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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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Inhaltsverzeichnis

[285]

No. 18.   1873.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Glück auf!
Von E. Werner.


(Fortsetzung.)


„Ich beabsichtige auch die Werke zu vermeiden,“ entgegnete Eugenie. „Ich wollte über die Wiesen nach dem Parke zu gelangen suchen und von dort –“

„Um Himmelswillen, nur da nicht!“ fiel der Alte ein. „Da ist der Ulrich mit seiner ganzen Partei; sie halten Rath auf der Wiese. Ich wollte eben hinüber und ihn noch einmal bitten, doch endlich Vernunft anzunehmen und wenigstens die Schachte freizugeben; es geht ja jetzt gegen unser eigenes Fleisch und Blut; aber er hört und sieht nichts mehr in seiner Wildheit. Nur den Weg nicht, gnädige Frau! Der ist der schlimmste.“

„Nach dem Hause muß ich,“ erklärte Eugenie entschlossen, „koste es, was es wolle! Gehen Sie mit mir, Hartmann, nur bis zu den Beamtenwohnungen! Im schlimmsten Falle bleibe ich dort, bis der Weg wieder frei ist, und an Ihrer Seite werde ich doch wohl vor thätlichen Angriffen sicher sein.“

Der alte Mann schüttelte mit bekümmerter Miene den Kopf. „Ich kann Ihnen da nicht helfen, gnädige Frau. Heute, wo Einer gegen den Andern steht, bin ich kaum selbst meines Lebens sicher in all’ dem Toben, und wenn Sie nun gar erkannt werden, dann nützt es wenig, wenn ich an Ihrer Seite. bin. Jetzt giebt es nur Einen, der sich allenfalls noch Respect verschaffen kann, dem sie zur Noth noch gehorchen, meinen Ulrich, und der haßt[WS 1] Herrn Berkow bis auf’s Blut und haßt Sie, weil Sie seine Frau sind. – Gerechter Gott, da kommt er!“ unterbrach er sich auf einmal. „Es hat wieder etwas Arges gegeben; ich sehe es an seinem Gesichte. Gehen Sie ihm aus den Augen, nur jetzt, ich bitte Sie!“

Er drängte die junge Frau in die halb offene Flur des Häuschens, und in der That ließen sich auch schon in unmittelbarer Nähe Schritte und laute heftige Stimmen vernehmen. Von Lorenz und einigen anderen Bergleuten begleitet, kam Ulrich heran, ohne den Vater zu bemerken. Sein Gesicht war flammend[WS 1] geröthet; auf seiner Stirn lag wieder die Wetterwolke, die jeden[WS 1] Augenblick loszubrechen drohte, und seine Stimme klang in[WS 1] wildester Erregung.

„Und wenn es unsere Cameraden und wenn es unsere[WS 1] Brüder sind – nieder mit ihnen, sobald sie zu Verräthern an[WS 1] uns werden! Wir haben uns das Wort gegeben, zusammenzustehen Einer für den Andern, und jetzt kriechen sie feig zum Kreuze und geben uns und die ganze Sache preis! Das soll ihnen vergolten werden. Habt Ihr die Schachte besetzt?“

„Ja, aber –“

„Kein Aber!“ herrschte der junge Führer dem Bergmanne zu, der sich den Einwand erlaubt hatte. „Das fehlte noch, Verrath in unseren eigenen Reihen, jetzt, wo wir nahe dem Siege stehen! Sie werden mit Gewalt zurückgetrieben, sage ich Euch, sobald sie es noch einmal versuchen, anzufahren. Sie sollen begreifen, wo jetzt ihr Platz und ihre Pflicht ist, und müßten sie es auch mit blutigen Köpfen lernen!“

„Es sind aber ihrer Zweihundert,“ sagte Lorenz ernst. „Morgen werden es Vierhundert sein, und wenn sich der Herr erst einmischt und zu ihnen redet – Du weißt doch, wie das wirkt. Wir haben es oft genug erfahren in der letzten Zeit.“

„Und wären es Vierhundert,“ brauste Ulrich auf, „und wäre es die Hälfte der ganzen Knappschaft, wir zwingen sie mit der andern Hälfte. Ich will doch sehen, ob ich mir nicht mehr Gehorsam schaffen kann; aber jetzt vorwärts! Karl, Du mußt nach den Werken hinüber; bringe mir Nachricht, ob Berkow sich nicht etwa einmischt, ob er mit seiner verdammten Art zu reden uns nicht wieder Hunderte abtrünnig macht. Ihr Anderen zurück nach den Schachten! Seht zu, ob sie hinreichend abgesperrt sind, und laßt Keinen heran, der nicht zu uns gehört; ich komme gleich selbst nach – fort!“

Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Die Bergleute eilten in den angewiesenen Richtungen davon, und Ulrich, der jetzt erst seines Vaters ansichtig ward, ging hastig auf denselben zu.

„Du hier, Vater? Du solltest doch lieber –“ er hielt plötzlich inne. Der Fuß wurzelte am Boden; das eben noch so heiß geröthete Gesicht wurde weiß, als sei jeder Blutstropfen daraus gewichen,[WS 2] und die Augen öffneten sich so weit und starr, als sehe er[WS 2] ein Gespenst vor sich. Eugenie war aus der Hausflur hervorgetreten und stand ihm gerade gegenüber.

In dem Kopfe der jungen Frau war ein Gedanke aufgeblitzt, der[WS 2] auch in demselben Moment schon ausgeführt wurde. Sie dachte[WS 2] nicht an die Kühnheit, ja an die Gefahr ihres Wagnisses; sie wollte[WS 2] zu ihrem Gatten um jeden Preis, und da galt es, das Grauen[WS 2] zu überwinden, das sie vor jenem Manne dort empfand, seit sie[WS 2] wußte, worauf sich ihre Macht über ihn gründete; da galt es[WS 2] einzig diese Macht zu gebrauchen, deren Wirkung sie so oft schon erprobt hatte.

„Ich bin es, Hartmann,“ sagte sie, ein unwillkürliches Beben bemeisternd und anscheinend mit vollkommener Ruhe. „Ihr Vater [286] warnte mich soeben den Weg allein fortzusetzen, und doch muß ich vorwärts.“

Erst bei dem Klange ihrer Stimme schien Ulrich zu begreifen, daß es wirklich Eugenie Berkow war, die da vor ihm stand, und nicht blos ein Gebilde seiner erhitzten Phantasie. Er that stürmisch einige Schritte gegen sie; aber Eugeniens Ton und Blick übten doch noch die alte Gewalt über ihn aus; es legte sich wie ein Schimmer von Ruhe und Milde über seine Züge.

„Was wollen Sie hier, gnädige Frau?“ fragte er unruhig; aber der eben noch so herrisch rauhe Ton war verändert. Er hatte fast einen Anflug von Weichheit. „Es geht heute schlimm zu bei uns; das ist nichts für Frauen, am wenigsten für Sie. Sie dürfen hier nicht bleiben.“

„Ich will zu meinem Manne!“ sagte Eugenie rasch.

„Zu – Ihrem Manne?“ wiederholte Ulrich. „So?“

Es war das erste Mal, daß die junge Frau diese Bezeichnung gebrauchte; sie hatte sonst immer nur von Herrn Berkow oder ihrem Gemahl gesprochen, und Ulrich schien zu ahnen, was in diesem einen Worte lag. In der ersten Ueberraschung hatte er wohl nicht daran gedacht, wie sie so plötzlich hierher kam und weshalb es möglicher Weise geschehe; jetzt warf er einen schnellen Blick auf ihre Reisekleidung und einen zweiten umher, wie um den Wagen oder die Begleitung zu suchen.

„Ich bin allein,“ erklärte Eugenie, die diesen Blick auffing, „und eben das verbietet mir die Fortsetzung des Weges. Ich fürchte nicht die Gefahren, wohl aber die Beleidigungen, denen ich ausgesetzt sein könnte. Sie haben mir einst Ihren Schutz und Ihre Begleitung angeboten, Hartmann, wo ich dessen nicht bedurfte; jetzt nehme ich Beides in Anspruch. Führen Sie mich sicher nach dem Hause gegenüber! Sie können es.“

Der Schichtmeister hatte bisher angstvoll bei Seite gestanden; er erwartete jeden Augenblick ein Attentat seines Sohnes gegen die Gemahlin des so sehr gehaßten jungen Chefs und war bereit, sich im Nothfalle dazwischen zu werfen. Er konnte die Ruhe und Sicherheit der jungen Frau einem Manne gegenüber nicht begreifen, den sie doch so gut wie alle Welt als den eigentlichen Anstifter des ganzen Aufruhrs kannte; als sie nun aber gar dies Verlangen an ihn stellte, sich seinem Schutze anvertrauen wollte, da verließ den alten Mann die Fassungskraft; er schaute förmlich entsetzt auf sie hin.

Aber auch Ulrich war furchtbar gereizt durch diese Zumuthung. Der flüchtige Schimmer von Milde und Nachgiebigkeit war bereits wieder verschwunden und der alte herrische Trotz zurückgekommen.

Ich soll Sie hinüberführen?“ fragte er mit dumpfer Stimme. „Und von mir verlangen Sie das, gnädige Frau, von mir?“

„Von Ihnen!“ Eugenie ließ das Auge nicht von seinem Gesichte. Sie wußte, daß darin ihre ganze Macht lag, aber hier schien sie denn doch an der Grenze derselben zu stehen. Ulrich fuhr auf wie ein Rasender.

„Nun und nimmermehr! Eher lasse ich das Haus stürmen, lasse Alles in Grund und Boden reißen, ehe ich Sie hinüberbringe. Er da drüben soll wohl Muth bekommen zum äußersten Widerstande, wenn er Sie erst an der Seite hat? Er soll wohl triumphiren, wenn er sieht, daß Sie ganz allein aus der Residenz herreisen und mitten durch die Revolte zu ihm wollen, nur um ihn nicht allein zu lassen? Aber dazu suchen Sie sich doch einen anderen Führer, und fände sich der andere,“ hier streifte ein drohender Seitenblick den Vater, „er käme nicht weit mit Ihnen; dafür sorge ich.“

„Ulrich, um Gotteswillen bezähme Dich, es ist eine Frau!“ rief der Schichtmeister, in Todesangst dazwischen tretend. Er sah in dieser Scene natürlich nur den Ausbruch einer schonungslosen Feindseligkeit, die sein Sohn schon lange gegen die ganze Berkow’sche Familie genährt, und deshalb stellte er sich wie zum Schutze gegen die junge Frau, die ihn leise, aber entschieden zurückdrängte.“

„Sie wollen mich also nicht begleiten, Hartmann?“

„Nein und zehnmal nein!“

„Nun denn, so gehe ich allein!“

Sie wandte sich nach der Richtung des Parkes hin; aber mit zwei Schritten hatte Ulrich sie erreicht und stellte sich ihr in den Weg.

„Zurück, gnädige Frau! Sie kommen nicht durch, sage ich Ihnen, am wenigsten da, wo meine Cameraden sind. Ob Frau oder nicht, das gilt ihnen jetzt gleich. Sie heißen Berkow und das genügt ihnen. Sobald Sie erkannt werden, stürzt sich Alles gegen Sie. Hinüber können Sie jetzt nicht und hinüber sollen Sie auch nicht. Sie bleiben hier!“

Es war ein drohender Befehl, den er ihr mit den letzten Worten zuschleuderte, aber Eugenie war nicht gewohnt, sich befehlen zu lassen, und die fast wahnsinnige Heftigkeit, mit der er sich bemühte, sie von Arthur fern zu halten, rief eine namenlose Angst in ihr wach, es könne schlimmer um ihn stehen, als man sie errathen ließ.

„Ich will zu meinem Manne!“ wiederholte sie mit voller Energie. „Ich will doch sehen, ob man mir mit Gewalt den Weg zu ihm versperrt. Lassen Sie Ihre Cameraden sich an einer Frau vergreifen! Geben Sie selbst das Zeichen zum Angriff, wenn Sie die Heldenthat auf sich nehmen wollen! Ich gehe!“

Und sie ging wirklich; sie eilte an ihm vorüber und betrat den Wiesenpfad. Hartmann stand da und sah ihr mit glühenden Augen nach, ohne auf die Bitten und Vorstellungen seines Vaters zu hören; er wußte besser als dieser, was die junge Frau mit diesem Wagniß beabsichtigte, wozu sie ihn damit zwingen wollte, aber er wollte diesmal dem Zwange nicht weichen. Und wenn sie zu Grunde ging an der Schwelle ihres Hauses, im Angesichte ihres Gatten, ehe er sie selbst in die Arme des Gehaßten führte, ehe – da erschien drüben eine Schaar von Bergleuten, die lärmend und tobend ihrem Führer nachzogen. Die Vordersten waren nur noch einige Hundert Schritte weit entfernt; schon fiel die einzelne Frauengestalt ihnen auf; in der nächsten Minute mußte sie erkannt werden, und er selbst hatte die Leute noch vor einer halben Stunde bis zur blinden Wuth aufgestachelt gegen Alles, was den Namen Berkow trug. Eugenie ging vorwärts, gerade der Gefahr entgegen, ohne auch nur das Gesicht zu verbergen – wie außer sich stampfte Ulrich mit dem Fuße; dann auf einmal riß er sich los vom Vater und war im nächsten Augenblick an ihrer Seite.

„Lassen Sie den Schleier herunter!“ gebot er, und dabei legte sich seine Hand mit eisernem Druck um die ihrige.

Eugenie gehorchte tiefaufathmend; jetzt war sie sicher. Sie wußte, daß er die Hand nicht wieder loslassen werde, und wenn die ganze Knappschaft der Werke jetzt gegen sie anstürmte. Mit vollem Bewußtsein war sie der Gefahr entgegen gegangen, aber auch in der vollen Ueberzeugung, daß nur diese augenscheinliche Gefahr, in die sie sich begab, ihr den versagten Schutz erzwingen konnte. Sie hatte gesiegt, aber es war auch die höchste Zeit gewesen.

Sie erreichten jetzt die Schaar, die sofort Miene machte, ihren Führer zu umringen und in die Mitte zu nehmen; aber ein kurzer, doch mit vollem Nachdruck gegebener Befehl desselben hieß sie Platz machen und wies sie gleichfalls nach den Schachten hinüber. Wie vorhin ihre Cameraden, gehorchten auch sie sofort, und Ulrich, der nicht einen Augenblick Halt gemacht hatte, zog seine Begleiterin mit sich fort, die jetzt erst sah, wie unmöglich es gewesen wäre, hier allein durchzukommen, oder auch nur mit einem anderen Schutze als dem, den sie an der Seite hatte.

Die ganzen sonst so stillen Wiesenflächen waren heute der Schauplatz eines wogenden Tumultes, obgleich der eigentliche Streit darüber bei den Schachten stattgefunden hatte. Die Bergleute zogen in hellen Haufen umher oder standen dicht geschaart bei einander – überall wildbewegte Gruppen, überall zornige Gesichter, drohende Geberden, überall Geschrei, Toben und Lärmen. Die wilde Aufregung schien nur nach einem Gegenstande zu suchen, um sich sofort in rohen Gewaltthätigkeiten Luft zu machen. Der Fußweg führte zum Glücke am Rande der Wiese entlang, wo der Tumult verhältnißmäßig schwächer war, aber auch hier war Ulrich, sobald er sich nur zeigte, sofort Gegenstand und Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Aller. Doch in die lärmenden Rufe, mit denen man ihn überall begrüßte, mischte sich diesmal ein eigenthümliches Befremden. Ein Heer von erstaunten, mißtrauischen, argwöhnischen Blicken richtete sich auf die Frauengestalt an seiner Seite. In dem dunklen Reisemantel und hinter dem dichten Schleier erkannte freilich Niemand die Gemahlin des Chefs, und hätte Einer auch den Gang oder die Haltung erkannt, die Vermuthung wäre mit Hohnlachen [287] zurückgewiesen worden. Es war ja Ulrich Hartmann, der sie schützend führte, und der schützte sicher nichts, was zum Berkow’schen Hause gehörte; aber es war doch immer eine Dame, die da neben ihm ging, neben dem schroffen, wilden Sohne des Schichtmeisters, der sich sonst nie um Frauen kümmerte, nicht einmal um Martha Ewers, um die sich doch jeder Ledige auf den Werken zu kümmern pflegte. Ulrich, der die Frauen seiner eigenen Cameraden bei solchen Gelegenheiten, wie die heutige, als eine überflüssige Last betrachtete und behandelte, die man so viel als möglich abschütteln müsse, er geleitete diese Fremde mit einem Ausdruck im Gesichte, als werde er Jeden niederschlagen, der ihr auch nur einen Schritt zu nahe komme. Wer war das? und was sollte das heißen?

Der kurze, kaum zehn Minuten dauernde Gang war ein Wagniß selbst für den jungen Führer, aber er zeigte, daß er hier wenigstens noch unumschränkter Herr war und seine Herrschaft zu gebrauchen wußte. Bald sprengte er hier mit einigen gebieterischen Worten eine Gruppe, die ihm im Wege stand, bald warf er dort Befehle oder Anordnungen in einen hervordrängenden Haufen, der diesem sofort eine andere Richtung gab; dann wieder herrschte er Einzelnen, die ihm mit Fragen oder Berichten nahen wollten, ein „Später“ oder „Ich komme wieder“ zu und dabei zog er die junge Frau unaufhaltsam und so schnell mit sich fort, daß bei diesem Vorübereilen jede Entdeckung und jeder Aufenthalt ausgeschlossen wurde. Endlich hatten sie den Park erreicht, der hier an seinem Ausgange nur durch eine hölzerne Gitterthür geschlossen war. Ulrich stieß sie auf und trat mit ihr in den Schutz dieser Bäume.

„Jetzt ist’s genug!“ sagte er, ihre Hand loslassend. „Der Park ist noch sicher, und in fünf Minuten sind Sie am Hause.

Eugenie bebte noch leise von der überstandenen Gefahr und ihre Hand schmerzte noch von dem eisernen Drucke der seinigen; langsam schlug sie den Schleier zurück.

„Machen Sie nur schnell, gnädige Frau!“ fuhr der junge Bergmann mit bitterem Hohne fort. „Ich habe ja redlich dazu mit geholfen, daß Sie Ihren Mann wiedersehen. Sie werden ihn doch nicht warten lassen?“

Eugenie sah auf zu ihm. Sein Gesicht verrieth, welche Folter sie ihm auferlegt hatte, als sie ihm nur die Wahl ließ, entweder einen Angriff auf sie zu dulden, oder sie selbst ihrem Gatten zuzuführen. Die junge Frau hatte nicht den Muth, zu danken; sie streckte ihm nur wortlos die Hand hin.

Aber Ulrich stieß die Hand fast zurück. „Sie haben mir viel zugemuthet, gnädige Frau, so viel, daß es um ein Haar mißglückt wäre. Jetzt haben Sie Ihren Willen, aber versuchen Sie es nicht, mich noch einmal so zu zwingen wie heute, am wenigsten wenn Er dabei ist – dann – dann – bei Gott, dann gebe ich Euch Beide preis!“ –

Auf der vorderen Terrasse standen die beiden Diener Franz und Anton, mit ängstlichen und doch zugleich neugierigen Gesichtern nach den Werken hinüber schauend, aber sie fuhren nicht weniger erschreckt zurück, wie vorhin der Schichtmeister, als ihre gnädige Frau, die doch in der Residenz sein mußte, urplötzlich vor ihnen stand, ohne daß sie auch nur einen Wagen gehört hatten, oder das Kammermädchen oder sonst Jemand in ihrer Begleitung sahen. Durch die Werke konnte die junge Herrin doch unmöglich gekommen sein, noch weniger durch den Park, denn dort hinten auf den Wiesen ging es ja fast noch ärger zu, und doch war sie jetzt hier. Die beiden Leute waren so bestürzt, daß sie kaum auf die ihnen hastig vorgelegte Frage antworten konnten, indeß erfuhr Eugenie doch, daß Herr Berkow sich augenblicklich noch im Hause befand, und nun eilte sie rasch die Treppe hinauf. Franz, der ihr gefolgt war, fand noch mehr Gelegenheit, sich über die gnädige Frau zu wundern, denn diese duldete es kaum, daß er ihr oben im Vorzimmer Hut und Mantel abnahm, befahl ihm zu bleiben, als er mit der Meldung ihrer Ankunft nach dem Flügel hinüber eilen wollte, den der Herr bewohnte, und erklärte, sie werde selbst sofort ihren Gemahl aufsuchen. Der Diener stand da, den Mantel noch in den Händen, und sah ihr mit offenem Munde nach. Das ging ja Alles wie im Sturmwinde, was konnte es denn nur in der Residenz gegeben haben?

Eugenie hatte rasch den Saal und die beiden vorderen Gemächer durchschritten, als sie plötzlich inne hielt; denn aus dem nebenan liegenden Arbeitszimmer Arthur’s tönten ihr Stimmen entgegen. Die junge Frau hatte so sicher darauf gerechnet, ihren Gatten allein zu finden; unerwartet und unangemeldet hatte sie zu ihm eintreten wollen, und nun traf sie ihn in Gesellschaft eines Anderen. Nur nicht dieses Wiedersehen in Gegenwart Fremder! Eugenie zögerte unentschlossen, ob sie umkehren oder bleiben solle. Endlich trat sie lautlos zurück hinter die Portière, deren Falten sie zum größten Theil verbargen.

„Es ist unmöglich, Herr Berkow!“ sagte die klare scharfe Stimme des Oberingenieurs. „Wenn Sie noch länger die Schonung walten lassen, so wendet es sich gegen Die, die da anfangen, zur Ordnung zurückzukehren. Sie haben diesmal noch das Feld geräumt, weil sie die Schwächeren waren, aber die Scenen werden sich schlimmer, blutiger wiederholen als heute Morgen, wo es mit einem bloßen Handgemenge abging. Hartmann hat gezeigt, daß er die eigenen Cameraden nicht schont, wenn sie sich gegen seinen Terrorismus auflehnen. Er läßt Feind und Freund bluten, sobald es sich um sein starres Princip handelt.

Die offene Thür ließ Eugenie den Einblick in das Zimmer frei. Arthur stand ihr gerade gegenüber am offenen Fenster, und das volle Licht fiel auf sein Antlitz, das um so Vieles düsterer geworden war, seit sie es nicht gesehen. Der Schatten der Sorge, der freilich damals schon auf der Stirn lag, die noch so wenig gewohnt war, ihn zu tragen, hatte sich jetzt in zwei tiefen Falten dort eingegraben, die vielleicht nichts mehr verwischen konnte. Jede einzelne Linie des Gesichts war schärfer, strenger geworden; der Zug von Energie, der damals erst aufdämmerte und nur in Momenten der Erregung zur vollsten Geltung kam, herrschte jetzt auch in der Ruhe unbedingt vor und hatte den ehemaligen träumenden Ausdruck völlig zurückgedrängt; auch die Haltung und Stimme verrieth eine gleiche Festigkeit und Bestimmtheit – man sah es, der junge Chef hatte in wenigen Wochen Das gelernt, wozu Andere Jahre brauchen.

„Ich bin gewiß der Letzte, der einer fremden Hülfe das Wort redet, „fuhr der Oberingenieur fort, „aber ich dächte, wir Alle, unser Chef voran, hätten nun genug gethan, sie abzuhalten. Man kann und wird uns wahrhaftig keinen Vorwurf machen, wenn wir endlich auch zu Dem greifen, was die Nachbarwerke längst gethan haben, und zwar ohne solche dringende Nothwendigkeit wie die unsrige.“

Arthur schüttelte düster das Haupt. „Die anderen Werke können für uns keinen Maßstab geben; dort ist es mit einigen Verhaftungen und Verwundungen abgegangen, dort genügten fünfzig Mann und ein paar Schüsse in die Luft, um die ganze Revolte zu unterdrücken. Hier steht Hartmann an der Spitze, und wir wissen Alle, was das heißen will. Der weicht selbst einem Bajonnetangriff nicht, und mit ihm steht und fällt auch sein ganzer Anhang. Sie würden das Aeußerste herausfordern – bei uns geht der Friede nur über Leichen.“

Der Beamte schwieg, aber sein bedeutsames Achselzucken zeigte, daß er die Befürchtung seines Chefs theilte.

„Wenn aber der Friede nicht anders zu erreichen ist –“ begann er wieder.

Wenn er zu erreichen ist! Er ist es aber nicht, und die Opfer fallen umsonst. Ich zwinge die Empörung für den Augenblick nieder, damit sie sich im nächsten Jahr, in den nächsten Monaten vielleicht schon von Neuem erhebt, und Sie wissen so gut wie ich, daß mir das die letzte Möglichkeit nimmt, die Werke zu behaupten. Anderswo geben sich doch wenigstens noch Regungen der Gerechtigkeit, des Vertrauens kund, anderswo fangen die Leute doch endlich an, zur Besinnung zurückzukehren; bei uns ist das nicht zu hoffen; das Jahre lang gesäete Mißtrauen läßt sich nicht überwinden. Haß und Feindschaft war die Parole, die gegen mich ausgegeben wurde, als ich hier eintrat; sie ist es noch heute, und wenn ich nun noch das Blut zwischen sie und mich stelle, dann ist es vollends aus. Hartmann freilich darf es wagen, die Seinen im offenen Kampfe zum Gehorsam zu treiben, ihnen gewaltsam, vielleicht blutig seinen Willen aufzuzwingen; er bleibt ihnen doch der Messias, von dem sie allein ihr Heil erwarten. Wenn ich nur einen Schuß thun lasse, wenn ich mich nur zur eigenen Nothwehr bewaffne, so bin ich der Tyrann, der sie kaltblütig morden läßt, der Unterdrücker, der [288] seine Freude hat an ihrem Verderben. Der alte Schichtmeister hat es mir damals nicht umsonst gesagt: ‚Wenn es einmal bei uns losbricht, dann gnade uns ‚Gott!‘“

Es lag keine Klage, nicht einmal eine Muthlosigkeit in diesen Worten, nur die tiefe Bitterkeit eines Mannes, der sich endlich doch an den Rand des Abgrundes gerissen sieht, dem fern zu bleiben, er vergebens alle Kräfte aufgeboten. Vielleicht hätte der junge Chef auch zu keinem Anderen so gesprochen, aber der Oberingenieur war der Einzige, der ihm in der letzten Zeit näher getreten war, weil er bei allen Gefahren und Maßregeln fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden; er war auch der Einzige, der bisweilen etwas anderes aus seinem Munde hörte, als die Befehle oder Ermuthigungen, die er allein für die übrigen Beamten hatte.

„Ein Theil der Leute hat aber doch bereits die Arbeit wieder aufnehmen wollen,“ meinte er.

Arthur richtete sich hastig empor. „Und gerade das wird mich zwingen, den Uebrigen den Krieg zu erklären! Mit Hartmann ist keine Versöhnung zu hoffen – ich habe es vergebens noch einmal versucht!“

„Mit wem? Was haben Sie versucht, Herr Berkow?“ fragte der Beamte mit einem solchen Ausdruck des Erschreckens, daß der junge Chef ihn befremdet ansah.

„Eine Verständigung mit Hartmann. Es geschah allerdings nicht officiell. Das hätte man als Schwäche auslegen können; es war bei einer zufälligen Begegnung zwischen uns Beiden allein, wo ich ihm noch einmal die Hand bot.“

„Das durften Sie nicht!“ fiel Jener fast leidenschaftlich ein. „Ihre Hand diesem Manne! Mein Gott – freilich, Sie wissen ja noch nichts.“

„Ich durfte nicht?“ wiederholte Arthur etwas scharf. „Wie meinen Sie das, Herr Oberingenieur? Sein Sie überzeugt, daß ich meine Stellung hinreichend zu wahren weiß, selbst bei solchen Gelegenheiten.“

Der Beamte hatte sich bereits wieder gefaßt. „Verzeihen Sie, Herr Berkow! Der Ausdruck sollte keine Maßregel meines Chefs kritisiren; es galt einzig dem Sohne, der freilich keine Ahnung hat von den Gerüchten, die sich an die Todesstunde seines Vaters knüpfen. Wir hatten einander das Wort gegeben, darüber gegen Sie zu schweigen; es geschah in der besten Absicht. Jetzt aber sehe ich doch ein, daß wir Unrecht thaten, daß Sie es wissen müssen. Sie wollten dem Hartmann Ihre Hand bieten, und das, ich wiederhole es, durfte nicht sein.“

Arthur sah ihn starr an. Sein Gesicht war auf einmal farblos geworden, und die Lippen bebten.

„Sie sprechen von Hartmann und von der Todesstunde meines Vaters! Es existirt also ein Zusammenhang zwischen beiden?“

„Ich fürchte es; wir fürchten es Alle. Der allgemeine Verdacht klagt den Steiger an und nicht bei uns allein, auch bei seinen Cameraden.“

„Damals im Fahrschacht?“ stieß Arthur in furchtbarer Bewegung hervor. „Ein meuchlerischer Ueberfall gegen einen Wehrlosen? Das glaube ich von Hartmann nicht!“

„Er haßte den Verstorbenen,“ sagte der Oberingenieur bedeutsam, „und er hat diesen Haß nie geleugnet. Herr Berkow mag ihn durch ein Wort, durch einen Befehl gereizt haben. Ob die Seile wirklich durch bloßen Zufall gerissen sind und er den Moment der Gefahr benutzte, um sich zu retten und den Anderen in die Tiefe zu schleudern, ob das Ganze ein vorbedachter Plan war, darüber freilich liegt ein räthselhaftes Dunkel, aber schuldlos ist er nicht, dafür möchte ich bürgen.“

Man sah es dem jungen Chef an, wie diese Enthüllung ihn erregte; er stützte sich schwer auf den Tisch. „Die Untersuchung hat ein Unglück ergeben,“ entgegnete er mit schwankender Stimme.

„Die Untersuchung ergab nichts! Deshalb nahm man ein Unglück an und ließ es als ein solches gelten. Eine laute Anklage wagte Niemand; es fehlte jeder Beweis, und es hätte zu unabsehbaren Conflicten mit unseren Leuten geführt, hätte man den Verdacht benutzt, um ihnen den Führer zu nehmen, der aller Wahrscheinlichkeit nach doch frei ausgegangen wäre. Wir wußten, Herr Berkow, daß, wie die Verhältnisse nun einmal lagen, Sie den Kampf mit diesem Gegner nicht vermeiden konnten; wir wollten Ihnen wenigstens die Bitterkeit ersparen, zu wissen, mit wem Sie kämpften. Das war der Grund unseres Schweigens.“

Arthur fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. „Das ahnte ich nicht! Das nicht! Und wenn es auch nur ein Verdacht ist – Sie haben Recht, dem Manne durfte ich meine Hand nicht bieten.“

„Und dieser Mann,“ fiel der Beamte energisch ein, „hat an der Spitze seiner Cameraden das ganze Unglück über Sie und uns gebracht; dieser Mann hat den Streit endlos geschürt und verlängert und versucht es jetzt, wo seine Macht im Sinken ist, den Riß unheilbar, die Versöhnung unmöglich zu machen. Können und wollen Sie ihn jetzt noch schonen?“

„Ihn? Nein! Mit ihm war ich bereits zu Ende, als er mein Entgegenkommen so schroff zurückwies, aber auch die Anderen kann ich nicht mehr schonen nach den heutigen Scenen, sie treiben mich zum Aeußersten. Die Zweihundert von heute Morgen wollten arbeiten und sie haben am Ende das Recht, Schutz für ihre Arbeit zu verlangen. Die Schachte müssen gesichert werden um jeden Preis; ich allein kann es nicht mehr, also –“

„Also – wir erwarten Ihre Befehle, Herr Berkow.“

Es trat eine secundenlange Pause ein, aber der sichtbare Kampf in Arthur’s Zügen wich allmählich dem Ausdruck einer finsteren Entschlossenheit.

„Ich werden nach M. schreiben! Der Brief soll noch heute dorthin – es muß sein!“

„Endlich!“ sagte der Oberingenieur halblaut und wie mit halbem Vorwurf. „Es war auch hohe Zeit.“

Arthur wandte sich zu seinem Schreibtische. „Gehen Sie jetzt und sorgen Sie dafür, daß der Director und die übrigen Herren auf den Posten bleiben, die ich ihnen angewiesen habe, als ich vorhin auf den Werken war. Sie sollen sich nicht rühren, bis ich selbst komme. Heute Morgen wäre es nutzlos gewesen, in das Toben dort einzugreifen; vielleicht ist das jetzt möglich. In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen. Fällt inzwischen etwas Besonderes vor, so senden Sie mir sofort Nachricht herüber!“

Der Beamte, im Begriff sich zu entfernen, trat noch einmal an die Seite seines Chefs. „Ich weiß, was der Entschluß Sie kostet, Herr Berkow,“ sagte er ernst, „und leicht nimmt gewiß Keiner von uns die Sache, aber man braucht doch nicht immer das Aergste zu fürchten. Vielleicht geht es dennoch ab ohne Blutvergießen.“

Der Oberingenieur war, als er mit kurzem Gruße das Zimmer verließ, viel zu eilig und hatte den Kopf zu voll von anderen Dingen, als daß er die junge Frau hätte bemerken sollen, die sich bei seinem Nahen noch tiefer in den Schutz der Portière flüchtete. Ohne auch nur einen Blick seitwärts zu werfen, durchschritt er das anstoßende Gemach und schloß die Thür hinter sich. Die beiden Gatten waren allein.

Arthur hatte nur ein bitteres Lächeln gehabt für die letzten Worte seines Beamten. „Es ist zu spät!“ sagte er jetzt dumpf vor sich hin. „Sie werden nicht weichen ohne Blut – ich werde ernten müssen, was mein Vater gesäet hat!“

Er warf sich auf den Sessel nieder und stützte den Kopf in die Hand. Jetzt, wo er nicht mehr den fremden Augen Rede zu stehen, wo er nicht mehr den Chef zu vertreten hatte, von dessen Entschlossenheit die aller Uebrigen abhing, jetzt wich die Energie aus seinen Zügen, um dem Ausdruck jener tödtlichen Erschöpfung Platz zu machen, der auch der Stärkste unterliegt, wenn er wochenlang all seine Geistes- und Körperkräfte bis an die äußerste Grenze des Möglichen hin angespannt und überreizt hat. Es war ein Augenblick tiefer verzweifelter Muthlosigkeit, wie sie wohl einem Manne nahen konnte, der immer und immer wieder vergebens ankämpft gegen den Fluch einer Vergangenheit, gegen die er nichts verschuldet, als ein gleichgültiges Fernhalten von ihren Aufgaben, und deren verhängnißvolles Erbe doch mit seiner ganzen erdrückenden Last auf ihn allein fällt. Die schwere Anklage gegen den Vater, die sich unwillkürlich seinen Lippen entwand, verstummte zwar in dem gleichen Augenblick vor den furchtbaren Andeutungen, die er soeben über die Todesstunde dieses Vaters erhalten hatte, und doch hatte der allein es verschuldet, wenn der Sohn jetzt nach all dem verzweifelten Ringen doch endlich der letzten schrecklichen Nothwendigkeit gegenüberstand,

[289] 
Die Gartenlaube (1873) b 289.jpg

Venetianischer Gondelgruß.
Nach der Natur aufgenommen von Ermenegilde Donadini.

[290] wenn er, seinen Ruin vor Augen, verlassen von seinem Weibe, aufgegeben von all seinen ehemaligen Freunden, zum letzten Mittel griff, um sich und das, was er für den Augenblick noch sein nannte, vor einem Hasse zu sichern, der, jahrelang gesäet und genährt, ihm jetzt seine volle bittere Frucht zu kosten gab. Arthur schloß wie todtmüde die Augen und lehnte den Kopf an die Lehne des Armsessels – er konnte nicht mehr.

Eugenie hatte leise ihr Versteck verlassen und war auf die Schwelle getreten. Vergessen war die vorhin überstandene Gefahr, vergessen die Anklage des Beamten, die sie eben noch mit solchem Entsetzen durchschauert, vergessen auch Der, dem sie galt, und Alles, was sich an ihn knüpfte; jetzt, wo sie ihrem Gatten nahte, sah und dachte sie nichts weiter, als nur ihn allein. Der Schleier, der so lang und dicht zwischen ihnen Beiden gelegen, sollte jetzt endlich zerreißen. Es mußte klar werden, und doch bebte sie vor der Entscheidung, als solle ihr Todesurtheil damit gesprochen werden. Wenn sie sich täuschte, wenn sie nicht so empfangen wurde, wie sie empfangen werden wollte und mußte nach diesem Opfer, das sie ihrem Stolze abgerungen – das Blut drängte mit stürmischer Gewalt zum Herzen der jungen Frau, und dieses Herz pochte in namenloser Angst – an der nächsten Minute hing für sie Alles.

„Arthur!“ sagte sie leise.


(Fortsetzung folgt.)




Goethe.
Sein Leben und Dichten in Vorträgen für Frauen geschildert.
Von Johannes Scherr.
VI.


Unser Herr Doctor Goethe, wie wir mit seinen Mitbürgern und Mitbürgerinnen den Licentiaten höflicher Weise betiteln wollen, kehrte von seinem zweiten Ausflug in die Welt kaum weniger flügellahm in das heimatliche Nest zurück, als er von seinem ersten zurückgekehrt war. Leiblich zwar ist er bei seiner Heimkehr von Straßburg wohlauf gewesen, nicht aber seelisch. Denn eine allzu begründete Reue nagte ihm an der Seele und als echter Dichter mußte er jetzo das Weh Friederike in ebenso gesteigertem Maße bitter empfinden, als er vordem die Wonne Friederike selig genossen hatte. Kaum im Vaterlande angelangt, schrieb er an die Verlassene und – meldet er – „die Antwort Friederike’s zerriß mir das Herz. Es war dieselbe Hand, derselbe Sinn, dasselbe Gefühl, die sich zu mir, die sich an mir herangebildet hatten. Ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt, und sah keine Möglichkeit, ihn zu ersetzen, ja nur ihn zu lindern. Sie war mir ganz gegenwärtig; stets empfand ich, daß sie mir fehlte, und was das Schlimmste war, ich konnte mir mein eigenes Unglück nicht verzeihen. Gretchen hatte man mir genommen, Aennchen mich verlassen, hier war ich zum erstenmal schuldig. Ich hatte das schönste Herz in seinem Tiefsten verwundet und so war die Epoche einer düsteren Reue bei dem Mangel einer gewohnten erquicklichen Liebe höchst peinlich, ja unerträglich. Aber der Mensch will leben –“

Ach ja, der Mensch will leben! Und er muß leben wollen, falls der geheimnißvolle, dem Dummsten gerade so wie dem Weisesten erkennbare, daß heißt unverkennbare Plan der ungeheuren Menschheittragödie zu fernerweit tragikomischer Ausführung gelangen soll. Das sinnliche Bedürfen und Begehren, das Thier im Menschen, welches, aus dem Thatsächlichen ins Philosophische übersetzt, beim Fichte das „Ich“ und beim Buddha-Schopenhauer der „Wille zum Leben“ heißt, rastet und ruht nicht. Ein recht gemeines Ding, genau angesehen, dieses Ich, dieser Wille, ganz ordinär; aber immerhin mächtig genug, die kolossale Tragikomödie des Erdendaseins im Gange und die ewigen Grundmotive derselben, Hunger und Liebe, in unendlicher Wiederholung wirksam zu erhalten.

So wollte denn auch der Doctor Goethe leben und zwar unbedingt besser, als ihm seine durch die angehobene so nebenbei und obenhin betriebene Advocatur beschafften eigenen Mittel erlaubt haben würden. Die wirklich erforderlichen zu beschaffen, war der Vater natürlich wiederum gut genug; ebenso, die eigentlichen Advocatengeschäfte für den „singulären“ Menschen zu verrichten. Dieser stellte, wie er uns bekannt hat, sein Absehen vorerst darauf, in seiner Weise hinsichtlich des Idylls von Sesenheim poetisch Reu’ und Leid zu machen und das Friederikenweh künstlerisch loszuwerden. Wir wissen ja, daß um jene Zeit (November 1771) der „Götz von Berlichingen“ im ersten Wurf entstanden ist und daß unser Dichter mittels Schaffung der beiden Figuren Maria und Weislingen eine dichterische Beichte und Büßung beabsichtigte. In der erstgenannten Gestalt sollte die verlassene Geliebte schön verklärt, in der zweiten er selbst, der Treulose, mit aller Strenge bestraft werden. Auch in die gleichzeitig oder wenig später fragmentarisch-hastig auf das Papier geschleuderten Anfänge der Faust-Dichtung spielten zweifelsohne die Erinnerungen an sein Verhältniß zur Friederike Brion herein. Viel that an dem sich Härmenden auch jetzt wieder der liebevoll-verständige Zuspruch der Mutter. Alte Freunde nahmen sich seiner an und suchten mittels geselliger Zerstreuungen ihn vergessen zu machen, was er jüngst verloren. Trösterin Natur war auch nicht lässig; dem Berg und Thal, Feld und Wald durchstreifenden und seines Herzens Pein in kraftgenialischen Liedern („Wanderers Sturmlied“) ungestüm ausströmenden Dichter gab sie den Trost, den sie jedem zu ihr flüchtenden Kummerträger giebt: Sieh’ mich an! Auch ich leide und dulde unter der Schwere des Gesetzes ewiger Nothwendigkeit … So lös’te sich denn mälig das Gefühl der Herbigkeit seines Verlustes und seiner Reue in jene Weichheit der Erinnerung auf, welche das Herz umschmiegt „sanft wie geliebter Todten Angedenken“, und so mochte im Rückblick auf Friederike ihm zu Muthe sein, als er die Schlußstrophe von „Jägers Abendlied“ (in des Gedichtes ältester Gestalt) vor sich hinsang:

„Mir ist es, denk’ ich nur an Dich,
Als säh’ den Mond ich an;
Ein süßer Friede kommt auf mich,
Weiß nicht, wie mir gethan.“

Für die literarische Thätigkeit des in dieser Weise von seiner Herzenswunde Genesenen war es nicht bedeutungslos, daß sein nachmaliger Schwager Schlosser die Redaction der „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ übernahm (1772). Denn Goethe wurde einer der eifrigsten Mitarbeiter an dieser Zeitschrift, welche sich so recht als der Moniteur der Sturm- und Drangperiode unserer Literatur aufthat. Von noch größerer Bedeutung aber war es für unseren Dichter, daß er durch Schlosser’s Vermittelung mit dem Kriegszahlmeister Johann Heinrich Merck in Darmstadt bekannt und bald auch befreundet wurde. Diesem führenden Freunde seiner Jugend hat er später in „Dichtung und Wahrheit“ noch weniger Gerechtigkeit widerfahren lassen als dem Vater, indem er Merck’s nur als seines, jugendlichen Goethe-Faust’s, Mephisto sich erinnern wollte. Und doch war der darmhessische Kriegszahlmeister keineswegs „der Geist, der stets verneinte“. Im Gegentheil er war der erste entschiedene Bejaher des Goethe’schen Genius, er war es, welcher den Schöpfer des Götz und des Werther zur Veröffentlichung dieser Sturm- und Dranggenialitäten drängte und trieb – („Bei Zeit auf die Zäun’, so trocknen die Windeln!“). Auch die Stiftung der Frankfurter gelehrten Anzeigen ging vorzugsweise von ihm aus. Merck ist demnach nichts weniger als ein Philister gewesen. Eine erkleckliche Dosis vom Sturm und Drang der Zeit webte und waltete auch in ihm und er bethätigte sich lebhaft an den Strebungen der jüngeren Generation, welchen Strebungen, vorweg den national literarischen, es vielfach und nachhaltig zum Vortheil gereichte, daß dieses Mentors und Kritikers Verstand scharf, sein Geschmack gesund und fein, sein Urtheil unbestechlich war. Summa: so ein Mann, der fähig und bereit ist, das Gute und Tüchtige zu erkennen, anzuerkennen und zu fördern; aber ebenso, jedes „dumme Zeug“ und allen „Quark“ frank und frei mit dem richtigen Namen zu nennen. Unser Dichter war dem Freund und Berather zu großem Danke verpflichtet und demnach ist es nur gerecht, daß die deutsche Literaturgeschichte des Kriegszahlmeisters Merck dankbar eingedenk sei und bleibe.

Der Merck’sche Freundeskreis in Darmstadt nahm den jungen Frankfurter Doctor mit großer Freundlichkeit auf und Wolfgang [291] verkehrte viel mit den neuen Freunden und Freundinnen in Darmstadt, Gießen und Homburg. Es war ja die Zeit der Freundschaftlerei, der Schwarm- und Starkgeisterei, der Mondscheingefühle, der Ossian’schen Seufzerlaute und der Lorenzodosen. Unter den Freundinnen, mit welchen Goethe an den erwähnten Orten mehr oder weniger schwärmte, befanden sich Karoline Flachsland, Herder’s Braut, und zwei aus Empfindsamkeit und Migräne zusammengepappte Homburger Hofdamen, welche unter ihren Freunden Lila und Uranie hießen und von denen die erstere ein weißes Lämmchen am himmelblauen Bande als Wahrzeichen mit sich herumzuführen pflegte. Die Goethe’schen Lieder „Felsweihe“, „An Psyche“, „An Lila“, „An Uranie“, „Elysium“ sind durch diesen Verkehr, zu welchem der gute Merck mitunter allerdings sarkastisch-mephistophelisch gesehen haben mag, angeregt worden. Karoline Flachsland schrieb an ihren Verlobten, Goethe habe den Freunden in Darmstadt Scenen aus seinem Götz von Berlichingen vorgelesen und „stecke voller Lieder“, worauf Herder gnädigst erwiderte, der Goethe sei ein „wirklich guter Mensch“, aber doch „äußerst leicht und viel zu spatzenmäßig“. Was der Griesgram Herder, der es sein Lebenlang nie vermochte, unserem Dichter, welcher doch als ein rechter Freund an ihm gehandelt hat, volle Anerkennung zu zollen, unter Spatzenmäßigkeit eigentlich verstanden habe, wird uns nicht gesagt.

Im April 1772 lernte Goethe in Darmstadt auch die damals gefeiertste deutsche Autorin kennen, Frau Sophie von La Roche, die Jugendgeliebte Wieland’s, Verfasserin des Romans „Das Fräulein von Sternberg“, welcher zu jener Zeit so berühmt gewesen, wie nur irgend ein Roman von heutzutage sein mag, aber seine Bestimmung, d. h. sein Verschwinden im Maculaturkorb der Literarhistorie, welches ja den berühmten Romanen von heutzutage auch bevorsteht, bereits glücklich erfüllt hat. Sophie, auch ein Stück Sturm und Drang, und zwar ein schönschwarzäugiges, sehr liebebedürftiges, hatte ihre Tochter Maximiliane mitgebracht, welche etwas später einen bedeutenden Eindruck auf Goethe machte und vom Schicksal ausersehen war, einem Frankfurter Urphilister einen der größten Phantasten und eine der größten Phantastinnen, welche die Welt je gesehen, zu gebären: den Clemens und die Bettina Brentano. Endlich schwarmgeisterte und freundschaftelte in dem Darmstädter Kreise auch jener Michel Leuchsenring mit seiner ewigen Briefmappe herum, welchen Goethe unlange darauf als „Pater Brei“ in seinem also benamseten Fastnachtsspiel nicht gerade schmeichelhaft, aber desto naturwahrer abconterfeit hat, als womit er einen recht ergötzlichen Beitrag zur moralischen Krankheitsgeschichte jener Tage lieferte.

Der gute Herr Johann Kaspar hatte derweil wieder mehr als einmal Ursache gehabt, über den Herrn Sohn bedenklich den Kopf zu schütteln und zu meinen, die Juristerei müßte demselben doch von Rechtswegen die Hauptsache sein und dürfe nicht so, wie leider augenscheinlich geschah, von den Allotriis, als da seien Vagiren und Poetisiren, in den Hintergrund gedrängt werden. Der sorgsame Vater that also wieder einmal einen pädagogischen Ruck und erinnerte unsern Sausewind von Wolfgang daran, daß es Brauch für junge Juristen, eine Weile beim Reichskammergericht zu Wetzlar (bandwurmigen Andenkens!) zu prakticiren, um sich in den „Reichsproceß“ einzuschießen, was schlechterdings rathsam und nothwendig, so man sich für eine höhere juristische oder auch diplomatische Laufbahn qualificiren wollte. Dem Wolfgang lag an dieser Qualification sicherlich blutwenig oder gar nichts, aber warum sollte er dem Vater nicht den Gefallen thun? Eine Luftveränderung konnte jedenfalls nichts schaden, und er durfte ja mit Bestimmtheit erwarten, in Wetzlar einen Kreis von Altersgenossen zu treffen, welche gerade so wie er beflissen sein würden, sich in den salva venia vermaledeiten Reichsproceß einzuschießen und zu Rechtslichtern oder Diplomatiephänomenen zu qualificiren. Demzufolge finden wir den Dichter im Mai von 1772 als „Praktikanten“ in Wetzlar, wohin er seinen Götz (in der ersten Gestalt) fertig mitgebracht hatte. Es war dies so zu sagen die Einführungskarte, welche den Wolfgang in dem Kreise von richtig in Wetzlar vorgefundenen Mitpraktikanten sofort in die Mitte und um verschiedene „Fuß“ höher stellte.

Goethe’s Götz von Berlichingen ist eine jener dichterischen Kraftgeburten, welche den Aufgang neuer Epochen in der Literatur eines Volkes markiren. Das eigenste Wesen einer Nation athmet, der volle Herzschlag einer Zeit pulsirt in solchen Hervorbringungen. Es ist elementare Poesie darin, darum wirken sie mit der Macht von Naturgewalten auf die Gemüther der Zeitgenossen. Alle irgendwie Empfänglichen spüren den unwiderstehlichen Anhauch von Ursprünglichem, Eigenwüchsigem, Nochnichtdagewesenem. Alle Fühlenden finden sich erfrischt, alle Wissenden erkennen, daß der Genius ihres Landes wieder einmal wohlthätig sich geoffenbart habe. So wirkte der Götz erst auf engere und weitere Kreise, welchen der Dichter aus der Handschrift vorlas; dann, nach Veröffentlichung des Werkes, auf weiteste, auf die Nation und bald auch auf die Fremde. Erinnern wir uns zum Beispiel nur, daß einer der gesundesten und wirkungsreichsten Dichter unseres Jahrhunderts, Walter Scott, sein bewunderungswerthes Talent zuerst mit dem Goethe’schen Götz genährt hat. Es ist fernerweit eine Eigenheit derartiger Meteore der Poesie, daß vom Standpunkt strenger Kunstform manches, vieles, vielleicht sogar alles an ihnen ausgesetzt werden kann. Und das paßt nun auch auf den Götz. Denn er gibt sich für ein Drama, ist aber keins, obzwar die einzelnen Scenen von dramatischem Leben schwellen und die Charaktere mit plastisch-dramatischer Bestimmtheit sich zu und gegen einander stellen. Nein, als Drama ist das Gedicht nicht haltbar. Es fehlt der Hauptfigur an dramatischer Entwickelung: der gute Götz ist in der ersten Scene genau das, was er in der letzten ist, und umgekehrt.

Es fehlt auch die dramatische Knotenschürzung und Knotenlösung, denn die Verwickelung zwischen Weislingen, Maria und Adelheid läuft eigentlich nur episodisch nebenher und ist mit der Haupthandlung in keinen recht organischen Zusammenhang zu bringen. Aber der Götz bekommt, so zu sagen, ein ganz anderes Gesicht, wenn wir ihn als dramatisirte oder vielmehr dialogisirte historische Novelle nehmen, was ja die „Historien“ Shakspeare’s großentheils auch sind. Da haben wir denn ein ebenso ursprüngliches als echtdeutsches Werk vor uns. Echtdeutsch in seinem innersten Kern, weil der Hauptaccent auf die Freiheit der Persönlichkeit gelegt ist. Das ist die Bedeutung der Gestalt des Götz, welcher daran zu Grunde geht, daß er die Berechtigung des altgermanischen Individualismus und Particularismus den Forderungen des im Aufgange begriffenen modernen Staates gegenüber aufrecht halten will. Zugleich veranschaulicht die Götz-Figur deutlich, mit was für einer souveränen Macht unser Dichter schon im Beginne seiner Schöpferthätigkeit dem Realen den Stempel des Idealen aufzudrücken vermochte. Denn der gute Götz war in der historischen Wirklichkeit doch eigentlich nur ein ordinärer Junker, ja nicht viel besser als der nächste beste Raubritter. Sowie aber ein Strahl des Goethe’schen Genius auf ihn fiel, erschien er im Nimbus eines nationalen Helden. So ein Verklärungswunder zu thun ist das Recht des Genies. Ganz Aehnliches that z. B. Byron an seinem Sardanapal, indem er dem verrufenen Weichlinge der assyrischen Legende unsere innigste menschliche Theilnahme zu gewinnen wußte. Besonders hervorzuheben ist noch die Meisterschaft, womit im Götz die Volksscenen greifbar realpoetisch behandelt sind. Wie diese Bauern, Wirthe, Soldaten und Zigeuner vor unseren Augen leben und weben! Unser Dichter hat so etwas nur noch im „Egmont“ und in „Hermann und Dorothea“ wieder erreicht. Auch Stimmung und Ton der Sturm- und Drangzeit, wie sie zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts waren, sind prächtig getroffen, und was den Stil angeht, so hat derselbe die Sprache der Kraftgenieperiode des achtzehnten Jahrhunderts zu classischer Unvergänglichkeit ausgeprägt. Aus alledem erhellt, daß und wie elektrisch der Götz bei seinem Erscheinen in die Gemüther der Zeitgenossen einschlagen mußte. Hier war, was mehr oder weniger alle Gebildeten der Nation bewegte, bedrängte, bestürmte, durch einen Auserwählten mit hinreißender Kraft und Gewalt ausgesprochen. Hier war der allgemeine Freiheitstrieb, welcher in der Gesellschaft von damals gohr, mit der nationalliterarischen Emancipationstendenz genialisch verbunden. Von jeder Seite der Goethe’schen Dichtung rief es den Deutschen zu: „Ihr seid etwas, Ihr könnt etwas! Habt nur den Muth, etwas zu wollen!“ Lessing’s „Minna von Barnhelm“ war der Morgenstern, Lessing’s „Emilia Galotti“ das Morgenroth unserer großen Literaturperiode; mit dem Erscheinen von Goethe’s „Götz“ aber hob sich die Sonne unserer Classik am Horizont empor. [292]

Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
Von Dr. Hugo Müller.


Wie viele Schriftsteller haben nicht bereits das innere Getriebe des Theaters, das Leben hinter den Coulissen in den Bereich ihrer Feder gezogen, wie vielen Romanen, Novellen, Humoresken, Feuilletons etc. gab dieses willkommene Thema Nahrung! Der größere Theil der Leser hat sich daran ergötzt und das ihm interessant Geschilderte gläubig für baare Münze genommen – nur der Künstler selbst schüttelte bei dieser Art Lectüre zumeist den Kopf, weil es ihm unfaßbar erschien, daß man mit so großer Unkenntniß der Verhältnisse dieselben so sicher zu zeichnen unternähme. Auf der zweiten, dritten Seite fielen ihm bereits die entschiedensten Fehler bei Beurtheilung und Behandlung aller technischen Verhältnisse des Theaters in die Augen, und er fragte sich erstaunt, wie es möglich sei, das Alles so unbefangen dem Publicum aufzutischen. Der Grund liegt jedoch sehr nahe: man ist gewöhnt, mit den Schauspielern ohne Umstände zu verfahren, und wo man bei jedem andern Stande vier, fünf Mal vorsichtig nachfragt, ehe man eine Behauptung aufstellt, da spricht man bei uns frischweg ab; es kann ja nichts Uebles daraus entstehen! Der Oeffentlichkeit exponirt, sind wir gewohnt, nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt zu werden.

Ich weiß nicht, welcher geistreiche Kopf das Princip verkündet hat: „wer in der Oeffentlichkeit steht, muß sich jedes Urtheil und jede Anschauung gefallen lassen“; es wäre vergebliche Mühe einen logischen Schlüssel für diese Auffassung zu suchen, aber die scandalsüchtige Welt hat diesen Grundsatz adoptiert und somit wird er tagtäglich, namentlich von der kleinen Presse, an uns ausgeübt, gleichviel wie viel Jammer, Elend, Familienunglück etc. dieser Cultus des Waschfasses im Gefolge trägt. Mir ist ein Schriftsteller bekannt, der eine vorübergehende Liaison mit einer Dame vom Theater hatte; die Verbindung löste sich, wahrscheinlich aus Gründen, welche die Dame verschuldet. Aus Rache schrieb er einen Roman, der große Verbreitung fand, indem er den ganzen weiblichen Künstlerstand kurzweg als Canaille schilderte. Ein anderer mir bekannter Schriftsteller hatte ein Stück zur Aufführung gebracht, das er für gut hielt. Das Publicum war anderer Meinung und pfiff es aus. Empört schob er, wie in solchen Fällen gewöhnlich, alle Schuld auf die Darsteller und läßt seitdem keine Gelegenheit vorübergehen, die Schauspieler in seinen Artikeln für dumm, unfähig und lächerlich zu erklären.

Nach solchen Vorkommnissen scheint es in der That nicht unangebracht, wenn ein ganz parteiloser, seit achtzehn Jahren inmitten der zu schildernden Verhältnisse lebender Mann es unternimmt, dem Publicum, das gern hinter die Coulissen blicken möchte, die Wahrheit zu sagen, und zwar im Gewand des heitern Humors und des bittern Ernstes.

Unsere Verhältnisse können begreiflicher Weise nicht mit altbürgerlicher Elle gemessen werden, und in diesen Skizzen wird Manches enthalten sein, was weder für prüde Heilige, noch für Pensionskinder geschrieben ist, aber derartige Rücksichten können bei Besprechung einer solchen Frage auch unmöglich mitreden. Wo es absolut nothwendig sein wird, die schlimme Wahrheit zu sagen, wird es geschehen ohne bitteren Zusatz, denn ich kenne nichts Verächtlicheres, als eine Kritik, welche die Strenge mit Hohn und hämischer Gesinnung paart. Meine Collegen, die diese Blätter lesen, werden am besten zugeben können, daß, was ich hier dann und wann unter dem Geläute der Schellenkappe vorführe, keinen Exceß nach irgend einer Richtung enthält und daß es mir nur darum zu thun gewesen ist, das lesende Publicum davon überzeugen, daß unser Stand zwar einzelne schlimme, meist aber nur harmlose und humoristische Auswüchse aufzuweisen hat, die man uns schon dem Werth der Kunst gegenüber zu gut halten kann.




1. Regie-Freuden und Leiden.

Die zehnte Stunde hat geschlagen, diese Normalstunde der Proben an allen soliden Theatern. Eifrige Novizen sind bereits auf der Bühne versammelt; sie können den Moment nicht erwarten, in dem sie sich reden hören und agiren sehen dürfen. Andere, von diesem Verlangen bereits Abgekühlte sind noch auf dem Wege zu Thaliens Hallen, denn sie wissen, daß ihnen in Anbetracht der großen Entfernungen eine Respectsfrist von zehn Minuten vergönnt ist; wieder Andere befinden sich um dieselbe Zeit noch bei der Toilette, fluchend über den unanständig frühen Probetermin und in Gedanken die Strafe berechnend, mit der die voraussichtliche Versäumnis ihre Casse schädigen wird. Der Herr Regisseur, begreiflicher Weise ein Mann der Pünktlichkeit, steht seit dem Schlage Zehn auf seinem Posten und verkürzt sich die Respectsminuten durch Instructionen an Theatermeister, Decorateure, Garderobiers und den Souffleur, besonders an Letzteren.

„Lieber Sendelmayer, Sie wissen, wir haben heute die letzte Probe; nicht so laut, nicht so laut, die Herrschaften können ja ihre Rollen.“

Sendelmayer nickt zustimmend mit dem Kopfe; aber indem er sich in seinen Orcus zurückbeugt, überfliegt ein diabolisches Lächeln seine Züge und mit dem Streichen seines Backenbartes scheint er anzudeuten, daß seine Ueberzeugung mit der seines Chefs nicht Hand in Hand gehe. Der Herr Regisseur ist ein feiner jovialer Mann in den besten Jahren, in Kunst und Leben gleichmäßig zu Hause, beiden gleich ergeben und ängstlich darauf bedacht, keinen der beiden Theile durch zu übertriebenen Verkehr mit dem andern zu verletzen. Er liebt ein gutes Stück, einen guten Künstler so aufrichtig, wie einen alten gezehrten Bordeaux, und ein schlechter oder fauler Schauspieler ist ihm so zuwider, wie eine Flasche Sekt, die nach dem Korken schmeckt. Er ist stets darauf bedacht, guten Ton walten zu lassen, sich mit Allen „gut zu stehen“ und jede Uneinigkeit, jedes Gezänk, jede Rohheit zu verhindern, wobei tausenderlei Rücksichten, die er nach oben zu nehmen hat, diese löbliche Absicht in ihrer Ausführung erschweren. Aber er ist bei alledem zufrieden und kommt bei seiner Philosophie niemals zu dem wehmüthigen Ausruf „Diem perdidi!“

Die zehn Minuten sind verstrichen; mit geübtem Strategenblick mustert der Regisseur das inzwischen angewachsene Häuflein und erkennt sofort Mehrere, „die nicht da sind“, darunter Fräulein Heloise, die bei Hofe eingeführt ist und in den ersten Familien der Aristokratie Bilder stellt, Gründe genug, der Dame nichts Verletzendes zu sagen, oder sie gar in Strafe zu nehmen. Er giebt also noch fünf Minuten Galgenfrist, die er jedoch, um es nicht auffällig zu machen, in höchst politischer Weise durch Privatgespräche mit seinen Collegen ausfüllt.

„Guten Morgen, Lehmannchen, altes Haus, wie geht’s Euch denn?“ begrüßt er den Heldenvater, dessen feiste Schultern klopfend und erhält sogleich die geistreiche Antwort: „Ich danke Euch, so so!“

Die Anrede „Ihr“ ist nämlich bei den älteren Mimen, denen aus der sogenannten guten Zeit, noch sehr beliebt und gebräuchlich; die jüngere Generation hat, Gott sei Dank, diesem schauderhaften Brauch entsagt.

„Na, Fritzchen,“ wendet er sich zum jugendlichen Liebhaber, „wie war der Bube gestern Abend? kleines Six durchgebracht?“

„Ach, reden Sie schon gar nicht davon!“ lautet der Bescheid und die krausen Falten auf Romeo’s Stirn geben ein treues Spiegelbild von denen seines Portemonnaies.

Inzwischen ist auch Fräulein Heloise eingetroffen und schwebt sogleich mit unnachahmlicher Grazie auf den Regiestuhl los, dem gestrengen Vorgesetzten drei ihrer Lilienfinger entgegenstreckend, zu welchem Behuf sie den Handschuh bereits auf der Treppe ausgezogen hat. „Mille pardons,“ haucht sie, wenn ich warten ließ, aber ich bin mit entsetzlichen Kopfschmerzen aufgewacht.“ Der Regisseur küßt jeden der drei Lilienfinger einzeln und versichert mit zärtlicher Devotion, daß das nichts ausmache. Während Heloise sich wendet, wirft sie ihm noch die geflügelten Worte zu: „Ich war gestern Abend bei Hofe; Serenissimus sprach sich außerordentlich günstig über Sie aus, – ich glaube – ich glaube – –“ ein Lächeln einerseits, ein Augenleuchten andererseits – große Geister verstehen sich – noch ein Händedruck, und Heloise verschwindet hinter den Coulissen. Der Ernst des Lebens beginnt; der Regisseur nimmt die kleine Amtsmiene an (er kann sie erforderlichenfalls durch drei Potenzen steigern) und winkt dem [293] Inspicienten. Dieser läutet mit der Glocke, deren schauriger Klang durch die Lüfte den zu spät Kommenden verkündet, daß sie den Rachegeistern verfallen sind, und die Probe nimmt ihren Anfang.

Das Stück, eine Novität, ist der altgriechischen Geschichte entlehnt und spielt in Athen; es hat in hohen Kreisen vielfach Recommandation gefunden, und bei Hofe ist der Wunsch laut geworden, es auf der Bühne zu sehen, Grund genug für den Regisseur, dasselbe seinen Collegen und dem Publicum gegenüber als ein höchst anziehendes und originelles Product zu schildern, dessen Verfasser ein vielversprechendes Talent bekunde, um so mehr, da er ganz eigene Vermuthungen über die Lebensstellung des Autors hegt. Seine Wirthin soll dagegen einem Collegen verrathen haben, daß er sich in seinen vier Wänden öfters vor dem Manuscript bekreuzigt habe. Genug, der erste Act beginnt, nach der Antikenschablone mit einer Scene zwischen dem Helden und dem Vertrauten. Der Held, Herr Mayer, ein schöner Mann von vierzig Jahren, der Alles noch immer sehr gut zu „arrangiren“ weiß, tritt auf. Unglücklicherweise hat er von Jugend auf seine Carrière zumeist seinem Aeußern zu danken gehabt, und da nach seiner innersten Ueberzeugung dieses noch nicht entfernt gelitten hat, so ist ihm auch in späteren Jahren nicht in den Sinn gekommen, daß zur Kunst der Darstellung noch einige andere kleine Requisiten, zum Beispiel die Fähigkeit zu lernen, erforderlich sind. Er beginnt:

„Das ist der Tag, der endlich mich zurück
Zur Heimath führt, die ich so lang entbehrte;
O fühlst du mit mir, wie ein heil’ger Strahl
Von – –“

„Na, von was denn? Schlafen Sie denn, Sendelmayer?“ knirscht der vierzigjährige Adonis.

Sendelmayer taucht mit seiner allerdings verschlafenen Physiognomie aus der Tiefe des Acheron auf und giebt mit etwas schwerer Zunge zu verstehen, daß er auf höchstes Geheiß heute nicht souffliren dürfe, da der Herr Regisseur der Ueberzeugung sei, daß die Herrschaften ihre Rollen könnten, und er als Untergebener auf die Ansicht seines Vorgesetzten schwören müsse. Ein tiefinneres Wohlbehagen leuchtet dabei aus seinen Blicken.

Es entsteht eine längere Disputation, – Mayer contra Sendelmayer! Der Herr Regisseur schlägt den Hemdkragen um; seine Amtsmiene, durch zwei Stirnfalten vermehrt, droht den Weg zur zweiten Potenz einzuschlagen, und der Kalauer „die Woche fängt gut an“ tritt zwar auf seine Zunge, aber nicht über seine Lippen – dazu ist er zu gesittet! Endlich ermannt er sich zu der Bemerkung: „Aber, lieber Mayer, Sie können doch unter keinen Umständen verlangen, daß Ihnen auf der letzten Probe noch jedes Wort soufflirt werden soll?“

„Das verlange ich auch gar nicht, alter Freund; ich kann Gott sei Dank stets meine Rollen, aber der Anschlag, der Anschlag, das ist es, was ich beanspruchen darf, den verlange ich scharf! Und dann die Verbindung, den Mittelsatz, das ist es, wo die meisten Souffleure hapern und nicht begreifen wollen, daß da der Kern der Rede liegt; ebenso mit dem Schluß, wenn mir der nicht deutlich gebracht wird, wie soll ich dann wissen, ob ich zu Ende bin oder nicht? ich bin ja im Stande, weiter zu reden! Weiter verlange ich nichts – im Uebrigen kann er schweigen!“

Der Regisseur schlägt den Hemdkragen wieder in die Höhe. Ein Lächeln umzuckt die schmalen Lippen; der Philosoph in ihm hat gesiegt, und sein physiognomischer Ausdruck wird auf die „kleine“ Amtsmiene zurückgestellt. Sendelmayer, dem Mayer mithin klar gemacht, daß er die Dreieinigkeit als Grundlage des Bestehenden betrachte, brüllt Anfang, Mitte und Schluß gleich einem losgelassenen Stier. Mayer erklärt befriedigt, daß dies das Richtige sei.

Fräulein R. tritt auf, eine interessante Blondine von distinguirten Manieren, bis auf’s Aeußerste nervös und eine vortreffliche Darstellerin sentimentaler Rollen; deshalb liebt sie der Regisseur auch in gewissem Sinne, obwohl ihm sonst ihre Manieren odiös sind. Seitdem sie nämlich vor Jahren einen leider nicht realisirten Heirathsantrag von einem damals hier lebenden Pariser gehabt, hat sie ihre Muttersprache nicht mehr lieb und cultivirt mit besonderer Neigung ein etwas zweifelhaftes Französisch, läßt auch mitunter durchblicken, daß sie die Absicht habe, sich ganz der französischen Bühne zu widmen. Der Herr Regisseur ist aber ein großer Patriot und kann das nicht leiden.

„Nur um Gotteswillen nicht souffliren!“ ruft sie sofort dem Beherrscher der Unterwelt entgegen, „es macht mich nervös, wenn ich meine Worte immer voraus höre!“

Sendelmayer dankt mit einem vergnügten Lächeln für diese Aufforderung und wirft Mayer einen Blick zu, in dem deutlich geschrieben steht: „Dagegen sind Deine Nerven gleich Schiffstauen, mit Drähten umsponnen.“

Fräulein R. spricht sehr leise, fast unverständlich, so daß die sich gegenseitig überdonnernden Mayer und Sendelmayer einen seltsamen Contrast dazu bilden. Der Regisseur fängt wieder an, unruhig zu werden, er versucht jedoch, seine Aufregung zu bemeistern, und gebraucht seinen bewährten Blitzableiter in solchen Fällen, die goldene Dose mit dem Namenszuge Serenissimi in Brillanten.

Er haucht die Brillanten an, um sie dann mit seinem Taschentuche zu putzen und im Widerscheine der Souffleurlampe tausend bunte Lichter spielen zu lassen, wobei er zum zweihundertsten Male den reellen Werth derselben in Gedanken abschätzt. Dieses kindliche Vergnügen unterhält ihn längere Zeit so angenehm, daß die Liebesscene vor seinen Augen vollständig in Nebelferne entrückt wird und nur ein ganz besonders kräftiger Accent Mayer’s ihn wieder in’s Leben zurückführt.

„Auf die Art bekomme ich ja nicht einmal das Stichwort zu hören,“ donnert Mayer; „ich muß bitten, daß laut und deutlich probirt wird.“

„Mein liebes Fräulein,“ vermittelt sogleich der vorsichtige Regisseur, „in der Sache selbst hat Herr Mayer nicht so ganz Unrecht, obwohl ich die Art und Weise, wie er sich ausdrückt, entschieden ablehnen muß.“

Fräulein R. wird natürlich von einem nervösen Zittern befallen und entgegnet in ihrem weichsten Louisen-Tone, mezza voce mit Thränentremolando: „Mon Dieu, wenn ich heute Abend die anstrengende Rolle spielen soll, so muß ich mich den Tag über schonen dürfen, oder die Vorstellung muß verschoben werden. Auch habe ich gestern so traurige Nachrichten von Paris bekommen, daß ich tout à fait dissipée bin!“

„Himmeldonnerwetter!“ kaut der Herr Regisseur in seinen schönen Schnurrbart, „sieben Jahre ist die Geschichte nun schon her, und noch ist der Sparren nicht curirt!“ Etwas lauter fügt er hinzu: „Ich bedaure von Herzen Ihre unliebsamen Beziehungen zu unserem westlichen Nachbar, aber im Interesse des Ganzen wäre es doch wünschenswerth, wenn Sie ein Bischen mehr bei der Sache blieben. Sie wissen, wir haben ein sehr kritisches Publicum, und der Herr Rath hat neulich nicht gerade günstig über Sie geschrieben.“

Das Wort zündet; die Wangen der Zartblondine glühen auf wie ein schwedisches Streichholz „utan svafvel och phosphor!“; sie vergißt plötzlich das linke Rheinufer und entpuppt sich als echte Germanin mit den Kraftworten: „Der Esel soll über mich schreiben, was er will!“

„Aber, mein geehrtes Fräulein,“ bemerkt mit der nun vollständig gesteigerten Amtsmiene der Regisseur, „ich muß ernstlich bitten, nicht in solchen Ausdrücken sich gegen einen unserer bedeutendsten Journalisten und Kritiker ergehen zu wollen!“

„Ach was, wenn er über mich schimpft, kann ich auch über ihn schimpfen!“

Von dieser überwältigenden Logik, gegen die sich auch nicht das Geringste erwidern läßt, niedergebeugt, verbirgt der Regisseur die Hälfte seines Antlitzes hinter der Dose und läßt in der Probe fortfahren. Inzwischen hat der kleine Auftritt neugierige Gruppen in alle Coulissen gelockt und eine allgemeine Zufriedenheit über Fräulein R.’s kühne Worte macht sich in Reden und Geberden bemerklich. Es zeichnen sich darin namentlich drei in dem letzten Referat des Herrn Rath stark „Verrissene“ aus. Die erste Mutter verspricht, Fräulein R. ein Sophakissen zu sticken, der Komiker proponirt scherzend einen Fackelzug und der jugendliche Liebhaber nimmt sich vor, ihr nach der Vorstellung die Droschke auszuspannen! Plötzlich stockt Mayer, jedoch nicht durch die Schuld Sendelmayer’s, der nach wie vor brüllt und schnauft, wie ein vom Dampf getriebener Blasebalg; er ist nämlich an folgende classische Stelle gekommen:

[294]

„Es naht Eutomina, die Sclavin! Sprich,
Was bringst Du, treue Dienerin des Hauses?“

Indeß, es erscheint keine Eutomina! Mayer, dem die zwei Zeilen glücklich im Gedächtniß haften geblieben sind, wiederholt sie mit besonderer Vorliebe drei Mal in stets wachsender Stimmlage, so daß die letzte „Eutomina“ den Eindruck des dröhnenden Donners macht, der unmittelbar einem Einschlage zu folgen pflegt. Aber selbst diese lufterschütternde Wirkung vermag keine Eutomina herbeizuzaubern, und Mayer, der sich nebenbei für einen großen Humoristen hält, bricht in die Worte aus: „Es scheint, daß Eutomina wegen Mangels an Anwesenheit Nichts bringt.“ Er glaubt damit einen ungeheuren Witz gemacht zu haben und bricht in ein Gelächter aus, daß die alten Prospecte zu tanzen und zu wackeln beginnen. Niemand der Umstehenden theilt seine Ansicht. Der Herr Regisseur hat sich inzwischen durch Einblick in das Regiebuch davon überzeugt, wer von dem darstellenden Personal mit dieser Eutomina behaftet ist, und herrscht demzufolge den Inspicienten mit der Amtsmiene Nr. 3 an: „Wo ist denn Fräulein Lampe? – warum rufen Sie dieselbe nicht?“

Der Inspicient, der wie neunzig Procent seines Zeichens ein schnoddriger Berliner Junge ist und bei seinen Antworten sich stets so zu stellen weiß, daß ihm ein möglichst schneller Rückzug gesichert ist, steckt die Hälfte seines Kopfs durch die Prospectthür und entgegnet: „Madame Aronsohn ist noch nicht da!“

Ein schallendes, einstimmig angestimmtes Gelächter belohnt den Einfall des sarkastischen Burschen. Der Regisseur, der solche Scherze zwar im Wirthshause, aber nicht auf der Bühne liebt, untersagt ihm dergleichen Ausfälle auf’s Entschiedenste. Der Inspicient, durch die vorherige Beifallsbezeigung ermuthigt, versichert, daß er annehmen müsse, daß Fräulein Lampe die Gemahlin des Baron Aronsohn sei, da sie an seinem Arme ginge und in seiner Equipage führe. Erneute Freudenbezeigungen der versammelten Collegen und Colleginnen – der Herr Regisseur, der seinen Hemdkragen schon wieder umgeschlagen hat, bekommt ein Zinnobercolorit und will sich eben zu einer längern Rede über den Respect, den man den der Kunst geweihten Räumen schulde, anschicken, als diese pathetische Scene durch die Ankunft von Fräulein Lampe abgeschnitten und die Nachwelt um einen gediegenen Vortrag beraubt wird. Daß Fräulein Lampe nach allem Vorhergegangenen sich keines besondern Willkommens erfreuen dürfte, stand zu erwarten; doch hält unser Regisseur auch in diesem kritischen Moment Tact und Anstand aufrecht und sagt nur mit einer Miene, marmorn und eisig, wie die des steinernen Gastes: „Es ist elf Uhr vorüber!“

Fräulein Lampe, die inzwischen dreimal mir ihrer Schleppe hängen geblieben ist, entgegnet mit schrillem Tone, der in jeder Silbe das Bewußtsein der „guten Situirung“ durchblicken läßt: „Ich kann nicht dafür; unser Sattelpferd lahmt!“

„Aha, – unser?! Hatte ich Recht, Herr Regisseur?“ ertönt es aus dem Munde des Inspicienten, der sofort wieder hinter der halb geöffneten Prospectthür verschwindet.

„Was geht mich Ihr Marstall an!“ erwidert der Regisseur, mit einem Griff den Hemdkragen emporschleudernd und unheimliche Blicke über den Nasen-Kneifer sendend.

„Uebrigens,“ flötet Fräulein Lampe weiter, „was ist da weiter zu reden! Nehmen Sie mich in Strafe und damit gut!“

Das ist nun allerdings selbst unserm Apostel der Sanftmuth und des Anstandes zu viel; mit unnachahmlicher Majestät erbebt er sich vom Sitze, und das redliche Kunstgefühl, das die eigentliche Grundbasis seines Innern bildet, macht sich Luft.

„Mein Fräulein,“ donnert er, „es handelt sich hier nicht um die Strafe, die Sie freilich wenig drücken würde, wie mir bekannt ist, es handelt sich um die Beleidigung, die Sie Ihren gesammten Collegen nun schon zum so und so vielsten Male anthun, die doch, weiß Gott, nicht dazu da sind, regelmäßig auf eine Künstlerin Ihres Ranges zu warten.“

„Oho!“ entgegnete Fräulein Lampe, während ihr allerdings hübsches, aber breit und ausdruckslos angelegtes Gesicht sich in eine recht ordinäre Larve verwandelt, „ich wußte nicht, daß hier eine Rangliste für die Künstlerinnen existirt; übrigens gehen meine Privatverhältnisse Niemanden etwas an!“

„Darin haben Sie Recht,“ bemerkt der Herr Regisseur, der bereits fühlt, daß er sich weiter hinreißen ließ, als es der gute Ton gestattet; er zergliedert sie in Folge dessen mit eisiger Kälte folgender Gestalt: „Ich bekümmere mich freilich nicht um die Privatverhältnisse meiner Collegen und Colleginnen; ich wäre der Letzte, der einem Mädchen eine Herzensbeziehung zum Vorwurfe machen würde; im Gegentheil, ich würde es Jeder verdenken, die, mit ehrlicher Neigung im Herzen, ihre Jugend vertrauern wollte; aber diese Sorte von Dämchen, die sich seit einiger Zeit so breit beim Theater macht, die eine mindestens zweifelhafte Vergangenheit mit einer Flucht in die Hallen der Kunst abschließen will, diese Damen mit dreihundert Thalern Gage und zehntausend Thalern Brillanten sollten doch wahrlich selbst einsehen, daß sie der Kunst nicht gerade zur Ehre gereichen, und wenn sie schon geduldet werden müssen, sollten sie am allerersten die Pflicht des Anstandes und der Ordnung erkennen. Sie werden also nicht nur Ihre Strafe zahlen, sondern auch Ihre gesammten Collegen um Verzeihung für Ihr beleidigendes Benehmen bitten!“

„Das werde ich gewiß nicht thun!“

„Das werden Sie thun, so wahr ich hier Regisseur bin! Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit; alsdann wird der Herr Intendant ein Wort mit Ihnen reden!“

„Na dann!“ lacht Fräulein Lampe, schluckt jedoch die beabsichtigte Bemerkung vorsichtig herunter. Ein infernalischer Zug belebt plötzlich das geistlose Gesicht; man sieht, es ist ihr ein böser Gedanke durch’s Gehirn gefahren. Und so ist es auch; sie hat in diesem Augenblick beschlossen, Rache zu nehmen. Rache ist ein Gericht, das, nach Talleyrand, kalt verzehrt werden muß: sie wird also die Speise abkühlen lassen, bis sie nach Hause kommt; dann aber wird ihr Freund Aronsohn, der rechts einen Höcker und links zwei Millionen trägt, sämmtliche Wechsel des Regisseurs aufkaufen und ihn finanziell ruiniren. Fräulein Lampe schweigt mithin und probirt weiter. Abermals haben sich in allen Coulissen Gruppen Neugieriger gebildet, und ein Gemurmel der Zufriedenheit durchläuft ihre Reihen; selbst die so schwer zu befriedigenden Männer stecken die Köpfe zusammen und resümiren deutlich: „Es ist doch ein famoser Kerl!“ Fräulein Heloise schwebt mit den Elfenfüßchen zum zweiten Male zum Regiestuhle, reicht die drei Finger zu zärtlichem Drucke, legt die Hand auf’s Herz und verschwindet, wie sie gekommen. Fräulein R., die auf der Probe einen ständigen Schmollwinkel in der ersten Coulisse gepachtet hat, wirft ihm ihren wärmsten Gretchenblick zu und seufzt ziemlich vernehmbar:

„O daß mich’s ewig daran mahnen muß,
In meinem Frankreich war’s doch anders!“

Fräulein Lampe ist nach höhnischer Verbeugung mit dem lahmen Sattelpferde abgefahren; es tritt Ruhe ein. Mayer hat einen ganzen Act Nichts zu thun; der Regisseur athmet auf und streichelt seine erschütterten Ohren; Sendelmayer lehnt sein müdes Haupt zurück und entschläft sanft, nur von Zeit zu Zeit aus der Versenkungstiefe ein Fläschchen Lethe an die trocknen Lippen führend. Die übrigen Herrschaften haben sämmtlich ihre Rollen inne, nur selten giebt es Etwas zu erinnern, und Jeder folgt bereitwillig den Intentionen des kunstverständigen und praktischen Regisseurs. Er ist glücklich – ihm ist rosenroth und goldgelb zu Muthe. Nur eine Prüfung hat er noch zu überstehen, und sie tritt näher und näher an ihn heran; es ist die Schlußscene des zweiten Acts, in der Herr von Petrutzky auftritt, der Charakterspieler. Herr von Petrutzky gehört zu der großen Kategorie der heutigen Mimen, die sich aus eigener Souverainetät den Adelsbrief ausgestellt haben, und da seit Dawison, dessen einziger Nachfolger und Erbe zu sein Herr von Petrutzky selbst in allen Theaterzeitungen unumstößlich feststellt, alle großen Charakterdarsteller Nichtdeutsche sein müssen, so kennzeichnet er sich als einen edlen Sarmaten, obwohl er aus einer ganz ehrbaren westpreußischen Bürgerfamilie stammt, nicht eine Silbe slavisch versteht und in die bitterste Verlegenheit gerathen würde, wenn ihn auch nur ein polnischer Jude als Landsmann begrüßen würde. Diese allerdings immer mehr um sich greifende Sucht ekelt unsern Regisseur im Innersten an und mit Recht; man sollte diese Patrone, die ihr Deutschthum verleugnen wollen, während ihnen die deutsche Kunst das Brod der Existenz gewährt, überall mit der Verachtung behandeln, die ihnen gebührt.

Herr von Petrutzky ist natürlich unfehlbar; er hat festgestellt, [295] und Jeder kann es gedruckt lesen, daß er der einzige Shakespearekenner und -Interpretator unter den versammelten Mimen Europas ist. Was ist dem gegenüber anzufangen!? Für jede Anordnung des Regisseurs hat er nur ein vornehmes Mitleidslächeln, um schließlich Abends doch zu thun, was er will; der Regisseur hat es deshalb auch längst aufgegeben, ihm Etwas zu sagen, und läßt ihn „in Geduld über sich ergehen“.

„Der kommt nicht mehr,“ sagt dagegen der große Petrutzky, „den habe ich klein gekocht, wie wir Polen sagen!“ Auf die Bemerkung des jugendlichen Liebhabers, daß es ihn interessire dieses Sprüchwort in der Ursprache kennen zu lernen, dreht sich Petrutzky um und beginnt von anderen Dingen zu sprechen. Der Charaktermime legt los; unser Regisseur windet sich, wie ein Aal in den Händen der Köchin, unter den haarsträubenden Cäsuren und Accentuationen; er betrachtet es aber als eine, und zwar eine der größten zeitlichen Bußübungen für seine zahlreichen Jugendsünden, und nach jeder Probe kommt er sich nun um so und so viel entsühnter vor.

Auch Petrutzky hat endlich ausgerungen – wieder ein Schritt näher zur Vollendung, aber „die Todten reiten schnell!“ Im dritten und letzten Act erscheint eine gefangene Phönicierin, die ungefähr drei bis vier Sätze zu sprechen hat. Leider ist die Repräsentantin dieser Rolle Morgens erkrankt, und man hat daher Fräulein Zellenhuber, die erste Soubrette von der schönen blauen Donau, ersucht, die Rolle zu übernehmen, um die Vorstellung zu ermöglichen. Die gutmüthige Wienerin hat sogleich zugesagt, aber der fünffüßige Jambus ist ihr ein böhmisches Dorf. So gleicht ihre Recitation der Fahrt über einen jener seligen Knüppeldämme, die uns in unserer Jugend so wohlthätig die Eingeweide durcheinander geschüttelt. Der Regisseur fügt sich in männlicher Entsagung und denkt mit Caspar im „Freischütz“: „So etwas sieht ein Gescheidter gar nicht!“ – Plötzlich aber schlägt das Wort „These-us“ an sein Ohr. Wie gestochen springt er empor: „Verzeihung, mein Kind, es heißt Theseus!“

„I bitt’,“ entgegnet das Fräulein, „es heißt These-us! – Meinen’s, daß i nix g’lernt hab? Mei Vada war Oberlieutenant und i bin in einer errschten Wiener Pension erzog’n wor’n. Da ham mer einen Lehrer g’habt, der uns das Oldgrichische beig’bracht hat, und der hat alleweil These-us g’sagt, und dös sag i aa.“

„Bei uns sagt man aber Theseus, Ihre Ansicht mag ja die richtige sein, aber ich muß schon bitten, sich den norddeutschen Gebräuchen zu fügen.“

„Dann lassen’s mich überhaupt aus mit den ganzen Roll’n! Was hab’ i in a so’nem Schmarr’n zu thun; anblasen thun’s mi doch nur! Geben’s Acht, der Lieutenant von Prittwitz da unten in der Logen, wann der mich sicht in grichchischen G’wandel, da fangt er glei zum Singen an: Aber so classisch, classisch, classisch nicht wie wir! Er sagt, es giebt nur mehr ein Stück und dös is die Galathee, weil i darin in der Tunique komme!“

„Aber, mein geschätztes Fräulein, das gehört ja gar nicht hierher; wir sprechen ja vom Theseus!“

„Hol ihn der Deixel und die ganze dalkete Rollen! I kann des nit, dös kann man net von mir verlang’n.“

Fräulein Zellenhuber beginnt zu weinen; Mayer zuckt vornehm die Achseln; der Regisseur wünscht im Innern, daß Griechenland, namentlich das alte, in’s Pfeffergebiet verlegt werde. Endlich gelingt es Fräulein Heloise, die im Leben eine große Freundin der Wienerin ist, Letztere zu beruhigen, und unter vereinzelten Nachschluchzern reitet sie glücklich den Knüppeldamm bis zu Ende. Auch dieser Sturm ist abgeschlagen, die Kräfte unseres Regisseurs fangen aber an, zu erlahmen. Nach einer Scene, die Fräulein Heloise mit einem jungen Anfänger gespielt, sagt er in verbindlichster Weise zu ihr: „Mein liebes Fräulein, Sie machen wohl die Scene mit dem jungen Mann noch einmal, bitte, achten Sie ein wenig auf ihn und unterweisen Sie ihn, wo es nöthig ist! Ich muß einen Augenblick auf’s Büreau!“

Damit verschwindet er. Scharfsinnigeren Beobachtern würde es nun freilich nicht entgehen, daß dieses Bureau die am Ende des Logenganges befindliche Restauration ist, wohin der dramatische Scepterschwinger seine Schritte lenkt, um den leidigen Adam zu stärken. Dasselbe herzliche Wohlwollen, dasselbe tiefinnige Verständniß, das er noch vor wenigen Minuten seiner Kunst und seinen Collegen bewiesen, trägt er jetzt einer Pastete und einem Glase alten Portweins entgegen, und die befriedigten Gourmandwinkel an seiner Lippe sprechen deutlich: „Jedes Ding zu seiner Zeit!“ Auf die Frage des Conditors: „Wie wird’s heute Abend?“ entgegnet er selbstverständlich: „Vortrefflich! gutes Stück! großes Talent!“ – denn er weiß, daß der Conditor das im Lauf des Nachmittags sämmtlichen Gästen erzählt, und unter diesen befindet sich der Hofmarschall nebst einigen Kammerherren von Dienst. Einer davon ist entschieden nach seiner Ansicht der Autor! Gestärkt tritt er den Rückweg an, die Tragödie liegt in den letzten Zügen; er hat nur noch Mayer’s Tod vor sich, der allerdings ohne vorangegangene Magenstärkung nicht zu überwinden gewesen wäre, also nur Muth. Auf dem Corridor steht Fräulein Zellenhuber; er geht stolz und gekränkt an ihr vorüber; die gute Seele aber, die Alles vertragen kann, nur keinen „Remasuri“, eilt ihm nach, zerrt ihn am Arm zurück und plauscht in ihrem verführerischen und reizenden Oesterreichisch:

„Geh’st her, bist noch bös, Buzi? Schau, die Susi is halt a Krauskopf und redt’ manchmal dumm daher, aber sie meint’s net so. I wer’ Dir auch heut Abend den Theseus und all’ die griechischen Trotteln bringen, wie’s Du’s willst, nur sei wieder gut! Geh’ her, ich geb Dir aa ’n schön’s Busserl!“ Damit drückt sie ihre frischen schwellenden Lippen herzhaft auf die seinigen und fliegt davon, wie eine Gazelle. Der Herr Regisseur streicht wohlgefällig seinen Schnurrbart und beschließt, die Susi öfter zu kränken, damit er öfter Gelegenheit habe, so angenehme Versöhnungsscenen feiern zu können. „Regiesporteln“ nennt man das in der Kunstsprache! Die Probe geht zu Ende. Mayer ist „hurtig mit Donnergepolter“ eines sanften Todes verblichen. Man drängt von allen Seiten zum Schluß; rechts und links werden Uhren auf und zu gekappt.

„Die Kinder müssen zur Schule,“ seufzt der Heldenvater.

„Wenn die Gans anbrennt, krieg’ ich einen Höllenlärm von meinem Mann; der ist Bassist und kann nie begreifen, warum die Proben im Schauspiel so lang dauern,“ jammert die Anstandsdame.

Unseres Regisseurs Sehnsucht steht endlich auch auf Schluß, und nachdem er Mayer im Triumph hat abtragen und eine natürliche Ermahnung zum nochmaligen Durchlesen der Rollen hat ergehen lassen, spricht er die heißersehnten Worte aus: „Ich danke, meine Herrschaften; die Probe ist beendet!“

Allgemeiner stürmischer Aufbruch. Beim Passiren der Treppe ertheilt er noch hie und da kleine Winke, als da sind: „Nur nicht zu zaghaft, Fräulein! – nicht überstürzen, lieber Schulze! – mehr Mienenspiel, bester Müller!“ etc etc. An der Thür angelangt, küßt er Fräulein Heloise devot die Hand, giebt als guter Hirt der übrigen Heerde seinen Segen, bleibt so lange beobachtend stehen, bis sich sämmtliche Schäflein in den Nebengassen zerstreut haben und schlägt dann eine der vier Windrichtungen ein, je nachdem sein Barometer auf Bairisch- oder Weißbier, Roth- oder Schaumwein gestiegen, respective gesunken ist.




Ein historisches Gebirgsthal.


Seit die Eisenbahn von Rosenheim her über Kufstein einen bequemen Eingang in das schöne Unterinnthal, in die tirolische Hauptstadt und gegen den Brenner zu geöffnet hat, sind es wohl Wenige, die noch die andere Tiroler Hauptstraße bereisen, eine Straße, die in jeder Beziehung mit jener sich messen darf, wenn man auch auf ihr nicht im bequemen Coupé dahinfliegen und die Meilen zu Minuten abkürzen kann, sondern den Weg in langsamem Wagen oder mittelst noch langsamerer Fußwanderung zurücklegen und die Schönheiten und Genüsse desselben mit müden Beinen erkaufen muß.

Diese jetzt vereinsamte Straße führt aus Baiern über den Würmsee, am Kochelsee vorüber und den Walchensee entlang oder durch das Loisachthal nach Partenkirchen, von dort in südöstlicher Abbeugung in das geigenkundige Mittenwald, bei welchem [296] von links herein der Karwendel und von rechts das Wettersteingebirge sich so eng aneinanderdrängen, daß dazwischen nur ein schmaler Durchgang bleibt, auf welchem die grüne Isar über dem harten Bette ihres Kieselgerölls sausend herangezogen kommt. Das ist der Scharnitz-Grund. Es giebt viel liebliche Thäler in den Bergen und manchen anmuthigen Winkel, der dem Reisenden den Gedanken weckt, daß es hier gut Hüttenbauen sein müßte; zu dieser Art von Gegenden gehört die Scharnitz nicht. Selbst im Hochsommer, wenn die von den Kalkschrofen des Gebirges eingesogene Hitze auch nachtüber anhält, hat das Gelände einen winterlichen Zug, der nicht eben zu längerm Verweilen einladet, aber wesentlich zu dem großartigen Bilde gehört, das sich in feierlichem Ernste vor dem Wanderer aufthut, zumal wenn er sich, um einen Gesammtüberblick zu gewinnen, die Mühe nicht verdrießen läßt, zu einem der vielen Kalköfen hinanzusteigen, welche am Isarufer häufig nach Gefallen errichtet, ausgenützt und dann dem Verfalle überlassen werden.

Das ist ein Schauplatz, wie er großartiger von der Natur selten geschaffen worden; zu beiden Seiten sind Berge als Coulissen vorgeschoben, und das Gebirge bildet einen Hintergrund, wie keine Bühne der Welt ihn zu bilden vermag. Von links fallen die Wände des Karwendels ab, während rechts ein Ausläufer des Wettersteins schroff abstürzt, in der Mitte aber die Felspyramide des Arnsteins gebieterisch in die Wolken ragt. Zu Füßen desselben im engen Thalgrunde liegt das Grenzdörfchen Scharnitz, eingebettet zwischen Ueberresten von Mauern und Schanzwerken, welche den schmalen Thalgrund und das Flußbett der Isar dereinst beherrschten und den Durchgang zu einem stark befestigten Engpasse gestalteten. In dem ersten Bergeinschnitte hinter demselben öffnet sich der Eingang in die drei unbewohnten Felsenthäler von Karwendel, Gleirsch und Oberau, von denen eines das andere an Wildheit zu überbieten sucht, während gegenüber sich das freundlichere, von ein paar kleinen Dörfern belebte Leutaschthal aufthut.

Schweigend liegt vor dem Beschauer der weite Thalgrund mit der Bergenge; nur das Rauschen der mit starkem Gefäll heranströmenden Isar dringt zu dem Beschauer herauf, oder über ihm ertönt der heisere Ruf eines majestätisch vorüberschwebenden Gold- oder Beinbrechadlers, die, sonst fast überall verschwunden, hier noch manchmal in den Felswüsten horsten. Wer die Gegend an einem schönen Abend überblickt, wenn die untergehende Sonne die schroffen weißgrauen Kalkwände mit dem Purpur des Alpenglühens übergießt, der mag wohl zu guter Stunde einen abgerissenen Gedanken des Monologs erkunden, in welchem die Natur ihren eigenen Herzschlag zu belauschen scheint. Von den flammenden Felsen, neben denen die quellennährenden Eisfelder und einige Schneerunsen liegen, wo nur Flechten am Gestein fortkommen und das duftende Wintergrün, gleitet das Auge zu den Kahren und Köpfen, auf denen die Gemse haust und das Schneehuhn brütet, und zu den langbegrasten Halden, mit Knieholz, Latschen und Legföhren, unter denen das Haidekraut kümmerlich fortkommt – es sind die gefährlichen Grate, wo Edelweiß, Jochraute und Jägerblüml blühen und schon Manchen zu sich emporgelockt haben, um ihn dann in’s Verderben hinunterzustürzen. Dann kommen die milderen Hänge, wo in geschützten Bergeinschnitten die Almen und Sennhütten liegen mit ihren saftig grauen Mähdern voll duftender Alpenkräuter und buntblühender Orchideen – wie die Wüste um eine Oase liegen Steinblöcke herum, auf denen die Glockenblume läutet, der Quendel nickt, die Gemskresse ihre Dolden schüttelt und der Steinbrech sich bescheiden anklammert. Nun folgt die Region der alten bärtigen Tannen, die gerade in diesen Gegenden einen seit Jahrhunderten unerschöpften Holzreichthum eröffnen, unter ihnen die Moose in den kostbarsten Formen und Arten und die Korallenwurz, die für ihre Aehren den dichtesten Schatten aussucht. In den Tannen- und Föhrenwald beginnen sich dann im allmählichen Absteigen Laubbäume zu mischen, unter denen der mächtige Bergahorn mit seiner herrlichen breitblätterigen Krone den Reigen führt, mildere Lüfte verkündend und mit ihnen die trauliche Nähe menschlicher Wohnungen.

Solche Spiele, welche die Natur vor dem Beschauer auf dieser Scene entfaltet, sind mannigfaltig und fesselnd genug; aber auch jene sind es nicht minder, die der Mensch – die vorüberziehende Staffage – auf ihr bereits aufgeführt hat, meist Vielen zum Leide und sich selber nicht zur Freude!

Die riesigen Berghäupter sahen wie jetzt hernieder, als das ganze Land vom tirolischen Zirl an bis heraus zum altbajuvarischen Kochelsee von undurchdringlichem Urwald bedeckt war, bis der kriegskundige Römer kam, ihn zu lichten, und, die Wichtigkeit der Bergenge erkennend, die Enge zu einem festen Passe (Scaranzia) umgestaltete; sie schauten mit dem gleich unbeweglichen Stein-Antlitz zu, als der Sturm der Völkerwanderung heranbrauste, um das Römergebäude in Trümmer und den Wohnsitz einer kurzen Cultur wieder in eine Einöde zu verwandeln. Gleichgültig hallten ihre Wände den Glockenton zurück, als zur Zeit der Frankenherrschaft Herzog Thassilo von Baiern einige Benedictinermönche in den Ruinen ansiedelte, denen es aber wohl zu unwirthlich war, so daß sie schon nach wenigen Jahren den rauhen Wohnsitz mit dem milderen Pustertal vertauschten. Es störte sie nicht aus ihrer gigantischen Ruhe auf, als im Mittelalter die Räder von ganzen Zügen schwer beladener Frachtwagen vorüberknarrten und die Schellen wälscher Maulthiere und Saumrosse unablässig klingelten: der Handel aus Italien und der Levante hatte sich hierher die Hauptstraße gebahnt und, wie die Gartenlaube bereits früher (Nr. 1 dieses Jahrgangs) geschildert, in dem nahen Mittenwald eine Lager- und Transitstation geschaffen, deren Bedeutung man sich jetzt nur noch schwer vorstellen kann. Das war besonders der Fall, als die stolzen Herren der Lagunenstadt den Weg über Bozen verpönten und förmlich in Verruf thaten, weil Herzog Sigmund von Tirol einen Zug venetianischer Kaufleute in Bozen gewaltsam angehalten und in’s Gefängniß geworfen hatte. Dann sahen sie, wie die friedlichen Bilder durch kriegerische von der Schaubühne verdrängt und, während der dreißigjährige Krieg in den deutschen Landen wüthete, die seit den Römertagen zerstörten Befestigungwerke aus den Trümmern aufgerichtet wurden. Herzogin Claudia von Tirol, die schöne Medicäerin (und Heldin in Hermann Schmid’s Roman „Der Kanzler von Tirol“), stellte dieselben großartig wieder her; die nach ihr benannte Porta Claudia kam aber erst später dazu, ihre Widerstandsfähigkeit zu erproben. Das war, als fast ein Jahrhundert später Max Emanuel von Baiern, der Stürmer von Belgrad, seinen Tirolerzug unternahm und die Veste, die sich ihm ohne besondere Schwierigkeiten ergeben hatte, für künftige Fälle vorsorgend, von Grund aus zerstörte. Wieder hergestellt, sollte sie erst in den Kriegen Napoleon’s noch eine – hoffentlich die letzte – kriegerisch blutige Berühmtheit erlangen.

Es war im Jahre 1805, als Marschall Ney, während Bernadotte über Kufstein in Tirol eindrang, gleichzeitig den Angriff durch die Scharnitz leitete. Sein erstes Corps unter General Laissé, aus etwa dreizehntausend Mann Franzosen und Baiern bestehend, stellte sich vor der Veste auf, welche, von dem österreichischen Oberstlieutenant Swinburne mit siebenhundert Mann Soldaten und Tirolerschützen vertheidigt, sowohl wegen ihrer Stärke als wegen der Lage selbst für uneinnehmbar galt. Zwei Stürme waren bereits mit großen Verlusten zurückgeschlagen, als die Franzosen einen unbesetzt gebliebenen Bergpfad entdeckten, der vom Wetterstein her über das sogenannte Alpel in das Leutaschthal und somit in den Rücken der Scharnitzstellung führte. Die Tiroler mußten sich zurückziehen, und als die Franzosen Morgens zum dritten Sturme anrückten, fanden sie die Werke verlassen, die sie dann so gründlich zerstörten, daß seitdem kein Versuch mehr gemacht wurde, sie wieder herzustellen. An der Isar liegen noch unansehnliche Ruinen derselben; über denselben zieht der Bergpfad hin, noch heute im Munde des Volkes der „Franzosensteig“ geheißen.

Jetzt ist die Scharnitz nur noch für den Naturfreund von Bedeutung; für einen solchen wird der Besuch im höchsten Grade lohnend sein, selbst wenn er nicht darauf ausgeht, die erwähnten Seitenthäler nach den hier vorkommenden seltenen Versteinerungen oder die Berghalden nach botanischer Ausbeute zu durchsuchen. Das Dörfchen selbst ist klein und noch ärmlicher als klein; der Schmuggel und das Wildschützenthum, einst die beiden Hauptpulsadern für das Leben der Bewohner dieser Gegend, sind unlohnend und unmöglich geworden, und so ist keine andere Beschäftigung geblieben, als in den Holzschlägen, Kohlenhütten oder Kreidegruben. Wer die Scharnitz wieder verläßt, kann über

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Die Gartenlaube (1873) b 297.jpg

Der Scharnitzgrund im bairischen Hochgebirge.
Nach der Natur aufgenommen von J. Heilmair in München.

[298] Seefeld und Zirl an der Martinswand in kurzer Zeit Innsbruck erreichen und sich vorher in dem Wirthshause zu Seefeld bei Forellen, Cybebenbrod und selten gewordenem gutem Tirolerwein erquicken und von dem Legendenkram unterhalten lassen, der dort wuchert. Noch näher hat er es, in den freundlichen Markt Mittenwald zurückzukehren, wo das gute Bier ihn belehrt, daß er sich in Baiern befindet, und im Garten hinter der Post, den gewaltigen Karwendel unmittelbar vor sich, einem Berichte über den außerordentlichen Aufschwung zuzuhören, welchen der Handel mit Mittenwalder Geigen, Guitarren und Bässen nach allen Welttheilen genommen hat.

Von Legenden und Sagen wird er allerdings nicht so viel hören, als in Seefeld – es wäre denn die Sage, daß in den Bergen, in denen sonst nur Zinkblende und Bleiglanz vorkommt, einmal eine Silbergrube gewesen, die der „silberne Hansel“ geheißen habe und wegen des Uebermuthes der reich gewordenen Knappen verschwunden sei – oder die Geschichte von dem bereits genannten Franzosensteige, über den verschiedene Lesarten im Gange sind.

Freunde natürlicher Entwickelungen erzählen, ein bairischer Ingenieur Weiß, der sich eben auf Vermessung in der Gegend befand und dieselbe daher auf’s Genaueste kannte, habe den anrückenden Baiern und Franzosen den Bergweg gezeigt. Andere wollen wissen, ein alter vielfach abgestrafter Wildschütze, der wie vogelfrei in den Bergen gelebt, habe sich zum Führer angetragen, wenn er Pardon und Versorgung für seine Familie erhielte. Die dritte, wohl der Wahrheit am nächsten kommende Erzählung dürfte sein, daß der Jagdgehülfe Wurmer von den Franzosen durch Todesandrohung gezwungen wurde, den Führer zu machen, dann aber vor den Verfolgungen der benachbarten Tiroler flüchten und, als er einmal Nachts heimlich zurückkam, um Weib und Kind zu besuchen, an Dachrinnen und Dächern hinklettern mußte.

Doch hat auch die Romantik nicht unterlassen, in die schlichten grünen Zweige ihre Blumen einzuflechten und daraus ein Ganzes zu bilden, das dem Geschmacke der Mehrheit zusagt, dem überall das stärker Gewürzte am besten mundet.

Nach diesen Berichten hauste auf einer der Leutasch-Almen eine hübsche Tirolersennerin, die einen nicht minder hübschen bairischen Jagdgehülfen zum Schatze hatte, der denn auch fleißig zu ihr „gen Alm fuhr“ und sich dadurch eine ganz ungewöhnliche Orts- und Wegkenntniß aneignete. Das Paar hing mit seltener Liebe und Beständigkeit aneinander, und diese Anhänglichkeit wurde auch nicht gelockert, als der Krieg, durch welchen Tirol sich von der bairischen Herrschaft losmachen wollte, ausbrach, und die bisher ruhend gewesene Nationalitätenfrage bei beiden Bevölkerungen täglich und stündlich verschärfte und zuspitzte. Sie hatten sich in eine Art von Neutralität wie in eine Nebelkappe gehüllt und mochten wie Romeo und Julie oder Max und Thekla denken, sie Beide gehörten nicht zu ihren Häusern oder Stämmen. Da traf es sich, daß der Jäger von dem Anführer der Franzosen aufgefordert und genöthigt wurde, seine Truppen über den Berg in den Rücken der Tiroler zu führen – aber obwohl er es wider Willen und nur gezwungen that, ließ die Tirolerin keinen dieser Entschuldigungsgründe gelten: sie gab dem Feinde ihres Vaterlandes augenblicklich den Abschied und haßte ihn nun ebenso glühend, als sie ihn zuvor geliebt. Mit gleichen Augen von der ganzen tirolischen Nachbarschaft angesehen und nach Kräften verfolgt, mußte er sich in ein anderes Revier versetzen lassen. Vier Jahre später stand er mit der von Baiern gebildeten Schaar von Jägern und Forstleuten in der Scharnitz den bewaffneten Tirolern gegenüber, zu denen auch manche ihrer Mädchen und Weiber sich in kriegerischer Begeisterung gesellt hatten. Er fiel im ersten Gefecht und die Kugel, die ihn zu Boden streckte, soll aus der Büchse seiner einstigen Liebsten gekommen sein; mit der erreichten Rache aber, so wird hinzugefügt, sei auch ihr Haß gebrochen gewesen, Reue und Trübsinn hätten sich ihrer bemächtigt, und so sei sie lange halb irrsinnig unter den Leuten herumgegangen und habe durch Kräutersammeln und Wurzelgraben ein ärmliches Leben bis in das letztverwichene Jahrzehnt gefristet.

Im Anblick des Karwendel mag der Hörer wählen, welche Geschichte ihm die bessere dünkt und zu welcher am meisten die gefurchte Greisenstirn des Berghauptes stimmt, um dessen starre Locken sich das Abendroth flüchtig schlingt, wie ein Kranz irdischer Rosen um den Scheitel eines Unsterblichen.




Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen.
Gesichtsmusculatur und Beherrschung derselben. – Wie Darwin die Ausdrucksformen erforschte. – Die drei Principien. – Complicirte Bewegungen, Macht der Gewohnheit, Reflexthätigkeiten. – Das Beispiel vom Hunde. – Directe Einwirkung des Nervensystems.

Kinder lieben es, „Gesichter zu schneiden“; und wenn die Mutter beim Anblicke des Zerrens und Rümpfens ihres hoffnungsvollen Rangen zornig ausruft: „um Gotteswillen, Junge, die Gesichter ‚bleiben Dir ja stehn‘!“ – so liegt allerdings etwas Wahres in dieser prophetischen Drohung. Oeftere Wiederholung der nämlichen Bewegung führt zur Gewohnheit; Uebung lenkt in bestimmte Bahnen; der betreffende Muskel wird auf Kosten der anderen gestärkt, und so kann hieraus nicht blos die Neigung, gewisse „Gesichter zu schneiden“ hervorgehen, es kann der Mund bleibend eine schiefe oder anderweit ungehörige Stellung annehmen, die Stirn bleibend sich in bedenkliche Falten legen, aus denen der Physiognomiker seine Schlüsse zieht. –

Auf den Figuren 1 bis 3 (1. verkleinerte Copie aus Ch. Bell’s Anatomie, 2. und 3. aus Henle’s Handbuch der Anatomie) sehen wir das Hauptrüstzeug für den Ausdruck unserer Gemüthsbewegungen, die Gesichtsmusculatur, so wie sie sich nach Entfernung der Haut uns zeigt, als ein System in symmetrische Partien geordneter, dünner Fleischlagen, die durch ihre Zusammenziehung die Annäherung ihrer Ansatzstellen an einander und hiermit Veränderungen von größerem oder kleinerem Umfange hervorbringen. Durch Verbindung einiger dieser Muskeln unter einander wird die Wirkung theilweise eine zusammengesetzte. Die gesammte Gesichtsmusculatur aber wird durch den Gesichtsnerv regiert, der sich von der Ohrgegend aus über sie ausbreitet, und die durch äußere Eindrücke irgendwelcher Art veranlaßten Vorgänge im Hirn, dem Organe der Seele, nach außen trägt, indem er den einen oder den andern von ihnen zur Zusammenziehung bringt und so das Mienenspiel hervorruft.

Bei natürlichen Menschen werden gewisse Gemüthsbewegungen stets ihren bestimmten und deutlichen Ausdruck haben, am meisten bei Kindern, die bei geringem Unbehagen schon weinen und schreien, wo der Erwachsene noch „keine Miene verzieht“. Es tritt hier eine Beherrschung durch den Willen ein. Der Diplomat vermag ganz nach Bedarf ein gleichgültiges Gesicht zu machen, bei aller Freude über das Gelingen, bei allem Aerger über das Mißlingen einer Operation. – Die Thatsachen also sind an sich mehr oder weniger bekannt, daß gewisse Bewegungen, unter denen uns namentlich die des Gesichtes die bedeutendsten sind, gewisse Gemüthserregungen begleiten.

Die Anatomie lehrt den Verlauf der Muskelbündel und nach diesem ihre Wirkungsweise kennen. Es läßt sich so mit mehr oder weniger Bestimmtheit angeben: die Veränderungen, die wir am Gesichte eines Lachenden sehen, werden durch die, die des Weinenden durch jene Muskeln herbeigeführt. Ja, der Franzose Duchenne zeigte durch seine sogenannte „örtliche Faradisation“, das heißt durch Leitung des elektrischen Stromes auf ganz bestimmte Muskeln, daß man durch örtlichen Reiz auf bestimmte Stellen des Gesichts einzelne Muskeln zur Zusammenziehung bringen und so Ausdrucksformen erzeugen kann, die den durch bestimmte Gemüthserregungen hervorgerufenen täuschend nahe kommen. Im Jahre 1862 erschien sein Werk: „Der Mechanismus der menschlichen Physiognomie“, das mit prachtvollen Photographien ausgestattet war.

Außer diesem sind eigentlich nur noch Pierre Gratiolet’s an der Sorbonne gehaltene und nach seinem Tode 1865 herausgegebene Vorlesungen „De la physiognomie et des mouvements d’expression“ und bereits im Jahre 1844 Sir Charles Bell’s [299] „Anatomie und Philosophie des Ausdrucks“ als wirklich bedeutsame Vorläufer des erst kürzlich im englischen Original, wie in Victor Carus’ deutscher Uebersetzung an die Oeffentlichkeit getretenen neuesten Werkes von Charles Darwin zu betrachten, „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren“, eines Buches, das, wie von seinem berühmten Verfasser nicht anders zu erwarten, einen Schatz trefflich verwertheter Beobachtungen, eine reiche Quelle der Belehrung und Anregung bietet. Was Darwin in’s Auge faßt, ist nicht blos der Gesichtsausdruck, der allerdings beim Menschen im Vergleich zu Thieren vorwiegend in Betracht kommt, es ist namentlich die Verknüpfung dieses mit gewissen Bewegungen des Körpers überhaupt und seiner Gliedmaßen, kurz mit dem, was man Geberden nennt. Gewiß verdient die Beobachtung der verschiedenen Ausdrucksformen unser ganzes Interesse, schon um der Bedeutung willen, welche sie für unsere Wohlfahrt haben. „Sie dienen,“ sagt Darwin, „als die ersten Mittel der Mittheilung zwischen der Mutter und ihrem Kinde; sie lächelt ihm ihre Billigung zu und ermuthigt es dadurch, auf dem rechten Wege fortzugehen, oder sie runzelt ihre Stirn aus Mißbilligung.

Die Gartenlaube (1873) b 299.jpg

Erklärung der Figuren 1 bis 3. A. Stirnmuskel. B. Augenbrauenrunzler. C. Ringmuskel des Auges. D. Pyramidenmuskel. E. Nasenrümpfer oder Heber der Oberlippe und des Nasenflügels. F. Eigentlicher Lippenheber. G. Großer Jochbeinmuskel. H. Wangenbeinmuskel. I. Kleiner Jochbeinmuskel. K. Herabdrücker des Mundwinkels. L. Viereckiger Kinnmuskel. M. Lachmuskel.

Wir nehmen leicht Sympathie bei Anderen durch die Form ihres Ausdrucks wahr; unsere Leiden werden dadurch gemildert und unsere Freuden dadurch erhöht; und damit wird das gegenseitige wohlwollende Gefühl gekräftigt. Die Bewegungen des Ausdrucks verleihen unsern gesprochenen Worten Lebhaftigkeit und Energie. Sie enthüllen die Gedanken und Absichten Anderer wahrer als es Worte thun, welche gefälscht werden können.“

Einen besonderen Werth aber erlangt Darwin’s Behandlung des Gegenstandes dadurch, daß er die Erscheinungen nicht blos beschreibt, sondern auch erklärt, daß er sie auf ihre Grundursachen zurückzuführen versucht. Namhafte Forscher haben diese Erscheinungen geradezu für unerklärlich gehalten, so selbst der große Physiologe Johannes Müller.

Sicherlich hat die Erforschung der Ausdrucksformen ihre Schwierigkeiten, einmal bei der Flüchtigkeit vieler dieser Bewegungen, dann bei den Fehlerquellen, die theils in der Trübung des Urtheils durch’s Mitgefühl, theils in der Einbildung liegen. Darwin, der seine Beobachtungen bereits im Jahre 1838 begann, und seit jener Zeit bis zur Stunde den Gegenstand gelegentlich verfolgte, richtete seine Aufmerksamkeit zunächst auf Kinder, da ja im spätern Leben viele Ausdrucksformen einer minder reinen und einfachen Quelle entspringen und Gewöhnung eine so gewaltige Rolle spielt. Er beobachtete ferner den Ausdruck Geisteskranker, die ja den Ausbrüchen stärkster Leidenschaften ausgesetzt sind.

Darwin erstreckte seine Beobachtungen über den ganzen weiten Erdkreis. Es lag ihm daran, zu erfahren, ob dieselben Ausdrucksformen bei allen Menschenracen sich finden, namentlich bei denen, die nur wenig mit Europäern in Berührung kamen. „Sobald nur immer,“ sagt er, „dieselben Bewegungen der Gesichtszüge oder des Körpers bei mehreren verschiedenen Racen des Menschen dieselben Seelenbewegungen ausdrücken, können wir mit großer Wahrscheinlichkeit folgern, daß derartige Ausdrucksarten echte, d. h. daß sie angeborene oder instinctive sind.“ Deshalb vertheilte er im Jahre 1867 gedruckte Fragen mit der Aufforderung, die Ergebnisse der Beobachtung ihm mitzutheilen. Er erhielt sechsunddreißig Antworten von verschiedenen Beobachtern, zum Theil Missionaren oder Beschützern der eingeborenen Bevölkerung. Diese Antworten beziehen sich auf mehrere der verschiedensten und wildesten Racen. Aus der hierdurch erlangten Belehrung aber folgte, daß ein und derselbe Zustand der Seele durch die ganze Welt mit merkwürdiger Gleichförmigkeit ausgedrückt wird. Dies ist für die Beziehung der Menschenracen zu einander von großem Interesse.

Darwin ließ es aber hierbei nicht bewenden; er zog endlich auch die Ausdrucksformen der Leidenschaften bei Thieren in’s Bereich seiner Beobachtung, sicher, hier auf nichts Conventionelles, das Urtheil Trübendes zu stoßen. Wer unbeschadet seiner Gottinnigkeit das Bewußtsein natürlicher Abstammung eingesteht und nun ganz unbefangenen Blicks die Thiere beobachtet, der wird sich überzeugen, daß es keineswegs blos Wuth oder Furcht ist, was sie auszudrücken vermögen, denn „selbst der Mensch kann Liebe und Demuth durch äußere Zeichen nicht so deutlich ausdrücken wie ein Hund, wenn er mit hängenden Ohren, herabhängenden Lippen, sich windendem Körper und wedelndem Schwanze seinem geliebten Herrn begegnet.“ Daß viele Ausdrucksformen unserer Gemüthsbewegungen in der Abstammungslehre ihre einzig natürliche Erklärung finden, davon weiter unten einige Andeutungen.

Hören wir nun zunächst die drei Principien, auf welche Darwin die Ausdrucksformen der Gemüthsbewegungen zurückführt, ohne sich indeß zu verhehlen, daß es nicht in allen Fällen möglich ist, zu entscheiden, wie viel Gewicht dem einen oder dem andern derselben beizulegen sei, und daß überhaupt manche Punkte noch unerklärt blieben. Er hofft gleichwohl nach dem bis jetzt Erreichten, daß sicher alle Ausdrucksformen durch diese Principien sich werden erklären lassen. Es ist 1) das Princip zweckmäßiger associirter Gewohnheiten, 2) das Princip des Gegensatzes und 3) das Princip der directen Thätigkeit des Nervensystems.

Nach dem ersten Principe werden zweckmäßige Handlungen gewohnheitsgemäß mit gewissen Seelenzuständen associirt und ausgeführt, sie mögen nun von Nutzen sein oder nicht. „Gewisse complicirte Handlungen,“ sagt er, „sind unter gewissen Seelenzuständen von directem oder indirectem Nutzen, um gewisse Empfindungen, Wünsche etc. zu erleichtern oder zu befriedigen; und sobald derselbe Seelenzustand herbeigeführt wird, so schwach dies auch geschehen mag, so ist in Folge der Macht der Gewohnheit und der Association eine Neigung vorhanden, dieselben Bewegungen auszuführen, wenn sie auch im gegebenen Falle nicht von dem geringsten Nutzen sind. Einige in der Regel durch Gewohnheit mit gewissen Seelenzuständen associirte Handlungen können theilweise durch den Willen unterdrückt werden, [300] und in derartigen Fällen sind die Muskeln, welche am wenigsten unter der besondern Controle des Willens stehen, diejenigen, welche am meisten geneigt sind, doch noch thätig zu werden, und damit Bewegungen zu veranlassen, welche wir als expressive anerkennen. In gewissen anderen Fällen erfordert das Unterdrücken einer gewohnheitsgemäßen Bewegung andere unbedeutende Bewegungen, und diese sind gleicherweise ausdrucksvoll.“

„In Bezug auf unser erstes Princip,“ heißt es weiter, ist es bekannt, wie stark die Macht der Gewohnheit ist. Die complicirtesten und schwierigsten Bewegungen können mit der Zeit ohne die geringste Anstrengung und ohne Bewußtsein ausgeführt werden. Man weiß nicht sicher, woher das kommt, daß Gewohnheit so wirksam in der Erleichterung complicirter Bewegungen ist. Physiologen nehmen aber an (er citirt z. B. Johannes Müller), daß sich die Leitungsfähigkeit der Nervenfasern mit der Häufigkeit ihrer Erregung ausbildet. Dies bezieht sich auf die Bewegungs- und Empfindungsnerven ebensowohl, wie auf die Nerven, welche mit dem Acte des Denkens in Zusammenhang stehen. Daß irgend eine physikalische Veränderung in den Nervenzellen oder den Nerven hervorgebracht wird, welche gewohnheitsgemäß benutzt werden, kann kaum bezweifelt werden; denn im andern Falle wäre es unmöglich zu verstehen, warum die Neigung zu gewissen erworbenen Bewegungen vererbt wird.“ Schon Darwin’s interessantes Buch „Das Variiren der Thiere und Pflanzen“ giebt hierüber reiche Aufschlüsse, und jetzt führt er uns einen ganz merkwürdigen Fall nach Galton an von der Vererbung gewohnheitsgemäßer Geberden, wo durch drei auf einander folgende Generationen die seltsame Gewohnheit sich vererbte, während des festen gesunden Schlafes – also nicht als Nachahmung erklärlich – den rechten Arm zur Stirn zu heben und in der Art fallen zu lassen, daß die Hand auf die Nase schlug. – Als ein Beispiel, wie leicht Handlungen mit anderen Handlungen oder mit verschiedenen Seelenzuständen associirt werden, führen wir das an: Jeder sucht sich, wenn er auf den Boden fällt, durch Ausstrecken seiner Arme zu schützen, und nur Wenige können es über sich gewinnen, nicht so zu handeln, wenn sie absichtlich sich auf ein weiches Bett fallen lassen. Es giebt Handlungen, die unter gewissen Umständen, unabhängig von der Gewohnheit, ausgeführt werden und welche eine Folge einer Nachahmung oder irgend einer Art Sympathie zu sein scheinen. „So kann man zuweilen Personen sehen, welche, wenn sie irgend etwas mit einer Scheere schneiden, ihre Kinnbacken in gleichem Tempo mit den Scheerenblättern bewegen. Wenn Kinder schreiben lernen, drehen sie häufig, so wie sie ihre Finger bewegen, die Zunge umher in einer lächerlichen Weise.“

Von hoher Bedeutung für den Ausdruck sind Reflexthätigkeiten. Wir verstehen unter diesen meist ohne alles Empfinden oder Bewußtsein sich vollziehenden merkwürdigen Vorgängen Folgen der Erregung eines peripherischen Nerven, der seinen Einfluß gewissen Nervenzellen überliefert, worauf diese ihrerseits wieder gewisse Muskeln oder Drüsen zur Thätigkeit anregen. Hierher gehört z. B. Husten und Niesen. Beides werden kleine Kinder ohne Weiteres ausüben. Das gewissermaßen analoge Schnauben aber, das Zusammendrücken der Nase und heftige Blasen durch den verengten Gang müssen sie erst lernen; es ist eine willkürliche Bewegung, obschon sie später beinahe so leicht wie eine Reflexthätigkeit vollzogen wird. – Wahrscheinlich sind einige Handlungen, welche anfangs mit Bewußtsein ausgeführt wurden, durch Gewohnheit und Association in Reflexhandlungen umgewandelt worden und jetzt so so fixirt und vererbt, daß sie ausgeführt werden, selbst wenn kein Nutzen damit verbunden ist, so oft nur dieselben Ursachen eintreten, welche ursprünglich durch den Willen in uns diese Handlungen erregten. So wurden Niesen und Husten – nach Darwin – wahrscheinlich ursprünglich durch die Gewohnheit erlangt, jedes reizende Theilchen so heftig als möglich aus dem empfindlichen Luftwege auszustoßen. „Was das Moment der Zeit betrifft, so ist davon mehr als hinreichend vergangen, daß diese Gewohnheiten eingeboren oder in Reflexhandlungen umgewandelt wurden. Denn sie sind den meisten oder allen höheren Säugetieren gemeinsam und müssen daher zuerst in einer sehr weit zurückliegenden Zeit erlangt worden sein.“

Was nun das zweite Princip betrifft, so beruht es darin: Gewisse Seelenzustände führen zu bestimmten gewohnheitsgemäßen, zweckmäßigen Handlungen; bei einem direct entgegengesetzten Seelenzustande tritt eine unwillkürliche Neigung zur Ausführung von direct entgegengesetzten Bewegungen ein, wenn auch dieselben von keinem Nutzen sind. Zur Erläuterung dient folgendes charakteristische Beispiel. Wenn sich ein Hund in feindseliger Stimmung nähert, so geht er aufrecht und recht steif einher; sein Kopf ist leicht emporgehoben, oder nicht sehr gesenkt, der Schwanz wird aufrecht und vollständig steif getragen; die Haare sträuben sich, besonders dem Nacken und Rücken entlang; die gespitzten Ohren sind vorwärts gerichtet, und die Augen haben eine starren Blick. Diese Erscheinungen sind eine Folge davon, daß es Absicht des Hundes ist, seinen Feind anzugreifen; sie sind hiernach in hohem Grade verständlich. Nehmen wir nun an, daß der Hund plötzlich die Entdeckung macht, der Mann, der sich ihm nähert, sei kein Fremder, sondern sein Herr – vollständig und augenblicklich wandelt sich die ganze Haltung um. Der Körper duckt sich und führt windende Bewegungen aus; der Schwanz wird gesenkt und von einer zur andern Seite gewedelt; das Haar wird augenblicklich glatt; die Ohren sind heruntergeschlagen und nach hinten gezogen; die Lippen sind schlaff. Dadurch, daß die Ohren nach hinten gezogen werden, werden die Augenlider verlängert und die Augen erscheinen nicht länger mehr rund und starr. Nicht eine der soeben bezeichneten Bewegungen, welche einen so deutlichen Ausdruck der Zuneigung darstellen, ist von dem geringsten directen Nutzen für das Thier und nur dadurch zu erklären, daß sie in einem vollständigen Gegensatze zu der Haltung und den Bewegungen stehen, welche eintreten, wenn ein Hund zu kämpfen beabsichtigt.

Hören wir aber, wie sich Darwin über den Ursprung dieses zweiten Princips äußert. „Da das Vermögen der gegenseitigen Mittheilung sicherlich für viele Thiere von großem Nutzen ist,“ sagt er, so hat die Vermuthung a priori nichts Unwahrscheinliches in sich, daß Geberden, welche offenbar entgegengesetzter Natur sind, verglichen mit denen, durch welche gewisse Gefühle bereits ausgedrückt werden, zuerst willkürlich unter dem Einflusse eines entgegengesetzten Gefühlszustandes angewendet worden sein dürften. Die Thatsache, daß die Geberden jetzt angeboren sind, bietet keinen gültigen Einwurf gegen die Annahme dar, daß sie ursprünglich beabsichtigt waren; denn werden sie viele Generationen hindurch ausgeführt, so werden sie wahrscheinlich schließlich vererbt werden. … Und darüber kann kein Zweifel bestehen, daß mehrere von dem Principe des Gegensatzes abhängige Bewegungen vererbt werden.“

Wir haben nun noch das dritte Princip in’s Auge zu fassen, das Princip nämlich, daß Handlungen durch die Constitution des Nervensystems verursacht werden, von Anfang an unabhängig vom Willen und in einer gewissen Ausdehnung unabhängig von der Gewohnheit. Der hier vorliegende Gegenstand ist, wie Darwin offen eingesteht, sehr dunkel. Ein Beispiel ist das Zittern der Muskeln, das, den Menschen und vielen Thieren gemeinsam, am leichtesten durch Furcht, gelegentlich auch bei Zorn und bei großer Freude hervorgebracht wird.

Dieses Princip der directen Einwirkung des erregten Nervensystems auf den Körper ist in höchst verwickelter Weise mit dem Principe gewohnheitsgemäß associirter zweckmäßiger Bewegungen verbunden, so bei den wahnsinnigen Geberden der Wuth und dem Sichwinden unter heftigem Schmerz etc., und selbst bei schwacher Erregung von dergleichen Empfindungen führt die Macht lange associirter Gewohnheit ähnliche Handlungen herbei, die nicht unter der Controle des Willens stehen.

(Schluß folgt.)




Gondelgruß.
(Mit Abbildung, S. 289.)

     Glücklich hab’ ich ihn erlauscht –
Ob ich neckend mich verstecke?
Schwesterchen, die Gondel rauscht,
Sieh, da fährt er um die Ecke!
     G’raden Flugs herauf zu mir
Dringt sein herrlich leuchtend Grüssen –
Blumen, glücklich seid nur ihr,
Daß euch seine Lippen küssen!




Zur Beachtung. Die in Nr. 7 angezeigte Preisherabsetzung der Gartenlaube 1867 bis 1869 hat von heute an keine Gültigkeit mehr, dagegen können die beiden Jahrgänge 1868 und 1869 bis Ende Mai (statt 4 Thlr.) noch für den Gesammtpreis von 1 Thlr. 24 Ngr. bezogen werden.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. a b c d e f Wort in der Vorlage nicht erkennbar, übernommen von Google
  2. a b c d e f g h Wort in der Vorlage nicht erkennbar, übernommen von Google