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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[81]

No. 6.   1868.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich bis 2 Bogen.0 Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



In sengender Gluth.
Von F. L. Reimar.
(Fortsetzung.)


Die Alte konnte Anfangs kaum begreifen, was die vornehmen Herrschaften wollten, war aber, als sie endlich das Anerbieten verstand, vor Freude und Dankbarkeit fast außer sich und versprach, daß das Kind den ihm zugedachten Namen führen solle. Alfred ging dann einige Schritte voraus, um dem Prediger, welcher sich schon in der Sacristei befand, das Nöthige mitzutheilen, und geleitete wenige Minuten später seine schöne Gefährtin mit dem Täufling und den beiden Frauen zum Altar. Das Kind ruhte auf Rosaliens Armen, als das heilige Wasser sein Haupt benetzte und der Prediger ihm zugleich mit ihrem Namen seinen Segen ertheilte. Sie drückte, nachdem die Handlung beendigt war, einen Kuß auf seine Stirn und gab es dann seiner Pflegerin zurück, während Alfred beim Hinausgehen aus der Kirche sich bei der Alten noch näher nach ihren Verhältnissen erkundigte und für die Zukunft seine Unterstützung verhieß. Am Kirchhofsthor, wo sich die Wege der Wanderer schieden, erschöpfte die Alte sich noch einmal in Danksagungen und schloß sie endlich mit den Worten:

„Denken Sie an mich, wenn der Segen über Sie kommt, den Sie sich heute verdient haben, und kommen muß er, denn was das Volk spricht, ist wahr: wenn zwei Liebesleute – und daß Sie das sind, habe ich schon an Ihren Augen gesehen! – bei einem Kinde, dessen Eltern nicht getraut waren, Gevatter stehen, so wird ein glückliches Paar daraus!“

Weder Alfred noch Rosalie brachte ein Wort hervor, um der Alten ihren Irrthum zu benehmen, und auch als sie sich rasch von dieser verabschiedet hatten, vermochten Beide nicht miteinander über das Mißverständniß zu scherzen. Schweigend gingen sie auf dem Wege fort, der sie dem Wäldchen zuführte, wo sie Hermann treffen wollten, und sie waren so mit ihren Gedanken beschäftigt, daß sie nicht bemerkten, wie die dunklen Wolken, welche sich schon länger am Horizont gezeigt hatten, immer höher und höher heraufkamen und die Sonne bereits hinter ihnen verschwunden war. Ein ziemlich heftiger Donnerschlag weckte Beide aus ihrer Versunkenheit, und besorgt rief Alfred aus: „Wir müssen eilen, Rosalie, das Gewitter nähert sich!“

Raschen Schrittes wanderten sie weiter und hatten bald das Wäldchen erreicht, dessen Bäume ihnen wenigstens Schutz vor dem zu erwartenden Regen bieten konnten. Bis jetzt war indessen kein Tropfen gefallen, obgleich die Schläge in immer geringeren Zwischenräumen und mit wachsender Heftigkeit auf einander folgten. Rosalie war ängstlich und überdies hatte das rasche Gehen sie angegriffen – das fühlte er an dem Zittern der kleinen Hand auf seinem Arm, den sie nach einigem Zögern angenommen hatte; daher machte er ihr den Vorschlag, eine kurze Weile auszuruhen. Sie waren bei einem mächtigen Eichbaum angelangt, an dessen Fuß Hermann, der die Stelle besonders liebte, eine Bank hatte anbringen lassen, und Rosalie willigte ein, sich hier niederzusetzen. Kaum aber hatte sie an Alfred’s Seite Platz genommen, als sie schon wieder aufsprang. „O Gott, mein Medaillon! Ich habe mein Medaillon mit Hermann’s Bild verloren!“ und ohne sich zu besinnen, eilte sie auf dem Wege zurück, welchen sie gekommen war. Er folgte ihr eben so rasch und war kaum an ihrer Seite, als er mit den Worten: „Nun sagen Sie mir, ob ich nicht eine glückliche Hand habe!“ das Medaillon aus dem Grase aufhob. Er bot es ihr hin und sie wollte einen freudigen Dank aussprechen, als Beider Augen plötzlich von einem grellen Schein geblendet wurden, während ein entsetzliches Krachen den Boden, auf welchem sie standen, zu erschüttern schien. Ein Blick genügte, um ihnen zu zeigen, daß der Blitz in den Eichbaum gefahren war, von dem sie nur wenige Schritte trennten, und ihn sowie die Bank, auf der sie noch vor einer Minute gesessen, zerschmettert hatte. Und doch konnten Beide dies Alles kaum fassen; – es war eine momentane Betäubung über sie gekommen! Alfred wußte nur, daß er Rosalien an seiner Brust hielt und daß es wie Feuer durch seine Adern strömte, und Rosalie fühlte, daß seine Arme sie fester und fester umschlangen; es war ihr, als sei in diesem Augenblick die ganze Welt versunken und nichts mehr da, als der Mann, an dessen Brust sie ruhte und zu dem sie aufblickte in seliger Entzückung.

„Ich halte Dich – Du bist gerettet!“ waren die ersten Worte, welche er hervorzubringen vermochte.

„Für immer und ewig!“ und es klang fast wie Jubel aus ihrer Stimme. „Gott hat gesprochen! Er will nicht unseren Tod, sondern unser Leben.“

„Und es ist fortan nur ein Leben möglich, Rosalie!“

„Nur eins, Alfred – wie uns auch ein Tod vereint hätte!“

Eine Weile schwiegen Beide, in seligen Gefühlen verloren.

„Wie war es möglich,“ jubelte er, „daß wir uns liebten, ohne es uns zu bekennen?“

„Frage nicht,“ entgegnete sie, „sondern danke Gott, daß er selbst uns der Erleuchtung werth hielt durch den Blitz, welcher aus seinem Himmel zu uns herniederfuhr!“

[82] Er blickte sie mit strahlenden Augen an. „Ja, ich danke Gott, daß in’s Licht getreten ist, was in unseren Herzen verborgen lag! Ich habe lange gewußt, daß ich nimmer wieder von Dir lassen könnte und daß auch Du mein warst und keines Anderen!“

Sie hatte ihn erstaunt angesehen. „Wie, Du wußtest es und – und –“ es kam ein plötzliches Erschrecken über sie: „Hermann!“ rief sie erbleichend.

„Denke jetzt nicht an ihn!“ bat er feurig. „Er kann, er darf unsere Liebe nicht hindern: ihr Recht ist stärker als das seine!“

„Aber sein Herz wird bluten, denn er hat mich sehr geliebt!“ sagte sie leise.

„Kannst Du seine Liebe mit der meinen vergleichen?“ rief er fast hastig. „Kannst Du in diesem Augenblick noch daran denken, daß ein Leben an seiner Seite möglich gewesen wäre?“

Wohl dachte sie in diesem Augenblick an seine Ruhe, seine Gelassenheit, seine liebevolle Fürsorge, die ihn stets als zärtlichen Freund hatte erscheinen lassen; – aber den Geliebten fand sie nicht mehr in Hermann: der Geliebte stand neben ihr, und sie begegnete seinen liebeglühenden und liebefordernden Blicken. Auf’s Neue warf sie sich an seine Brust und rief aus:

„Gott, der uns zusammengeführt hat, wird diese Verwirrung lösen, und zu Hermann blicke ich auf wie zu einem seiner Heiligen!“

Dennoch wollte die frühere Freudigkeit nicht mehr auf Beide zurückkehren und das Wort nicht mehr seinen Weg über die Lippen finden. Schweigend traten sie nach einer Weile den Heimweg an.

Das Gewitter schien sich mit dem einen furchtbaren Schlage entladen zu haben, denn es blitzte und donnerte nur noch schwach und auch der geringe Regen hatte ganz aufgehört. Ohne weiteres Hinderniß erreichten sie das Haus, an dessen Schwelle ihnen die Tante mit heftigen Klagen, die aber fast wie Vorwürfe klangen, entgegen kam und ihnen vorhielt, daß sie ihren Spaziergang gerade zur Zeit eines Gewitters unternommen und ihr dadurch die größte Angst bereitet hätten.

„Nun, Du siehst ja aber, liebe Tante, daß wir unbeschädigt davon gekommen sind!“ entgegnete Alfred etwas ungeduldig, während Rosalie still auf ihr Zimmer ging.

Hermann kam eine Stunde später. Er hatte das Gewitter heraufkommen sehen und bei Zeiten Schutz in dem Wirthshause eines der umliegenden Dörfer gesucht; wie sich ergab, desselben, wo Alfred und Rosalie an dem Nachmittage gewesen waren, und wahrscheinlich genau zu der Zeit, wo diese die Begegnung mit den Kirchgängern hatten. Beide blickten sich unwillkürlich bei der Erwähnung an, schwiegen aber wie auf Verabredung von dem Vorfall. Ebenso wurde der späteren Gefahr, in welcher sie geschwebt, mit keiner Silbe gedacht und Rosalie mußte es ertragen, Hermann sein freundliches Bedauern aussprechen zu hören über die Angst, welche sie wegen des Gewitters ausgestanden haben mußte, da er ja wisse, daß ihr kleines Herz bei derartigen Gelegenheiten nicht allzu muthig zu sein pflege. – Er war übrigens in einer besonders heiteren Laune zurückgekehrt, die sich beim Empfang verschiedener Postsachen gesteigert hatte, und schien es kaum zu bemerken, daß die beiden jungen Leute, sonst in der Regel die Tonangeber jeder heiteren Stimmung, heute ungewöhnlich ernst und sogar gedrückt erschienen.

Als die kleine Gesellschaft sich am Abend trennte, forderte Hermann den Bruder auf, ihn noch für eine kleine Weile in sein Zimmer zu begleiten. „Du weißt, mein lieber Junge,“ begann er hier, „daß ich im Begriff stehe, einen ganz neuen Abschnitt meines Lebens zu beginnen, und da liegt es mir denn am Herzen, vorher mit dem früheren Abrechnung zu halten und in jeder Weise mein Haus zu bestellen. Ehe ich neue Pflichten übernehme, möchte ich den alten gerecht werden und habe dabei zunächst an die erste und größte gedacht, welche mir Deine Zukunft auferlegt. Es ist Zeit, daß ich Dich aus meiner brüderlichen Obhut und persönlichen Fürsorge entlasse, denn kein Lossau soll länger als nöthig in irgend einem abhängigen Verhältniß bleiben; darum habe ich durch meinen Notar in der Residenz eine Urkunde aufsetzen lassen und heute von ihm entgegen genommen, worin Dir die Summe, welche ich Dir von jeher bestimmt hatte und deren Verwalter ich deshalb bisher nur gewesen bin, zu freier Verfügung gestellt wird. Laß sie den Grundstein zu Deiner nunmehrigen Selbstständigkeit bilden!“

Mit diesen Worten übergab er dein Bruder ein Document, worauf Alfred’s Augen erstaunt und verwirrt hasteten: es war die Schenkungsacte über ein Vermögen von zwanzigtausend Thalern! Eine dunkle Röthe flog über das Gesicht des jungen Mannes, und erschüttert von des Bruders Großmuth, warf er sich ihm in die Arme.

„Hermann, nein, es ist zu viel! Nimm Dein Geschenk zurück: ich darf – ich kann es nicht annehmen!“

Hermann lächelte. „Willst Du mich glauben machen, Alfred, daß Du nicht ein Gleiches gethan haben würdest, wenn das Schicksal Dir günstiger gewesen wäre als mir? Oder wiegt der Besitz des Geldes in Deinen Augen so schwer, daß es Dich ein Großes dünkt, wenn ich mich eines Theils desselben entäußere? Das sieht doch keinem Lossau ähnlich!“ – Und dann, aus dein halbscherzenden zu einem innigeren Ton übergehend, fuhr er fort: „Sieh, Alfred, ich bin so grenzenlos reich und glücklich, daß ich mir die Macht eines Gottes wünsche, um Sonnenschein über die ganze Welt zu breiten! Nun Rosalie mein ist, könnte ich auf Alles verzichten, was nicht eben zu ihrem Glücke gehört. Ihr Herz und Deines, Alfred – es sind meine beiden höchsten, heiligsten Güter!“

Alfred war wie vernichtet; – den Bruder, welcher so zu ihm sprach, hatte er dieser Güter berauben, einen ungeheuren Frevel an ihm begehen wollen! Alles, selbst seine Liebe zu Rosalie, trat in diesem einen Augenblick zurück vor dem Gefühl der Schuld gegen den Mann, welcher ihm stets als der reinste und beste auf der Welt erschienen war. Sein plötzliches Erbleichen fiel Hermann auf, und gütig fragte er:

„Was hast Du, Alfred? Hegst Du noch irgend ein Verlangen, einen Wunsch, den ich erfüllen könnte?“

„Vergieb mir, Hermann, vergieb mir, daß ich zum Verräther an Dir geworden bin!“ rief Alfred außer sich; „Rosalie ––“

„Um Gotteswillen, was ist mit ihr? – rede!“ entgegnete Hermann.

„Der Taumel der Leidenschaft riß mich hin – ich habe ihr von Liebe gesprochen, sie in meinen Armen gehalten!“

„Und sie?“ fragte Hermann, während seine Wangen und Lippen bleich wurden wie der Tod.

„Es war nur ein Moment, Hermann, ein Moment, in dem uns die Besinnung schwand, und ich schwöre Dir – –“

„Schwöre nicht,“ fiel Hermann strenge ein, „bis Du mir Alles gesagt hast!“

Mit kurzen Worten erzählte Alfred den Vorgang bei der Eiche und verhehlte dem Bruder nicht, daß er einen Augenblick den wahnsinnigen Glauben gehegt habe, Rosaliens Geschick sei durch eine Fügung des Himmels mit dem seinigen verbunden worden.

„Und nun?“ fragte Hermann immer noch in demselben Ton, als Alfred schwieg und düster zur Erde blickte.

Der junge Mann sah seinem Bruder fragend in die sonst so freundlichen und nun so ernsten Augen.

„Glaubst Du noch,“ fuhr dieser fast schneidend fort, „daß der Himmel Dich und Rosalie für einander bestimmt hat, daß es meine Pflicht ist, dieser höheren Fügung zu weichen?“

„Hermann, es ist keine Buße hart genug, um meine Schuld zu sühnen! Was auch das Gefühl meines Herzens sein möge: ich will es ersticken!“

„Und sie? und Rosalie?“ fragte Hermann, und es lag jetzt eine unendliche Trauer in seinem Ton.

„Sie wird und muß ihren Irrthum erkennen, und ich selbst will ihr dazu verhelfen. Es ist unmöglich, daß sie länger als einen Augenblick mich dem besseren Manne vorgezogen habe!“

Hermann antwortete hierauf nicht sogleich. Er ging einige Male schweigend durch das Zimmer, dann trat er wieder auf den Bruder zu. „Ich glaubte,“ sagte er, „Rosaliens Schicksal in meiner Hand zu halten, sie vor dem Erwachen des Dämons in ihrer Brust, der Leidenschaft, schützen zu können – nun muß ich versuchen, ihr im Kampf mit eben dieser Leidenschaft beizustehen, und Gott gebe, daß es damit nicht zu spät ist! – Dich aber frage ich: wie willst Du Rosalien begegnen?“

„Ich werd? sie nicht wiedersehen!“ entgegnete Alfred rasch. „Dies Eine wäre zu schwer für mich – vielleicht für uns Beide!“ setzte er leiser hinzu. „Morgen in der Frühe verlasse ich Lossau und gehe nach der Residenz. Die nothwendige Fortsetzung meiner Studien und die Vorbereitung zu meinem Staatsexamen werden leicht eine genügende Erklärung abgeben.“

Hermann dachte einige Augenblicke nach. „Es sei so!“ sagte er dann. „Vielleicht ist Alles anders, wenn wir uns wiedersehen. Ich sage noch nicht, daß ich Dir verziehen habe, aber sei von dieser Stunde an ein Mann – und Du sollst den Bruder in mir [83] wiederfinden. Und nun lebe wohl, Alfred!“ schloß er, indem er dem Bruder die Hand reichte.

„Lebe wohl!“ war Alles, was Alfred noch sagen konnte; dann schritt er der Thür zu. An der Schwelle blickte er noch einmal zurück, und als er sah, daß des Bruders Augen fest auf ihn gerichtet waren, kehrte er um und warf sich ihm in die Arme; doch ward kein weiteres Wort mehr zwischen ihnen geredet.

„In der Frühe des nächsten Morgens reiste Alfred ab, nachdem er dem Diener ein Billet an Rosalie eingehändigt halte, das dieser bei ihrem Erwachen übergeben werden sollte. Es enthielt nur die wenigen Worte: „Wir dürfen uns nicht wiedersehen, Rosalie! Unsere Liebe war Sünde, Sünde gegen den edelsten der Menschen. Seine Verzeihung allein kann uns von unserer Schuld lösen. Kehre zu ihm zurück und mich – vergiß! Vielleicht hilft Gott auch mir – zu vergessen. Alfred.“

Rosalie schlief zu der Zeit, wo die Brüder miteinander sprachen, ruhig und ihre Seele wiegte sich in den lieblichsten Träumen, deren Mittelpunkt immer Alfred war, wie er mit ihr scherzte und plauderte, wie er sie aus einer ungeheuren Gefahr errettete, und selbst im Schlaf berauschte sie sich an den Worten der Liebe, die er zu ihr gesprochen hatte. Es störte sie nicht, daß über ihr die Schritte eines Mannes, den der Schlaf floh, rastlos hin- und herwanderten, daß das Herz dieses Mannes traurig und sorgenvoll war wie nie in seinem Leben und daß sie es war, welche dies treue Herz betrübt hatte bis in den Tod. Und doch dachte er mit unsäglicher Liebe an sie, und sein Gebet in dieser Nacht war: „Mein Gott, laß sie nicht unglücklich werden!“ Immer und immer wieder dachte er es durch, wie Alles kommen und werden müsse, und blieb stets bei dem Gedanken stehen: „Und wenn ich mich selbst zum Opfer bringen wollte – es wäre nicht zu ihrem Glücke! Alfred steht ihr nicht gleich, wenn ihre Natur in ihrer vollen Stärke erwacht. Es könnte die Vernichtung Beider werden!“

Es blieb ihm noch eine schwere Aufgabe: mit Rosalie zu sprechen, aus ihrem eigenen Munde zu hören, daß er ihre Liebe – und vielleicht für immer! – verloren habe, sich Klarheit über ihren ganzen Seelenzustand zu verschaffen, denn so weh sie ihm auch gethan hatte – er fühlte doch, daß sie in diesem Augenblick eines Freundes bedurfte und daß sie keinen anderen hatte als ihn. –

Als er sich am nächsten Morgen zu der schmerzlichen Unterredung nach ihrem Zimmer begab, öffnete sich plötzlich die Thür desselben vor ihm und Rosalie erschien auf der Schwelle, einen offenen Brief in der Hand. Sie war todtenbleich und ihre Augen funkelten in furchtbarer Aufregung.

„Wo ist Alfred?“ rief sie Hermann entgegen.

„Er ist vor zwei Stunden abgereist,“ entgegnete er ruhig.

„Und kehrt nicht wieder?“

„So lange sein oder eines Anderen Seelenfrieden dadurch gestört wird, nicht wieder, Rosalie!“

Sie sah ihn an, als könne sie seine Worte noch nicht fassen, nicht an das glauben, was geschehen war. Er näherte sich ihr und suchte ihre Hand zu fassen.

„Wenn diese Stunde Dir Schmerzen bringen wird, Rosalie, wenn ich es bin, der sie hervorruft, so denke daran, daß ich trotzdem Dein treuester Freund bin und daß ich als ein solcher gekommen bin, um mit Dir zu reden.“

„Sie sah ihn immer noch an, als verstände sie ihn nicht. „Sag’ mir,“ frug sie dann, „ist Alfred fort, um - um meinetwillen?“

„Ja, Rosalie, um Deinetwillen ist er gegangen!“

„Und Du – Du hast ihn von hier getrieben, Hermann?“

„Nein, Rosalie,“ entgegnete er fest, aber immer noch mit mildem Ton. „Er hat mir freiwillig Alles gestanden, was zwischen Euch vorgefallen ist, und was Ihr mir auch gethan habt, nicht mein Zorn, sondern sein eigenes Gewissen, sein wiedererwachtes Ehr- und Mannesgefühl wiesen ihm den Weg, den er gegangen ist.“

Er wollte ihr zur Einleitung einer weiteren versöhnenden Rede die Hand bieten, doch sie stieß dieselbe zurück und es lag etwas wie ein schneidender Hohn in dem Tone, mit welchem sie die Worte hervorstieß:

„O, über sein Gewissen!“

Dann schlug sie beide Hände vor’s Gesicht, während ihr ganzer Körper zuckte wie in einem furchtbaren Krampf.

„Ich weiß, Rosalie, Du liebst Alfred,“ sagte Hermann nach einer kleinen Weile sanft.

Sie ließ plötzlich die Hände von, Gesicht fallen, das bisher marmorbleich gewesen und nun mit einer flammenden Röthe bedeckt war, und rief:

„Ihn lieben?! Nein, Hermann, ich schwöre Dir, daß ich ihn hasse, ihn hasse bis in den Tod, denn er ist ein Feiger und ein Verräther!“

„Rosalie!“ rief Hermann entsetzt über ihre wilde Heftigkeit, entsetzt, daß aus dem halbschüchternen Kinde Plötzlich ein leidenschaftliches Weib geworden war.

Sie achtete nicht auf ihn. „Sünde,“ fuhr sie fort, „Sünde nannte er unsere Liebe? Gottes Werk, seine Offenbarung war sie und er wagt es, sie zu schmähen und zu verrathen! Ein Spielzeug war sie ihm, zum Spielzeug hat er mich selbst erniedrigt! O Gott, strafe ihn – strafe ihn, daß er mein Herz zertreten hat, und laß deinen Fluch über ihn kommen!“

„Rosalie, hör’ auf, Du sprichst im Wahnsinn!“ rief Hermann mit starker Stimme.

Sie wandle sich langsam nach ihm um: „Im Wahnsinn? Ja, Hermann, Du hast Recht, es muß Wahnsinn sein, was mich gefaßt hat, denn nichts ist mehr wie es war, ich selbst bin eine Andere geworden und die ganze Welt ist mir versunken in dieser Stunde.“ Düster blickte sie vor sich hin.

„Fasse Dich, Rosalie,“ bat Hermann erschüttert. „Ein starkes Herz darf nicht verzweifeln! Du wirst zu Dir kommen, den rechten Weg erkennen und auch Alfred milder beurtheilen “

„Nie, nie! rief sie, in ihre frühere Aufregung zurückfallend; „was hier brennt, brennt ewig! Und glaubst auch Du, Hermann, daß unsere Liebe Sünde war? So sage ich Dir: er erst hat sie dazu gemacht, als er mich verrathen und verlassen hat! Als Gott sie in unserer Brust erschuf, war sie rein und stark, und frei hätte ich sie bekannt und mein Recht von Dir gefordert, mich ihm geben zu dürfen; denn, Hermann, nicht ich hatte mich Dir genommen: das Schicksal, Gott selbst hatte es gethan, und Du hättest mich nicht gehalten, sondern meiner Liebe Deinen Segen gegeben und wir wären dennoch vereint geblieben, denn Du bist großmüthig und besser als irgend ein Mensch auf Erden. Nun aber müssen auch wir uns scheiden – Dein Weib kann ich nicht werden, Hermann!“

Ein unsäglicher Schmerz legte sich bleich und bleiern auf sein Gesicht und klang aus seinem Worte: „Ich weiß es, Rosalie!“

Sie war auf die Kniee gesunken und drückte ihr Gesicht auf das Kissen eines Stuhls. Nach einer Weile trat er zu ihr und legte seine Hand sanft auf ihr Haupt. „Rosalie,“ sagte er mild, „willst Du mein Kind sein und als solches bei mir bleiben, daß ich Dich behüte und beschirme? Ich schwöre Dir, es soll kein Wort, kein Zeichen Dich daran mahnen, daß es einst anders zwischen uns gewesen ist, es soll Alles ausgethan und vergessen sein!“

Sie schüttelte das Haupt: „Das ist unmöglich für alle Zeit – ich kann nicht vergessen, Niemand kann es!“

„Aber vergeben können wir Alle, Rosalie!“ sagte er ernst.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn: „Ich habe Dir Kummer gemacht, Hermann, ich weiß es, und ich wollte Gott danken, wenn er das Gefühl von meiner Seele nehmen könnte.

Es ist mir auch, als müsse ich es Dir einst abbitten unter tausend Thränen, aber jetzt – habe Geduld mit mir, Hermann! – jetzt begreife ich noch nicht meine Schuld und fühle nur, daß es die Hand des Schicksals war, welche uns schlug, und daß er - er mich unendlich elend gemacht hat.“

Es war allmählich eine Art von Erschöpfung über sie gekommen und seine ruhige Zusprache begegnete nicht mehr den früheren leidenschaftlichen Ausbrüchen, sondern einer gewissen Starrheit, die nicht recht erkennen ließ, welchen Eindruck sie auf ihr Gemüth machte. Nur dabei blieb sie, daß sie fort von hier müsse, einerlei wohin, nur fort! Und auch als er sie einige Stunden lang sich selbst überlasten halte, indem er viel von der wohlthätigen Wirkung der Ruhe hoffte, beharrte sie bei dieser Erklärung, und das leidenschaftliche Weib verfiel wieder in die fast rührende Hülflosigkeit eines Kindes, als sie ihn bat, sich ihrer anzunehmen und ihr irgend ein Asyl zu bereiten. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich ihrer Bitte zu fügen. Er wandte sich an eine ihm bekannt gewordene Dame, die in einer nicht sehr entfernten größeren [84] Stadt wohnte und deren Persönlichkeit ihm zu dein Zweck geeignet schien, mit der Bitte, Rosalie eine Zeit lang bei sich aufzunehmen, bis sich ihre Gesundheit, die durch heftige Gemüthsbewegungen erschüttert sei, gekräftigt habe. Die Antwort fiel zustimmend aus, und schon nach wenigen Tagen konnte Rosalie nach dem Orte ihrer vorläufigen Bestimmung abreisen.

Krank und gebrochen verließ sie Lossau, wie Hermann denn in der That nichts Unwahres berichtet hatte, als er von ihrem physischen Zustande schrieb; derselbe machte es ihr bis zu ihrer Abreise fast unmöglich, ihr Zimmer zu verlassen, so daß auch Hermann sie nach jener Unterredung kaum wiedergesehen hatte. Seine Pflege wies sie zurück und noch entschiedener die der Tante, welcher Hermann im Allgemeinen von den trüben Ereignissen so viel mitgetheilt hatte, wie er für nöthig hielt, um sich und Rosalie vor neugierigen und peinigenden Fragen zu schützen.

Ihr letztes Lebewohl sagte sie ihm schriftlich und bat ihn zugleich, sich und ihr die Qual einer nochmaligen Begegnung zu ersparen. Er ehrte ihre Bitte, und als der Wagen sie davon trug, bemerkte sie nicht, daß oben im Hause ein Mann im Fenster stand, halbverdeckt von den Vorhängen, der ihr mit trüben Blicken nachschaute. „Sie war das Licht meines Lebens,“ murmelte er, als er sie nicht mehr sah und das Geräusch der forteilenden Räder verhallt war.

Als sie auf dem Wege, der durch das Wäldchen führte, an der Stelle vorbeikam, wo der Blitz vor wenigen Tagen die Eiche getroffen hatte, lehnte sie sich aus dem Wagen hinaus, um nach den Trümmern zu sehen, die noch nicht fortgeräumt waren – dann richteten sich ihre düstern Augen gen Himmel – aber es war nicht zu unterscheiden, ob es ein Gebet um Vergebung oder um Rache war, das sie hinaufsandte.

In dem Cursaale von H. herrschte das gewohnte bunte Leben und Treiben. Es war hier wie auf einer Weltbühne, wo sich jedes Alter und jedes Geschlecht zusammen fand; die elegantesten und die abenteuerlichsten Gestalten drängten sich durcheinander und das Gewirr der Stimmen verrieth, daß hier jede europäische Nation vertreten war. Die stets wechselnden Gruppen, die modernen Toiletten, welche wiederum zu der glänzenden Decoration der Säle paßten, bildeten ein anziehendes Schauspiel für den Beobachter, doch interessanter noch war es, in dem Saale, wo die Bank aufgestellt war, die verschiedenen Physiognomien zu betrachten, die Wirkung des Spiels auf die Einzelnen zu studiren und dabei alle Stadien der Leidenschaft kennen zu lernen. Auch ein paar Officiere, die auf einem der Seitendivans Platz genommen hatten, schienen diese Art von Unterhaltung der Betheiligung an dem Spiel selbst vorzuziehen, denn sie hatten schon eine geraume Weile ihre Beobachtungen gemacht und sich einander mitgetheilt, wobei der eine von ihnen, welcher offenbar schon länger hier gewesen und mit den verschiedenen Persönlichkeiten vertrauter war, in der Regel den Erklärer machte.

„Ah, die schöne Spanierin,“ sagte er in diesem Augenblick, als eine Dame, begleitet von einer älteren, die ihre Gesellschafterin sein mochte, in den Saal trat und auf die Bank zuschritt. Sie war in der That von auffallender Schönheit und einer Haltung, die trotz ihrer augenscheinlichen Jugend – sie mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein – etwas Imponirendes hatte. Dabei war sie außerordentlich reich und zugleich geschmackvoll gekleidet, so daß sie in jeder Beziehung selbst an diesem Ort noch Aufsehen erregte. Sie selbst schien dies kaum zu beachten, denn ruhig und stolz nahm sie es an, daß sich der Kreis der um die Bank gedrängten Zuschauer vor ihr theilte, worauf sie selbst näher herantrat und gleich darauf zu Pointiren begann.

Die beiden Officiere waren ihren Bewegungen gespannt gefolgt, und jetzt wandte sich wieder der, welcher sie kannte, zu seinem Gefährten und sagte:

„Ist es nicht ein herrliches Weib?“

„Wahrhaftig, ich habe nie eine stolzere Schönheit gesehen! Diese Haltung – eine Königin könnte von ihr lernen! Und Spanien, sagst Du, ist so glücklich, ihr Vaterland zu heißen?“

„Man sagt, daß sie dorther stammt!“

„Ihr Name?“

„Sie heißt – warte einen Augenblick! nein, der Name will mir nicht beifallen. Ich weiß aber, daß ihr Mann ein deutscher Baron ist.“

„Vermählt? O Jammer und Elend! Man könnte toll werden vor Neid gegen den glücklichen Sterblichen!“

„Hm,“ lachte der Andere, „das Tollwerden möchte Dir der vielleicht schenken. Eine Musterehe soll er gerade nicht mit ihr führen.“

„Mit dem Götterweibe? Dann ist er ein Vandale! Aber wahrscheinlich verleumdet hier die Welt wieder einmal ...“

Der Gefährte zuckte die Achseln. „Thatsache ist mindestens,“ fuhr er fort, „daß er in Paris lebt und sie sich einstweilen hier aufhält, ohne dem Anschein nach eine Cur zu gebrauchen, wie man denn davon spricht, daß die Trennung keine temporäre bleiben soll. Man sieht sie täglich an dem grünen Tisch. Sieh nur, mit welchem Anstand sie die Karten besetzt, mit welcher großartigen Ruhe sie dem Croupier ihre Verluste hinschiebt! Kein Zug des Gesichts verräth irgend einen Unmuth, keine Muskel zuckt – man sollte glauben, es handelte sich um Rechenpfennige. Ist denn gar kein Blut, keine Leidenschaft in dieser schönen Gestalt?“

(Fortsetzung folgt.)


Bilder aus den deutschen Alpen.[1]

Nr. 1. Das Fingerhackeln.

Es ist später Herbst, um die Nachmittagszeit. Draußen im Isarthal, in den oberbairischen Bergen, steht die riesige Benedictenwand und schaut herein durch die angelaufenen Scheiben – drinnen, in der Wirthsstube, ist tiefe behagliche Ruhe. Jetzt kann man’s schon leiden, wenn tüchtig eingeheizt wird. Lustig knistert das Feuer im dicken Ofen und daneben sitzt der dicke Wirth und denkt an die – Weltgeschichte. Wenigstens liegt der „Volksbot“ da drüben, die Nummer von vorvorgestern, und er nickt so ernsthaft mit dem Haupte! Es ist eine Ruhe voll Anstand und Würde.

Nicht viele Gäste stören seine Muße. Nur ein paar Flößer, die heut Blaumontag machen, sitzen am „grünen Tisch“ und spielen. Doch es ist nicht Roulette; der Tisch ist nur grün angestrichen, und daneben steht ein Croupier mit der Heugabel.

„Jesses – der Hansei!“ rufen die Spieler, als auf einmal die Thür knarrt. Nachlässig und stolz schlendert eine hohe Gestalt herein, und nachdem sie ringsum genickt, kauert sie schweigend am kleinen Tische nieder. Der Hansei mag nicht lange warten, „das ist ein scharfer Regent“, und deshalb hat er noch kaum mit den Augen geblinzt, so stellt schon die Kellnerin den schäumenden Krug vor ihn. Der rothe Jörgl von der Iachenau, der gegenüber sitzt, läßt sich auch nochmals einschenken, der hat gern „an Haingart“ (ein trauliches Beisammensitzen), und der Hansei war schon lang nicht mehr sichtbar, ’s ist nicht deswegen, weil ihm der Wirthshausbesuch von Oben verboten ist; darum schmeckt’s ihm nur um so besser, aber vielleicht „leidet’s sein Madl nicht“. So denkt sich wenigstens der schlaue Jörgl, und in neckendem Ton beginnt er: „

No, Hansei, mich freut’s nur, daß Dich Dein Dirndl doch alle Monat einmal auslaßt, denn so lang ist’s bald, daß wir Dich nimmer gesehen haben. Aber die hat Dich am Bandl!“

Hansei rückte den Hut aus die Seite, und das war ein schlimmes Zeichen. Die Stellung des Huts ist beim Bauern ein Barometer der Stimmung, und man kann nach den Winkelgraden berechnen – wann’s losgeht.

„Ich hab’ mir mein Dirndl schon besser, dressirt,“ erwiderte er trotzig, „die geht auf’n Pfiff, da g’schieht, was ich will!“


[85]
Die Gartenlaube (1868) b 085.jpg

Das Fingerhackeln.
Nach der Natur gezeichnet von Ph. Sporrer.

[86] Dem Jörgl aber war’s nicht genug. Er sah, daß der Hansei sich ärgerte, und langsam eröffnete er jenen kurzen ominösen Dialog, in welchem die Helden der Bierbank streiten und der so deutlich und handgreiflich wird.

„Aber neulich haben’s was Schönes erzählt,“ begann der Jörgl wieder. „Da sollst Du g’sagt haben, sie soll Dir a Bussel geben, und dann hätt’ sie Dir – a Watschen geben!“

Hansei rückte zum zweiten Mal den Hut. „Dich gift’s halt, Jörgl,“ sprach er, „daß das Dirndl Dir auskommen is, bei Dir is nix als der schielige Neid.“

Doch der Jörgl war schnell mit der Antwort fertig. „Um so Eine,“ erwiderte er höhnisch, „braucht man Niemanden neidig sein, die Einen doch nur zum Narren hat. O mein Hansei, Dich zieht ja dös Dirndl beim Finger fort.“

„Ich will Dir’s gleich sagen, wer mich beim Finger fortzieht,“ fuhr Hansei grimmig auf, „Du einmal nicht. Geh’ her, wenn Du Schneid’ hast, ob Du Dich hackeln traust – und wenn Du mich hinziehst, dann darf mich der Teufel holen auf freier Weid’, noch heut auf’m Heimweg.“

Hansei streckte den Arm über den Tisch und Jörgel hackte sich blitzschnell in den gekrümmten Zeigefinger ein.

„Aufgeschaut!“ –

„Himmelherrgottsacrament!“ –

Diese Parole dröhnte durch die stille Stube, wo nun das sogenannte „Fingerhackeln“ erprobt wird. Die Sitte ist alt und allgemein in Ober- und Niederbaiern. Wenn die Gegner sich mit den Zeige- oder Mittelfingern eingehackt haben, dann beginnen sie zu ziehen und versuchen einander zum Wanken zu bringen oder zur Erde zu reißen. Wer ein besonderer Virtuose ist, packt mit dem einen Finger bisweilen zwei Gegner – und zieht sie über Tische und Bänke weg. Der Charakter dieses Brauchs ist indessen niemals ein ernsthafter und der Zweck bleibt immer der des Spieles. Das versteht sich bei der ungefährlichen Natur dieses Angriffs eigentlich von selbst, wenn man an die engere Heimath desselben denkt und dann erwägt, wie leichtfertig dort die schrecklichsten Waffen gehandhabt werden. Denn am stärksten ist das Hackeln doch auf jenem urwilden Fleck zwischen Isarthal und Innthal zu Hause, wo’s schon die Schulkinder miteinander probiren und wo der kleine Hüterbub den Geisbock zu Boden hackelt. In diesem Revier baierischer Heldenkraft passirt es nicht selten, daß Einer dem Andern ein Auge ausschlägt und sich dann damit entschuldigt: „Ich hab’ ja nur Spaß gemacht!“ Da ist natürlich das Hackeln zu harmlos, wenn man Einem ernstlich beikommen will. Ein Holzknecht, der „warm wird“, beschränkt sich nicht auf einen so partiellen Angriff, wie auf den Finger des Gegners, und auf eine so partielle Waffe, wie auf seinen eigenen. Im wirklichen Treffen da kommt die Faust, und auch die ist häufig noch zu wenig. Für was sind denn die eisengespitzten Bergstöcke, die Holzhacken und Messer auf Erden? Die kommen zum Zuge, wenn sich’s um die Theorien von „Blut und Eisen“ handelt. Diese harmlosere Art des Kampfes setzt stets einen gewissen Grad von Verständigung voraus. Ein blutiger Kampf wird häufig unaufgefordert begonnen, das „Hackeln“ aber kann nicht ohne Herausforderung unternommen werden. So hat es denn auch am meisten in den Fällen statt, wo einer so gereizt ist, daß er sich Luft machen möchte, und doch noch so vernünftig, daß er das Todtschlagen meidet. Da ist dann jene Rivalität gerade recht, denn im Hackeln steckt ein großer Ehrgeiz, und die Niederlage des Gegners schmerzt diesen oft mehr, als die bittersten Prügel. Nicht selten wird auch auf den Erfolg gewettet; das Bezirksgericht in Straubing hat vor Jahren einen Fall entschieden, in welchem es eine Summe von nicht weniger als tausend Gulden galt.

Auch in den Strafverhandlungen, wo die rauflustiqen Missethäter oft in langen Processionen aufmarschiren, kommt „das Hackeln“ vor. Wenn Seiner Gestrengen finster die Brauen rollen, wenn der Gensd’arm von Ruhestörung und der Staatsanwalt von Körperverletzung donnert, dann erwidert der Bauer lachend: „Wir haben ja nicht gerauft, wir haben ja blos gehackelt.“ Der Mangel jeder gefährlichen Absicht spricht sich vielleicht in nichts so deutlich aus, wie in diesem herkömmlichen Einwand. Auch der Holzknecht hat seinen „Sport“, und als solcher muß eigentlich das Hackeln definirt werden.

Ein lautes Stampfen dröhnt durch die Stube, und wir finden das ritterliche Paar, das erst am Fenster saß, bereits in Mitte des Schauplatzes. Der Tisch, der Maßkrug, die Karten – Alles ist mitspaziert.

Auch der Wirth hat sich jetzt erhoben. Er ist aus seiner Ofenecke hervorgetreten – aber nicht aus seiner Neutralität – denn auch in der Bauernstube gilt das Princip der Nichtintervention. Wir leben in politischen Zeiten, und wenn sich zwei Bursche heut zu Tage balgen, so wollen sie nach völkerrechtlichen Grundsätzen behandelt werden.

Mit verschränkten Armen, so etwa in der Stellung des alten Napoleon, überschaut der Wirth den Kampfplatz. Wer von den Beiden wird zu Boden kommen? Jedenfalls am nächsten der Maßkrug, denkt er sich, aber ihm ist’s gleich, denn einer von Beiden muß ihn doch bezahlen. Der eichene Tisch hat wohl seine sechszig Pfund und geht so schnell nicht „aus dem Leime“. Wenn sie sich in die Uhr verwickeln – ist’s auch nicht schad, die geht ohnedem seit Jahresfrist gar nicht oder falsch – und im Uebrigen werden die Beiden weiter keinen Durst kriegen, wenn sie noch eine Weile so fort machen. Also denkt sich der Wirth.

Die Spieler indeß lassen sich bei ihren Karten nicht stören. Gesehen haben sie’s jeden Tag, und das bischen Lärm, das hört Einer gar nicht, der gute Nerven hat. „Hin“ wird nicht gleich Einer werden, calculiren die Zwei, und wenn’s dem Einen passirt, wird’s der Andere schon sagen.

Drei Mal rasten die Kämpfenden noch durch die Stube, dann hat halt doch der Hansei „hingezogen“ und den Jörgl mit sammt dem Tisch zu Boden gerissen. Er hat um’s Auslassen bitten müssen, und wie er gebeten hat – war’s wieder gut.

„Ja, umsonst macht Keiner dem Hansei sein Dirndl schlecht,“ und der Wirth packte ihn drum auch bei dem Halstuch und sprach: „Du bist ein Kerl, wie dem Teufel sein Leibroß.“

Solche Sprüch’ thun dem Hansei wohl, und lachend sang er das Schnaderhüpfel:

Und der Teufel hat Hörndl
Und ich hab’ mein Dirndl
Und dös Dirndl, mag mi’,
Weil i a Hauptspitzbua bi’.

Auch der Jörgl lachte, aber seine Gurgel war gar so trocken, und weil ihn der Hansei so gnädig anblickte, so schlug er ihn auf die Achsel und erwiderte:

Gegrüßt seist Du, Bruder,
Der Herr ist mit Dir,
Du bist voll der Gnaden,
Geh – zahl a Maß Bier!

Und so geschah es.

Carl Stieler.





Garibaldi’s Flucht aus Caprera.

Von ihm selbst beschrieben.

Als es mir am 7. des verflossenen Novembermonats gelang, Garibaldi zum ersten Male in diesem Jahre in Varignano zu besuchen, fand ich ihn mit der Beschreibung seiner „Flucht aus Caprera“ beschäftigt. Er war an jenem Tage so mittheilend und zuthulich, wie ich mich nicht entsinne ihn seit 1858 gesehen zu haben.

„Lesen Sie nur, was ich da aufgesetzt habe, und nehmen Sie daraus, was Ihnen des Druckes werth erscheinen mag,“ sagte er mir, sobald er merkte, mit welchem lüsternen Auge ich seine schön und sauber geschriebenen Blätter betrachtete.

Ich kam mir vor wie jener Ochs, der, zwischen zwei Bündel duftigen Heus gebunden, nicht wußte, an welchem er seinen Hunger stillen sollte; doch trotz meines brennenden Verlangens, den interessanten Inhalt der mir gebotenen Schriften kennen zu lernen, gestand ich dem General, daß ich die kurzen Augenblicke der Unterhaltung, die mir mit ihm gegönnt wären, unmöglich denselben opfern könnte.

„Nun, so schreibe ich an meine Tochter,“ versetzte Garibaldi, „damit sie Ihnen wenigstens das, was ich im Hause der Mistreß Collins zu Papier brachte und dort zurückließ, zuschicke, für den Fall, daß Sie jene Erinnerungen veröffentlichen wollen.“

[87] Seiner liebenswürdigen Gewohnheit gemäß, derartige Anerbieten gleich auszuführen, griff der General nach der Feder und reichte mir dann ein Blättchen, auf welchem er geschrieben hatte:

Varignano, 7. November 1867.

          Meine theure Teresa!

Du wirst unserer Freundin, der Frau von S…, eine Copie meiner Flucht aus Caprera geben. Wir sind alle wohl und ich hoffe, das; Du Montag (am 11.) Stephan[2] bei Dir auf Caprera haben wirst.

Den Kindern einen Kuß und Allen einen Gruß

von Deinem G. Garibaldi.“

Noch an demselben Abend kehrte ich nach Livorno zurück und beförderte Garibaldi’s Zeilen an seine Tochter, sie gleichzeitig bittend, mir die bewußte Abschrift bald möglichst zukommen zu lassen. Ich beabsichtigte, mich am folgenden Morgen nach Civita Vecchia einzuschiffen, doch gewaltige Ereignisse führten mich nicht nur zum zweiten Male in diesem Jahre nach La Spezia, sondern noch öfters in das schwer zugängliche Fort Varignano. Als ich Garibaldi kurz vor seiner Befreiung zum letzten Male dort besuchen durfte, hielt ich auf der Hinfahrt an der Post an, wo ich unter anderen Briefen einige Zeilen von Teresa, nebst der eigenhändig genommenen Abschrift der Documente, die ihr Vater bei Mistreß Collins zurückgelassen hatte, vorfand. Es ist eine möglichst treue Übersetzung dieser Blätter, welche ich hierbei folgen lasse.           Rom, 28. December 1867.

Elpis Melena.

Am Abend des 14. October 1867 verließen drei Männer das Gehöft auf Caprera und während sie den nach der Fontanaccia, dem an Wasser, Bäumen und Pflanzen reichsten Theil der Insel, führenden Pfad einschlugen, kam ein Vierter aus der Thür des hölzernen Stakets, welches das eiserne Häuschen mit dem Hauptgebäude verbindet, und verfolgte den breiten Weg, auf welchem man zur Hafenbucht Stagnatello gelangt. Die eigenthümliche Tracht und die dunkle, südliche Physiognomie des Letzteren verrieth in ihm den Sarden: es war Giovanni, unser Seemann, der Capitän des Yachtschiffes, welches der, Solitario“[3] den Sympathien der großmüthigen englischen Nation zu verdanken hat.

Die drei ersten Individuen trugen ein verdächtiges Kennzeichen, nämlich ein rothes Hemd, welches bei Barberini und bei Froscianti durch den Ueberrock, bei ihrem Gefährten dagegen durch den Poncho, den bekannten südamerikanischen Mantel, nur unzulänglich verborgen blieb. Barberini, von der Natur mit keinen physischen Vortheilen ausgestattet, deshalb aber nicht minder bevorzugt, war klein und gewandt und besaß, bei einer nur schmächtigen Stimme, einen eisernen Arm und den Muth eines Löwen, während Froscianti, bei denselben Herzenseigenschaften, sich einer starken, imposanten Persönlichkeit erfreute. Ich getraue mir nicht den Mann mit dem Poncho zu beschreiben: er ist der Gegenstand der erbärmlichsten Befürchtungen und der strengsten Vorsichtsmaßregeln eines der italienischen Nation unwürdigen Ministeriums, welches von Menschen, die wahrlich höheren Zwecken dienen sollten, Grausamkeiten gegen ihn vollziehen läßt.

Der Scirocco mit seinem melancholischen Geheul durchwehte unbarmherzig die kargen, aber kräftigen Stauden der vulcanischen Meerestochter Caprera ... dunkle, von dem Sturm gepeitschte, Wolken verhüllten den Teggialone, den höchsten Punkt der Insel, und bildeten um sein Haupt so dichte Nebelmassen, daß, wenn sie erhabenere Berggipfel umlagert hätten, sie in eisige Schneeflocken verwandelt worden wären.

Schweigsam verfolgten die drei Männer ihren Weg, und wo das bald steigende bald sich senkende Terrain ihnen eine Fernsicht gestattete, hefteten sich ihre forschenden Blicke auf die Bucht Stagnatello, wo drei graciös sich hin und herschaukelnde Fahrzeuge sich sehen ließen. Das verödete, menschenleere Yachtschiff stand in schroffem Contraste zu der Kriegsschaluppe mit ihrem drohenden Geschütz und dem mit Militär und Matrosen vollgedrängten Kanonenboote. Die Sonne war untergegangen, und verhieß die einbrechende Nacht auch nicht einen entschiedenen Sturm, so verkündete sie doch jenen starken Scirocco, der, mit schädlicher Feuchtigkeit geschwängert, über die sumpfigen Gegenden Sardiniens herwehend, oftmals höchst lästig ist.

Als die drei Flüchtlinge das Feld der Fontanaccia erreicht hatten, sagte Froscianti: „Hier verlasse ich Euch und biege links ein, um die Punta dell’ Areaeeio[4] auszukundschaften.“

Seine beiden Freunde verfolgten ihren Weg, sie öffneten und schlossen wieder hinter sich die vier Gatter, durch welche man gehen muß, um zu dem Muro a secco, d. h. einer ohne Kalk, nur aus unebenen Felsenstücken zusammengesetzten Mauer, zu gelangen, die den bebauten Boden der Fontanaccia von dem brach liegenden Terrain trennt, welches sich bis zum Meeresufer erstreckt. An der Mauer angekommen, legte der Solitario seinen Poncho ab und vertauschte seinen weißen Hut gegen eine Kappe seines Sohnes Menotti. Die Kleidungsstücke, deren er sich entledigt, gab er an Barberini und nachdem er sich überzeugt, daß Niemand sich jenseits der Mauer befände, erklimmte er sie und sprang von derselben herab, mit einer erstaunlichen Behendigkeit.

Eine Erinnerung aus seiner abenteuerlichen Jugend begeisterte ihn und er fühlte sich um zwanzig Jahre jünger. Und übrigens, waren seine Söhne und seine Waffenbrüder nicht im Gefechte gegen die Söldlinge der Kuttenherrschaft begriffen? Konnte er sich ruhig verhalten? sich vielleicht mit dem Ausästen seiner Bäume begnügen und die schändliche Existenz der Moderati[5] führen? Als der Solitario die Mauer glücklich hinter sich hatte, sagte er zu Barberini: „Noch ist es zu hell, wir wollen uns ein Weilchen hier niederlassen und eine ,halbe Cigarre’ rauchen;“ darauf zog er ein Feuerzeug – es war ein werthes Andenken der liebenswürdigen Lady S ... – aus seiner linken Tasche hervor, bediente sich desselben und reichte dann seinem Gefährten, der eine Cigarita in Bereitschaft hielt, seinen angezündeten Cavour. Diese lange, schwarze, toscanische Cigarre, die etwa einen halben Silbergroschen kostet, pflegt der Solitario nämlich in der Mitte durchzuschneiden und nur die Hälfte zur Zeit zu rauchen.

Die nächtlichen Schatten fingen bald an, die Atmosphäre zu verdunkeln, doch im Osten war ein schwacher Schimmer als erster Bote der einsam herannahenden Königin der Nacht erkennbar.

„Binnen drei Viertelstunden wird der Mond hinter den Bergen emporsteigen,“ bemerkte der Solitario, „wir dürfen nicht länger säumen.“

Die beiden Männer brachen auf und begaben sich nach dem Hafen. Giovanni war hier auf seinem Posten. Mit seiner und Barberini’s Hülfe glitt der Beccaccino, unser kleinstes Boot, welches nur zur Entenjagd dient und so flach ist, daß die einzige Person, die darin Platz hat, am Boden liegen muß, um es mit dem einen Ruder weiter zu bewegen, bald auf der Wasseroberfläche. In einem Nu nahm der Solitario, nur auf seinen Poncho gelagert, seinen Platz am Boden des Kahnes ein. Nachdem Giovanni das leichte Fahrzeug dem Meere zugestoßen und sich überzeugt hatte, daß Alles seine Richtigkeit hatte, stieg er selber in seine Beeca, ein Boot, welches, nur in größeren Dimensionen, ganz und gar wie der Beccaccino gebaut ist, und ruderte laut trällernd in der Richtung des Yachtschiffes.

„Halt, wer da?“ riefen die zu „Alguazils“, zu Polizeidienern, herabgewürdigten Soldaten der Kriegsboote dem Sarden zu, der sich indessen dadurch weder in seinem heimathlichen Liede, noch in seiner Fahrt stören ließ.

Als aber eine dritte Aufforderung zu seinen Ohren drang, antwortete er: „Ich gehe an Bord,“ denn wie erfolglos auch die in nächtlichem Dunkel nicht zu richtenden Flintenschüsse sein mögen, so verfehlen sie nie, einem unerfahrenen Menschen Schrecken einzujagen, und auch dieses Mal war es der Fall bei dem sonst beherzten, tapferen Giovanni, der übrigens ohne Zweifel von jenen Kriegsherren erschossen worden wäre, wenn er auf ihren dritten Ruf nicht geantwortet hätte. Der Solitario, seinen Beccaccino bald mit Abstoßen, bald – wie es auf den amerikanischen Canoes üblich ist – vermittels eines kleinen Ruders fortbewegend, verfolgte einstweilen seinen Lauf der Küste von Paviano, zwischen dem Hafen Stagnatello und dem Vorgebirg Areaccio, entlang, und wahrlich, der Kolibri, wenn er die duftenden Blumen der heißen Zone umflattert und nach Art der emsigen Biene an ihren süßen Kelchen nippt, ist geräuschvoller, als der federleichte Beccaccino es war, indem er über die Fluthen des tyrrhenischen Meeres rasch [88] dahinglitt. An der Punta dell’ Arcaccio angelangt, erkannte der Solitario zwischen den hohen Steinmassen die phantastisch beleuchtete Gestalt des treuen Froscianti. „Nichts Neues bis zur Felsengruppe des Arcaccio,“ flüsterte dieser ihm aus der Ferne zu. „Ich bin also geborgen!“ erwiderte der Solitario, seinen Nachen mit zunehmender Behendigkeit an den schroffen Klippen vorbeilenkend, bis er einen Punkt erreichte, von wo aus er einen scharfen Blick auf die kleine Insel der Kaninchen, die südlichste der drei Inseln warf, die den Hafen Stagnatello bilden, und alsdann den Beccaccino in nordwestlicher Richtung rasch in die hohe See hinausstieß.

Als der Solitario gewahrte, wie rasch die Mondeshelle zunahm, beschleunigte er seinen Ruderschlag, und, von dem Scirocco getrieben, passirte sein kleines Boot die Meerenge della Moneta mit einer Schnelligkeit, um die ein Dampfschiff es hätte beneiden können.

Bei Mondschein und in einer gewissen Entfernung gesehen, gleicht mehr oder weniger jeder aus dem Wasser emporragende Fels einem Fahrzeuge, und da der Befehlshaber des Rattazzi’schen Geschwaders – um die Boote der Kriegsschiffe, mit welchen er Caprera belagerte, zu vermehren – auf alle Barken der Maddalena Beschlag gelegt hatte, so erschien es, als wimmele der kleine Archipel della Moneta von Schaluppen und Kähnen, die nur bezweckten, einen Menschen in der Erfüllung seiner Pflicht zu verhindern.

Sobald der Solitario die an der nordöstlichen Küste der Maddalena gelegene Isoletta – oder Insel dei Giardinelli (der kleinen Gärten) – erreicht hatte, lenkte er den Beccaccino in das Labyrinth von Felsenriffen, welche sich wie ein Bollwerk vor dem Gestade derselben erheben, und von diesem sicheren Versteck aus betrachtete er genau das vor ihm sich erstreckende mondbeleuchtete Ufer.

Es ist eine Thatsache, daß die Mehrzahl der dienstthuenden Leute fast aller Regierungen bei Tage und in der Gegenwart oder in der vermeintlichen Gegenwart ihrer Aufseher großen Eifer in dem Vollziehen ihres Berufs zur Schau tragen, aber wenn die Nacht eingebrochen ist und diese Aufseher ein gutes Abendessen genossen und dem Bacchus reichliche Opfer gespendet haben – was den Gläubigen ebenso sehr wie den Ungläubigen zuzusagen pflegt – kurz, wenn diese Aufseher ausruhen oder sich belustigen, dann nimmt ihr Diensteifer und ihr Pflichtgefühl bedeutend ab.

Als der Solitario sich vor der Insel dei Giardinelli befand, konnte er die Fuhrt, die sie von der Maddalena trennt, auf drei verschiedenen Wegen erreichen: zu Wasser nämliche indem er das Inselchen südlich oder nördlich umfuhr, oder, indem er gleich darauf landete und es zu Fuß durchkreuzte. Nach reiflicher Ueberlegung entschloß er sich, Letzteres zu thun.

Ob es dem Verdienste des Beecaccinoführers oder der Saumseligkeit der sorglos schlafenden Wachen zuzuschreiben gewesen sein mag, will ich unerörtert lassen; so viel ist gewiß: der Solitario setzte den Fuß auf die Insel dei Giardinelli nicht nur mit heiler Haut, sondern ohne durch ein einziges „Wer da?“ beunruhigt worden zu sein. Doch er hatte kaum seinen Nachen auf’s Trockene gebracht, so merkte er, daß noch manches Hinderniß ihm den Weg zur Fuhrt erschwerte, indem die Insel dei Giardinelli, die dem Vieh der Maddalena als Weideplatz dient, in verschiedene Verzäunungen abgetheilt ist, die alle von hohen, mit dornigen Reisern besetzten Mauern umringt sind.

Als der Solitario nach vielen Umwegen und halsbrechenden Klettereien die letzte dieser Mauern passiren wollte und mit dem Erklimmen ihres mit spitzen Steinen verrammelten Gatters beschäftigt war, glaubte er jenseits derselben eine Reihe niedergekauerter Matrosen zu erkennen, und wäre dieses auch keine optische Täuschung gewesen, so hätte es ihn nicht überrascht, da ihm auf Caprera schon berichtet worden war, daß mehrere See- und Kriegsleute im Laufe des Tages auf der Insel dei Giardinelli gelandet seien. Der beträchtliche Zeitverlust, den dieser Umstand dem Solitario verursachte, erklärte ihm auch, warum er zwei seiner Freunde, die er unweit der Fuhrt hätte finden sollen, nicht auf ihrem Posten traf.

Erst um zehn Uhr und nachdem er mit scharfforschenden Blicken um sich her geschaut, ob keine feindliche Wachen in Angesicht seien, schickte der Solitario sich an, die seichte Meerenge, welche die Maddalena von der Insel des Giardinelli trennt, zu passiren; er hatte aber keine zehn Schritte zurückgelegt, als von den wachehaltenden Kriegsschiffen ein lautes Rufen, begleitet von wiederholten Flintenschüssen, sich vernehmen ließ, was indessen den Solitario in seinem herzhaften Waten durch die salzigen Fluthen nicht störte. Bald hatte er den kritischen Passus hinter sich und setzte den Fuß auf die Insel Maddalena. Noch ein beschwerlicher Gang stand ihm bevor, da seine mit Wasser angefüllten knarrenden Stiefeln ihm auf dem unebenen Terrain sehr lästig wurden.

Als endlich der Anblick des Hauses der Mrs. Collins dem Solitario die Nähe eines gastlichen Zufluchtsortes verhieß, schritt er aus Furcht, die Villa könne von Beobachtern umringt sein, immer behutsamer vorwärts, und erst als eine Wolke den Mond verschleierte, wagte er es mit seinem schottischen Stocke an eines der nach Süden gelegenen Fenster leise, leise anzuklopfen. Mrs. Collins hatte auf den Glücksstern des Solitario vertraut. Von seinem Vorhaben unterrichtet, lauschte sie in reger Spannung auf seine Tritte, so daß sie bei dem ersten Schlag, den sie an dem Fenster vernahm, zur Hausthür hinaus eilte und ihren alten Nachbar mit ihrem eigenthümlich graciösen Lächeln bewillkommnete. Bald darauf erschien die Signora Nina Massi, die schöne, schwarzgelockte Tochter der Insel Malta.

Wie wohlthuend und erquickend ist nach dem Sturm der überstandenen Gefahren die Aufnahme am sicheren Zufluchtsorte!

Der Solitario pries sich glücklich im Hause seiner Freundin, wo herzliche Pflege und jede Artigkeit ihm zu Theil wurden.


Soweit erzählt uns Solitario, d. h. Garibaldi, der Einsiedler von Caprera, den Anfang seines jüngsten geschichtlichen Erlebnisses, welcher bis jetzt wohl zum größten Theile der Öffentlichkeit verborgen war. Darin, daß diese Enthüllungen aus des gefeierten Mannes Feder geflossen sind, liegt natürlich ihr Hauptwerth, welcher die Mittheilung derselben auch noch jetzt rechtfertigt, wo das kühne Unternehmen mit seinem ganzen Verlauf zu den abgethanen Dingen gehört. Trotzalledem müssen wir alles Uebrige, in Rücksicht auf die Freunde des alten Volkshelden, die ihm auf dein Festlande weiter geholfen, vor der Hand verschweigen.





Von Karl v. Holtei.

Unter dieser Ueberschrift sollen von Zeit zu Zeit Erinnerungen aus meinem Leben hier mitgetheilt werden. Ein alter Mann, zu solchen Mittheilungen angeregt, hat wohl Acht zu geben, daß er nicht in selbstgefälliges Schwatzen sich verirre; um so schärfer, wenn er bereits ein Langes und Breites aus seinem Dasein erzählte und nun in Gefahr kommt, schon Gesagtes noch einmal vorzubringen. Eine zweite noch drohendere Gefahr liegt in der von kleinen Schilderungen dieser Art unzertrennlichen Nothwendigkeit, über sich selbst zu sprechen, wo man berufen ward über Andere, über bedeutende und interessante Männer oder Frauen zu reden. Mag der Erzähler noch so redlich bemüht bleiben, sich selbst in den Hintergrund zu stellen – ohne Wissen und Wollen wird er genöthigt werden, mit seiner eigenen Persönlichkeit einzutreten, weil eben nur in Beziehung auf diese ihm vergönnt gewesen ist, in Verkehr zu gelangen mit Jenen, deren Wesen, wie es ihm erschien, er flüchtig schildern will.

Da hilft nun weiter keine Vorsicht; beiden Gefahren ist Jeder ausgesetzt, der zu „plaudern“ beginnt, und er muß auf Nachsicht rechnen, welche verständige, billigdenkende Leser ihm nicht vorenthalten mögen. Zuletzt darf auch der Bescheidenste ehrlich mit Goethe eingestehen: „Was habt ihr denn aber, was euch erfreut, als eure liebe Persönlichkeit, sie sei auch wie sie sei?“ –

Gönnen doch Hörer dem Greise, der ihnen aus vergangenen Tagen allerlei vorplaudert, gern Verzeihung für manche mitunterlaufende schwatzhaft-eitle Breite. Weshalb sollte ein ähnlicher Pardon nicht auch von Lesern ertheilt werden, wofern es dem [89] Erzähler nur gelingt, sich Hörer aus Lesern zu schaffen, das heißt: schreibend so natürlich mit ihnen zu reden, als ob er spräche?

Eine Hauptbedingung dabei ist immer die Wahrheit: die Wahrheit der Thatsachen, die Treue der Auffassung, die Aufrichtigkeit der Gesinnung! Deren darf ich mich rühmen. Deshalb rechtfertige ich meine Plaudereien ein für allemal mit Goethe’s Worten: „In der jetzigen Zeit soll Niemand schweigen, oder nachgeben; man muß reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, sondern sich auf seinem Posten zu erhalten; ob bei der Majorität oder Minorität, ist ganz gleichgültig,“ und ich beginne mit der Stätte, von der diese Worte ausgingen, der für jeden Deutschen ewig geweihten Stätte, welche unser großes Dichterzweigestirn und noch so mancher andere glänzende Stern am Himmel unsers nationalen Schriftenthums für ewig geweiht und geheiligt haben – mit meinen Erinnerungen an Weimar.


I. Weimarische Abende.
1. Bei Goethes.

Es gehen lügenhafte Sagen umher, die im Laufe der Zeit Geschichte werden. Unter diese gehört jene ungerechte, tausend Mal aufgewärmte Anklage: Goethe habe sich theilnahmlos gegen jungaufstrebende Talente verhalten und ihre Hervorbringungen keiner Aufmerksamkeit gewürdigt, außer wenn sie ihm unbedingt huldigten. Das ist Verleumdung! Gegen Personen mag er sich hin und wieder abstoßend gezeigt, mag, durch bittere Erfahrungen argwöhnisch gemacht, sich vor allzuhäufigem Andrange und vielfältigem Ueberlaufen bisweilen gesichert, mag die ihm einwohnende, wahrhaft humane Milde gewaltsam unterdrückt haben, wie schwer es ihm immer wurde. Gegen geistige Erzeugnisse blieb er auch dann gerecht, wenn er gegen deren Erzeuger etwas auf dem Herzen hatte. Selten wohl hat es einen Dichter gegeben, welcher die Dichtungen Anderer so scharf zu sondern wußte von ihren Schöpfern, der so objectiv betrachtete und beurtheilte. Freilich stets von seinem Standpunkte. Ob dieser jedesmal der unfehlbare, unumstößliche gewesen? Das wäre doch eine recht unnütze Frage. Denn welcher Mensch, sei es der weiseste, welcher Poet, sei es der größte, welcher hohe Geist bleibt von vorgefaßten Meinungen frei, von Einseitigkeiten, Idiosynkrasien, Sympathien? „Nicht Unparteilichkeit,“ sagt J. P. Fr. Richter treffend, „ist dem Erdenmenschen anzusinnen, nur Bewußtsein derselben.“ Und aus seinem Bewußtsein heraus, aus seinem eigensten Gefühle, allerdings auch manchmal durch den Schleier selbstgewobener Theorien, hat Goethe den Blick auf Kunstwerke der jüngeren Welt gerichtet, ohne vorher zu fragen: wie steht’s mit ihren Verfassern? Hängen sie mir an? Gehören sie zu meinen Schülern, oder zu meinen Gegnern? Nein, er trennte Personen und Sachen. Er konnte unerbittlich streng den Stab brechen über Arbeiten derer, die er gern um sich sah; er konnte sich kindlich freuen über poetische Erstlinge ihm wildfremder Leute. Ich erinnere mich, daß sein Sohn August mir erzählt hat, welch’ herzliche Freude „der Vater“ gefunden am Drama „Alexander und Darius“ von Fr. v. Uechtritz, welches der ihm gänzlich unbekannte Autor eingesendet. „Wie ein Kätzchen,“ versicherte August, „trug er’s unter’m Arme mit sich herum, gab es nicht aus den Händen, ging, glaub’ ich, damit zu Bette, ergötzte sich liebkosend daran, wie an einem edlen, reinpoetischen Werke.“

Etwas Aehnliches mag Michael Beer gehofft und erstrebt haben, da er meinen Aufenthalt in Weimar benutzen wollte, seine Tragödie „Struensee“ durch mich bei Goethe einzuschwärzen, indem ich dieselbe dort vorlas, wie ich bereits in Berlin vor meinem gewöhnlichen Publicum gethan. Der Aufführung dieses Stückes stellten sich damals noch unterschiedliche Hindernisse entgegen. Auch war es noch nicht mit den musikalischen Schwingen versehen, welche Bruder Giacomo ihm – leider erst nach des Dichters Tod – ansetzte. Es hatte, neben vielen anerkannten Schönheiten, die unzukömmliche Eigenschaft eines allzugroßen Umfanges, den ich, trotz raschestem Tempo, nur nach Ablauf dreier voller Stunden bändigen konnte. In Berlin, unter aufmerksamster Controlle der zahlreichen Beer’schen Familie, durfte ich nicht kürzen, auch schleppende Stellen nicht. In Weimar war das „Streichen“ Pflicht, sollte derjenige, auf den es abgesehen war, die Geduld nicht verlieren. Ich übte diese Pflicht als routinirter Theatermensch und strich barbarisch.

Mögen die Dichter noch so heftig dawider eifern, es thut häufig Noth, zu ihrem und ihrer Arbeiten Vortheil. Denn im Flusse der Begeisterung vergessen sie allzuleicht, wie Wenige auf der Bühne reden können und wie Wenige vor der Bühne hören wollen. Wobei noch zu erwägen, daß breite Recitation auch im günstigsten Falle die Handlung hemmt. Demnach gebrauchte ich meinen Rothstift gewaltig, in Michael Beer’s Interesse, nicht minder in meinem eigenen, weil es mir auf diesem Wege endlich gelingen sollte, so meinte ich, daß Goethe mich lesen höre, was er bis dahin hartnäckig verweigert – den Seinigen sowohl, als andern Antragstellern – mit der Entschuldigung: „Er habe jetzt gerade viel zu thun, und so etwas störe ihn!“

Diesmal hatte Frau Ottilie, die liebenswürdige Schwiegertochter, versprochen, den Schwiegervater einzufangen, und er hatte versprochen sich fangen zu lassen. Auch war die Falle pfiffig aufgestellt, und hübsche Frauen und Mädchen waren zur Lockung verheißen. Mittags zwölf Uhr befand er sich in erwünschtem Wohlsein; es konnte gar nicht fehlschlagen.

Eine größere Gesellschaft fand ich, nicht in den von ihm bewohnten Räumen, sondern im oberen Stockwerk, welches „Kammerraths“ inne hatten, (im sogenannten „Schiffchen“) versammelt, als ich, meinen Adoptivsohn Struensee im sauberen Manuscripte fest an die Brust geklemmt, anrückte. Die Versammlung überraschte mich, so zahlreich erwartete ich sie nicht. Sie erschreckte mich zugleich, denn es stieg mir beim ersten Ueberblicke die Befürchtung auf, das Erscheinen der Hauptperson sei dadurch in Zweifel gestellt. Noch war’s nicht ausgesprochen, noch hoffte Frau von Goethe, „Papa werde nicht ausbleiben.“ Ich zählte die Minuten, jeder Sprung des Secundenweisers gab mir einen Stich in’s Herz. Aber dennoch ließ auch ich die Hoffnung nicht schwinden. Mir war’s wirklich mehr um den entfernten Dichter und dessen heißeste Wünsche, als um den Vorleser, welcher letztere auf seinen Erfolg als solcher heute kein besonderes Vertrauen baute. Eine derartige künstlerische Production steht immer auf schwankenden Füßen, wofern sie nicht classisch-festen Boden unter sich fühlt. Wer unbestrittene Meisterwerke vorzutragen hat, darf sich mit allen Kräften der Seele seiner Aufgabe widmen. Ihn erfüllt dann lediglich der eine Gedanke: Du sollst darthun, daß du würdig bist, den Dichter in’s Leben zu rufen, ihm sein Recht zu erweisen! Und fehlt es dann sonst nicht an Fähigkeit und Uebung, so wird er muthig vorgehen, günstiger Wirkung sicher. Wer jedoch Sorge zu tragen hat für das seinem Talente anvertraute, noch unbekannte Werk, wer gleichsam die Verpflichtung übernahm, diesem Eingang zu verschaffen, den drückt auf zusammengeschnürter Brust gleich einem Alp die Angst, ob er so schwieriger Pflicht zu genügen, ob er den Autor glücklich zu vertreten im Stande sein werde.

So war mir’s mehrmals schon in gleicher Situation ergangen, wo ich einem hochpreislichen Publicum (und was bedeutete mir ein solches im Vergleiche mit Goethe!) gegenüber saß. Einmal, um nur ein Beispiel, aber ein schlagendes, anzuführen: da ich meinem lieben, verehrten Freunde L. Rellstab angelobt, seinen „Franz von Sickingen“ vor besagtem Auditorium lebendig zu machen, selbigen wackern Rittersmann jedoch mit all’ meinem an ihn verwendeten Lebensathem tödtete, daß er kein Glied mehr rührte; – oder vielleicht von ihm getödtet wurde! Wer will’s entscheiden? Wir brachten wahrscheinlich Einer den Andern um. Und wenn sich das heute Abend wiederholte! Wenn ich eine poetische Leiche in Goethe’s Haus geliefert hätte, um sie vor ihm zu seciren? Vor ihm, der bekannten Abscheu wider Leichen hegte! Und was würde Michael Beer von mir denken, der sein Schooßkind mir überantwortet auf Treu’ und Glauben, daß ich es in’s hellste Licht setzen möge?

Diese peinliche Spannung ward noch gesteigert durch das Betragen der Anwesenden, welche, gleich mir des hohen Hausherrn gewärtig, obschon ohne Furcht, vielmehr in froher Aussicht auf eine, möglicherweise zwei Hinrichtungen, gierige Blicke wechselten zwischen mir und dem für mich errichteten Schaffot, dabei aber doch nur ehrfurchtsvoll flüsterten, wie etwa in der Kirche geschwatzt wird, ehe die Predigt beginnt.

Mancherlei Zustände lassen sich nicht beschreiben. Wer sie nicht an sich selbst erlebt hat, wird sie nicht verstehen; wer gesunde starke Nerven hat, begreift nimmermehr, bis zu welchem Grade krankhafter Ueberreizung derjenige gebracht werden kann, der, ungeachtet vorhergegangener Successe im Bereich künstlerischer Reproduction, [90] ehrlich-bescheiden fortwährend an seinen Fähigkeiten zweifelt und diese Zweifel niemals quälender empfindet, als kurz vor jedem neuen Versuche. Diese Aufregung ist unbesiegbar. Ja, nach meinem Dafürhalten soll sie es bleiben, ist unerläßlich; denn einzig allein aus ihr entspringt jene Art von Begeisterung, die dem gesprochenen Worte Geist und Seele verleiht, die ihm Kraft giebt, den Hörer gewaltig zu ergreifen und fortzureißen. Wer mit vollständiger Fassung, mit ruhiger Besonnenheit, frei von dem Fieber, welches im Bühnen-Jargon „Lampenfieber“ heißt, an irgend welche Wiedergeburt dramatischer Dichtungen geht, der mag, wenn er’s kann, meinetwegen vortrefflich recitiren, jeden Gedanken des Autors klar machen, aber lebendige Gestalten wird er nicht hervorzaubern, Charakteren wird er nicht ihre ursprüngliche Selbstständigkeit durch inspirirte Sonderung verleihen, Leidenschaften wird er weder schildern noch erregen, wenn er mit stählernen Nerven „an’s Geschäft“ geht, wenn er so gesunden Körpers dabei ist, daß er fieberfrei bleibt. Auf ihn wird man A. W. Schlegel’s Ausspruch anwenden können:

„So gelingt uns, wie man Kuchen backt,
Diese löblich-nützliche Verrichtung.“ –

Jedweder Vertrag eines großen Drama’s muß ein Stück Leben kosten, soll’s wahrhaftig lebendig geworden sein. Dafür gewährt das Gefühl, der Besseren Theilnahme erworben und verdient zu haben, beglückenden Ersatz. Desto niederbeugender ist die Nachwirkung, wenn es fehlschlägt.

Letztere sollte mir diesmal erspart bleiben, denn der sehnlichst Erwartete, hoffend Gefürchtete kam nicht. Bestellt wurde die Absage, als wäre sie aus momentaner Entschließung, durch Unpäßlichkeit veranlaßt, hervorgegangen. Ich hegte die Ansicht, und hege sie noch, daß es von vornherein beschlossene Sache, daß Frau von G. im Geheimniß gewesen sei. Man hatte Michael’s dringendes Gesuch nicht unfreundlich zurückweisen, man hatte mir, der’s überbrachte, kein entschiedenes Nein zu hören geben wollen, man hatte diesen Ausweg erfunden.

Nun lösten sich die Zungen. Es erhob sich laut das allerliebste gesellschaftliche Geschnatter, welches „Conversation“ genannt wird, in allen Tonarten, Tempi, sammt dazu gehörigen Dolces und Fortissimos, es schnatterte so, vom vorhergegangenen Respect der Erwartung befreit, ungebunden fort, bis ich mit meinem feierlichen, im sonorsten Bariton verkündigten „Struensee, Trauerspiel in fünf Acten von Michael Beer“ dazwischen fahrend das Signal zum Stillschweigen gab.

Zwei heiße Stunden! Wie jedesmal, wo der eigentliche innere Antrieb erloschen ist und ein gewisser Zwang an seine Stelle tritt, geschah meinerseits des Guten zuviel. Ich suchte durch Kraftaufwand zu ersetzen, was mir an inniger Wärme fehlte. Wer hätte mir diese mittheilen sollen? Die Weimaraner kannten mich als Vorleser hinreichend, um mich war’s ihnen an diesem Abende wahrlich nicht, um das Stück fast eben so wenig. Ihn hatten sie sehen, hatten beobachten wollen, was für ein Gesicht Er machen würde zu meinen Anstrengungen, ob er mit weit geöffneten Götteraugen menschlich Theil nehmen, ob er, süß-sauer lächelnd, die ihm ohnehin „durch Vermischung schlichter Recitation mit theatralischen Auswüchsen“ verdächtige Neuerung verneinend abweisen werde.

Das fiel nun weg. Und waren Struensee und ich gerade nicht mit gefallen, so hatten wir doch auch nicht besonders gefallen. Beim Souper drehten sich die Gespräche weniger um den eigentlichen Kern dieser Zusammenkunft, als um alle möglichen übrigen Dinge und Personen auf Erden. Ich glaub’s wohl, die Gäste konnten lachen! Sie begaben sich gutgenährt nach Hause, freuten sich auf’s warme Nachtlager, sagten am nächsten Morgen einer zum andern:

„Der Holtei hat gestern nicht gar schön gelesen.“

„Soll denn das Stück hier aufgeführt werden?“

„Ach nein, ich denke nicht.“

Und damit war’s überstanden.

Ich Aermster jedoch that, obgleich leer im Magen, weil ich vor Verdruß nichts zu mir genommen, die Nacht hindurch kein Auge zu, grübelte nur, wie ich einen Brief drehen und wenden könne, der den Verfasser des Struensee glauben mache, daß Goethe, wenn er sich’s auch nicht mit vorlesen ließ, nichts desto weniger umständlichen Rapport über das Stück verlangt habe und das Manuscript zurückbehalte, um es selbst zu lesen!

Beides war keine Lüge. Beides war mir versprochen worden. Aber war seine Gegenwart zur Vorlesung nicht auch versprochen gewesen? Ach Du mein Gott, was für spitzfindige Episteln hat Unsereiner, doch schon im Leben schreiben müssen!

2. Bei Frau von Heygendorf.

Die Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann, die nachmals hochgefeierte Frau von Heygendorf, war, nach den ersten Liebesanträgen, die Karl August, da er noch Herzog war, ihr gemacht hatte, aus Weimar entflohen. Ein vertrauter Abgesandter wurde ihr nachgeschickt, wie man glaubt, mit der Instruction, des Landesherrn für sie erwachte Leidenschaft in feurigsten Farben darzustellen. Dieser Liebesbote soll noch über die ihm gegebene Freiheit, er soll so weit gegangen sein, dem schönen Flüchtling anzudrohen: längeres Widerstreben werde zu tragischem Ausgange führen, und nur das ersehnte Jawort könne dem Ländchen seinen allverehrten Regenten erhalten. Darauf habe nun Caroline endlich eingewilligt und von diesem Augenblick selbst die Rückkehr beschleunigt, damit ihr „der Entschluß nicht wieder leid werde“.

So ist mir von glaubwürdigen Zeitgenossen erzählt worden. Was daran wahr gewesen, mag wohl Niemand mehr recht gewußt haben. Auch hatte das Verhältniß jenen romanhaften Zauber längst abgestreift. Der Großherzog war ein alter Herr, Frau von Heygendorf (diesen Namen trug sie in der Stadt, auf den Brettern ist sie Madame Jagemann geblieben!) war eine alternde Dame geworden; glühende Leidenschaft hatte sich zu dauernder Freundschaft abgekühlt, was für edelmüthige Beständigkeit von der einen, für kluges Verhalten von der anderen Seite zeugt. Zugestanden, Frau von Heygendorf war die erklärte Geliebte des Fürsten; daß sie aber als solche die Achtung und Zuneigung der Bewohnerschaft, sogar das Wohlwollen der sie tolerirenden Großherzogin lange Jahre hindurch zu bewahren gewußt, das, wie gesagt, zeugt für kluges Verhalten und zugleich für gute Eigenschaften des Gemüthes. Ihr Einfluß auf Karl August ist bis zu dessen Tode derselbe geblieben.

Ich glaube nicht, wenigstens hab’ ich nie darüber klagen hören, daß sie in Regierungsangelegenheiten diesen Einfluß gemißbraucht habe. Von Theaterangelegenheiten läßt sich leider nicht dasselbe rühmen, denn in diese griff sie nicht nur gelegentlich hinein, sondern führte recht entschieden das Regiment. Auf gewisse Weise mag sie das, wenn auch verstecktermaßen, schon gethan haben, als Goethe noch an der Spitze dieser Kunstverwaltung stand; wie ja jene vielbeschriebene siegreiche Protection beweist, welche sie dem Hunde des Aubry de Montdidier und dessen Pflegeeltern und Erziehern, Herrn und Madame Brandt, angedeihen ließ, womit sie gegen ihren dem Titel nach Vorgesetzten den Sieg davon trug und ihn von der Direction verscheuchte. Späterhin war es ihr gelungen, einen Freund, den ihr fürstlicher Gönner großmüthig neben sich duldete, einen nicht unbegabten Sänger, zum Oberdirector des Hoftheaters zu befördern. Und nun hielt sie die Leitung nach beiden Gewalten hin fest, war die Regentin zweier Regenten, von denen der eine, neben seinem kleinen Weltreiche, auch jenes noch kleinere Reich, welches die Welt bedeuten will, zu regieren berechtigt war, sobald er sich, von ihr veranlaßt, darum zu bekümmern Lust zeigte, während der andere Jenem und ihr unterwürfig bleiben und sich eben auch mit der Titulatur des Amtes begnügen mußte.

Mir ist das, wenn schon nicht durch einen Hund, doch durch ein anderes Hausthier klar gemacht worden. Ich hatte ein dazumal in Paris mit großem Sncceß gegebenes Scribe’sches Baudeville „la chatte metamorphosée en femme“ nach meiner Art verdeutscht, mit hübschen Melodieen nach meiner Wahl ausgestattet und las es, frischbacken wie’s aus dem Ofen kam, als „verwandelte Katze“ der Frau von Heygendorf vor. Ich befand mich damals im dritten Stadium der Flegeljahre, welches bei mir unerlaubt lange gedauert hat; war naiv kindisch, dummehrlich, mit offenen Augen blind … sonst hätt’ ich wahrnehmen müssen, daß der übertrieben lebhafte Beifall, den meine schwache Arbeit erregte, weniger dem Autor, als dem Wunsche der Spenderin galt, in eigenster wohlbeleibter Person das schlanke, gewandte Kätzchen darzustellen. Davon aber merkte ich nichts, sackte den reichlichen Applaus freudig ein, gelobte Abschriften von Buch und Partitur möglichst rasch aus Berlin einzusenden und [91] begab mich von Frau von H. geraden Weges zu – Auguste Satorius, die, höchst unzufrieden mit ihrer „untergeordneten Stellung“ (sie war nebenbei gesagt nirgends zufrieden), in der That nur spärlich mit dankbaren Rollen bedacht, voll wahren Heißhungers auf besagte Katze sich stürzte. Wir wurden einig, daß ich in meinem Begleitschreiben an die Direction diese Partie, dem Autorrechte gemäß, für sie, für Augusten bestimmen sollte. (Das ist denn seiner Zeit geschehen und hat die natürliche Folge gehabt, welche ein lebensklügerer Mensch voraussehen mußte. Man schickte mir das Stück umgehend zurück und erklärte es für unbrauchbar; dasselbe Stück, vom welchem die incognito regierende Donna assolutissima sich mehr denn entzückt gezeigt.)

Im Augenblicke befinde ich mich aber noch in Weimar, stehe noch in vollster Gunst, welche sich soweit erstreckt, daß Madame Jagemann dem „talentvollen Schriftsteller“ ihre Maria Stuart vorzuspielen sich entschließt.

Nicht ohne frommen Schauder habe ich das Programm[WS 1] in der Hand gehalten, worauf die Namen Graff, Heide, Oels – Namen aus glorreicher Schiller-Goethe-Epoche – verzeichnet standen. Madame Jagemann gehörte ja ebenfalls noch dazu. Und nicht minder gehörte zu jenen meinen lieben langen Flegeljahren die aufrichtig-kindliche Pietät, der sich willig fügende Respect für überkommene Autoritäten. Ich hatte mich ernstlich bemüht zu vergessen, was ich vor Jahren in Berlin vernommen über ein Gastspiel der Jagemann auf dem königlichen Hoftheater. Sie war, so hieß es in Berlin, ausgestattet mit den gewichtigsten Empfehlungen, eingetroffen, demgemäß gebührend empfangen, und die Thüren zum Musentempel waren ihr weit geöffnet worden. Zur ersten Auftrittsrolle hatte sie „Preciosa“ erwählt; eine Partie, worin sich, neben der recitirenden Schauspielerin, auch die Sängerin, die Tänzerin zu zeigen Gelegenheit findet. P. A. Wolff schrieb diese Rolle für die in Blüthe der Jugend und Schönheit prangende Stich, und C. M. von Weber nahm bei Composition des Liedes: „Einsam bin ich nicht alleine“ Rücksicht auf deren Stimmlage. Welchen beispiellosen Erfolg die Stich gehabet, konnte in Weimar nicht unbekannt geblieben sein. Doch Madame Jagemann mag wohl das Berliner Publicum nach ihrem Weimarischen gemessen und sich eingebildet haben, vor ersterem eben so zu triumphiren, wie vor letzterem. Das wäre nun ein verzeihlicher Irrthum, weil er ein menschlich-eitler und, was noch mehr sagen will, weil er ein echt-weiblicher gewesen und weil das Schooßkind eines vielgeliebten Regenten, berauscht vom Beifall einer kleinen Residenz, Berlin leicht mit Weimar verwechseln kann, besonders wenn ihm der Berliner Skepticismus unbekannt geblieben. Daß aber eine Künstlerin von Urtheil, Bildung und Geschmack sich durch kindische Eitelkeit so völlig verblenden ließ, als Preciosa zwischen Weber’s himmlische Musik eine italienische Bravour-Arie mit Coloraturen (irr’ ich nicht aus der „diebischen Elster“) einzulegen: dafür giebt es weder Entschuldigung, noch Verzeihung! Das Berliner Parterre hatte denn auch dergleichen nicht vorwalten lassen, nicht einmal mildernde Umstände angenommen, hatte sein Verdict unnachsichtig kund gegeben und zwar mit dem so gesprochenen wie geschriebenen Wortspiele: „Die Jagemann jage man!“

Dieser Erinnerung suchte ich mich gewaltsam zu entschlagen, da ich hin ging, Maria Stuart zu sehen. Gewiß, ich brachte den besten Willen mit, wollte bewundern, anbeten wenn irgend möglich. Aber ach, es war unmöglich. Wo ich künstlerisch-natürlichen Vortrag, klar, sinnig, verständig, wo ich vor Allem meisterhafte Behandlung des Verses in rhythmischer und dennoch freier Bewegung, als Erbschaft aus Goethischer Zeit, erwarten zu dürfen glaubte, klang nur eine pathetische, hohle und, was das Schlimmste war, kalte Declamation entgegen, die nicht einmal durch ruckweise dazwischen auflodernde feurige Leidenschaftlichkeit[WS 2], wie etwa bei französischen Tragöden, belebt wurde. Mir erschien Alles äußerlich, keine Spur von innerer Seele. Ich saß erstarrt. Gern hätt’ ich meinen Nachbarn, deren einer Eckermann, leise Bekenntnisse mißmuthiger Enttäuschung abgelegt, doch an diese Erleichterung durfte ich nicht denken, denn „der Herr“ überwachte aus seiner kleinen Seiten-, nicht aus der mittleren Hofloge, jede Miene, jede Bewegung des Fremden. Und dieser zeigte sich feig genug, „Bravo!“ zu rufen und in die Hände zu klatschen, wenn die schottische Königin daraufhin loslegte.

(Fortsetzung folgt.)

  1. Vorlage: Progamm
  2. Vorlage: Ledenschaftlichkeit


Der Dichter und der Maler des deutschen Philisters.

Vor beinahe hundert Jahren saß die gewöhnliche Abendgesellschaft der „Honoratioren“ des westphälischen Städtchens Bochum trübselig um die trüben Kerzen gruppirt in sichtlicher Verstimmung; Der schneuzte unaufhörlich die Lichter, Jener purrte in der irdenen Pfeife, ein Dritter blies Ringe, ein Vierter stand vor dem winzigen rauchbeschlagenen Spiegel und drehte an seiner Frisur, just als ob’s ihm zu Herzen ging, daß ihm der Zopf so hinten hing. Wo bleibt der Doctor? hatte Jeder schon mehrmals gefragt, bis zuletzt der Wirth mit der Nachricht kam, ein Bergknappe, vom schlagenden Wetter gefährlich erkrankt, nehme des Arztes Hülfe noch zu später Stunde in Anspruch. Wenn der Doctor fehlte, dann stockte die ganze Conversation. Er war der Hecht im Karpfenteich, als solchen hatte ihn jedes Mitglied der Gesellschaft längst kennen und – fürchten gelernt. Wie persiflirte er die Gäste, wie unbarmherzig nahm er heute Diesen und morgen Jenen zum Stichblatt, und wen ließ er überhaupt ungeschoren? Das wußten Alle und dennoch konnten sie die Zeit seiner Ankunft nicht erwarten.

Die neunte Stunde war nahe, da hörte man den Wirth auf dem Flur sagen: „Gott sei Dank, daß Sie kommen!“ Und er kam; die breiten, dicknasigen, runden Gesichter des Stübchens schauten alle nach der Thür, als jetzt ein Mann mit feinem, spitzen Profil und blitzenden Augen über die Schwelle trat. Nun war Alles gut. Zwar erkaltete zu Hause das Abendessen, zwar erwartete die „Schwärmer“, wenn sie nicht prompt neun Uhr am Familientisch saßen, eine Gardinenpredigt – aber heute ging es nicht anders, denn wer konnte Neues nach Hause bringen, ohne den Doctor gesprochen zu haben!

Und der Doctor hatte Neues und diesmal ganz besonders Interessantes. Er zog ein kleines Zeitungsblatt hervor und verlas einen Aufsatz über Lavater’s Physiognomik, erklärte dann auch ausführlich die neue Erfindung des berühmten Gelehrten, „die Kunst, aus den Zügen des Antlitzes den Charakter des Menschen zu erkennen“, und als er mit schelmischem Blicke die Gesichter, welche sehr wenig boten, was man Physiognomie hätte nennen können, musterte, kam er zu dem Schluß: „Wir, wie wir hier sitzen, könnten dem Lavater einen interessanten Stoff bieten und zugleich die Probe machen, ob er etwas versteht. Lassen wir dem Manne alle unsere Silhouetten schicken, er mag danach unsere Charaktere beurtheilen. Ich will ihm dazu schreiben, er wohnt in Zürich, in vier Wochen können wir Antwort haben.“

Daß die bloße Linie des Profils, wie sie eine Silhouette bot, für den Beurtheiler der Gesichtszuge schwerlich ausreichen würde, diesen naheliegenden Zweifel äußerte Niemand, Jeder war von der Wichtigkeit seiner Person so überzeugt, daß er annahm, der Züricher Gelehrte werde nach dem Schattenriß unzweifelhaft schon den ganzen Geist des Antlitzes erkennen. Und hatten sie denn nicht Recht gehabt, so zu denken? Erschien nicht nach Monatsfrist der Doctor jubelnd in ihrem Kreise mit der Antwort? Lavater hatte ein Meisterstück gemacht! Der mehrere Bogen dicke Brief enthielt die ausführliche Schilderung des Charakters eines jeden Einzelnen, bis auf die Knochen wären der Pastor wie der Apotheker, der Berggeschworene wie der Materialhändler secirt und mit grausamer Treue geschildert. Von der Erlaubnis des Doctors, wonach Jeder seine Charakteristik mitnehmen könne für seine Frau, hat nicht ein Einziger Gebrauch gemacht.

Der Doctor hieß C. A. Kortum, und wenn wir nun noch hinzufügen, daß es derselbe ist, dessen Heldengedicht

„Leben, Meinungen und Thaten
Von Hieronymns Jobs, dem Candidaten,“

jenes unübertroffene Meisterstück des Knittelverses, heute ganz Deutschland kennt, so ist es wohl überflüssig zu bemerken, daß Lavater von dem ganzen Streich nie etwas erfuhr und daß Kortum dessen Namen nur benutzte, um an einer Gruppe von Philister-Originalen seinen sprudelnden Witz zu erproben und Studien für sein Epos zu machen.

Von seinem engen, kleinstädtischen Gesichtspunkte ans war der Mann im Stande, die Menschen so treffend darzustellen, daß man [92] sie noch hundert Jahre später im Süden wie im Norden des ganzen deutschen Vaterlandes als die Typen der sehr großen und nie austerbenden Race erkennt, der von den Studenten später, lange nach Kortum’s Tode, mit dem Namen „Philister“ gekennzeichneten deutschen Spießbürger. Wir haben erzählt, wie der Autor der Jobsiade es anfing: er studirte und schrieb nach dem Leben, und hat nur dadurch Unsterbliches an das Lichte gefördert. Er selbst ist im Jahre 1824 gestorben; aber ein Menschenalter nach seinem Tode folgte dem Dichter des Philisters der Maler nach, der nicht minder bedeutend wurde, weil er gerade so wie sein Vorgänger verfuhr: der bekannte Johann Peter Hasenclever, der geniale Schöpfer des vielfach nachgebildeten und verbreiteten „Examens“ (aus der Jobsiade), der „Weinprobe“, der „Spielbank“ und des „Lesecabinets“.

Hasenclever’s Gesichtskreis war von Hans aus noch enger, als der Kortum’s. Seine Heimath, das auf hohem Bergrücken gelegene Remscheid, ist so zerstreut gebaut, daß ein geselliger Verkehr der Bewohner kaum herzustellen ist, und wie die Zustände vor fünfzig Jahren, als der Sohn des Grobschmieds Hasenclever seine Jugend verlebte, gewesen, hat er uns oft erzählt: „Wir gelangten in die Schule ebenso bequem durch die Wand, wie durch die Thür.“ Mit hausbackenem Schulunterricht rüstete ihn später die Bürgerschule in Ronsdorf aus; daß er aber unter solchen Umständen nicht sogleich ein Genie wurde, wird ihm Niemand verdenken. Als er auf der Düsseldorfer Akademie schon den Antikensaal und die Malclasse hinter sich hatte, sagte ihm der Director Schadow: „Sie hätten lieber Schuster werden sollen, als Maler.“ Freilich quälte sich der arme Kunstjünger damals noch mit biblischen und Historienbildern. Erst, als die Jobsiade ihm so gut gefiel, daß er eine Nachahmung der Knittelverse zu schreiben versuchte, kam er auf die rechte Fährte und wurde der Apelles des deutschen Philisters.

„Wenn ich meine Originale nicht stehle, so kriege ich die richtigen nicht,“ sagte er mir eines Tages im Kaffeehause, als er, hinter einer Zeitung verschanzt, den charakteristischen Kopf eines damals in Düsseldorf neuangestellten Landgerichtsrathes skizzirte. Ich fand es recht philisterhaft, seine Physiognomie einem Künstler zu verweigern, und citirte das Beispiel eines Freundes, dessen Antlitz Schadow zu einem Christuskopf und Hildebrandt zum Mörder Tyrrell in den ‚Söhnen Eduard’s’ benutzt habe. „Ja, wenn man aus einem Kopfe was machen kann! Aber wenn ich Modell male, so weiß Jeder, daß er auf dem Bilde ein dummer Kerl wird. Du, zum Beispiel, hast einen prächtigen Kopf für den Jobs; was würdest Du sagen, wenn Du mir’ sitzen solltest?“

„Daß ich auf der Stelle dazu bereit bin,“ lautete mein Entschluß, und so kam ich zu der Ehre, die mir heute noch eine zweifelhafte Eloge Seitens meiner Kinder einbringt, wenn sie den großen Kupferstich ,das Examen’ betrachten und in der Hauptfigur den Papa erkennen.

Hasenclever wollte mich mit seinem Vorschlage nicht beleidigen, er glaubte nicht so streng an Lavater, daß er eine Uebereinstimmung des Geistes mit dem oberflächlichen Gesichtsausdruck angenommen hätte, und der feinere Ausdruck, der Charakter des Gesichtes blieb seinen Künstlertalente vorbehalten; ihn copirte er nicht von dem Modell. Aber wie hat jener nun längst in Gott ruhende Landgerichtsrath es ihm verdacht, daß er leibhaftig einen Platz erhielt auf dem großen Bilde aus 1848: ‚Stadtverordnete empfangen eine Arbeiter-Deputation’! Die Figur, zu welcher er damals im Café unbewußt gesessen, schlich sich nämlich vor der drohenden Gefahr leise aus der Sitzung fort. Hatte der Maler dies Motiv etwa nicht dem Leben entnommen? Waren nicht in Köln vier ‚Väter der Stadt’ so tapfer gewesen, daß sie in die sogenannte Löwengrube des alten Rathhauses hineinsprangen und Einer von ihnen sich das Bein brach?

Die Feigheit des Philisters zu charakterisiren, konnte er also nicht ohne Hindernisse unternehmen; viel besser ging es dagegen mit der Tapferkeit des Philisters, die sich bekanntlich nur hinter der Flasche zeigt. Zu seinen ,Weinproben’ fand er überall willige Modelle, obgleich er her die Satire ebenso vorwalten ließ, wie i in seinen Jobsiade-Bildern, und es ihm gar nicht einfiel, elegante und geniesprühende Zecher darzustellen.

„Für die meisten Ihrer Consumenten ist dieser Tropfen viel zu gut, der Geist, das edle Feuer ist an der Mehrzahl der Zecher zugleich verloren,“ sagte Hasenclever lachend, als wir in seiner Werkstatt eine Achtzehnhundertsechsundvierziger in Gesellschaft eines liebenswürdigen Weinbergbesitzers von der Mosel genossen.

„Du darfst mit solchem Weine Deine Philister nicht in Verbindung bringen, der ist für ideale Zecher gewachsen,“ bemerkte ich. Wir setzten fest, daß er sein eigenes Portrait zum Modell nehmen solle für das Bild eines Zechers, der mit dem Römer in der Hand eine Dithyrambe anstimmt. In übersprudelnder Laune sagte er dem Weinlieferanten die Skizze dieses neuen Bildes als Geschenk zu.

Im „Examen“ hatte Hasenclever die Gelehrten, in dem „Stadtrath“ die amtlichen Würdenträger, in den „Weinproben“ das Haus des Mittelstandes gegeißelt, jetzt kam die „elegante Gesellschaft“ an die Reihe. Er malte eine „Theevisite“. Und weiter auf diesem Gebiete sich zu bewegen, componirte er eine „Spielbank“-Gesellschaft. „Du gehst aus Deiner Sphäre heraus,“ sagte ein Freund beim Anblick der Skizze, „das sind keine Philister mehr.“

„In der Skizze vielleicht nicht, aber in der Ausführung ganz „gewiß,“ vertheidigte sich der Maler. „Es giebt auch Leute, die in den Gelehrten des Examens keine eigentlichen Philister erkennen wollen. Wer steht dem idealen Streben der Jugend feindlicher gegenüber als der Pedant? Wer ist dem politischen Fortschritt mehr abhold, als der dünkelhafte Schulfuchs oder gar der orthodoxe Pfaff? Der Erstere schwört nur auf Plato und Lykurg, der Letztere nur auf die Bibel. Sind meine Stadträthe keine Philister, weil ich Richter und Beamte, Aerzte und Männer der haute finance, alte Krieger und junge Kaufleute in dem Collegium vereinte? Sieht man nicht allen diesen Kerlen an, daß sie die öffentlichen Interessen nach ihrem Privatvortheil bemessen, und hat Einer derselben den Muth, für die Petenten, die nichts weiter als Arbeit verlangen, einzutreten? Meine Zecher lachen wohl auch und freuen sich des Lebens, aber daß ihnen der schnöde Materialismus die Hauptsache im Leben bleibt, bezweifelt wohl Keiner, der die Bilder ansieht, und, o wenn ich nur ihre Konversation malen könnte! Und diese Spieler? Ist nicht Habsucht und Gewinnsucht eine der hervortretendsten Eigenschaften jener Menschenclasse, die ich auf’s Korn genommen habe?“

Wir hatten zu der Zeit, als Hasenclever sein Programm vertheidigte, eben die Wahlen von 1849 und die Zusammensetzung der Landrathskammer erlebt. „Ich will Dir noch mehr sagen, lieber Has,“ (so kürzten wir seinen viersilbigen Namen ab) „die Erfinder des passiven Widerstandes, die, statt zu einer energischen That überzugehen, sich hinter den Vorwand vorn ‚verletzten Princip der correcten Gesetzgebung’ zurückzogen und jetzt müßig zuschauen, wie die Verfassung von den Landräthen verhackstückt wird, sind nichts weiter als echte deutsche Philister. Es sind genau dieselben Leute, wie sie ihr westphälischer Homer schon zur Zopfzeit in der Jobsiade geschildert, Materialisten, Egoisten, Pedanten, engherzig und muthlos, und es kommt das deutsche Volk zu keiner Freiheit, so lange seine Herrscher diese großen Grundübel für ihre Zwecke auszubeuten verstehen.“

Wenn er nun erst die neue Zeit erlebt hätte, der gute wackere Hasenclever! Wenn er die. Rechnungträger, die Erfolganbeter, die Streber und die Einheitsfanatiker um jeden Preis gesehen, was hätte er noch Alles aus der Naturgeschichte des deutschen Philisters dargestellt! Aber – –

Es war im Winter 1853. Behufs einiger Weihnachtseinkäufe befand sich der Moseler Weinhändler in Düsseldorf, er suchte Hasenclever und mich im „Malkasten“ auf.

„Unser liebenswürdiger Freund ist zu Hause,“ gab ich ihm Auskunft, „denn er ist Reconvalescent und muß sich in Acht nehmen, weil er ein Nervenfieber überstanden. Aber unser Bild ist fertig und Sie werden sich freuen; an der Weinprobe malend, sitzt Hasenclever lebensgroß und lebensvoll vor der Staffelei, schwingt den funkelnden Römer und scheint zu rufen: ‚Dieses Glas der ganzen Welt!’“

Am andern Tage sahen wir das herrliche Bild, das Monogramm darunter war nicht ausgeschrieben, der Maler befand sich im Nebenzimmer – als Leiche!

K.



[93]
Die Gartenlaube (1868) b 093.jpg

Leipziger Parkfreuden im Winter.
Nach der Natur gezeichnet von G. Sundblad

[94]

Der Schatz des Kurfürsten.

Historische Erzählung von Levin Schücking.
(Schluß.)


Wir wollen ihnen auf ihrem gefahrenumgebenen Wege nicht folgen, genug, daß es Mensing’s Umsicht, Behutsamkeit und seiner Geistesgegenwart gelang, mit Wilhelm glücklich die Grenzstadt zu erreichen, wo der Agent des Kurfürsten ihn erwartete, ihnen die Last, die sie Beide getragen, abnahm, und ihnen eine neue Verkleidung zur Rückkehr schaffte. In dieser traten sie den Heimweg an, um dann mit einer neuen Last zurückzukehren und unter ihren goldenen Bürden so lange hin und her zu wandern, bis der ganze Schatz unverkürzt geborgen und in Sicherheit war. Und sowie dann das Gold nach dem dänischen Auslande (zunächst Itzehoe), wo sein Eigenthümer sich befand, geschafft wurde, so war es auch für die beiden Retter Zeit, sich in den Bereich dieses völlig sichernden Auslandes zu begeben.

Sie hatten auf Lohn für ihr muthiges und gefährliches Thun nicht gehofft. Und in der That, sie bekamen auch keinen. Kurfürst Wilhelm schien in dem Gethanen nur eine erfüllte Pflichtleistung zu erblicken. Doch dankte er ihnen mit gnädigem Lächeln, als sie vor ihm erschienen und Mensing ihm die Einzelheiten der Rettung berichtet hatte, wobei man des Obersten La Croix nur als eines französischen Officiers erwähnte, ohne den Namen zu nennen.

„Er ist ein recht durchtriebener Bursche, Mensing; Er hat sich klug und brav dabei benommen,“ sagte er. „Ich werde Ihm das nicht vergessen! Er kann die Rechnung über seine Auslagen einreichen; ich will sie Ihm erstatten lassen.“

„Eine Rechnung?“ antwortete Mensing betroffen; „aber Durchlaucht werden nicht verlangen, daß ich mich all’ der kleinen einzelnen Ausgaben entsinnen soll. Der Inspector Steitz hat mir tausend Gulden gegeben; die sind beim Hin- und Widerreisen, zum Anschaffen von Verkleidungsstücken, Bestechungen, Trinkgeldern in größeren, kleinern und kleinsten Posten daraufgegangen ... das ist meine Rechnung!“

„Nun, ist auch gut, ist auch gut!“ versetzte der Kurfürst, den ein wenig zornigen Ton, worin Mensing gesprochen, beschwichtigend.

„Und,“ fuhr Mensing fort, „zu der Bestechung des französischen Officiers, von der ich die Gnade hatte, berichten zu dürfen, sind fünfzigtausend Thaler von dem Schatze selber genommen.“

„Fünfzigtausend Thaler!“ rief der Kurfürst wie erschrocken aus, „zum Teufel, weiß Er, daß das viel ist?!“

„Ja – viel, just so viel wie nöthig war!“

„Hm,“ machte der Kurfürst, Mensing scharf fixirend, „und Er will mir den Namen dieses Officiers nicht nennen?“

„Ich gab mein Ehrenwort, es nicht zu thun.“

„Auch den Grad und die Waffe nicht?“

„Ich glaube nicht, daß ich es darf, Durchlaucht.“

„Da werd’ ich ja wohl Sein bloßes Wort gelten lassen müssen?“

„Ich bitte darum!“

Mensing sprach diese Worte in einem Tone aus, daß der Kurfürst nicht recht den Muth fand, dem Manne, welchem er so viel verdankte, zu antworten. Er entließ Mensing und seinen Begleiter und hielt Beide an seinem bald darauf nach Prag verlegten Hoflager bei sich, wo sie für die Verfolgungen der Franzosen nicht zu erreichen waren.

Denn diese Verfolgungen blieben nicht aus, wie eine Untersuchung dessen, was in der Nacht vom 21. auf den 22. November auf der Napoleonshöhe geschehen, nicht ausblieb. Das Verschwinden Momberg’s, die Entdeckung der erbrochenen und nur nothdürftig wieder hergestellten Mauerstelle unter der Treppe am südwestlichen Flügel reichten hin, um dem ganzen Hofe Jerôme’s die Ueberzeugung zu geben, daß von den Verschwundenen der Schatz entführt sei. Die Aussagen der Gensd’armen, welche dem Fourgon begegnet waren, und die ihres Obersten konnten es nur bestätigen, indem sie von der kecken Ausrede berichteten, womit sie von Mensing getäuscht waren. Der Oberst La Croix hielt dabei an seinem Ehrenworte ehrlich fest. Er gab an, wie er auf dem Balle entdeckt, daß er von Mensing überlistet sei, wie er zu einer Verfolgung des Lieutenants davon gestürzt sei, aber wie alle seine Bemühungen, ihn einzuholen, vergeblich gewesen.

Eine Haussuchung auf dem Pachthofe der Mutter Mensing’s und die Vernehmungen dieser Frau gaben keine Resultate. In Folge von Graf Boucheporn’s Angaben, unter welchem Vorgeben der Inspector Steitz ihn bewogen, ihm den Fourgon zur Disposition zu stellen, wurde Steitz wiederholt vernommen. Er blieb in seiner Vertheidigung consequent bei der Angabe, daß er nichts beabsichtigt habe, als seine Tochter zu entfernen, und zwar aus den Gründen, die er dem Grafen Boucheporn vertraut; daß, wenn der Lieutenant Mensing diese Gelegenheit benutzt, den Schatz zu entfernen, er völlig ohne Mitschuld daran sei; daß er nimmermehr, wenn er geahnt, wie gefahrvoll diese Fahrt werden solle, geduldet haben würde, daß sein einziges Kind solche Gefahren theile ... es müsse Jedermann einleuchten, daß, wenn er auch seinem früheren Herrn noch anhänglich sein sollte, diese Anhänglichkeit doch nimmermehr so weit gehen würde, um sein eigenes Leben nicht blos, sondern auch das seines Kindes auf’s Spiel zu setzen!

Dieser Grund leuchtete ein und er schlug durch. Daß althessische Dienertreue so weit gehen könne, konnte den Franzosen allerdings nicht in den Sinn kommen anzunehmen. Und so mußten sie davon abstehen, Steitz zu inquiriren, wie sie überhaupt davon abstehen mußten, hinter das Geheimniß zu kommen, wer Gehülfe und wer Mitwisser gewesen bei der mit so viel Verwegenheit wie Glück ausgeführten That. Sie trafen eben bei allen Nachforschungen auf die große einträchtige Verschwörung des ganzen Volkes wider die aufgedrungene fremde Herrschaft.

Ein gewisser Verdacht blieb jedoch stets auf dem Inspector Steitz haften, und damit hing es wohl zusammen, daß der alte Herr plötzlich als Inspector nach dem königlichen Schlosse Corvey an der Weser versetzt wurde.

Die Herrlichkeit des „niedlichen“ Königs hatte, Gott Lob, keine lange Dauer. Am 30. September 1813 verscheuchten die Kosaken Czernitschew’s König Jerôme aus seinem Reich. Der Inspector Steitz hatte kaum diese Freudenbotschaft vernommen, als er sich hochklopfenden Herzens auf den Weg machte, um seine geliebte Wilhelmshöhe zu erreichen, von der er sofort als Inspector wieder Besitz nahm. Aber ach, der Jubel war so voreilig gewesen, wie Czernitschew’s Streifzug keck und ohne unterstützenden Rückhalt unternommen; nach achtzehn Tagen war Jerôme wieder da! Die russischen Truppen hatten sich zurückgezogen und Jerôme war wiedergekommen, um sich zu retten und mitzunehmen, worauf er die Hand legen konnte. Nur acht Tage lang dauerte diese zweite Herrschaft, aber es waren acht Tage des Schreckens. Der Inspector Steitz wurde nebst zahlreichen Anderen verhaftet und in das Casseler „Castell“ gesperrt. In Angst und Zagen harrte er dort seines Schicksals, bis die russischen Vortruppen noch einmal vor den Thoren der Stadt erscheinen und Jerôme mit der gesicherten Beute die Flucht zum zweiten Male, und diesmal für immer, ergreift. Die Kerkerthüren öffnen sich und Steitz ist frei.

Im November 1813 kehrte Kurfürst Friedrich Wilhelm der Erste in die Residenz seiner Väter zurück, umjubelt von seinen getreuen Unterthanen, von ihren Armen statt von Pferden durch die Straßen Cassels zu seinem Schlosse gezogen.

„Er habe nur sieben Jahre geschlafen,“ sagte der alte Herr, und in der That, er sah, wie er aufrecht in dem offenen Wagen stand, ganz so aus, als ob er viele, viele Zeit, nicht sieben Jahre, sondern ein Vierteljahrhundert verschlafen habe, dieser häßliche alte Mann in einer lächerlichen Uniform, mit einem dicken Zopf an der Perrücke und einem großen Gewächs am Halse, das ihn zwang, den Kopf seitwärts zu halten.

Den Jubel seiner vom Druck und Drang der Fremdherrschaft befreiten Unterthanen aber störte das nicht. Die Enttäuschungen sollten erst später kommen; doch für Niemanden so früh, wie für den treuesten aller Treuen, für den Schloßinspector auf der Wilhelmshöhe.

Steitz harrte in freudigster Aufregung des ersten Besuchs seines Herrn auf der Wilhelmshöhe; sein Herz pochte dem seligen Augenblicke entgegen, wo er ihn wieder sehen werde, wo er ihm die Hand küssen und glücklich sein werde durch ein Wort des Dankes von seinen eigenen Lippen.

[95] Dieser Tag ließ nicht auf sich warten; die Meldung, daß der Kurfürst auf sein schönes Landschloß kommen werde, traf bei dem Inspector ein ... Steitz stand im Begriff, noch einmal durch die Schloßgemächer zu wandern, um zu sehen, ob Alles wieder am rechten Ort und möglichst so, wie es früher gewesen ... da tritt der Officier, der eben mit einer Abtheilung die Schloßwache bezogen hat, vor ihn, einen schriftlichen Befehl in der Hand.

„Lieber Inspector,“ sagte er, „es thut mir leid ... ich habe da eben einen unangenehmen Auftrag bekommen ... sehr unangenehm ... aber ...“

„Einen Auftrag, der mich betrifft?“ fragte Steitz verwundert.

„Ja … ich muß Sie verhaften!“

„Verhaften? Mich?“

„So ist es ... sehen Sie da ... der Befehl ist von Seiner Durchlaucht eigener Hand.“

„Unmöglich!“

„Sehen Sie selbst!“

„Unglaublich ... unbegreiflich,“ stammelte Steitz.

„Es ist mir selbst nicht erklärlich…“

„Das hab’ ich, bei Gott, nicht verdient!“ ruft der Inspector empört aus.

„Freilich ... aber ...“

„Da der Kurfürst es befohlen, so müssen Sie gehorchen. Ich folge Ihnen.“

„Ich bitte darum ... auf die Wache. Sie können für’s Erste auf meinem Zimmer bleiben, Herr Steitz.“

Der Inspector folgte dem Officier, vollständig niedergeschmettert, nicht fähig, auch nur Vermuthungen aufzustellen, was ihm dies Schicksal zugezogen habe. Es war ihm, als ob ein böser Traum ihn bedrücke.

Willenlos und wie gelähmt und matt in sich zusammengesunken setzte er sich in einer Ecke der Stube des Officiers nieder und harrte dessen, was weiter mit ihm geschehen werde.

Nach einer Stunde etwa kam der Kurfürst auf der Wilhelmshöhe an. Kurz darauf trat ein Fourier in die Wachstube und brachte den Befehl, der Inspector solle ihm in die Bibliothek zum gnädigsten Herrn folgen.

Wankenden Schritts stieg Steitz die Treppen hinauf; die Bibliothekthüren öffneten sich vor ihm, er trat ein, und sah den Kurfürsten sofort rasch auf sich zu schreiten.

„Steitz, die fünfzigtausend Thaler hätten auch nicht zu fehlen brauchen,“ rief der Kurfürst ihm zornig entgegen. „Er muß wissen, daß ich Ihn habe arretiren lassen und daß ich durch eine Commission Alles scharf untersuchen lassen werde.“

„Eine solche Commission kann mir nur erwünscht sein, Durchlaucht,“ stammelte Steitz athemlos heraus, „und ... und ich fordere sie jetzt ... ich verlange sie ... obwohl,“ fuhr der Inspector, in welchem jetzt über diese ganze Behandlung der Zorn sich zu regen begann und, wie er weiter sprach, höher und höher schwoll, fort ... „obwohl ich nicht geahnt habe, daß dies Eurer Durchlaucht Lohn für den treuesten Ihrer Diener sei, der für Sie gethan hat, was tausend Andere nicht gethan hätten, dessen Haar gebleicht ist in Ihren Diensten und in der Noth und Angst um Ihren Schatz, der Ihretwegen in den Kerker geworfen ist ...“

„Nun, nun,“ sagte der Kurfürst beschwichtigend, „sieht Er, Steitz, es war so übel nicht gemeint ...“

„Uebel gemeint oder nicht übel gemeint, Durchlaucht, dies ist keine Behandlung, wie sie ein gerechter Fürst für den Mann hat, der bereit war, für ihn sein Leben auf’s Spiel zu setzen ... daß Sie durch eine schimpfliche Verhaftung einem Manne wie mir seine Ehre antasten ...“

„Na, so höre Er doch auf, mich auszuzanken, Steitz, ich glaube ja, Er ist eine ehrliche Haut! Ich will Ihm auch Alles erklären, ich wollte ja nur wissen, wie es mit den fünfzigtausend Thalern eigentlich zusammenhänge. Sieht Er, der Mensing hat mir darüber nicht reinen Wein einschenken wollen, und Er muß gestehen, daß das verdächtig war ...“

„Bei einem Ehrenmann wie Mensing?“ fiel der Inspector zornig ein. „Nein, Durchlaucht. Er hat sein Wort gegeben, den, der die Summe bekommen hat, nicht zu nennen.“

„Ja, ja, so sagte er. Aber ich wollte das aus Seinem Munde auch hören, Steitz. Er sollte mir berichten, wie es eigentlich zugegangen. Er, Steitz! Und damit Er nicht vorher mit Mensing, der in meinem Gefolge ist, den Kopf zusammenstecke, ließ ich Ihn auf die Wache bringen. Darum! Will Er sich jetzt beruhigen? So gebe Er mir die Hand. Er weiß es, daß ich Ihn gern habe!“

Steitz fühlte durch diese Worte seinen Zorn entwaffnet. Er nahm die gebotene Hand. Der Kurfürst schüttelte die seine warm und herzlich.

„Also, es bleibt beim Alten zwischen mir und Ihm,“ fuhr der Kurfürst fort. „Wenn Er einen Wunsch hat, so sag’ Er’s mir. Er bleibt natürlich in Seiner alten Stelle. Ich werde Ihm auch eine besondere Gnadenzulage zu Seinem Gehalte bewilligen. Er soll jährlich fünfzig Thaler Zulage erhalten!“

Steitz verbeugte sich.

„Ich danke, Durchlaucht,“ sagte er kühl. „Das Wichtigste ist mir, daß ich erhalte, was ich früher hatte, Euer Durchlaucht unbedingtes Vertrauen!“

„Gewiß, gewiß ... und kann ich Ihm sonst noch einen Wunsch erfüllen, so rede Er.“

„Ich habe allerdings einen Wunsch, Durchlaucht. Er betrifft Wilhelm Momberg.“

„So so ... den hab’ ich ja untergebracht ... er hat in Prag im Marstall gute Dienste geleistet, und ich habe ihn zum Bereiter gemacht.“

„Durchlaucht hatten die Gnade – aber er kann in der Stellung keine Frau ernähren und er wünscht meine Tochter zu heirathen, die ich ihm verlobt habe. Die jungen Leute haben jetzt in der That lange genug gewartet!“

„Hm, ja ... da hat Er Recht, Steitz!“ antwortete der Kurfürst, „was machen wir denn da? ... aber zum Teufel, Steitz, was ist das?“ unterbrach sich der Kurfürst, den Inspector an der Schulter fassend und um ihn herumgehend. Er hat ja keinen Zopf!“

„In der That, Durchlaucht müssen zu Gnaden halten ...“ antwortete Steitz ein wenig verblüfft, „es ist so aus der Mode gekommen ...“

„Das hätte ich von Ihm nicht erwartet, Steitz,“ fiel der Kurfürst zornig ein, „komm’ Er nicht wieder so ... und dann hör’ Er, noch Eins ... in dem blauen Salon drüben war der schöne kleine Bologneserhund aufgestellt, an dem mein höchstseliger Vater hing ... der Professor Schaumburg hatte ihn ausgestopft und in dem blauen Salon unter einen Glassturz gestellt. Ich sehe meinen Herrn Vater noch davor stehen und ihn betrachten ...“

„Ja, ja“, fiel Steitz ein, „der hochselige Herr hing sehr daran, er hatte ihn aus Italien mitgebracht ...“

„Nun ja, wo ist er?“

„Der Professor Schaumburg wünschte ihn in seinem naturhistorischen Cabinet zu haben, und ich habe ihn ihm überlassen, weil man ihn hier fortschaffen wollte.“

„Schaff’ Er mir das Hündlein sofort wieder zur Stelle, Steitz, hört Er?“ rief der Kurfürst aus, „oder, weiß Er was ... wenn der Narr, der Schaumburg, auf das ausgestopfte Thier Werth legt, so kann er es halten ... aber der Hund hatte ein kleines silbernes Halsband – das soll er zurückschicken!“

Steitz verbeugte sich abermals.

„Nun kann Er gehen, Steitz; wir bleiben Ihm in Gnaden gewogen.“

„Mit welcher Botschaft für meine Tochter und für ... Wilhelm Momberg?“

„Hm, ja – Er ist hartnäckig, Steitz.“

„Nicht für mich, Durchlaucht ... aber ...“

„Nun wohl, weil der Momberg Sein Schwiegersohn ist, mag’s drum sein. Er kann dem Momberg sagen, daß ich ihn zum Stallmeister ernenne. Ist Er nun zufrieden?“

„Ich danke Eurer Durchlaucht von ganzer Seele,“ antwortete Steitz.

Die Audienz war zu Ende – wie wir es sind mit unserer Erzählung, nachdem wir sie bis zu der glücklichen Wendung geführt, welche das Schicksal Wilhelm’s und Elisens nach siebenjährigem ziemlich hoffnungslosem und dennoch so treuem und ausdauerndem Harren genommen. Die weitern Schicksale des eigentlichen Helden unserer Darstellung liegen außerhalb des Rahmens derselben. Wir können darüber nur angeben, daß, wenn über so viele der treuen Hessenherzen so bald das Gefühl tiefer und niederschlagender Enttäuschung kommen sollte, es bei keinem rascher einziehen [96] mußte, als bei dem warmen, aufopferungsvollen und zum Glück auch leicht entsagenden Herzen des tapfern Lieutenant Mensing, des Mannes, welcher der eigentliche Retter jenes Schatzes geworden war, der, zum Theil aus den Seelenverkäufen der Hessen-Cassel’schen Landgrafen stammend, im vorigen Jahre noch ein Gegenstand des Tages-Interesses wurde, als Bestandtheil des hessischen Staatsschatzes, welchen das annectirte Land von dem Gerechtigkeitsgefühl des Siegers von Sadowa zurückerstattet erhielt.




Blätter und Blüthen.


Die Maskenbälle in der großen Oper zu Paris. Wie oft ist nicht schon von den Pariser Opernbällen gesprochen worden! Wie viel stumpfe und spitze Federn haben sich nicht an mehr oder minder weitläufigen Schilderungen dieser Bälle versucht! Und wie sehr hat man nicht bei dieser Gelegenheit über die Lasterhaftigkeit des modernen Babels geschrieen! Das arme Paris! Die meisten Fremden, die nach der Hauptstadt Frankreichs kommen, suchen hier Zerstreuungen aller Art, und nachdem sie sich einige Zeit mit der Tugend überworfen, kehren sie mit einem moralischen Katzenjammer nach der Heimath zurück und werden nicht müde, von der Sittenlosigkeit in Frankreich zu sprechen. Paris ist nicht unsittlicher als irgend eine große europäische Stadt; in keiner andern Stadt unseres Welttheils wird aber so viel, so unablässig gearbeitet. Die Opernbälle selbst zeugen von der unermüdlichen Thätigkeit der Pariser. Jedes Mal, wenn ein solcher Ball stattfindet, sind alle Kaffeehäuser, alle Restaurants die ganze Nacht hindurch geöffnet. Im Opernhause selbst ist ein zahlreiches Personal beschäftigt. Das Orchester zählt nicht weniger als hundertundvierzig Mitglieder. Hierzu kommen noch die Angestellten: die Lampisten, die Machinisten, die Logenwärterinnen, die Controleure, die Aufseher etc., im Ganzen fünfhundertundfünfzig Personen. Es ist statistisch erwiesen, daß ein Opernball elfhundert Wagen die Nacht hindurch in Circulation erhält. Außerdem sind die Handschuhladen, die Costümhändler, die Maskenverleiher, die Friseurs, die Kuchenbäcker bis zu Tagesanbruch in unausgesetzter Thätigkeit. Die Lebhaftigkeit des Besuchs variirt nach dem Grade des öffentlichen Wohlstandes. So betrug im Jahre 1849 die Gesammteinnahme dieser Bälle etwa neunzigtausend Franken, während gegenwärtig das Vierfache dieser Summe erzielt wird.

Der jetzige Capellmeister des Opernball-Orchesters heißt Strauß. Derselbe hat mannigfache Reformen in dieser Anstalt eingeführt. Die Bälle fangen jetzt später an und hören früher auf, und die Bedingungen des Eintritts sind auch etwas erschwert worden. Indessen werden doch noch immer sehr viele Freibillets vertheilt. Die Pariser Presse wird mit zweihundert Freibillets bedacht. Die Demi-monde erhält deren an fünftausend. Etwa zweihundert Männern wird ebenfalls freier Eintritt gewährt. Außerdem werden ihnen von der Administration noch die Costüme geliefert; sie übernehmen aber damit die Verpflichtung, tüchtig die Beine zu rühren und das Publienm heiter zu stimmen. Vier Tänzer, von denen zwei in Frauencostüm erscheinen müssen, werden sogar von der Administration bezahlt. Die Namen der vier Männer, die in der heurigen Saison auf den Opernbällen die tolle Quadrille tanzen, sind: Clodoche, Flageolet, La Comète und Normande. Es sind lauter Spitznamen. Die beiden Letztgenannten sind immer in Frauencostum. Daß dieses edle Doppelpaar nicht von den ersten Schichten der Gesellschaft abstammt, braucht wohl nicht erst besonders erwähnt zu werden. Clodoche war früher Leichenbitter, da er aber seinem Geschäfte, bei dem man nicht leicht Millionär wird, keine heitere Seite abgewinnen konnte, wurde er Cancantänzer. Er sprang ohne vermittelnden Uebergang vom Kirchhof in die öffentlichen Tanzsäle, wo er sich jetzt einer großen Popularität erfreut. Außer dem Honorar, das diese Quadrille von der Verwaltung erhält, wird sie auch von den jungen Leuten reichlich bedacht, vor deren Logen sie die verwogenen Sprünge macht.

Die Opernbälle werden sehr zahlreich von Fremden besucht. Es ist auch der Mühe werth, eine Stunde lang dieses schwindelerregende Tohubohu anzusehen. Daß die Frauenwelt auf den Opernbällen fast nur durch jene Wesen vertreten ist, die mit der Tugend auf mehr oder minder gespanntem Fuße leben, versteht sich von selbst.

Parkfreuden im Winter. (Mit Abbildung.) Unseren Lesern war in Nr. 49 des Jahrganges 1866 der Gartenlaube ein Blick aus der Vogelschau auf die Sommerpracht des neuen Leipziger Theaters und seiner anmuthigen und geschmackvollen Umgebung geboten. Dort stieg der perlende Strahl des Springbrunnens aus dem Schwanenteich über die Baumwipfel empor, Schwanenpaare belebten die kühlende Fluth und über dem massigen Quaderbau des Halbrunds zwischen den laubbedachten Veranden erhob sich die zierliche Rückwand des Theaters mit ihren schlanken Karyatiden zwischen den hohen Fenstern des Malersaals. Heute stehen wir vor einem Winterbilde mitten im rauschenden Gewoge einer rüstigen Menge, die auf den Flügeln des Stahls über den Eisspiegel des Schwanenteichs dahinschwebt, und zwar ist der rings vom bewegtesten großen Verkehrsleben der rastlosen Stadt umfluthete Raum doch zugleich so geschützt vor den Unbilden luststörender Winde, als ob er für die erfrischenden Freuden der Schlittschuhbahn ganz besonders der Frauenwelt bestimmt sei. Der Künstler führt uns absichtlich nur vor die dem Theater nächste Eisfläche des Teichs, um dieses Hintergrunds willen und weil es in der That jetzt den fahrlustigen Damen möglich ist, einen Theil ihres Wegs zum (am 28. Januar festlich eröffneten) Theater auf ihren Stahlschuhen dahinfliegend zurück zu legen. Wie zur Einladung dazu hat die Natur sich mit dem zierlichsten Eis- und Schneegeschmeide angethan, von der Baumkrone mit den duftigen Zweigen bis zu den in der Sonne glitzernden Zapfen an Rändern und Simsen. Und zwischen den Bäumen hindurch und hoch über den Köpfen der Lustfahrenden schimmern, wie eines Feentempels Riesenglieder, die hellen Mauern des Theaters durch die Winterluft zu uns herab, Alles im schönsten Einklang, die schmückende Kunst und die geschmückte Natur. Ja, wo Beide sich so innig vereinen zur Erhebung und Erfreuung des Menschen, da ist’s schön auf der Welt, – und um so mehr thut es weh, daß die Gaben dieses Glücks so ungleich vertheilt sind.


Berichtigung. Erst jetzt wird uns von competenter Seite die Mittheilung, daß in dem in Nr. 34 unsers Blattes von diesem Jahre veröffentlichten Artikel „Die Humoristen der Fliegenden Blätter“ einem Manne Unrecht geschehen ist, welcher gerade auf die Entwickelung der Holzschneiderkunst in München und speciell auf das Unternehmen des Herrn Braun von wesentlichem, wenn nicht entscheidendem Einflusse geworden ist. Der damalige königl. bairische Hofrath und Consulent der Hof- und Staats-Bibliothek, Advocat von Dessauer in München, jetzt hier in Zurückgezogenheit lebend, ist es nämlich gewesen, welcher, im freundschaftlichsten Einverständniß mit Herrn Braun, gemeinschaftlich die erste Idee zur Entfaltung dieses Kunstzweiges in Süddeutschland durchzuführen versuchte und durch seine bedeutenden und nachhaltigen, als Vertrauenssache gewährten Unterstützungen ermöglichte, daß Herr Braun bei dem damals berühmtesten Xylographen Frankreichs, Brevière in Paris, dem Studium der Holzschneidekunst sich gründlich zu widmen und den Grund zu seinen späteren Erfolgen zu legen vermochte. Dessauer war es auch, welcher, durch vielseitige sonstige Berufsthätigkeit veranlaßt, für die mit seiner Theilnahme gegründete Anstalt in dem nachmaligen Gesellschafter derselben, Herrn Friedrich Schneider, in uneigennütziger Weise einen Nachfolger fand, der durch seine rastlose Thätigkeit und Umsicht die fernere mercantilische Entwickelung mit dem vorzüglichen künstlerischen Streben des Herrn Braun zu verbinden gewußt hat. Es gereicht uns zum Vergnügen, unseren Lesern von diesen Thatsachen berichtigende Kenntniß zu geben.

Die Redaction.     

Opferstock für Ostpreußen.

Es gingen ferner ein: Von S. Bach in Altenstedt 1 Thlr. 4 Sgr. 2 Pf.; Oberf. Roch in Gohrisch 2 Thlr.; Hedwig Helmbodt in Kloster Nimbschen 3 Thlr.; P. Bauer in Redwitz 1 Thlr.; einige Freimaurer aus Marbach und Gießen 20 Thlr.; A. v. Seckendorf in Heinrichshalle 6 Thlr.; A. K. in Henningen 1 Thlr.; Versammlung Stolze’scher Stenographen in Leipzig 3 Thlr. 10 Sgr.; G. K. in Köln 1 Thlr.; Amanda und Karl in Reichenbach 1 Thlr; G. Schfr. in Apolda 1 Thlr.; aus Cöslin 20 Sgr.; Sammlung des Bergsträßer Anzeigeblattes 24 Thlr. 25 Sgr.; von der Kindtaufsgesellschaft bei Br. Wagner in Crimmitzschau 3 Thlr. 71/2 Sgr.; aus Gotha 1 Thlr.; B. L. in Teplitz 5 Thlr. 15 Sgr. und 1 fl. österr.; von der Tochter eines Veteranen vom freiwilligen Ostpreußischen Jägerbataillon 1 Thlr.; K. W. in Frankfurt 1 Thlr.; Alfred Keil in Paris 10 Thlr.; N. N. in Annaberg 2 Thlr.; W. M. in Jena 10 Thlr.; aus Weimar 1 Thlr.; aus Greiz 6 Thlr.; aus L–a’s Sparbüchse in Crimmitzschau 4 Thlr. 10 Sgr.; O. E. in Strauchnitz 4 Thlr.; eine Schweizerin in Gera 1 Thlr.; vom Turnerball in Geestendorf 7 Thlr 3 Sgr.; F. B. 1 Thlr.; Buchb. Hentzner in Leipzig 1 Thlr.; Margarethe Keil 3 Thlr.; G. W. in Brandenbrg 1 Thlr.; Carl Reinhold in Witten 5 Thlr.; Leipziger Liedertafel 25 Thlr.; eine kleine Pfälzerin 1 fl.; E. St. in Reichenberg 1 fl. österr.; Kindtaufsschmauß am 27. Jan. in Waldkirchen 5 Thlr. Einer der oben aufgeführten Geber sendet uns zugleich ein längeres Gedicht, das die Noth in Ostpreußen ergreifend schildert und dessen beide Schlußstrophen wir hier anfügen:

Die letzte Kartoffel, das letzte Stück Brod!
Und dann nur der Hunger! O gräßlicher Tod!
     Und Rettung ist nicht zu erschauen.
Zwei Tage schon rauchte der Schornstein nicht mehr,
Nicht Kohlen, nicht Holz zu erbetteln umher:
     Da schwindet auf Gott das Vertrauen.
Es wimmern die Kindlein, die Mutter sie weint,
Durch’s Fenster die Sonne schon längst nicht mehr scheint.
     Begreift ihr den Jammer der Armen?
     Erbarmen, Erbarmen, Erbarmen!

Es schleicht sich der Frost in das innerste Mark;
Die Hände, sie sind wohl noch kräftig und stark
     Und möchten noch schaffen und ringen.
Verschneit sind die Wege, verweht ist die Bahn,
Nicht Arbeit, nicht Brod ist zu schaffen heran,
     Schon reget die Seuche die Schwingen.
O, öffnet die Herzen, ihr Reichen umher!
Gar bald ist zum Geben die Zeit nicht mehr,
     Wenn hungernd verdorben die Armen.
     Erbarmen, Erbarmen, Erbarmen!

Die Redaction.     

Inhalt: In sengender Gluth. Von F. L. Reimar. (Fortsetzung.) – Bilder aus den deutschen Alpen. Nr. 1. Das Fingerhackeln. Von Karl Stieler. Mit Abbildung. – Garibaldi’s Flucht aus Caprera. Von ihm selbst beschrieben. – Plaudereien aus meinem Leben. Von Karl v. Holtei. – Der Dichter und der Maler des deutschen Philisters. – Der Schatz des Kurfürsten. Historische Erzählung von Levin Schücking. (Schluß.) – Blätter und Blüthen: Die Maskenbälle in der großen Oper zu Paris. – Parkfreuden im Winter. Mit Abbildung. – Berichtigung. – Opferstock für Ostpreußen.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Unter dieser Gesammtüberschrift werden wir eine Reihe von Skizzen über die eigenthümlichsten Sitten und Gebräuche, Spick und Kämpfe der baierischen und österreichischen Alpenvölker bringen und denselben durch Illustrationen von der Hand tüchtiger Künstler ein erhöhtes Interesse verleihen.
    D. Red.
  2. * Stephan Canzio, Teresa’s Mann, der Garibaldi’s Haft in dem Fort Variznano theilen durfte.
  3. ** Solitario (Einsiedler) nennt Garibaldi sich selbst im Verlauf dieser Erzählung seiner Flucht.
  4. * Ein kleines Vorgebirge an der nordwestlichen Küste der Insel Caprera.
  5. ** Die der gemäßigten Partei angehörenden Politiker.

Anmerkungen (Wikisource)