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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[593] No. 38.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Der Habermeister.
Ein Volksbild aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Der Metzger erwiderte nichts und wandte der Richtung, wo der Wagen immer näher heran rollte, den Rücken zu. Die Meisten der Anwesenden aber sahen den Kommenden mit desto größerer Aufmerksamkeit entgegen und flüsterten einander ihre Bemerkungen über Gespann und Wagen und dessen Besitzer zu.

„Sie sind’s wahrhaftig!“ sagte der junge Bauer wieder. „Das ist die Aichbauern-Susi – ich bin ihr manch’ liebes Mal zu Gefallen gegangen, aber ich hab’ sie nit wieder erkannt! Was ist das noch vor anderthalb Jahren ein lebfrisches Bauernmadel gewesen und jetzt …“

„Ja,“ erwiderte der schnauzbärtige Alte, „die hat die Stadt einmal hergericht’ auf den Glanz, – man meint, sie müßt’ sterbenskrank sein, sie thut ordentlich leuchten, so blaß ist sie …“

Inzwischen war das Fuhrwerk herangerollt und hielt vor dem Wirthshause an; ein feiner ungarischer Korbwagen, mit einem Paar schöner Schweißfüchse bespannt, welche unter Stampfen und Schnauben der sicheren Lenkung des Mannes im Wagen gehorchend anhielten. Er war ganz schwarz gekleidet, und dieser Umstand sowohl, als der schmale weiße Hemdkragen, der sich über die ebenfalls dunkle Halsbinde legte, machten es wohl erklärlich, daß die Bauern von seinem geistlichen Aussehen sprachen, zumal wenn er den Hut wie zum Gruße abnahm, und das kurz geschorene Haar zeigte. Sein Gesicht war wohlgeformt und von einem freundlichen Lächeln belebt; aus den blauen Augen blickte ungemeine Sanftmuth, wenn sie auch vermieden, lang auf einem Gegenstande zu verweilen, und ein rasches Blinzeln nach der Seite hin manchmal dem ganzen Ausdruck etwas Tückisches und Lauerndes gab. Auch die Erscheinung des neben ihm sitzenden Mädchens widersprach den Bemerkungen nicht, welche die Landleute schon bei ihrem Herannahen ausgetauscht hatten, – von den Kleidern, die sie trug, war nicht viel mehr als der städtische Zuschnitt zu gewahren: die ganze anscheinend sehr schlanke Gestalt zwar in ein großes faltiges Umschlagetuch eingehüllt, als habe sie trotz der Sonnengluth das Verlangen, sich vor Frost zu schützen; sie lag in die Wagenecke gelehnt, und das schön geformte bleiche Antlitz, von pechschwarzem Haar umrahmt, war in das Kissen zurückgesunken, mit geschlossenen Augen, als wäre sie von der Fahrt bis zur Erschöpfung angegriffen oder zum Tode krank.

Der Mann stieg ab, reichte dem herbeigeeilten Hausknecht die Zügel hin und rief dabei mit süßem Lächeln und in einem so gerührt zärtlichen Tone, als gälte es der Begrüßung des ältesten und vertrautesten Freundes: „Schau, schau, der alte Dick’l ist auch noch auf der Welt! Ist das eine Freude, wenn man so einen alten Bekannten wieder sieht! Versorg’ mir fein die Fuchsen gut – Du weißt ja, daß es geschrieben steht, der Gerechte soll sich auch des Viehs erbarmen! Lauter alte bekannte Gesichter,“ fuhr er fort und blickte im Kreise umher. „Das thut Einem wohl – man meint gar nicht, daß man fort gewesen. … Ah, sieh da, der Herr Lehrer auch hier … das ist noch das größte Vergnügen … ein Mann, dem ich so Vieles verdanke! Sie kennen mich wohl gar nicht mehr, Herr Lehrer?“ rief er hinzutretend und faßte nach den Händen des Begrüßten.

„Wie sollt’ ich nicht?“ erwiderte derselbe, aber er konnte Augen und Hände von der Pfeife nicht losbekommen, die er eben zu stopfen begonnen hatte.

„Freilich, freilich, wie sollt’ er nicht, der Herr Lehrer!“ rief der Metzger. „Hat er uns doch erst vorhin Schul’ gehalten und hat uns erzählt, daß er jeden Baum aus seiner Baumschul’ beobachtet und kennt, und wenn er sich auch noch so krumm ausgewachsen hat …“

Ein scharfer Seitenblick des Angekommenen streifte nach dem Spötter hinüber, aber im Augenblick war das alte freundliche Lächeln wieder da. „Schau, schau, der Herr Staudinger auch da!“ rief er etwas gedehnt. „Immer gesund und wohlauf, wie ich sehe – und auch immer der Alte, immer voll Spasseteln! Sie haben sich ja langmächtig nicht mehr sehen lassen in der Stadt … Sie sind wohl …“

Er vollendete nicht, denn seine Augen blieben an Franzi haften, welche eben vom Hause herankam, nach dem Begehren der neuen Gäste zu fragen; er war so überrascht, daß ihm das Wort im Munde stecken blieb, und aus seinen Augen funkelte etwas, was nicht übereinstimmte mit dem sonstigen mild gelassenen Auf- und Niederschlag derselben. „Franzi,“ rief er auf das Mädchen zueilend, „bist Du’s denn wirklich? Da hätt’ ich mir ja eher des Himmels Einfall erwartet, als daß ich Dich in der Kreuzstraßen finden thät, als Schenkkellnerin! Du bist aber schön geworden, seit ich Dich nimmer gesehen hab’ … laß Dich doch nur recht anschau’n und Dir herzhaft Grüß Gott sagen!“

Damit war er ihr näher getreten und wollte ihr in vertrauter Weise den Arm um die Hüften legen, aber ehe er recht wußte wie, war sie ihm entschlüpft. „Ich dank’ schön,“ rief sie, „wünsch’ auch meinerseits wohl zu leben, Herr Aicher!“

„Herr Aicher!“ rief er etwas verdutzt. „Red’st Du so mit mir und thust so fremd? Sind wir denn nicht mit einander aufgewachsen, bist Du denn nicht meine Ziehschwester und meine Spielcameradin gewesen?“

[594] „Das wißt Ihr noch?“ sagte sie, an ihm vorübergehend, kurz und kalt. „Habt Ihr doch so manches Jahr darauf vergessen, wie kommt es Euch jetzt auf einmal in den Sinn? … Das Spiel ist ausgespielt – und ich mein’, dort ist Jemand, Herr Aicher, der mich nothwendiger brauchen kann, als Ihr…“

Damit war sie schon bei dem Wagen, der Zurückgewiesene stand einen Moment unschlüssig und betroffen – es schien, als ob der Gleichmuth ihn verlassen wolle, aber es war nur ein Zucken, das über sein Antlitz fuhr, wie Wetterleuchten über einen heiteren Abendhimmel; so schnell, als es verschwunden gewesen, kam das stehende freundliche Lächeln zurück und mit einer Miene, wie man etwa die Untugenden eines geliebten verzogenen Kindes mißbilligt und doch entschuldigt, wandte er sich achselzuckend den übrigen Anwesenden zu.

„Müssen sich nicht wundern oder gar ärgern, Herr Aicher!“ sagte mit höhnischer Genugthuung der dicke Metzger, indem er so weit zur Seite rückte, daß der schmale schwarze Mann allenfalls zur Hälfte neben ihm hätte Platz finden können. „Sie brat’t Ihnen eben auch keine andere Wurst – das ist schon so die Manier von der groben Dirn’!“

„Wundern? Aergern?“ erwiderte Aicher milde. „Ich denke nicht daran – weiß man doch, Jugend hat nicht Tugend! Sie weiß eben, daß sie ein sauberes Gesichtl hat, um das ihr Mancher viel verzeiht … sie bedenket nicht, was da geschrieben steht … daß die Schönheit vergeht, wie Gras, so da am Morgen frisch und prangend steht und abgemähet wird und verwelkt noch vor dem Abendroth. Ist es nicht wahr, heißt es nicht so, Herr Lehrer?“ Ohne jedoch die Antwort des Angeredeten abzuwarten, wandte er sich dem Wirthe zu, der sich zur Begrüßung des ansehnlichen Gastes eingefunden hatte, und die grüne Schlegelhaube in den Händen drehend, nach den Befehlen desselben bezüglich des Mittagessens fragte. „Wo denken Sie hin, Herr Wirth?“ rief Aicher, als ihm derselbe die Zartheit seiner Hühner anpries und ein Stück saftigen Hirschbratens empfahl, der sich mit der Zunge zerdrücken lasse. „Halten Sie mich für einen so schlechten Christen, der an einem gebotenen Fasttag, am heiligen Quatember-Mittwoch, Fleisch ißt? Nein, nein – kochen Sie nur etwas Leichtes, etwas Weniges…“

„Vielleicht Erbsensuppe mit gebackenen Markknöderln?“

„Meinetwegen … ja und einen Eierfladen dazu und wenn sich vielleicht ein kleines Fischchen im Kalter verkrochen hat …“

„Leider nicht, Fische kommen bei uns da mitten im Wald gar zu hart an … aber ein Widel (Bündel) Moosschnepfen ist da, die hat der Jagdgehülf’ gestern ganz frisch gebracht…“

„Nun seh’n Sie, Herr Wirth, das trifft sich ja prächtig … mit Speck belegt und langsam in Citronensaft gedämpft, sind sie ein ganz annehmbares Gericht, und Moosschnepfen sind ja eine Ausnahme vom Geflügel, die haben kein Fleisch, weil sie selber nur Fische fressen, die darf man am Charfreitag essen… Und wenn es dann, so zum Zuspitzen, noch eine kleine Mehlspeise giebt …“

„Vielleicht Dampfnudeln? Meine Wirthin backt sie ausgezeichnet…“

„Meinetwegen… Seh’n Sie, Herr Wirth, so behalten wir unser Gewissen von einer so schweren Sünd’ frei und können uns mit dem bissel Fasttag begnügen… Darf ich den Herrn Metzgermeister dazu einladen? Und Sie vielleicht auch, Herr Schulmeister?“

Der Dicke lehnte nicht ab, aber der Lehrer dankte für die Freundlichkeit. „Ich habe meine Mahlzeit schon eingenommen,“ sagte er mit gutmüthigem Lächeln, „auf mehr und gar auf so kostbare Dinge ist der Magen eines Landschullehrers nicht abgerichtet, ich will ihn nicht aus der Uebung bringen…“

Indessen war Franzi an den Wagen getreten, wo, von dem Bruder vergessen und unbeachtet, das bleiche Mädchen aus ihrem krankhaften Halbschlummer erwacht war und träumerisch umblickend sich aus dem Umschlagtuch loszumachen begann. Ihr Staunen, als sie Franzi’s zum Gruße dargebotene Hand vor sich sah, als sie ihr in das offene blühende Angesicht, in die dunklen treuherzigen Augen blickte, war nicht minder lebhaft, als das des Bruders, aber es war von reinerer, von hellerer Art. Die Todtenfarbe ihrer Wangen ward augenblicklich von einer glühenden Röthe, die Stirn und Nacken überflammte, verdrängt, aber nur, um mit dem nächsten Pulsschlage desto siegreicher wiederzukehren; ihre Augen wuchsen fest in dem befreundeten Angesicht, auf den halbgeöffneten Lippen erstarb, von innerer Wallung zurückgehalten, das grüßende Wort. Franzi mußte zuerst das Schweigen brechen.

„Ist es denn möglich?“ sagte sie herzlich. „Susi, bist Du’s denn, oder ist’s Dein Geist? Du bist wieder auf dem Land – nimmer in der Stadt?“

Susi konnte noch nicht reden, ihre stürzenden Thränen verhinderten sie daran – sie schüttelte nur heftig mit dem Kopfe zur Erwiderung.

„Aber jetzt seh’ ich erst, wie blaß Du bist,“ begann Franzi theilnehmend wieder. „Dir ist heilig nicht recht gut – Du kannst das Fahren nit vertragen…“

„Ja, ja …“ preßte Susi endlich heraus, „es wird wohl so sein … es war so kühl diesen Morgen, und diese Luft – ich kann die freie Luft nicht mehr vertragen, Franzi … es thut mir so weh, da drinnen in der Brust, zu tiefst drinnen… O so unendlich weh…“

„So komm’ herunter, Du armer Narr,“ sagte Franzi innig, indem sie die an sie gelehnte schlanke Gestalt mit kräftigem Arm umschlang und wie eine Feder zur Erde hob, „komm mit herein in’s Haus … ich führ’ Dich in meine Kammer auf mein Bett – da ruh’ Dich aus und schlaf ein bissel; im Schlaf da werden die rothen Backen schon wieder kommen, die ich alleweil gewohnt gewesen bin an Dir…“

Die Kranke sah sie noch einmal mit einem Blicke an, der wie eine innige Klage und Frage der Sehnsucht in ihre Seele dringen zu wollen schien; sie athmete tief auf und fuhr mit der magern feinen Hand über die Stirne, als sinne sie auf etwas, das sie vergebens gesucht… „Ja,“ flüsterte sie dann, indem sie Franzi innig die Hand drückte, „führ’ mich wohin Du willst, Franzi … das ist ein gutes Zeichen, daß Du mir da begegnest … Ja, Franzi, mit Dir geh’ ich…“

Bald waren die beiden Mädchen im Hause verschwunden; die Landleute wieder zu ihren Plätzen, Krügen und Gesprächen zurückgekehrt; zwischen dem Metzger und dem Holzhändler, die sich rasch verstanden zu haben schienen, hatte sich eine anscheinend ebenso wichtige wie vertrauliche Unterhaltung entsponnen – der Mittag machte seine erschlaffende Wirkung fühlbar, Mancher nickte über dem Kruge ein; es gab wenig zu thun, als Franzi nach einer Weile wieder kam, den Mittagstisch für die Herrengäste zu decken und zu beschicken.

Fast zu gleicher Zeit kam auch der Nußbichler wieder zum Vorschein.

Das Gespräch mochte ihm unerträglich geworden sein, er hatte bald seinen Krug fast auf einen Zug ausgestürzt und war dann hinter der Hecke des Obstgartens verschwunden; dort im Schatten der Schlehenstauden und Hagrosen, an denen schon die Beeren blau zu werden und die Fruchtknospen sich zu röthen begannen, warf er sich rücklings in’s Gras und schien im Schlafe Grimm und Gram seines Lebens vergessen zu wollen. Hätte Jemand sich um den Mann gekümmert, so wäre ihm nicht entgangen, daß der Schlafende manchmal sich regte und aus seinem Lumpenbündel eine ansehnliche Korbflasche hervorzog, um daraus einen tiefen Schluck zu machen. Die Spuren davon waren unverkennbar, als er um die Hausecke bog; mit starren Augen und geröthetem Angesicht, trunkene Worte vor sich hinlallend, wankte er seinem früher innegehabten Sitze zu.

Er traf eben mit Franzi zusammen, die, aus dem Hause tretend, auf den Stufen stehen geblieben und vor sich hinsah, das Erlebte zu überdenken oder zu überblicken, wo etwas zu thun sein könnte. Mit stumpfsinnig verschmitztem Lachen schlich der Lumpensammler hinter sie und faßte sie rasch um die Mitte. „Herzkäferl,“ lallte er, „was studirst’ aus? Machst’ Kalender und suchst Dir ein’ Tag zu der Hochzeit aus?“

Das Mädchen war mit leichtem Aufschrei zusammengefahren und suchte mit einem Ruck Arm und Hand des Betrunkenen fortzuschleudern, aber er war stärker als sie, weil er roher war, und den Versuch abwehrend, hielt er sie nur noch kräftiger umfaßt. „Spreiz’ Dich nit so ein, Schatzerl,“ rief er mit heiserem, widerlichem Lachen, „ich will mich ja nur bedanken, daß Du Dich so angenommen hast um mich! Meinst, der Nußbichler hat nicht auch Ehr’ im Leib’ … ich lass’ mir nichts schenken und will Dich vor alle Leut’ mit ein’ Bussel bezahlen!“

„Lass’ mich los, Nußbichler, oder es wird nit gut …“ [595] keuchte das Mädchen, indem es fortwährend vergeblich rang sich von der unsaubern Umschlingung zu befreien. Es gelang ihr nicht, denn ihr Widerstand reizte den Trunkenbold nur noch mehr. „Spreiz’ Dich nit,“ schrie er wieder, „je zuwiderer Du Dich anstellst, desto mehr bin ich versessen drauf … ich muß wissen, wie ein Bussel von dem Göschel schmeckt, das so curagirt reden kann. Und wenn ich mit dem Teufel drum raufen müßt’, ein’ Bussel muß ich haben…“

Die Stellung des hinterrücks und unvermuthet überfallenen Mädchens war eine sehr ungünstige und der Nußbichler nahe daran, sie niederzuzwingen. „Schämt Ihr Euch nicht?“ rief sie glühend vor Entrüstung den Bauern zu, welche dem Ringen und Zerren, an dem sie nichts Besonderes finden mochten, mit lachender Gleichgültigkeit zusahen. „Seid Ihr Männer und helft einem Madel nit gegen einen solchen Wildling?“

Die Bauern rührten sich nicht; der fromme Herr Waldhauser war einige Schritte seitwärts gegangen, um den Gräuel nicht mit ansehen zu müssen; der dicke Metzger lachte höhnisch vor sich hin und rief: „Helfen?! Was nicht gar! Wer wird sich in die Cameradschaft mischen! Wirst Dich doch vor Deinem guten Freund nicht fürchten, um den Du Dich so angenommen hast!“

Der Einzige, der hinzutrat, war der Lehrer, aber der bejahrte Mann konnte nicht daran denken, es körperlich mit dem unbändigen, vom Trunke erhitzten Menschen aufzunehmen, er mußte sich auf gütliches Zureden beschränken. „Schäme Dich, Alisi,“ sagte er und faßte ihn am Arme, „Du hältst Dich immer darüber auf, wenn die Leute gering und schlecht von Dir denken; es ist kein Wunder, daß sie es thun, wenn Du Dich so aufführst…“

Die begütigenden Worte hatten keine andere Wirkung, als Wassertropfen in lodernde Flammen gespritzt; der Nußbichler wurde nur noch wüthender, er stieß den Lehrer zurück, daß er taumelte. „Wer hat mir was einzureden?“ schrie er. „Wir Zwei haben’s allein auszumachen miteinander … den will ich sehen, der sich dreinmischen will…“

Schon hatte er das vom Widerstande fast athemlose Mädchen fest in die Arme geschlossen, als er, von kräftiger Faust geschleudert, zusammenstürzte und unter den Tisch kollerte, als ob er nie auf den Füßen gestanden wäre. Ein junger Bauer stand zwischen ihm und Franzi, eine schöne schlanke Männergestalt, frisch und kräftig wie eine junge Eiche. Die Faust über dem Liegenden erhebend, den Fuß auf seine Brust, stand er wie ein siegreicher Ringkämpfer vor dem bezwungenen Gegner da und rief: „Da lieg, Du Loder, Du nichtsnutziger, und rühr’ Dich nicht mehr, oder ich vergeß’ mich und schaue Deinen wüsten Schädel für eine Trommel an! Wenn Du unter Leuten sein willst, so lern’ erst, wie man sich aufführt unter den Leuten … bis dahin kriech’ in den Stall, wo Du hingehörst, und schlaf’ Deinen Rausch aus…“

Eingeschüchtert und beinahe nüchtern geworden krümmte sich der Lumpensammler vom Boden auf und kroch hinweg, wie ein bissiger Hund, der minder dem empfangenen Fußtritt gehorcht, als er das fest und klar auf ihn gerichtete Auge des Mannes scheut, in dem er seinen Herrn und Meister gefunden. Die Andern saßen und standen ohne Laut und Bewegung, wie sie bei dem unvermutheten Erscheinen des jungen Mannes gesessen und gestanden waren; das Auftreten und die Gestalt desselben war auch ganz dazu angethan, als sei er gewillt, wegen jedes unpassenden Wortes oder vorlauten Lachens sich ganz ernsthafte Aufklärung zu erbitten. Verlegen machte Meister Staudinger sich an seinem Geldgurt zu schaffen; der Holzhändler suchte nach den passendsten Worten, den Bruder zu begrüßen, aber mit innigem Wohlbehagen ruhte das Auge des Lehrers auf dem Ankömmling. Auch Franzi’s Augen hingen an ihm, aber was aus ihnen leuchtete, war nicht mit Worten zu bezeichnen – es war nicht Ueberraschung, denn sie fand es ganz natürlich, daß er so recht wie ein Engel vom Himmel dazwischen getreten war; es war nicht Freude zu nennen, denn Freude sagt zu wenig – es war nicht Entzücken, denn das ist überschwenglicher … es war die stille, innige Glückseligkeit, die, selbstlos und bescheiden, an einem verehrten Wesen hängt, fast ohne Wunsch und völlig ohne Hoffnung, nur befangen in der stillen Verehrung seiner Vortrefflichkeit.

Mit brennenden Wangen und leuchtenden Blicken stand sie und hielt die Arme über die Brust gekreuzt, als warte sie der Befehle eines gebietenden Herrn, sich ihnen zu beugen; Worte fand sie nicht, auch als der Retter, ein leichtes, freundliches, etwas herablassendes Lächeln in den Mienen, vor sie hintrat.

„Dasmal bin ich ja gerad’ recht gekommen,“ sagte er mit tiefer, volltönender Stimme. „Grüß Gott, Franzi, bist noch recht verschrocken? Komm’ nur zu Dir, der Loder wird Dich wohl in Frieden lassen künftig und ich denk’, mancher Andere auch…“

„Grüß Gott, Sixt,“ erwiderte sie, hielt aber gleich inne, sich zu verbessern. „Grüß Euch Gott, Herr Aicher, will ich sagen.“

„Das laß unterwegs,“ sagte er kurzweg. „Ich bin kein Herr, ich bin ein Bauer und will nichts Anderes sein, also laß es nur bei dem Sixt bleiben.“

„Wenn ich nur wüßt’, was ich sagen und thun müßt’, um Euch … um Dir zu danken, Sixt…“

„Der beste Dank wär’, wenn Du mir folgen thätst. Das ist kein Platz für Dich, Du bist viel zu gut für eine Kellnerin, die jeder Lump für ein Handtuch hält, an das er mit seinen schmierigen Tatzen hinlangen darf…“

Franzi schlug die Augen nieder; sie begann sich von ihrer Verwirrung zu erholen. „Man kann in jedem Stand brav und ordentlich sein,“ sagte sie halb leise, aber bestimmt.

„Dasselbige ist wohl wahr,“ entgegnete er, „und ein richtiges Leut, wie Du, die bringt’s auch zuwegen, aber Du hast es just geseh’n, wie’s doch gehen kann, und wenn ein Weg um den Berg herum in die Kirchen führt, ein guter und ein gerader Weg, warum sollt’ ich nachher den schlechten und steinigen aussuchen und übern Berg hinüber steigen? Es ist mir ein Stich durch’s Herz ’gangen, wie ich g’hört hab’, daß Du beim Gruber ausgestanden bist und Dich als Kellnerin verdungen hast – warum hast das gethan, Franzi?“

Sie schlug die Augen nieder und erröthete. „Das kann ich nit sagen,“ erwiderte sie mit sichtbarem Widerstreben, „keinem Menschen nit – und Dir auch nit,“ setzte sie hinzu, als ob sie den Eindruck ihrer Worte mildern wollte, „… ich hab mir’s vorgenommen, es soll ein Geheimniß bleiben, bis ich das ausgeführt hab’, was ich im Sinn hab’…“

„Das muß ja was ganz Besonderes sein,“ sagte er, „aber ich wundere mich nicht, daß Du schweigst … bist alleweil so gewesen, ich weiß ja noch nicht einmal, warum Du vom Aichhof fort bist, so Knall und Fall und wie der Tod kommt mitten in der Nacht… Oder ist das auch ein Geheimniß?“

„Nein,“ sagte sie und sah ihm mit festem Blick in’s Angesicht, „gern sag’ ich’s nicht, aber da ist nichts Geheim’s dabei und wer gewollt hätt’, der hätt’s leicht schon erfahren können, die Zeit her – ich bin nit freiwillig fort vom Aichhof, ich hab’ müssen…“

„Müssen?“ fragte er und trat staunend zurück.

„Denk’ an den Tag, Sixt, wo ich das letzte Mal auf dem Aichhof war … Du und der Bruder und die Susi, Ihr wart mit einander am Landgericht gewesen von wegen der Erbschaft und wegen der Vertheilung und seid in der Stuben am Tisch bei einander gesessen und habt gerechnet und getheilt und mit dem Vorsteher und den Beiständern geredt über dies und das… Ich war in der Kammer nebenan, wie Ihr ’kommen seid, und hab’ denkt, Ihr werdet nit lang bleiben, und so hab’ ich gewartet, damit Ihr mich nit herauskommen sehen und glauben solltet, ich hätt’ etwa horchen wollen … aber Ihr seid nimmer fort, und so bin ich gewesen wie eine Gefangene, und wenn ich auch den Schurz übern Kopf genommen hab’ und hab’ mir alle Müh’ gegeben, daß ich nichts verstehen sollt’ … ich hab’s doch hören müssen, wie der Vorsteher gefragt hat, wie es nun wohl mit mir sei und werde – und wie’s darauf hieß, davon sei gar nit zu reden, das verstünde sich ja von selbst … die Eltern, die mich wie eine Bauerntochter aufgezogen und gehalten hätten wie das Kind vom Haus, die wären jetzt todt – ich könnt’ wohl bleiben auf dem Aichhof – aber die Glorie hab’ ein End’ und ich müßt’ eben auch sein wie jeder andere Dienstbot …“

Der junge Aichbauer war sehr ernsthaft geworden. „Ja freilich,“ sagte er, „wenn Du das gehört hast, aber dann weißt Du auch, wer es gesagt hat! Der Waldhauser …“

„Ich weiß wohl,“ unterbrach sie mit abwehrender Geberde, „… es hat sonst Niemand so was gesagt, aber es hat auch Keins dawider g’redt … die Susi nit und auch Du nit, Sixt! Und wie ich fort bin in der Nacht mit meinem Bündel, wie ein wandernder Dienstbot’, da hat mich auch kein Mensch geholt und kein Mensch hat gefragt, warum ich wohl fort bin…“

[596] „Hast Recht, Franzi,“ entgegnete der Bauer, „ich hab’ Dir nit nachgeschickt – ich hab’ mir denkt, wer so leicht und so geschwind und so ohne B’hüt Gott fortgeht aus dem Haus, in dem er auf’zogen worden ist, der will eben nit bleiben und wird wohl wissen, warum er nit will, und den muß man nit aufhalten… Aber nachgefragt hab’ ich Dir wohl und hab’s erfahren, wie Du Dich als Dirn’ beim Gruber verdingt hast, und jetzt, daß Du … Aber das laßt sich jetzt Alles gut machen und ändern… Gieb’s auf, eine Kellnerin sein … werd’ wieder eine richtige Bauerndirn’ und komm wieder zu mir auf den Aichhof…“

Sie sah wieder zu Boden und sagte nichts, aber sie schüttelte den Kopf so entschieden, als gelte es, etwas von sich abzuweisen, wovon schon der bloße Gedanke sie erschreckte.

„Mußt nit trutzen und nachtragerisch sein,“ fuhr Sixt fort, „auf eine ehrliche Red’ gehört sich eine redliche Antwort… Komm’ wieder auf den Aichhof, er ist ja doch Deine Heimath…“

Der Ton des Redenden war etwas herzlicher geworden; Franzi zögerte mit der Antwort, die ihr schwer zu werden schien. „Gewiß, gewiß ist dort mein’ Heimath, mein’ liebe gute Heimath,“ sagte sie, ihre Bewegung niederkämpfend, „aber wieder hingeh’n … nein, das geht einmal nit an … ich kann nit, Sixt…“

„Hat Dir Jemand sonst noch was zu Leid gethan?“

„Keine Menschenseel…“

„So sag’ doch wenigstens, warum? Warum willst nimmer auf den Aichhof?“

„Ich kann nit und ich kann’s auch nit sagen!“

„Aha, wieder ein Geheimniß! Na, so behalt’s, ich will mich nit eindrängen in Deine Heimlichkeiten, ich hab’ das Meinige ’than und hab’ Dir die Hand hingestreckt; wenn Du nit einschlagst, ist es Deine Sach’, Du wirst wissen, was Du auf dem Herzen hast, so schau auch, daß Du allein fertig wirst damit… Mir wär’s eine Freud’ gewesen und ist mir jetzt ein großer Verdruß! Es ist kein Verlaß mehr mit den Dienstboten und Ehhalten … auf einem so großen Hof thät mir eine vertraute Person Noth, die eine solche Hauserin und tüchtige Schafferin wär’, als wie Du…“

Der freundliche Ton und das Drängen des Bauers hatten schon angefangen, Franzi’s Herz zu erweichen; die letzten Reden stählten es wieder, wie im Frühling ein kalter Windhauch den vor einem einzelnen Sonnenblick geschmolzenen Schnee mit einer neuen Eiskruste überzieht. Schon hatte sie angefangen zu glauben, es sei irgend ein wärmeres Gefühl, was den Bauer bewege, in sie zu dringen – eine Erinnerung an den Willen der guten alten Pflegeeltern, ein Andenken aus den Tagen der Kinderzeit – da verriethen ihr seine letzten Worte: nur der Eigennutz hatte ihn hergeführt; nicht der Jugendfreund war es, der nach der Ziehschwester verlangte, sondern nur der reiche Bauer, der die tüchtigste Magd suchte.

„Ich kann nit, Sixt,“ sagte sie, um Vieles kühler und entschiedener, „ich kann Dir auch nit sagen, warum … mußt mich nit plagen…“

„Plagen?“ rief er auffahrend und auf der Stirn schwoll ihm die Zornader unter dem braunen Kraushaar. „Fallt mir nit ein! Wenn’s Dir wie eine Plag’ ist, sobald Du vom Aichhof hörst, dann ist’s das letzte Wort gewesen, das Du von mir gehört hast – betteln thut der Aichbauer bei kein’ Menschen, und wenn’s der König wär!“

(Fortsetzung folgt.)




Ein junger Jubilar.


Man ist längst darüber einig, daß sich in der Literatur der Geist und das Leben einer Nation am unmittelbarsten und deutlichsten ausprägen. Die Literatur ist gleichsam das Geschwisterkind der Geschichte und weist jeder Zeit eine gewisse Familienähnlichkeit mit dieser auf, ja, sie theilt auch meist deren Geschicke, ist in alle ihre Triumphe und Niederlagen verflochten. In der Literatur vernimmt man so zu sagen das Herzklopfen der Geschichte, gewahrt man ihr freudiges Erröthen, ihr zaghaftes Erbleichen, den jubelnden Aufschrei der Thatenlust, den Mark und Bein erschütternden Schmerzlaut nationaler Verzweiflung.

Mit Goethe und Schiller hat unsere Literatur überdies zwei Genien erhalten, von denen sich nicht mit Unrecht behaupten läßt, daß sie in ihrer Vereinigung gewissermaßen den Janustempel unseres Volkes abgeben. Wie im alten Rom nach Numa’s Verordnung dieser Tempel bei dem Anfange eines Krieges geöffnet wurde und, so lange der Krieg dauerte, offen blieb, im Frieden aber geschlossen ward, so läßt sich auch in Deutschland gleichsam Krieg und Frieden an der Vogue und Gunst des einen oder des andern dieser Genien erkennen. Goethe ist der Genius des Friedens, sein Geist und Ruhm erfüllt die Deutschen in innerlichen Entwicklungsperioden, in Kunstepochen; der von Schiller steigt empor in Bewegungszeiten, in historischen und politischen Phasen; er ist der Genius des Kampfes. Seine Muse ist kriegerisch gezeugt; sie hat etwas von dem Commandowort und der Geste des Feldherrn. So oft die deutsche Nation geschichtlich ihre Zelte abbricht und weiter zieht, um die Himmelsgegend der Freiheit zu suchen, so oft auch tritt Schiller’s Dichtung an ihre Spitze und erfüllt sie mit ihrem Schwung und Pathos, ihrem Stil und Impulse.

Das war auch wieder der Fall, als vor nunmehr gerade fünfundzwanzig Jahren ein damals neunzehnjähriger Jüngling mit seiner ersten Dichtergabe vor das deutsche Publicum trat. Der junge Poet war Rudolph Gottschall; er hat sich inzwischen längst einen Ehrenplatz unter den Stimmführern unserer modernen Poesie erworben, und seine zahlreichen Freunde und Verehrer gedenken den Tag, der seine fünfundzwanzigjährige überaus rege literarische Thätigkeit abschließt, als ein Fest dankbarer Anerkennung und Würdigung zu begehen.

Rudolph Gottschall ist am 30. September 1823 in Breslau geboren, wo sein Vater als preußischer Artillerie-Officier um jene Zeit in Garnison stand. Später an den Rhein versetzt, verlebte der Sohn seine erste Jugend in Mainz und Coblenz, besuchte hier die Gymnasien und versuchte sich frühzeitig in dichterischen und kritischen Productionen. Schiller und Jean Paul waren damals die Lieblingsdichter des aufschießenden Jünglings, und diese Neigungen motiviren sich zumeist wohl aus der Familien- und landschaftlichen Umgebung Gottschall’s. Die Rheingegend mit ihren Burgen, rebenumkränzten Ufern, großen Sagen und Erinnerungen weckte, besonders in hellen Mondscheinnächten und bei verschleierten Sonnenuntergängen, ein gewisses sentimentales Naturgefühl in unserm angehenden Poeten, ein sentimentales Naturgefühl, das in Stunden der Dämmerung oder unter die Zauber lauer Sommernächte gestellt, sich in endlosen Wehmuthsschwelgereien und Thränengüssen Luft machen konnte. Daneben erzeugte die militärische Beschäftigung des Vaters im dichterischen Talent des Sohnes zugleich eine Vorliebe für das kriegerische Element und dadurch für Schiller, in dem gerade dieses Element vorzugsweise vertreten ist. Der junge Rudolph begleitete seinen Vater auf dessen Uebungsmärschen nach Coblenz, theilte mit ihm das Quartier auf den Dörfern und machte die gesammten Schießübungen der Artillerie bei Tag und Nacht mit durch. Frische Bilder aus dem Soldatenleben, ein munterer Zeltlagerton, die Feuerkugeln und Bomben sind der Muse unseres Dichters von damals in beständiger Erinnerung geblieben. Von damals hat sie auch einen gewissen martialischen Zug und die Neigung behalten, sich zu Zeiten mit einer etwas herausfordernden Miene den Bart zu streichen. Es harmonirte das mit dem veränderten Zeitgeist. Die ganze Sturm- und Dranglyrik von 1848 hatte schon seit geraumer Zeit ihre gesattelten Musenrosse im Vorhofe der Literatur, in der Journalistik stehen. Georg Herwegh setzte bereits den einen Fuß in den Steigbügel.

In diesem Momente wagte sich Rudolph Gottschall mit jener ersten eigentlichen Dichtergabe, den „Liedern der Gegenwart“ in die Oeffentlichkeit und zwar von Königsberg aus, wo er, nachdem sein Vater 1839 den Abschied genommen und sich nach dem ostpreußischen Städtchen Rastenburg übersiedelt hatte, seit 1841 als Studiosus der Rechte der Universität angehörte. In Königsberg warf dazumal der Liberalismus hohe Wogen. Die „Hartung’sche Zeitung“ stand mit ihren Leitartikeln an der Spitze der Bewegung; Johann Jacoby war der Mann des Tages, Ludwig Walesrode [597] mit seinen humoristischen Vorlesungen und Journalaufsätzen sein Adjutant.

Die Gartenlaube (1867) b 597.jpg

Rudolph Gottschall.
Nach einer Photographie von Weigelt in Breslau.

Der junge Student, der fleißig seine Collegien bei Simson und Rosenkranz besuchte und dessen Herz mit großen Problemen geschwellt war, gerieth und mußte selbstverständlich in die Strudel der Bewegung hineingerathen; seine „Lieder der Gegenwart“ entsprachen ganz den Eindrücken seiner Jugend, dem Einfluß Schiller’s und den Verhältnissen des Tages. Sie schlugen einen hohen, pathetischen, kecken und herausfordernden Ton an; es waren in Verse gebrachte Apostrophen an das Volk. Das Büchlein wurde mit außerordentlichem Beifalle begrüßt. Die Gunst der öffentlichen Meinung, welche damals von Königsberg aus den Aufgang der deutschen Freiheit erwartete, stellte Gottschall als ostpreußischen Lyriker, trotz seiner neunzehn Jahre, alsbald in eine Linie mit den Koryphäen der Bewegung; die Gedichte wurden in der ganzen deutschen Presse nicht nur mit Anerkennung, sondern geradezu mit stürmischer Begeisterung besprochen; Gottschall wurde, man darf sagen, in vier Wochen berühmt, viel zu früh für seine Leistungen und sein Glück! Der rasche Erfolg machte ihn übermüthig und ließ ihn zu dem Glauben kommen, daß er, ein Liebling der Götter und der Musen, nur lustig weiter zu produciren habe, um seinen Weg mit Lorbeern besät zu machen. Wie schwer hat er sich darin betrogen! Mit furchtbaren Anstrengungen nur ist es ihm möglich geworden, den früh geschenkten Kranz des Ruhms sich auf die Länge zu bewahren und zu verdienen. Er hatte den goldenen Preis lange vor der Arbeit. Die Arbeit folgte dem Preise erst nach und welche Arbeit!

Er hat eine harte Schule durchgemacht und jeden späteren Succeß nur mit dem Aufgebot aller seiner Kraft und nach einem ausdauernden Kampfe mit einem widerlichen Geschicke errungen. Mehr als ihm seine liberale Richtung im ersten Anlaufe Vorschub geleistet, hat sie später nämlich ihm Nachtheil gestiftet. In ihre Wirren, ihre Mißhelligkeiten, ihre Wirbelwinde hineingerissen, hat seine Muse natürlich sich vor gewissen Ueberstürzungen und Ausartungen nicht hüten können und ist in Folge dessen auch von der ganzen Wucht ihrer Rückschläge und Widerwärtigkeiten betroffen worden. Gottschall’s Name ist beinahe in alle ihre Frevel und Sünden, in alle ihre Heimsuchungen eingewoben.

Eine dieser Heimsuchungen trat jetzt an ihn heran, die maßgebend wurde für sein ganzes späteres Leben. Walesrode hatte eine Vorlesung für Studirende angekündigt, allein der damalige Regierungsbevollmächtigte untersagte sie. Die studirende Jugend machte den Letzteren, den Geheimen Rath Schubert, dafür verantwortlich und beschloß ihm eine Katzenmusik zu bringen. Obgleich sich die große Mehrzahl der Studirenden daran betheiligte, wurden doch nur Einzelne daraus herausgegriffen und mit dem consilium abeundi bestraft. Zu den so Bestraften gehörte auch Rudolph Gottschall. Sein eigener Ruf wies zu verlockend mit dem Finger auf ihn hin, als daß man aus der Menge nicht gerade ihn hätte herausgreifen sollen. Ausgestoßen aus dem Universitätsverbande in Königsberg, schnallte er denn sein Ränzchen, um in seine engere Heimath Schlesien zurückzukehren. Doch erging es ihm hier nicht viel besser. Er hatte allerdings von dem Ministerium auf sein Ansuchen wieder die Erlaubniß erhalten, in Breslau Collegia hören zu dürfen, ohne indessen förmlich immatriculirt zu sein. Da begab es sich eines schönen Tages, daß einige Studenten im Collegium des Professor Braniß zu trommeln begannen, weil derselbe auf die junghegel’sche Philosophie loszog. Ein gutgesinnter Student tadelte sie deshalb in der Zeitung und wurde in [598] Folge dessen vor eine Studentenversammlung geladen, um sich zu vertheidigen und zu rechtfertigen.

Diese Studentenversammlung wurde verboten, aber trotz dessen doch abgehalten, was natürlich zu Untersuchung und Gericht Veranlassung gab. Da Gottschall in der Versammlung auch gesprochen, so wurde mit ihm, als nicht immatriculirtem Mitgliede der Breslauer Universität, kurzer Proceß gemacht und er ohne Weiteres aus der Stadt verwiesen. Er protestirte, aber vergebens; er mußte wandern.

Die Studentenschaft bereitete dem Scheidenden ein glänzendes Geleite, zu seinen Begleitern gehörte auch Ferdinand Lassalle, schon damals ein glänzender philosophischer Kopf, mit dem unser Poet einen intimen Umgang hatte. Beide redigirten zusammen eine Studentenzeitung, zu der Lassalle philosophische Aufsätze, Gottschall keck hingeschleuderte Gedichte gab. In jener Versammlung hatte Lassalle seine Jungfernrede gehalten und verbüßte dafür seinen ersten Arrest im Carcer.

Gottschall begab sich nun nach Oberschlesien, wo er sich theils bei dem ihm befreundeten Grafen Reichenbach, theils bei einer alten Tante aufhielt. Er hatte jetzt Gelegenheit, „fern von Madrid“ über mancherlei nachzudenken, neue poetische Pläne zu schmieden und zur Abwechselung und Erholung Vögel und Eichhörnchen zu schießen. Ein Versuch, sich in Leipzig zum akademischen Bürger machen zu lassen, den er inzwischen anstellte, mißlang, und erst im Herbst 1844 erhielt er auf mehrfaches Anklopfen die Erlaubniß in Berlin fortstudiren zu dürfen, wo er gleichzeitig sein Jahr bei den Gardeschützen abdiente und neben seinen Studien lustig den militärischen Uebungen und Manövern oblag.

Jung, talentvoll, stattlichen Ansehens, ungebrochen von allen Widerwärtigkeiten, die ihn betroffen, voll Lebensdrang und Thatenlust, getragen von einer bewegten Zeit und vom Ruhme schon ausgezeichnet, konnte es nicht fehlen, daß in Berlin dem begeisterten Poeten ein neues, glückverheißendes Leben aufging. Aufgenommen in den sogenannten „Verein der Freien“, in dem die politische Debatte an der Tagesordnung war und die Freisinnigkeit jener Tage studentisch commercirte, Mitglied des „Rütli“, jener Kneipe des Humors, aus welcher später der „Kladderadatsch“ hervorging, war er zugleich auch ein Löwe der Salons und Gesellschaften. Er fand Eingang in die Cirkel der Gräfin Ahlefeldt, Zutritt bei Varnhagen von Ense und ward ein gern gesehener Gast im Hause von Theodor Mundt, in welchem zu jener Zeit alle Schöngeister Berlins verkehrten und nicht selten die ästhetische Parole ausgegeben wurde. Vor einem Kreise von jungen, schönen Mädchen und blühenden Frauen, vor bedeutenden und geistvollen Männern las, nein, recitirte er aus dem Gedächtniß sein Revolutionsdrama „Robespierre“, das er zu Hause zu sich gesteckt, aber unterwegs verloren oder irgendwo liegen gelassen hatte. Die ganze Versammlung erschrak und bekümmerte sich über den möglichen Verlust der Handschrift; Rudolf Gottschall aber lächelte und indem er lustig um sich blickte, rief er getrost: „Was thut das? Ich weiß alle fünf Acte auswendig. Was ich gedichtet, hab’ ich zugleich gelernt!“

Neben diesem „Robespierre“ ward in Berlin manches feurige und kühne Lied gedichtet, trotzdem er den Dienst als Soldat pünktlich versah und in seinem Fachstudium nicht auf der Bärenhaut lag. Rudolf Gottschall ist eben von jeher eine ganz außerordentliche Arbeits- und zugleich Lebenskraft gewesen. Unberührt von schweren Krankheiten, voll Ausdauer und rascher Fassungskraft, überwand er fast spielend die größten Schwierigkeiten. Er kannte keine ängstliche Schonung, keine vorsorgliche Entsagung. Bei Allem dabei, jedes Vergnügen theilend, keine Mühe scheuend, gab er so recht das Bild und den Eindruck unverwüstlicher Jugend, einer Jugend, die, sich im Fluge des Jahrhunderts fühlend, gleichsam mit der Weltkugel im Arme träumt.

Es freut uns noch heute, ihn so gesehen zu haben, in der nachdrängenden Masse der literarischen Jugend ihm gefolgt zu sein. Er war uns Allen weit und glänzend voraus. Es fiel ein seltener Schimmer auf seinen Weg, ein Schimmer vom echten Genie, das freilich nicht ganz gehalten hat, was es verhieß, weil gerade in seiner eigentlichen Entwickelungszeit, in seinem üppigsten Blüthemomente Weltstürme darauf hereinbrachen, die es in seiner gleichmäßigen und allseitigen Entfaltung beeinträchtigten: Gottschall hatte sich zu ungestüm, zu heftig den Bewegungen seines Jahrhunderts hingegeben, war zu sehr in sie aufgegangen, um nicht endlich deren Wirren und Rückschläge in seiner Schaffensfähigkeit zu empfinden. Diese Schaffensfähigkeit verwilderte etwas, überbot sich und verlor zu Zeiten die klare Einsicht und das Maß.

Es fehlte den früheren Dichtungen Gottschall’s, wie seinen Jünglingsjahren, Sammlung und Concentration. Es prasselte Alles darin auseinander. Noch unter dem 2. April 1849 konnte er uns über sich selbst Folgendes schreiben:

„Was uns allein Befriedigung gewähren kann, ist nach der einen Seite das Aufgehen im großen, geschichtlichen Leben, auf der anderen die geistige Productivität nach irgend einer Richtung hin. Momentane Verstimmungen, eine deprimirende geschichtliche oder persönliche Epoche sollen uns nicht irre machen. Das ist meine Lebensansicht! Herzensneigung – ich kann keinen großen Werth darauf legen, sie kann nicht das Leben ausfüllen, kaum ergänzen. Die Frauen werden die Schattenseite in meinem Leben und in meinen Stücken bleiben. Gutgestaltete, bürgerliche Verhältnisse würden mich auch nicht befriedigen, in Vielem stören. Eine Leidenschaft, stürmisch und vorübergehend, würde mich glücklicher machen, als eine Neigung, welche Dauer fordert und auf sie begründet ist. Ich bin eine Natur, welche das ätzende Gift des Jahrhunderts vollauf eingesogen, nichts Dauerndes leiden kann, nichts Festes, nichts Bestehendes. Ich bin ein Stück von dem negativen Geiste der Welt, der Zerstörung. So hab’ ich mich mir selbst construirt und zurecht gelegt. Darin such’ ich meine Bedeutung. Mir wird unwohl bei Allem, was dauert – sei es nun eine Liebe, eine Ehe, eine Staatseinrichtung, eine Religion, und wäre ich der liebe Gott, würde ich nicht einmal die Welt lange existiren lassen.“

Solche auf die Spitze getriebene, ungeheuerliche Ansichten waren damals häufig, und wenn die gewechselten Briefe jener Jugend einmal zu Tage kommen, wird man Aehnliches häufig bekundet sehen. Jeder Kopf von einigem Geist fühlte etwas von einem Danton und Robespierre in sich. Die Umsturztheorie lag in der Mode des Tages. Die öffentliche Meinung sprach im revolutionären Jargon des Sanscülottismus. Rudolf Gottschall gehörte zu ihren dichterischen Matadoren. Auch als er 1846 in Königsberg als Doctor promovirte, kam keine Ruhe in ihn und das Ministerium hatte wohl so ganz Unrecht nicht, daß es ihm, ehe es ihm die Erlaubniß, den Lehrstuhl zu besteigen, ertheilte, eine Bedenkzeit von einem Jahre stellte. Statt Professor der Universität, Dramaturg am Stadttheater in Königsberg geworden und später dem Stadttheater in Hamburg nahegestellt, hat er rasch nacheinander eine ansehnliche Zahl von Dramen verfaßt, die zwar Interesse erregten, aber keinen dauernden Erfolg errangen. Auch Gottschall’s Gedichte, 1849 gesammelt bei Hoffmann und Campe erschienen, schlugen nicht so durch, wie man erwarten durfte, obwohl der Poet selbst so etwas wohl voraussah, denn er richtete sich darauf ein, die Poesie ganz fahren zu lassen und eifrig Geschichte und Staatswissenschaft studirend sich zum Politiker, zum Parlaments- und Volksredner, wenn nicht gar zum Staatsmann zu machen.

Das Geschick hat indeß anders entschieden, Gottschall hat die politische Bühne eigentlich nie betreten, er hat sie lyrisch und dramatisch umkreist, er hat sogar als Zeitungsredacteur ihre untersten Stufen betreten, dann aber plötzlich Kehrt gemacht und die rein literarische Laufbahn erwählt.

Wesentlich zu diesem Umschwunge möchte wohl seine Verheirathung mit der Freiin Marie von Seherr-Thost beigetragen haben (einer jungen, blühend schönen Dame aus einer altadeligen Familie in Schlesien), die 1852 stattfand. Mit dieser kam die künstlerische Läuterung, kam die Zeit, in welcher Gottschall begann, das moderne Princip in Praxis und Theorie als das maßgebende für die neuere Literatur in den Vordergrund zu stellen, jenes moderne Princip, das nicht mehr blos vernichtend und zerstörend, sondern schaffend und aufbauend verfahren will und kann.

Seine „deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts“, die 1854 erschien, war das erste Werk, in welchem er dies erprobte, und nun einmal auf einen neuen Standpunkt gelangt, begann er eine wahrhaft staunenswerthe Thätigkeit zu entwickeln. Zunächst erscheint noch 1853: „Die Göttin. Ein hohes Lied vom Weibe“ und schon 1854 gleichsam als hohes Lied vom Mann: „Carlo Zeno“ u. a. m., und endlich ist eine ganze Reihe von Dramen zu nennen, die eben jetzt gesammelt bei F. A. Brockhaus ausgegeben werden und zur Zeit in sechs [599] Bändchen vorliegen, welche der Reihe nach enthalten: „Pitt und Fox“, Lustspiel in fünf Aufzügen; „Mazeppa“, geschichtliches Trauerspiel in fünf Aufzügen; „Die Diplomaten“, Lustspiel in fünf Aufzügen; „Der Nabob“, Trauerspiel in fünf Aufzügen; „Katharina Howard“, Trauerspiel in fünf Aufzügen, und „König Karl XII.“, geschichtliches Trauerspiel in fünf Aufzügen.

Wer diese Arbeiten unbefangen prüft, der wird einräumen müssen, daß sie alle mehr oder minder eine großartige Begabung bekunden. Gottschall zeichnet in mächtigen Umrissen und kühnen Strichen, unterstützt in der Ausführung durch eine wahrhaft hinreißende Gewalt der Sprache. In der Tragödie verfügt er über den Pomp und das Pathos im Schiller’schen Genre und im Lustspiel über den geistreichen und glänzenden Dialog eines Scribe – zwei Gegensätze, die man selten vereinigt finden wird. Wenn trotz dessen nur ein paar seiner Stücke – namentlich „Pitt und Fox“ und „Katharina Howard“, ohne Zweifel zwei seiner glänzendsten Arbeiten – repertoirefest geworden, so liegt das zum Theil in den Stoffen, zum Theil in der Mangelhaftigkeit der Motivirung und ganzen Behandlungsweise. An Gottschall’s späteren Schöpfungen rächt sich noch immer seine tumultuarische, so zu sagen forcirte Jugend. Die wegwerfende Behandlung, die er und viele seiner Zeitgenossen den zarteren Regungen des Herzens, der Welt der anheimelnden Empfindung, dem stillen Wesen des Weibes und ihrem häuslichen Wirkungskreise zu Theil werden ließen, hat seine Muse einer gewissen Innigkeit und Wärme, eines traulich anmuthenden Reizes beraubt. Ihre Gestalten haben kein rechtes Zuhause; sie bewegen sich immer wie in der Fremde; besonders die weiblichen Erscheinungen leiden darunter, weil ihnen jener intime Hintergrund seelischen Behagens mangelt, welchen die Deutschen lieben und Schiller durch eine Sentimentalität ersetzte, deren unsere jungen Heldendramatiker sich schämen zu müssen meinten.

So viele Fehler Gottschall’s dramatische Arbeiten aber auch haben, das müssen wir einräumen, daß er von Hause aus unter den jüngeren deutschen Dramatikern einer derjenigen ist, die so zu sagen Zeug dazu besitzen. An genialer Wurfkraft, Pomp der Sprache, Erfindungsgeist und Bewältigungsgabe des vorgenommenen Stoffes möchten Wenige ihm gleichkommen. In diesen Dingen steht er Hebbel wenig nach. Es hat ihm nur die Vertiefung bis jetzt gefehlt und diese mußte ihm fehlen, weil er durch Umstände und Verhältnisse genöthigt wurde, nach zu vielen Richtungen hin sich zu zersplittern.

Was die bürgerliche Existenz unseres Dichters betrifft, so ist sie in jeder Beziehung eine geachtete. Nach seiner Verheirathung war er zuerst nach Hamburg gezogen, siedelte von dort aber bald wieder nach Breslau über und lebt jetzt in Leipzig, wo er die im Brockhaus’schen Verlag erscheinenden Zeitschriften „Blätter für literarische Unterhaltung“ und „Unsere Zeit“ mit seltener Umsicht und außerordentlichem Fleiße redigirt.
F. W.




Bei den „Kindern der Sonne“.
Ein Bild aus der Weltausstellung von Franz Wallner.


„Also das nennt eine deutsche Eisenbahndirection einen Vergnügungszug!“ rief ich aus, als wir nach sechsunddreißigstündiger Qual im glühenden Sonnenbrand in Paris einfuhren und uns im Bahnhof länger als eine Stunde vergebens der Droschkenjagd befleißigten. Nun, so wünsche ich, daß die Eisenbahnvorstände alle Wochen ein solches Vergnügen mitmachen müßten! Der freche Kellner in Köln, welcher dem flehenden Gaste, auf seine Bitte um etwas Naturalverpflegung für schweres Geld, ganz ruhig antwortet, es sei ihm das „Gedrängle“ am Buffet zu groß, man möge sehen, daß man selbst etwas bekäme, kann sich noch, bei einigem Glück, zum Bahnhofswirth in Tergnier emporarbeiten, welcher nur jene Gäste in die Bahnhofslocalitäten einläßt, die noch einmal – was in Braunschweig bereits geschehen – ein vollständiges Mittagsbrod einnehmen oder wenigstens bezahlen wollen; der keinen anderen Christenmenschen in den Salon einläßt, aber auch keinen heraus, welcher sich nicht ausweisen kann, daß er bezahlt hat; der, unbekümmert um das Brüllen der vor Durst fast Verschmachtenden, die Thüren für sie schließt und durch ein paar stämmige Hausknechte vor kühnen Eindringlingen bewachen läßt. Jede Ordnung, jede, auch die nöthigste Rücksicht hört über die französische Grenze hinüber auf, es ist eben eine Heerde Schafe, die nach Paris getrieben wird und von welcher jeder das Recht zu haben glaubt, im Vorbeigehen jedem Einzelnen eine Hand voll guter Wolle auszureißen. Wo man halten will, hält man, ohne irgendwie die Heerde in Kenntniß zu setzen, wie lange sie in der brennenden Gluth zu schmoren hat. Für schlechtes Getränk und noch schlechteres Essen, wenn selbes noch irgendwo aufzutreiben ist, werden exorbitante Preise verlangt, kurz, ich finde es, bei dem bewältigend-großartigen Eindruck, den die Pariser Ausstellung auf jeden Gebildeten machen muß, zu entschuldigen, wenn sich Jemand das Geld zur Reise mit der Absicht borgt, es nie zurück zu zahlen; ich finde mildernde Umstände, wenn er es stiehlt; ich begreife, daß man Paris als Fußgänger zu erreichen sucht, wenn die Mittel zur Fahrt fehlen; allein es giebt keine Entschuldigung dafür, die Reise mit einem Vergnügungszug zwei Mal zu machen. Daher werden die Billets zur Rückfahrt von den Ankommenden an Speculanten verschleudert, die am Bahnhof lauern, um selbe den Reisenden um ein Spottgeld abzudrücken; sie benutzen die momentane Erschöpfung und Indignation der armen Deutschen, die gleich dem Seekranken mit Entsetzen an die Wiederholung ihrer Leiden denken. Man kann hier um zwanzig Franken Retourbillets von Paris nach Berlin bekommen. Bei der Ordnung und Pünktlichkeit, die auf deutschen, namentlich auf preußischen Eisenbahnen herrscht, halte ich es für meine Pflicht, die Vorstände derselben in diesem weitverbreiteten Blatte dringend auf die schreienden Uebelstände aufmerksam zu machen, deren Opfer der Vergnügungszügler von Köln an bis Paris werden muß.

Die Pariser Theater scheinen während der Ausstellung das allgemein hier herrschende Princip der Fremdenschröpfung ohne irgend eine äquivalente Gegenleistung bis zum Uebermaß cultiviren zu wollen. Sie geben ihre hundertmal abgenützten Ausstattungsstücke in einem Zustande, welcher den Glanz der ersten Erscheinung bis auf die letzten Flitter abgestreift hat, oder es kommen renommirte Piècen zur Aufführung, bei denen das dritte Glied der Künstler in’s Feld rückt, da die Koryphäen derselben sich meist auf Urlaub befinden. Dafür aber hat der Fremde die Ehre, nie Billets zu den gewöhnlichen Preisen zu erhalten, sondern er wird in die Bureaus gewiesen, die den Vorverkauf derselben gepachtet haben und deshalb jeden ihnen beliebigen Preis zu fordern berechtigt sind. Die Rücksichtslosigkeit der Theaterunternehmer gegen das Publicum übersteigt überhaupt jede denkbare Grenze; es wird z. B. im Hippodrome angekündigt, daß Herr Godard einen großen Luftballon wird steigen lassen, die Schaulustigen fahren für ihr schweres Geld ans Ende von Paris, bezahlen ihr theures Entrée und sehen sich als Zugabe eine Reitervorstellung an, die an Armseligkeit der Leistungen und Schmutz der Costüme Alles überbietet, was Reitergesellschaften dritten Ranges in kleinen deutschen Meßstädten leisten, man langweilt sich, in Erwartung der Luftfahrt, auf’s Aeußerste – allein die Luftfahrt findet nicht statt, sie bleibt fort, ohne ein Wort der Entschuldigung für die Anwesenden; „es sei zu leer und zu schlechtes Wetter,“ antwortet man uns ganz phlegmatisch. Als wir entrüstet das Local verlassen, steigt vom Marsfelde aus ein anderer Luftballon in die Höhe, dessen Unternehmer das Wetter nicht zu schlecht gewesen, weil sich dort mehr Publicum eingefunden. Im Theatre de la Gaité wird in der Posse „Bär und Bassa“ die spanische Tänzerin Percanena, „l’étoile d’Andalousie“ als Mitwirkende angekündigt, allein der andalusische Stern erscheint an diesem Abend nicht am Firmament des Gaitétheaters, ohne daß sein Ausbleiben irgendwie entschuldigt wird.

Mit der Erzählung von hundert ähnlichen Fällen könnte ich die Geduld des Lesers noch auf die Probe stellen. Wer seine Garderobe für den vierfachen Preis, den er dafür dem armen [600] Logenschließer bezahlt, zur Aufbewahrung übergiebt, kann überzeugt sein, selbe vor Beginn des letzten Actes auf den Schooß geworfen zu bekommen; es befremdet Niemand, wenn sich ein hemdärmeliger Arbeitsmann, in einem glänzenden Ausstattungsstücke, mitten unter Genien, Feen und Dämonen sehen läßt, wenn die Musiker im Orchester den Hut auf dem Kopfe behalten oder zehn derselben Romane und Zeitungen aus der Tasche ziehen und den Raum in ein Lesecabinet verwandeln; das Publicum preßt sich in die überaus schmalen Plätze, auf die Gefahr hin, das Verlassen derselben nur durch eine Amputation ermöglichen zu können. Wer je, und namentlich jetzt zur Ausstellungszeit, Paris besucht hat, wird mich gewiß nicht der geringsten Uebertreibung beschuldigen können. Jeder Fremde ist in diesem Augenblick in Paris eine offene Geldtasche, in die Jeder hineinzugreifen das volle Recht zu haben glaubt.

Freilich entschädigt diese Weltausstellung für alle Leiden, Erpressungen, Uebertheuerungen und Rücksichtslosigkeiten, die der Fremde zu dulden hat und die Hans Wachenhusen in zwei humoristischen Heftchen ungemein drastisch schildert. Keine Phantasie, keine Beschreibung kann ein Bild dieses Sieges der Civilisation geben! Darüber ist nur Eine Stimme; Stunden, Tage, ja Wochen fliegen dahin, und man muß sich gestehen, nur einen Bruchtheil des gewaltigen Ganzen gesehen zu haben!

Unter den zahllosen Schaustellungen, mit denen Paris in diesem Augenblick überfluthet ist, giebt es Chinesen – echte und falsche – Tiroler und deutsche Bänkelsänger, englische Tänzer, amerikanische Reiter, tunesische Musiker und eine Truppe „kaiserlicher Künstler des Taikun von Japan“. Letztere produciren sich jeden Abend unter rasenden Beifallstürmen im Cirque Napoleon und leisten überhaupt das Originellste und Unglaublichste, was je von Gauklern aller Nationen in Europa geleistet worden ist. Eine solche Verhöhnung aller Gesetze des Schwerpunktes ist noch nie dagewesen, und kaum dürfte der Versuch lohnen, ohne bildliche Darstellung eine anschauliche Schilderung dieser wunderbaren Productionen zu geben. Beim Eintritt befremden uns eine Menge absonderlich geformter Requisiten, deren Zweck uns unbegreiflich erscheint. Die Truppe erscheint und wirft die national-grotesken Gesichter mit den geschlitzten, listigen Aeuglein an die Erde, die halbgeschornen Schädel mit den festgeflochtenen, flach an den Kopf gebogenen Zöpfchen fast in die Erde grabend. Es sind ungefähr zwanzig Personen, Männer, Frauen und Kinder. Eines der letzteren, ein Knabe von neun bis zehn Jahren, hat die Brust mit verschiedenen Bändern und Medaillen, in Gold und Silber, bedeckt, als Zeichen, daß auch in seinem Vaterlande das wahre Verdienst nach Würden anerkannt und belohnt wird. Nachdem sich die ganze Gesellschaft auf die Kniee geworfen und dem Publicum die landesübliche Ehrfurcht kund gegeben, erheben sich Alle mit einem wiehernden Geschrei, nicht unähnlich den grellen Thierlauten, welche den Reisenden in Italien auf allen Wegen bei den verschiedenen Promenaden begleiten, zu denen das bekannte geduldige, langohrige Reitthier nöthig ist. In langgezogenen Tönen kreischt der Künstler nach jeder gelungenen Production im höchsten Discant ein schrilles E–eeh oder A–aah heraus, während seine Cameraden die halsbrecherischen Uebungen in hellen Fistellauten begleiten und den „Artisten“ zu ermuntern scheinen. Diese Conversation hat die Klangfarbe jener der Haremswächter in Constantinopel oder gewisser früherer Kirchensänger in katholischen Ländern. Auch das Hinausstrecken der flachen Hand unter lebhaftem Daraufschlagen auf dieselbe scheint eine künstlerische oder nationale Bedeutung zu haben.

Es gehört einige Uebung dazu, bei den fast gleichen Costümen und Physiognomien, Männlein und Weiblein, Knaben und Mädchen, von einander zu unterscheiden. Jeder oder Jede sieht dem oder der Andern zum Verwechseln ähnlich, Alle sprechen oder vielmehr kreischen gleich monoton, der Sprachschatz scheint ebenfalls ohne allen Unterschied gleichlautend zu sein. Die staunenswerthen Productionen der Leute folgen sich mit rapider Schnelligkeit und reißen den Zuschauer unwiderstehlich mit sich fort. Ich bin kein Freund von Jongleurkünsten, und die „Leotards“, „Stonettes“ und wie die Koryphäen von Renz und Lejars heißen, lassen mich ganz kalt, allein bei diesen Vorstellungen fesselte mich doch eine mit Grauen gemischte Bewunderung, von der ersten bis zur letzten Minute. Ein scheinbar schwach gebauter Japanese stellt sich eine wunderlich geformte, an einem Bambusstocke befestigte Maschine auf das Knie und läßt selbe balanciren. Dieselbe stellt ein Dreieck vor, welches aus gitterförmig zusammengesetzten Stäbchen besteht, deren Breitseiten nach Außen gekehrt sind. An diesem luftigen Bau klettert der Knabe Konikichi empor, stellt sich oben hin, kriecht auf diesem winzigen, schwankenden Raum hin und her in allen denkbaren Jongleurstellungen, als einzige Basis das dünne auf dem Knie des Anderen frei stehende Bambusrohr. Am vordersten Rand nun beißt er in das dünne Stäbchen und steht, im strengsten Sinn des Wortes, auf den Zähnen, während der übrige Theil des Körpers frei in der Luft schwebt. Nun kommt eine der „Damen“ der Gesellschaft, zeigt eine Menge lose winzig schmale Bänder, die sich in ihren Händen auf unbegreifliche Weise in prachtvolle breite Seidenbänder verwandeln. Diese zündet sie an, wobei sie nach Art der Raketen verpuffen. Aus dem brennenden Berg von Seide holt die Gauklerin eine Sammlung kleiner Sonnenschirme hervor, von denen das schärfste Auge nicht entdecken kann, woher sie genommen werden.

Jetzt kommen Spiele mit anscheinend ganz gewöhnlichem Kreisel, vom kleinsten Kinderspielwerk bis zu einem zwanzig Pfund schweren Ungethüm. Der Kreisel wird, seiner Natur zuwider, gezwungen, an einer schiefen Ebene hinauf zu laufen, die scharfe Schneide eines Schwertes, der Rand eines Fächers muß ihm als Tanzplatz genügen, hoch in die Luft geworfen, muß er seinen rasenden Lauf auf der Spitze eines Degens genau auf dem Punkt fortsetzen, von dem aus er in die Höhe geschleudert worden ist. Ein Musiker, mit einem guitarreähnlichen, nichts weniger als wohlklingenden Instrument, welches mit einem spachtelartigen Stück Holz gespielt wird, balancirt, ohne sein Concert zu unterbrechen, auf der Achsel ein ungeheuer hohes Bambusrohr, an dessen natürlichen Kerben ein Anderer emporklettert, und oben, mit den Zehen eines Fußes das dünne biegsame Rohr umkrallend, schleudert er den ganzen übrigen Körper mit Vehemenz wagerecht in die Luft hinaus. Dabei musicirt sein achseltragender College und andere Musikanten auf gräulich klingenden Werkzeugen ruhig fort; der Andere stößt auf seinem gefährlichen Posten schrille Jubeltöne in die Luft, und die ganze Gesellschaft begleitet den Künstler mit einem Dialog in den höchsten Tönen, deren die menschliche Stimme fähig ist. Der Bambus aber scheint noch nicht gefährlich genug für diese Luftpromenade; eine dünne, doch riesig hohe Leiter wird einem am Boden liegenden Künstler auf die höher gestemmten Kniee gestellt, durch die Sprossen kriecht ein zweiter Japanese schlangengleich auf und nieder, mit der Gewandtheit einer dressirten Katze; jetzt stellt er sich auf der Spitze einer Leiterstange auf den Kopf, plötzlich erschallt ein Schrei des Entsetzens durch das Auditorium, die Leiter bricht mitten auseinander, die Sprossen und die eine Seite derselben liegen am Boden, aber unser Artist setzt oben ungestört seine antipodische Promenade fort. Da wird er mit der Stange bis an die Kuppel des ungeheuer hohen Circus emporgezogen und klettert in diesem schwindelnden Raum auf dem Bambus, der sich unter dem Gewicht seines Körpers wie ein Bogen biegt, nicht nur auf und nieder, nein, von ganz oben läßt er sich, zum Grauen der Zuschauer, jählings los, man glaubt, jetzt müsse er, sich zerschellend, herabstürzen, da fassen die Zehen das unterste Bambusende und in der Luft in sitzender Stellung kauernd, hält er plötzlich, mit lächelnder Miene unter dem landesüblichen Gekreisch in seinem gefährlichen Lauf an. Das Publicum mag dabei die Empfindung haben wie Personen, die in der Dämmerung dem geschickten Erzähler einer recht unheimlichen Gespenstergeschichte zuhören; man „grault“ sich unbeschreiblich und vermag doch den Blick nicht von dem gefahrvollen Schauspiel abzuwenden.

Als eine wahre Erholung erscheint uns das Kunststück, wenn der junge „All-Right“ sich vierundzwanzig kleine hohle Kübel über einander stellt und diese, ohne seinen schwanken Standpunkt, der abwechselnd in der Fläche der einen oder der andern Hand besteht, während der Körper verkehrt in der Luft schwebt, zu verlassen, sich sein wankendes Gerüste selbst aufbaut und zwischendurch die einzelnen Kübel herausschleudert, oder mit einer freien Hand, manchmal Zehen oder Zähne zu Hülfe nehmend, dieselben wieder einsetzt. Man hat eben an der unglaublichen Sicherheit, mit welcher diese Leute alles machen, verlernt, sich über etwas zu wundern, oder an wirkliche Gefahr zu glauben. Man hält es für eine landesübliche Morgenpromenade, wenn ein Knabe an der inneren Wand eines leeren ungeheuren Wasserbottichs emporklettert, den sein Vater auf den Zehen schaukelt; man findet es ganz natürlich, [601] wenn er sich auf dem äußersten Rand oben auf die Zähne stellt, das heißt sich in den Rand einbeißt und die Füße zappelnd in der Luft bewegt; man staunt nicht mehr über die lebensgefährlichen Leitern, wie sie es nennen, von denen die eine gerade steht, während eine zweite wagrecht auf diese gelegt und eine dritte senkrecht auf der zweiten befestigt wird. Während Einer alle drei auf den Füßen balancirt, macht der Andere an sämmtlichen dieser Leitern, namentlich an der dritten, die unglaublichsten, jedem Gesetze des Schwerpunktes hohnsprechenden Kautschukmannsübungen. Es sei zum Schluß nur noch eines Kunststückes gedacht, welches so zart und sinnig ausgeführt wird, daß es den angenehmsten Gegensatz zu dem bereits Producirten bildet. Aus zwei Stückchen Reispapier bildet der Künstler ein paar Schmetterlinge, die er vor den Augen des Publicums anfertigt. Blos durch die einfache, aber geschickte Bewegung mit dem Fächer bringt er ein täuschendes Naturleben in die beiden Stückchen Papier. Auf sein Commando fliegen dieselben – man schwört darauf, es seien wirkliche Schmetterlinge – frei herum, lassen sich flatternd auf hingehaltenen Blumen nieder, erheben sich wieder in die Luft, werden in einem Körbchen eingefangen, der Deckel des letzteren wird gehoben, und abermals gaukeln die Luftbewohner in der natürlichsten Bewegung, die durch die fast unmerkliche Fächerbewegung hervorgebracht wird, in ihrem Element herum, bis sie plötzlich zu Boden fallen, zwei unscheinbare, leblose Stückchen Papier. Es ist dies eines der reizendsten Kunststückchen und muß sich, bei einiger Uebung, unschwer nachahmen lassen.

Ob ich mit der obigen Schilderung ein klares Bild der japanesischen Gauklerproduction gegeben habe, ob ich überhaupt berechtigt bin, dieselbe in diesen Blättern niederzulegen, darüber zu entscheiden, muß ich dem freundlichen Leser überlassen. Ich glaubte auf die fremdartige, originelle Erscheinung dieser „Kinder der Sonne“ um so eher hinweisen zu können, als diese bei den enormen Summen, die sie hier und in Amerika verdienen, kaum zu bestimmen sein dürften, Deutschland heimzusuchen, und wir uns wohl noch einige Zeit mit dem behelfen müssen, was der europäische Markt in diesem Genre bietet.




Die Fischer-Lisel.
Ein Original aus den Alpen.


Jede Stadt – fast jedes kleine Oertchen – hatte früher irgend eine bekannte Persönlichkeit, welche durch Abweichung von der einheimischen Art und Weise, durch Eigenheiten im Benehmen oder Sonderbarkeiten in der Lebensweise sich von den übrigen Einwohnern unterschied, dafür von allen Andern bekrittelt und ausgelacht, oder auch geduldet und nicht selten geliebt und geachtet wurde und so eine Art von Wahrzeichen bildete, worin die Physiognomie, der Gesichtsausdruck des Ortes sich zu einer bestimmten greifbaren Persönlichkeit verkörperte. Sie waren Sonderlinge, diese Leute, aber auch Kernmenschen, die in Zeiten allgemeiner Ausgleichung und Verflachung, wie die jetzigen, immer seltener werden.

Eine solche Kernnatur war auch die treffliche Fischer-Lisel, und wie man Niemandem glaubt, daß er in Salzburg gewesen, wenn er nicht einen Regentag erlebt hat; wie Niemand sagen kann, er habe Regensburg besucht und sei über die Brücke gegangen, ohne Glockengeläute gehört zu haben: so konnte bis vor Kurzem kein Tourist oder Bergwanderer sich rühmen, er habe die reizenden Gestade des Schliersees, jenes im bairischen Hochlande nur wenige Stunden östlich vom Tegernsee gelegenen auf drei Seiten von hohen, schöngeformten Bergen umstandenen, überaus anmuthigen kleinen Wasserbeckens, besucht, wenn er nicht die Fischer-Lisel gesehen und bei ihr eingesprochen hatte.

Die Fischer-Lisel war die Wirthin des Dorfs – eine Wirthin von dem alten patriarchalischen Schlage, der zugleich mit den Kernmenschen der letzten Jahrzehnte zu verschwinden beginnt, und ich denke mit Vergnügen des Tages, als ich zum ersten Male auf der Halbinsel im Schliersee, der Freudenberg genannt, bei ihr einkehrte und auch gleich mit Sack und Pack, mit Weib und Kind wohnen blieb, wie lieb uns Allen der enge beschränkte Aufenthalt geworden und wie oft er seitdem seinem Namen Ehre gemacht und uns manch’ liebes Mal ein wirklicher Freudenberg gewesen. Die Lisel hatte damals das stattliche Wirthshaus drüben im Dorfe schon lange ihrer Tochter übergeben und sich auf den Freudenberg „in den Austrag“ zurückgezogen oder zur Ruhe gesetzt, aber die angeborne Lebhaftigkeit und Rührigkeit ihres Wesens machten ihr unmöglich, ganz auf die gewohnte Thätigkeit zu verzichten – es war ihr nicht wohl, wenn sie nicht die paar Zimmerchen im Hause vermiethet hatte und Gäste um sich sah, für die sie sorgen konnte, wenn sie auch keinen andern Gewinn davon haben mochte, als eben die lieb gewordene Sorge selbst. Man mußte sie sehen, wenn es ihr gelungen war, ein besonderes Gericht aufzutreiben, etwa Salblinge aus dem Schliersee, die nirgends eine größere Seltenheit sind, als gerade an seinen Ufern – wenn sie dann sah, wie ihre Gäste gottvergnügt es sich schmecken ließen, und wenn man ihre schlichte Kochkunst rühmte, dann hums’te sie halblaut vor sich hin, faßte mit eigenthümlicher Handbewegung nach rückwärts an den Rand des abgeblaßten grünen Spitzhuts und rückte ihn auf dem grauen Haare zurecht.

Abends, wenn die Dämmerung den Feierabend brachte, saß sie oft Stunden lang im Gespräch vor dem Hause und erzählte mir allerlei Anziehendes, aber das geschah erst, nachdem wir schon einige Wochen mit einander verlebt hatten und es uns gelungen war, ihr Zutrauen zu erwerben. Da erzählte sie in ihrer schlicht-kernigen Weise die Sagen und Märchen des Sees und der Berge, welche der jüngern Generation verloren gehen, weil sie dieselben nicht mehr achtet, oder merkwürdige Begebenheiten aus dem Leben der Dorfbewohner, Bilder aus eigener Erinnerung oder von der Geschichte des Hauses, vor welchem wir saßen, wie es noch ein Jägerhaus gewesen, eh’ die Försterei hinüber verlegt worden war in das Dorf, hübsch bequem und nahe an die Kirche und – das Wirthshaus. Die Verlegung hat aber doch auch eine Entschuldigung für sich. Der Verkehr vom Freudenberge aus mit dem festen Lande ist durch seine Lage und Gestalt als Halbinsel sehr erschwert und findet, wenn man nicht einen Umweg von einer halben Stunde machen und einen nicht immer gefahrlosen Pfad durch Sumpf und Geröhricht vermeiden will, nur über den See statt. Am Hausgiebel ist deshalb eine Glocke angebracht und wenige Schläge derselben genügen, um gerade gegenüber jenseits des Sees die Bewohner des Fischerhauses aufmerksam zu machen, die dann mit dem Kahn angerudert kommen, um für einen Kreuzer Fährlohn den Wanderer überzuholen. Der letzte Förster, der auf dem Freudenberg gehaust, war ein junger tüchtiger Mann gewesen, der mit seiner jungen hübschen Frau recht angenehme Tage in der einsamen Försterei verlebte und viel für deren Ausschmückung und die Anpflanzung der noch vorhandenen Obstbäume that – an einem Winterabend fuhr er nach dortigem Gebrauch auf einem sogenannten Beinlschlitten sammt Frau und Gehülfen über den zugefrorenen See. Bei solcher Fahrt sitzt jede Person auf ihrem eigenen Schlitten, der mittels eines langen Stachelstocks regiert wird und dann pfeilschnell über das Spiegeleis dahin fliegt – der junge Förster mochte die Schnelligkeit wohl übertrieben haben, vor den Augen seiner entsetzten Frau fuhr er in eines der Luftlöcher, die der Fische halber im Eise aufgehauen werden, und versank rettungslos. An der Kirchhofmauer erzählt sein Denkstein das traurige Ereigniß. Nach der Verlegung war es Frau Elgraßer – das ist der eigentliche Name der Fischer-Lisel – die den Freudenberg käuflich erwarb, damit nicht dort eine zweite Wirthschaft entstehe und der anmuthigen Lage wegen die alte drüben im Dorfe überflügeln möchte.

Es ist aber auch ein wunderbar anmuthiges Plätzchen vor dem Jägerhause, und es sitzt und träumt sich gar angenehm, wenn der Blick über den See mit dem kleinen Inselchen, über das Dorf am Gestade und über die Berge hinstreift, bis zum riesigen Jägerkamm und der nicht minder gewaltigen Brecherspitz, zwischen welchen der Bergweg hinanzieht zum Spitzingsee, in die Salepp und zur Kaiserklause. Während der Weinberghügel im Dorfe mit seiner alten Capelle und die Ruinen von Waldeck an die Zeiten mahnten, wo hier das hochritterliche Geschlecht der Herren von Maxlrain gehaust, dessen romantische Erlebnisse noch immer des Erzählers harren, war es gar behaglich und eigen, die Tage daranzureihen, von denen Lisel zu erzählen wußte, wie zuerst nur die [602] Klosterherren in Thal und Gegend gehaust und geherrscht hatten; wie darauf Max Joseph, der erste König von Baiern, das aufgelöste Benedictinerstift Tegernsee lieb gewann und zu seinem ständigen Sommeraufenthalt wählte; wie er dann gar häufig mit der Königin und den Prinzen über die Kreuzalm von Tegernsee herübergekommen und nie versäumt hatte, bei der Fischer-Lisel, deren unverfälschte Natürlichkeit ihm gefiel, einzusprechen. Für diese gab es aber auch keinen Unterschied des Standes; sie hatte für jeden Gast das gleiche unbefangene Benehmen und das vertrauliche Du, gleichviel, ob es ein Prinz oder der König von Preußen oder gar der Selbstherrscher aller Reußen war, der sie besuchte, oder einer der Bauern aus dem benachbarten Westerhofen, der seinen Abendtrunk zu nehmen kam. Die vornehmen Herren mochten wohl mitunter etwas befremdet dastehen, wenn sie ihnen die Hand zum Einschlagen mit seinem lustigen „Grüß Dich Gott, Maxel“ oder „Karl“ entgegenstreckte, oder einem schon Bekannten Vorwürfe machte, daß er sich so lange nicht mehr habe sehen lassen, oder einen Fürsten, der sich veranlaßt gefunden, sein Land mit dem Rücken anzusehen, treuherzig versicherte, daß das, was es bei ihm daheim abgegeben habe, „uns da heraußen“ nichts angehe, und mit der Aufforderung schloß: „Sei jetzt nur lustig und fürcht’ Dich nit – bei uns da geschieht Dir nichts!“

Wenn sie so erzählte und sprach, dann war das alte, liebe Gesicht von einem so seltenen Ausdruck von Herzensgüte belebt, daß man ihr gut sein mußte trotz der Falten, und die braunen Augen in ihrer Lebhaftigkeit ließen erkennen, daß in ihnen einmal die Hauptschönheit des Mädchens geruht haben mochte, als es noch ihr Geschäft gewesen, die Chorherren von Schliers oder die Hofherren des Königs Max Joseph oder auch die Münchner Studenten und Maler über den See zu rudern. Einer der Letzteren, der geniale Monten, dessen „Abschied der Polen“ wohl überall hin gedrungen ist, hat sie auf einem hübschen Wirthsschilde verherrlicht, das viele Jahre über der gastlichen Eingangsthür hing. Es stellt ein paar Malgesellen vor, welche singend, Guitarre spielend und hutschwenkend von einem hübschen Mädchen im See gefahren werden. Jetzt ist das Bild verschwunden und hat eine minder auffallende Stelle im Hause erhalten, vermuthlich, weil man die jetzigen Reisenden nicht mehr für naiv genug hielt, sich daran gemüthlich zu erfreuen. Es mag wohl auch wahr sein, daß die Maler, Studenten und Bürger, welche zu Pfingsten oder einer andern heiligen Zeit einen Ausflug in’s bairische Gebirge machen, das Bild mit mehr Genuß und Pietät betrachteten, als ein mit Plaid und Sonnenschirm nach Merkwürdigkeiten suchender Engländer oder ein Land und Leute mit dem Bädeker unterm Arm controlirender Berliner Hofrath. Das Gemälde machte in der That seinem Schöpfer keine Unehre, und wollte man etwas daran aussetzen, so war es die ein wenig gezierte Umschrift „Alla donna del lago“ (zur Jungfrau vom See), eine italienische Reise-Erinnerung, statt deren ein schlicht-deutsches „Zur Fischer-Lisel“ wohl besser gestanden wäre.

Lisel war in dem Fischerhause am Ufer des Sees geboren, wo noch jetzt die Nachkommen ihrer Brüder hausen und jetzt ihre Bäschen das Amt übernommen haben, die fremden Besucher über den See zu fahren, kräftige, wohlgebaute, etwas schweigsame Mädchen, deren Anblick bezeugt, daß Schönheit der Gestalt und Anmuth der Züge noch jetzt zu den Erbgütern dieses Fischergeschlechts gehören, das mit seinem Privilegium, auf dem ganzen See allein Kähne halten, fahren und fischen zu dürfen, höher als mancher Adelsbrief in die Zeiten feudaler Vorrechte hinaufreicht. Von der Zeit, als das Ruder in Lisel’s Händen war, stammt ihre Berühmtheit, denn ihr heiteres, natürliches Geplauder und die Art und Weise, wie sie während derselben die heimischen „Schnaderhüpfeln“ zu singen wußte, waren die vorzüglichste Würze der Seefahrt. Zwei von den jungen Leuten des Orts bewarben sich gleichzeitig um die hübsche muntere Fischerin, der Wirth im Dorfe und der Sohn und Herr eines ganz nahegelegenen Bauerngutes – sie entschied sich für den Ersteren, wurde Frau Elgraßerin und wohlbestellte Wirthin zu Schliers – aber es ging ihr, wie dem kleinen Töffel in der Fabel. Wie sie als Frau die gerade Offenheit, die derbe Freundlichkeit und den immer heitern Sinn bewahrte, die das Mädchen zum allgemeinen Liebling gemacht hatten, so hieß sie nach wie vor die „Fischer-Lisel“ und war noch als Greisin nur unter diesem Namen in Dorf und Umgegend und überall bekannt, wohin der Ruf von den anmuthigen Gewässern gedrungen, welche versteckt liegen zwischen den bairischen Bergen.

Neben der Geradheit und Offenheit war es ihre Uneigennützigkeit, was sie kennzeichnete. Wer zu ihr kam, ward nicht wie ein Gast des Wirthes, sondern wie ein Freund des Hauses gehalten, der allenfalls auf Besuch kommt und mit dem man eben deshalb wie mit seines Gleichen ohne viele Umstände und Höflichkeiten verkehrt. Sie fragte nicht viel, wer der Gast sein mochte, es genügte, wenn er ein gemüthlicher Mensch war, der sich ein paar Wochen oder Tage vergnügen wollte, und desfalls fand sie auch nichts Besonderes darin, anstatt lange um Namen und Stand zu fragen, ihre Gäste nach andern Dingen zu unterscheiden und zu benennen, was allerdings mitunter, zumal bei Damen, nicht besonders günstig aufgenommen wurde. Den Wohlbeleibten nannte sie in aller Gemüthsruhe den „Wampeten“, Einen, dessen Haarwuchs nicht eben wucherisch stark war, „die Platten“, oder ein Fräulein, dessen Oberlippe einen etwas männlichen Charakter trug, schlechtweg „die Bartet’“, ja sie zauderte nicht, zur Unterstützung des Gedächtnisses das Alles auch an der schwarzen Zechtafel anzuschreiben. Wenn es an’s Scheiden ging, kam sie nicht etwa mit einer geschriebenen Rechnung, sondern einfach mit der Kreide angerückt und in freundschaftlicher Verhandlung wurde alles Genossene recapitulirt, taxirt und summirt; die Tischplatte diente, die Rechnung aufzuschreiben, über die sie dann, wenn gezahlt war, statt des Schwammes mit dem Aermel hinfuhr, um sie wieder auszulöschen. Als freundliche Wirthin ließ sie sich auch nicht lange bitten, Abends durch ihren Gesang zur allgemeinen Fröhlichkeit beizutragen, dann setzte sie sich an den Tisch, nahm einen Bergstock zur Hand und sah zur Decke hinauf, als ob sie die Schnaderhüpfeln von dort herunter lesen müßte. Sie sang sie aber mit so vieler Munterkeit und naturwüchsiger Schalkheit und dabei so zierlich und sauber, daß nur ein eingefleischter Griesgram sich des Frohsinns und Lachens hätte erwehren können, wenn es hieß:

„Jetzt hab’ i zwoa Schatzerln, ein alt’s und ein neu’s,
Und jetzt brauch’ i zwoa Herzeln, a falsch’s und a treu’s!“

oder auch:

„Die Finken hab’n Kröpfeln, da singen s’ damit,
Mei’ Wei’ hat an Kropf – aber singen kann s’ nit!“

Die laute Fröhlichkeit nahm aber bald ein Ende, denn als schon nach wenigen Jahren der Mann starb, da wandte ihr das Leben die ernsthafte Seite seines Doppelangesichts in vollster Herbheit und Strenge zu – über der Sorge für Erhaltung der großen Wirthschaft, über den Arbeitsmühen des Geschäfts, über dem Pflegen und Heranziehen der ihr verbliebenen beiden Waisen verblich ihre rosige Laune in etwas – der gesungenen Abende wurden immer weniger, bis der Bergstock und die begleitende Zither hinter der Thür auf dem Wandkästchen einen ständigen Ruheplatz gefunden hatten. So sehr aber das Haus manchmal eines „Regierers“ bedurft haben mochte, so Viele auch kamen, um bei der Wirthin um Hand und Herz oder Haus und Hof zu werben – sie brachte es nicht über sich, dem Andenken an den Erstgewählten untreu zu werden. Sie rang sich auch tüchtig und ehrenhaft durch, brachte das Geschäft in die Höhe und erhielt seinen alten Ruf, denn sie war die alte freundliche, billige, immer muntere Wirthin. Alles war ihr gut und vielleicht der Einzige, der es nicht that, war der verschmähte Mitbewerber um ihre Hand, der auch in späten Jahren, als er längst auch Haus- und Familienvater geworden, und noch im hohen Alter es nicht verwinden konnte und sie anfeindete, weil er einen Korb bekommen. Man sieht dabei wieder, daß die Dorfgeschichtenschreiber doch nicht so sehr Unrecht haben, wenn sie die Romantik der Liebe auch unter Joppe und Spitzhut als vorhanden betrachten und davon erzählen.

Als Lisel auf dem Freudenberg, ihrem Ruhesitz und Buen Retiro saß, waren die Zeiten des Gesangs lang hinter ihr – sie hörte höchstens zu, wenn draußen die Bursche sangen, und flüsterte mir dann eine Bemerkung zu, daß es ihr manchmal vorkomme, als ob unter den jungen Leuten nicht mehr dieselbe Frische und Lustigkeit walte, wie in den Tagen der eigenen Jugend. „Ich weiß nit,“ sagte sie, „macht’s das, weil ich alt bin, oder ist es wirklich so … sie singen alleweil dieselben G’sangeln, wie vor vierzig Jahren; es müssen ihnen keine neuen mehr einfallen … es ist die alte Schneid’ und Reschen (Raschheit) nimmer in die Bub’n!“ – In ihrer Schlafkammer, wohin sie sich schon sehr [603] zeitig zurückzog, stand in der Ecke, dem Bette gegenüber, eine überlebensgroße Holzfigur, Christus in der Verspottung darstellend, mit Dornenkrone, Purpurmantel und Binsenscepter. Die Gestalt, bis an die Decke ragend und grell bemalt, machte einen unheimlichen Eindruck, aber Lisel war sie vertraut und lieb, denn sie hatte das Holzbild beim Abbruch einer Feldcapelle gekauft, damit es vor Entweihung sicher war, und trug sie mit dem Gedanken, eine neue Capelle auf dem Freudenberg zu bauen und es darinnen aufzustellen.

Das war überhaupt ihr letzter Lieblingswunsch, und wer einmal ihr Vertrauen gewonnen hatte, erfuhr wohl auch warum. Auf dem Freudenberge links vor dem Hause am Hügelabhang war früher ein Capellchen gestanden, dann aber unrechtmäßig abgebrochen und der geweihte Inhalt verschleudert und verunehrt worden. Seit dieser Stunde ist es an der Stelle nicht geheuer; sie ist sumpfig und wird nie vollends trocken, auch im heißesten Sommer nicht, und an den Vorabenden der Festtage und heiligen Zeiten erscheint eine große unheimlich aussehende Kröte, bleibt eine Weile hocken und verschwindet dann räthselhaft, wie sie gekommen. Die Einwohnerschaft des Hauses ist fest überzeugt, daß in der Kröte die arme Seele dessen haust, der das Heiligthum geschändet, und daß sie nicht eher Ruhe findet, als bis dasselbe wieder hergestellt sein wird. Diese Wiederherstellung war darum Lisel’s Lieblingsgedanke; sie dachte schon an den Platz der neuen Capelle und den Bauplan und machte eine Casse, um aus dem Gewinn ihrer Wirthschaft die Kosten zu ersparen. Der Gewinn muß aber nicht beträchtlich gewesen sein, denn die Capelle ist ungebaut geblieben.

Die wackere Fischer-Lisel ist im vorigen Jahre gestorben, in einem Stübchen des Dorfwirthshauses, denn Alter und Gebrechlichkeit hatten sie endlich gezwungen, dem Aufenthalt und der Selbstwirthschaft auf dem lieben Freudenberg für immer zu entsagen. Ihr froher Sinn und ihre tüchtige Gemüthsart hatten sich bis zur letzten Stunde bewährt, wie der letzte rothe Streifen am Abendhimmel noch an den Schimmer des Tages erinnert und ihn zurückstrahlt. Wer etwa jetzt nach Schliers gewandert kommt und bei Lisel’s Tochter, der wackern Frau Posthalterin, einspricht, möge nicht versäumen, beim Gange an den See das einfache Grab der Fischer-Lisel zu besuchen, denn was in ihm liegt, ist ein Herz, das wohl ein freundliches Angedenken verdient, ein echtes, rechtes tüchtiges Gemüth – ein wahres Bauernherz!
S. v. M.




Eine Impfstube auf dem Lande.


„Hast Du Dir schon einmal eine ländliche Kinderimpfung angesehen?“ fragte mich mein Freund, welcher als Arzt in einem Städtchen des bairischen Regierungsbezirks Mittelfranken mit Erfolg prakticirt, und setzte hinzu: „das gäbe reichlichen Stoff zu einem Bilde, welches so recht in das Leben hinein greift.“

Ja wohl, Altmeister Goethe hat’s getroffen, wenn er sagt: „Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, da wo ihr’s packt, da ist’s interessant.“ Es mag Jeder schon die Wahrheit dieses Wortes erfahren haben, aber dem Dichter, dem Künstler solle es immer zur Richtung dienen. Ich, der ich mich bei Befolgung dieser Lehre stets wohl befand, acceptirte meines Freundes Vorschlag mit Freuden und so sprach ich denn eines schönen Morgens zur festgesetzten Zeit in dessen Behausung vor. Dort wurde ich vor Allem belehrt, daß das Impfgeschäft zu den Functionen des Herrn Physicus gehöre und mein Freund es sich nur in diesem speciellen Falle ausgebeten habe, als Listenführer fungiren zu dürfen. So begaben wir uns denn alsobald zu dem alten Herrn, welcher, bereits in mein Vorhaben eingeweiht, mich mit der größten Liebenswürdigkeit empfing. Bald saßen wir in anregendem Gespräch bei einem feierlichen Frühstück und ließen unserem heimischen unterfränkischen Gewächse alle Ehre angedeihen. Während dessen kündigte bescheidenes Klopfen die Ankunft eines Weibleins an, das mit einem zweijährigen Buben, der wacker an einer Semmel schnullte, auf dem Arme erschien. Es war der „Impfstock“ mit seiner Mutter, ein wesentlicher Apparat für das bevorstehende Geschäft und in dieser Eigenschaft bestimmt, an unserer Fahrt Theil zu nehmen. „Impfstock“, mit dieser rein sächlichen Benennung bezeichnet das Landvolk das eine Woche vorher geimpfte Kind, von dessen ausgebrochenen Schutzpocken die Lymphe bei der öffentlichen Impfung genommen wird.

Indessen die beiden Aerzte an dem entblößten Aermchen des Kleinen die Schönheit der Blattern bewunderten, setzte die gute Frau Doctorin, welche, wie ich später erfuhr, bei den Leuten in dem ehrenden Rufe stand, eine „recht gemeine und niederträchtige“ (gütige und leutselige) Frau zu sein, der Mutter des Knaben ein Gläschen von unserem Randersacker nebst einem tüchtigen Butterbrode hin. Mittlerweile[1] polterte eine schwerfällige Miethkutsche heran, die schon bessere Tage gesehen haben mochte; der Impfstock wurde sammt seiner Mama hineingepackt, wir stiegen ein, und fort wackelte unsere alte, preßhafte Kutsche, erst auf glatter Chaussee, dann unter Aechzen und Stöhnen auf holperigen Dorf- und Waldwegen.

So kamen wir denn endlich an dem Orte unserer Bestimmung an und erblickten vor dem Wirthshause eine Wagenburg von ländlichen Fuhrwerken aller Art, welche die Mütter aus den entfernteren Orten zugeführt hatten, und jene selbst standen, saßen hockten mit ihren jüngsten Sprößlingen auf Arm und Schooß vor dem Hause, auf den Treppen, in den Vorplätzen in Gruppen bunt und malerisch durcheinander. Von dem Alter weniger Monate bis zu dem von gegen zwei Jahren (von letzteren jedoch nur einzelne, und zwar die im Vorjahre wegen Kränklichkeit von der Impfung ausgeschlossenen) war hier die jugendlichste Generation einiger Dörfer des Umkreises in etwa achtzig bis neunzig Exemplaren vertreten und es war wirklich eine Freude, so viel blühenden, gesunden Nachwuchs beisammen zu sehen, so viel rosige, vollwangige Menschenblüthen, von denen nur einige wenige arme Würmchen mit kränklichen Zügen eine betrübende Ausnahme machten. Ein wehmüthiges Gefühl wollte mich dennoch beschleichen, indem ich der achtzig bis neunzig Menschenschicksale gedenken mußte, welcher verschleiert vor diesen ihr Dasein noch nicht begreifenden kleinen Creaturen lagen. Wie viele von ihnen werden in Noth und Sorge den Kampf mit dem Leben zu führen haben, wie viele in Unwissenheit und bäuerlicher Beschränktheit dahinleben, wie wenigen wird Zufriedenheit und das Verständniß für wahre Menschenwürde zu Theil werden! Doch weg mit diesen Gedanken und das Skizzenbuch zur Hand!

Schon werden die Kleinen ihrer Kittelchen und Hemdchen entkleidet, der Impfstock auf dem Schooße seiner Mama stärkt sich in Verleugnung seines zarten Alters mit einem energischen Zug aus dem Bierglas, der Ortsdiener nimmt seine Amtsmiene an, in welcher sich die ihm ureigne Dummdreistigkeit mit Würde zu paaren sucht. Er „winkt mit dem Finger und auf thut sich der Zwinger“. Eine Anzahl Mütter tritt in den ländlichen Tanzsaal, der heute einer anderen Bestimmung preisgegeben, auch bald von anderen Tönen widerhallen wird, als von denen der Clarinette und des Brummbasses. Nach geschehener Orts-, Namens- und Altersangabe am Tische des Listenführers tritt Mutter Nummer Eins mit ihrem Kinde an. Dieses reckt das Hälschen, fühlt einen leisen Stich – stutzt – da noch einen, noch zwei – es verzieht den Mund, da kommt das andere Aermchen dran, das Gesicht zieht hundert Falten, der kleine Schreimund öffnet sich und legt aus voller Kehle Probe ab von einer recht gesunden Lunge und einem entwickelungsfähigen Brustkasten. Während die besorgte Mutter ihren Liebling zu beruhigen sucht, sind schon ein paar weitere Schreihälse geimpft und ihr kräftiges Concert wirkt anregend auf den Chorus der im Saale anwesenden übrigen Kleinen. Selbst der Impfstock besinnt sich einen Augenblick, ob er nicht sein Scherflein zu dem großen Ganzen beitragen solle; eine frische Semmel jedoch, ein tiefer Blick in das Bierglas und ein angeborner Hang zum Stoicismus helfen ihm seine heitere Ruhe zu behaupten.

So geht es nun fort in rascher Folge, das Wehgeschrei sämmtlicher Impfkinder erschüttert die Luft und ohne die beruhigendes Gewißheit, daß die große Wirkung eine winzige Ursache hat, wäre der Jammer wirklich herzzereißend. Doch da legt sich der Sturm [604] schon wieder, die Mutterbrust oder ein Zuller, Schnuller, Zulp, wie jener barbarische Knebel für kleine Schreihälse in den verschiedenen Winkeln unseres Vaterlandes genannt werden mag, ein simples Spielzeug sind Beruhigungsmittel, welche vereint mit dem Moment, wo der schreckliche Mann, der das arme Kleine in sein Aermchen gestochen hat, aus dessen Gesichtskreis getreten, allgemach die aufgeregten Wogen der öffentlichen Meinung sämmtlicher Herren und Damen im Säuglingsalter beschwichtigen. Leider setzt sich als Folge jener empfindlichen Berührung bei der verehrlichen Corporation der Wickelkinder eine gewisse Voreingenommenheit gegen den wackeren Gerichtsarzt fest, welche sich in der eine Woche später stattfindenden Controle beim bloßen Erblicken desselben in lauter Acclamation, aber nicht der des Beifalls, zu erkennen giebt.

Die Operation ist nun vorüber, achtzig bis neunzig kleine Kinder sind in beide Arme gestochen, haben sich rechtschaffen ausgeschrieen; die Liste weist nach, daß mit Ausnahme der „Bärbel (Barbara) von Dörflas“ und des „Hans Görg von Ochsenreuth“, sowie der „Anna Meigel (Margarethe) von Mistendorf“, sämmtliche zur Impfung reife Kinder gebracht wurden, und der Ortsdiener hat „g’horschamst zu vermelden“, daß die Genannten aus dieser oder jener Ursache nicht gebracht werden konnten.

Alles in Ordnung und Richtigkeit, und wir mögen uns nun wieder unsrer alten Kutsche anvertrauen. Doch nein, so ab zu kutschiren, ohne dem löblichen Brauch des Bratwurstvertilgens auch von unserer Seite gebührend zu huldigen, wäre ein grober Verstoß gegen die ländliche Etikette. Aus der Küche dringen liebliche Düfte und dabei brodelt, knistert und spratzelt es recht vernehmlich; gehen wir denn in die große Unterstube. In dieser, bis weit auf den Vorplatz hinaus sitzen die guten Mütter von vorhin dicht beisammen und stärken sich nach der ausgestandenen Gemüthsbewegung an tüchtigen Portionen jener delicaten Bratwürste, wie sie, nur noch kleiner, den meisten Touristen von dem „Herzla“ oder „Glöckla“, Nürnbergs berühmten Bratwurstküchen, her bekannt sind. Bratwürste gehören hier zu Lande zu jedem bedächtigen Unternehmen und zu jedem Ereigniß von einiger Bedeutung, und sie geleiten den Landmann von der Wiege bis zur Bahre durch das Leben, bei Kindtaufe, Hochzeit und Leichenschmauß, bei Kirchweih- und anderen Festen, auf Märkten, bei Käufen und Abschlüssen. Bratwürste mit Sauerkraut sind ein Pflaster auf brennende Herzenswunden, ein Beruhigungsmittel für aufgeregte Leidenschaften, Mehrer der Fröhlichkeit, Beförderer von Handel und Wandel.

So huldigten auch wir gern dem landesüblichen Leckerbissen, als er uns in einem Dutzend Exemplaren auf blankem Zinnteller gebracht wurde, und glaubten dieselben am besten dadurch zu ehren, daß wir sie bis auf den letzten Zipfel vertilgten. Indessen wurde in der Stube des Lärmens von so vielen muntern Weiberzungen allmählich weniger. Durch das Fenster sah man da und dorthin Frauen mit ihren Kleinen auf Flurwegen ihren Dörfern und Gehöften zueilen, und ein Wägelein nach dem andern rollte ab. In einer Ecke aber saß die Frau, von deren Kind abgeimpft wurde, und zählte mit sichtlicher Befriedigung den von den Müttern an den Impfstock in Groschen und Sechskreuzerstücken entrichteten Tribut, der sich wohl auf nahezu zehn Gulden belief, eine Summe, wie sie die arme Taglöhnersfrau noch nicht so groß beisammen gesehen haben mochte, und die Freude an dem reichlichen Verdienst war der guten Frau, die sich Jahr aus Jahr ein an der Seite ihres Mannes um kargen Lohn plagen mußte, um fünf hungrige Mäuler zu stopfen, von Herzen zu gönnen. Ob sie unsern wohlgemeinten Rath, das Geld für den Kleinen bei einer Sparcasse anzulegen, befolgte, muß freilich dahin gestellt bleiben; sie lächelte recht bittersüß dazu und schien sich mit näher liegenden Finanzplänen zu tragen.

Heiter angeregt bestiegen wir, die wir zusammen angekommen waren, unser gebrechliches Fuhrwerk und kehrten in das Städtchen zurück. Der nächste Bahnzug dampfte mich heim nach Nürnberg, wo ich mich in der Frische des Eindrucks daran machte, dem freundlichen Leser der Gartenlaube mit Stift und Feder ein Bild aus dem Leben unseres Volkes vor Augen zu stellen, wie deren noch gar manche nur des Momentes harren, welcher ihre flüchtige Erscheinung zu dauernder Gestaltung befestigt.
R. G.




Das Geheimniß der alten Mamsell.
Von E. Marlitt.
(Schluß.)


„Ich erfahre erst in diesem Moment, daß er nicht mehr lebt,“ entgegnete Felicitas bebend, während ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Thräne in ihr heißes Auge trat. Aber trotz der Gemüthserschütterung, die ihr die Nachricht brachte, fühlte sie doch eine Art von schmerzlicher Genugthuung; Frau Hellwig hatte ja oft genug gesagt, ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt umher und frage viel danach, was es andern Leuten koste, sein Kind aufzufüttern.

„Ah, es thut mir leid, daß ich dazu berufen war, Ihnen diese niederschlagende Mittheilung zu machen!“ rief Herr von Hirschsprung, bedauernd den Kopf hin und her wiegend. „Mit ihm haben Sie freilich den einzigen Verwandten verloren, der Ihnen nach dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist… Es gab eine Zeit, wo ich der Vergangenheit dieses Mannes nachforschte – er hat von zarter Jugend an allein gestanden in der Welt – es ist beklagenswerth, aber Sie haben Niemand mehr von Ihrer Familie.“

„Und darf man fragen, Herr von Hirschsprung, in welcher Beziehung die Mutter dieses jungen Mädchens zu Ihrer Familie gestanden hat?“ rief die Hofräthin, empört über die erbarmungslose Art und Weise, wie er Felicitas aus dem Bereich seiner adligen Sippe hinauswies.

Ein fahles Roth flackerte über sein Gesicht… So hinreißend das Erröthen auf den Wangen der Unschuld ist, so widerwärtig berührt es uns in dem Gesicht eines hochmüthigen Mannes, den wir im offenbaren Kampfe sehen, ob er etwas ihn Demüthigendes vor uns verbergen soll oder nicht.

„Sie war einst meine Schwester,“ antwortete er mit klangloser Stimme, aber das Wort ‚einst‘ scharf markirend; „ich habe es geflissentlich vermieden, diese Beziehung zu betonen,“ fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort, „so wie die Sachen liegen, bin ich zu Erörterungen gezwungen, die mich möglicherweise rücksichtslos erscheinen lassen… Ich muß dieser jungen Dame Mittheilungen über ihre Mutter machen, die ihr besser erspart geblieben wären… Frau d’Orlowska hat in dem Augenblick, wo sie dem Polen die Hand reichte, für alle Zeiten aufgehört, ein Glied der Familie von Hirschsprung zu sein… In unserem Familienbuch steht nicht, wie gebräuchlich, hinter ihrem Namen, mit wem diese Tochter des Hauses vermählt war – in dem Moment, wo sie zum letzten Mal über unsere Schwelle geschritten ist, hat mein Vater mit eigener Hand ihren Namen durchstrichen – das war tausend Mal härter für sein aristokratisches Gefühl, als wenn er das Todtenkreuz hätte hinzeichnen müssen… Seitdem ist der Name Meta von Hirschsprung spurlos verschollen für uns – kein Freund des Hauses, kein Diener hat je gewagt, ihn wieder laut werden zu lassen; meine Kinder wissen nicht, daß sie je eine Tante gehabt haben – sie ist enterbt, verstoßen und war längst für uns gestorben, ehe sie auf eine so schreckliche Weise endete.“

Er schwieg einen Augenblick. Die Hofräthin hatte während dieser in wahrhaft vernichtender Weise gegebenen Enthüllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie mütterlich liebevoll an sich herangezogen… Und dort stand der Professor – er sprach nicht, aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht des Mädchens, das abermals für seine todte, „vergötterte“ Mutter so schwer leiden mußte… Es entstand eine momentane, peinvolle Stille. In diesem Schweigen lag unverkennbar eine strenge Verurtheilung; auch der Sprechende vermochte nicht, sich diesem Eindruck zu entziehen – stockend, mit unsicherer Stimme fuhr er fort: „Seien Sie versichert, daß es für mich eine sehr schwere Aufgabe ist, Ihnen in der Weise wehe thun zu müssen – ich erscheine mir selbst in einem so – so unritterlichen Lichte, aber, mein Gott, wie soll ich denn die Dinge anders beim Namen

[605]
Die Gartenlaube (1867) b 605.jpg

Ländliche Kinderimpfung.
Nach der Natur aufgenommen von Rudolph Geißler.

[606] nennen? … Ich möchte gern etwas für Sie thun… In welcher Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr ehrenwerthen Hause?“

„Als mein liebes Töchterchen,“, antwortete die Hofräthin an Felicitas’ Stelle und sah ihn fest und durchdringend an.

„Nun sehen Sie, da haben Sie ja doch ein sehr glückliches Loos gezogen!“ sagte er zu dem jungen Mädchen, während er sich vor der Hofräthin verbindlich neigte. „Leider ist es nicht in meine Hand gegeben, mit Ihrer edlen Beschützerin zu wetteifern – die Rechte einer Tochter des Hauses dürfte ich Ihnen schon um deswillen nicht zugestehen, als meine Eltern noch leben; in ihren Augen würde leider der Umstand, daß Sie den Namen d’Orlowsky tragen, vollkommen genügen, um Sie nie vor sich zu lassen.“

„Wie, die leiblichen Großeltern?“ rief die alte Dame entrüstet. „Sie könnten um das Dasein einer Enkelin wissen und sterben, ohne sie gesehen zu haben? – Das machen Sie mir nicht weis!“

„Meine liebe Frau Hofräthin,“ entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lächelnd, „das stark ausgeprägte aristokratische Gefühl, ein hoher Sinn für die unbefleckte Ehre des Hauses sind Familieneigenthümlichkeiten der Hirschsprungs, denen auch ich mich nicht entziehen kann – die Liebe kommt bei uns erst in zweiter Linie. Ich begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und würde genau so handeln, wenn sich eine meiner Töchter je vergessen sollte.“

„Nun, mögen die Männer Ihrer Familie über diesen Punkt denken, wie sie wollen,“ sagte die Hofräthin beharrlich, „aber die Großmutter – sie müßte ja ein Stein sein, wenn sie von diesem Kind hörte und –“

„Gerade sie verzeiht am wenigsten,“ unterbrach er die alte Dame in sicherer Ueberlegenheit. „Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter auf ihrem Stammbaum und hütet den Glanz des Hauses, wie selten eine Frau… Uebrigens steht es Ihnen frei, meine sehr geehrte Frau Hofräthin,“ setzte er, nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, hinzu, „einen Versuch für Ihren Schützling zu wagen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich Ihnen nicht nur nicht entgegen sein, sondern Ihr Vorhaben sogar möglichst unterstützen werde.“

„O bitte, nicht ein Wort mehr!“ rief Felicitas in namenloser Qual, während sie sich aus den Armen der alten Dame loswand und die Hände derselben beschwörend erfaßte. „Seien Sie überzeugt, mein Herr,“ wendete sie sich nach einer momentanen Pause ruhig und kühl, wenn auch mit zuckenden Lippen, an den Herrn von Hirschsprung, „daß es mir nie einfallen wird, mich auf ehemalige Rechte meiner Mutter zu stützen – sie hat sie hingeworfen um ihrer Liebe willen, und nach Allem, was Sie soeben ausgesprochen, hat sie dabei nur gewonnen… Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, daß ich allein stehe in der Welt, und so sage ich mir auch jetzt: ‚Ich habe keine Großeltern.‘“

„Das klingt scharf und bitter!“ sagte er leicht verlegen. „Aber,“ fügte er mit einem Achselzucken hinzu, „so wie die Verhältnisse nun einmal sind, bin ich genöthigt, Sie in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen… Im Uebrigen will ich für Sie thun, was in meinen Kräften steht. Ich zweifle keinen Augenblick, daß es mir gelingen wird, von meinem Vater eine anständige lebenslängliche Rente für Sie zu erwirken.“

„Ich danke!“ unterbrach sie ihn heftig. „Ich habe Ihnen eben erklärt, daß ich keine Großeltern habe; wie können Sie denken, daß ich von Fremden Almosen annehmen werde?“

Er erröthete abermals, allein jetzt war es das dunkle Roth der Beschämung, welche vielleicht zum ersten Mal im Leben diese hocharistokratische Seele beschlich. In offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hut – Niemand hinderte ihn daran. Er berührte, sich gegen den Rechtsanwalt wendend, mit einigen fast geflüsterten Worten noch einmal das Geschäftliche; dann bot er, wie von einem plötzlichen Impuls bewegt, Felicitas die Hand, allein das junge Mädchen verneigte sich tief und ceremoniell vor ihm und ließ ihre beiden Hände langsam an den Seiten niedersinken. … Das war eine herbe Sühne, die das Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenüber für sich verlangte! Er wich bestürzt zurück, neigte sich mit einem Achselzucken, und für diesen Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar, vor den Uebrigen und verließ, vom Rechtsanwalt begleitet, das Zimmer.

Als die Thür hinter ihm in das Schloß fiel, schlug Felicitas mit einer heftigen Geberde die Hände vor das Gesicht.

„Fee!“ rief der Professor und breitete seine Arme weit aus. Sie sah empor und – flüchtete hinein. Die Arme um seinen Hals schlingend, drückte sie ihren Kopf fest an seine Brust. … Der junge, wilde Vogel ergab sich für alle Zeiten, er machte auch nicht den leisesten Versuch mehr, aufzufliegen; es war süß, in starken Armen geborgen zu rasten, nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und Wetter sich fast zu Tode gekämpft und geflattert hatte.

Bei diesem Anblick gab die Hofräthin ihrem vergnügt lächelnden Herrn Gemahl einen Wink, und Beide gingen geräuschlos aus dem Zimmer.

„Ich will, Johannes!“ rief das junge Mädchen und schlug die Wimpern auf, an denen noch die Thränen des kindlichen Schmerzes hingen.

„Endlich!“ sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt, sie war ja mit diesem Ausspruch sein eigen. Welch’ ein Gemisch von Gluth und Zärtlichkeit brach aus den strengen, stahlgrauen Augen, die auf das glückselig lächelnde Mädchenantlitz niedersahen!

„Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlösende Wort gewartet,“ fuhr er fort; „Gott sei Dank, es ist aus eigenem Antrieb gesprochen worden! Ich wäre sonst heute Abend noch gezwungen gewesen, es zu veranlassen; ob es mir dann so süß geklungen hätte, wie eben jetzt, ich bezweifle es! … Böse Fee, mußten erst so bittere Erfahrungen über mich kommen, ehe Du Dich entschließen konntest, mich glücklich zu machen?“

„Nein!“ rief sie entschieden und wand sich los. „Nicht der Gedanke, daß Ihre äußere Lage sich geändert habe, hat mich besiegt, in dem Augenblick, wo Sie mir consequent und entschieden die Zurückgabe des Buches verweigerten, kam urplötzlich das Vertrauen –“

„Und wenige Augenblicke darauf, als das Geheimniß mir offenbar wurde,“ unterbrach er sie und zog sie abermals an sich, „da erkannte ich, daß Du bei aller Schroffheit, bei allem Trotz und Stolz doch die echte, beseligende Liebe des Weibes im Herzen trägst, Du wolltest lieber entsagen, ehe Du das Leiden einer schmerzlichen Erfahrung über mich kommen ließest… Wir haben beide eine harte Schule durchgemacht, und – täusche Dich nicht, Fee, über die Aufgabe, die Dir wird! Ich habe meine Mutter verloren, mein Vertrauen auf die Menschheit hat einen starken Stoß erlitten und – auch das muß gesagt sein – ich besitze in diesem Augenblick fast nichts, als meine Wissenschaft!“

„O ich Glückselige, daß ich neben Ihnen stehen darf!“ unterbrach sie ihn und legte die Hand leicht auf seinen Mund. „Ich darf freilich nicht hoffen, Ihnen das Alles ersetzen zu können, aber was ein demüthiges Weib irgend thun und ersinnen kann, um das Leben eines edlen Mannes zu erhellen, das soll gewiß geschehen!“

„Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen, mich ‚Du‘ zu nennen?“ fragte er, auf sie herablächelnd.

Ihr lilienweißes Gesicht erröthete bis an die Haarwurzeln.

„Johannes, bleibe nicht allzu lange fern von mir!“ flüsterte sie bittend.

„Ach, hast Du im Ernst geglaubt, daß ich ohne Dich gehen würde?“ rief er leise lachend. „Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schön fügte, so würdest Du heute Abend erfahren haben, daß Du morgen früh um acht Uhr, in Begleitung unserer lieben Hofräthin, mit mir nach Bonn abreisest. Die liebe, alte Mama hat Dir ein wenig Komödie vorgespielt, mein Kind; droben im Staatszimmer stehen seit gestern die gepackten Koffer, und ich habe, unterstützt von ihrem Rath, selbst das Reisehütchen ausgesucht, das ich auf der trotzigen Stirn da sehen will… Du bleibst vier Wochen als meine erklärte Braut im Hause der Frau von Berg und dann – zieht eine kleine Frau neben das Studirzimmer des grimmigen Professors, der Falten auf der Stirn und bitterböse Blicke mit nach Hause bringt.“

Herr von Hirschsprung legitimirte sich, resp. seinen noch lebenden Vater, als einzigen Erben, und das Vermächtniß der alten Mamsell wurde ihm ausgehändigt. Er erklärte die Ansprüche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig bezüglich der unterschlagenen sechszigtausend Taler für vollkommen getilgt, nachdem der Professor die dreißigtausend Thaler der Tante Cordula aus seinem eigenen Vermögen verdoppelt und somit das Capital bis zu seiner vollen Höhe ergänzt hatte.

[607] Für das verbrannte Bach’sche Opernmanuscript mußte Frau Hellwig baare tausend Thaler erlegen; sie fügte sich knirschend, weil sie von allen Seiten die Versicherung erhielt, daß ein Proceß noch ganz andere Opfer von ihr fordern dürfte.

„Warum soll ich’s leugnen?“ sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt erröthend und lebhaft erregt zu dem Professor der reisefertig in der Fensternische neben ihm stand und auf seine Begleiterinnen wartete. „Ich gönne Dir Felicitas nicht! … Ich habe im ersten Augenblick dies seltene Geschöpf erkannt und werde lange Zeit brauchen, um – zu vergessen… Aber einen Trost habe ich dabei: sie hat Dich zu einem anderen Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der Menschheit, ihrer unanfechtbaren guten Sache einen neuen Bekenner zugeführt… Schlagender konnte meine freie und gewiß gesunde Ansicht über unsere socialen Mißverhältnisse nicht motivirt werden, als durch den Umstand, daß – verzeihe mir die bittere Wahrheit – die stolzen Hellwigs den Angehörigen des verachteten Spielerskindes gegenüber Schwerschuldige waren… Da stehen die Einen und sehen hochmüthig auf die andern herab, und die blinde Welt ahnt nicht, daß es faul ist unter ihren gerühmten Institutionen und daß der frische Luftzug der Freiheit nöthig ist, um sie wegzufegen, die den Hochmuth, die Herzlosigkeit und mit ihnen eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begünstigen.“

„Du hast Recht und ich nehme diese bittere Schlußfolgerung ruhig hin,“ sagte der Professor ernst, „denn ich habe in der That schwer geirrt. Aber der Weg, den ich zurückzulegen hatte, war steinig, und deshalb gönne mir den Preis, den ich schwer erringen mußte.“

Der Professor hat seine junge Frau in den „exclusiven“ Kreis der Professorenfrauen eingeführt, und das ideal schöne Wesen an seiner Hand ist, trotz der boshaften Einflüsterungen der Regierungsräthin, mit Liebe und Bewunderung aufgenommen worden. … Es ist Wahrheit, was er sich einst so hinreißend gedacht hatte: Felicitas schmeichelt ihm die medicinischen Sorgenfalten von der Stirn, und wenn er Abends inmitten seiner gemüthlichen vier Wände bittet: „Fee, ein Lied!“ da braust sofort die prachtvolle Altstimme auf, die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mütterlichen Hause in die Thüringer Wälder, der er entflohen, weil sie ihn unwiderstehlich hinüberriß nach dem wunderbaren Spielerskind.

Er hat sämmtliche Möbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen. Der Flügel und die Büsten sammt der üppigen Epheudraperie schmücken jetzt Felicitas’ Zimmer. Im Geheimfach des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau auch jetzt noch das kostbare, altväterische Silberzeug auf; den kleinen, grauen Kasten sammt Inhalt aber hat der Professor an demselben Tage verbrannt, wo die Hirschsprungs das ausgleichende Capital in Empfang genommen haben. Das Schuldbuch ist vernichtet, das Unrecht gesühnt, so weit menschliche Kräfte es vermochten, und Tante Cordula’s Geist kann unbeirrt seinen hohen Flug weiter verfolgen, den er schon auf Erden angenommen.

Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paar. Er wird hoch in Ehren gehalten und fühlt sich über die Maßen wohl; wenn er aber auf der Straße der in Sammet und Seide gehüllten, jetzt sehr ungenirt nach der neusten Mode gekleideten Regierungsräthin begegnet, die stets den Kopf wegwendet, als habe sie das ehrliche Gesicht des alten Mannes nie gesehen, da schmunzelt er vergnüglich in sich hinein: „Das Blümelein Vergißmeinnicht hat doch nichts geholfen, gnädige Frau Regierungsräthin!“

Die schöne Frau kann übrigens ihren tadellos geformten, weißen Arm nicht mehr mit dem Armring schmücken, ihr Vater hat ihn „gewissenhaft“ mit dem Bemerken, daß er durch „Zufall und Irrthum“ in seinen Besitz gekommen, an die Hirschsprung’schen Erben ausgeliefert. Er lebt auf sehr gespanntem Fuß mit seiner Tochter, weil sie die „grenzenlose Dummheit“ begangen hat, seinen Antheil an dem Raub zu bestätigen… Sie hat längst den Nimbus der Frömmigkeit und sanften Milde eingebüßt, betheiligt sich aber noch immer mit großer Ostentation an frommen Bestrebungen, während ihr Aennchen unter fremder Pflege einem sichern Tod entgegenwelkt… Und er, der strenggläubige Verwandte am Rhein? … Es ist nicht zu denken, das ihn die Nemesis auf Erden ereilt, er wird mit frommer Ergebenheit Alles, was über ihn kommen mag, Prüfung nennen. Wir übergeben ihn deshalb dem öffentlichen Gericht; die empfindlichste Strafe für den Heuchler ist, daß ihm vor Aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird! …

Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstock. Das Unglück ist endlich auch über ihre gefeite Schwelle geschritten: sie hat zwei Kinder verloren; ihren Sohn Johannes hat sie verstoßen, und eines Tages lief die Nachricht ein, daß Nathanael im Duell geblieben sei. Er hat viele Schulden und einen sehr befleckten Ruf hinterlassen… Die eisernen Züge der großen Frau sind schlaffer geworden und Manchem will es scheinen, als neige sich der Kopf mit dem einst so starren Gepräge des Hochmuthes und der Unfehlbarkeit oft recht müde auf die Brust… Der Professor hat ihr vor Kurzem die Geburt seines erstgeborenen Kindes angezeigt. Seit der Zeit liegt in dem Strickkörbchen, das bis dahin nur derbe blaue und weiße Knäuel mit grobem Faden beherbergt hat, ein zartrosiges Strickzeug, Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und ruckweise daran. Friederike schwört, es sei kein Missionsstrumpf, sondern ein allerliebstes Kinderstrümpfchen. Ob und wann diese zierlichen, rosenrothen Dinger die strampelnden Beinchen des jüngsten Hellwig’schen Familiengliedes umschließen werden, wir wissen es nicht, aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es gesagt sein: Es ist keine Seele so verhärtet, daß nicht ein weicher Punkt, eine edle Regung, eine süßklingende Saite in ihr schliefen; sie wird sich freilich oft dieses inneren Schatzes nicht bewußt, wenn die Erweckung von außen fehlt. Aber vielleicht ist die großmütterliche Liebe solch’ ein ungeahnt warmer Punkt im Herzen der großen Frau, der, plötzlich angefacht, rein mildes Licht ausströmt und das übrige Eis des Inneren schmilzt.

Hoffen wir, lieber Leser!




Blätter und Blüthen.


Zwei Zöglinge des Wiener Kinderballets. „Geht mir mit eurem ‚Schafhaxel‘, eurer ‚Eselshaut‘, ‚Hirschkuh‘ und dem ganzen flimmernden Thierspital! Für einen einzigen Theaterabend der alten Zeit gebe ich die ganze neue blödsinnige Gauklerbude hin, und den Offenbacher Dudelsack auch noch dazu, wenn ihr wollt!“

So poltern die alten Wiener Bürger, wenn sie jetzt das Theater an der Wien verlassen und des kunstsinnigen Grafen Palffy gedenken, der als Director dieser Bühne, vor einem halben Jahrhundert, alle Feengebilde der arabischen Märchenwelt an ihnen vorüber wandeln ließ. Jugendlich begeistert werden diese alten Herrn, wenn sie sich an Horschelt’s Kinderballet erinnern, das der genannte Cavalier mit wunderbarer Pracht und Herrlichkeit in die Scene setzen ließ. Und die Wunderkinder dieses Ballets? Wir nennen nur die drei niedlichen Grazien Fanny Elsler, Angioletta Meyer und Therese Heberle und sind überzeugt, daß wir die Herzen aller Greise jugendlich schlagen machen. Wenn Fanny Elsler, die man ein paar Jahre später „die Göttliche“ nannte, wie aus Aether gewoben daher schwebte und ihr reizendes Lockenköpfchen mit den seelenvollen Augen aus einer Gruppe lebendiger Rosen erhob, mußte man ja glauben, Titania, die niedliche Elfenkönigin, habe sich aus dem Wolkenschooß zu uns herabgelassen, um mit der Poesie des blauen Himmels die nüchterne Prosa der Erde zu bekämpfen. Aber nicht nur die schwebende, tanzende, auch die lachende komische Muse hatte ihre Priesterschaft in diesem Kinderballet. Da war vor Allen Andreas Luzzi, ein kleines pudelnärrisches Kerlchen, um so possirlicher, weil ihn die Natur mit einem ganz respectablen Buckel ausgestattet hatte. Wenn der kleine bucklige Bursche seinen dicken Kopf in die Schultern zurückzog und mit der Behendigkeit eines jungen Affen seine Lazzi und Sprünge machte, glaubte man eine Kugel mit Armen und Beinen herumkollern zu sehen und lachte so ausgelassen, daß man sich beinahe wie er vor Lachen gekugelt hätte. Und doch war Andreas Luzzi nur ein Krüppel, aber ein gar stolzer Krüppel im Bewußtsein seiner Meisterschaft, denn das Publicum jubelte ihm an jedem Abende entgegen, und die Tänzerinnen der Quadrille, die man sehr ungalant „die Ratten“ hieß, machten ihre Knixe vor ihm, ja sogar die kleine reizende Fanny Elsler pflegte ihn ihren Herrn Lehrer und Collegen zu nennen.

Da schlug plötzlich ein Donnerwetter aus blauem Himmel in diese kleine lustige Welt. Meister Horschelt erhielt ganz unerwartet den Auftrag – das Kinderballet aufzulösen. Fanny Elsler, Angioletta Mayer, Therese Heberle und viele andere der kleinen Fußkünstlerinnen sprangen von der Bühne an der Wien auf die Bühne nächst dem Kärnthnerthor hinüber, ja selbst „die Ratten“ fanden ihre Löcher, nur Andreas Luzzi fand nirgend ein Plätzchen, so lang er sich auch streckte und so stolz er auch auf alle Triumphe hindeutete, die er schon gefeiert hatte. Man fertigte ihn überall lachend ab. Wozu sollte ein Bühnenleiter den kleinen buckligen Knirps auch brauchen können? Es gab kein Kinderballet mehr, und selbst dem Kinderballet war er schon entwachsen, das heißt in der Breite, nicht in der Länge, er hätte nur noch aus Mitleid beklatscht werden können.

[608] Seine Collegin Fanny Elsler hatte sich zur Jungfrau entwickelt, – schneller als sie wuchs ihr Ruhm, und noch schneller als ihr Ruhm die Zahl der zweibeinigen Schimmel und Füchse, die an ihrem Triumphwagen zogen. Der Buckel des armen Luzzi wuchs auch, und schneller als sein Buckel wuchs seine Noth, denn er hatte nichts gelernt, als Sprünge und Lazzi machen, und mit dem Springen wollte es nicht mehr recht gehen und mit dem Lazzimachen auch nicht, denn um zu springen, war er zu schwerfällig und um Lazzi zu machen, zu hungrig geworden, wenn auch noch irgend Jemand an seinen Schnacken Gefallen gefunden hätte. Vom Arbeiten konnte schon gar keine Rede sein, denn erstens fehlten ihm die Lust und die Liebe und zweitens der Muth und die Kraft zur Arbeit.

Jahre vergingen. Auf Fanny Elsler regnete es Edelsteine, Gold, Kränze und Blumen in aller Herren Ländern, auf ihren Collegen Andreas Luzzi regnete es auch in der Heimath – bittere Tropfen von Thränenweiden, die der blasse Gärtner Elend zu tränken hat. Nach langer Abwesenheit kehrte Fanny Elsler in ihre Vaterstadt zurück, denn es war dem Director des Kärnthnerthor-Theaters gelungen, sie für einen kurzen Gastrollencyclus zu gewinnen. Jung und Alt drängten sich in’s Theater, um der weltberühmten Künstlerin seine Huldigung darzubringen. Das war ein Lärmen und ein Trommeln in dem überfüllten Hause, denn trommeln können die guten Oesterreicher im Theater, wenn sie auch auf dem Schlachtfelde nicht zu rechter Zeit zu trommeln verstehen. Alles schrie, klatschte, tobte, trommelte, nur da oben auf der letzten Galerie saß ein kleines, buckeliges, armselig gekleidetes Männchen, das nicht einstimmte in den allgemeinen tollen Jubel, es saß ganz mäuschenstill und ernst vor sich hinbrütend da, ja man wollte sogar bemerken, daß hin und wieder eine Thräne über seine blassen eingefallenen Wangen rollte. Wie konnte nur der kleine, garstige Kobold weinen, wenn Fanny Elsler tanzt!

Sonntags pflegte Fanny Elsler die Augustinerkirche zu besuchen, denn sie war gar fromm geblieben, wenn sie auch eine Tänzerin war, und vergaß nie dem lieben Gott zu danken für das große Glück, das er ihr auf ihrer Künstlerlaufbahn beschieden. Das närrische Volk stürmte ihr sogar in’s Gotteshaus nach; ei nun, es ist auch in der That, der Mühe werth, ein so reizendes Menschenkind zu sehen, das sich in einem einzigen Monat mit ihren beiden Füßchen mehr Goldstücke verdient, als Shakespeare und Schiller mit ihren beiden Köpfen im ganzen Leben erwarben. Als die gefeierte Künstlerin am Sonntage nach ihrem ersten Gastspiel aus der Kirche trat, bemerkte sie, einige Schritte entfernt von der gaffenden Menge, ein kleines, buckeliges, fast in Lumpen gehülltes Männchen, dessen Antlitz unmöglich das Glück so bleich gefärbt haben konnte.

Und dennoch bettelte das arme Männchen nicht, – ja es warf sogar recht stolz das Haupt in den Nacken, als ob der Knirps der kleine König David oder sonst eine kurze Größe gewesen wäre. Bestürzt blickte die Künstlerin auf den Kobold, – dann legte sie ihre kleine Hand auf die Stirn, als ob sie ihre Gedanken sammeln wollte, – endlich schien sich eine Erinnerung an ihre Kindheit in ihrem glänzenden Auge zu spiegeln.

Schnell näherte sie sich dem Buckligen und fragte fast schüchtern und mit unsicherer Stimme: „Um Himmelswillen, wer sind Sie, mein Herr?“

„Auch ein Künstler!“ antwortete der kleine Bucklige, stolz wie Giulio Romano sein historisches „Auch ich bin ein Maler“ sprach.

„Sie – Sie sind – Andreas Luzzi?“

„Alle – Alle haben den Namen Luzzi vergessen,“ rief dieser mit wehmüthiger Freude, „aber meine kleine Fanny nicht!“

„Sagen Sie die große Fanny, – aber auch die große Fanny hat es nicht vergessen, daß die kleine Fanny Ihre Schuldnerin geblieben ist.“

„Schuldnerin?“

„Allerdings!“ erwiderte die Tänzerin mit bezaubernder Unbefangenheit, indem sie ihre Börse in die Tasche des Buckligen gleiten ließ. „Ich bin Ihnen ja das ganze Honorar für alle Tanzlectionen, die Sie mir im Probesaal gegeben haben, schuldig geblieben, als ich noch ein kleines unbeholfenes Mädchen war. Aber lange geborgt ist nicht geschenkt. Besuchen Sie mich ja recht bald, damit wir unsere Rechnung endlich ausgleichen können. Aber hübsch artig sein und mich nicht lange warten lassen, mein lieber Herr College, – sonst suche ich Sie auf, um mit Ihnen zu schmollen und Ihnen ein recht bitterböses Gesicht zu zeigen.“

Ehe der kleine Bucklige noch ein Wörtchen erwidern konnte, saß die liebenswürdige Tänzerin schon in ihrem Wagen und fuhr, freundlich zurückgrüßend, dem Kohlmarkt zu. Andreas Luzzi griff in die Tasche, umklammerte krampfhaft die Börse und sein bleiches Gesicht färbte sich schamroth, denn jetzt erst war es ihm klar geworden, daß er ein Bettler war. Wie ein Trunkener wankte er nach Hause.

Fanny Elsler wartete vergebens auf ihren kleinen Collegen. Er war richtig so unartig, sie nicht zu besuchen. Sie mußte schon ihn aufsuchen, um mit ihm zu schmollen und ihm ein recht bitterböses Gesicht zu zeigen, wie sie versprochen. In seiner Wohnung erfuhr sie: er wäre am Sonntage nach der Kirche fieberhaft aufgeregt nach Hause gekommen, hätte seine kleinen Schulden bezahlt und sich sodann von einem Burschen in’s allgemeine Krankenhaus führen lassen.

Dort fand ihn in der That die berühmte Tänzerin. Da lag er steif und stolz und hatte nicht ein Wörtchen für sie. Aber Fanny Elsler schmollte dennoch nicht mit ihm, zeigte ihm auch kein bitterböses Gesicht, wie er es wohl verdient hätte, – denn der kleine bucklige Kobold war so unartig gewesen – zu sterben, statt sie zu besuchen.




Unsere heimischen Waldbäume. Wir haben kürzlich auf Ferdinand Stolle’s „Frühling auf dem Lande“[WS 1] als auf eine dem Sinne und Geschmacke unserer Zeit entsprechende Wiederbelebung jener poetischen Naturbetrachtung hingewiesen, welche zu den werthvollsten Eigenthümlichkeiten unseres deutschen Volks gehört. Ganz in demselben Geiste, wenn auch in einer etwas strengeren, mehr wissenschaftlich-fachmäßigen Richtung, bewegt sich ein anderes liebenswürdiges Büchlein, das unter dem Titel „Natur und Gemüth, von Karl von Hippel“ vor Kurzem (bei Alexander Duncker in Berlin) erschienen ist. Könnten wir unseren Lesern die ganze Tiefe des erquickenden Genusses schildern, den die vom frischen Dufte des Waldes und vom Säuseln und Rauschen seiner Bäume, vom sanften Wehen und Werden, Keimen und Emporblühen des Frühlings und vom Brausen und Krachen seiner Stürme und Gewitter erfüllten Schilderungen des Verfassers uns selber in stillen Stunden bereitet haben, so würde es für gleich gestimmte Seelen einer weiteren Empfehlung nicht bedürfen. Dennoch bilden die genannten allgemeinen Züge aus der wechselnden Physiognomie des Naturlebens nur gleichsam das Kleid und die Farbe des Buches, der Zweck liegt tiefer und ist in gewisser Hinsicht ein bedeutsamer. Für die Schönheit unserer heimischen Naturumgebung und namentlich für die stille Pracht und Majestät, das wunderbare Weben und Wirken unserer vaterländischen Waldbäume wollen diese neuen „Beiträge zur Aesthetik der Pflanzenwelt“ eine wärmere Aufmerksamkeit, ein lebhafteres Interesse erregen und dabei zugleich die allgemeinen Grundbegriffe des Pflanzenreichs an lebendigen Beispielen deutlich machen. „Die Erle als Uferbaum“, „Ein Auenwald unter dem ersten Gewitter“, „Die Kiefer in der norddeutschen Haide“, „Tanne und Fichte im Gebirge“, „Eine Buchenwaldung im Spätherbst“, so lauten die Ueberschriften der fünf verschiedenen Bilder, in denen der Verfasser, wie er selber sagt, „die schönsten und reichsten Stunden seines Lebens zusammengetragen hat,“ eine Fülle von ernster Forschung und schärfster Beobachtung, wie sie, verbunden mit einer solchen Frische des Schauens, Empfindens und der künstlerischen Auffassung, nur in wenigen ähnlichen Producten unserer Literatur zu finden ist.

Für Leute freilich, die nur im Getümmel des Weltmarktes ihre Befriedigung finden, hat Karl von Hippel sein anmuthiges Buch nicht geschrieben, sie werden es vielleicht langweilig nennen, während alle noch frisch und jugendlich fühlenden Menschen in ihm einen angenehmen Gesellschafter am warmen Ofen, einen freundlichen Begleiter auf einsamen Wanderungen erkennen werden. Wer sich gewöhnt, die ihn umgebende Landschaft, und wäre sie noch so dürftig, durch den Spiegel dieser Deutung und Auffassung zu betrachten, wird damit einen reichen Quell der Freude und erhebenden Belehrung gewonnen haben.




Esprit d’Ylangylang. Göttin Mode hat kürzlich die eleganten Damen der Pariser und Londoner Ganz- und Halbwelt mit einem neuen Parfüm beschenkt, welches alle bisher bekannten Duftmischungen an pikanter Feinheit durchaus übertreffen soll. Es besteht in einem Gemisch verschiedener Extraits, angehaucht mit dem ätherischen Oele aus den Blüthen des aus Manila einheimischen Traubenbaumes. Um diese Blüthen zu erlangen, wird bis jetzt von den Eingebornen jeder Traubenbaum umgehauen – und das neu aufgetauchte, in der That köstliche, hyacinthenähnlich riechende Parfüm geht daher seinem schnellen Wiederverschwinden entgegen. Da indessen das wasserhelle Oel, sowie die bittergewürzhafte Rinde und der sehr bittere Samen in Ostindien auch als Arzneimittel gegen Fieber etc. gebraucht wurden, so wäre eine vorsorgliche Erhaltung des in seiner Heimath Ylangylang genannten Traubenbaumes doch doppelt wünschenswerth. Die schönen weißen Blüthen liefern nur eine geringe Ausbeute des ätherischen Oels, welches erst vor etwa zwei Jahren zuerst in Paris in die Apotheke gelangte, und da die Nachfrage nach dem modernen Esprit schon eine sehr bedeutende ist, so hat das Kilo (zwei Pfund) des Oels bereits eine Preishöhe von eintausendsechshundert Franken erreicht.




Für die Hinterlassenen der verschütteten Lugauer


gingen ferner ein: Vom Männergesangverein Teutonia in Paris durch A. Weisflog 26 Thlr. 20 Ngr.; aus der Sparbüchse dreier Kinder in Lichtenfels 2 Thlr.; Sammlung durch Zahn in Schotten 4 Thlr. 4 Ngr.; E. S. in Bartenstein 2 Thlr.; N. N. in Paderborn 2 Thlr.; B. S. in Amsterdam 1 Thlr.; glücklich die Kinder, für die geliebte Eltern sorgen 4 Thlr.; H. G. A. 25 Thlr.; N. N. 20 Thlr.; B. 5 Ngr.; Dankwitz 1 Thlr.; Brunner 5 Ngr.; zusammen 21 Thlr. 10 Ngr. durch den Bürgermeister von Marklissa; von einer Wittwe 1 Thlr.; Müller 2 Thlr.; von dem Kegelclub in Wörlitz 3 Thlr. 15 Ngr.; P. R. 2 Thlr.; eine Abendgesellschaft im Schützenhause in Scholten 2 Thlr. 8 Ngr. 5 Pfge.; Ertrag eines Concerts der Artillerie-Capelle in Sagan 20 Thlr.; Sammlung der Bober-Zeitung in Sagan 7 Thlr. 24 Ngr.; vom Turnverein in Osthofen 30 Thlr.; Ertrag. eines Concerts aus der Geburtsstadt von E. Marlitt durch E. B. 34 Thlr.; Wittwe A. Berg 4 Thlr.; neuer Männergesangverein in Goslar 50 Thlr. 15 Ngr.; Sammlung der hessischen Morgenzeitung 89 Thlr. 21 Ngr.; Ertrag einer Seiltänzervorstellung auf der grünen Wiese der Tanzbuche, ausgeführt von einer Gesellschaft liebenswürdiger Eisenacher 12 Thlr.
Die Redaction.




Zur Nachricht!
Mit nächster Nummer schließt das dritte Quartal. Wir ersuchen daher die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.
Die Verlagshandlung.




Inhalt: Der Habermeister. Ein Volksbild aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid. (Fortsetzung.) – Ein junger Jubilar. Mit Portrait. – Bei den „Kindern der Sonne“. Ein Bild aus der Weltausstellung von Franz Wallner. – Die Fischer-Lisel. Ein Original aus den Alpen. – Eine Impfstube auf dem Lande. Mit Illustration. – Das Geheimniß der alten Mamsell. Von E. Marlitt. (Schluß.) – Blätter und Blüthen: Zwei Zöglinge des Wiener Kinderballets. – Unsere heimischen Waldbäume. – Esprit d’Ylangylang.– Für die Hinterlassenen der verschütteten Lugauer.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. SW: In der Vorlage Mittlerwerle

Anmerkungen (Wikisource)