Die Gartenlaube (1868)/Heft 2

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[17]

No. 2.   1868.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich bis 2 Bogen.0 Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Der Schatz des Kurfürsten.
Historische Erzählung von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Steitz warf einen scheuen Blick um sich, als er antwortete:

„Bis an die große, äußere, freiliegende Treppe vor dem linken Schloßflügel dort drüben, der nach dem Thiergarten hin liegt ... unter dieser Treppe ist der Schatz eingemauert.“

„Dort? Dort also! Nun – die Stelle ist so gut wie eine andere. Die Hauptsache ist, daß Sie derer sicher sind, Steitz, welche Ihnen bei dem Transport und dem Vermauern halfen.“

Steitz nickte mit dem Kopf. „Ich bin’s,“ sagte er, „ich bin’s ... obwohl,“ setzte er mit leisem Kopfschütteln hinzu, „mir vorkam, als ob eine kurze Zeit nachher die Franzosen mehr als je von dem Schatze redeten und die Gewißheit, daß er noch im Lande sein müsse, aussprachen! ... Die amtliche Verkündigung des Preises für die Entdeckung erfolgte sechs Wochen nachher, zugleich mit der Anordnung nächtlicher Patrouillen, die vom Oberst La Croix ausging! Ist darin ein Zusammenhang, Mensing?“

Der Officier schüttelte den Kopf.

„Ich glaube nicht, daß wir dies anzunehmen brauchen, lieber Steitz,“ sagte er. „Es ist besser, wir halten an Ihrem Glauben an die Treue jener Männer fest. Und dann, wenn wir dies thun – weshalb dann diese Angst, die Sie quält?“

„Ich bin nicht zu Ende ... hören Sie weiter,“ flüsterte Steitz hastig den Officier unterbrechend. „Sie wissen, was der Kurfürst von seinem Gelde mitgenommen, hat er Rothschild anvertraut. ..“

„Ich weiß es.“

„Nun wohl, vor zehn Tagen bringt mir ein Agent Rothschild’s, der sich als Weinreisender bei mir eingeführt, ein Handbillet des Kurfürsten aus Schleswig. Der Mann hatte es zwischen die Sohlen seiner Stiefel genäht ... es enthielt wenige Worte, nicht viel mehr als: ‚Ich will meinen Schatz nach Itzehoe herübergeschafft sehen, ohne Verzug. Er kann dem Ueberbringer, der ihn an der Grenze in Empfang nehmen wird, vertrauen und hat mit demselben das Nähere zu berathen. Sein wohlaffectionirter Wilhelm der Erste. Kurfürst.‘ Den Brief habe ich verbrannt, mit dem Mann habe ich geredet, überlegt – der Mann wartet jetzt in einem Ort an der Grenze, und ich, ich soll nun handeln, ich soll es vollführen, ich, ich allein, und ich bin so rathlos, so hülflos wie ein Kind, die entsetzliche Noth und Angst nimmt mir meinen Verstand, meine Ueberlegung, es kommt kein Schlaf mehr in meine Augen, ich erschrecke, wenn die Thür aufgeht, ich zittere, wenn der König mich anblickt, wenn der letzte Lakai von diesen Franzosen mich anruft; wenn Jemand mich anspricht, fühle ich das Herz in mir stille stehen, als ob er sagen würde: ‚Wissen Sie schon, Steitz, der Schatz ist gefunden‘ ... o, es ist eine Qual, über der ich den Verstand verlieren werde ... und wenn es mich nun niederwirft, wenn ich krank werde, sehr krank, Mensing, wenn ich zu phantasiren beginne, wenn ich so im Fieber mein Geheimniß verrathe: was dann, Mensing, was dann?“

Der Officier blickte voll tiefer Theilnahme den gepeinigten Mann an.

„Das darf nicht sein,“ sagte er langsam und sinnend, „krank dürfen Sie nicht werden... Sie müssen wie ein Mann diese Angst, die durch Ihre erhitzte Phantasie in’s Unerträgliche gesteigert ist, bekämpfen.“

„Kann ich denn das, so lange der Schatz da draußen unter der Treppe steckt und ich ihn fortschaffen soll und doch nicht im Entferntesten sehe, wie ich’s machen, was ich damit beginnen kann...“

„Sie brauchen sich dann ja nur einfach zu sagen: ich allein kann es nicht; also muß ein Anderer helfen, also muß es ein Anderer mit mir ausführen! Weshalb sprachen Sie nicht eher mit mir?“

„Mit Ihnen, Mensing? Nun, Sie sehen ja, ich habe mich Ihnen anvertraut, ich habe mein Leben in Ihre Hände gelegt, Sie können jetzt hingehen und dem Könige sagen ...“

Der Officier legte, um Steitz die weitere Rede abzuschneiden, die Hand auf den Arm des Inspectors und sagte leis und ruhig:

„Ich werde dem Könige nichts sagen, seien Sie ohne Sorge! Ich habe ihm, als ich in seinen Dienst übernommen wurde, in Reih und Glied den Fahneneid geleistet, das ist wahr. Aber meine Existenz verdanke ich meinem alten Herrn, und wenn ich das auch nicht thäte, er ist mein wahrer rechter Herr und meine Treue gehört ihm. Und auch sein Schatz gehört ihm und nicht dem fremden Manne da oben! Wir wollen ihm diesen Schatz retten, Steitz!“

„Sie – Sie wollen mir helfen, Mensing?“

„Ja – ich denke, ich kann’s.“

„Nun, dann sei Gott gelobt, der Sie mir sandte. Was ist zu beginnen, wie meinen Sie, daß es gemacht werden könnte...“

Der Officier stand auf und ging nachsinnend auf und ab.

„Haben Sie Geld?“ fragte er nach einer Pause.

„Ja, der Agent hat mir mehrere tausend Gulden da gelassen, falls ich sie zu Bestechungen brauchte.“

[18] „Das ist gut! Ich glaube wir werden sie brauchen,“ antwortete der Lieutenant.

Steitz schüttelte den Kopf. „Wer bestochen werden muß, fürchte ich, der widersteht der Lockung, den Lohn von hunderttausend Franken zu verdienen, nicht,“ sagte er. „Und den Lohn können wir nicht bieten!“

„Still, kommt da nicht Jemand?“

Draußen im Wohnzimmer ging die Thür auf, der Inspector sprang hastig empor ... dann setzte er sich beruhigt wieder nieder und sagte:

„Es ist Elise, die zurückkommt, ich erkenne ihren Schritt.“

Gleich darauf öffnete sich auch die Thür des Arbeitszimmers und die Tochter des Inspectors trat herein, um den Vater zu begrüßen.

Es war ein hübsches, schlank gewachsenes junges Mädchen von etwas über mittlerer Größe. Ihre nicht regelmäßigen, aber anziehenden Züge zeigten einen großen Ernst; sie sprach leise, in ihrem ganzen Wesen lag etwas Apathisches, man sah auf den ersten Blick, daß ein Kummer an ihr zehrte, der Ausdruck ihres Gesichts war wie der Widerschein dessen, was so sprechend aus den Zügen ihres gepeinigten Vaters blickte.

Der Officier wechselte einige Worte mit ihr, dann wandte er sich zum Gehen.

„Adieu, Steitz,“ sagte er, dem Inspector die Hand zum Abschiede reichend ... „ich will nachdenken und morgen reden wir weiter. Bis dahin seien Sie ruhig und werfen getrost alle Sorge auf mich. Gute Nacht, Elise!“

Er hüllte sich in seinen Mantel und schritt rasch davon, in die dunkle Nacht hinein, um trotz Wind und Wetter noch lange sinnend aus den Kiespfaden auf und nieder zu schreiten, die sich vom Schlosse nach dem großen Teich hin erstreckten.



2.


Der Lieutenant Mensing wurde am andern Morgen durch seinen Dienst im Schlosse zurückgehalten. Er gewann nur eine Viertelstunde vor Mittag, um in der Wohnung des Maître de Logis, Grafen Boucheporn, einen Besuch zu machen.

Graf Boucheporn war ein kleiner, beweglicher Franzose, lebhaft, rasch in seinen Entschlüssen, ehrgeizig und eitel und im Uebrigen gutmüthig genug, wenn seine Leidenschaften nicht in’s Spiel kamen.

Zu seinen Leidenschaften gehörte die Eifersucht auf seine Autorität.

Die Gräfin war eine unbedeutende Frau; der Stern des Hauses war die älteste Tochter Julie, eine brünette, ein wenig kokette, aber mehr, als es bei diesen Kindern der Revolutionszeit gewöhnlich, unterrichtete junge Dame, die sich die Huldigungen des jungen deutschen Officiers sehr gern gefallen ließ, obwohl dies sie nicht abhielt, auch die der andern Herren vom Hofe anzunehmen, die Sr. vielhuldigenden Majestät, König Jerôme’s, nicht ausgeschlossen.

Der Lieutenant fand die Dame mit einer Stickerei beschäftigt, welche zu der in einigen Tagen stattfindenden maskirten Redoute verwendet werden sollte. Gräfin Julie hatte bei seinem Eintreten rasch ein Tuch darüber geworfen.

„Lassen Sie sich nicht stören, Comtesse,“ sagte Mensing lächelnd, „arbeiten Sie ruhig fort, Sie sticken da irgend einen Epheuzweig oder dergleichen mit Goldfäden in den feinen Fez, den Sie als Griechin tragen werden.“

„Aber – ich bitte Sie,“ fuhr Comtesse Julie überrascht und erschrocken auf, „wer sagt Ihnen, Herr Lieutenant, welches Costum ich tragen werde? Ich – eine Griechin? Sie sind vollständig im Irrthum!“

„Ich glaube nicht,“ antwortete der Officier, „es würde mir wenigstens sehr leid thun, denn ich freue mich unendlich darauf, daß Comtesse Julie, welche für alle Welt auf dem Balle maskirt sein wird, es für mich nicht sein wird!“

„Aber, frage ich Sie noch einmal, wie können Sie wissen ...“

„Sie sehen, Comtesse Julie, mein Geist umschwebt Sie ungesehen und ich bin eingeweiht in Ihre heimlichsten Entschlüsse ... ich kann Ihnen auch noch mehr sagen: Ihr reizendes Costum, welches den allerbesten, allergeschicktesten Händen zur Vollendung anvertraut war, ist in Gefahr, von diesen Händen nicht vollendet, sondern den plumperen einer gewöhnlichen Arbeiterin anvertraut zu werden ...“

„Ah,“ rief das junge Mädchen spöttisch aus, „ich merke, der Herr Lieutenant haben Connexionen unter diesen – Arbeiterinnen!“

„So ist es – es hälfe nichts, einer so klugen jungen Dame, wie Comtesse Julie ist, dies verbergen zu wollen!“ antwortete der Officier.

„Wissen Sie aber, daß Sie mir damit alle Freude verderben, die ganze Freude an dem Fest?“

„Das würde mir unendlich schmerzlich sein. Trauen Sie mir denn zu, daß ich Ihr Geheimniß an irgend eine Menschenseele verrathen würde?“

„Wenn Sie mir feierlich geloben, schwören, daß Sie es nicht thun wollen, dann nicht,“ antwortete Comtesse Julie, ihre feurigen, braunen Augen mit einem sprechenden Blick zu ihm erhebend.

„Ich gelobe es, ich schwöre es!“ fiel Mensing lächelnd ein, die Hand auf seine Brust legend.

„Nun wohl denn,“ sagte sie, „alle Götter des Orcus und alle Dämonen der Hölle werden Sie strafen, wenn Sie den Eid brechen!“

„Fürchten Sie nichts, schöne Gräfin, ich werde verschwiegen sein, und wenn Sie auf der Redoute sehr bald erkannt sein werden, so, das glauben Sie mir, wird nicht meine Indiscretion, sondern nur der Geist und der Witz, womit die schöne Griechin ihre Neckereien ausführt und ihre Antworten giebt, Comtesse Julie verrathen...“

„Statt mir Fleuretten zu sagen, Sie böser Mensch,“ fiel die junge Dame ein, „sollten Sie mir lieber erklären, weshalb mein Costum denn nicht von derselben Arbeiterin ausgeführt wird, die es begonnen?“

Comtesse Julie sprach das mit einem Ausdruck von großer Unzufriedenheit und Sorge.

„Auch das will ich Ihnen sagen ... das aber ist ein Geheimniß, worüber ich von Ihnen einen feierlichen Schwur bei allen Göttern des Orcus und allen Dämonen der Hölle verlange!“

„Ich schwöre!“

„Wohl denn, so hören Sie. Ich wohne in der Stadt bei der Frau, in deren Atelier Ihr Costum angefertigt wird. Die gute Frau Momberg hält mich für einen sehr verschwiegenen, soliden und vernünftigen jungen Mann, und so ist mir der Eintritt in die geheime Werkstätte, in welche sonst kein profanes Auge blicken darf, nicht verwehrt. Trotz des bescheidenen Gebrauchs, den ich von dieser Begünstigung mache, habe ich wahrgenommen, daß Demoiselle Elise Steitz, die Tochter des Schloßinspectors, die zu ihrer Ausbildung in dem Geschäft arbeitete, mit Ihrem Costum betraut war, und heute habe ich erfahren, daß Demoiselle Steitz nicht in das Atelier zurückkehren wird.“

„Nicht? Und weshalb nicht? Ist sie krank?“

„Krank, nein! Es hält sie etwas Anderes ab, täglich in die Stadt zu gehen und in den Abendstunden von dort zurückzukehren. Sie ist ein sehr hübsches, junges Mädchen und sie hat eine dringende Veranlassung gefunden, den Weg, auf welchem ihr Vater nicht im Stande ist, sie durch einen Diener begleiten zu lassen, nicht mehr allein zu machen!“

„Ah!“ sagte die Comtesse mit einem flüchtigen Erröthen.

„Es ist so!“ fuhr der Lieutenant fort, „sie hat die Augen eines Mannes auf sich gezogen, dessen unternehmende Keckheit sie ängstigt.“

„Und wer ist dieser Mann, dessen unternehmende Keckheit – mir mein Costum verdirbt? Wenn ich ihn kenne, soll er seiner Strafe nicht entgehen!“

„Pst, Comtesse, Sie vergessen, was Sie mir geschworen haben!“

„Ja so, – in der That! Aber reden Sie, wer beunruhigt den Frieden dieser schneidernden Unschuld?“

„Werden Sie sich von nun an besser Ihres Schwures entsinnen?“

„Gewiß, gewiß!“

„Wohl denn, es ist ein Mann, mit dem nicht gut Kirschenessen ist, wie das deutsche Sprüchwort sagt: der Oberst der Gensd’armerie.“

[19] „La Croix?“

Der Officier nickte.

„Der?“ sagte Comtesse Julie gedehnt. „Das arme Geschöpf!“

„Er ist so vernarrt in sie und betreibt die Sache so ernsthaft, daß er blos, um in der Nähe des jungen Mädchens zu sein, Ihren Herrn Vater zu veranlassen gewußt hat, ihm eine Wohnung hier im Schlosse einzuräumen!“

„Deshalb hat er sie verlangt!“ rief Comtesse Julie überrascht aus, „daher der Aerger für meinen Vater! Mein Vater, müssen Sie wissen, hat sie ihm durchaus nicht einräumen wollen, aber ein Befehl des Königs, an den sich der Oberst gewandt hat, ist dazwischen gekommen … mein Vater war so zornig, daß er im ersten Augenblick davon redete, seine Entlassung nehmen zu wollen.“

„Ihr Herr Vater – denn ihm gegenüber dispensire ich Sie von Ihrem feierlichen Gelöbnis;, Comtesse Julie – Ihr Herr Vater wird sich jetzt deuten können, woher der leidenschaftliche Eifer des Obersten, sich hier zu installiren, rührte.“

„Es ist ein böser brutaler Mensch, dieser Oberst,“ rief Gräfin Julie aus, „das junge Mädchen hat Recht, daß sie sich den Begegnungen mit ihm nicht mehr aussetzen will. Aber ich will doch den Nachmittag in die Stadt fahren, um zu sehen, was bei alledem aus meinem Costum wird!“

„Hoffen wir, daß es nicht zu sehr darunter leidet.!“

„Und entdecken wir etwas, um diesem Obersten zum Lohne einen recht schlimmen Streich auf der Maskerade zu spielen^!

Wollen Sie mir dabei helfen?“

„Mit Freuden!“

„Nun wohl denn – ich werde darüber nachsinnen; es muß etwas sein, das ihn furios ärgert… mir fällt sicherlich etwas ein, und ich zähle dabei auf Sie, wenn ich Sie nöthig habe.“

„Nichts könnte mich mehr freuen, als die Ehre, Ihr Verbündeter zu sein!“ antwortete Mensing sich erhebend.

„Und unsere Geheimnisse ...“

„Sind uns heilig, das versteht sich!“

Der Officier küßte die Hand, die ihm Comtesse Julie reichte, und empfahl sich. –

Einige Stunden später trat er in das Wohnzimmer des Inspectors. Dieser saß in seinem Sorgenstuhl am Ofen, in welchem er sonst seinen Nachmittagsschlummer hielt; heute, wie schon so viele Tage, war der Schlummer nicht auf seine müden Augenlider gekommen.

Als er den Officier erblickte, stand er hastig auf und bat ihn, in sein Arbeitszimmer zu treten, welches er dann sorgfältig hinter sich verschloß.

„Nun?“ sagte er gespannt und angstvoll in Mensing’s Züge blickend.

Mensing streckte seinen Arm aus und die Hand auf des alten Herrn Schulter legend antwortete er: „Mein Plan ist gemacht!“

„So danke Ihnen der Himmel dafür,“ entgegnete Steitz, aus der beklommenen Brust tief aufathmend, „wenn er nur ein guter ist!“

„Hören Sie!“

„Setzen wir uns,“ sagte der Inspector, einen Stuhl herbeischiebend.

„Sagen Sie mir zuerst,“ begann Mensing, als die beiden Männer auf den alten Plätzen sich dicht gegenüber saßen, „haben Sie dieselben vertrauten Leute zur Hand, welche damals den Schatz unter der Treppe einmauerten?“

„Ja, ich habe sie zur Hand, zwei vertraute Männer.“

„Und sie werden kommen, um in der Nacht den Schatz zu heben und rasch auf einen Wagen zu laden?“

„Dafür, glaube ich, kann ich einstehen; der eine,“ setzte er kaum hörbar flüsternd hinzu, „ist der Justizamtmann Brethauer, der andere der frühere Leibchirurg Mann.“

„Wohl denn! Und der Ort, wo der Schatz abgeliefert werden soll?“

„Ist das Städtchen D. jenseits der Grenze. Dort im Wirthshaus zum weißen Roß erwartet ihn der Agent, der ihn in Sicherheit auf dänisches Gebiet, nach Itzehoe, bringen wird.“

„Nun gut. Jetzt hören Sie, Steitz. Die Schwierigkeit, welche wir zu besiegen haben, ist eine doppelte. Erstens, einen Wagen, einen Fuhrmann zu finden. Es wird Niemand zu finden sein, der sein Leben an die Fortführung wagt; Niemand, dem man nur mit der Zumuthung, es zu thun, das Geheimniß anvertrauen dürfte!“

„Als ob ich das nicht selbst längst bedacht hätte!“ fiel Steitz ein.

„Die zweite Schwierigkeit, die sich uns entgegenstellt,“ fuhr Mensing fort, „ist die, durch die Gensd’armerie-Patrouillen des Obersten La Croix zu kommen, ohne von ihnen angehalten und durchsucht zu werden.“

Steitz nickte mit dem Kopfe und stützte dann sein Kinn auf die Hand, um Mensing gespannt in’s Gesicht zu blicken.

„Wir müssen uns also,“ sprach dieser weiter, „geradezu einen königlichen Wagen verschaffen und uns dazu einen officiellen Durchgangsschein, ein Laissez-passer, geben lassen.“

„Aber, mein Gott, wie wollen Sie das erhalten?“

„Das soll Ihre Sorge sein, Steitz“, antwortete lächelnd der Lieutenant, „Sie sind ein alter Hofmann, und ich denke, Sie haben sich so viel Diplomatie angeeignet, wie dazu nöthig sein wird. Hören Sie nur: Ihr nächster Vorgesetzter ist der Graf Boucheporn!“

„So ist es, er ist Maitre de Logis und Gouverneur du Palais.“

„Und Sie stehen nicht just in Ungnade bei ihm – ich weiß es, ich habe ihn noch neulich von Ihren feinen Manieren und Ihrem guten Französisch reden hören –“

„Er ist immer passabel höflich gegen mich,“ fiel Steitz ein.

„Und er ist es, der Ihnen den Wagen und den Schein schaffen soll, ... wann werden Sie den Grafen sprechen?“

„Morgen Vormittag; er hat mich morgen Vormittag um elf nach dem Lustschlosse Schönfeld hinausbestellt; ich soll dort Aufträge wegen der Instandsetzung des Schlosses erhalten.“

„Vortrefflich! Sie werden dort mit ihm allein sein. Sie werden ihn mit voller Muße sprechen können ...“

„Und was soll ich ihm sagen?“

„Sie werden zunächst nichts thun, um Ihre Unruhe, Ihren Gemüthszustand zu verbergen; Sie werden sich zerstreut zeigen, tief gedrückt, verstört; er wird Sie fragen, was Ihnen sei, und Sie werden nach einigem Sträuben antworten: Sie befänden sich in der peinigendsten Lage, worin ein Vater sich befinden könne; Ihre Tochter sei der Gegenstand einer ganz frivolen Neigung des Obersten La Croix geworden; sie würde von ihm bedrängt, verfolgt, und Sie sähen kein Mittel, sie seinen Verfolgungen zu entziehen ...“

„Ah,“ fuhr Steitz auf, „das ist ja durchaus nicht wahr, und ...“

„Es ist nicht wahr, aber Boucheporn wird es Ihnen auf der Stelle glauben, dafür stehe ich Ihnen ein!“

„Der Obrist kennt meine Tochter gar nicht ...“

„Einerlei, er gilt als ein Mädchenjäger und Ihre Tochter ist hübsch und – wir leben an König Jerome’s Hof! Aber wäre das Alles auch nicht, der Graf würde Ihnen doch glauben, denn Sie müssen wissen, daß ich die Sache bereits eingeleitet habe und daß dieselbe Geschichte gerade jetzt vielleicht des Breitesten bei dem Grafen besprochen wird!“

„Was haben Sie gethan? Sie bringen ja da meine Tochter in ein Gerede ...“

„Ich denke nicht, lieber Inspector ... man hat mir Schweigen versprochen und die Sache wird für Elise keine Folge haben, dafür glaube ich Ihnen einstehen zu können. Und auch dafür, daß der Graf Ihnen auf das Bereitwilligste Gehör schenken wird ... dafür bürgt uns, daß er den La Croix haßt wie die Sünde. Sie werden dann fortfahren, ihm Ihr Herz auszuschütten; Sie werden ihm sagen, daß Ihr sehnlichster Wunsch sei, das Mädchen fortzusenden, zu einer älteren Verwandten, jenseits der Fulda, und ... nennen Sie ihm, welchen Ort da drüben Sie wollen. Er wird Sie fragen: ,aber, mein Gott, lieber Steitz, weshalb thun Sie denn das nicht!?’ Und Sie, Sie werden antworten: ,kann ich das, Herr Graf? La Croix’ Patrouillen schweifen überall, man kann die Wilhelmshöhe nicht verlassen, ohne aus zwei oder drei derselben zu stoßen, und seit das Märchen vom Schatze des Kurfürsten in den Köpfen spukt, halten sie jeden Wagen an, durchsuchen sie jedes Fuhrwerk! Und ich kann das Mädchen doch in dieser Jahreszeit nicht zu Fuße laufen lassen, nicht ohne Koffer und Gepäck für längere Zeit fortsenden. Und denken Sie, Herr Graf, wenn das arme Geschöpf so in die Hände der Leute des Obersten fiele, wenn er – ach, ich mag den Gedanken nicht weiter denken, es würde für mein Kind und mich der Tod sein!’“

[20] „Und das Alles,“ fiel der ehrliche alte Herr erschrocken ein, „soll ich dem Grafen sagen?“

„Das Alles sollen Sie ihm vorklagen, mit dem betrübtesten Gesichte von der Welt ... und daß Sie es gut machen, davon hängt zunächst Alles ab.“

„Nun wohl denn, ich will es versuchen, versetzte Steitz, „und dann?“

„Dann schließen Sie Ihre Worte mit dem Stoßseufzer: ,wenn ich nur einmal über einen königlichen Wagen zu verfügen hätte, den man nicht anhalten dürfte, mit dem ich sie still in der Nacht fortsenden könnte ... denn bei Tage wage ich es gar nicht, der Oberst hat ja seine Mouchards, seine Spione überall’ ...“

„Und darauf wird der Graf einen Wagen zur Verfügung stellen,“ unterbrach Steitz eifrig den Officier, „glauben Sie es?“

„Er wird Ihnen zur Verfügung stellen, was Sie wollen, verlassen Sie sich darauf, um nur diesem La Croix einen Streich zu spielen. Freilich muß die Sache einen Vorwand haben. Der Maître de Logis kann nicht königliche Wagen requiriren, um junge Mädchen spazieren fahren zu lassen. Es muß den Anschein haben, als ob er sich dabei in seiner Amtsthätigkeit befinde.“

Seitz nickte wieder mit dem Kopfe. „Und das,“ sagte er, „wäre ja wohl zu machen. Der Graf läßt oft durch Fourgons aus dem Marstall Gegenstände, die zur königlichen Hofhaltung gehören, Meubel und dergleichen transportiren.“

„Und darum,“ fuhr Mensing fort, „müssen Sie ihm den Vorschlag machen, einen Fourgon zum Transport von leichten Sachen, z. B. von Matratzen und Betten, die nach demselben Schlosse Schönfeld gefahren werden sollen, wo Sie morgen diese Unterredung mit dem Grafen haben werden, zu requiriren, und dabei das Stallmeisteramt aufzufordern, diesen Fourgon Ihnen als Inspector zur Disposition zu stellen.“

„Das ist Alles ganz gut,“ sagte Steitz, „aber es wird zu sehr auffallen, wenn ich einen solchen Fourgon für die Nacht verlange ...“

„Nicht zu sehr, denke ich,“ antwortete Mensing, „man sagt eben, im Schloß Schönfeld solle augenblicklich für die Aufnahme eines Gastes gesorgt werden, der König habe es befohlen – wer verwundert sich darüber, wenn unsere lustige Majestät vielleicht einem hübschen weiblichen Gaste plötzlich in einem seiner Schlösser ein Quartier bereiten läßt ...“

„Das ist wahr, und ich räume Ihnen ein, daß Alles sich so weit ganz gut machen läßt, – aber ich sehe nicht ein, wie wir über die letzte und größte Schwierigkeit wegkommen. Wer soll den Wagen fahren? Ein Wagen aus dem königlichen Stalle wird nur einem königlichen Stallbedienten anvertraut, und der wird uns verrathen!“

„Darin liegt freilich eine Schwierigkeit,“ erwiderte Mensing, „die zweite große Schwierigkeit, von der ich reden wollte. Wir können dem Mann unsere heimliche Fracht nicht verbergen, und wenn wir es könnten, würde er nicht zugeben, daß ein königlicher Fourgon über das Ziel hinaus, in Nacht und Nebel weiter, über die Grenze entführt würde. Wir dürfen auch keinen Bestechungsversuch machen, so wenig wie bei einem Fuhrmann aus der Stadt, darüber sind wir uns auch klar. Es nimmt Niemand eine Bestechung von einem Paar tausend Gulden, wenn er hunderttausend verdienen kann. Aber beruhigen Sie sich darüber, Steitz. Ich kenne glücklicherweise einen Stallbedienten, welcher jeden Wagen zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht nach jedem Orte auf Erden, und wäre es der Nordpol, fährt – wenn sich Demoiselle Elise Seitz auf dem Wagen befindet!“

Des Inspectors Züge zuckten eigenthümlich.

„Sie meinen den Wilhelm Momberg,“ sagte er mit einem hastigen, heftigen Tone.

„Den meine ich!“

„Aber wollen Sie denn, daß meine Tochter wirklich ...“

„Das; sie wirklich mit dem Fourgon abfährt? Gewiß will ich das! Denn erstens darf Ihre Tochter nachher nicht mehr hier oben gesehen werden, und zweitens wäre es möglich, daß Graf Boucheporn sich so sehr für die Sache interessirt, daß er persönlich in der Nacht der Abfahrt sich zu Ihnen herüber begiebt, um zu sehen, daß Demoiselle Elise glücklich wegkommt. Und drittens wird Wilhelm Momberg nicht Leib und Leben an des Kurfürsten Schatz wagen, wenn er es nicht thut, um nebenbei seinen Schatz für sich in Sicherheit zu bringen! Also, daß Elise dabei ist, das ist eine Nothwendigkeit, in welche Sie sich fügen müssen ...“

„Aber mein Gott, wie kann ich mich dazu entschließen? Wenn ich Elise mit dem Wilhelm fortfahren lasse, so ...“

„So müssen Sie sie eben fortfahren lassen,“ fiel der Officier lächelnd ein, „auf die Gefahr hin, daß sie sich unterwegs in einer Weise verständigen ...“

„Daraus kann doch nie etwas werden,“ rief Steitz eifrig, fast zornig aus, „ich kann meine Tochter doch keinem Stalldiener geben!“

„Lieber Steitz,“ sagte Mensing, ihm die Hand auf den Arm legend, „diesen Einwurf hätte ich von Ihnen nicht erwartet! Der Stallbediente ist ein tüchtiger, ehrlicher Mensch, er ist guter Leute Kind und hat eine ordentliche Erziehung erhalten, für einen bessern Stand, als seinen jetzigen, das wissen Sie so gut wie ich! Sie wissen auch, daß Ihre Tochter ihn liebt – und wenn Sie ihm unter den Umständen, von denen wir reden, Ihre Tochter geben, so geben Sie diese nicht dem Stalldiener, sondern dem Manne, der eine gute Zukunft vor sich hat – glauben Sie nicht, daß der Kurfürst den Dienst, den er leisten soll, ihm so reich belohnen wird wie uns Beiden, was wir thun?“

Steitz starrte nachdenklich auf den Tisch

„Ja, ja,“ murmelte er, „ich denke, er wird ihn lohnen ... es ist vorauszusetzen, daß er ihn lohnt ... wir wollen es hoffen, Mensing! Aber wir handeln nicht deshalb!“

„Nein,“ versetzte der Officier, „davon ist nicht die Rede. Wir handeln um der Sache des Rechts und um unseres Herrn, um unserer Treue willen! Deswillen allein setzen wir unser Leben ein – Sie wie ich! Für Momberg aber, den nichts von dem an den Kurfürsten bindet, was uns bindet, müssen wir einen Lohn haben, und den zu bieten, muß sich der Vater entschließen. Es geht nun einmal nicht anders. Und wenn Sie sich damit auch ein Stück von Ihrem Herzen reißen müßten, es geht nicht anders!“

Steitz schwieg, das Kinn auf seine Hand gestützt, die Augen auf die Tischdecke heftend.

„Wird es Ihnen so schwer, auch das für Ihren Herrn zu thun? Kennt Ihre alte Hessentreue eine Grenze, Steitz?“ fragte der Officier vorwurfsvoll.

„Sie haben Recht, Mensing,“ antwortete der Inspector. „Nein, wenn auch Jedermann sein Recht hat, in das keine Pflicht gegen einen Andern, wer es auch sei, hineingreifen darf – ich will auch das thun – ich will es Elisen sagen und ich will Ihnen folgen in Allem! Bestimmen Sie nur den Tag, die Nacht, wenn es fein soll!“

„Das ist brav von Ihnen, und ich wußte es, daß Sie so reden würden, Steitz. Wohl denn – Sie geben mir also die Erlaubniß, mit Momberg zu reden?“

„Ich gebe sie Ihnen.“

„Und Sie reden mit Ihrer Tochter?“

„Noch heute!“

„So gehe ich, Momberg aufzusuchen. Ich muß mit ihm verabreden, wie es zu machen ist, daß der Stallmeister gerade ihm die Führung des Fourgons anbefiehlt. Nötigenfalls muß er, falls ein Anderer den Auftrag erhält, diesem anvertrauen, daß es sich um Elisens Entführung handle, er muß ihn bestechen, daß er ihm, dem Wilhelm, den Wagen überläßt ...“

„Das wird keine Schwierigkeit bieten, denk’ ich,“ fiel Steitz ein.

„Hoffentlich nicht,“ sagte Mensing. „Und was die Nacht, welche wir wählen, angeht, so wird es am besten sein, die der großen Maskerade zu benutzen – das Fest wird alle Diener, Alles, was das Schloß bewohnt, beschäftigen und in den inneren Räumen festhalten – der stille Flügel drüben wird nie unbeachteter sein! Es ist die Nacht vom einundzwanzigsten auf den zweiundzwanzigsten – also in drei Tagen!“

Der Inspector war auch damit einverstanden, und so trennten sich die beiden Männer, nachdem sie noch einmal sich über das ausgesprochen, was Jeder von heute an als seine Rolle zu betrachten hatte, mit einem warmen Händedrucke von einander. –

Steitz saß dann noch lange so, wie er vorhin gesessen, das Kinn auf die Hand gestützt und starr ans die Platte des Tisches vor ihm niederblickend. Er überdachte und überlegte Alles, was Mensing zu ihm gesprochen, was eintreten könne, wem vorzubeugen sei, so lange, bis er sich ordentlich wirr im Kopfe fühlte von allen den Wendungen, welche die Sache nehmen könnte, allen den Zufälligkeiten,

[21]
Die Gartenlaube (1868) b 021.jpg

Die Verfasserin von „Goldelse“ und „das Geheimniß der alten Mamsell“.
Nach einer Photographie von Chr. Beitz in Arnstadt, im Besitze des Redacteurs der Gartenlaube.


allen den Gefahren, denen sie ausgesetzt war, bis er fühlte, daß er nichts zu thun vermöge, als sich ganz auf den Officier zu verlassen und ihm in Allem mit dem unbedingtesten Vertrauen zu folgen. Der Officier forderte, seine Tochter, sein einziges Kind für das Gelingen der Unternehmung. Mochte er es nehmen – mochte es so sein ... es ging ja nicht anders – der Inspector mußte sein Kind ziehen lassen im Schutze Gottes und des Mannes, den sie liebte; er konnte nichts thun, als den Himmel anflehen, daß er sie geleite auf dem gefährlichen Wege!

Aber wo blieb Elise heute? Es wurde Abend, es wurde dunkel und sie kam nicht zurück. Steitz erhob sich endlich beunruhigt und hüllte sich in einen Mantel gegen das rauhe Wetter, um ihr auf dem Wege zur Stadt entgegen zu gehen. Er hatte draußen. noch das Ende des Bowlinggreens nicht erreicht, als er wahrnahm, daß er nutzlos sich beunruhigt. Er sah zwei dunkle Gestalten, die eines Mädchens und die eines Mannes, zusammen stehen, an der Stelle des Weges, wo sich der Pfad zu des Inspectors Wohnung abzweigte; als er näher kam, erkannte er Elisen an ihrer Stimme.

„Wenn mein Vater es will, so werde ich es thun, Wilhelm,“ flüsterte sie eben, „und dann, dann magst auch Du es thun! Ich würde nicht dulden, daß Du Dein Leben gefährdetest, um aller Schätze der Welt willen nicht. Ich würde es nun und nimmer dulden. Ich würde Deine Mutter auffordern, Dich zu hindern, es Dir zu verbieten.“

„Dein Wort würde genug sein, mich davon abzuhalten, Elise,“ fiel Wilhelm ein, „das weißt Du!“

„Ich weiß es, aber wenn mein Vater es will, so werde ich gehen“, fuhr sie fort, „und dann wirst Du mit mir sein – Du hast dann das Recht bei mir zu sein, Wilhelm, denn wir haben uns geschworen und gelobt, uns anzugehören, und wo Einer von uns in Noth und Gefahr ist, da darf er nicht allein, da muß er verlangen, daß auch der Andere sei bei ihm zu seinem Schutz und seiner Hülfe.“

[22] „So denk’ auch ich,“ erwiderte Wilhelm, „es war mein erster Gedanke, wenn wir unser Leben wagen, so thun wir es Einer um des Andern willen, und Gott, hoffe ich, wird uns deshalb in seinen Schutz nehmen. – Aber um Eines bitte ich Dich, Elise.“

„Und was ist es?“

„Sag’ es meiner Mutter nicht!“

„Nein,“ versetzte sie. „Es ist nicht nöthig, daß auch sie leide, wie ich meinen Vater leiden sehe unter der Sache. Sieh, Wilhelm, wenn ich so guten Muthes, so rasch entschlossen dabei bin, so kommt es daher, weil ich jetzt endlich erfahre, was in all' der Zeit so furchtbar schwer auf meinem armen Vater gelastet hat, und weil ich nun sehe, wie ihm die Last vom Herzen genommen werden, wie ich selbst dabei behülslich sein kann! Darum …“

„Still!“ flüsterte Wilhelm, ihren Arm ergreifend, „da ist Jemand … fort!“

(Fortsetzung folgt.)




Ein denkwürdiger Besuch.
Fragment aus unsern Familienpapieren.
Von Hans Blum.

Die Wiener Octoberrevolution war zu Ende. Langsam, aber mit entsetzlicher Gewißheit wurden die Ungeheuerlichkeiten in Deutschland laut, die den Triumphzug des Siegers begleitet. Jede neue Zeitung brachte neue Gräuel, gesteigerte unmenschliche Rachgier. Aber die That, die Alle mit einstimmigem Schmerzensschrei Hinausriefen in die Welt, die am längsten nachhallte und am tiefsten die Herzen ergriff – diese That hatte auch uns am tiefsten verwundet.

In diesen Tagen, am 18. November 1848, erhielt Bürgermeister Klinger in Leipzig ein Schreiben folgenden Inhalts:

„Wohlgeborner Herr,

Hochgeehrter Herr Bürgermeister!


Gestatten Sie auch mir, ich bitte herzlich, beifolgende Einhundert
Thaler für Robert Blum’s Wittwe und Kinder Ihrer
vorsorgenden Theilnahme zu übersenden.

Sagen Sie der Wittwe, die jetzt der Liebling theilnehmender,
mitfühlender Menschen ist, daß, so lange ich lebe, mein Herz ihr
angehört, so oft und so viel sie eines Frauenherzens treue Freundschaft
bedarf. Auch darum bitte ich Euer Wohlgeboren. Zudrängen
werde ich mich nicht – aber so oft Bedürfnisse in dieser
Familie stattfinden sollten, oder Wünsche, welche zu erfüllen ich
im Stande wäre, so würde ich es als ein Glück und die höchste
Ehre ansehen, nicht übergangen zu werden. Ergebenst ersuchend
um Empfangs-Schein, habe ich die Ehre mit ausgezeichneter Hochachtung
zu unterschreiben

Dresden, 16. Nov. 1848.

Auguste Charlotte Gräfin von Kielmansegge
geb. von Schönberg.“

Sorgen und Geschäfte mancherlei Art: die Unterhandlungen mit dem sächsischen Ministerium über die Auslieferung von Vaters sterblichen Ueberresten, die sich zerschlugen; die Ordnung unserer Vermögensverhältnisse; endlich das in Broschüren und selbst in einer angeblichen Note Kossuth’s aufgetauchte Gerücht, daß mein Vater nicht erschossen, sondern in einer der österreichischen Festungen gefangen gehalten werde, ein Gerücht, das nach vielerlei Nachforschungen und innern peinigenden Zweifeln, auf immer zurückzuweisen – dies Alles war es, was die Antwort auf obigen Brief bis zum 2. Januar 1849 verzögerte. Schon nach sechs Tagen lief die Erwiderung ein, den 8. Januar 1849 von Plauen bei Dresden, dem Landgute der Gräfin, datirt. Sie bezeichnete sich darin als eine Dulderin, wie meine Mutter, und meinte, daß dadurch allein schon ihre Sympathie und gegenseitige Unterstützung vorgezeichnet sei. „Mit bittern Thränen,“ fährt sie fort, „hebt eine solche Bahn an, sie endet aber mit dem Vollgefühl der unaussprechlichsten Freude …“ dann ermähnt sie ihre „theure Freundin, denn so haben wir’s ja verabredet“, auszuharren, bis sie ihrem Gatten „selig entgegentreten werde“, und schließlich fordert sie dieselbe dringend auf, mit den „lieben Kindern“ ihr einen Tag zu schenken, wobei Letztere „während unsrer ernstern Gespräche auf einige Unterhaltung rechnen können.“

Was sollte das bedeuten? fragte sich, wer auch nur immer diese Zeilen zur Durchsicht erhielt. Wozu diese Antwort überhaupt auf ein Schreiben, das mit der Danksagung meiner Mutter recht wohl die ganze Angelegenheit hätte beschließen können? Wozu jene mystischen Andeutungen über Wiedervereinigung mit geliebten Todten nach dem Tode, oder gar früher? Der Schluß des Briefes ließ wohl vermuthen, daß die Gräfin meiner Mutter Besuch aus mehr als bloßer Freundschaft oder Neugierde wünschte. Aber was hatte sie ihr in den „ernstern Gesprächen“ anzuvertrauen?

Glaubte sie etwa gar an das Märchen, daß der Vater noch lebe? Hatte sie den Schlüssel, ihr Räthsel zu lösen? Nur die Zeit konnte diese Fragen beantworten, und wahrscheinlich am besten ein Besuch bei ihr selbst.

Unterdessen war der Vorschlag Karl Vogt’s, daß wir Kinder in der Schweiz (Bern) zu erziehen seien – Dank der Energie unserer Mutter – von den sächsischen Behörden endlich nach zähem Widerspruch genehmigt und die Zeit unserer Abreise auf die ersten Tage des Mai festgesetzt worden. Es galt also Abschied zu nehmen von den Freunden des Vaters, von denen eine nicht geringe Anzahl damals ihren Sitz auf dem Landtage in Dresden gefunden hatte. Was war natürlicher, als daß meine Mutter bei einer Reise nach Dresden zugleich eine Lösung jener Räthsel sich zu verschaffen suchte, welche die merkwürdige Frau auf ihrem Schlosse im Plauenschen Grunde bei Dresden einem flüchtigen Blatte anzuvertrauen sich offenbar scheute?

Sie schrieb daher am 17. April an die Gräfin, sie werde am 20. mit dem Frühzuge in Dresden eintreffen und sich, wenn die Gräfin nicht gerade abwesend wäre, die Ehre eines Besuches gönnen. Andern Tags schon kam folgende Antwort:

„Theure Freundin! In diesem Augenblick … erhalte ich Ihre Zeilen, sende sogleich einen reitenden Boten nach der Post, damit meine Antwort noch die Eisenbahn erreiche. Kommen Sie, kommen Sie, Alle, mein Herz hat Raum für Alle und für Alles. Schenken Sie mir die ganze Zeit, Mittags, Abends, die ganze Zeit… Ihre treue Freundin in Plauen – A. K.“

Auch das Couvert trug die Spuren der Hast und der ängstlichen Sorge der Gräfin, sich diesen Besuch um keinen Preis entgehen zu lassen. Dort hatte sie eigenhändig bemerkt, daß der Brief durch einen Expressen „noch heute“ bestellt werde.


Der 20. war ein recht unfreundlicher Apriltag. Regen und Sturm luden nicht gerade dazu ein, uns Kinder früher als gewöhnlich zu wecken. Wir fuhren daher erst mit dem Zwölfuhrzug und stiegen im Hotel L………………g ab, das wir stets bei einem Aufenthalte in Dresden bezogen hatten. Wenige Monate vorher, bei Gelegenheit der Unterhandlungen mit dem sächsischen Ministerium über die Auslieferung von Vaters Leiche, war meine Mutter hier gewesen; um so mehr mußte ihr der Wechsel in der Person des Wirthes auffallen, der sich bei der freundlichen Theilnahme des frühern Besitzers sehr fühlbar machte. Indessen Zeit zu Fragen war nicht gegeben – der Hotelwagen, der uns zur Gräfin bringen sollte, war vorgefahren.

In einer halben Stunde hatten wir die ersten Häuser von Plauen erreicht. Einen Steinwurf weiter, rechts von der Landstraße, tauchte ein gelbangestrichenes, einstöckiges, vielfensteriges Haus auf, das wohl nur bei einer so höflichen Bevölkerung, wie der Sachsens, sich den stolzen Namen „das Schloß“ erobern konnte. Als der Wagen vor dem Hausthor hielt, dessen angrenzendes Spalier in einen geräumigen Hofraum blicken ließ, war der Totaleindruck der gräflichen Behausung, soweit sie sich von außen beurtheilen ließ, nichts weniger als einladend. Alle Fenster des Hauses waren durch verschossene grün-gelbliche Läden dicht verschlossen und die paar im Erdgeschoß dem Lichte zugänglichen dicht verhangen.

Als der Wagen davoneilte, standen wir frierend in dem rauhen Winde vor dem Thore, das sich dem Klingeln der Mutter nicht öffnen wollte, bis endlich am Parterrefenster hastig ein runzliges Gesicht hinter dem Vorhang hervorhuschte und dann ebenso plötzlich wieder verschwand. Erst geraume Zeit später erschien dieses [23] runzlige Gesicht in Lebensgröße am Thor und fragte mürrisch nach unserem Begehr. Meine Mutter nannte den Namen, worauf wir etwas freundlicher eingelassen wurden. Die Dienerin, anscheinend der Inbegriff aller gräflichen Hausmacht, führte uns über die mit Unkraut und Gras überwachsenen Pflastersteine des Hofes nach der Rückseite des Hauses, wo sie uns in einer feuchtkalten, mit Stein belegten offenen Vorhalle stehen ließ, um mit ein paar unverständlichen Worten wieder zu verschwinden. Hier lagen Tische und Bänke und Stühle unordentlich übereinander. Der Garten und seine Geräthschaften mußten wohl noch lange warten, bis der Frühling einzog in dies frostige Haus und die winterlichen Herzen seiner Bewohner!

Ich werde den Eindruck nie vergessen, den das Erscheinen der Gräfin, die uns eben hier zuerst empfing, auf mich machte. Ich habe nie wieder eine so aristokratische Gestalt in so schmutzig-plebejischem Aufzuge oder, um mit den Aesthetikern zu reden, nie wieder eine so vollendete Idee in so widersprechender Form gesehen. Die Gräfin Kielmansegge war damals schon eine greise Frau – aber ungebrochen hatte dieser stolze Nacken die Stürme überdauert, die Europa seit mehr als zwei Menschenaltern durchzogen und auch sie oftmals gewaltig erfaßt hatten. Eine Säule von ehedem stand sie da, hoch und schlank, in dem sichern Bewußtsein eines tadellos aristokratischen savoir vivre. Ihre feinen, regelmäßigen Züge verriethen meiner prüfenden Mutter schnell die letzten Spuren jener gefeierten Schönheit, auf welche einst der erste Napoleon bewundernd geblickt haben soll. Und konnten diese gemüthslosen, kalten, blauen Augen, diese harten, marmornen Züge wirklich jenes innere Feuer verbergen, das in den Briefen an meine Mutter lebendig hervortrat, dann hatte sie entweder eine außerordentliche Gewalt über den Spiegel ihrer Seele, oder sie war einer der selbst unter Männern seltenen Charaktere, bei denen jede Geberde, jedes Wort, jede That den Stempel einer innern Nothwendigkeit trägt, an denen jeder Zoll ein Wille, ein Charakter ist und die darum dem gewöhnlichen Sterblichen mit undurchdringlicher Kälte und Herzlosigkeit behaftet erscheinen. Wenn aber einmal – was nur selten geschah – das schlafende Feuer seine Hülle zersprengte, dann bot ihr Antlitz den erschreckendsten Ausdruck dar. Wie ein heimlicher Krater plötzlich eine friedliche Landschaft mit Lavaströmen tränkt, wenn seine verhaltene Lohe emporschießt, so flog alsdann über diese sonst regungslosen Muskeln ein jähes, dämonisches Feuer, ein Zucken und Wühlen und Arbeiten, das plötzlich wieder zu einem souverainen Lächeln erstarrte.

Im grellsten Widerspruch mit diesem imponirenden Aeußern stand die Gewandung, in der sie erschien. Ihre hohe Stirn war fast vollkommen bedeckt durch eine große Haube mit breiter enganliegender Spitze. Ein Ueberrock vom ordinärsten baumwollnen Stoff, grau und schwarz gewürfelt, umgab schmucklos die ganze Gestalt und reichte kaum bis zum Knöchel. Alles dies rief unwillkürlich den Gedanken an ein klösterlich büßendes Wesen hervor, ein Gedanke, den die einsiedlerische Lage dieser Behausung, die Dürftigkeit der ganzen fahrenden Habe und der äußerst einfache Apparat der gräflichen Bedienung wahrlich nicht Lügen strafte. Spleen, Weltüberdruß oder Geiz konnten nicht die Ursachen der außerordentlichen Verwahrlosung des Gutes und deren Eigentümerin sein; denn Spleen und Weltüberdruß paßten schlecht zu der allgemein bekannten Thatsache, daß die Gräfin sehr oft zu Hofe ging, und zwar in ihrem oben geschilderten Aufzuge, und an ihrer Freigebigkeit durften wenigstens wir nicht zweifeln. Eine geheimnißvolle starke Macht, stark genug für eine so stolze und früher so weltliche Dame, mußte also gebieterisch über ihr schweben und ihr als Buße für weiß Gott welche Vergehen diese eigenthümliche Tracht und Abgelegenheit des Wohnsitzes auferlegen. In wessen Händen ruhte solche Macht? Und was war die Veranlassung zu solcher Kasteiung? Die Gräfin hat uns die Antwort darauf nie gegeben.

Die ersten Worte des Willkommens waren nicht so herzlich, wie wir nach der Gräfin Briefen hätten erwarten dürfen, aber immerhin warm genug für eine Greisin von solchem Aussehen. Es schien eine unmuthige Laune sich ihrer augenblicklich bemächtigt zu haben. Sie schritt uns wortlos voran und öffnete auf der rechten Seite der Vorhalle eine Thür, durch die sie uns eintreten hieß. Wir befanden uns nun in einem kleinen Zimmer mit gelb getünchten Wänden und höchst ärmlichem Meublement.

„Dieses Zimmer,“ begann die Gräfin, „wird von meiner Nichte bewohnt, wenn sie mich besucht. Indessen, bitte, nehmen Sie Platz. Ich bedaure außerordentlich, Sie nicht schon heute Morgen am Bahnhöfe getroffen zu haben.“

„Sie waren so freundlich uns abholen zu wollen, Frau Gräfin. Wir konnten leider nickt früher abreisen,“ sagte meine Mutter. „Vielleicht ließen Sie unsertwegen Ihre Equipage umsonst nach Dresden fahren?“

„Equipage?“ fragte die Gräfin verwundert, und der Unmnth von vorhin machte einem flüchtigen Lächeln Platz. „Equipage?“ fuhr sie fort, ohne eine Frage meiner erstaunten Mutter abzuwarten. „Glauben Sie, daß ich meine Wege nach der Stadt zu Wagen mache? Ich gehe immer zu Fuß. Nun, betrüben Sie sich nicht. Ich habe meinen Aufenthalt in Dresden benützt, den jungen Herren hier ein kleines Andenken für die Schweiz zu besorgen.“

Später kam nicht mehr die Rede auf dies Andenken.

„Wo gedenken Sie sich in Dresden aufzuhalten?“

„Im Hotel L…………..g.“

„Also sind Sie da eingekehrt?“

„Ja, ich war dort durch, einen neuen Wirth unangenehm überrascht.“

„Also gefällt es Ihnen nicht? Nun, ich weiß nicht, ob Sie und Ihre Kinder Anspruch machen; – oben habe ich zwar Raum und Betten genug, aber zum Empfang für Gäste nicht geordnet. – Wenn Sie mit Ihrem Töchterchen Platz genug in diesem Bette finden und die beiden jungen Herren in einem Bett in der anstoßenden Kammer, so bleiben Sie bei mir über Nacht.“

„Da wir jedenfalls morgen wieder nach Leipzig zurück müssen, werden wir kaum auf so kurze Zeit die Ordnung Ihres Hauses stören dürfen.“

„Fühlen Sie sich doch hier zu Hause, werthe Frau; andern Tags begleite ich Sie nach Dresden, vor Ihrer Abreise thun Sie mir den Gefallen mit mir in Stadt N…………………..g, meinem Absteigequartier, zu speisen, und heute Abend wollen wir in Plauen, also ganz in der Nähe, soupiren.“

Nachdem noch die Gräfin versprochen, aus dem Gasthof in Plauen Jemand zur Besorgung unserer Wäsche nach unserem Hotel abzusenden, bot sie uns eine Erfrischung. Wir baten um ein Glas Milch und ergingen uns dann längere Zeit in dem höchst unheimlichen Park der Gräfin, an dessen Grenze das düstere Wasser der Weißeritz vorüberrauschte.

Unterdessen war die Dunkelheit vollständig hereingebrochen und die Gräfin, wie sie ging und stand, geleitete uns, nachdem unser Schwesterchen schlafen gegangen war, nach dem Gasthof in Plauen. Gleich am Eingang desselben stießen wir in der Person des Wirthes auf ein bekanntes Gesicht. Es war der meiner Mutter durch frühere Besuche in Dresden bekannte Besitzer des Hotel L…………….g in Dresden, unserem Absteigequartier. Allein der Ausdruck des beiderseitigen Wiedersehens war ein sehr verschiedener. Während meine Mutter ihre Freude nicht verhehlte, konnte der Wirth die höchste Bestürzung nicht verbergen, als er sah, daß wir die ihm angemeldeten Gäste der Gräfin Kielmansegge seien, und als die Gräfin uns Jungen die Treppe hinaufführte und uns fragte, ob wir den Herrn kännten, hatte der Wirth selbst Zeit genug, der Mutter aufs Eindringlichste zu bedeuten, daß er dafür sorgen werde, noch diesen Abend in Betreff der Gräfin mit ihr zu sprechen. Als der Wirth die Suppe servirte, bat ihn die Gräfin, sogleich Jemand wegen unserer Wäsche in die Stadt zu senden.

Der Wirth kam, als er den ersten Gang auftrug, wieder herauf und meldete, daß er für den Weg allerdings Jemand aus dem Dorfe gefunden habe, der Bursche aber etwas schwer von Begriffen sei und die Gräfin daher gestatten möge, daß Frau Blum, theils wegen seiner Instruction, theils wegen der Ausfertigung seiner Legitimation, sich einen Augenblick hinunter bemühe.

Wenn der arme Bursche gewußt hätte, was droben über ihn behauptet wurde, er würde ohne Zweifel den Wirth wegen Injurie verklagt haben, denn ein paar Secunden reichten aus ihn vollständig für seinen Gang auszurüsten. Kaum war aber der Wirth mit der Mutter allein, als er ausrief: „Vor Allem, wie kommen Sie mit der Frau zusammen?“

Meine Mutter erzählte es ihm.

„Das ist Alles ein feinangelegtes, raffinirtes Spiel!“ setzte er in großer Aufregung hinzu. „Zuerst sendet sie Ihnen hundert [24] Thaler in der schonendsten Weise, dann lockt sie Sie als Leidensschwester an sich, dann mit expressen Boten, bis sie Sie sicher im Netz hat.“

„Das klingt ja entsetzlich, Verehrter!“ entgegnete lächelnd meine Mutter. „Was denken Sie denn, daß die Gräfin mit uns vorhat?“

„Ja, wenn ich das wüßte, würde ich mit der Hülfe des Gerichtes, nicht mit meiner schwachen Einsicht zu Ihnen reden. Aber bitte, sprechen Sie, ist Ihnen denn bisher gar nichts Verdächtiges an ihr aufgefallen?“

Die Mutter recapitulirte rasch jedes irgendwie verdächtige Wort der Gräfin, als sie der Wirth unterbrach:

„Fragen Sie sie doch einmal, wohin ihre beiden Männer gekommen sind, die so plötzlich starben, fragen Sie sie einmal, beste Frau. Die Leute hier draußen erzählen, sie sei schon auf Tod und Leben angeklagt gewesen und der Proceß plötzlich niedergeschlagen worden durch hohe Verwandte in Rußland, und seither müsse sie etwas um den Hals tragen – doch das mag Alles hinzugedichtet sein. Fragen Sie sie einmal, ob sie nicht zu dem ver– Jesuitenorden gehöre, – Gott verzeihe mir meine Sünden! – und ihr der Orden ihre Tracht, ihr Kloster, Geißelung und all den Firlefanz auferlegt hat zur Sühne. Und sehen Sie, beste Frau, da will mir der Gedanke nicht aus dem Kopfe, der mir gleich hineinschoß, als ich Ihrer ansichtig wurde, ob sie nicht mit Ihnen oder Ihren lieben Kindern etwas Teuflisches vorhat, um ihre Buße schneller abzuquirlen. Deshalb, beste Frau Blum, gehen Sie nicht zurück, bleiben Sie unter meinem Dache!“

„Selbst wenn Alles wahr wäre, was Sie sagen, verehrter Freund – das geht nicht!“ entgegnete meine Mutter.

„Nicht? So hören Sie noch Eines! Ich sehe oft vornehme Herren von Dresden hier, und da habe ich zufällig auch erfahren, daß die Gräfin Briefe wechselt, wissen Sie mit wem?“

„Nun?“

„Mit Windischgrätz, Frau Blum!“

„Nun, wenn auch das noch wahr wäre, was wir ja Beide nicht ohne Weiteres annehmen können, so könnten wir doch nicht hier bleiben. Mein Töchterchen ist noch im Hause der Kielmansegge. Wenn ich der Gräfin Wunsch befolgen könnte und wollte,“ setzte sie lächelnd hinzu, „so müßte ich sie ihr auf immer lassen.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte er wirklich ängstlich.

„Die Gräfin, die Sie so sehr zu fürchten scheinen, hat mich auf’s Dringendste gebeten, meine Tochter ihr zur Erziehung zu überlassen.“

„Frau Blum! Um Gotteswillen . .

„Sie können sich wohl denken, daß ich unter keinen Umständen Ja sagen würde.“

„Gewiß, ich werde also Ihr Töchterchen holen lassen.“

„Nein, werthester Freund, lassen Sie das! Meine Kinder und ich werden diese Nacht noch in ihrem Hause schlafen, und verlassen sie ohnehin schon morgen. Ich habe keine Furcht, selbst wenn all das wahr wäre oder wahr ist, was Sie mir sagten. An offene Gewalt kann und wird sie nicht denken, und gegen etwaige List und Ränke werde ich, Dank Ihrer freundlichen Warnung, gewaffnet sein. Nun, seien Sie unbesorgt!“

Sie reichte ihm die Hand und wandte sich nach oben, während er ihr besorgt und kopfschüttelnd die Thür öffnete.



Schluß folgt.)



Erinnerungen an Heinrich Heine.
Von Heinrich Laube.


II.

Mit welchem Stolze würde es Heine erfüllen, hätte er die Anerkennung erlebt, welche die Franzosen seinem Einflüsse zu Theil werden ließen! Damals (1839) nach neunjährigem Aufenthalte in Paris war er wohl schon mit allen notablen Autoren Frankreichs bekannt, mit einigen auch befreundet. Aber die Bekanntschaft und Freundschaft war doch noch eine unsichere. Heine kannte sie, sie aber vermutheten nur, ihn zu kennen. Deutsch verstand natürlich keiner, und die Bruchstücke von Uebersetzungen Heine’scher Schriften waren eben nur Bruchstücke. Sie flößten Respect ein und weckten die Ahnung von einem sehr eigenthümlichen, geistig sehr überlegenen Poeten, dessen ganzer Umriß noch in Nebel zerrann. Erst in den fünfziger Jahren, als Heine auf traurigem Siechbette die Übersetzung seiner Schriften in’s Französische mit eben solcher Sorgfalt und Genauigkeit betrieb, wie er die kleinen stachligen Verszeilen seiner Gedichte zehnmal zu redigiren strebte, erst da bildete sich die Heine’sche Gestalt in festen Umrissen aus vor den aufmerksamen Franzosen, erst da begann sein deutlicher Einfluß auf junge französische Autoren, welchen Veuillot in den sechziger Jahren so ärgerlich kennzeichnen mochte als antikirchlich und verderblich.

Die älteren Schriftsteller, mit denen Heine damals befreundet oder wenigstens bekannt war, verkehrten sehr zuvorkommend mit ihm und sehr artig. Ich konnte die Nuancen dieses Verkehrs studiren, denn Heine nahm sich die Mühe, mich mit den meisten derselben persönlich bekannt zu machen. Nicht in Gesellschaften, wo man eben nur vorgestellt wird, sondern indem er mich zu ihnen in’s Haus führte. Dies ist in Frankreich nicht leicht, der französische Schriftsteller ist sehr karg mit feiner Zeit, und namentlich Ausländer interessiren ihn herzlich wenig. Einer Heine’schen Anfrage aber zeigten sie sich alle zugänglich, selbst Victor Hugo, dessen Schwulst und Bombast dem Spotte Heine’s näher lagen als der Verehrung. So lange die gegenseitige Abneigung nicht schriftlich und grell manifestirt worden, verdecken die französischen Autoren die inneren Antipathien recht geflissentlich und zeigen sich freundlichst als Männer von Welt, die Höflichkeit einschiebend als einen Wall von Blumen. Davon hatte auch Heine viel mehr gelernt, als ich ihm zugetraut, und sein artiger Umgang mit französischen Poeten, deren Poesien ihm gar nicht zusagten, verrieth keinen Zug des rücksichtslosen deutschen Schriftstellers. Nur gegen den deutschen Landsmann, gegen mich, verleugnete er bei diesen Besuchen nicht immer die heimathliche Art. Bei Alfred de Vigny zum Beispiele, der mit einer recht langweiligen, dicken Engländerin verheirathet war, überantwortete er mich unbarmherzig dieser Ehehälfte und unterhielt sich abgesondert mit de Vigny. Glücklicherweise kam mir dieser selbst, ein feiner, etwas melancholischer Cavalier, endlich zu Hülse, Heine aber lachte wie ein Straßenjunge der „Reisebilder“, als wir herauskamen und ich ihn ernstlichst versicherte: es sei mir weniger um die Bekanntschaft dieser gewiß sehr braven Engländerin zu thun gewesen. „Sehr brav!“ fügte er seinem Lachen hinzu, „und de Vigny ist sehr dankbar, wenn ihm die Kosten häuslicher Unterhaltung eine Weile abgenommen werden.“

Am vertrautesten war er mit Jules Janin, Alexander Dumas Vater und Gautier. Ihnen ergänzte er durch mündliche Unterhaltung, was sie aus seinen unverständlichen deutschen Schriften nicht erfuhren – den witzigen Geist. Er sprach gerade nicht besonders gut französisch, weil er in guter Stimmung und bei frischem Gedächtniß sein mußte, wenn die fremde Sprache ihm leicht fließen sollte, aber er sprach charakteristisch. Wie er sich im Deutschen immer genau die überraschenden und treffenden Ausdrücke hervor suchte, so hatte er sich auch im Französischen vorbereitet. Der schlagende Ausdruck war ein immerwährendes Studium Heine’s. Tagelang prüfte und fragte er: wie drückt man diesen Begriff, wie drückt man dieses Wort am besten im Französischen aus? „Ich hab’s!“ – rief er eines Tages bei mir eintretend – „ich hab’s! Les élèves de Charles! muß man Carlsschüler übersetzen.“ Mit dieser simplen Entdeckung hatte er sich tagelang beschäftigt. Aber gerade dadurch war er eindrucksvoll auf die Franzosen. Die Ausfüll-Phrasen wurden gleichgültig, weil die entscheidenden Punkte trefflich zum Vorschein kamen. Er war ihnen wie ein Gesicht, von welchem man nur die prächtigen Augen sieht und beachtet.

Uebrigens war er in guter Stimmung vollkommen befähigt, ein inhaltsvolles Gespräch mit den begabtesten Franzosen so zu führen, daß [25] er ganz wie Ihresgleichen erschien. Bei einem Morgenbesuche habe ich das einmal erfahren, zu welchem uns George Sand annahm, obwohl sie eben erst aus dem Bette aufgestanden war. Sein Verhältniß zu ihr war ein sehr freundschaftliches. Sie war Heine’s frivolen Wendungen fremd, aber sie hatte doch Achtung vor seinem Geiste. Es fanden sich zu diesem Lever allmählich recht verschiedene, aber lauter interessante Personen ein: der Musiker Chopin, damals Günstling der Sand, der Schauspieler Boccage, ein geistvoller Mann, ein Rochefoucauld (Sosthène) mit Traditionsgedanken des französischen Adels, und endlich Lamennais. Zwischen ihm und der Sand gab es ein inneres Bündniß religiösen Sinnes. Er übersah ihre sinnlichen Bedürfnisse, sie übersah seine kirchlichen Anknüpfungen und Wünsche. Das ehrliche, religiöse Herz war ihnen gemeinschaftlich, ihr beiderseitiges Verhältniß zu Heine war der freie Geist, welchen ihm Beide zutrauten und welchen Heine an jenem Morgen gegen Lamennais fast mißbrauchte – zu meinem Erstaunen mißbrauchen konnte, denn es gehörte dazu eine volle Beherrschung der französischen Sprache. Er hatte mir zugeflüstert, daß Lamennais einmal nahe daran gewesen, Papst werden zu können, und daß es den gesellig schüchternen Mann in Verlegenheit setzen werde, wenn das Gespräch nach dieser Richtung hin geleitet würde. Dies that Heine, und zwar in den mannigfaltigsten sarkastischsten Wendungen. An jenem Morgen sprach er französisch, wie ich es nie wieder von ihm gehört; ein Beweis, wie sehr er Mensch der Stimmung war und wie viel Vorbereitetes in ihm zerstreut lag, was bei erhöhter Stimmung zu einer mächtigen Wirkung gesammelt werden konnte.

Im Grunde war es mit seiner deutschen Rede nicht viel anders. Kopfweh war seine immer wiederkehrende Noth. Er glich oft einer hysterischen Frau, die ewige Krisen in Migräne durchmacht. Da sprach er dann abgebrochen und wüst, die Sätze nur halb fertig, die nothwendigsten Worte oft mühsam suchend. Man meinte, eine verdrießliche Unfähigkeit vor sich zu haben. Hunderten von deutschen Besuchern hat er damit den widerwärtigsten Eindruck gemacht, denn Geringschätzung Anderer, Ungezogenheit vielfältigster Art fehlten selten dabei; wohl aber fehlte Alles, was man human nennt. Und derselbe Mensch war in der nächsten Stunde ein ganz anderer. Körperlich wohler und gut angeregt von den Gegenständen des Gesprächs, oder auch nur von den Sprechenden, denen er schmeicheln oder die er bekämpfen wollte, entwickelte er eine Suada voll Inhalt, Raschheit und Lebendigkeit.

Seine Stimme war Tenor, weich und angenehm, wenn er guter Laune war. Er konnte dann fein schmeicheln und so liebenswürdig sein, wie er’s mit Franzosen war, auch mit denen, die ihm gleichgültig waren. Sein Auge war nicht groß, aber sehr fein. Es schloß sich auch noch zur Hälfte, wenn sein Antlitz in Bewegung gerieth. Trotzdem war es sehr beredt, und besonders für alles Schalkhafte und Schlimme äußerst hülfreich. Ebenso sein Mund, welcher die abwechselnden Stimmungen treulich begleitete. Er spielte eine große Rolle im Gesicht, da Heine immer sauber und vollständig rasirt war. Ich habe ihn nie mit einem Barte gesehen. Sein länglich volles Gesicht war von zartem Teint und wohlgefärbt, das weiche Haar blondbraun, die Nase leicht gebogen und gut geformt, Stirn und Kinn kräftig. Der ganze Kopf, reich ausgebildet, trat Einem entgegen wie der Kopf eines sinnlichen Weltgeistlichen, oder auch wie der eines hinterhältigen Diplomaten, welcher geneigt ist, die wichtigsten Dinge rasch und beiläufig abzufertigen. Dieser Kopf saß auf einem kurzen Halse und auf einem mittelgroßen Körper, welcher wohlgenährt, ganz ohne Taille und von weißem, schönem Fleische war. Seine Hände namentlich waren weiß und fleischig. Nichts an ihm – vielleicht der etwas platte Fuß ausgenommen – erinnerte an den Typus der jüdischen Race. Er erschien immer sauber, auch wenn er sich vernachlässigte, und trug feine Wäsche. Ueberhaupt war in seinen Bewegungen etwas Weiches und Geschmeidiges, so daß man auf den Gedanken kam, er habe viel mit Frauen verkehrt. Das war denn auch so. Eine große sinnliche Reizbarkeit hat ihn durch’s ganze Leben begleitet, und ihr hat er nachgegeben bis zur Schwäche, bis zur Schwächung seines Lebensmarks. Die grimmige Krankheit, welche schon 1846 begann und ihn ein ganzes Jahrzehnt zu Tode gepeinigt hat, ist von einer Beschädigung des Rückenmarks ausgegangen und hat keine Heilung zugelassen.

1839 und 1840, die Zeit, während welcher ich fast ein Jahr persönlich mit ihm verkehrt, war noch frei von jeder schweren körperlichen Sorge. Er war glücklich und heiter, soweit er dies eben sein konnte bei einem Wesen, welches für seine Sicherheit und seinen Ruhm Tag und Nacht sorgen zu müssen glaubte, welches der Mehrzahl gebildeter Menschen schlechte Absichten und tief angelegte Intriguen zutraute. Er hatte etwas von einem Raubthier, das ununterbrochen auf der Hut ist, und hierin am meisten zeigte sich seine Herkunft von einem verfolgten Geschlechte. Wenn ich ihn mahnte, diese Unruhe doch endlich einmal aufzugeben, dann rief er halb grimmig, halb komisch: „Wie kann ich aus meiner Haut, die aus Palästina stammt, und welche von den Christen gegerbt wird seit achtzehnhundert Jahren! Das Taufwasser von Langensalza hat daran nichts verbessert, und der Ausdruck ,ewiger Jude’ hat tausendfache Bedeutung!“

Um diese Zeit – 1839 – hatte er ein Liebesverhältniß zu einem Eheverhältnisse erhoben. Das heißt im Pariser Sinne, welcher dazu weder Zeugen noch Autoritäten in Anspruch nimmt und trotz dieser fehlenden Bestätigung zu den Pflichten der Monogamie sich bekennt. Er stellte ein junges, stattliches Mädchen als seine junge Frau vor. Sie war eine volle Figur mit heiterem runden Antlitz und von angenehmem Wesen. Heine hatte die größte Freude an ihrem naiven fröhlichen Naturell und hat diese Freude an ihr nie verloren. Stets, bis zu seinem letzten Athemzuge, hat er sich glücklich gepriesen in ihrem Besitze, und er selbst hatte immer etwas Naives und Kindliches, wenn er von ihr erzählte und sie schilderte. In keinem andern Verhältnisse habe ich ihn so viel kleine liebenswürdige Züge und Wendungen enthüllen sehen, welche aus seinen besten Gedichten mit Kindesaugen hervorblicken.

Er war durchaus lieb und gut und fein und liebenswürdig mit seiner sogenannten „kleinen Frau“. Daß sie nichts von seinen Schriften verstand, war für ihn ein Triumph. „Sie liebt mich persönlichst, und die Kritik hat dabei gar nichts zu thun!“ rief er vergnügt. In der That war das sehr drollig, wenn sie fragte, ob es denn wahr wäre, daß ihr Henri ein berühmter Dichter sei? Sie fand das sehr anmuthig und wollte mit der Zeit auch Deutsch lernen. Ich erinnere mich nicht, daß ihr diese Zeit gekommen wäre. Heine war aber doch darauf bedacht, sie auch systematisch in Kenntnissen und Bildung weiter zu bringen: er gab sie in ein Pensionat und besuchte sie nur Sonntags. Eines Sonntags nahm er uns mit. Die jungen Pensionärinnen hätten einen kleinen Ball, und wir sollten seine „kleine Frau“ tanzen sehen. Sie war bei Weitem die größte unter allen, tanzte aber zum Entzücken ihres Mannes mädchenhaft und graziös, wie der kleinste Backfisch. Wie glücklich war er damals, wie unbefangen im Zauberkreise der Neigung! Jede Stufe der fortschreitenden Schulbildung gab ihm Stoff zu lustigen Betrachtungen, besonders in Geographie und Geschichte. Daß sie die Reihe der ägyptischen Könige jetzt besser auswendig wußte, als er selbst, und daß sie ihn belehrt habe über den wunderlichen Vorfall mit der wollespinnenden Lucretia, das fand er reizend über die Maßen.

In so behaglicher Epoche seines Lebens hatte er das polemische Buch über Borne geschrieben, treu seiner innersten Natur, immer auf dem Kriegsfuße zu bleiben und für jede Stunde sich eines siegreichen Feldzugs fähig zu erweisen. Lächelnd gab er mir das Manuscript und war sehr erstaunt ob meiner Bestürzung. Ich war aus tausend Gründen dagegen. Zunächst aus strategischen im Sinne der liberalen Operationsarmee. Wozu diesen Zwiespalt der liberalen Kräfte enthüllen und erweitern?! Ganz ohne Noth und Zwang. Alsdann aus literarischen Gründen. Ich suchte ihm auseinander zu setzen, wie tief der Unterschied sei zwischen ihm und Börne, der Unterschied der Aufgaben und Fähigkeiten; daß Börne einen Parteikampf zu führen gehabt und mit scharfem Talente, mit unleugbarer Bravour geführt; daß Heine dagegen größere Fähigkeiten, größere Aufgaben zu lösen habe. Das Schicksal des Menschen, nicht blos das Schicksal des Staatsbürgers, sei ihm überantwortet für sein Talent und seinen Geist. Heine verleugne seinen weiteren Beruf, wenn er ohne dringende Nöthigung ein Duell aufführe wegen persönlicher Differenzen in untergeordneten Dingen.

Es war umsonst. Der Trieb nach persönlicher Rache, oder wenigstens nach persönlicher Genugthuung, war zu stark in Heine’s Naturell. „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn“, war jüdisch-biblisch tief eingeprägt in sein Wesen. – „Nun denn,“ schloß ich nach tagelangen Debatten, „wenn Du also dem Gelüste absolut nicht [26] entsagen kannst, dann adle es wenigstens durch eine Zuthat, welche über Börne hinaus ragt!“

„Wie das?“

„Setze mitten in diese Invectiven hinein einen Berg, welcher Deine höheren und weiteren Anschauungen der Welt erhebend darstellt. Sein Inhalt wird den Lesern die Ueberzeugung einflößen, die Polemik vor und hinter diesem Berge sei eine leichte Zuthat, welche erklärt und entschuldigt werde durch Dein’ persönliches Bedürfniß, historisch vollständig zu sein, historisch aufzuräumen.“

Das leuchtete ihm ein. „Das ist der Rede werth!“ sagte er und ging fort. Und als er wieder kam, legte er die Hand über beide Augen, wie er zu thun pflegte, wenn er etwas reiflich Ueberdachtes aussprechen wollte, und sprach: „Mit dem ,Berge’ hast Du Recht. Ich werde ihn errichten.“ Und so sprach er nun Tag um Tag: „Der Berg ist angefangen! Der Berg wächst, der Berg erhebt sich!“

Dies war sein letztes Wort, als wir Abschied nahmen. Ich verließ Paris, ehe das Buch fertig, war, und war recht enttäuscht, als ich einige Monate später in Deutschland das Buch erhielt, und als angekündigten Berg darin nichts weiter fand, als die Freiheitshymnen aus Helgoland, welche er in die Mitte eingeschoben. Das war freilich meine Meinung nicht gewesen, so wohlfeil hatte ich mir den Berg nicht vorgestellt. Aber kleinlaut mußte ich mir doch auch eingestehen, daß man auf einen Künstler nicht einwirken könne, wie auf einen bloßen Schriftsteller, und daß Heine auf dem letzten Grunde seiner innersten Natur immer Künstler sei und bleibe, welcher nicht lehrsam sich äußern könne, sondern immer eine Strömung der Leidenschaft suche.

Sieben Jahre lang sah ich ihn nicht wieder. Nach den Stürmen, welche er durch das Börne-Buch über sich heraufbeschworen und welche ihm auch eine leichte körperliche Verwundung eintrugen in einem Zweikampfe mit Herrn Strauß, dem Gatten der von Heine verunglimpften Freundin Börne’s, kam ein längerer Friede über ihn. Er neigte wieder vorzugsweise dem Verse zu und künstlerischen Stoffen. Satirische Wendung erleichterte ihm den Uebergang. Er sandte mir plötzlich den „Atta Troll“ nach Leipzig zum Abdrucke in der „Zeitung für die elegante Welt“, welche ich redigirte. Im schönsten Manuscripte auf bestem Briefpapier. Seine Handschrift war sauber und erinnerte an eine Kaufmannshand, welche viel Allotria getrieben: bei ruhiger Abschrift ganz kaufmännisch fest und nur in starken Grundstrichen über den geschäftlichen Charakter hinausgehend, bei eiliger Zuschrift ohne diese Grundstriche und in dünne Undeutlichkeit hinfahrend. Ueberhaupt war von seiner Familie ein positiver Kaufmannsrest in ihm verblieben. Er war genau in Geldfragen, er berechnete Auflagen und Honorar sehr pünktlich, er machte mit Behendigkeit Ueberschläge, er speculirte unter classenmäßiger Eintheilung und Abtheilung des Publicums auf das Lese- wie Kaufpublicum, er that sich was zu Gute aus literarische Geschäftskenntniß. Die Leser seiner endlosen Briefe an Campe werden das mit Seufzen bemerken. Aber nach allen Vorbereitungen der Ziffern war doch ein Windstoß der öffentlichen Meinung, war irgend eine höhere Wendung der Dinge hinreichend, diesen ganzen Ziffernbau wie ein Kartenhaus in ihm umzublasen. Der Poet und der Gentleman sprangen dann auf in ihm und ließen jeglichen Streit um Geldvortheile ohne Beachtung. Aehnlich war er auch im übrigen Privatleben. Seinen Zuschnitt machte er sparsam, wenn aber der Tag ein kostspieligeres Bedürfniß herbeiführte, wenn ein bittender Anspruch ihn von Sorgen unbehelligt fand, oder wenn gar seine „kleine Frau“ einen Luxuswunsch verrieth, dann war er poetisch freigebig.

Ebenso war auch seinen mit fester Hand niedergeschriebenen Manuscripten nicht bis an’s Ende zu trauen. Das Ende heißt hier der Abdruck. Ehe der Abdruck vollendet war, regnete es Abänderungen, und das endlich druckreife Manuscript hatte bis dahin sein sauber gewaschenes Antlitz total verloren. Der gewissenhafte Herausgeber seiner „Gesammelten Werke“, die ja bekanntlich erst nach Heine’s Tod erschienen sind, hat zum Schrecken poetischer Leser diesem Heine’schen Bedürfnisse artistischer Correcturen Rechnung getragen und alle Varianten unter dem Texte angeführt. Hoffentlich nur für die erste Auflage!

Die Censur begünstigte diese Neigung Heine’s zu Varianten, indem sie ihn zu Aenderungen nöthigte. Der verstorbene Historiker Wachomuth censirte den Atta Troll und entsetzte sich pflichtgemäß über zahlreiche Partien des satirischen Gedichts. Wachsmuth kennend und die Linie kennend, welche er einhalten mußte, schrieb ich immer Heine sogleich nach Empfang eines neuen Heftes: dies und dies wird gestrichen werden, sorge für Ersatz! – Und in kürzester Frist erhielt ich einen neuen Text. Manchmal hatte ich Wachsmuth’s niederdeutschen Charakter, der mitunter stark humoristische Accente vertrug, irrthümlich unterschätzt, und die Heine’sche Variante ist ungedruckt in meinen Händen geblieben. Ich hab’ es auch glücklicherweise unterlassen, sie dem Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ mitzutheilen.

Erst im Frühjahre 1847 kam ich wieder nach Paris. Wie fand ich den Mann wieder, den ich als feisten Abbé des Lebenscultus verlassen hatte! Nie werde ich den Eindruck vergessen, als er mir zum ersten Male wieder vor Augen kam. Ich war irrthümlich in seiner Wohnung abgewiesen worden – er hielt seine Thür fest verschlossen – und er hatte mir geschrieben: um elf Uhr komme ich! In einem kleinen Hotel der Rue Daugivilliers beim Louvre hatte ich Unterkommen gefunden. Hotel und Straße sind verschwunden unter der Lichtmachung, welche Haußmann dem alten Paris angeordnet hat, damit der Luft, dem Lichte und den Kartätschen eine freie Bahn eröffnet werde. Mein Zimmer hatte die Aussicht auf den freien Platz zwischen dem neuen Louvre und der Kirche St. Germain l’Auxerrois, auf denselben Platz, welcher in der Julirevolution den blutigsten Kampf, die tapfere Vertheidigung der Schweizer, gesehen hatte. Der Blick war frei bis zur Seine hinüber. Dorr hielt ein Omnibus an. Ein kleiner Mann kroch langsam aus dem Wagenkasten und tastete mit einem dicken Stocke vorsichtig über den Platz herüber. Die Frühlingssonne schien hell. Für diesen Mann nicht hell genug. Er blieb mehrmals stehen, rückte den Kopf in den Nacken zurück und griff mit der Hand an sein Auge. Mit den Fingern schob er sein Augenlid in die Höhe, es hatte nicht mehr die selbständige Kraft, sich aufzuschlagen – der in zwei Paletots gehüllte Mann suchte die Aufschrift meines Hotels. Der blasse Mann war Heinrich Heine!

Er trug sein Leiden mit großer Standhaftigkeit, ja er entwickelte kaltblütig die sicheren Fortschritte, die entsetzlichen Steigerungen und das schmerzhafte Ende desselben, und er entwickelte diese Zukunft ganz in der grausam witzigen Form, welche er in seinen Schriften den unangenehmsten Gegnern hatte angedeihen lassen. „Gerechtigkeit muß walten!“ sagte er mit zuckendem Lächeln, „und Ihr seht jetzt, daß Ihr mir immer Unrecht gethan, wenn Ihr meinen Kopfschmerz und meine Verstimmung so oft meiner moralischen Unart zugeschrieben habt. Ich war nie moralisch. Es war ein ganz physischer Leidenskrebs, der mich immer gezwickt hat und nun zerfleischt.“

In diesem Sinne hat er denn auch frühzeitig Testament gemacht. Seine Frau zu sichern, die er auch deshalb schon längst in gesetzlicher Ehe mit sich verbunden, seine Schriften zu ordnen und zu sammeln und seinen Nachlaß sicher zu stellen, dafür hat er schon ein Jahrzehnt vor seinem Tode Sorge getragen. Die Frau war ihm für die lange Leidenszeit ein unschätzbarer Trost. Diese sorglose Französin entwickelte die glückliche Gabe, an die drohende Zerstörung ihres Henri nie eigentlich zu glauben. Ihr lebensheitres Gemüth hielt alle drohenden Symptome für vorübergehend, und gerade solche zuversichtliche Lebenskraft war ein Segen für Heine. Diese Zuversicht ließ ihn jede ruhige Stunde ausnützen, sie tröstete ihn über das Schicksal der Frau selber, sie beglückte ihn auch im Elend. „So sind die Engel!“ pflegte er zu sagen, „sie brauchen keine Hypotheken, sie haben immer flüssiges Vermögen.“

Dennoch war damals noch nicht die Zeit für ihn gekommen, über den Tod und religiöse Todesgedanken zu sprechen. „Das kommt erst später,“ sagte er, „und dann wollen wir uns mit Goethe’s Clärchen benehmen, wie wir können.“ – Er prophezeite ganz richtig: es dauerte noch gegen zehn Jahre, und erst in seinen letzten Jahren schrieb er mir lange Briefe über religiösen Glauben und sein Verhältniß zu Gott, Kirche, Tod und Unsterblichkeit, Briefe, welche mir leider verloren gegangen sind.

Damals – 1847 – sprach er noch gern von Politik, wie von einer Kunst, welche die französische Regierung systematisch betreibe. „Zu systematisch, zu doctrinär, zu karg und eigensinnig!“ sagte er von Guizot, welcher damals den Ton angab und den geistlichen starken Puritaner durchaus nicht zu verleugnen vermochte. Heine respectirte ihn, hätte aber gar keine Sympathie für [27] ihn und wunderte sich wohl, daß Guizot unter Franzosen so lange möglich war. Dennoch wies er zurück, was ich ihm erzählte von revolutionären Aeußerungen und Aussichten, die ich in den Estaminets gehört hatte. „In den Estaminets,“ rief er, „wo man schlechte Cigarren raucht und schlechtes Bier trinkt, da hört man immer solche Aeußerungen. Diese Leute hätten nichts, wenn sie nicht diese Aussichten hätten. Man kann doch nicht verlangen, daß sie Selbstmörder werden! Den kundigen Louis Philippe werden sie nicht überholen. Bei alle Dem,“ setzte er hinzu, „ist der französischen Weltgeschichte nie über Nacht zu trauen.“

Das war im Frühjahre 1847. Drei Vierteljahre später war der politische Himmel von Paris dicht bewölkt und es wetterleuchtete in den Nächten. Ich weiß, daß Heine auch noch um kein Haar anders sprach, als er im Frühjahre zu mir gesprochen, und daß er die plötzliche Vertreibung Louis Philippe’s einem plötzlichen Kriegsglücke der Republikaner zuschrieb. Die Schüsse auf dem Boulevard, die Ausbeutung derselben durch den geschickten Act „Man mordet uns!“, die nun erst entstehende wirkliche Erhitzung, die ungeschickten Befehle und Gegenbefehle in den Tuilerien, welche die bewaffnete Macht in’s Schwanken brachten, kurz die ewig unberechenbaren Zufälle einer sich jählings ausbreitenden Schlacht hatten unerwarteter Weise den alten König dem Kriegsglücke überantwortet, „Und für alte Leute“ – schloß Heine – „ist das Kriegsglück nur selten, Louis Philippe riß aus, und so kamen wir in die Republik, zu welcher in Frankreich jetzt immer noch die Republikaner fehlen.“

Heine hatte nie Passion für die Republik, obwohl er für sich ihre Freiheiten in Anspruch nahm. Er fürchtete ihre Nüchternheit, er empfand, daß in ihr die Gegensätze untergehen müßten, welche er für seinen poetischen Witz, ja für seine Poesie brauchte. Er fürchtete die schrecklich tugendhafte Prosa, und es war ihm sonnenklar, daß er unter Republikanern eine mißliche, ja gefährdete Rolle spielen müßte. Er dachte stets in erster Linie an seine Person, an sein persönliches Schicksal, wenn von Staatsformen die Rede war, und wenn man ihm dies vorwarf, so lachte er, und sagte: „Dies ist ja natürlich, und weil es natürlich, ist es auch richtig. Thäten dies alle Politiker, so entstünde nicht so viel Abstractes, Künstliches und Gemachtes, was keinen Bestand hat. Man soll naiv sein als Politiker wie als Poet. In der Philosophie soll sich das Bedürfniß der Denker ausdrücken, im Staate aber das Bedürfniß der Menschen.“

Er war überhaupt gründlich ein Realist. Sein Talent nur war durch Herkunft und Erziehung aus romantischer Atmosphäre mit idealistischen Hülfsmitteln glänzendster Gattung versehen. Und gerade dadurch erwuchs der Contrast in seinen Schriften, welcher Realisten wie Idealisten reizte, welcher ihn so außerordentlich populär machte und ihn zu einer neuen, eigenthümlichen Größe stempelte in unsrer Literatur.

Wenn man mit ihm politisirte, so sprach er praktisch wie ein amtirender Minister, allerdings wie ein poetischer Minister. Aber dies Poetische in seiner Ministerpolitik war Weitsichtigkeit, niemals Unklarheit. Es fehlte ihm keinesweges an der Definition einer Republik, die erstrebt werden könnte, aber er zeigte spöttisch auf die jetzt lebende Menschheit, welche noch hundert Gewohnheiten und Schwächen der absoluten Königszeit im Blute trage. Wie viel Aderlässe, Häutungen und Blutumwandelungen müßten da noch vorübergehen! Namentlich in Betreff der Eitelkeit. Die Republik werde und müsse die Eitelkeit auch befriedigen, aber die Eitelkeit werde einen veränderten Inhalt haben. Diese Veränderung gerade werde den Menschen sehr sauer. – „Und besonders Dir!“ rief ich. „Freilich!“ entgegnete er, „ausgezeichneten Menschen wird eine Veränderung immer am sauersten. Die Mittelmäßigkeit ist am leichtesten zu ändern, weil ihre Eigenschaften an und für sich verwischt sind.“

Ich schied damals von ihm mit dem Gedanken: Du siehst ihn wohl kaum wieder! Seine Krankheit hatte etwas Heimliches und Leises, welches an das giftige Lecken einer Schlange gemahnt; an jedem Morgen konnte plötzlich ein Hauptorgan seine Dienste versagen. „Sie stammt eben aus dem Lebensmarke!“ – sprach er trocken vor sich hin – „die Aerzte mögen mich trösten wie sie wollen, ich habe nichts zu erwarten als ein erbärmliches Siechthum. Wahrscheinlich voller Abwechselungen. Letzteres hat Einiges für sich. Wenn man plötzlich taub aufwacht, so vergißt man einige Zeit, daß man vorher schon blind gewesen ist. Und was hat’s für einen Zweck?! Gar keinen. ZU bessern bin ich nicht mehr, und Jehovah hab’ ich immer respectirt; er brauchte mich nicht martern zu lassen. Höchstens ist diese Passionsgeschichte eine Reclame für die Gesammtausgabe meiner Werke zum Vortheile Campe’s und meiner Frau.“

Kein Mensch kann’s leugnen: er trug sein grimmiges Schicksal sehr tapfer. Ach, und wie langsam kam es zur Hinrichtung! Acht Jahre später kam ich wieder nach Paris, und fand ihn (18ö5) noch am Leben. Aber wie! nur der Kopf war noch derselbe. Der ganze Leib war zusammengeschrumpft zum Gewicht eines Kindes. Man hob ihn mit einer Hand, wenn seine Lage im Bette verändert werden sollte. Er wohnte jetzt draußen in den elysäischen Feldern hoch oben unter Baumkronen. Es war Sommerszeit, und die Ausstellung wälzte den Menschenstrom unter seinen Fenstern vorüber; er sah nichts davon, aber er war nicht traurig, sein Kopf war völlig frei, so frei, daß es zum Erschrecken war. Witz und Frivolität waren ihm treu geblieben, und diese von unten auf absterbende Creatur, welche unter der Bettdecke nur noch ein paar Spannen zusammengezogenen Menschenleibes besaß, forderte mit ungeschwächtem Geiste den Schöpfer alles Menschlichen heraus. Die ganze Wahrheit zu gestehen: dieser letzte Eindruck war – abgesehen vom natürlichen Mitleide – sehr peinlich. Die Frau war, wie sie gewesen: gut, leicht in der Sorge, treu in der freundlichen Ausdauer, ein unerschöpflicher Schatz für ihn, und gegen die unsentimentale, fast lebenslustige Stimmung im Hause des unerbittlichen Absterbens hätte ich wahrlich nichts einwenden mögen. Warum soll sich der Mensch nicht auch beim hereinbrechenden Winter frisch und fröhlich einrichten für die todte Jahreszeit! Das stärkt eher, so wie Heine’s Gespräch über wichtige Lebensdinge, welches er auch mit immer geschlossenem Auge klar, scharf und schlagend führte.

Woher entstand also die Pein? Aus der Störung des harmonischen Gleichgewichtes, welches ein jedes Menschenwesen braucht. Jegliche Störung darin ist ein Schritt zur Fratze. Die geistigen, die physischen und die moralischen Kräfte eines Menschenwesens müssen in einem gewissen Gleichgewichte stehen, wenn dies Menschenwesen einen wohlthuenden Eindruck machen soll. Das war bei Heine nicht mehr der Fall. Unter der Bettdecke eine Mumie, außen ein Kopf, der ungeschwächt war und durch die frechsten Geistessprünge beweisen wollte, daß er unabhängig wäre vom ganzen übrigen Organismus, namentlich unabhängig vom Herzen. Man empfand mit Schauer, daß hier ein Riß im menschlichen Organismus vor Einem läge, daß dies grelle Geistesturnier etwas Gespensterhaftes hätte und in das Bereich der Caricatur geriethe.

Ist es im Kunstwerke anders? Braucht es nicht auch eine volle Harmonie seiner Theile? Und giebt es einen Poeten wie Heine, welchem so häufig und so wahrhaft vorgeworfen wird, daß er durch Mißtöne den Eindruck seiner Kunstwerke beschädige? Nein, es giebt keinen. Heine ist darin einzig. Und ich möchte sagen auf seinem Sterbelager enthüllte sich’s, wie tief dies in seiner Natur lag.

Freilich lag auch der Reiz seines Stils in dieser seiner Natur, in diesen unausgeglichenen Kräften. Der Zweifel und die Verneinung mögen eben so stark sein wie der Glaube und die Schaffung, die Harmonie wird gewahrt bleiben können. Aber der Hohn dazu und die Schadenfreude für die schönsten Empfindungen, für die heiligsten Stimmungen des Menschen, sie sind ein dämonischer Luxusartikel, welcher den Geist kitzelt und das Kunstwerk schwächt. Dies war Heine’s Natur.

Er wußte das selbst in guten Stunden, er zeigte das hinreichend in Gedichten reinster Harmonie. Aber der Dämon der Disharmonie war stärker in ihm als sein Wissen; Heine ließ ihm hohnlachend die Zügel schießen, und wenn man ihm bemerkte: Du verletzest dadurch Dein Kunstwerk, so antwortete er: Wohl! Ich wirke aber zehnfach mehr als all’ Eure Künstler. – Du wirkst, wie der falsche Theatereffect wirkt! – Ah bah!

Diese dämonische Eigenschaft liebkosend lebte er, schrieb er, starb er. An sie nestelten sich natürlich all seine bedenklichen Eigenschaften und moralischen Fehler, Eitelkeit, Rachsucht, Mangel an jeglicher Pietät und eigentlicher Vaterlandsliebe.

Wenn ihn deshalb die kleine Kritik ausschließen null aus der Reihe unserer ersten Dichter, so begeht sie doch eine Thorheit, welche zu Boden fällt, lieber den gewissenhaften und schönen Gebrauch [28] großer Kräfte mag man rechten, die großen Kräfte kann man nicht hinwegleugnen und die großen Kräfte erzwingen sich stets einen ersten Platz.

Heinrich Heine hat eine Epoche gebildet in unserer poetischen Literatur, und zwar eine solche, welche durch neue Motive in der literarischen Kunst großen Einfluß, große Wandelungen mit sich gebracht. Sein Name ist dadurch unauslöschlich geworden in unserer Literatur. Warum sagst Du nicht unsterblich? höre ich ihn rufen. – Ich antworte : Ueberlaß das der Nachwelt, eitler Dämon!







Drei unvergeßliche Herbsttage.
Erinnerungen an das Wartburgfest-Jubiläum von einem Mitjubilar.
Burschenschaft, Wartburgfest und Schwarz-roth-gold werden in der Geschichte Deutschlands ewig jugendfrische Zeugen bleiben von der Sehnsucht, welche den edelsten Theil des deutschen Volks ein halbes Jahrhundert lang nach einem Vaterland erfüllte. Es bleibt Geschichte, daß in Deutschland es eine Zeit gab, wo nur noch der Jünglingsmuth an die Möglichkeit eines Vaterlandes zu denken wagte; es bleibt Geschichte, daß die Jünglinge für diesen Gedanken wie gemeine Verbrecher behandelt worden sind; es bleibt Geschichte, daß von dieser Jugend der nationale Gedanke erst in’s Volk getragen wurde und daß dieses Volk, als ein Sturm von außen ihm die Macht der Selbstbestimmung verlieh, die Fahne der Burschenschaft zur deutschen Fahne erhob. Diese volksgeschichtliche Weihe verleiht den burschenschaftlichen Erinnerungsfesten mit der höheren Bedeutung zugleich den eigentümlichen Geist, welcher Jugendfrische und Altersehrfurcht in erhebender Verschmelzung zeigt. Darum hat sich denselben die Theilnahme der Vaterlandsfreunde allezeit zugewandt, und eben darum sind wir überzeugt, daß auch unser etwas verspäteter Rückblick auf das im October des nun vergangenen Jahres gefeierte Jubiläum des Wartburgfestes, dessen Schilderung wir der Feder eines der Alten verdanken, nicht blos bei den Burschenschaftsgenossen in der Ferne, sondern in Deutschland selbst noch immer freundliche Aufnahme finden werde.
D. Red.

Wer den siebzigsten Geburtstag nicht blos von Boß gelesen, sondern selbst hinter sich hat, muß mit seinen Festen sparsam umgehen. Das habe ich gethan. Seit Jahren habe ich das letzte Wiedersehen meiner Burschenschaftsgenossen zu meinem letzten Lebensfeste bestimmt, und Gott hat es mir verliehen, daß ich es erlebte und gesund und froh überstand, ja, daß mir sogar noch durch Vermittelung eines der Gartenlaube nahestehenden Mitfestgenossen der Auftrag zu Theil wurde, meine Festerinnerungen in diesem Blatte zu veröffentlichen.

Ich übergehe die stillbeglückenden Vorfeststunden der Reise, die seit vielen Jahren wieder mein erster weiterer Ausflug war. Hatte ich doch selbst keines der großen Jubelfeste in Jena besuchen können. Ich war fünfzig Jahre älter geworden und hatte keinen meiner Jugendgenossen von der Burschenschaft wiedergesehen, nicht einmal meinen liebsten Freund. Deshalb bewegte mich fortwährend die Frage: Ob wohl Einer Dich wieder erkennt? Mit klopfendem Herzen fuhr ich am Nachmittag des 17. October in Eisenach ein und an demselben Rautenkranz vor, wo auch vor fünfzig Jahren der Festausschuß seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Gruppen von Festgenossen wandelten akademisch frei in den fahnengeschmückten Straßen und auf dem Markte umher. Ich eilte in den Saal des Festcomité, – auch da Gewoge durcheinander, – nahm mein Festzeichen, eine schwarz-roth-goldene Schleife, in Empfang, ward allerdings als Jubilar mit Auszeichnung begrüßt, aber nur von jüngeren Männern, die ich nicht kannte.[1] Da setzte ich mir einen Stuhl neben den Comitétisch, entschlossen, nun meine geheime Wiedersehensfeier zu beginnen. Nannte doch jeder Ankömmling seinen Namen für die Präsenzliste; wie konnte mir da Einer meiner Freunde entgehen? – O, wurden das wehmuthvolle Augenblicke! Wohl trat zwischen den Schaaren der Jünglinge im Alter des blühendsten Glücks und der Männer in jeder Schattirung der Haare, auch Dieser und Jener heran – ach, wie traurig einzeln! – von den „Wartburgfestjubilaren“, – ich hielt das Herz fest, um nicht aufzuspringen, – ich suchte in den Gesichtern die Züge der Jugend, aber vergeblich, – und eben so vergeblich wartete ich auf eine Wiedererkennnngs-, eine Begrüßungsfreude. Ja, fünfzig Jahre machen alt! – Ich war nahe daran, mich vom Gefühl der Verbitterung übermannen zu lassen, – Da kam Der, den ich am sehnlichsten erwartet, mit dem ich so oft in einem Bette geschlafen, aus einem Becher getrunken hatte, – und auch Er ließ mich sitzen!

„Karl,“ rief ich aufspringend, „auch Du kennst mich nicht mehr?“ ich nannte mit zitternder Hast meinen Namen, und wir lagen uns in den Armen – lange, lange. Dann betrachteten wir unsere Gesichter mit deutscher Gründlichkeit.

„Wohin sind Deine schönen braunen Locken gekommen?“

„Sie sind denselben Weg wie Dein blondes Bärtchen gegangen.“

„Nichts ist treu geblieben, als die Augen.“

„Und das Herz, Alter, das Herz!“

„Nun rasch fort, hinaus in’s Freie!“ – Wir Zwei hielten uns fest, Arm in Arm geschlungen, wie ein Paar Jünglinge in der ersten Freundschaftsverliebtheit, und so gingen wir von dannen. Draußen sahen wir mehr solcher Pärchen und Grüppchen, alle stillwonnig daran, gegenseitig rückwärts zu blättern in den Bilderbüchern ihres Lebens.

Nach köstlichen Wiedersehensfeierstunden eilten wir in den Erholungssaal zum Fest-Kneibabend! Jetzt begann mein stiller Triumph über meine Mitjubilare: ich konnte sie mit dem Namen anrufen und stolz fragen: „Und wer bin ich?“ O welch’ herrliches Umarmen, wie uralte Lippen preßten da aufeinander! Ich konnte nun das Häuflein der Unseren übersehen: nicht viel über Fünfzehn der Fünfhundert von 1817 brachte ich zusammen! Nur das rüstige und stattliche Aussehen der Meisten tröstete Mich über ihre geringe Zahl. Da saß mein alter Gabler, jetzt Superintendent in Dornburg, Hörschelmann, Superintendent in Schloß Tonndorf, Anacker, Superintendent in Uelleben bei Gotha, die Eisenacher Pfarrer Friderici und Appellationsgerichtsrath Schmidt, die Jenenser Archidiceonus Klopfleisch und Schüler, der Oberappellationsgerichtsrath und tapfere Volksvertreter in Parlament und Landtag, die Oekonomen Huschke von Zwätzen und Sturm von Cella, die Pommern Pastor Loholm von Sanzkow und Professor Zober von Stralsund, und dort wieder Trainer, Advocat in Triptis, und mein treuer Franke, Oberlehrer in Mühlhausen , und noch drei geistliche Herren, Walch, Archidiaconus in Salzungen, Klapproth, Pfarrer in Tüngeda, und unser ehrwürdiger Cotta, Pastor in Willerstedt bei Weimar, der uns als Student mit der ersten Composition von Arndt’s „deutschem Vaterland“ erfreute, nun Mitglied des Wartburgfestcomité und heute unser Kneipwart war. Außer den eigentlichen Jubilaren waren noch andere alte Herren da, welche erst nach 1817 die Universität bezogen hatten, wie Naundorf aus Leipzig, Hofbaurath Demmler aus Schwerin, Weißenborn, Frenzel, Venus und Heym aus Eisenach, Krüger aus Schenkenberg, die Pfarrer Rasch von Thal und Busch von Moosbach, Professor Guericke von Halle, Dr. Buff von Nidda, Amtmann Oehlmann aus Köthen, Dr. Lommel aus Nürnberg etc.; jetzt war’s schwer zu unterscheiden, wer von ihnen damals bemoostes Haupt oder Fuchs gewesen.

Im Saale herrschte Commers-Ordnung, ein Dutzend Jenenser. Burschen in Festwichs, mit Baretten, Schärpen und Schlägern besetzten


[29]

Die Gartenlaube (1868) b 029.jpg

Die Bekränzung der Burschenveteranen.
Originalzeichnung von Prof. Doepler in Weimar.


[30] die Enden der langen Tafeln, „Ad loca!“ und „Silentium!“ wurden respectirt. Aber – soll ich hier einen Kneipabend beschreiben? Das Aeußerliche eines solchen weiß doch Keiner zu schätzen, der nicht den Pietätswerth des eigenen Jugendgefühls dazu legen kann. Und heute wär’s ein Kneipabend, zu welchem die Burschenschafter eines halben Jahrhunderts aus allen Gauen des Vaterlandes zusammengekommen waren und wo Geister der verschiedensten politischen und religiösen Richtung zusammentrafen, die Alle aber ein Herzenswunsch zu Brüdern macht, der Wunsch und das Ziel: Heil, Heil dem deutschen Vaterland!

Wir Jubilare hatten für den Festzug den Schwert- und Fahnenträger und deren Begleiter aus unserer Mitte zu wählen. Das Geschäft war rasch abgethan: wer war würdiger, das Ehrenschwert der Burschenschaft zu tragen, als derjenige, welcher gestern vor vierundfünfzig Jahren - auf dem Schlachtfeld von Möckern das Schwert für’s Vaterland geführt und sich das eiserne Kreuz erkämpft hatte, der Pastor Loholm, genannt, der alte Husar? Die Burschenfahne aber erhielt Oekonomierath Sturm, und mit Recht, denn eine Sturmfahne ist sie allezeit in Deutschland gewesen.

Gespräche, Gesänge und Reden füllten den Abend sicherlich für Alle zu gleichem Genuß aus; nur was uns Alten sehr am Herzen lag, wie vor fünfzig Jahren uns auch auf diesem Wartburgfest der Versöhnung und Vereinigung der jetzt so vielgetheilten Burschenschaft zu erfreuen, mißlang. Die Jugend gehört eben einer anderen Zeit an und hat sich in ihrer Weise auf die Kämpfe vorzubereiten, die wir nicht mehr erleben. Möge sie nur ihre Schuldigkeit so treu thun, wie wir die unsere gethan haben!

Wie ein Freudenschuß wirkte plötzlich auf die Versammlung, ein großherzogliches Telegramm von Weimar, welches dem Feste die Wartburg öffnete und dem Commandanten derselben (Obristlieutenant v. Amswald), fröhliche Feier wünschend, die Begrüßung der Ankommenden auftrug. Die Freudigkeit der Geister wurde dadurch bedeutend belebt und die akademische Lust schwamm auf immer Höheren Wogen, unsere müden Köpfe bedurften aber der Ruhe, und so schlich ich mit meinem Freunde still von dannen.

Wir thaten einen langen kräftigen Schlaf und stiegen am Hauptfestmorgen zum Markt hernieder, als es schon auf ihm von Volk und Festgenossen, wogte. Und wieder frischten hundert „Gutmorgen“ und Handdrücke des Herzens Lust an. Es ging lange bunt durcheinander, bis- endlich um uns Alte die übrigen Festgenossen einen Kreis bildeten. Aus dem Rautenkranz zogen, von Robert Keil geführt, Loholm mit dem Schwert, Sturm mit der Fahne und die chargirten Studenten in Festwichs zu uns her. Nun harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Und siehe, da öffnete sich nach der Karlsstraße neben dem Rathhause hin ein Spalier, die Musik erhob einen Tusch und heran schwebte, geführt von Friedrich Hofmann, eine Schaar Jungfrauen in weißen Gewändern, mit Epheu das Haar und mit schwarz-roth-goldnen Schärpen die Brust geschmückt und mit Eichenkränzen in den Händen. Und gerade vor den alten Husaren hin trat eine hohe schöne Jungfrau und sprach laut und klar:

„Gestattet uns, ehrwürd’ge Greise,
Daß wir dem Dank des Vaterlands
Gestalt verleih’n in uns’rer Weise:
Euch schmücke heut’ ein deutscher Kranz!

Ein Kranz von unsern Wartburgeichen,
Für deutsche Treue, deutsche Kraft
Das schönste Männerehrenzeichen
Euch Vätern uns’rer Burschenschaft!“

Dann wand sie einen Kranz um seinen Hut und einen andern um den Schwertgriff; ebenso wurden gleicher Zeit Sturm und die Fahne geschmückt. Und nun entfaltete sich der weiße Zug und flatterte zu uns heran, wie Frühlingsblüthen auf morsche Stämme, wie ein Friedenstaubenflug zu grauköpfigen Adlern. O, wie da junge und alte Augen selig in einander strahlten in Rührung und Dank! Wie mußte Der sich freuen, in dessen Kopf der schöne Gedanke entsprungen war!

Als die Jungfrau, die mir einen prächtigen Eichenkranz um meinen Hut befestigt hatte, in die Reihe der Uebrigen trat und ich mich nun umschaute, lachten schon all’ die alten Gesichter meiner Genossen unter dem grünen Schmuck und, einzelne der Festjungfrauen suchten für die übrig gebliebenen Kränze noch würdige Häupter. Bescheiden am Rand des Kreises stand ein hoher Mann mit grauem Bart; kaum hatte eine der Jungfrauen erfahren, daß dies ein blinder Dichter, Ludwig Wucke von Salzungen, sei, so eilte sie zu ihm und setzte ihm den Kranz auf’s Haupt. „Ach, wenn ich Das sehen könnte!“ rief der arme Beglückte aus. Noch andere anwesende Poeten, wie Müller von der Werra, von dem am Abend beim Commers „ein neues Wartburglied“ gesungen wurde, und der Rothenburger Einsiedler (Fr. Beyer von Kelbra), wurden geschmückt und schließlich erhielten auch die Comité-Mitglieder die wohlverdiente Auszeichnung.

Der Zug vom Markt durch die Stadt und zur Wartburg hinauf war ein Glanzstück des Festes; wir von den Festjungfrauen geführten und begleiteten Grauköpfe fühlten uns so munter, daß, uns der Uebermuth trieb, steil bergauf manches alte Leiblied anzustimmen. Und mit dem Herzen schwelgte das Auge, jemehr rings um uns Thüringen seine Berg- und Wälderpracht entfaltete.

Es war elf Uhr vorüber, als die Spitze des Zuges das Thor erreichte und dort, auf den gestern Abend telegraphisch ausgesprochenen Wunsch des Großherzogs von Weimar, vom Commandanten mit feierlicher Begrüßung, von der Wachtmannschaft mit präsentirtem Gewehr empfangen wurde. Im Burghof entfaltete sich ein schönes Bild. Während sämmtliche jüngere Festgenossen der Freitreppe des Landgrafenschlosses gegenüber eine halbkreisförmige Gruppe bildeten, hatten wir Jubilare uns unter die Halle der Freitreppe, die Jungfrauen unter die Hallen zur Rechten davon zurückgezogen, zur freien Höhe der Treppe aber stiegen die beiden Festredner hinauf, denen zur Rechten Loholm mit dem Schwert, zur Linken Sturm mit der Fahne, Beide hinter sich ihre jugendlichen Begleiter in akademischem Festschmuck, sich aufstellten.

Der Festact war einfach, aber gediegen. Luther’s „feste Burg“ eröffnete ihn, Cotta’s herzige Begrüßung des Thüringer Landes, der Lutherburg, der Burschenfahne, „des edlen Kleinods einer hehren, großen Zeit“, und Hörschelmann’s kernige Rede, die den treuen Kampf der alten Burschenschaft für „Freiheit, Ehre und Vaterland“ vor den Augen der Jugend als mahnendes Vorbild erhob, unerschrocken der Wahrheit und der auf Wahrheit gegründeten Volksveredelung und Volksbefreiung zu dienen, bildeten den erhebenden Mittelpunkt, und Fr. Hofmann’s „Wartburgfestlied“ schloß ihn und gab ihm durch den Wechselgesang zwischen den Alten und Jungen eine an die Stätte des Sängerkriegs sinnig erinnernde dichterische Weihe.

Als ob die Natur sich unserer Gemüthsstimmung freundlich anschließen wolle, zogen wir unter nun heiterem Himmel zur Stadt zurück. Auf dem Markte löste der Festzug sich auf, wir bedurften, nach der ungewohnten Anstrengung und Aufregung, der leiblichen Stärkung und geistigen Ruhe, um mit Leib und Seele wieder für den Zug zum Festfeuer gerüstet zu sein. Mein alter Freund wich nicht von meiner Seite.

Um fünf Uhr bestiegen wir einen der für uns zur Fahrt auf den Wadenberg bestimmten Wagen und langten mit einbrechender Finsterniß auf der Höhe an. Wiederum eine geschichtliche Stätte. Hier hatten wir vor fünfzig Jahren Luther’s Bullenverbrennung nachgeahmt und dadurch die Rache aller Lichtscheuen und Deutschfeindlichen auf uns gezogen. Sie Alle sind von der Zeit beseitigt und von der Nation vergessen; wir aber standen hier vor dem Jubelfeuer mit den alten patriotischen Grundsätzen und neuen Hoffnungen ihres völligen Sieges in der deutschen Zukunft. Und das sprach in herrlichen Worten Robert Keil, der Feuerredner, aus, nachdem mit den prasselnden Flammen das Lied „Stoßt an, Eisenach lebe!“ sich in die Luft erhoben hatte. In drei Hochs mündete der gewaltige Strom seiner Rede: das erste galt uns Jubilaren von 1817, das andere der deutschen Burschenschaft, das dritte dem einigen, freien deutschen Vaterlande. Daß wir daran auch diesmal das Fragelied knüpften: „Was ist des, Deutschen Vaterland?“ ist nicht gefährlich mehr heute, wo selbst im Norddeutschen Bunde kein rechter Mann als Antwort singen wird: „Das halbe Deutschland soll es sein!

Jetzt erst, wo ich mich dem Thal von Eisenach zuwandte, während die Festgenossen ihre Fackeln am Feuer anzündeten, ward ich durch den Anblick der festlich beleuchteten Wartburg überrascht, die über dem tiefen Dunkel, des Thals und des Bergs wie ein Feenschloß auf den Wolken schwebend erschien. Man konnte des bezaubernden Bildes nicht satt werden, und wir schieden nur von ihm, als der Fackelzug nicht weniger lockend seine Feuerlinie den


[31] Berg hinabzog. Unser verspäteter Wagen folgte der von Musik geführten, hellleuchtenden, singenden, jubelnden und volkumwogten Schaar, wir stimmten in ihr Hoch ein vor jedem festlich erleuchteten Hause in den Straßen Eisenachs und labten uns an dem prächtigen ächten Studentenbilde, als Alt und Jung in mächtigem Kreise auf dem Markte zum Schlägerklirren das „Gaudeamus“ sang und endlich alle Fackeln in hohen Bogen auf einen Haufen flogen, während bengalische Flammen die Häuser- und Menschengruppen mit bunter Pracht bestrahlten und von draußen der Donner von Böllern und allerlei Schießgeräth herein grüßte.

Die so einfach und bescheiden angelegte Feier war zum Volksfest geworden, dessen Freude die ganze Stadt erfüllte und von der Wartburg in das Herz Deutschlands, in das Thüringer Land hinaus leuchtete.

Nach kurzer Rast und Stärkung im Rautenkranz im Kreise manches lieben Genossen, wo wir auch dem wackern Oberbürgermeister von Eisenach, Röse, unsererseits den Dank aussprechen konnten für die edle Weise, in welcher er unser Fest unterstützte, er, der treue Sachsensenior, mit unseren Burschenfarben sein Rathhaus geschmückt und das Holz zu unsrem Festfeuer auf Stadtkosten besorgt hatte, eilten wir zum letzten Festwerk des Tags, zum Commers. Die Beschreibung des Commerses überlasse ich ebenfalls unserm Freund Keil; er wird auch die schönste Zierde desselben, die Festjungfrauen, nicht vergessen.

In diesen Augenblicken gehobenster Stimmung konnte nichts uns willkommener sein, als die Grüße, die aus jedem Theile unseres dreigetheilten Vaterlands von treu im Geiste mit uns feiernden Männern und Jünglingen uns telegraphisch zugerufen wurden und deren jeder neuen Jubel in der Versammlung anfachte. Der erste kam vom Rechtsanwalt Beck in Lindau am Bodensee. Aus München rief ein Wartburgs-Jubilar, Oberappellations-Rath v. Tucher, uns Alten zu: „Gruß den Brüdern, welchen, was begeisterter Jugendmuth erkannt, fünfzig Jahre unverrücktes Ziel geblieben. Gott segne unser theures geliebtes Vaterland und wohne unter uns! Pereat den äußeren und inneren Feinden, die es hindern, daß es endlich werde in rechter Herrlichkeit ein einiges freies Deutschland. Es lebe dreimal hoch!“ Aus Lübeck, aus Graz in Steiermarck, aus Königsberg in Preußen, aus Heidelberg, Hanau, Braunschweig, Wien etc. feierten Einzelne und Verbindungen mit uns den Burschenschaftsgedanken des einen und einigen Deutschlands. Zwischen den Telegrammen theilte Robert Keil uns an das Festcomité eingegangene Zuschriften von jetzt sehnsüchtig nach uns Herblickenden mit, vor Allem von Riemann, dem Wartburgredner von 1817, der es bitter beklagte, daß es ihm nicht vergönnt sei, uns Rest der Alten noch einmal zu sehen. – Ein anderer Wartburg-Jubilar, I. W. Gründler, schrieb von Heidenheim am Hohen Kamm in Baiern, daß er neununddreißig Jahre lang den 18. October gefeiert habe auf seinen einsamen Bergwerken in den Wäldern Mexicos, wie mitten unter den Kaffeebäumen und Zuckerfeldern, an den glühend heißen Ufern des Montezuma, wie auf der Grenze ewigen Schnees, und heute rufe er aus den Buchenwäldern seiner Heimathberge uns Alten sein Glückauf zu! – Vom Reichstag des Norddeutschen Bundes riefen zwei Jubilare, Lette und Bernhardi aus Hessen, uns zu: „Was wir in der Jugend erstrebt, beginnt sich zu erfüllen im Alter!“

Wohlthätige Ruheminuten gewährte der treffliche Gesang einer Eisenacher Liedertafel, bis endlich der Gipfelpunkt jeder Commersfreude winkte: der „Landesvater“, bei welchem unsere Festjungfrauen bewiesen, daß ein deutsches Mädchen selbst Klinge und Pokal mit Anmuth zu führen weiß und wie vaterländische Begeisterung das Weib so hoch erhebt.

Es war längst Mitternacht vorüber, als die meisten von uns Alten der jüngeren Generation das Feld der Festfreude allein überließen; aber es dauerte lange, bis wir von der Thür des Saales uns trennen konnten: der Blick war zu labend auf diese von den Wogen des edelsten Jubels getragenen Schaaren, – und der Blick war zu wehmüthig, weil’s der letzte war auf einen solchen Jubel.

Am Morgen des Neunzehnten, es war ein wochenmarktbelebter Sonnabend, kamen die Festgenossen noch einmal im Erholungssaale zusammen, wir Alten, um noch ein paar letzte Worte an einander und an die jüngeren Festgenossen zu richten und dann zu scheiden. Heute trieb das erregte Herz Manchen auf die Rednerbühne, der sie bisher Anderen überlassen hatte. Vor Allen ließ Loholm hier das noch immer jugendhelle Feuer seiner kampferprobten Seele aufleuchten und erschütterte Alt und Jung. Doch auch der Humor brach sich Bahn. Klopfleisch citirte ihn durch seine Mittheilungen aus Oken’s Isis über das erste Wartburgfest, und als sich gar ein Zeuge jener Zeit und ganz absonderlicher Festjubilar in dem alten Tambour der anwesenden Musik vorfand, der vor fünfzig Jahren beim Festzug die Trommel geschlagen, so gab dies sogar Anlaß zu einem nochmaligen freudigen Hoch. Die herbeigekommene Scheidestunde, die Abfahrt der meisten Alten mit den Mittags-Bahnzügen, gebot ein plötzliches „Ende“. Wir Greise sahen uns zum letzten Mal in die Augen, schlossen uns zum letzten Mal in die Arme. Thränen rannen auf alte und junge Wangen, als Loholm’s letzter Wunsch an seinen Busenfreund laut wurde: „Wenn Du meinen Tod erfährst, so halte mir in Deiner Familie ein stilles Trauergedächtniß; stirbst Du vor mir, so will ich für Dich dasselbe thun.“ – „Lebt wohl – lebt wohl auf immer!“ – „Wiedersehen dort in der ewigen Wartburg!“




Blätter und Blüthen.

Deutsche Wissenschaft auf Spitzbergen. Auf Spitzbergen überwintern? Zwar ist dieser kühne Plan, zu dessen Ausführung ungewöhnliche Vorbereitungen, das bedeutendste Kriegsmaterial gegen die dort unbarmherzig herrschende Macht des Winterkönigs und wahrhafte Helden gehören, vorläufig durch die Ungunst der Verhältnisse wieder aufgegeben worden, allein doch wohl nur vertagt, denn das wissenschaftliche Interesse, das sich an ihn knüpft, ist ja kein blos momentanes. Darum dürfte es am Orte sein, Einiges von den früheren Ueberwinterungsversuchen auf Spitzbergen zu berichten. Ein Winter auf Spitzbergen bleibt immer ein gar gewagtes Unternehmen, welchem schon viele Menschenopfer gebracht worden sind, so daß man es nach den verschiedensten und hartnäckig fortgesetzten, doch vergeblichen Versuchen, dort während des Winters mit der Macht des Feuers und der Civilisation gegen die absolute Herrschaft des Eises und des Schnees zu kämpfen, lange Zeit für ganz unmöglich hielt, daß irgend ein menschliches Wesen auf Spitzbergen überwintern könne. Gleichwohl erschienen die Vortheile einer bleibenden Niederlassung so groß, daß eine englische Compagnie sich von der Regierung die Erlaubniß auswirkte, zum Tode verurtheilte Verbrecher dort anzusiedeln und sie für einen Winter mit allen möglichen Mitteln gegen die Macht desselben auszurüsten. Sie wurden denn auch wirklich hinübergebracht und mit Haus, Lebensmitteln und Brennmaterial reichlich versehen. Aber als der Capitain sich zur Abreise rüstete und die armen Sünder im heulenden Sturme auf die furchtbaren Eisberge hinter ihnen blickten, umklammerten sie die Kniee des Schiffsbefehlshabers und jammerten mit herzzerreißenden Tönen, daß sie lieber in England am Galgen, statt hier vor Kälte sterben wollten. Der Capitän ließ sich erweichen und die Compagnie erwirkte für sie Begnadigung.

Kurz darauf machten vier deshalb berühmt gewordene Russen den unfreiwilligen Versuch, auf Spitzbergen zu überwintern. Sie hatten sich hierher gerettet und besaßen außer ihren Kleidern nur ein Gewehr und Pulvervorrath für etwaige Schüsse. Doch entschlossen sie sich, es mit dem Winter aufzunehmen. Sie bauten eine Hütte, schossen einige Rennthiere mit ihrem Gewehr und dann anderes Wild mit Pfeil und Bogen, die sie sich aus Treibholz und Harpunen gemacht hatten. Vögel und Füchse wurden in Fallen und mit Netzen gefangen. Auf diese Weise gewannen sie nicht nur Lebensmittel und warme Felle zur Kleidung, sondern auch Waffen gegen die Angriffe unzähliger Eisbären. So gelang es ihnen, sich sechs Jahre lang nicht nur am Leben, sondern auch gesund zu erhalten und zwar auf dem verlassensten und trostlosesten Theile der Insel. Im sechsten Jahre starb einer von ihnen und die anderen Drei verfielen endlich in Verzweifelung, aus welcher sie noch zu rechter Zeit durch ein zufällig nahendes Schiff erlöst wurden. Während ihrer langen Verbannung hatten diese armen Robinsons so viele Bären, Rennthiere, Seehunde und kostbare Füchse getödtet, daß der Ertrag von Fellen und Thran sie zu wohlhabenden Leuten erhob. Diese reiche Ausbeute bewog eine Anzahl von Speculanten, in Archangel eine Compagnie zu bilden, um Reichthümer der Insel durch Erlegung von Seehunden, Walrossen, Rennthieren und Polarbären zu Gelde zu machen. Zu diesem Zwecke rüsteten sie eine Anzahl von unternehmenden Männern und Jägern aus und colonisirten sie in Gruppen von zwei bis fünf Mann auf verschiedenen Küsten und Nebeninseln Spitzbergens. Diese Colonisten standen unter einem Oberaufseher mit dem Hauptquartiere auf der Spitze von Hvalfiske, wo die verschiedenen Jäger jährlich die von ihnen erbeuteten Felle und Thranvorräthe abliefern mußten. Im Mai jedes Jahres schickte die Compagnie ein Schiff mit neuen Vorräthen und Mannschaften hinüber und löste die dort überwinterten Colonisten ab, denn zwei Winter hinter einander hielt es Niemand so leicht aus, so daß sie immer nur einen um den andern dort zu verleben vermochten. Im Jahre 1858 lebte noch zu Kola in Lappland ein weißbärtiger Russe, der nicht weniger als fünfunddreißig Winter auf diese Weise zugebracht hatte. Freilich waren während dieser Zeit viele Hunderte seiner Cameraden von den stechenden Waffen des arktischen Winterkönigs niedergemordet worden, so daß der Engländer Lamont, der Spitzbergen vor einigen Jahren auf Hunderte von Meilen an der Küste durchforschte, nicht selten in diesen furchtbaren Einöden [32] Ruinen von kleinen Holzhütten mit verschiedenen Gräbern davor, auch offen im Schnee bleichende Menschen- und Thiergebeine fand. Aber trotz dieser Menschenopfer erhielt sich die Compagnie über vierzig Jahre lang, da der Gewinn aus den erlegten Pelz- und Fettthieren ein sehr beträchtlicher war, bis endlich doch das ganze Unternehmen im Winter 1851 bis 1852 mit einem furchtbaren Trauerspiele schloß.

Während des Sommers vorher hatte sich eine ungeheure Masse von schwerem Treibeise um die ganze Hvalfiskespitze und die südliche Küste in Ostspitzbergen festgestaut. Die Leute der russischen Compagnie hatten sich von ihren verschiedenen Posten her im Hauptquartiere gesammelt und warteten vergebens auf das jährliche Erlösungsschiff von Archangel. Dieses war auf dem Wege spurlos verschwunden. Das Eis weit umher hielt alle anderen Schiffe während des Sommers ab, nahe zu kommen. Erst zu Ende des August strandeten Norweger hier und suchten an den Gestaden entlang nach russischen Colonisten. Sie entdeckten wohl eine Hütte nach der andern, allein alle ehemaligen Einwohner derselben fanden sie todt und vor ihren Hütten begraben. Vor dem Hauptquartiere sahen sie vierzehn frische Gräber in einer Reihe vor dem Holzhause, und die anderen Männer lagen innerhalb ebenfalls todt, einige auf dem Flure, einer noch im Bett. Letzterer war der Vorsteher gewesen, wie sich aus dem neben ihm liegenden Tagebuche ergab. Es enthielt in furchtbarer nüchterner Prosa die Tragödie ihrer Leiden und ihres Endes.

Schon mit Anfange des Jahres hatte sich ein ansteckender Scorbut unter den Leuten eingefunden, woran viele in ihren verschiedenen Stationen gestorben waren. Die Ueberlebenden hatten sich endlich nach dem Hauptquartier geschleppt und gehofft, durch das Schiff von Archangel bald erlöst und befreit zu werden. Da sich diese Hoffnung von Tag zu Tag, von Woche auf Woche als vergebens erwies, wurden ihre Lebensvorräthe bald erschöpft, so daß sie zum Theil vom Scorbut, zum Theil von den Qualen des Hungers allmählich hinstarben und so lange begraben wurden, wie die Ueberlebenden Kraft dazu besaßen. Endlich blieben nur noch vier übrig. Die ersten Zwei davon, welche starben, konnten von den anderen Beiden schon nicht mehr begraben werden; sie blieben, vor die Hütte geschleppt, offen liegen[.] Die beiden Letzten legten sich zusammen in’s Bett und erwarteten hier ihr Schicksal; der Eine war nach seinem Tode von dem Letzten, dem Vorsteher und Schreiber des Tagebuches, eben nur noch aus dem Bett gedrängt worden, worauf auch dieser bald seinen Geist aus dem ausgehungerten Körper aufgab. Dies war wenige Tage vor Ankunft der Norweger geschehen.

Die Russen besaßen ein großes Galeeren- und mehrere kleine Boote am Ufer im Hafen, aber das Eis hatte jeden Gebrauch derselben nach dem Meere verhindert, und als es gebrochen war, fanden sich die Ueberlebenden bereits zu schwach und ohne Mittel, auf den Fahrzeugen ihre Rettung zu versuchen. Die schiffbrüchigen Norweger benutzten nun das Galeerenschiff, um nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt in Europa, zu entkommen. Sie brachten das Tagebuch des letzten Russen auf Spitzbergen mit, das vom russischen Consul in Empfang genommen und nach Archangel geschickt ward. Von da erfuhr die Welt nach und nach von dem schrecklichen Schicksale und Ende der russischen Jäger auf Spitzbergen.

Seit der Zeit hat Niemand wieder den Muth gehabt, einen Winter in dieser furchtbaren Eiswildniß zuzubringen, oder nur Anderen zugemuthet, es zu versuchen. Die deutschen Helden der Wissenschaft, welche sich jetzt zutrauen, es wieder mit diesem Feinde aufzunehmen, werden daher, kommt die von Petermann angeregte Nordpolexpedition später wirklich noch zu Stande, Ursache haben, sich nicht nur gegen alle unvermeidlichen und sicher neun Monate ausharrenden tödtlichsten Gewalten des arktischen Winters doppelt und dreifach auszurüsten, sondern auch daran zu denken, daß ein Heer von Eisbergen die Küsten ringsum den ganzen Sommer hindurch gegen jede Annäherung eines befreienden Segel hartnäckig verschließen könne.


Seltsame Geburtsstätte. Ich bin genau befreundet mit der Gräfin M., einer liebenswürdigen jungen Frau, die leider kinderlos ist und ihre ganze etwas überschwängliche Zärtlichkeit auf eine Menge kleiner geflügelter Sänger übertragen hat, welche in großen Volièren in ihren Zimmern herumflattern.

Als ich dieselbe neulich besuchte, fand ich sie unten auf der Treppe stehend, bemüht, einen stattlichen, buntglänzenden Hahn, der sich mit aller Gewalt und List dagegen sträubte, zur Thür hinaus zu scheuchen. Das prachtvolle Thier wies muthig alle Angriffe der Gräfin mit hochgeschwungenen Flügeln und trotzigem Kollern zurück, während es sein kluges Auge nicht einen Augenblick von seiner Widersacherin abwandte. Ich sah erstaunt und lächelnd bald die hübsche Frau, bald den streitbaren Vogel an, indem ich der ersteren aber zu Hülfe kommen wollte, wehrte sie mir und wies mich mit der Bitte zurück, ihrem besten Freunde ja nichts zu Leide zu thun. Als der Hahn nach manchen Bemühungen endlich sich doch bequemt hatte, auf den Hof zurückzukehren, erzählte mir die Gräfin folgende Geschichte über denselben.

„Ich habe ein paar Lachtauben, die ich zärtlich liebe. Im vorigen Jahre hatten diese ein Ei, welches der Täuberich leider zertrat. Die arme Taube war darüber so betrübt, daß ich ihr aus Mitleiden ein Hühnerei unterlegte. Tag und Nacht saß die Getröstete nun frohen Muthes auf dem Neste und brütete emsig wie vorher; da nun aber bekanntlich die Tauben eine kürzere Brütezeit haben, als die Hühner, so verließ die Taube, ihrem Naturtriebe folgend, das Ei, als die gewöhnliche Zeit um war.

Es dauerte mich, das junge Leben in demselben grausam zu Grunde gehen zu sehen, und ich beschloß daher, zu versuchen, ob ich dasselbe nicht selbst ausbrüten könnte[.] Gedacht, gethan. Ueber acht Tage trug ich dasselbe unter meiner Achselhöhle mit mir umher, es erwärmend und ängstlich behütend; kaum gönnte ich mir den nöthigsten Schlaf, aus Furcht, das Ei zu zerdrücken, und siehe da, – denken Sie sich meine Freude – nach Verlauf einer Woche fühlte ich Leben in der zarten Hülle – das gelbe Küchelchen pickte sich an das Tageslicht hervor!

Sie würden mich auslachen, Sie Spötter, wollte ich Ihnen schildern, was ich empfand, wie ich mich über das kleine, zarte Wesen freute, dem ich gewissermaßen das Leben gegeben hatte, das meinem alleinigen Schutze anvertraut war; sorgfältig packte ich dasselbe in ein Kästchen mit Watte und Federn und pflegte und fütterte es. Zu meinem Bedauern aber fing nach wenigen Tagen schon das Thierchen zu kränkeln an. Es wurde matt und matter, und so blieb mir nichts weiter übrig, als es wieder an seiner alten Stelle in Pension zu geben. Das half. Der Hahn gedieh, wuchs heran und ward schön und groß; dabei ist er dankbar und ist mir treu ergeben. Schon von ferne erkennt er meine Schritte, meine Stimme. Mit geschwungenen Flügeln und freudigem Krähen begrüßt er mich schon von Weitem und läuft mir nach wie ein Hund.

Täglich besucht er mich in meinen Zimmern; er kräht und scharrt so lange vor der Thür, bis ich ihn einlasse und ihm seine gewohnten Leckerbissen reiche, aber besonders eigenthümlich ist es, daß das dankbare und kluge Thier nirgends lieber sitzt, als auf meiner Achsel, der Stätte seiner Geburt. Und nun lachen Sie, mein Herr, so viel Sie wollen, über meine zärtlichen Gefühle gegen meinen Schützling, – was wollen Sie – bin ich nicht seine Mama, habe ich ihn nicht selbst ausgebrütet?“
H. H.

Bonapartistin und Legitimistin. Julie Récamier, die seltene Frau, die durch ihre Schönheit wie durch ihre Tugend so berühmt war, traf im Jahre 1821 in Rom mit der reizenden Königin Hortense zusammen. Beide Frauen kannten sich schon in Frankreich zur Zeit des höchsten Glanzes Napoleon’s des Ersten, in Rom aber durften sie nicht mit einander umgehen, weil die Bourbonen wieder allmächtig waren und Julie Récamier fürchten mußte, sich und ihre Freunde, zu denen Chateaubriand und der Herzog von Montmorency gehörten, aus der Gunst derselben zu verdrängen, wenn sie mit einer „Bonaparte“ verkehrte. Die beiden schönen Frauen liebten sich jedoch aufrichtig, und namentlich wollte die edle Récamier der gestürzten Königin nicht den Trost ihres Umgangs entziehen; sie verabredeten deshalb heimliche Zusammenkünfte wie ein Liebespaar. Bald trafen sie sich tief verschleiert in irgend einer Kirche, bald im Coliseum oder in einer Gemäldegalerie. Einmal aber gingen Beide ganz gleich gekleidet, in einem Domino von weißem Atlas mit Rosen bekränzt, auf einen Maskenball und machten sich das Vergnügen, fortwährend verwechselt zu werden. Der strenglegitimistische französische Gesandte war der Cavalier der schönen Récamier, Jerome, Exkönig von Westphalen, der von Hortense. Ohne daß beide Herren es merkten, hatten die Damen ihre Rollen getauscht und der Gesandte führte die Königin am Arm, Jerome die Récamier, wobei die Unterhaltung die pikantesten Wendungen annahm. Die Verwechselten erregten jedoch den Zorn des düpirten Diplomaten und mußten in Folge dessen ihren unschuldigen heimlichen Umgang aufgeben. Später hat die Königin Hortense, die den Glanz ihres Sohnes nicht erlebte, der Récamier den Spitzenschleier in ihrem Testamente vermacht, welchen sie bei den Zusammenkünften in Rom trug.
– v. –

Karl Vogt, der berühmte Naturforscher und unser hochgeschätzter Mitarbeiter, hat nun auch hier in Leipzig eine Reihe von Vorlesungen begonnen, die sich mit dem von den Ultramontanen in Aachen so brutal befeindeten, hoch interessanten Thema, der Urgeschichte des Menschen, beschäftigen. Es hieße mehr als Eulen nach Athen tragen, wollten wir über den Werth dieser Vorlesungen, ihren gediegenen Inhalt wie über ihre geistvolle Form und den hinreißenden Vortrag nur ein Wort beifügen; wir sehen voraus, daß auch hier sich ereignet, was in Köln und Elberfeld und anderswo eintrat, wo schon nach der dritten und vierten Vorlesung auch die weitesten Säle des Ortes nicht mehr ausreichten, die Zahl der Besucher zu fassen.


Kleiner Briefkasten.

G. B. in St. P … g. Die heutige Nummer unseres Blattes erfüllt Ihren Wunsch und die Wünsche sehr vieler Abonnenten der Gartenlaube: sie bringt Ihnen das lebenswahre Portrait von E. Marlitt. Wollen Sie ein solches aber zugleich Ihrem Album einverleiben, so nehmen Sie gefällig Notiz davon, daß photographische Bildnisse im Visitenkartenformat – zum Preise von 5 Ngr. – ebenfalls von Herrn Chr. Beitz in Arnstadt angefertigt worden sind. Die Verlagshandlung der Gartenlaube ist sehr gern erbötig, ihr direct oder im Wege des Buchhandels zugehende Bestellungen auf dies Portrait auszuführen. – Dagegen sind wir leider für jetzt noch nicht in den Stand gesetzt, die Lebensschicksale der hochbegabten Schriftstellerin unseren Lesern zu erzählen.

R. T. in M … n. In der neuen Novelle von Levin Schücking „Der Schatz des Kurfürsten“ haben Sie durchaus kein Werk der bloßen Fiction vor sich, vielmehr sind die in der Novelle auftretenden Hauptpersonen, Inspector Steitz (nicht Seitz, wie in einigen Exemplaren irrthümlich gedruckt), Lieutenant Mensing etc., wirklich geschichtliche Persönlichkeiten, ebenso wie der Autor die hinsichtlich des kurfürstlichen Schatzes erzählten Einzelheiten und Episoden genau der Wahrheit gemäß berichtet hat.

Mrs. E. C. in Dublin. Ihr Brief an Frau Dr. Beta in Berlin, jetzt Hirschelstraße 35, in Betreff ihres Pensionates für junge Damen ist wahrscheinlich wegen des Umzugs der Genannten nicht an seine Adresse gelangt. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß alle Anfragen, die in Folge einer früheren Notiz in der Gartenlaube über dieses Pensionat an uns ergangen sind und noch kommen könnten, am kürzesten an Frau Dr. Beta selbst gerichtet werden und daß in der Familie unseres alten Mitarbeiters besonders günstige Gelegenheit für gesunde, tüchtige Ausbildung geboten wird.


Inhalt: Der Schatz des Kurfürsten. Historische Erzählung von Levin Schücking. (Fortsetzung.) – Das Portrait der Verfasserin von „Goldelse“ und „das Geheimniß der alten Mamsell“. – Ein denkwürdiger Besuch. Fragment aus unsern Familienpapieren. Von Hans Blum. – Erinnerungen an Heinrich Heine. Von Heinrich Laube. II. – Drei unvergeßliche Herbsttage. Erinnerungen an das Wartburgfest-Jubiläum von einem Mitjubilar. Mit Abbildung. – Blätter und Blüthen: Deutsche Wissenschaft auf Spitzbergen. – Seltsame Geburtsstätte. – Bonapartistin und Legitimistin. – Karl Vogt. – Kleiner Briefkasten.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


  1. Das Festcomité bestand aus dem Wartburgsjubilar Pastor Cotta, der bei meiner Ankunft seinen Platz noch nicht eingenommen hatte, Dr. Friedrich Hofmann aus Leipzig und Dr. Robert Keil aus Weimar, deren energischem Zusammenwirken wir die Durchführung des Festes verdanken, ferner Keil’s Bruder, Dr. Richard Keil aus Apolda, und dem Diaconus U. R. Schmid aus Lobeda bei Jena. Von den nöthigsten geistigen Festarbeiten hatte Schmid die Begrüßung am Kneipabend, Cotta die Begrüßung auf der Wartburg, Hofmann das Festlied und Robert Keil die Feuerrede übernormnen. Uebrigens wird in diesen Tagen eine alle Reden, Gedichte und Zuschriften enthaltende ausführliche Beschreibung unseres Festes von Dr. Robert Keil erscheinen, für deren Erlös dem wackeren Scheidler ein Grabdenkmal im Gottesacker zu Jena errichtet werden soll.