Unrecht: man verletzt nicht eine allgemeine Pflicht, wenn man zu Gunsten Einzelner sie auf das nothwendigste Maß einschränkt.“

„Ich gehe viel weiter,“ entgegnete er lebhaft, „und behaupte, eine solche allgemeine Pflicht der Abneigung und Feindseligkeit lasse sich nur unter der stillschweigenden Bedingung rechtfertigen, daß jede Ausnahme zu Gunsten des rein menschlichen Gefühls gestattet sei. Ich gestehe ein solches nothwendigstes Maß, wie Sie’s nennen, gar nicht zu, sondern stelle die Freiheit, sich als Mensch dem Menschen gegenüber zu fühlen, obenan; ich betrachte die nationale Feindschaft als ein Unglück, nicht als eine sittliche Pflicht – auch selbst im Kriege – und folge, wo mein Herz mitspricht, keinem Machtgebote, als dem der Liebe.“

Juliette hatte mit gesenkten Augen zugehört; jetzt bewegten sich mit raschem Zucken die langen Wimpern ein wenig auf und ab. Es war da ein Wort gefallen, das einen so eigenen Klang hatte, gar nicht wie andere Worte. Sie hätte ihm sagen können, daß sie gar keine Antwort auf ihre Frage erhalten habe, aber es mußte ihr nun wohl gefährlich erscheinen, weiter in ihn zu dringen, und noch gefährlicher, ihm auf dem Seitenwege zu folgen, den er eingeschlagen; sie schwieg und benutzte die erste beste Gelegenheit, sich zurückzuziehen.

Aber man fand sich doch immer wieder. Eines Tages trat Juliette mit dem Wunsche hervor, auch Deutsch zu lernen, wie ihr Bruder. „Ich denke mir,“ sagte sie, „Victor wird für seine Sprachstudien aus dem anscheinend sehr regen Verkehr mit Ihrer Cousine den größten Vortheil ziehen; warum soll ich mir den Umgang des Cousins in unserem Hause nicht in gleicher Weise nutzbar machen? Ich habe immer gefühlt, daß man Ihrer schönen Literatur nicht gerecht werden kann, wenn man sie nur aus französischen Uebersetzungen kennt. Sie haben ja viel überflüssige Zeit: wollen Sie mir Stunden geben?“

Er erklärte sich natürlich in den wärmsten Ausdrücken dazu bereit, verschwieg aber nicht, daß die Sprache sehr schwer sei.

„O!“ rief sie, „Sie müssen’s nur nicht damit anfangen, wie ein Pedant. Ich mag nicht aus dem Buch Vocabeln lernen und decliniren und conjugiren; Sie müssen mir’s beibringen, wie einem Kinde, das den Unterricht gar nicht merkt. Wenn ich mich langweile, ist’s bald aus mit meinen guten Vorsätzen. Versuchen Sie’s einmal, wie weit Sie’s mit mir bringen, und fangen wir gleich an!“ Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand, so daß sich die Locken zwischen den Fingern hindurchringelten. „Nun –? Was heißt in Ihrer Sprache: ‚fangen wir gleich an‘?“

Seine Lehrmethode gewann immer mehr ihre Zufriedenheit. Aus der Stunde wurden oft genug Stunden. Und nach einiger Zeit durfte man sich auch nicht mehr mit dem Sprechen begnügen; es war nöthig, die gelernten Worte und Sätze zu schreiben. Arnold mußte also um den Tisch herumrücken und sich an ihre Seite setzen, und ihr, wenn sie die wunderlichsten Buchstaben zusammengestellt hatte, die Feder abnehmen und Verbesserungen eintragen, oder am liebsten, da sie doch wie ein Kind lernen wollte, die reizende kleine Hand führen. Oft kamen sie auch in Streit, wenn er ihr ein Wort vorsprach, das ihre Zunge durchaus nicht bewältigen konnte, er nun immer noch zu meistern hatte und sie behauptete, ganz richtig nachzusprechen, wie er vorspreche.

„Ach, Sie sind doch ein Pedant,“ rief sie dann ärgerlich, „ich hätte mich gar nicht mit Ihnen einlassen sollen.“

Madame Blanchard aber, die, gewöhnlich mit einer Näharbeit am Fenster saß, mahnte freundlich: „Sei hübsch artig, Juliette! Du machst es Herrn Rose schwer genug.“ Das wollte er natürlich nie gelten lassen, und wenn er dann seine Schülerin recht aus dem Grunde lobte, durfte er stets auf einen dankbaren Blick oder auf einen flüchtigen Händedruck rechnen. – –

Die Einschließung von Paris dauerte so lange, daß man sich an den Gedanken gewöhnte, so noch unbestimmte Zeit fortleben zu können. Die beiden jungen Leute wenigstens schienen gar nicht ungeduldig auf eine Entscheidung zu warten, und auch Herr Blanchard hatte sich so weit beruhigt, daß nur noch ganz ungewöhnliche Nachrichten ihn in Aufregung versetzten und zu lebhafteren Auseinandersetzungen über die politische Lage stachelten. Er hatte sogar in einer guten Stunde schon zugegeben, daß der Krieg von Frankreich hervorgerufen sei und daß es verständiger gewesen wäre, den Preußen ihr Sadowa zu gönnen. Nun aber kam endlich doch der Tag, an dem Paris fiel, und wie mit einem Gewitter schlug plötzlich die Stimmung wieder um.

„Dem Hunger ist Paris erlegen,“ rief er wüthend, „dem Hunger! Nicht mit Waffengewalt ist es genommen. O, es ist eine Schmach, so zu siegen.“ Er ballte die Fäuste, und große Thränen stürzten über sein hageres Gesicht. Arnold, der ihn zu besänftigen versuchte, wurde mit beleidigenden Worten zurückgewiesen. „Frohlocken Sie nicht zu früh, mein Herr!“ donnerte er ihn an; „dieser Sieg wird Ihr Verderben sein. Was ist die Welt ohne Paris? O, man tritt das Große nicht brutal unter seine Füße, ohne sich der allgemeinen Verachtung auszusetzen. Hätten die Deutschen Paris geschont, es wäre vielleicht noch ein Friede möglich gewesen; jetzt wird Feindschaft sein zwischen den beiden Nationen bis an den jüngsten Tag, was auch die Diplomaten zu Papier bringen. Kein Wort mehr – ich bitte Sie, kein Wort mehr! Wir hatten Waffenstillstand geschlossen bis zur Entscheidung; nun ist Paris gefallen – zwischen uns giebt’s fortan keine Gemeinschaft.“

Madame Blanchard und Juliette legten Trauer an; sie gingen Arnold scheu aus dem Wege oder beschränkten sich auf den nothdürftigsten Verkehr. Schritt vor Schritt war man langsam einander näher gekommen, und wie mit einem einzigen Sprunge maß man die weiteste Entfernung wieder zurück. Und es war nun gar keine Hoffnung mehr, nochmals vom Anfang anzufangen und den verlorenen Boden wiederzugewinnen; der Fall von Paris hatte eine Kluft aufgerissen, die auszufüllen auch der Muthigste verzagen mußte. Arnold hatte sich schon dem Ziel so nahe geglaubt und sah es jetzt in unabsehbare Ferne gerückt. Er wagte in der ersten Bestürzung nicht einmal, die Augen darauf zu richten. Alles, alles schien verloren.

Wie ein Träumender ging er einige Tage noch in dem ihm so lieb gewordenen Hause aus und ein, ohne freilich die Wohnung seines Wirths zu betreten. Es kam ihm wie etwas ganz Unerträgliches vor, den Umgang des Mädchens missen zu sollen, das sich seines ganzen Herzens bemächtigt hatte, und dem auch er – daran zweifelte er nicht – etwas geworden war. Aber noch unerträglicher wurde bald die Vorstellung, mit Juliette unter demselben Dache zu wohnen und sie nicht sehen, nicht sprechen, nicht lachen hören zu können. Er machte sich bittere Vorwürfe, den rechten Moment zu einer offenen Erklärung versäumt zu haben, sehr ungerechte Vorwürfe, denn sein Gefühl hatte ihn ganz richtig geleitet. Dann meinte er wieder trotzig, vor Blanchard hintreten und sich ihm mit Mannesmuth eröffnen zu müssen, und gleich darauf nannte er sich selbst einen Tollhäusler. „Es ist aus, ganz aus,“ rief er sich zu. „Ich bin wie der Matrose, der im Sturm über Bord fällt. Er weiß

[263] recht gut, daß kein Boot ausgesetzt werden kann, um ihn zu retten, und daß seine Schwimmkünste bald erlahmen müssen, und doch rührt er noch die Arme, sich über Wasser zu erhalten. Fruchtloses Bemühen – hinab!“

Er forderte, da ja seine Dienste jetzt schon leicht entbehrt werden konnten, beim Commando der Lazarethabtheilung seine Entlassung und gab Kruttke den Befehl, seine wenigen Sachen zusammenzupacken. Der brave Bursche hatten längst gemerkt, was ihn an das Haus fesselte. „Ich wußt’s wohl,“ sagte er traurig, „das ist von wegen Paris. Na – ich denk’ mir so in meinen dummen Gedanken: halb haben wir’s doch nur, und das ist halb zu wenig oder halb zu viel. Man sieht’s an dem Herrn Blanchard, da ist keine Dankbarkeit nicht, daß man die Stadt schont; hätten wir sie zusammengeschossen, es wär’ gerad’ so. Und – nehmen Sie sich’s nur nicht zu Herzen, Herr Rose! – wären wir gar nicht einmarschirt, es wär’ gerad’ auch so. Deutsche und Franzosen tanzen nun einmal nicht nach derselben Musik. Und darum – na! ich will von dem schönen Fräulein nichts sagen, aber das Herz könnt’ einem weh thun, wenn man so viel Unverstand unter den Menschen sieht, wo es doch ein Blinder mit der Hand greifen kann, daß es ihnen eigentlich ganz anders zu Muth ist. Ja, ‚da hört sich die Weltgeschichte auf,‘ hat immer unser Herr Lehrer gesagt, wenn einer von uns gar zu dumm war, daß er ihm gar nicht mehr meint' den Kopf zurecht setzen zu können – und hier ist’s beinah’ ebenso. Na, es giebt auch noch in Deutschland schöne Fräulein, und so arge Mucken, wie die hier, haben sie denn doch nicht, und so ein hübscher, guter Herr … I, das find’t sich Alles wieder zurecht. Ich wünscht’ nur, ich könnt’ gleich mit Ihnen, daß meine alte Mutter nicht so lange zu warten braucht.“

Das war die längste Rede, die Kruttke je fertig gebracht hatte. Sie mußte sich in den letzten schweigsamen Tagen angesammelt haben. Rose, dem das Wasser in die Augen stieg, klopfte dem treuen Menschen die Schulter und drückte ihm die Hand, sagte aber kein Wort. Als er reisefertig war, stieg er langsam die Treppe hinauf, und auf jeder folgenden Stufe fühlte er sein Herz schwerer, daß es ihm zuletzt wie ein Stein in der Brust lag, als er an die Thür klopfte. Als eine bekannte helle Stimme „Herein!“ rief, schalt er sich, daß er nicht fortgelaufen sei, ohne seine schmerzliche Wunde noch einmal aufzureißen.

Er fand Juliette allein im Salon, und das hob seine Stimmung wieder. Ihr Gesicht war verweint, und die schlanke Gestalt, als sie sich nun erhob, schien wie haltlos und gebrochen. Die bleichen Wangen rötheten sich schnell, und in den matten Augen glühte etwas von dem Feuer auf, das damals so lebhaft darin loderte. Nur eine Secunde oder weniger – dann erstarrten diese sonst so beweglichen Formen; die Wangen entfärbten sich wieder, und der stolz abweisende Blick erinnerte ihn an jenes erste Zusammentreffen am Wagen, als er sie aus der Pension abholte. „Mein Herr –“ sagte sie hastig, als er, von seinem Gefühle überwältigt, nicht sofort zu seiner Einführung Worte fand.

„Ich komme, Abschied zu nehmen, Fräulein Juliette –“ fiel er nur ein, indem er die flache Hand wie begütigend vorstreckte.

Sie schien zu erschrecken und eine plötzliche innere Unruhe gewaltsam niederzukämpfen. „Abschied …?“ fragte sie unsicher, und fügte leise hinzu: „schon?“

„Es ist am besten so,“ antwortete er, ein paar Schritte vortretend, „ich hab’s überlegt. Ich habe so gute, glückliche Tage in diesem Hause verlebt, und ich möchte doch gern ein warmes Andenken daran in die Heimath mitnehmen. Was jetzt noch folgen kann … Sie wissen ja, daß sich nach diesen letzten Ereignissen, über die wir keine Macht haben, das frühere Verhältniß nicht wieder herstellt – wenigstens jetzt in Kürze nicht.“

„Nie mehr, nie mehr,“ rief sie sehr erregt, „glauben Sie mir: nie mehr.“ Dabei perlten große Thränen aus den ängstlich ausweichenden Augen hervor. Sie preßte fest die Lippen zusammen, als ob sie ihr Gefühl zwingen wollte, sich nicht zu verrathen, aber es gelang ihr nicht. Unwillig über ihre eigene Schwäche, wandte sie sich dem Fenster zu. Das krampfhafte Zucken des Kopfes und der Schultern sagte ihm, daß der Thränenstrom sich nicht hemmen ließ und daß sie mit größter Anstrengung ein lautes Schluchzen niederzukämpfen suchte. Er wagte nicht, ein Wort der Beruhigung zu sprechen.

Nach einer Weile nahm sie wieder ihre frühere Stellung ein. „Mein Vater liegt krank zu Bett,“ sagte sie, und die glockenhelle Stimme hatte jetzt einen rauhen Klang; „er wird bedauern –“

„Sie glauben, daß er mich abreisen lassen wird, ohne mir noch einmal die Hand zu reichen?“ fragte Arnold gekränkt.

„Sein nervöser Kopfschmerz …“ entschuldigte sie; „er ist so fieberhaft aufgeregt – selbst wir müssen jedes Wort auf die Goldwage legen, und wenn er nun durch Sie von Neuem erinnert wird … Aber ich will meine Mutter benachrichtigen, die an seinem Bette sitzt.“

Sie wollte rasch an ihm vorüber, er aber ergriff ihre Hand und hielt sie sanft zurück. Sie ließ es geschehen. „Ich betrachte es als eine besondere Gunst meines sonst so unholden Geschicks,“ sprach er mit bebender Stimme, „daß ich Sie allein im Zimmer traf, Juliette, als ich mit schwerem Herzen Abschied zu nehmen kam. Ihretwegen, Juliette, konnte ich nicht fort ohne Abschied –“

„O mein Herr –“ unterbrach sie, und ihre Hand wurde eiskalt; „warum sagen Sie mir das?“

„Weil ich hoffe, daß Ihre Empfindung der meinigen ein wenig entgegenkommt,“ antwortete er weich, „weil ich zu wissen glaube, daß ich Ihnen aus einem Feinde ein Freund geworden bin, weil es vielleicht auch Ihnen ein Herzensbedürfniß ist, sich einmal noch frei zu machen von dem bedrückenden Einflusse äußerer Verhältnisse und dem Scheidenden ein freundliches Wort auf den Weg zu geben. Ich werde lange – lange noch an Sie denken, Juliette – ich werde Sie nie vergessen können. Und ich trenne mich nicht von Ihnen ohne die zuversichtliche Hoffnung, daß wir einander im Leben noch einmal begegnen werden, wenn die Wunden, die dieser Krieg auch uns geschlagen, nicht mehr schmerzen. Sagen Sie mir, daß Sie mir bis dahin ein gutes, treues Andenken bewahren wollen – sagen Sie mir das, Juliette!“

Er hatte die letzten Worte rasch und fast zitternd hervorgestoßen, nun aber versagte ihm die Stimme: er hätte keinen Laut mehr herausbringen können. Sie stand neben ihm und hatte den Kopf gesenkt; die Locken hatten sich hinter dem Ohr gelöst und waren in langen Ringeln, das Gesicht deckend, vorgefallen. Es war jetzt so still, daß er ihr rasches Athmen hörte. „Was hindert Dich, sie in Deinen Arm zu schließen,“ flüsterte eine zitternde Stimme in seiner Brust, „ihr zu bekennen – –?“ Da fühlte er einen Druck der kleinen, weichen Hand. Der Kopf schüttelte die Locken über die Schultern zurück; sie sah ihm in die feuchten Augen mit einem schnellen, wehmüthig zärtlichen Blick – dann riß sie sich los und eilte fort. „Wir sehen uns nicht wieder,“ sagte sie, schon abgewandt; gleich darauf schloß sich die Thür hinter ihr.

Arnold stand wie betäubt. Nach einigen Minuten erschien Madame Blanchard. Sie entschuldigte ihren Mann und wünschte ihm sehr förmlich eine gute Reise. Er sagte ihr – er wußte selbst nicht was. Sie reichte ihm die Hand und er drückte einen Kuß darauf. „Grüßen Sie Victor!“ bat sie.

Einige Stunden später saß er im Eisenbahnwaggon, düster in eine Ecke gelehnt. Er hätte sich’s nimmer gedacht, daß er den Tag der Heimkehr einmal scheuen würde.


Im Hause der Commerzienräthin war großer Jubel, als Arnold Rose – „der Sohn“, „der junge Herr“, „der Chef“, wie er bei den verschiedenen Betheiligten hieß – unerwartet zurückkehrte. Seine Mutter, eine behäbige Dame, der die Gutmüthigkeit auf’s Gesicht geschrieben war, machte ihm, nachdem die Freudenthränen getrocknet waren, die zärtlichsten Vorwürfe, daß er sich nicht „ordnungsmäßig“ angemeldet habe; es sei nun seine Schuld, wenn er das Haus nicht von der Thürschwelle bis unter’s Dach hinauf geschmückt, das Comptoirpersonal und die Hausgenossen nicht in Feiertagskleidern finde. Man habe schon so viel darauf gedacht, wie man ihn empfangen wolle, und nun sei alles Kopfzerbrechen unnütz gewesen. Er konnte ganz aufrichtig antworten, es freue ihn recht, seinen Zweck erreicht zu haben; er liebe es gar nicht, daß mit seiner Person viel Aufhebens [264] gemacht werde, und sei aus dem Kriege, der so viel Leiden gebracht, auch gar nicht in der Stimmung heimgekommen, Feste zu feiern. Die Mama schüttelte den Kopf. Nun erst bemerkte sie, daß er nicht frisch aussehe.

„Sei ohne Sorge!“ sagte er hastig, „ich fühle mich ganz gesund und habe nur das Bedürfniß, mich in die alten Verhältnisse schnell einzuleben und sogleich wieder thätig zu sein.“

Das wollte der guten Frau gar nicht recht in den Sinn. Sie werde „den Doctor fragen“, meinte sie, „ob er nicht vor allen Dingen Erholung und gute Pflege brauche.“

Sein erster Gang war zu Onkel Helmbach. Der alte Herr mit dem runden glatten Gesicht, den buschigen grauen Augenbrauen und der hoch über die faltenlose Stirn hinaufgerückten kahlen Platte zwischen dem wohlfrisirten weißen Haar wurde ganz kreiselig vor Freude. Er umarmte und drückte ihn so herzhaft, daß sich die weiße Binde verschob und Clärchen hinterher sagen durfte, er sehe ganz liederlich aus.

„Nein diese Freude, daß Du wieder da bist, Junge!“ rief er ein Mal über das andere. „Du kannst gar nicht glauben, wie ich Deinetwegen gezittert habe. Wenn Dir da draußen etwas passirt wäre – das wäre ja auf mein Conto geschrieben, und zeitlebens hätt’ ich’s nicht wieder herunterbringen können. Ich hatte Deiner Mama doch gewissermaßen für den Sohn garantirt, und nun garantire einmal für so etwas, das sich selbst nicht ein Bischen schont und immer voran ist, und an gar keine Eventualitäten denkt.“ Er klopfte ihm auf die Backe, und seine Augen blitzten so hell, wie die beiden Diamantknöpfe in seinem Chemisette. „Na, und die Cigarren, haben sie Dir wirklich geschmeckt? Ich habe ein Kistchen für Dich bei Seite gestellt – eine wahre Kaiser-Cigarre, kann ich Dir sagen.“ Er nahm ihn wieder beim Kopf und küßte ihn rechts und links.

Cousine Clärchen wollte etwas von der Familie Blanchard wissen; sie war die Erste, die daran dachte. Arnold theilte ziemlich gleichgültig mit: wie die Villa aussehe und die Wohnung oben, was Herr Blanchard für ein eifriger Patriot sei und wie gut seine Frau mit Kruttke habe wirthschaften können.

„Es ist doch aber auch eine Tochter im Hause,“ bemerkte Clärchen ein wenig spitz.

„Freilich, freilich –“ bestätigte er mit erkünstelter Unbefangenheit, „Juliette – ein hübsches Mädchen, eine geschworene Feindin der Deutschen – wir haben so manchen Disput miteinander gehabt.“

„Wenn Du nur mit heilem Herzen zurückgekommen bist,“ meinte der Onkel schmunzelnd. „Ich kenne die Französinnen nur aus den Theaterstücken, aber da muß man sich immer vor ihnen in Acht nehmen. Geistreich und munter sind sie, aber Herz, was man so bei uns in Deutschland Herz nennt, haben sie nicht, und mit der Moral … ich will in Clärchens Gegenwart nichts davon sagen.“

„Die Franzosen haben ein eigenthümliches Vergnügen daran, sich auf der Bühne schlecht zu machen,“ antwortete Arnold; „man kennt sie nicht, wenn man sie nur von da her kennt.“

„Ich glaub’s gern,“ nickte Onkel Helmbach. „Wir haben’s ja auch an dem jungen Victor Blanchard erfahren. Für einen Franzosen ein ganz verständiger Mensch, kann ich Dich versichern – was, Clara?“

Das blonde Mädchen wurde roth. „Man unterhält sich recht gut mit ihm,“ meinte sie.

Der gefangene Officier wohnte noch bei der Commercienräthin. Arnold stattete ihm eine Visite ab und bestellte den Gruß aus dem elterlichen Hause. Er fand einen jungen Mann, der seinem Bilde nur noch wenig ähnlich sah. Die wenigen Monate mit ihren schweren Erfahrungen hatten ihn schnell gereift. Nichts mehr von dem komödienhaften Wesen, das auf eine Copie des großen Napoleon auszugehen schien, war an ihm zu bemerken. Er behandelte Arnold wie einen Freund seines Hauses und ließ sich sogleich sehr vorurtheilsfrei über die Seinigen aus. Er fürchte, seinem Vater gar nicht zu gefallen, äußerte er unter Anderem und werde Mühe haben, sich mit ihm über gewisse Dinge zu verständigen. Er wisse jetzt, daß man sich in Frankreich den Nachbar ganz unrichtig vorstelle, und sei nicht gesonnen, mit seiner bessern Einsicht hinter dem Berge zu halten. Uebrigens nahm auch er es für gewiß, daß es nach einigen Jahren zu einem zweiten Kriege kommen werde. „Wir werden dann nicht mehr für unser Uebergewicht kämpfen, aber für die Herstellung des verletzten Gleichgewichts. Unser Sieg wird dann für Sie keine Niederlage bedeuten; er wird, wie bei einem Duell, nur beiden Theilen die Möglichkeit geben, einander ehrlich die Hand zu reichen und auf Grund gegenseitiger Achtung einen der ganzen Welt erwünschten dauernden Freundschaftsbund zu schließen. Diese beiden Nationen, die sich in so Vielem ergänzen, müssen für das Wohl der Menschheit zusammen arbeiten; ihre Gegnerschaft bedeutet einen Rückschritt der Cultur.“

Das war das Zukunftsprogramm dieses jungen Franzosen, der sein Vaterland liebte und sich bemühte, auch dem siegreichen Feinde gerecht zu werden.

Man war weit genug auseinander, um Stunden lang eifrig disputiren zu können, und doch nicht zu weit, um sich deshalb erzürnen zu müssen. Arnold fühlte den Umgang mit Juliettens Bruder als eine Wohlthat; es war nun doch nicht jeder Verkehr mit der Familie abgebrochen, das Verhältniß setzte sich wenigstens in einem Gliede derselben fort, und neue Fäden wurden geknüpft, die sich vielleicht später fassen ließen. Victor wollte sofort das Quartier räumen, das, wie er wußte, früher von Arnold benutzt worden war, aber dieser litt es durchaus nicht. Seine Mutter mußte ihm ein Zimmer daneben einrichten lassen, sodaß sie nun nur eine Thür zwischen sich hatten, die unverschlossen blieb. An den ersten Tagen fanden sich auch nach bisheriger Gewohnheit Onkel Helmbach und Clärchen zu den Mittagsmahlzeiten ein. Victor war gegen die junge Dame die Aufmerksamkeit selbst. „Es ist gut,“ bemerkte die Commerzienräthin heimlich zu ihrem Sohne, „daß Du wieder da bist – diese Franzosen können sehr liebenswürdig sein.“ Er lächelte vor sich hin und drückte ihr die Hand.

Leider dauerte dieser nahe Verkehr wenig länger als eine Woche. Dann erhielt Victor einen Brief von seinem Vater nebst Geldeinlage, und was derselbe sonst noch enthielt, blieb nicht lange verborgen. Blanchard verlangte, daß sein Sohn das Rose’sche Haus verlassen und sich von jedem Umgange mit den Deutschen fern halten solle. Nachdem der Feind, wenn auch unter Bedingungen, die ihm wenig des Rühmens werth scheinen würden, gewagt habe, in Paris seinen Einzug zu halten, sei es für jeden Franzosen eine Ehrensache, seine Meinung über diese Barbarei nicht verkennen zu lassen. Uebrigens sei ja auch der junge Rose nicht mehr bei ihm in Quartier, und es schicke sich schon deshalb nicht, noch länger Gefälligkeiten anzunehmen, die auf Dank Anspruch erheben könnten. Victor zeigte Arnold diesen Brief, der ihm die Verlegenheit ersparte, seinen Rückzug zu motiviren. Er meinte, in der Hauptsache gehorchen und sofort eine Privatwohnung miethen zu müssen. Damit sei ja noch nicht gesagt, daß er durchaus seines Vaters Ansichten theile, wenn denselben schon eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen sei. Es könne ihm nur angenehm sein, auch ferner von Zeit zu Zeit bei so lieben und achtungswerthen Menschen anklopfen zu dürfen, und er werde nie vergessen, wie viel Freundliches er von ihnen … Es folgte ein Schwarm verbindlicher Redensarten, die vielleicht im Augenblicke ganz ernst gemeint waren, aber Arnold nur erkälteten. Sein Vornehmen, Victor in sein Herzensgeheimniß einzuweihen, blieb unausgeführt.

Der gefangene Officier hielt anfangs Wort. Bald aber wurden seine Besuche seltener und kürzer; seine Stimmung zeigte sich mehr und mehr verändert. Eines Tages meldete er, daß er die Erlaubniß erhalten habe, nach Frankreich zurückzukehren, und nahm sehr förmlichen Abschied. Arnold konnte es nicht über sich gewinnen, ihm auch nur einen Gruß an seine Schwester aufzutragen.

Ungefähr zu derselben Zeit langte ein Feldpostbrief an, dessen Aufschrift lautete: „An den jungen Herrn Rose, zu Hause in *** bei seiner Frau Mutter.“ Der brave Kruttke schrieb:

„Lieber Herr Rose! Wo ich mich unterstehe, an Ihnen zu schreiben, so geschieht es nicht aus Noth, daß Sie mir etwas geben sollen. Denn Gott sei Dank! wir haben jetzt vollauf und bekommen noch immer mehr, und meine alte Mutter soll bald wissen, daß sie einen Sohn hat, und daß nicht Alles darauf gegangen ist, denn es heißt, wir kommen nun nächstens zurück, und da wollte ich Ihnen nur benachrichtigen, daß ich noch lebe und daß ich ein anderes Quartier habe, wo es mir gar nicht so gut gefällt, denn ohne meinen Herrn Rose ist es doch nirgends

[265]
Die Gartenlaube (1875) b 265.jpg

In der wilden Gerlos im Zillerthale.
Nach einer Skizze von Rob. Zander, auf Holz gezeichnet von Richard Püttner.

[266] nichts. Lieber Herr Rose, ich hab’ Ihnen einen Gruß zu bestellen, aber Sie werden nicht rathen, von wem. Ich hatte nämlich im alten Quartier mein kleines Messer vergessen und da sprach ich einmal an und wollt’ es in der Küche suchen, denn den Herrschaften ist es doch nichts nütz. Der Herr Blankschart ging im Garten herum und war ganz gelb im Gesicht wie ein alter Postwagen, und das kommt gewiß von dem vielen Aerger, daß wir Paris nun doch noch untergekriegt haben; der sah mich blos grimmig an und sagt’ kein Wort. Sie haben jetzt eine Magd, die machte mir die Thür auf und wunderte sich auf Französisch über mich, daß ich zum Besuch komme, was ich wohl verstand. Aber sonst war sie ganz sauber, und schade, daß nicht schon zu unserer Zeit eingetroffen. Die Madame Blankschart that sehr vornehm, die ich doch zusammen gekocht habe, und gab gar keine Rede und Antwort wegen dem kleinen Messer. Da kam das junge Fräulein dazu und verstand gleich und ging mit mir in die Küche, und richtig! da hatte die Magd schon das kleine Messer gefunden und eingesteckt. Und wie ich nun ganz vergnügt ‚merzi‘ sagte, kam sie mit hinaus und sagte: ‚wissen Sie schon, daß Ihr Herr Rose gut zu Hause angekommen sein?‘ Sagt’ ich: ‚Nein.‘ Sagt’ sie: ‚ich wissen von meinem Bruder.‘ Sagt’ ich darauf: ‚Das freut mich.‘ Besann sie sich ein Weilchen und sagte dann ganz kauderwälsch: ‚Wenn Sie fahren nach Hause, ihn viel grüßen.‘ Na, ich denk’, ich richt’s lieber gleich aus, und daß sie roth wurde im ganzen Gesicht und sah doch vorher ganz erbärmlich weiß aus. So bitt’ ich nun sehr um Entschuldigung, wegen diesen Brief, daß ich an Ihnen schreibe. Und lieber Herr Rose, wenn Sie wo meiner alten Mutter einen Vorschuß geben wollen, das zahl’ ich alles ab. Denn sie meinen wohl, die Post ist sicher mit dem Gelde, aber ich trau’ lieber nicht. Lieber Herr Rose, ich dank’ noch viel mal für alles Gute und schreibe hierunter für alle Fälle meinen Namen, daß Sie wissen, wer schreibt – Gottfried Kruttke.“

(Fortsetzung folgt.)




Menschliche Erbschaften aus dem Thierreiche.


„Weh Dir, daß Du ein Enkel bist!“ so rief der Dichter, der unter allen seinen Brüdern in Apollo den tiefsten Blick in die Natur gethan, seinen Mitmenschen zu, und wir Alle hätten Ursache, ihm das mit einem tiefen Seufzer nachzusprechen. Denn wenn wir, ohne etliche sehr ungeschlachte Ahnen zu bemühen, geraden Wegs aus der Hand eines allweisen Schöpfers hervorgegangen wären, so hätten wir ohne Zweifel einen vollkommeneren Körper erlangt, als derjenige ist, mit dem wir uns behelfen müssen, so gut es eben angeht. Während ich diese lästerlichen Worte niederschreibe, glaube ich von ferne die Töne des Chores eines classischen Oratoriums: „Steiniget ihn! Steiniget ihn!“ auf mich eindringen zu hören, denn die Vermessenheit, den Wunderbau des menschlichen Körpers zu leugnen, scheint sehr Vielen die passendste Gelegenheit für Anbringung eines augenblicklichen Strafgerichts an Stelle des unbegreiflicher Weise ausbleibenden Schlaganfalls oder Donnerkeils. Beruhiget Euch, Ihr Herren im schwarzen Gewande! Der Schreiber dieser Zeilen hat sicherlich die bewunderungswürdige und weise Organisation des menschlichen Körpers öfter und andächtiger studirt, als die Meisten von Euch, und wenn er das Werk der Hand eines schrankenlos schaffenden Demiurgos nicht völlig würdig findet, so erscheint es ihm doch wie ein stolzer Hymnus, ein Triumphgesang auf die Erfolge einer begrenzten, an Naturgesetze und deren Nothwendigkeiten gebundenen Schöpfermacht.

Wenn du, der Verkünder einer gedankenlosen Schöpfungsmythe, einmal von den Südabhängen der Alpen in die Paradiese der alten Welt hinabgestiegen bist, so hast du vielleicht vor den Thüren der Bauernhäuser einen thierartig verkommenen Menschenschlag mit langen Wülsten und Beuteln am Halse hocken sehen, so grauenhaft häßlich und gottunähnlich, daß es nie ein Maler wagt, ihn zu malen, und daß dich schaudert, nur daran erinnert zu werden. Jener Auswuchs ist eine Wucherung der sogenannten Schilddrüse am Kehlkopfe, die nur dazu da zu sein scheint, arme Menschen zu verunzieren und zu ihrer Verthierung beizutragen, denn weiter hat das Ding keinen Zweck und Niemand hat bis jetzt einen Nutzen von derselben verspürt. Der Volksmund nennt die Hervorragung Adamsapfel und behauptet, gestützt auf den Umstand, daß sie beim Manne etwas stärker hervortritt, Adam habe den Apfel nicht willig nehmen wollen, da habe ihn Eva ihm mit Gewalt in den Schlund gestopft und schließlich sei das Kernhaus stecken geblieben. Nun, etwas Wahrheit ist in der Volksdichtung gewöhnlich verborgen, und etwas Erbsünde ist diesmal wirklich im Spiele; das Organ gehört nämlich zu den unnützen Erbschaften, die der Mensch von einigen Urahnen überkommen hat, welche die Anlage desselben beim Ernährungsprocesse sehr nothwendig gebrauchten.

Gar häufig bleibt dem Meisterwerke in jener kritischen Halsgegend wirklich ein Speiserest stecken, wenn er in die sogenannte „unrechte Kehle“, das heißt in die Luftröhre statt in die Speiseröhre, gerathen ist, und wenn dann die Natur sich nicht schleunigst selber hilft, kann der Herr der Schöpfung in wenigen Minuten das Opfer seines Wunderbaues geworden sein. Sehr zweckmäßig kann die Einrichtung, welche solche Verirrungen eines unbehülflichen Bissens möglich macht, kaum genannt werden, aber Denen, die da wissen, daß sich die Athmungsorgane der höheren Thiere durch allmähliche Umbildung eines oberen Theiles des Speiserohrs der niederen Thiere entwickelt haben, ist sie sehr begreiflich. Auch wenn die Speise glücklich den Magen passirt hat, sind nicht alle Gefahren überstanden. Wir haben als Anhängsel des Dickdarms eine kleine Sackgasse, den sogenannten Blinddarm, ererbt, der unserm pflanzenfressenden Vorfahren, als er noch in unverkümmerter Größe erschien, gewiß beim Verdauungsgeschäfte sehr nützlich war, dem Menschen aber nicht nur nie etwas nützt, sondern zuweilen Tod und Verderben bringt, wenn sich in dieser engen Sackgasse irgend ein harter Speiserest, ein Rosinenkern oder dergleichen, verrennt.

Ich könnte noch lange fortfahren in der Aufzählung solcher unnützen Erbstücke, die, wie wir sagen, oft wahre Danaergeschenke sind, aber ich ziehe vor, dieses Capitel mit der Erwähnung eines harmloseren Andenkens an den thierischen Ursprung, der menschlichen Ohrmuskeln, zu beschließen. Nach der gewöhnlichen Redeweise der Völker spitzen wir allerdings noch zuweilen die Ohren, in Wirklichkeit haben wir uns aber diese Gymnastik, in welcher die meisten Säugethiere so geübt sind, und das edle Pferd die ganze Scala seiner Seelenzustände ausprägt, völlig abgewöhnt. Aber die Muskeln dazu besitzen wir noch, und der Schreiber dieser Zeilen erfreute sich eines Schulcameraden, der sich dieses Besitzes sehr bewußt war und manchmal Prügel dafür bekommen hat. Er hatte die Fähigkeit, seine Ohren ohne Mithülfe des Stirnmuskels lebhaft hin und her zu bewegen, durch Uebung zu einem erstaunlichen Grade herausgebildet, und oft, wenn wir trostlos in langweiliger Schulstunde dasaßen, begann er wie der Hase im Kohlbeete seine Männchen zu machen, so daß es mit aller Andacht vorbei war. Auch ihm brachte das Erbstück nichts als Schaden, denn er konnte nicht von seinen Productionen lassen, und wenn der gestrenge Herr Lehrer auch die ersten Male mitlachte, so gab es doch später harte Hiebe und zuletzt wurde der fähige Junge auf die letzte Bank verwiesen, damit ihn Keiner sehen konnte.

Indessen diese unnützen Organe des menschlichen Wunderbaues haben trotz alledem einen großen Nutzen: sie bringen den vorurtheilsfreien Kopf zum Nachsinnen und die Zweckmäßigkeits-Riecher, das heißt die Leute, welche in der ganzen Welt nur planmäßige Schöpfungsideen verwirklicht sehen möchten, zur Verzweiflung. Wenn etwas damit auszurichten wäre, würden sie den Teufel zu Hülfe rufen, um ihm wie die Erschaffung der Schlangen, Fliegen und des schädlichen Gewürms, auch die Kropfdrüse, die Schwanz-Rudimente des Menschen, sammt ihren auf Wartegeld gesetzten Bewegungsmuskeln, den Blinddarm und ähnliche Anhängsel aufzuheften. Diese neuerdings aufgekommene Disciplin der Dysteleologie oder Unzweckmäßigkeitslehre ist, wie gesagt, ein rechtes Martergebiet und Kreuz für Teleologen, denen dabei nichts übrig bleibt, als sich auf ihre Unwissenheit zu berufen, indem sie vorgeben: man könne nicht wissen, wozu die [267] Kretindrüse, der Blinddarm etc. im Geheimen vielleicht dennoch gut seien. Ein bekannter Professor hat sie jüngst für überzählige Lappen beim Zuschnitt der Naturwesen erklärt, Partieen, wo mehr Zeug vorhanden war, als der betreffende Embryo braucht. Schon oben deuteten wir an, daß alle diese Unzweckmäßigkeiten sich ohne Schwierigkeiten verstehen lassen, wenn man sie als Rückbildungen ererbter und für die Vorfahren unentbehrlicher Organe auffaßt, weshalb sie, wie z. B. das Haarkleid und das Schwänzchen des Menschen, in seiner jüngsten Daseinsperiode viel auffälliger hervortreten, als später.

„Erkenne dich selbst!“ stand im Delphischen Tempel als Mahnspruch angeschrieben, und der griechische Philosoph Protagoras erinnerte daran, daß das eigentliche Studium des Menschen der Mensch selbst sein müsse. Diese so nahe liegenden Forderungen verhallten lange in den Lüften, und nachdem es lange Zeit für sündlich gegolten, den todten Menschenkörper zu zerschneiden, scheint man es später für überflüssig gehalten zu haben, ihn und seine Entwickelung genauer zu beobachten. Nur so konnte die wahnwitzige Hypothese zur Herrschaft gelangen, daß es gar keine wahre Entwickelung und Neubildung in der Natur gäbe, und daß mit dem Leibe der Eva bereits alle ihre Nachkommen in kleinster mikroskopischer Gestalt vorgebildet und in einander geschachtelt worden seien, für die Schöpfungsgläubigen freilich die einzig consequente und seligmachende Auffassungsweise. Man war so glücklich im Besitze dieses Auskunftsmittels, welches alle Wesen, Pflanzen und Thiere zu eigenhändigen Werken des Schöpfers erhob, daß man gar nicht davon Notiz nahm, als Caspar Friedrich Wolff in Halle vor mehr als hundert Jahren darauf hinwies, daß jedes Naturwesen eine Neubildung sei, deren Theile, wie Jeder mit seinen Augen sehen könne, nacheinander entstünden und zum Theil vielfachen Umwandelungen unterlägen, ehe sie ihre endgültige Gestalt erlangen, daß also von einer Vorbildung (Präformation) keine Rede sein könne. Allein seine Worte verhallten bei den Zeitgenossen vollständig, und erst als Carl Ernst Baer in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts seine epochemachenden Untersuchungen zur Entwickelungsgeschichte der Thiere vollendet hatte, wurde die Bedeutung der Entwickelungsgeschichte für die vergleichende Anatomie und die Philosophie der Zoologie anerkannt.

Diese von Lamarck begründete, durch Geoffroy de St. Hilaire am meisten geförderte Wissenschaft konnte indessen doch erst einen eigentlichen Halt gewinnen und den rechten Nutzen von dem Studium der Entwickelungsgeschichte ziehen, nachdem Darwin seine grundlegenden Forschungsresultate veröffentlicht und die Abstammungslehre wissenschaftlich begründet hatte. Die Darwin’sche Lehre setzt sich aus einer Reihe von Hypothesen und Schlüssen zusammen, die den menschlichen Geist durch ihre Einfachheit und Folgerichtigkeit überzeugen, aber sich doch nicht geradezu durch Thatsachen beweisen lassen, da die Umwandlungen der organischen Wesen, deren Ursachen sie so klar erörtert, ungeheure Zeiträume zu ihrer Verwirklichung und damit auch zu ihrer directen Beobachtung voraussetzen. Die Vorwesenkunde trägt zwar in allen ihren Errungenschaften wesentlich dazu bei, jene mechanische Weltanschauung, die sich auf Darwin’schen Lehren aufbaut, zu stützen, allein diese Wissenschaft ist selber sehr lückenhaft und hypothesenreich. Da traten nun Huxley und Häckel in’s Mittel und verwiesen mit Nachdruck auf die Entwickelungsgeschichte und die Beweiskraft der vor unsern Augen am Individuum vor sich gehenden Veränderungen.

Der größte Theil von Häckel’s rastloser Thätigkeit ist seither der Begründung des entwickelungsgeschichtlichen Grundgesetzes gewidmet gewesen, welches lautet: Die Entwicklungsgeschichte jedes Lebewesens ist eine abgekürzte Wiederholung seiner Stammesgeschichte, die im Unwesentlichen ungenau sein kann, in den allgemeinen Umrissen aber, auf die es ankommt, getreu ist. Oder mit andern Worten: Jedes Wesen muß den Hauptstadien nach bei seiner Entwicklung denselben Weg einschlagen, den seine Vorfahren allmählich zurückgelegt haben, wobei es, Schlängelpfade vermeidend, wohl mitunter auch querfeldein gehen, im Wesentlichen aber die gebahnten und vorgeschrittenen Wege nicht verlassen kann. Im Grunde ist dieses Gesetz so wunderbar einfach, so natürlich und „gar nicht anders denkbar“, daß man sich schämen sollte, so spät darauf gekommen zu sein. Zahllose Naturforscher haben verfolgt, wie der Froschkeim in jedem Frühjahr aus niederer Stufe sich zum Fische entwickelte, ehe er als Frosch an’s Land sprang, aber die Wenigsten haben eine Ahnung davon gehabt, daß er damit nur den Sprung wiederholte, den einer seiner Urväter zum ersten Male gethan. Millionen beobachteten an ihren eigenen Nachkommen das herrliche Mysterium von der Entwicklung der Kindesseele, ohne zu fühlen, daß sich hier nur schnell wiederholt, was im Urmenschen unvergleichlich langsamer vor sich gegangen sein muß. Hier und nirgends sonst ist die Lösung des Delphischen Wahrspruches, die alle Fragen der Philosophie in sich begreift, zu finden und höhere Weisheit zu schöpfen, als der Talmud und die ganze Bibliothek der Kirchenväter mit all ihren Geheimnissen und scholastischen Spitzfindigkeiten zusammengenommen enthalten.

Darum muß es als eine folgenschwere Geistesthat bezeichnet werden, daß sich Häckel, alle Bedenken, die das Thema mit sich bringt, niederkämpfend, entschlossen hat, seinen anderen entwicklungsgeschichtlichen Werken eine Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen,[1] die in allgemein verständlicher Sprache geschrieben ist, folgen zu lassen. Denn hier stehen wir nicht mehr vor einem luftigen Gebäude von Hypothesen, sondern vor einer Reihe thatsächlicher Erscheinungen, die selten eine doppelte Deutung zulassen. Da der Mensch, wenn nicht als Inbegriff der gesammten thierischen Schöpfung, so doch als die Krone des Hauptstammes derselben betrachtet werden muß, so erhalten wir in seiner speciellen Entwicklungsgeschichte eine abgekürzte Duodezausgabe der Geschichte des ganzen Stammes. Wie die alten Hofmagier den Fürsten die Reihe ihrer Nachfolger in einem Spiegel zu zeigen pflegten, so geht in den verschiedenen Embryonalzuständen des Fürsten der Schöpfung seine Ahnengalerie in mehr oder weniger getreuen Portraits vor unserem Auge vorüber. Nicht aller Portraits, denn einzelne, besonders die der frühesten Zeiten, sind verdunkelt oder verloren gegangen. Aber die meisten dieser Lücken lassen sich ergänzen, denn jene vermißten Portraits finden sich noch in den Jugendzuständen von Thieren, die einzelnen frühen Vorfahren des Menschen nahe stehen. Eine kurze Heerschau über die von Häckel charakterisirten directen Vorfahren des Menschen möge hier, mit Erwähnung der Erbschaften, die wir ihnen verdanken, eingeschaltet werden.

Der Anfang ist jener Urschleim, von dem schon die alten Philosophen phantasirten, den aber erst die neuere Forschung wirklich aus dem Grunde der Gewässer emporgebracht, eine gestaltlose Gallerte, die umher kriecht, indem sie Schleimfäden ausstreckt, sich nährt und durch Theilung fortpflanzt. Wenn sich in dieser beweglichen Materie ein fester Mittelpunkt, ein Kern abgesondert hat, so haben wir in dieser zweiten Stufe bereits die Urzelle, das individuelle Grundelement, aus dem sich noch heute durch Theilung die gesammte Pflanzen- und Thierwelt aufbaut. Nachdem sie sich zu einem Klümpchen durch wiederholte Theilung vermehrt (dritte Stufe: Maulbeerthier), dann zu einer Kugelflächenschicht (Blasenthier) angeordnet, beginnt die Vertheilung der verschiedenen Lebensfunctionen, die sonst jede Zelle insgesammt verrichtete, auf einzelne derselben, nach dem für die Weiterentwicklung im Zellenstaate, wie in der menschlichen Gesellschaft gleichwichtigen Princip der Arbeitstheilung. Aus der einen Zellenschicht sind dann zwei geworden, von denen die eine als Oberhaut die Vermittlung mit der Außenwelt übernimmt, während der andern die ernährenden Thätigkeiten zufallen, nachdem sich diese Doppelschicht zu einem eiförmigen Sack ausgestülpt hat. Ein schwimmender Magen wäre dieses Thier zu nennen, welches von allen wünschenswerthen Organen zunächst das Darmrohr, als das für sein Gedeihen wichtigste, ausgebildet hat.

Obwohl dieses von Häckel Gasträa benannte Unthier, mit dem die Herrschaft des Magens in der Welt begann, nur noch in der Entwickelungsgeschichte einiger dem Menschenstamme nahestehenden Würmer und Urwirbelthiere vorkommt,[2] in derjenigen der Menschen aber nur andeutungsweise noch erkannt werden kann, verdanken wir ihm die Sonderung in Oberhaut und Magen, die sich noch jetzt in dem vorläufigen Auftreten zweier Keimblätter bei den Embryonen aller höheren Thiere zu erkennen [268] giebt. Auf die Gasträa folgten Urwürmer, denen wir die Anfänge eines Nerven- und Muskel-Apparates verdanken. Die Rückverfolgung dieser Bildungen erklärt oft sehr leicht, was uns bei dem ererbten Zustande höchst merkwürdig vorkommen müßte. So entwickelt sich beispielsweise der Sinnen- und Nerven-Apparat auch der höheren Thiere nicht aus denjenigen Theilen der jungen Anlage, die anderen inneren Theilen zur Grundlage dienen, sondern aus denselben, welche das Fell, die Oberhaut bilden. Allein bei den niedersten Thieren war die Oberhaut eben Universal-Sinnesorgan, Tast-, Gesichts- und Gehörs-Apparat zugleich, und nur aus Theilen der Oberhaut konnten die äußeren Einwirkungen Organe, wie z. B. die Sonnenstrahlen das Auge, bilden. Von diesen Oberhautorganen gingen aber selbstverständlich die ersten Nerven aus, und so ist ihre für den ersten Augenblick überraschende Entstehungsweise aus dem Hautblatte eigentlich nur einfach logisch. Bei den höheren Weichwürmern bildete sich bereits Blutumlauf und ein Gefäßsystem aus, und bei den ältesten Sackwürmern entstand die erste Anlage eines Kiemen-Apparates und der Wirbelsäule. Ehe die Bildung des Thierkörpers so weit vorgeschritten war, hatten sich formenreiche Nebenäste wirbelloser Thiere, die größtentheils statt des inneren Skeletes ein äußeres Schalengehäuse entwickelten, um den Muskeln feste Stützpunkte zu bieten, von dem Hauptstamme abgezweigt, die Ahnen der Weichthiere, Strahlthiere, Insecten etc.

In dem Wachsthume des Hauptstammes, bei dem wir mithin diesen Thieren nicht weiter begegnen, ist insbesondere der Zeitpunkt interessant, wo aus dem Wurm ein Wirbelthier geworden ist. Wir würden diese dem christlichen Demuthsgefühle gewiß mehr als die Affen-Abstammung zusagende Verwandtschaft mit den Würmern kaum geahnt haben, wenn nicht glücklicherweise ein später Abkömmling der zahlreichen Sippschaft der Urwirbelthiere im sogenannten Lanzetfischchen bis auf unsere Zeiten gekommen wäre. Dieses gehirnlose Rückenmarksthier, welches im Sande der meisten Meere lebt, verdient vollkommen jene ehrfurchtsvolle Betrachtung, die man Häckel so verübelt hat, denn wenn dieser letzte Mohikaner sich nicht der vergleichenden Untersuchung aufgespart hätte, würden wir schwerlich jemals zur Kenntniß der directen Ahnenreihe des Wirbelthierstammes und also auch des Menschen gelangt sein.

Der nächst höheren Abtheilung von Urwirbelthieren, von denen die Neunaugen späte Abkömmlinge sind, verdanken wir die Sonderung der äußeren Sinnesorgane und die Anfänge des Gehirns; den Urfischen, von denen ebenfalls noch einige Vertreter leben, die Bildung der äußeren Gliedmaßen. In der That, bei den Fischen gewahren wir zuerst ein Urbild unserer Körpergestalt mit den beiden vorderen und den beiden hinteren Extremitäten, die aber vorläufig noch vielgliederig sind. Die Verminderung der Endgliedmaßen auf fünf, die Grundlage der Decimalrechnung und die Ursache, daß wir hundertjährige Jubiläen feiern, trat zuerst bei Festlandthieren, den Ur-Amphibien auf, bei denen auch die Umwandlung des Kiemenapparates in Schädeltheile und der Schwimmblase in eine Lunge vollendet wurde. Wir zählen die zehn Mittelglieder zwischen Urfisch und Mensch, die Häckel anführt, nur einfach auf, es sind: Molchfisch, Kiemenlurch, Schwanzlurch, Uramniot, Stammsäuger, Beutelthier, Halbaffe, Schwanzaffe, Menschenaffe, Affenmensch, wobei wir von den vielen Seitenzweigen nur einen der heute artenreichsten, das Vogelreich, nennen, welches sich unmittelbar von den Schwanzlurchen ableitet.

Alle diese Vorstufen muß das höhere Wirbelthier, wie gesagt, bei seiner individuellen Entwickelung durchmachen, und dabei jedesmal von der einfachen kernlosen Zelle anfangen. Es muß in gewisser Beziehung gehirnloser Wurm, Fisch etc. werden und in derselben Reihenfolge wie der Stamm selber Muskel-, Nerven- und Gefäßsystem ausbilden, wobei um so weniger Unterschiede zwischen den einzelnen Wirbelthieren merkbar sind, je jünger die Entwickelungsstufen sind, die man vergleicht. Es giebt Augenblicke im Leben des noch ungeborenen Menschen, wo er von den allerniedrigsten Thieren, und solche, wo er von den Anfängen eines Fisches nicht zu unterscheiden ist. Zwischen Affen und Mensch sind auch in den letzten Entwickelungsstadien kaum irgend welche anatomische Unterschiede nachweisbar. Den gefühlvollen Seelen, die sich am meisten vor ihren nächsten Verwandten im Thierreiche scheuen, geben wir gern die beruhigende Versicherung, daß wir keine unserer heute lebenden Affenarten als Eltern zu ehren brauchen. Es sind ungeschliffene, verkommene Vettern, deren wir uns wirklich mitunter schämen müssen. Unsere Ureltern mögen wir uns als stille manierliche Waldmenschen vorstellen. Jedenfalls dürfen wir stolz darauf sein, es ihnen gegenüber so erklecklich vorwärts gebracht zu haben, und uns erinnern, daß diese Erkenntniß uns dazu stählen muß, dem Fortschritte als dem höchsten Gesetze der Natur und als einer Art von Religion zu huldigen. Besser, sich von einem unvernünftigen Thiere zu dem über seine Abkunft philosophirenden Menschen aufgestiegen zu wissen, als sich von dem göttergleichen Adam zu einem abergläubischen Fetischanbeter herabzuwürdigen. Weit entfernt, daß die sich vorbereitende Weltanschauung den Menschen verthieren und edleren Regungen abhold machen könnte, wird sie alle in ihm noch schlummernden Keime zu entfalten streben, denn ein Fortschreiten zum Vollkommneren ist ja ihr Grundgedanke.

Carus Sterne.




Dichter und Rathswachtmeister.


Auf dem Friedhofe von Jena, nach dem wir die Leser dieser Blätter schon öfter geführt haben, steht hart an der Ostwand der St. Johanniskirche ein aus Sandstein geformter Gedenkstein, der in goldenen Lettern dem unter ihm Gebetteten folgendes Distichon nachruft:

Jenas edelstem Sohne, deß goldenem Munde entströmte
     Treu im Frieden und Krieg manches unsterbliche Lied.

Ueberrascht von diesem hohen Lobespsalter, der dem Schläfer unter der Erde nicht bloß unsterblichen Dichterruhm nachredet, sondern ihn auch unter die Edelsten einer Stadt reiht, die der edlen Söhne so viele schon gehegt, forscht der Leser nach der Person des also Gefeierten und findet auf dem Steine einen Namen verzeichnet, den er wohl selbst noch nie vernahm und nach dem er vergebens die Literaturgeschichten und Nachschlagebücher durchsuchen würde. Der Name lautet: Wilhelm Treunert.

Wenn er selbst auferstünde und sein eigener Leser würde, gewiß der schlichte Mann schüttelte sein breitgestirntes Haupt und seinem volllippigen, einst so liederreichen Munde entströmte ein: „Zuviel, Ihr Freunde, zuviel!“ Aber trotz dieser starken Ueberschwenglichkeit einer liebevollen Pietät war immerhin dieser Wilhelm Treunert eine echte Poetennatur. Und wenn nach einem, wenn wir nicht irren, Goethe entstammenden Ausspruche jedes gute Gedicht ein Gelegenheitsgedicht ist, so war er auch ein guter Dichter, der sich den unbekannten und namenlosen Schöpfern unserer Volkslieder würdig zugesellt. Dann aber – und daß dem also sei, davon hoffen wir den Leser noch zu überzeugen – ist es gerecht, daß die Nachwelt mehr von ihm erfahre, als sie seither wußte, und die „Gartenlaube“ wieder eine jener stillvergessenen Ehrenschulden abtrage, deren sie schon so viele gezahlt.

Daß Treunert nicht ein großer Dichter wurde, daran ist neben der Bescheidenheit seines eigenen allem Vordrängen abholden Wesens vielleicht nur das Eine schuld, daß ihm, „des Volkes armem Sohne“, jene geistige Durchbildung versagt blieb, deren selbst das größte Genie zu einem wahrhaft vollendeten Schaffen nicht entbrechen kann.

Es sind überhaupt nur – die Masse thut es ohnedies nicht – drei Bändchen Gedichte und ein „Rundgemälde von Jena“, eine größere Dichtung in vier Gesängen, welche Treunert schüchtern in die Welt gehen ließ. Das erste erschien 1836 auf Andrängen von Freunden und Gönnern, das zweite 1852 in Folge eines ehrenden Nachrufs der Dorfzeitung, welche den Dichter bereits den Todten zugesellt hatte, um, wie er sagt, kund zu thun, daß er noch lebe, und das dritte 1862 als sein wahrer Todesstrauß, besorgt von Freundeshand kurz nach des Dichters Ableben. Die ganze Sammlung trägt den Titel „Mein Gärtchen an der Saale“. Wenn darin auch nicht, wie der Dichter meint, „schön’rer Zone [269] Blüthen am Kunstspaliere prangen“, so finden sich dort desto mehr jener „frischen Wiesenblumen“, auf welchen der Himmelsthau echter ungekünstelter Poesie liegt.

Wenn er sein Gärtchen an die Saale verlegt, so deutet er damit selbst an, daß die meisten seiner Gedichte auf einem rein localen Boden entsprossen sind. Und so war es auch. Treunert war in erster Reihe der Dichter seiner Vaterstadt, er war der Stadtpoet von Jena. Sein Ehrgeiz fand darin volle Befriedigung. In den fünfzig Jahren, da er in Jena lebte und dichtete, ist wohl kaum Jemand von irgend welcher Bedeutung dort zu Grabe getragen worden, dem er nicht einen letzten Reim in’s Grab nachgesungen, so daß die Todten um ihn her es fast nöthiger gehabt hätten, ihm zu danken, als die Lebendigen. Keine Hochzeit wurde in den bürgerlichen Kreisen Jenas gefeiert, der nicht Wilhelm Treunert in einem gedruckten „Carmen“ eine poetische Folie verlieh. So vieler anderer privater Veranlassungen nicht zu gedenken, ertönte zu den Festessen und Stiftungstagen der mannigfachen geschlossenen Gesellschaften nach „bekannter Melodie“ das Festlied aus Treunert’s Feder. Die Jenaer Universität hat es schon aus chronikalischem Interesse nicht für unwerth gehalten, die zwei starke Foliobände und einen Quartband bildende Sammlung dieser Gelegenheitsgedichte ihren Regalen einzuverleiben. Obwohl hierbei oft mehr das liebe Brod, als die innere Weihe den dichterischen Impuls lieh, wußte Treunert doch der trockenen Vorlage in vielen Fällen eine poetische Seite abzugewinnen und dem Alltäglichen das Sonntagskleid der Poesie überzuhängen oder doch einen frischen kecken Humor hineinzuwerfen, wie zum Exempel in einem Festlied zum Martinsessen der Schützengesellschaft (1840), in welchem er eine kühne Verbindung zwischen Doctor Luther und der Martinsgans herstellte, indem er anführte, wie jener die Gänse, namentlich ihre Schwänze und Schwingen gar hochgehalten habe, denn

D’raus nahm er sich die Waffen,
Womit er Tück’ und Trug
Der hinterlist’gen Pfaffen
Totaliter erschlug;

und dann fortfährt:

Von einer tücht’gen Feder
In einer tücht’gen Hand
Wird früher oder später
Die Lüge übermannt;
Und um der Thorheit Schanze
Zu stürmen frei und frisch,
Gilt mehr als Schild und Lanze
Ein guter Flederwisch.

Mit jedem Neujahr sandte er unter der Firma „des Höchstgestellten“ im Orte, des hoch oben in der grünen Haube des mächtigen Michaeliskirchthurms thronenden Stadtthürmers, einen poetischen Gruß an sein liebes Jena, dem er mit der Treue eines Kindes anhing. Wie poetisch ist es, wenn er da diesen Thürmer sagen läßt:

Allstündlich tönt bei Nacht und Tag
Mir in das Ohr der Glocke Schlag;
Allstündlich ruft ihr Mund mir zu:
Mensch, wie mein Schall vergehest du.

Doch wenn ein Jahr nun ist vollbracht
Und Zwölfe schlägt’s um Mitternacht,
Dann tret’ ich still an’s Fensterlein
Und schaue in die Nacht hinein.

Da unten Dunkel nah und fern,
Da oben leuchtet Stern an Stern,
Und um mich her ein leises Wehn,
Als hörte man die Zeit vergehn.

Ich blicke sinnend lang’ hinaus,
Dort unten kenn’ ich jedes Haus .
Und die d’rin wachen oder ruhn –
Ich will für sie das Beste thun.

Ich will mit festem Gottvertraun
Dem neuen Jahr entgegenschaun,
Will beten, daß es allerwärts
Recht froh begrüße jedes Herz.
u. s. f.

Auch sonst umrankt er fast alle großen und kleinen Ereignisse seiner berühmten Vaterstadt mit den Blüthenzweigen der Poesie. Da gilt sein Gruß bald dem bekannten Fuchsthurme, der jetzt der Waller reiche Menge wieder schaut, wie sie einst zum Marienbilde nach Ziegenhain pilgerte, nur ist ihr Heiliger jetzt Gambrinus und sein Heilmittel das „gelbe Bier“, bald den Linden, welche Jena im duftenden Kranze umgeben, bald der Nixe der Saale, die nur sein Dichterauge leibhaftig geschaut. Bald fällt sein Blick auf das immerblühende Röschen am Pulverthurme, das trotz aller herbstlichen Mahnung nicht zu Bett gehen will, bis der Winter es gewaltsam mit seiner weißen Decke zudeckt. Vor Allem aber sind es die Jena kesselartig umschließenden eigenartig geformten Berge, namentlich in ihrer kleidsamen Sommertracht, „den grünen Rock voll Blüthensterne mit goldnem Rübsenband gestickt“, die er feiert. Ja, er unternimmt sogar das bedenkliche Wagniß einer poetischen Ehrenrettung des auf ihnen gebauten Weines. Das „große Wasser“, von welchem das Saalthal vielfache Heimsuchung erleidet, begeistert ihn zu einer hübsch erfundenen Legende.

Die Natur ist es überhaupt, welche seiner dichterischen Phantasie die meiste Nahrung verleiht. Ihr hängt sein Herz mit ganzer Liebe an. In den „Blättern von der Saale“, dem Jenaer Localblatt, begrüßte er alljährlich im Frühlinge ihr Erwachen und im Herbste ihren Schlummer, während der Winter den Born seiner Dichtung fast immer verschloß oder nur Seufzer der Sehnsucht ihm entlockte. Schon das erste blaue Fleckchen am Januarhimmel nährt seine Seele mit Lenzeshoffnung, denn:

Das ist ein blaues Fensterlein,
Da guckt der Himmel blinzelnd ’rein.

Er fragt die Erde: Ist es Zeit?
Doch sie im weißen Schlummerkleid,
Sie bittet leise: Schweig doch still!
Ich noch ein Weilchen schlafen will.

Da schiebt er’s Fenster wieder zu
Und spricht: So träume denn in Ruh!
Doch wird es nicht mehr ferne sein,
Dann komm’ ich und da bist du mein.

Wen erinnerte dieses Gedicht nicht an die alemannischen Dichtungen Hebel’s, der es auch liebt, der todten Natur Sprache und Person zu geben.

Wenn der Frühling in’s Land gekommen ist, dann jauchzet Treunert’s Dichterherz laut auf. Verschwenderisch theilt der Lenz seine Gaben aus an Alle, auch an die Armen und Kranken, nur zwei Herzen gehen dabei leer aus, da sie schon selbst Alles haben; das eine ist das Herz das von dem Himmelsglanze der ersten Liebe erfüllt ist, und das zweite ist das reiche Dichterherz, das in seinem Lied dem Frühling selbst erst seine Wonnen alle lieh. Aus dieser kindlichen Hingabe an die Natur hatte sich Treunert auch einen rührend frommen Glauben gewonnen und bewahrt. Er fand in dem Walten der Natur überall die Daseinsspuren der Gottheit, eine Vertrauen erweckende Schöpfergüte und ein Aufgehen des Zeitlichen im Ewigen. Da ruft er am Frühlingssonntag aus:

Schwebe mit, mein leises Beten,
In des Himmels Aether hin,
Hin zu ihr der ew’gen Güte,
Die so groß in jeder Blüthe,
Als im Weltall ruft: Ich bin.

Auch über den harten Schmerz, den er beim Verlust des erstgeborenen Kindes seiner geliebten Pflegetochter empfand, half ihm dieser Glaube tröstend hinüber. Das Gedicht: „Das kleine Grab“ überschrieben, würde allein schon hinreichen, Treunert’s Dichtertalent zu bekunden. Es lautet:

Ein Kindergrab, so niedrig und so klein!
Ein von der Erde kaum erhabner Hügel!
Hoch über ihn hinweg im Sonnenschein
Tanzt noch der Schmetterling auf zartem Flügel.

Und doch ein Berg, ach! ein Gebirg sogar,
Das weithin strecket seine dunkeln Schatten.
Wo ist die Aussicht, die so lieblich war?
Wo sind die weiten hoffnungsgrünen Matten?

Wo ist um ferne Höh’n der milde Glanz?
Die Blüthenpracht, belebt vom Gotteshauche?
Ach Alles hat das kleine Grab so ganz
Als hoher Berg verdeckt dem Menschenauge!

Doch tritt hinauf! – Hoch über Zeit und Raum
Trägt die gewalt’ge Höh den Blick hinüber,
Und keinen Schatten wirft der Erdentraum
In dieses Licht der Ewigkeit herüber.

Es führt hinauf des Glaubens Zuversicht:
Der Liebe geht die Liebe nicht verloren,
Auch unser lieber kleiner Schläfer nicht. etc.

[270] Nun ist wohl auch die Neugier gerechtfertigt, die begehrt, Etwas über unseres Dichters persönliche Verhältnisse zu erfahren.

Wilhelm Treunert war ein Kind des Volkes in des Wortes herbster Bedeutung. Seine Mutter war „Aufwärterin bei Studenten“ und erhöhte diesen kargen Verdienst durch Schreiben von Mahn- und Gevatterbriefen sowie durch Gelegenheitsgedichte, die sie gleichzeitig auch an ihre Adressen beförderte. Die Geschichte seines Vaters verliert sich in Mythe und Legende.

Seine Mutter war bis zu seinem zehnten Jahre seine eigene und einzige Lehrmeisterin im Rechnen, Schreiben, Lesen. Darüber hinaus ging ihre Bildung nicht. Und das war zu jener Zeit für eine Tochter des Volkes immerhin schon viel. Neben diesem Mangel an eigentlicher Schulbildung entbehrte auch sonst noch Treunert’s Kindheit und erste Jugend aller Freude und all des gewöhnlichen Kinderglücks. Seine Mutter wurde durch ihre Erwerbsgeschäfte den ganzen Tag über dem Hause entfremdet. Sie ließ den armen Knaben, als er kaum aufrecht stehen konnte, ganz allein in der verschlossenen Stube zurück, nachdem sie ihm am Morgen die karge Tagesnahrung hingesetzt hatte. Wahrhaftig rührend klingt die Schilderung, welche Treunert in einem seiner späteren Gedichte von dieser Verödung seines Kindeslebens entwirft:

Ein Knabe war so arm und bloß,
Daß seine Mutter ihn verschloß.
Zum Ausgeh’n fehlten ihm leider
Die allernöthigsten Kleider.

Und Fensterscheiben trüb und blind
Die zeigten kaum dem armen Kind,
Das kläglich eingeschlossen,
Die spielenden Jugendgenossen.

Wie sehnt es sich, wie härmt es sich,
Wie weint es oft so bitterlich.
Wenn draußen die Gassen blinkten
Und hell und freundlich winkten.

Doch eines Tages, wunderbar,
Ein andrer Knabe bei ihm war,
Geschmückt mit weißen Gewändern,
Und gold’nen, grünen Bändern.

Er kam wohl auf dem Sonnenstrahl?
Man wußt’ es nicht; doch alle Mal,
Wenn er kam zu dem armen Knaben,
Sie prächtig gespielet haben.

Der Engel, der zu dem armen einsamen Knaben kam, war der Engel der Poesie. Die Einsamkeit wurde die Nährmutter seiner Phantasie. Und daß er sich diese Einsamkeit oft selbst noch vereinsamte, daß er, wie alle phantasiebegabten Kinder, für die Poesie der stillen Winkel schwärmte, davon meldet ein Ereigniß, das einmal das Stillleben seiner Kindheit unterbrach. Als seine Mutter eines Abends heimkam, fand sie den Knaben in der Stube nicht vor. Schreiend und wehklagend läuft sie auf die Straße und bietet die Nachbarschaft auf. Da findet sie endlich nach längerem Suchen den Knaben in einer Ecke unterm Bette sitzend und still und ruhig schlafend.

Indeß hatte unser kleiner Wilhelm außer dem Engel, der täglich zu ihm kam, auch noch einen reellern Spielgenossen. Das war ein zahmer Hamster. Seine Liebe für diesen einzigen Freund, für dieses einzige Besitzthum seiner Kindheit war eine so zärtliche, daß, als die Franzosen nach der verhängnißvollen Schlacht im October 1806 sich anschickten, die Stadt Jena zu plündern, er den kleinen vierfüßigen Freund in einen Topf steckte und mit ihm nach dem Dorfe Ziegenhain flüchtete. Er hat den Herren Franzmännern diesen Schreck, den sie seinem armen Hamster eingejagt, später, als er 1814 als Freiwilliger des weimarischen Jägerbataillons mit nach Frankreich zog, mit Pulver und Blei redlich wieder heimgezahlt.

Erst im zehnten Jahre, nachdem seine Mutter inzwischen sich verheirathet hatte, bekam der Knabe den Zutritt in die städtische Bürgerschule, sowie gleichzeitig den von ihm reich ausgebeuteten Genuß einer im Besitze seines Stiefvaters befindlichen Leihbibliothek. Da brach nun das Dichtergemüth sich auch nach außen Bahn. Das Talent des Schülers erregte die Aufmerksamkeit der Lehrer. Einer unter ihnen nahm ihn in sein Haus und in seine Privaterziehungsanstalt und gewährte ihm später sogar den Besuch des Hildburghäuser Gymnasiums. Aber es war nur ein kurzer Lichtstrahl, der in den Bildungsgang Treunert’s hineinfiel; verärgerte Verhältnisse in der Familie seines Gönners entzogen ihm dessen weitere Unterstützung. Er kehrte nach erst einjährigem Besuche der höhern Schule wieder nach Jena zurück und wurde nunmehr statt ein Meister und Herr nur ein Handlanger des Geistes. Er ergriff den Nahrungszweig seines Stiefvaters; er wurde Buchdrucker. Der Engel seiner Kindheit aber, die Poesie, wich nicht von seiner Seite und suchte ihm die einförmige Arbeit zu versüßen.

Der ihm wenig zusagende und darum auch wohl nicht mit rechtem Fleiße geübte Beruf ernährte ihn nur kümmerlich, litt oft Noth. Da konnte es wohl geschehen, daß er auf dem Theater der „Grünen Couleur“, einer Privatgesellschaft junger Bürger, Kotzebue’s „Armen Poeten“ mit seltener Wahrheit spielte. Der arme Poet – er war es ja selbst.

Zuletzt meinte da doch die gute Stadt Jena, daß ihr Dichter eine Erkenntlichkeit, oder wie man heute sagen würde, eine Dotation verdiene. Sie ging also in sich und beschloß, ihm die eben – im Jahre 1845 – vacant gewordene Stelle eines Markt- und Rathswachtmeisters zu übertragen. Dichtkunst und Polizei! Es konnte wohl kaum eine bedenklichere Ehe geben, als die zwischen diesen Beiden. Von vielen Seiten machte man auch den armen Candidaten auf die mißlichen Aussichten derselben aufmerksam. „Die Stadt,“ schrieb dieser damals an einen auswärtigen Freund, „betrachtet meine Wahl als ein Ereigniß. Alle Gesellschaften theilen sich darüber in Parteien, und es wird mir verdacht, mich gleichsam zum Polizeidiener gemacht zu haben. … Boshafte Menschen machen mich fortwährend darauf aufmerksam, daß ich auf dem Markte die Butter wiegen, den Wein ausrufen, in den Schenken Feierabend etc. bieten muß … Ja, wenn die guten Leute nur wüßten, wie kläglich die Aussichten eines armen Buchdruckergehülfen jetzt sind!“ Auch der gestrenge Herr Stadtrichter wollte von dieser Poetenwahl durchaus nichts wissen. Als die Väter der Stadt aber doch auf der Versorgung ihres Dichters bestanden, begrüßte er den neuen Untergebenen immer wieder mit den Worten: „Nur keine Poesie! Nur die Sache ganz prosaisch betrachtet!“ Indeß fand sich Pegasus diesmal ganz leidlich in sein Joch und hat es auch ehrlich getragen bis an’s Ende. Wenn es ihn einmal zu sehr drückte, so lief der Dichter auf seine Berge oder half sich mit der Poesie, oder er rief den Humor zu Hülfe, der freilich oft ein verzweifeltes Gesicht trug, wie in folgendem Reime:

Wasser soll ich bringen, wird mir anbefohlen!
Nun, du armer Dichter, das besorg’ in Ruh’!
Denn in deinen Versen, sag’ es unverhohlen,
Trägst du ja den Leuten längst schon Wasser zu.

Diese gegensätzlichen Thätigkeiten trugen sich auch über auf des Mannes äußere Erscheinung. Der Verfasser dieser Skizze kann sich derselben noch wohl erinnern. Namentlich ist sie ihm gegenwärtig in der von Treunert selbst einmal geschilderten Stellung, wie er die schwere Marktpreistafel am Rathhause, neben der sogenannten Zeise (ein Localausdruck für Accise), nicht ohne stillen Seufzer aufhing und dann durch seine großen Brillengläser mit gutmüthig lächelnden Augen den aufmerksamen Knaben betrachtete, um kurz darauf mit einer gelehrten, oft gar lateinischen Anrede dessen Erstaunen zu wecken. Seine untersetzte kräftige Gestalt, das vorgebeugte Haupt, eine gewisse Würde und Wohlgesetztheit seiner Rede, die Medaille am Rocke und der beknopfte dicke Rohrstock in der Hand – dies Alles ließ in ihm weit eher den Herrn Bürgermeister selbst vermuthen als seinen Diener.

Seinem im Jahre 1861 erfolgten Tode ging ein längeres Siechthum voraus. In Folge einer unglücklichen kinderlosen Ehe – er lebte in den letzten Jahren ganz getrennt von seiner ihm nicht gleichgearteten Frau – war seine Häuslichkeit längst verödet. So schlug er sein Schmerzenslager im allgemeinen Krankenhause auf. Nur eine inzwischen auch verheirathete Pflegetochter erleichterte ihm die Leiden seiner letzten Tage. Eine hohe Frau, deren Verehrung er zeitlebens einen schwärmerischen Cultus geweiht hatte, die Großfürstin-Großherzogin Marie Paulowna, der „Schutzgeist des Landes“, war ihm kurz zuvor im Tode vorangegangen.

Von seiner Schmerzensstatt aus sandte er noch seinen [271] „Gruß zur Schiller-Feier“, obwohl die herbstliche Natur ihm schon die trüben Todesgedanken erweckte:

Die letzte Schwalbe flog vorüber
Und rief: „Komm mit, Du kranker Mann!
Wir ziehen in ein Land hinüber,
Wo Dich der Frühling heilen kann.“
Vom Baum die letzten Blätter sanken
Und riefen: „Komm, Du kranker Mann!
Wir ziehen hin, wo allen Kranken
Die Mutter Erde helfen kann.“
Was Schwalbe mir und Blätter sangen –
Verklungen ist’s, ich bin noch hier.
Wollt’ doch, ich wäre mitgegangen,
Es stünde besser wohl mit mir.

Von diesem Schmerzenslager aus sandte er auch seinem geliebten Jena noch seinen letzten Neujahrsgruß. „Liebet Euch einander in Frieden!“ So lautete der Schlußreim. Es war die Parole seines ganzen Lebens gewesen. Aber der Tod kam auch jetzt noch nicht. Es geschah dies wohl auf die Fürbitte des Frühlings. Er, den er stets so hoch gefeiert und warm besungen hatte, er wollte ihm noch einmal die Gnade seines Anblicks gönnen, den Reichthum seiner Gaben zeigen. Aber der müde kranke Dichter begehrte nicht mehr nach seinem Glanze, wies die Gaben von sich.

Ach, Mutter Erde, schicke mir
Nicht deiner Blumen Frühlingsgabe!
Gieb lieber mir ein Stück von dir,
Ein Stückchen nur zu einem Grabe.
Ein Grab! Dann werden Blumen auch
Auf des Erlösten Hügel blüh’n,
Und ruhig wird der Wehmuth Hauch
Der treuen Lieben um ihn zieh’n.

Nach diesen Lauten der Wehmuth verstummte der Mund des Dichters, und als der Frühling gegangen war, gab ihm die mütterliche Erde das begehrte letzte Geschenk, das schmale Stückchen Raum, in dem sie ihn bergend aufnahm, sie, die ewig reiche – den armen kranken Poeten.

Fr. Helbig.




Prachtstück altdeutscher Architectur im Norden.


Im vielgerühmten und mehr noch geschmähten Danzig wird sich ein Fremder heute vergebens nach mancher ihm als charakteristisch genannten Eigenschaft der alten Stadt mit Aug’ und Nase umthun. Keine unschönen Vorbauten engen mehr die Straßen ein. Die tiefen, mit Bohlen bedeckten Drummen und grabenartigen Rinnsteine, deren Miasma, in Verbindung mit dem berüchtigten schlechten Wasser, die Einwohnerschaft allsommerlich decimirte – der Schrecken Aller, die geliebter Schlendrian nicht daran gewöhnt hatte –, haben der Canalisation weichen müssen. Trottoirs durchziehen die sauberen Straßen, zu denen reine Luft jetzt ungehindert Zutritt hat; wüste Plätze sind zu Gartenanlagen umgewandelt, und statt der altem Pumpen spenden gußeiserne Ständer mittelst Röhren von Prangenau hergeleitetes krystallklares Quellwasser, das in den Häusern durch natürlichen Druck bis zu den höchsten Stockwerken hinaufsteigt. Seitdem dieses reine, köstliche Wasser der Stadt zugeführt ist, hat sich ihr Gesundheitszustand bedeutend gehoben. Keine Epidemie, selbst nicht die Cholera, fand auf diesem ihrem alten Lieblingsplatze seitdem eine Stätte, so drohend sie auch zu wiederholten Malen herangezogen kam.

Diese Wasserleitung und die Canalisation sichern dem Oberbürgermeister von Winter vor allen anderen humanen Einrichtungen seiner Verwaltung ein dankbares Andenken in Danzig für alle Zeiten. Sie sind sein eigenstes Werk, das er unter tausendfältigen Schwierigkeiten und Hindernissen, mit jener eisernen Willenskraft und Ausdauer, die man auch in weiteren Kreisen an ihm kennt, vollführte. Neue, hohe, helle Schulhäuser in allen Stadttheilen legen zugleich Zeugniß davon ab, daß des meisterhaften Organisators Walten sich nicht mit der Förderung des materiellen Wohls der Stadt allein begnügte, sondern ihrem intellectuellen Gedeihen die gleiche Sorgfalt widmete. Unter ihm hat Danzig eine neue, intelligentere Physiognomie erhalten.

Aber dem Schaffen von Luft, Licht und Raum für den gewaltigen, drängenden treibenden Verkehr der Jetztzeit ist auch eine charakteristische Schönheit der Stadt zum Opfer gefallen. So schmerzvoll Danzig seine Beischläge mit den kunstvollen Balustraden von Stein und messinggezierten Eisengittern, den gewaltigen Löwen und Granitkugeln an den Ausläufern ihrer Steinstufen dem allgemeinen Interesse geopfert hat, so schmerzlich wird sie der Gast vermissen, der Auge und Verständniß für diese seltenen architektonischen Schätze hatte, die stolz-trotzig den Sinn des alten Danziger Patricierthums illustrirten, das gleich dem Sohne Alt-Englands sprach: „Mein Haus ist mein Schloß.“

Was in stilleren Straßen davon erhalten ist, genügt auch heute noch, das Auge des kunstverständigen Fremdlings zu entzücken, aber es kann ihm nur noch einen unvollkommenen Begriff von dem geben, was z. B. die Langgasse früher bot. In ihr, als der Hauptverkehrsader der Stadt, hat am Ersten gänzlich damit aufgeräumt werden müssen.

In seinem Franziskanerkloster zählt Danzig jedoch jetzt mit gerechtem Stolz einen architektonischen Kunstschatz mehr. Die majestätische Marienkirche, die sich wie eine Sphinx über das Häusermeer der Stadt erhebt und ihre zahlreichen kleineren, aber gleichfalls merkwürdigen Schwestern, das Rathhaus mit seinem schlanken Thurm, der gothisch aus der Hauptfaçade aufsteigt, und dann halmartig zur Spitze wächst, die zum Reizendsten und Anmuthigsten gehört, was der Styl der Renaissance geschaffen hat, der trotzige Stockthurm, das Zeughaus mit seinen Giebeln und reichgegliederten Façaden, die imposante Halle des Artushofes, das Hohe, das Langgasser-, das Grüne Thor, – das Alles ist dem Kunstverständigen in weitester Ferne, gleich den Monumenten Roms bekannt; von dem Franziskanerkloster in Danzig aber berichtete ihm bisher kein kunstgeschichtliches Werk. Und das ist natürlich, denn erst der neuen Zeit war die Entdeckung seiner kunsthistorischen Bedeutung, der allerneuesten sein Auferwecken aus Schutt und Graus zu verjüngter Schönheit vorbehalten.

Wohl nur wenige Fremde, die in den letzten Jahrzehnten Danzig besucht haben, entsinnen sich des armselig genug aussehenden ruinenhaften Gebäudecomplexes neben der Trinitatiskirche in der Fleischergasse, der an der Südseite von einem wüsten, trümmerbesäeten Platze begrenzt war, welcher bei dem großen Brande von 1857 seine Mauer eingebüßt hatte, und nur durch einen abscheulichen Bretterzaun von der Straße getrennt war. Es sei denn, ein glücklicher Zufall habe sie mit dem silberhaarigen kleinen freundlichen Manne bekannt gemacht, der seit 1845 sich darin mit den Anfängen eines Museums eingenistet hatte und der Genius loci der Klosterruine geworden war, wie Passarge ihn treffend in seinen Reiseskizzen „Aus dem Weichseldelta“ nennt. Dann freilich waren sie bereits eingeweiht in die Wunder, die jene altersschwarzen, geborstenen Mauern bargen, wußten sie von den Schätzen, die dort ihrer Hebung harrten, trugen sie wohl gar selbst zu dieser Hebung bei, indem sie auf des Genius Geheiß einige von den Ziegelsteinen mit sich fortnahmen, die der Unermüdliche von dem Mauerwerk losgebrochen hatte, wodurch Jahrhunderte die Gewölbe der Hallen und Kreuzgänge des Klosters entstellt hatten.

Blättern wir, ehe wir seine Hallen betreten, einen Augenblick in den geschichtlichen Aufzeichnungen dieses Klosters, welches im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts unter dem Erzbischof Theodorich von Köln von den Barfüßlern des Franziskanerordens gegründet wurde. Seine Geschichte ist die der meisten Klöster des Mittelalters: zuerst war es eine Pflanzstätte der Aufklärung und Bildung, dann ein Heerd der Entartung und des Lasters.

Die Mönche hegten und pflegten in der ersten Zeit Künste und Wissenschaften. In dem sogenannten Palatium, über dem Kreuzgange des nördlichen Flügels gelegen, hatten sie eine Zuchtschule gegründet, an der selbst der Guardian Nicolaus Lachmann unterrichtete und aus der bedeutende Männer hervorgegangen sind.

Aber die Blüthe des Klosters war nicht von Dauer. Die Mehrzahl der Brüder gab sich Ausschweifungen hin und fachte dadurch den stillen Groll der protestantisch gesinnten Bevölkerung [272] der Stadt zu heller Flamme des Hasses an, der es trotz des Beistandes von Sigismund August und des Bischofs Mathias

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Der östliche Kreuzgang mit Einblick in die ehemalige Bibliothek.

von Cujawien nicht lange zu widerstehen vermochte. Am 30. September 1555 fand seine Uebergabe durch den Guardian und Custos der Minoriten in Preußen, Johannes Rollau, an den Rath statt, der 1557 darin ein Gymnasium, als „Bollwerk und Pflanzstätte der neuen Lehre“, einrichtete. Bis zum Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1806 wirkte die Lehrtätigkeit protestantischer Professoren ungestört in den alten Klosterräumen. Da aber wurde ein Theil derselben zum Lazareth für das preußische Militair eingerichtet, und 1811 nahmen die Franzosen das ganze Kloster zu gleichem Zwecke in Beschlag. Von dieser Zeit datirt sein Verfall.

Die schönen Säle und Kreuzgänge wurden durch Einbauten zu Krankenzellen und Wirthschaftsräumen umgeschaffen. Es blieb Garnisonlazareth, nachdem Danzig an Preußen zurückgefallen war, und ging schließlich als Montirungskammer seinem gänzlichen Ruin entgegen. Es wäre verloren gewesen, wenn ihm nicht in dem 1845 als Lehrer der Sculptur an die Kunst- und Gewerbeschule zu Danzig berufenen Bildhauer Rudolph Freitag jener schützende Genius geworden wäre, der für die alte unter Schutt und Graus verborgene Pracht seines Innern in heller Begeisterung entbrannte und es sich zur Lebensaufgabe machte, angespornt durch die Ermunterungen, die ihm dazu von Seiten des kunstliebenden Königs Friedrich Wilhelm des Vierten wurden, für die Erhaltung des Kunstbaues zu Kunstzwecken zu werben und zu wirken.

Der Gouverneur von Danzig, von Rüchel-Kleist, und dessen Nachfolger, von Grabow, vergönnten ihm und den Uranfängen seiner Sammlung vaterländischer Kunstproducte in einigen Räumen des Klosters eine Heimstätte, wo er hauste, bis nach einer Reihe von Kämpfen zwischen den Ministerien des Krieges, des Cultus und der Justiz unter sich und mit der Stadt um den ruinenhaften Bau, auf die einzugehen hier nicht der Ort ist, endlich letztere denselben als Eigenthum mit der Verpflichtung übernahm, seine kunsthistorischen Räume in angemessener Weise für Zwecke des Unterrichts und der Kunst wiederherzustellen.

Es ist wesentlich zweien Männer, ihrer Energie und Pietät für die Vermächtnisse der großen Vergangenheit der Stadt und ihrer Geschichte zu verdanken, daß dieser großartige Restaurationsbau unternommen und trotz aller ihm entgegenstehenden

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Südfaçade des ehemaligen Franziskanerklosters in Danzig.

[273] Hindernisse, wozu vor Allem seine Kostspieligkeit gehörte, durchgeführt worden ist: dem um Danzig schon außerdem so hochverdienten bereits erwähnten Oberbürgermeister von Winter und

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Nordostecke des Klosterhofes.

dem Kaufmann Herrn Hennings, der unter dem Namen der „Klose’-schen Stiftung“ ein Capital von sechszigtausend Thalern für den Ausbau des Klosters und die Begründung eines Museums in seinen Räumen hergab und die städtischen Behörden durch diese Schenkung zur Bewilligung der weiteren, sehr bedeutenden Geldmittel anregte und bestimmte.

Mit unermüdlichem Eifer und begeisterter Hingabe unterzog sich der geniale Wiederhersteller des alten Kunstbaues, Stadtbaurath Licht, der Lösung seiner hohen Aufgabe. Das Werk, im Jahre 1867 begonnen, wurde trotz der Stürme des französischen Krieges 1871 vollendet.

Treten wir näher. Keine hohen Mauern und Zäune versperren, wie ehemals, den Einblick in die Höfe und Hallen des Klosters. Gußeiserne Gitter, zum Theil Nachahmungen von alten Danziger Meisterwerken, zwischen gemauerten, über Eck gestellten Plinthen öffnen ihre Pforten auf neugeschaffene botanische und andere Gartenanlagen, die das Gebäude von drei Seiten freundlich umkränzen. Dieses lehnt sich als massiges, fast gleichmäßiges Viereck an die Trinitatiskirche; nur seine Südostecke, welche den großen Remter enthält, springt bis dicht an die Straße vor, und die Einförmigkeit seiner langen, dem botanischen Garten zugekehrten Südfront wird durch einen Treppenhausanbau unterbrochen.

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Ostseite des Refectoriums.

Gothische Bogenfenster im unteren Stocke, steil ansteigende Pfannendächer mit nasenartig vorspringenden Luken, Giebel, welche mit den berühmten der benachbarten Kirche harmoniren, wenn sie dieselben in ihrer reichen phantastischen Architektur auch bei Weitem nicht erreichen, sind die äußeren charakteristischen Merkmale des Klosters.

Einige Steinstufen mit eisernem Geländergitterwerke, das auf gewaltigen Granitkugeln ruht, führen durch den schmalen Vorgarten, welcher die Hauptfront von der Fleischergasse trennt, vor das sich inmitten derselben erhebende Hauptportal, das früher, den Abschluß des Tonnengewölbes einer vorspringenden Eingangshalle bildend, dicht an der Straße lag. In goldenen altdeutschen Lettern trägt es die Inschrift: „Stadt-Museum, gegründet von Gottfried Klose und Erben im Jahre 1871“ und führt zu den der Kunst geweihten Räumen des Klosters. Wunderbar ist die Wirkung, welche die Kreuzgänge, besonders der östliche mit dem Einblicke in die sich auf ihn öffnenden Säle – rechts von der Eingangshalle das kleine zweisäulige Refectorium mit den anmuthigen Trichtergewölben, links die ehemalige Bibliothek – und der nördliche mit den phantastischen maurischen Oeffnungen seiner Abschlußgurtbögen, auf den Beschauer machen. Die früher halb vermauerten, jetzt gänzlich in altem Style verglasten Spitzbogenfenster überströmen mit vollem Lichte die von einem Anhauche warmer duftiger Farben belebten Wölbungen, daß deren scharfgratige, tutenartig kräftig ausgestochene Kappchen klar und deutlich hervortreten.

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Westlicher Theil des Refectoriums.

[274] Bei der Ausschmückung der Kreuzgänge bekundet sich vielfach die Einwirkung fremdländischer Baumeister, vielleicht italienischer Mönche, welche zeitweise als Techniker bei dem Bau thätig gewesen sein mögen. Die Wände und Gewölbeflächen zeigten beim Restaurationsbau auch deutliche Kennzeichen, daß sie, gleichwie die Räume und Gewölbe des Marienburger Schlosses, über und über mit lebhaften Farben bedeckt gewesen sind, und geben somit einen neuen Beweis für die oft und irrthümlich angezweifelte Thatsache, daß das Mittelalter seine Basiliken, Dome und Klöster, – wie im Alterthume die Griechen ihre Marmortempel und Bildsäulen – mit einem Aufwande von Farbenreichthum, Vergoldung und Versilberung schmückte. In Rücksicht darauf hat auch bei der Restauration der Anstrich der Hallen und Gewölbe Farbentöne erhalten; in leuchtender Pracht bunter Malerei strahlt jedoch nur das kleine Refectorium. Das große Refectorium dehnt sich längs dem südlichen Flügel des Kreuzganges. Die Thür, die es mit diesem verbindet, ist aus Eichenholz mit flachgestochenen gothischen Blätterornamenten (in einigen Zügen Nachahmung der alten schönen Pforte, welche aus dem östlichen Kreuzgange direct in die Trinitatiskirche führt), und hat ein Meisterstück von Schloß aus Alt-Danziger Zeit mit reicher Ciselirung.

Die Tonnengewölbe dieses Saales, durch außerordentlich kräftiges[WS 1] Netzwerk von Graten belebt, sind gegen die Pfeiler der tiefen spitzbogigen Fenster und der diesen gegenüber belegenen spitzbogigen Nischen wie die Falten eines Gewandes zusammengeführt, um in den Mauermassen derselben zu verschwinden. Die unverhältnißmäßige Länge dieses Raumes scheidet ein dreifacher gothischer Bogen zu einer größeren und zu einer kürzeren Halle, die sich zu künstlerischen Ausstellungen aller Art vortrefflich eignen, weniger jedoch ihrer Bestimmung zum Concertsaale entsprechen. Zur Erwärmung dieses Saales hatte ehemals eine unter ihm angebrachte Luftheizungsvorrichtung gedient, die in der einfachen Einrichtung ihrer Heizkammern große Aehnlichkeit mit der bekannten des Marienburger Schlosses hatte.

Der herrlichste und durch seine Schicksale merkwürdigste Raum des Klosters ist der Conventremter. Man gelangt zu ihm durch den Treppenhausanbau und die Vorhalle, auf welche das große Refectorium mündet. Wie eine Lilie anmuthig entfaltet sich sein imposantes Gewölbe auf einer einzigen Säule. Und hier in diesem köstlichen Saale waren die Lazarethküchen eingebaut gewesen! Im Jahre 1851, als der verstorbene König in Danzig erwartet wurde, hatte der alte Freitag, um die ganze Schönheit des Gewölbes für den kunstsinnigen Fürsten frei zu legen, die Kühnheit, mit einem Aufgebote dienstwilliger Soldaten ohne vorher eingeholte Erlaubniß diese Einbauten herauszubrechen.

Bei dem großen Brande von 1857, der in dem Stadtviertel wüthete, wäre der Remter, und mit ihm wohl das ganze Kloster, ein Opfer der Flammen geworden, hätte sich nicht der damalige Lieutenant zur See Schau mit seinen Marinesoldaten seiner angenommen und ihn gerettet. Brandstiftung, die an demselben Abende den alten interessanten Bau bedrohte, wurde auch glücklich abgewandt. Heute dient der Remter der Johannisschule (Realschule 1. Ordnung) als Aula. Diese Schule nimmt das zweite, um einige Fuß erhöhte Stockwerk des Klosters im südlichen und östlichen Flügel ein, das mit allen Erfindungen der Neuzeit, die der Gesundheitspflege der Schüler dienen können, auf das Zweckmäßigste ausgestattet ist. Eine breite Granittreppe mit schwerem Steingeländer und weitem Vorflur vermittelt in dem Treppenhausanbau den Zugang zu den Schulräumen. Das Institut hielt hier Ostern 1872 unter seinem Director Dr. Panten seinen festlichen Einzug; während der westliche, dem Stadtwalle zugekehrte Flügel schon 1868 von der Provinzialgewerbeschule bezogen worden war.

Zwei geheime Räume in der Südwestecke des Gebäudes, (da, wo jetzt die neue Steintreppe zur Bildergalerie hinanführt) mit geheimer Wendeltreppe und vermauerten Zugängen und ein kleines Gewölbe zwischen Bibliothek und Remter, in dem der alte Genius loci von den idealen Träumen seiner Vergangenheit und der endlichen Einrichtung einer Modellirclasse an der Kunst- und Gewerbeschule zu Danzig träumt, welche ihm das Geschick bis heute noch nicht hat gönnen wollen, repräsentiren die Romantik des Klosters.

Im inneren Hofe plätschert, umgeben von Blumenanlagen, lustig ein Springbrunnen. In seiner Nordostecke verbindet ein Thurm mit alterthümlicher Wendeltreppe und oben ein an die Kirche angebauter Balcon mit Steingeländer die Wohnung und das Atelier des Conservators des Museums, des Maler Sy, im nördlichen Flügel – das ehemalige Palatium – mit dem Haupthause. Das Dachgeschoß des südlichen und östlichen Flügels enthält die Gemäldegalerien. Sie bestehen aus einzelnen, aneinanderhängenden Compartimenten mit Oberlicht, die sich da, wo sie zusammentreffen, in den Gibelbauten des Remters und Treppenhausanbaues, zu Sälen erweitern.

Die herrlichen Gemälde, die bisher in den Sälen des Rathhauses, in Erwartung zum Museum geweihter Hallen, eine Freistätte gefunden hatten, sind jetzt hier bleibend aufgestellt, darunter das sogenannte „Blaue Wunder“ unseres berühmten Landsmannes Hildebrandt. Sie bilden mit der bekannten Kabrun’schen Gemälde- und Kupferstichsammlung, die auch hierher übergesiedelt worden ist, den Kern unserer städtischen Sammlung, um den sich hoffentlich bald weitere Schätze der Malkunst schaaren werden. In diesen durch moderne Luftheizung erwärmten Galerien veranstaltet jetzt auch der Kunstverein seine Ausstellungen.

Malerei, Wissenschaft und Musik haben ihren Einzug in die geweihten Räume gehalten; nur die schönsten harren noch ihrer Belebung durch die ihnen bestimmten Werke der Sculptur. Die Büsten einiger Helden trauern darin über ihre Einsamkeit, und des großen Friedrich’s Haupt (Abguß von Rauch’s Meisterwerk, von König Friedrich Wilhelm dem Vierten 1852 der Sammlung vaterländischer Kunstgegenstände zu Danzig geschenkt) schaut blitzenden Auges erwartungsvoll durch die gewölbten Hallen nach ebenbürtiger Gesellschaft aus – wohl auch nach Ueberlieferungen altdanziger Kunstbestrebungen, altdanziger Pracht.[3]

E. Püttner.




Epische Briefe.
Von Wilhelm Jordan.
VII. Die Kunstgeheimnisse[WS 2] Homer’s. (Schluß.)


Homer nun malt in der Regel gar nicht, oder doch nur mit einem anschauungwirkenden Beiworte. So nennt er das Schiff das schwarze, das blaubugige, das mennigwangige, das auf beiden Seiten gleichmäßig gewölbte; das Meer, wo es bei heiterem Wetter glatt und ruhig ist, namentlich in der Nähe der Küsten, „wie Luft aussehend“, womit unfraglich die helle Bläue gemeint ist; wo es vorgestellt wird als weite und aus der Ferne betrachtete Fläche, „veilchenhaft aussehend“, wo die Rede ist von der sturmbewegten Tiefe, „aussehend wie (der dickgekochte, fast schwarze griechische) Wein“, wo es geschaut wird als auf dunkler Grundfläche von weißen Schaumlinien durchzogen und namentlich auch vom Ruder schaumig geschlagen, mit demselben Worte, welches die noch überwiegend schwarzen, aber schon mit weißen untermischten Haare bezeichnet, πολιος. So nennt er das Schießzeug für Pfeile, weil er dafür keine Benennung hat, welche wie die unsrige, Bogen, die gekrümmte Form bereits ausdrückt, das gebogene. Auf eine weitere Ausführung läßt er sich nur ein, wo eine Hauptwendung der Erzählung gebietet, dem Hörer eine genauere Vorstellung zu sichern. Die große Narbe im Beine des Odyssens z. B., an welcher ihn erst Eurykleia beim Fußbade gegen seinen Willen erkennt, und durch welche er sich dann dem Rinder- und Sauhirten wie zuletzt seinem Vater Laertes als der ächte ausweist, wird vorstellig gemacht durch die große Erzählung von seiner Reise zum Großvater und von seiner Verwundung [275] auf der Eberjagd im Parnesos. Dinge und Geräthe werden auch in solchen Fällen nur gezeichnet in ihrer Entstehung und Anwendung. Weil in den Kämpfen vor Troja ein Hauptumschlag eintritt durch die heimtückische Verwundung des Menelaos während des vertragsmäßigen Waffenstillstandes zu seinem Zweikampfe mit Paris, gewinnt der Bogen des Pandaros das Recht auf eine solche Schilderung, und diese hebt an mit der Jagd des Steinbocks, aus dessen sechszehn Hand hohen Hörnern der Künstler das Schießzeug angefertigt. Schauplätze werden nur gezeichnet vermittelst der auf ihnen geschehenden Handlung, z. B. die Lage der Phäakenstadt und der zu ihr durch den Hafen führende schmale Damm mit Schiffsschuppen zu beiden Seiten durch die jungfräuliche Scheu Nausikaa’s, sich bis zur Stadt von Odysseus begleiten zu lassen, und durch die Schilderung, wie dieser nachher hinüber und hinein gelangt, Palast und Garten des Alkinoos durch die Bewunderung, die sie dem Fremdlinge erwecken, überdies mit der Absicht, die Größe der Versuchung deutlich zu machen, die der Held ohne Schwanken besteht, als ihm der König anbietet, in diesem Natur- und Kunstparadiese wohnen zu bleiben als Gemahl seiner herrlichen Tochter.

Die Natur erhält das Recht malerischer Darstellung niemals um ihrer selbst willen, sondern nur als Gegenstand menschlicher Bekämpfung, wie so oft das Meer, wenn es im Sturme Untergang droht, oder der Schiffbrüchige alle Kraft und List aufbietet, sein Leben hinaus zu retten, oder als Gegenstand menschlicher Arbeit, wie z. B. die Ziegeninsel dicht vor dem Cyclopenlande liebevoll geschildert wird als ein für jede Art von Acker- und Gartenbau vortreffliches und zur Ansiedelung einladendes Land, offenbar in der Absicht, die Rohheit der einäugigen Riesen zu kennzeichnen, die ein so gesegnetes Stück Erde in ihrer nächsten Nachbarschaft als Einöde verkommen lassen.

Der Mensch endlich, etwa Menelaos, den Blonden, und die weißarmigen Frauen ausgenommen, erhält malende Beiworte fast nur in Bezug auf seine Tracht; denn das oft hervorgehobene lange Haar ist zugleich Standesbezeichnung der Freien, die allein mit ungeschorenem Haupte gehen durften. Die Kräuselung der Locken des Odysseus wird einmal mit der Form der Hyacinthenblüthe verglichen. Wenn es unmittelbar darauf heißt:

Wie ein Meister der Kunst, den Hephästos und Pallas Athene
Lehrten, verschiednes Gebild von vollendeter Anmuth zu schaffen,
Silber umgießet mit Gold: so goß dem Odysseus die Göttin
Huld um Schultern und Haupt …

so ist es für den Poeten, der aus Erfahrung weiß, wie ein Gedanke den andern gebiert, unschwer ersichtlich, daß hier in der Verkettung der Vorstellungen, welche den Dichter vom ersten zum zweiten Bilde übergeführt hat, eben die Goldfarbe des Haupt und Schultern anmuthsvoll umwallenden Lockenhaares ein Kettenring gewesen ist; denn allerdings ist auch Odysseus ein Blonder wie Menelaos (siehe Odyssee XIII, 399). Nausikaa’s schlanke Gestalt ferner wird veranschaulicht durch den Vergleich mit der hochaufgeschossenen jungen Palme am Altar Apollon’s auf Delos. Im Uebrigen aber wird der Mensch nur dargestellt in seiner Thätigkeit, seine Gestalt und Aussehen, höchstes etwa als götterhaft bezeichnet, nur in ihrer Wirkung auf andere Menschen, z. B. die Schönheit der Helena mit dem einen Zuge, daß alle Greise den Kopf nach ihr umdrehen, die der Penelope mit dem Liebesverlangen der Freier, die des Odysseus mit den Worten der Nausikaa: bekäm’ ich doch solchen Mann zum Gemahl, und – Ihm gefiele es, hier zu bleiben.

Die eigentliche Aufgabe der Landschaftsmalerei besteht darin, ohne Menschen, höchstens unter nebensächlicher Andeutung derselben als „Staffage“, durch Darstellung der Natur eine menschliche Gemüthsstimmung auszudrücken. In bewußter Ausbildung für diesen Zweck ist sie bekanntlich die jüngste der bildenden Künste. Gleichwohl ist in diesem Sinne schon Homer ein ganz moderner Landschafter gewesen. Denn eben dies leistet auf das Vollkommenste das einzige ausgeführte Landschaftsbild seiner Dichtungen, das der Insel Ogygia. Er setzt seinem Zuhörer erst die Augen des Hermes ein, der von Zeus den Befehl zur Entlassung des Helden überbringt. Nach weitem Fluge über die ermüdend öde Salzfluth steigt er empor vom veilchenfarbigen Meere zur laubreichen Insel der Kalypso, und nun entsteht in diesen bewundernden Gottesaugen, welche die unsrigen geworden sind, ein entzückend schönes und anheimelndes Bild der Wohnstätte der lockigen Göttin. Nicht der Dichter spricht es aus; wohl aber werden wir gezwungen, für uns auszurufen: hier ist gut sein. Hier zwischen Hainen und borndurchschlängelten blühenden Auen, in der kühlen, aber vom weithin duftenden Cederholzfeuer durchwärmten, rebenumrankten und traubenumhangenen Grotte, in der die Nymphe mit hellem Gesange den Rahmen umschreitet und webt mit goldenem Schifflein, hier muß es sich ja bei Nectar und Ambrosia köstlich leben lassen. Aber welchen Dienst hat die geweckte elysische Stimmung? Lediglich den, ihr Gegentheil im Gemüthe des Helden, sein unendliches Heimweh nach dem rauhen Ithaka mit hinreißender Gewalt darzustellen. Denn er sitzt fern von diesen Schönheiten auf der Klippe; thränenvergießend starrt er hinaus in’s Meer und wünscht nur noch einmal den Rauch von der Heimathinsel emporsteigen zu sehen und dann zu sterben.

Schon befolgt in diesem Beispiele ist auch das zweite, und ein wenig selbst das dritte homerische Hauptgesetz. Dieses Landschaftsbild nämlich giebt uns erst der fünfte Gesang der Odyssee, und schon im Anfange des ersten schildert Athene den Göttern im Olymp das hoffnungslose Heimweh des Helden:

„Ihn zu bezaubern versucht sie beständig mit schmeichelndem Kosen;
Ithaka soll er vergessen; Odysseus aber verlangt nur
Einmal noch den Rauch empor von der heimischen Erde
Steigen zu sehn und zu sterben.“

Wir bringen also die Vorstellung seines Heimwehs schon mit zur anheimelnden Schilderung der Kalypso-Insel. Wir erkennen von vornherein, daß dasjenige, womit diese Schilderung Erwartung weckend über sich selbst hinausweist, ein seelisches Motiv ist. Homer hatte gesehen, daß die Augen seiner Hörer dann am hellsten aufleuchteten, wann das fortschreitende Geschehen, die Handlung, mit welcher er die mitgetheilten anschaulichen Züge zur Bildwirkung verknüpfte, ihren Ursprung hatte in der Seele eines Menschen und fernere Folgen ahnen ließ für sein Schicksal. Die Neigungen und Leidenschaften des Menschen, seinen Charakter als Quelle der That und die That als die Prägerin seines Schicksals erkannte er als das Nervencentrum, welches die Dichtung durchzweigen, ihre Gliederung bestimmen und alle ihre Bewegungen erzeugen müsse, um den Zuhörer wie in einen Leib zu verschmelzen mit seinem Gebilde und ihn das Werden desselben im Fortschritt des Vortrags in ununterbrochener Verkettung empfinden zu lassen als eigene Furcht und Hoffnung, als eigenes Leid und eigene Lust am Dasein. So fand er zweitens das Gesetz der Spannung, der dramatischen Wirkung. Die Erfindung der dramatischen Form, richtiger, die sehr allmähliche Entfaltung derselben aus einem eigenthümlichen Gottesdienst, der Dionysosfeier, erfolgte erst vierhundert Jahre später. Aber das Wesen des Dramas ist die Erfindung Homer’s; denn Ilias und Odyssee haben jede zum Kern ein Drama, das mit geringer Mühe unter Beibehaltung des dialogischen Textes, aus der Form der Erzählung in die eines darstellbaren Bühnenstücks verwandelt werden könnte; die Ilias ist eine Tragödie, die Odyssee ein Schauspiel.

Auch das dritte Hauptgesetz, auf dessen Beobachtung ganz vorzüglich der Aufbau des dramatischen Kerns zum Epos beruht, wird, wie gesagt, wenigstens schon angestreift in jenem Landschaftsbilde. Wir schauen dieses Bild nicht mit unsern leibeigenen Augen, sondern sehen es entstehen mit den stimmungsgemäß vorbereiteten Augen eines Gottes. Aber nicht nur andere Augen, sondern auch andere Ohren und selbst andere Gemüther setzt Homer uns ein, wenn wir vernehmen sollen, was nicht zu jenem naturgemäß dargestellte Kern, dem Drama des Epos, gehört.

Die phantastischen Wundergeschichten und Märchen, welche den historischen oder doch historisch möglichen Theil der Sage umranken, bekommen wir nicht zu hören als Wir, sondern als die gläubigen Jünglinge Telemach und Peisistratos, welche der Erzählung vom gestaltwechselnden Meergreise aus dem Munde des Menelaos lauschen. Denn auch der Dichter selbst verwandelt sich zu diesem Zweck. Alle diese Geschichten, welche die Frage nach der physischen Möglichkeit als ungehörig ablehnen, erzählt nicht Homer als Mund der Sage, der Muse, sondern einer seiner Helden. Auch fällt es uns nicht ein, dieselben kritischen Forderungen, welche das Drama des Epos durchweg befriedigt, zu stellen, wenn Odysseus berichtet vom stundenlangen Hängen

[276] am äußersten Aste des Feigenbaumes über der Charybdis, vom einäugigen Menschenfresser Polyphem und vom vorräthig eingepackten Winde. Denn diese Bilder im Bilde sind zuvor weislich abgesondert und eingefaßt worden in den goldenen Rahmen des Märchens und wir sitzen davor nicht als nüchterne Gegenwartsmenschen, sondern als die selbst fabelhaften und märchenlustigen Phäaken. Das ist das Gesetz der von Homer erfundenen Episode.

Noch zu einem Dutzend solcher Briefe allein über Homer hätte ich unterhaltenden und theilweise völlig neuen Stoff. Denn gar Vieles und Wichtiges von seiner Dichtung hat vor mir Niemand gewußt noch wissen können, weil auch ich es erst gelernt habe in derselben Schule, in der seine Kunst sich ausgebildet. In der Ausübung des Rhapsodenberufes hatte er seine Gesetze allmählich gefunden. Nur in der Ausübung des Rhapsodenberufes ist ihre Wiederentdeckung und so die im Wesentlichen endgültige Lösung der homerischen Frage möglich geworden. So wird es mir schwer, hiemit schon von Homer zu scheiden. Allein diese Briefe haben zum eigentlichen Gegenstand, den sie im nächsten erreichen und nicht mehr verlassen sollen, unser eigenes, germanisches Epos. Sie hatten daher die Epen unserer drei epischen Geschwistervölker nur in so weit in Betracht zu ziehen, als es nöthig war, um dann das unsrige erkennen zu lassen als gleichartigen Blüthenzweig auf dem vierten Hauptast desselben Baumes, als unterworfen denselben eingeborenen Gesetzen des Wachsthums und denselben Gewalten der Zerstörung, als erfüllt von derselben Triebkraft zur Erneuerung und ihrer unausbleiblich sicher nach Erfüllung ihrer ewigen Bedingungen, endlich als nur durch dieselbe Kunstpflege erziehbar zur wohlgebauten Dolde von Dauerblumen.




Blätter und Blüthen.


In der wilden Gerlos im Zillerthale. (Mit Abbildung S. 265.) Unter allen Eisenbahnstationen der Nordtyroler Bahn, auf der Route zwischen Kufstein und Innsbruck, hat der Ort Jenbach eine beneidenswerth schöne Lage. Auf halbem Wege der gedachten Strecke im reizenden Innthale findet der Tourist, mag er in die rechts- oder linksseitige Thalwand eindringen, an der Bergbahn hingegossen, landschaftliche Perlen, denen nicht leicht Gleiches zur Seite zu stellen ist. Zwei Stunden im Gebirge droben, nach Baierns Grenze zu, thront im wildromantischen Felsenkessel der unvergleichliche Achensee, während die gegenüberliegende Thalwand den Eingang zu dem trautesten Bergwinkel Tyrols, dem Zillerthal, umschließt. Vom Achensee herab hatte mich der Weg nach Jenbach zurückgeführt. Die heiße Mittagssonne dunstete auf den gegenüberliegenden Bergschroffen, während ich Kühlung im Schatten der von wilden Weinreben umrankten Veranda suchte. Ausgesprochen seltene Formen und Farben boten die Bergstürze an den drüben befindlichen Gehängen dem Auge dar; so plastisch gehoben von der dunkeln Einrahmung der üppig wuchernden Reben, daß man versucht sein könnte, in diesem Eingang zum Zillerthale eine glänzende Theaterdecoration zu sehen. Solchem Zauber von Sonnenschein und Naturbildung vermochte ich nicht zu widerstehen. Ich betrat das Thal, eine Urtype der Idylle, in seinem dem Inn zugekehrten Theile. Hier könnte man wohl glauben, die Scheitel der Berge und Felsen, welche man mit seinem Auge erreicht, zeigen die volle Höhe des Gebirges an. Oben aber, auf diesen riesigen Gestellen, breiten sich Hochebenen mit Wiesen, Gärten, schönen Dörfern und Weilern aus, rinnen Bäche und Quellen, und darüber, weit hinauf, ragen schimmernde Eishörner und Spitzen, um welche sich blumenreiche Alpentriften, sonnige Matten, tiefdunkle Wälder herumziehen. Das ist das Zillerthal. Hier hängen von den Bergen Thäler an Thäler nieder, ein ununterbrochenes Auen- und Triftennetz von der Eisregion bis zur farbigen Thalebene des Inn hinunter.

Das obere Zillerthal, welches in mehr als einem Dutzend solcher Zweigthäler verläuft, die sämmtlich ihren Anfang auf dem Hauptkamme der norischen Alpen finden, zeigt durchgehend den jähen, unwirthlich rauhen, aber auch malerisch großartigen Charakter einer wilden Hochgebirgs-und zerrissenen Gletscherwelt. Zehn- bis elftausend Fuß hoch aufgethürmte Eisspitzen schließen den ohnedies engen Horizont des Quellengebietes in steilen Linien ab. Unter diesen Thälern dürften die malerisch bedeutendsten das im Westen gelegene „Duxer“- und das östlichste, das „wilde Gerlosthal“ sein. Bei diesem concentriren sich mehr als eine Quadratmeile Fläche von Gletschern des Reichen-, wilden Gerlos- und Weikarlspitz, der Zillerplatten und andere und senden in jähen Fällen ihre überreichen Gewässer dem Hauptfluß des Thales, der Ziller, zu. Die Gewände der schroffen Gerlosschlucht sind mit Felsblöcken im dichten Waldesschmuck übersäet; rauhe eisgekrönte Felsenkare bilden den südöstlichen Hintergrund. Hier befindet sich auch der Aufstieg zu den Platten, jenem renommirten und den Touristen wohlbekannten Gebirgspasse, der hinüber in das Pinzgau zu den mächtigsten deutschen Wasserfällen der Krimler Ache führt. Unsere Abbildung zeigt einen jener malerischen Uebergänge, in denen die Menschenhand der Ungunst der Natur ein bescheidenes Plätzchen streitig gemacht und für Passagezwecke erobert hat. Der religiös-bigotte Sinn der Bewohner Tyrols hat es immer instinctiv verstanden, den von der Natur bevorzugten Stellen durch Aufstellung von Betcapellen oder Heiligenbildern einen romantischen Beigeschmack zu geben, und so finden wir denn auch hier neben dem alten baufälligen Brückengange über die tosende wilde Gerlos die unvermeidliche Betstation. Sie ist in der Form eines Golgathas für jene Gemüther hergerichtet, denen die Erhabenheit der Natur an sich nicht ausreichenden Trost gewährt.


Eine Kriegserinnerung freundlichster Art wird uns bei Gelegenheit des Geburtstages von Bismarck von einem Generalstabsarzte mitgetheilt:

„Am 17. August 1870 war der König mit seinem Gefolge auf den Höhen von Gorze, aufmerksam die Bewegungen des Feindes beobachtend. Erst am späten Nachmittage wurde das Hauptquartier in Pont à Mousson aufgesucht. Mich hatten Pflichten länger auf den Schlachtfeldern zurückgehalten, und so kam ich später als die Anderen nach Gorze.

Das Fortkommen war nicht leicht, aber zu Pferde kam ich leichter vorwärts und holte bald den im Gedränge nur langsam sich fortbewegenden Wagen des Grafen Bismarck ein. Ich ritt langsam hinter ihm her. Neben Truppen, Munitions- und Proviantcolonnen fuhren und gingen auf und neben der breiten Heerstraße zahlreiche Verwundete. Aufmerksam sah sich Bismarck nach allen Seiten um und winkte bald einem Sergeanten, der mit einem kleinen Truppe Verwundeter langsam vorwärts ging. Von Bismarck aufgefordert, in seinen Wagen zu steigen, lehnte dieser es jedoch dankend ab, da er für seine Leute sorgen müsse, bat aber den ‚Herrn Oberst‘ um Auskunft über die Officiere seines Regiments. Freundlich wurde ihm diese gegeben und schließlich eine große Handvoll Cigarren gereicht. Mt einem ‚Danke, Herr Oberst!‘ natürlich die Gabe nicht zurückweisend, trat der Verwundete zu seinen Leuten zurück.

Da ich sah, daß er jedenfalls Bismarck nicht kannte, fragte ich ihn, wer der Herr sei, mit dem er gesprochen, und erhielt sofort die Antwort: ‚Oberst so und so von die Kürassiere.‘

Nie werde ich das erstaunte Gesicht vergessen, als ich ihm sagte, daß der freundliche Geber Graf Bismarck sei.

‚Na,‘ rief er, die Cigarren betheuernd in die Höhe hebend, ‚na, die werden nicht geroocht?‘

Ob er sie wirklich nicht geraucht hat, weiß ich nicht, aber wohl sah ich, wie sich Bismarck inzwischen einen andern Verwundeten heranwinkte und mit kräftigem Arme zu sich in den Wagen hob.
Ms.

Für das Reuter-Denkmal, welches in Neubrandenburg errichtet werden soll, sind uns zugegangen: 150 Mark, gesammelt im „Deutschen Lese-Abend“ zu Bloemfontein, Oranjefreistaat, Südafrika; 27 Rubel, gesammelt bei einem fröhlichen Zusammensein der deutschen Lehrer des Wiedemann’schen Privatgymnasiums zu St. Petersburg; 3 Mark, ein nordwestlicher Deutscher.

Da wir in unserer Redaction keine Sammelstelle eröffnet haben, so sind obige Beiträge dem Haupt-Comité in Neubrandenburg übermittelt worden, und bitten wir, auch etwaige weitere Beiträge nach dort zu dirigiren.



Kleiner Briefkasten.

K. L. in Berlin. Beide Angaben sind falsch, die Wuttke’sche sowohl wie die Mosse’sche. Der Irrthum des Herrn Professor Wuttke, der in seinem Buche „Die deutschen Zeitschriften“ die Auflage der Gartenlaube mit 460,000 Exemplaren angiebt, dürfte sich durch den Umstand erklären lassen, daß eine der Probenummern unserer Zeitschrift in einer Auflage von 460,000 Exemplaren gedruckt und diese zufällige Anzahl einer Nummer als die laufende Auflage angenommen wurde. Diese Annahme ist eine falsche; die Gartenlaube hat bis jetzt noch nicht den stetigen Absatz von 460,000 Exemplaren erreicht. Ebenso unrichtig ist die Mittheilung des „Mosse’schen Zeitungskatalogs“, der die Auflage der Gartenlaube bei Gelegenheit der Anzeigen mit 300,000 verzeichnet. Augenblicklich wird unsere Zeitschrift in einer Anzahl von 382,000 Exemplaren gedruckt, eine Auflage, wie sie – wir können das nur mit Dank gegen alle Freunde unseres Blattes aussprechen – keine Zeitschrift auf dem ganzen Erdball aufzuweisen hat.

M. v. M. in H. Für Ihre Zwecke dürfte sich das sehr instructive und mit zahlreichen vortrefflichen Chrom. Lithographien ausgestattete Werk „Die fremdländischen Stubenvögel, ihre Naturgeschichte, Pflege und Zucht“ von Dr. Karl Ruß (Hannover, Rümpler) sehr gut eignen.

D. F. in Santiago (Chile). Wenden Sie sich an Fräulein Ottilie Becker in Valparaiso, Adresse: Sennor Don J. Ramon Sanchez, Calle de la Aduana, Valparaiso, Chile, oder direct an Frau Dr. Beta in Berlin S. W. Tempelhofer Ufer b, welche Pensionärinnen annimmt. Durch das Englische und Französische kann dort die Dame sich bequem verständigen und gutes Deutsch lernen. Ein schildernder, nicht zu langer Bericht über die im September zu Santiago zu eröffnende Industrie-Ausstellung wird willkommen sein (Postschiff nur den 12. jedes Monats von Hamburg).

G. B. in S. Eine Auswahl von Paul Lindau’s kritischen Arbeiten finden Sie in dessen „Gesammelten Aufsätzen“ (Berlin, Stilke), welche Ende des vorigen Jahres die Presse verlassen haben.

J. K. in M. Senden Sie ein Inserat für die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“ an G. L. Daube u. Comp. in Frankfurt am Main!

Sophie Fr. in Gr. Nicht geeignet. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfügung.

B. Geben Sie uns gefälligst Ihre Adresse an, damit wir Ihnen das Eingesandte wieder zustellen können.

F. in Wien. Ungeeignet. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfügung.

Dr. W. R–r in Wien. Artikel willkommen, wenn er den Umfang von fünf Spalten unseres Blattes nicht überschreitet.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Mit 12 Tafeln, 210 Holzschnitten und 36 genetischen Tabellen. Zweite Auflage. Leipzig, Wilhelm Engelmann 1875.
  2. Es ist, seit dieser Aufsatz geschrieben wurde, von Dr. Rauber in Leipzig auch bei höheren Wirbelthieren entdeckt worden.
  3. Die Illustrationen zu dem Aufsatze sind dem Album entnommen, das die Stadt durch den Photographen Ballerstadt von den schönsten Partien des Klosters für den Kaiser, welcher sich gleich seinen königlichen Brüdern und Kindern stets lebhaft für den alten Kunstbau interessirt hat, herstellen ließ.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: kraftiges
  2. Vorlage: Ein Kunstgeheimnisse