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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1874) 735.jpg
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No. 46.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Nach fünfzig Jahren.


Aus den Papieren eines Wohlbekannten.


„Fünfzig Jahre heute! … Der Maitag begann damals so sommerlich warm wie heute … und welche entsetzliche, welche grausige Nacht folgte ihm!“

So sprach am ersten Sonntags-Maimorgen des Jahres 1863 ein Mann in grünem Jagdrocke halblaut vor sich hin. Schneeweiß war sein kurzgestutzter Schnurrbart, und schneeweiß quoll ihm das Haupthaar unter der grünen Mütze hervor. Die tiefen Furchen, welche über seine Stirn und über seine gebräunten Wangen liefen, waren – das erkannte ein geübtes Auge sofort – nicht blos Spuren der Jahre, die über ihm hingegangen, sondern mehr noch Eindrücke der Sorgen und Leiden, die ihn heimgesucht zu haben schienen.

Er saß allein auf einer Bank im Morgensonnenscheine vor einem Forst- und Jagdhause, das, keine tausend Schritte von den letzten Häusern eines in Obstbäumen versteckten Dorfes entfernt, dicht am östlichen Ende eines Waldes stand, der im freundlichen Elsterthale nach Norden, Westen und Süden weithin sich erstreckte, während vor demselben, nach Osten, das kleine Dorf nach einer großen Fläche fruchtbarer Felder hin an einem niedrigen Hange hinanstieg.

Als er die oben angeführten Worte gesprochen hatte, saß der Mann lange schweigend mit tiefgesenktem Haupte da, bis im nahen Dorfe die Kirchenglocken erklangen, um zu dem Frühgottesdienste zu rufen. Alle, die jemals an einem stillen Frühlingsmorgen im Freien Glockentöne vernommen, haben gewiß selbst empfunden, mit welch eigenthümlicher geheimnißvoller Macht sie das Menschenherz ergreifen. Auch auf den alten Förster übten die Morgenglockenklänge ihre tiefe Wirkung. Er nahm langsam die kurze Tabakspfeife aus dem Munde, dann ebenso langsam die grüne Mütze von dem weißen Haupte und faltete die Hände, während tiefandächtige Rührung in seinen Zügen sich ausprägte.

„Die Glocken rufen zur Kirche,“ sagte er leise. „Mich erinnert ihre Stimme immerdar, heute ergreifender als jemals, an den Dank, den ich dem lieben Gott vor fünfzig Jahren schuldig geworden bin.“

Er blickte aufwärts zum Himmel und fuhr dann fort:

„Herr, mein Gott, ich danke Dir. Ein halbes Jahrhundert hast Du mich schützend behütet. Sie ließest Du Ruhe und Frieden finden im Grabe, und die Erde hat das Geheimniß, das furchtbare, getreulich bewahrt.“

Er schwieg von Neuem, und als die Glockentöne verhallt waren, setzte er die Mütze wieder auf.

Alles war still, feierlich still um ihn her. Der alte Jagdhund, der zu den Füßen seines alten Herrn lag, schlief. Hinter dem Hause nur, in dem dicht angrenzenden Walde, ließ ein Vogel seinen schmelzenden Gesang erschallen.

Der Alte zündete seine Pfeife wieder an.

Eine Viertelstunde war vergangen; da kam ein anderer Mann, mit der Büchse auf der Schulter, um die Ecke des Hauses vom Walde her und sagte, sobald er den Alten bemerkte:

„Wir haben doch viel Windfall, Vater. Der Gewittersturm gestern hat ärger gehauset, als wir dachten. Auch unsere einzige Tanne drüben hat er entwurzelt.“

„Die Tanne?“ fragte der alte Förster seltsam bewegt. „Die Tanne?!“ wiederholte er, während er aufstand. „Die Tanne?“ fragte er zum dritten Male und zwar in einem Tone, der nicht blos Bedauern über den Fall des Baumes, sondern eine gewisse Aengstlichkeit zu verrathen schien.

Er nahm auch die Pfeife wieder aus dem Munde und steckte sie in die Tasche, was er immer that, wenn ihn irgend etwas ungewöhnlich ergriff.

Der Sohn sah verwundert und fragend den Vater an.

„Vor fünfzig Jahren, heute vor fünfzig Jahren,“ fuhr der Alte fort, „habe ich die Tanne, damals nur ein Stämmchen, eigenhändig gepflanzt, in schwerer Zeit, in der Nacht, in der entsetzlichsten Nacht meines Lebens.“

„Davon hast Du noch nie gesprochen,“ antwortete der Sohn.

„Um keinen Preis hätte ich jemals davon sprechen mögen. Ich vermied sogar, so viel wie möglich, selbst die Nähe des Baumes und seinen Anblick, weil er mich an Furchtbares erinnerte. Jetzt muß ich zu ihm gehen.“

Der Sohn trat in’s Haus, der Alte aber wendete sich zum Gehen. Sobald er einen Schritt gethan hatte, stand auch der alte Jagdhund auf, schüttelte und dehnte sich und schickte sich an, seinen Herrn zu begleiten. Ehe beide um die Ecke des Hauses, nach dem Walde zu, gekommen waren, sprangen zwei Kinder, ein Knabe und ein jüngeres Mädchen, aus der Thür und eilten dem Alten nach.

„Großvater!“ rief der Knabe. „Laß’ uns mitgehen in den Wald!“

Der Alte antwortete nicht, aber die Kinder liefen voraus. Als sie eine kleine Strecke weit in den Wald hineingegangen waren, rief der Knabe, der weit voraus war, zurück:

„Die Tanne steht nicht mehr.“

Der Alte antwortete nicht, aber er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte.

[736] „Sie ist umgestürzt,“ fuhr der Knabe fort. „Ich sehe sie liegen. Sie streckt die Wurzeln empor.“

Bald gelangten sie an die Stelle, wo der stolze Baum gestanden, der in seinem Falle mehrere Büsche und kleine Bäume beschädigt, zum Theil schlimm zerschlagen hatte, wie unter den Menschen ein Großer, Hochgestellter bei seinem Sturze meist mehrere Kleine in seiner Nähe mit in das Verderben reißt. Der Boden, in welchem die Wurzeln der Tanne breit und tief sich erstreckt hatten, war aufgerissen, so daß sich eine Art seichter Grube gebildet hatte.

Der alte Förster trat bewegt an den Rand dieser Grube, die wie ein hastig aufgerissenes Grab aussah, und blickte mit leichtem Schauer hinein. Die Kinder sprangen in die Grube, traten an den gefallenen Baum, kletterten auf den glatten Stamm und zerrten an den umherstarrenden Wurzeln. Der Alte blickte noch immer schweigend in die Grube, als sehe er etwas darin.

„Großvater!“ rief plötzlich der Knabe, der von Neuem in die Grube gesprungen war und sich in derselben gebückt und etwas aufgehoben hatte. „Großvater, ein Degen!“

Der Alte zuckte zusammen.

„Ein Degen?“ antwortete er. „Ein Stück alten Eisens wird es sein. Greife es nicht an, Junge! Laß es liegen! Es ist eine schwere Sünde aus einem Grabe etwas zu nehmen, und die Grube da ist das Grab der Tanne.“

„Es sieht doch aus wie ein Degen,“ entgegnete der Knabe, indem er scheu das Eisenstück fallen ließ, das er in der Hand hielt. – Das Mädchen hatte unterdeß still an den Wurzeln des gefallenen Baumes gespielt und sich damit beschäftigt, mit den kleinen Fingern die Erde zu entfernen, die hier und da noch an denselben hing.

„Sieh, Großvater, was ich habe!“ rief sie nach einiger Zeit, indem sie auf etwas an einer Wurzel wies.

Der Alte war ganz mit seinen Gedanken beschäftigt und achtete nicht auf die Worte des Kindes, der Knabe aber trat alsbald neugierig zu der kleinen Schwester, um zu sehen, was sie dem Großvater zeigen wollte. Beide beschäftigten sich dann eine Zeitlang eifrig mit dem Gegenstande, der ihre Aufmerksamkeit fesselte. Der Knabe nahm sogar ein kleines Messer, das er in der Tasche trug, zu Hülfe. Er schabte und kratzte mit demselben an einer Stelle der Wurzel, die das Mädchen zuerst bezeichnet hatte. Nach einiger Zeit rief er in freudiger Verwunderung:

„Ein Ring! Großvater, komm her! An der Wurzel da hängt ein Ring, ein Ring mit einem Steine, wie ihn der Herr am Finger hat.“

Der Alte trat raschen Schrittes zu den Kindern, um das Wunder selbst zu betrachten.

„Nun ja,“ sagte er, „es sieht beinahe aus wie ein Ring, es ist aber keiner. Wie sollte ein Ring an die Wurzel da kommen?“

„Es ist ein Ring, Großvater,“ entgegnete der Knabe überzeugt, „ein goldener. Er glänzt da, wo ich ihn mit dem Messer geritzt habe.“

„Zu Hause wollen wir das Ding genauer untersuchen,“ entgegnete der Alte, der hastig ein starkes Einschlagemesser aus der Tasche nahm und anfing, die Wurzel, an welcher sich der Ring befinden sollte, zu durchschneiden. Eben als er die fingerdicke Wurzel über und unter dem angeblichen Ringe durchschnitten hatte, erklangen im Dorfe zum zweiten Male die Glockentöne.

„Kommt, Kinder!“ sprach alsbald der Förster, vielleicht nur um die Aufmerksamkeit der Kleinen von ihrem Funde abzulenken; „heute darf Niemand von uns in der Kirche fehlen.“

Als sie Alle nach Hause zurückgekommen waren, schloß der Alte das Gefundene geheimnißvoll in ein Wandschränkchen, und als die Kinder ihrem Vater von dem Ringe erzählen wollten, den sie gefunden, fiel der Alte erklärend ein:

„Es ist nichts, nur eine wunderlich gestaltete Wurzel, wie man sie ja gar oft findet.“

Und er trieb die Kinder an, sich zum Kirchgange bereit zu machen.

Sie gingen auch bald, aber kaum hatten sie sich aus dem Hause entfernt, so verließ der Alte in seiner Unruhe das Zimmer ebenfalls wieder. Er nahm Spaten und Schaufel und kehrte, ohne Jemandem zu sagen, was er beginnen wollte, zu der gefallenen Tanne zurück. Er ging mit ungewöhnlich raschen Schritten und sprach dabei leise vor sich hin:

„Es ist ein Degenstück, was der Junge sah, und es ist ein Ring, was das Mädchen fand. Wunderbar! Selbst das, was der Mensch tief in der Erde birgt, kommt einmal zu Tage. Die Wurzeln der Bäume sogar läßt Gott zu Händen werden, damit sie aus dem Schooße der Erde Verborgenes hervor an das Tageslicht fördern.“

Er ging eine kurze Zeitlang schweigend weiter, dann fuhr er in seinem Selbstgespräche fort:

„Ein Ring ist es. …. Vielleicht sein Ring. … Wie ist er an die Wurzel gekommen? … Ich kann die Grube nicht so offen liegen lassen. … Fremde könnten daher kommen … fremde Augen könnten darin noch Anderes finden.“

Er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte noch mehr und sobald er die Stätte erreicht hatte, wo der gefallene Baum lag, begann er emsig und eifrig die Grube auszufüllen und zu ebnen. Er grub und schaufelte so hastig, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann.

Als er in ängstlicher Aufregung die Arbeit beendet hatte, setzte er sich matt und ermüdet auf den Baumstamm und senkte das weiße Haupt. „Warum die Angst noch immer?“ sprach er vor sich hin. „Es war ja nur ein Unglück, ein unseliges. Wir Alle sind Schuldner; auch sie. Es war nur seine Schuld. … Aber wie ist der Ring an die Wurzel gekommen?“

„Er sann und grübelte, um das Räthsel sich selbst zu erklären. Nach einiger Zeit endlich murmelte er:

„Ja, ja! Nur so kann es gekommen sein. … Der Finger, an dem sich der Ring befand, zerfiel in Staub und der Ring lag dann frei in der Erde. Die Tanne, die ich an der Stelle gepflanzt, trieb ihre Wurzeln tiefer und tiefer in den Boden; eine Faser kam alsdann zufällig in die runde Höhlung des Ringes. Die anfangs dünne Faser wuchs und wuchs, wurde langsam stärker und dicker und endlich so dick, daß sie den Ring ganz ausfüllte und der selber zuletzt ganz fest in ihr saß. Als dann der Sturm kam und den Baum fällte, riß er im Falle die Wurzeln mit heraus, auch jene, welche den Ring an sich trug. … Eine Fügung Gottes war es, daß das Kind im Spiele die verrätherische Wurzel fand. Ja, wunderbar sind Gottes Wege.“

Wieder saß er eine Zeitlang schweigend da und in den Zügen seines Gesichtes konnte man deutlich erkennen, welch schmerzlich-traurige Gedanken ihn beschäftigten. Erst als zum dritten Male Glockengeläute von dem Dorfkirchthurme her durch den stillen Morgen bis zu ihm in den Wald hinüberklang, stand er rasch auf, als würde er plötzlich geweckt. Ehe er sich aber von der Stelle entfernte, nahm er nochmals seine Mütze ab, faltete die Hände und betete still. Darauf überblickte er noch einmal musternd die Stätte, an welcher die Tanne gestanden und die er sorgsam geebnet hatte. Dann erst trat er, einigermaßen beruhigt, seinen Rückweg nach Hause an, um ebenfalls in die Kirche zu gehen, denn um keinen Preis würde er an diesem Tage den Gottesdienst versäumt haben. –

Nachmittags saßen Vater und Sohn im Zimmer beisammen.

„Vater, Du erwähntest heute früh,“ sagte der Sohn, „daß Du die Tanne, die vom Sturme niedergeworfen worden ist, in der schrecklichsten Nacht Deines Lebens gepflanzt hättest. Hängt es mit den traurigen Vorgängen vor fünfzig Jahres zusammen, von welchen der Pfarrer heute in der Kirche so ergreifend sprach? Warum hast Du mir niemals Mittheilungen darüber gemacht?“

„Oftmals,“ antwortete der Alte nach einem tiefen Seufzer, „habe ich mir vorgenommen, Dir Einiges und, wenn ich es vermöchte, alles hierauf Bezügliche zu erzählen, aber nie konnte ich es über mich gewinnen. Immer war es mir, als verschließe eine geheimnißvolle Macht mir den Mund. Jetzt endlich, da wir den fünfzigsten Jahrestag mit einem feierlichen Dankgottesdienste begangen haben, jetzt, da durch Gottes Schickung der Schleier von dem Geheimnisse wunderbar gehoben worden ist, will und kann ich nicht länger schweigen. Ich stehe ja auch am Rande des Grabes, und es ist mir nur noch kurze Frist gegeben; auch andere Gründe noch machen es mir zur Pflicht, Dir unsere Vergangenheit zu enthüllen, die Dir fast ganz unbekannt geblieben ist. Du wirst Dinge erfahren, von denen Du keine Ahnung hast. Merke also wohl auf! Freudiges ist es nicht, was ich Dir zu berichten habe.“

[737] „Du erschreckst mich, Vater,“ fiel der Sohn in höchster Spannung ein.

„Fürchte nichts!“ entgegnete der Vater ruhig; „Du wirst nichts hören, was unserer Familie zur Unehre gereichen könnte. – Bis jetzt ist Dir nur bekannt, daß wir nicht aus Deutschland stammen, ich aber besitze alte Papiere, die berichten, wie, wann und warum wir die Heimath – Frankreich – verließen, wie und warum wir gerade hierher kamen. Diese Papiere sind Dein Erbe und ich will Dir dasselbe noch bei meinen Lebzeiten übergeben, jetzt, da ich noch im Stande bin, Erläuterungen hinzuzufügen, wo sie vielleicht nöthig sind. Diese Papiere sind freilich in französischer Sprache geschrieben, aber Du wirst sie lesen können, weil ich ja immer zu verhindern bemüht gewesen bin, daß Du in Deinem deutschen Geburtslande Deine französische Muttersprache vergäßest. Erst nachdem Du alles gelesen hast, was sich auf die früheren Zeiten und Verhältnisse bezieht, alles das, was die Schreiberin bis fast vor ihrem Tode aufgezeichnet hat, werde ich – gefällt es Gott – die Erzählung aufnehmen, sie mündlich fortsetzen und sowohl von der Tanne wie von der furchtbaren Nacht sprechen, in welcher ich sie pflanzte.“

Der Förster holte nach diesen Worten aus einem Versteck ein zusammengeschnürtes Packet vergilbter Papiere und übergab dasselbe seinem Sohne, der alsbald eifrig zu lesen begann. Was er las, war Folgendes.




„Viele traurige Jahre habe ich im fremden Lande gelebt, unter Menschen, die wohl freundlich gegen mich waren, aber meine Sprache nicht verstanden und meinen Glauben nicht theilten. Ich werde fern von der Heimath sterben und mein Leib wird in fremder Erde ruhen; ich werde das so sehr geliebte Vaterland nimmer wieder sehen und nie mehr die erquickende Luft der Heimath athmen; ich fühle, daß mein trauriger Lebenslauf bald vollendet ist, aber bevor die Gedächtnißkraft mich verläßt und bevor meine Augen sich schließen, will ich eine letzte schmerzliche Pflicht erfüllen: ich will für die geliebten Meinigen, die ich hinterlasse, auf diesen Blättern verzeichnen, warum ich das Vaterland verließ, warum ich dasselbe verlassen mußte, was ich gethan, erfahren und gelitten habe. Möge mir die Kraft bleiben, bis ich mit der Schilderung meines Lebens zu Ende gekommen bin!

Ich war das einzige Kind meiner Eltern. Mein Vater, dessen Angesicht gesehen zu haben ich mich nicht erinnere, der letzte Sproß des alten Grafengeschlechtes Neuillac, hatte seine hohe Stellung in der Armee des Königs von Frankreich aufgegeben, sich in sein Schloß im Elsaß zurückgezogen und, schon ziemlich bejahrt, mit der Tochter des Marquis von Lanar sich vermählt, die ihm ein ansehnliches Vermögen zubrachte, aber starb, indem sie mir das Leben gab. Er selbst überlebte ihren Tod, der ihn tief betrübte, nicht lange, und so war ich sehr früh schon eine vater- und mutterlose Waise. Eine Tante, die Schwester meines Vaters, nahm sich meiner an, freilich nur, um mich, der Sitte der Zeit und des Landes gemäß, den frommen Schwestern vom ‚heiligen Herzen‘ ist Straßburg zur Erziehung zu übergeben.

Bei ihnen, hinter hohen Klostermauern, habe ich meine Jugend vertrauert. Mehr als einmal versuchte ich, freilich immer vergeblich, dem Zwang zu entfliehen und mir die Freiheit zu gewinnen. Ach, wie beneidete ich die Vögel, die frei und ungehindert über die Mauern des Klostergartens flogen! Mit welcher Sehnsucht schweiften meine Blicke hinaus in die blaue Ferne, wo, wie ich wähnte, die Freiheit und das Glück wohnten! Welche Traurigkeit empfand ich, wenn ich steif bei dem mich langweilenden Unterricht sitzen ober Stunden lang in der Kirche im Gebete verbringen mußte! Man hatte mich Gott nicht als den allmächtigen und allgütigen Vater lieben gelehrt; meinen kindischen Gedanken erschien er nur als ein Art König, der, wie man sagt, droben im Himmel regiere. Für viel größer, mächtiger und gütiger hielt ich den König von Frankreich, in welchem ich das höchste und gütigste Wesen in der Welt verehrte, denn alle Wohlthaten und die Erfüllung aller Wünsche, die mir bekannt wurden, kamen von ihm.

Mit schwärmerischer Liebe hing ich dagegen an der heiligen Jungfrau wie an einer schönen, gütigen, jungen Mutter, die mir ja immer gefehlt hatte. Ueber ihrem Altare in unserer Klosterkirche hing ihr reizendes, liebliches Bild; zu ihren freundlichen milden Zügen blickte ich stets mit einer Art Verzückung auf, und ihr theilte ich in stillem Gebete alle meine Wünsche und Gedanken mit. Sonst spielte und lachte ich lieber, als daß ich lernte und betete. Ich galt deshalb für leichtsinnig und flatterhaft, wurde häufig gescholten und mußte nicht selten sogar Strafe leiden. Die entsetzlichste, die härteste Strafe aber für mich war es, wenn ich zu der alten strengen Superiorin unseres Klosters beschieden wurde und eine Strafpredigt von ihr anhören mußte. Sie stand dann stets regungslos vor mir; mich durchlief bei ihrem Anblick ein Frösteln; nur mit äußerster Anstrengung vermochte ich zu ihrem marmorstarren und marmorkalten Gesichte aufzublicken, und ich weinte bitterlich, wenn ein Blick aus ihren grauen, stechenden, bösen Augen mich traf. Ich war überzeugt, ich weiß nicht warum, daß sie mich tödtlich hasse, weil sie alt und mürrisch, ich aber jung und frohgemuth war, was ihr jedenfalls gleichbedeutend mit sündhaft erschien.

Mit inniger Freude und mit der aufrichtigsten Liebe gedenke ich nur einer Jugendfreundin, der einzigen, die ich in dem verhaßten Kloster gefunden. Sie kam etwa ein Jahr nach mir dort an, stand in ziemlich gleichem Alter mit mir und war die Tochter vornehmer deutscher Eltern jenseits des Rheines, die ihrem Kinde keine größere Wohlthat erzeigen zu können meinten, als wenn sie dasselbe in einem französischen Kloster erziehen ließen. Die Fremde war ungemein schüchtern und hatte die schönsten sanftesten blauen Augen, wie das goldigst seidenweiche Haar, zwei Eigenthümlichkeiten, die mich zuerst auf sie aufmerksam machten und zu ihr hinzogen. Bald aber lernte ich sie lieben wegen ihres weichen Sinnes, wegen ihres demüthigen Wesens und wegen ihrer nicht zu bezwingenden Geduld, also gerade wegen derjenigen Eigenschaften, die mir gänzlich abgingen, und es gewährte mir eine große, stolze Freude, das sanfte, schüchterne Mädchen unter meinen Schutz zu nehmen. Fast jedesmal, wenn sie einen Fehler begangen hatte und darum gescholten werden sollte, scheute ich selbst eine kleine Unwahrheit nicht, um die Schuld und, im Nothfall, die Strafe von ihr abzuwenden und auf mich zu nehmen, was sie mir durch die wärmste und dankbarste Anhänglichkeit vergalt. Vieltausendmal haben wir uns bei solchen Gelegenheiten ewige Freundschaft und Treue geschworen.

Die Mutter der Freundin, eine stattliche Dame von noch immer großer Schönheit, kam regelmäßig einige Mal im Jahre in unser Kloster, um die Tochter zu besuchen, und da diese bei allen solchen Gelegenheiten mit begeisterter Liebe von mir sprach, wurde auch ich bald der Dame vorgestellt, die ich denn als die Mutter meiner Freundin lieben lernte, weil ich leider selbst keine Mutter hatte.

So vergingen die Wochen, die Monate und die – Jahre unserer Kindheit in unveränderlicher Einförmigkeit; wir wuchsen heran. Die Freundin entwickelte sich zu einer vollen, kräftigen, blühenden Jungfrau, während mein Körper lang, schlank und hager emporschoß, so daß ich die geliebte Freundin bisweilen wohl mit einem gewissen Gefühl von Neid betrachtet habe. Ich erinnere mich wenigstens, daß ich mich der Sünde solchen Neides mehr als einmal im Beichtstuhl angeklagt habe. Der Aufenthalt im Kloster wurde uns, je länger er währte, um so langweiliger und lästiger, und wir sprachen täglich von der ersehnten Zeit, in welcher wir die Freiheit erlangen und in ‚die Gesellschaft‘ eintreten würden. Selten indeß war zwischen uns von unserer Verheirathung die Rede, weil die Freundin immer nur sehr schüchtern und mit sichtbarem Widerstreben in meine seltsamen und schwärmerischen Ideen von dem Glücke einging, das ich mir an der Seite eines geliebten jungen und schönen Mannes nicht reizend und entzückend genug auszumalen vermochte. Sie lehnte es stets mit Erröthen ab, meiner Phantasie von einem solchen Leben zu folgen, ja sie erzählte mir eines Tages weinend, daß ihre Mutter ihr die Mittheilung gemacht habe, sie werde bald aus dem Kloster abgeholt werden, um in die Welt einzutreten, denn der Reichsgraf von * * *, ihr Nachbar, habe für seinen jüngsten Sohn um ihre Hand angehalten, und diese sei ihm mit Freuden zugesagt worden, weil man eine glänzendere Partie für die geliebte Tochter schwerlich jemals wieder finden könne. Der junge Graf sei übrigens außerordentlich liebenswürdig und habe sich durch seinen mehrjährigen Aufenthalt auf Reisen, namentlich in Paris, zu einem solchen Muster von [738] elegantem und galantem Manne ausgebildet, daß er selbst einem vornehmen jungen Franzosen durchaus nicht nachstehe.“

Soweit hatte der Sohn des alten Försters gelesen oder vielmehr mit großer Mühe und Anstrengung die verblaßten dünnen kleinen Buchstaben auf dem vergilbten Papier entziffert. Da sprang er fast ärgerlich auf und sagte zu seinem Vater:

„Wer ist denn die Person, die das schrieb, was ich gelesen, und wie steht sie in Verbindung mit der Geschichte der Auswanderung unsrer Familie aus Frankreich?“

„Das Alles wirst Du erfahren,“ antwortete der Vater, „wenn Du geduldig weiter lesen willst. Diese Mühe kann ich Dir nicht ersparen, denn ich vermag nicht alles so genau zu erzählen, wie es da geschrieben steht. Wenn Du aber nicht Alles ganz genau kennst, wirst Du das Nachfolgende nicht verstehen und begreifen.“

„So sage mir wenigstens, wer die Schreiberin ist!“ bat der Sohn.

„Du wirst es von ihr selbst erfahren,“ antwortete der Alte ruhig.

Der Andere fragte nicht weiter. Er nahm die Blätter vielmehr von Neuem zur Hand und las weiter:

„Das war im Frühjahre. Als der Sommer vergangen war und der Herbst kam, erschien in der That die Mutter der Freundin, um dieselbe mit sich zu nehmen und dem Bräutigam zuzuführen. Es war eine schmerzensreiche Trennung. Wir hielten einander lange eng umschlossen und weinten Beide bitterlich. Fast mit Gewalt mußte man uns endlich voneinander trennen. Es versteht sich von selbst, daß wir schon lange vorher und oftmals hoch und theuer geschworen hatten, einander häufig zu schreiben. Ich hatte sogar einst im Uebermuthe auf diejenige von uns, welche nicht regelmäßig schreiben oder antworten werde, als Strafe den schrecklichen Fluch herabbeschworen, eine unglückliche Ehe führen zu müssen. Von Allem, was wir als junge Mädchen erbeten, versprochen und geschworen, ist leider nichts in Erfüllung gegangen als jener Fluch, der uns Beide, mich aber sehr schwer, getroffen hat. Als man die Freundin in den Wagen hob, der sie hinwegführen sollte, stand ich verzweifelnd am Fenster und breitete noch einmal sehnsüchtig die Arme nach ihr aus; als sie mir dann weinend den letzten Abschied zuwinkte und der Wagen mit ihr fortrollte, brach ich ohnmächtig zusammen. Man brachte mich in mein Bett, in welchem ich mich bald erholte, aber nur um mich noch einmal recht auszuweinen. Die Superiorin selbst kam zu mir, sprach mir anfänglich einige Trostworte zu, begann dann aber eine lange Strafpredigt darüber, daß ich mich meinen Gefühlen zu sehr hingegeben habe. Dies sei stets mein Fehler gewesen. Seit ich mich in dem Hause der Schwestern befinde, habe sie mir unablässig die wohlgemeinte Lehre wiederholt, mich niemals vom Gefühle beherrschen zu lassen. Das Weib müsse frühzeitig lernen, seine Empfindungen streng in Zügel und Zaum zu halten und in Demuth und Geduld alles Das hinzunehmen, was Gott in seiner Weisheit sende. Alle großen Schmerzen und alles tiefe Leid, die ein Frauenherz heimsuchen könnten, rührten daher, daß es seinen Empfindungen zu leichthin nachgegeben habe, ohne, wie es einer frommen Christin zieme, die Folgen solchen Thuns ernstlich zu bedenken.

Ich hörte diese sicherlich wohlgemeinten Worte der vielerfahrenen Frau mit verstocktem Mädchensinne an, denn noch während sie sprach, nahm ich mir vor, sobald wie möglich an die Tante, die ich während meines Aufenthalts im Kloster nur selten gesehen hatte, die dringendste Bitte zu richten, mir endlich die Freiheit zu geben, denn ich sei nun sechszehn Jahre alt und ertrage es nicht länger, in düsteren Mauern eingeschlossen zu sein, zumal die Freundin, deren Anwesenheit mir den Aufenthalt daselbst erträglich gemacht habe, in die Heimath zurückgekehrt sei, um in ihre Familie und mit derselben in die Welt einzutreten, der wir doch Alle angehörten.

Schon am nächsten Tage schrieb ich in der That und bat inständig um Erlösung. Ich wußte zwar nicht, welches Leben mir bei der alten Tante beschieden sein könnte, aber schon die Freilassung aus meinem Klosterkerker, schon die Entfernung von der strengen Superiorin, deren Zufriedenheit ich so selten zu erlangen vermocht hatte, erschien mir als beneidenswerthes Glück. Wie sehr ich aber auch dieses Glück ersehnt, es sollte mir noch lange vorenthalten werden. Auf meinen Brief an die Tante erhielt ich, und zwar erst nach Wochen, eine keineswegs erfreuliche Antwort; denn sie schrieb mir, daß sie mich erst abholen könne, nachdem ich die nächsten Ostern noch in dem Kloster gehalten. Welch trauriger Winter stand mir also bevor und wie peinlich langsam schlichen die Tage dahin! Bald war ich traurig bis zu verzweifelnder Schwermuth, bald leidenschaftlich erregt und gereizt. Die guten Schwestern im Kloster mögen große Noth mit mir gehabt haben. Meine Verstimmung steigerte sich täglich, namentlich auch durch den Verdruß darüber, daß ich nach der rasch erfolgten brieflichen Anzeige der Freundin, sie sei glücklich im Vaterhause angekommen und solle an einem der nächsten Tage schon den ihr bestimmten Bräutigam sehen, den sie mir getreulich, unserer Verabredung gemäß, beschreiben werde, keine Zeile von ihr erhielt, obgleich ich ihr, sofort nach dem Empfange ihres ersten Briefes, ausführlich geantwortet und in meinem Schreiben all’ meinen Kummer ausgegossen hatte. Ich war freilich überzeugt, daß die Superiorin, durch deren Hände alle unsere abgehenden und ankommenden Briefe gehen mußten, die mir bestimmten Briefe der Freundin vorenthalte. Ich sprach dies auch in einem Klageschreiben an die Entfernte unverhohlen aus. Diesen Brief erhielt ich, wegen der darin ausgesprochenen Beschuldigung, von der Superiorin mit einer neuen Strafpredigt und der Weisung zurück, meinem Schreiben eine andere Fassung zu geben. Sie hatte also meinen Brief gelesen und – ich schrieb nicht wieder, weil es meinem Stolze als eine Erniedrigung erschien, der ich mich nicht unterwerfen dürfe, anders zu schreiben, als ich empfand.

Eine andere, eine neue Freundin unter den Genossinnen meiner Gefangenschaft mochte ich mir nicht suchen; ich war und blieb also allein, ganz allein mit meiner Trauer, die ich mir täglich schmerzlicher durch die Vorstellung machte, welche ich von dem Glücke der sicherlich bereits geschlossenen Ehe der Freundin hatte. In dieser unbeschreiblich trübseligen Stimmung verging langsam der Winter und das Osterfest kam heran. Ich verbrachte es diesmal in wirklicher Andacht und dankbarer neuer Aufheiterung, denn ein Brief der Tante, der mir ihre baldige Ankunft meldete, hatte mir wieder Muth und Hoffnung gegeben. O, wie freudig klopfte ihr mein Herz entgegen! Ich liebte sie jetzt zärtlich, leidenschaftlich – als meine Befreierin. In solcher Stimmung nahm ich Abschied von den Schwestern, mit denen ich so viele Jahre der Kindheit und Jugend verbracht hatte, ließ noch einmal, diesmal aber mit musterhafter Geduld, einen Strom von Ermahnungen und guten Lehren über mich ergehen und fuhr dann vergnügt und hoffnungsreich in die fremde Welt hinein, nach der ich mich so lange und so sehr gesehnt hatte. Ich wähnte ja, das Glück, alles Glück wohne in dieser ‚Welt‘, und mit fröhlicher Zuversicht hoffte ich, es erwarte da auch mich.“


(Fortsetzung folgt.)




Am Klostergarten.

An der alten Klostermauer
Schreit’ ich hin im Frühlingsduft;
Neuen Lebens Wonneschauer
Athmen durch die Morgenluft.
Sonntäglich und still ist’s heute,
Nur ein hallendes Geläute
Festlich zum Gebete ruft.

Durch den schattenreichen Garten
Geht im wallenden Talar,
Ihres heil’gen Amts zu warten,
Feierlich die Nonnenschaar.
Aus der kühlen Waldcapelle
In die schwüle Klosterzelle
Ruft die Glocke hell und klar.

Siehe! in der Schwestern Reihe
Wunderhold und engelmild,
Lieblich in der Unschuld Weihe –
Welch ein bleiches Mädchenbild!
Himmelsruhe in den Mienen
Scheint sie flüchtig nur erschienen
In dem irdischen Gefild.

[739] 
Die Gartenlaube (1874) b 739.jpg

Am Klostergarten.
Originalzeichnung von L. Sckell in München.

[740]

Eine Rose bricht vom Strauche
Schüchtern sie mit zagem Sinn,
Drückt an’s Herz sie – Klagehauche
Seufzt im Kuß sie drüber hin,
Und den Gartenpfad hernieder
Wallet mit den Schwestern wieder
Meine holde Büßerin.

Bild der Jugend ist die Rose –
Ich verstehe ganz Dein Leid:
Jugendfrisch, Du Jugendlose,
Trauerst Du in Einsamkeit;
Daß Dich Gottes Schleier schmücke,
Bliebst Du fern dem Erdenglücke –
Doch Dein Herz – wie sehnsuchtsweit! –

Halle, halle, leis’ Geläute!
Stille, fromme Schwestern ihr,
Wallt vorüber, Himmelsbräute,
Daß ich einsam bete hier!
Du auch bete, bleiche Nonne,
Daß die heilige Madonne
Frieden schenke Dir – und mir!

 Ernst Ziel.




Epische Briefe.


Von Wilhelm Jordan.
IV.


Die Haupthelden des indischen, iranischen, griechischen und germanischen Epos, Karna, Rustem und Isfendiar, Achilles und unser Sigfrid, treffen darin überein, daß sie von den Göttern herstammen, übermenschliche Stärke, göttliche Waffen besitzen und unverwundbar sind mit Ausnahme einer Stelle ihres Körpers.

Im letzteren Punkte freilich scheint Firdusi’s Rustem eine Ausnahme zu machen, da von ihm die Eigenschaft solcher Unverwundbarkeit im Schahnameh nirgend ausdrücklich erwähnt wird.

Indeß dasselbe gilt vom homerischen Achilles. Nur aus anderweiten späteren Mittheilungen kennen wir die vorhomerische Sage von der Eintauchung in die Styx und der dadurch über den ganzen Körper mit Ausnahme des Fersenknöchels erlangten Unverletzlichkeit. Eine Hauptaufgabe des Poeten ist es, für seinen Helden Furcht und Hoffnung, Mitleid und Bewunderung zu wecken. Ein unversehrbarer Mann ist dazu nicht zu gebrauchen; denn wo die Gefahr fortfällt, kann auch von Muth und Tapferkeit nicht die Rede sein. Derselbe Grund also, der nach dem Beispiele der Ilias auch für die Kunstgestalt der Sigfridsage geboten hat, die angeborene Undurchdringlichkeit des Körpers fallen zu lassen, wird unzweifelhaft auch Firdusi bestimmt haben, in diesem Punkte von der iranischen Sage abzuweichen. Uebrigens kann auch sein Rustem nur durch eine mit Speeren gefüllte Grube getödtet werden; auch besitzt er ein Aequivalent der gefeiten Haut in der Ueberkraft, welche er für gewöhnlich ruhen läßt, da er sonst Felsen wie dünnes Eis durchtreten würde, aber unter besonderen Umständen augenblicklich anlegen kann, wie der altgermanische Gott des Ackerbaues und Gewitters, Thôrr oder Donar, seinen Megingiardr, den Stärkegürtel.

Der indische, iranische, griechische und germanische Hauptheld steht ferner in allen vier Epen in der Dienstbarkeit eines Fürsten von geringeren Eigenschaften. Diesem erwirbt er durch schwere Leistungen oder unter Lebensgefahr eine Geliebte oder verliert an ihn die eigene, und hieraus entspringt verderbliche Entzweiung. In allen vier Epenkreisen schürzt sich auf diese Weise der Schicksalsknoten, mit tiefster Tragik im germanischen, wo der Held eine wirklich todeswürdige Schuld auf sich ladet, indem er seine erste Verlobte für den Preis einer anderen Braut dem König betrüglich erkämpft.

Noch viel auffälliger zeigt sich die Uebereinstimmung, wenn wir die Heldengestalten je zwei dieser Völker vergleichen, z. B. den indischen Karna und den germanischen Sigfrid, wie das theilweise schon H. Leo und A. Holtzmann ausgeführt haben.

Karna’s Mutter setzt das neugeborene Kind in einem wohlverschlossenen Kästchen in’s Wasser. Die Wellen tragen es in ein fernes Land, wo es gefunden und erzogen wird. Gerade so kommt, nach einem uralten Zuge, den uns die sogenannte Wilkinasage aufbewahrt hat, der neugeborene Sigfrid in glasbedeckter Kiste den Rhein herabgeschwommen. Gerade so ergeht es in einem noch jetzt im Volksmunde lebendigen Miniatur-Nachbilde der Sigfridsage, dem bekannten, auch in der Grimm’schen Sammlung mitgetheilten Märchen, dem Kinde mit der Glückshaut (eine Metamorphose der Tarnkappe), das in solchem Kasten einen Mühlbach hinuntertreibt, vom Müller am Wehre aufgefangen und erzogen wird und dann erwachsen, um eine Königstochter zur Frau zu gewinnen, drei Haare vom Teufel aus der Hölle holen muß; ein Zug, in welchem die Kämpfe zur Gewinnung der Brunhild oder Krimhild anklingen. Karna wie Sigfrid sind also beide zunächst Fündlinge. Aber der indische Dichter weiß, daß Karna’s Vater kein geringerer ist, als der Sonnengott. Sigfrid’s Vater heißt nach der Edda und dem Nibelungenliede Sigmund. Um wahrscheinlich zu machen, daß auch dieser Name ursprünglich den Sonnengott bedeutet habe, erinnert Holtzmann an einen Gott der Sequaner, Namens Segemon. Allein es bedarf gar nicht dieses weithergeholten Beweisversuches. In dem Eddaliede Skirnisför, das ist die Fahrt Skirnir’s, welches wie ein Mittelglied den Uebergang von der Götter- zur Heldensage bezeichnet und schon die Grundzüge der letzteren enthält, besteht Skirnir als Busenfreund und zweites Ich des Sonnengottes Freyr eben die Abenteuer, welche nachher dem Sigfrid zugeschrieben werden. Dieser selbst hat ursprünglich die Bedeutung eines die nordische Erde vom Winterschlaf erweckenden Frühlingsgottes. Aus der zur Jungfrau personificirten frostgelähmten Vegetationskraft der Erde, welche dieser Frühlingsgott mit dem Schwerte seines Vaters, dem Sonnenstrahl, freisprengt vom umkrustenden Eise, ist dann die in Zauberschlaf versenkte Heldenjungfrau Brunhild geworden, welche Sigfrid erweckt und durch Berührung mit dem Schwerte Balmung aus angeschmiedetem Panzer herausschält.

Auf die Abstammung vom Sonnengotte deuten auch Sigfrid’s Augen, die so leuchtend sind, daß ihren Glanz Niemand ertragen kann, und welche dann seine Tochter Schwanhild von ihm ererbt; denn diese vermag durch ihren Blick sogar Pferde scheu zu machen. Von einer Hornhaut Sigfrid’s wird zwar in den uns erhaltenen ältesten Sagenresten nichts erwähnt. Aber schon beim Frühlingsgotte Balder ist die Lichtnatur verbunden mit Unverletzlichkeit unter einer Ausnahme; denn nur durch einen Pfeil vom Zweige der Mistel kann er getödtet werden. Der Volksgesang suchte dann diese Eigenschaft zu erklären durch das hörnende Drachenblut, ihre Ausnahme durch das Lindenblatt, das ihm dabei „zwischen die Herten“ gefallen sei. Indeß kann auch die Hornhaut trotz ihrer späten Erwähnung immerhin uralt sein. Denn ganz entsprechend ist Karna mit einem „Krebs“, einem natürlichen Panzer, zur Welt gekommen. – Wie Sigfrid für Gunther, so erwirbt Karna für den König Durjozana eine Gemahlin und besteht für ihn die Gefahren der Brautwerbung, wie Sigfrid die Kämpfe mit Brunhild. Wie Sigfrid den Drachen Fafner, so erlegt Karna den Dscharasanz, ein übermenschliches Wesen, den Schrecken Indiens, und erbeutet von ihm, wie Sigfrid den Hort der Nibelunge und den Helm Hildegrim, große Schätze und den Streitwagen des Himmels- und Donnergottes Indra. Beide endlich fallen durch einen hinterlistigen Schuß, der sie vom Rücken her durchbohrt.

Noch viele andere gemeinsame Züge der Sage haben sich erhalten, sind aber von der Person des Haupthelden auf andere Gestalten übertragen worden.

So ist der Drachenkampf zwar dem Karna, Rustem und Sigfrid gemeinschaftlich, in der griechischen Sage aber nicht auf Achill, sondern auf mehrere andere Gestalten übertragen worden. So zunächst auf den Sonnengott selbst, auf Apollo, den Erleger des pythischen Drachen. Dem entspricht es in der germanischen Mythe, daß in jenem Eddaliede von der Fahrt Skirnir’s der Sonnengott Freyr als der Tödter eines Sturmriesen Namens Beli bezeichnet wird. Auch dem Hermeias ferner wird die Besiegung eines drachenartigen Ungethüms, des hundertäugigen Argos, zugeschrieben. Von den drachentödtenden griechischen Helden ist besonders Perseus merkwürdig durch seine auffällige Uebereinstimmung mit Sigfrid. Er ist ein Sohn des Himmelsgottes Zeus. Wie Sigfrid in den Rhein wird er als [741] neugebornes Kind in einem Kasten in’s Meer geworfen und vom Fischer Diktys im Netze an’s Land gezogen. Wie Sigfrid vom Schmidt Mime oder Regin, einem Zwerge, zu dem sich offenbar eine frühere Göttergestalt vermenschlicht hat, das Schwert Gram oder Balmung, so erhält Perseus vom Schmiedegott Hephästos das Schwert Harpe. Wie Sigfrid die unsichtbar machende Tarnkappe, so besitzt Perseus den unsichtbar machenden Hadeshelm. Wie Sigfrid den Lintwurm erlegt und aus dessen Gewalt die geliebte Königstochter befreit (nach einem freilich erst mittelalterlichen, aber zweifellos aus alter Tradition schöpfenden Liede), so überwindet Perseus ein drachenartiges Meerungeheuer, und auch er rettet dadurch eine gefesselte Königstochter.

Ein dritter griechischer Drachentödter ist Jason, der Held der großen Argonautensage. Die Stelle der Odyssee, in welcher sie als „die allbesungene“ bezeichnet wird, ist zwar nachweisbar unecht, aber wahrscheinlich aus einem der Odyssee nahezu gleich alten Liede eingeschaltet. Unverkennbar ist diese Sage wirklich eine der am meisten verbreiteten, ja, so lange die Haupt- und Nationalsage des Volkes gewesen, wie noch die Eröffnung und Ausbeutung der fernen Länder im Osten des schwarzen Meeres als die folgenreichste Großthat bewundert wurde. Erst als diese in Schatten gestellt wurde durch die Erwerbung des westlichen Kleinasiens, die man als begonnen betrachtete mit der Eroberung Trojas, wurde sie von diesem ersten Platze verdrängt durch den troischen Sagenkreis. Es ist sehr merkwürdig, daß ihr gemeinsam vererbter Kern bestimmt war, sich zu unserer herrschenden Nationalsage zu entfalten. Denn mit der Argonautensage ist die Nibelungensage – worauf ich in meinen Vorträgen zuerst aufmerksam gemacht habe – nicht nur verwandt, sondern in den Grundzügen identisch.

Noch in unserem Nibelungenliede hat sich eine Spur davon erhalten, daß dem Helden Sigfrid ein schnelles Wunderschiff zu Gebote steht. In seiner Tarnkappe, erzählt die achte Aventiure, besteigt er das Schiffel:

Man wânde daz ez fuorte ein sunderstarker wint,
Den vergen sach doch niemen.

In Zeit nur eines Tages und einer Nacht gelangt er so in’s geheimnißvolle Nibelungenland. – Ich erinnere ferner daran, daß in einem Eddaliede Brunhild, unter dem Namen Sigurdrifa, den Helden Sigfrid, ihren Verlobten, am Anfang seiner Laufbahn in Sieg-Runen, Schwert-Runen und allerlei Zauberkünsten unterrichtet. Dann erlegt er den Drachen und gewinnt den von ihm bewachten Goldhort der Nibelunge, wird aber seiner ersten Verlobten treulos zu Gunsten der Königstochter Krimhild (oder Gudrun, wie sie in der Edda heißt), und fällt durch die Rache Brunhildens.

Gerade so gelangt Jason auf dem Wunderschiff Argo, das ist die schnelle, nach Aia, was eben nur ein unbestimmt gelassenes ferngelegenes Land bedeutet, nach Kolchis, wie es später bezeichnet wurde, wird dort von der Jungfrau Medea in Zauberkünsten unterrichtet, vermählt sich mit ihr, erlegt einen Drachen, erobert das von ihm bewachte goldene Vließ, wird der ersten Geliebten treulos zu Gunsten der korinthischen Königstochter Kreusa und geht unter durch die furchtbare Rache Medea’s. Auch den Kindermord der Letzteren finden wir in der Nibelungensage wieder, aber freilich nicht auf Brunhild, sondern auf Krimhild übertragen, die nach den Atleliedern der Edda ihrem zweiten Gemahl Etzel, zur Rache ihrer Brüder, ihre und seine leibliche Brut als Speise vorsetzt, wie es in der Tantalidensage Atreus seinem Bruder Thyestes anthut. Ja, ich treibe nicht etwa nur ein spitzfindiges Spiel mit Wortähnlichkeiten, wenn ich behaupte, daß Nibelunge schon in der Argonautensage auch genannt werden. Denn Nibelunge, das ist Söhne der personificirten Finsterniß, bedeutet ursprünglich Kinder des Nebels. Phrixos aber und Helle, mit deren Flucht durch die Lüfte nach dem fernen Aia, bewerkstelligt auf dem Rücken des goldvließigen Widders, die Argonautensage anhebt, sind Kinder des Athamas, eines Sohnes des Windgottes Aeolos, von seiner göttlichen Gemahlin Nephele, und dieses Wort, mit unserem „Nebel“ identisch, bedeutet die Wolke. Nicht hier ist der Ort, zu zeigen, welche Naturanschauung in der Nibelungen- und Argonautensage zur Mär vermenschlicht wurde. Nur daran sei erinnert, daß sowohl die Tarnkappe wie das geheimnißvolle Fahrzeug, in welchem Sigfrid unsichtbar in’s Nibelungenland fährt, ursprünglich nichts anderes bedeuten als die Nebelumhüllung, in welcher die warme Frühlingsluft im kälteren Norden anlangt; denn beide Besitzthümer sind bei der Vermenschlichung der Göttersage auf den Helden übergegangen als Aenderbildungen des schnellen Wunderschiffes Skidbladnir, welches dem Sonnengott Freyr zur Verfügung steht und welches dieser bis zur Unsichtbarkeit zusammenfalten kann, der Wolke, der „Seglerin der Lüfte“.

Eine historisch noch nicht meßbare Zeit, sicherlich aber beträchtlich mehr als ein Jahrtausend, muß verflossen sein zwischen der Trennung der Vorfahren der Indier, Iranier, Griechen und Germanen vom arischen Urstamm und der jedem dieser Völker eigenthümlichen Ausbildung ihrer uns erhaltenen epischen Ueberlieferung. Ueber ein Drittel des Erdumfanges und die allerverschiedensten Länder durchziehend und besiedelnd, hatten ihre Nachkommen die verschiedensten Schicksale erfahren, und alles das hatte verändernd einwirken müssen auf ihre Sage. So erscheinen denn diese Uebereinstimmungen, die ich noch um eine Menge von Zügen vermehren könnte, in der That fast größer, als wir sie erwarten sollten, und sicherlich auffallend genug, um darauf hin zu behaupten, daß, wie die Sprachen der Indogermanen nur Dialecte einer Stammsprache sind, und wie ihre ursprünglichen Religionen nur Metamorphosen sind von einer und derselben Urreligion, gerade so auch der Grundstock der Heldensage der vier epischen Völker, die es auf Erden giebt, ihr gemeinschaftliches Erbe ist vom Stammvolke der Arier, daß wir also schon diesen einen von den Priestern abgezweigten Sängerstand und den Besitz des Epos mindestens auf jener zweiten Stufe, als Chronik des Volkes in Liedern, zuschreiben dürfen.

Als Stämme der Arier von ihren Ursitzen in den Hochlanden Mittelasiens theils nach Süden und Südosten, theils nach Westen und Nordwesten auswanderten, da ging die Sprache der ausgesandten Volksäste allmählich auseinander in Mundarten, die einander immer mehr unähnlich wurden bis zur gegenseitigen Unverständlichkeit. Ebenso verwandelte sich das ihnen gemeinsame Epos. Was sie Neues erlebten, vermischte sich umgestaltend mit den älteren Sagen. Andere Erdgürtel mit anderen Himmelserscheinungen und Jahreszeiten, anderen Thieren und Pflanzen, gaben neue Anschauungen, bedingten andere Thätigkeit, andere Sitten. Und wie vordem die Maler die biblischen Patriarchen im Costüme des Mittelalters zu malen pflegten, wie noch Shakespeare’s Bühne die alten Römer frischweg auftreten ließ in Kleidung und Rüstung altenglischer Ritter: so hat auch das Epos stets und zu allen Zeiten, auch das homerische keineswegs ausgenommen, die Trachten und Sitten einer noch erinnerlichen und vorstellbaren jüngern Vergangenheit gewählt für die Gestalten der Vorzeit, ihren Thaten Schauplätze gegeben in der neuen Heimath, sie immer wieder wo anders localisirt.

Ja, es hat mehr gethan. Es hat, wie das schon ein früherer Brief andeutete, die alten Götter und alten Helden stets auch zu Trägern neuer Glaubenslehren, neuer Bestrebungen gemacht. Sie waren ihm die heiligen Gefäße der Tradition, zu der es sich berechtigt und verpflichtet fühlte, auch den besten Saft der jüngsten Thatenernte der Völker hinzuzugießen. Es legte diesen alten Göttern in den Mund die Gebote einer vorgeschrittenen Sittenlehre; es machte diese alten Helden zu Vorkämpfern der die Herzen des Volkes bewegenden Zukunftshoffnungen, seiner religiösen, gesellschaftlichen und politischen Ideale. Ein Epos von modernem Stoffe ist die gleiche Afterkunst wie eine nagelneugebaute Ruine, die gleiche Unmöglichkeit wie neusilbernes Gold. Seine prägende Idee aber muß modern sein, und in diesem Sinne ist es immer modernisirt worden – obwohl man sich hier dieses mit widrigem Beigeschmack behafteten Wortes besser gar nicht bedient, da die Poesie, mit Ausnahme etwa der satirischen, mit der eigentlichen Mode am allerwenigsten zu schaffen hat. Von keinem besser, als vom größten aller Epiker, von Homer, läßt sich nachweisen, daß er gerade durch die Darstellung der durchgreifenden Erneuerung, die sich in seinem Volke vollzogen hatte, seine gewaltige, alle Jahrtausende durchdauernde Wirkung erzielt hat.

Von einem antikisirenden Epos, das sich als lebensfähig erwiesen hätte, weiß die Geschichte der Poesie nichts, wenn auch von einigen mißlungenen Versuchen, ein solches Unding zusammenzukünsteln. [742] Eine Verkehrtheit ist es, dem Epos streng antiquarische Gewissenhaftigkeit in der Zeichnung der Waffen, Geräthe, Trachten und Lebensgewohnheiten eines bestimmten Zeitalters zuzumuthen. Was es erzählt, hat gar kein bestimmtes Zeitalter. Es kann auf die Frage, in welcher Zeit es spiele, nicht besser antworten als mit Hebbel: „In der poetischen.“ Wer es für Geschichte nimmt, der versteht nichts von seinem Wesen und seinem Zwecke. Es ist eine seiner wichtigsten Aufgaben, zeitlos zu sein. Mit der Geschichte unmittelbar hat es gar nichts zu thun. Von ihr kann es in den Bereich seiner Darstellung nur hineinziehen, was schon selbst wieder Sage geworden ist, und dann allemal unter äußerster Rücksichtslosigkeit gegen alle Chronologie; wie z. B. die deutsche Sage Attila und Theodorich als Etzel und Dietrich von Bern zu Zeitgenossen macht, obgleich der Erstere zwei Jahre vor der Geburt des Letzteren gestorben. Gleichwohl hat diese Forderung noch einige Berechtigung. Ob man sich schon der Armbrust oder nur des Bogens bedient zur Zeit eines Stücks Geschichte, das die Sage umverdaut hat, darum braucht sich der Epiker nicht zu kümmern. Allerdings aber wird er nicht, wie Shakespeare, die römischen Legionen gerade nach der Trommel marschiren oder gar die Nibelunge mit Flinten und Kanonen schießen lassen.

Immer aber bleibt es ein größerer Mißverstand, wenn man dem Epiker Vorwürfe macht wegen Erfüllung seiner obersten Pflicht: in seinem alten Stoffe neue Gedanken darzustellen. Der Dichter überhaupt vermag auf seine Zeitgenossen und ihre Nachkommen nur zu wirken als ein Sohn seiner Zeit, welcher dem Wissen und Glauben seiner Epoche treffenden Ausdruck zu geben weiß. Die besondere Aufgabe des Dichters des Epos ist es, diesen jüngsten Geistesinhalt seiner Nation während einer weltgeschichtlich großen Phase ihrer Entwickelung zu erkennen und aufzuzeigen als im Keime schon vorhanden in ihrem alten Glauben, ihren alten Sagen von Helden der Vorzeit. Er hat das echt Menschliche und daher Ewige dieses Neuen zur Darstellung zu bringen in der Vermählung mit dem echt Menschlichen und Ewigen im Glauben und in den Thaten der Vorfahren.




Ein Werk der Menschenliebe in Amerika.


Von Udo Brachvogel.


Der Amerikaner liebt es, „in Wohlthätigkeit zu machen“. Vielleicht ist er sogar wohlthätig. Ja, wenn man nur die Thatsachen sprechen läßt, ist er es gewiß. Diese Thatsachen in Gestalt nackter Zahlen und statistischer Daten sprechen Außerordentliches. Dabei braucht man noch nicht einmal an die Girard, Cooper, Peabody und Lick zu denken. Sie sind nur die Marschälle der amerikanischen „charity“. Im Großen und Ganzen ist sie Gemeingut einer wohlorganisirten riesigen Armee, aus der Jene nur durch besondere Heldenthaten hervorragen und die sich im Uebrigen fast aus dem gesammten besitzenden Angloamerikanerthum recrutirt. Daß dabei eine Masse von Pharisäerthum und rein weltlicher Eitelkeit mit unterläuft, daß Pietismus und jene Beschränktheit, welche die helfende That nicht um der helfenden That, sondern um ihrer erhofften Eintragung in eine höhere Buchhaltung willen thut, zur Triebfeder des Erbarmens werden, daß die kirchliche Gesellschaft oder, wenn man lieber will, die gesellschaftliche Kirchlichkeit, welche in den Vereinigten Staaten herrschermächtig ist, dabei eine Art Zwang übt – das Alles kann die praktischen Ergebnisse in unsern Augen nicht schädigen. Diese praktischen Ergebnisse aber – es wurde dies bereits gesagt – sind enorm. Es würde sich der Mühe lohnen, einmal auszurechnen, wie viel regierende europäische Familien man mit dem Eigenthume der öffentlichen Wohlthätigkeits-Anstalten Amerikas auskaufen, wie viele Civillisten man mit den von ihnen verausgabten Jahressummen decken könnte. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß bei der Probe noch ein Ueberschuß im Lande bleiben würde.

Der schönste Zug der amerikanischen „public charity“ ist ihre Vielseitigkeit. Sie ist wirklich bemüht, für Alle und Alles zu sorgen, was in die Classe der Mühseligen und Beladenen, der Hülfebedürftigen und Bedrängten gehört. Für jede Art von Noth, für jegliche Form der Verlassenheit hat sie helfende und rettende Anstalten. Mit dem ungeborenen Kinde beginnt sie und hört mit Werken der Pietät gegen die verwahrlosten Ruhestätten längst Geschiedener auf. Das verdiente Elend gehört ihr, wie das unverschuldete Unheil. Weder das Thier noch der Mörder sind von ihrer Sorge ausgeschlossen. Aber wie verschieden auch die Gegenstände sind, auf welche sie sich erstreckt, und wie mannigfaltig die Ziele, die sie verfolgt, überall fordert das System, nach dem sie verfährt, überall die Planmäßigkeit, welche ihre Arbeiten regelt, die gleiche Bewunderung heraus. Und läßt sich ein schöneres Bündniß denken, als das zwischen Mitleid und Besonnenheit? Kann es ein fruchtbringenderes Zusammenwirken geben, als dasjenige, zu dem sich reine Menschlichkeit und vorsichtige Weisheit – sei sie nun staatlicher oder gesellschaftlicher Natur – vereinigen? Welch ein Segen, wenn die beiden immer und überall Hand in Hand gingen! Und sie sollten es, sollten es wenigstens versuchen. Nie sollte die Letztere ihren Geboten Folge geben, ohne der milden Stimme der ersteren Gehör zu geben, nie jene einen ihrer großen auf das Allgemeine gehenden Pläne entwerfen, ohne den Anforderungen dieser Rechnung zu tragen. Nur wo sie gemeinsame Sache machen, entsteht wahrhaft Förderliches, über den Moment hinaus Wirkendes für Beide, werden Thaten im Dienste der echten Civilisation gethan.

Eine solche That im Dienste der echten Civilisation ist es, von der hier die Rede sein soll. Mit dem liebenswürdigsten Worte des Gründers der christlichen Cultur, jenem den Kindern geltenden „Lasset sie zu mir kommen!“ als Wahlspruch, trat sie in’s Leben. Mildthätigkeit und Menschlichkeit waren ihre Triebfeder; Förderung, Reinigung und Sicherstellung des öffentlichen Lebens war ihr Endzweck, ihr Schauplatz aber New-York und das Material, welches sie sich ersah, die Kinderwelt seiner Armen und Elenden, seiner gefährlichen und verkommenen Schichten, seiner Gesetzlosen und Ausgestoßenen – mit einem Worte die Jugend jenes Bodensatzes weltstädtischer Menschheit, der vor zwanzig Jahren zu einer Macht erwachsen war, welche der amerikanischen Metropole selbst vor ihren doppelt so großen Schwesterhauptstädten der alten Welt zu ebenso unbestrittener wie unheimlicher Berühmtheit verhalf.

In jene Blüthezeit des New-Yorker Verbrecherthums und der Armuth fällt die civilisatorische That, von der hier die Rede ist, in Gestalt der Gründung der „Children’s Aid Society of New-York“, der New-Yorker Hülfsgesellschaft für Kinder. Es war kaum mehr als ein Versuch zu nennen, zu dem sich in den letzten Tagen des Jahres 1852 eine Anzahl von Menschenfreunden verband, welche seit einigen Jahren das immer wüster und breiter in den Vordergrund sich drängende Unwesen und Treiben der gefährlicher Classen beobachtet hatte und, auf Gegenmittel gegen die drohende Sündfluth sinnend, eines derselben in der Gründung der genannten Gesellschaft gefunden zu haben glaubte. Ein Versuch! Aber was ist seitdem aus diesem Versuche geworden, dessen Grundgedanke „das Unheil bei der Wurzel zu fassen und der Verbrecherwelt ihren jugendlichen Zuwachs abzuschneiden“ nichts Anderes war, als die Uebertragung des großen Princips der Gesundheitslehre vom medicinischen auf das sociale Gebiet!

Mit ein paar hundert Thalern und einem oder zwei Dutzend zusammengefangener Straßenwildlinge begann das Werk, als dessen eigentliche Seele schon damals derselbe Mann zu betrachten war, der noch heute unter dem bescheidenen Titel eines Secretärs der Gesellschaft Kopf und Hand der zu so mächtigen Dimensionen erwachsenen Institution ist: Charles L. Brace von New-York. Er ist einer jener Typen, wie sie das öffentliche Leben in den Vereinigten Staaten vorwiegend vor dem anderer Länder, wenn nicht nahezu ausschließlich, hervorbringt, einer jener praktischen Schwärmer, deren Dasein in einer Idee, oder richtiger, in der Begeisterung für eine Idee und in den Bemühungen wurzelt, dieselbe in das Gebiet des Wirklichen zu übertragen. Ihre Einseitigkeit ist ihre Hauptstärke. Unempfindlich und abwehrend gegen alles Uebrige, sind sie in Dem, was ihr werkthätiges Dogma bildet, Riesen, Märtyrer und Heroen. Die [743] Vorkämpfer der Sclaven-Emancipation waren solche Männer. Und gleich ihnen sind es mehr oder minder Alle, welche bisher auf amerikanischem Boden im Dienste der Humanität Rettendes, Befreiendes und Erlösendes geleistet. Charles L. Brace gehört ganz und gar zu dieser Kategorie. Er war eben im Begriff Geistlicher zu werden, Missionär. Aber an einem Decembertage des Jahres 1852 fiel sein himmelwärts gerichteter Blick auf die Erde – auf ein Häuflein kleiner Jammergestalten in einem der verwahrlosten Districte des großen Hudson-Babel – und seine Mission war gefunden. Die Idee der „Children’s Aid Society“ war die seinige.

Einige ähnlich gesinnte Männer waren schnell dafür gewonnen und im März 1853 erschien der erste Aufruf der neuconstituirten Gesellschaft in den New-Yorker Blättern. Es hieß darin: „Unser Unternehmen ist aus der tiefen Ueberzeugung entsprungen, daß irgend Etwas geschehen muß, um der überhandnehmenden Noth und Verführung zum Verbrechen unter den Kindern zu steuern. Unser Zweck ist, dieser Classe, auf der ein so großer Theil der Zukunft unserer Bevölkerung ruht, für’s Erste durch Sonntags-Meetings, Industrie- und sonstige Schulen, sowie durch Unterbringung bei guten Menschen zu Hülfe zu kommen, um später, wenn es möglich geworden sein wird, die Mittel dazu herbeizuschaffen, Unterkunftshäuser (Lodging-Houses) für heimathlose Knaben zu errichten und bezahlte Agenten anzustellen, deren einzige Aufgabe die Sorge für unsere Schützlinge sein soll.“ Die statistischen Angaben, welche dem Aufruf beigefügt waren, sowie die Schilderungen des Elends und der Gefahren, denen es in ebenso menschenfreundlicher wie praktischer Weise entgegenzutreten galt, verfehlten ihren Eindruck nicht.

Die immer offene Hand des reichen Amerikaners – ganz gleich, ob offen aus wirklichem Erbarmen, ob nur aus gesellschaftlicher Rücksicht, oder um sich mit dem Himmel abzufinden – erwies sich auch dieses Mal ebenso zuverlässig wie freigebig. Eine lebhafte persönliche Agitation und eine einmüthige Unterstützung seitens der Presse thaten gleichfalls das Ihrige zur Förderung des Unternehmens, so daß dasselbe bereits im Jahre 1856 genügenden Boden unter den Füßen fühlte, um sich mit einem eigenen Freibrief des Staates New-York ausrüsten zu lassen. Heutigen Tages aber ist die Gesellschaft nahezu eine halbe Millionärin, verfügt über die jährlichen Einkünfte eines kleinen Fürsten, hat einen ansehnlichen Grund- und Häuserbesitz, Schulen, Sonntagsschulen, Unterkunftshäuser, Asyle, Werkstätten, Bibliotheken und eine Anzahl anderer Anstalten, in denen der Kampf um die jungen Seelen gegen Elend, Armuth und Verwahrlosung ebenso tapfer, wie erfolgreich gekämpft wird.

Und es ist kein leichter Kampf. Vor Allem schwer war der Anfang. Zwar das Material, in welchem es zu arbeiten galt, war leicht gefunden. Auf den Straßen, auf den Plätzen, in den Gassen, am Hafen und in den Parks der riesigen Stadt bot es sich von selber dar. In der Gestalt von Hunderten und aber Hunderten kaum über die Schwelle des Lebens getretener und doch mit ihren Kinderhänden schon auf den Brust-an-Brustkampf um’s Dasein angewiesener Geschöpfe bot und bietet es sich dar: Die Araber der Straßen, die Nomaden der Weltstadt-Sahara, die Geburten des Pflasters, Zeitungsjungen, Stiefelputzer, Musikanten, Straßenkehrer – bis hieher etwa reicht die Aristokratie in dieser primitiven Welt – Bettelbuben, Lumpensammler, Lungerer und kleine Spitzbuben, zerlumptes, baarfüßiges, halbnacktes junges Volk – und doch seines Lebens froh, doch seine Existenz als ein ebenso Berechtigtes wie die Löcher in seinen Jacken und Hosen zur Schau tragend – ein Straßengeschlecht, von dem man Alles begreifen kann, nur das Eine nicht, daß die zu ihm Gehörenden nicht auch auf diesen granitnen Seitenwegen, in diesen Gassen, neben diesen Rinnsteinen geboren sind. Aber wer will sagen, daß sie es nicht doch sind? Taufscheine – ungeheure Naivetät! Genug, sie sind da. Wie ein Wespenvolk über eine Wiese, verbreitet sich ihr riesiger Schwarm tagtäglich über das Revier der Stadt, schwirrt er mit jedem Morgenroth darüber empor, um erst in später Nacht wieder zu verschwinden.

Aber wohin verschwinden sie? Schwer zu beantwortende Frage! Die Bevorzugtesten unter ihnen, die wahren Prinzen und Scheiks haben ein Elternhaus, ja Einige von ihnen sogar Eltern darin, welche sie mit freundlichem Worte willkommen heißen, und Geschwister, die ihnen froh neben sich Platz machen. Aber wie sehr bilden diese die Ausnahme unter den Arabern des Pflasters! Ein anderer Bruchtheil mag wohl auch etwas wie eine Heimath haben – nur daß die dazu Zählenden, wenn sich’s nur eben thun läßt, vorziehen, nicht dorthin zurückzukehren, wo betrunkene oder barbarische Angehörige nichts als Elend und Rohheit mit dem kleinen Wanderer zu theilen haben. Noch Andere – und sie sind die echten Beduinen dieser jungen Nomadenwelt – wissen absolut nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollen, obschon sie Muth genug hätten, in ein Gespensterhaus oder in Satans eigene Cabine unterzuschlüpfen. Dann sind es Hausporticuse, Thorwege, Treppenabsätze, Maurergerüste, alte Kisten, umgestülpte Wagen etc., die sich bereitwillig zu nächtlichen Asylen darleihen. Auch Neubauten mit noch offenen Fenstern und Thüren, Wasserleitungsröhren, welche der Versenkung harren, Parkbänke und leere Keller bieten Verstecke, darin und darunter sich herrlich niederkauern läßt, und die dem Gaste im Sommer ein fürstliches Nachtquartier, im Winter aber eine Zuflucht gewähren, in der er doch wenigstens des ersten und grausamsten Anpralls der Elemente spotten kann.

Und er spottet so leicht und so gern. Furcht – es wurde dies schon gesagt – kennt er nicht. Er ist seinem Taufscheine (vorausgesetzt, daß er doch einen solchen habe) mindestens um die Hälfte der darauf verzeichneten Jahre voraus, und ob er auch auf dem besten Wege sei, ein vollkommener Taugenichts zu werden, was Tapferkeit anbelangt, ist er ein Spartaner, und in Betreff des leichten Sinnes beschämt er jeden Pariser. Damit ist denn auch seine hervorstechendste Eigenschaft berührt: seine vollkommene Unabhängigkeit. Die Beziehungen, in denen er und seines Gleichen zu der tausendköpfig und hundertschichtig über sie hinweg ebbenden und fluthenden Großstadtwelt stehen, sind keine anderen, als die, in denen der Indianer zu den Grenzansiedelungen des fernen Westens, oder der in Massen auf das Pflaster San Franciscos geworfene Chinese zum legitimen Californier steht. Sie leben unter den Sohlen dieser üppigen Welt – aber in vollkommener Freiheit. Und wenn man die Bezeichnung, welche die New-Yorker Polizei für sie hat – sie nennt sie „Straßenratten“ –, und daneben die Thatsache erwägt, daß ihre Reihen es sind, aus denen sich die gefährlichsten Classen der Metropole recrutiren, so vermeint man, sie thatsächlich mit leisen, aber sicheren Zähnen an den tiefsten und geheimsten Fundamenten der Gesellschaft nagen und schaben zu hören.

Dieses Geschlecht nun war das Material, welches sich den philanthropischen Männern, deren vornehmster Name oben genannt wurde, darbot, als ihre edlen und weisen Pläne in der Gründung der „Children’s Aid Society of New-York“ im Jahre 1853 Gestalt gewannen. Aber damit, daß es sich ihnen darbot, ja selbst auf allen Straßen und Plätzen, an allen Ecken und Enden darbot, hatten sie es noch nicht. Das größte Hinderniß, sich seiner zu bemächtigen, war nicht die diesem Geschlechte angeborene frühreife Nichtsthuerei, sondern jene Unabhängigkeit und jene Leichtigkeit, sich mit dem Leben in seiner dürftigsten Gestalt abzufinden, welche es noch in ungleich höherem Grade charakterisiren, als seine Nichtsnutzigkeit. Dieser Unabhängigkeitssinn und das mit ihm verbundene radicale Vorurtheil gegen Alles, was Schule, namentlich aber was Sonntagsschule heißt, in welch letzterer sie nichts Anderes als den Vorhof zum Correctionshause erblickten, mußte in erster Reihe überwunden werden.

Und es wurde überwunden. Nachdem Herr Brace mit seinen Schulen und sonstigen im Namen der neuen Gesellschaft in’s Leben gerufenen Unternehmungen gleich im ersten Jahre die erfreulichsten Erfolge erzielt, war er bereits Ende des Jahres 1853 in der Lage, den Directoren den Plan zu einem Logirhause für heimathlose Knaben vorzulegen, welcher, alsbald bewilligt, mit der dem Manne eignen Energie zur That gezeitigt wurde. Schon im Mai 1854 wurde im obern Stockwerk eines im Herzen der untern Stadt gelegenen Hauses (des alten „Sun-Gebäudes“ an der Ecke von Fulton- und Nassau-Street) das erste Unterkunftshaus eröffnet, in welchem heimathslose Knaben für einen geringen Entgelt ein Nachtquartier und gutes Essen erhalten und ein reinigendes Bad nehmen konnten. Es erhielt nach dem unter den Beschäftigungen und Erwerbszweigen seiner jugendlichen Kunden vorherrschenden Berufe den Namen Newsboys-Lodging-House – Zeitungsjungen-Logirhaus. Daß sich dieses [744] Asyl auch Demjenigen, welchem selbst die wenigen Cents, die zu erlegen waren, mangelten, ebenso gastlich erschloß, wie seinem bezahlenden Cameraden, versteht sich von selbst.

„Aber es mußte,“ wie Herr Brace selbst in seinen jüngst erschienenen Aufzeichnungen über die Wirksamkeit der verschiedenen Anstalten der Gesellschaft sagt – „es mußte Alles daran gelegen sein, die jungen Burschen als selbstständige Kunden zu behandeln, ihnen nichts in Gestalt einer Wohlthat und ohne Entgelt aufzudringen, zugleich aber auch ihnen in ihren Unterkunftshäusern unvergleichlich mehr und Besseres zu verabfolgen, als sie für ihr Geld irgendwo anders erhalten konnten.“

In einem ihrer Unterkunftshäuser! Denn nicht nur, daß die Anstalt an der Ecke von Fulton- und Nassaustreet bald das ganze Gebäude einnahm – seitdem ist längst ein mächtiger Geschäftspalast an der Stätte emporgewachsen – selbst dieser sollte sich nach einigen Jahren für den Andrang der ihm zuströmenden jugendlichen Kunden nicht mehr hinreichend erweisen, und namentlich sollten es die Schulzimmer sein (die gefürchteten, unheimlichen Schulzimmer, das Fegefeuer zu der Hölle des Correctionshauses), welche bald nicht mehr Raum und Comfort genug boten. Das schreckliche Gespenst einer zwangsweisen Besserung und Freiheitsberaubung, welches zuerst für die übermäßig verschmitzten jungen Heiden hinter dem seltsamen Geschäft mit seinen Badezimmern, billigen Mahlzeiten, guten Betten, Abendschulen und sonntäglichen Bibellesungen und Gesangsübungen gelauert hatte, war bald in Nebel zerronnen, und gerade die Abend- und Sonntagsschulen waren es, die in kurzer Zeit eine Anziehung übten, vor der ihre Besucher erschrocken zurückgebebt wären, wenn sie schlau genug gewesen wären, einzusehen, daß sie in ihren Wirkungen von denen des gefürchteten Correctionshauses kaum unterschieden waren. Nicht nur von denen besucht, welche mehr oder minder regelmäßige Nachtgäste des Logirhauses waren, sondern auch von ihren Cameraden und „Geschäftsfreunden vom Straßenpflaster“ erst aus Neugierde, dann aus Theilnahme an den Vorgängen selbst frequentirt, wurden sie sehr bald zu einer ebenso beliebten wie nutzbringenden, den höheren Zwecken der Gesellschaft dienenden Einrichtung.

Es war im Jahre 1867, als die „Children’s Aid Society“, durch den wachsenden Zuspruch ihrer Anstalt genöthigt, sowie durch die ihr immer reichlicher zufließenden Mittel dazu befähigt, das alte Sun-Gebäude aufgab und am Park-Place ein für sechstausend Dollars jährlichen Zinses gemiethetes vierstöckiges Gebäude von der Größe und Stattlichkeit, welche die Handelspaläste jener Gegend kennzeichnet, für ihre Zwecke erwarb. Doch auch hier sollte ihres Bleibens nur für einige Jahre sein. Schon 1869 sah sie sich genöthigt, die Errichtung eines eigenen genügenden Baues in Aussicht zu nehmen, der, von vornherein nur im Hinblick auf den einen Zweck, für den er bestimmt ist, errichtet, demselben auch auf eine geraume Zeit hinaus entsprechen sollte. Das Grundstück des in den vierziger und fünfziger Jahren als deutsches Einwanderer-Hôtel bekannten Shakespeare-Hauses wurde erworben und auf ihm in Gestalt eines mächtigen, unregelmäßigen Vierecks ein Stein- und Ziegelbau errichtet, der sechs hohe, luftige Stockwerke zählt und der in seiner architektonischen Neuheit und Prächtigkeit mit einem Schlage die ganze Physiognomie des winkligen und unsaubern Stadtviertels, in dem es sich erhebt, umgewandelt hat. Im Januar 1874 wurde das Gebäude seiner Bestimmung übergeben. Mit Ausnahme des Erdgeschosses dient es nur der einen Bestimmung, welche die seiner Front in Sandstein eingefügte weithin sichtbare Inschrift besagt: dem eines „Newsboys-Lodging-House“. Das erste Stock enthält den Eßsaal und die Badezimmer, das zweite den Schulsaal, das dritte und vierte die Schlafräume mit im Ganzen dreihundert Betten, das fünfte einen großen Turnsaal. Der Preis für ein Nachtlager ist sechs Cents, der für Abendbrod und Frühstück ebenso hoch. Doch verpflichtet die Abnahme des einen nicht zu der des andern. Seit Jahren schon beträgt die Durchschnittszahl der nächtlichen Gäste nie unter zweihundert und dennoch herrscht in diesem während der Abend- und Morgenstunden von wimmelndem Leben erfüllten Bienenstocke eine mustergültige Ordnung. Vollkommene Unparteilichkeit und Pünktlichkeit in der Bedienung einerseits, andererseits Freundlichkeit, mit militärisch strenger Disciplin vereint: das sind die Elemente, welche zu einer so erfolgreichen Herrschaft in dieser eigenartigen Welt geführt haben.

Außer dieser großartigen Anstalt im Herzen des unteren New-York besitzt die Gesellschaft heutigen Tages noch vier andere Logirhäuser in verschiedenen Gegenden der Stadt, die sich an Ausdehnung und Stattlichkeit der Einrichtung freilich nicht mit dem Haupthause vergleichen dürfen, in ihrer Art jedoch für die Districte, in welchen sie liegen, kaum ein geringerer Segen sind, als jenes. Eines davon ist nur für Mädchen bestimmt und gleich den Knabenhäusern mit einem Bureau für die Vermittlung von dauernden Unterbringungen ihrer jugendlichen Schutzbefohlenen in Geschäften oder Privathäusern verbunden. Sie repräsentiren ein Besitzthum der Gesellschaft von etwa hunderttausend Dollars, während sich der Werth des neuen Haupthauses allein auf nahezu das Doppelte beläuft. Rechnet man hierzu noch das im Laufe der Zeit aus den Ueberschüssen der regelmäßigen Jahreseinkünfte (darunter die Tausende betragenden Unterstützungen seitens der Stadt und des County New-York), sowie aus allerlei Schenkungen und Vermächtnissen erwachsene freie Vermögen, welches, in guten Sicherheiten angelegt, sich auf hundertachtzig- bis hundertfünfundachtzigtausend Dollars beziffert, so wird die Berechtigung, mit welcher die Gesellschaft oben eine halbe Millionärin genannt wurde, zur Genüge ersichtlich. Ihre Einnahmen, die während des ersten Versuchsjahres nicht mehr als viertausendsiebenhundertzweiunddreißig Dollars betrugen, waren für das letzte Verwaltungsjahr (1873) auf hundertzweiundsiebenzigtausenddreihundertfünfundzwanzig Dollars gestiegen, das Ausgabenbudget derselben Zeit von viertausendeinhunderteinundneunzig Dollars auf hunderteinundsiebenzigtausendachtundfünfzig angewachsen, während sich die Gesammtsumme, welche in diesen einundzwanzig Jahren von der Gesellschaft für die verschiedenen von ihr verfolgten philanthropischen Zwecke ausgegeben wurden, auf eine Million vierhundertvierundzwanzigtausendsechsundvierzig Dollars beläuft.

Um einen klaren Begriff von Dem zu gewinnen, was mit Hülfe dieser Summen geleistet worden, müssen die drei Hauptzweige der gesellschaftlichen Thätigkeit, von denen die Errichtung und Unterhaltung der Logirhäuser nur einen bilden, besonders in’s Auge gefaßt werden. Die andern beiden bestehen in der Unterhaltung von sogenannten Industrieschulen (richtiger Armenschulen) und in der Unterbringung respective Auswanderung von Knaben nach dem Westen.

Nach dem letzten Jahresbericht beliefen sich die Ausgaben für das Haupt-Unterkunftshaus auf 16,085 Dollars, zu deren Deckung die Knaben selbst 4382 Dollars beisteuerten. Die Zahl dieser Letzteren betrug 7568. Während des gesammten einundzwanzigjährigen Bestehens dieser Anstalt fanden 107,568 Knaben im Alter von sechs bis achtzehn Jahren in ihr Unterkunft, welche zu einem Gesammtausgabenbudget von 164,453 Dollars die Summe von 41,003 Dollars bezahlten.

In der Führung der Schulen der Gesellschaft – sie nennt dieselben, weil sie den Besuchern auch die Gelegenheit zur Erlangung von allerlei mechanischen Fertigkeiten bieten, „industrial schools“ – wird auf den confessionslosen Charakter dieser Anstalten ein besonderer Nachdruck gelegt. Eben so wenig spielt die Nationalität bei ihnen eine Rolle, wie das Bestehen einer Schule eigens für deutsche und einer eigens für italienische Kinder beweist. Im Augenblick bestehen im Ganzen einundzwanzig solcher Schulen, von denen zugleich fünfzehn Abendschulen sind, und an denen im Ganzen siebenundachtzig Lehrer und Lehrerinnen unterrichten. Die Kosten ihrer Unterhaltung beliefen sich während des letzten Jahres auf 68092 Dollars und ihr durchschnittlicher Besuch, bei einer Gesammtzahl von 9584 Schülern, betrug 3477 Köpfe. Die Gesellschaft betrachtet diese Anstalten theils als eine Vorschule für irgend einen praktischen Beruf ihrer nur der tiefsten Hefe und Armuth der Bevölkerung entnommenen Besucher, theils als ein Mittel, ihnen, die schon in ihren Kinderjahren bestimmten Erwerbszweigen obliegen müssen, wenigstens in den Abendstunden die Erlangung nützlicher Kenntnisse zugänglich zu machen, theils endlich als eine Vorbereitung für die öffentlichen Freischulen, für deren Besuch sie durch die „Vermenschlichung“, der man sie hier unterzieht, sowie durch die Ausrüstung mit Kleidungsstücken und sonstigem Nothwendigen fähig gemacht werden, so daß zahllose der tiefsten Armuth und Noth entsprossene Kinder auch äußerlich in Stand gesetzt werden, den ihnen zukommenden Platz unter ihren den [745] übrigen Classen des Gemeinwesens angehörenden Altersgenossen in den öffentlichen Schulen einzunehmen.

Das Emigrationsdepartement der Gesellschaft wird in seiner Thätigkeit und seinen Erfolgen gleichfalls am besten durch Zahlen illustrirt. Der erste Export von Knaben nach dem Westen fand 1854 statt. Er umfaßte zweihundertvier Köpfe. Diese Zahl war bis zum Schlusse des vorigen Verwaltungsjahres auf zweiunddreißigtausenddreihundertachtundsiebzig angewachsen. Die Gesellschaft hält eigene Agenten, welche beständig in den westlichen Staaten umherreisen, Unterkunft und oft auch Annahme an Kindesstatt bei vertrauenswürdigen Farmern und sonstigen Landbewohnern für ihre jungen New-Yorker Freunde vermitteln und so eine regelmäßige Verpflanzung jugendlicher Kraft aus dem Staube und dem Schmutze großstädtischer Noth in die gesunde Sphäre ländlichen Lebens und ländlicher Thätigkeit bewerkstelligen, welche für Alle, denen sie zu gute kommt, gleich heilsam ist.

Die Gesellschaft bringt ihre kleine Auswanderung nicht allein durch ihre Agenten unter, sondern rüstet sie auch mit allem Erforderlichen aus und liefert sie an den Ort ihrer Bestimmung ab. Der Zudrang der Knaben, welche aus freien Stücken eine Versorgung durch diese Vermittelung nachsuchen, ist ein mit jedem Jahr zunehmender, wie andererseits die Wirksamkeit derselben auch außerhalb New-Yorks bereits eine so bekannte ist, daß die Nachfrage nach auswanderungslustigen Knaben mit dem Angebote so ziemlich gleichen Schritt hält. Herr Brace weist in seinem letzten Jahresberichte mit besonderem Stolze auf dieses Resultat hin und zieht den nachstehenden Vergleich zwischen den drei Hauptzweigen der Gesellschaft:

„Unsere Industrie- und Abendschulen machen einer Classe von Kindern, die sonst davon ausgeschlossen bleiben müßten, die Erlangung einer Menge von Kenntnissen und Fertigkeiten zugänglich; sie versorgen sie mit einer einfachen Mittagsmahlzeit, mit Kleidern und Schuhen und tragen für ihre Besucher auch Sorge, wenn sie krank werden. Die Logirhäuser bieten die Wohlthat von Unterkunft, Sauberkeit, Nahrung, Unterricht und heilsamer Disciplin, ohne dieselbe als Wohlthat fühlbar zu machen. Unser Auswanderungs-Departement aber umfaßt nicht nur die Ertheilung von Unterricht, Unterkunft, Nahrung, Kleidung und Disciplin, es ist nicht nur ein moralisches und sociales Palliativmittel – sondern es ist absolute Heilung, ist Radicalcur, ist Wiedergeburt aus Elend und Laster zur Tugend, zur Freiheit und zum Glück.“

Herr Brace ist allerdings ein Enthusiast. Aber hinter seinem Enthusiasmus stehen seine Zahlen, und diese sprechen die nüchterne Sprache der Welt. Sie geben uns ein Bild, das unsere Achtung, unsere Theilnahme und unsere Bewunderung erzwingt, und an dem wir nicht gut mäkeln können, wenn wir nicht selbst kalt und empfindungslos erscheinen wollen. Es ist Humanität in weisester Gestalt, ist Wohlthätigkeit ohne Sentimentalität sowohl, wie ohne sociale, politische und pietistische Nebenzwecke. Um ihnen ganz gerecht zu werden, müßte man freilich all das Unheil, die Verderbtheit und das Verbrechen, welche durch sie im Keime erstickt werden, prophetischen Blickes abschätzen und ihnen gutschreiben können. Aber es bedarf dessen nicht. Man greife in seiner Bewunderung nur getrost etwas hoch – zu hoch wird man so leicht ein Verdienst nicht schätzen können, welches durch heute gespendete Wohlthaten für die Reinigung, Veredelung und Sicherstellung der Zukunft in einer Weise sorgt, wie dies durch die „Children’s Aid Society“ von New-York innerhalb ihres Wirkungskreises seit mehr als zwanzig Jahren geschehen ist und, wie zu hoffen steht, in stets wachsendem Maßstabe auch weiter geschehen wird.




Pariser Bilder und Geschichten.


Unterhaltungen mit Heinrich Heine.


Von Ludwig Kalisch.


Heine gehörte zu den wenigen Schriftstellern, die während ihrer ganzen Laufbahn das Interesse des Publicums wach halten, mit deren Persönlichkeit die allgemeine Neugierde sich beschäftigt. Kein Literat konnte von einem Ausfluge nach Paris in’s deutsche Vaterland zurückkehren, ohne von allen Seiten gefragt zu werden, ob er dort Heine gesehen. Daher kam es auch, daß kein Literat in Paris anlangte, ohne ihn sogleich aufzusuchen, einige Witzworte von ihm aufzuschnappen und sie schwarz auf weiß nach Hause zu tragen. Heine war ein stehender Artikel in jedem Buch über Paris, besonders seit ihn ein grausam schleichendes Siechthum auf’s Lager geworfen. Der kranke Dichter mußte den Stoff zu einem mehr oder minder langen Capitel liefern, in welchem er mit dem ängstlichsten Detail abconterfeit wurde. Als ich nun im Jahre 1849 nach Paris kam, beschloß ich eine Ausnahme von den fahrenden Schriftstellern zu machen und den kranken Dichter, dem ich kein Heilmittel bieten konnte, nicht zu stören. Ich würde auch gewiß bei meinem Entschlusse beharrt sein, wenn ich nicht bald sein Nachbar in der Rue d’Amsterdam geworden wäre. Er wünschte meinen Besuch, und so begab ich mich in Begleitung eines uns Beiden befreundeten Schriftstellers an einem nebligen Novemberabend in Heine’s Wohnung. Heine lag in einem sehr kleinen Zimmer und klagte sogleich bei unserm Eintreten, daß er vorige Nacht wieder von den fürchterlichsten Schmerzen heimgesucht worden, und daß er nur durch starke Opiatdosen sich einige Linderung seiner Qualen verschaffen könnte.

Er wurde indessen nach und nach sehr gesprächig und munter, ließ seiner Satire den Zügel schießen und zeigte, daß in seinem fast aufgelösten Körper der Geist sich noch frisch und regsam erhalten. Seine Lebenskraft hatte sich so zu sagen in sein Gehirn geflüchtet. Sein arbeitender Kopf saß auf einem todten Rumpfe.

Deutschland war natürlich das Hauptthema unsers Gesprächs, und indem wir von den Zuständen in unserm Vaterland sprachen, kamen wir auf Venedey’s Ausweisung, von der damals in den Zeitungen viel geredet wurde. „Der gute Venedey!“ sagte Heine. „Er ist eine Art Maßmann, nur daß er noch weniger Latein weiß, als dieser.“

Als ich ihn fragte, warum er so oft seine satirische Lauge über Maßmann ausgieße, erwiderte er: „Du lieber Gott! Ich bin ein alter Mann; ich kann mir nicht mehr neue Narren anschaffen. Ich muß von den alten leben. Maßmann ist für mich rentabler Narr. Er ist meine Rente. Was kann ich dafür?“

Bald lenkte sich das Gespräch auf die moderne deutsche Poesie und auf die Vertreter derselben. Bei dem Namen Lenau’s wurde einer Reihe deutscher Dichter erwähnt, die im Wahnsinn endeten, oder im Elend untergingen. Als bei dieser Gelegenheit des armen Grabbe gedacht wurde, bemerkte Heine, daß er über diesen Dichter merkwürdige Aufschlüsse hätte geben können. „Ich habe ihn in Berlin kennen gelernt, wo wir beide studirten,“ sagte er. „Es war in ihm ein seltsames Gemisch von Demuth und unbezwinglichem Poetendünkel. Er hielt mich für sehr reich, weil ich damals – ich weiß nicht durch welchen Zufall – einen schönen Mantel besaß, und er behauptete, daß ich, von diesem Mantel behaglich durchwärmt, südlich glühende Lieder bequem dichten könnte, während er, in einem fadenscheinigen lebensmüden Rocke dem unverschämten Berliner Wind ausgesetzt, seine dramatischen Stoffe aus dem fernen Norden holen müßte. Er hatte gerade den ‚Herzog Gothland‘ vollendet und brachte mir ihn, um mein Urtheil darüber zu hören. Bei der Lectüre dieser absonderlichen Hervorbringung war mir’s, als ob mir ein Dutzend Mühlräder im Kopfe klapperte. Ich gönnte mir den Eindruck, den dieses dramatische Erzeugniß auf mich hervorgebracht, nicht allein, sondern gab es einem meiner Freunde, der mir’s, aus Angst verrückt zu werden, bald wieder zurückbrachte. Ich ging dann damit zu Varnhagen, der, wie man sich leicht denken kann, es noch weniger erquicklich fand und mich um Gotteswillen bat, es ihm schnell wieder abzunehmen; es mache ihm das ganze Haus toll. – Ja, dieser Grabbe war ein drolliger Mensch, aber ein bedeutendes Talent und ich hätte, wie gesagt, manche sehr interessante Aufschlüsse über ihn geben können; aber wie manches Andere wird auch dies mit mir begraben werden.“

Das Gespräch kam sodann auf die Dorfgeschichtenliteratur.

„Ich kenne sehr wenig davon,“ sagte Heine. „Ich kenne [746] blos die Elsässer Dorfgeschichten von Alexander Weill. Man hat mir gesagt, daß er der Erste gewesen, welcher mit derartigen Productionen vor dem deutschen Publicum aufgetreten. Ich habe dieselben sogar mit einem kurzen empfehlenden Vorworte begleitet und in diesem geäußert, daß man mit der Dorfnovellistik viel zu viel Spectakel macht. Auch hätte ich dieses Vorwort gar nicht geschrieben, wäre ich nicht gewissermaßen dazu gezwungen worden. Eines Tages kam nämlich Weill zu mir und zeigte mir nicht nur an, daß er im Begriffe sei, sich zu verheirathen, sondern auch, daß er zu diesem schönen Schritte nothwendig fünfhundert Franken brauche. Als ich schwieg, fügte er hinzu, er würde die genannte Summe von einem Buchhändler leicht erhalten, wenn ich einen Band seiner Sittengemälde aus dem elsässischen Volksleben mit einigen Einführungszeilen versehen wollte. Ich hatte nun die Wahl, entweder fünfhundert Franken zu geben, oder ein paar Seiten zu schreiben, und Sie können sich leicht denken, daß ich nicht lange wählte.“

Es wurde bald seiner neuern Gedichte erwähnt. Heine sagte, daß ihm die Poesie das beste Linderungsmittel in seinen schlaflosen Nächten sei. „Die Poesie ist meine treue Freundin geblieben,“ rief er. „Sie läßt sich von meinem Siechthum nicht abschrecken; sie ist mir bis an den Rand des Grabes gefolgt und macht mich dem Tode streitig.“

Da wir nun einmal von seinen Poesien sprachen, fragte ich ihn, wann sich in ihm der poetische Trieb geäußert.

„Sehr früh, sehr früh,“ antwortete er. „Sie kennen mein Gedicht ‚Belsazar‘,“ fuhr er fort; „nun, ich habe dasselbe geschrieben, bevor ich noch das sechszehnte Jahr zurückgelegt. Und wissen Sie, was mich zu demselben inspirirt hat? Ein paar Worte in der hebräischen Hymne Bachazoz halajla (Um Mitternacht), die man, wie Sie wissen, an den zwei ersten Osterabenden singt.“

Diese erwähnte Hymne gedenkt nämlich einer auf die Geschicke der Juden sich beziehenden historischen Begebenheit, die in der Nacht vorgefallen, und in fünf Worten spricht sie von dem Tode des babylonischen Tyrannen, der in Folge der Entweihung der Tempelgefäße in der Nacht hinweggerafft wurde.

Heine wußte kaum ein paar hebräische Wörter; er kannte aber viele jüdische Sagen, und diese Kenntniß verdankte er ganz besonders dem geistvollen Gelehrten Zunz. Während seines Aufenthaltes in Berlin suchte er den Umgang dieses vortrefflichen Mannes, dem er auch, wie ich sah, eine sehr warme Freundschaft bewahrt hatte. Heine hatte nur wenige Freunde, oder wenn man will, er war nur Wenigen ein Freund; diesen Wenigen aber war er sehr zugethan.

Er streckte mir die dürre, welke Hand entgegen, als ich mich von ihm verabschiedete, und bat mich, ihn während meines Aufenthaltes in Paris recht häufig zu besuchen. Ich war schon an der Thür, als er mich fragte, ob ich nicht seine Gattin sehen wollte, und als ich dies natürlich bejahte, sagte er mir, daß sie sich den Fuß verstaucht und ihr Zimmer hüten müsse. Er ließ mich von seiner Wärterin zu ihr führen. Ich fand Madame Heine in einem Lehnsessel, die Beine auf einem vor ihr stehenden Stuhl ausgestreckt. Sie war damals noch jung, aber schon so abgerundet, daß ihr der Fauteuil fast zu eng war. Nach der langen Unterhaltung mit Heine ließ die kurze Unterhaltung mit ihr keine Eindrücke in mir zurück. –

Ich war von dem ersten Besuche bei Heine so ergriffen, daß ich einige Monate verstreichen ließ, ohne ihn wieder zu sehen. Da ließ er mich eines Tages – es war am 20. Januar 1850 – zu sich rufen. „Warum lassen Sie sich so selten bei mir sehen?“ rief er, als ich meinen Namen nannte. „Sie sollten öfter kommen, da Sie nur zwei Schritte entfernt von mir wohnen.“

Ich äußerte meine Befürchtung, daß sein Zustand keine Besuche vertrage.

„Es ist wahr,“ sagte er, „ich werde oft von den fürchterlichsten Schmerzen heimgesucht, so daß ich mir selbst zur Last bin. Aber ich bitte Sie, lassen Sie sich dadurch nicht abschrecken, mich zu sehen!“

Ich fand ihn sehr leidend, sehr ernst und niedergeschlagen.

„Ich liege hier so einsam und vereinsamt,“ seufzte er. „Ich wäre gern in Deutschland gestorben, und ich hätte mich vielleicht hintragen lassen. Aber was würde meine arme Frau in Deutschland anfangen? Das ist sehr traurig. Hier hab’ ich, in Deutschland hat sie kein Vaterland. Ich weiß, daß ich nicht mehr von diesen Lager mich erhebe. Das Lied ist aus. Ich habe auch gerade das Alter, in welchem ein deutscher Schriftsteller sterben muß. Wie werden sie mich loben, wenn ich einmal todt bin! Sie werden mir statt der faulen Aepfel, mit denen sie mich früher beworfen und noch immer bewerfen, nur Blumensträuße und Lorbeerkränze zuwerfen. Der Campe wird sich auch freuen, wenn er hört, daß sie mich hinausgetragen, daß ich das schmerzvolle Grab in der Rue d’Amsterdam mit dem schmerzlosen auf dem Kirchhofe Montmartre vertauscht habe. Ja, der Campe wird sich freuen; denn mein Tod ist sein bestes Buchhändlergeschäft.“

Nachdem er eine Zeitlang von seinen häuslichen Verhältnissen gesprochen und zu wiederholten Malen und mit sichtbarer Genugthuung bemerkt hatte, daß er die Zukunft seiner Gattin gesichert, kam er auf seinen Glauben zu sprechen. Ich sagte ihm, daß man in den Blättern viel von seiner Bekehrung rede, daß man von vielen Seiten behaupte, er habe sich wieder dem Judenthume zugewendet. „Ja,“ sagte ich, „man spricht fast täglich von Ihrer Rückkehr zu Jehova Zebaoth. Ich habe bei meinem ersten Besuche absichtlich vermieden, mit Ihnen über diesen Punkt zu sprechen.“

„Warum das?“ rief er. „Ich mache kein Hehl aus meinem Judenthume, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht taufen lassen aus Haß gegen das Judenthum. Mit meinem Atheismus ist es mir niemals Ernst gewesen. Meine früheren Freunde, die Hegelianer, haben sich als Lumpen erwiesen. Das Elend der Menschen ist zu groß. Man muß glauben.“

Ich fragte ihn, ob er bei den Alten, von denen er doch in seinen Schriften mit so viel Begeisterung dem Nazarenerthume gegenüber spreche, keine Befriedigung fände?

„Ich bin nicht Nazarener geworden,“ erwiderte er; „aber das Griechenthum, so schön und heiter es auch ist, genügt mir nicht mehr, seitdem ich selbst nicht mehr schön und heiter bin. Ich bin in Passy (Stadttheil von Paris) gelegen, als meine böse Krankheit anfing. Während ich mich krampfhaft auf dem Lager wälzte, wurde draußen der entsetzliche Junikampf gekämpft. Der Kanonendonner zerriß mein Ohr. Ich hörte das Geschrei der Sterbenden; ich sah den Tod mit seiner unbarmherzigen Sense die Pariser Jugend hinmähen. In solchen gräßlichen Augenblicken reicht Pantheismus nicht aus; da muß man an eines persönlichen Gott, an eine Fortdauer jenseits des Grabes glauben. Ich bin kein Mucker geworden. Ich habe den Weg zum lieben Gott weder durch die Kirche, noch durch die Synagoge genommen. Es hat mich kein Priester, es hat nach ihm kein Rabbiner vorgestellt. Ich habe mich selbst bei ihm eingeführt, und er hat mich gut aufgenommen. Er hat meine Seele geheilt; möge es ihm gelingen, auch meinen Körper zu heilen! Ich würde ihm wahrlich dafür sehr dankbar sein.“

Ich theilte ihm mit, daß man in den Blättern von seinen Memoiren rede, die er herauszugeben beabsichtige.

„Allerdings beabsichtige ich sie zu veröffentlichen,“ entgegnete er; „allein ich weiß nicht, ob ich damit werde zu Stande kommen können. Ich dictire fast jeden Tag, was mir eine entsetzliche Anstrengung verursacht. Es erschöpft mich fürchterlich. Wenn Sie noch ein wenig weilen, werden Sie den Schlemihl (Pechvogel) sehen, dem ich in die Feder dictire. Doch was sag’ ich?“ rief er berichtigend, „nicht er ist der Schlemihl; ich bin es.“

„Ich habe viele Manuscripte verbrannt,“ sagte er nach einer Pause, „weil ich gefunden, daß dieselben gar Manches enthielten, was mit meiner jetzigen Ueberzeugung nicht mehr übereinstimmt. Ich habe jedoch leider zu viel verbrannt,“ setzte er mit einem Seufzer hinzu. „Dies geschah in einem jener dunklen Augenblicke, wo man geistigen Selbstmordgedanken nicht widerstehen kann. Es waren hübsche Sachen darunter. Friede ihrer Asche!“

Ich bemerkte nichts darauf, da ich an dieses Autodafé nicht glaubte. Heine war nicht der Mann, der seine Productionen so lange liegen ließ, um sie dann grausam dem Feuertode zu überliefern, weil sie nicht mehr der Ausdruck seiner Gesinnung waren. Kein Dichter war für die Kinder seiner Muse mehr eingenommen, als er. Kein einziges derselben hielt er für ungerathen. Er sprach beständig von ihnen; er erzählte gern von ihrer wunderbaren Geburt und wie viel Vaterfreuden sie ihm verursacht hätten.

[747]
Die Gartenlaube (1874) b 747.jpg

Zell am See.
Nach der Natur aufgenommen von Ernst Heyn.

[748] Heine konnte nicht einmal einen schnöden Witz unterdrücken, und hatte er ein Bonmot gemacht, das sich für den Druck nicht eignete, so wiederholte er es so oft, bis es durch mündliche Verbreitung allgemein bekannt wurde. –

Wir kamen auf sein Buch über Börne zu sprechen. Ich sagte ihm, daß es allerdings sehr geistreich sei, daß aber die gehässigen Angriffe auf einen Mann, dem selbst dessen erbitterteste Feinde einen edeln Sinn und ein aufrichtiges Streben nicht absprechen konnten, sich durchaus nicht rechtfertigen lassen.

„Du lieber Gott!“ rief Heine, „wer Bücher schreibt, schwebt immer in Gefahr, große Dummheiten zu begehen. Trotz alledem,“ fügte er gleich hinzu, „ist besagtes Buch lange so schlecht nicht, wie man in meinem lieben Vaterlande behauptet.“

Er machte sich dann über die talentlosen Schriftsteller lustig, die mit ihrer Charakterfestigkeit prunken; die Antithese von Talent und Charakter gab ihm Stoff zu den drolligsten Bemerkungen.

„Sie haben vollkommen Recht,“ sagte ich, „der Talentlosigkeit zu spotten, die mit stolzen Phrasen um sich wirft; aber Sie haben doch mit Ihrer Satire im ‚Atta Troll‘ ein großes Unheil angerichtet. Früher nämlich meinten die talentlosen Schriftsteller, der Charakter ersetze das Talent; jetzt aber meinen die charakterlosen Schriftsteller, sie seien große Talente, blos weil sie charakterlos sind. Sie werden übrigens zugeben, daß alle großen Dichter bedeutende Charaktere waren. Dante, Milton, Molière, Lessing, Goethe und Schiller waren große Menschen. Lessing wird sogar durch seinen ebenso edeln wie festen Charakter eine hochpoetische Erscheinung. Der Charakter macht das Talent nicht; aber er giebt ihm Halt und Würde, regelt sein Schaffen und bürgert ihn im Herzen des Volkes ein, das am Ende die poetische Schöpfung von der Persönlichkeit des Poeten nicht trennen mag. Molière’s außerordentliche Popularität ist großentheils seiner Persönlichkeit zuzuschreiben, und so sitzt auch Schiller wegen seines edeln Charakters im Herzen unseres Volkes fest. Besonders ist das Publicum berechtigt, Charakterfestigkeit von denjenigen Schriftstellern zu verlangen, die sich im Kampfe für die Ideen des Fortschritts die ersten Sporen verdient haben. Das Volk trägt freudig sein Herz dem Schriftsteller entgegen, in welchem es den Ausdruck seiner Ansichten, seiner Hoffnungen findet; aber es entzieht ihm die Liebe, sobald es merkt, daß er den Lorbeerkranz um jeden Preis erhaschen will.“

„Das Volk selbst ist charakterlos,“ sagte Heine; „und es bekränzt die Dummheit ebenso leicht wie das Genie, ja noch leichter. Ich weiß etwas davon zu erzählen. – Nun, einstweilen liege ich hier eine Halbleiche und kämpfe den Zweikampf mit dem schwarzen Ritter Thanatos, der mich im Bewußtsein seines baldigen Sieges höhnisch angrinst.“

Er sprang bald in seiner lebhaften Weise auf andere Gegenstände über, und ich hatte Gelegenheit die Elasticität dieses reichen Geistes zu bewundern, der den Körper in Stücke zerfallen sah, ohne dadurch auch nur das Allergeringste von seiner Frische zu verlieren.

Heine wurde immer lebhafter. Er ließ viele unserer modernen Schriftsteller die Revue passiren, und es versteht sich von selbst, daß es bei dieser Gelegenheit nicht an scharfen Geißelhieben fehlte. Gutzkow namentlich mußte stark herhalten.

„Kommen Sie bald wieder!“ sagte er, als ich mich von ihm verabschiedete, „kommen Sie recht bald wieder! Jetzt haben Sie blos einige Schritte zu meiner Wohnung; wenn Sie aber zögern, werden Sie den langen schmutzigen Weg zum Kirchhofe Montmartre zurücklegen müssen, wo ich bereits eine Wohnung mit der Aussicht auf die Ewigkeit bestellt habe. Das wird eine schlecht möblirte Wohnung sein; aber die Nachbarschaft ist dort still und ruhig und wird meinen Schlaf nicht stören.“

Ich verließ einige Monate später Paris und habe ihn nicht wieder gesehen; doch war ich mit mehreren meiner Landsleute zugegen, als man ihn hinaustrug zur ewigen Ruhestätte. Es war an einem traurigen Februarmorgen. Die kahlen Ulmen in den Elyseeischen Feldern zitterten fröstelnd im Nebelwinde. Wir hatten uns in der Wohnung des Dichters versammelt, und als man die Todtenlade aus dem Zimmer brachte, in welchem er ausgerungen, erfaßte uns ein tiefer, unsäglicher Schmerz. Wir fühlten den großen Verlust, den Deutschland durch den Tod des Dichters erlitten. Unter den Franzosen, die mit uns den Leichnam begleiteten, befanden sich Mignet und Theophile Gautier. Auf dem Wege schloß sich uns Alexander Dumas an, der aus einem Fiaker den Leichenzug herankommen sah und Heine’s Tod erst an dessen Sarge erfuhr. Er stieg sogleich aus und folgte uns in sichtbarer Bestürzung auf den Kirchhof. Schweigend gingen wir hinter der Bahre einher und schweigend sahen wir den Sarg in die Gruft senken. Die Worte des Dichters:

Keine Messe wird man singen;
Keinen Kadosch wird man sagen.
Nichts gesagt und nichts gesungen
Wird an meinen Sterbetagen,

waren in Erfüllung gegangen. –

Man hat seitdem viel über Heine geschrieben, und sein Genie wird gewiß noch gar manche Federn in Bewegung setzen, wenn diejenigen längst vergessen sein werden, die von ihm behaupten, er habe sich zum Dichter gelogen. Heine litt an großen Schwächen. In fortwährender nervöser Aufregung, war er leicht zu verletzen und schonte Niemand, der ihn einmal auf den Fuß getreten. Er war auch in mancherlei Dingen eben nicht heikel, und es haften an seinem Charakter sehr dunkle Flecken. Sein Benehmen gegen Börne läßt sich durchaus nicht rechtfertigen, und seine Ausfälle gegen Frau Strauß sind geradezu erbärmlich. Er hat auch seine Ansichten über Personen oft gewechselt; allein in der Hauptsache ist er sich doch treu geblieben. Ein eifriger Kämpfer der revolutionären Idee im weitesten Sinne des Wortes, hatte er für dieselbe selbst auf seinem Todtenbette rüstig fortgekämpft. Er hat niemals um die Gunst der Gewaltigen gebuhlt; er hat nicht nach Titeln und Ordensbändern gehascht. Wie groß erscheint er trotz aller seiner Schwächen und Gebrechen, wenn man ihn mit seinen Widersachern vergleicht, die im Jahre des Heils 1848 rothe Cocarden an eingequetschten Filzhüten trugen, in Volksversammlungen ihre Mähne schüttelten, von der Weltrepublik wie Löwen brüllten und jetzt wie geschorene Hunde kriechen und wedeln!




„Die Perle des Salzburger Ländchens.“


(Mit Abbildung.)


So nennt nicht blos Alt und Jung im Ländchen selbst, sondern Jeder, dem die Ueberraschung zu Theil ward, von kundiger Hand dorthin geführt zu werden, den Zeller See und seine ebenso reizende wie großartige Umgebung. Ist es auch schon die Zeit eines Menschenalters her, daß ich diesen halbversteckten Alpenwinkel zum ersten Male betrat, so stehen die dort verlebten Stunden mir doch noch so frisch, wie erst gestern genossen, vor der Seele, und dies danke ich nicht blos dem Eindrucke jener Naturbilder, sondern auch dem Manne, welcher mir den Weg dorthin erschloß, der seitdem in der Alpen-Literatur einen berühmten Namen erworben, aber leider nur allzu früh dahingeschieden ist, meinem Landsmanne Adolf Schaubach.

Mit dem Studentenränzchen auf dem Rücken, war ich auf einer Tirolerreise auch in’s Salzburgische gerathen und hatte auf meinem Marsche von meiner letzten Nachtstation Mittersill eben Walchen passirt, als ich plötzlich hinter mir meinen Namen rufen hörte. Das Erstaunen über ein so seltsames Ereigniß riß mich von selbst herum, und siehe, da kam er daher in seiner ganzen lieben Gestalt, der Herr Professor von Meiningen, der in den Alpen besser zu Hause war, als die meisten Professoren der gesammten Alpenländer.

„Wohin?“ fragte er.

„Ich strebe gen Taxenbach,“ war meine Antwort.

„So? Und da geht’s wohl auf dem Allerweltsfahrwege schnurstracks so zu, ohne Aufenthalt? Oder haben Sie Lust, einen kleinen Abstecher nach linkshin mit mir zu machen?“

„Mit dem größten Vergnügen!“ – Und vorwärts ging’s. Aber wozu stöbere ich meine alten Tagebücher durch, um die [749] Schilderung der mit ihm verlebten Stunden zu erneuern? Hat er nicht selbst sie so unverwelklich frisch gemalt, stehen sie nicht so verlockend vor uns in seinem großen Alpenwerke, daß ich mich schämen müßte, des todten Meisters Bild hier copiren zu wollen? Benutzen wir also seine Schilderungen, indem wir die eigenen Zugaben nur bescheiden anfügen.

Wir waren mehrere Stunden auf der Hauptstraße, die mit der Salzach an den Pinzgausümpfen dahin läuft, rüstig geschritten, da öffnete sich plötzlich links ein weites, großes Thal. An der Thalecke, wo die Straße auf einem Damme durch Schilf führt, theilt sich dieselbe; östlich thalabwärts zeigt der doppelarmige Wegweiser nach Bruck und Taxenbach, nördlich in die große Seitenbucht nach Zell, und dahin lenkten wir unsere Schritte. Bald erreichten wir das plätschernde Gestade des Zeller Sees und den Marktflecken Zell am See. Die ganze Thalbucht zieht sich nordwärts, der Markt liegt am westlichen Gestade auf einer Halbinsel, die der Schmittenbach geschaffen hat, die er aber auch wieder zu verschlingen droht. Einmal schwebte der Markt in Gefahr, an einem Tage durch Feuer und Wasser zugleich vernichtet zu werden; über die Hälfte der Häuser ging zu Grunde. Unsere Abbildung zeigt uns den Marktflecken mit seiner uralten Kirche, die dem heiligen Hippolytus geweiht ist, sowie ein altes Schloß, jenes Gebäude mit hohem Giebel und an den vier Ecken bethürmt, Sitz des Bezirksgerichts. Seinen Ursprung verdankt der Ort, wie schon sein Name sagt, einem Kloster.

Der Zeller See ist der Ueberrest jenes größeren Sees, welcher einst die ganze Thalweitung ausfüllte; denn daß der See nicht durch Versumpfung, wie die sumpfigen Wasserflächen des Salzachthales, entstand, beweist seine noch immer beträchtliche Tiefe, nach Leopold von Buch sechshundert Fuß betragend. Seine im Norden (Prielauer Moos) und im Süden (Zeller Moos) in Sumpf übergehenden Ufer sind durch Ausfüllungen und Anschwemmungen entstanden.

Dieser großen Gebirgslücke, die sich in ansehnlicher Verbreiterung bis nach Saalfelden hinauf zieht, hat die hiesige Gegend ihre Reize zu danken, sowie auch dem Umstande, daß sich gerade im Süden eine der höchsten Gebirgsgruppen der Centralkette, im Norden eine der höchsten Kalkalpengruppen zum Himmel aufbaut, während die tiefe Mitte mit einem Seespiegel ausgegossen ist, dessen östliche und westliche Thalwand dem grünen Uebergangsgebirge angehört. Da die meisten Reisenden gewöhnlich nur die Pinzgauer Hauptstraße zwischen Taxenbach und Mittersill verfolgen, so kommen sie zu nahe an der Centralkette hin, durchschneiden nur die südlichen versumpften Gestade des Sees und erblicken über das hohe Schilf hin die Kalkalpen; auf diese Weise achten sie kaum dieses Seebeckens, das so reichen Genuß gewähren kann. Dazu kommt noch, daß hier allerdings häufig Regenwetter herrscht.

Wir hatten einen heiteren Abend, und so unternahmen wir vor Allem eine Spazierfahrt auf dem See, der von Norden nach Süden eine Stunde lang und eine halbe Stunde breit ist. Wir nahmen die Richtung nach Thumersbach, Zell fast gerade gegenüber im Osten. Auf der Mitte hielten wir und überschauten die merkwürdige Gegend. Gerade im Norden erhebt sich in einer Entfernung von vier Stunden die Kalkalpenwelt in äußerst schroffen Formen; es ist der Südabsturz der Berchtesgadner Gruppe; oben auf diesen senkrechten, nackten, wildzerrissenen Wänden breitet sich eine weite, öde Fläche aus, das „steinerne Meer“, dessen erstarrte Wogen hinab nach Berchtesgaden fluthen. Weißröthlich erscheinen die Schroffen, deren Steilheit keinen Schnee duldet; nur hier und da in tiefen schattigen Rissen verräth ein Schneestreifen die Höhe der Berge; blauduftige Schlagschatten auf den von unten bis oben nackten Wänden zaubern einen Feenpalast hin; wie vor einem Altare Gottes steigen Wolkensäulen aus tiefen Schneeschluchten himmelwärts. Der Unerfahrene wird kaum ahnen, daß bis an den Fuß jener Berge, wo das Schloß Lichtenberg die Lage von Saalfelden bezeichnet, fünf Stunden sind.

Jetzt wendeten wir den Blick südwärts und eine völlig andere Welt lag vor unseren Augen: es ist die Urgebirgswelt in ihrer ganzen majestätischen, aber ruhigen Größe, wie unser Künstler in unserer Illustration sie dargestellt hat. Fast erscheint sie nicht so hoch, wie die trotzigen Zacken des Kalkes, wegen der sanfteren Umrisse; doch bald wird der Beobachter ihre Größe würdigen. Gerade im Süden erhebt sich als stolze Pyramide das Inbachhorn oder Einbachhorn, siebentausendachthundertzwölf Fuß hoch, also so hoch, wie die nördlichen Kalkwände, aber das vierkantige Felsengerüst ist noch bis zur Spitze vom Grün der Matten überschimmert; nur oben treten die braunen Urfelskanten schärfer hervor. Ueber ihm erhebt sich der tiefbeschneite Gipfel des Hohen Tenn (zehntausendzweiunddreißig Fuß hoch), Eisgefilde und beschneite Felsenrücken nach beiden Seiten herabsendend. Er verbirgt das elftausenddreihundertachtzehn Fuß hohe Vischbachhorn; links von dieser Gruppe fällt der Blick in das Fuscherthal bis zu seinem Tauern, den der im Hintergrunde aufragende Brennkogl bezeichnet.

Großartiger zeigt sich rechts die Eiswelt des Kaprunerthales, dessen westlicher Eckpfeiler, das schon dick beeiste Kitzsteinhorn (zehntausendeinhundertsieben Fuß) mit der Eiskammer, stolz sein Haupt in die Lüfte hebt. Ueber die Gletscher des Hintergrundes steigen zwei gewaltige Schneeberge aus der Nachbarschaft des Glockners, der Johannsberg und Bärenkopf, auf.

Schön ist es, wenn am späten Nachmittag der Schmelz der Matten durchglüht wird von der sich neigenden Sonne und violette Schatten den Faltenwurf des Gebirgs verrathen; wenn die silberweißen Firnen über dem Grün und Grau der Vorberge erglänzen in dem Dunkelblau des Himmels. Aber schöner, oder erhabener vielmehr, ist der Eindruck, wenn der Abglanz der Sonne an den Kalkriesen verblichen, wenn von den grünbematteten Urbergen das lebendige Grün gewichen ist, wenn sie als dunkle Riesen im grauen Flor der Dämmerung erscheinen, wenn dann noch allein die Eiszinnen stolz im glühenden Feuer der untergehenden Sonne, oder ihrer Nachhut, des Abendrothes, ihr Haupt erheben und sich als Herrscher dieser Welt verkünden; Dunkel deckt dann das Thal, tieferes Dunkel den jetzt schwarzen Seespiegel, aber tief hinein in den fast nächtlichen Spiegel tauchen die glühenden Eisgipfel, als ob sie der Abkühlung bedürften.

Und so, wie Schaubach’s alpenselige Feder dies hier geschildert, so war der Abend und das Naturbild, die uns in diesem herrlichen Erdenwinkel das ganze Herz mit unverwischbarem Entzücken erfüllten. Leider trieb mich schon am andern Morgen die Nothwendigkeit der Heimreise wieder weiter. Schaubach hatte sein Standquartier in Zell aufgeschlagen, denn dieser Markt liegt so günstig in einem Straßenmittelpunkte, daß von ihm Fahr- und Fußwege allerwärts hinaus führen.

Von den Bewohnern von Zell muß noch erwähnt werden, daß sie von dem Erzbischofe Matth. Lang den Beinamen „die getreuen Knechte St. Ruprecht’s“ erhielten, weil sie dem allgemeinen Aufstande des Pinzgaues 1626 nicht beitraten. Sie durften jährlich eine Wahlfahrt nach Salzburg anstellen, dort im Dome ihr deutsches Kirchenlied anstimmen und rings um den Hochaltar ziehen; Abends wurden sie im Hofkeller bewirthet. Gegenwärtig beherbergt Zell gegen achthundert Bewohner, die schwerlich etwas dagegen hätten, wenn der Reisestrom der Alpenluftschnapper auch bei ihnen einen Theil seines überflüssigen Mammons ablagerte.

H. v. C.




Blätter und Blüthen.


Eine neue Schwindelei. Aus Schaffhausen empfangen wir folgende Mittheilung: Seit dem Monat Mai dieses Jahres publicirte ein E. Firmin in verschiedenen deutschen Zeitungen, wie zum Beispiel im „Schwäbischen Mercur“, in der „Augsburger Abendzeitung“, im „Schwarzwälder Boten“, im „Ravensburger Anzeiger“, in den „Neuesten Nachrichten“ etc., daß er Jedem, der ihm einen Thaler baar oder in beliebigen Postmarken einsende, einen wöchentlichen Nebenverdienst von acht bis zwölf Gulden verschaffen werde. Diese Publication ging unter Anderm von Schaffhausen aus. Im Laufe des Monats Juli dieses Jahres wurde ein E. François, Rentier aus Toulouse, wegen Betrugs hierorts gerichtlich eingeklagt, und in Folge angestellter Recherchen stellte es sich heraus, daß dieser Rentier François mit jenem E. Firmin identisch ist. Firmin bewohnte Schaffhausen nie, sondern er hielt sich nur vorübergehend und zwar zehn Tage lang dort auf. Nach erfolgter gefänglicher Einziehung dieses „Rentier“ ergab es sich, daß die Untersuchungsbehörde es mit einem Edmond François Jean Jules Marie Fénié aus Montberton (Frankreich) [750] zu thun hatte, der, nach Bericht der Polizeipräfectur in Paris, von der Cour imperiale daselbst wegen Betrugs ein Mal zu zwei und ein anderes Mal zu drei Jahren verurtheilt worden war.

Jene Publication hat in Deutschland, namentlich in Baiern, Würtemberg und Baden, sehr viele geneigte Ohren gefunden, denn es konnte Fénié, genannt Firmin, aus den eingesandten Thalern nicht nur sich, sondern auch einen Compagnon auf flottem Fuße erhalten. Der Nebenverdienst besteht darin, daß dem Betrogenen mittelst eines ihm zugesandten Circulars angerathen wird, mit amerikanischen Stahlfedern, englischen Scheeren, Edinburger Brillen, Papier, überhaupt mit Artikeln Handel zu treiben, welche schnellen Absatz finden.

Fénié wird nicht nur wegen des in Schaffhausen begangenen Betruges, sondern auch wegen der vorbezeichneten Schwindeleien, welche er ebenfalls von Schaffhausen aus betrieben hat, nächstens vor Gericht gestellt werden. Seit der Verhaftung des Fénié, das heißt seit Anfang Septembers, sind der Untersuchungsbehörde durch verschiedene Postämter, an welche Jener Werthbriefe poste restante adressiren ließ, mehrere solche zugestellt worden und können dieselben bei jener erhoben werden. Allen übrigen Anfragen über die Natur des Nebenverdienstes möge diese Publication als Antwort dienen, und es erübrigt nur noch beizufügen, daß nach Aussagen des Fénié, der nebenbei bemerkt nur französisch spricht, ein gewisser Glückler in Kehl, den er schon seit längerer Zeit kennt, mit ihm gereist sei und die deutsche Correspondenz besorgt habe.




Die ältesten Hinterlader Europas. Es ist eine geschichtlich feststehende Thatsache, daß schon im Jahre 1331 die Spanier und die Mauren in ihren gegenseitigen Kämpfen Kanonen gebrauchten und daß diese Geschütze in der furchtbaren Schlacht am Salado und bei der Eroberung von Algesiras den Ausschlag gaben. Nicht allgemein dürfte es jedoch bekannt sein, daß auf der iberischen Halbinsel schon im fünfzehnten Jahrhundert Hinterlader existirten, und für den deutschen Leser ist es vielleicht ganz neu, daß Mexico im Jahre 1520 von Cortez mit Hinterladern erobert wurde. Während der „Trauernacht“ wurden die Anahuacaner in der That durch Hinterlader erschreckt, die Schlacht von Otumba wurde durch solche Geschütze entschieden. Eine dieser Kanonen befindet sich jetzt im Besitze der amerikanischen Regierung; dieselbe wurde 1847 von den Amerikanern in Mexico erobert. Das interessante Geschütz ist aus Messing und ungefähr drei Fuß lang mit einer Seele von etwa zwei und einem halben Zoll Durchmesser. An der Stelle des Zündloches befindet sich eine acht Zoll lange und etwa drei Zoll breite Oeffnung, in welche ein Einsatz paßt, der auf den ersten Blick einem Bügeleisen ähnlich sieht. Hebt man diesen Einsatz heraus, so gewahrt man freilich, daß derselbe unten rund und hohl ist und genau in das Rohr paßt. Dieser Einsatz wurde augenscheinlich mit einer präparirten Patrone geladen und, nachdem er in das Rohr eingefügt, durch einen Bolzen befestigt. Die Kanone ruht auf einer einfachen noch wohlerhaltenen Lafette ohne Räder und wurde durch einen verschiebbaren Keil gerichtet. Auf dem Rohre befindet sich das Wappen von Castilien und die Notiz, daß das Geschütz im Jahre 1490 in Barcelona gegossen worden ist.

E. L.




Bauernvereine. Aus Steiermark wird uns ein Wunsch ausgesprochen, dem wir nach Möglichkeit nachkommen möchten. Auch dort ist endlich die Landbevölkerung zum Selbstbewußtsein erwacht und entschlossen, sich von dem langjährigen geistigen Drucke und der Bevormundung seiner bisherigen Leiter zu befreien. Zu diesem Zwecke gründet man freie Bauernvereine. Die Satzungen des Bauernvereins zu Klein bei Graz liegen uns vor, nach welchem laut Paragraph 1 Zweck des Vereins ist: „Uns Bauern zu Wohlstand und Ansehen und zu geistiger Selbstständigkeit zu heben; der Verein nimmt sich daher einerseits um die Erzielung eines größeren Bodenertrags, um die Landwirthschaft, andererseits um die Erhaltung dieses größern Ertrags, um die Gesetzgebung an; zur Erzielung der geistigen Selbstständigkeit hält er Besprechungen und Vorträge, hält sich eine Sammlung von Werken (Bibliothek) und unterstützt die Schule.“ Lassen wir die Form dieses Paragraphen unbemäkelt: vor dem Inhalte müssen wir den Hut abziehen, wenn wir bedenken, daß es Landleute in Oesterreich sind, welche so ihren Willen aussprechen. Das ist ein überaus erfreuliches Zeichen des Fortschritts des deutschen Geistes unter jeder Krone und Regierungsweise.

Da nun in der politischen Gestaltung des schwedischen Staates der Bauernstand eine sehr hervorragende Stellung einnimmt, so hegt man in Steiermark den Wunsch, sich möglichst genau über die bäuerliche Entwickelungsgeschichte der Schweden zu belehren, und da diese Gegenstand nicht nur für Steiermark, sondern allgemeine Wichtigkeit hat, so bittet die Redaction der Gartenlaube Kundige um Mittheilungen darüber; namentlich würden Angaben über die Literatur desselben sehr willkommen sein.




Ergänzung zum Aufsatze „Ueber den Venusdurchgang vom 8./9. December 1874“ in Nr. 43 dieses Blattes. Da es vielleicht für Manche von persönlichem Interesse, so gebe ich in nachfolgender Zusammenstellung ein Verzeichniß sämmtlicher Mitglieder der deutschen Venusexpeditionen:

1) Kerguelen: Dr. Börgen, (Astronom, Chef der Expedition), Dr. Weinek (Photograph und Astronom), Dr. Wittstein (Astronom), Dr. Studer (Zoolog), Bobsin (Photograph), Krille (Mechaniker).

2) Aucklandsinseln: Dr. Seeliger (Astronom, Chef der Expedition), Dr. Schur (Astronom), Krone und Dr. Wolfram (Photographen), Leyser und Krone jun. (Mechaniker).

3) Tschifu: Dr. Valentiner (Astronom, Chef), Dr. Adolf (Astronom), Dr. Reimann, Kardätz und Eschke (Photographen), Stud. Deichmüller (Mechaniker).

4) Mauritius: Dr. Low und Dr. Pechüle (Astronomen), Heidorn und Dödter (Mechaniker).

5) Ispahan: Dr. Fritsch (Photograph), Dr. Becker (Astronom), Dr. Stolze und ein photographischer Gehülfe.

Außerdem ist noch der Akademiker Prof. Auwers aus Berlin auf Veranlassung der preußischen Akademie der Wissenschaften nach Aegypten gegangen, um dort an einem geeigneten Orte und im Verein namentlich mit russischen Astronomen wenigstens das Ende des Phänomens, den Austritt der Venus aus der Sonnenscheibe, zu beobachten.

Dr. R. Engelmann.




Fässer aus Papier. Als Ergänzung zu dem in Nr. 45 unseres Blattes enthaltenen Artikel „Aus unserem papiernen Zeitalter“ dürfte die Mittheilung willkommen sein, daß, wie der „Anzeiger des Westens“ berichtet, vor einigen Monaten in Washington eine Erfindung patentirt wurde, mittelst welcher äußerst praktische Fässer zur Aufbewahrung und Verschiffung von Material- und anderen Waaren aus Papier gefertigt werden können. Dieselben werden aus dickem Strohpapier hergestellt, welches stark gepreßt und fest zusammengeleimt wird, so daß es äußerst hart und widerstandsfähig wird. Diese Fässer, deren Form eine cylinderartige ist, sollen gegenüber den bisher gebräuchlichen hölzernen einen vierfachen Vorteil gewähren; denn nach amerikanischen Berichten nehmen sie weniger Platz in Anspruch, sind leichter, dauerhafter und billiger als jene.




Zur Beachtung. Unserer heutigen Nummer liegt ein Prospect über den „Helfer in der Noth“, Bock’s „Buch vom gesunden und kranken Menschen“, bei, auf welches wir unsere Leser ganz besonders aufmerksam machen. Noch ein Wort des Lobes und der Empfehlung über das nun in der zehnten Auflage erscheinende Werk laut werden zu lassen, halten wir den Abonnenten der Gartenlaube gegenüber, denen die vortrefflichen Aufsätze Bock’s längst bekannt sind, für völlig überflüssig.




Kleiner Briefkasten.

M. T. in Berlin fragt, warum W. Jordan seine Briefe, die doch nur die Geschichte des Epos behandeln, „epische“ Briefe nenne. Wir antworten erstens: daß die Geschichte des Epos zwar der Hauptinhalt, aber nicht den alleinigen dieser Briefe bildet. Zweitens fragen wir dagegen, ob dem Einsender die „astronomischen Briefe“ Mädler’s, die „chemischen Briefe“ Liebig’s, die „physiologischen“ K. Vogt’s unbekannt sind? Diese Briefe handeln von der Astronomie, Chemie, Physiologie wie die W. Jordan’s vom Epos. Dies kürzer zu bezeichnen durch ein vom Namen der Wissenschaft oder des behandelten Gegenstandes gebildetes Eigenschaftswort ist Sprachgebrauch geworden, und zu verlangen, daß die Briefe in anderem Sinne selbst etwa „chemisch“ etc. seien, ist noch Niemand eingefallen.




Berichtigung. Auf Seite 709 unserer Nr. 44 ist in dem Carus Sterneschen Artikel über die Aachener Reliquien statt „Legenden wie der Helianth“ zu lesen: „wie die des Helinand“, ferner statt „Servasius“: „Gervasius“ und statt „Kassabala“: „Kastabala“.




Für die Abgebrannten in Meiningen


gingen wieder ein: Unter Deutschen und Schweizern in Alexandrien (Aegypten) gesammelt durch Karl Trotzmann aus Meiningen 925 Franken; von einem Damenkränzchen in Metz 8 Thlr.; Ertrag einer Liebhabertheatervorstellung in Wormditt (Ostpreußen) 42 Thlr.; H. H. in Bühl 1 Thlr.; von Dotzauer in Hof 2 Thlr.; J. Händler in Belgard 2 Thlr.; A. Tschg. 5 Thlr.; ein Baier und eine Sachsin im Reichslande 10 Thlr.; am Stiftungsfeste des Vereins „Zur gemütlichen Zusammenkunft“ in Berlin 6 Thlr.; 12 Ngr.; Ertrag eines Concertes in Gutstadt (Ostpreußen) durch Referendar Steffenhagen 18 Thlr.; B. F. in Islikon (Thurgau) 2 Thlr. 20 Ngr.; „fidele Gesellschaft“ bei Krauß in Kleinbockenheim 2 Thlr.; Gesellschaft „Humor“ in Bochum 2 Thlr. 15 Ngr.; Concert der Gesellschaft „Scandalia“ in Sebnitz 10 Thlr.; Frau Ullmann aus Chicago 10 Thlr.; Thalwitzer in Radoszka 3 Thlr.; D. B. in Neubrandenburg 2 Thlr.; beim Stiftungsfeste des landwirthschaftlichen Vereins zu Schönheide gesammelt 5 Thlr. 20 Ngr.; einige Mitglieder der Schützengilde in Schlichtingsheim (Posen) 2 Thlr. 19 Ngr.; aus Lingen 1 Thlr.; Trenthorst bei Reinfeld 1 Thlr. 22½ Ngr.; Schulze D. 3 Thlr.; Billard-Club in Wefensleben 1 Thlr.; Schulkinder in Kieritzsch 2 Thlr.; sieben vergnügte Tischgenossen im „weißen Adler“ zu Breslau 3 Thlr.; ein bischöflich inquirirter Sündenbock aus E. 1 Thlr.; N. N. aus Kirchheim 1 Thlr.; C. H. in Petersburg 5 Thlr.; gesammelt auf einer Hochzeit in Duislaken 5 Thlr. 4½ Ngr.; Liebhabertheater in Eydtkuhnen 50 Thlr.; ist’s nicht viel – doch etwas 1 Thlr.; Baumeister Roth in Rieckel 2 Thlr.; Löffler in Wildenfels 1 Thlr.; Nicolaus in Oelda 3 Thlr.; fröhliche Geburtstagsgesellschaft in Memel 3 Thlr.; 15 Ngr.; landwirthschaftliches Casino zu Vilkerath 2 Thlr. 17 Ngr.; lustige Gesellschaft beim freundlichen Wirth in Driesen 3 Thlr. 23 Ngr.; im Hôtel Leubucher in Kattowitz, gesammelt von Worms aus Berlin 6 Thlr. 12½ Ngr. und 1 fl. ö. W.; A. Fröhlich in Paleza 2 fl. ö. W.; Karl in M. 5 fl. rh.; Anton Endres 10 fl. rh.; Concert des Sängerkranzes in Gießen 55 Thlr. und 13 fl. 12 kr. rh.; Ergebniß einer Sammlung unter den Mitgliedern des Verwaltungsausschusses des „Deutschen Hülfsvereins“ in Paris, durch den königlich baierischen Geschäftsträger Ruthart 200 Franken.

Die Redaction der Gartenlaube. (E. K.)


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.