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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Loder.

Eine Geschichte aus den bairischen Bergen
Von Herman Schmid
(Fortsetzung.)



Ehe Wolf vollenden und der verdutzte Peter etwas erwidern konnte, wurden sie durch den Schlossergesellen unterbrochen, der im Hause herumgestreunt hatte und nun unsicheren Schrittes mit einer Cither zurückkehrte, die er aufgefunden und vor Wolf auf den Tisch legte. „Was redet Ihr Zwei so ineinander hinein?“ rief er mit schwerer Zunge. „Was habt Ihr für Heimlichkeiten? Spiel’ Eins auf, Lindhamer, ein lustiges, daß mir meiner Lebtag das Geld nicht mehr ausgeht!“

Mehrere, die von Wolf’s kunstfertigem Spiele schon gehört, stimmten in die Aufforderung ein, und Wolf war nicht schwer zu bewegen, der Anforderung Folge zu leisten – im Kopfe klang ihm noch der Beifall wegen der gewonnenen Kegelwette nach; es schmeichelte ihm, vor einer so großen und zum Theil feinen Gesellschaft sich zeigen und neuen Beifall ernten zu können. Auch war es ihm ein willkommener Ableiter, den vielerlei widerstreitenden Empfindungen, die ihn bestürmten, Ausdruck zu geben. Er begann, und bald hatte sich ein immer dichterer Kreis von Zuhörern lautlos um ihn versammelt; auch der Landrichter, so wie der preußische Major und seine Damen fehlten nicht darunter. Sie waren eben im Begriffe gewesen , den Heimweg anzutreten, denn die trinkende Gesellschaft war allmählich immer lauter und unangenehmer geworden, auch ließ die sich erhellende Nacht auf der Wanderung noch den Genuß einer Mondlandschaft erwarten. Gleichwohl hielten sie im Vorübergehen an, um eine Minute zuzuhören, aber der Minuten des Zuhörens folgten immer mehrere, und sie gewahrten es nicht, daß nach mehr als einer Viertelstunde bereits über der ganzen Gegend der Duftschleier des Mondenscheins wehte.

Wolf spielte die Cither in nicht gewöhnlicher Weise; die viele Uebung hatte ihm Griff und Anschlag so geläufig gemacht, daß keine Schwierigkeiten mehr für ihn bestanden; noch mehr aber war das, was er spielte, voll Bedeutung, denn wenn er in guter Stunde die Saiten berührte, kam es ihm unbewußter Weise fast wundersam in die Finger, und die Weisen strömten ihm nur so zu, bald schwermüthig klagend, bald ausgelassen schwirrend, wie Beides in dem unscheinbaren Instrumente verschlossen liegt, bald Tanz, bald Lied, bald in bekannten, bald in eigenen Klängen, die wie eine Fülle glänzender und sinnvoller Blumen, Blüten und Blätter sich zu einen ununterbrochenen, reizenden Gewinde verschlangen. Der atemlosesten Stille folgte der lauteste Zuruf des Beifalls, als der erhitzte Spieler abermals die Saiten erklingen ließ – aber, wie es sich häufig im Leben fügt, der erste Eindruck war der mächtigste gewesen und die Wiederholung diente nur dazu, denselben in Farbe und Linie abzuschwächen und zu verwischen. Man hörte zwar nach zu, aber man wies doch andere Gedanken nicht mehr zurück, und wenn die Feineren sich bemühten, einander Bemerkungen über das Spiel und den Spieler zuzuflüstern, scheuten sich Andere nicht, etwas ferner auf dem knirschenden Kies des Weges hin und wieder zu gehen, und die Roheren fingen schon an, sich zu langweilen und mit halblautem Zurufe die Krüge aneinander zu stoßen, oder wohl gar mit klappendem Deckel die Kellnerin zu rufen.

Wolf entging das nicht. Seine Erregtheit schärfte ihm die Sinne, und er rächte sich dadurch, daß sein Spiel immer wilder und heftiger wurde, die Melodien, die er spielte, sich immer ausgelassener erhoben, – unwillig suchend ließ er seine Blicke durch den Kreis der Anwesenden laufen und blieb mit denselben zuletzt an der Harfenistin haften, die ihm nicht sehr ferne gegenüber saß; er fühlte, wie ihre schwarzen lodernden Augen fest und starr an ihm hingen; sie schien mit gespannter Aufmerksamkeit zuzuhören, während ihre Gefährten, ärgerlich darüber, daß sie so ganz verdrängt und um die Ausbeute des Abends gebracht waren, gleichgültig oder verdrossen auf ihre Krüge niedersahen. Es mahnte ihn wirklich, als ob ihn Th’res anschaue; wenn auch ihr Auge sanfter blickte, war doch um den Mund derselbe schmerzliche Zug zu sehen, der ihrem Angesicht oft einen Ausdruck gab, als halte sie mühsam die Thränen zurück über ein Leid, das nur ihr bewußt war. Ein unsägliches Mitleid wandelte ihn an; von einem raschen Gedanken erfaßt, brach er sein Spiel mit ein paar verwegenen Gängen ab und sprang laut lachend auf. „So, jetzt hab’ ich das Meinige gethan,“ rief er der erstaunten Umgebung zu, „meint Ihr ich soll Euch allein den Narren machen und für nichts und wider nichts? Ich will auch was davon haben – jetzt ist’s an Euch, zugelust habt Ihr genug, jetzt spielt Ihr mir Einen auf – ’raus mit dem Geldbeutel, und laßt die Guldenstückeln klingen!“

Damit nahm er einen Teller vom Tisch und ging mit demselben nach Art sammelnder Musikanten unter den Gästen umher; seine Cameraden lachten unmäßig über den prächtigen Spaß, der die ganze Lustbarkeit erst voll mache bis zum Rand – die Andern wußten nicht, wie sie die Laune des aufgeregten Burschen verstehen sollten; der reichste Bauerssohn der Umgegend [400] konnte doch nicht für sich sammeln wie ein Bettelmusikant, und doch wollten sie es nicht darauf ankommen lassen, ihm eine Gabe abzuschlagen. Sie sahen einander mit bedeutsamen Blicken an, aber sie thaten ihm den Willen, und auch die Fremden weigerten sich nicht, den Teller zu bereichern. „Gott straf mich!“ sagte der Major, indem er sich mit seiner Gesellschaft entfernte, „ich fange an zu fürchten, daß Sie Recht behalten, Herr Landrichter – das resolute Wesen an der Kegelbahn und sein treffliches Citherspiel bestärkten mich anfangs in meiner guten Meinung, aber daß er nun mit dem Teller sammeln geht – daß er das über sich gewinnt, das wirft Alles mit einem Male über den Haufen … Der Bursche hat keine Ehre im Leibe!“

„Ich bedaure, daß ich Ihnen nicht widersprechen kann,“ erwiderte der Landrichter; „es ist ein prächtiger Bursche, dem Alles gelingt, was er nur anfaßt, aber wenn er es nicht schon geworden, ist er offenbar auf dem nächsten Wege, ein Taugenichts, oder wie man sich hier zu Lande ausdrückt, ein Loder zu werden.“

Wolf war indessen mit seinem Rundgange zu Ende gekommen und schüttelte die Münzen auf dem Teller, mit dessen Ertrag er nicht eben sehr zufrieden schien. „Hol’ mich der Teufel,“ rief er dazu, „Ihr seid mir einmal eine knickerige Sippschaft! Ist das Alles, was ich mir verdient hab’? Da muß ich Euch schon zeigen, daß ich wenigstens selber etwas halte auf mich …“ Er griff in die Tasche, warf eine Handvoll Geld zu dem Gesammelten und schüttete Alles der Harfenistin, neben die er sich wie unabsichtlich hingestellt hatte, in den Schooß. „Da Mädel, nimm,“ rief er, „für Dich hab’ ich’s gesammelt, damit Du nicht zu kurz kommst wegen einer solchen Spielerei, wie die meinige ist – nimm und thu’ Dir auch einmal einen guten Tag auf mit Deinen traurigen Augen!“

Rasch machte er sich los von dem Danke des überraschten Mädchens und ihrer Gefährten, die nun, plötzlich umgestimmt, sich in Lobeserhebungen über Wolf’s meisterliches Citherspiel ergingen – wenn er diese Kunst benützen wollte, so könnte er darauf reisen, sagten sie, und so viel Geld verdienen, um mit Vieren zu fahren. Sie spielten noch eins ihrer besten Stücke zum Abschied und eilten dann ihrer Herberge zu, denn die Reihen der Gäste hatten sich immer mehr gelichtet und auch die Letzten folgten ihnen bald; hatte doch das Kellervergnügen diesen Abend über alle Gebühr und Gewohnheit lange gedauert und sich genug ereignet, was sich auf dem Heimweg in der warmen hellen Mondnacht erst recht gründlich besprechen ließ.

Unmuthig und wortkarg war Wolf an seinen Platz zurückgekehrt; so sehr die Gesellen schürten und durch tolles Lärmen und Spaßen neuen Brennstoff herbeizutragen suchten, vermochten sie doch nicht, aus der niedergebrannten Gluth eine neu auflodernde Flamme hervorzulocken. Er war abgespannt und müde und ein in der letzten Aufregung noch genommener Trunk vollendete, was der Tag noch übrig gelassen – er breitete die Arme über den Tisch, legte den Kopf darauf und war wenige Augenblicke später in tiefen Schlaf versunken.

… Als er wieder erwachte, wehte ihm der Morgenwind kalt auf den Leib, und über den Bergen kam das Morgengrauen herauf, schön und gewaltig, wie es gestern gekommen war, und doch wie so ganz anders!

Er war allein; seine Cameraden hatten ihn verlassen und das seidene Preistuch mit den daran hängenden Guldenstücken mitgenommen; die leere Stange hatten sie als Andenken zurückgelassen – in der Ecke nebenan auf einer Bank lag das verdorbene Stadtkind in wüstem, todtenhaftem Schlaf … Wolf versuchte nicht, den jungen Mann zu wecken: er trug kein Verlangen, zu erfahren, warum und wie man ihn so allein zurückgelassen. Die eigene Erinnerung sagte ihm mehr als genug von den Ereignissen des gestrigen Tages.

Frostschauernd strich er zwischen den Saatfeldern und Stoppeläckern der unfern sich erhebenden Waldspitze zu – er wollte Niemand begegnen und von Niemand gesehen sein; unter den bergenden Bäumen angekommen, warf er sich krampfhaft schluchzend in’s Gras und wehrte den Thränen nicht, die ihm heiß und wie unerschöpflich über die Wangen stürzten. Scham, Reue, Zorn über sich selbst rangen um den Besitz seiner Seele. War es denn möglich, daß Alles das sich hatte ereignen können? Wie froh, wie frei hatte er gestern dem beginnenden Tage entgegengeblickt, und wie war er heute aus allen seinen Himmeln geschleudert! Was man ihm mit Unrecht schuld gegeben, hatte er nun wirklich gethan – den Namen, gegen den sein Stolz sich aufbäumte wie ein junges Füllen gegen den ersten Zügel, hatte er sich selbst auf die Stirn geschrieben, hatte einen Tag mit Gesindel zugebracht und sich selber zum Schauspiel müßiger Menschen gemacht! Und warum war das Alles geschehen? Nicht er hatte es so gewollt, der ungerechte Wille seines Vaters hatte ihn hinaus gestoßen, und der erste Schritt hatte ihn mit fortgerissen, wie das erste Steinchen, das sich lockert, die Schneelahn losmacht und in rasendem Wachsthum stürzen läßt. Eine Weile tobte er, nachdem die Thränen versiecht waren, seinen dafür aufsteigenden Grimm in Verwünschungen aus – dann, nach der Erschöpfung beider Ausbrüche, kam eine weichere ruhigere Stimmung über ihn und aus dem von den Stürmen gelockerten und befruchteten Erdreich sproßten die Keime klarer Besonnenheit und ruhigen Wollens.

Das Geläute der Kirchenglocken, die zum Frühgottesdienst riefen, suchte ihn im Walde auf und mahnte, daß es Zeit sei, mit sich in’s Reine zu kommen. Beruhigt erhob er sich, denn er hatte einen Entschluß gefaßt: er wollte zu seinem Vater gehen, ein offenes Wort reden und seinen Frieden machen mit ihm; er hätte sich sogleich auf den Weg gemacht, aber er wußte, daß er ihn, weil es Feiertag war, nicht zu Hause treffen würde; der alte Lindhamer unterließ es an solchen Tagen nie, in die Kirche des Nachbardorfes zum Gottesdienste hinüber zu wandern, wenn es auch ein ziemlich weiter Weg war. Von dort kam er erst zum Mittagessen zurück, nach diesem wollte Wolf mit ihm reden; das war so ganz die rechte Stunde dazu, wenn alle Bewohner des Hofes ausgeflogen waren und über dem Hofe und seiner Umgebung die feierliche Ruhe und Stille des Sonntags lag, wie über einer großen Kirche. Er wollte es daher so einrichten, daß er gerade um diese Zeit auf Lindham eintreffen mußte – erleichterten Gemüths, von seinen Vorsätzen wie von Flügeln getragen, schritt er nun in den Tag und das Menschengewühl hinein, das bereits von allen Seiten zum Jahrmarkt herbeikam, der unmittelbar nach den Kirchenfeierlichkeiten beginnen sollte.

In der nämlichen Stunde, in der er seinen Plan aufbaute, rollte ein hübsches Schweizerwägelchen gegen Aibling heran, von ein paar kräftigen Braunen gezogen, welche mit dem leichten Gefährt so tüchtig ausgriffen, als ob es darauf ankäme, eine Wette zu gewinnen oder einem Flüchtling nachzujagen, der um jeden Preis eingeholt werden mußte – dennoch schien es dem Bauern, der in dem Fuhrwerk saß, noch immer nicht schnell genug zu gehen, denn von Zeit zu Zeit rief er dem neben ihm sitzenden Mädchen, das die Zügel führte, unwillig zu, sie solle doch die feisten Thiere besser auftreten lassen; die faulen Mähren hätten über der Feldarbeit das Laufen ganz verlernt und trabten daher wie mit einer Holzfuhre.

Es war der alte Lindhamer, Th’res neben ihm.

Zum ersten Male in seinem Leben war der Alte seiner Gewohnheit untreu geworden und hatte am Morgen seine Angehörigen mit dem Auftrage überrascht, man solle Alles vorbereiten, er wolle anstatt zur Kirche in’s Pfarrdorf nach Aibling auf den Jahrmarkt fahren. Er sagte nicht, warum er das that, aber es war nicht schwer, die Ursache zu errathen: – daß Wolf den ganzen Tag über nicht mehr heim kam, hatte ihn mit neuem Unmuth erfüllt, dessen Gewicht jede verrinnende Stunde um die Last ihrer Sandkörner vermehrte; noch als es bereits zu dunkeln begann, saß er ganz gegen seinen sonstigen Brauch vor der Hausthür auf der Gräd, ließ sich von Dickl noch einmal erzählen, was den Tag über Alles geschafft worden war, und wenn Th’res ihn erinnerte, daß es seiner Augen wegen wohl gerathen sein dürfte, sich nicht der Nachtluft auszusetzen, so erwiderte er, sie solle ihn in Ruhe lassen; er begreife gar nicht, was sie wolle, die Luft sei ja so mild wie Balsam und habe ihm lange nicht so wohlgethan wie heute. Als er gleichwohl nicht mehr anders konnte und sich zur Ruhe begeben mußte, blieb er noch lange wach, und Th’res, die in einer Kammer nebenan lag, hörte, wie er ein paar Mal in der Nacht aufstand und das Fenster öffnete; auch in ihre Augen kam kein Schlaf, und wenn er auch den ganzen Abend Wolf’s nicht mit einer Silbe erwähnt hatte und seine Abwesenheit gar nicht zu bewerten schien, so erzählte ihr doch das eigene Herz deutlich genug, was den Alten [401] antrieb, mit den halbblinden Augen in das Nachtdunkel hinaus zu spähen.

Auch als er am Morgen wie gewöhnlich herunter kam, fragte er nicht; ein Blick auf Th’res, als sie das Frühstück brachte, sagte ihm, was er zu wissen begehrte. Es war also wahr, was man ihm hinterbracht hatte, sein Sohn war wirklich ein verlorener Mensch, denn nach seinen strengen mit ihm alt und starr gewordenen Anschauungen konnte es keinen größern Beweis eines nichtsnutzigen, völlig verlotterten Lebens geben, als die Nacht ohne Noth außer dem Hause zuzubringen. Und das hatte sein Sohn gethan, der ältere, auf dem alle seine Hoffnung geruht, der nach ihm den Lindhamerhof bewirthschaften und in Ehren halten sollte – das hatte er gethan unmittelbar nach dem ernsten Gespräche mit ihm, das hatte er zu thun vermocht unter dem ersten Eindruck seines Willens – das war die ganze Wirkung des über seine Lebensweise ausgesprochenen Tadels, daß er dieselbe wie zum Trotz noch überbot und zu den vielen geringen Vergehen noch das nicht zu entschuldigende größte fügte. War die Nacht über seine Stimmung eine mehr gekränke, fast wehmüthige gewesen, so schlug sie mit dem Morgen wieder in zornigen Unmuth um; obwohl es ihm aber heiß zu Kopf stieg, gewann er es doch über sich, sich nicht zu verrathen, und gab den Befehl wegen der Aiblingfahrt mit völlig gleichgültigem Tone.

Dickl, der mit Th’res zugegen war, erwiderte nichts, auch er scheute sich, durch ein voreiliges Wort vielleicht den Funken in’s Pulver zu werfen, und ging ruhig, um Pferde und Wagen in Bereitschaft zu setzen. Während er das that, kam der Brunnensepp wie zufällig aus dem Stalle herbei und indem er ihm dabei behülflich war, flüsterten beide eifrig und angelegentlich miteinander.

Th’res war auf der Bank nebenan sitzen geblieben; sie errieth vollkommen, was der Alte beabsichtigte; er wollte nicht länger im Zweifel sein, wollte Wolf aufsuchen und sich selbst überzeugen, wo er die Nacht über gewesen und was er getrieben. Sie sah ein, daß dagegen nichts gethan werden konnte, vielleicht konnte der Schritt sogar zum Guten und zur Aussöhnung führen, denn sie konnte unmöglich glauben, daß Wolf etwas wirklich Schlechtes gethan und aus bloßem Hang zur Lustbarkeit Nacht und Tag durchschwärmt haben sollte; er konnte ja durch irgend etwas aufgehalten oder verspätet worden sein, gab es doch Gasthäuser genug, in denen er unbedenklich ein Unterkommen fand. Das Eine, was sie bei dem Vorhaben des Alten beunruhigte, war, daß Dickl dabei sein sollte; dies zu verhindern, seinem gewiß nicht förderlichen Einflusse vorzubeugen, war das Nächste, worauf sie sann.

„Das ist gescheidt, daß Ihr Euch auch einmal hinaus macht,“ sagte sie dann, indem sie das Geschirr wegnahm. „Ihr kommt ja gar nirgends mehr hin – habt Euch schon oft vorgenommen, den Aiblinger Doctor zu fragen wegen Eurer Augen, das könnt Ihr dann auch thun; der Doctor wird’s doch wohl besser verstehen als der Bader drüben im Dorf …“

„Ja, ja, hast schon Recht, Th’res,“ entgegnete der Alte in einem ergebenen und doch verbissenen Tone; „aber wegen meinen Augen brauch’ ich nit vor die Hausthür hinauszugehn – ich seh’ mit den kranken Augen so viel, daß ich gar nit weiß, ob ich mir gesunde wünschen soll …“

„Frevelt nit und verzagt nit!“ sagte Th’res mit Beziehung. „Es kann Alles noch recht werden, so lang’ man die Augen offen hat. Der Tag ist auch gar so schön, daß mich eine ordentliche Lust ankommt, auch dabei zu sein; hätt’ mir ohnehin schon lang’ gern Zeug zu einem neuen Mieder gekauft – auf dem Mark hab’ ich die Auswahl … Wie wär’s, wenn Ihr mich mitnähmt?“

„Warum nit?“ erwiderte der Alte. „Aber es wird nit gehn; das Wägerl ist nur zweisitzig, und der Dickl muß mit, weil ich das Kutschiren nit mehr recht zuwege bring’ …“

„Wenn’s weiter nichts ist!“ rief Th’res. „Da ist leicht geholfen: das Kutschiren bring’ ich schon zuwege für Euch; da soll’s nit fehlen …“

„Dann kann’s mir auch recht sein,“ sagte der Alte, „aber wenn Du Dich anziehn und schön machen willst, hast nit viel Zeit; ich will hinauf, mein Gewand holen, und dann geht’s gleich fort, sobald angespannt ist.“

„Ich werd’s kurz machen,“ erwiderte sie lachend, „bin ja schon halb und halb zum Kirchgang hergericht’t gewesen, und wenn ich die Schönheit nit in der Geschwindigkeit fertig bring’, wird die Herumtrengerei auch nit viel helfen …“

Sie ging und kehrte bald zurück, als gerade auch der Bauer im langen Sonntagsrock und den Hut auf dem Kopfe aus seiner Stube herunterkam. Gleichzeitig fuhr Dickl mit dem Wägelchen am Hause vor, in voller Feiertracht und geputzt, daß er fast stattlich ausgesehen hätte, wäre nicht auf seinem Gesichte ein häßlicher Zug von Bosheit aufgeblitzt, als er Th’res ebenfalls vollkommen angekleidet und reisefertig neben dem Vater stehen sah. Das Mädchen hatte die wenigen Augenblicke, die ihr zum Anziehen gegönnt gewesen waren, glänzend benutzt, und wenn es gegolten, ein Muster und Vorbild eines hübschen Bauernmädchens zu zeigen, so wäre ein besseres wohl nicht aufzufinden gewesen. Sie war doppelt schön, denn Das, was sie vorhatte, spiegelte sich mit freudigem Lichtscheine in ihren dunklen Augen, und ihre Wangen waren von einem sonst seltenen warmen Anhauche innerer Erregung überflogen.

„Das hab’ ich mir eh’ ’denk, daß es so gehn wird,“ sagte Dickl, als der Alte ihn absteigen und die Zügel an Th’res übergeben hieß. „Fahrt nur zu! Ich komm’ schon auf Schustersrappen nach.“

Er that, als wäre ihm der Wechsel vollkommen gleichgültig; aber der Seitenblick, den er auf Th’res warf, zeigte dieser klar, daß er sie errathen habe, und wie sie ihn hinwieder ansah, war auch er jeden Zweifels überhoben, daß auch sie ihn durchschaue.

Stolz und freudig, als wüßten sie, wer sie leite, trabten die Pferde dahin, erst langsam die Anhöhe hinunter, dann auf der Ebene, als wären ihnen Flügel gewachsen. Dickl und der Brunngrabersepp kehrten eifrig plaudernd nach dem Stalle zurück.

Der Alte und Th’res fuhren indessen schweigend dahin. Das Mädchen hielt es nicht für gerathen, das Anliegen, das Beiden auf dem Gemüthe lastete, zuerst zu berühren; sie kannte den Bauer und wußte, daß er Alles erst lange in sich herumtrug und vorarbeitete, ehe er es von sich gab; sie wollte es an ihn kommen lassen, das einleitende und vielleicht eben darum entscheidende Wort auszusprechen. Es wurde ihr Das um so leichter, als der Bauer, nichts um sich her beachtend, über seinen Gedanken brütete und so sehr darein vertieft war, daß er manchmal abgerissene Worte halblaut vor sich hin redete und mit den Händen dazu focht, als wollte er ihnen dadurch größern Nachdruck geben. Es war klar, daß er einen harten Strauß in sich durchkämpfte und eine folgenschwere Entschließung sich in ihm vorbereitete.

Auch Th’res war es nicht um ein Gespräch zu thun, sie war nicht minder mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Denn der gestrige Tag hatte solche Veränderungen in ihr hervorgebracht, daß sie Mühe hatte, sich selbst wiederzufinden. Zunächst hatte die lange Abwesenheit Wolf’s, die dadurch hervorgerufene Nothwendigkeit, sich stets mit ihm zu beschäftigen, und die mancherlei Besorgniß um ihn und die Dinge, die noch kommen mußten, sie aufgeklärt, daß ihr Denken und Fühlen enger und stärker mit ihm zusammenhänge, als sie selber geahnt und sich eingestanden hatte; beinahe noch bedeutender aber war die Wirkung, welche das kurze Gespräch mit dem Unterhändler auf sie gemacht hatte. Die von ihm so leicht hingeworfene Frage, wer und was sie denn eigentlich auf dem Lindhamerhofe sei, war ihr schwer auf’s Herz gefallen, wie ein überhängendes Felsenstück, das, lange gekannt und nicht beachtet, plötzlich herniederrollt und das kleine friedliche Gärtchen zerstört, das sich vertrauensvoll unter ihm angesiedelt. Wohl war es immer wie ein dunkler Hintergrund in ihr gelegen, daß sie nicht immer auf dem Lindhamerhofe gewesen, daß hinter ihren Kindererinnerungen, die alle mit diesem Grund und Boden zusammenhingen, noch eine andere Zeit liege, eine Zeit voll unheimlicher und drohender Gestalten und Ereignisse, auf die sie sich nicht mehr besann, die aber manchmal in unguten Stunden sie mit unerklärlicher Bangigkeit überfielen oder im Traume ängstigten. Sie wußte, daß sie als unmündiges Kind auf den Hof gekommen war, daß die Milde der Bäuerin, die schon lange heimgegangen, sie dahin gebracht; aber wie sich das zugetragen und warum, das hatte sie nie erfahren. Sie hatte weder Ursache noch Verlangen gehabt, danach zu fragen, und [402] von selbst hatte man ihr nichts erzählt, weil man es wohl für überflüssig erachtete und sie als Angehörige des Hauses betrachtete, wie sie selbst sich mit ihm gleich einem als winziges Stämmchen dahin verpflanzten Baume verwachsen fühlte. Dieser Zustand harmloser Unbefangenheit, dieses friedliche Dahinleben war mit einem Male zerstört und konnte nicht wieder kommen, so wenig als einem gesprungenen Glase, auch wenn es noch lange zusammenhält, der entstellende Spalt wieder verschwindet.

Sie war mit sich einig, daß sie das nicht länger ertragen wolle; sie mußte Gewißheit haben über sich selbst und nahm sich vor, die nächste Gelegenheit vom Zaune zu brechen, um sie vom Lindhamer zu erhalten; wären die unerwarteten Vorfälle nicht dazwischen gekommen, sie hätte wohl schon den Sonntag Abend benutzt, um die Entdeckung herbeizuführen.

Als sie Aibling erreichten, war das Gewühl des Jahrmarktes im raschesten Flusse. Besonders die Kirchgasse entlang standen die Buden der Verkäufer gereiht, der Krämer, welche Joppen, Lederhosen und Stiefel feil boten, wie sie der Bedarf des Landmannes sind, der Juden, welche mit bunten Seidentüchern und schimmerndem Bänderkrame die Mädchen lockten, und der Kleinhändler, die das Allerlei ihres Groschenkrames unermüdlich anpriesen, bis herunter zu Denen, die auf einem bescheidenen Stangengerüst Zündhölzer und Feuerschwamm oder Käse oder Mandelplätzchen, Zuckerbrod und Lebzelten aufgestapelt hatten. Am lebhaftesten war das Gedränge um den kleinen Platz, den ein paar große Gasthäuser wie einen Winkel einschlossen, denn hier hatten sich die Schaubuden zusammengefunden, die bei einem solchen Anlaß auf dem Lande niemals fehlen. In der Mitte des Platzes hatte eine Bande von Springern und Seiltänzern eine Art von Leinengezelt aufgeschlagen, in welchem sie ihre Künste producirten. Die außen angebrachten Malereien und der nimmer ermüdende Ausrufer verkündeten, daß hier ein wilder Buschmensch zu sehen sei, der ein lebendes Huhn mitsammt den Federn verzehre, daß ein weltberühmter Künstler auf dem gespannten Seile ein Hufeisen schmieden und eine nicht minder gefeierte Künstlerin als Non plus ultra den hier zu Lande noch nie gesehenen Eiertanz aufführen werde.

Es war dieselbe Gesellschaft, die Abends vorher mit ihrer Musik herumzog; der Eine davon hatte bereits ein Ungeheuer von Bart und Perrücke aufgesetzt, um vor dem unkundigen Publicum als wilder Mann zu gelten; der Geigenspieler zeigte sich vor der Thür als Athlet und Tänzer, im geflickten rosenrothen Tricot, um die Hüften ein kurzes Beinkleid von einstmals roth gewesenem Taffet und ein messingenes Diadem um die Stirn. Auch die Harfenspielerin war in ähnlicher Weise gekleidet; der hochgeschürzte schwarze Rock, das tief ausgeschnittene rothe Mieder, auf dem Kopfe eine Art Turban, und die vertretenen Stiefelchen von gelbem Saffian ließen sofort errathen, daß sie es war, welche der dicht geschaarten gaffenden Menge das kunstvolle Schauspiel des Eiertanzes gewähren sollte.

Auch Wolf war unter den Zuschauern; er hatte noch Zeit genug vor sich und fand kein Arg darin, sich die Komödie ebenfalls mit anzusehen. Er legte das Eintrittsgeld vor den Athleten hin, der ihn sogleich erkannte und auf’s Freundlichste grüßte; der Mann schlug den bunten Kattunvorhang, der den Eingang verhüllte, mit tiefem Bückling zurück und nöthigte den großmüthigen Gönner, in der vordersten Reihe Platz zu nehmen, der eigentlich nur für die etwaigen Honoratioren bestimmt war. An dem Leinwandumhange, durch das Gedränge verdeckt und darum auch von Wolf unbemerkt, stand Dickl mit dem Brunngrabersepp auf der Lauer; sie waren unmittelbar nach der Abfahrt des Alten von Lindham weg und nach dem Straßwirthshause geeilt, von dort aber mit dem Fuhrwerke des Wirthes nachgefahren. Im Markte angekommen, war es ihnen nicht schwer geworden, Wolf’s Anwesenheit und Alles, was Tags vorher geschehen, zu erfahren.

„Siehst Du, daß ich eine gute Nase habe!“ sagte Sepp halblaut. „Wir haben ihn richtig aufgespürt – hast Du gesehen, wie bekannt der Komödiant mit ihm gethan hat? Heiß’ mich einen Dummkopf, wenn sich da nichts anspinnt, was man brauchen kann!“ …

Im nächsten Augenblicke waren sie ebenfalls in der Bude, aber ganz hinten auf dem geringsten Platze, wo sie, selber ungesehen, doch den ganzen Hüttenraum überblicken konnten.

Das Spiel begann nach einiger Zeit; ein Luftspringer machte auf einem Teppiche die unglaublichsten Körperverrenkungen; ein anderer fing Teller und Kugel auf und balancirte einen spitzen Degen auf der Nase; die Künste auf dem Seile gingen vor sich; der Buschmann fraß sein Huhn, und Alles war im höchsten Grade auf den Schluß, den vielverheißenden Eiertanz, gespannt. Um die Erwartungen noch mehr zu erhöhen, wurde sogar eine Bettdecke wie eine Art Vorhang vor das bis dahin offene Fußgestell gezogen, das die Bühne bildete; aber Minute um Minute verging, ohne daß der Vorhang sich wieder öffnete. Dagegen wurden hinter demselben streitende Stimmen immer lauter vernehmbar, offenbar waren die Künstler uneins geworden und bereiteten sich unter einander selbst Hindernisse. Der Geiger kam zuletzt mit zornrothem Kopfe heraus; er hatte einen gewöhnlichen Ueberrock über das Athletengewand gezogen und eilte durch die Zuschauer davon, unbekümmert um die Tänzerin, die ihn zurückzuhalten versuchte und, als dies nicht gelang, ebenfalls mit hochgerötheten Wangen und verwirrt vor den Zuschauern stand.

Da fiel ihr Blick auf Wolf, und mit lebhaft aufblitzender Freude eilte sie auf ihn zu.

„Ihr seid da, guter Freund?“ rief sie. „O, nun ist mir geholfen! Der Tollkopf hat gemeint, mich um den Eiertanz zu bringen, wenn er nicht die Geige dazu spielt, weil ich Musik haben muß, um nicht daneben zu treten … aber Ihr könnt statt seiner spielen. … Eine Cither ist da; den Tanz kennt Ihr … Ihr habt ihn gestern auch gespielt … o, kommt geschwind herein und helft mir aus der Noth … nicht wahr, Ihr schlagt mir’s nicht ab?“

Wolf wußte nicht, wie ihm geschah; es regte sich etwas in ihm, was ihn abmahnte, aber als ihm das Mädchen so herzlich bittend in’s Gesicht sah, war es ihm, als ob Th’res vor ihm stände und die lieben Augen zu ihm aufschlage, und halb wollend, halb gezogen, folgte er ihr hinter den Vorhang; wenige Augenblicke später lutschte Dickel aus der Bude.

Der alte Lindhamer hatte unterdessen den ganzen Jahrmarkt durchwandert und überall seine Augen gehabt, als wären sie mit einmal wieder ganz frisch und schmerzlos geworden. Er gab sich den Anschein, als ob er sich Alles recht genau besehen wolle, aber den er suchte, fand er nicht, und eine Frage nach ihm zu thun, war ihm unmöglich. Er wollte sich nicht den Schein geben, als kümmere er sich um den leichtfertigen Burschen. Th’res, die ihn vollkommen errieth, hatte unter allerlei Vorwänden versucht, sich von ihm auf kurze Zeit loszumachen: sie wollte Wolf allein aufsuchen und warnen, denn sie fürchtete das Schlimmste, wenn die beiden Starrköpfe unvorbereitet aufeinander träfen, aber der Alte, der sie nicht minder durchschaute, ließ sie keinen Augenblick von seiner Seite und machte lieber an jeder Bude, wo sie feilschte und kaufte, den geduldigen Zuschauer und und Rathgeber. Als sie zu der Hütte der Springer kamen, blieb er stehen, besah die Malereien und hörte die Anpreisungen des Ausrufers, während drinnen bereits die Vorstellung begonnen hatte und Gelächter und Händeklatschen verrieth, wie sehr die Leute daran Gefallen fanden.

„Wie ist’s? Wollen wir auch hinein?“ sagte er. „Weil ich Dich doch einmal mitgenommen habe auf den Markt, muß ich doch auch sorgen, daß Du was zu sehen kriegst.“

„Ich mag nit,“ sagte Th’res abwehrend, „ich mag so ’was nit sehn – ich mein’, ich müßt’ für die Leut’ roth werden, die sich nit schämen und sich anschauen lassen und selber ausstellen, wie wenn sie wilde Thier’ wären …“

Sie wollten weiter gehen, aber das wachsende Gedräng der Neugierigen bannte sie einige Secunden fest. Einer von den Ortsbürgern, der am Abend vorher mit auf dem Keller gewesen und einigen Begegnenden davon erzählte, kam zufällig hinter ihnen zu stehn. Sie mußten einen Theil des Gesprächs mit anhören, und als der Alte einige Worte davon vernommen hatte, blieb er hartnäckig stehen, so sehr Th’res, der beinahe das Herz still stand vor Schrecken, ihn fortzuzerren bemüht war. Lachend erzählte der Mann, wie lustig es gewesen, was sich Alles begeben und wie ein Bursche, den er nicht gekannt, die ganze Gesellschaft unterhalten habe. Er solle der Sohn eines reichen Bauern sein und nicht viel taugen, aber Citherspielen und Kegelschieben verstehe er aus dem Grunde, und jetzt sei er gar da drinnen in der Schaubude …

[403] 
Die Gartenlaube (1873) b 403.jpg

John Knox verhindert die Zerstörung der schottischen Krönungsabtei Scone (1559.)
Nach seinem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von W. Lindenschmit.

[404] Ein erneuter Andrang trennte die Gruppe; das Weitere ging dem Alten verloren, der wie versteinert dagestanden, um ja kein Wörtchen zu verlieren. Als die Redenden hinweg waren und er die Unmöglichkeit erkannte, sie wieder zu erreichen, nahm er den Hut ab und fuhr sich über Stirn und Schläfen, in deren Adern der Zorn hämmerte, als ob er sie sprengen wolle. Zum ersten Male kam, was er dachte, in Worten über die Lippen. –

„Mir scheint, Alles laßt aus bei mir,“ sagte er halb zu Th’res halb vor sich hin, „die Augen sind schon lang nichts mehr nutz und jetzt ist es, als wenn mich auch das Gehör verlassen wollt’ … Es saust mir so in den Ohren, daß ich nit weiß, ob mir träumt oder ob das wirklich ist, was ich hör’ … Muß doch einmal in die Hütten hinein und mich überzeugen, was wahr ist …“

Th’res wollte ihn zurück halten; sie ward der Mühe überhoben, denn so eben trat Dickl wie zufällig heran, grüßte den Vater und erzählte, daß er trotz des Vorsprungs, den sie gehabt, ihnen doch bald nachgekommen sei.

„Wo geht Ihr denn hin, Vater?“ sagte er. „Ihr werdet doch nicht in die Hütten da hinein wollen, zu den armseligen Seiltänzern?“

„Warum nicht?“ fragte der Alte scharf. „Warum soll ich nit hinein? Was so viele Andere anschaun, wird wohl für den Lindhamer von Lindham nit verboten sein … Geh mir aus dem Weg! Ich will sehen, was es drinn’ giebt …“

„Nein, Vater, folgt mir und geht nit hinein,“ sagte Dickl mit heuchlerischer Besorgtheit, „wer weiß, ob es Euch nit zu sehr angreifen thät …“

„Kreuzteufel,“ schrie jetzt der Alte ungeduldig und schob den Warner ziemlich derb bei Seite, „ich will einmal doch wissen, ob ich noch mein eigener Herr bin, und was es denn so gar Schreckliches zu sehn giebt in der Räuberhütten da …“

Er ging, von Dickl mit verstellter Sorge, von Th’res mit herzbeklemmender Angst gefolgt, und trat eben recht in den Zuschauerraum, um den Vorhang von der Bühne verschwinden und die Tänzerin zwischen den reihenweise auf den Boden gelegten Eiern in anmuthiger Stellung tanzbereit stehen zu sehen, den einen Arm leicht in die Hüfte gestützt, mit dem hochgehobenen, schön gebogenen andern Arm das Tamburin schwingend.

Unweit von ihr, auf der Bühne, saß Wolf, die Cither vor sich auf dem Schooß. Dem Alten schwamm und flirrte es vor den Augen: er sah nichts davon, mit welcher Sicherheit das schöne Mädchen den Tanz vollführte; wie sie mit einer für solche Umgebung nicht zu erwartenden Anmuth sich zwischen den Eiern bald stehend, bald knieend hindurchdrückte und wand und mitunter in schnellem Sprunge so haarscharf daneben niedertrat, daß es schien, als müsse sie dieselben zertreten oder doch vom Platze stoßen – er sah nur ein bekanntes Gesicht, sah seinen Wolf auf der öffentlichen Schaubühne, spielend, als erklärten Genossen landfahrender Komödianten, und das Herz krampfte sich ihm zusammen, daß ihm der Athem stockte und er tastend und wie taumelnd um sich griff. Th’res erging es nicht viel besser – schon von Kindheit auf, so lang sie sich nur zu erinnern vermochte, hatte sie gegen alle solche Schaustellungen und Künste eine so lebhafte Abneigung empfunden, daß sie gegen sonstige Kinderart dieselben nicht sehen wollte und sogar von einer Art Grauen dabei erfaßt wurde – und nun mußte sie es erleben, den Mann, der ihr so viel, ja das Höchste galt, selbst thätig in solcher Umgebung zu sehen, die ihr als das Furchtbarste und Unwürdigste erschien, was in dem engen Kreise ihrer Gedanken und Erfahrungen umfangen lag. Sie bedurfte ihrer ganzen Kraft und Fassung, daß sie nicht laut aufschrie und Wolf ermahnte, den gefährlichen Kreisen zu entfliehen, auch nahm der Zustand des Alten ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie faßte ihn am Arm und geleitete ihn in’s Freie – man machte ihr willig Platz, als sie so recht hastig und eindringlich bat: „Laßt uns hinaus, Ihr Leuteln – dem alten Mann ist ungut worden in dem Gedräng da herinnen …“ Ueber der allgemeinen Spannung, über dem Beifall, den die Tänzerin hervorrief, ward ihre Entfernung nur von der nächsten Umgebung beachtet.

(Fortsetzung folgt.)


Der Modoc-Krieg.
(Schluß.)
„Ausrottung der Modocs!“ und Opposition der Quaker-Philanthropen. – Frühere Ungerechtigkeiten gegen den rothen Mann. – Bombardement und Einnahme des „Lavabettes“. – Starke Verluste der Weißen in der Schlucht. – Tod Thomas’, Stowe’s und Wright’s. – Weitere Kriegspläne.

Das Losungswort für den bevorstehenden Kampf war von Washington ausgegeben; es hieß: „Ausrottung der Modocs!“, und General Gillem’s Antwort in einer Depesche vom 15. April an General Schofield in San Francisco lautete: „Nicht ein Indianer soll übrig gelassen werden, um sich zu rühmen, er sei einer von General Canby’s Mördern.“ So war denn in diesem Punkte völlige Uebereinstimmung unter den Führern der Expedition gegen die Rothhäute erzielt. Dazu gesellte sich auch noch die volle Zuversicht, diese gute Absicht auszuführen, wie denn General Gillem am selbigen Tage meldete, er habe die Modocs völlig in seiner Gewalt, so daß ihr Entkommen jetzt ganz undenkbar sei. In Bezug auf den Ausrottungsplan erhob sich indeß bald eine gar nicht unbedeutende Opposition, wenigstens in den östlichen Staaten; es waren die alten Quäker-Philanthropen, die schon nach dem großen Sioux-Aufstande in Minnesota der Mehrzahl der gefangenen Mörder die Lossprechung von der Todesstrafe erwirkten. Man ging so weit in diesen vielfach aus reichen wohlhabenden Aristokraten bestehenden Kreisen, den Präsidenten Grant anzugehen, der Stimme des „Pöbels“, welche die Ausrottung der Modocs fordere, nicht nachzugeben. Mit diesem Ausdrucke beliebt es häufig unserem Geldadel, in Vergleich mit welchem der Geburtsadel der alten Welt noch wirklich erträglich zu nennen ist, die Classe der Farmer und Arbeiter zu bezeichnen, welche mit den Hindernissen, die ihnen die Rauhheit der Natur und die Selbstsucht der Menschen in den Weg legt, ehrlich ringen, und welche in diesem Falle den allein ausreichenden Schutz gegen Mord und Plünderung forderten, nämlich die Vertilgung der Mörder. Und doch darf der unparteiische Berichterstatter es sich nicht verhehlen, daß diese Philanthropen, in der Theorie wenigstens, manche Gründe für ihre Forderung geltend machen können.

Der bekannte Henry Ward Beecher betete in seiner Kirche in Brooklyn am Sonntage, nachdem die Nachricht von Canby’s Ermordung eingetroffen war, folgendermaßen: „Daß es dem Vater aller Menschen gefallen möge, Erbarmen zu haben mit den wilden Söhnen des Waldes, deren lange zurückgehaltene Rache für so viel erlittenes Unrecht sich in einer so blutigen und schändlichen Unthat Luft gemacht habe.“

Dies gab Anlaß zu vielen harten Urtheilen über den freilich als excentrisch bekannten Mann. Aber im Grunde genommen sagte er damit nichts als die Wahrheit. Der bittere Haß des rothen Mannes ist die Frucht des bösen Samens der Ungerechtigkeit, der seit so vielen Jahren von Agenten und privilegirten Händlern mit Vorwissen der obersten Indianerbehörde ausgestreut worden ist. Die Indianer zu betrügen, zu bestehlen, zu verrathen, ja sogar zu tödten, – das waren von jeher und sind häufig noch jetzt Verbrechen, für welche es keine Strafen giebt, und der Wilde, der nur zu oft recht- und schutzlos dasteht, baut sich daraus sehr natürlich und logisch den Grundsatz auf, der überhaupt seinem Charakter am besten zusagt: „Aug’ um Auge. Zahn um Zahn!“ oder anders ausgedrückt. „Wie Du mir, so ich Dir!“

Vor etwa zehn Jahren lud ein Officier im Namen der Regierung einen Apache-Häuptling in sein Zelt zu einer Unterredung ein. Der Indianer erschien, auf Treu’ und Glauben des weißen Mannes bauend. Kaum hatte er sich gesetzt, als der Officier sich mit den Worten zu ihm wandte: „Du bist mein Gefangener.“ Der Wilde sprang auf, zerschnitt das Zelttuch mit seinem Messer und entkam, aber seine Rache war unauslöschlich, und mancher Unschuldige hat seitdem seine blutige Hand gefühlt.

Wurde in diesem Falle nach Ausrottung aller weißen Officiere oder Beamten geschrieen, weil ihr Camerad, der civilisirte [405] Christ, dem rohen Heiden sein Ehrenwort gebrochen hatte? Natürlich nicht! ja nicht einmal dem Verräther wurde ein Haar gekrümmt! Und wenn nun Capitain Jack denselben Verrath an General Canby übt und ihn, nur etwas klüger und energischer, gleich niederschießt, haben der ungezähmte unwissende Wilde und seine Genossen eine härtere Strafe verdient? Gegen dieses Argument ist eigentlich gar nicht viel einzuwenden, wenigstens nicht in der Theorie. Praktisch angewendet, gestaltet sich die Sache indeß doch etwas anders.

Die schonungslose Verwaltung der Indianerangelegenheiten ist die Hauptursache dieser ganzen Indianernoth; die Noth trifft aber jetzt ausschließlich die an der Ursache völlig unschuldigen Ansiedler der neuen Territorien, und diese müssen von der Regierung in ihrem Recht beschützt werden; dazu ist dieselbe unbedingt verpflichtet, und die erste Frage ist die, wie dies am wirksamsten geschehen kann. Lautet die Antwort da: nur durch Ausrottung der Verbrecher, nun, dann mag das Gewissen der Regierung im Rückblick auf ihre eigenen Sünden gegen diese Verbrecher in ein häßliches Dilemma gerathen, aber ihre Pflicht, die Bürger zu schützen, bleibt deshalb unverändert, und ihre Aufgabe, dieselben gegen die Angriffe der Söhne der Wildniß, die sie selbst zu erbarmungslosen Raubthieren ausgebildet hat, zu sichern, klar und unbestreitbar. Der Schrei der Bedrohten nach Ausrottung ihres unversöhnlichen Feindes behält daher seine volle Berechtigung.

Die Ausführung der beschlossenen Strafe ist freilich eine andere Sache. Hier handelt sich’s nicht nur um’s Wollen, sondern vor Allem um’s Können. General Gillem’s obige Depeschen sind sehr schwungvoll; die jüngsten Ereignisse haben aber auf’s Neue den Beweis geliefert, daß ein schlauer und tapferer Gegner mit Phrasen noch lange nicht beseitigt werden kann, und Capitain Jack hat gezeigt, daß er in seinem kleinen Finger mehr Feldherrntalent besitzt, als die sämmtlichen West-Pointer Herren, die sich bis dahin nichts als blutige Köpfe in seinen Felsen geholt haben. Schade nur um die Soldaten, die von inkompetenten Führern in’s unvermeidliche Verderben hineingejagt worden sind. Die Schilderung der Kämpfe vom 14. bis zum 20. April wird das Gesagte rechtfertigen.

Am Abend des Tages, an welchem General Canby und Dr. Thomas gefallen waren (Meacham war nur schwer verwundet und erholte sich bald wieder), erfolgte ein Angriff eines Trupps berittener Modocs auf Oberst Mason’s Vorposten, wurde aber abgeschlagen. Die Wilden wurden in ihr etwa anderthalb Meilen entferntes Lager zurückgetrieben. Dieses Lager befand sich, wie man mit ziemlicher Gewißheit wußte, in einer großen Höhle im Lavabett, von deren Beschaffenheit mancherlei fabelhafte Dinge erzählt wurden; zu sehen war von diesem Lager, so wie vom Feinde überhaupt, natürlich nichts in Folge der im ersten Artikel betriebenen Beschaffenheit dieses merkwürdigen Felslabyrinthes. Dort befanden sich ohne Zweifel auch die Weiber und Kinder, so wie die etwaigen Vorräthe an Lebensmitteln und Munition; diese Höhle mußte natürlich der Hauptpunkt sein, gegen den sich der nächste Angriff zu richten hatte. Aber wie das zu machen? Das war die große Frage, welche den Herren, welche geschworen hatten, keinen von Canby’s Mördern entkommen zu lassen, jetzt Kopfzerbrechen zu verursachen anfing. Die Festung, welche sie hier vor sich hatten, war keine, die nach den in West-Point gelernten Regeln der Kriegskunst belagert oder erstürmt werden konnte; und von der Topographie dieses capriciösen Kunstwerk-Vulcans hatte keiner von ihnen eine rechte Idee. Ein Glück war’s, daß eine dunkle Ahnung der Gefahr die rachedurstigen Herren abhielt, gleich Hals über Kopf in diese verrufenen Höhlen hineinzurennen, sonst wäre vielleicht Niemand wieder herausgekommen, um die Nachricht der Vernichtung der Uebrigen zu überbringen. Wie unglaublich es klingen mag, es ist wohl nicht zu viel gesagt, was ein Officier, welcher die bisherigen Gefechte mitgemacht, behauptete: daß fünftausend Mann Infanterie allein nicht im Stande sein würden, die Indianer mit dem Verlust ihrer halben Mannschaft aus diesem Felsengewirr zu vertreiben. Es wurde daher beschlossen, sich dem Lavabett so viel wie möglich zu nähern und den ersten Angriff auf die berüchtigte Höhle Jack’s, deren Lage man ziemlich genau kannte, durch Artillerie zu machen. Eine Mörserbatterie unter Capitain Thomas wurde demgemäß in Position gebracht, und am 15. April das Bombardement eröffnet und mehrere Tage fortgesetzt. Die Wirkungen desselben konnten freilich nicht beobachtet werden, indeß schien es doch, daß die explodirenden Geschosse, welche in die zerklüfteten Felsmassen hineinfielen, zuletzt so lästig wurden, daß die Belagerten sich entschlossen, diese Position aufzugeben und sich tiefer in das Lavabett hineinzuziehen. Man schloß dies theils aus großen Feuern, die am Abend des 17. in der Gegend der Höhle bemerkt wurden, und glaubte jetzt es wagen zu dürfen, vorzudringen und im schlimmsten Fall mit stürmender Hand die Höhle zu nehmen. Sie wurde auch wirklich bald erreicht, und die Vermuthung des Abzugs des Feindes bestätigte sich. Nur fünf Nachzügler waren noch zurückgeblieben und eröffneten von ihrem Versteck aus ein Feuer auf die eindringenden Truppen, wurden indeß bald unschädlich gemacht.

Die durch das Gerücht fabelhaft ausgeschmückte Höhle erwies sich als nichts anderes denn als ein langer Spalt, der sich anderthalb Meilen weit von Nord nach Süd erstreckt, in dessen Nähe sich eine ganze Anzahl tiefer cisternenartiger Löcher befindet, ganz vortrefflich geeignet, einer kleinen Schaar zu einer unüberwindlichen Festung gegen die überlegenste Macht zu dienen. Die Bomben hatten eine furchtbare Zerstörung in dem zerrissenen ausgehöhlten Gestein angerichtet: Felsstücke lagen zertrümmert wild durcheinander; der Boden des Schlundes war mit Bombensplittern förmlich bedeckt; mehrere Kugeln waren offenbar in die Mitte des Lagers gefallen und dort explodirt. Die ganze Umgebung der Höhle und diese selbst boten einen entsetzlichen Anblick dar, während die Luft von einem abscheulichen Geruch verpestet wurde. Elf Leichen wurden aus den Felsspalten und Löchern hervorgezogen; sechs Andere waren von den mit den Truppen verbündeten Warm-Spring-Indianern abgethan worden; im Ganzen wurden neunzehn Getödtete aufgefunden. Wie viele sonst noch umgekommen, ließ sich nicht angeben, da die Gefallenen leicht in tiefe Felsspalten gestürzt und mit Steinen bedeckt werden konnten und da sie wahrscheinlich in dem am 17. April bemerkten großen Feuer auch Leichen verbrannt hatten; wenigstens wurden an der Brandstelle Schädel und Zähne gefunden. Auch Schonchin, der zweite Häuptling, war unter den Gefallenen; eine Bombe hatte ihm den unteren Theil seines Körpers vollständig zerrissen.

Von den Weißen wurden an diesen drei Tagen sechs getödtet, zwanzig verwundet und ungefähr ebenso viele durch Verstauchen der Füße beim Herabspringen von den Felsen kampfunfähig gemacht. Wie scharf die Felsen waren, geht aus der Thatsache hervor, daß die meisten Soldaten, die in neuen Schuhen ausgerückt waren, barfuß, mit zerrissenen, blutenden Füßen zurückkamen. Ein Theil der in der Nähe der Höhle gelegenen Klüfte wurde untersucht, wobei gelegentliche Schüsse, die aus denselben fielen, bewiesen, daß unsichtbare Feinde sich noch in der Nähe versteckt hielten. Jack und die meisten seiner Krieger mit den Weibern und Kindern waren glücklich entkommen und befanden sich in einer neuen, vielleicht ebenso starken oder stärkeren Position, wo? konnte natürlich nur vermuthet werden. Ebenso war man über die eigentliche Zahl der Feinde sehr im Unklaren. Die Annahme war, daß sich etwas über zweihundert Menschen im Lavabett befänden, von denen etwa sechzig waffenfähige Männer waren.

An ein weiteres Aufsuchen des Feindes war natürlich nicht zu denken. Die Truppen rückten in’s Lavabett vor, und Mason nahm im verlassenen Lager Jack’s sein Hauptquartier. Es war vor der Hand nichts weiter zu thun, als den neuen Aufenthalt der Modocs durch möglichst vorsichtiges Recognosciren auszukundschaften und scharf zu wachen, um sie am Entschlüpfen aus ihrer Festung zu hindern. Man hoffte auf einen Angriff der gesammten Feindesmacht, vergaß aber dabei ganz, daß man es mit einem Gegner zu thun hatte, der die Vortheile seines ihm genau bekannten Terrains viel zu gut kannte, um sich zu ähnlichen Thorheiten hinreißen zu lassen, wie sie einige Tage später von seinen kriegsgelehrten Gegnern begangen wurden. Sie blieben also ruhig in ihren Verstecken und ließen die Weißen hoffen und warten. Der schwächste Punkt der Belagerten schien Mangel an Wasser zu sein; dasselbe mußte aus einem dicht am Lavabett gelegenen See geholt werden, und den Weg dahin ihnen abzuschneiden, war eine Hauptaufgabe der Belagerer. Es wurden [406] deshalb mehrere Puncte, welche das Seeufer beherrschten, befestigt und besetzt.

Im Laufe der nächsten Tage wurde mit ziemlicher Gewißheit festgestellt, daß die Indianer sich etwa vier Meilen von ihrer ersten Position festgesetzt hatten und dort in einem ebenso starken, gut gewählten Höhlenlabyrinth ihre Angreifer erwarten wollten. Am 19. und 20. April zeigten sich wieder einige Trupps. Der eine derselben kam an den See, um Wasser zu holen, und stieß dabei auf einen für die Truppen bestimmten Train, als derselbe eben in’s Lavabett einrücken wollte. Ein kurzes Gefecht entspann sich, die Modocs wurden bald zurückgetrieben und flohen in ihre Felsen. Der Train erreichte glücklich das Lager Mason’s. Am Nachmittag des 21. kehrte eine starke Reiterpatrouille zurück, nachdem sie etwa hundert Meilen zurückgelegt und das ganze Lavabett umgangen hatte, ohne dabei einen Indianer gesehen zu haben. Alles war scheinbar ganz ruhig, aber eben in dieser Ruhe lag das Unheimliche der ganzen Situation.

Auf der Westseite des Lavabetts commandirte Oberst Green. Am Morgen des 26. April befahl dieser eine abermalige Recognoscirung, deren Hauptaufgabe die Auffindung des neuen Verstecks der Indianer sein sollte. Neunundsechzig Mann unter Capitain Thomas und den Lieutenants Stowe und Wright wurden dazu ersehen, mit welchen eine Anzahl freundlich gesinnter Warm-Spring-Indianer operiren sollte. Thomas schickte eine Plänklerkette voran und folgte mit den Uebrigen ohne Hinderniß bis an den Fuß einer Felshöhle, die sich am südlichen Ende des Lavabetts erhebt. Man war jetzt an der Grenze des unheimlichen Terrains, das mit seinen unzähligen Verstecken und Fallgruben für den Soldaten ein weit gefürchteterer Gegenstand sein mußte, als eine Tod und Verderben speiende, aber doch sichtbare ehrliche Batterie.

Das Detachement betritt das Lavabett; langsam bewegt es sich über die scharfen Felszacken, durch überall im Wege liegende Steinmassen, zwischen plötzlich aufgähnenden Rissen und Schlünden hin. Kein feindlicher Laut unterbricht die Stille des Morgens. Alles scheint in der versteinerten Einöde ausgestorben. Von Indianern ist keine Spur zu sehen. Heiß brennt die Sonne auf’s kahle Gestein nieder. Der erhitzte Basalt und die scharfen Steine sind ein böses Pflaster, um lange darauf zu marschiren.

Es ist halb zwölf Uhr Mittags. Thomas befiehlt Halt zu machen, um den Soldaten ein wenig Ruhe zu gönnen. Da plötzlich kracht’s in der rechten Flanke der Truppen. Die Felsen ostwärts werden von einem freilich wenig sichtbaren und noch weniger erreichbaren Feinde belebt. Die schlauen Wilden haben ihren verhaßten Gegner genau, wo sie ihn haben wollen. Thomas läßt seine Leute augenblicklich ausschwärmen. Lieutenant Wright’s Compagnie steht auf den rechten Flügel. Jetzt blitzt es auch auf der linken Flanke und in der Front auf; rothe Gestalten huschen auf allen Seiten hin und her; die Truppen sind vollständig umzingelt, und zwar so, daß sie selbst völlig schutzlos dastehen, während der unsichtbare Feind ringsum in seinen unnahbaren Positionen sie ohne alle Gefahr für sich selbst niederschießen kann. Thomas erkennt die Falle, in die er gegangen, und die Unmöglichkeit, ihr zu entrinnen. „Leute,“ ruft er, „wir sind umzingelt; wir müssen fechten und sterben wie Männer und Soldaten,“ und empfängt bald darauf einen tödtlichen Schuß. Er wirft seine goldene Uhr und Kette in einen nahen Felsspalt, feuert seinen Revolver noch einmal ab und sinkt dann leblos nieder; das gleiche Schicksal trifft bald darauf Lieutenant Stowe. Ein Soldat nach dem andern fällt todt oder verwundet von den Kugeln der vortrefflich gehandhabten Spencer-Büchsen, mit denen die Indianer bewaffnet sind, bis endlich ein panischer Schrecken die verzweifelnden Leute ergreift.

„Rette sich, wer kann!“ ist jetzt nur noch das Feldgeschrei, und über Felsen und Risse stäubt die ganze Mannschaft auseinander. Lieutenant Wright und etwa zwanzig Mann wenden sich nach einer seitwärts gelegenen Schlucht, die einigen Schutz darzubieten scheint; kaum aber sind sie hinunter gelangt, als vor ihnen ein unübersteiglicher Felsspalt aufgähnt, während rings auf den umliegenden Felshöhen die wilden Feinde erscheinen und den Unglücklichen jede Aussicht auf Rettung abschneiden. Es war eine zweite mit kluger Berechnung gelegte Falle; Jack hatte seine Leute bereit gehalten, um die Weißen, falls sie hineingehen würden, zu vernichten. Und es war ihm vollkommen gelangen. In wilder Hast floh Alles durcheinander, während die ihr triumphirendes Kriegsgeheul ausstoßenden Wilden nichts zu thun hatten, als die ziel- und planlos umherirrenden Weißen wie auf der Treibjagd zusammengehetztes Wild niederzuschießen. Wenige, die in diese Schlucht hineingerathen, haben die Ihrigen wiedergesehen; von den Andern, die sich früher und glücklicher durch die Flucht gerettet hatten, entkam ein Theil aus den Felsen und brachte vielfach übertriebene Nachrichten in’s Lager. Namentlich hatten ihre Angst die Zahl der Feinde bedeutend vermehrt; sie hatten Hunderte um sich gesehen, während in der That kaum mehr als zwanzig bis dreißig Modocs im Gefecht gewesen waren. Verstärkungen wurden sofort von Oberst Green’s sowohl, als auch von Oberst Mason’s Lager abgesandt, so daß gegen Abend vier Compagnien Infanterie und vier Compagnien Cavallerie in der Nähe des Kampfplatzes standen. Diese wurden nicht weiter belästigt und konnten nun die traurige Pflicht erfüllen, nach den Leichen der Gefallenen und den noch lebenden Verwundeten zu suchen. Warm-Spring-Indianer dienten ihnen als Führer, und bald waren die leblosen Körper von Thomas, Stowe, Wright und zwölf anderen, meist ihrer Kleider völlig beraubt und verstümmelt, aufgefunden. Leider war die Zahl der noch lebenden Verwundeten gering; wer nicht mit seinen Wunden hatte fliehen können, war nach dem Gefecht von den Modocs abgefertigt worden. Im Ganzen waren aus einem Commando von neunundsechszig Mann neunundvierzig todt oder verwundet.

Es scheint schwer begreiflich, wie eine so vollständige Ueberrumpelung einer dreifach überlegenen Macht durch so wenig Feinde am hellen Mittage möglich sein konnte. Freilich, wer das Terrain gesehen, kann es sich leichter erklären; aber eben weil das Terrain von so außerordentlicher Beschaffenheit war, war auch außergewöhnliche Vorsicht nothwendig, wenn man solche vorherzusehende Schlingen vermeiden wollte. Und da liegt es doch wohl nahe, den sonst braven und in der Erfüllung ihrer Pflicht heldenmüthig gefallenen Officieren den Vorwurf entweder der Unvorsichtigkeit oder der Unwissenheit zu machen; denn es waren ja keine frisch ausgehobenen Rekruten unter eben so neuen Officieren, die hier einem schlauen Feinde geopfert wurden, wie vor elf Jahren bei Birch-Coolie in Minnesota, sondern es waren die alten Soldaten des stehenden Heeres, die unter ihren in Westpoint in der Kriegswissenschaft vorgeblich gründlich geschulten Führern einer Handvoll Wilder zur leichten Beute fielen. Doch sollten sie jetzt nicht, wie namentlich manche deutsch-amerikanische Zeitungen es thun, allzu hart beurtheilt oder gar geschmäht werden. Waren sie unwissend oder unvorsichtig, so haben sie es theuer gebüßt, und ihr Leben, das sie nicht durch die Flucht zu retten suchten, darf wohl als volle Sühne für ihre etwaige Schuld angesehen werden.

Seit diesem unglücklichen Ueberfall ist es still geworden über dem unheilvollen Lavabett. Höheren Orts ist man zu der Ueberzeugung gekommen, daß fernere Versuche, in die uneinnehmbare Burg der Modocs auf die bisher versuchte Weise einzudringen, Wahnsinn sein würde. Man hat davon bestimmt abgesehen, ohne deshalb im Geringsten weniger eifrig die Vernichtung der Frevler zu betreiben. Wenn die Modocs in den Felsen bleiben oder gehalten werden können, dann scheint man völlige Isolirung und schließliches Aushungern jetzt als das einzige Mittel erkannt zu haben, zum Ziele zu kommen. General Sherman hat mit gewohnter Energie die Sache selbst in die Hand genommen; von Süden und Osten werden Regimenter nach dem Schauplatz des Kampfes geschickt, um das Lavabett mit Erfolg einschließen zu können, und Detachements sind an verschiedenen Punkten stationirt worden, um die Modocs bei einer Flucht abzufangen. Außerdem werden die Indianerstämme Oregons und Californiens allenthalben scharf bewacht und die zerstreuten Forts verstärkt.

Mit Ausnahme der einzigen Warm-Spring-Indianer, die mit siebzig Kriegern so weit wenigstens den Truppen treu zur Seite gestanden haben und nicht unerhebliche Dienste leisten, zeigen sämmtliche Stämme eine düstere feindselige Haltung oder äußern ganz unverhohlen ihre kriegerischen Gefühle in drohenden Reden und wilden Kriegstänzen. General Sherman hegt zwar, seinen Aeußerungen nach, keine ernsten Befürchtungen für einen allgemeinen Indianerkrieg; allein seine Rüstungen zeigen deutlich, daß er sich für einen solchen Fall vorsieht. Zu diesen Vorbereitungen [407] gehört auch die befohlene Bildung eines indianischen Corps von vierhundert Mann, die aus freundlich gesinnten Stämmen angeworben werden sollen, um als Kundschafter gebraucht zu werden.

Das Gefühl der Ansiedler in vielen Theilen der beiden Staaten ist ein gedrücktes, theilweise sehr ängstliches, und wenn es gleich in der Natur der Sache liegt, daß sie als die fast wehrlosen Opfer indianischer Rache oft schwärzer sehen, als vielleicht gerade nothwendig ist, so sind sie doch andererseits, als die nächsten und vieljährigen Nachbarn der Indianer, am besten befähigt, die Anzeichen des kommenden Sturmes zu beurtheilen. Seit dem 26. April bis heute, den 8. Mai, ist Alles still, kein Schuß gefallen, und wir warten mit einiger Spannung, wie sich das Drama, dessen zweiter Act jetzt als geschlossen betrachtet werden kann, weiter entwickeln wird.

Und auch diejenigen Leser der Gartenlaube, welche mit unsern hiesigen Heißspornen Capitain Jack und sein halbes Hundert Bravos in aller Geschwindigkeit abfertigen zu können gemeint hatten, werden sich gedulden müssen, bis es den rothen Rittern vom Scalp belieben wird, sich abfertigen zu lassen. Hoffen wir, daß General Schofield, der die specielle Leitung sämmtlicher militärischen Operationen in Oregon und Californien hat, und General Davis, der zum Nachfolger Canby’s ernannte Commandant des Departements des Columbia, die Unruhestifter recht bald bewältigen werden, damit keiner der Schuldigen der ihm gebührenden Strafe entgehe![1]




Naturbeobachtungen aus einer Gartenlaube.
1. Vom Kukuksei.

In unserer Heimath befindet sich ein Park, einst von einer für die Natur und ihre Gebilde begeisterten adeligen Gutsbesitzerin verschönert und erweitert. Von dichten reichen Busch- und Baumgruppen durchzogen, von einem größeren Bache und dessen Nebenarm umspült und durchrieselt, war er von jeher eine gesuchte Ansiedelung unserer beliebtesten einheimischen Sänger. Wir Brüder verdanken diesem Eldorado der Vögel neben dem Garten der Burg Friedberg ein gutes Stück Erfahrung in der heimischen Ornithologie[WS 1], und noch heute verlieren wir uns gern in die grünen Verstecke jenes Gartens an der Nidda, wenn wir bei dem Vater, fern von „Büchern und Papier“, zuweilen ungestört uns der Beobachtung in der Natur hingeben können. Eine Laube am Ausgange eines Buschganges und gegenüber einem freien Rasenplatze mit einzelnen Baumgruppen verbirgt uns dann den mißtrauischen Blicken der scheuen befiederten Schaar um uns her, und ein Fernrohr bringt uns auch die entfernteren Scenen des Thierlebens klar vor Augen.

Von unserem Versteck aus finden wir sofort interessanten Stoff für unsere Forschungen. Schon verräth sich unseren Blicken ein Kukuk, der mit etwas gesträubtem Gefieder in einem Fliederbusche sitzt. Sein bräunlich gesperbertes Kleid läßt einen weiblichen Vogel vermuthen. Eben fußt er geräuschlos wie ein Schatten vor einem mit niedrigem Gestrüppe bewachsenen Raine der Grasfläche. Unter Nicken des Kopfes und Wippen des Schwanzes trippelt der Vogel auf einer Stelle herum; es überkommt ihn ein leises Zittern, wobei er die Flügel etwas ausbreitet und eine Weile in gebückter Stellung verharrt. Jetzt hebt er sich empor, und erstaunt sehen wir durch das Fernrohr ein Ei unter dem Vogel im Grase, das derselbe mit seitlich geneigtem Kopfe in den weitgeöffneten Schnabel nimmt und unter seinem eigentümlich papageiartigen Gange den Rain hinauf unter einen Rasenvorsprung bringt. Gleich darauf fliegt er wieder zum Fliederbusche zurück, schüttelt sich daselbst und verschwindet flüchtig und geheimnisvoll, wie er gekommen; bei seinem Rückzuge jedoch von einem Weidenzeisigpaare und einigen wachen Meisen in ein nahes Feldgehölz lärmend verfolgt. Erwartungsvoll eilen wir zu dem Raine und finden daselbst unter einer ausgehöhlten Stelle das von Grasüberhang verborgene zugewölbte Nest des kleinen Weidenzeisigs. Unter sechs niedlichen weißen Eiern, spärlich aber deutlich mit großen dunkelrothen Punkten versehen, liegt das viel größere Kukuksei fast auf der Spitze. Nicht viel kleiner aber schlanker als ein Singdrosselei, zeigt es auf tief bläulichem Grunde dunkelbraunrothe und graue Punkte und Striche, also auch in der Färbung und Zeichnung auffallende Abweichung von dem hellen freundlichen Nestgelege.

Rasch ziehen wir uns zurück, um das Gebahren der zum Neste zurückkehrenden Weidenzeisige zu beobachten. Dieselben lassen nicht lange auf sich warten. Vor dem Neste sträuben die Gatten die Kopffedern; das Weibchen beschaut sich stutzend den fremden Gegenstand in seiner Behausung und hüpft unruhig um das Nestchen, endlich zögernd sich auf das Gelege begebend. Wir lassen das Leben der kleinen Familie ruhig bis auf Weiteres sich entfalten und bemühen uns nunmehr, den Garten nach anderen Nestern in der Nähe aufmerksam zu durchspüren, auf Grund unserer Erfahrung in der lebhaften Erwartung, wohl von demselben Kukuksweibchen noch ein oder das andere Ei bei Gelegen zu finden. Das Glück will, daß wir ein ganz ähnliches, zugleich mit einem zweiten grünlichen, schwarzbraun und olivenfarben punktirten und gestrichelten Ei derselben Art in dem Neste eines Rothkehlchens bei fünf Eiern des Vögelchens entdecken. Auch hier stechen die größeren Kukukseier von den auf gelbweißem Grunde rostgelb punktirten kleineren Eiern des Rothkehlchens bedeutend ab.

Wir gewahren, daß der Brutvogel die eingeschobenen fremden Eier angenommen und mit seinem Gelege schon bebrütet. Um zu erfahren, ob das Kukuksei oder überhaupt fremde Eier in gleicher Weise von kleineren friedlichen Sängerarten angenommen werden, stellen wir Versuche bei verschiedenen anderen Nestern mit Gelegen an, wozu uns der Park und seine Umgebung reiche Gelegenheit bietet. In das bodenständige Nest eines brütenden Goldammers bringen wir zuerst ein anderwärts aufgefundenes Kukuksei und vertheilen zwei Eier des Rothkehlchens in ein aufgefundenes Nest einer fahlen Grasmücke und eines grauen Fliegenfängers, von beiden letzteren Vögelarten je ein Ei in die Nester einer Braunelle und eines Rohrsängers versetzend. Mit der Eiervertheilung fertig, besichtigen wir sogleich die Niststelle des Goldammers, finden zu unserm Erstaunen aber das Kukuksei vor dem Neste des Brutvogels, diesen selbst ruhig auf seinem Gelege brütend. Wir scheuchen den Vogel von den Eiern und gesellen vorsichtig das Kukuksei wiederholt zu dem Goldammergelege. In ein nahes Gebüsch zurückgezogen, beobachten wir nun das Betragen des Brutvogels. Derselbe, alsbald zum Neste zurückgekehrt, fußt auf den Rand desselben, blickt mit hohem Halse hinein und pickt dann in dessen Tiefe mehrmals mit dem Schnabel, um kurz darauf das Kukuksei über den Rand zu werfen und sich sofort auf sein Gelege zu begeben. Wir finden das Kukuksei an einer Stelle eingedrückt.

Ein Rundgang zu den übrigen Nestern überzeugt uns, daß die untergeschobenen Eier von den Nistvögeln angenommen worden sind bis auf das der fahlen Grasmücke übergebene Rothkehlchenei, welches zerbrochen unter dem Strauche, worin das Nest steht, aufgefunden wird. Schließlich erprobt sich noch die Duldung einiger Nistvögel bis zu der Grenze hin, daß runde Kieselsteine von der Größe der fraglichen Eier, zu diesen gethan, von den Brutvögeln nicht allein angenommen, sondern auch auf denselben weiter gebrütet wird.

Wir notiren diese Thatsachen zu unzähligen anderen gleicher Art als derjenigen Behauptung stracks zuwider, welche in der Vogelkunde nun schon eine gewisse Zeit auffallendermaßen wie eine krankhafte Erscheinung aufgetaucht ist und in dem abenteuerlichen Satze sich breit gemacht hat: jeder weibliche Kukuk habe von der Vorsehung das „Vermögen“ ererbt, denjenigen Nestgelegen täuschend ähnlich oder gleich gefärbte Eier hervorzubringen, zu welchen er die seinigen in der Regel lege; mit anderen Worten: jedes Kukuksweibchen bringe besonders gefärbte, gleichsam „typische“ Eier hervor, um diese regelmäßig solchen Nistvögeln [408] unterzuschieben, welche gleich oder ähnlich aussehende Eier legten. Diese Behauptung wird von ihren Erfindern und Vertretern mit dem wohlfeilen Grunde der Teleologie unterstützt, es müsse die Natur einen weisen Zweck mit dieser Einrichtung verfolgen, den nämlich, daß die mit dem täuschenden Kukuksei beschenkten Pflegeeltern das Unterschieben nicht merken und so die sonst gefährdete Art unsers Kukuks erhalten helfen sollten. Dieses erbauliche Dogma paßt für einen gläubigen Spießbürger, aber nimmer in die nach Wahrheit und Klarheit strebende Naturkunde. Es verschwindet vor dem sprechenden Beweise der lebendigen Thatsachen in das Reich der Fabeln, dem es ursprünglich auch nur gedankenmäßig entnommen worden.

Da wir gerade am Ei sind, so gestattet man uns wohl, eine kurze Erläuterung über die Entwicklung des Kukukseies zu geben.

Der traubenförmige, ziemlich umfangreiche Eierstock des weiblichen Kukuks sitzt an der linken Seite der engen Bauchhöhle, deren Raum durch den umfangreichen und bei der Gefräßigkeit des Vogels meist angeschwollenen Magen noch weiter beschränkt wird. Dieser kleine Raum verursacht die verhältnißmäßig geringe Größe des Kukukseies. Die Entwickelung desselben geht nun vermöge der geringen Eiweiß- und Kalkausscheidungen im Eileiter sehr langsam von statten und verursacht einmal, daß der Vogel nur in größeren Zwischenräumen seine Eier ablegen und in Folge dessen keine so hohe Brutwärme wie die Selbstbrüter entwickeln kann, zum Andern, daß das Ei sehr dünnschalig erscheint.

Diese Dünnschaligkeit, sowie der vorwiegende Umfang des Kukukseies vor den Eiern, bei denen es liegt, begründen die Thatsache, daß dasselbe in der Regel vor dem eigentlichen Nestgelege gezeitigt wird. Der junge Kukuk schlüpft also regelmäßig früher aus als seine Stiefgeschwister, wenn diese einmal neben ihm zur Ausbrütung gelangen. Die Brutzeit unserer meisten kleineren Vögel währt vierzehn Tage; das Kukuksei bedarf zur Zeitigung meist nur deren dreizehn.

Es findet sich Gelegenheit, dies an dem Gelege in dem Neste des Weidenzeisigs zu beobachten. Den dreizehnten Tag gewahren wir, daß der junge Kukuk ausgekrochen ist, aber noch keines der Eier des Weidenzeisigs zum Aufbruche reif erscheint. Erst des andern Tages frühe liegen zwei junge Weidenzeisige unter den vier Eiern. Der junge Kukuk verhält sich vollkommen friedlich und ruhig den Stiefgeschwistern und Eiern gegenüber. Während dessen fällt uns das wiederholte Erscheinen zweier alter Kukuke in der Nähe auf, in Folge dessen wir uns rasch in die Laube zurückziehen. Gleich darauf kommen die Kukuke durch’s Gebüsch tief an der Erde hergeflogen, fußen in der Nähe des Nestes, und wir sehen sofort, wie der eine derselben – ob ein Weibchen oder Männchen, kann leider bei der übereinstimmenden Färbung beider Vögel nicht festgestellt werden – zwei Eier aus dem Neste holt und heißhungrig verschluckt, die übrigen aber sodann sammt einem jungen Weidenzeisige aus der Nestmulde wirft. Der andere Kukuk kommt nun herzu und verspeist rasch hintereinander den eben herausgeworfenen Nestvogel, sowie eines der noch übrigen Eier, wie vorher sein Begleiter, jedes Mal nach dem Verschlingen eines Gegenstandes das Gefieder schüttelnd, worauf beide auf einem nahen Baume fußen. Nach einer Weile fliegen dieselben, umflattert von dem klagenden Weidenzeisigpaare, wieder vor das Nest und zerren abwechselnd dessen Inhalt heraus, um auch diesen zu verschlingen.

Indem wir diese merkwürdige Thatsache in unser Tagebuch verzeichnen, beschäftigt uns natürlicherweise lebhaft die naheliegende Erwägung, ob die beiden Räuber die Eltern des jungen Kukuks seien. Da uns hierzu aber unmittelbare, greifbare Anzeichen und Beweise fehlen, so lassen wir den einzigen Fall vorerst blos als die Thatsache gelten: daß Kukuke als Nestplünderer auftreten und dabei selbst junge Vögel ihrer eigenen Art verzehren.

An einem Morgen kurz darauf erblicken wir merkwürdigerweise vor dem bereits uns bekannten Rothkehlchenneste zwei junge Kukuke in einer Vertiefung des Bodens liegen, woselbst das von uns aufgescheuchte Rothkehlchen sie erwärmt. Die jungen Vögel sind noch blind und aus ihrer nackten Haut schimmern nur schwach an Flügelarmen und Rücken die Kiele durch, so daß wegen dieser Anzeichen und der vorgeschrittenen Größe ein Alter von einigen Tagen angenommen werden kann. An beiden gewahren wir hingegen noch deutlich die später verschwindende muldenförmige oder verbreiterte Bildung des Rückgrates etwas unter der Einsenkung der Flügeloberarme; der eine, viel dunkler gefärbte ist dem andern helleren an Größe sichtlich voraus. Vor dem Neste liegen sämmtliche Eier des Rotkehlchens. Eines davon, geöffnet, enthüllt ein vollständig entwickeltes Rothkehlchen, das mit den beiden jungen Kukuken und den Eiern in das Nest gethan wird. Beide Vögel verrathen viel Unruhe, der größere jedoch nur aus Veranlassung des kleineren Nestbruders, an welchem sich öfters ein zitterndes Emporheben der Flügelarme, verbunden mit einem plötzlichen Emporschnellen des Halses und Vorderkörpers nach hinten, bemerklich macht, in Folge dessen das Thierchen zuweilen förmlich umstülpt. Endlich arbeitet sich der Kleinere mit seinem Hinterteile unter den Körper des Größeren, so daß dieser förmlich auf jenen zu liegen kommt, worauf dessen beide unverhältnißmäßig starkbändrigen und langen Flügelarme sich wagrecht, gleichsam als Gegenwehr, nach oben heben, gegen die vorwärts drängenden Flügel und das vorgestreckte Vordertheil des oben aufliegenden Vogels. Gleichzeitig spreizt der Träger seine langen, die ganze Nestmulde ausfüllenden Kletterbeine sägebockartig nach vorn auseinander, um sich dann, sich in das Geflechte des Nestes festklammernd, allmählich hinterrücks mit seiner Bürde unter zurückgebogenem Halse zum Nestrande hinauszuschieben, indem er, auf die Fersen gestützt, abwechselnd mit den Beinen krötenartig nach oben oder rückwärts greift. Am Nestrande angelangt, hält er keuchend mit geöffnetem Schnabel eine Weile an und läßt ermattet Kopf und Hals nach vorn sinken, reckt diese aber bei der geringsten Bewegung seiner Bürde sogleich wieder empor und schiebt sich mit dem Gegner mehrere Zoll weit auf dem Vorraume des Nestes bis an das nächste Hinderniß der Umgebung, um hier durch ein Schnellen nach hinten den Gegner abzuwerfen.

Solcher Kampf wiederholt sich vor unseren Augen, indem beide Kämpen sich trotz ihrer Blindheit, auf den vorgehaltenen Flügelarmen und Beinen kriechend, so schnell als möglich wieder die Nestmulde zu erreichen bestreben. Stets aber zeigt sich der kleine, flüchtigere Vogel als der angreifende, niemals der größere, der ungleich öfter aus dem Neste gedrängt wird, als er den kleineren Gegner hinausschaffen kann. Bei diesen Scenen schiebt sich nur einmal eines der im Neste liegenden Eier mechanisch mit den Kämpfenden heraus; übrigens wird an keinem der Vögel das Bestreben sichtlich, die Eier aus dem Neste zu entfernen, selbst dann nicht, als beiden abwechselnd ein Ei auf den Rücken und zwischen die Flügelarme gebracht ist. Der aus dem einen Ei genommene Embryo wird nach kurzer Zeit, in der wir uns zurückziehen, von einem der Rotkehlchen im Schnabel eine größere Strecke vom Neste in der Luft davon getragen.

Wir entfernen uns endlich, die beiden jungen Kukuke der weiteren Pflege des Rothkehlchenpaares überlassend. Des andern Morgens liegt der größere Kukuk erstarrt vor dem Neste, während die Pflegemutter in demselben über dem anderen jungen Vogel sitzt. Alle Eier sind noch an ihrem Platz im Neste. Nun wird zu dem Kukuk ein mehrere Tage alter Sperling gebracht, welcher Tags darauf an derselben Stelle, wie vorher der Kukuk, erstarrt ist. Da die Eier selbst jetzt noch im Neste sich befinden, so schließen wir, daß in dem vorliegenden Falle der Kukuk nicht geneigt oder fähig ist, dieselben zu entfernen. Am folgenden Morgen erblicken wir aber den jungen Kukuk fast unkenntlich verstümmelt und ohne Kopf im Neste. Das letztere Vorkommnis könnte einigermaßen zur Vermutung führen, daß der junge Kukuk die Beute eines Nestraubes von Seiten alter Kukuke gewesen.

Vieljährige eingehende Beschäftigung mit diesem Gegenstande hat uns zu der unumstößlichen Thatsache geführt, daß die Eltern ihre eigene Brut stets dem Kukuke vorziehen. Die gegentheiligen Behauptungen mancher Schriftsteller sind blos in oberflächlichen, aller Thatsächlichkeit entbehrenden Annahmen begründet. Die Natur bleibt sich in ihren Grundzügen immer gleich, und die Elternliebe folgt über alle Sätze verkehrter Zweckmäßigkeitslehren hinaus eben ihrem gewaltigen natürlichen Triebe. In der Pflege des Adoptivkindes Kukuk von Seiten der Pflegeeltern ist nichts anderes zu erblicken, als der allen Nistvögeln mehr oder minder innewohnende Trieb, unselbstständigen Vögelchen Hülfe angedeihen zu lassen. Aber nicht allein dem Kukuk kommt [409] dieser natürliche Hang der allen Vögel zu gut, nein! auch der Pfleglinge anderer Arten erbarmen sich die Paarvögel, um so mehr, wenn sie solche mit ihren wahren Kindern ausgebrütet haben. Dutzende von jungen Vögeln, welche in fremden Nestern aus untergeschobenen Eiern entstanden und getreulich von den Pflegern großgezogen wurden, haben uns von dem mächtigen Zuge der barmherzigen Samariterschaft überzeugt, welcher auch durch die Thierwelt geht.

In allen Fällen ferner, in welchen der junge Kukuk das Schicksal hat, von Stiefeltern erzogen zu werden, von welchen er vermöge ihrer geringen Größe nicht hinreichend Futter erlangt, oder zufolge deren Lebensweise ihm nicht zusagende Nahrung gereicht wird, wie zum Beispiel bei Körnerfressern, bleibt er klein und verkümmert, was wir ebenfalls durch eine Reihe von Vorkommnissen in der Natur begründet gefunden haben.

An unsere eigenen Beobachtungen möge sich nun die ebenso interessante als zum ersten Male vollkommen bestätigte Entdeckung in der Vogelkunde knüpfen, daß unser Kukuk auch zuweilen selbst brütet. Ein bewährter Vogelkenner, Herr Kießel in St. Johann an der Saar, bereitete uns das Vergnügen, den merkwürdigen Vorfall uns im Sommer 1868 brieflich mitzutheilen.

Hiernach ist durch drei Augenzeugen und Kießel selbst unumstößlich bewiesen, daß in einem Walde bei St. Johann Ende Mai 1868 von den dortigen Holzhauern ein weiblicher Kukuk auf zwei Eiern im Haidekraut ohne alle Nestbereitung brütend aufgefunden und außerdem von den vier Zeugen brütend gesehen wurde. Es ist weiter von Kießel und den andern Zeugen beobachtet worden, daß der Kukuk beide Eier gezeitigt und die Jungen großgezogen, überhaupt eine auffallende Mutterliebe zu denselben kundgegeben hat. Durch dieses Vorkommniß ist ein ganz neuer Zug in der Fortpflanzungsgeschichte unseres Kukuks aufgedeckt, wodurch er sich seinen beiden nordamerikanischen Verwandten, dem gelbschnäbligen oder Regenkukuk und dem schwarzschnäbligen oder rothäugigen Kukuk, in seiner ausnahmsweisen Nistweise nähert.

Lassen wir alle Scenen und Thatsachen unserer Beobachtungen und Untersuchungen nochmals vor unserem geistigen Auge vorüberziehen, so ergiebt sich folgende Gruppe von Wahrnehmungen über unseren Vogel:

  1. Der Kukuk übergiebt sein Ei vielen Arten unserer kleinsten und kleineren Sänger. Kann er über das Nest zum Eiablegen nicht gelangen, so legt er in der Nähe des erwähnten Nestes sein Ei auf den Boden, um es sodann im Schnabel zu den fremden Eiern zu tragen.
  2. Das Ei des Kukuks ist im Farbenton sehr veränderlich, stets aber gezeichnet, und im Allgemeinen auf zwei Grundfärbungen zurückzuführen: auf den bräunlich- oder röthlichgelben und grauen.
  3. In der Regel unterscheidet sich das Kukuksei in Größe, Farbe, Zeichnung und Korn auffallend von den Nestgelegen; entfernte Aehnlichkeit mit andern Nestgelegen ist bei dem grauen oder gelblichen Grundtone vieler Sängereier wohl hin und wieder möglich, jedoch nichts mehr als – natürlich.
  4. Der weibliche Kukuk sucht und findet gewöhnlich hinlänglich Nester mit Gelegen, denn seine Legzeit erstreckt sich im Allgemeinen von Mitte Mai bis Mitte Juni, in welcher Zeit die meisten einheimischen Sommervögel nisten. Er schiebt sein Ei aber nicht selten Pflegern zu, bei deren Nahrung der ausgebrütete Vogel nur schlecht oder gar nicht gedeiht, oder bei deren geringer Größe der vielbedürftige Stiefsohn bei dem geringen Maße von Futter verkümmert oder verhungert.
  5. Die nicht selten unpassende Nesterwahl des Kukuks begründet einmal seine mäßige Vermehrung, zum Andern die abweichende Größe und Färbung der Art.
  6. Völlig haltlos ist die Annahme, die Natur verfolge einen besonderen Zweck oder Plan zur Erhaltung der Kukuksart; ebenso grundlos als überflüssig das Dogma von der Fähigkeit des Kukukweibchens, nach welcher dasselbe Eier bestimmter Ausprägung zu andern ganz gleichen oder ähnlichen lege; grundlos, weil nach 3 thatsächlich das Kukuksei von dem Nestgelege regelmäßig entschieden abweicht; überflüssig, weil fast alle friedlichen Brutvögel fremde, untergeschobene Eier, welche sie zu bedecken vermögen, zeitigen und die ausgebrüteten Jungen pflegen und großziehen.
  7. Der weibliche Kukuk besucht von Zeit zu Zeit die Orte, woselbst er seine Eier abgelegt hat, und es scheint, als wenn er hin und wieder zur Zeit der Ausschlüpfung des jungen Kukuks das Nestgelege des Brutvogels theilweise oder ganz aus dem Neste herauswerfe. Alte Kukuke verzehren jedoch zuweilen die ganze Brut sammt dem jungen Kukuk.
  8. Sobald zwei Kukuke in einem und demselben Neste ausgebrütet werden, entsteht in den ersten Tagen ein Kampf zwischen beiden, welcher mit dem Tode des schwächeren endet, der von dem andern aus dem Neste geschoben wird.
  9. Der noch kahle und blinde Kukuk ist befähigt, zuweilen auch sehr geneigt, Stiefgeschwister aus dem Neste hinauszuschieben oder hinauszuwerfen. – Ob er Eier aus dem Neste zu bringen vermag, bleibt zweifelhaft, kann aber möglich sein.
  10. Es kommt vor, daß der Kukuk ausnahmsweise seine Eier ohne besondere Nestbereitung selbst ausbrütet, die ausgebrüteten Jungen pflegt und großzieht.
Adolf Müller. 
Das Jubiläum der deutschen Oper.
Von Robert Keil.

Daß Weimar in der glänzendsten Epoche deutscher Literatur die Pflegestätte, der eigentliche Brennpunkt deutscher Dichtkunst – daß

„Weimar-Jena, die große Stadt,
Die an beiden Enden viel Gutes hat,“

für Wissenschaft und Kunst längere Zeit das geistige Centrum ganz Deutschlands war, ist ein der gesammten gebildeten Welt bekanntes Factum; weniger bekannt dürfte es sein, daß Weimar, das kleine Weimar, zugleich die Wiege der deutschen Oper war. Den verdienstvollen Studien E. W. Weber’s und Ernst Pasqué’s über die Geschichte des Weimarischen Theaters sind die nähern Nachweisungen zu verdanken. Gerade die jetzigen Wochen mahnen aber daran, jener für die Geschichte der deutschen Kunst so bedeutungsvollen Thatsache zu gedenken.

Mit dem Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war die deutsche Oper von den Bühnen völlig verschwunden, und während in den folgenden dreißig Jahren, bis 1773, die komische Operette (namentlich von Weiße und Hiller bearbeitet) fröhlich erblühte, existirte die eigentliche deutsche Oper, die große oder ernste Oper, das musikalische Drama nicht mehr. Kein namhafter deutscher Dichter dachte daran, sein Talent der Operndichtung zuzuwenden, kein deutscher Componist hielt es für möglich, für die große Oper das sangbare, weiche Italienisch durch die deutsche Sprache zu ersetzen. Erst dem Einfluß einer kunstsinnigen Fürstin, erst dem genialen Gedanken eines unsrer größten Dichter haben wir es zu verdanken, daß endlich, im Jahre 1773, die deutsche ernste Oper, das musikalische Drama wieder, oder sagen wir lieber, zuerst in das Leben gerufen wurde.

Die Jugend der Braunschweiger Prinzeß Anna Amalie, der Nichte Friedrich’s des Großen, war, wie ihr eigenes rührendes Selbstbekenntniß bemerkt, keineswegs eine glückliche. Nicht geliebt von ihren Eltern, immer zurückgesetzt, ihren Geschwistern in allen Stücken nachgesetzt, ja der „Ausschuß der Natur“ genannt, zog sie sich ganz in sich selbst zurück und wurde zurückhaltend. So gewann sie schon früh einen selbstständigen, festen Charakter, während ihr junges, liebebedürftiges Herz von frischer Lebenslust überströmen mochte. Sie erachtete es als Erlösung aus harten Banden, als sie im siebenzehnten Jahre (1756) mit Herzog Ernst August Constantin von Weimar sich vermählte. Ihr Einzug in Weimar sollte der Beginn einer großen, glänzenden Periode für Weimar und Gesammtdeutschland werden, aber ihre glückliche Ehe sollte zugleich eine allzukurze sein. Schon nach zwei Jahren war sie, die erst neunzehnjährige Fürstin, Wittwe und hatte die Sorge der Erziehung ihrer beiden Söhne, die Sorgen der Regentschaft

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Physiognomische Aufgabe.
Nr. 3.
Die Gartenlaube (1873) b 410.jpg

Im Jahre 1846.



des Weimarischen Landes in stürmischer, kriegbewegter Zeit zu übernehmen. Mit Hingebung und Aufopferung erfüllte sie diese Pflichten, und Frau Rath, die ihr geistesverwandte Mutter Goethe’s, sagte nicht zu viel, als sie dieselbe die „liebenswürdigste, beste Fürstin“ nannte, „eine Fürstin, die wirklich Fürstin ist, die der Welt gezeigt hat, daß sie regieren kann, die die große Kunst versteht, alle Herzen anzuziehen, die Liebe und Freude um sich her verbreitet, die, mit einem Worte, zum Segen für die Menschen geboren wurde.“ Sie war, um mit Goethe selbst zu reden, eine vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinn und Neigung zum Lebensgenuß. Die Wollust, andere Menschen glücklich zu machen, an ihrem Vergnügen, an ihrer Zufriedenheit Antheil zu nehmen, dieses sanfte Gefühl, diese entzückende, reine Freude versüßte ihr alle Leiden. Geistvoll, für Wissenschaft und Kunst begeistert und voll unermüdlicher geistiger Empfänglichkeit, sorgte sie nicht nur für die aufblühende Universität Jena, für Gymnasien und Bibliothek in Weimar und überhaupt für die Pflege der Wissenschaften, sondern auch für die Pflege der Kunst. In der Musik hatte sie in Braunschweig unter Fleischer, einem tüchtigen Lehrer, ihre Schule gemacht; sie hatte die Musik liebgewonnen, war Kennerin, ja selbst Meisterin derselben geworden, so daß sie später die Arien zu Goethe’s „Erwin und Elmire“ selbst componirte. Das Theater sollte nach ihrer Anschauung eine Schule der Tugend und Sitte sein, sollte nicht allein dem Hofe die anständigste Unterhaltung, den Personen von Geschäften die edelste Erholung von ihren Amtsarbeiten und der müßigsten Classe von Einwohnern der unschädlichste Zeitvertreib sein, sondern auch den untern Classen öffentliche Gemüthsergötzung bieten. Von solcher Anschauung geleitet, unterhielt sie das schon im Jahre 1757 in dem nach der Ilm zu gelegenen Flügel des Schlosses (der Wilhelmsburg) zu Weimar gegründete Hoftheater und ließ dort regelmäßig drei Mal in der Woche öffentlich spielen, zu unentgeltlichem Besuch und Genuß von Jedermann, eine Liberalität, wie sie an keinem andern Hofe, in keiner andern Stadt Deutschlands zu finden war. Aber Herzogin Amalie ging noch weiter.

Während man an andern Höfen sich obenhin durch schöne, dem Ohre schmeichelnde Melodien, Opernstaat und Decorationsprunk ergötzte, wollte sie durch edle Gebilde dramatischer Poesie und gediegene Musik geistig erregt und gehoben sein, und während sonst überall die höheren Stände und vollends die Höfe in unglückseliger Modethorheit auch in der Kunst nur dem Fremdländischen huldigten und auf die deutsche Musik mit Verachtung blickten, war Amaliens Liebe und Zuneigung dem Vaterländischen zugewandt. Ihr Augenmerk richtete sich daher auf Heinrich Gottfried Koch in Leipzig, welcher mit seiner tüchtigen Schauspielergesellschaft mit Vorliebe die Oper pflegte und unter großem Beifall eine deutsche Uebersetzung einer englischen Oper, mit

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Physiognomische Aufgabe.
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Im Jahre 1856.


einigen neuen Gesangstücken von Felix Weiße vermehrt, aufgeführt hatte. Eben wollte er, in Folge ungünstiger Umstände, seine Gesellschaft dort auflösen, als er von der Herzogin Amalie für Weimar gewonnen wurde. Drei Jahre (1768–1771) wirkte er hier und pflegte namentlich die heiteren, idyllisch einfachen, volksmäßigen deutschen Operetten von Weiße und Hiller. Der Herzogin, als der Schützerin der deutschen Muse, wurde denn auch von Weiße die Operette „Die Jagd“ mit einem warmgefühlten Dankgedichte 1770 gewidmet. Sie nahm von Weimar aus ihren Flug über alle deutschen Bühnen. Es erhielt sich unter allen Weiße-Hiller’schen Operetten gerade diese mit der Weimarischen Einrichtung am längsten auf dem Repertoire.

Aber auch eigene, neue Operetten entstanden in Weimar. Der talentvolle Capellmeister Ernst Wilhelm Wolf in Weimar (geboren 1735), der Verehrer classischer deutscher Musik, vor allem des großen J. S. Bach, erwarb sich Verdienste. Von Letzterem wurde das auf Anrathen der Herzogin durch Hermann bearbeitete „Rosenfest“, das auf den Bühnen überall großen Beifall fand und ein eigentliches Zugstück wurde, wie später „Die Dorfdeputirten“, „Die treuen Köhler“, „Der Abend im Walde“, „Das liebliche Gärtnermädchen“ und „Das große Loos“ componirt.

Inzwischen war seit 1769 Wieland, der damals schon berühmte Dichter des Agathon und der Musarion, Professor der Philosophie an der benachbarten Universität Erfurt geworden, hatte dort „in der glücklichsten Rosenperiode seiner Dichterexistenz“, auch die Grazien gedichtet und den „goldenen Spiegel“ herausgegeben. Durch Statthalter von Dalberg und Graf Görtz kam der damals neununddreißigjährige Dichter auch an den Hof nach Weimar und zog die Aufmerksamkeit der geistreichen, für deutsche Dichtung begeisterten Herzogin auf sich. Durch seine Persönlichkeit und interessante Unterhaltung gefiel er der Herzogin Amalie sowohl, als dem Erbprinzen Karl August. Er fuhr oft von Erfurt aus hinüber zur Herzogin und huldigte, wie er später gegen Freunde bekannte, der schönen, damals dreiunddreißigjährigen Regentin mit vollem Enthusiasmus. Als er einst in dieser Stimmung nach Erfurt zurückfuhr, entwarf er im Wagen den Plan zu einem Geburtstagsvorspiele „Aurora“, worin er der Herzogin die süßesten Dinge sagen durfte. Componirt von Schweitzer, dem Musikdirector der Seyler’schen (oder Eckhof’schen) Truppen, welchen der Dichter bei seinen Besuchen in Weimar kennen gelernt hatte, erregte dieses kleine Singspiel, als ein Kind des begeisterten Entzückens, große Freude. Vor Allem aber gefiel Amalien auch die Musik; sie lobte sie laut gegen Wieland und dieser schrieb darüber an Jacobi, man könne sich nichts Schöneres vorstellen, als Schweitzer’s Composition. So gestaltete sich die Wirksamkeit Wieland’s für die Oper, so sein Zusammenwirken mit Schweitzer.

Im Jahre 1772 wurde Wieland auf Vorschlag des mit ihm [412] befreundeten Grafen Görtz und durch v. Dalberg’s Vermittlung von der Herzogin Amalie als Instructor des Erbprinzen berufen; und kaum war er in die dortigen Kreise künstlerischen Strebens eingetreten, als er das in ihm erwachte Interesse für die Oper von Neuem und auf das Bedeutsamste bethätigte. Seine Frau war gefährlich krank gewesen, war wieder genesen, war gleichsam aus der Unterwelt zurückgekommen. Dies mahnte ihn an die einst von Euripides dramatisch behandelte griechische Mythe von Alceste, welche aus treuer Gattenliebe für Admet in den Tod gegangen und von Admet’s Freunde Hercules aus der Unterwelt gerettet und zurückgebracht worden, – und es kam ihm der (wie er selbst sagte) verwegene Gedanke, jene Mythe zu einer ernsten großen Oper in deutscher Sprache zu bearbeiten. Er verkannte nicht, daß sein Versuch viele Vorurtheile wider sich hatte; „eine Oper in deutscher Zunge, in der Sprache, worin Kaiser Karl der Fünfte nur mit seinem Pferde sprechen wollte, – von einem Deutschen gesetzt, von Deutschen gesungen, – was konnte man Gutes davon erwarten?“ Er scheute aber vor dem kühnen Unternehmen nicht zurück und vertraute aus Schweitzer’s Compositionstalent.

Nach Wieland’s Ansicht über das Wesen und die Aufgabe der Oper sollten im Singspiel Poesie, Musik und Action das Meiste thun, um den Zweck, der nicht in Bezauberung der Sinne, sondern in mächtiger Rührung des Herzens bestehe, zu erreichen; Costüm und Decorationen sollten nur die Täuschung befördern helfen, das Ganze aber so wenig Aufwand erfordern, daß auch die mittelmäßigste Stadt in Deutschland vermögend wäre, sich wenigstens zu gewissen festlichen Zeiten des Jahres ein öffentliches Vergnügen von der edelsten Art und gewiß nicht ohne nützlichen Einfluß auf Geschmack und Sitten zu verschaffen. Zudem er in dieser Ansicht mit den Anschauungen der Herzogin harmonirte, dichtete er, davon ausgehend, das Singspiel Alceste in fünf Auszügen. Das Theater hatte nur vier Solosänger; er konnte also auch nur so viel Personen aufnehmen. Besonders aber gefiel ihm die Idee, der Alceste zwei Kinder zu geben, weil er selbst damals nur zwei hatte. Er las die vollendete Dichtung der Herzogin vor; sie frug ihn, wer sie denn componiren würde, und er ließ sich durch ihre Empfehlung Wolf’s von der Wahl Schweitzer’s nicht abbringen. Schweitzer war aber für sein Vertrauen außerordentlich dankbar, kam oft zu ihm, ließ sich die Dichtung vorlesen und schritt mit voller Liebe zur Composition des Stückes.

Noch ehe die Composition vollendet war, ließ Wieland seine Dichtung 1772 im Druck erscheinen. Die Kritik begrüßte sie anerkennend und freudig als die erste deutsche Oper; man frug sich jetzt plötzlich, warum uns denn nur Welschland mit Opern bereichere, warum Frankreich uns in dem lyrischen Schauspiel den Vorzug streitig machen solle? und ob nicht die deutsche Sprache weit mehr Mannigfaltigkeit, Harmonie und Volltöniges habe als die französische? Schweitzer aber componirte die Oper mit großem Glück. Mag auch an seiner Composition noch stellenweises Anlehnen an italienische Vorbilder, mögen die leidigen Coloraturen, mag der Mangel an Ensemblenummern zu rügen sein, andererseits bekundete seine Composition doch zugleich ein selbstständiges, originales künstlerisches Schaffen, überall aber ein verständnißvolles Eingehen auf die Intentionen des Dichters, und zeichnete sich überdies durch reichere Instrumentirung, als man sonst gewohnt war, vorteilhaft aus. Ein besonderes Glück für die Oper war es, daß ihre Titelrolle in der Sängerin Franziska Romana Koch eine meisterhafte Darstellerin fand. Dies zeigte sich schon bei den Proben, von denen Wieland einst den ergötzlichen Zwischenfall mittheilte: „Einesmals war es im Hoftheater bei der Probe sehr dunkel. Ich stehe hinter einem Pfeiler und rufe der Alceste-Koch, die sich in einer Stelle selbst übertrifft, zu: O, Du Engel (eine Phrase, die ich bei jedem mir liebgewordenen weiblichen Wesen ohne alle Beziehung brauche)! Unglücklicherweise hat die Herzogin, die, mir unbewußt, auf einer andern Seite des Theaters uns behorcht, dies gehört. Vier Wochen lang war ich aus aller Gnade gefallen. Sie sah mich gar nicht an, oder wenn sie dies nicht vermeiden konnte, warf sie mir Blitz und Flamme mit ihrem Blick zu. Endlich klärte sich das Räthsel (denn dies war es für mich durchaus gewesen) auf und Alles kam in’s alte Gleis.“

Zuerst in Weimar kam die Alceste am 28. Mai 1773 zum ersten Mal zur Aufführung und erntete den allgemeinsten und reichsten Beifall. Insbesondere bezauberte Frau Koch als Alceste (trotz ihres Rococo-Costüms) durch ihre schöne Gestalt, ihren trefflichen Gesang und rührendes Spiel alle Herzen. Es folgten in demselben und dem folgenden Jahre öftere Wiederholungen in Weimar, alle mit gleichem begeisterten Beifall. Ueberglücklich, aber auch allzu überschwenglich und provocirend schrieb Wieland in einem Briefe an Jacobi und schrieb es in seinem „Deutschen Merkur“ in die Welt hinaus: „Daß Alceste von einem Deutschen componirt worden, ist ein Umstand, der in der Geschichte unserer Musik immer merkwürdig bleiben wird. Denn glauben Sie mir, die Pergolesi, die Galuppi, die Sacchini würden diesen Deutschen mit Freuden für ihren Bruder erkennen. Ich weiß nur Eines an unserm vortrefflichen Schweitzer auszusetzen, und dies Eine ist, daß er – keinen so musikalischen Namen hat als jene. Aber nur noch etliche solche Meisterstücke, wie seine ‚Alceste‘, so wird dieser Name der Nachwelt gewiß so ehrwürdig sein, als gewiß mir seine ‚Alceste‘ für die Unsterblichkeit der meinigen Bürge ist. Erstauen werden Sie, mit eigenen Ohren hören, tief in Ihrer eigenen Seele fühlen, wie groß die Gewalt dieses Tonkünstlers über unser Herz, wie sehr er Maler und Dichter ist, wie meisterhaft er des eigenthümlichen Charakters der Personen sich bemächtigt, mit welchem Feuer er ihre Leidenschaften, mit welcher Wahrheit, Feinheit und Zärtlichkeit er ihre Empfindungen ausdrückt.“

Als Frau Koch-Alceste am 16. Februar 1774 wie das ganze Publicum, so auch den Dichter von Neuem entzückt hatte, schrieb dieser in derselben Nacht ein enthusiastisches Gedicht auf sie, welche sei, was sie scheine: Alceste! Am andern Morgen sandte er es ihr mit der Bitte, ja Niemandem eine Abschrift davon zu geben. Mit Unwillen fand er es gleichwohl im folgenden Theaterkalender abgedruckt und sich, den Verehrer der Frau Koch, dadurch dem Spott der Herzogin ausgesetzt. Leider machte schon wenige Monate später, am 6. Mai 1774, der Weimarische Schloßbrand, der auch das Hoftheater in Asche legte, weitere Aufführungen unmöglich. Die Herzogin mußte die Seyler’sche Gesellschaft entlassen; sie zog nach Gotha und mit ihr auch Schweitzer, welcher dort Hofcapellmeister wurde.

Die Oper machte ihre Runde über die Bühne, und überall, zuerst in Gotha, dann in Frankfurt, Mannheim, Schwetzingen etc., überall erregte sie großes Aufsehen und lautesten, rauschenden Beifall. Iffland wurde von ihr enthusiasmirt und poetisch angeregt. Gluck ersuchte den Dichter, ihm einen deutschen Operntext ähnlicher Art zu schreiben, den er in Musik setzen wolle. Von Mannheim erhielt er den Auftrag, eine neue deutsche Oper für das dortige Operntheater zu schreiben. Die Bahn war gebrochen; wieder im Verein mit Schweitzer schuf Wieland im Jahre 1777 die zweite Oper „Rosamunde“; er reiste selbst nach Mannheim zur Aufführung, welche aber durch den Tod des Kurfürsten von Baiern gestört wurde, und der große Genius der deutschen Musik, der damals einundzwanzigjährige Mozart, der sich damals in Mannheim aufhielt und wegen Unwohlseins Schweitzer’s sogar eine Probe der „Rosamunde“ dirigirte, machte am 3. December 1777 seinem Vater die vertrauliche und interessante briefliche Mittheilung: „In den zukünftigen Opern sind sehr schöne Sachen, und ich zweifle gar nicht, daß sie gewiß reüssiren werden. Die ‚Alceste‘ hat sehr gefallen und ist doch nicht halb so schön wie die ‚Rosamunde‘. Freilich hat Das viel beigetragen, weil es das erste deutsche Singspiel war.“

Diese Lorbern Schweitzer’s ließen seinem talentvollen Nebenbuhler Wolf in Weimar keine Ruhe. Er, den die Herzogin Amalie einst für die Composition der „Alceste“ vergebens vorgeschlagen hatte, wollte gerade für diesen Stoff sein Compositionstalent bewähren; auch er setzte (1783) die Wieland’sche „Alceste“ in Musik; sie kam zur Aufführung, aber mißfiel völlig, und der Künstler gerieth darüber in tiefe Melancholie. Vergebens suchte ihn die theilnehmende Herzogin dadurch zu retten, daß sie bei ihm Unterricht im Clavierspielen nahm und ihm bei jeder Gelegenheit Beweise ihrer vollen Anerkennung gab; seine Melancholie steigerte sich nur und führte endlich am 8. December 1792 seinen Tod herbei.

Aber auch die Schattenseiten fehlten im Erfolge der „Alceste“ nicht, und Wieland’s eigene überschwengliche Lobpreisung derselben trug nicht wenig dazu bei. Die strenge musikalische Kritik schwang [413] über Schweitzer’s Musik unbarmherzig ihre Geißel. Noch Zelter bemerkte in seinen Briefen an Goethe, daß ihm die Schweitzer’schen Arien, besonders die des Hercules, nicht gefallen hatten, setzte aber auch hinzu: „Uebrigens war Schweitzer kein unebener Mann.“

Doch auch gegen die Wieland’sche Dichtung richteten sich die Angriffe. In den Augen der Kraftgenies vom Main und Rhein forderte Wieland’s Recension des „Götz von Berlichingen“ Rache, forderten die weichliche Empfindsamkeit in Wieland’s „Alceste“, der Mangel an heldenmäßiger Darstellung, welche die griechischen Heldengestalten darin gefunden, sowie die Selbstlobpreisung Wieland’s nachdrückliche Strafe, und der junge Dichter des „Götz“ schritt (1774) ungesäumt an’s Werk. An einem Sonntag-Nachmittag bei einer Flasche guten Burgunders schrieb er in Einer Sitzung die Farce „Götter, Helden und Wieland“ nieder, worin er in der Unterwelt von Mercur, Hercules, Admet, Alceste und Euripides Wieland’s Schatten in der Nachtmütze auf das Derbste und in den Kraftausdrücken der Sturm- und Drangperiode den Text lesen läßt. Wieland vergalt nicht mit gleicher Münze; mit feiner Klugheit empfahl er vielmehr in seinem Mercur „die kleine Schrift allen Liebhabern der Pasquinischen Manier und als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten sorgfältig denjenigen auswählt, aus dem ihm der Gegenstand schief vorkommen muß, und dann sich recht herzlich lustig darüber macht, daß das Ding so schief ist.“

Als Goethe am 7. November 1775 in der „Werther-Montirung“ in Weimar eingetroffen war und noch an demselben Tage mit Wieland am Tische des Kammerpräsidenten von Kalb saß, wurde er „ganz verliebt in den herrlichen Jüngling“, und seine Seele wurde „so voll von Goethe wie ein Thautropfen von der Morgensonne“. Aber der jugendliche, geniale Uebermuth Goethe’s und seiner Freunde am Hofe Karl August’s, welcher in demselben Jahre die Regierung übernommen, schonte auch in Weimar Wielanden und seine „Alceste“ nicht.

Am 3. September 1779, am zweiundzwanzigsten Geburtstage des Herzogs, wurde im Schlosse Ettersburg von Einsiedel’s kleine Carricaturoper „Orpheus und Eurydice“ mit der von Seckendorf dazu componirten, absichtlich ganz unpassenden Musik gegeben und darin die berühmte rührende Abschiedsarie Alcestens an Admet: „Weine nicht, du meines Lebens Abgott“ in Beisein Wieland’s sowohl dem Text als der Musik nach auf die allerlächerlichste Weise parodirt; sie wurde mit dem Posthorn begleitet, und der Sänger hatte auf den Reim „Schnuppe“ einen langen Triller zu machen. Die zahlreiche Versammlung, unter ihr Karl August, lachte nicht wenig bei dem Spaße. Wieland aber soll vor Unwillen laut aufgeschrieen haben; erzürnt verließ er die Gesellschaft und klagte in einem Briefe an Freund Merck bitter darüber, daß „der unsaubere Geist der Polissonerie und der Fratze, der in die Oberen gefahren sei, nachgerade alles Gefühl des Anständigen, alle Rücksicht auf Verhältnisse, alle Delicatesse, alle Zucht und Scham verdränge“. Mit Recht hatte er sich in dem Selbstbewußtsein, für ein großes Gebiet deutscher Kunst zuerst Bahn gebrochen zu haben, verletzt fühlen müssen, aber harmlos und gutmüthig von Natur, ließ er sich leicht wieder versöhnen.

Sein und Schweitzer’s Werk erhielt sich trotz aller Anfeindungen in der Gunst des Publicums und stand noch mehrere Jahre nach Schweitzer’s Tode (gest. in Gotha 1787) auf dem Repertoire der deutschen Bühnen. Erst die klassischen Meisterwerke der Koryphäen deutscher Musik, Mozart voran, verdrängten die erste Oper. Im Sturmschritt wurde die Ebenbürtigkeit der deutschen Oper gegenüber der ausländischen Musik erkämpft und bald durch die glänzendste Reihe edelster Kunstschöpfungen, vor Allem aber durch Innigkeit und Tiefe des Gemüths die Oper des Auslandes überflügelt. Die Herzogin Anna Amalie hatte die Freude, diesen genialen Aufschwung der deutschen Oper durch Mozart zu erleben, und setzte in ihrem traulichen Tiefurther Parke, unweit der Stelle, wo einst die „Iphigenie“ aufgeführt worden, Mozart und den Musen ein einfach sinniges Denkmal. Dort war auf das ehemalige Schloßtheater das geniale, heitere fürstliche Liebhabertheater

Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurths Thal,
Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht
Und unter dem Gewölb’ der hohen Nacht –

mit den unsterblichen Triumphen der reizenden Corona Schröter gefolgt, dann seit 1784 die von Dresden nach Weimar berufene Joseph Bellomo’sche Gesellschaft. Im Jahre 1791 entstand das neue Hoftheater mit Goethe als oberstem künstlerischem Leiter, bald unter Goethe und Schiller die Musterbühne für ganz Deutschland. Aus Schutt und Asche stieg es im Jahre 1825 neu empor, und das Theater, vor welches zweiunddreißig Jahre später das Vaterland die aus Rietschel’s Meisterhand hervorgegangene Goethe-Schiller-Gruppe gestellt hat, blüht noch jetzt unter der umsichtigen Leitung eines um das deutsche Bühnenwesen hochverdienten General-Intendanten. Mögen andere, größere Bühnen mit reicheren Mitteln ausgestattet sein – immerhin ist und bleibt die Geschichte des Weimarischen Theaters eines der glänzendsten Blätter in der Geschichte deutscher Kunst, und eines der hervorragendsten Verdienste Weimars ist es, die erste deutsche Oper in deutscher Sprache, mit deutscher Musik geschaffen und am 28. Mai 1773 zuerst in Deutschland zur Aufführung gebracht zu haben.




Blätter und Blüthen.

Der Fanatismus von der Heimathliebe besiegt. (Zur Illustration auf S. 403.) – „Hier liegt der Mann, der sich nie vor einem Menschenantlitz fürchtete!“ So sprach der Regent von Schottland, Graf Morton, am 24. November 1572 in dem Augenblick, wo der Leichnam des John Knox in’s Grab eingesenkt wurde.

John Knox war der Luther Schottlands, nach dem Urtheil der Geschichte ein Mann von seltenen Geistesgaben, kühn und kräftig, redlich und uneigennützig, und wie alle großen Reformatoren von der unerschütterlichen Ueberzeugung durchdrungen, daß für die Glaubenslehre, in der Form wie sie seinem strebenden und forschenden Geiste erschienen war, Alles gewagt werden und jede andere Rücksicht ihr weichen müsse.

Im bewegungsreichen Zeitalter der Reformation befand sich auch das Königshaus, der Adel und das Volk von Schottland in wild durcheinander wühlender Gährung. Im Volke, sagt man, habe noch von Wicliffe her ausgestreuter Ketzersamen fortgewuchert und den Boden empfänglich erhalten für die neue Aussaat. Beim Adel fand besonders die Aufhebung der Klöster und Stifter und die Einziehung der Güter und Reichthümer derselben Anklang, und wer Nutzen aus dieser reformatorischen Zweckmäßigkeit ziehen konnte, bezeigte gern der neuen Lehre seine Zuneigung. Wie Volk und Adel war auch das Königshaus selbst getheilt: je nachdem die Glieder desselben ihre Vortheile mehr bei England oder Frankreich zu finden hofften, waren sie protestantisch oder katholisch gesinnt.

Als König Jacob der Fünfte 1542 starb, hinterließ er das Reich seiner unmündigen Tochter Maria Stuart. Schon damals hatte die reformirte Religion, durch die Stimmen aus Deutschland mächtig gefördert, in allen Kreisen viele Anhänger. Am Hofe wechselte die Kirchenfahne ihre Richtung nach den politischen Plänen der Reichsverweser, bis 1554 Jacob’s Wittwe, die Mutter der Maria Stuart, Maria von Guise, die Regentschaft antrat. Sie, die anfangs um die Freundschaft der Protestanten geworben, gab später dem Einflusse Frankreichs nach und rief dadurch den Ausbruch offener Kämpfe hervor. Denn um die englischen Pläne, durch Vermählung der Maria Stuart mit dem englischen Thronfolger Eduard dem Sechsten eine Verschmelzung von Schottland und England einzuleiten, zu durchkreuzen, wurde die junge Maria nach Paris geschickt, dort am Hofe erzogen und im Jahre 1558 sogar mit König Franz dem Zweiten vermählt und zwar mit dem geheimen Vertrage, daß, wenn die Königin kinderlos sterben sollte, Schottland an Frankreich falle. Die Ausführung dieses Vertrages bedingte aber die Unterdrückung der Reformation in Schottland, die auch durch strenge Verbote des Gottesdienstes ohne bischöfliche Erlaubniß und durch Vorladung aller protestantischen Geistlichen vor einen Gerichtshof zu Stirling sofort in’s Werk gesetzt wurde.

Dies führte 1559 die Scene unserer Illustration herbei. John Knox, 1505 zu Gifford bei Haddington in Schottland geboren, hatte eine Laufbahn voll Kampf und Leiden hinter sich. Hatte er doch, von den Franzosen gefangen, zwei Jahre lang zu Rouen auf der Galeere in Eisen geschmachtet. Nach seiner Befreiung war er Caplan des englischen Königs Eduard’s des Sechsten. Von der blutigen Maria vertrieben, floh er nach Genf, wo er in Calvin sein Musterbild fand. Von hier aus veröffentlichte er seine englische Bibelübersetzung (die sogenannte „Genfer Bibel“), ein „Schreiben an die Königin-Regentin“ und einen „Zuruf an den Adel und die Reichsstände von Schottland“, die beide für die Sache des Protestantismus großartig wirkten, während sein „Trompetenstoß gegen das monströse Weiberregiment“ ihm auch den Haß der Königin Elisabeth zuzog.

Dennoch folgte er 1559 dem Ruf seiner Glaubensgenossen nach Schottland, und kam in dem Augenblick in der alten Hauptstadt Perth an, wo dort der königliche Befehl gegen die Protestanten eintraf. Sofort bestieg der Reformator die Kanzel und entflammte die Gemüther den ganzen Volks mit dem Feuer seiner Rede besonders gegen das Abgöttische der [414] Messe und den Bilderdienstes. Da, am Schlusse einer solchen Predigt, wagte es ein katholischer Priester, eine Messe zu beginnen. Das erregte des Volkes Wuth; ein Stein flog auf den Altar und zertrümmerte ein Bild – und nun begann ein Sturm, der sich nicht gegen Bilder allein austobte, sondern unschätzbare Denkmäler und Kunstwerke vernichtete und sich von Perth über das Land weiter und weiter verbreitete.

Nördlich von Perth, das als römische Gründung lange Zeit den stolzen Namen „Rom des Nordens“ führte, gleich jenseits des „lachsreichen“ Tayflusses, stand die alte schottische Krönungsabtei Scone. Auch dorthin wogte der Bildersturm. Seit dem neunten Jahrhundert, seit Kenneth dem Zweiten, hatte dort der Palast der Könige Schottlands gestanden. Die Stätte war ein Nationalheiligthum. Dorthin eilte nicht nur Graf Murray (James Stuart) der Halbbruder der Maria Stuart, mit seinen Cavalieren, auch John Knox, dessen Lieblingsspruch war: „Man verscheucht die Eulen nicht besser, als wenn man ihre Nester anzündet“ – trat dennoch dort den Stürmenden entgegen, und was keinem gelungen wäre im ganzen Lande, das gelang ihm: er, der die Flamme erzeugt, hatte auch die Macht, sie zu beschwören. Und diese Macht bewährte sich fortan in solchem Maße, daß 1560 der Protestantismus in Schottland die Alleinherrschaft des Glaubens errungen hatte.

John Knox hatte gleichwohl noch manchen Kampf zu bestehen; am schwersten aber traf ihn die Kunde von der Pariser Bluthochzeit. Ueber sie hielt er seine letzte Predigt und starb gleich nachher, am 24. November 1572. – Murray, der Protestant aus Intrigue gegen Maria Stuart, war schon 1569 durch Meuchelmord gefallen.

An der Stätte der alten Krönungsburg zu Scone steht jetzt ein Schloß des Grafen Mansfield. Nur der heilige Krönungsstein, Lia fail, ist gerettet; er wird in der Westminsterabtei aufbewahrt.


Ein vergessenes Grab. Den schönen Leserinnen der Gartenlaube verdient das badische Städtchen Emmendingen, jetzt Eisenbahnstation zwischen Offenburg und Freiburg, mehr als blos dem Namen nach bekannt zu sein, denn dort brachte Goethe’s Schwester Cornelia als Frau Hofräthin Schlosser die vier letzten Jahre ihres Lebens zu und ist dort gestorben und begraben.[2] Bekanntlich heirathete Cornelia nach einem „langwierigen Brautstande“ den als Volksschriftsteller bekannten badischen Hofrath und Oberamtmann der Markgrafschaft Hochburg, Johann Georg Schlosser. Die Hochzeit fand vor nächstens gerade hundert Jahren, am 1. November 1773 statt. Obwohl der Bruder gegen diese Verbindung nichts einzuwenden hatte, sah er doch ungern die geliebte Schwester von dannen ziehen. „Meine Schwester,“ schrieb er, „mußte Schlossern folgen, freilich nicht in eine Residenz, wie sie gehofft hatte, sondern an einen Ort, der ihr eine Einsamkeit, eine Einöde scheinen mußte; in eine Wohnung, zwar geräumig, amtsherrlich, stattlich, aber aller Geselligkeit entbehrend. Einige junge Frauenzimmer, mit denen sie früher Freundschaft gepflogen, folgten ihr nach, und da die Familie Gerock mit Töchtern gesegnet war, wechselten diese ab, sodaß sie wenigstens bei so vieler Entbehrung eines längst vertrauten Umganges genoß.“

Da Schlosser’s Thätigkeit durch seine Berufsgeschäfte und Studien den größten Theil des Tages über in Anspruch genommen wurde, so mochten die Befürchtungen des Bruders in Beziehung auf den neuen Aufenthaltsort der Schwester nicht unbegründet sein. Von Zeit zu Zeit, namentlich in den schönen Sommermonaten, wurde aber die „Einsamkeit“ durch die Anwesenheit lieber Freunde belebt, zu deren Beherbergung die geräumige Amtswohnung (gegenwärtig eine Bierbrauerei) Raum genug bot. Pfeffel und Lerse von Colmar, Heinse, Klinger, Lenz, Sarasin von Basel und Andere standen mit Schlosser in regem Verkehr und waren stets gerngesehene Gäste. Im Sommer 1775 kam auch der Bruder, dessen Dichterruhm damals in raschem Aufsteigen begriffen war. Mit dem Schicksal seiner Schwester hatte er sich jedoch noch nicht versöhnen können. „Aufrichtig“– schrieb er – „habe ich zu gestehen, daß ich mir, wenn ich manchmal über ihr Schicksal phantasirte, sie nicht gern als Hausfrau, wohl aber als Aebtissin, als Vorsteherin einer edeln Gemeine gar gern denken mochte. Sie besaß Alles, was ein solcher höherer Zustand verlangt; ihr fehlte, was die Welt unerläßlich fordert.“

Die gewohnte Frankfurter Geselligkeit und den Umgang mir dem Bruder mußte Cornelia freilich jetzt entbehren. Diese Entbehrung machte sich namentlich des Winters recht fühlbar, wo die Besuche ausblieben und die schöne Natur zur Ruhe gegangen war. Da der Gemahl den größten Theil des Tages auf der Kanzlei beschäftigt war, so bemächtigte sich ihrer zu solchen Zeiten oft ein Gefühl der Einsamkeit, in welches im Winter von 1776–1777 sogar Todesahnungen sich mischten. In einem Brief Cornelia’s an die Gräfin Auguste von Stolberg sind dieselben nicht zu verkennen. „Wir sind hier,“ schrieb sie, „ganz allein; auf dreißig, vierzig Meilen ist kein Mensch zu finden: meines Mannes Geschäfte erlauben ihm nur sehr wenig Zeit bei mir zuzubringen, und da schleiche ich denn ziemlich langsam durch die Welt mit einem Körper, der nirgends hin als in’s Grab taugt. – Der Winter ist mir immer unangenehm und beschwerlich; hier macht die schöne Natur unsere einzige Freude aus, und wenn die schläft, schläft Alles.“

Diese Todesahnungen sollten sich nur zu bald verwirklichen. Am 10. Mai 1777 wurde sie von ihrer zweiten Tochter, Julia, entbunden; am 8. Juni, Vormittags 11 Uhr, rief ein sanfter Tod sie ab. Goethe bezeichnete den Tag des Empfanges der Trauerbotschaft in seinem Tagebuche mit den Worten: „Brief des Todes von meiner Schwester. Dunkler, zerrissener Tag,“ und die folgenden mit: „Leiden und Thränen.“ – An seine Mutter schrieb er: „Ich kann Ihnen nichts sagen, als daß mir der Tod der Schwester nur desto schmerzlicher ist, da er mich in so glücklichen Zeiten überrascht, da das Glück gegen mich sich immer gleich bezeigt. Ich kann nur menschlich fühlen, und überlasse mich der Natur, die uns heftigen Schmerz nur kurze Zeit, Trauer lange empfinden läßt. Leben Sie glücklich, sorgen Sie für des Vaters Gesundheit! Wir sind nur einmal so beisammen.“

Auf Lenz, welcher während dieser Zeit in Schlosser’s Hause anwesend war, machte der Todesfall einen so erschütternden Eindruck, daß der schon in ihm liegende Trübsinn zu vollem Wahnsinn gesteigert wurde. Man mußte ihn sogar in Ketten legen. Weil das Unglück in der Nähe zu traurig wirkte, gab ihn Schlosser in die Nachbarschaft in Aufsicht.

Die Beerdigung fand am 10. Juni auf dem Emmendinger Kirchhofe statt. Der damalige Pfarrer Bürcklin, welcher auch die Grabrede gehalten hat, schrieb folgenden Eintrag in das Kirchenbuch, welcher hier wörtlich wiedergegeben ist: „Nr. 27. Im Jahr Christi 1777 den 8ten Juni B. M. 11 Uhr starb dahier und wurde den 10ten begraben: Frau Cornelia Friderica Christina Gödin, Ehe Gemahlin Herrn Hoffrath und Land-Schreibers Johann Georg Schlosser, alt 26 Jahr 8 Monath.“ Schlosser blieb noch zehn Jahre in Emmendingen; ein Jahr nach dem Tode Cornelia’s ging er eine zweite Ehe mit Johanna Fahlmer von Frankfurt ein.

Cornelia’s Grab war eine Zeitlang das Ziel der Wallfahrt Vieler, welche dieselbe im Leben gekannt hatten und den Genius des Bruders verehrten. Auch der Letztere stand eines Tages (1778) tief bewegt vor ihrem Grabhügel. Allmählich wurden die Besuche seltener; das Grab verfiel; der Stein mit der Inschrift verschwand. Wer gegenwärtig die Grabstätte besuchen will, der hat zwar vom Stationsgebäude bis zum Kirchhofe nur wenige Schritte zu gehen, das Grab selbst aber findet er nicht. Selbst die Stelle des Grabes ist verschollen. Doch giebt es noch einige ältere Leute, welche ungefähr die Stelle wissen, wo der Stein mit der Inschrift stand. Dicht an der südlichen Umfassungsmauer, wo die Eisenbahn vorüberzieht, zehn Schritte von der westlichen Ecke des Kirchhofes, soll das Grab sich befinden.

Es ist die höchste Zeit, diese Stätte der Vergessenheit zu entreißen. Wir sind dies der Nachwelt schuldig. Denn wenn auch gegenwärtig der Antheil unserer Zeitgenossen an den Gräbern namhafter Menschen der Vergangenheit vor anderen Dingen in den Hintergrund getreten ist, so kann doch leicht wieder eine Zeit kommen, welche jene letzten Spuren aufsuchen und in Ehren halten möchte. Deshalb haben einige Mitglieder der Emmendinger Lesegesellschaft (welche von Schlosser im Jahre 1776 gegründet worden ist) sich vereinigt zu dem Zwecke, die Stelle des Grabes genau zu bestimmen und auf dieselbe einen Denkstein zu setzen, dessen Beschaffenheit von der Größe der eingehenden Beiträge abhängen wird.
Diaconus Maurer in Emmendingen.

Physiognomische Aufgaben Nr. 3.[3] (Mit Portraits, S. 410 u. S. 411.) Die beiden vorliegenden Portraits stellen ein und dieselbe Person dar. Alle unsere Leser kennen das Original und haben es schon in andern Abbildungen gesehen, die sämmtlich einer ältern Lebensperiode entnommen sind, während unsere heutigen aus den Jahren 1846 und 1856 datiren. Beide sind treu und frappant und haben doch wenige Linien der spätern. Jedenfalls zeigt der ganze Habitus des ersten Portraits ebenso sehr die Physiognomie eines lebenslustigen, weltgewandten Kaufmanns- oder Banquiersohns wie die eines vielversprechenden aristokratischen Referendars, der sicher ist, Carrière zu machen. Die noble Haltung, die weiße untadelhafte Halsbinde, der modische Frack sprechen dafür, daß sich das Original des Conterfei’s ebenso sicher auf dem Parquetboden der Banquiersalons wir in den Prachtsälen der gräflichen Schlösser zu bewegen versteht. Dabei verräth uns der dichtgeschlossene feine Mund, daß es seinem sonst lebensfrohen Eigenthümer nicht an Festigkeit fehlt und daß er auch der Rede, wenn er will, vollkommen Herr sein kann.

Zu dem zweiten, zehn Jahre später aufgenommenen Portrait tritt das Exterieur des Banquiersohnes ganz zurück und macht mehr der Erscheinung eines Comptoir- oder Bureau-Chefs Platz. Der damals offene, fast schwärmerische Blick ist verschwunden; oben am Scheitel des Kopfes tritt schon etwas Lichtung ein, und ein fast finsterer Groll brütet jetzt über diesen Augen. Nur die weiße weltmännische Cravatte von 1846 ist geblieben. Der bittere Ernst des Lebens spricht aus diesen Denkerzügen, die etwas Soldatisch-Festes und Energisches angenommen haben; die ganze Haltung aber ist eine reservirte, diplomatische geworden. Gebildete Rittergutsbesitzer, die längere Jahre bei der Cavallerie gedient und sich viel in den Salons der höchsten Schichten der Residenz bewegt haben, sehen dann und wann diesem Portrait ähnlich, aber das Auge des unsrigen hat etwas Berechnendes, fast Lauerndes, blickt aber scharf und fest auf bestimmte Ziele und hat jedenfalls mehr zu erforschen als Kartoffelfelder oder Fichtenwaldungen. Auffallend ist der Mangel jedes Ordenszeichens, das man in unserm Vaterlande doch sonst jedem großen Fabrikanten oder Regierungs-Rath in das Knopfloch wirft.

Wo das Original zu suchen, ob auf dem Comptoir eines Weltetablissements oder in dem Sitzungssaale einer hohen Behörde – wir überlassen dies dem Scharfsinn unserer Leser.


Wilhelm Bauer, unser Submarine-Ingenieur in München (Theresienstraße Nr. 69), schreibt uns, wie sehr, in seinem großen körperlichen Elend, ihm Geist und Herz erquickt werde durch die oft wahrhaft rührende Art und Weise, mit welcher die vielen Gönner und Freunde seiner Unternehmungen aus der Zeit, wo er noch rastlos schaffen konnte, ihm nun ihre Theilnahme bethätigen, nachdem sie durch die Gartenlaube von seinem fast hoffnungslosen Leidenszustande unterrichtet sind. Außer den herzlichsten Zuschriften sind ihm für seine Photographien schon nahe an neunhundert Gulden zugesandt worden, und wenn diese auch nicht hinreichen, um seinen letzten Lebenswunsch, die Ausführung des Modells seiner neuesten Motionsmaschine, zu erfüllen, so hält er doch die Hoffnung fest, dieses Ziel noch zu erreichen. – Für diesen Sommer ist er von dem Besitzer des Keinzensbades bei Partenkirchen eingeladen, dort, zweitausenddreihundert Fuß über dem Meere, als dessen Gast eine Saison zu seiner Erholung zuzubringen. Möchte die Natur ein Meisterstück ihrer Heilkraft liefern!


  1. Wie aus Washington telegraphirt wird, hat sich der Rest der Modoc-Indianer inzwischen am 30. v. M. ergeben. Jack und drei seiner Anhänger sollen erschossen werden. Ob uns unser Correspendent in Green-Bay noch mit einem dritten Artikel über diese Kämpfe erfreuen wird, können wir zur Stunde noch nicht sagen.
    D. Red.
  2. Vergl. Gartenlaube, Jahrgang 1867, S. 46.
  3. Siehe Jahrg. 1861, Nr. 3, S. 45, u. Jahrg. 1862, Nr. 29, S. 464

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ornothologie