Die Gartenlaube (1870)/Heft 43

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 43. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

Als Alfred die Schiffstreppe erreichte, war Victor weit weg. Jetzt war auch Anna deutlich zu erkennen. Sie ruderte nicht mehr, die Stangen waren zerbrochen, das leinene Zelt wehte zerfetzt im Winde – das Schiff konnte jeden Augenblick umschlagen. Da stand der arme Verzweifelnde zurückgelassen ausgeschlossen von jeder Betheiligung an der Hülfe, die der Geliebten gebracht wurde, nicht fähig einen Finger zu ihrer Rettung zu rühren, ohnmächtig wie immer und vielleicht auch noch verachtet. Es donnerte fort und fort und der Regen strömte unaufhaltsam hernieder, daß seine Kleider schwer wurden von Nässe, und er stand da am wellengepeitschten Ufer und sah hinaus in das grauverschwommene Chaos von Dunst und Wasser, wo die Geliebte in Todesnoth die Hand nach dem Retter ausstreckte – der sich in diesem Augenblick ein unbestreitbares Anrecht auf sie erkämpfte. Es wallte und wogte, rauschte um ihn und in ihm, als wolle sich Alles in Thränen auflösen; Erde und Himmel und sein eigenes Herz! Und er stieg die Stufen der überschwemmten Schiffstreppe hinab, näher, immer näher der Brandung, dahinein trieb es ihn, das war seiner Schmerzen Ziel und Ende! Was war es denn, Selbstmord? O nein! Verschwimmen in der allgemeinen Auflösung, die Thränenfluth der Seele sich ergießen lassen in das trübe, traurige Wasser, das schon sein Knie umarmte wie bittend: „Komm zu mir mit deinen Thränen, wir gehören zu einander!“

Ein Schritt – und Alles war vorbei! Aber nein, die Rettung Aennchens, die mußte er doch noch abwarten, er konnte ja nicht aus der Welt gehen, bevor er wußte, was aus ihr geworden. O, wenn sie mit ihm hinabsänke in die Tiefe, in die Keiner ihnen folgen konnte! Dann mochte Alles untergehen, er wollte der todbringenden Welle zujauchzen wie einer freundlichen Führerin in das Brautgemach! – Aber nein – Victor arbeitete sich mächtig durch die schäumenden Wogen, er kam ihr nah und immer näher, zwei Spannen vor und eine zurück. Alfred schaute und schaute und sein ganzer Körper erbebte, und er half – half in Gedanken dem Retter mit jedem Athemzug und jedem Herzschlag, während er doch hoffte, daß Anna da drunten im feuchten Element die Seine werde. Und jede Muskel rang mit in dem furchtbaren Ringen des Schiffers, und ohne daß er es wußte, schrie er auf: „Herr Gott, hilf!“ als sich endlich Kahn an Kahn legen sollte und die Wellen sie immer wieder aus einander rissen, bis Victor mit übermenschlicher Kraft den Kahn Anna’s erfaßte und Breitseite gegen Breitseite drückte. Jetzt stützte sich Anna auf die Schulter Victor’s und schwang sich hinüber in das sichere Fahrzeug, und jetzt warf sich Alfred nieder auf die Stufen vor überwältigender Freude und jubelte laut: „Mein Gott, ich danke dir!“ Er wußte nicht mehr, daß er sich hatte tödten wollen, wußte nicht mehr, was er gelitten, was er verloren in diesem Augenblick – er wußte nur, daß Anna aus Todesgefahr gerettet sei. Was war all’ sein Wünschen und Sehnen gegen dies Gefühl! Er schluchzte laut wie ein Kind; aber der Donner und das Brausen des Sturms und das Rauschen der Wellen verschlangen den Freudenschrei der schwachen treuen Menschenbrust.

Es war so einsam und öde rings umher. Die drei jungen Leben, welche da kämpften mit der Macht des Elements und der Liebe; schienen allein auf der Welt zu sein; denn das Unwetter hatte alle Leute auf dem Gut unter Dach und Fach gejagt und Frau Hösli konnte nicht nach der Gegend hinsehen, wo ihre Tochter, die sie geborgen wähnte, über dem offenen Grabe schwebte.

Eine schwere Arbeit blieb noch für Victor zu thun, bis er das Mädchen am sicheren Strande barg. Alfred sah es in fieberhafter Spannung und sein gequältes Herz gestand es sich mit freimüthiger Bewunderung, daß Gott und Natur nichts Schöneres geschaffen hatten, als diesen Mann, der da wie ein junger Titan das empörte Element meisterte. Ein greller Blitz schoß gerade auf Victor nieder; er traf ihn nicht; er umfloß die kämpfende Gestalt mit einer lichten Glorie und sein Wiederschein umtanzte irrlichterartig die schaumigen Spitzen der Wogen; als wolle er den Wanderern auf der schwanken Bahn den Weg vorzeichnen. Vorwärts trieb Victor das Schiff bergauf, bergab, bald schoß es in die Tiefe, bald stieg es hinauf; aber unverrückt ragte Victor empor, und es war, als trüge das Schiff nicht ihn, sondern als trüge er das Schiff, als halte er es an unsichtbaren Fäden über Wasser, wie die Gewalt des Windes über Berg und Thal ihre Beute hinschleppt. Alfred zitterte nicht mehr, er wußte, daß die Gottheit mit dem Kühnen war! – Je näher Victor kam, je mehr mußte Alfred ihn bewundern. Eine geschwollene Ader lag auf der sonst so glatten Stirn und das sonst ewig lächelnde Gesicht war furchtbar ernst, das Auge mit festem Blick auf den Feind gerichtet, der um ihn und unter ihm wüthete. Victor war ein ganzer Mann in diesem Augenblick und Alfred liebte ihn um Anna’s willen und demüthigte sich tief und ehrlich vor seiner männlichen Ueberlegenheit.

Jetzt waren sie da und die letzte Schwierigkeit blieb die, zu landen. Alfred schlug das Herz, – vielleicht konnte er doch noch etwas helfen! Victor warf ihm die Kette zu, er sollte den Kahn [710] an das Land ziehen. Er faßte die Kette mit beiden Händen, er stemmte sich mit aller Kraft – umsonst, eine Stoßwelle schleuderte das Schiff zurück und riß ihn mit sammt der Kette, die er nicht lassen wollte, von den schlüpfrigen Stufen herunter. Nur mit Mühe konnte er sich wieder aufhelfen und Victor grollte: „Das hätte ich denken können, daß Du uns nichts nützen wirst.“

Mit unsäglicher Mühe gelang es Victor endlich, die Treppe zu erreichen. Er trieb das Schiff bis zu einem der Pfosten, die aus dem Wasser hervorragten, packte diesen und schlang rasch die Kette darum. Alfred reichte Anna die Hand beim Aussteigen, sie stützte sich darauf, mechanisch, ohne zu bemerken, wessen Hand es war, sie sah ihn nicht an, sie dachte wohl nicht mehr daran, daß es einen Alfred in der Welt gab!

Sie schaute sich um, ob Victor folge – und der arme Alfred war verschwunden, ohne daß sie nur wußte, ob er dagewesen. – Die Beiden waren allein. –

„Ah, wieder auf festem Boden!“ stammelte Victor athemlos und triefend von Nässe. „Anna, wie ist Dir? Du zitterst! Nur schnell in’s Haus! Komm, laß Dich tragen! Nicht? O –! Möcht’ ich Dich doch durch’s ganze Leben tragen und Dich bergen vor jedem Sturm, Du göttliches, schwer erkämpftes Gut! Anna, weißt Du, fühlst Du, daß Du jetzt mein bist? Ich habe Dich den Elementen abgerungen – Du bist meine Kriegsbeute, und Niemand darf Dich mir streitig machen!“

Anna hatte stumm dagestanden und mit begeistertem Blicke an ihm gehangen. Jetzt brach aus ihr heraus unaufhaltsam die Freude des wiedergeschenkten Lebens, der Dank, die Bewunderung für den Retter.

„Victor!“ rief sie. „Sieger! Ja, Du bist in Wahrheit ein Sieger, wohin Du kommst. O Du starker, Du mächtiger Mann! Mit eisernem Arme hast Du die wilde Fluth bezwungen, mit eisernem Arme wirst Du auch einst die Fluth der Feinde bezwingen! O, solch ein Mann! Du bist mir erschienen auf dem brausenden Wasser wie ein Meergott, und ich vergaß alle Angst in dem stolzen Gefühl, die Gefahr mit Dir zu theilen!“

Da schlang er den Arm um sie. „Anna, herrliches Kind, komm an mein Herz! Wir sind ja für einander geschaffen, wir sind uns ebenbürtig, wir müssen Eins werden, wie sich der Sturm und die schäumende Welle in wilder Umarmung vereinen!“

„Ja!“ rief sie und sank an seine Brust. „Wir sind für einander geschaffen. O mein Held, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, ich habe Dich vorempfunden und auf Dich gewartet schon lange. Ja, Du bist der große Mann von dem ich geträumt, und ich will Dein großes Weib werden – würdig eines Helden!“ Sie hob die starken Arme empor, als wolle sie den zürnenden Himmel damit umfangen. „O wie herrlich das ist – wie göttlich! Ueber unsern Häuptern tost und wüthet das Unwetter, und der Sturm peitscht uns den Regen in’s Gesicht, und in meinem Herzen braust auch ein Sturm, ein Freuden-, ein Frühlingssturm, daß ich meine, es müsse mich hinaufwirbeln in die donnernden blitzenden Wolken hinein! Ach, das ist Kraft – das ist Macht. Victor, wer solch’ einen Augenblick erlebt, kann nie wieder klein sein, denn Gott selbst war ihm nahe. Nicht wahr, das fühlst Du mit mir, mein Held, mein Erretter?!“

Und wieder sank sie an seine Brust, sie achtete es nicht, daß das Wasser in Strömen an ihr herunterlief, sie sah ihn an mit einem Blick voll Muth und Glück, und es klang wie eine Jubelhymne, da sie sprach:

„Er ist gekommen in Sturm und Regen,
Er hat genommen mein Herz verwegen.
Nahm er das meine, nahm ich das seine?
Die beiden kamen sich entgegen!“

„Hast Du das gedichtet?“ fragte Victor entzückt.

Anna sah ihn erstaunt an „Das kennst Du nicht? Es ist ja von Rückert! Alfred hat mir –“ sie zuckte zusammen, als hätte sie einen Stich in’s Herz bekommen „Alfred! – O der arme Alfred!“

Sie sah zu Boden und schwieg. Auch der Donner schwieg, der Sturm legte sich und leise fielen nur noch einzelne Tropfen nieder. Es war, als hielten alle Elemente in ihrem Tosen inne, um die Stimme nicht zu übertönen, die da plötzlich in der Seele und von den Lippen des Mädchens rief: „Der arme Alfred!“



27. Enttäuschung.

Das Gewitter hatte ausgetobt und die Abendsonne brach noch einmal im Sinken strahlend hell durch das fliehende Gewölk, als wolle sie der Welt verkünden, daß sie noch da sei, unangefochten von der Wetterfurie, die sie umdüstert hatte. Säuselnde Abendlüfte schüttelten leichte Regenschauer von den nassen Wipfeln herab. Eine Thräne im Auge, aber lächelnd, ruhte die Natur nach dem Kampfe, und von einem Ufer des Sees bis zum andern spannte sich ein Regenbogen aus wie der Engel in der Offenbarung Johannis, der über zwei Welten steht. – Ein weißbewimpeltes Schiffchen glitt auf der besänftigten Fluth darunter hin.

Anna und Victor traten aus dem Hause. Auch in ihnen hatte sich der Sturm gelegt, aber in Anna’s Seele war eine feierliche weihevolle Stimmung nachgeblieben, wie in der Natur. Victor’s Ruhe war nur Ernüchterung.

„Du hast Dich rasch umgekleidet, theuerste Anna!“ sagte Victor. „Ah – wie galant, der Himmel empfängt uns mit einem Triumphbogen!“ Er lachte und verbeugte sich scherzend gegen das Firmament, dessen schönstes Wunder sich vor seinen Augen aufthat. Anna sah ihn mit einem Ausdrucke schmerzlicher Enttäuschung an. Das war Alles, was er empfand bei diesem Anblick?

„Victor,“ sagte sie ernst. „Wessen Seele könnte wohl diese perlengebaute Brücke sehen, ohne darauf von der Erde zum Himmel aufzusteigen?“ Sie schaute trunken empor. „Mir ist, als sähe ich die Seelen aller Derer, die in Nah und Fern irgend einen siegumleuchteten Heldentod erlitten, auf dem Regenbogen einziehen in die Walhalla zu ihrer ewigen Freude. Und wenn ich denke, auch Deine Seele könnte mit unter den Verklärten sein, wenn ich denke, ich wäre gerettet worden, Du aber wärst in diesen Fluthen untergegangen und ich stünde jetzt allein am Ufer und müßte von ferne zusehen, wie Deine Heldenseele auftauchte aus dem Wellengrabe und mir entschwebte auf der strählenden Himmelsleiter – da wird mir so wunderbar weich um’s Herz, daß ich nicht begreife, wie Du jetzt scherzen kannst!“

„Aber, theuerste Anna, Du bist ja doch sonst so wenig sentimental,“ entschuldigte sich Victor; „konnte ich ahnen, daß meine muthige Anna durch den kleinen Schiffbruch so erschüttert worden ist? Das hättest Du mir sagen müssen!“

Anna schwieg. Wenn man es ihm erst sagen mußte, dann hätte er es doch nicht verstanden. Entgeistert blickte sie jetzt in den verblassenden Regenbogen. Schade um den wundervollen Anblick, der so plötzlich zerronnen war! Und mit den schwindenden Farben des Prismas verblich auch in ihrer Seele jene Geisterwelt, die sie dahinwallen gesehen hatte im Prisma eines innern Lichtes. Alles war so still und todt und so nüchtern – sie mußte an Alfred denken, wie er empfunden hätte in solch einem Augenblick. Wie schön würde er gesprochen, wie ganz und innig würde er sie verstanden haben! Und sie sehnte sich aus all ihrem neuen Liebesglück heraus nach einem tiefernsten Worte mit dem alten Gefährten.

„Du bist verstimmt, Anna?“ fragte Victor verlegen, denn er fühlte, daß er es an irgend etwas hatte fehlen lassen, und er wollte wissen, woran.

Sie antwortete nicht. Sie ging schweigend mit ihm die Terrasse entlang und lehnte sich auf die Balustrade. Die Sonne sank, es war plötzlich wieder frostig und traurig geworden auf der feuchten Erde. Wie nach jedem Kampf die erste Siegesfreude erlischt und der stillen Trauer um die gefallenen Opfer Raum giebt, so schien die Natur zu trauern um die vom Sturm geknickten Blüthen, um die vom Regen zerstörten Keime. Und Anna trauerte mit. Sie ließ das Köpfchen hängen, und aus ihren Augen war der Glanz gewichen.

Victor schaute sie besorgt und zärtlich an. „Fühlst Du Dich nicht wohl?“

„Ich bin müde, wir wollen zur Mutter gehen.“

„Theure, liebe Anna! Schenke mir noch eine halbe Stunde allein!“ bat Victor. „Ich möchte noch so Manches mit Dir besprechen. Du bist kalt geworden – komm, laß Dich an meinem Herzen erwärmen!“ Er zog sie sanft in seine Arme. Er war so hoch gewachsen, daß ihr Haupt bequem auf seiner Brust ruhte, und sie hörte den gleichmäßigen Schlag seines Herzens und das Athmen seiner kraftvollen Lunge. Sie fühlte sich so geborgen in diesen starken Armen, denen sie die Erhaltung des Lebens, dieses schönen, köstlichen Lebens dankte. Und sie bereute ihre Unzufriedenheit [711] von vorhin, sie schalt sich undankbar. „Man muß von einem Menschen nicht Alles verlangen! Die Gabe der Rede ist ihm versagt, er spricht mit Thaten statt mit Worten! Der arme Alfred hat nur Worte - keine Thaten. Derer, die Alles in sich vereinigen, sind wohl Wenige, sie sind die Könige der Menschheit, und die sind nicht für mich geschaffen. Könige verlangen auch Königinnen!“ So beruhigte sie sich, und doch fing sie schon wieder an, sich über ihren Retter hinauszusehnen nach einem noch vollkommeneren Menschen, - nach einem, der handeln könnte wie Victor und denken und sprechen wie Alfred! „Wenn man nur aus den Beiden Einen machen könnte!“ dachte sie endlich.

„Seltsames Kind,“ sagte Victor ernst, „vorhin flossest Du über; jetzt bist Du wortkarg und trübe. Sag’ es mir, mein Liebchen, wenn ich Dich irgendwie verletzt. Mit Absicht konnte es nicht geschehen, sicher nicht in einer Stunde, wo ich Dir bewiesen habe, daß ich mit Freuden mein Leben für Dich hingebe!“

Sie schlang gerührt die Arme um seinen Hals - er war so groß, sie mußte sich ordentlich strecken, um an ihm hinaufzureichen, - das war so schön! Der Glanz kehrte wieder in ihr Auge zurück, als sie lächelnd in das seine blickte, das jetzt so innig besorgt an ihr hing. Wäre er Alfred gewesen, sie hätte ihm Alles gestanden, was sie soeben gedacht und gefühlt; mit Alfred konnte sie die geheimsten Gedanken austauschen, „sie war nun einmal so daran gewöhnt!“ gegen Victor aber schwieg sie.

„Lieber,“ sagte sie, „wie könnte ich einen Augenblick vergessen, was Du für mich gethan, und mich verletzt fühlen durch Dich, meinen Retter? O nein, das soll nie geschehen -! Komm, mir fällt etwas ein: Wir wollen zum Kahn hinab und ein Stückchen aus dem Ruder schneiden, womit Du mich gerettet, – das wollen wir uns zur Erinnerung aufheben. Hast Du ein Messer bei Dir?“

„Ja, das ist ein guter Einfall, komm!“ sagte Victor, in dessen ganzem Wesen eine seltsame Befangenheit lag.

Sie stiegen Hand in Hand zum Kahn hinab und Victor schnitt zwei Splitter Holz aus den Rudern.

„So,“ sagte Anna. „Das behalte ich und das Du. Sieh, das ist Dein Talisman. Wenn ich einmal böse bin, dann zeige mir das Stückchen Holz, und Du hast mich wieder in Deiner Gewalt! Das ist ein Pfand, Victor, welches ich nur einlösen kann mit meinem ganzen Leben.“ Und sie schmiegte fast demüthig den schlanken Kopf an seine Schulter. Es durchschauerte Victor wie eine Ahnung geheimer wunderbarer Gewalten, die in dem jungen Wesen schlummerten und denen er sich, erwachten sie einmal, mit all seiner Stärke nicht gewachsen fühlte. -

„Was wird sie für eine Frau werden?“ fragte er sich und streichelte fast schüchtern das dunkle wildlockige Haar des Mädchens.

„Victor,“ sagte sie, „Du mußt mit mir Gedichte lesen. Weißt Du, es giebt doch Augenblicke, wo man Das, was man fühlt, nicht besser aussprechen kann als mit den Worten eines großen Dichters. Ich habe das nie so empfunden als seit heute. Du mußt diese Sprache auch lernen, sonst werden wir uns nicht verstehen.“

„Beste Anna,“ sagte Victor, „ich habe bisher wirklich die schöne Literatur vernachlässigt, denn ich mußte so Vieles lesen und arbeiten, was ich für meinen Beruf brauche: Geschichte, Geographie, Mathematik etc. - wie hätte ich bei meinen Hof- und geselligen Verbindungen da noch für solche Dinge Zeit übrig gehabt?“

„Hm,“ machte Anna, „Alfred hat gewiß ebensoviel lernen müssen wie Du und hat doch auch dazu noch Zeit gefunden! Ich glaube, es giebt gar nichts, was der nicht kennt.“

Victor biß sich auf die Lippen; er hatte jetzt ein ähnliches Gefühl wie Alfred, wenn sie ihm vorwarf, daß Victor besser rudern, laufen und reiten könne, als er.

„Was Alfred kann, solltest Du doch auch können,“ fuhr Anna fort. „Alfred sagt immer, man habe zu Allem Zeit, wozu man Lust habe. Und Du hast doch Lust, nicht wahr?“

„Gewiß, mein süßer Engel. Aber nun bitte ich Dich, halte mir nicht immer den Alfred vor, denn es ist ja selbstverständlich, daß ein Mensch wie er, der sich nur vom Schreibtisch zum Krankenbett zu schleppen braucht, den Schwerpunkt auf seine geistige Entwicklung legt. Wessen Beruf aber vorzugsweise körperliche Kraft und Tüchtigkeit fordert, wie der meinige, der darf nicht am Büchertisch vertrocknen. Ein Soldat muß kein Gelehrter, ein Gelehrter kein Soldat sein!“

„Du hast Recht,“ sagte Anna. „Aber es giebt auch in Euren Reihen wahrhaft vielseitige und gelehrte Männer, und Eure großen Generale, was haben sie leisten müssen, bis sie es so weit brachten, wie sie jetzt sind! Sie fingen doch auch klein an wie Du - ich meine, jeder junge Officier müsse den Trieb in sich fühlen, solchen Autoritäten nachzueifern!“

„Theuerste Freundin, ich wiederhole Dir, Du legst einen Maßstab an mich, dem ich nicht genügen kann. Du hast fortwährend die größten und auserlesensten Männer vor Augen und forderst von Deinen Freunden, daß sie diesen ähnlich werden. Ich bin kein militärisches Genie wie die, von denen Du sprichst; ich bin ein mittelmäßig begabter Mensch mit einem eisernen Körper, der durch Muth und Tapferkeit eine hübsche Carrière zu machen hofft und keinen Augenblick ansteht, für die, welche er liebt, durch Wasser und Feuer zu gehen. Genügt Dir das nicht?“

„Doch -, Bester, Lieber!“ rief Anna, gerührt durch dies freimüthige Bekenntniß. „Du bist und bleibst ja mein Ritter sonder Furcht und Tadel!“

„Und glaube mir nur, Anna - im Kriege gilt nicht der gelehrte, sondern der tapfere Officier,“ fuhr Victor fort; „mit Sentenzen und Phrasen schlägt man den Feind nicht in die Flucht, und die Werke der größten Schriftsteller sind uns nur gut, um Patronen daraus zu machen.“

„Wenn Ihr sie im Kopfe habt, mögt Ihr das immerhin thun, denn dann vernichtet Ihr nur das Papier, nicht den Gedanken.“

„Laß die Schwächlinge und Feiglinge,“ eiferte Victor; „sich als Ritter vom Geiste spreizen, wir sind es doch, wir Ritter vom Schwert, die ihnen ihre Sprache, ihre nationale Freiheit erhalten und ihnen die Stätte mit unserem Blute sichern, an der sie sich friedlich nähren. Was würde denn aus den Herren Dichtern und Gelehrten, aus unserer Cultur, unserem Geistesleben, wenn unser Vaterland zerrissen und zertheilt zur Provinz fremder Länder herabsänke? Darum soll Jeder das Seinige thun in seiner Weise und Jeder den Anderen gelten lassen. Die Gelehrten sollen für uns denken, wir wollen uns für sie schlagen.“

„Victor,“ rief Anna, „so gefällst Du mir; sieh, so bist Du, wie ich Dich liebe, ernst und tüchtig! Und da denn einmal nicht Alles beisammen sein kann, so halte ich es mit der Kraft und dem Muthe und werde jetzt gleich meiner Mutter sagen, daß ich von ganzem Herzen eine brave Soldatenfrau werden will.“

Jetzt schoß eine Feuergarbe auf in Victor’s schönem Gesicht. „Einzigste Anna!“ rief er erschrocken. „Ich bitte Dich, warte damit nur noch wenige Tage!“

„Und warum?“

„Weil ich einen Plan hege, den ich ausführen muß, bevor ich um Dich anhalten darf.“

„Welch’ ein Plan ist das?“

„Ich wollte Dich damit überraschen!“

„Victor,“ sagte Anna, „warum bist Du so verlegen? es muß etwas Unrechtes sein, was Dich so befangen macht. Sag’, was es ist – ich will’s wissen um jeden Preis!“

„Nun denn, Anna,“ sagte Victor in seiner Bedrängniß, „ich hatte vor, Dir den Adel zu verschaffen. Ich möchte mein schönes Weib in jeder Hinsicht mir und den Kreisen, in die ich Dich einführen will, ebenbürtig sehen.“

„Wirklich?“ sagte Anna mit einem Ausdruck, den Victor nicht verstand. Er fuhr in seiner Verlegenheit unbedacht fort: „Der Fürst hält viel auf unsere Familie, denn es ist ein Tropfen seines Blutes in unsern Adern. Ein Großonkel des Fürsten war einst mit einer Gräfin Schorn morganatisch vermählt. Er sieht streng darauf, daß ein Geschlecht, welches mit ihm verwandt ist, so weit als möglich den alten Glanz behauptet, und wir Schorns sind ihm Alle bis zu einem gewissen Grade verantwortlich. Ich besonders, denn er ist mein Pathe und hat im wahren Sinne des Wortes Vaterstelle an mir vertreten. Ich kann, das wirst Du einsehen, keinen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung thun ohne seine Einwilligung. Da er aber nie meine Verbindung mit einer Bürgerlichen zugeben würde, so muß ich ihn zu überreden suchen, daß er Dich adelt, und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß er es mir zu Liebe thun wird. Natürlich müssen derlei diplomatische Aufgaben persönlich abgemacht werden, und ich wollte daher mit unserer Verlobung warten bis zu meiner Rückkehr nach M. – oder wenn es Dir lieber ist, gleich morgen hinreisen und in einigen Tagen wiederkommen, um Dir einen Namen mitzubringen, der besser zu meiner herrlichen Anna paßt als das unästhetische Hösli!“

Anna ging still neben ihm her, ihre Haltung war so seltsam [712] aufrecht und stolz, daß Victor sie befremdet anblickte. „Die Mühe spare Dir,“ sagte sie kalt und klar; sie hatte in dem Augenblick viel, was an ihre Mutter erinnerte.

„Wieso, weshalb?“ frug Victor betroffen.

„Weil ich den Adel nicht annehmen würde.“

„Und weshalb nicht?“

„Weil ich so stolz bin auf den alten Namen der Hösli, den meine lieben Eltern tragen und den die ganze Schweiz kennt und ehrt, daß ich jeden andern, wenn auch noch so hohen Namen, zu schlecht für mich halte!“

„Theuerste, was fällt Dir ein, Du würdest durch eine solche Weigerung den Fürsten auf’s Aeußerste erzürnen und mich in die Lage bringen, entweder Dich zu verlassen oder die Ungnade meines Fürsten zu wählen!“

„Nun, und wenn Dir nur diese Wahl bliebe - wofür würdest Du Dich entscheiden?“

Victor erbleichte und erröthete abwechselnd. „Natürlich für Dich und die Ungnade. Aber bevor Du mich in diese Alternative stürzest, bedenke, was Du thust: Ich bin arm, Anna, ich bin auch kein Genie, wie Du glaubst - ich bin hülflos, wenn der Fürst mir seine Protection entzieht. Vermähle ich mich gegen seinen Willen, so breche ich mit meiner Familie, die ihm anhängt, und mit meinen ganzen Verhältnissen; ich werde vom Hofe verbannt, in eine kleine Garnison versetzt und so lange im Avancement übergangen, bis ich meinen Abschied nehmen muß; dann, beste Anna, bin ich nichts als ein Bettler, dem Dein Vater seine Tochter sicher nicht geben würde - und wenn er es thäte - würdest Du einen Mann achten und lieben können, der sich von seiner Frau ernähren ließe?“

„O!“ rief Anna freudig, „dahin wird es nicht kommen! Ein Officier wie Du findet überall eine neue Stelle. Wer Talent und Muth hat, der ist kein Bettler. - Sollte Dir jedoch wider Erwarten und Verschulden Alles mißglücken - so schwöre ich Dir, daß es mein Stolz wäre, dem Manne, den ich liebe, eine gesicherte Zukunft zu bieten!“

„Großes, edles Mädchen!“ sagte Victor. „So würdest Du denken - aber die Leute?! Erwäge einmal, was es für mich wäre, wenn ich keinen andern Dienst fände und man mir nachsagen würde, ich hätte einer Geldheirath wegen meine Hofstellung und meine militärische Carrière geopfert, gerade jetzt, wo wir einem Kriege entgegengehen!“

Anna machte eine heftige Bewegung.

„Mißversteh’ mich nicht, Anna; wer Dich kennt, wird keinen Augenblick zweifeln, daß ich Dich aus Liebe wählte - aber der Neid ist geschäftig und wird nicht säumen, meiner Verbindung mit Dir die eigennützigsten Motive unterzuschieben. Bedenke, was das für einen Officier und Edelmann wäre - und frage Dich dann - ob Du mich um eines kindischen Dünkels willen so weit treiben darfst? Ich harre mit klopfendem Herzen Deines Urtheils. Ich kann es Dir nicht verhehlen, ich liebe Dich mehr als mein Leben, das habe ich Dir heute bewiesen, aber nicht mehr als meine Ehre, - denn, Anna, der Officier und Edelmann, der irgend etwas in der Welt mehr liebt als diese - ist werth, daß man ihm Degen und Wappenschild zerbreche.“

Victor schwieg beklommen. Anna ging hoch und stolz neben ihm her. „So giebt es doch etwas,“ begann sie mit einem mitleidigen Lächeln, „was mein Ritter sonder Furcht und Tadel fürchtet, und zwar etwas Unsichtbares, das ihm kein Haar auf dem Haupte krümmen kann: das Urtheil oder vielmehr das Vorurtheil der Menschen. Und das nennst Du Ehre, und die Feigheit, mit der Du das Heiligste, die Wahl Deines Herzens, von diesem Vorurtheil abhängig machst, nennst Du Ehrgefühl? Sieh, Alfred ist ein kranker schwacher Mensch, dem wir nicht viel zutrauen - aber das weiß ich gewiß, nicht einmal Alfred würde so gehandelt haben, Alfred würde sich um nichts auf der Welt kümmern und nach Niemandes Erlaubniß fragen, wenn ich ihn heirathen wollte!“

„Alfred und immer Alfred!“ rief Victor, „wenn es nicht zu lächerlich wäre, so könnte ich eifersüchtig werden. Theuerste. Anna, willst Du denn so wenig meinem Standpunkt Rechnung tragen - kannst Du, die für Ritterthum und Ritterehre schwärmt, nicht begreifen, welche heilige Verpflichtungen mir die Traditionen meiner Familie auferlegen? Geh hin und frage Deinen stolzen Vater, ob ein Mann von Ehre unter Verhältnissen heirathen darf, wo er der Frau als Bettler gegenübersteht, und er wird Dir sagen, daß ich recht gethan, da ich Dir offen bekannt, wie sich die Sachen verhalten. Du bist ein romantisches Kind, das an die Dinge dieser Welt seinen phantastischen Maßstab legt, und das gerade macht Dich so bezaubernd, macht es aber auch so schwierig, mit Dir zu verkehren. Du forderst einen Aufschwung, eine Exaltation, die uns alltäglichen Menschen nicht zu Gebote steht, und wenn Du uns mit den Factoren dieser prosaischen Wirklichkeit rechnen siehst, dann hältst Du uns für kleinlich und lieblos! Glaube mir, ich liebe Dich aufrichtig und treu und werde Alles für Dich thun, was in meinen Kräften steht. Nur verlange keinen Kampf mit den Ideen und Verhältnissen, in denen ich aufgewachsen bin, denn - ich kann es nicht leugnen - dazu bin ich zu schwach.“

Anna hatte ihn zu Ende gehört. Ihre scharf gezeichneten Brauen waren zusammengezogen, ihr rosiger Mund trotzig aufgeworfen. „Spare die Redensarten, Victor, und höre mein letztes Wort,“ sagte sie. „Wenn Dir die einfache bürgerliche Anna Hösli zu gering ist, wenn Du nicht den Muth hast, um ihretwillen allen Stürmen zu trotzen und Dir im Falle des Verlustes Deiner Protection eine neue ehrenvolle Stellung zu schaffen aus eigener Kraft - dann bist Du für die Anna Hösli gestorben und begraben, als lägst Du da drunten im See, und kein Regenbogen wird Deine Seele jemals vor meinen Augen gen Himmel führen, wie ich es vorhin geträumt. Jetzt weißt Du, was ich von dem Manne fordere, dem ich angehören soll - und kannst danach handeln!“

Victor war wie vom Donner gerührt bei dieser Rede Anna’s. Er begann sie mehr zu fürchten als alles Andere, und sein nächstes Bestreben war, sie zu versöhnen. Er zog das abgeschnittene Stückchen von dem Ruder hervor und zeigte es ihr. „Nun gebe Gott, daß sich der Talisman bewähre,“ sagte er und sank vor Anna in den feuchten Kies auf das Knie. „Wenn ich Dich beleidigt – um dieses Talismans willen, den Du mir selbst gegeben - sei barmherzig! Ich will ja Alles thun, was Du willst - werde nur wieder mein süßes Lieb von vorhin, da Du glaubtest, es sei Gott selbst, der uns einander in die Arme gelegt. Aennchen, kannst Du Deinen Retter verstoßen?“

Sie schaute ihm lange in das schöne Gesicht, und das Mitleid kam wieder über ihr junges gutes Herz. Sie legte den Arm um seinen Hals und schüttelte traurig den Kopf. „Ich verstoße Dich nicht, dies Leben, das Du gerettet, ist Dein, so lange Du Dich seiner werth zeigst. Ich kann nicht in dieser Minute hassen, was ich in der vorigen geliebt. Aber Victor, mir ist doch die Freude an Dir verdorben, denn Du bist bei all’ Deiner Stärke ein schwacher abhängiger Charakter voll Menschenfurcht und kleinlichen Rücksichten, und ich sehe jetzt, daß man ein Riese sein kann, ohne doch ein Mann zu sein! Wer mir das Alles von Dir gesagt hätte, als Du mich durch den Sturm und das wilde Wasser steuertest, den hätte ich einen nichtswürdigen Verleumder genannt - und nun! Schau, Victor, um jenes Augenblicks da draußen willen“ - sie deutete nach dem umschatteten See - „sei Dir’s verziehen, daß Du mir den schönsten Traum meines Lebens zerstört hast, den, einen großen Mann zu lieben!“ Sie wandte sich von ihm und ging dem Hause zu. Victor folgte ihr in höchster Bestürzung.

(Fortsetzung folgt.




Die Hüterin des Rheins.
Von J. Venedey.

Wir warteten in Müllheim auf den Zug von Basel nach Kehl. Es war Verspätung eingetreten; um so ungeduldiger nahmen wir die Nachricht auf, daß der angekommene Zug ein paar Schritte vor dem Bahnhofe stillstehen müsse, bis alle Wagen durchsucht seien. Ein preußischer Kürassierlieutenant mit zwei Ulanen trat an jede Wagenthür, sah sich die Reisenden alle scharf an und bat endlich Einen derselben auszusteigen. Dieser war ein stattlicher Mann, der rothes Haar hatte; an dem hatte man ihn erkannt. Eine telegraphische Depesche hatte den Stab der in Müllheim liegenden Bataillone benachrichtigt, daß mit dem nächsten Zuge ein

[713]
Die Gartenlaube (1870) b 713.jpg

Eroberung von drei Mitrailleusen in den Hohlwegen von Sedan durch das sächsische Regiment „Friedrich August“.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Specialartisten F. W. Heine.

[714] Adjutant des Commandanten von Belfort verkleidet, in Civil, ankommen werde, um das Land auszukundschaften, wo sich eine große Heeresmasse, um in den obern Elsaß überzuschreiten, sammelte. Jetzt war der arme Teufel gefangen. Sein Benehmen klagte ihn offenbar an. Blaß und immer blasser werdend, konnte er kaum die einfachen Fragen, die der als Polizei auftretende Lieutenant an ihn stellte, beantworten. Bald verzogen sich seine Lippen krankhaft. Es war kein Zweifel. Er besaß prachtvolle Papiere, eben in Bern ausgestellt, die ihn als Arzt bezeichneten, und als Reisezweck den Besuch der deutschen Lazarethe angaben. Der Lieutenant bat den „armen Sünder“, seine Sachen aus dem Wagen zu nehmen und ihm zu folgen, Alles mit dem feinsten Anstand. Erst dann durften alle anderen Reisenden aus- und wir einsteigen. Auf und davon flogen wir und es war mir schon im Geiste, als sähe ich den „armen Sünder“ baumeln.

„Schauerlich,“ dachte ich, „der Kerl, der ihn verrathen hat und jetzt ruhig in Basel sitzt, während dieser hier hängen muß, ist doch des Hängens eigentlich ebenso würdig oder noch mehr!“

Und dann flog ein Gedanke durch meinen Sinn: „Wolle Gott, daß er sich geirrt,“ nämlich der Küradsierlieutenant, der so fein, klug und gentlemanartig den armen Teufel heimführte, um ihn dem Galgen zu überliefern.

Der Krieg ist entsetzlich!

Das war der Prolog zu unserer Reise.

In dem Zuge war ein sehr gemischtes Publicum. Es bestand zum Theil aus gewöhnlichen Reisenden, wie sie zu allen Zeiten zusammenströmen, dann aber auch aus Reisenden, welche die große Zeit unserer Tage zusammengeführt hatte. Nicht wenige waren Officiere der sich im Markgräflerländchen zur Besetzung des Oberelsasses sammelnden Heeresabtheilung (vierte Reservedivision); zwei Wagen waren mit „heimgeschickten“ päpstlichen Zuaven besetzt, lauter deutsche Tröpfe, in Afrikaner verkleidet. Wenn sie nur ein klein wenig Menschenverstand mit nach Hause bringen, dann wird der geistliche Herr, der sie nach Rom geschickt hat, wenig Freude mehr an ihnen erleben. Der Gegensatz zwischen diesem maskirten Gesindel und der tapferen norddeutschen Landwehr an der wir vorbeifuhren war schlagend.

Ein anderer Theil der Mitreisenden waren Straßburger, durch die telegraphische Depesche, die ihnen gestern die Nachricht von der Uebergabe Straßburgs brachte, aus der Verbannung erlöst. Unsere Wagennachbarn waren zwei dieser Glücklichen, die, als sie merkten, daß wir ebenfalls mit wohlwollendem Herzen für die Elsasser und Straßburger in ihre Vaterstadt eilten, uns ihr Herz groß und weit öffneten.

Der Eine der Beiden war ein bejahrter Herr, der nach einer dornenreichen Laufbahn in praktischer Thätigkeit jetzt sich den theoretischen Studien wieder widmete; der Andere war ein junger Künstler, Beide liebevolle und geistvolle Menschen, die sehr bald sich nicht scheuten, ihren deutschen Herzen deutsch Luft zu machen. -

Ich hatte lange in Straßburg gelebt, ich war im Elsaß umhergereist, hatte das Volk nach allen Richtungen kennen gelernt und wußte, wie viel deutsches Wesen und auch Zuneigung zu Deutschland noch an Elsaß lebendig sind. So war ich nicht im Entferntesten überrascht, wohl aber freudig berührt, daß die ersten Straßburger die ich nach der Rückeroberung der Stadt durch die Deutschen sah, gute Deutsche waren. Der ältere Herr erzählte sehr viel von seinem Leben in Elsaß und Lothringen unter den „Franzosen“, klagte bitter über die französische Wirthschaft, über Napoleon und die „Pfaffen“, die gemeinsam das Volk haben verkommen lassen, über die schlechten Schulen, insbesondere über die entsetzliche Verwilderung des sonst so guten Volkes, die das Ergebniß von zwei Jahrhunderten der Mißregierung war. Er sah die Rückeroberung des Elsasses als eine wahre Erlösung des Volkes von einem überall gefühlten, aber nur selten erkannten Joche an.

„Wenn Sie heute abstimmen ließen,“ sagte der junge Künstler, „dann würde freilich die Mehrzahl im Elsaß sagen: ‚Wir wollen französisch bleiben.‘ Aber wenn der Elsaß erst wieder zehn Jahre deutsches Leben, deutsche Zucht, deutsche Sitte, deutsche Ordnung gehabt haben wird, dann können Sie ruhig abstimmen lassen, dann wird Alles mit seltener Ausnahme freudig ausrufen: ‚Wir sind und wollen Deutsche bleiben!‘“

Mein Begleiter, ein Officier, der bei Metz verwundet worden war und der dort überall Franzosenthum und Deutschenhaß im Volke beobachtet hatte, hörte ganz erstaunt zu. Mir sagte der brave Straßburger nichts Neues, meine Erlebnisse im Elsaß, meine Erlebnisse in Stadt und Dorf, meine Studien über den Elsaß hatten längst in mir die Ueberzeugung festgestellt, die jetzt unser Wagennachbar aussprach. Der Elsaß ist das verkommenste Stückchen Land, das unter Frankreichs Herrschaft steht. In der französischen Criminalstatistik ist unter neunzig Departements der Oberelsaß in der Regel das dritte, vierte, der Unterelsaß das siebente, achte. Ebenso auf der schwarz und weiß gezeichneten statistischen Karte über den Unterricht im Volke ist der Elsaß einer der dunkelsten Theile von ganz Frankreich. Nur ein paar der ärmsten, elendesten, verkommensten Departements machen hier dem Elsaß den Rang streitig. Die Elsasser sind ohne gebildete Sprache; sie verstehen, natürlich mit Ausnahmen, aber ziemlich seltenen, weder deutsch noch französisch; wenn sie auch ihre Bedürfnisse meist in beiden Sprachen geltend machen können. Aber ein höheres Wort, einen geistigen Gedanken – die wissen sie weder deutsch noch französisch richtig auszudrücken, noch verstehen sie dieselben von Deutschen oder Franzosen ausgedrückt. Wie gesagt, es giebt Ausnahmen, aber sie sind selten. – Wer aber keine gebildete Sprache spricht oder versteht, nimmt auch an der Cultur dieser Sprache und des Volkes, das sie spricht, nicht Theil. Daher die Verkommenheit, Rohheit, Verwilderung des im Kern so tüchtigen Elsasser Volkes, das übrigens leider kein Privilegium des Elsasses, sondern ein Gemeingut oder Gemeinunglück aller Volkstheile ist, die die Cultursprache ihres Volkes nicht verstehen. In Irland, ja selbst in manchem deutschen Volksstamme, theilweise auch in der Schweiz und Holland, hat dieselbe Ursache dieselben Folgen.

Der Elsaß wird erst die Möglichkeit des Besserwerdens, der Cultur wiedergewinnen, wenn er wieder deutsch sprechen lernt, wieder deutsche Schulen hat und dann an den Culturfortschritten der deutschen Nation wieder theilnehmen kann.

Darüber waren unsere Elsasser Wagennachbarn einverstanden, wie ziemlich sicher jeder deutsche Elsasser, der offenen Sinnes vorurtheilslos zu urtheilen im Stande ist und überhaupt über dergleichen nachdenkt. –

So waren wir, uns ausplaudernd, gute Freunde, ehe wir in Kehl ankamen. Hier wären die armen Straßburger fast noch einmal aus ihrer Vaterstadt ausgeschlossen worden, wenn der Officier, der uns begleitete, sie nicht in Schutz und so mit auf die fliegende Fähre, die sonst Civilpersonen nur mit besonderem Ausweis von Seiten der Militärbehörde betreten durften, genommen hätte. Dafür fühlten sich die heimkehrenden Verbannten doppelt verpflichtet und boten uns ein Bett bei ihnen an, wenn – ihr Haus noch stehe. Wir nahmen das Anerbieten gern an, denn wir wußten schon, daß ein Nachtlager kaum zu haben sein werde. Und das Haus stand noch; aber Alles war so durcheinander, daß wir Alle, auch die Wirthe, nur auf Matratzen, auf den Boden gelegt, schlafen konnten. Wir hatten aber deswegen nicht weniger, sondern nur um so mehr Gelegenheit, die liebenswürdige Gastfreundschaft der braven Straßburger – die uns erst, als wir Abschied nahmen, unsern Namen abfrugen – kennen zu lernen. Abends speisten wir noch Gefangenen- oder Belagertenkost - etwas Pferdefleisch und trockenes Brod mit prachtvollem Elsasser „Bordeauxwein“ –; am andern Morgen aber gab es, zum ersten Male seit vielen Wochen, wieder Milch und Butter zum Kaffee.

Die aufwartende Magd war eine – Französin und kündigte augenblicklich, als wir eintraten, den preußischen Officieren den Krieg an, um – eine halbe Stunde später eine zur Uebergabe bereite Festung zu sein, das heißt so freundlich und herzlich mit scherzte, als ob wir geborene Franzosen wären. Es wird wohl nicht viel schwerer mit den Anderen werden.

In dem Hause unseres Gastfreundes selbst, das zwar noch stand und glücklich weggekommen war, hatte eine Kugel, durch das Fenster kommend, die Zwischenmauer zweier Zimmer zerschlagen. Im Nachbarhause war das Dach zerrissen und eine Kugel von oben bis unten durch alle Stockwerke durchgeschlagen. Nicht weit von dem Hause unseres Gastfreundes hatte eine Granate einem Vorübergehenden den halben Schädel abgerissen, so daß die Spuren des verspritzten Gehirns noch an den Wänden zu sehen waren.

Wir kamen schon Abends am Dom vorbei und hatten mit hoher Beruhigung gesehen, daß er noch ganz und stolz aufrecht stehe. Am andern Morgen aber statteten wir ihm einen förmlichen Besuch ab und sahen dann leider, daß das herrliche Werk dennoch [715] an vielen Stellen stark gelitten hat. Das Dach des Chorschiffes ist gänzlich abgebrannt, die Wölbung des Schiffes aber nur an Einer Stelle von einer Bombe zerschlagen, die dann so unglücklich durchbrach, daß sie die schöne Orgel zerschmetterte; die großen riesenhaften Orgelpfeifen lagen zum Theil auf dem Boden, zum Theil hingen sie wie die hölzerne Umfassung in Fetzen herab. Die Uhr stand still; ein Fenster über derselben war zerschossen; das Eisenwerk und Drahtgeflechte, das das Fenster stützte, war in einen Knäuel verwickelt, und die Bombe, welche dort gehaust hatte und durchgezogen wär, könnte immerhin die Uhr beschädigt haben, dem äußeren Ansehen nach aber war sie unverletzt.

Ueberhaupt würde man dem Innern der Kirche die Belagerung kaum angesehen haben. Dagegen war der Schaden an der Außenkirche größer. Ueberall lagen Trümmerhaufen um die Kirche herum. Die Strebepfeiler des Schiffes waren vielfach zerschossen, hier und dort große Stücke ausgebrochen. Der Thurm steht so stolz wie je da, aber zerzaust, zerfetzt wie ein Soldat, der die wildeste Schlacht mitgemacht. Hier ist eine Ecke ausgebrochen, dort eine Statue zerschmettert; da steht eine Säule nur noch halb, die Hälfte liegt am Boden. Und so trägt der alte Riese Hunderte von Wunden zur Schau, dem Himmel Dank keine tödtliche. Die bezeichnendste aber ist die Entwurzelung des Kreuzes, die letzte Spitze des Thurmes. Es ist dasselbe in seiner Grundfeste zerschmettert und schwebt, auf die Seite geneigt, nur noch gehalten durch die vier eisernen Stangen, die es stützten, stets wie zum Falle bereit in der Luft.

Wer Lust hat, ziehe daraus Schlüsse, finde darin ein Omen; uns aber that es wohler, als wir, ehe wir von dem schönen Riesenwerke deutscher Kunst für heute Abschied nahmen, noch einmal das Ganze überblickten und dann ganz oben in der Ecke des Thurmes die weiße Fahne des Friedens, der Versöhnung bemerkten. Es war dieselbe, die den Belagerern das Ende ihres harten Tage- und Nachtwerkes verkündete. In der That, das ist die Fahne, das Banner des Doms, es sollte die aller Kirchen sein. Und es mag ja ein gutes Zeichen für die Zukunft sein, daß in den Tagen, wo der Papst in Rom seinen Untergang als Herrscher dadurch besiegelte, daß auch er glaubte, es müsse Blut fließen, es müsse die Militärehre seines Heeres gerettet werden, ehe er Rom den Römern und Italien zurückgab, daß gerade in diesen Tagen der zerschossene Münsterthurm zu Straßburg die Friedensfahne aufsteckte.

Möge das Symbol begriffen werden von Katholiken und Protestanten, von Christen und Philosophen, von Deutschen und Franzosen! Wolle Gott es!

Dann zogen wir durch die Straßen. Man hatte ja viel von den Bränden, der Zerstörung gelesen. Aber was wir sahen, überstieg weit unsere Befürchtungen. Von dem Breuil, der Steinstraße, dem Steinthor bis zum Nationalthor lagen Haus an Haus, vielleicht sechs- bis siebentausend und am Ende mehr Häuser am Boden. Die Zerstörung Jerusalems in den schauerlichsten Bildern nach den haarsträubendsten Schilderungen eines Josephus konnte nicht schauerlicher sein. Ueberall streckten nur noch Stücke der Umfassungsmauern der Häuser ihre zerrissenen Reste in die Höhe; hier und dort stieg ein Giebel ohne Haus, mit durchstoßenen Wänden vier, fünf Stockwerk in die Höhe, jeden Augenblick den Einsturz drohend. Hier lagen die eisernen Bettstellen zwischen den ausgebrannten Möbeln; dort streckten aus einer Vertiefung, einem ehemaligen großen Weinkeller, die mächtigen Reifen großer ausgebrannter Fässer ihre rußigen Arme über den Schutt hinaus. An einzelnen Stellen rauchten noch die Trümmer; weiter hin stieg in diesem Rauche der Geruch verbrannten Fleisches, Menschenfleisches, uns entgegen. An manchen Mauern waren die Namen der Besitzer noch zu lesen; andere Häuser, ganze Straßen waren so im Schutte verschwunden, daß man die Grenze des Eigenthums wohl schwerlich wiederfinden wird. An einem der Häuser zogen sich wie gespenstiges Spinngewebe die eisernen Gitterverzierungen vor den Fenstern am ganzen Giebel vorbei, während das Mauerwerk zum großen Theile hinter denselben verschwunden war. Bild an Bild – die grausigste Zerstörung!

Und zwischen diesen Ruinen hausten die „Ruinirten“. An einer Stelle, wo ein viele Fuß hoher Brandschutt aufgehäuft lag, sah man durch eine brandige Lücke in einen dunkeln Keller hinein. Eben kam ein alter Mann mit seinem Bette auf der Schulter herausgekrochen, hinter ihm her seine Tochter mit ihrem Kinde, seinem Enkel, an der Brust. Tiefes Elend und schwerer Kummer lag in den Zügen der Armen: der Vater des Kindes war durch eine Granate zerrissen worden, als er aus dem Keller heraustrat, um Brod für Frau und Kind zu holen. Als der alte Mann das Bett auf ein Wägelchen gelegt hatte, sagte er, wie zu sich selbst. „Und dort, das zerstörte Haus, war einst mein Vermögen.“

Entsetzlich viel Unglück müsden diese Ruinen bergen. Ein Straßburger Banquier versicherte uns, daß dreizehn Millionen Wechsel in der Filialbank der Staatsbank lägen, die er nicht um eine Million kaufen möchte. Die Schuldner dieser Wechsel waren einst alle wohlhabende Familienhäupter, jetzt sind sie Bettler.

Wir kamen über eine Brücke. Unten am Ufer waren Bretter gegen die Wand des Quais angelehnt. Dort wohnten die Unglücklichen. Drei Stangen in die Erde gesteckt, an denen ein eiserner Kessel hing, war ihr – Heerd. Und dieser Heerd – und ein Bett hinter jenen Brettern war Alles, was ihnen geblieben war von der Wohlhabenheit, die sie besaßen an dem Tage, als Napoleon der Dritte glaubte, seiner Dynastie durch den Krieg in deutschem Blute einen festern Boden sichern zu können. Es ist entsetzlich!

Man erzählte uns die Geschichte, oder besser, den Ausdruck der Verzweiflung eines wohlhabenden Mannes, dem mit seinem Hause, seinem Laden, seinem Waarenlager Alles, was er hatte, verbrannt war. „Weißt Du nun, was ich noch wünsche?“ sagte er einem Freunde. „Nun, was?“ – „Daß die ganze Welt bis zum letzten Splitter in Brand stände!“ Es ist das ein furchtbarer Ausbruch der Verzweiflung! Mich schauderte, als ich ihn hörte. Mir kam es so vor, als könnte ein Fluch gegen die ganze Welt in diesem Worte liegen. Und in meiner Seele antwortete eine Stimme auf diesen Fluch, wie zum Schutz gegen denselben mit dem Gebet, dem Seufzer: „O Herr, gieb Frieden!“ „Friede! Friede!“ rufen alle diese Trümmer, all’ das Elend, all’ dieser Kummer, all’ die rauchenden Ruinen und eiternden Wunden. Friede! Friede! Ihr stolzen Lenker der Erde – wenn Ihr den Weltbrand nicht zu verantworten haben wollt. Friede! Friede! um der Menschen und der Menschlichkeit willen!

Erst auf den Wällen aber sah man den ganzen Umfang des furchtbaren Wüstens der Kanonen. Von ihnen aus lag ein Fünftel der Stadt in Trümmern zu unsern Füßen. Die Wälle selbst boten das Bild der wilden Wuth der Sturmbrecher, aus weiter Ferne wirkend, dar. Riesige Kanonenlafetten lagen in Splittern herum; die Wälle selbst waren überall aufgewühlt. Ueberall Spuren der Zerstörung. – Endlich standen wir über der Hauptbresche selbst, rechts neben uns die zweite Bresche im „todten Winkel“ der Bastion – dem Winkel, den die Kanonen rechts und links nicht bestreichen können, der das Leben schützt, und den deswegen die todsuchende Kriegskunst den „todten Winkel“ nennt. – Hier bekam man die volle Achtung vor der schauerlichen Macht der Geschosse. Die Quadersteine waren zersplittert, die Mauer lag am Boden, der Wall sank nach; dreißig, vierzig Schritte breit mochte die Hauptbresche sein.

Gegenüber lagen die beiden eroberten Lünetten 52 und 53, von der einen derselben führte ein Weg bis zum Wassergraben vor der Bresche. Es würde noch ein hartes Stück Arbeit gekostet haben, wenn die Angreifenden über diesen offenen Weg fünfhundert Schritte lang zum Wassergraben vorgedrungen, diesen im Feuer des Feindes überbrückt, und dann die Bresche bis zur Höhe des Walles, zwanzig, dreißig Fuß hinauf, gestürmt hätten. Es schien nicht zweifelhaft, daß bei tapferer Vertheidigung der Sturm sehr schwer gewesen, jedenfalls sehr große Opfer noch gekostet haben würde.

Unser Begleiter, der Verwundete von Gravelotte, zweifelte nicht einen Augenblick, daß seine Kampfgenossen von Metz die Festung im Sturme durch die Bresche zu unseren Füßen genommen hätten; aber – er zweifelte ebenso wenig, daß sie, als Besatzung, den Sturm abgeschlagen haben würden. „Recht so!“ dachte ich. Es scheint aber fast, als ob auch nicht wenige von den Vertheidigern Straßburgs selbst letztere Ansicht getheilt, denn französische Officiere, die wir später sprachen, behaupteten alle, die Munituon habe nicht mehr gereicht und daher sei die Uebergabe unerläßlich gewesen.

In einem Anschlage an den Mauern belehrte der Maire von Straßburg uns heute, daß eine Festung nach Kriegsbrauch sich übergeben dürfe, wenn zwei Breschen geschossen, und daß, nachdem das der Fall gewesen, der Commandant der Festung in die Uebergabe gewilligt habe. Wir hörten später auch erzählen, daß [716] man in den letzten Tagen die zweite Bresche mit einer gewissen Sehnsucht erwartet habe. Jedenfalls war dieselbe kaum begonnen, als die Uebergabe stattfand.

Wir hatten den General Uhrich beim Halten auf der Station Dinglingen, wo er den nächsten Zug abwartete, gesehen. Er ist eher klein als groß, nicht größer als etwa Napoleon; er ist gesetzt, sieht eher wie ein Fünfziger, denn wie ein Sechsziger aus; hat in Gang, Miene, Bewegung etwas sehr Entschiedenes; – aber er sieht doch eher aus wie ein bürgerlicher Beamter, ein hoher, selbstbewußter Polizeidirector, denn wie ein Kriegsheld. Die Straßburger sind nicht gut auf ihn zu sprechen, wenigstens die nicht, die wir gesprochen. Viele Straßburger haben es nicht begriffen, daß Marseille eine Geldsammlung zu einem Ehrendegen für den General begonnen, ehe die Belagerung zu Ende, und – daß unterdeß in Frankreich kein Mensch daran gedacht, für die Straßburger selbst Etwas zu thun, Hülfe für sie zu schaffen, Ersatz für ihre Verluste vorzubereiten. Jedenfalls aber macht das letzte Wort, das der General selbst über die Belagerung sprach, keinen sonderlichen Eindruck. Eine ellenlange Ansprache an alle Welt, die neben der Ansprache des Maire heute an den Mauern der Stadt zu lesen war, endigte mit der Phrase: „Fermons les yeux, si nous le pouvons, sur le triste et douloureux présent, et tournons-les vers l’avenir; là vous trouverez ce soutien des malheureux, l’espoir!“ (Schließen wir die Augen, wenn wir es können, über die traurige und schmerzliche Gegenwart, und richten wir sie auf die Zukunft; dort werdet ihr jene Stütze der Unglücklichen, die Hoffnung, finden!) Ist das nicht fast – deutsch gedacht, deutsch, wie wir vor Zeiten dachten und schmachteten, hofften und harrten?

Alle Kanonen auf den Wällen, viele, viele Hunderte, waren vernagelt. Viele französische Soldaten selbst hatten ihre Waffen bei der Uebergabe im Angesicht der deutschen Soldaten, die zum Empfange derselben aufgestellt waren, auf dem Boden zerschlagen. Die deutschen Soldaten hielten das nicht für schön und nicht für soldatisch; aber sie hatten mit der Ruhe und Würde, die dem Sieger gebührt, dies Gebahren, als ob sie es nicht sähen, geschehen lassen. –

Unsere Gastfreunde hatten uns zu einem Imbiß eingeladen. Ich kam vor den Anderen an und saß eine Weile allein in dem Speisesaal. Auf einem Tische lagen mehrere schöne Bilderbücher. Dasjenige, welches ich zufällig aufgriff, war ein „Album für Deutschlands Frauen. Leipzig, Amelang 1858“. Ich öffnete dasselbe. Das einführende Gedichtchen des ersten Blattes hieß:

„Willst Du lesen ein Gedicht,
Sammle Dich wie zum Gebete,
Daß vor Deine Seele licht
Das Gebild des Dichters trete;
Daß durch seine Form hinan
Du den Blick Dir aufwärts bahnest,
Und, wie’s Dichteraugen sah’n,
Selbst der Schönheit Urbild ahnest.“

Ist das nicht ein recht schönes Gedichtchen? Versuch’ einmal die zwei letzten Verschen zu übersetzen! Und doch hat ein ‚Franzose‘ dieselben gedichtet! Und der ‚Franzose‘ heißt Adolph Stoeber und ist ein Elsasser, ein Straßburger. Ist es nun nicht wunderbar, daß so ein ‚Franzose‘ der Einführer der deutschen Dichterwelt in den Kreis der deutschen Frauen sein muß? Liegt in diesem Buch, das mir so zufällig in dieser Stunde in die Hand fiel, nicht ein wenig von dem, „was kein Verstand der Verständigen sieht“?

Die Elsasser haben bis zu diesem Tage eine ganze Schule deutscher Dichter, die eben in deutscher Sprache dichten. Ich glaube nicht, daß ein Elsasser je in französischer Sprache gedichtet hat. Und das von Rechtswegen; denn das Herz im Elsaß, in dem die Dichtung keimt, ist deutsch geblieben. Dagegen giebt es einzelne gute elsasser Prosaisten in französischer Sprache. Der Verstand, der Kopf konnte im Elsaß französisch lernen. Und darin liegt eigentlich des Pudels Kern, – das inwohnende Deutschthum und das angewohnte Franzosenthum der Elsasser!

Wird der Elsasser wieder deutsch, so wird er das angewohnte Französeln sich bald wieder abgewöhnt haben.

Meine Gastfreunde, die eben eintraten, als mir dieser Gedanke durch den Kopf ging, waren einverstanden. Sie setzten nur hinzu, daß ein großer Theil der wirklich gebildeten Elsasser sich nicht viel „abzugewöhnen“ brauchen würden, um wieder gute Deutsche zu sein.

Nach dem Imbiß, dessen letztes Glas auf Deutschlands Wohl geleert wurde, ging ich hinab in die Straßen und überließ mich dem Eindrucke des äußeren Straßenlebens.

Vom Guttenbergplatze bis zum Kleberplatze ist die Hauptader des Straßenlebens. Guttenberg? Ist denn der etwa auch ein Franzose? Wozu die Frage? –

Das Leben in den Straßen war so, als ob ein Fest, eine Kirchweih oder dergleichen stattfinde. Daß wir in einer eben bombardirten und übergebenen Stadt, halb in Trümmern liegend, umherzögen, das hätte sicher Niemand geahnt, der etwa aus einem Luftballon, vom Himmel fallend, in diese Straßen hineingeraten wäre. Frohe Gesichter, freudiges Geplauder, rasches, leichtes, sorgenloses Hin- und Herlaufen.

Ein ganz eigenthümlicher Gegensatz aber trat hervor, wenn zufällig ein Trupp deutscher Soldaten, Landwehrleute Norddeutschlands, vorbeizog und eben ein paar französische Soldaten ihnen begegneten. Der Gegensatz war in die Augen fallend. Dort Ruhe, Stärke, Einfachheit – hier leichtes Auftreten, nervenzuckendes Hin und Her, patziges Umsichblicken. Man brauchte nur das Auge von dem Einen auf den Andern zu werfen, um sicher zu sein, wer von Beiden im ernsten Zusammenstoße auf Leben und Tod siegen werde. Der Eindruck wiederholte sich, so oft das Begegnen der Gegensätze uns auffiel. Auf einmal stutzte die Menge; Alles schaute auf eine Scene in der Straße hin. Ein halbes Dutzend Landwehrleute, eine Patrouille, führte einen Mann in grauem Wams, am Halse und am Arme ihn festhaltend, durch die Menge. Wir frugen: „Was ist vorgefallen?“ Die Soldaten zeigten zwei Revolver vor, die man dem „armen Sünder“ – auch er sah so aus – abgenommen hatte, nachdem er auf preußische Soldaten geschossen. Was aus ihm geworden, weiß ich nicht; aber Tags vorher hatte man in einem ähnlichen Falle vor der Thorwache den gefangenen Verbrecher augenblicklich zum Jenseits hinübergeschickt. Nach fünf Minuten war das Straßenleben wieder ganz dasselbe laute, gesprächige, geschäftige; Keiner fragte mehr, Keiner dachte mehr an den armen Sünder, der eben vielleicht seinen letzten Gang machte.

Auf einmal hörte man die Regimentsmusik am Ende der Straße wiederhallen. Ein Bataillon badischer Linie zog mit der „Wacht am Rhein“ durch die Hauptstraße. Die Fenster öffneten sich, die Mägde kamen in die Straße, die Frauen blieben stehen, die Männer sahen dem „Schauspiel“ zu. In der That, in Karlsruhe, Mannheim, Kassel, Berlin würde eine Regimentsmusik vollkommen denselben Erfolg haben, wie heute in Straßburg.

Und eben als das Regiment vorüber war, kam aus einer Nebengasse ein Zug gefangener Zuaven, alles echte Zigeuner- und Spitzbubenerscheinungen; preußische Landwehr begleitete sie und kein Mensch kümmerte sich um sie, kaum daß Jemand sie ansah. Doch ja, dort oben auf der Altane des Kaffeehauses standen mehrere junge französische Officiere; einzelne zogen sich zurück, als der Gefangenenzug vorbeiging, ein paar blieben stehen, sahen trüben Blickes auf die Gefangenen hin – das war Alles.

Es war kein Ernst in dem ganzen Kampfe, dem ganzen Getriebe, dem Frankreich zum Opfer fiel, für das Frankreich heute so schwer büßen muß.

Mit diesem Gedanken bog ich um die Ecke der Straße, die zum Münster führt, von dem ich noch einmal Abschied nehmen wollte. Da war ein prunkender Laden für Modespielereien der großen Welt. Eine Reihe von Photographien fesselte meine Aufmerksamkeit. Es waren immer ein Herr neben einer Dame, die Helden und Heldinnen des Tages, der Zeit, Seite an Seite, eine Photographie neben der andern, Peletan und neben ihm Lionie, Thiers und Gabriele, Rochefort mit Patti Marie (die dich durch einen Nasenzwicker so keck ansieht, wie es einer Dame neben Rochefort zukommt), Fionville und Helene, Jules Ferry und Mademoiselle Bloch. Und so weiter noch ein halb Dutzend Helden des Tages, Seite an Seite neben den Heldinnen der Demi-monde.

Das war der Geschmack des Tages, der Zeit. Wenn nach Jahrhunderten ein philosophischer Cuvier diese Pärchen, Eines neben dem Andern, in irgend einer untergegangenen Villa oder Boutique des Jahres 1870 findet, dann wird das ihm genügen, die Zeit [717] zu charakterisiren, zu classificiren, und ihr Name wird heißen: „Fäulniß und Untergang“. -

Wie wir auf dem Hinwege mit deutschen Straßburgern und Elsassern zusammentrafen, so fanden wir auf dem Rückwege Gelegenheit auch ein paar französische Elsasser kennen zu lernen.

Ein junger Mann, der Officier in der Mobilgarde gewesen war, sprach, obgleich Gefangener, in unserer Gegenwart sein Franzosenthum sehr entschieden aus. „Wenn Elsaß und Straßburg deutsch werden. so komme ich nie wieder nach Straßburg.“ Eine deutsche Dame, mit der er sich in gebrochenem Deutsch unterhielt, glaubte ihn bekehren zu müssen, indem sie ihm sagte, Straßburg und Elsaß seien ja deutsch gewesen.

„Nie!“ erwiderte der junge Mann ganz bestimmt. „Straßburg war eine freie Stadt, hatte weder Kaiser noch König! Also – ist es französisch!“

Als die Dame erwiderte: „Es gehörte aber ja doch zum deutschen Reiche!“ sah sie der Franzose schlau an und sagte freundlich lächelnd:

„Sie irren, Madame, Straßburg war niemals deutsch!“

Und damit basta!

Später stieg ein älterer Herr in unser Coupé. Wir kamen in’s Gespräch. Er war ein hochstehender Geschäftsmann von Straßburg, der durch die Belagerung unendlich gelitten hatte. Er bekundete sich als ein französischer Elsasser, das heißt als ein solcher, der ein Franzose zu sein glaubte.

Ich sagte ihm: „Die Elsasser sind Deutsche und bleiben deutsch. Es ist Keiner Franzose, weil er Franzose sein will, wie kein Adler ein Falke, kein Rabe eine Krähe wird, weil sie es vielleicht möchten.“

„Aber wozu ist es dann nöthig, daß der Elsaß wieder deutsch werden muß? Würde Deutschland nicht die Freundschaft von Frankreich sicherer gewinnen, wenn es Elsaß bei Frankreich ließe? Würde es nicht viel humaner sein, wenn Deutschland sich auf den hohen Standpunkt stellte, gar keine Eroberung machen zu wollen?“

Gerne erkannte ich diesen „höhern“ Standpunkt an. Aber die Natur der Dinge ist nicht diesem Standpunkte angemessen. Wie kein Adler zum Geier wird, so wird kein Volk seine Geschichte, sein Wesen, seine Geistes- und Seelenrichtung verleugnen können. Dem deutschen Volke ist die deutsche Geschichte lebendig in’s Blut übergegangen. Es weiß, daß Frankreich den Elsaß und Straßburg auf die ungerechtfertigtste Weise Deutschland entrissen; daß es seit Jahrhunderten Deutschland mißhandelt; daß Deutschland durch Ränke veranlaßt wurde, dazu stets theilweise hülfreiche Hand zu leisten; daß bis 1813 der Rheinbund die erste Armee Frankreichs gegen Deutschland war, daß bis zum Jahre 1870 der Elsaß den Franzosen die Elite ihres Heeres gegen Deutschland liefern mußte. Das Alles war nie vergessen in Deutschland, das Alles wurmte in allen Herzen aller denkenden Deutschen.

Endlich kam Napoleon der Dritte mit Zustimmung, mit Hülfe von ganz Frankreich und wieder auch mit Elsasser Elitencorps und begann ohne alle Veranlassung den Krieg um den Rhein! – Da wurden alle die schlummernden Gefühle wach; jede Schlacht, jedes Blutfeld, bedeckt mit Deutschen, rief den Gedanken lebendiger in der Seele des deutschen Volkes: „Jetzt ist es aus! Jetzt muß Frankreich den Elsaß herausgeben!“

Es ist philosophisch vielleicht ein berechtigter, ein berechtigterer Standpunkt, wenn der Philosoph sagt: „Gewinnen wir Frankreich durch Großmuth!“ Aber das Volk, die Geschichte Deutschlands, die Geschichte der Franzosen in Deutschland, auf allen Bergen, in allen Thälern Deutschlands in Ruinen eingeschrieben, die Geschichte des Krieges von 1870, wie er herbeigeführt, wie er Deutschland aufgezwungen wurde; wie ganz Frankreich von Girardin und Thiers bis zu Victor Hugo hinauf dabei an den Gewinn der Rheinprovinzen dachte; wie Deutschland diesen Kampf mit dem Herzblut seiner besten Söhne zurückweisen mußte – das Alles zusammen hat eine Seelenströmung im ganzen deutschen Volke geschaffen, naturgemäß heraufwachsen lassen, die heute entweder den Elsaß gewinnt oder das deutsche Volk bis zum Untergange kämpfen läßt, ehe es diesen Kampfpreis, den es im Namen seiner Geschichte, seiner Väter, seiner Enkel fordert, aufgeben wird. Es ist keine philosophische Schlußfolge, keine philisterhafte Berechnung, keine Großmachtlust, keine militärische Angst und Vorsicht vor der Zukunft – es ist einfach ein naturgewachsener Entschluß des deutschen Volkes, mit Frankreich abzurechnen und den Elsaß[WS 1], der deutsch ist, als deutsches Volk und Land zurückzufordern.

„Ja,“ erwiderte der geistvolle elsasser Deutsche, der Franzose zu sein glaubte. „Ja, wenn wir nun nicht Deutsche sein wollen?“

„Adler sind keine Geier, ob sie auch wollten! Doch ernster; Ihr werdet es sein wollen, in Bälde! In zweihundert Jahren seid Ihr keine Franzosen geworden; in zehn Jahren werdet Ihr keine mehr sein wollen.“

„So viel ist sicher, daß, wenn Sie uns fragen, wenn Sie alle Elsässer fragen, wir in großer Mehrzahl sagen: wir wollen Franzosen sein!“ erwiderte mein Wagennachbar.

„Daran zweifle auch ich nicht!“

„Und deswegen wollt Ihr keine Abstimmung!“ fiel mein Gegner ein.

„Zum Theil, ja! – Aber es giebt noch andere Gründe, Kinder und Unmündige läßt man nur selten ihr Geschick selbst entscheiden. Ihr Elsässer. aber seid Unmündige!“

Der Mann lachte und zog die Schulter.

„Ich bin sicher, Sie geben das am Ende selbst zu. Jedenfalls werden Sie ja zugeben, daß, wer keine Sprache sprechen kann, nicht mündig ist. Ihr Volk in Masse, und bis zu einem gewissen Grade selbst die Feinstgebildeten im Elsaß, sprechen weder deutsch noch französisch!“

„O! nicht französisch!“ lachte mein Sitznachbar.

„Nun ja, wenn Herr Humann, der Finanzminister Louis Philipp’s, sagte: ‚Tous mes brochets sont des truites!‘ (alle meine Hechte sind Forellen), wo er sagen wollte: ‚Alle meine Projecte sind zerstört!‘ (tous mes projets sont détruits), so werden Sie doch nicht behaupten wollen, daß er französisch sprechen konnte!“

Mein Wagennachbar lächelte noch einmal halb mitleidig.

„Und Sie selbst, lieber Herr Nachbar, Sie sprechen sehr gut deutsch, aber können nicht französisch sprechen. Sie haben mir eben noch gesagt, daß die ganze Straße de bière abgebrannt sei!“

„Das ist auch so!“ erwiderte er.

„Sie irren; nicht die Rue de bière, sondern die Rue de pierre, nicht die Bierstraße, sondern die Steinstraße ist abgebrannt.“

Er lachte nicht mehr.

„Und unmündig sind doch wahrlich sehr viele Elsasser, wenigstens alle elsasser Bauern mit seltener Ausnahme, denn – Verzeihung – ich hasse Niemanden, und die Juden sind bei mir in vieler Beziehung hoch angeschrieben.“

Der Mann sah mich groß an, er war ein Israelit. Ich fuhr fort:

„Sie werden es ja selbst wissen, daß im Elsaß jeder Bauer thatsächlich einen Vormund hat, und daß dieser Vormund sein Hofjude ist, der ihm selbst den Act aufsetzen muß, den der Bauer seinem Maire bringt, wenn er seine Tochter verheirathen oder sein jüngstes Kind taufen lassen will.“

Der französisch sein wollende Straßburger sagte nichts mehr.

„Lassen Sie Ihre Bauern,“ schloß ich, „erst zehn Jahre in deutschen Schulen deutsch sprechen gelernt haben, dann werden sie mündig sein, mündig zur Abstimmung und mündig zur Abschüttelung des Pfaffen- und Judenjochs, unter dem sie heute fast alle, mit seltenen Ausnahmen, schmachten!“ –

Als ich meinem Nachbar sagte, daß die französischen Verwüstungen auf allen Bergen von halb Deutschland in Ruinen angeschrieben stehe, antwortete derselbe: „Die der Deutschen in Frankreich, in Straßburg werden ein ebenso unvergeßliches Andenken bleiben. Die halbe Stadt ist zusammengeschossen, der Dom ist zerfetzt, die prachtvolle Bibliothek ist bis auf das letzte Stück Papier verbrannt.“

Ich gestehe, daß dieser Einwurf mir sehr wehe that. Die Zerstörungen mochten militärisch unerläßlich sein. Aber sie sind dennoch ein schauerliches Andenken im Geiste des Volkes. Und dabei fiel mir dann der heimkehrende verlorene Sohn wieder ein, das Fest, das der Vater ihm bereitete, das Festkleid, das er um seine Schultern legte. Hätte mein Wort Macht, so müßte das ganze deutsche Volk für Straßburg eintreten; träfe es das Ohr eines der gebietenden Herrscher, das Herz eines mächtigen Staatsmannes, so sollte Straßburg ein neues Festkleid bekommen, schöner als es je eines besessen.

Es läßt sich Allerlei dagegen sagen, daß Deutschland heute [718] den Elsaß zurückfordert. Es hieße den Elsaß gewinnen, wenn das deutsche Volk, wenn die deutschen Fürsten und Staatsmänner sich sagten: „Wir übernehmen die Vater- und Bruderpflicht, das neue Festkleid des heimkehrenden verlorenen Sohnes herbeizuschaffen!“ -

Als wir in Müllheim den Wagen verließen, galt unsere erste Frage dem unglücklichen Adjutanten von Belfort. Der Krieg hat seine Nothwendigkeiten, aber diese Nothwendigkeiten sind meist entsetzlich. Der Gefangene hatte – sein Examen ganz vorzüglich bestanden und war summa cum laude als Doctor medicinae entlassen worden. Im Hauptquartier angelangt, hatte er kaltes Blut genug gewonnen, um ruhig seinen Doctor der Medicin zu vertheidigen. Jetzt flößte seine Ruhe Vertrauen ein. Der Commandirende ließ den Regimentsarzt kommen, und durch diesen den Gefangenen in Wahrheit – examiniren. Und da stellte sich bald heraus, daß der Gefangene in der That ein gelehrter Doctor medicinae war. Er durfte weiter reisen. Ob nun der Adjutant von Belfort wirklich im Zuge war? Dann dankt er seine Rettung dem Umstande, daß er – rothes Haar hatte, denn nur des rothen Haares willen hatte man den Doctor verhaftet.

Wie diese kleine Geschichte den Prolog, so mag sie auch den Epilog zu unserer Reise nach Straßburg bilden.

Ende gut, Alles gut! Möge das Ende auch gut für den Elsaß, für Straßburg, für Deutschland – und warum nicht auch für Frankreich ausfallen!

Es war das arme Frankreich, so edel und ritterlich sonst, furchtbar verkommen. Mögen die harten Schläge, die es getroffen, es bessern und bessere Tage ihm zuführen, in denen es mit Ruhe und ohne Schmerz die Heimkehr des lange verlorenen Sohnes deutscher Familie in sein Vaterhaus mit ansehen kann! –

Trügen diese Zeilen zu diesem Ergebniß, zum Verständniß und zur Erkenntniß der naturbegründeten Verhältnisse, welche die Frage[WS 2] des Elsasses beherrschen, auch nur ein Geringes mit bei, dann wäre der Lohn Dessen, der sie geschrieben, groß genug.




Bei den Gefangenen von Sedan.

Sie zählen nach vielen Tausenden, die guten Berliner, welche Tag für Tag mit Hülfe kaum zu zählender Fiacres, Droschken, Carossen, Omnibus und Eisenbahnwaggons nach dem benachbarten Spandau fahren, dort die Franzosen und das Franzosenlager zu sehen. Dieser Völkerwanderung schloß ich mich – nicht ohne Mühe, denn ich mußte mir mein Billet vor dem Schalter förmlich erkämpfen – unlängst an und folgte, in der weitbekannten Festungsstadt angekommen, dem ungeheuern Menschenstrom, welcher sich vom Bahnhofe nach der Stadt, über die Wallgrabenbrücken, durch die Festungsthore und Außenwerke ergoß; alle die Reiter, die Kutscher und Kaleschen, zwischen deren dichter Zeile man sich durchwinden mußte – Alle hatten das gleiche Ziel im Auge: „Zu den Franzosen!“

Schon von Weitem kündigten sich die Rothhosen an. Zu verschiedenen Malen passirten wir kleinere Trupps von Kriegsgefangenen, die, von stämmigen ostpreußischen Landwehrmännern bewacht, zur Erledigung irgend eines Geschäfts, eines Einkaufs oder dergleichen, nach der Stadt geleitet wurden. Sammt und sonders sahen sie ziemlich abgerissen und schmutzig, doch nichts weniger als mißvergnügt aus. Sie schwatzten lebhaft miteinander und erwiderten den ihnen da und dort gesandten Gruß, wie es schien, in der vortrefflichsten Laune von der Welt.

Plötzlich staute sich der Menschenstrom. „Ein Turco! Ein Turco!“ schrie es aus unserer Vorhut, und neugierig drängte sich die Menge hinter einer fezbekleideten Gestalt in Blau zusammen, die ohne das Getümmel um sich her nur eines Blickes zu würdigen, stolz die Gasse herabschritt. Es war ein Officier, ein noch ziemlich junger Mann mit feinen Zügen und prächtigem blauschwarzen Vollbart. Gleich allen seinen gefangenen Cameraden hatte er in der Stadt selbst sich Quartier suchen dürfen und konnte auf Ehrenwort frei umhergehen. Am Abende traf ich ihn in einem Kaffeehause wieder, wo er mit orientalischer Ruhe Billard spielte, völlig apathisch gegen das Spalier von Schaulustigen, das sich an den Wänden des Saales aufgepflanzt hatte und von dem Löwen des Tages kein Auge verwandte. Ob sich der Mann in seiner reichgestickten pittoresken Uniform zu sehr gefiel, um sich von ihr zu trennen, oder ob es ihm an Mitteln fehlte, sich mit Civilkleidern zu versehen – er machte eine Ausnahme von den übrigen Officieren, die sich durchgängig nur im bürgerlichen Rocke zeigen.

„Da sind sie! da sind sie!“ hörte ich endlich rufen. Ich blickte nach der angedeuteten Richtung hin, allein ich sah vor der Hand nichts als ein schwarzes Chaos von Menschen- und Pferdeköpfen, über dem ein paar große schwarzweiße Fahnen flatterten und eine dicke Rauchwolke qualmte. Erst nach einigen weiteren Minuten unterschied ich die einzelnen Zeltspitzen. Wir näherten uns dem Lager, welches etwa zwanzig Minuten von der Stadt sich zur Rechten der nach Potsdam führenden Chaussee ausbreitet, ringsum, in weitem Umkreise, von Wald gesäumt. Eine über kleine Pfähle gezogene Schnur, innerhalb deren von dreißig zu dreißig Schritt die Mannschaften des vierten ostpreußischen Landwehrregiments Nr. 5 Wacht halten, umschließt die Fläche und gebietet Jedwedem Halt, der sich nicht mit der erforderlichen Eintrittskarte versehen hat. Ich hatte mir durch einen Freund von der Commandantur in Spandau einen solchen nicht leicht zu erlangenden Paß auswirken lassen, und konnte nun, von meinen kartenlosen Reisegefährten mit neidischen Blicken verfolgt, unbehindert die Schranke überschreiten oder vielmehr unter ihr durchkriechen und das Heiligste und Allerheiligste des Raumes ganz nach Gutdünken erforschen. Aber auch, wer das nicht durfte, fand doch sattsame Gelegenheit, sich die französische Soldateska aus der Nähe und mit Muße zu beschauen. Am Nordrande, zum Theil noch innerhalb der Schnur, gerade da, wo man an der Stadt ankommt, steht eine der Marketenderwirthschaften, und vor ihrem Schenktische wird es nicht leer von Franzosen, die sich, soweit sie über ein paar Groschen oder Centimes verfügen, unser deutsches Bier vortrefflich munden lassen. Und wer die nöthigen Baarschaften nicht sein eigen nennt, für den sorgt das neugierige Publicum mit freigebiger Hand, so daß der daneben postirte preußische Unterofficier seine schwere Noth hat, das Gewühl einigermaßen in Schranken zu halten. Der Mensch war schon ganz heiser von seinem ewigen Commando „die Gefangenen zurück!“, dem hin und wieder ein Kolbenstoß den nöthigen Nachdruck verleihen mußte; blieb aber das Büffet auf eine Secunde einmal leidlich frei, im nächsten Momente wurde es wieder von Massen neuer durstiger Roth- und Blaukäppis belagert.

Da sah man nun gleich das bunteste Untereinander von Uniformen zusammen: die Krapphosen der Linie, die rothgestreiften Blauhosen der Artillerie, die gelbbordirten Hosen der Jäger, grünjäckige Husaren, Marinesoldaten mit dem Anker auf Schultern und Aermeln, Chasseurs d’Afrique mit von kleinen Knöpfen übersäeten Wämmsern, Lanciers – diese sämmtlichen Uniformen konnte man studiren, wenigstens insofern als hauptsächlich die Hosen in Frage kamen. Ihrer Röcke – die Sonne brannte fast juliheiß herab – hatte sich die Mehrzahl entledigt und wandelte in blauen, rothen, grauen, gelben Woll- und Baumwollhemden umher. Nur die Decorirten unter ihnen, mit Medaillen für die Feldzüge in Italien und Mexico, trugen ihre Jacken wenigstens über den Rücken gehangen, um uns ihre kriegerischen Verdienste in’s gehörige Licht zu stellen.

Der Eindruck, welchen mir der französische Soldat überall gemacht, wo ich mit ihm in Berührung kam, in Straßburg, in Paris, in einigen kleinen Jurafestungen an der Schweizer Grenze, der Eindruck einer mit Leichtfertigkeit und Liederlichkeit gepaarten cynischen Rohheit und Unreinlichkeit – er wiederholte sich mir auch hier im Spandauer Zeltlager.

Kaum war ich eingetreten in den Kreis desselben, so fand ich mich sofort von einer Schaar Franzosen umringt, wiederum einer reichen Musterkarte der verschiedensten Waffengattungen. „Un cigarre, Monsieur, s’il vous plaît, un cigarre“ Vorsorglich hatte ich mich mit einer hinreichenden Menge des begehrten Artikels versorgt, und rasch verbreitete sich um mich die lauteste Heiterkeit, die sich in den possenhaftesten Sprüngen und Geberden äußerte. Blos ein schlanker blonder junger Mann von fast deutschem Typus hatte nicht gebettelt und hielt sich in einer gewissen Entfernung von den [719] Uebrigen, vor denen er sich durch ein auffallend intelligentes Gesicht und eine sorgfältiger gepflegte Toilette vortheilhaft auszeichnete. Ich ging auf ihn zu, bot ihm eine Cigarre und kam bald mit ihm in’s Gespräch. Es war ein Marinesoldat.

„Alle, wie wir jetzt hier, sind wir bei Sedan gefangen genommen worden,“ erzählte er mir, indem er zugleich die einzelnen Uniformabzeichem erklärte; „der Schwarze dort mit den Beilen auf dem Aermel ist ein Pionnier. Das eingestickte Horn darunter zeigt an, daß er zu den besten Schützen gehört. Er ist dicht an der spanischen Grenze zu Hause, ich bin aus der Niedercharente, unweit Nantes,“ fügte er auf meine diesfällige Frage hinzu. „Wir dienen jetzt Alle nur fünf Jahre; darum sehen Sie fast lauter junge Leute unter uns.“

Inzwischen war die Schaar um mich herum immer größer geworden. „Aber, voyez-vous“ nahm der Soldat wieder das Wort, „wir sind sammt und sonders verrathen und verkauft, schmachvoll verrathen und verkauft worden – honteusement trahis et vendus – sonst wären wir nicht hier. Denn der französische Soldat ist der beste der Welt, und wenn die Prussiens nicht immer vier gegen einen über uns hergefallen wären, dann hätten wir sie jedes Mal geschlagen, mehr, wir hätten sie vernichtet – écrasé. Im Bajonnetgefechte thut’s uns Niemand gleich.“

So flunkerte er – allein das ist wohl nicht der rechte Ausdruck, denn Dank den ewigen hochstelzigen Tiraden in den öffentlichen Blättern und den Aufstachelungen seiner Officiere, der Mensch war offenbar von der Wahrheit seiner Behauptungen überzeugt. Der Hochmuth steckt dem Franzosen so tief eingewurzelt im Blute, daß er auch in seiner tiefsten Erniedrigung noch das große Wort im Munde führt, von keinem Schicksalsschlage zur Bescheidenheit bekehrt. Die funkelnden Augen und das Gemurmel der Umstehenden bekundeten deutlich genug, daß der Bursche nur die allgemeine Ansicht ausgesprochen hatte.

Ich gab mir Mühe, ihn zu widerlegen, wies ihn namentlich darauf hin, daß gerade dem deutschen Bajonnetangriffe keine einzige französische Truppenabtheilung habe Stand halten können; daß die numerischen Verhältnisse beider Heere andere gewesen seien, als er sich einbilde, ja daß bei mehreren der entscheidendsten Actionen die Franzosen sich in namhafter Ueberzahl befunden hätten – meine Worte waren völlig in den Wind gesprochen. „On nous a vendus!“ (man hat uns verkauft) – dabei blieb er. Als ich ihm vollends mittheilte, daß am Abend vorher Straßburg capitulirt habe, daß Paris von den deutschen Heeren vollständig umgeben und das Hauptquartier des Kronprinzen von Preußen bereits in Versailles aufgeschlagen sei; daß das sechszehnte und siebenundzwanzigste französische Regiment sammt den Zuaven beim ersten Einschlagen einer feindlichen Granate Kehrt gemacht und in toller Flucht von Chatillon sich bis mitten nach Paris gerettet hätte – da schüttelte der gesammte Haufen in höchstem Unglauben den Kopf und schleuderte mir wüthende Blicke zu. „Impossible, impossible, Monsieur!“ (unmöglich, mein Herr!) erwiderten zwanzig Stimmen zugleich. „Um Paris zu cerniren, dazu braucht man zwei Millionen Soldaten und einnehmen können es die Prussiens nun und nimmermehr.“

So prahlten diese Franzosen noch in der Gefangenschaft und einem Preußen gegenüber! Das Tollste von Allem aber war, daß der Gesell' sich nicht von der Idee abbringen ließ, die Prussiens – von den Deutschen schien er gar nichts zu wissen – hätten über hunderttausend Mann an Gefangenen verloren! Nur ein einziger aus der Gesellschaft, ein hochgewachsener Artillerist aus Bordeaux, wie er mir sagte, schien eine Ahnung von dem wahren Sachverhalt zu haben. Wenigstes schnitt er die dünkelhaften Herzensergießungen seiner Cameraden einige Male ab mit einem derben: „Qu'est-ce que vous chantez-là!“ (Was redet Ihr da für dummes Zeug!)

Ein Trommelsignal erschallte. „Wir müssen zum Appell,“ erläuterte man, und trotz unserer unvereinbaren Meinungsdifferenzen verabschiedeten sich Lanciers, Pionniere, Artilleristen, Chasseurs de Vincennes und Chasseurs d'Afrique mit einem höflichen „Au plaisir, Monsieur.“ (Amüsiren Sie sich gut.)

Ich wandte mich nun der aus drei Zeltreihen bestehenden eigentlichen Lagerstadt zu. Die Zelte sind gleichfalls eine den Franzosen abgenommene Beute, trichterförmig, aus einem festen grauen Segeltuch gefertigt und von einer schwarzen Spitze überragt. Jedes bietet für sechszehn Insassen Raum, welche sich darin, die Füße nach innen gekehrt, im Kreise umher auf Stroh und unter wollene Decken zur Nachtruhe ausstrecken. Merkwürdiger Weise fand ich kaum ein Zelt, dem nicht ein deutsch redender Elsasser oder Lothringer angehörte, und besonders die ersteren wiesen den ausgesprochensten germanischen Habitus auf. Ihre Gesichter waren voll und rund, ihr Körperbau gedrungener und markiger, ihre Hände und Füße größer und plumper als die ihrer Zeltgenossen keltisch-romanischen Ursprungs. Sie sprachen das breiteste Allemannisch-Deutsch, das man nur hören kann. In gewissen Zwischenräumen stehen kleinere Zelte und zeltartig geformte Strohhütten vertheilt. „Pour eux,“ (für die dort) meinten meine Franzosen, womit sie ausdrücken wollten, es seien dies die Zelte und Schilderhäuser für ihre preußischen Wachen.

Am obern Ende des Lagers stößt man auf eine zweite Wirthschaft, und weiter westlich auf drei umfängliche Stein- und Bretterbauten, die Küche für die unfreiwilligen Einwanderer. Meine Karte gestattete mir, auch darin mich umzuschauen. Eben war man mit der Zubereitung der Abendkost beschäftigt. Preußische Soldatenköche leiten die Küchenabtheilung, während Gefangene ihnen als Helfer und Unterköche zur Hand gehen. Selbstverständlich zeigt die Speisekarte nicht viele Abwechslungen, es ist einen Tag so ziemlich dasselbe wie den andern; alle Gefangenen jedoch, bei denen ich mich erkundigte, wie sie mit der täglichen Diät zufrieden seien, hatten gegen die ihnen werdende Verpflegung nichts Erhebliches einzuwenden, was sicher das beste Zeugniß für dieselbe ist, da die Herren Franzosen bei und an uns deutschen Barbaren Alles und Jedes zu bemäkeln finden. Zum Frühstück giebt es – wie ich jedoch höre, nicht alle Tage – Kaffee mit Zucker, Mittags Fleischsuppe und Gemüse, Sonntags auch ein Stück Rindfleisch, Abends geschmalzte Erbsen und Kartoffeln oder Bohnen und Kartoffeln. Welche Ausdehnung diese Küchen besitzen, wird man daraus entnehmen, daß die erste über dreizehnhundert, die zweite mehr als fünfzehnhundert und die dritte nahezu die gleiche Anzahl von Gefangenen zu speisen hat. Mithin würde sich vorläufig die Gesammtziffer der bei Spandau campirenden Franzosen auf viertausend und einige hundert belaufen; doch werden noch immer neue Ankömmlinge erwartet, – wie ich erfuhr, ein Theil der am 27. dieses Monats in Straßburg gemachten fernerweitigen siebenzehntausend Kriegsgefangenen. Daß man auch verschiedene Brunnen zur nöthigen Reinigung, desgleichen die unentbehrlichen sonstigen Bequemlichkeiten hergerichtet hat, bedarf keiner Erwähnung, und so würde die Organisation des Ganzen wenig zu wünschen übrig lassen, vorausgesetzt, daß die jetzige milde Herbstwitterung noch einige Zeit andauert. Bei rauherem Wetter hingegen dürften die Leinwandhäuser kein sattsam schützendes Obdach gewähren. Nun, hoffen wir, daß bis dahin der Friede geschlossen ist, ein Friede auf die von uns Allen erstrebten Bedingungen hin, und daß dann alle die aufgezwungenen Gäste, deren Menge uns bereits ernstlich zur Last fällt, zu ihrem heimischen Herde zurückkehren können!

Der Appell war vorüber – man nimmt diesen Zusammenruf täglich mehrere Male vor, um, was mich sehr nothwendig dünkt, bei den Franzosen das Bewußtsein der Gefangenschaft nicht abhanden kommen, sie fühlen zu lassen, daß sie Tag und Nacht unter unausgesetzter Controle stehen –, und von Neuem füllte sich das weite Blachfeld mit bunten Gestalten und Gruppen. Ab und zu ein paar Worte mit den mir Begegnenden wechselnd, die mir abermals bestätigten, daß die Franzosen unverbesserlich sind in ihrer Eitelkeit und Selbstüberhebung, auch in der Kriegsgefangenschaft nichts lernend und nichts vergessend, schlenderte ich an den Soldaten vorüber und ward Zeuge von allerhand ergötzlichen und fremdartigen Scenen. Hier hatte sich ein Hufschmied - maréchal nennt ihn der Franzose –, ein wildaussehender Kerl mit olivenfarbigem Gesicht und rabenschwarzem Haar, mit einer Clarinette postirt, der er eine Art von Quadrillenmusik erpreßte, und mit Blitzesschnelle ordnete sich eine Soldatenschaar um ihn herum und ließ einen tollen Cancan von Stapel, wie man ihn in Paris nur im Prade zu sehen bekommt. Die Beweglichkeit der Gesellen war in der That bewundernswerth, ihr Gebahren aber, das Schleudern der Beine, das Schieben und Schaukeln mit den Leibern, die Mienen und Gesten, in hohem Grade widrig, frech und obscön durch und durch.

Hier und da traf ich auch wohl einen einsamen Wanderer, welcher, wie von Heimweh verzehrt und überwältigt von Gram, müden Schrittes dahin zog. Allein Begegnungen dieser Art waren [720] seltene Ausnahmen. Bei Weitem den Meisten von den Tausenden, die das Lager füllen, schien alles Bewußtsein ihrer Situation zu fehlen; leichtherzig und leichtblütig amüsirten sie sich, wie sie eben konnten, und lauerten vor Allem auf die Spenden von Seiten des außerhalb des Cordons aneinandergepferchten Publicums. Solche Spenden blieben auch nicht aus. Ganze Körbe voll Weißbrod, Metzen von Birnen und Pflaumen, Hunderte von Cigarren wurden ihnen über die Schnur herübergeworfen. Und da rauften nun die Blau- und Rothhosen darum, da reckten sie die Hälse und zappelten und capriolten, da fletschten sie lüstern die Zähne, da hielten sie die Hände in die Luft ganz wie die Bewohner der Affenhäuser in unseren zoologischen Gärten. Das Schauspiel hatte für mich etwas unbeschreiblich Abstoßendes, und Geber und besonders Geberinnen, die sich über diese Meerkatzensprünge schier todtlachen wollten, schienen mir von den beiden Theilen der abstoßendere zu sein. Viel besser gefielen mir die Spiele, welche an verschiedenen Stellen in’s Werk gesetzt wurden. Unser Dreimannhoch, Blindekuh, Haschen, das Alles sah ich sich entwickeln und mit unvergleichlicher Gewandtheit und endloser Lust von Statten gehen.

Die Gartenlaube (1870) b 720.jpg

Generale v. Reille und Castelman. Napoleon und Bismarck.   Generale v. Treskow und v. Podbielski. 
Prinz von der Moskwa.  Bismarck-Bohlen.  

Unterredung Bismarck’s mit dem Kaiser Napoleon.
Nach einer Skizze des mitanwesenden Schriftstellers A. Salingré.

Die armen Leute! Aller ernsten Beschäftigung entbehrend, mögen sie die Zeit grauenhaft lang finden, und Mehrere klagten mir gerade in dieser Beziehung ihre Noth. „Wenn wir nur in der Stadt Arbeit suchen dürften, welcher Art sie auch sei,“ sagten mir die Männer, „damit wir uns ein paar Centimes verdienen könnten, denn von Frankreich bekommen wir jetzt doch nichts mehr geschickt!“ Seitdem hat das preußische Kriegsministerium bekannt gemacht, daß die Gefangenen, natürlich unter gehöriger Bedeckung, auch außerhalb des Lagers Arbeit übernehmen dürfen, falls sie dies freiwillig thun, und es wäre wirklich eine That der Menschenliebe, wenn recht zahlreiche Arbeitgeber dieses Anerbieten benützten. Allerdings sah ich ungefähr hundert Gefangene bei dem Auswerfen eines breiten Grabens an der Ostseite des Lagers handtirend, doch stellte dies wohl nur eine Arbeit à la Tretmühle vor, die blos in Angriff genommen war, um die Leute nicht völlig müßig umherlungern zu iassen. Kein Mensch nämlich konnte mich über den Zweck dieses ganz überflüssig erscheinenden Grabens aufklären.

„Aber die Turcos, die Zuaven, die Zephirs, wo bleiben diese?“ fragt der Leser. Zu meinem Bedauern muß ich gestehen, daß ich

[721]
Die Gartenlaube (1870) b 721.jpg

Erstes Begegnen des Grafen Bismarck mit Napoleon auf der Chaussee von Sedan nach Donchery.
Nach einer Skizze und genauen Mittheilung des der Kanzlei des Bundeskanzlers attachirten Dr. Moritz Busch, von Prof. Camphausen.

[722] mit diesen interessanten Menschengewächsen nicht aufwarten kann. Die in Spandau in Haft gehaltenen Turcos und Consorten sind wohlweislich nicht mit aufgenommen in das Zeltlager; sie sitzen in festerem Gewahrsam in der Citadelle, in welche keinem Unberufenen der Zutritt gestattet wird. Jener Turcosofficier, dessen ich gedachte, war das einzige Exemplar seiner Gattung, welches mir vor Augen kam. Beim endlichen Rückweg nach dem Bahnhof nahm ich in einem in der Nähe desselben gelegenen eleganten Restaurant noch einen Abendimbiß zu mir, und hier, im Billardsaale des Locals, stand, wie schon berichtet, die malerische Figur und führte ihre Queue, unbekümmert um die umringende wildfremde Gafferwelt, mit so unerschütterlichem Gleichmuth, als bewege er sich nicht in Cantien’Kaffeehaus zu Spandau, sondern im Café Impérial auf der Place Bugeaud in Algier. Sein Widerpart war ein anderer Officier, doch in Civil, und auch er ließ dann und wann seinen Blick mit so souveräner Verachtung über das Publicum gleiten, als habe er die Deutschen bei Sedan vernichtet und König Wilhelm gefangen genommen.

H.S.


Im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl.
Von unserem Berichterstatter Georg Horn.
Fünfter Brief. Im Schlosse von Corny.

Das Schloß von Corny ist ein Aufenthalt, den man sich in Friedens-, geschweige denn in Kriegszeiten wohl gefallen lassen kann. Das Dorf Corny, an dessen nordwestlicher Spitze es liegt, bildet den Mittelpunkt des herrlichen, weiten Thales der Mosel von Pont à Mousson bis Metz. Die Höhenzüge, die den Windungen der Mosel nachgehen wie schwärmerische Jünglinge einer etwas capriciösen Schönen, sind meist mit Rebenpflanzungen bedeckt; wenn nun zwar Trauben und Wein köstliche Dinge für den Gaumen, so sind sie das doch nicht immer für das Auge, hier aber triefen die Hügel nicht nur von dem dunkelrothen Safte, sondern auch der Blick wird unwiderstehlich von dem Reize gefesselt, den die Landschaft überall hin entfaltet. Weiche, sanfte Contouren, die langgezogene Hügelkette hier und da durch eine Thalschlucht, durch eine einzelstehende Bergkuppe unterbrochen, neben dem Rebengrün dunkleres Waldcolorit, auch einzelne kahle rothe Erdstellen. Auf den Bergen zerklüftetes Gemäuer; an die Hügel sich anlehnend, bald höher, bald tiefer, zahlreiche Dörfer mit den schlanken Kirchthurmspitzen über den hellen, an romanische Bauart erinnernden Häusern, aus einer dichten Baumgruppe hier und da das rothe Dach einer Ferme oder das glänzende Zinkdach eines Schlosses hervorschauend wie zwischen einer Hecke hindurch Kindergesichter, die sich vor den Preußen fürchten – am Fuße dieser Höhen zwei mit Pappeln eingefaßte Heerstraßen, eine Eisenbahnstraße und die im blauen Aether sich spiegelnde Mosel, und das Alles beglänzt vom Sonnenschein, überhaupt von dem Farbenduft dieser wonnigen Septembertage. Fürwahr, es wäre ein köstliches Friedensbild, wenn dort oben von der vorspringenden Höhe herab nicht ein röthlicher massiger Bau sich so recht brutal vor die Landschaft und das geschwellte Herz legte – das westliche Bollwerk von Metz, das Fort St. Quentin.

Von dort oben sieht Marschall Bazaine verzweifelt in das Moselthal herab und von diesem und dem Schlosse Corny Prinz Friedrich Karl erwartungsvoll hinauf.

Das Schloß von Corny ist ein Bau aus der Marquisinnenzeit, aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Die Front besteht aus einem einstöckigen Mittelbaue mit einer doppelten in den Park führenden Freitreppe, an diesen schließen sich links und rechts Seitenflügel an, die sich vom Mittelbau sowohl durch die veränderte Symmetrie der Fensterstellung, als die um mehrere Fuß sich abstufende Höhe abheben. Diese Langseite des Schlosses liegt nach einem großen englischen Park hinaus. Gewaltige Baumgruppen begrenzen einen grünen Plan, einen sogenannten Pleasure-ground, der sich unmittelbar vor dem Schlosse ausbreitet, und lassen geradeaus einen Durchblick auf die Mosel und rechts thalaufwärts nach dem Fort St. Quentin frei. Rückwärts ist an den Mittelbau des Schlosses ein weiterer Flügel angebaut; jedenfalls ist dieser neuer als der eben beschriebene, nach dem Park hin gelegene Theil; er theilt die nach dem Dorfe hin gewendete Partie in zwei große Höfe; der eine stellt durch ein einfaches Portal die Verbindung mit dem Dorfe Corny her, die andere ist durch zwei halbrunde Vorbaue flankirt, die in ihren Endpunkten ein Eingangsthor bilden, durch welches eine ziemlich lange prachtvolle Allee entlang die Anfahrt zu dem Schlosse von der Straße her geschieht.

Von diesem Hofe aus führen zwei Eingänge in den Querflügel; zwischen beiden liegt der Speisesaal mit einem balconartigen Ausbau, der unmittelbar auf die Allee schaut.

Es ist Morgen; die Nebel des Herbstes sind gewichen und durch das dichte Laubdach der großen Allee fallen einzelne Sonnenlichter. An dem Eingangsthore von der Allee her stehen die Schildwachen in Schilderhäusern, die aus rohen Brettern für das augenblickliche Bedürfniß schnell zusammengefügt sind. Die weiße Achselklappe zeigt in rothen Litzen den Namenszug König Friedrich Wilhelm’s des Vierten mit der Krone, unter den Buchstaben die Nummer Zwei; die Leute sind von dem Grenadierregimente König Friedrich Wilhelm’s des Vierten, das in Stettin in Garnison steht. Die Soldaten sind Pommern; sie gehören, das sieht man an der Säbeltroddel, zum zweiten Bataillon und haben gegenwärtig die Ehrenwache des Hauptquartiers. Der Morgen ist frisch, aber die Ablösung wird ihnen bald den Genuß eines warmen Kaffees gönnen, den die Cameraden dort an der Mauer eben zubereiten. Inzwischen blickt der Eine nachdenkend hinüber zu den Zelten, die einige hundert Schritte von ihm auf einem freien, von den hohen Baumgruppen geschützten Platze errichtet sind. Es sind die Krankenzelte und aus einem derselben hörte er – er stand bereits Nachts von elf bis Morgens ein Uhr auf demselben Posten – eine laute von Fieberschauern erregte Stimme unaufhörlich durch die nur vom Rauschen der Baumwipfel bewegte mitternächtige Ruhe die Worte rufen, unaufhörlich und immer lauter und herzerschütternder: „Malchen, komm’ und hilf – hilf!“

Aus einem der Zelte tritt eine hohe Frauengestalt im Nonnengewand; der schwarze Schleier bewegt sich im frischen Morgenwinde und das braune Ordensgewand der Franziskanerinnen umschließt ihren Leib als ein hoher Beruf und eine schwere Pflicht; sie schreitet ernst und nachdenkend über den thaubenetzten Rasen. Der Posten kennt die Nonne; Nachts war sie ihm schon erschienen, denselben Weg aus den Zelten kommend; ein Soldat mit der beweglichen Phantasie des Südens hätte im ersten Augenblick der Ueberraschung und des Grauens vielleicht an Gespenster geglaubt, aber die Leute da oben von der Ostsee haben wenig Anlage zum Gespenstersehen; er rief herzhaft sein „Wer da?“ und bekam zur Antwort: „Eine Magd der Barmherzigkeit und der Kranken, die dort in den Zelten liegen. Drüben in dem zweiten Hofe liegt unsere Küche und was wir sonst zur Pflege unserer Kranken brauchen. Ich werde wohl noch öfter passiren müssen. Erschrecken Sie darum nicht!“

„I, wo werd’ ich denn! Ein Soldat darf vor nichts erschrecken, am wenigsten vor einem Frauenzimmer und am allerwenigsten vor einem solchen, wie Sie es sind.“

Und jetzt am Morgen, da er sie wieder vor sich sieht und ihr beim grauenden Licht des Tages in das bleiche Antlitz sehen und sie erkennen kann, ist es, wie wenn er nur die Rede von heute Nacht fortsetze, da er zu ihr sagt:

„Sie sind gar kein weibliches Wesen mehr – Sie sind ein Engel, Schwester Aloysia!“

„Sie kennen mich?“

„Warum sollt’ ich denn nicht? Aber kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich bin ja derjenige, den Sie im Jahre 1866 im Lazareth von Brünn gepflegt haben und der im ‚Diluvium‘ von dem Wundfieber immer gerufen hat: ‚Haut ihm die Jacke voll‘, gerade wie der da drüben immer nach seinem Malchen gerufen hat. Ach, Schwester, ich hab’ auch so ein Malchen, aber sie heißt Bertha, und ich hab’ so denken müssen, wenn du nun da drüben so lägst und riefst immer nach ihr und sie könnt’ es nicht hören, und näht’ an ihrem Leinenzeug im Vertrauen zu dir weiter, bis die gedruckte Todtenliste oder der Brief käme: Wilhelm ist bei den Franzosen begraben. Ne, Schwester, nicht um fünfzig Thaler möcht’ ich Bertha’n das Herzleid anthun – [723] hol’ mich der Teufel! Pardon! vor Ihnen darf man ja nicht fluchen. – Aber wie so die Menschen wieder zusammenkommen! Dort in Böhmen im Choleralazareth in Brünn – und hier um nachtschlafende Zeit bei den Parlewus, da mach’ sich Kutschke im Bivouac einen Vers drauf. Dort kommt die Ablösung.“

Die Schwester geht über den Hof nach dem Eingange zu, der von der Rückseite in das Hauptgebäude des Schlosses führt. Sie tritt in ein kleines Vorgemach, welches die Verbindung zwischen den nach dem Park hinaus gelegenen Salons und dem Speisesaal herstellt; der Boden ist mit schwarz und weißem Marmor belegt, die Wände sind getäfelt und hell gestrichen, in den Ecken stehen kleine elegante Tische mit chinesischen Porcellanvasen, und auf den leichten, eleganten weiß lackirten Sesseln im Geschmacke Ludwig’s des Sechszehnten sitzen drei Ordonnanzen von der Stabswache, die etwas ermüdet in den frischen Morgen und in das Gesicht der Nonne blicken; sie haben die ganze Nacht gewacht.

Die Franziskanerin fragt, ob sie nicht einen Officier sprechen könne, und erhält die Antwort, daß der Officier du jour im Bureau sei. Derselbe muß die Nacht über daselbst wachend verbringen, jede ankommende Depesche oder Meldung öffnen und je nach Befinden der Wichtigkeit derselben den Chef des Generalstabes oder den Generalquartiermeister wecken. Leise klopft die Nonne an die Thür, und zögernd tritt sie auf ein kräftiges „Herein!“ in ein weites, elegant eingerichtetes Gemach. Die Fenster desselben gehen fast bis auf die Erde; in der Mitte desselben steht ein großes Billard mit Acten und einer Section der großen Generalstabskarte von Frankreich bedeckt. Ueberall sind Tische angebracht, früher dienten dieselben dem kurzweiligen Zeitvertreib, auf dem grünen Tuche wurden die Whistrobber ausgespielt; Karten liegen jetzt zwar auch noch da, aber ohne Zahlen und Bilder, Karten, die kein Spiel verlieren, wohl aber einem solchen gewissenlosen und frevelhaften ein Ende machen wollen; diese Tische passen in ihrer nüchternen, geschäftsmäßigen Ausstattung mit Schreib- und Arbeitsmaterial wenig zu den Oelbildern in goldenen Rahmen, die an den Wänden hängen, zu den Etageren mit den zierlichen Nippes, den kostbaren Lampen und Uhren, zu dem rothen, schwellenden Sopha, von dem ein Officier beim Eintritt der Frauengestalt emporspringt.

„Verzeihen Sie, mein Herr,“ hebt die Schwester leise an, „wenn ich Sie mit einer Bitte belästige –“

„Ihnen, Schwester Aloysia, sei jede im Voraus gewährt, voraussichtlich, daß Sie nicht wünschen, durch die Vorposten hindurch nach Metz hinein zu wollen. Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, Schwester Aloysia?“

„Sie kennen mich, mein Herr?“

„Vom Kriegsschauplatze 1864 in Schleswig her, aus unseren Spitälern. Mein Name ist v. W.“

„Ei, da scheine ich ja unter lauter Bekannten zu sein. Sie, Herr Lieutenant, sind schon der Zweite, der an diesem Morgen das angenehme Recht alter Bekanntschaft anruft, umsomehr darf ich also hoffen, daß Sie meine Bitte mir erfüllen werden. In dieser Nacht ist wieder einer unserer Verwundeten hinübergegangen, Rettung war nicht mehr möglich trotz aller angewandten Pflege. Er war in letzter Zeit fast nicht mehr aus dem Delirium gekommen – nur in dieser Nacht schienen die Schleier seines Geistes sich zu lüften – während er sonst im Fieberwahne fast unaufhörlich tobte, war er plötzlich stille geworden und rief mich an sein Bett. ‚Nehmen Sie, Schwester, Dinte, Feder und Papier, und schreiben Sie, was ich Ihnen sagen werde, aber schnell – schnell.‘ Ich genügte seinem Willen – setzte mich hin; mit schwacher Stimme, aber vollkommen gedankenklar dictirte er mir diesen Brief. Als er damit fertig war, sagte er mir auch die Adresse und bat mich, den Brief an dieselbe gelangen zu lassen – den letzten, wie er hinzufügte. Er hätte wahr gesprochen, eine Stunde darauf war er todt, und ich bringe Ihnen den Brief mit der Bitte, den letzten Wunsch des Geschiedenen zu erfüllen. Nach der Adresse war er der Sohn armer Leute in der Nähe von Elberfeld.“

„Darf ich den Brief lesen, liebe Schwester?“

„Darum habe ich ihn unverschlossen übergeben, Herr Lieutenant.“

Der Brief lautete:

 „Liebe Eltern!

Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, werde ich nicht mehr am Leben sein. Mein letzter Wunsch ist, grämt Euch nicht und erfüllet meine letzte Bitte. Ich danke Euch für alles – alles Gute, was Ihr mir gethan, bltte auch alles Böse ab, wodurch ich Euch Kummer und Sorge gemacht habe. Grüßet, liebe Eltern, alle Bekannte und Verwandte von Eurem, wenn ich Euch auch oft Sorge und Kummer verursacht, aber immer mit der aufrichtigsten Liebe und Dankbarkeit beseelten Sohne Wilhelm. Liebes Mütterchen, also nicht gegrämt – heute roth – morgen todt – ist des Soldaten Loos. Gott schütze unser theures Vaterland und unsern großen König! – Phylax, treue Seele - was machst Du?“

„Gut, gut, liebe Schwester, dieser Brief soll besorgt werden – sogleich – sogleich -“

„Sie scheinen nicht weniger davon gerührt zu sein, als ich es im Schreiben war, Herr Lieutenant.“

„Gerührt? Dazu hat man im Kriege keine Zeit. Wohin sollte auch der volle gewaltige Strom des Gefühles, wenn man die ganze Fülle des Erlebten zusammennimmt und jedem Einzelnen sein heiliges Erinnerungsrecht gönnen wollte? Aber der Brief soll besorgt werden, liebe Schwester.“

„Ach die Tauben, die lieben Thierchen!“ rief die Schwester plötzlich aus, indem ihr Blick auf einen kleinen Holzkäfig gefallen war, in welchem zwei weiße Tauben saßen.

„Nicht wahr, diese Symbole des Friedens hier an dem Mittelpunkte des Krieges? Dieser Käfig mit den Tauben war einem der Ballons angehängt, welchen die Belagerten von Metz aufsteigen lassen, um Correspondenzen nach Frankreich an ihre Angehörigen oder Freunde zu befördern, in der Hoffnung, daß der Ballon mit den angebundenen Briefpacketen unter französischer Bevölkerung niederfalle. Letztere ist aufgefordert, diese Packete bei der nächsten Briefpost aufzugeben. In den Packeten sind Tausende von kleinen Zetteln mit Adresse und kurzen persönlichen Nachrichten. Gewöhnlich wird diese Luftpost aber von unseren Soldaten aufgefangen. Der letzten war dieser Taubenkäfig unten am Ballon angehängt – es sind Brieftauben, welche höchst wahrscheinlich Nachrichten nach Metz zurückbringen sollten. Sehen Sie hier, die Thierchen haben ein förmliches Geschirr um den Hals und vorn an der Brust ist ein Haken angebracht, an welchem wahrscheinlich die Briefbürde angebracht werden soll, mit der die Taube nach Metz zurückfliegen soll.“

„Und was wird nun aus den allerliebsten Thierchen?“

„Wenn ich eine Verfügung darüber hätte, würde ich sie Ihnen schenken, Schwester Aloysia, da Sie so viel Freude daran zu haben scheinen.“

„Der Prinz soll sie doch seiner Frau Mutter, der Prinzessin Karl von Preußen, schenken, die, wie ich gehört, eine große Taubenliebhaberin ist!“

„Vielleicht geschieht das auch, obwohl unser gnädigster Herr in persönlicher Gesinnung sowohl als entsprechend den Traditionen unseres Königshauses furchtbar penible ist. Am Speicherer Berge wurden von der zweiten Armee zwei Maulthiere von den Franzosen erbeutet; der Prinz ließ dieselben für den Felddienst in das Hauptquartier kommen. Einer der Herren der Umgebung bemerkte, daß dieselben daheim auf dem Jagdschlosse gut zu verwenden wären. ‚Wenn ich sie mitnehmen will, muß ich sie dem Staate abkaufen,‘ war die Antwort des Oberfeldherrn, dessen Macht jetzt über Millionen geht und der es abweist, über ein Paar Maulthiere zu seinem Privatgebrauche zu verfügen.“

Die Nonne hat den Käfig aufgenommen, liebkost die Thierchen, stellt sie dann wieder an den Boden und empfiehlt sich, nicht ohne dem Officier noch einmal den Brief an das Herz gelegt zu haben. Dieser giebt ihr bis an die Thür das Geleite.

Aus der gegenüber liegenden Thür ertönt lautes Gespräch und heiteres Lachen. Der Officier du jour öffnet dieselbe und findet die Herren des Bureaus und die Ordonnanzofficiere am Frühstückstisch versammelt. Früher tafelte in diesem Saale der Besitzer des Schlosses, Seigneur de Rougy et de Corny, beim Ausbruch des Krieges hatte er gefunden, daß ihm mit seiner Familie eine Luftveränderung gut wäre, in Burgund, wo er ebenfalls Besitzungen hat. Die Dienerschaft hatte er zurückgelassen, und nun trinken die preußischen Officiere aus den mit feinem Namenszug verzierten Tassen ihren Morgenkaffee, zu dem es weiter nichts giebt, als ein Stück Brod, und allenfalls die gute Laune. Dieselbe tritt in den Fragen an den Cameraden du jour zu Tage, ob denn der längst erwartete Parlamentär Bazaine’s noch immer nicht habe blasen lassen. Horch! Dieser dumpfe, donnernde Laut! War das nicht ein Kanonenschuß? – Ja wohl, das Fort [724] St. Quentin sendet nach Corny seinen Morgengruß und kündet damit an, daß die Franzosen auf’s Kartoffelsuchen ausgehen. Um seine Leute bei guter Laune zu erhalten, will Bazaine Abwechslung in ihre Speisekarte bringen. Ein beliebtes Gericht sind Kartoffeln – einfach darum, weil sie Anderes wenig mehr zu essen haben. Aber auch diese gönnen die bösen Preußen den armen Franzosen nicht und Vater Bazaine muß erst einige theure Granaten spendiren, wenn er die Preußen abhalten will, den rothhosigen Kartoffelbuddlern das Handwerk zu legen. Der Kanonenschuß ist auch das Alarmzeichen für die Herren im Saale.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.

Noch einmal „aus der Schlacht von Sedan“. (Mit Abbildung auf S. 713.) „Ich habe Ihnen,“ schreibt uns unser Feldmaler F. W. Heine Mitte September aus Chocherel, „in meinem Briefe, welcher das Bild vom Sturme der Sachsen auf das Dorf Daigny (vergl. Nr. 41, S. 687, Abbildung S. 685.) begleitete, erzählt, daß, während das Regiment Nr. 105 den dort geschilderten Kampf in dem Hohlwege ausführte, unsere Regimenter 103 und 104 in nächster Nähe im Feuer standen. Heute bin ich so glücklich, Sie sicherlich mit dem Bilde einer Heldenthat erfreuen zu können, welche damals nur etwa zweihundert Schritte rechts von jener Kampfstelle im Hohlwege entfernt das 104. Regiment vollbrachte.

Die Eroberung von drei Mitrailleusen durch dieses sächsische Regiment ‚Friedrich August‘ ist der Gegenstand meiner Darstellung. Auch hier waren steile Abhänge und Schluchten zu überwachen, welche der Feind mit seinem gefährlichsten Feuer beherrschte, denn die Mitrailleusenkugeln sind nun einmal die gefürchtetsten von allen französischen Geschossen. Dazu hielten die Franzosen außerordentlich tüchtig bei ihren Geschützen aus und unsere Infanterie erzwang den Sieg nur dadurch, daß sie, nachdem sie ein tiefes Thal durchbrochen hatte und bis in die Nähe der unheimlich knarrenden Kugelspritzen emporgeklommen war, die Bedienungsmannschaft möglichst sicher auf’s Korn nahm. Als Menschen und Pferde, darunter sieben Schimmel, stürzten, stürmten die Unsrigen vor und vollendeten ihr Werk. Rechts von ihnen focht das zwölfte Jägerbataillon ebenso eifrig mit, Hauptmann Winkler handhabte sogar selbst ein Gewehr bei diesem Angriff.

Nachdem diese Eroberung gelungen war, stürmten unsere Truppen unaufhaltsam die Höhe hinauf und jenseits wieder hinunter gegen das Dorf Daigny los, das ebenso versteckt wie freundlich in einem reizenden Thale liegt. Vor demselben mußten die Unsrigen vier volle Stunden lang sich gegen einen Feind halten, der hinter jedem Gehüsch, jedem Hause, jedem Gemäuer hervor seine Geschosse gegen sie schleuderte. Endlich widerfuhr ihnen noch das Schlimmste in solch einer Stellung: die Munition ging ihnen aus! Dennoch wichen sie keinen Schritt zurück: sie suchten eben möglichst Deckung für sich zu gewinnen, und so gelang es ihnen, auszuharren, bis endlich die mit felsenfestem Vertrauen erwartete Verstärkung wirklich herankam. Da gab’s ein Hurrah aus voller Brust, und nun war die Eroberung des Dorfs nur noch die leichtere Arbeit. Rasch hinausgetrieben, flohen die Franzosen ihrem Verhängniß in Sedan zu. Mich aber erfüllt es mit einer stolzen Freude, dieser Waffenthat unserer braven Sachsen in Ihrer Gartenlaube dieses bescheidene Denkmal setzen zu können.“ Nach einer anderen Aufstellung soll auch das 13. sächsische Jägerbataillon an dieser Mitrailleusen-Eroberung stark betheiligt gewesen sein.



Welthistorische Begegnungen. (Mit zwei Abbildungen.) Es war am frühen, kalten und nebelgrauen Morgen des denkwürdigen 2. September, als Graf Otto von Bismarck zu Donchery vom greisen französischen General Reille die Mittheilung erhielt, Kaiser Napoleon wünsche ihn zu sprechen und befinde sich bereits auf dem Wege von Sedan zu ihm. Schon den Abend vorher hatte bekanntlich Napoleon seinen Degen in die Hände des siegreichen Königs von Preußen gelegt, nachdem es ihm, wie er schrieb, nicht vergönnt gewesen war, an der Spitze seiner Armee zu sterben. Der überaus blutige 1. September hatte mit der völligen Niederlage der französischen Truppen geendet; von allen Seiten eingeschlossen blieb ihnen nichts als das Loos der Ergebung, wenn sie nicht das der völligen Vernichtung und des Todes jenem vorzogen.

Napoleon, der Kaiser der Franzosen, der den Krieg begonnen und den Frieden zu Königsberg hatte dictiren wollen, er zuerst warf die Flinte in’s Korn und ergab sich – lediglich „für seine Person“, wie er sagte.

Als Graf Bismarck die Meldung des Generals Reille empfangen, stieg er sofort zu Pferde und ritt im Morgengrauen dem Kaiser entgegen, der, wie man später sagte, sich in Sedan nicht mehr sicher gefühlt und darum solche Eile hatte, in die Gefangenschaft des Königs von Preußen zu kommen. Der Graf, der ganz allein und ohne jede Begleitung war, befand sich etwa auf halbem Wege zwischen Donchery und Sedan, in der Nähe von Fresnois, als er mit Napoleon zusammentraf, eine Begegnung, die – wir brauchen das kaum hervorzuheben – mit zu den bedeutungsvollsten Momenten dieses so glorreichen Krieges gehört und deren historisch treue Schilderung wir einem Freunde der Gartenlaube, dem in der Begleitung des Grafen Bismarck befindlichen Dr. Moritz Busch, verdanken.

Die einfache zweispännige Kutsche Napoleon’s hielt auf der von deutschen Pappeln umsäumten Chaussee. Durch die Bäume sah man rechts auf etwas tiefer liegende Wiesen, durch welche sich die Maas etwa so breit wie die Mulde schlängelt; links von der Straße erheben sich Felder und darüber hin steilere Hügel. In der Chaise beim Kaiser befanden sich drei höhere Officiere, darunter Castelnau und der Fürst von der Moskwa. Andere waren beritten und folgten unmittelbar hinter dem Wagen. Bismarck, der vom Pferde gestiegen war, trat an den Wagenschlag, mit der Hand an der weißen Mütze militärisch grüßend, während Napoleon und seine Begleiter ihre rothen Mützen abnahmen. Letztere hielten sich gleich dem Kaiser vor dem naßkalten Nebel, der rings die Felder deckte, in ihre dunkelblauen Mäntel gehüllt, indeß Bismarck den langen Militärrock mit gelbem Kragen trug, den geraden Pallasch an der Seite und den Riemen um den Leib, an welchem in lederner Scheide der Revolver hing. Hoch herauf reichende Reiterstiefel vollendeten die Bekleidung des preußischen Ministerpräsidenten.

Den Inhalt der hier, mitten auf der Straße gehabten ersten Unterredung bildete bekanntlich lediglich die Erörterung der Frage, wohin sich Napoleon zunächst zu begeben habe und wo er mit dem König Wilhelm zusammenkommen könne. Bismarck hatte hierfür seine eigene Wohnung in Donchery vorgeschlagen und Napoleon schien auch auf diesen Vorschlag eingehen zu wollen. Nachdem er sich aber von Bismarck getrennt, um nach dem nahen Städtchen zu fahren, hielt er einige hundert Schritt von der Maasbrücke und vor dem einem Weber gehörenden kleinen Hause, dort neuerdings den Bundeskanzler erwartend.

Ueber diese zweite Zusammenkunft mit dem Grafen liegt uns eine weitere authentische Mittheilung aus der Feder des Herrn Salingré vor, welcher, der Verwaltung im Hauptquartier des Königs attachirt, eine der drei Civilpersonen war, welche allein, wie er schreibt, das Glück hatten, Augenzeugen dieses wichtigen historischen Actes zu sein; es waren dies außer ihm lediglich noch Herr Alippi, der Berichterstatter der „Leipziger Nachrichten“, und Dr. Kaißler aus Berlin, Beide von einem glücklichen Zufall an diese Stelle geführt.

Die Skizze, welche uns Herr Salingré zugleich geschickt hat, und die natürlich noch während der Begegnung aufgenommen worden ist, mag auch als Berichtigung aller jener Illustrationen dienen, die bisher – selbstverständlich „nach der Natur aufgenommen“ – in einer Reihe von englischen wie deutschen Journalen erschienen sind und ihre Unechtheit und Unzuverlässigkeit schon leicht genug durch die Unähnllchkeit verrathen, welche sie gegenseitig auszeichnet. Daß unsere heutige Skizze in künstlerischer Beziehung gerade keine besondere Bedeutung hat, wissen wir allerdings; dafür darf sie aber den ungleich höher stehenden Vorzug der Echtheit und Wahrheit um so sicherer für sich in Anspruch nehmen.

Ich war eben, heißt es in dem begleitenden Briefe des Herrn Salingré, von Vendresse auf dem Wege nach Sedan, Donchery vorbei, als mich die ungeheuere Nachricht von der Anwesenheit Napoleon’s traf. Ich eilte zu dem mir bezeichneten Hause, und hier allerdings bot sich mir ein überraschender Anblick. An dem Wege, welcher zu dem isolirt dastehenden einstöckigen Hause des Webers August Fournais führt, sah ich den Kaiser Napoleon, umgeben von französischen Officieren, darunter seine beiden Generaladjutanten Reille und Fürst von der Moskwa. Er saß auf einem einfachen Bauernstuhl, sprach wenig oder gar nicht, und blickte, fortwährend rauchend, auf die ihn angaffenden Soldatengruppen. Ich hatte über eine halbe Stunde Zeit, ihn zu beobachten, und nützte diese Zeit auch bestens aus. Der Kaiser sah nicht so schlimm aus, wie ich nach all den lautgewordenen Krankheitsgerüchten geglaubt hatte. Vielleicht trug auch die bunte Uniform, bestehend aus rothen Hosen mit goldenen Borten, dunkelblauem Rock und weitem blauen Mantel, der, zurückgeschlagen, das rothe Futter sehen ließ, viel dazu bei; die Farbe des Gesichtes war allerdings fahl, die Haare melirt, der Bart blond, aber stark in Grau übergehend.

So saß der Kaiser vor dem bezeichneten Bauernhause, als sich – es mochte schon stark auf acht Uhr gehen - die Scene durch die Ankunft mehrerer höherer preußischer Officiere und Beamten belebte. In nächster Nähe des Fournais’schen Hauses sah man die Generale v. Treskow, v. Podbielski, den Chef des preußischen Feldtelegraphen, Oberst Maidam, und mehrere höhere Polizeibeamte, welche mit Hülfe einiger Kürassiere bemüht waren, die von allen Seiten umdrängte Chaussee frei zu halten.

In diesem Augenblick erschien der Bundeskanzler, zu Pferde und gefolgt von seinem Adjutanten, Rittmeister Graf Bismarck-Bohlen. Der Graf schwang sich rasch aus dem Sattel, vertauschte seine Mütze mit dem bereit gehaltenen Helm und eilte dann, nachdem er wenige Worte mit den Generalen gewechselt hatte, auf die Stelle zu, wo der Kaiser saß. Dieser, kaum des Ministerpräsidenten ansichtig geworden, erhob sich von dem Stuhle, ging dem Grafen einige Schritte entgegen und grüßte, indem er die Mütze sehr höflich abnahm und einen Augenblick in der Hand behielt, während Bismarck nur militärisch salutirte.

Die Unterredung dauerte etwa eine halbe Stunde, dann entfernte sich Bismarck, wie er gekommen, eine offene Postkutsche fuhr vor, in welcher Napoleon mit drei Generälen Platz nahm; Bismarck aber stieg wieder zu Pferde und stellte sich an die Spitze einer Kürassierabtheilung, welche den Wagen des gefangenen Kaisers in ihre Mitte nahm und nach Schloss Bellevue escortirte. Eine Stunde darauf wurde die Capitulation von Sedan unterzeichnet, und an sie reihte sich als nächste Folge im Laufe des Tages die Begegnung des Königs Wilhelm mit Napoleon.


Feld-Abonnement der Gartenlaube.
Täglich gehen uns aus den Feldlagern der Armeen Massen von Bestellungen auf die Gartenlaube zu. Den dortigen Bestellern dürfte es angenehm sein, zu erfahren, daß sie bei allen Feldposten der Armee Abonnements der Gartenlaube aufgeben und bezahlen, die Geldsendungen nach hier also sparen können. Dagegen sind wir nach wie vor gern bereit, Exemplare der Gartenlaube, die bei uns für die im Felde stehenden Verwandten und Freunde bestellt werden, regelmäßig jede Woche nach Metz und Paris zu expediren.
Die Verlagshandlung der Gartenlaube.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. - Verlag von Ernst Keil in Leipzig. - Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Elaß
  2. Vorlage: Fage