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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1868
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 15.   1868.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich bis 2 Bogen.0 Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Im Hause der Bonaparte.

Historische Erzählung von Max Ring.
1.

An einem wunderbar schönen Octobertage des Jahres 1823, wie ihn nur der milde Himmel Italiens kennt, gingen zwei junge Künstler durch die Straßen Roms, um in einer der zahlreichen Osterien vor dem Thor eine frische Foglietta zu leeren und sich zugleich an der Aussicht auf die herrliche Landschaft und an dem lustigen Treiben des Volkes zu ergötzen.

Während der Jüngere, der Victor Schnetz hieß, seine französische Leichtblütigkeit nicht verleugnete, verriethen die mehr interessanten als schönen Züge seines älteren Begleiters, Namens Leopold Robert, einen tiefen, fast melancholischen Ernst, der sich auch in der geführten Unterhaltung kundgab.

„Ich weiß nicht,“ sagte er, „was mich bei dem Anblick Roms so traurig stimmt und mir das Herz zusammenschnürt.“

„Und doch,“ erwiderte sein Freund, „giebt es keine schönere, keine interessantere Stadt der Welt.“

„Schön, wie die Leiche eines geliebten Weibes, wie die trauernde Niobe, die um den Verlust ihrer Kinder klagt, erhaben, wie der zu Stein gewordene Schmerz.“

„Was Du für seltsame Gedanken hast! Ich glaube fast, daß Du, wie die meisten Schweizer, an jener eigenthümlichen Krankheit leidest, die man Heimweh nennt.“

„Wohl sehne ich mich nach meinen blauen Bergen, nach dem Hause meiner Eltern –“

„Und nach einem schönen Kinde, nach der Geliebten, die Du in La-Chaux-de-Fonds zurückgelassen hast.“

„Ich habe keine andere Geliebte, als meine Kunst,“ versetzte Leopold Robert, den Scherz des Freundes fast heftig abweisend.

„Das muß wohl wahr sein, denn Keiner von uns Allen arbeitet so fleißig wie Du und sitzt so unablässig an seiner Staffelei. Wenn ich Dich nicht heute mit Gewalt entführt hätte, so würdest Du noch immer an Deinem Bilde weitergemalt haben bis zur dunklen Nacht. Wenn Du es so forttreibst, mußt Du Dich zu Grunde richten und Deine Gesundheit aufreiben. Ich wundere mich gar nicht, daß Du bei einem solchen Leben melancholisch wirst.“

„Und doch bin ich noch weit entfernt von meinem Ziel!“ seufzte Robert.

„Zum Henker,“ erwiderte der Freund, „Du wirst mich noch ganz ärgerlich machen mit Deinen ewigen Klagen. Bist Du nicht der beste Schüler unseres Meisters David, malst Du nicht so gut und noch weit schöner als wir Alle? Hast Du Dir nicht durch Dein Talent Freunde und Gönner erworben, welche Deine Bilder nicht nur loben, sondern auch kaufen und baar bezahlen? Mensch, ich begreife nicht, was ein Künstler noch mehr verlangen kann.“

„Das Alles genügt mir nicht. Ich fühle meine Ohnmacht, mich verzehrt die Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideal der Kunst.“

„Ah, Du willst ein neuer Raffael oder Correggio werden, die Welt mit Deinem Ruhm erfüllen. Laß Dir, wenn ich Dir rathen darf, diesen Gedanken vergehen. Wen und was sollen wir denn malen? Unsere Helden sind tapfere Unterofficiere, unsere Staatsmänner blasirte Diplomaten, unsere Handelsfürsten jüdische Krämer und Börsenspekulanten. Was kann diese Misere dem Künstler bieten?“

„Du vergißt das Volk, in dem noch immer die Poesie der Schönheit lebt.“

„Das Volk,“ erwiderte Schnetz verächtlich, „daran habe ich gar nicht gedacht. Das giebt höchstens ein Genrebild oder eine Caricatur.“

„Und doch findest Du allein im Volke die ewigen Typen des Künstlers, wirklichen Charakter, Wahrheit und Natur, welche Du in den höheren Ständen vergebens suchst. Unter den Frauen des Volkes hat Raffael seine unsterblichen Madonnen, unter den Männern die erhabenen Gestalten seiner Apostel erblickt. Derselbe Quell fließt auch für uns in seiner unerschöpflichen Fülle, wenn auch verborgen in der Tiefe, so daß er sich dem gewöhnlichen Auge entzieht. Glücklich, wer ihn findet und aus ihm Erquickung für sich und seine Zeitgenossen schöpfen darf!“

Unter diesen Gesprächen waren die Freunde unbemerkt zu den sogenannten Termini, den Ruinen altrömischer Bäder, gelangt, die jetzt zum Gefängnisse für Diebe und Mörder dienten. Die Prachtbauten eines Diocletian, früher die Bewunderung der Welt, der Mittelpunkt des kaiserlichen Luxus, wurden jetzt von elenden Verbrechern bewohnt, welche unter der Aufsicht bewaffneter Sbirren und Gensd’armen in dem offenen Hofe mit verschiedenen Arbeiten im Freien beschäftigt wurden.

Unwillkürlich blieb Leopold Robert stehen, gefesselt von dem interessanten Schauspiel, das sich den Blicken des Künstlers hier unerwartet darbot. Die meisten dieser Gefangenen zeichneten sich durch ihre classischen Gestalten, durch ihre elastischen Bewegungen und durch ihre männlich schönen Züge aus. In diesen dunklen Augen blitzte das alte Heldenfeuer, in den wilden kühnen Linien des antiken Profils verrieth sich eine angeborene Thatkraft, ein unbezwingbarer Muth, eine zwar rohe, aber gewaltige Energie und [226] todesverachtende Entschlossenheit. Ein Abglanz vergangener Größe schien diese entarteten Enkel der weltbezwingenden Roma zu umschweben, so daß sie selbst noch in ihrer jetzigen Verkommenheit die Theilnahme des Künstlers erweckten.

„Wer sind diese Leute?“ fragte er einen der bewaffneten Wächter.

„Briganten aus Sonnino, Eccellenza,“ versetzte der höfliche Sbirre in Erwartung eines Geldgeschenkes.

„Und was haben sie verbrochen?“

„Die Herren müssen wohl Fremde sein, sonst würden sie wohl wissen, daß Sonnino das ärgste Räubernest, nicht nur im Kirchenstaat, sondern auf dem ganzen Erdboden ist. Der dritte Mensch gilt dort für einen Dieb oder Mörder und hat mehr Verbrechen auf der Seele, als selbst der heilige Vater vergeben kann. Die Schelme haben es zu arg getrieben und waren sogar so frech, sich an Seiner Eminenz dem Cardinal und Staatssecretär Consalvi zu vergreifen. Es klingt unglaublich und doch ist es wahr, daß der verruchte Gasparone mit seiner Bande der Eminenz auflauerte und sie so lange gefangen hielt, bis sie sich mit einem schweren Lösegeld befreite.“

„Das ist nur in Rom möglich,“ bemerkte Schnetz lachend. „Ich hätte das Gesicht des Herrn Cardinals sehen mögen, als er die Bekanntschaft der Briganten in eigner Person machte, nachdem diese zahllose Reisende ungestört geplündert hatten.“

„Seine Eminenz,“ versetzte der Sbirre, „war natürlich außer sich und bewog den heiligen Vater, ein Exempel zu statuiren. Die päpstlichen Carabinieri mußten gegen Sonnino ausrücken, aber das nützte Alles nichts, da sie den Räubern in den engen Felsschluchten nichts anhaben konnten. Wo sie sich zeigten, wurden sie von den Briganten mit blutigen Köpfen heimgeschickt, so daß sie unverrichteter Sache nach Rom zurückkehrten. Jetzt aber ging dem heiligen Vater die Geduld aus, und er schwur am Grabe des Apostels, der Sache ein Ende zu machen. Da geschah ein Wunder.“

„Ein wirkliches Wunder?“ fragte spöttisch Schnetz.

„Ein französischer Wachtmeister, der unter dem großen Napoleon gedient hatte, erbot sich, mit Hülfe der heiligen Jungfrau die Häupter der Briganten zu fangen, was ihm auch gelang. Als erst die Führer beseitigt waren, mußte sich das Gesindel auf Gnade und Ungnade ergeben. Die meisten wurden hingerichtet und ihre Köpfe zum abschreckenden Beispiel auf die Thore von Sonnino gepflanzt, wo Ihr noch heut’ die gebleichten Schädel sehen könnt, wenn es Euch Vergnügen macht. Um aber gründlich aufzuräumen, beschloß der heilige Vater, das ganze Räubernest zu zerstören, indem er die Häuser der Schuldigen dem Boden gleich machen und alle übrigen Briganti, das heißt mehr als zwei Drittel der Einwohner, nach Rom und Porto d’Anzio transportiren ließ, wo sie, wie Ihr seht, jetzt ihr Verbrechen auf den Galeeren und im Gefängnisse büßen.“

Für die Auskunft des Sbirren dankend, wollte sich Leopold Robert wieder mit seinem Freunde entfernen, als plötzlich ein durchdringender Schrei seine Aufmerksamkeit erregte, so daß er sich noch einmal umwandte. Vor seinen Blicken stand eine Frau von überraschender Schönheit, die noch durch die kleidsame Tracht der römischen Landbewohner gehoben wurde.

Aus dem rothen, halbgeöffneten Mieder schimmerte der classische, üppige Nacken wie edle Goldbronze, umspielt von den ungebändigten Locken des dunkelschwarzen Haares, das von einem blinkenden Metallpfeil durchstochen und zusammengehalten wurde.

Die fein modellirte Stirn mit den geschwungenen Augenbrauen von der Farbe des Ebenholzes, die zart gebogene Adlernase, die Gluth der tiefen Augen, welche schwarzen Demanten oder brennenden Kohlen glichen, der üppig schwellende Mund erinnerten den Künstler unwillkürlich an das herrliche Bild der „Fornarina“, der schönen Geliebten, welche Raffael’s Meisterhand in dem Palazzo Barberini verewigt hat. Es war dieselbe sinnlich-reizende Erscheinung, nur hier durch einen eigenthümlich strengen Ausdruck der Physiognomie, durch eine Beimischung wilder Leidenschaftlichkeit gehoben.

„Francesco, mein Geliebter!“ schrie das Weib, indem es sich in die Arme eines der Gefangenen stürzen wollte.

„Zurück!“ gebot der bewaffnete Sbirre, die Frau fortstoßend.

„Im Namen der heiligsten Madonna,“ flehte sie mit rührender Stimme, „habt Mitleid mit einer armen Fran, die nur ihren unglücklichen Mann sehen will! Ich bin zu Fuße den weiten Weg von Sonnino gekommen, um ihn nur einen Augenblick an mein Herz zu drücken. Ich schmachte nach ihm, wie ein Sterbender nach der himmlischen Speise des Sacramentes. Könntet Ihr so grausam sein und mich vergebens bitten lassen? Ich will ihm ja nur ein Wort sagen, nur die Hand reichen und dann weiter gehen und Euch segnen.“

„Es ist nicht erlaubt,“ brummte der Sbirre barsch, dem weniger an dem Segen der armen Frau, als an einem klingenden Beweise ihrer Dankbarkeit zu liegen schien.

Verzweiflungsvoll blickte die Frau bald auf den unbarmherzigen Sbirren, bald auf den gefangenen Mann, der vor ohnmächtiger Wuth mit den weißen Zähnen wie ein gefesseltes Raubthier knirschte und flammende Blitze auf den frechen Peiniger schleuderte. Plötzlich von einem Gedanken durchzuckt, riß sie den werthlosen Metallpfeil aus den schwarzen Haaren, welche gleich einem dunkeln mächtigen Strom über den gebräunten Nacken flutheten.

„Nehmt,“ rief sie, dem Sbirren ihren einzigen Schmuck mit der Würde einer gefallenen Königin hinreichend, „das ist Alles, was ich besitze.“

„Und hier sind meine Ohrringe von echten Korallen,“ sagte ihre jugendliche Begleiterin, die, bisher hinter einem Marmorblock verborgen, plötzlich hervortrat, um ihre Bitten mit denen der älteren Schwester zu vereinigen.

Aber selbst dies neue Opfer prallte an der Brust des mitleidslosen Sbirren ab, welcher verächtlich die dargebotenen Gaben, weniger aus Pflichtgefühl, als wegen ihrer Geringfügigkeit, zurückwies.

„Denkt das Gesindel,“ fügte er hinzu, „daß ich wegen einer solchen Lumperei mir Händel mit dein Hauptmann zuziehen werde, um einen unechten Pfeil oder um ein Paar Ohrgehänge, die keine zwanzig Bajocchi werth sind. Da müßte ich ja ein rechter Narr, ohne Witz und Verstand sein.“

„Wenn ich aber noch drei Scudi hinzulege,“ fragte jetzt unerwartet Robert, den der ganze Auftritt auf das Tiefste erschüttert hatte, „wollt Ihr dann noch der armen Frau den Wunsch versagen?“

„O,“ versetzte der würdige Wächter der Gerechtigkeit, „ich bin nicht so grausam, wie Eccellenza glauben. Man ist ein Christenmensch und hat auch ein Herz, aber drei Scudi reichen nicht hin, all’ die Unannehmlichkeiten aufzuwiegen, denen ich mich aussetze. Auch muß ich mit dem Hauptmann theilen. Sagt vier Scudi, und ich will ein Auge zudrücken.“

„Meinetwegen vier Scudi!“ erwiderte der Künstler, während ein seltenes Lächeln seine ernsten Züge erhellte.

Ohne die Erlaubniß des Sbirren abzuwarten, eilte die Frau des Gefangenen in die Arme ihres Mannes, den sie mit südlicher Lebendigkeit unter Lachen und Weinen umschlang und mit wilder Gluth an den hochklopfenden Busen drückte. Plötzlich aber sich von ihm losreißend, ergriff sie die Hand des Gatten, und Beide traten vor den großmüthigen Maler, um ihm mit überströmender Herzlichkeit zu danken.

„Eccellenza,“ sagte das Weib des Briganten, „wir werden noch in unserer Todesstunde an Euch denken. Unser Leben, unser Blut sind Euch geweiht. Wenn mein Francesco wieder frei sein wird, so braucht Ihr nur zu rufen, und er wird kommen, um zu thun, was Ihr von ihm verlangt.“

„Ja, das will ich,“ bekräftigte der Räuber mit einer charakteristischen Bewegung des wie zum Stoße ausholenden Armes. „Wenn Ihr dann einen Feind habt –“

„Die Engel haben keine Feinde,“ flüsterte das junge Mädchen, mit strahlenden Augen zu dem Künstler wie zu einem Heiligenbilde emporblickend.

Um sich den ihm lästigen Danksagungen zu entziehen, entfernte sich Robert an der Seite des Freundes, obgleich er nicht verhindern konnte, daß Francesco ihm ein lautes „Evviva!“ nachrief, in das die sämmtlichen Gefangenen ans voller Kehle einstimmten.

„Ich gratulire Dir,“ scherzte der Begleiter, „zu Deinen neuen Freunden. Ich glaube in der That, daß Signore Francesco keinen Anstand nehmen würde, Dir mit einem guten Dolchstoß seinen Dank abzustatten, wenn Dir ein Kritiker einmal zu nahe treten sollte. Noch mehr beneide ich Dich um die Erkenntlichkeit der beiden Frauen. Welche prächtige Gestalten! Besonders die Aeltere mit den flammenden Pechfackeln der Augen und den schwarzen Löwenmähnen. Gott Gnade Deinem armen Herzen!“ [227] „Du kannst meinetwegen ganz unbesorgt sein,“ lächelte Robert.

„Dann ziehst Du also die Jüngere vor; das schüchterne Reh mit den braunen Gazellenaugen und den feinen, schmächtigen Gliedern hat es Dir angethan. Wie es scheint, liebst Du die vielverheißende Knospe mehr, als die aufgeblühte Centifolie, während es mir umgekehrt behagt. Nun, de gustibus non est disputandum!“

„Weder die Eine, noch die Andere,“ versetzte der Maler gedankenvoll. „Du irrst Dich, ich habe nur gefunden, was ich mit Sehnsucht bisher gesucht – die Ideale meiner künftigen Bilder.“

„Das übersteigt meine Fassungskraft. Diese Räuber, Diebe, Mörder, das Gesindel des Bagno sollten im Ernst Deine Ideale sein? Ich glaube in der That, daß Du Dich nur über mich lustig machen willst.“

„Allerdings scheinen mir diese Briganten, trotz ihrer Lumpen, mit all’ ihrer Wildheit und Verkommenheit, als die letzten Zeugen einer großen Vergangenheit. Glich nicht jener alte Räuber, der schmerzversenkt sich auf den schweren Marmorblock stützte, einem Marius auf den Trümmern von Carthago? Schlang nicht der dunkle Krauskopf seinen zerrissenen Mantel mit der Würde eines römischen Senators um seine braunen Schultern, und blitzten nicht aus den Augen dieses Francesco der Heldenmuth und der wilde Trotz der alten Welteroberer?“

„Und diese Welteroberer sind jetzt gemeine Spitzbuben, welche in ihren Schlupfwinkeln Dir auflauern und Dir die Kehle abschneiden, wie dieser Gasparone, der sich rühmt, mit eigener Hand siebenundneunzig Mordthaten verübt zu haben.“

„Es ist nicht die Schuld dieses Geschlechtes, daß es so tief gesunken ist. Eine elende, jammervolle Regierung trifft allein der Vorwurf einer so furchtbaren Entartung, dieser Demoralisation. Mir sind Züge von Edelmuth unter diesen Räubern bekannt, welche an die schönen Tage der Heroenzeit uns mahnen. Wenn Du diese zwar rohen und verwilderten, aber kraftvollen Söhne des Waldes mit den jetzigen Nobili, mit einer durchaus blasirten und innerlich faulen Gesellschaft, mit dem entnervten, von allen Lastern der Civilisation befleckten Adel Roms vergleichst, so wirst Du zugeben müssen, daß sie besser sind, als ihr Ruf, und unsere Theilnahme verdienen.“

Der Schall der rasselnden Tamburins und der Klang der Mandolinen, welche aus der nahen Vigne ihnen entgegentönten, unterbrachen das ernste Gespräch der Freunde, die unter einer Weinlaube Platz nahmen und von dem geschäftigen Wirthe bedient wurden. Bald gesellten sich Bekannte, meist Künstler, wie sie selbst, und Zöglinge oder Pensionaire der französischen Akademie, zu ihnen, so daß die Unterhaltung eine allgemeine Wendung nahm. Man lachte, scherzte und mischte sich unter das fröhliche Volk, welches hier im Freien die sogenannten Octoberfeste feierte.

Nur Robert hielt sich fern von dem lustigen, lärmenden Treiben, so daß er mit seinen Gedanken und künstlerischen Träumen bald allein blieb. Unterdessen war die Dämmerung mit jener jähen Schnelligkeit eingetreten, die dem Süden eigenthümlich ist. Am dunklen Himmel leuchtete der stille Mond, dessen Silberstrahlen die dunkle Laube erhellten. Von Zeit zu Zeit schoß aus den Weinbergen eine feurige Rakete empor, gleich einem glänzenden Sterne in den Lüften schwebend und allmählich verglühend. Aus der Ferne schallte gedämpft der Ton der Musik und das Jauchzen der Tänzer.

Vor Robert’s Seele schwebten die Bilder der gefangenen Räuber, die Erinnerung an jene beiden armen Frauen, deren wilder Schmerz so seltsam mit der ihn umgebenden Heiterkeit contrastirte. Eine unnennbare Wehmuth, wie sie nur tiefere Gemüther kennen, erfüllte jetzt sein Herz und ließ ihn den Zwiespalt des Lebens ahnen, den er durch seine Kunst bisher vergebens zu bewältigen, zu versöhnen gesucht.

Sein ganzes Leben war ein schwerer Kampf mit den Verhältnissen gewesen. Sohn eines Uhrenfabrikanten aus La-Chaux-de-Fonds in der französischen Schweiz war er gegen den Willen seiner Eltern, die ihn dem Kaufmannsstande widmen wollten, Künstler geworden. Nur mit Widerstreben gab der Vater den Wünschen seines Sohnes nach und ließ ihn nach Paris ziehen, wo er bei einem Landsmann, dem Kupferstecher Girardet, den ersten Unterricht im Zeichnen erhielt.

Bald erkannte er die Unzulänglichkeit seines Lehrers, der nur ein talentvoller Handwerker und außerdem ein wüster Trunkenbold war. Mit den größten Opfern, die er gern seinen Eltern erspart hätte, wurde er von dem berühmten Maler David unter dessen Schüler ausgenommen. Nach jahrelanger Arbeit gelang es ihm, den ersten Preis in der Malerei davonzutragen, der ihm den Weg nach Rom, dem Ziele seiner heißen Sehnsucht, eröffnete.

Aber der tückische Zufall wollte es, daß sein Sieg mit dem Sturze des französischen Kaiserreiches zusammenfiel. Die ihm zuerkannte Pension zu einer Reise nach Italien wurde ihm entzogen, weil nach dem Pariser Frieden Neuchatel und damit auch seine Vaterstadt aufhörte, eine französische Besitzung zu sein, er selbst nicht mehr das französische Bürgerrecht besaß, sondern ein preußischer Unterthan, ohne Aussicht auf jede Unterstützung von Seiten der neuen Regierung, geworden war.

Von der Noth gezwungen, kehrte er in das Vaterhaus zurück, wo er, zu stolz, um seinen Eltern zur Last zu fallen, sich mit der Anfertigung von Portraits mühselig ernährte, obgleich ihn eine derartige unwürdige Beschäftigung tief anwidern mußte. Endlich schien ihm das Glück zu lächeln; er fand einen wohlhabenden Gönner, der sich bereit erklärte, ihm die für einen längeren Aufenthalt in Rom nöthige Summe vorzustrecken.

Aber auch hier hatte er noch schwer zu ringen, da er trotz seines Talentes und seines Fleißes die gewünschte Anerkennung nicht fand, weil er sich nicht herbeilassen wollte, dem verdorbenen Modegeschmack zu huldigen, sondern nach dem höchsten Ideale in seiner Kunst strebte. Nur wenige wahre Kunstkenner und nähere Freunde schätzten und ehrten den begabten jungen Maler, welcher von dem großen Haufen kaum beachtet und gewürdigt wurde.

So manche gescheiterte Hoffnung und fehlgeschlagene Aussicht nährten die ihm angeborene Neigung zur Melancholie, welche das . Erbtheil der höheren Geister, der bevorzugten Naturen zu sein und wie ein dunkler Schatten das helle Licht des Genius zu begleiten pflegt.

Aus diesem stillen Brüten, in das Robert auch jetzt wieder nach seiner Gewohnheit versunken war, weckte ihn die Berührung einer Hand, die sich freundschaftlich auf seine Schultern legte. Als er aufblickte, sah er die hohe, imponirende Gestalt und das geistvoll milde Gesicht eines ihm wohlbekannten älteren Mannes, für den er, wie alle Welt, die größte Ehrfurcht empfand.

Derselbe mochte ein angehender Fünfziger sein, obgleich er weit jünger erschien. Lange blonde Locken, welche die breite gewölbte Stirn wie ein dichter Wald umgaben und bis zu den breiten Schultern niederwallten, und die hellen blauen Augen, die einem sonnigen Gebirgssee glichen, erinnerten an seine nordische Abkunft. Seine klaren Züge trugen den unverkennbaren Stempel des schöpferischen Genies, den Adelsbrief, welchen die Natur ihren bevorzugten Lieblingen in deutlich leserlicher Schrift ertheilt. Es lag etwas Gebieterisches in seiner ganzen Haltung und Physiognomie, gemildert durch das wohlwollende, humoristische Lächeln des feingeschnittenen Mundes. Bei dem Anblick dieses Kopfes konnte man wohl an den olympi6schen Zeus denken, wenn der Gott mit seinem Ganymedes scherzt.

Thorwaldsen! Herr Staatsrath Thorwaldsen!“ rief Robert, überrascht aufspringend, und den berühmten Bildhauer - denn der war es selbst – begrüßend.

„Laßt nur,“ versetzte dieser lächelnd, „den verwünschten Herrn und all’ die leeren Titel bei Seite. Ich bin, was Ihr seid, ein Künstler und Euer Camerad. Wenn Ihr nichts dagegen habt, so setze ich mich zu Euch in die kühle Laube und trinke mit Euch eine Foglietta, da mich die Hitze und das Gedränge aus der Stube vertrieben haben.“

„Es wird mir eine große Ehre sein.“

„Wer weiß? Ich halte Euch vielleicht ab, an der Fröhlichkeit Eurer Freunde Theil zu nehmen, die dem Tanze zusehen und mit den schönen Kindern scherzen.“

„Ich trage kein Verlangen danach, der Lärm in der Schenke widert mich an.“

„Das ist nicht recht; die Jugend soll sich freuen und das Leben genießen. Als ich noch jung war wie Ihr und in Kopenhagen die Zeichenschule als ein armer Bursche besuchte, da durste ich bei keinem Tanze, bei keinem Vergnügen fehlen. Noch heute lacht mir das Herz, wenn ich an die alten Zeiten denke! Ich glaube, mein junger Freund, daß Ihr das Leben zu ernst nehmt.“ [228] „Das Leben ist ernst und zumal das Leben eines Künstlers im Beginn seiner Laufbahn.“

„Wem sagt Ihr das?“ erwiderte Thorwaldsen. „Darüber kann ich wohl aus eigener Erfahrung ein Wort mitsprechen. Es ging mir nicht besser, als ich vor Jahren hier in Rom mit meinem Modell des Jason saß und von Tag zu Tag vergebens auf eine Bestellung wartete. Kein Mensch wollte von meinem Werke etwas wissen und in bitterem Unmuth, an mir selbst und an meinem Berufe verzweifelnd, griff ich schon nach dem Hammer, um die Formen zu zerstören, als der reiche Engländer Hope in mein Atelier trat und mir den Auftrag gab, die Statue in Marmor für ihn auszuführen. Seitdem war ich ein gemachter Mann und konnte nicht nur sorglos, sondern selbst im Ueberfluß leben. Ihr seht, daß man nicht den Muth verlieren darf.“

„Nicht Jedem lächelt das Glück wie Ihnen, und die reichen Engländer scheinen wie die Engel der heiligen Schrift von der Erde verschwunden zu sein.“

„Einem so wackern Künstler wie Euch kann es ebenfalls nicht an Gönnern und Freunden fehlen. Ich selbst habe Achtung vor Eurem Talent, und wenn ich Euch in irgend einer Weise nützen kann, so thue ich es nur mit Freuden. Ihr könnt mit mir, wie mit einem Vater, offen sprechen. Wenn Ihr nicht bei Casse seid, was uns Künstlern ja nicht selten zu passiren pflegt, so braucht Ihr Euch nicht zu geniren; ich will Euch sogleich eine Anweisung auf meinen Bankier ausstellen.“

„Dank, tausend Dank!“ erwiderte Robert, warm die Hand des berühmten Bildhauers drückend. „Für meine geringen Bedürfnisse bin ich hinlänglich mit Geld versehen.“

„So sagt mir nur, wo Euch sonst der Schuh drückt, was ich für Euch thun kann.“

„Sie kennen,“ erwiderte Robert nach einiger Ueberlegung, „den Cardinal Consalvi.“

„Er ist mein Freund und besucht mich öfters in meinem Atelier.“

„Dann können Sie mir vielleicht eine Empfehlung an ihn geben.“

„Gewiß! Aber der Cardinal ist ein Knauser, der keine Bilder kauft.“

„Darum handelt es sich nicht. Ich will ihn nur bitten, mich in den Bädern des Diocletian einzusperren.“

„Mensch!“ rief der überraschte Bildhauer. „Was ficht Euch an? Ihr seid wohl nicht richtig im Kopfe? In diesen Termini sitzen ja nur die ärgsten Spitzbuben, Räuber und Mörder, das verruchteste Gesindel. Das ist doch keine Gesellschaft für Künstler, wie Ihr einer seid.“

„Aber unter diesen Räubern und Mördern findet man die herrlichsten Gestalten, die charakteristischsten Figuren, wahrhafte Helden, wie sie sich ein Künstler nicht besser wünschen kann. Ich selbst war Zeuge einer Scene, die mich tiefer ergriffen hat, als Alles, was ich bisher in Rom gesehen.“

„Laßt mich hören und ich will sehen, ob nicht wirklich Euer Kopf gelitten hat,“ scherzte gutmüthig der Bildhauer.

Mit wenigen Worten erzählte Robert sein eben erlebtes Abenteuer mit den beiden Frauen, das der berühmte Bildhauer mit steigender Theilnahme und Bewunderung vernahm.

„Jetzt verstehe ich Euch erst,“ sagte der große Thorwaldsen gerührt, als Robert geendet hatte. „Ihr seid ein wackerer junger Mann, ein echter Künstler, der das Herz auf dem rechten Flecke hat und ein offenes Auge für die ewige Schönheit der Menschennatur, wo und wie sie sich auch offenbaren mag. Das ist der einzige Weg, wie man das höchste Ziel erreichen kann. Ihr sollt die Empfehlung an den Cardinal haben, und ich selbst will mit ihm sprechen, daß er Euch nicht eine elende Gefangenenzelle, sondern ein einigermaßen anständiges Atelier in den Bädern des Diocletian anweist.“

„Wie soll und kann ich Ihnen danken, daß Sie mir die Gelegenheit geben, diese Studien zu machen!“

„Redet nicht von einer solchen Lumperei! Das ist das Wenigste, was ich für Euch thun kann. Hoffentlich laßt Ihr mich Eure Skizzen sehen, von denen ich mir einen großen Erfolg verspreche. Jetzt aber sollt Ihr Euer Glas füllen und mit mir anstoßen.“

Robert stieß mit dem Meister an, aber er fand keine Worte zu einem Trinkspruch, das Herz war ihm zu voll.

Desto lauter erklang der Gesang der heimkehrenden Tänzer, welche die Osteria verließen und, mit Weinlaub bekränzt, blumengeschmückte Stäbe in den Händen, einem Chor gottberauschter Bacchanten und Mänaden glichen.


(Fortsetzung folgt.)



Land und Leute.
Nr. 25. Winterleben in Tirol.

Tausende von Touristen durchwandern in der schönen Jahreszeit unser großartiges Bergland und erfreuen sich am Anblicke seiner anmuthigen oder grotesken Landschaften. Welch’ reichen Wechsel bietet es von den Limonengärten und Olivenhainen des Gardasees bis zu den Eisfeldern der Oetzthaler Gletscher! – Allein mag Tirol im Sommer an Naturschönheiten mit jedem Berglande wetteifern, auch im Winter besitzt es seine unleugbaren Reize, ja, wenn Schneemassen Thal und Berg bedecken, die Wasserfälle wie riesige Krystalle an den Felswänden funkeln und über die schneeweiße Herrlichkeit tiefblau der Himmel sich breitet, dann scheint die Bergwelt an Großartigkeit noch gewonnen zu haben. Jeder, der im Winter die Fahrt über den Brenner gemacht hat, wird diesen Winterlandschaften den Preis vor den Sommerlandschaftsbildern der Route geben. – Freut sich der Städter auf den Sommer und die erfrischenden Landpartien, so sieht der Bauer mit Sehnsucht dem Winter entgegen. Dieser ist ja die Zeit idyllischen Zusammenlebens und behaglicher Ruhe. Der Winter ist für den Bauer das, was für den Studenten die Ferien sind. Mit dem Beginne desselben zieht er sich von den Feldern und Almen, wo er den größten Theil des Sommers zugebracht hat, in die warme, getäfelte Stube zurück, schmaucht dort sein Stumpfpfeifchen oder streckt seine Glieder behaglich auf der Ofenbank. Die Burschen basteln dies und jenes für den Gebrauch des Hauses oder schnitzen Figuren für die Weihnachtskrippe, die Dirnen sitzen an den schnurrenden Rädern. In manchen Dörfern sind noch die Heimgärten im Brauche; die Nachbarleute finden sich in der größten Stube zusammen und sprechen über Gemeindesachen oder Zeitereignisse, oder erzählen sich alte Geschichten und Mähren, während die Weiberleute lauschend die Spinnräder drehen. Manchmal wird noch ein Lied gesungen oder ein Bursche giebt einen Ländler auf der Cither zum Besten. Denn nicht überall ist es frommen Eiferern gelungen, Sang und Citherklang zu verbannen.

Eine Unterbrechung dieses ruhigen Winterlebens bildet nur das Abführen des Heues aus den Bergstädeln oder das Fällen und Abtreiben des Holzes. Gewährt so der Winter den Erwachsenen meist süße Rast und behagliche Erholung, so bringt er den Kindern manche Beschwerde. Die Kleinen, die im Sommer im Freien spielend sich Umtrieben oder Vieh hüteten, müssen nun die Schule besuchen. Dies ist für viele keine geringe Aufgabe, denn sie müssen oft mehr als eine Stunde bei Kälte und Sturm, manchmal von Lawinen bedroht wandern, um die ferne Schulstube zu erreichen. Mit von Kälte gerötheten Wangen, die Kleider beschneit und bereift, ziehen sie wohlgemuth durch Wald und Feld ihren, Ziele zu, manch jüngeres aber, das zum ersten Male die Schule besucht und die Strenge des Winters und die glitschrigen Wege nicht gewohnt ist, fühlt Zagen und Bangen und mag wohl manche Thräne fallen lassen. Noch ist es häufig vorkommender Brauch, daß jedes Kind ein Holzscheit zum Heizen des Schulzimmers mit sich trägt. In diesem Falle setzen die Jungen einen besondern Stolz darein, das größte Scheit als Tribut zu bringen, und selbst halbmorsche Zaunpfähle werden mitgeschleppt. Dieser Ehrgeiz hat seinen besondern Grund in dein huldvollen Lächeln des Schulmeisters, mit dem die größten Scheiter begrüßt werden, und in der Erwerbung seines Wohlwollens. Ja, schon manche Privilegien wurden durch riesiges „Holz“ erzielt. So hatte zu meiner Zeit auf diese Weise der dicke Hans das Recht erworben, ein paar Aepfel im Ofen zu braten, und die lauge Moidl durfte ein Töpfchen Milch für sich und ihr sechsjähriges Brüderlein im Ofenloch sieden.

Eine solche Schaar munterer, mit Scheiten versehener Kinder,

[229]
Die Gartenlaube (1868) b 229.jpg

Die kleinen Schulholzlieferanten.
Nach einer Tiroler Federzeichnung auf Holz übertragen von G. Sundblad.

[230] die zur Schule des aus den Franzosenkriegen berühmten Dorfes Spinges eilen, finden wir auf unserem Bilde. Diese Schulgänge unserer Bauernkinder durch die tiefe Waldeinsamkeit unter Schneeballwerfen und andern neckischen Streichen haben viel Poesie; sie zählen zu den beliebtesten Erinnerungen älterer Leute. Ueber Mühsal und Gefahr setzen sich heitern, sorgenlosen Sinnes die Kinder hinweg, erfreuen sich an den Vögeln, die durch die bereiften Sträuche huschen, und mancher Bauer kann lange davon erzählen und freut sich an den Bildern, die dabei aus seiner Kindheit auftauchen. Deshalb ist auch den Kleinen kein Schulweg zu weit, und die entferntesten Kinder kommen gewöhnlich zuerst in der Schule an. Es ist eine erfreuliche Thatsache, das; die Volksschulen in Tirol sehr fleißig besucht werden und daß Tirol in dieser Beziehung andern österreichischen Provinzen voran steht.

Hat der Winter für die Kinder seine Last und Mühe, so gewährt er ihnen auch die innigsten und größten Freuden. Ich meine nicht so sehr die gewöhnlichen Spiele des Schneeballenwerfens, des Schneemannmachens, des Eislaufens und des pfeilschnellen Rodelns (das Fahren auf kleinen Schlittchen auf abschüssigen Wegen und Plätzchen), als andere Bräuche und Feste. Mit welcher Freude und seliger Hoffnung schlägt das Kindesherz dem Sanct Niklaustage (6. December) entgegen! Denn in der vorhergehenden Nacht reitet der heilige Mann auf seinem Esel herum und legt braven Kindern Nüsse, Aepfel und andere liebe Sachen ein. An manchen Orten geht noch der heilige Bischof leibhaftig um, befragt, ermahnt und beschenkt die Kleinen, während der Klaubauf mit klingenden Schellen und rasselnden Ketten schlimme und träge Kinder schreckt. Hier und dort wird noch das „Niklausspiel“ von umziehenden Burschen ausgeführt, in dem, wie es sich für ein echtes Volksspiel ziemt, Ernst und Scherz, fromme Belehrung und kecker Humor auf’s Innigste vereint sind. In Wälschtirol vertritt Santa Lucia (12. December) die Stelle des heiligen Bischofs und bescheert den Kindern. Sogar in der deutschen Gemeinde Luserna, hart an der vicentinischen Grenze, waltet Lucia des kindererfreuenden Amtes, aber dabei hat sich die echtdeutsche Sitte dort erhalten, einen Schuh zur Aufnahme der Spenden hinzustellen, die im nördlichen Deutschland sich findet, in Tirol jedoch sonst ganz unbekannt ist. Der poetische Brauch, am Barbaratage oder Luciafeste Kirschbaumzweige zu schneiden, um sie auf die Christnacht zur Blüthe zu bringen, lebt noch in den meisten Thälern fort, wie dies auch die fränkische alte Sitte ist.

Mit December beginnt der Advent, der wirklich noch in unseren Bergen als Zeit frommer Vorbereitung und freudiger Hoffnung gefeiert wird. Frühmorgens werden „die goldenen Aemter“ (Norate) in der Kirche gehalten und aus fernen Berghöfen eilt das Volk zu diesem Gottesdienste herbei, dessen goldener Name besonders für die Phantasie der Kinder einen eigenen geheimnißvollen Zauber hat. Welch’ malerischer Anblick von der Tiefe aus, wenn durch das Morgendunkel die brennenden Späne, hier Bucheln oder Kendeln genannt, der Kirchgänger irrlichtartig von den einsamen Höhen, bald glänzend auftauchen, bald im Walde wieder verschwinden! Im Advente wird auch am fleißigsten für die Weihnachtskrippe gearbeitet, besonders an den langen Abenden, wo die Väter und Burschen gern „Krippelemanlen“ schnitzen, während die Kinder neugierig und lauschend dem Schaffen ihrer Künstler zusehen. In die Adventzeit fallen ferner die sogenannten „Klöpfelnächte“, als welche meist die drei Donnerstage vor dem Christtage gelten. Bursche oder Kinder ziehen herum, singen Lieder oder sagen gereimte Sprüche auf und erhalten dafür von den Bäuerinnen Kuchen oder Nüsse und anderes Obst.

Ein Haupttag im Winter ist aber das Thomasfest, berühmt durch die Schweinemärkte und eine Fülle von Gebräuchen und Aberglauben. Wie der heilige Zwölfbote zu den Schweinen und den Liebesorakeln in Beziehung gekommen ist, wäre für uns ein Räthsel, wenn wir nicht wüßten, daß er im Volksglauben an die Stelle des Freude und Frieden, Liebe und Ehe spendenden Gottes Fro (Frehr), der auf goldborstigem Eber ritt und dem die Schweine heilig waren, getreten ist, wie Sanct Nicolas an den Platz Nyördr’s, Sanct Oswald und Michael an den Wuotan’s gekommen sind. Alle die Bräuche und Liebesorakel, die durch ganz Deutschland am Thomasabende haften, z. B. Bleigießen, Schuhwerfen, Loosen, finden auch hier statt, und manche Dorfschöne erforscht in dieser Nacht das Liebeloos ihrer Zukunft. An diesem Tage sollen auch die Weihnachtzelten gebacken werden, Brodlaibe mit Nüssen und gedörrten Obstschnitzen, die zweifelsohne Reste eines alten Opferbrodes sind und von Liebenden feierlich angeschnitten werden.

Am Christabende werden allenthalben zur Lust von Alt und Jung die Krippen „aufgemacht“ und mit Tannenzweigen oder in Südtirol auch mit Epheuranken geschmückt. Wohl in keinem Lande sind die Krippen so verbreitet wie in unseren Bergen, wo zum Kunsthandwerke, besonders zum Schnitzen so viele Anlage und Freude sich findet. Eine echte Tiroler Krippe begnügt sich aber nicht mit der Darstellung des biblischen Stoffes, dem gewöhnlich nur das Parterre eingeräumt wird, sondern sie stellt die ganze Gebirgswelt und das Leben derselben im Kleinen vor. Auf den schneeigen Kuppen des „Krippelnberges“ Hausen Gemsen und verwegene Jäger klimmen die steilen Felsen hinan; das reichste Leben entwickelt sich aber auf dem Mittelgebirge, das schmucke Bauernhäuschen und graue Burgen mit Thürmen und Zinnen zieren. Fröhliche Hirten, butterschlegelnde Bäuerinnen, Viehhändler und Eierträgerinnen beleben das freundliche Gelände. Ans dunkeln Schachten fördern Knappen das Erz zu Tage, und vor einer abgelegenen Grotte betet oder liest der langbärtige Einsiedler. Wie in den alten Passionsspielen neben dem heiligsten Ernst auch der derbste Scherz durch die dummen Teufel oder den Schacherjuden vertreten ist, so ist auch bei den Krippen, namentlich in der oberen Etage, der Humor nicht ausgeschlossen und manch lustiger Einfall macht sich auf den Hügelterrassen breit.

Die Christmette wird noch in Städten und auf dem Lande um Mitternacht gehalten und von den höchsten Berghöhen eilen die Bewohner mit ihren Fackeln auf unwegsamen Pfaden zur Kirche, sobald die Glocken durch die nächtliche Stille feierlich klingen, wie dies in einem früheren Jahrgange die Gartenlaube ihren Lesern im Bilde vorgeführt hat. Alles – Jung und Alt - will die heilige Nacht mitfeiern. Eine tiefe Poesie webt nach dem Volksglauben in dieser geheimnißvollen gnadenreichen Nacht und durchdringt die ganze Natur. Die Schätze blühen, den Quellen entströmt Wein, neues Leben beginnt in den Pflanzen, die Zukunft enthüllt sich dem Forschenden. In der heiligen Nacht fütterte man noch vor kurzer Zeit in manchen Thälern die Elemente, damit sie den Menschen hold seien, und noch geht man in einigen Gegenden in den Obstgarten, um die Bäume zu rütteln oder zu umfassen, damit sie viel Aepfel und Birnen tragen. Wie aber in der heiligsten der Nächte das Wunder, so ist auch der Zauber thätig, denn der Wildschütze soll sich in der Nacht die Freikugeln gießen und der Zauberlehrling die schwarze Kunst lernen. Die Kinder ziehen von nun an bis zum Dreikönigstage gern als „Sternsinger“ herum und heischen dafür kleine Geschenke: Obst und Zelten. Die dabei gesungenen Lieder reichen oft weit zurück und sind verschiedenen deutschen Gauen gemeinsam. Als eines der bekanntesten gilt:

Die heiligen drei König mit ihrem Stern etc.

Am Dreikönigsabende, an manchen Orten auch am Christ- und Neujahrsabend, herrscht noch die alle Sitte, daß der Familienvater oder ein Priester die Räumlichkeiten des Hauses, oft auch die Felder und Aecker beräuchert und mit Weihwasser besprengt.

Der frommen Handlung folgt ein bescheidener Trunk, denn nach altgermanischem Brauche darf bei solcher Gelegenheit ein kleines Gelage nicht fehlen. An die Rauchnächte knüpfen sich viele alte Glauben und Bräuche, die noch auf die heidnische Julzeit zurückweisen, und heutzutage noch glaubt in einsamen Thälern manch’ altes Mütterchen, daß in dieser heiligen Zeit der Zwölften die Perchtl mit ihren Kindern umziehe. So treu und fest hat sich das Volk manche Ueberlieferungen bewahrt, daß das Gedächtniß der leuchtenden Göttin Perchta noch jetzt nicht gänzlich verschollen ist.

Die Wetterfeste sind mit dem Dreikönigfeste abgeschlossen. Der Bauer fängt nun an auf den nahenden Frühling zu sorgen und Dies und Jenes für die künftige Feldarbeit vorzubereiten. Gilt ja vom 25. Januar das alte Sprüchwort:

„Paulbekehrt
Kehrt sich das Würzet um in der Erd.“

und am Lichtmeßtage (2. Februar) kriecht nach dem Volksglauben der Fuchs aus dem Loche. An diesem Feste herrscht ein reges, bewegtes Leben. Denn es ist der Hauptschlenkeltag der Dienstboten, die aus dem frühern Dienste aus- und in einen neuen eintreten. In manchen Dörfern setzt es eine kleine Volkswanderung ab, wenn zufällig viele „Ehehalten“ – mau gebraucht in Tirol noch dies altehrwürdige Wort für Dienstboten – gewechselt werden. [231] Mit diesem Feste beginnt meist der Fasching in weiteren Kreisen. Hei wie Lustig ging es einst, wenn man allen Leuten Glauben schenkt, in der Fastnacht in unsern Bergen zu! Tanz und Sang, Huttlerlaufen und Gaistädinge waren allüberall! – Allein von der neueren Zeit, wo von den Kanzeln aus die Zithern als Teufelsinstrumente verdammt wurden und mürrische Landrichter in jeder Volksbelustigung ein halbes Staatsverbrechen sahen, gelten meist des Dichters Worte:

„Zum Teufel ist der Spiritus,
Das Phlegma nur geblieben.“

Doch läßt sich die Jugend nicht überall die Faschingslust rauben und das Huttler- oder Schemenlaufen (Maskengehen), das Blockziehen und Aehnliches hat sich trotz aller Polizeiverbote und polternder Capucinaden in manchen Dörfern erhalten. Eine beliebte Unterhaltung besteht darin, daß vermummte Bursche alte Madlen darstellen, die auf einen Wagen gesetzt werden, damit sie auf das Sterzinger Moos, den Büßeort verstorbener Jungfern, geführt werden. An derben Reimsprüchen und persönlichen Anspielungen darf es bei einem solchen Mummenschanze nicht fehlen, und man muß oft bei solcher Gelegenheit über den prompten Mutterwitz und die Reimfertigkeit unserer Jugend staunen. Mit dem Fasching gilt der Winter als abgeschlossen, denn am Fastnachtsdienstage leuchten an der untern Etsch schon die Faschingsfeuer, am ersten Fastensonntage in der Meraner Gegend die „Holepfannen“ von den Hügeln. So werden die Frühlingsfeuer genannt, die besonders im Burggrafenamte zahlreich angezündet werden, um den Beginn der schönen Jahreszeit zu feiern, obwohl dem Volke längst deren Bedeutung abhanden gekommen ist. In Ulten nennt man aber noch das Anzünden der Reis- und Strohbündel auf den Saatfeldern das „Kornaufwecken“, welcher Name noch die Beziehung dieser Feuer auf den Frühling und die Saat ausdrückt. Im Oberinnthal wird um diese Zeit das „Scheibenschlagen“ begangen, wobei brennende Räder über Aecker geschleudert oder über Abhänge gerollt werden. Da seit uralten Zeiten das Rad als Sinnbild der Sonne gilt, läßt sich schließen, daß diesem Brauche ein Fest zu Ehren der erstarkenden Sonne zu Grunde liege. Im Vinschgau, dem Thale der allen Unnosten, ziehen am 22. Februar, dem Feste Petri Stuhlfeier, die Buben, mit großen Schellen und Kuhglocken klingend, durch die Dörfer und rufen: „Peter Langas, Peter Langas!“ Sie kündigen auf diese Weise die Ankunft des ersehnten Frühlings an, der in der Volkssprache „Langas“ (Lenz) heißt, und die schöne Sitte nennt man „Langaswecken“. Weil in Südtirol mit diesem Tage wieder die Feldarbeiten beginnen und die Dienstboten von nun an mehr Wein von ihrem Bauer beziehen, wird dieser Tag „Peter Pütterle“ genannt, da Pütter das kleine hölzerne Weingefäß bedenket, welches man auf die Felder hinaus mit sich trägt.

Der Winter mit seiner Ruhe, seinem gemüthlichen Stillleben, mit seinen Freuden und Festen ist jetzt für Südtirol vorüber und das Wirken und Schaffen unter Gottes freiem Himmel nimmt wieder seinen Anfang. In Nordtirol aber und in höher gelegenen Thälern, wo der Winter länger sein krystallenes Scepter schwingt, dauert, nicht eben zum Schmerze der Landleute, die Siesta in der warmen Stube meist bis Ende März, ja das „Grasausläufen“, welches dem „Langaswecken“ entspricht, findet im Unterhaltene erst am Georgier (24. April) statt.





Der Präsident auf der Anklagebank.
Von einem Augenzeugen.
(Schluß.)


Am Sonnabend des 22. Februar um zwei Uhr zehn Minuten erhob sich der alte Thaddeus Stevens, als Vorsitzender des aus sieben Republikanern und zwei Demokraten bestehenden Rekonstruktions-Comités. Ein fünfundsiebzigjähriger Greis von hoher Gestalt, die durch einen zerschmetterten Fuß etwas leidet, sehr mager und eingefallen, hat er dem Anscheine nach jede körperliche Kraft verloren, aber die lebhafte, unverwüstliche Kraft, welche auf seiner ungewöhnlich hohen und breiten Stirn thront, zwingt das nur mühsam zusammenhaltende Gerippe seine letzten Dienste zu thun. Obwohl er nur wenige Schritte vom Kapitol entfernt wohnt, wird er doch bis an die Stufen desselben gefahren und dann, in einem Lehnstuhl sitzend, von zwei Männern die Treppen hinauf bis zu seinem Kabinett getragen. Außer und im Congresse ist er verdientermaßen der Patriarch der republikanischen Partei, und wenn im Hause seien Leichengesicht sich über seine Umgebungen erhebt, dann schweigt plötzlich wie durch Zauber der Lärm, Alles blickt nach Stevens, jeder Blick hängt an seinem Munde und die meisten Mitglieder schleichen behutsam in seine Nähe, um keines seiner Worte zu verlieren. Ja seine, ich darf sagen, Geistererscheinung ist so imponirend, die Ueberzeugung, daß nur die reinste und sorglichste Vaterlandsliebe jenem am erlöschen flackernden Lebenslicht ein Minimum Nahrung gewährt, so unabweislich, daß selbst die Demokraten, die Niemanden mehr hassen als diesen schwachen Greis, sich vor der Größe seiner persönlichen Erscheinung beugen.

Ehe der Sprecher des Hauses Stevens das Wort gab, ermahnte er die in allen Räumen dicht gedrängten Zuschauer wie auch die Volksvertreter, während der nunmehr beginnenden Verhandlungen Ordnung zu halten. Stevens las nun mit, wenn auch schwacher, doch durch den weiten Saal vernehmbare Stimme nachstehenden Bericht: "Das Comité findet, daß, zusätzlich zu den bekannten Documenten, der Präsident am 21. Februar eine Bestallungsurkunde und Authorisation für einen Lorenzo a Thomas ausfertigen lassen und unterzeichnet hat, worin der besagten Thomas anweist und autorisiert als interimistischer Kriegssecretär zu handeln und von den Büchern, Urkunden, Papieren und anderm öffentlichen Eigenthume in dem Kriegsdepartement Besitz zu ergreifen, wovon Folgendes eine Abschrift ist: (es folgt die Ordre des Präsidenten).

Aufgrund der von dem Comité gesammelten Beweisstücke und kraft der ihm vom Hause übertragenen Gewalt, ist dasselbe der Ansicht, daß Andreas Johnson, Präsident der Vereinigten Staaten, wegen hoher und geringer Vergehen angeklagt werden solle (be impeached for high crimes and misemeanors.) Das Comité empfiehlt daher dem Hause der Annahme des folgenden Beschlusses: daß Andreas Johnson, Präsident der Vereinigten Staaten, wegen hoher und geringer Vergehen angeklagt werde."

In lautlose Stille nahmen Haus und Publicum die verhängnißvolle Botschaft aus dem Munde des Propheten entgegen, der seit fast drei Jahren vergeblich seine warnende Stimme erhoben. Jeder schien zu fühlen, daß wiederum an unserer Verfassungsleben ein harter Prüfstein angelegt werden solle; wiederum, wie im Jahre 1861, war das Volk gespalten gegen den gemeinschaftlichen Feind, und wiederum ist es die demokratische, richtiger Rebellenpartei, welche die Krisis herbeiführt, ja wiederum die 1861 ist es, wenn auch versteckt wie damals, die Anerkennung der Menschenrechte im Farbigen, wie unser Staatswesen von Neuem auf die Probe stellt. Wie ein Polyp im thierischen Körper, wächst das Uebel nach jeder neuen unvollständigen Operation mit Riesenschritten nach - aber diesmal wird die Operation eine gründliche sein.

Im Laufe des Tages hatte der Präsident den Senate eine wunderliche Botschaft zugeschickt, in welcher er, offenbar erschreckt über die Aufnahme, die seine Usurpationen im Congresse gefunden, und über die energischen Schritte, die dieser adoptirt, nachzuweisen suchte, daß er nicht beabsichtigt habe, Constitution und Gesetze umzustoßen, sondern blos der letztere in Constitutionalität durch die Gerichte prüfen zu lassen. Nichts charakterisirt den man besser als gerade dieses Actenstück und seine rabulistische Logik.

Sobald im Hause die Verlesung des Comitéberichtes beendet war, stürzte sich James Brooks, der Leiter der Demokratischen Partei und Redacteur des nichtswürdigsten Verrätherblattes selbst in New-York, des "Expreß", in die Bresche zur Vertheidigung des Präsidenten, und der parlamentarische Kampf, dessen Koryphäen ich nicht aufzählen will, da sie dem deutschen Publicum wenig bekannt sind, tobte, mit Unterbrechung von nur einer Stunde, bis ein Viertel nach elf Uhr Nachts unter der gespanntesten Aufmerksamkeit des [232] sich stets verdichtenden Zuhörerknäuels. Die im amerikanischen Congresse im Vergleich mit europäischen repräsentativen Versammlungen etwas weit gestreckten Grenzen des parlamentarisch Zulässigen wurden von keinem Republikaner, und nur von einem Demokraten, der aber sofort das Wort zurücknahm, überschritten. Das Verfahren des Präsidenten in der letzten Zeit, sowie sein ganzes Benehmen seit dem unglücklichen 14. April 1865 worden einer rücksichtslosen Auseinandersetzung und schonungslosen Kritik unterzogen, allein trotz der persönlichen Beleidigungen, welche der Präsident auf den Congreß als Ganzes und auf einzelne bedeutende Mitglieder desselben gehäuft hatte, trat doch sehr selten persönliche Malice, umso mehr aber gekränkter Mannesstolz, verletzter Patriotismus, Sorge um das Gemeinwohl, innige Sympathie für das Loos der Farbigen und fester energischer Entschluß, auch das Aeußerste zu wagen, in den Reden der Republikaner hervor. Der Richter Kelley von Pennsylvanien namentlich, als er eine lebhafte Parallele zwischen der momentanen Lage und der Nacht vom 1. auf den 2. December 1851 zog und das Conclave der fünf bekannten Verschwornen im Elysée mit ergreifenden Worten schilderte, als er seine mächtige Stimme bis zum tiefsten Flüsterton herabstimmte bei den Worten: "finis reipublicae", als kämen sie aus dem verzagten Munde des Hauptes jener Verschworenen, und als er auf Johnson's Ehrgeiz und seine Reise nach Washington zur Inauguration kommend sagte: "Vor Gott und der Nation versichere ich freilich: ich glaube, daß Johnson's Absicht war, die Regierung umzustürzen und den Plan auszuführen, den er vor seiner Abreise von Tennessee angedeutet hatte, nämlich: daß der Präsident werden und, wenn er es zur Rettung der Nation für nöthig hielte, seine Gewalt verewigen wolle. Besessen von dem Gedanken der Präsidentschaft und ihrer Dauer in seiner Person stand zwischen ihm, dem erwählten Vicepräsidenten, und seinen egoistischen Wunsche - nur ein Leben, das von Abraham Lincoln, und das Leben beseitigte ein Meuchelmörder nur wenige Tage nach Johnson's Inauguration zu seinem constitutionellen Nachfolger"- rief einen ungeheuren Eindruck hervor.

Zu der angegebenen Stunde wurde die Sitzung auf Montag Morgen zehn Uhr ausgesetzt.

Der Sonntag brach an, aber es war kein langweiliger amerikanischer Kirchhofsabbath, an dem die Leute zu Ehren Gottes sich zu einem Mumienleben, nur unterbrochen vom zischenden Tone der unter der Nase fast jedes Amerikaners angebrachten Tabaksgiftjauchspritze, verdammen und jeden als einen Ungläubigen verurtheilen, der Mensch bleibt - nein, es war ein Kriegssonntag. Unter dem wilden Bergstrome überwältigender Leidenschaften und alles umfassende Interessen war der mechanische Lauf des religiösen Lebens kaum bemerkbar. Gerüchte der aufregendsten und wildesten Art wirbelten um die Bundeshauptstadt. Von früh Morgens blitzten telegrafische Depeschen, Anfragen, Glückwünsche, Beschwörungen zum Feststehen und Versprechungen bewaffneten Zuzugs bringend, von Minute zu Minute über alle Linien.

Die radicalen Mitglieder des Hauses und des Senates suchten sich während des Tages und spät in der Nacht auf, um Ansichten auszutauschen und sich über Schritte zu verständigen. Es war das Vorspiel zu einer Schlacht und die Vorbereitung zum Kampfe auf Leben und Tod. Gegen Abend gewann das Gerücht Konsistenz, daß der Präsident, in Verbindung mit den Rebellen von Maryland, ein bewaffnetes Corps nach Washington bringen würde, um ihn in seinen Usurpationen zu unterstützen, und daß die irländischen Demokraten in New-York sich organisirt hätten, um am nächsten Tag auf die leisesten Fingerbewegung eines Congreßmannes in Washington hin New-York den Flammen zu übergeben, das dortige Unterschatzamt (dasselbe ist im Besitze fast aller baaren Mittel der Regierung und hat nicht einmal einen Wachtposten) zu plündern und sein Geld und seine Werthpapiere unter die edlen Söhne "Grün Erins" zu vertheilen. Die Verführungsversuche des Präsidenten bei General Emory und Oberst Wallace wurden bekannt und wirkten wie Oel in's Feuer gegossen. Allein andererseits traf ein Telegramm von dem patriotischen, tapferen General und Gouverneur von Pennsylvanien, Geary, ein, in welchem die Miliz dieses zweitmächtigsten Staates der Union zur Verfügung des Congresses gestellt wurde; ein anderes vom Commandeur der Grand Army of the Republic (einer nach dem Frieden gestifteten geheimen Gesellschaft alter Unionssoldaten im Kriege), der dem Congresse hunderttausend Veteranen jeden Augenblick zur Verfügung stellte, und zuletzt das Anerbieten von viertausend Negersoldaten innerhalb des Districtes, welche Versicherten, binnen zehn Stunden schlagfertig zur Seite des Congresses zu stehen.

Es war erheiternd, wahrzunehmen, wie die in der Bundeshauptstadt zu einer gemeinschaftlichen Berathung anwesenden Leiter der Demokratie sich von dem Präsidenten als einem "todten Mann" instinctiv zurückgezogen, wie sie seine Thorheit und seinen Eigenwillen verdammten, kraft deren er sich nicht um Rath gefragt, - wie sie für alles Unheil verantwortlich machten, das ihrer Partei nothwendig aus des Präsidentenschritten erwachsen müsse. Johnson gab den anwesenden Demokraten ein Bankett im Weißen Hause und ihrem Führer, dem jüdischen Bankier (einem geborenen Deutschen) Belmont aus New-York, dem Agenten der Rothschilds, den Ehrensitz zu seiner Rechten; als er aber von der momentanen Lage mit ihm zu sprechen anfing, schnitt Belmont den Gegenstand mit der kurzen Bemerkung ab: "Jetzt wollen wir essen, nachher von Politik reden." Allein der wie seine Gefährten waren klug genug, zu sorgen, daß auch nachher nicht von den Tagesereignissen gesprochen wurde. Nicht öffentlich zischten, bissen und krümmten sich die Kupferköpfe (Copperheads)[1], sie steckten in ihren Löchern und reizten sich gegenseitig mit ihrem Gift. Der Strom der öffentlichen Meinung zu Gunsten der Anklage, dem Anscheine nach voll bis zum Uebertreten der Ufer, nahm während des Tages sichtbar an Tiefe und reißender Gewalt zu, und es wurde dem aufmerksamen Beobachter klar, daß der republikanischen Partei in einem der Häuser des Congreßes den Willen oder die Kraft besitzen würden, sich ihm entgegenzustemmen. Die Mehrzahl der Bevölkerung legte sich nieder, befreit von Zweifel und Fragen, und bereits vertraut mit dem Gedanken eines Administrationswechsels in gesetzlichen Wege einer gerichtlichen Verhandlung, und bedachte, einschlafend, den Geist und die Folgen einer zwölfmonatlichen Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten unter dem ehrlichen, braven, radicalen und weisen "Ben Wade".

Es ist Montag, früh zehn Uhr, Galerien und Corridore sind gepfropft voll, Barrieren sind quer über letztern angebracht, um die Massen von Frauen und Männern zurückzuhalten, von denen die Ersteren besonders am Sonnabend alle Räume überfluthet, sich in den Sitzungssaal selbst ergossen, alle leeren Sitze der Volksvertreter eingenommen hatten und zuletzt, da kein Herr, nach amerikanischer Sitte, sitzen darf, wo eine Dame steht, auch die ihnen von den Repräsentanten angebotenen Sitz der Einnahmen, so daß mindestens zwei Drittel der Sitze von dem schönen Geschlecht occupiert wurden, während die Repräsentanten standen oder herum gingen. Die Regeln über die Eintrittsberechtigung zum Flur des Hauses wurden auf besonderen Befehl des Sprechers von den Thürstehern, unterstützt von einem starken Detachment eigens herbeigezogener Stadtpolizei, strict, aber mit unwiderstehlicher Höflichkeit gehandhabt, und es gelang mir nur durch energische Verwendung eines bedeutenden Congreßmitgliedes und nach einstündigem Warten, Eintritt zu erhalten. Die Geduld, Ausdauer und das stille Fügen der Amerikaner männlichen und weiblichen Geschlechts bei solchen Gelegenheiten sind im Vergleiche mit Europa höchst überraschend und gewiß jedem Fremden, der auf Eisenbahnen und Dampfbooten gereist ist und zahlreichen öffentlichen Versammlungen beigewohnt hat, aufgefallen. Ich finde den psychologischen Grund davon in der jedem Bewohner der Republik innewohnenden Ueberzeugung, daß er selbst seinen Antheil am Zustandekommen des Gesetzes oder der Regel hat, daß es ohne Unterschied gegen Jeden gehandhabt wird und daß es unentbehrlich ist. Aber welches Mitglied der weit zerstreuten amerikanischen Völkerfamilie wollte nicht zu hören, wie, zum ersten Male in der Geschichte seines Landes, der Präsident angeklagt wird? Die große Menge von Farbigen, welche in die Hallen strömen und auf den Galerien stehen, ist ebenso auffallend wie bedeutungsvoll, sie fühlen es, daß über Leben und Tod ihrer Race in zehn Staaten der Union verhandelt wird.

Die Debatte ist bei meinem Eintritte in vollem Gange; mit dem ganzen sich selbst vergessenden Eifer amerikanisch-politischer Discussionen geführt, erhebt sie sich im Munde begeisterter Freiheitsfreunde zum höchsten Pathos, um in den Händen der Menschenhändler zum Ausdruck des niedrigsten Egoismus herababzusinken. [233] Wenigen Rednern reichen die durch Beschluß festgesetzten dreißig Minuten aus, der Hammer des Sprechers fällt unbarmherzig mit dem Zeiger der ihm gegenüber befindlichen großen Uhr, und die Redner setzen sich oft mit der Hälfte eines angefangenen Wortes noch im Munde. Einige Redner vertheilen ihre Zeit zu einer, zwei, fünf und zehn Minuten an Gesinnungsgenossen, selbst an Gegner. Woodward, der pensylvanische oberster Richter und Kupferkopf, bedeckt sich und seine Partei mit unauslöschlicher Schmach, indem er den Präsidenten auffordert, den Congreß mit Bajonetten auseinander zutreiben, während Wastburn von Illinois, General Buttler und ganz besonders Boutwell von Massachusetts, wer für die nächsten zwanzig Jahre unter mir einer der hervorragendsten Männer der Republik werden dürfte, sich neue unverwelkliche Lorbeeren im Dienste der Humanität, der Republik und der Wohlfahrt ihrer Bewohner erwerben.

Es geht gegen fünf Uhr Nachmittags, die Stunde, mit welcher, nach Beschluß vom Sonnabend, die Debatte beendigt werden soll. Wie es scheint, hat den Bitten des so ausdauernden schönen Geschlechts weder die Gewissenhaftigkeit, noch die Höflichkeit der Thürsteher Widerstand leisten können, und natürlich hat jedes Mitglied desselben auch seinen treuen männlichen Begleiter unter seinen Flügeln mit eingeschwärzt; die Gänge sind gedrängt voll und schon "drängeln" sich einige verwegene Scharmützlerinnen in den Saal, wo ihnen selbstverständlich sofort Sitze eingeräumt werden. Da erhebt sich auf einem bevorzugten Platze neben dem Sprecher auf der weiten, weißmarmornen Tribüne die Geistergestalt von Thad. Stevens, dem als Berichterstatter das letzte Wort zu stehen. Todtenbleich, schwach und skeletartig auf die marmorne Brüstung gestützt, steht er da, hoch aufgerichtet, und überblickt das eben noch stürmische Meer zu seinen Füßen, das sich unter dem Blicke, der von jenseits des Grabes zu kommen scheint, schnell beruhigt. Todtenstille herrscht. Die Wogen haben sich eilig um den Standort des Helden gesammelt, der im Dienste der Freiheit selbst dem eisernen Griffe des Todes Trotz bietet, um kein Wort der schwachen Stimme zu verlieren, - während die Mehrzahl der Demokraten trotzig auf ihren Sitzen bleibt und Blicke tödtlichsten Hasses auf ihren unbesieglichen Gegner schießt, "der ewig leben will". Stevens beginnt, - es ist der alte, wohl bekannte Ton, so wenig verwebt mit den Kämpfern und Siegen der Freiheitspartei, es ist die Stimme des sechstem Repräsentanten, den der Congreß besaß, seit John Quincy Adams seinen großen Geist in jenem Sessel im Hause des Repräsentanten aushauchte, in ihrem Witz, Sarkasmus, ihrer Gutherzigkeit, Popularität und Macht, - aber die Stimme stockt, die Kraft des Veteranen reicht nicht aus, er sinkt auf seinen Sessel, auf dem sich die Blicke von Zehntausend concentrieren. Allein schon im nächsten Augenblicke erholt er sich soweit, daß er seine Rede, welche er, seiner Kraft mißtrauend, niedergeschriebenen, dem Clerk des Hauses zum Vorlesen übergiebt, der sie, - ein prachtvoller Erguß reinsten Patriotismus, edelster Humanität und gewissenhaftester Pflichttreue, - mit lauter, Jedem verständlicher Stimme vorliest.

Der Sprecher schließt die Debatte.

Es hatte den ganzen Tag über geschneit, und es fing an düster im Hause zu werden. Mit dem Herannahen des Momentes der Abstimmung begann die Menschenmasse unruhig zu werden. Die Menge, welche sich an den Thüren herumgequetscht hatte konnte ihr Ungeduld nicht mehr bezähmen und hob an, über die Vordern hinwegzukriechen. Selbst die leeren Nischen in den Galerien füllten sich mit Menschen; in einer standen drei prächtige Negerjungen, in einer anderen zwei wunderschöne blonde Mädchen, sich festumschlungen haltend. Das Gas wurde angedreht und erleuchtete, das eine hübsche Vorkehrung so eingerichtet, daß es sich plötzlich über die ganze Decke entzündet (in elfhundert Flammen) - auf einmal, als der Clerk ihre Namen aufzurufen begann, den Saal, ein Schauspiel über Beschreibung glänzend und eindrucksvoll. Es war so still wie in einer Kirche, und die Antwort jedes Aufgerufenen konnte von jedem Anwesenden gehört werden. Das Resultat war vorauszusehen. Es war absolut nach den Parteien geschieden; alle Republikaner für, aller Demokraten gegen Anklage. Fünfzehn Mitglieder waren abwesend. Von den einhundertdreiundsiebenzig Anwesenden stimmten einhundertsechsundzwanzig für Anklage und siebenundvierzig dagegen, unter ihnen auch der sonst sich den Republikanern zuneigende specifische Vertreter der Pittsburger Arbeiter. Da die Constitution eine Zweidrittel-Majorität verlangt, so waren mithin zwölf mehr als diese Zahl vorhanden.

Haufen von schwarzen Männern und Frauen waren in dem Gebäude, die in unbequemsten Stellungen, fast niederbrechend vor Müdigkeit, ruhig und still der Ausspruch des Urtheils über sich selbst und ihre Kinder in der Entscheidung der Frage abgewartet hatten, welche lange vor ihrem Ohre verhandelt worden. Als diese nun aus dem Munde des Sprechers ertönte, - da ward es auch ihnen klar, daß Emancipation keine Lüge, keine Falle, kein Betrug gewesen für sie und ihre Race, und daß persönliche Freiheit und politische Gleichheit auch ihnen die Thore geöffnet und sie eingeladen habe, höher und höher zu steigen, - und dennoch waren weder Zurufe, noch Unordnung, noch selbst Beifall hörbar! Die hehre Göttin selbst mit dem Schwerts und der Wage schien über der Halle des Capitols, gefüllt mit weißen und schwarzen Anbetern, zu schweben, unerbittlich in ihrem Vorsatze und mit ernster, strenger Miene! In erster Stille verließen die Massen den Flügel des Capitols und traten in den nordischen Winter hinaus, der seit gestern seine volle Herrschaft wieder gewonnen. Der Norden herrschte in der Natur, er hatte soeben im Hause der Volksvertreter und dadurch in der politischen Lage der Nation den Sieg davongetragen und seinen berechtigten Einfluß auch über den verräterischen Süden gesichert zur Rettung der Republik und zum Wohle der Menschheit! - Ueber die weiteren Verhandlungen, zu denen ich auch persönlich beiwohnen werde, später.

Und nun, nachdem ich wahrheitsgetreu ein Bild des großen Ereignisses der letzten Tage meinen Lesern vorgeführt, möge mir einige Betrachtungen darüber gestattet sein. Unsere republikanische Regierungsform hatte in der kurzen Geschichte der Vereinigten Staaten manche harte Probe zu bestehen. Sie war im Stande, die Sclaverei der Arbeiter von einem Drittheile des Unionsgebietes während neunzig Jahren zu ertragen, und hatte die Kraft, dieselbe Sclaverei zu vernichten, als diese, in ihrem Uebermuthe, der Freiheit und Integrität des Ganzen gefährlich wurde; - sie führte Kriege gegen fremde Regierungen und unterdrückte innere Aufstände; sie überwand den größten Krieg der Neuzeit und überlebte die wichtigste Revolution der Geschichte, die in den Zeitraum weniger Jahre zusammengedrängt; - und jetzt ist es beabsichtigt, einen verrätherischen Präsidenten abzusetzen. Amerika war groß in seinem Kriege, wie in dessen Ende, und die Nationen der Erde zollten ihm willig den Tribut der Bewunderung. Allein die Weise, in welcher die Nation die Anklage des höchsten Beamten aufnimmt, ist wahrhaft erhebend. Niemand, selbst deutsche Staatsrechtprofessoren nicht, wird wohl noch behaupten, daß die Republiken Fehlgeburten sind, denn das republikanische Amerika, jeder Lage gewachsen und jede Regierungsverantwortlichkeit auf sich nehmend, steht heute stolz, sicher und friedlich dar, - unter der Herrschaft des Gesetzes und ohne Beeinträchtigung der öffentlichen Moral! Das freie Amerika wird jetzt der Welt zeigen, wie mit einfacher und milder Anwendung des Gesetzes sein Präsident und oberster Befehlshaber des Heeres und der Flotte für seine Verbrechen schnell bestraft und in die Stelle zurückversetzt wird, aus der ihn das mißbrauchte Vertrauen seiner Mitbürger erhoben.




Charakterbilder vom Hofe des Onkels.

1. Der Schulterknochen des heiligen Johannes.
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Madame Lätitia Bonaparte war sehr fromm. Sie verabscheute die Immoralität ihrer Kinder aus tiefstem Herzen, denn sie war fünfundfünfzig Jahre alt. Der Papst Pius der Siebente faßte eine besondere Zuneigung zu der frommen Matrone, und sie machte sich dieser Zuneigung würdig. Ihre Bibliothek bestand aus hundertneunundsiebenzig Gebetbüchern und vierhundertundsechsundsechszig Bibeln. Ihr Lieblingsbrevier, ein Geschenk des Cardinals Maury, war vom heiligen Franciscus mit einem eigenhändigen Commentar verziert. Dieses unschätzbare Kleinod bildete aber nur einen kleinen Theil einer ebenso seltenen wie kostbaren Sammlung [234] von Reliquien. Ihr Schlafzimmer war mit Todtenknochen und Bruchstücken anderer Art angefüllt. Da war ein Finger des heiligen Antonins, eine Zehe des heiligen Dominicus, ein Zahn des heiligen Jacobus etc.; kein Heiliger von einiger Bedeutung mangelte in dieser angenehmen Gesellschaft. Besonders verehrt waren auch die Fragmente der Hosen des heiligen Mathurin.

Ihr erstes Kammermädchen, Rosina Gaglini, war ihrer Herrin getreues Zerrbild. Sie galt in Ajaccio für eine kleine Heilige; daß sie Gestohlenes wiederverschaffen und gewinnende Lotterienummern anzeigen konnte, war bei den Corsen eine ausgemachte Sache. Auch verlaufenes Vieh und verlorene Kinder aufzufinden und zurückzuführen, sollte in ihrer Begabung liegen; doch war diese Seite ihrer Wunderkraft mehr in ein mystisches Dunkel gehüllt. Als getreue Dienerin glaubte sie auch Anspruch auf die heiligen, Ihrer Frömmigkeit sicherlich zuträglichen Reliquien zu haben; da sie von den communistischen Ideen der französischen Revolution nicht ganz frei geblieben war, schnitt sie sich ohne Weiteres von dem heiligen Hosenpaar des Mathurin, von dem Hemde der heiligen Agnes und von anderen zerschneid und zertrennbaren Reliquien das ihr zukommende Stück ab, klebte den Namen des heiligen Eigenthümers darauf, um sie nicht zu verwechseln, und legte sie in ein sorgfältig verschlossenes Kästchen von Rosenholz, das bei Tag ihr Betschemel, bei Nacht zu mehrerer Kasteiung ihr Kopfkissen wurde. Die heiligen Hosen und die anderen heiligen Kleidungsstücke waren in so defectem Zustande, daß Madame Lätitia ihren Verlust nicht merkte, und so schritten Herrin und Dienerin auf dem Wege zur Heiligung beharrlich und vertrauensvoll weiter.

In dieser frommen Gesellschaft erregte es nicht geringes Aussehen, als sich eines Abends im August 1805 der Abbé Saladin aus Jerusalem melden ließ. Von unbestimmten Ahnungen durchwogt, empfing Madame Bonaparte den ehrwürdigen Mann. Empfehlungen der Klosterbrüder in Jerusalem, unter denen Abbé Saladin seine Jugend zugebracht, steigerten ihre Hochachtung bereits zu gelinder Bewunderung. Beinahe wäre sie aber dem frommen Pilgrim um den Hals gefallen, als dieser zu dem eigentlichen Zwecke seines Besuches kam. Er hatte – in gerechter Anerkennung der unvergänglichen Verdienste des Hauses Bonaparte um die Aufrechthaltung der alleinseligmachenden Kirche – den Schulterknochen des heiligen Johannes von Syrien mitgebracht, um ihn in Demuth der Mutter dieses erlauchten Hauses zu Füßen zu legen.

Leider war er auf der Herreise in etwelche Geldverlegenheit gekommen, und da es sich für den Ueberbringer des Schulterknochens des heiligen Johannes doch nicht schickte zu hungern oder gar zu betteln, so hatte er ihn bei einem griechischen Bischof in Montenegro für zweihundert Louisd’or versetzt. Er lebte dabei der sichern Erwartung, daß die großmüthige Beschirmerin und hervorragendste Bekennerin der katholischen Kirche diese kleine Summe sich nicht reuen lassen werde, um in den Besitz einer so werthvollen Reliquie zu kommen. Bis zu zwanzigtausend Scudi hatte ihm ein eifriger Christ darauf geboten, er aber hatte den Antrag mit Verachtung zurückgewiesen, denn mir für die Hände der Würdigsten war ihm der heilige Knochen von den syrischen Brüdern übergeben worden.

Abbé Saladin hatte sich in der kirchlichen Gesinnung seiner hohen Gönnerin nicht getäuscht. Die zweihundert Louisd’or wurden ihm nebst einem Trinkgelde von weiteren hundert als vorläufiges Zeichen der Erkenntlichkeit sogleich ausbezahlt. Er wurde gebeten, die Wohnung Lätitia’s ferner mit feiner erbauungsreichen Gegenwart beglücken zu wollen, und eine seiner würdige Stellung ihm für spätere Zeiten versprochen.

Damals lebte noch in Paris Madame Genlis, die bekannte Erzieherin Louis Philipp’s. Als sich der letzte Liebhaber, ihrer alternden Reize satt, treulos einer Andern zugewandt hatte, brach sie für immer mit der Sünde und schrieb umfangreiche Werke über Sitte, Keuschheit, Tugend und Kindererziehung. Die Kirche besuchte sie des Tages zwei Mal und ließ sich die Armen in ihrem Almosen angelegen sein. An ihren Nebemnenschen nahm sie regen Antheil, doch allezeit lieber in Freude als in Leid. Die sündigen Gemälde ihres Schlafcabinets hatte sie durch getreue Abbildungen der Leiden der hervorragendsten Märtyrer ersetzen lassen; über der Thür prangte, in großen goldenen Lettern der Spruch: „Wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben werden.“

Als sie von dem Pilgrim aus Jerusalem hörte, ruhte sie nicht, bis er auch ihre Wohnung mit seiner heiligenden Nähe beglückte. Lange Stunden saß sie zu seinen Füßen und horchte aufmerksam den glühenden Worten, mit denen er die Pracht Palästinas, die grausame Herrschaft der Mohammedaner, die Leiden und Kasteiungen seiner Jugend schilderte. Ihr Glaube blieb nicht unbelohnt. Bald zeigte es sich, daß Abbé Saladin noch mehr der heiligen Schätze besaß. Anfangs wollte er damit nicht recht herausrücken. Als ihm aber Madame Genlis einmal eine mit Gold gefüllte Börse zeigte, die sie für eine echte Reliquie mit Freuden zu opfern bereit sei, wurde sein hartes Herz erweicht. Er nahm ihr das Gelübde der strengsten Verschwiegenheit ab, damit er nicht etwa die Gunst der Madame Bonaparte verliere, die den einzigen Anspruch auf Schätze solcher Art zu haben glaube, und ließ sie dann baldige Erfüllung ihres heißen Wunsches hoffen. – Schon bei seinem nächsten Besuche zog er nach einer auf die Wichtigkeit des Momentes vorbereitenden längeren Rede ein kleines Kästchen vor, öffnete es, griff hinein und brachte ein Saffianetui zum Vorschein, das er erst selber küßte und dann Madame Gellis zum Kusse darreichte. Dann hieß er sie niederknieen, kniete selbst und öffnete das Etui. In einer strahlenden Umfassung edler Steine lag ein gelber, von Caries zerfressener Knochen, der sich nach einer mit vielen Siegeln versehenen Urkunde, die der Abbé nun aus den Falten seines geistlichen Gewandes zog, als der linke Eckzahn des heiligen Matthäus auswies. Er war es, er war es ganz sicher, und damit ja kein Zweifel bestehe, fing er gleich an und wirkte Wunder: Madame Gellis verdoppelte den Inhalt ihrer Börse und reichte sie ohne Zögern dem Abbé hin, der ganz in Andacht versunken mechanisch die Hand ausstreckte und, ohne es gewahr zu werden, die Börse in seine Tasche gleiten ließ. Madame Gellis hatte den linken Eckzahn des heiligen Mathäus mit fünfzig Louisd’or bezahlt.

Zu derselben Zeit vermißte Madame Lätitia mit Schrecken den Zahn des heiligen Jacobus in ihrer Sammlung. Sämmtliches Dienstpersonal mit Ausnahme der frommen Rosina wurde verabschiedet, obgleich die Beichtzettel eines Jeden in der besten Ordnung waren. Der Dieb wurde trotz aller Nachforschungen nicht entdeckt.

Unterdessen war der Schulterknochen des heiligen Johannes immer noch nicht angekommen. Es hatte hierbei offenbar der Fürst der Finsterniß seine Hand im Spiel. Bei der Ueberfahrt nach Italien war das heilige Stück einem mohammedanischen Piraten in die Hände gefallen, der nur gegen dreihundert Louisd’or den heiligen Knochen mit seinem Rachegelüste verschonen zu wollen erklärte. Es war ein wahres Glück, daß der ungläubige Hund den Werth seiner Beute so wenig kannte! Die verlangte Summe wurde dem Abbé Saladin übergeben und ihm beförderlichste Lösung des hohen Gefangenen anbefohlen. Eine solche glaubenseifrige Aufopferung überwindet alle Hindernisse: ein halbes Jahr nach der Ankunft des Abbé Saladin folgte ihm auch der Knochen des heiligen Johannes und wurde mit gebührenden Ehren empfangen. Als er in demüthigem Triumph von vier Abbés in die inneren Zimmer seiner neuen Besitzerin getragen wurde, lag sämmtliche Dienerschaft auf den Knieen. An der Spitze des Zuges schritt stolz, doch mit christlicher Bescheidenheit der Held des Tages, der Abbé Saladin.

Ende Januar wurde auch Madame Gellis um ein neues Stück bereichert. Sie hatte durch Geld mehr als durch gute Worte den Abbé Saladin vermocht, sich von seinem Liebsten zu trennen – von den Hosen des heiligen Sebastian, die er zu mehrerer Stärkung im Glauben, wie er gestand, stets unter seinen Beinkleidern trug. Dem frommen Andringen der verdienten Gläubigen hatte er nicht länger widerstehen können, – das wunderreiche Hosenpaar ward ihr übergeben. Sie hatte sie um die Kleinigkeit von einhundert Louisd’or erworben.

Zwei Tage vorher waren Madame Bonaparte die Hosen des heiligen Mathurin abhanden gekommen. Es erregte dies den gerechten Zorn aller Gläubigen; selbst das Heiligste war nicht mehr sicher. Die ganze Dienerschaft wurde einem scharfen Verhör unterworfen, der ganze Palast von oben bis unten durchsucht. Das war das Unglück der armen Rosina, der Wunderthäterin aus Ajaccio. Ihr Reliquienkästchen wurde entdeckt; die aufgeklebten Namen verriethen nur zu sicher den Ursprung und die Heimath der drei- und viereckigen Tuchfetzen, die man sonst wohl für Abfälle [235] aus dem Atelier eines Kleiderkünstlers gehalten hätte. Ueberwiesen, gestand sie weinend ihr Verbrechen; über die Hosen des heiligen Mathurin jedoch, sowie über den Zahn des heiligen Jacobus beharrte sie in einem hartnäckigen Leugnen, das jedes Mitleid in der Brust ihrer gekränkten Herrin erstickte. Ohne Reisegeld wurde sie in ihre Heimath geschickt, wo sie durch ihre ungnädige Entlassung auch ihren Ruf als Heilige und Wunderthäterin gänzlich einbüßte. Noch einmal wurde auch die übrige Dienerschaft entlassen und in Zukunft für den Eintritt in die Dienste der Dame Bonaparte ein authentisches Certificat über das zweifellose Christenthum der sich Meldenden verlangt. So gedachte sich Madame Bonaparte vor dergleichen unangenehmen Vorkommnissen zu sichern.

Der Abbé Saladin gewann ihre Gunst noch mehr als bisher. Er hatte an ihrer Betrübniß so regen Antheil genommen und so scharf auf die – leider verstockte – Dienerschaft hineininquirirt, daß sie ihm ihr ganzes Vertrauen zu scheuten beschloß. Der Zugang zu ihr ward ihm zu allen Stunden des Tages gestattet; sie beteten gemeinsam und erholten sich dann in gemeinsamer Bewunderung und andächtiger Verehrung der heiligen Trümmerwelt. Eine reiche Diöcese wurde für ihn in Aussicht genommen, trotz seiner bestimmten Weigerung, ein Amt in der Kirche zu bekleiden, da er mir ein unwürdiger Diener derselben sei. Das Bestallungsdecret wurde bereits ausgefertigt. Madame Lätitia dachte ihn am Jahrestage seiner Ankunft damit zu überraschen und für so viele treue Dienste zu belohnen. Ach, es sollte ganz anders kommen!

Abbé Saladin saß eines Nachmittags in dem Betzimmer seiner hohen Gönnerin und stützte nachdenklich sein sorgenbeladenes Haupt auf die Hand. Vor ihm lag auf dem Betpulte das Brevier mit den Randbemerkungen des heiligen Franciscus, und der matte Goldglanz des Schnittes spiegelte das ergrauende Haar des wackern Mannes wieder. Er hatte unglücklicher Weise der Genlis von einem Brevier des heiligen Augustin gesprochen, und die fromme Dame hatte ihm seitdem keine ruhige Minnte mehr gelassen. Bis zu fünfhundert Louisd’or hatte sich ihr Fanatismus bereits verstiegen; das Herz des Dulders war durch dieses verlockende Anerbieten schwer gekränkt, und doch waren fünfhundert Louisd’or soviel wie zehntausend Livres, womit sich bequem die zwei Jahre leben ließ, die der Abbé Saladin im Auslande zuzubringen gedachte. Ja, es war so: der Abbé Saladin wollte sich entfernen. Die Gnade seiner Gönnerin fing an, ihm furchtbar zu werden. Drohend stand die Diöcese vor seinen Augen, denn er war ein schwacher sündhafter Mensch, er war wirklich ein unwürdiger Diener der Kirche. So sehr es uns schmerzt, wir müssen es gestehen: er war eigentlich nicht unter den Klosterbrüdern in Jerusalem, sondern unter den Straßenjungen Venedigs aufgewachsen. Seine spätern Jahre hatte er als actives Mitglied einer „geschlossenen Gesellschaft“ auf einer venetianischen Galeere zugebracht. Freiheitdürstend brach er die Fesseln der Tyrannen; ein italienischer Abbate, dessen Bekanntschaft er auf seinem Weg zum Ruhme machte, mußte ihm Geld, Leben und Rock, sowie den Abbétitel lassen. Der Name Saladin, der ihm echt jerusalemitisch vorkam, stand nicht im Kirchenbuche, sondern war ein Product des galeerensträflichen Witzes, da unser Held von jeher viel natürliches Talent zum Muselmann an den Tag gelegt hatte. Die Briefe der Klosterbrüder in Jerusalem, sowie der griechische Bischof in Moutenegro und der Pirate im adriatischen Meere waren Producte, die erstern seiner kunstgeübten Hand, die letzteren seiner reichbevölkerten Phantasie. Er hatte auf die Leichtgläubigkeit Madame Lätitia’s, sowie auf die Wirkung seines schwarzen Kleides gezählt und sich hierbei, wie wir sahen, nicht verrechnet. Unter solchen Umständen konnte ihm die Gunst der nächsten Wochen in keinem rosigen Lichte erscheinen. Ueber eine halbe Stunde saß er in tiefem Sinnen versunken. Dann stand er mit raschem Entschlüsse auf, sein Gesicht glättete sich, er sandte einen freudigen Blick gen Himmel und durchschritt darauf mit feierlichen Schritten die Vorzimmer, indem er den Dienern seinen priesterlichen Segen gab.

Das Brevier des heiligen Franciscus war aber von dem Betpulte verschwunden.

In der gleichen Stunde noch fühlte Madame Genlis ihr Herz um fünfhundert Louis erleichtert. Was wog aber diese Summe gegen den Besitz des Gebetbuches des heiligen Augustin, das der Heilige mit eigenhändigen Meditationen versehen hatte! Madame Genlis küßte die heiligen Buchstaben, dann fuhr sie zu einer Freundin, um ihr den glücklichen Erwerb zu zeigen, mit der stillen Hoffnung, diese, die auch eine alte Magdalene und sehr devot war, durch den Besitz eines solchen Kleinods ein wenig zu ärgern. Und so geschah es. Natürlich wurde der guten Freundin das größte Stillschweigen anempfohlen; natürlich war ferner, daß diese gute Freundin zehn andere Freundinnen mit ihrem Geheimniß beglückte, Alles unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, und so gelangte die Kunde in kurzer Zeit zu den Ohren des officiellen Alleswissers Fonché.

Madame Lätitia Bonaparte hatte den Verlust bereits entdeckt. Nachdem die obligatorischen Ohnmachten vorbei waren, eilte sie zu dem Kaiser, ihrem Sohne, und verlangte strenge Gerechtigkeit. Napoleon befahl dem Polizeiminister Fonché, den Dieb ausfindig zu machen, und Fouché setzte sogleich seine Agenten, öffentliche und geheime, in Bewegung. Das Verhör des Dienstpersonals der Bestohlenen überließ er einem seiner Untergebenen, er selbst sprach bei Madame Genlis vor. Diese war durch den unerwarteten Besuch sehr überrascht, faßte sich jedoch und war bald in lebhaftem Gespräch mit dem gewandten Manne. Spielend wußte dieser das Gespräch auf Reliquien zu bringen und bat schließlich Madame Genlis, auch ihn des Anblicks ihrer Schätze dieser Art, von denen er Erstaunliches gehört, zu würdigen. Nach einigen Ausflüchten war Madame Genlis nach Art aller Sammler hierzu nur zu gern bereit. Die Arglose, sie ahnte nicht, welche Schlange sie an ihrem Busen nährte! Fonché nahm an Allem lebhaftes Interesse; die Hosen des heiligen Sebastian besonders unterwarf er einer eingehenden Betrachtung, aber auch dem Zahn des heiligen Matthäus widmete er die gebührende Aufmerksamkeit. Madame Genlis war von ihm entzückt, und als sie sich an seinem Erstaunen gehörig geweidet, beschloß sie bei sich selbst, ihn vollständig zu beglücken, und brachte nach einigen dunkeln Anspielungen das Brevier des heiligen Augustin zum Vorschein. Fonché’s Freude, übertraf ihre höchsten Erwartungen; er erklärte, sich von diesem heiligen Buche nicht so schnell trennen zu können, eine hohe Freundin verdiene auch mit diesem Schatz bekannt gemacht zu werden, und er bitte Madame Genlis, in ihrer Wohnung seine Zurückkunft zu erwarten. Alle Einwendungen ihrerseits wurden durch eben eintretende uniformirte Polizeiagenten gehoben, welche die ohnmächtig Werdende auffingen und mit schuldiger Hochachtung auf ein Ruhebett legten, worauf sie sich aller Ausgänge versicherten. Fonché aber, der rohe Materialist, steckte ohne Ceremonie das Brevier in die Tasche und eilte zu Madame Lätitia.

Hier war Alles in der größten Verwirrung. Der treueste Freund der alten Dame ließ sich nicht blicken, auch Abbé Saladin schien entwendet worden zu sein. Als Fouché sich melden ließ, schöpfte die arme, geplagte Frau wieder Hoffnung. Diese Hoffnung wurde zum überschwänglichen Triumphe, als er, diesmal mit der gehörigen Andacht, das Brevier seiner hohen Gönnerin übergab und um gefällige Bescheinigung der Echtheit hat. „Und nun noch Eins, lieber Fonché,“ bat Lätitia, „schaffen Sie mir den Abbé Saladin wieder her, retten Sie ihn aus den Händen meiner Feinde, die ja nur mich in ihm treffen wollen.“ Bei diesem Namen überschlich ein Lächeln die glatten Züge Fonché’s, sein pfiffiges Gesicht wurde noch um Vieles pfiffiger, und mit freundlichen Worten versprach er, ihrem Wunsche nachzukommen. Er eilte fort und kehrte nach kurzer Zeit mit dem verlorenen Sohne wieder.

Ach, wie hatten die Feinde des Abbé ihm mitgespielt! Anstatt des ehrwürdigen Abbékleides schlotterte ein weites, abscheulich gestreiftes Gewand von grobem Tuch um seine Glieder; an den Füßen klirrte eine schwere Kette und die Hände waren durch eine eiserne Schraube brüderlich verbunden. Zwei bewaffnete Begleiter gingen ihm zu beiden Seiten, und sein Gesicht zeigte Spuren körperlicher Mißhandlung. Mit dem Kleide schien ihn auch die Würde verlassen zu haben, denn frech musterte er die Versammlung und schlug selbst vor seiner einstigen Freundin die Augen nicht nieder. Fouché erläuterte dieser kurz den Thatbestand.

Schon von Anfang an war ihm der Abbé Saladin eine unangenehme Persönlichkeit, weil er lange nichts Authentisches über ihn erfuhr. Endlich gelang es seinen stillen, aber unablässigen Studien, über die früheren Lebensjahre Saladin’s einige Auskunft zu erlangen; von da an wandte er ihm eine sorgsame Aufmerksamkeit zu und wartete nur auf Anlaß, diese zu bethätigen. Dieser Anlaß bot sich bald, wie wir gesehen haben; [236] Saladin wurde an der Barriere festgenommen, da er eben von der verdorbenen Stadt Paris stillen Abschied nehmen wollte. Trotz ganz unchristlicher Gegenwehr, wobei ein Gensdarm das Leben ließ, wurde er bemeistert und zu seinem eigenen Besten nach Art der Büßer im Mittelalter mit Eisen beschwert. Nach seinen Antecedenzien, sowie nach seinem Verkehr mit Madame Genlis, der Besitzerin des Gestohlenen, konnte über den Vater der verschiedenen Diebstähle länger kein Zweifel mehr obwalten.

Madame Lätitia sah dies ein und riß den unwürdigen Freund für immer aus ihrem Herzen. Madame Genlis wurde von jeden gesetzlichen Folgen befreit, da man kein Aufsehen machen wollte, mußte aber die so theuer bezahlten Reliquien ohne Entschädigung der rechtmäßigen Besitzerin zurückstellen. Von dieser Sammelwuth soll sie für immer geheilt gewesen sein.

Der Abbé Saladin aber widmete seine Talente von nun an ausschließlich dem französischen Staatsdienste im Hafen von Toulon. Der Schulterknochen des heiligen Johannes wurde von Sachkundigen als ein Stück aus dem Kinnbacken eines Walfisches erkannt und festgestellt. Was wir hier erzählt haben, beruht auf strenger geschichtlicher Wahrheit.

J. G.




Unterbrochene Eisenbahnfahrt.

„Die Eisenbahn ist in den Pruth gefallen!“ Diese komischtragischen Worte ertönten den 4. März dieses Jahres kurz vor sieben Uhr Morgens von der Warte des Czernowitzer Rathhausthurmes herab. Und leider war das Unglaubliche wirklich geschehen; der Zug, welcher um diese Stunde von Czernowitz nach Lemberg abgehen sollte, war auf dem letzten Bogen der schönen Brücke, die hier über den Pruthfluß führt, verunglückt und zwei Locomotiven mit neun Lastwagen waren sammt dem Eisenwerke der Brücke in die durch den Beginn des Eisstoßes hochgehenden Fluthen des Pruth hinabgestürzt!.

Die Eisenbahnbrücke über den Pruth, welcher am Fuße der Anhöhe, worauf die Hauptstadt Czernowitz gelegen, dahinfließt, ist nach Schiffkorn’s System gebaut und besteht aus vier Bogenspannungen von je dreißig Klaftern Weite. Wie alle übrigen Eisenbahnbrücken war auch diese den amtlichen Proben unterzogen und tüchtig befunden worden, ehe sie dem Verkehr befunden wurde. Sie hatte vier Locomotiven sammt Tender getragen, und zwar in allen denkbaren Situationen und Gangarten, vom Stehen bis zum schnellsten Dahinbrausen. Freilich soll schon damals eben dieser Bogen unter den vieren der einzige gewesen sein, welcher sich durch die Last aus seiner Spannung bis zur völligen Horizontallinie herabdrücken ließ, aber die Probe hatte er ausgehalten, und es ließ sich mithin dagegen nichts weiter einwenden. Uebrigens wurden auch später noch manche Probefahrten vorgenommen und alle mit gutem Erfolge bestanden. Nur unter der Czernowitzer Bevölkerung ging einige Zeit murmelnd die Meinung, daß die Brücke und der Bahnhof schleuderhaft gebaut worden wären. Nun brach dieser Bogen unter der Last von nur zwei Locomotiven zusammen! Was mochte wohl die Ursache sein? Bis heute ist dieses Räthsel nicht gelöst und es gehen darüber nur Vermuthungen. Man spricht davon, daß schon vor Kurzem von den Locomotivführern die wiederholte Anzeige gemacht worden sei, es müsse auf diesem Brückentheile Manches locker sein, weil sie dort ein eigenthümliches Klappern beim Hinüberfahren wahrnahmen, und diese Anzeigen sollen bis zum Tage des Unglückes unbeachtet geblieben sein; indeß sind das eben nur Gerüchte, die eher zu bezweifeln, als zu glauben sind. Demungeachtet ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, sogar die Wahrscheinlichkeit sehr nahe liegend, daß nur durch einen plötzlichen Abgang einiger Schrauben die Theile nachgegeben haben und dadurch der Einsturz der Brücke veranlaßt worden sei.

Der verunglückte Zug, welcher am 4. März früh nach Lemberg abgehen sollte, bestand nebst der geheizten aus einer kalten Locomotive, zehn Last-, einem Conducteur-, einem Post und vier Personenwagen, welche letztere glücklicher Weise ganz am Schlusse des Zuges angebracht waren. Die ungeheizte Locomotive befand sich unmittelbar hinter der geheizten, die Lastwagen waren mit Kleesamen (fünfhundert Centner), Getreide, Fenchel, Zuckersand, hundertunddreißig Schweinen und vierzig Ochsen beladen, und in den Personenwagen saßen einige zwanzig Reisende.

Ueber die Katastrophe selbst habe ich von einem Augenzeugen – ich selbst war erst drei Stunden nachher am Orte des Unglückes –, der mir ein guter Bekannter und zuverlässiger Gewährsmann ist, folgende Mittheilung erhalten:

„Ich stand bei der hölzernen Brücke (diese befindet sich ungefähr fünfhundert Schritte oberhalb der Eisenbahnbrücke), als der Zug über den Damm hin auf die Brücke fuhr, und folgte ihm unablässig mit den Augen; besonders waren es die Locomotiven, welche ich im Auge hielt. Die ersten drei Bogen der Brücke waren von diesen überschritten und der vierte, der letzte, betreten. Die vordere, dampfende Locomotive hatte auch diesen bereits auf mehr als drei Viertheilen seiner Länge überschritten, ja beinahe den Brückenkopf erreicht – da schien mir, als ob es plötzlich nicht mehr vorwärts gehe, die Brücke sich ungewöhnlich tief und tiefer und immer tiefer niederbiege und mit den beiden Locomotiven herabzusinken begänne. In diesem Augenblicke wußte ich nicht mehr, ob ich wache oder träume. Doch es war nur ein Augenblick, und ein fürchterliches Krachen, welches schon in diesem Momente erfolgte, überzeugte mich, daß es die entsetzliche Wirklichkeit sei, was ich hier vor mir geschehen sah!

Die beiden Locomotiven waren hinabgestürzt und ihnen folgte ein Wagen nach dem andern mit fürchterlichem Krachen, zertrümmernd und zertrümmert sich auf einander schichtend, während die Splitter in der Luft umherflogen. Acht, neun oder zehn Wagen sind den zwei Locomotiven in die schauerliche Tiefe des eistreibenden Flusses bereits nachgestürzt. Zum Glück haben ihre Trümmer sich auf einander gehäuft und so einen Damm gebildet, an welchem die noch übrigen Wagen endlich stehen bleiben müssen. Es war Zeit, ja die höchste Zeit für die in den Personenwagen befindlichen Reisenden, denn vor ihnen war von allen Lastwagen nur noch ein einziger übrig geblieben!“

An Menschenopfern ist nur eins zu beklagen, das eines Mannes vom Betriebspersonale, der bis jetzt noch vermißt wird und wahrscheinlich den Tod fand. Der Locomotivführer und der Heizer sind während des Hinabstürzens der Maschine über Bord gesprungen und haben sich aus dem Wasser gerettet, doch schwebten Beide in Lebensgefahr, weil sie beim Hinabspringen sich erhebliche Verletzungen zugezogen und im Lebenskämpfe mit dem Elemente ihre Kräfte übernatürlich anstrengen mußten.

Der Aublick der chaotisch durch- und übereinander gestürzten und zertrümmerten Wagen, der verstümmelten Schweine und Ochsen und der aus dem Flusse hervorsehenden Getreidesäcke ist schauerlich genug, wird aber geradezu entsetzlich, wenn man bedenkt, wie leicht Hunderte von Menschen von dem Unglück erfaßt werden konnten.

Der materielle Schaden ist nicht unbedeutend. Die Eisentheile der Brücke von dem eingestürzten Bogen werden zur Wiederherstellung nicht mehr verwendbar sein, da die meisten zu ganz wunderlichen Krümmungen verbogen sind; vom Frachtgute liegt eine Ladung von fünfhundert Centnern Kleesamen im Wasser, außerdem anderes Getreide; eine Menge Schweine und Ochsen sind zu unförmlichen Massen verstümmelt oder ertrunken. Die Wagen sind zertrümmert, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch deren Eisenbestandtheile, sowie jene der zwei Locomotiven, Biegungen oder Brüche erlitten haben, welche sie zum ferneren Betriebe untauglich machen oder wenigstens eine kostspielige Restauration erheischen.

Von welchem Entsetzen die Passagiere des Zuges erfaßt worden sein mögen, als sie das Krachen der hinabstürzenden Locomotiven und Wagen vernahmen, läßt sich denken! Eilten sie selbst doch hülflos dem gleichen Schicksale zu, um endlich auf derselben verhängnißvollen Brücke stehen zu bleiben, von welcher ein Theil soeben zusammengebrochen war! Todtenbleich vor Schrecken verließen sie den Ort dieses entsetzlichen Schauspieles und kehrten zurück nach der Stadt – schweigend, doch dankend dem rettenden Geschick. Ich lege eine an Ort und Stelle aufgenommene Zeichnung des Begebnisses bei; wenn die Gartenlaube sie ihren Lesern rasch vorführt, so wird sie die erste illustrirte Zeitschrift sein, welche eine Abbildung der Katastrophe bringt.

J. J.
[237]
Die Gartenlaube (1868) b 237.jpg

Die Eisenbahnkatastrophe bei Czernowitz.
Nach einer Originalphotographie.

[238]

Ein kaufmännischer Orden.

Von Ferdinand Heyl.

Rhein und Wein sind von jeher zwei unzertrennbare Begriffe. Der Wein aber ist die Ursache des ausgesprochenen Humors, der sich im Charakter des ganzen rheinischen Volkes ausspricht; ein Humor, der besonders im Carneval seine tollsten Früchte treibt, Früchte, die um so verlockender sind, als auch sie unzweifelhaft vom rheinischen Rebensaft zur Blüthe und Entfaltung getrieben werden. Während im Mittelalter nur die Städte Augsburg und Nürnberg dem Carneval huldigten, hat der Rhein, lange Zeit als einzige Pflanzstätte dieses Volksfestes in Deutschland, diese Frühlingsfeier bis auf unsere Tage erhalten, und nicht zu verkennen ist, daß der Genuß des „neuen Weines“ bei diesen Festen den Haupttheil der erregten Heiterkeit auf seine Rechnung schreiben darf.

Der Wein spielt eben am Rhein in allen Dingen, nicht allein im Handels und Verkehrsleben, eine Hauptrolle. Das rheinische Lesefest hat die Gartenlaube vor nicht langer Zeit geschildert, der sogenannten „Zechgesellschaft“ in Oberwesel, welche schon im Jahre 1328 als eine „uralte“ erwähnt wird, gedenkt sie wohl gelegentlich, da deren Institutionen, Entstehen und Treiben der Aufzeichnung immerhin werth scheinen. Für heute wollen wir an der Hand chronistischer Nachweise einen „lustigen kaufmännischen Orden“ dem Schicksal des Vergessenwerdens entziehen, über den bisher nur wenig in die Öffentlichkeit gelangte, der aber nichtsdestominder eine deutsche, eine rheinische Sitte im drolligsten Gewände erscheinen läßt.

Schon zu Zeiten der Römer zog die einzige Heerstraße des Rheines am linken Stromufer hin, das Mittelalter behielt die Richtung der römischen Heerstraße von Köln nach Mainz auf linker Rheinseite mit unbedeutender Kürzung an einigen Stellen bei, während dem rechten Rheinufer eine eigentliche Chaussee jetzt noch fehlt. Nur sparsam unterhaltene schlechte Fahrwege verbinden auf dem rechten Rheinufer die einzelnen Ortschaften, und das Ländchen Nassau erhofft als einen Segen der Annexion endlich die Errichtung einer zusammenhängenden Fahrstraße aus der rechten Stromseite. Der Zug zu den Messen nach Nürnberg, Frankfurt, Leipzig vom ganzen Niederrhein, aus Frankreich, Belgien und Holland ging links am Rhein hinauf und berührte solchergestalt auch das freundliche Städtchen St. Goar, welches unter dem Schutze der über ihm thronenden Festung Rheinfels den zur Messe fahrenden Kaufleuten als Stationsort und bevorzugte Nachtherberge diente.

Hier hatte sich eine Sitte eingebürgert, deren Entstehung die Chronik auf die Zeit Karl’s des Großen zurückführen will. Wären nicht heute noch sichere, untrügliche Zeichen und Beweise vorhanden, man würde die Glaubwürdigkeit unserer nachfolgenden Mittheilung in Zweifel ziehen. Alle Zweifel aber widerlege die Chroniken der Stadt St. Goar und die noch vorhandenen Urkunden.

In St. Goar bestand der Burschband- oder Hanse-„Orden“. Jeder Reisende, der zum ersten Male nach St. Goar kam, mußte sich in diesen Orden aufnehmen lassen. „Am Rheinufer bei dieser Stadt, an der Seite des Walls bei dem Zollhause (Hauptwache), ohnweit dem Rheinthor“, befand sich ein messingenes Halsband, von Winkelmann das Burschband genannt. Nach dem alten rheinischen Antiquarius (1776) soll dies „berufene und berühmte Halsband von Kaiser Carl dem Fünften oder, nach Anderer Bericht, von Carl’s des Großen beyden Prinzen, Carl und Pipin dahin, als an den Ort ihrer Versöhnung und ihres brüderlichen Vertrags, seyn gestiftet worden. Anfänglich soll es von Eisen gewesen sein, als aber Churfürst Friedrich der Fünfte zu Pfalz seine Gemahlin aus Engelland geholet, hat er zwar ein silbernes Band, oder Ring dahin verehren wollen, aus Beysorge eines Diebstahls aber ein messingernes machen lassen, welches noch allda ist. Uebrigens hat er dabey die Armen reichlich bedacht.“

An dieses Halsband nun wurde der zu „Verhansete“ angeschlossen und feierlich „verhanset“. Er hatte dann Pathen (Göthen am Rhein) zu ernennen, welche als Hansezeugen ihm während der Ceremonie beistanden. Man legte darauf dem Verhanseten die Frage vor: „ob er mit Wasser oder mit Wein getauft sein wolle?“ Die Antwort: „mit Wasser“ trug ihm das Vergnügen ein, wider Willen ein Kopfbad aus einigen Kübeln kalten Rheinwassers aushalten zu müssen; man wollte dem Neuling dadurch den „Geizteufel“ austreiben. Auf die Antwort: „mit Wein“ folgte eine Contribution in Form eines Beitrags zur Armenbüchse, welche neben dem Halsband an der Hauptwache angebracht war, und der Verhansete wurde sodann feierlich in die Matrikelbücher des Hanseordens eingetragen. Die Aufnahme gegenzeichneten die „Göthen“ des Getauften. Diese Einzeichnung aber geschah unter einem besonderen Ceremoniel. Eine vergoldete Krone auf dem Haupte, hörte der Verhansete die Gesetze des Hanse-Ordens, die ihm vorgelesen wurden, mit an und trank dann aus einem mit perlendem Weine gefüllten „silbernen Becher, dem großen Hansebecher, welchen die Königin Christina von Schweden, oder, wie Andere wollen, eine gewisse Königin in Engelland, als sie vorbeigereiset, zum Andenken soll verehret haben, woraus er 1. des Kaisers Caroli Magni, 2. der Königin von Engelland oder Schweden, 3. des regierenden fürstlichen Hauses Hessen-Cassel, als des Orts Landesherrn und 4. der Pathen und der sämmtlichen Gesellschaft Gesundheit trinken mußte.“ Hierauf belehnte man „lebenslang“ den Neuaufgenommenen mit der „Jagd auf der Bank“, einem Felsen mitten im Rhein (Rheinstrudel), der nur wenig über den Stromspiegel hervorragte, und mit dem „Fischfang hoch oben auf der Lurlei und auf der Kemeler Haide“, einem ziemlich unwirklichen Plateau auf der rechten Rheinseite. Die Festlichkeit schloß in der Regel ein lustiges Gelage in einem Gasthof der Stadt, entweder im Grünen Wald oder in der Lilie, welch’ letzteres Haus heute noch existirt, als eines der ältesten Gasthäuser des Rheins. Bei diesen Trinkgelagen war noch ein anderer werthvoller Becher mit im Gebrauch, den das fürstliche Haus Hessen-Rheinfels und der Kurfürst von der Pfalz im Jahre 1595 gestiftet halten, woraus dann der „Verhansete“ die vorerwähnten Gesundheiten wiederholt trinken mußte. Letzterer Becher ist mit Wappen sämmtlicher Grafen und Ritter aus dem Gefolge des Kurfürsten geziert und trägt die Inschrift:

„Zu Ehren Sanctgoar am Rhein
Ist gar wohl und fein
Der Landgräflichen Verhanse-Stadt
Dieß Trinkgeschirr gemacht.“

Dieser Becher befand sich bisher im Besitz des Numismatikers Bohl in Coblenz. Ein zweiter Beitrag in die Armenbüchse, als „freywillige Beysteuer“ wurde während des Trinkgelages erhoben und diente „alsdann zur Verpflegung der armen Vorbeyreisenden in dem dasigen uralten Spital“. Es wurden so fünfzig bis hundert Gulden jährlich erlöst. In den Zeiten der Messe veranlaßte diese Ceremonie natürlich ein lustiges Leben und Treiben in dem Städtchen St. Goar. Die Besatzung der mit St. Goar durch Mauerwerk verbundenen Festung Rheinfels ließ sich, den Commandanten und die Officiere an der Spitze, „von den ältesten Zeiten her“ in den Hans-, Hals- oder Burschband-Orden aufnehmen. Der Orden selbst hatte Statuten, welche bei jedem Regierungswechsel von dem jeweiligen Landesherrn ausdrücklich bestätigt wurden. Kein Handelsmann durfte kraft dieser Statuten die beiden St. Goarer Messen mit Waaren beziehen, ehe er seine Aufnahme in den Hanse-Orden ordnungsmäßig bewirkt hatte.

Nach Tausenden zählten die Namen der Mitglieder in den Matrikelbüchern, und auch fürstliche Namen und jene hervorragenden Persönlichkeiten waren nicht selten. So fanden sich darin eingezeichnet: Kaiser Karl der Fünfte, Philipp der Großmüthige, Götz von Berlichingen, Franz von Sickingen etc. Viele der Namen waren beglaubigt durch das beigedrückte Petschaft des Unterzeichners. Die Landgrafen von Hessen-Rheinfels und Hessen-Cassel ließen ihre Aufnahme in den Orden in der Regel durch Bevollmächtigte bewerkstelligen. Kurfürst Friedrich der Vierte von der Pfalz ließ sich und seine Gemahlin auf einer Durchreise im Jahre 1595 in den Orden aufnehmen, bei welcher Gelegenheit er oben erwähnten Becher stiftete. Einen ähnlichen kostbaren Pocal stiftete Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels, Graf von Niederkatzenellnbogen, im Jahre 1683, bei Gelegenheit seiner Aufnahme in den Orden. Er ist noch heute im Besitze der Stadt St. Goar. Ein noch kostbarerer Becher, den man als ein Geschenk Karl’s des [239] Großen gemeinlich ausgiebt, ist im Besitze des Herrn Linck, früheren Gasthalters zur Lilie in St. Goar. Er ist mit den Bildnissen Karl’s des Großen und seiner zwei Söhne Karl und Pipin geschmückt und ganz in getriebener Arbeit ausgeführt.

Zweifelhaft ist die Annahme, daß der Pocal von Karl dem Großen stamme, unzweifelhaft ist aber, daß wir es hier mit einer uralten interessanten Episode rheinischer Geschichte zu thun haben.

Ueber die Gründung und den Ursprung des Ordens geben nach dem verdienstvollen Historiographien der Stadt St. Goar, Al. Grebel, die Matrikelbücher folgende Auskunft:

„Als Karl der Große das Königreich zwischen seinen Söhnen Karl und Pipin theilen wollte, ward Pipin über den älteren Bruder so ergrimmt, daß er ihn drei Jahre lang verfolgte. Bei Gelegenheit einer Reise Karl’s des Großen den Rhein hinab trafen beide Bruder in der Capelle des heiligen Goar zusammen und Pipin war eben im Begriff, den Bruder zu tödten, als ,Gott und der heilige Goar’ den Haß und Bruderzwist plötzlich in Liebe und Freundschaft verwandelten, so daß sie sich vor Freude umarmt und dem Vater nachgeeilt seien, der sie, glücklich über die plötzliche Versöhnung, mit Jubel empfing. Zum Andenken an die Wiedervereinigung seiner Söhne stiftete Karl eine bedeutende Summe zum Besten des Hospitals in St. Goar und zur Verpflegung mittelloser Reisenden und schenkte er der Stadt das mehrerwähnte Halsband.“

Eine Stiftung Karl’s des Großen aus Freude über die Versöhnung seiner Söhne scheint historisch begründet zu sein. Muthmaßlich hat eben diese Stiftung die Veranlassung zur Gründung des Ordens gegeben, da auch hier die Unterstützung armer Reisender Hauptzweck war. Winkelmann’s hessische Chronik vom Jahre 1697, Dr. Brown’s Reisebeschreibung von 1668 und der Chronist Lucä um 1654 erwähnen den Orden als schon seit dem dreizehnten Jahrhundert bestehend, und im Jahre 1480, bei Gelegenheit der Aufnahme des hessischen Commandanten von Rheipfels, Volpert Schenck zu Schweinsberg, wird des Verhansens als eines uralten Gebrauches gedacht. Dies widerlegt die Annahme, als habe erst Karl der Fünfte den Orden gestiftet.

Die Matrikelbücher (Hansebücher) des Ordens enthielten absonderliche Artikel in Knittelversen abgefaßt, welche im Jahre 1627 „auf Cantate im Namen Georg’s des Zweiten, Landgrafen von Hessen, von Johann Wölfen zu Wietelshausen, genannt Schrautenbach, Rittern und der römischem kaiserlichen Majestät Kämmerer bestätigt worden“, so daß jeder Kaufmann, der die Märkte von Sanct Goar bezog, keine Waare feil bieten durfte, „er habe sich denn vorher verhansen lassen“. Generallieutenant von Mansbach war der letzte Commandant von Rheinfels, der sich mit seinem gesammten Officiercorps am 19. August 1750 in den Orden aufnehmen ließ. Der Gebrauch erhielt sich bis über die Zeit der französischen Invasion hinaus; während derselben trat bei dem Gesundheittrinken an die Stelle Karl’s des Großen der Name – Napoleon’s! Das Halsband verschwand in den Unruhen des Revolutionskriegs, und der Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Rhein bezeichnet das Ende des Gebrauchs. Aufnahmen sind seit dem 2. Juli 1824, dem 27. März 1828 und dem 23. April 1835 nicht mehr vorgekommen – die letzten Unterzeichner in den Matrikelbüchern sind – Bonner Studenten, und zwar Alfred Piper aus Demgarten in Neuvorpommern, Carl von Pressentin aus Dömitz und Heinrich Sthamer aus Neubacker in Mecklenburg-Schwerin.

Die Matrikelbücher sind jetzt im Besitze des Gasthalters Wenzel zur Lilie, der heute noch die Hansebücher von 1713 an und die erwähnte alte Krone aufbewahrt, welche bei der Ceremonie diente.

Simrock erklärte das Wort „verhansen“ durch die erzwungene Aufnahme der Krämer und Verkäufer in die Innung der Sanct Goarer Kaufleute, die sich mit gleichem Rechte wie der große Hansabund, zu dem auch Sanct Goar gehörte, eine Hanse, einen Verein, nannte. Der neckische Charakter der Aufnahme in den Orden hat nach desselben Forschers-Meinung dem Worte „hänseln“ den Ursprung gegeben.

Der Orden hat seinen eigenen Historiographen in Johann Ludwig Knoch, Leiningen-Westerburg’schem Archivrath und Kanzleidirector gefunden, welcher 1767 eine „Historische Abhandlung vom Herkommen des alten Hanß- Bursch- oder Halsbands-Ordens zu Sanct Goar am Rhein und dessen annoch üblicher Ceremonie, aus glaubwürdigem Nachrichten in möglicher Kürze (anderthalben Bogen stark) zusammengezogen“, veröffentlichte.

Von ausländischen Schriftstellern ist der Orden und seine Bestrebungen oft mißverstanden worden; wie hätte auch eine andere Nation das richtige Verständniß für derartigen neckischen Humor, der immerhin in dem Gebrauche wurzelte? So schreibt Blainville, ein Engländer, die Einwohner von Sanct Goar hätten sich dieses Halsbandes nur bedient, um „auf eine sehr abgeschmackte Art die Fremden um Geld zu schneuzen“. Merkwürdig, daß gerade ein Engländer diesen Vorwurf ausspricht, da nirgends der Unsitte der Trinkgeldererhebung von Seiten dienstbarer Geister mehr gefröhnt wurde und wird, als in England.

Für die Geschichte des Handels im Mittelalter ist das bereits erwähnte Actenstück, ausgestellt „uff Cantate Anno 1627 von Johann Schrautenbach, Ritter und Oberamtmann zu Wietelshausen (Weitelshausen, im Auftrage des Landgrafen Georg des Zweiten von, Hessen Darmstadt“ höchst interessant. Es schrieb strenge die Aufnahme für jeden Kaufmann oder Krämer, der Sanct Goar besuchte, vor und setzte nicht unwesentliche Strafen in dreizehn Artikeln fest. So mußte sich Jeder eines guten Wandels befleißigen bei siebenundzwanzig Albus und drei Albus (Weißpfennig, eine Silbermünze) Strafe. Fluchen und Lästern war bei zwei Gulden und höherer Strafe für jedes Mitglied des Burschbands verpönt. Wer den Vorschriften des Schultheißen oder Hansemeisters nicht folgte, zahlte einen Albus, bei der zweiten Widersetzlichkeit zwei Albus. Wer Stangen oder sonstige Gegenstände zur Aufbauung seines Krams entlehnte und nicht pünktlich zurückerstattete, zwölf Albus und gebührende Entschädigung. Wer eines Andern Stand beengte oder beschädigte, büßte mit zwei Gulden. Streng verboten war falsch Gewicht oder falsche Elle. Die Strafe wurde von der Obrigkeit und dem Hansemeister erkannt. Gegenseitiges Schelten der Mitglieder des Burschbands wurde mit Verbot des Feilhaltens geahndet, ebenso durfte kein Krämer feilhalten, „der mit einer Dirne umbher zeucht“. Am sonderbarsten sind die Artikel, welche bei zwei Gulden Strafe und mehr verbieten, die Würde „eines Schultheiß, Hansemeister, Caplan, Schreiber oder Burschbands-Diener“ abzulehnen. Auch durfte bei sechs Albus Strafe kein Mitglied des Ordens ein anderes „von seinem Kram abrufen oder winken, sondern blos mit ihm reden, wenn er von ihme oder seinem Krame ginge!“ Strafen, welche durch den Schultheiß und die Hansemeister erkannt wurden, waren unumstößlich; nur auf eine persönliche Bitte und gegen Zahlung eines „halben Viertel Weins“ konnte eine Strafe gelindert werden.

Außer diesen Vorschriften enthält das Actenstück noch Bestimmungen, welche Waaren mit „schwer Gewicht“ und welche mit „Silbergewicht“ gewogen werden durften.

Große Aufregung rief eine Verordnung des Amtmanns Hermann Cappins im Jahre 1665 hervor. Er ließ eine leichtfertige Dirne zur Strafe an dem Halseisen anschließen und benutzte das Burschband als Pranger. Der Stadtrath führte darauf Klage bei der Justizcanzlei, indem er vorstellte, wie unschicklich es sei, das Halsband in Sanct Goar, „an dem Kaiser Karl der Fünfte und so viele andere Fürsten gestanden hätten“, zu so entehrender Bestrafung zu mißbrauchen. Die Justizcanzlei verordnete durch Decret vom 29. März 1665, daß in Zukunft leichtfertige Dirnen statt am Halse an den Füßen geschlossen und anderwärts ausgestellt werden sollten.

Wir haben uns gern der Mühe unterzogen, diese für die vielen kaufmännischen Leser der Gartenlaube gewiß nicht uninteressanten Mittheilungen aus den rheinischen Chroniken zusammenzutragen, da sie immerhin ein Stück Handels- und Verkehrsleben früherer Zeiten beleuchten.



[240]

Blätter und Blüthen.

Deutsches Neujahr auf den Sandwichsinseln.[2] Aus Honolulu, der auf Oahu gelegenen Hauptstadt der Inselgruppe. Wie die Wellenkreise, die ein in die Mitte eines Teiches geworfener Stein erzeugt, nur langsam und allmählich das Ufer gewinnen, so erreicht auch uns hier, inmitten des Stillen Oceans, nur spät die Kunde von den großen Weltereignissen, welche das alte Europa und mit ihm die gesammte Menschheit erschüttern – aber sie erreicht uns doch. Und wunderbar genug hat sie geklungen, wunderbar, wie jenes eiserne Kämpenlied, das Heldenlied der Nibelungen. Wohl mag des wiedergeborenen Deutschlands neues Banner an tausend Orten in und außerhalb des Vaterlandes mit größerem Pomp sich entfaltet haben, als inmitten unserer bescheidenen Gemeinde, allein treuere Herzen haben ihm nirgendswo entgegengejubelt.

Die stolze Rieseneiche, auf deren Wipfel Preußens Aar allein jetzt horstet, ragt nur mit einem zarten, dünnen Zweige auf dieses ferne Eiland hinüber: es leben etwa zweihundert Deutsche unter den Insulanern, in deren Mitte Capitän Cook vor neunzig Jahren seinen Tod fand. Aber von jenen Zweihunderten fehlte Keiner, als am 1. Januar d. J. Mittags mit dem zwölften Glockenschlage der hiesige deutsche Club das neue Banner des Norddeutschen Bundes feierlich aufzog. Das Fest konnte natürlich nur einen rein privaten Charakter tragen, da das hiesige königlich preußische Consulat bis jetzt noch nicht autorisirt ist, die neue Bundesflagge aufzuziehen, aber die Notification derselben war ihm kurz zuvor officiell zugegangen und die von ihm auf Grund derselben sofort beantragte Anerkennung Seitens der Regierung des Königs Kamehameha des Fünften war von dieser, fast noch an demselben Tage, mit entgegenkommendster Bereitwilligkeit erfolgt[.]

Es war also ein Famil[i]enfest im höchsten Sinne des Wortes, dem indeß die gehobene Stimmung, die bei Allen herrschte, eine allgemeinere und höhere Bedeutung verlieh. Preußen, Hannoveraner, Hamburger, Bremenser, Mecklenburger, Sachsen und Schwaben, Alle umstanden sie, die Söhne Einer Mutter, in Eintracht den mit den schönen Wunderblumen unserer reichen Flora festlich geschmückten und mit Guirlanden umwundenen Flaggenmast, auf dem jetzt noch zum letzten Male das schwarz-roth-goldene Banner wehte, der Traum so manches gebrochenen Herzens, doch freilich eben nur – ein Traum. Es senkte sich allmählich, so wie sich das neue erhob. Die deutsche Kanone eines deutschen Walfischfängers, von deutschen Händen bedient, donnerte Deutschlands neuem Panier einen weithinschallenden Gruß entgegen, als dasselbe die Spitze des Mastes erreicht hatte und seine eleganten Farben lustig in der blauen Himmelsluft dieses Landes voll ewigen Sonnenscheines flatterten. Das Echo der schroffen Felsenwände des erloschenen Vulcans hinter uns gab den Gruß hundertfach zurück. Ein deutsches Musikchor (wo könnte das fehlen!) schmetterte die schönen Accorde des deutschen Liedes: „Heil Dir im Siegerkranz“ in die tropische Luft hinein. Aller Häupter waren entblößt, Aller Augen waren naß, auch die des Schreibers dieser Zeilen, der seines Vaterlandes ja immer mit der größten Liebe gedenkt.

Ein heiteres Mahl, bei dem des Vaterlandes funkelnde Weine im grünen Römerglase auch nicht fehlten, folgte dem ernsteren Theile der Feier, die jedoch ihren Höhepunkt erreichte, als der älteste der hierorts ansässigen Deutschen mit bewegter Stimme und in gehobener Weise den ersten Toast auf „Deutschland“, „seinen mächtigen Schirmherrn“, „seinen großen Staatsmann“ und „seine Helden“, in feurig beredten Worten ausbrachte. Das Bild des greisen Königs, mit frischem Lorbeer umwunden und mit Blumen geschmückt, so schön wie sie das Vaterland wahrlich nicht aufzuweisen hat, hing in der Mitte des Saales, von den Portraits der Feldherren umgeben, die es verstanden, den gordischen Knoten deutschen Wirrwarrs mit dem Schwerte zu durchhauen. Das Bildniß des Grafen Bismarck, nicht minder sinnig geschmückt, war ihm gegenüber aufgehangen. Ein Blumenkranz, dessen sich keine Königin zu schämen gebraucht hätte – von deutschen Frauenhänden geflochten – milderte den Ausdruck seines geistvollen, energischen Gesichts. Der preußische Consul, F. A. Schäfer, dankte im Namen seines Königs und des Bundeskanzlers, den Toast des Vorredners dergestalt officiell anerkennend. Darauf erhob sich die ganze Versammlung wie Ein Mann, um Wilhelm dem Ersten, Deutschlands oberstem Schirmherrn, ein begeistertes Hoch zuzurufen.

Dem ersten Toaste folgten andere nicht minder begeisterte und gehobene. Selbst die Redacteure der hier erscheinenden beiden englischen Blätter, die einzigen nicht deutschen Gäste unter uns, im gewöhnlichen Leben sonst nicht die besten Freunde, da der eine die Regierung, der andere die Opposition vertritt, selbst sie vermochten nicht, dem Hauche deutscher Eintracht und Brüderlichkeit zu widerstehen, der unsere Gemeinde durchglühte, und reichten sich – zum ersten Male in diesem Leben – die Hand der Versöhnung.

Möchten doch die Worte, mit denen Schreiber dieses – auf unsere Nationalflagge deutend – seine für die Leser der Gartenlaube wohl etwas zu lange Ansprache schloß, auch anderwärts in deutschen Herzen widerklingen; sie sind ja nicht sein Eigenthum, sondern das eines jeden Deutschen:

„Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei, was sie bereite!“

Aus der Kunstwe[l]t. In Nr. 9 unseres Blattes vom vorvergangenen Jahre[WS 1] ward in einer Skizze über Buonaventura Genelli bemerkt, daß die Veröffentlichung seines „künstlerischen Tagebuches“ in Aussicht genommen sei. Das Werk ist nun soeben im Verlage von Alphons Dürr in Leipzig unter dem Titel: „Aus dem Leben eines Künstlers, vierundzwanzig Compositionen von Buonaventura Genelli, in Kupfer gestochen von J. Burger, K. von Gonzenbach, H. Merz und H. Schütz.“ (Preis 24 Thlr.) erschienen und gereicht der deutschen Kunst zur hohen Ehre. D. Red.

Kleiner Briefkasten.

A. B. in San Antonio (Texas). Der von Ihnen erwähnte Posten ist bis heute bei uns nicht eingegangen.

R. H. in Gera. Wir haben jetzt der ernsten Kriegsbilder genug gehabt, so daß Paradescenen kaum noch interessiren dürften.


  1. Seit der Secession wird dieser von der äußerst gefährlichen Kupferschlange hergenommener Name auf diejenigen Amerikaner im Norden angewendet, welche mit der Secession sympathisierten und alles Mögliche zu deren Sieg beizutragen sich bemühten.
  2. Der Verfasser dieses Berichtes dankt der Redaction der Gartenlaube für die freundliche Aufnahme seiner Mittheilungen aus Mexico, die auch hier in dem fernen Honolulu mit vielem Interesse gelesen worden sind. Er wird es sich zur Ehre schätzen, seine geringen Kräfte einem Blatte zu widmen, das sich die schöne Aufgabe gestellt hat, selbst in den fernsten Regionen des Erdballs deutsche Gesittung und deutsche Gemüthlichkeit frisch und lebendig zu erhalten, deren sonnige Strahlen auch die Herzen der auf den ausgebrannten vulcanischen Inseln des Stillen Oceans wohnenden Deutschen mit wohlthuender Wärme erquicken.
    Gustav von Gößnitz,     
    Instructor der Kaffer’schen Truppen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: vergangenen Jahre