Die Gartenlaube (1865)/Heft 50

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[785]

No. 50. 1865.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Unverhofft.
Erzählung von Melchior Meyr.
1.

„Glaube mir, lieber Sohn, Du findest keine bessere Partie für Dich! Auguste ist hübsch, gut erzogen, gesund und wird Dir einen sehr stattlichen Mutterpfennig in’s Haus bringen. Der alte Bolzen ist reich, sie wird noch ebensoviel erben. Der eine Bruder wird Dein Nachbar, der andere ein einflußreicher Schwager am Hofe sein; kurz, Alles ist, wie man sich’s nur wünschen kann!“

Diese Worte richtete die Baronin von Hainsfeld an ihren Sohn Richard, der im Parterresaal des Schlosses allein mit ihr am Fenster stand.

Richard war ein blondhaariger, schöner, wohlgewachsener, junger Mann von etwa dreißig Jahren. Seine braunrothe Gesichtsfarbe deutete auf gesunde Thätigkeit und viel Aufenthalt im Freien. In der That war er nicht nur Eigenthümer des an Feld und Wald gegen tausend Acker umfassenden Gutes, sondern auch ein sehr eifriger Landwirth; es war das Glück seines Lebens, die Oekonomie selber zu leiten.

Auf die Rede der Mutter schwieg er einen Moment. Dann sagte er: „Im Grunde fehlt nichts, als eine Kleinigkeit: ich fühle keine Neigung zu ihr!“

Die ansehnliche Fünfzigerin lächelte mit dem etwas spöttischen Ausdruck einer Erfahrenen. „Die kommt schon,“ erwiderle sie, „wo sonst nichts fehlt!“

Der Sohn schüttelte den Kopf. „Sie hat nichts Einnehmendes,“ erwiderte er, „nichts Hingebendes, nichts Liebes!“

„Sie ist keine Schmeichlerin!“ versetzte die Mutter.

„Sie denkt nur an sich,“ replicirte der Sohn.

Die Frau zuckte die Achseln. „Wenn sie Deine Frau ist, wird sie an Dich denken!“

Richard stand mit halbgeschlossenem Auge und humoristisch ungläubigem Ausdruck. „Ich habe sie nun doch oft gesehen; wenn mir nur einmal in ihrer Nähe das Herz geklopft hätte!“

Die Mutter sah ihn an. „Für einen rationellen Landwirth,“ versetzte sie, „bist Du sehr sentimental!“

„Für eine Frau,“ entgegnete er, „denkst Du sehr unpoetisch! Ich bin denn doch noch etwas mehr als Landwirth. Ich schmeichle mir, ein gebildeter Mensch zu sein, und als solcher mach’ ich meine besonderen Ansprüche. Aber auch als Landwirth komm’ ich bei Deinem Vorschlage zu kurz. Auguste ist zwar die Tochter eines Gutsbesitzers, befindet sich aber am wohlsten in der Stadt und hat für die Oekonomie und das Landleben keine Liebe, kein Interesse, kein Herz!“

Die Mutter wurde ernst. „Mein lieber Freund,“ sagte sie, „das sind schwache Einwendungen gegen eine Partie, für welche alle Gründe sprechen. Du meinst, Auguste denkt nur an sich; ich kann Dir sagen, daß sie sehr ernstlich an Dich denkt! Sie ist ein junges Mädchen, sie liest, musicirt und leitet seit dem Tode ihrer Mutter das Haus. Daß sie eine Passion für die Landwirthschaft haben soll, wie Du, das kannst Du doch verständigerweise nicht verlangen!“

„Aber Theilnahme!“ erwiderte der Sohn. „Eine gewisse Aufmerksamkeit, wenn man davon spricht.“ Nach einem Moment setzte er hinzu: „Auch eine recht eigentliche Liebe dazu ist möglich. Sieh’ doch unsere Cousinen!“

Die Mutter sah ihn mit einem Seitenblick an. der einen Vorwurf ausdrückte. „Hast Du Dir wirklich noch nicht gesagt,“ rief sie, „was hinter diesem Eifer eigentlich steckt?“

„Nun, was denn?“

„Du bist sehr bescheiden!“ versetzte jene mit einem geringschätzigen Mundverziehen.

Richard lächelte. „Du meinst, sie wollen mir damit gefallen?“

„Und Dich erobern!“ fügte die Frau mit Nachdruck hinzu.

„Was? Alle Beide?“

„Die Absicht einer Jeden ist mir sonnenklar.“

„Die Eifersucht,“ entgegnete der Sohn mit Laune, „die Eifersucht im Namen Deiner Auguste verblendet Dich! Ihr Interesse ist lebhaft, auffallend, wenn Du willst; aber es sind eben geistreiche Mädchen, denen der Sinn aufgeschlossen ist für die Wichtigkeit, welche die Landwirthschaft heutzutage erlangt hat. Den Resultaten der naturwissenschaftlichen Forschungen können sich jetzt auch Damen nicht ganz verschließen; in der Stadt hören sie Vorträge darüber und lesen Bücher; daß sie also gewisse Kenntnisse besitzen, ist ganz natürlich. Du kannst nicht sagen, daß Bernhardine und Juliane ihr Interesse für die Landwirthschaft erst hier angenomnen haben, sie sind schon damit gekommen!“

„Nun,“ entgegnete die Baronin, „Verstand spreche ich ihnen nicht ab, und da ihnen Deine Neigung bekannt war –“

„O!“ fiel Richard ein.

„Traue Du nur den Mädchen!“ rief jene. „Um einen Mann zu bekommen, wie sie sich just einen wünschen, sind sie im Stande, eine ganze Wissenschaft zu lernen!“

Der Sohn lachte. „Und wenn’s so wäre,“ versetzte er, „wenn die Liebe zur Oekonomie eine Folge wäre der Liebe zum Oekonomen, was könnte diesen abhalten, Diejenige von ihnen, die [786] ihm am besten gefiele, für ihre schmeichelhafte Neigung zu belohnen?“

„Sein Verstand!“ entgegnete die Mutter mit Ernst. „Sie haben Beide kein Vermögen, sind aber zu allen Ansprüchen erzogen!“

„Ich bin reich!“

„Für Dich. Aber wenn Du eine eitle Frau bekommst und dann möglicherweise – doch ich bin thöricht, daß ich gegen eine Drohung eifere, die Du mir nur zum Scherz entgegenhältst! Ich denke besser von Deinem Geiste, als daß ich glaube, Du könntest in eine solche Schlinge fallen! Da wär’ mir die kleine Marie noch lieber. Die ist wenigstens bescheiden.“

„Nur allzu bescheiden! Sie ist so scheu, so verlegen, und zuweilen macht sie ein Gesicht, als ob sie um Verzeihung bitten wollte, daß sie nur lebt!“

„Frau von Weiden,“ entgegnete die Mutter, „lebt von einer sehr kärglichen Rente, und das gute Kind ist offenbar von seiner Aussichtslosigkeit gedrückt. Ich denke an nichts weniger, als sie Dir zur Frau zu recommandiren, mein Lieber. Gott bewahre mich davor! Aber daß sie nicht auch nach Dir angelt, wie die Andern, das muß ich doch loben. Deine Frau, mein Sohn, ist gefunden. Ernsthaft und offen zu reden: ich habe bei Herrn von Bolzen angeklopft. Vater und Tochter sind Dir geneigt, ein Wort von Dir und Auguste ist Deine Braut!“

Mit einem Unmuth, der sich kaum noch in der Form des Humors halten konnte, rief Richard: „Daß Du doch das Commandiren und Arrangiren nicht lassen kannst! Ich verpflichte mich zu nichts, Herrin von Hainsfeld – zu gar nichts! Den Teufel auch! Soll ich nicht heirathen dürfen, wen ich will?“

„Heirathe! Nimm eine von den beiden Heuchlerinnen, die auf Dich speculiren!“

„Du verleumdest sie!“

„Ich will’s beweisen!“

„Das möcht’ ich doch – “ Richard hielt inne. Mit einem Blick in den Hof sagte er: „Bernhardine kommt mit ihrer Mama, vergessen wir nicht, daß sie unsere Gäste sind!“

Bernhardine war die Tochter eines Generals, groß, stattlich, eine blonde Juno. Sie betrat an der Seite ihrer würdevoll einherschreitenden Mutter den Saal mit allen Zeichen einer frohen Aufregung. Glänzenden Antlitzes grüßte sie und rief dem jungen Manne zu: „Nein, es giebt doch nichts Schöneres, als die Landwirthschaft!“

Während Richard freundlich nickte, sagte die Baronin: „Hainsfeld kann in der That stolz sein! Diesen schmeichelhaften Ausruf hat es Ihnen bis jetzt nun jeden Tag entrissen!“

„Der Genuß,“ versetzte Bernhardine, „nimmt kein Ende und die Freude muß reden. Wenn man herumgeht in den Ställen und auf den Feldern, Thierwelt und Pflanzenwelt betrachtet – es giebt immer etwas Neues zu sehen und etwas Schönes zu bewundern!“

„Ich meinerseits,“ entgegnete die Baronin, „muß bewundern, daß eine junge Dame aus der Residenz an Räumen Geschmack findet, die doch so manches Prosaische –“

„Wofür halten Sie mich, Frau Baronin?“ rief Bernhardine fast gekränkt. „Ich gehöre nicht zu den verzärtelten, schwachnervigen Personen, an die Sie zu denken scheinen! Ich liebe die Natur, ihre kraftvollen Aeußerungen erfrischen mein Herz. In Ihrer Schweizerei gehe ich lieber auf und ab, als in einem Tanzsaal. Ich fühle mich so wohl darin, so heimlich, und fast alle Ihre Milchkühe kann ich mit Namen nennen!“

„Da haben Sie sich ja erstaunlich vertraut gemacht! Sie rivalisiren mit dem Schweizer! Auch mein Sohn würde neben Ihnen nicht bestehen!“

„Er überschaut das Ganze,“ entgegnete Bernhardine mit einem Blick auf ihn. „Er ist das Haupt, welches die Specialitäten den untergeordneten Personen überläßt.“ Nach kurzem Schweigen, zu Richard gewendet, fuhr sie fort: „Es muß ein herrliches Gefühl sein, eine so große Besitzung von oben zu leiten, die schöpferische Kraft der Natur zu unterstützen, zu lenken, und immer schönere und reichere Früchte dafür zu ernten!“

„Das ist auch wirklich eine Freude, liebe Cousine.“

Bernhardine nickte bewundernd. Dann sagte sie: „Ich gestehe Ihnen, daß ich erst in Hainsfeld begreifen gelernt habe, was Landwirthschaft ist. Immer habe ich darin etwas Edles gesehen, denn ich wußte ja, daß die alten Römer sie ganz besonders hochgehalten haben und ihre größten Männer ebenso gute Oekonomen, wie Staatsmänner und Feldherren gewesen sind. Aber meine Vorstellungen davon waren doch nur sehr allgemeine; ich wußte nicht das Eigentliche, Nähere. Die Landwirthschaft ist von einer Complicirtheit, einer Mannigfaltigkeit –“

„Das will ich meinen!“ rief der junge Mann.

„Und ich kenne jetzt keine Thätigkeit, die für den Edelmann schicklicher wäre! Die Gefälle hat man ihm genommen oder sehr beschnitten, und er ersetzt den Verlust durch wissenschaftliche Ausbeutung des Bodens, den man ihm hat lassen müssen. Er wird den Bauern in Benutzung desselben ein Vorbild, diese gewinnen noch einmal von ihm und er hat die Ehre, ihr Wohlthäter zu sein, während er die eigenen Einkünfte durch Verwerthung seiner Geisteskräfte steigert. Er kommt dem Spruch ‚Noblesse oblige‘ nach und bringt zugleich sich selber vorwärts, indem er die Aufgaben des Jahrhunderts erfüllt!“

„Vortrefflich!“ rief der adelige Landwirth.

Die beiden Mütter hatten beieinander gestanden und sich scheinbar um den Fortgang des Gesprächs nicht mehr gekümmert; aber die Rede der klugen Jungfrau wurde von ihnen nicht überhört, und während die Generalin einen flüchtigen Blick der Genugthuung auf die Tochter warf, konnte sich die Baronin nicht enthalten, zu sagen: „Sie sind geistreich, liebe Cousine, und sagen ausgezeichnet, was wir Landleute gerne hören. Aber es ist etwas Anderes, über Oekonomie gut zu reden, etwas Anderes, sie betreiben und sich auf dem Lande aufhalten! Wer an die Abwechselung des Lebens und an die Genüsse der Residenz gewöhnt ist, der, fürcht’ ich, würde den Aufenthalt hier gar bald lästig und langweilig finden.“

Frau von Hainsfeld hatte mit dieser Bemerkung von ihrem Standpunkt einen Fehler gemacht, den sie gleich erkennen sollte. Denn Bernhardine, mit dem ganzen Adel einer Verkannten, entgegnete: „Frau Baronin, ich bitte Sie, wollen Sie mir nicht ebenso unrecht thun, wie dem Landleben! Im Gegentheil: der Aufenthalt in der Residenz kann einem lästig und langweilig werden, und ich darf Ihnen sagen, daß er mir das schon sehr geworden ist. Genüsse! Die bloßen Genüsse sind es ja, woran man den Geschmack verliert! Nur eine schöne Thätigkeit und die Freuden, die aus ihr hervorwachsen, fesseln uns auf die Dauer. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich nicht wünschen, in der Residenz meinen Aufenthalt und auf dem Lande einen kurzen Besuch, sondern umgekehrt. Theater, Concerte und Gesellschaften sind interessant, wenn man sie ein paar Wochen lang im Winter besucht; wer ihre Freuden aber dreiviertel Jahr zu kosten hat, der wird zuletzt völlig stumpf dagegen! Sogar das Gute widersteht uns: und wie oft bekommen wir Gutes zu hören! Dagegen das Leben auf dem Lande ist zu jeder Zeit köstlich. Wir sind jetzt im schönsten Monat, und Sie werden mir wohl erlassen, den Frühling zu loben. Aber die anderen Jahreszeiten wiegen ihn auf. Sommer und Herbst bringen die Ernten, die Sinne und Herz erfreuen, und bringen Vergnügungen, die nach der Arbeit wirklich erquickend sind. Und der Winter? Ihn stell’ ich mir auf dem Lande eben am heimlichsten vor. Was kann es Reizenderes geben, als eingeschneit zu werden und den Sturm sausen zu hören, während wir in der stillen, warmen Stube sitzen bei traulichem Gespräch oder ansprechender Lectüre? Den Männern ist die Jagd eine Lust, und die Frauen danken für die heimgebrachte Beute durch Lob und stärkenden Imbiß. Der Besuch der Residenz im Winter ist gar nicht einmal nöthig; auf dem Lande selber kann man behaglich die Zeit erwarten, wo der Schnee schmilzt, die Wiesen grün werden und die lieblichen kleinen Vögel den neuen Frühling einsingen!“

Sie schwieg. Dann, mit bescheidener Senkung des Hauptes, fügte sie hinzu: „Ich kann mir das Glück des Landlebens nur denken! Sie, verehrte Base, und Sie, Cousin Richard, leben es, und ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen gesagt habe, was Sie besser wissen, als ich!“

Indem sie sich verneigte, trat sie zu ihrer Mutter, um für ihre gelungene Rede den gebührenden Lohn in einem zärtlichen Händedruck zu erhalten.

Richard trat zu der seinen und sagte flüsternd: „Das sollte Affectation sein?“

„Eine sehr geschickte!“ erwiderte die Frau mit einem Seufzer.

„Geh!“ rief der Cavalier mit edlem Unwillen.

Auf dem Gang ließen sich Tritte hören; die Thür that sich auf, [787] und es erschienen zwei Damen, die man ebenfalls augenblicklich als Mutter und Tochter zu erkennen vermochte, Sie waren Beide schlank, nicht zu groß und die Gesichtszüge von einer Feinheit, die an Schärfe grenzte. Die Tochter, Juliane, trat mit einer eigenthümlichen Gelassenheit auf und ließ alle Zeichen einer Denkerin an sich bemerken.

Man begrüßte sich. Richard sagte zu Juliane: „Wie haben Sie den Morgen verbracht, beste Cousine?“

Die Mutter, Geheimräthin von Sonnensels, erwiderte für die Tochter: „Wir haben einen Gang aufs Feld gemacht; dann hat Juliane gelesen!“

„Sie haben sich gewiß höchst nützlich beschäftigt, liebes Bäschen!“ sprach Frau von Hainsfeld. „Aber es ist doch schade, daß Sie nicht einige Minuten früher gekommen sind; Bernhardine hat eine Lobrede auf die Landwirthschaft gehalten, daß meinem Sohn und mir vor Vergnügen das Herz klopfte.“

Juliane konnte nicht umhin, die feinschmalen Lippen zu verziehen, als ob sie sagen wollte: das ist mir was Rechtes! Aber sie nahm schnell eine edlere Miene an und sagte: „Ich bedauere – es würde mir Freude gemacht haben! Ich habe mich aber,“ fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, „auf meinem Zimmer ebenfalls mit Landwirthschaft beschäftigt. Mich begeistern die Fortschritte, die sie gegenwärtig macht, die Aussichten, die ihr gestellt sind! Stimmen Sie mir nicht bei, lieber Vetter, daß durch ihre Verbindung mit der Naturwissenschaft für die Landwirthschaft ein neuer Tag anbricht?“

„Ich hoffe sehr viel davon.“

„Es ist erstaunlich,“ fuhr Juliane fort, „was der menschliche Geist in unsern Tagen leistet! Er beherrscht die Natur, indem er die Bedingungen ihres Lebens ergründet; er klärt und vervollständigt die Erfahrung, indem er ihre Errungenschaften mit den Errungenschaften der Wissenschaft vermehrt!“

Während einer kurzen Pause, die hierauf eintrat, bemerkte die Baronin: „Das ist mir doch ein wenig zu allgemein gesagt! Könnten Sie’s uns nicht an einem Beispiel anschaulich machen?“

„Mit großem Vergnügen,“ erwiderte Juliane. Und indem sie sich angenehm in Positur setzte, fuhr sie fort: „Jeder weiß und von jeher hat man gewußt, daß die sorgfältige Bebauung den Acker fruchtbar macht. Warum? Das war die Frage. Auf diese hat nun die Wissenschaft antworten gelernt. Weil dadurch der Boden aufgeschlossen und die Aufnahme feiner Bestandtheile in den Organismus vorbereitet wird. Nun fragt die Wissenschaft aber, ob es nicht noch andere Mittel giebt, welche dieses bewirken; und sie findet, daß dem Boden denselben Dienst auch der gebrannte Kalk leistet. Sie empfiehlt also diesen den Oekonomen; und wenn man ihn auch früher schon angewendet hat, so kann man es doch jetzt erst rationell, mit wahrer wissenschaftlicher Einsicht thun. Auch den Dünger – ich brauche nur an Knochenmehl und künstlichen Guano zu erinnern – hat die Wissenschaft gemehrt; und sicherlich wird man auch noch jene andern Stoffe, die man bisher ihrem Schicksal überlassen hat, zum Gedeihen und Flor der Felder gewissenhaft nutzen lernen. Der Forschergeist ruht niemals, und vor Nichts schrickt er zurück! Wie herrlich ist nun der Gedanke, alle Ergebnisse der Forschung durch Studien sich anzueignen und sie verwerthen zu können zu immer größerer Vervollkommnung des menschlichen Daseins! Ich für meine Person kenne keinen größern Genuß, als den Weg, den die Wissenschaft nimmt, zu verfolgen und ihn theilnehmend nachzugehen.“

Bernhardine konnte die Ungeduld, die sie empfand, nicht mehr zurückhalten. „Das ist aber doch eigentlich kein Geschäft für Frauen!“ rief sie. „Die Männer mögen die Natur zergliedern und die Begriffe spalten, das ist ihre Sache, aber für Frauen ist es denn doch zu abstract!“

„Abstract!“ entgegnete Juliane mit geringschätzigem Lächeln. „Nimm mir’s nicht übel, meine liebe Bernhardine; aber wer heutzutag nichts lernen will, der pflegt Alles, was einige Anstrengung erfordert, abstract zu nennen.“

Bernhardine richtete sich zu ihrer ganzen Höhe auf und warf ihr den Blick einer Verletzten zu.

„Was heißt abstrahiren?“ fuhr Juliane fort. „Denken! Und sollen wir Frauen nicht denken? Haben wir keinen Verstand? Können wir uns von der gemeinen Erfahrung nicht erheben zu Begriffen? Ich sollt’ es doch wohl meinen! Auch unser Kopf ist organisirt zur Wissenschaft. Wir können sie verstehen, wir können Theil nehmen an ihr. Es ist nichts nöthig als guter Wille und Ausdauer!“

„Es ist ganz erstaunlich,“ rief Bernhardine spottend, „wie Dir das auf einmal gekommen ist! Vor einem Jahr noch hat Dir nicht geträumt von solchen Dingen!“

„Alles muß einmal anfangen,“ entgegnete Juliane nach flüchtigem Erröthen. „Ich habe meine Einsichten zu erweitern gestrebt und gefunden, daß man ohne Kenntniß der Naturwissenschaft keinen Boden unter sich hat, worauf man sicher in seiner Bildung vorwärts gehen könnte. Ich habe getrachtet, mir vor allem diesen Boden zu gewinnen.“

„Ja wohl,“ sagte Bernhardine zu sich selber, „Grund und Boden willst Du gewinnen – und den Eigenthümer dazu!“

„Geist ist Macht,“ fuhr die Denkerin mit Bedeutung fort. „Die Stoffe sind dazu geschaffen, vom Geist regiert, verschönt und ausgebeutet zu werden; und sollte das weibliche Geschlecht sich selber von der Herrschaft darüber ausschließen? Wenn wir die Männer vorangehen lassen in der Wissenschaft, so ist das genug. Die Herren der Schöpfung erschließen unwegsame Pfade und brechen neue Bahnen, aber wir dürfen dabei nicht in Unthätigkeit verharren und haben uns jedenfalls an den Früchten zu betheiligen. Wenn wir uns das, was die Männer hervorgebracht, erforscht, aufgedeckt haben, nicht wenigstens aneignen, dann sind wir keine Frauen, die ihnen gleichstehen, sondern Dienerinnen, die unter ihnen stehen.“

„Es scheint fast,“ bemerkle die Rivalin, „als hätten Deine naturwissenschaftlichen Studien den Zweck gehabt, Dich zur würdigen Gemahlin eines Physikers oder Chemikers auszubilden!“

„Mich hat der reine Wissenstrieb geleitet,“ entgegnete Juliane mit Würde. „Die Erkenntniß trägt den Lohn in sich selber; sie bereichert den Geist und erhebt die Seele!“

„Gewiß,“ versetzte der junge Baron, der den Ausfall der Andern nicht hatte billigen können.

„Und sie lehrt uns,“ fuhr Juliane dadurch ermuthigt fort, „die Wirklichkeit und das Leben selber lieben und edler genießen. Ich bin immer gern auf dem Lande gewesen und die Oekonomie hat mir stets lebhaftes Interesse abgewonnen. Aber seitdem ich die Werke der großen Forscher gelesen, welche den Scharfsinn ihres Geistes und die Fülle ihrer Kenntnisse der Landwirthschaft zugewendet haben, seh’ ich die Thätigkeit des Oekonomen mit unvergleichlich größerer Befriedigung. Es ist schön, über Felder und Wiesen und Wälder und über Viehherden nach bloßer Anschauung poetisch zu schwärmen; aber es ist schöner, zugleich die Ursachen und Bedingungen des Wachsthums zu begreifen und sich an Blüthen und Früchten mit klarer Einsicht in das Wesen der hervorbringenden Kräfte zu erfreuen. Die Landwirthschaft ist gleichsam die Probe für die Richtigkeit der Untersuchung. Die Voraussetzungen, welche der Forscher zergliedert hat, treten in der Cultur zusammen und erzeugen ein Leben, das unser Herz erquickt. Der Gedanke verkörpert sich in ihr; die Wahrheit wird Schönheit, und das Häßlichste sogar muß zur Hervorbringung des Lieblichsten dienen!“

„Bravo!“ rief Richard, den diese Wendung wohlthuend berührt hatte.

Juliane, vor Vergnügen erröthend und ordentlich zu weiblicher Anmuth verschönt, bemerkte hierauf: „Ich hoffe, man wird mir vergeben, wenn ich mich einigermaßen auch um die Seite der Landwirthschaft bekümmert habe, welche von Andern trocken und langweilig gefunden wird. Ich glaube, daß sie es nicht ist und daß jene Unrecht haben.“

Ruhig und gemessen, mit dem schönen Selbstgefühl eines erreichten Zieles, trat sie zu ihrer Mutter, welche die Siegerin mit einem Blick der Liebe und der Hoffnung beglänzte.

Der Landwirth schien sich zu besinnen. Mit Artigkeit wendete er sich dann zu Juliane und sagte: „Ihre Geständnisse, liebe Cousine, ermuthigen mich, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie haben die Maschinen gesehen, die gestern eingetroffen sind?“

„O freilich,“ rief Juliane. „Aber allerdings –“

„Wenn Sie’s interessirt,“ fuhr jener fort, „werde ich sie morgen Vormittag erklären und arbeiten lassen!“

„Das ist ja herrlich!“ rief die Glückliche.

[788] „Ich weiß nicht,“ sagte Richard mit einem Blick auf Bernhardine und die Generalin, „ob auch die andern Herrschaften –“

„Das versteht sich wohl von selbst!“ rief Bernhardine mit großer Lebhaftigkeit. „Ein Vortrug von Ihnen findet bei uns die gespannteste Aufmerksamkeit! Und wenn wir auch nicht so studirt sind, Ihre Auseinandersetzung wird uns Alles klar machen. Es ist eine Mähmaschine?“

„Und ein Räderwerk, das die sprödesten Schollen zermalmt.“

„Ich freue mich unendlich, sie über den Acker gehen zu sehen! Die Maschine ersetzt die Kräfte der Menschen und befreit diese zu würdigern Arbeiten. Eine humane Seele kann sie nur mit vollster Genugthuung betrachten!“

Die Geheimräthin und Juliane lächelten über diesen Eifer. Die Baronin schwieg. Sie schien in ihrem Kopf einen Gedanken zu wälzen.

In diesem Augenblick ging die Thüre aus und zwei neue Gestalten traten in den Saal.




2.

Wie man leicht sehen konnte, waren es gleichfalls Mutter und Tochter, gebildete Frauen, die aber durch ihre Erscheinung und ihr Benehmen mit den schon anwesenden auffallend contrastirten. Während diese in eleganter und immerhin auch kostbarer Kleidung dastanden, war der Anzug der Beiden von einer Einfachheit, die fast ärmlich ließ. Ebenso groß war der Unterschied im Ausdruck der Gesichter. Die Damen aus der Residenz zeigten großes Selbstgefühl und vollkommene Zuversicht. Man sah ihnen an, sie hatten dem Hause durch ihren Besuch eine Ehre erwiesen; die Absichten, die sie hergeführt, waren im Grunde für den Eigenthümer nur schmeichelhaft, aus allen Gründen rechneten sie auf eine achtungsvolle Gastfreundschaft. Die Mienen der neu Eingetretenen dagegen waren resignirt, und selbst aus der Freundlichkeit, womit sie grüßten, sprach ein Hauch von Kummer, eine unüberwindliche Gedrücktheit der Seele. Die Gesichter waren nicht nur wohlgebildet, sie hatten einen edlen Schnitt, aber Kleinmuth und ein gewisser Unmuth darüber, die sich beide in ihnen malten, ließen sie nicht zu ihrer Wirkung kommen.

Es waren arme Verwandte im Hause des Reichen: Frau von Weiden und ihre Tochter Marie. Sie waren nicht nur arm, sie waren reich gewesen und arm geworden. Noch vor wenigen Jahren durften sie glauben, sich in guten, behaglichen Verhältnissen zu befinden. Aber der plötzliche Tod des Vaters enthüllte ihnen, daß das Vermögen durch den Speculanten, dem es nicht genügt hatte, bis auf wenige Trümmer verschuldet war. So lastete die Armuth mit doppeltem Gewicht auf ihnen.

Die Wittwe, durch ihren verstorbenen Mann verwandt mit der Baronin, war von dieser eingeladen worden, in Hainsfeld sich aufzuhalten, bis für sie oder ihre Tochter eine angemessene Beschäftigung oder irgend eine passende Stellung auskäme. Seit vierzehn Tagen befanden sie sich hier, und zwar hatten sie zuerst eine Wohnung im Hauptgebäude, neben der Baronin, inne. Als aber die Damen aus der Residenz kamen, die sich gewissermaßen selbst eingeladen hatten, mußten sie ihre Zimmer abtreten und einen entfernteren Seitenflügel beziehen.

Marie war eine von den Gestalten, die auf den ersten Blick Antheil und Mitleid einflößen. Sie glich einer Blume, welche durch die Ungunst der Witterung in ihrer Entfaltung aufgehalten worden und nun eben da, wo sie am schönsten erblühen sollte, schon zu welken beginnt. Ihr bräunlicher Teint war gebleicht, ihr Gesichtsausdruck leidend. Sie war nicht mehr, was sie gewesen, sondern der Schatten ihrer selbst geworden und sie wußte es! Wenn übrigens die Baronin sie die „kleine Marie“ nannte, so durfte man das nicht eigentlich nehmen: sie war größer, als Juliane, und stand etwa zwischen dieser und Bernhardine. Aber durch ein eigenthümlich in sich gekehrtes Wesen, womit sie sich nach außen klein machte, schien der Ausdruck doch gerechtfertigt.

Charakteristisch war von Seiten der schon Anwesenden der Willkomm. Die Damen aus der Residenz dankten dem Gruß mit einer Herablassung, in der sie sich für eben so großmüthig wie höflich zu halten schienen. Die Freundlichkeit der Baronin und Richard’s war herzlicher, aber man sah doch, wie sich’s Beide mit ihnen recht leicht machten! Dem jungen Mann begegnete es, durch eine Handbewegung zu grüßen, in welcher der Vertraulichkeit so wenig Achtung beigegeben war, daß das Gesicht Marie’s in leises Beben gerieth und ihre Lippen auf einen Moment die Farbe verloren.

Juliane, die sich dermalen von Allen am sichersten fühlte, trat einen Schritt gegen sie vor und sagte mit auffallender Güte: „Wo kommen die Damen her? Sie sehen ein wenig angegriffen aus, liebe Marie!“

Die Angeredete zuckte, aber sie erwiderte geduldig: „Wir kommen vom Garten.“

„Und vorher,“ setzte Frau von Weiden hinzu, „sind wir auf dem Felsen gewesen, wo Marie das Schloß gezeichnet hat, um ein Aquarellbild davon zu machen. Droben war es heiß!“

„Sie zeichnen und malen?“ fragte die Gelehrte beifällig. „Das Erste, was ich höre.“

„Blos zu meinem Vergnügen,“ erwiderte Marie.

„Sieh, sich, eine Künstlerin! Und das erfährt man erst jetzt? Nun begreif’ ich übrigens Ihre Ausflüge, Ihr einsames, träumerisches Wesen und die geringe Aufmerksamkeit, welche Sie der Oekonomie zu schenken für gut finden!“

Der Zusatz war als eine Art von Scherz mit Leichtigkeit hingeworfen. Marie sah ihr betroffen forschend in’s Gesicht.

„Nun,“ fuhr jene fort, „das können Sie doch nicht leugnen! Sie waren nie dabei, wenn Herr von Hainsfeld uns herumführte und wenn es hier etwas zu sehen und zu lernen gab!“

Die Lippen der Kritisirten verzogen sich zu einem schüchternen Auedruck von Spott und sie sagte: „Das Interesse für die Landwirthschaft war durch die Herrschaften aus der Residenz so gut vertreten, daß ich nicht den Muth hatte, mit ihnen zu wetteifern!“ Mit einer Stimme, in welcher die Ironie sich gänzlich verlor, setzte sie hinzu: „Herr von Hainsfeld wird verzeihen!“

„O,“ rief dieser fast lachend, „ich mache durchaus keine Ansprüche!“

Das war in einem Tone gesagt, der auf das Mädchen keine gute Wirkung äußern konnte. Sie erröthete und warf einen Seitenblick auf ihn, der eine Klage enthielt.

Bernhardine fand sich nun bewogen, auch ein Wort zu sagen. „Von einem Wetteifer,“ bemerkte sie, „kann hier keine Rede sein; es handelt sich blos um einen Antheil, von dem ich in der That nicht begreife, wie er fehlen kann. Was sind Gedanken, die man sich macht, und einsame Phantasien gegen die Anschauung der Natur und der Einrichtungen, wodurch sie immer schöner und gedeihlicher wird! Nun, morgen,“ setzte sie mit Bedeutung hinzu, „werden Sie hoffentlich die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen! Baron Richard wird uns morgen theoretisch und praktisch in zwei Maschinen einweihen, die aus England gekommen sind.“

(Fortsetzung folgt.)




Ein untergehendes Volk.

An der Nordküste Anatoliens, wo das Waldgebirg Aghatsch zu den Wogen des schwarzen Meeres hinabsteigt, befindet sich ein meilenweites Lager. Hier haben Dreißigtausend von jenen Tscherkessen einstweilige Unterkunft gefunden, die nicht länger unter dem Joche der „Ungläubigen“ leben mochten, sondern vorzogen auszuwandern und in muhammedanischem Lande sich eine neue Heimath zu gewinnen. Die Zeitungen haben uns von dem Elend dieser Auswanderer wiederholt berichtet, das allerdings furchtbarer nicht gedacht werden kann. Unter ärmlichen, unsauberen Filzzelten (Burkas), in düsteren und feuchten Erdgrubenhütten oder luftigen Zweigbaracken liegen hier diese Dreißigtausend. Auf plumpen Lodken (Segelfahrzeugen mit Rudern versehen) sind sie ausgefahren von den Ufern des Rion, aus Gelendschik, Anaklia, Ossurgeti, Poti, Redut-Kaleh, oder wo es ihnen

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Die Gartenlaube (1865) b 789.jpg

Tscherkessen beim Überfall.
Nach der Natur gezeichnet von Theodor Horschelt.

[790] gelang, die Ufer des „Meeres der Gastfreundschaft“ zu erreichen; sie haben hinter sich gelassen den immergrünen Buschwald von Imeretien und Mingrelien, die düsteren Schluchten, durch welche der Terek rauscht, die schneeigen Gipfel des Kasbek und Elbrus; den Rücken wandten sie der väterlichen Isba (Hütte) und den Auls (Dörfern) der geliebten Heimath. Denn sie ist entweiht: der ketzerische Moskof legt seine schwere Hand darauf und verbietet das Stegreifthum, den lustigen Nachtritt nach feindlichen Heerden, die Blutrache und den Weiberhandel. Da hat denn das arme, freiheitliebende, zwar bewältigte, aber unbezähmbare Volk der Berge beschlossen, dem Vaterland Valet zu geben und Schutz und Hülfe zu suchen beim Herrn der hohen Pforte, dem Beschützer aller Gläubigen. Jene Dreißigtausend, welche in Anadoli lagern, sind nur die letzten Nachzügler; andere, früher ausgewanderte Tscherkessenschaaren liegen in der Dobrudscha, zwischen Varna und Kustendsche, auf der Halbinsel Gallipoli, im Waldgebirg der Dragodina und da und dort in der Provinz Rumili; die Gesammtzahl der Heimathlosen beläuft sich weit über Hunderttausend und sie ist ungeheuer im Verhältniß der dünnen Bevölkerung des Kaukasus. Die Russen legen der Auswanderung kein Hinderniß in den Weg, sie wissen wohl warum. Die Türkei jedoch ist durch sie in große Verlegenheit gekommen. Die Regierung darf die Glaubensgenossen, welche der Herrschaft des griechischen Kreuzes entfliehen, nicht zurückweisen und doch weiß sie durchaus nicht, was sie mit ihnen anfangen soll; von Tag zu Tag häufen sich die Schwierigkeiten. Einstweilen begnügt sie sich damit, den Flüchtigen bestimmte Gebiete anzuweisen und ihnen Lebensmittel zuführen zu lassen, aber dies kann nur in höchst unzureichender Weise geschehen, zumal in Gegenden, welche kaum das Nothwendige für die eigene Bevölkerung produciren. Daher ist unter den armen Kaukasiern die höchste Noth ausgebrochen, mehr noch, die Cholera; täglich sterben Hunderte dahin und das Elend unter ihnen wächst in unbeschreiblichem Maße.

Freilich waren ihnen auch Ländereien und Saatgetreide zugetheilt worden, aber sie hatten das letztere verzehrt, ohne die ersteren zu bestellen; denn die freien Söhne der ewigen Berge erachten den Ackerbau für Schande und betreiben ihn nur vermittelst ihrer Sclaven. Als Soldaten wären sie wohl zu gebrauchen und der Regierung als solche willkommen, wenn sie nur lernen wollten sich der Disciplin fügen; das ist ihnen aber ganz unmöglich; selbst der Versuch, sie unter die Baschi-Bozuks (eine Art freiwillige Landwehr) zu bringen, ist gänzlich fehlgeschlagen. Einer ihrer Haufen hatte sich in den Dragodinawald (im Gebirge Tekir, das parallel mit den Dardanellen von Nordosten nach Südwesten läuft) geworfen, daselbst Verhaue errichtet und brandschatzte die Umgegend auf unerhörte Art; namentlich litt die Stadt Enos darunter. Der Gouverneur, Hakki-Pascha, beschloß dem Unwesen ein Ende zu machen und zog mit achtzig regulären Soldaten und ein paar Hundert Baschi-Bozuks vor das Räuberlager. Bei den ersten gewechselten Schüssen flohen die letzteren, aber die Regulären stürmten mannhaft, siegten und zersprengten, tödteten oder fingen die Meisten der ihnen an Zahl weit überlegenen Tscherkessenbande. Und doch war der Anführer der letzteren, welcher mit mehreren Getreuen zu Pferde entkam, ein berühmter Held des kaukasischen Krieges. Mohammed-Bey. Aus dieser und vielen ähnlichen Thatsachen geht sowohl die üble Lage der Pforte, als auch ihre immer größer werdende Gleichgülligkeit gegen die Leiden ihrer Gäste zur genügenden Erklärung hervor, und furchtbar sind ihre Leiden – und so sterben sie dahin, vergehen hier in der Fremde, wie dort in der Heimath, ein verlorenes, zum Untergange bestimmtes Volk. Umsonst bieten sie ihre Weiber, ihre Töchter, ihre Kinder zum Verkauf – der Sclavenhandel wird selbst in der Türkei nur geduldet, wo die Macht fern ist – umsonst geben sie selbst ihr Kostbarstes, ihre Waffen, hin für Reis und Fleisch; aber lieber verhungern sie, lieber fallen sie der Seuche zum Opfer, als daß sie den Arm heben zur Bebauung des Bodens! Sie sind verloren!

Diese Auswanderer sind so ziemlich die letzten Reste des besten Kerns jener unabhängigen Völkerstämme des Kaukasus, deren Kämpfe gegen die Bezwinger seit mehr als hundert Jahren die Aufmerksamkeit des Abendlandes auf sich gezogen haben, welches gern in ihrem bergigen Vaterland die Heimath seiner Völkerracen erblickt. Schon Peter der Große (1711), schon Potemkin (sprich Patjomkin) 1780 rüttelten an den Felsenthoren der kaukasischen Vesten, aber mit geringem Erfolg. Und längst nachdem Transkaukasien bis zum Araxes bezwungen und russischer Oberhoheit unterworfen war, hielten sich noch die kleinen, aber tapferen Stämme des Bergvolks gegen die gewaltigen Heere des Czaren, welche jeden Fußbreit eroberten Landes mit Strömen Blutes düngen, mit gebleichten Knochen übersäen mußten.

Die Nation, welche wir unter dem Namen „Tscherkessen (Cirkassier)“ begreifen, existirt nicht, oder vielmehr, wir fassen darunter eine ganze Reihe von verschiedenen Völkerstämmen zusammen. Im westlichen Kaukasus bilden die eigentlichen Tscherkessen, deren Wohnsitze sich vom Kuban bis zum Flusse Bu unweit Gagra erstrecken, den Kern der Bevölkerung, um welchen in geringer Zahl Stämme der Abchasen, Ubichen, Dshigeten, Kabarden und Tataren vom Elbrus (Karatschai) sich gruppiren. Im östlichen Kaukasus sind die Tschetschenzen das Hauptvolk; sie wohnen in dem Gebiet des Terekflusses; an sie reihen sich südöstlich vom Koisu die Lesghier in Daghestan, welche wiederum in viele kleinere Stämme zerfallen. Alle diese Völkerschaften, namentlich aber die letztgenannten, hatten sich seit Jahrhunderten mannhaft gegen Eroberer zu wehren; Ritter, der große Geograph, sagte von ihnen: „Die Kriege Timur’s, Peter’s des Großen und Nadir Schah’s gegen die Völker des östlichen Kaukasus haben bewiesen, daß die Localitäten von Daghestan und Lesghistan zu den großen isolirten Weltburgen für Völkerstämme gehören, welche ihre Besitzer und Vertheidiger vor jedem Andrange von Völkerwogen zu schützen vermögen, vor welchen selbst die Schaaren von Kriegsknechten der mächtigsten Gewalthaber zurückstieben, wie die wogenden Brandungen an den Küstenklippen oceanischer Eilande.“ – Er hat sich im Irrthum befunden; die force majeure der Kanonen und das diplomatische „Theile und herrsche“ kennen keine unbezwingbaren Vesten mehr. Und so ist auch nach dreißigjährigem hartnäckigem Kriege endlich ganz Kaukasien von den Russen erobert worden und wird ihnen schwerlich jemals wieder entrissen werden. Die Tscherkessen kämpften, bald in einzelnen Stämmen, bald verbunden, unverdrossen und mit bewundernswürdiger Tapferkeit unter ihren Feldherren und Propheten, deren größter Schamyl ist, der Imam (Prophet) und Häuptling der Tschetschenzen, mit den „Blitzen in den Augen und Blumen auf den Lippen“, wie der daghestanische Dichter sagt; der Achilles des Kaukasus, der, umringt von der heiligen Schaar seiner Müriden, unversehrbar im Streite schien; der das begeisternde Banner des Religionskrieges entfaltete und darauf schrieb: „Muhamed ist Allah’s erster Prophet, Schamyl der zweite!“ Diesen Tscherkessenhelden fochten die ausgezeichnetsten der russischen Generale gegenüber.

Hin und her schwankte die Woge des Kampfs; die Russen führten ihn mit zäher Ausdauer, indem sie einen Streifen Landes nach dem andern eroberten und sofort mit kleinen Festungen bepflanzten; in offener Feldschlacht blieben sie gewöhnlich Sieger. Allein zu dieser kam es selten. Die Bergvölker kämpfen in berittenen Horden, deren Anprall furchtbar, oft unwiderstehlich ist; wird derselbe aber ruhig empfangen, tapfer geworfen, dann ist auch sofort das Loos des Tages entschieden, die Tscherkessen wenden sich zur Flucht, während welcher sie, gleich den Arabern, die Gewehre laden und gegen die Verfolger brauchen. Der Artillerie vermochten sie niemals Stand zu halten, freilich war anfangs deren Gebrauch in ihren Bergschluchten sehr beschränkt. Seitdem aber verbesserte Berggeschütze und Raketenbatterieen bei den Russen eingeführt worden waren, verdoppelten sich ihre Erfolge. Des Sieges im Voraus gewiß, mit furchtbarem Geschrei, stürmten in rasendem Galopp die gepanzerten Murtosigaten (Elitecorps) oder die bunten Stämme der Aule auf die langsam in Schlachtordnung heranrückende russische Infanteriecolonne. Aber ehe die Tscherkessen nahe genug sind, um ihre langen Flinten im Galopp abzudrücken, auf den Rücken zu werfen und den furchtbaren Schaschka (Säbel) schwingend in die Colonne einzubrechen, öffnet sich diese, und eine maskirte Batterie schleudert den tollkühnen Reitern einen schweren Eisenhagel entgegen. Mit gellem Aufschrei der Wuth und der Verzweiflung – denn viele ihrer Brüder sind gestürzt – pariren sie auf dem Fleck ihre hageren, unschönen, doch flüchtigen Rosse und stieben in regelloser Flucht durch den hohen Burian (Unkraut, Ried) der Berghalden, bis sie sich wiederum sammeln, um einen neuen Angriff zu wagen oder günstigere Gelegenheit abzupassen.

Eine derartige Scene veranschaulicht das lebhaft bewegte [791] Bild – es ist gezeichnet nach der Natur von dem Maler Theodor Horschelt (geboren 1829 in München), welcher, nachdem er schon vorher in Spanien und in Algier seine Mappe gefüllt, im Jahre 1858 in den Kaukasus ging und alle Feldzüge gegen die Lesghier in der Tschetschnia und dem Daghestan bis zur Beendigung des Krieges mitmachte. Ueberhaupt war der Kaukasus eine Schule für Soldaten, Touristen und Künstler; wir nennen die Deutschen Prinz Alexander von Hessen, den tapfern Feldmarschall; Emil von Wittgenstein (der sich auch als Dichter bekannt gemacht hat); von Gersdorf (Commandirender der Freicorps in Schleswig-Holstein 1848); Bodenstedt, Moritz Wagner; die Briten Longworth, Bell, Urqhuart etc. Durch die Sympathieen, welche der hartnäckige Kampf um ihre Freiheit den Bergvölkern von allen Seiten zutrug und Furcht und Haß gegen Rußland nährten, wurden diese Bergvölker mit einem poetischen Nimbus umgeben, den sie in der Wirklichkeit wahrlich nicht verdienen. Man rühmte, beschrieb und besang ihre körperliche Schönheit, ihre adelige Ritterlichkeit, ihre Freiheitsliebe; besonders die englischen Touristen konnten kaum Worte genug des Lobes finden für die „Hüter des indischen Reichs“! Wahrheitstreue deutsche Beobachter haben das Bild jener interessanten Völker auch von der anderen Seite gezeigt. Es ist wahr, sie sind ein schöner, trotziger, tapferer Menschenschlag; wohl dessen fähig, was einst ihr Führer Hamsad Bey erklärte: „Wenn uns die ganze Welt verläßt, wenn all unsere Widerstandskräfte erschöpft sind, dann werden wir unsere Häuser, unser gesammtes Eigenthum verbrennen, unsere Weiber und Kinder erwürgen und aus unsere Felsen uns zurückziehen, um dort fechtend zu sterben bis auf den letzten Mann!“

Allein den wenigen guten Eigenschaften der Kaukasier steht eine weit größere Zahl von schlechten gegenüber. Sie sind Räuber, und zwar unverbesserliche, jeder Arbeit feind, dabei jedoch habgierig, grausam, treulos, roh bis zum Exceß. Ihr Fanatismus kennt keine Grenzen, ist weit eingefleischter, als derjenige der europäischen Mohammedaner. Von Liebe zu den Ihrigen, von Familienglück, von des Hauses wirklicher Ehre wissen sie nichts; fühllos setzen sie die gebrechlichen Kinder aus; der Handel mit ihren Weibern und Töchtern, den sie nach Constantinopel trieben, bildete ihre ganze Verkehrsthätigkeit mit dem Ausland, und als Fürst Woronzoff im Jahre 1846 das Verbot desselben zeitweilig wieder aufhob, erreichte er dadurch die Unterwerfung aller daghestanischen Provinzen, selbst des gebirgigen, für unbezwingbar gehaltenen Tabasseran. Zwar herrscht, wie bei allen gewaltthätigen, wilden Völkern, auch unter den Kaukasiern die Blutrache, allein in der schimpflichsten Weise, ganz anders, als bei den Corsen; denn bei den Ersteren kann jeder Mord, und sei es der des Vaters oder Sohnes, durch ein Blutgeld gesühnt werden, welches niemals zurückgewiesen wird. Die Ritterlichkeit der Tscherkessen beschränkt sich auf ihre imponirende Erscheinung hoch zu Roß, auf ihr Achtung gebietendes Aeußere und auf ihren stolzen Kastengeist. Der Pschi (Fürst) und der Usden (Edelmann) sondern sich streng ab von den Tschfokotls (Freigelassenen) und Pschilts (Leibeigenen), die sie mit Verachtung und despotischer Härte betrachten oder knechten; niemals findet eine Vermischung der Kasten statt. Was von der ritterlichen Behandlung ihrer Gefangenen hier und da erzählt worden ist, beruht Alles auf poetischer Licenz; im Gegentheil wurden dieselben ohne Ausnahme geradezu scheußlich gequält, zu den niedrigsten Verrichtungen gezwungen, mußten Hunger und Durst leiden; Tausende sind auf diese Weise elend hingemartert worden. Es ist bekannt, daß den meisten Gefangenen der Tscherkessen kurze Pferdehaare in die Fersen eingebohrt wurden, um sie am Entlaufen zu hindern. Die Sclavenhalterei war im Kaukasus ganz allgemein; die Sclaven wurden geraubt und mußten für die Räuber den Acker bauen. Völker mit dergleichen Institutionen aber, die Geschichte lehrt es, gehen rasch unter, sobald die Civilisation an sie herantritt. Auch die Tscherkessen sind ein im Aussterben begriffenes Volk; was von ihnen nicht in die Türkei, nach Persien und Turkmanien ausgewandert ist, das wird allmählich erlöschen und verschwinden unter dem Hauche der nachrückenden Sittlichung – ein so curioses Kosakengewand dieselbe im Anfang auch tragen mag – wie ein Binsenlicht, dem die Nahrung ausgeht.

Als der Krimkrieg entbrannte, entflammten sich auch die Hoffnungen der Tscherkessen auf die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit noch einmal zu voller Höhe. Schon vorher hatte Schamyl von dem Sultan Abdul-Medschid die Zusicherung des Schutzes erhalten; als die Verbündeten auf den Steppen bei Balaklava und Sebastopol lagen, ihre Flotte das Asow’sche Meer befuhr und Kertsch zerstörte, da brachen auch die Bergvölker hervor aus ihren Schlupfwinkeln, fielen in die abchasische Küstenebene und in die Kabardei, nahmen und zerstörten viele russische Vesten. Seser Bey, der berüchtigte tscherkessische Räuberhäuptling, ward nach zwanzigjähriger Gefangenschaft in Adrianopel zu seinem Volke entlassen, um es aufzuwiegeln; Murschid Pascha (Guyon) bemühte sich im Vereine mit Schamyl, eine geordnete Heeresorganisation einzuführen. Aber umsonst, alle berechtigten Neuerungen scheiterten an der unbezwingbaren Ungebundenheit der Tscherkessen, welche, sobald ein glücklicher Schlag geschehen war, dem Feldherrn den Rücken wandten, um die gemachte Beute in ihren Aulen in Sicherheit zu bringen. Als daher nach beendigtem Krimkriege erprobte russische Truppen in den Kaukasus geworfen wurden, da siegten die Künste der Strategie im Verein mit den „Pistolen des Kaisers“ (so, oder auch „tausend Mann“, nennen die Tscherkessen die Kanonen) bald auf allen Punkten und zogen das eiserne Netz um die unglücklichen Völker immer enger und enger zusammen. Unter dem Oberbefehl des Fürsten Bariatinsky, durch die Generale Jeffdokimoff, Miliutin, Tarchanow, Mirski, Wrangel, Keßler, Nicolai etc. wurden die Tscherkessen überall zurückgedrängt, so daß im Juli des Jahres 1859 schon Deputationen sämmtlicher Stämme ohne Ausnahme die Unterwerfung erklärt hatten. Nur Schamyl mit dem Reste der Müriden hielt sich noch in unzugänglichen Verstecken; so lange er aber lebte und wirkte, hatte keine Unterwerfung Werth. Allein auch er ward endlich aufgefunden, umstellt und nach verzweiflungsvollem Kampfe am Gunil-Dagh in Daghestan gefangen genommen. Maler Horschelt hat als Augenzeuge auch den Moment dieser Entscheidung, die Begegnung zwischen dem gefangenen Imam und seinem Besieger, dem Fürsten Bariatinsky, in einem großen, portraitreichen Bilde verewigt. (Verfasser dieses fuhr in der Nacht vom 2. zum 3. September 1859 mit dem russischen Oberst, der die Gefangennahme Schamyl’s nach Petersburg meldete und aus Tiflis kam, im Perekladnoi (Bauernwagen ohne Federn) von der Station Malachoff hinter Tula bis nach Serbuchow an der Oka; er hofft, von dieser Fahrt später erzählen zu können.)

Mit der Gefangennahme Schamyl’s – welcher im Gouvernement Tula internirt wurde – war die Unterjochung des Kaukasus beendigt und die Mauer zwischen den russischen Besitzungen vom Kuban bis zum Kur thatsächlich gebrochen. Rasch begann die Colonisation – in die Geleise der Kanonen trat der Pflug. Die Russen haben unleugbar Geschick dazu, namentlich weiß die Regierung das fremde Element dabei gehörig zu unterstützen und zu fördern. Bekanntlich sind die deutschen Colonien im südlichen Rußland überaus zahlreich und ihre Bevölkerung wächst in Folge der trefflichen Lage, in der sie sich befinden, dermaßen, daß es ihr in ihren Sitzen schon eng zu werden beginnt. Von Norden und Süden, aus den Thälern der Wolga und des Kur, von Saratow, Sarepta, von Elisabethopol und Tiflis her wandern die „Schwaben“ und Menonniten in den Fußstapfen der Kosaken ein in die fruchtbaren Hochebenen des Kaukasusgebirges. Schon haben seit fünfzig Jahren die „verpflanzten“ Saporoger die Küstenstriche der Abchasen besiedelt, in weitern fünfzig Jahren wird die deutsche Sprache widerklingen an den Felswänden des Kasbek und Elbrus. In die wehmüthige Betrachtung, der sich Niemand erwehren wird, welcher den unvermeidlichen Untergang eines Volkes vor Augen hat, mischt sich dann der tröstende Gedanke von der Nothwendigkeit der Entwickelung der Menschheit, welche gebieterisch im Kampf um das Dasein fordert, daß der schwächere, nicht entwickelungsfähige Stamm dem stärkeren, entwickelten und zur Höhe strebenden weiche. Und so geht auch dort im Kaukasus jener Proceß vor sich, welcher, schon längst begonnen, die Aufgabe der Zeit und Zukunft ist – die Rückwanderung der Cultur von Westen nach Osten. Denn, wie Rückert schon sagt: „Die Geschichte ist nur ein Wandel über des Daseins schwankende Brücke – hin und zurücke!“




[792]
Aus dem Tagebuche eines Verbannten.[1]
1. Witt’s Flucht aus Zweibrücken.

Die provisorische Regierung der Rheinpfalz hatte mich 1849 zum Civilcommissar für die drei Cantone Homburg, Landstuhl und Waldmohr ernannt, und meine Thätigkeit in dieser Richtung wie bei andern Vorfällen hatten mich schließlich nach Einrückung der preußischen Armee und nach Besiegung des noch nicht organisirten Aufstandes unter der Anschuldigung des Hochverrathes und der bewaffneten Rebellion in den Kerker geführt.

Aus dem Gefängnisse von Neustadt a. H. nach der Festung Landau gebracht, wurde ich von da nach Zweibrücken in das Criminalverwahrungshaus weiter befördert. Mehrere hundert Männer der Pfalz mit einigen Braven aus andern Gauen Deutschlands barg dieser citadellenartig gebaute Kerker, den man zum Staatsgefängnisse umgewandelt hatte: viele der angesehensten Bürger des Rheinlandes, Mitglieder der Ständeversammlung, Bürgermeister, Redacteure politischer Blätter, Gerichts- und Verwaltungsbeamten, Officiere der Insurrection, Posthalter, Pfarrer und Lehrer, Techniker, Candidaten aller Facultäten und Studenten vermischt mit Gutsbesitzern, Handelsleuten, Industriellen und Handwerkern. An guter Gesellschaft fehlte es wahrlich nicht. Aber es fehlt in einem Gefängnisse – an der frischen, freien Luft. Und Freiheit ist die Vorbedingung körperlichen und geistigen Wohlseins für den denkenden und fühlenden Mann. Hierzu kam der Gram über die Niederlage unsrer heiligen Sache, und die wenigen Hoffnungen, die wir verzweifelnd noch hegten, schwanden allmählich dahin nach der Kunde der Pariser Junikatastrophe, nach Napoleon’s Erhebung zum Präsidenten der französischen Republik und der Wiederherstellung des alten Regime in den deutschen Staaten.

Die lange Untersuchungshaft und eine animose Behandlung der Anklage mit Quälereien aller Art, wie leider dies bei politischen Processen fast überall vorzukommen pflegt, erhöhten noch die den politischen Gefangenen eigenthümliche Reizbarkeit, die sich psychologisch durch die Seelentrauer über den Sieg der feindlichen Partei und die Leidenschaften einer niedergeworfenen Revolution erklärt.

Unsere Freunde, die nicht die Schweiz oder den französischen Boden erreicht hatten, schmachteten in den Casematten von Rastatt und Landau. Der Kriegszustand war proclamirt worden und die Standgerichte häuften in raschen Executionen ihre Opfer. Wir armen Wehrlosen ballten ohnmächtig die Fäuste und erbebten vor dem eigenen Loose, vor den Folgen einer leidenschaftlichen Anwendung der drakonischen Gesetze des Code pénal und der Einsetzung eines Specialgerichtshofes.

In Rastatt, in Landau und an andern Orten suchte man auszubrechen, und hier und da gelang ein kühner Plan. Auch uns kam der Gedanke an Flucht. Wir, das heißt ich und eine Anzahl Strudelköpfe, beschlossen nun einen gewaltsamen Ausbruch in Masse und hatten folgenden Plan verabredet, der im Momente der Ausführung den Mitgefangenen eröffnet werden sollte.

Hierzu war die Zeit der täglichen Promenade im äußern Rundhofe und Garten zwischen dem Hauptgebäude und der Ringmauer ersehen. Wenn die Säle und Hallen zu diesem Behufe an dem bestimmten Tage geöffnet würden, sollte von den Eingeweihten den einzelnen Abtheilungen das Vorhaben mitgetheilt werden und den Aengstlichen oder wenig Compromittirten, die sich dem Ausbruche nicht anschließen wollten, überlassen bleiben, ruhig und passiv sich zu verhalten. Die Andern hätten sich sofort wehrbar zu machen. Als improvisirte Waffe waren die Stäbe eines eisernen Treppengeländers bezeichnet, welche mit einigen Axthieben und Hammerschlägen, wozu man die Werkzeuge in der Küche und Holzkammer finden konnte, leicht loszulösen waren. Während dieser Operation sollten alle Angestellte, der Verwalter Klühenspieß und die Beschließer, überwältigt und gebunden in einen innern Saal gebracht werden. Dann sollte das äußere Thor des Haupthauses, das in den Rundhof führt, geöffnet werden und die Theilnehmer hätten langsam, als ob nichts vorgefallen wäre, hinauszutreten und die gewohnten Reihen zum Spaziergange zu bilden. In diesem Momente hatte die Militärabtheilung, welche die untern Räume des Inspectionshauses, das über dem einzigen nach außen führenden Thore erbaut ist, besetzt hielt, den äußern Hof und Garten mit Wachposten rings um das Hauptgebäude garnirt, um die Spaziergänger, die stets nach einer Richtung gehen mußten, näher zu überwachen und etwaige Annäherung an die überdies sehr hohe Ringmauer zu verwehren.

Es handelte sich nur darum, um unnöthiges Blutvergießen zu ersparen, so schnell wie möglich die Wache des Vorderhauses zu überwältigen. Einer unserer Mitverschworenen, Carl von Loreck, ein kräftiger, muthiger Bursche, Adjutant Willich’s und Hauptmann einer Freicompagnie, der im Gefechte von Annweiler nach tollkühnem Widerstande in die Hände der Preußen gefallen war, hatte sich dazu erboten, aus den Reihen, in den Mantel gehüllt, wie zufällig herauszutreten, dem Posten vor dem Wachhause sich zu nähern, dem Soldaten schnell den Mantel über und ihn also zu Boden zu werfen. Im selben Augenblicke hatte die Sturmcolonne, geführt von Obristlieutenant Straßer, aus den Reihen der Spaziergänger sich zu bilden, mit den unter den Kleidungsstücken verborgenen Eisenbarren in gymnastischem Laufe nach dem Wachhause zu eilen und die zweifelsohne auf der Schildwache Lärmruf heraustretende Mannschaft anzugreifen.

Bei der großen Körperkraft und Gewandtheit Loreck’s, der wahrscheinlich seine Aufgabe glücklich gelöst haben würde, war zu vermuthen, daß die überrumpelte Wache durch die Uebermacht der kräftigen Gegner bald besiegt würde. Jedenfalls waren wir zum Aeußersten entschlossen. Nachdem der Ueberfall gelungen, sollte die Wachmannschaft entwaffnet und eingeschlossen werden. Es bliebe dann nur übrig, das äußere Thor zu öffnen und nach Entwaffnung oder Beseitigung der äußeren Schildwache schnell das freie Feld zu gewinnen und in getrennten Abtheilungen nach den nahen Waldungen zu eilen. Möglichst schleunig sollte dann schließlich die nur zwei Stunden entfernte französische Grenze erreicht werden.

Der Plan war nicht ungeschickt und bei der Isolirtheit des vor der Stadt in ziemlicher Entfernung von den Casernen gelegenen Gefängnisses berechtigt, ein erwünschtes Resultat in Aussicht zu stellen. Dieser Plan, dessen einzelne Theile genau erwogen und geprüft waren und dessen Ausführung wir mit Ungeduld entgegensahen, mußte aus Convenienzrücksichten einigen älteren Männern und Parteiführern zur Genehmigung vorgelegt werden. An der Bedenklichkeit dieser Besonnenen scheiterte die Sache trotz unserer glühenden Einwendungen. Man mahnte dringend vor der Mittheilung an die Masse der Mitgefangenen ab, wo unser Vorschlag jedenfalls die Majorität erhalten haben würde. Man besprach den Gewissenspunkt, das Leben Eines oder des Anderen der Unseligen oder eines armen, der Disciplin gehorsamen Soldaten zu gefährden. Dabei deutete man auf die damals in der Pfalz noch gehoffte Generalamnestie und im schlimmsten Falle auf Freisprechung durch das Geschwornengericht hin.[2]

Ich grollte, mußte mich aber fügen und beschloß nun auf eigene Faust einen Fluchtversuch. Nur wenige der zuverlässigsten Freunde wurden in’s Geheimniß gezogen.

Mir und einigen meiner Schicksalsgenossen war es gestattet, des Nachmittags anstatt des Spazierganges eine Stunde in den Privatzimmern des Gefängnißverwalters Klühenspieß[3] zuzubringen, um uns musikalisch zu unterhalten. Es befand sich dort ein Fortepiano, welchem bald eine Guitarre und eine Flöte zugesellt wurden. Die beiden humanen Appellalionsgerichtsräthe, welche als Untersuchungsrichter functionirten, hatten dies unschuldige Vergnügen erlaubt. Sie konnten solches füglicherweise gestatten trotz der [793] Einwendungen eines strengen Generaladvocaten, der sogar (provisorisch verhafteten) politischen Gefangenen das Schachspiel verboten hatte, was man im rohen Mittelalter wegen politischer Verbrechen Verurtheilten erlaubte; denn der privilegirte Besuch dieser Räume war nur während der Promenade und als Aequivalent dieser Erholung zugestanden, und überdies war zu dieser Zeit eine erhöhte Aufsicht und verschärfte Bewachung angeordnet. An einen Fluchtversuch von diesen uns geöffneten Privatzimmern, deren Fenster, mit eisernen Barren versehen, in den großen Rundhof gingen, war deshalb nicht zu denken, und immer blieben noch die ganze Wachmannschaft zu ebener Erde des Inspectionshauses, ein dort gewöhnlich postirter Géolier, das verschlossene Hauptthor und die äußere Schildwache als zureichende Verwahrungsbürgschaft übrig.

Ich hatte mich mit den Localitäten des Hauses, ohne Aufsehen zu erregen, bekannt gemacht und eine auf den Boden führende Treppe entdeckt, wohin vom Hausgange aus eine verschlossene Thür führte. Zu dieser Thür hatte ich mit Hülfe eines in der Stadt wohnenden Freundes mir einen Nachschlüssel verschafft. Während einer Woche hatte ich nun die musicirenden Freunde alltäglich unter dem Vorwande, ein gewisses Bedürfniß zu befriedigen, auf einige Minuten verlassen. In dieser Zeit schlüpfte ich mit Hülfe meines Schlüssels nach dem Speicher, recognoscirte das Terrain und brachte alltäglich unter meinem Schlafrocke verborgen die zur Verkleidung nöthigen Gegenstände hinauf, welche ich unter den Dachbalken in einem dunkeln Winkel versteckte. Ich hatte mich stets so schnell wie möglich wieder in das Musikzimmer zurückbegeben und meine durch einen plausibeln Grund gerechtfertigte Abwesenheit hatte keinen Verdacht bei dem anwesenden Verwalter oder seinem Vertreter erregt. Auf diese Weise gelang es mir, einen Oberrock, den mir ein Mitgefangener lieh und der meine Taille ganz entstellte, sowie eine Wasserflasche mit Seife, Rasirmesser und Scheere, sodann einen Stock (ein dem Gefangenen durchaus verbotenes Instrument) und endlich einen dicken Actenfascikel mit der lithographirten Aufschrift „Untersuchungsacten gegen etc.“ nach und nach in meinen Versteck zu bringen. Ich fügte noch einen Hut und eine Brille bei. Zu gleicher Zeit hatte ich bemerkt, daß von diesem Bodenraume mehrere Fensteröffnungen (Gaublöcher, wie man am Rheine sagt) nach dem innern Hof gingen. Dies gab mir Gelegenheit, mit einigen in’s Vertrauen gezogenen Freunden, deren Zellenfenster gegenüber im Haupthause ausmündeten, eine Mittheilung durch telegraphische Signale mittels Taschentücherschwenkens zu verabreden.

So kam der 18. November 1849 heran, Es war dies ein Sonntag und ich war entschlossen, meinen Plan in Ausführung zu bringen.

Die Promenadestunde hatte uns wieder in die Gemächer der Familie Klühenspieß geführt. Der Augenblick war gekommen. Ich verließ die Freunde entschlossenen Sinnes und doch mit schwerem Herzen. Sie stimmten bedeutungsvoll das Freiheit hauchende Lied „Hinaus in die Ferne“ an. Ein verstohlener Händedruck – wir waren nicht allein – und ein Glück auf! und Lebewohl im Blicke des Auges stärkten mich zu dem gewagten Unternehmen.

Ich stieg leise die Bodentreppe hinauf, nachdem ich die Thür innen wieder abgeschlossen hatte, und fand meine erlösenden Kleinodien im dunkeln Winkel. Zehn Minuten später wurde den Spaziergängern das Zeichen zum Einrücken in das Haupthaus ertheilt. Dies enthielt auch die Weisung für die Freunde im Inspectionshause, die Laute zur Seite und die Notenbücher auf dem sich wieder schließenden Piano niederzulegen. Da ich mit Absicht kurz vorher die Gesellschaft verlassen hatte, glaubte man, daß ich schon herunter in den Hof und mit der Masse der Spaziergänger in das Haupthaus eingetreten wäre. Einige Minuten später erblickte ich von meinem Luginsland aus das telegraphische Signal, welches mir andeutete, daß meine Abwesenheit noch nicht entdeckt worden wäre. Ich machte sofort meine Toilette. Es war mir nicht möglich, mich zu rasiren. Ich schnitt aber den Bart so kurz als möglich mit der Scheere ab, umhüllte mich mit dem geliehenen langen Rocke, darunter ein anderes Kleidungsstück, das meine schlanke Taille in ein tüchtiges Embonpoint umwandelte, drückte meinen Hut in die Stirne, zog Handschuhe an, bewaffnete meine Augen, die an solche Zugaben nicht gewöhnt waren, zur weitern Verstellung mit einer Brille, nahm den Stock in die Rechte und ergriff mit der Linken das foliodicke Actenbündel. Ich konnte in diesem Aufzuge nicht leicht im Halbdunkel für den gefangenen Assessor Witt erkannt, wohl aber für einen der Gerichtsbeamten, die damals dort stets aus- und eingingen, gehalten werden.

Nochmals constatirte ein spähender Blick nach den Fenstern der Freunde, daß noch Alles ruhig war. Ich zog nun meine Stiefeln aus, um ohne Geräusch die Treppe hinunter bis in den Corridor zu ebener Erde neben der Wachtstube gelangen zu können. In diesem Augenblicke höre ich die Bodenthür öffnen und den Tritt einer Frauensperson auf der Treppe. Eiligst ziehe ich mich in den dunkelsten Winkel zurück. Das Herz klopfte in lauten, ungestümen Schlägen. Ich hielt meinen Athem an, lauschte den sich nähernden Schritten entgegen und sandte bange Blicke spähend nach dem störenden Ankömmling. Es war die Dienerin des Verwalters, die mich genau kannte und seit fünf Monaten täglich gesehen hatte, eine arme, wegen Kindesmordes verurtheilte Person, die in Betracht ihrer guten Aufführung zu den häuslichen Arbeiten verwendet wurde. Das Mädchen hing Wäsche auf und kam mehrere Male bis auf drei Schritte zu meinem Verstecke. Einige bange, bange Minuten! Glücklicherweise hatte sie mich weder gesehen noch gehört und entfernte sich langsam, nachdem ihre Arbeit beendet war. Als ich sie im Hofe und im nahen Waschhause angekommen glaubte, verließ ich rasch meinen Winkel, betrat, behutsam und geräuschlos auf den Strümpfen schleichend wie ein Dieb, die Treppe, öffnete leise die Thür und kam unbemerkt bis auf den Ausgang zu ebener Erde. Ich zog meine Fußbekleidung eiligst an, trat hinaus und fand hier im Thorgewölbe mehrere Soldaten, die mich natürlich für einen Gerichtsbeamten ansahen. Ich bemerkte, daß ich nach der Stadt gehen wolle, und ein Soldat trat in die Wachtstube, um mein Begehren seinem Officiere zu melden und mir öffnen zu lassen. An diesem Tage hatte eine Abtheilung eines aus Altbaiern recrutirten Jägerbataillons die Wache bezogen, welches erst seit wenigen Wochen in der Rheinprovinz garnisonirte. Die Soldaten kannten unsere pfälzischen Gesichter nicht, und glücklicherweise war zu dieser Stunde, nachdem das innere Thor im Hauptgebäude geschlossen und alle Gefangenen in ihre Säle und Zellen internirt waren, kein dienstthuender Beschließer anwesend, der mich trotz meiner Vermummung hätte erkennen können. Alle Angestellten waren bei der anbrechenden Nacht im Hauptgebäude postirt und die Controle der äußeren Passage der Militärwache übergeben.

Ein bärtiger Oberjäger erschien alsbald mit den Schlüsseln, öffnete mir nach militärischem Gruße das massive äußere Thor und wünschte dem Herrn Landrichter eine „g’ruhsame Nacht“.

Man erzählte sich in der Pfalz, daß ich dem Unterofficier bemerkt hätte: „Geben Sie nur recht Acht und halten Sie ein wachsames Auge. Es sind sehr gefährliche Leute hier im Hause.“ Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß man mir fälschlich diesen schlechten Witz untergelegt hat. Ich war stets ein jovialer Bursche – allein in einem solchen ernsten Momente denkt man wahrlich nicht an’s Scherzen!

Ich war draußen. Das gewaltige, massive Thor schloß sich hinter mir. Mit vollem Athem schöpfte ich frische, freie Luft und ging, um jedes Aufsehen zu vermeiden, langsam an der äußeren Schildwache vorüber der Stadt zu. Hier nun sah ich beim Lichte der Gascandelaber, welche die Ringmauer umleuchten, zehn Schritte vor mir den Sohn des Verwalters gegen mich herankommen, der eben vom Sande, einem Belustigungsorte bei Zweibrücken, nach Hause zurückwandelte. Der junge Klühenspieß war Secretair auf der Kanzlei des Generalstaatsprocurators und kannte mich persönlich ganz genau. Doch er war kurzsichtig und das Dämmerlicht begünstigte mich. Uebrigens hielt ich es doch für rathsam, nach der anderen Seite der Straße auszubiegen und langsam weiter zu gehen. Er schaute mir nach, ging zum Thore und frug, wer eben hinausgegangen wäre. Man sagte ihm, es sei ein Gerichtsbeamier gewesen, was ihm sonderbar vorkam, da die vorbeihuschende Erscheinung ihm eine fremde dünkte und er alle fungirenden Beamten genau kannte. Glücklicherweise glaubte er sich geirrt zu haben und bemerkte erst später den sonderbaren Umstand seinem Vater.

Unterdessen hatte ich Zeit gewonnen. Einmal aus dem Bereiche der Schußwaffe der Schildwache und von der Dunkelheit begünstigt, lenkte ich nun zur linken Hand ein, verließ die Straße und trabte querfeldein über Aecker und Wiesen der Grenze zu. Ich war damals ein kräftiger junger Mann und trotz der Erdschollen, die klumpenweise an den Stiefeln hingen, lief ich unaufhaltsam mehr als eine Stunde Weges. Die moralische Energie verdoppelt stets die physischen Kräfte. Die Gegend war mir [794] völlig unbekannt. Ein dunkler Novemberabend hemmte oft durch nicht gesehene Steinblöcke oder Gräben in diesem Hügelland den gymnastischen Lauf. Ich kannte jedoch durch einen mit der Topographie des Landes vertrauten Mitgefangenen die Richtung genau, welche ich einzuschlagen hatte, um sobald als möglich mit Umgehung der Landstraße und des militärisch besetzten Städtchens Hornbach das französische Gebiet zu erreichen. Die Nacht war völlig eingebrochen. Ohne Compaß eilte ich rüstig weiter und verlor nicht die bezeichnete Richtung. Bei einem Hofgute, in dessen Nähe ich gelangte, verfolgten instinctmäßig den Laufenden zwei Hunde mit weithin tönendem Gebelle. Durch ruhiges Gehen und Anrufen brachte ich dieselben mit Mühe zur Ruhe. Ich mußte jedes Aufsehen vermeiden, da ich wußte, daß an der Grenze die Gensd’armerieposten und die Zollwächter eine unangenehme Begegnung geworden wären. Endlich erreichte ich ein Grenzdorf.

Im Vertrauen auf das gute Glück, das mich bisher geleitet hatte, und für den Nothfall im Besitze einer Waffe, die ich getrost unter dem verhüllenden Oberrocke mit einem Händedrucke als treuen Freund bei widrigem Geschicke begrüßte, wagte ich mich entschlossen in eine schmutzige Gasse, die durch die spärlichen Strahlen erleuchtet wurde, welche die Oellampen der feiernden oder ihr Abendbrod nehmenden Landleute auf meinen Pfad ergossen. Bald entdeckte ich in einem Eckhäuschen eine Schenke. Man stieg eine kleine Treppe hinauf, um in das erhöhte Erdgeschoß einzutreten. Ich untersuchte durch das erhellte Fenster die Gaststube, und da ich keine Uniformen gewahrte, trat ich ein. Der Wirthin erzählte ich, daß ich ein Handelsmann aus dem benachbarten französischen Städtchen Bitsch wäre, von Zweibrücken komme und mich verirrt habe. Ich bat sie, mir einen jungen Burschen mitzugeben, der mich über die Grenze und auf den rechten Weg nach Hause geleiten könne. Dies geschah, und nachdem ich stehend mit einem Glas Weine mich erfrischt hatte, zogen wir von dannen. Bald hatte ich dem Burschen mitgetheilt, daß ich etwas Contrebande unter den Kleidungsstücken verborgen trage und deshalb unbemerkt über die Grenze zu kommen wünsche. Mein Führer, ermuthigt durch die Zusage eines anständigen Trinkgeldes, führte mich nun wieder querfeldein und legte von Zeit zu Zeit sein Ohr auf die Erde, um etwa in der Nähe streifende Militärpatrouillen oder Zollwächter und Grenzgensd’armen rechtzeitig zu erlauschen. Im Cantone Hornbach bestand damals noch der Kriegszustand in allem für mich und meine Situation drohenden Umfange. Bald gelangten wir in ein Wiesenthal, und zehn Minuten später überschritten wir unangefochten den Grenzbach.

Inzwischen hatte man, wie ich später erfuhr, meine Abwesenheit im Gefängnisse entdeckt. Darob ein großer Lärm im ganzen Hause und Aufregung unter den Angestellten, da es sich um die Entweichung eines der am meisten gravirten politischen Gefangenen handelte. Man machte schleunigst Anzeige auf dem Parquet der königlichen General-Staatsbehörde. Die Bureaus waren bereits geschlossen und eine Soirée hatte die ersten Beamten und Honoratioren der Stadt in den Salons des Generalstaatsprocurators versammelt, darunter mehrere meiner Verwandten und Freunde. Die Geschichte bildete sogleich den Gegenstand der Unterhaltung; man freute sich trotz der Uniform, die man trug, ob des Gelingens und lachte und scherzte über den Vorfall. Nur ein gewisser Herr soll sich sehr ungehalten geäußert haben und sogleich nach dem Gefängnisse in seiner generaladvocatorischen Dienstbeflissenheit geeilt sein. Der alte Klühenspieß, ein braver thätiger Gefängnißverwalter, war außer sich. Er war ein Soldat aus der alten tüchtigen Schule des pfälzischen Generals von Horn, unter dessen Befehlen er den Feldzug in Griechenland mitgemacht hatte. Bis jetzt war eine Entweichung noch nicht vorgekommen und ich füge bei, auch nicht später, da ich der Einzige war, dem es gelang, Klühenspieß’s Argusauge zu täuschen. Die alte strenge Soldatenehre war verletzt, der Amtspflicht und dem Befehle seiner Vorgesetzten, gute Hut zu halten, war er, wie es schien, nicht nachgekommen. In einem wahren Paroxysmus lief er mit ein Paar Pistolen in der Hand, alle Donnerwetter fluchend, im weitläufigen Gebäude herum und suchte, suchte – fand aber nichts. Der lose Vogel war seinem festen Bauer unbegreiflicher Weise entflogen. Ihm hatte sich bald der Generaladvocat beigesellt, der, wie man mir aus dem Gefängnisse nach Saargemünd schrieb, höchst eigenhändig in den verborgenen Winkeln und in den Betten umhergriff und höchst eigenäugig unter die Bettstellen lugte, indem er die erhitzten Worte ausstieß: „Er kann nicht fort sein, er ist sicher irgendwo versteckt!“ – Relata refero. Hoffentlich benahm sich Herr Sch. anständiger und in mehr seiner Amtswürde entsprechender Weise. Doch der Mensch – und ein Substitut des Generalstaatsanwaltes ist immer noch ein Mensch – ist oft ein Spielball der Leidenschaft und überlegt im Momente des Affectes nicht, was sich gebührt.

Meine Freunde, die Kenntniß der Entweichung hatten, schwiegen trotz der mit Drohungen und Derbheiten begleiteten Fragen des gestrengen Herrn. Der Commandant der Militärwache erklärte, daß Niemand habe entfliehn können etc. Kurzweg, die Sache war unerklärlich, und doch war der Gefangene verschwunden, aus der unheimlichen Citadelle hinweggezaubert oder escamotirt, wie durch Bosco’s Meisterhand.

Man suchte mich vergeblich im Gefangenenhause, sodann in der Stadt und Umgegend. Man beorderte die Grenzwachen und die gesammte Gensd’armerie und alle Polizeibehörden zur eifrigsten Vigilanz. Alles umsonst!

Zwei Tage darauf löste ein Schreiben, das an den Generalstaatsprocurator aus Frankreich adressirt war, das Räthsel und enthüllte das Mysterium. Ich zeigte meine glückliche Ankunft auf freier Erde an und bat um Zusendung eines Briefes, den ich von einem befreundeten Kammermitgliede aus München erwartete, welcher Bitte man auch entsprach. Ich fügte bei, daß die Angestellten sich keiner Nachlässigkeit schuldig gemacht und daß ich blos das Militär getäuscht hätte. Nach der am Rhein gültigen französischen Gesetzgebung bestehen ziemlich harte Strafen gegen die Inspectoren und Beschließer eines Gefängnisses, wenn durch ihr Verschulden eine Entweichung gelingt. Ich mußte die factische Aufklärung im Interesse der Wahrheit und zu Gunsten des alten braven Klühenspieß ertheilen.

Wie ich vernahm, erhielt die ganze Wachmannschaft von Oben bis Unten eine gehörige Strafe. Nun, sie war vielleicht wohl verdient, da die Herren so gütig waren, mich für einen königlichen Untersuchungsbeamten anzusehen. Diese Arreststrafe der guten, leichtgläubigen Jäger nahm ich denn getrost auf mein Gewissen und setze hinzu, daß diese Last mich bis heute noch wenig gedrückt hat.

Leider wurde fortan die Aufsicht im Gefängnisse eine sehr strenge und die armen Freunde hatten einige Wochen die Quälereien, welche der überstrenge Generaladvocat Sch. anbefahl, zu erdulden. Doch bald ging Alles wieder im alten Gleise. –

Die französische Erde, der vom Kaiser und Reich abgetrennte Boden des alten deutschen Lothringens, bot dem Flüchtlinge ein rettendes Asyl. Mit welchen Gefühlen ich nun am Ziele meines glücklich vollführten Fluchtabenteuers das fremde Land begrüßte, will ich hier nicht schildern! Freudige und wehmüthige Saiten erklangen zusammen: das eigne Glück, die Freiheit gewonnen zu haben, der tröstende Gedanke an die sich mitfreuende theure Familie, auf der andern Seite der Schmerz bei der Erinnerung an die Freunde, welche noch der Kerker in seinen finstern Räumen barg, und die Ungewißheit einer neuen Lebensperiode, das Dunkel der Zukunft mit einer in der kalten Fremde fern vom geliebten Vaterlande neu zu schaffenden Existenz! –




Die Luft-Eisenbahnen in London.[4]
Von Friedrich Althaus.

Vor Kurzem wurde ein neues Glied in der Kette der merkwürdigen Unternehmungen vollendet, welche bestimmt sind, theils die Fluth des entschieden unbequem gewordenen Weltverkehrs in den Straßen von London auf gewisse Grenzen zu reduciren, theils die Nachtheile zu mindern, welche die ungeheuern räumlichen Entfernungen der Hauptstadt der Locomotion und dem geschäftlichen Verkehr auferlegen. Die unterirdische Eisenbahn, welche seit zwei Jahren einen Theil der City mit dem Westende verbindet, kann in [795] dieser Hinsicht als ein höchst erfolgreicher Versuch gelten, und sobald dieselbe bis an die Themse weitergeführt und mit den in der Nähe des Flusses befindlichen Haupteisenbahnhöfen in Verbindung gesetzt sein wird, wird London ein System innerer Communication besitzen, das innerhalb der Stadtgrenzen des von drei Millionen Menschen bewohnten Territoriums eine ebenso große Revolution zu Wege bringen wird, wie die erste Einführung von Eisenbahnen in Landstrichen, deren Verkehr zuvor auf Heerstraßen, Flüsse und Canäle beschränkt war. Doch man begnügt sich nicht damit, den Dampf zur Erreichung der angedeuteten Zwecke dienstbar zu machen, auch die Luft muß mithelfen, und nach den schon errungenen Resultaten zu schließen, scheint es, als ob man diesem am schwersten zu beherrschenden aller Elemente in der That endlich Zügel angelegt oder doch seiner Anwendung Erfolge abgewonnen habe, die alles bisher Erreichte in Schatten werfen. Die Beschiffung der Luft durch Ballons ist im besten Falle noch ein ziemlich riskantes und dabei kostspieliges Phantasiegeschäft. Was ihr fehlt, ist das Steuer, die wissenschaftliche Sicherheit der Lenkung und Richtung. Sämmtliche Versuche, in dem unermeßlichen Ocean über uns Entdeckungsreisen auszuführen, sind daher bis jetzt mehr oder weniger abenteuerlicher Natur gewesen. Voll von Interesse als Beweise des rastlosen menschlichen Unternehmungsgeistes, war ihr praktischer Nutzen doch im Ganzen verhältnißmäßig gering. In London aber hat sich unter dem Namen der Pneumatic Dispatch Company eine Gesellschaft gebildet, welche die Ausbeutung der Luft in den unterirdischen Regionen zum Zwecke hat, und die jüngsten praktischen Resultate der Bemühungen dieser Gesellschaft sind es, wovon wir den Lesern, welche ein früherer Artikel in der Gartenlaube schon von der ersten Wirksamkeit der erwähnten Compagnie unterrichtet hat, ein Bild vorführen wollen.

Der Vorschlag zur Anlegung von Eisenbahnen, bei denen statt des Dampfes die Luft die bewegende Kraft sein solle, wurde bereits vor zehn Jahren in England erörtert. Er war im Grunde nichts weiter, als eine Ausführung des Princips, nach welchem die Luftpumpe arbeitet, und ein im Krystallpalast in Sydenham angestellter Versuch fiel vollkommen befriedigend aus. Dennoch verging längere Zeit, bevor Unternehmer und Capitalien sich zusammenfanden, dem Princip eine umfassendere Anwendung zu geben, und die Ankündigung einer Pneumatic Dispatch Company rief in der an luftigen Speculationen so fruchtbaren Hauptstadt ein ungläubiges Lächeln hervor. Indeß die Compagnie kam zu Stande, mit dem Herzoge von Buckingham als Präsidenten; sie erlangte durch eine Parlamentsacte die Erlaubniß, ihre Pläne auf der Strecke zwischen dem Nordwestbahnhof in Euston-Square und dem dreiviertel englische Meilen entfernten Postbureau in Eversholtstreet durchzuführen, und etwa ein Jahr nachher hörte man, daß diese Strecke vollendet und in Thätigkeit sei. Was zunächst beabsichtigt wurde, war weiter nichts, als die Beförderung von Briefsäcken und kleineren Paketen, und die zu diesem Zwecke getroffenen Vorkehrungen waren so befriedigend und erleichterten so entschieden die Riesenarbeit der Postbeamten in jener Gegend, daß das Generalpostamt der Compagnie mit Vergnügen die Hand bot und die weitere Ausdehnung der pneumatischen Operationen nach Kräften befürwortete.

Die Compagnie erlangte hieraus eine zweite Parlamentsacte, durch welche sie ermächtigt wurde, die zehn Hauptdistrict-Postämter mit dem Generalpostamte und dieses mit den Londoner Bahnhöfen, Güterdepots und Märkten durch pneumatische Eisenbahnen in Verbindung zu setzen, also ein vollkommenes unterirdisches Eisenbahnnetz zwischen jenen wichtigen Centralpunkten des hauptstädtischen Verkehrs herzustellen. Man berechnete die Gesammtlänge dieser verschiedenen Linien auf etwa fünfunddreißig englische Meilen und die Kosten auf 1,200,000 Pfund oder 30 bis 35,000 Pfund auf die Meile. Indeß in einer Stadt, deren unterirdische Zustände durch den Fortschritt der Civilisation schon so labyrinthisch verwickelt geworden sind wie die von London, war die Vollendung der Aufgabe, die man sich gesetzt hatte, mit um so größeren Schwierigkeiten verknüpft, je mehr man sich den Centraldistricten näherte. Die Strecke zwischen Euston-Square und Eversholtstreet hatte verhältnißmäßig geringe Mühe und Kosten verursacht, weil sie der Grenze des Stadtgebiets entlang lief. Die zunächst in Angriff genommene Linie zwischen Euston-Square und Holborn zog sich dagegen durch einen der bevölkertsten Theile von London, und die Ingenieure der Compagnie kamen nach allen Seiten mit den einander durchschneidenden zahllosen großen und kleinen Röhren der Gasleitung, der Wasserleitung, der Cloaken in Collision. Dieser Umstand nebst den auf vorläufige Versuche und die Erlangung der Parlamentsacten verwandten Geldmitteln haben die Ausgaben beträchtlich über die ursprüngliche Veranschlagung hinaus gesteigert, so daß die gegenwärtig in Thätigkeit begriffenen dritthalb englischen Meilen der pneumatischen Eisenbahn ein Capital von nicht weniger als 150,000 Pfund, oder eine Million Thaler, verschlungen haben. Aber so befriedigt ist man trotzdem durch das, was bereits erreicht ist, und so überzeugt von der Ausführbarkeit des Restes der Unternehmung, daß die Compagnie sich schon in nächster Zeit beträchtliche Gewinne verspricht.

Ein Besuch, den ich in diesen Tagen, unmittelbar nach der Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Holborn und Euston Square dem Hauptbahnhofe in Holborn abstattete, rief mir lebhaft den Eindruck meines ersten Besuchs in Herculanum in’s Gedächtniß. Nicht als hielte das brausende Gewühl der großen Londoner Verkehrsstraße mit der stillen Straße von Portici am Fuße des Vesuvs einen Vergleich aus, oder als stimmten die unterirdischen Sehenswürdigkeiten der versunkenen Stadt mit denen, welche der menschliche Unternehmungsgeist hier geschaffen – die Erinnerung gründete sich nur auf die Aehnlichkeit des Eintritts von der Oberwelt in die Unterwelt. In Portici geht man durch die Straße und sucht in den Reihen der Häuser, die einander ungefähr so ähnlich sehen, wie die Häuser in Holborn, umsonst nach dem verheißungsvollen Porticus, der den Weg zu den Trümmern da unten öffnen soll. Endlich wird man an eine ganz gewöhnliche Hausthür gewiesen und erfährt, nachdem man noch halb ungläubig die Schelle gezogen, von einem Portier oder einer Magd, hier sei der Weg nach Herculanum. So findet man auch in Holborn, zwischen andere Häuser eingeklemmt, das Haus mit dem Bureau der Pneumatic Despatch Company. Man tritt von dem Niveau der Straße ein, geht durch einen Corridor, öffnet eine Thür und befindet sich auf einer geräumigen Galerie, die der Wand eines großen Gemaches entlang läuft. Auf dem Boden dieses Gemaches, etwa zwölf Fuß tiefer als die Galerie, begegnet das Auge einer Ziegelsteinpflasterung, zwei Schienenreihen und einer Drehmaschine, kurz, einem ganz ähnlichen Anblick, wie auf dem Perron eines Eisenbahnhofes. Die Schienenreihen münden in zwei nahe aneinander liegende bogenförmige Oeffnungen, die ungefähr wie ein paar schwarze, blankpolirte Kamine aussehen. Ueber diesen Oeffnungen sieht man einen erhöhten Perron mit mechanischen Vorkehrungen, große und kleine eiserne Röhren, Schafte, Cylinder und zwischen ihnen den Ingenieur, bereit, die Maschinerie in Thätigkeit zu setzen. Dies Gemach ist der Bahnhof der Pneumatic Dispatch Company. Die kaminartige Oeffnung zur Linken führt nach Euston Square, die zur Rechten ist der Beginn einer noch unvollendeten, in Arbeit begriffenen Bahn nach dem Generalpostamt in St. Martins-le-Grand.

Es mochten ein paar Minuten seit meiner Ankunft verflossen sein und ich war eben im Begriff, von der mir ertheilten Erlaubniß Gebrauch zu machen und zu den Schienen hinabzusteigen, als eine telegraphische Depesche einlief mit der Nachricht, daß in Euston Square ein Zug zur Abfahrt bereit stehe. Gleich darauf fing die Maschine zu arbeiten an und acht bis neun Minuten später wurde ein Zittern der nach Euston Square führenden Schienen und das Rollen herannahender Wagen vernehmlich. Noch eine Minute mehr, und der kleine Zug tauchte aus dem Tunnel auf und stand in dem eben beschriebenen Gemache still. Er war aus drei Wagen zusammengesetzt und enthielt, wie man mir sagte, etwa zweitausend Pfund Gewicht an Briefsäcken und Paketen. Die Entfernung zwischen Holborn und Euston Square beträgt in gerader Linie eine und dreiviertel englische Meilen; zehn Minuten genügten mithin, eine so ansehnliche Fracht über einen Weg von fünfundvierzig Minuten Länge durch die pneumatische Röhre herbeizusaugen. Doch erschöpft weder die Schnelligkeit noch die Last die Kraft der Maschine.

Am Eröffnungstage der Bahn wurde mit einem Zuge von vier Wagen eine Last von fünfzehn Tonnen, d. h. 36,000 Pfund spedirt und die ganze Entfernung in wenig mehr als acht Minuten zurückgelegt. Die Form der Wagen ist die eines umgestülpten lateinischen D; ihr Boden ist auf demselben Niveau mit den Rädern und sie füllen den Tunnel mit so vollkommen mathematischer Genauigkeit aus, wie der zur Vermeidung der Reibung unerläßliche [796] Raum gestattet. Die Zahl der Züge hängt, wie sich von selbst versteht, von dem Einlaufen der Fracht ab. Gegenwärtig befördert man ungefähr zwanzig Züge täglich nach beiden Seiten; aber mit der Zunahme des Geschäfts könnte diese Zahl leicht um das Doppelte und Dreifache vermehrt werden.

Die Gartenlaube (1865) b 796.jpg

Eine Fahrt auf der pneumatischen Eisenbahn in London.

Ich sagte, der Zug, bei dessen Ankunft ich zugegen war, sei herbeigesogen worden. Dieser Ausdruck ist nicht bildlich, sondern wörtlich zu verstehen, wie der erwähnte frühere Aufsatz schon ausgeführt hat. Eine und dieselbe Maschine nämlich befördert die Züge von Holborn nach Euston Square und von Euston Square nach Holborn zurück, indem im erstern Falle das Einblasen eines mächtigen Luftstromes die Wagen vorwärts treibt, im letztern das Auspumpen der Luft aus dem Tunnel die Wagen vom entgegengesetzten Ende herbeisaugt. Der Apparat, dessen Stellung bereits angegeben wurde und der durch eine einfache Vorkehrung die Funktionen des Vorwärtstreibens und des Einsaugens wechseln kann, besteht aus einer gewaltigen Hohlscheibe, die sich gegen die Achse zu erweitert und an ihren zwei bis drei Zoll von einander entfernten Rändern offen ist. Das Innere ist strahlenförmig mit Speichen versehen, und wenn die Scheibe oder, wie man auch sagen könnte, das eingeschlossene Rad, sich umdreht, wirft es Luftströme aus, wie eine centrifugale Pumpe Wasser auswirft. Die Verbindung zwischen der luftdichten Kammer, in welcher dieses Rad sich mit großer Schnelligkeit dreht, und dem Tunnel, auf dessen Schienen die Wagen laufen, wird durch große Schornsteine von Ziegelsteinen hergestellt. Der zum Auspumpen der Luft bestimmte Schornstein mündet in den Tunnel ungefähr achtzig Fuß von dessen Oeffnung. Diese Oeffnung wird durch eiserne Flügelthüren gehütet, die sich durch den Druck einer mit den Schienen in Verbindung stehenden Springfeder vor dem herannahenden Zuge aufthun und ebenso, wenn der Zug vorbei ist, wieder schließen. Daß die Stärke des Luftzuges nach Bedürfniß regulirt, vermehrt ober vermindert werden kann, bedarf kaum der Versicherung. Die gegenwärtig angewandte Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt, wie man mir sagte, zwölf bis fünfzehn englische Meilen auf die Stunde, könnte aber nöthigenfalls bis auf fünfundzwanzig Meilen gesteigert werden.

Man hatte die Freundlichkeit, mir in dem nächsten von Holborn nach Euston Square gehenden Zuge einen Platz anzubieten. Nach Allem jedoch, was ich über die Eindrücke dieser unterirdischen Lufteisenbahnfahrt gehört, empfand ich kein Verlangen, das Experiment zu versuchen, und lehnte den mir gemachten Vorschlag mit Dank ab. Die Möglichkeit der Personenbeförderung, mittelst der soeben beschriebenen Maschinerie und durch den in Gebrauch begriffenen Tunnel zwischen den genannten Stationen, wurde bei Gelegenheit der Eröffnung der Bahn über allen Zweifel festgestellt. Nachdem der Güterzug mehrere Hin- und Rückfahrten erfolgreich vollendet hatte, sprachen nämlich einige der anwesenden Herren den Wunsch aus, den Tunnel zu befahren, und brachten, trotz der Warnung, daß die Bahn nicht für Passagierbeförderung bestimmt sei und die Reise nicht sehr angenehm sein möge, ihren abenteuerlichen Gedanken zur Ausführung. Ich muß an dieser Stelle nachholen, daß der Tunnel, bei einer Weite von vier Fuß sechs Zoll, eine Höhe von vier Fuß hat, während die Wagen nur etwa zwei Zoll niedriger und ungefähr acht Fuß lang sind, mithin blos eine halb sitzende halb liegende Position mitreisender Passagiere gestatten. Auf dem Boden der Wagen lagen Säcke mit Seegras als Ballast und auf [797] diese hingestreckt und zu Häupten durch eine wasserdichte Decke geschützt, ließ ein halbes Dutzend abenteuerlustiger Passagiere sich in den schwarzen Schlund hineinblasen. Die Empfindung bei der Abfahrt, so berichteten sie später, war nichts weniger als angenehm. Etwa eine halbe Minute lang fühlte man einen Druck auf das Trommelfell wie beim Niedergehen in einer Taucherglocke, ein Gefühl von Ueberfluthetsein wie in der Brandung des Meeres und einen kalten Luftzug auf den Augen, der beinahe den Eindruck von fallendem Wasser hervorbrachte. Nachher ließen diese unangenehmen Empfindungen nach und man erfuhr weiter keine Unbequemlichkeit als ein ziemlich heftiges Rollen, Stoßen und Schütteln, indem der Zug mit häufigen Biegungen in dem engen Raume durch die unterirdische Dunkelheit dahinbrauste. Die Luft in dem Tunnel war übrigens nicht schlecht; gelegentlich wurde nur ein scharfer Geruch von Rost verspürt, der von der Verwitterung des Eisens herrührte, welches während der Legung der Tunnelröhren nicht absolut von atmosphärischen Einflüssen ausgeschlossen werden konnte. Man meint indeß, der Rost werde allmählich vor der Reibung der hin- und hereilenden Züge verschwinden. Der blanken Waffenrüstung der muthigen Touristen schadete er nicht. Denn wie sie sich nach Euston Square hatten hinblasen lassen, so ließen sie sich, trotz der fatalen Empfindungen bei der Abfahrt, trotz des Rollens, Stoßens und Schüttelns und trotz des Rostgeruchs, nach Holborn zurücksaugen, und etwas verwirrt, etwas geblendet, etwas unsicher auf den Füßen, aber mit dem Ausgang ihres Unternehmens entschieden befriedigt und mit nicht minder geschärftem Appetit für das ihrer harrende substantielle Frühstück, wurden sie bei ihrer Rückkehr von den lauten Cheers der Versammelten begrüßt und statteten Bericht über ihre unterirdischen Abenteuer ab.

Dieser Bericht klingt phantastisch genug, ist aber nichtsdestoweniger eine einfache Thatsache aus dem Londoner Leben. Die Erfolge der Pneumatik-Dispatch-Company haben auch bereits den Gedanken, den pneumatischen Apparat zur Personenbeförderung zu benutzen, von Neuem angeregt, und im Hinblick auf den angelsächsischen Unternehmungsgeist, auf die Fülle der vorhandenen Geldmittel und auf das immer wachsende Bedürfniß schnellerer und bequemerer Locomotion durch das gewaltige Labyrinth der Hauptstadt, würde es durchaus nicht überraschend sein, wenn London in zehn oder höchstens zwanzig Jahren mit einem Netz pneumatischer Eisenbahnen versorgt sein sollte, welche den gegenwärtig in Bau begriffenen Linien als Ergänzung dienten. Die Kosten dürfen geringer sein als die der Dampfeisenbahnen, und den Unbequemlichkeiten, welche die Pioniere in dem Güterzuge zwischen Holborn und Euston Square zu erdulden hatten, würde die unerschöpfliche Kunst der modernen Mechanik ohne Mühe abhelfen. Inzwischen ist es von Interesse das bereits Erreichte zu constatiren.




Eine Ernte aus dem Meere.

Nordwärts von der norwegischen kleinen Stadt Bodö an, unterm vierundsechszigsteu Breitengrade, streckt sich eine scheinbar ununterbrochene Reihe von gigantischen, düstern Felsenwänden wie riesige Festungsmauern mit Thürmen und Bastionen aus dem grenzenlosen Meere hervor. Näher gesehen löst sich dieses zusammenhängende Felsennetz in eine Menge kahler steinerner Inseln von verschiedener Größe und jeder möglichen phantastischen Gestaltung auf, durchschnitten in allen Richtungen von Buchten und engen Pässen. Von keiner Seite kann das Auge in das Innere einer der Inseln dringen, denn sie recken ihre drohenden Gestalten und Häupter überall zwei- bis dreitausend Fuß über die Meeresfläche empor. Nirgends in der Welt macht die Natur wohl ein grausameres Gesicht als hier. Vergebens späht das Auge an den geradeaufsteigendcn Klippen empor oder dazwischen oder oben nach einem Zeichen grünen Lebens. Ueberall zurückschreckende Felsen und unten ringsum das endlose, tückische, arktische Meer.

So sehen die „Loffoden“ vom Meere her aus, diese mächtige Gruppe felsenverschlossener Inseln, auf denen kein menschliches Wesen den Tausenden von Seevögeln und Fischadlern oben die Herrschaft streitig macht. Aber trostlos und unfruchtbar, wie sie sind, abschreckend und menschenfeindlich, wie sie erscheinen, meilenlang nichts bietend, als kahle trotzige Klippen oder unabsehbare Eisgebirge, ernten doch hier just im härtesten Wintermonat etwa zwanzigtausend Norweger ihre Hauptnahrung und die Werthe, womit sie andere Lebensbedürfnisse bezahlen.

Die anderthalb Millionen Bewohner Norwegens haben auf ihren mehr als sechstausend Geviertmeilen Gebirgs-, Wald- und Felsenboden kaum fünfzig davon mit bestellbarem, ergiebigem Acker, der, zum Theil unter arktischen Breitengraden, nur kärgliche oder gar keine Ernten reift. So haben sie das unerschöpfliche Meer zu pflügen, zu bestellen und abzuernten lernen müssen. Auf mehr als fünf Breitengraden des Meeres (65–70) an der Nordwestküste entlang blüht ihr Weizen. Die Pflüge und Ackerwerkzeuge dazu sind ihre Schiffe, so daß die norwegische Flotte, trotz der geringen Einwohnerzahl des Landes, in Menge der Fahrzeuge gleich nach der englischen und der französischen kommt.

Ihre Haupternte besteht aus Stockfischen, Leberthran und Caviar daraus. Diese fängt immer um Weihnachten und um die Loffodeninseln herum an und dauert acht bis zwölf Wochen. Zwischen den Inseln und dem Festlande, etwa zwölf bis fünfzehn geographische Meilen lang, dacht sich der Meeresboden von vierzig bis zu siebenzig Klaftern Tiefe ab. Das ist der fetteste Boden für die Nordmänner. Gleich nach Weihnachten werfen sie hier ihre Tiefnetze aus, und der Erste, der mit einem Stockfisch kommt, wird als der Bote der Freude an der ganzen Küste entlang mit Jubel und Festlichkeiten begrüßt. Man weiß jetzt, daß diese Zugvögel des Meeres sich einstellen. Sie wandern in verschiedenen Zügen von der Weihnachtszeit an mehrere Wochen lang immer in diesem tiefen Meerescanale entlang, immer regelmäßig seit undenklichen Zeiten, um hier zu laichen. Um die Laichzeit im März ist das Meer oft meilenlang von Stockfischen gefärbt. In der Mitte des April ist Alles vorbei und kein Stockfisch mehr zu entdecken.

Schon im November beginnen die Vorbereitungen mit steigender Geschäftigkeit bis nach Weihnachten. Ungeheure Netze werden gestrickt und ausgebessert, Schiffe und Boote getheert, in- und auswendig gerüstet, mit Vorräthen befrachtet, Seehunds- und Pelzkleidung und mächtige Wasserstiefeln zurecht gemacht, bis es an nichts mehr fehlt, als dem ersten Stockfische und einem günstigen Winde. Endlich finden sich beide ein, und zwanzigtausend tapfere Ritter des Meeres nehmen Abschied von rothwangigen Kindern, silberhaarigen Greisen, weinenden Frauen und Töchtern und reiten kühn über die grimmigen Wogen des eisigen Meeres hinaus.

Ihre langgestreckten, leichten, fichtenen Rosse sprengen, tapfer und geschickt gelenkt, in den Sturm hinein, der von den Felsen herabwüthet und das Wasser zu weißem Schaum aufpeitscht. Mit einem einzigen viereckigen Segel, dessen Tau oder Zaum von der stärksten, kundigsten Hand geführt wird, fliegen sie über weißkämmige wallende Wogengebirge, stürzen sie sich hinab und schießen wieder empor, um in neue Tiefen zu stürzen, immer auf- und ab- und hin- und hergeschleudert, ohne die Herrschaft über sich selbst und die blinde Wuth der Stürme und Wogen zu verlieren. Dennoch freilich fragt am Ende jeder Ernte manche Lenore „den Zug wohl auf und ab“, steigt manche Mutter und Gattin an steilen Klippen empor, um weit hinauszuspähen, ob Vater und Ernährer mit dem Sohne nicht endlich doch noch zurückkehren werden. Und es kommt Niemand und sie sieht auf allen Weiten des Meeres niemals das wohlbekannte Segel aufleuchten, so daß sie endlich überzeugt ist: Vater kehrt niemals wieder! –

Die Stockfisch-Ritter wohnen theils in den Spalten und Klüften der Loffoden selbst, theils kommen sie von verschiedenen Gegenden der Küste her. Die Boote der letzteren sind fünfruderig, die der ersteren kleiner, aber alle leicht von Fichtenholz mit einem Mast und einem Segel. Steuermann und Capitän oder absoluter Commandeur sind immer ein und dieselbe Person. Sein Wort ist Gesetz, dem man ohne Ausnahme pünktlich gehorcht, da Jeder von seinen Leuten vorher wegen seiner Tüchtigkeit und allgemeinen Vertrauens gewählt ward. Man findet oft sehr junge Bootkönige über lauter ältere Leute, die selbst sagen, daß sie mit dem Alter Muth und Geistesgegenwart in Gefahren verlieren. Die ganz freie Wahl der Leute, die da wissen, was ihr Oberhaupt verstehen muß und leisten soll, entscheidet sich oft sehr originell, aber selten [798] falsch. So kommt es vor, daß der „Junge für Alles“ zum Capitän gewählt wird, dem der Eigenthümer des Bootes eben so willig gehorcht, wie seine drei Collegen. Die Herrschaft ist aber auf das thätige Boot beschränkt. Auf dem Lande und in Zwischenpausen ist der Junge eben so gehorsamer Dienstbote, wie auf dem Wasser unbeschränkter Herrscher.

Die geschäftigste Erntezeit fällt in der Regel in die letzten Tage des Januar. Dann sind selten weniger als viertausend Boote, jedes mit fünf Mann, versammelt. Diese zwanzigtausend Menschen und viertausend Boote wissen zwischen den ungastlichen, öden Klippen und Klüften der Loffoden alle unterzukommen während der Pausen und Nächte. Jede kleinste Abdachung, jeder erreichbare Winkel ist mit einem Vorrathshause versehen, um welches sich so viele Schlafhütten gruppiren, wie irgend Platz haben. Die Hütten sind alle gleich. Jede besteht aus rohen, fest aufeinander gefügten Baumstämmen und einem Dache von getrockneten Rasen- oder Torfstücken mit einem Loche in der Mitte, dem Schornsteine. Ringsum läuft eine rohe Ueberdachung, von rohen Baumstämmen getragen, also ein Porticus, zur Unterbringung der Netze und Ruder. Eine einzige Thür, ein einziges Fenster (meist nicht größer, als eine Manneshand), Fußboden die bloße Erde oder der nackte Fels, ringsum lange Holzkasten mit Stroh zum Schlafen, in der Mitte, unter dem Dachloche, dann noch ein Ofen zum Heizen und Kochen – das ist die Loffoden-Hütte mit allem Zubehör, die Heimath der Stockfischfänger für zwei bis drei Monate. In jeder schlafen und leben und arbeiten sechs bis zwölf Mann (einige haben doppelte Größe). Mit Tagesanbruch springen Alle zusammen in’s Boot und fliegen auf das Meer hinaus.

Ist der Morgen recht winterlich klar, so bieten jetzt die sonst todten und starren Felseninseln einen Anblick, der in der kostspieligsten „Gala-Oper“ nicht nachgemacht werden kann. Wie hervorgezaubert scheinen Tausende von Booten unmittelbar aus den starren Felsen hervorzuschießen. Mit ihren einfachen Masten und Segeln bedecken und beleben sie das vorher öde Meer, so weit das Auge reicht, alle in einer Richtung hintereinander in’s Weite hinausrudernd auf das Erntefeld, das sich oft kaum eine Meile lang ausdehnt, so sehr halten die Fische stets an bestimmten Lieblingsplätzen fest (wahrscheinlich solchen, wo Berggewässer den Eiern und Jungen die meiste Süßigkeit im Meere bieten). Auf dem Erntefelde zieht jedes Boot sein Segel ein und die Abends vorher gesenkten Netze auf, mit denen und deren Inhalt die meisten sofort umkehren, so daß sie zu dem inzwischen fertig gewordenen, ziemlich substantiellen Mittagsmahle in der Hütte ankommen. Einige bleiben zurück und fischen noch mit sogenannten Tief-Leinen. Sie haben es unter sich zum Gesetz gemacht, daß Niemand während des Tages Netze stellen darf.

Nach dem Mittagsessen, das aus zusammengethanen Vorräthen der Einzelnen besteht, getrocknetem Hammel- und Schweinefleisch, Butter, Käse, Plattkuchen und Kartoffeln, werden die gefangenen Fische ausgenommen und zurechtgemacht. Der Kopf wird ab-, das Eingeweide ausgeschnitten und Leber und Rogen in besondern Gefäßen aufbewahrt. Der Fisch wird nun entweder gleich roh und frisch an den Capitän eines von den vielen Aufkaufschiffen abgelassen oder an den Felsenwänden zum Trocknen aufgehängt. Einige werden aber immer zurückbehalten als – kleines Geld. Gegen Abend laufen alle Boote auf’s Neue aus, um die Netze für die Nacht zu stellen. Nach der Rückkehr endlich thut man sich etwas zu Gute. Das Abendessen, welches ziemlich regelmäßig frischen Stockfisch mit Leberthransauce und dazwischen gebrocktem Plattkuchen auftischt, macht Appetit auf etwas „Herzhaftes“. So gehen sie, Jeder mit einem frischen Stockfisch in der Hand, in das nächste Vorrathshaus (Schenke, Versammlungs-, Gerichts- und Betsaal, Kaufladen für alles Mögliche, Börse und Nationalwechselgeschäft – Alles in Einer Person), werfen ihren Fisch auf den Zahltisch und erhalten ihr Glas Schnaps dafür.

Jeden Morgen wird von dem gewählten Meer- und Wetterkundigsten eine Fahne an der hervorragendsten Stelle aufgehißt, sobald Wind und Wetter nicht zu ungünstig sich darstellen. Nicht selten erscheint aber auch keine Fahne. In diesem Falle vertreiben sich die an die Felsen gefesselten Fischer die Zeit, wie sie eben können. Sie schlafen, bessern an Netzen und Booten und rauchen Abends im „Laden für Alles“ unzählige Pfeifen, trinken unzählige Becher Kaffee (selten Bier oder Branntwein) und machen sich ihre mündlichen Zeitungen und Leitartikel dazu, ohne sich Censur aufzulegen oder einen Staatsanwalt zu fürchten.

Aber häufig lockt sie die Fahne und ein heiterer Morgen hinaus und draußen stürzt sich plötzlich einer von jenen fürchterlichen Nordweststürmen, die schon so viele Menschen unter schäumenden Wogengebirgen lebendig begruben, von den Felseninseln her auf die Tausende von gebrechlichen Booten nieder und treibt die Nußschalen wie Spreu umher. Gegen diese Stürme giebt es keine Steuerkraft. Oft bleibt dann der Flotte nichts Anderes übrig, als Fluchtversuch nach dem sechszig englische Meilen entfernten „West Fjord“. In einem solchen Sturme am 11. Februar 1848 kamen nicht weniger als fünfhundert Menschen um. Die Ueberlebenden fischen hernach weiter und finden zuweilen ein Bein noch im Stiefel oder einen Arm oder sonst ein Stück, das die Fische unten noch nicht verzehrten, in ihren Netzen.

Die Werkzeuge der Fischer sind Netze und Leinen. Jedes Netz ist sechszehn bis zwanzig Klaftern lang und nur drei Fuß breit. Je nach der Tiefe des Meeres werden Dutzende übereinander gebunden und so ausgestreckt versenkt, bis sie vermuthlich nahe bis zum Meeresboden reichen. Steine und Bleistücke dienen als Senkgewichte und Befestigungsmittel. Leere, gekorkte Glasflaschen, oben angebunden, ziehen sie nach oben und halten sie in Sicht. Die Fangleinen sind mit großen Haken in regelmäßigen Zwischenräumen, drei- bis vierhundert an jeder, versehen, werden aneinander befestigt und dann, wie die Netze, parallel dem Gestade, versenkt und vom Boden bis zur Oberfläche ausgespannt. Einige bedienen sich nach dem großen Zuge und Fange noch der Handleinen und „pilken“ damit. Der Pilk ist ein Instrument, das wie ein großer Hohlleisten aussieht und am aufwärts stehenden Ende scharf zugespitzt und mit Widerhaken versehen ist. Dieser riesige Angelhaken wird an einem starken, viele Klafter langen Pferdehaartaue bis auf den Boden des Meeres gesenkt, dann von oben auf dem Boote an der Leine rasch auf- und abgezogen, bis ein „Biß“ gefühlt wird. Jetzt wird der zappelnde und zuckende Fang rasch emporgezogen, was manchmal keine leichte Arbeit ist, denn ein ausgewachsener Winter-Stockfisch setzt der Arbeit des Emporziehens aus fünfzig bis sechszig Klaftern Meerestiefe einen Widerstand entgegen, welcher den starken Händen des Fischers volle, schwere Arbeit giebt. In gutem Wetter fängt ein Boot selten weniger als vierhundert Fische täglich, oft über tausend und zuweilen sogar fünfzehnhundert, so daß sich für jedes eine Durchschnittssumme von siebenhundert ergiebt, schlechte Tage mit eingerechnet. Die Zahl der Boote ist durchschnittlich viertausend, was eine Tagesernte von drei Millionen Stockfischen ergiebt. An Ort und Stelle ist der Durchschnittspreis drei Thaler für je hundert rohe, frische Stockfische. Dabei sind Leber, der Leberthran und Rogen, aus denen die Fischer Privatspeculation und Taschengeld machen, nicht mitgerechnet. Rogen wird drei bis fünf Thaler pro Faß, Leberthran mit zehn bis fünfzehn Thaler das Faß verkauft. Und da vier- bis sechshundert Fische – je nach der Größe – ein Faß Rogen und ein Faß Leberthran geben, läßt sich leicht beurtheilen, daß die Fischer noch ein gutes Taschengeld aus dem Meere ziehen.

Die ganze Ernte der Loffoden-Stockfisch-Fischer, bringt jedes Jahr eine Durchschnittseinnahme von zwölf Millionen Thalern, manchmal mehr, selten weniger. Da nun ganz Norwegen nicht mehr als anderthalb Millionen Einwohner zählt und etwa zwanzigtausend davon einen jährlichen Werth von zwölf Millionen Thalern fischen, so ist leicht erklärlich, daß diese Ernte gegen die auf dem Lande gewonnene und gegen alle andere produktive Arbeit den ersten Rang behauptet.

Die Stockfischernte dauert im Ganzen drei Monate jeden Jahres. Im Anfang des April verdünnt sich die Flotte und vierzehn Tage später ist kein Segel und keine Seele mehr zu sehen. Dafür sind die Plätze dreimonatlicher, dichtgedrängter Thätigkeit nun oft doppelt und dreifach mit Schwärmen von Seevögeln überdeckt, welche die dicken Schichten von Fischeingeweiden und Abfällen trotz des furchtbarsten „haut goùt“ mit Wonne verspeisen.

Die Lust ist zuweilen stellenweise ganz undurchsichtig und schwarz von Myriaden Meeresvögeln, die hoch oben logiren und, unten ihre Speisekammer gefunden haben.

Ein Theil der Fischer wohnt beständig auf den Loffoden. Diese überwachen die zum Trocknen paarweise an den Schwänzen aufgehangenen Fische. Viele Fische hängen auch ganz ohne Schutz vor Dieben, [799] blos eingefächert gegen die befittigten Seeräuber, und wenn sich die Flotte am 14. Juni noch einmal einstellt, um Jeder seinen Antheil zu holen, fehlt selten ein einziger von den Stock gewordenen, holzhart getrockneten Fischen, die sich nun als Fleischvorrath in eine Menge weit versperrte, zwischen grimmigen Felsen einsam verlorene Häuser und Hütten vertheilen oder gegen andere Lebensmittel im Handel vertauscht werden. –

Das ist ein interessanter, aber nur ein kleiner Theil der Ernten aus dem Meere. Was dieses jährlich den Menschen allein an Häringen, Fischbein, Fischthran, Zwergen und Riesen von Fischen, Seemuscheln, Seekrebsen, Krabben oder Shrimps etc. liefert, geht in’s Fabelhafte. Nur Deutschland nimmt einen sehr trägen und armseligen Antheil an diesen umsonst wachsenden und umsonst zugänglichen Ernten und bezahlt für Producte aus dem Meere allein viele Millionen Thaler an Amerika. Geld für frische Seefische, die wir mit gehöriger Fischereiflotte und entsprechenden Einrichtungen alle Tage wohlfeil bis Leipzig, Dresden etc. haben könnten, bleibt dabei nicht viel übrig, wenigstens kein großer Unternehmungsgeist dazu. Die starke, gesunde Jugend Deutschlands an der Nord- und Ostsee geht auf fremde Schiffe in Arbeit und Brod. Preußen arbeitet an einer Kriegsflotte, aber ohne Grund und Boden, welcher nur in einer tüchtigen Fischereiflotte gewonnen werden würde. Die preußischen Kanonenboote haben allerdings schon meisterhaft geschossen, allein die meisten Kugeln sind doch in’s Wasser gefallen. Das Volk hat dafür bezahlt, kann sich aber nun nicht einmal für das übrige Geld Fische kaufen.




Blätter und Blüthen.


Die Schlingkraft der Ringelnatter. Im Mai des Jahres 1863 erhielt ich durch einen Freund in Rudolstadt eine prachtvolle, beinahe drei Fuß lange Ringelnatter zugeschickt Die Beobachtung dieses Thieres, soweit dieselbe in der Gefangenschaft möglich, hatte mir schon bei einem früher besessenen, weit kleineren Exemplar Vergnügen gewährt, und so hatte ich denn zu gleichem Zwecke meine neue Pflegebefohlene in dem Behälter ihrer Vorgängerin, einer geräumigen, hohen Glasglocke, welche oben mit einer Luftöffnung versehen war und auf einem gedrehten, leicht feucht zu erhaltenden Gypsuntertheile ruhte, bald geborgen.

Wohl ein Jahr lang mußte sich meine Natter mit ihrer gewöhnlichen Hausmannskost, den braunen Grasfröschen, begnügen, ehe es mir möglich wurde, ihr zur Abwechselung einmal einen soliden Leckerbissen bieten zu können.

Der Besitzer eines Fischteiches nämlich, welcher meine Behauptung, sie könne recht gut einen neun Zoll langen Fisch verschlingen, etwas übertrieben fand, opferte, um sich zu überzeugen, eine Forelle von diesem Kaliber, und obgleich ich die Vergeudung dieses auch für menschliche Gaumen so leckeren und so theuren Bissens einigermaßen bedauerte, so warf ich dennoch ungesäumt das arme Opfer seiner entsetzlichen Feindin zum Fraße vor. Ich erwartete bei dem gereizten Zustande, in welchem sich die Schlange zufolge einer längeren Fastenzeit befand, ein sofortiges Erfassen der Beute und erstaunte nicht wenig, als die Natter zischend den heftigen Bewegungen der Forelle auswich, welche letztere, vielleicht nicht allein aus Wassermangel, sondern wohl auch in grausiger Ahnung des ihr bevorstehenden schrecklichen Endes mit einer Vehemenz in dem Raume umherschnellte. die mich in Anbetracht der Zerbrechlichkeit des Behälters für denselben fürchten ließ.

Nicht lange jedoch währten diese Kraftäußerungen; erschöpft am Boden liegend und nach Luft schnappend, mußte der Fisch zu seiner Erholung in sein Element zurückversetzt werden.

Die Schlange, welche unterdessen an den innern Wandungen ihres Behälters ungeduldig auf- und abzüngelte, schien beschlossen zu haben, sich ihr Opfer nicht zum zweiten Male entreißen zu lassen, denn kaum war dasselbe ihr zurückgegeben, als sie es auch schon unversehens und mit der diesen Thieren eigenen Schnelle und Gewandtheit am untern Theile des Körpers, nahe am Schwänze, erfaßt hatte.

Sie versuchte nun von hier aus mit gewöhnter Regelmäßigkeit und Sicherheit den Verschlingungsproceß in Scene zu setzen, fand aber an der entgegenstehenden Schwanzflosse einen so unbesiegbaren Widerstand, daß sie diesen Versuch auf- und ihr Opfer frei gab, welches nun wieder zu unserm Bedauern im Glase umherschnellte. Da plötzlich erfolgte der zweite Angriff. Diesmal am Kopfe erfaßt, war die arme Forelle nun unrettbar ihrem Schicksale verfallen. Was halfen ihr die verzweifelten Kraftanstrengungen, sich den nach innen gekehrten Zahnreihen des Schlangenrachens zu entwinden? Wie ein Gummischlauch dehnte sich derselbe immer weiter und weiter, bis er endlich den Körper des Fisches an seiner umfangreichsten Stelle umschlossen. Trotz der fortdauernden heftigen Bewegungen der Forelle trat nun von hier ab eine Beschleunigung des schauerlichen Processes ein, und nach Verlauf von zehn Minuten etwa war das bedauernswerthe Opfer bis zum Schwanze hinabgewürgt, welcher noch eine geraume Zeit aus beiden Seiten des wieder geschlossenen Rachens symmetrisch hervorsah und so einen äußerst komischen Anblick gewährte.

Ich glaubte nun, daß sich das gefräßige Ungeheuer nach einer solchen Mahlzeit jener andauernden, trägen Siesta überlassen würde, wie solche bei seinen zwischen den Wendekreisen wohnenden größeren Schwestern üblich zu sein pflegt; hierin irrte ich mich jedoch.

Die normale Lebhaftigkeit der Bewegungen war durchaus nicht beeinträchtigt, und wenn auch die Dimensionen des vorderen Körpers, etwas abwärts vom Schlunde bis zur Magengegend, diejenigen einer jungen Klapperschlange waren, so hatte dennoch nach Verlauf von drei bis vier Tagen die inzwischen vollzogene Verdauung auch diese kleine Difformität beseitigt.

Daß die Ringel- oder Schlingnatter, welche, wie man sieht, letzteren Namen mit vollem Rechte trägt, sieben Monate, ohne die geringste Nahrung zu sich nehmen, hungern kann, ist eine Thatsache, von der ich mich zu überzeugen Gelegenheit hatte, als mir im Winter von 1864 auf 65 zufolge eines unerwartet früh eingetretenen Frostes im October die wenigen Frösche erfroren, welche den Winterproviant meiner Schlange bildeten.

An einen Ersatz desselben war nicht mehr zu denken, und so glaubte ich durch eine rasche Tödtung dieses Thier den Qualen eines langsamen Hungertodes entziehen zu müssen. Da ich aber zugleich die gebotene Gelegenheit, mich von der vielbezweifelten Ausdauer der Ringelnatter einmal überzeugen zu können, nicht entschlüpfen lassen wollte, so siegte nach langem Schwanken zwischen humanen Regungen und grausamer Neugier die letztere und zwar zum Glücke der Schlange. Anfangs October hatte diese ihren letzten Fraß zu sich genommen; im darauf folgenden December rollte sie sich zusammen und verharrte mit geöffneten Augen mehrere Wochen lang in einem bewegungslosen Zustande. Ich hielt sie für todt und berührte sie. Ein kräftig ausgestoßenen Zischen widerlegte jedoch meine Annahme aufs Bestimmteste, und daß sie sich außerdem auch wohl befinden müsse, verbürgte mir der Umstand, daß ihre körperliche Beschaffenheit während der so langen Fastenzeit die gleiche geblieben war.

So verstrichen denn noch Januar, Februar und März. Erst gegen Ende April hatte ich ihr Nahrung schaffen können. Ein Frosch vom größten Kaliber leistete der Schlange schon seit einigen Tagen Gesellschaft, ohne daß zu meinem größten Erstaunen derselbe einem Angriffe ausgesetzt gewesen wäre. Im Gegentheile schien es, als ob sich ein von Tag zu Tag sich immer mehr befestigender gemüthlicher Verkehr zwischen den beiden Insassen des Glaspalastes geltend machen wolle.

Stunden lang lag der kleine Kopf der Schlange auf dem umfangreichen Rücken des nach einer dicken Schmeißfliege an der Decke des Glases vigilirenden Vierfüßlers, und wenn dann im günstigen Augenblicke der gewaltige Sprung erfolgte und infolge dessen die Natter gar unsanft zur Seite geschleudert wurde, so schien diese gänzliche Verleugnung aller Rücksichten ihr durchaus keine Aufregung zu verursachen.

Dieses rührende Verhältniß, welches nun beinahe drei Wochen angedauert hatte, sollte indeß bald auf entschiedene Weise und für immer gestört werden.

Mit der inzwischen beendeten Häutung der Natter mußte auch der alte Appetit zurückgekehrt sein, denn ohne ihre freundesmörderische Absicht durch vorherige verdächtige Bewegungen kundzugeben, packte sie eines schönen Tages ihren dicken Gesellschafter am Hinterbein und verzehrte denselben mit einer Gemüthsruhe, die an Größe nur dem Stoicismus gleich kam, mit welchem der arme Betrogene in dem Rachen seiner falschen Freundin verschwand.

Dies geschah Mitte Mai und folglich hatte die Schlange länger als sieben Monate gefastet, ohne. was zu bemerken ist, während des Winters sich dem Winterschlaf überlassen zu haben!

Schließlich fühle ich mich veranlaßt, der selbst von namhaften Zoologen aufrecht erhaltenen Ansicht entgegenzutreten, als nähre sich die Ringelnatter auch von warmblütigen Thieren, kleinen Vögeln, Mäusen etc. Diese bilden allerdings die Nahrung der Kreuzotter. Die Ringelnatter verschmäht sie und würde mitten unter diesen Thieren verhungern. Ihre einzige Nahrung sind schuppenlose Amphibien, sogenannte Lurche, und kleinere Fische, welche letztere, da sie bekanntlich vortrefflich schwimmen kann, ihr leicht zur Beute werden.




Der geschichtliche Attinghausen. Eine der edelsten Gestalten in Schiller’s Tell ist der alte Freiherr Werner von Attinghausen, der, den Bund der Eidgenossen segnend, stirbt. Wie bei anderen Charakteren des großen Schauspiels hat Schiller auch bei diesem einen geschichtlichen Namen, eine wirkliche Person benutzt. Der Werner von Attinghausen seines Tell hat gelebt und ist ein wackerer Mithelfer bei der Grundsteinlegung des stolzen Bundes der Eidgenossenschaft gewesen. Sein Geschlecht aber ist ausgestorben und vom „Edelhof zu Attinghausen“ sind blos noch Trümmer vorhanden. Sie liegen nicht weit vom Ufer der Reuß, etwas oberhalb der Stelle (doch am andern Ufer), wo der Schächen einmündet, auf einer Anhöhe, die von Ahorn, Ulmen, Linden, Buchen und Walnußbäumen beschattet wird. Die Ringmauer ist an der Ostseite noch zwölf Fuß hoch, ein Thurm der Nordseite erhebt sich zu etwa hundert Fuß, im Innern sieht man überall Mauerblöcke, um die man rings Obstbäume gepflanzt hat. Wie der Edelhof zu Grunde gegangen, weiß Niemand; wahrscheinlich ist er in den friedlicheren Zeiten zu Ausgang den Mittelalters von den Eigenthümern verlassen worden. Der Bau der Burg dürfte weit über das zwölfte Jahrhundert hinaufreichen. Eine Sage der Kreuzfahrer erzählt, daß König Balduin von Jerusalem in einer Krankheit einen Traum hatte, der ihm Genesung versprach, wenn er in einer Gegend, welche der Traum ihm mit wunderbarer Genauigkeit zeigt, ein Kloster gründe. Keiner erkannte die Gegend, wenn der König sie beschrieb, aber als ein Ritter aus dem Urner Land von einem wilden Gebirg hörte, dessen Höhe auch im Sommer mit Schnee bedeckt sei, von einem schmalen Pfad am Felsen, von Brücken über Abgründe, aus denen das tobende Wasser wieder in eitel Staub gen Himmel steige, [800] und von einem Kloster und Schloß an einem hohen See, der auch zwischen hohem Gebirg gelegen sei, da rief er freudig: „Herr, das ist der St. Gotthardsberg, das ist Attinghausen, das ist Seedorf, das ist mein Heimathland!“

Die Attinghausen wohnten ursprünglich im baierischen Hochlande in der Gegend von Tegernsee und waren Freiherrn von Schweinsberg. Wie Theodor von Liebenau, der Verfasser einer urkundlichen Geschichte der Freiherren von Attinghausen (Aarau, Sauerländer), vermuthet, ist ein Schweinsberg mit Friedrich dem Rothbart nach Uri gekommen und dort mit einem Besitzthum, dessen Namen Attinghausen seine Nachkommen angenommen haben, belehnt worden.

Der Attinghausen Schiller’s war der vierte Eigenthümer des Edelhofes. In der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts geboren, war er als ältester Sohn der Gutserbe und trat früh in’s öffentliche Leben ein. Seine Gattin Margaretha, mit der er sich in jugendlichem Alter verband, wird nur in einer einzigen Urkunde genannt, die einen Verkauf betrifft, zu welchem sie ihre Einwilligung geben mußte, weil er sich auf ihr Leibgedinge bezog. Sie beschenkte ihren Mann mit sieben Kindern, unter denen eine Tochter Anna war, die sich mit Johannes von Rudenz verheirathete. König Albrecht setzte ihn zum Landammann in Uri ein, aber als die Conflicte mit dem Hause Habsburg eintraten, hielt Werner von Attinghausen zum Volke und blieb der einmal ergriffenen Sache unwandelbar treu. Es ist kaum einem Zweifel unterworfen, daß er den ersten Bund mit schloß, durch den Uri, Schwyz und Nidwalden sich eidlich und auf ewige Zeilen zu gegenseitigem Schutz und zur Erhaltung ihrer Freiheit verbanden (1. August 1291). Unter der Urkunde den am 16. October desselben Jahren mit Zürich abgeschlossenen Vertrags steht sein Name: Her Wernher von Attingenhusen. Schiller läßt dem sterbenden Attinghausen die Schlacht von Morgarten prophetisch im Geiste erblicken (Act 4, Scene 2), der geschichtliche Attinghausen hat sie erlebt und wahrscheinlich die mitkämpfenden Urner befehligt. Unter seinen Gehülfen und Gesinnungsgenossen tritt besonders Walther Fürst hervor, auch eine Person des Dramas. Bis an seinen Tod wurde Werner von Attinghausen immer zu den wichtigsten Geschäften berufen und sorgte stets für das Wohl der Waldstätte und insbesondere für sein Uri, dem er das Urseren- und Livinerthal und damit den Besitz des Gotthard-Passes verschafft hat. Ob er den Tag von Ampfing und die Gefangenschaft Friedrich’s von Oesterreich noch erlebt hat, ist zweifelhaft. Zum letzten Male wird seiner unter dem 31. October 1321 erwähnt. Zwei seiner Söhne sind die letzten Attinghausen. Johannes folgte dem Vater als Landammann von Uri und wirkte ganz in seinem Sinne; Thüring, Abt von Dissentis, bewährte sich als versöhnlicher und volksfreundlicher Mann. Mit Johannes erlosch das Geschlecht, und der Edelhof gelangte auf einige Zeit an die Rudenz, die vor dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts ausgestorben sind.




Neue Lebensversicherung. Eine der wichtigsten und genialsten Erfindungen ist es, welche uns im Nachfolgenden beschäftigt. Mit welchen bangen, unheimlichen Gefühlen haben die Kohlendunst-Erstickungsfälle, namentlich der letzteren Zeit, alle Welt erfüllt! Hat doch die Erfahrung es bewiesen, daß eine vollständige Sicherheit gegen Kohlenoxydgasvergiftungen bis jetzt noch in keiner Weise zu ermöglichen ist. Mit oder ohne Ofenklappe, mit oder ohne hermetisch schließende Ofenthür, gleichviel, bei welcherlei Heizungsmaterial – ja, sogar im ungeheizten Zimmer, immerfort sind wir der grausigen Gefahr ausgesetzt, denn im letzteren Falle kann das Gift sogar von einer der neben, unter oder über uns liegenden Wohnungen durch unsern Ofen bei uns eindringen.

Jetzt aber kaufen wir uns einen kleinen, eleganten und billigen Apparat, eine Art von Wecker, setzen denselben in der dem Ofen entferntesten Ecke des Schlafzimmers auf die Erde und begeben uns getrost und zuversichtlich zur Ruhe – denn beim Eindringen der geringsten Kleinigkeit von Kohlenoxydgas beginnt die schrille Glocke dieses Weckers in solcher Weise zu läuten, daß auch der am festesten Schlafende aufgerüttelt werden muß.

Dieser Apparat ist in folgender Weise construirt: Ein offener, der Stubenluft ausgesetzter Cylinder enthält eine Flüssigkeit, welche ein empfindliches Reagens auf Kohlenoxydgas ist. Bei dem geringsten Ausströmen dieses letzteren wirkt es sofort auf die Flüssigkeit ein, diese wird dadurch aber urplötzlich in der Weise umgewandelt, daß sie wiederum auf die Leiter einer galvanisch-elektrischen Vorrichtung einzuwirken und durch diese die schrille, weckende Glocke in Bewegung zu setzen vermag.

Der Erfinder dieses Apparates ist ein Chemiker, Dr. Carstanjen in Berlin, dessen Geheimniß natürlich, mindestens vorläufig, die Zusammensetzung der Reagentien bleiben muß. Nach einer privaten Mittheilung steht er jedoch bereits im Begriff, ein Patent auf den „Wecker“ zu erlangen.

Sollte auch wirklich vorerst die praktische Ausführung dieser Idee noch nicht gelingen, immer bleibt dieselbe sehr genial und Herrn Carstanjen’s Verdienst, die Wissenschaft auf einen solchen, für die gesammte Menschheit so wichtigen Gedanken geleitet zu haben, unbestritten ein sehr großes.




Unter den Weihnachtsbaum. Unter den Festgeschenken für die Jugend verdient ohne Zweifel G. A. Gräbner’s „Robinson“, der soeben in zweiter Auflage erschienen ist, einen bevorzugten Platz. In seiner überaus lebendigen und frischen Darstellung der Geschichte von Robinson Crusoe giebt uns der Verfasser nicht nur ein gelungenes Charakterbild, sondern auch eine ebenso wohldurchdachte als glücklich durchgeführte Culturgeschichte im Kleinen; denn wenn uns die ersten Einrichtungen Robinson’s auf der Insel einen Blick in die Urzustände der Menschheit thun lassen, so sehen wir weiterhin, wie allmählich Nahrung, Wohnung und Kleidung sich verbesserten, wie eine Erfindung, ein Gewerbe nach dem andern entstand, bis endlich die Entwickelung ihren jetzigen Standpunkt erreichte. Gleiche Anerkennung verdient aber auch die Sorgfalt, mit welcher die geographischen und naturgeschichtlichen Partien behandelt worden sind. Betrachten wir außerdem die hübsche Ausstattung und den reichen Bilderschmuck des Buches, so finden wir in diesem alle Eigenschaften vereinigt, die ihm Anspruch auf die weiteste Verbreitung geben. Möge es diese finden!



Als Weihnachtsgeschenke empfohlen!

Bernstein, A., Vögele der Maggid. Eine Geschichte aus dem Leben einer kleinen jüdischen Gemeinde. In engl. Cartonnage 271/2 Ngr.

Bock. Buch vom gesunden und kranken Menschen. 6. Aufl. broch. 1 Thlr. 221/2 Ngr., eleg. geb. 2 Thlr.

Gartenlaube, 1859. 1860. 1861. 1862. 1863. 1864. broch. à 2 Thlr., eleg. geb. in gepr. Decke à 22/3 Thlr.

Gerstäcker, Gemsjagd in Tirol. Mit 34 Illustrationen, eleg. broch. 3 Thlr. 10 Ngr., in engl. Preßdecken 4 Thlr. 5 Ngr.

Glaßbrenner, Adolf, Neuer Reineke Fuchs. Vierte, verbesserte Ausgabe, broch. 1 Thlr.

Saphir, M. G. Wilde Rosen. Dritte Auflage. Prachtvoll geb. mit Goldschnitt 2 Thlr. 15 Ngr.

Stolle, Palmen des Friedens. Eine Mitgabe auf des Lebens Pilgerreise. Vierte Auflage, eleg. geb. 1 Thlr. 10 Ngr.

Stolle, ausgewählte Schriften. Volks- und Familienausgabe. 30 Bände. Zweite Auflage, broch. à Band 71/2 Ngr.

Stolle, Ein Frühling auf dem Lande. broch. 271/2 Ngr.

Storch, Gedichte. eleg. cart. 1 Thlr. 6 Ngr., prachtvoll geb. mit Goldschnitt 1 Thlr. 15 Ngr.

Storch, ausgewählte Romane und Erzählungen. Volks- und Familienausgabe. 19 Bde. broch. à Bd. 71/2 Ngr.

Storch, ein deutscher Leinweber. 12 Bde. broch. à Bd. 71/2 Ngr.

Traeger, Gedichte. Vierte, sehr vermehrte Auflage. Prachtvoll geb. mit Goldschnitt 11/3 Thlr.

Vogt, Carl, Vorlesungen über nützliche und schädliche, verkannte und verleumdete Thiere. Mit 64 Abbildungen, broch. 1 Thlr.

Carl Maria v. Weber. Ein Lebensbild von Max Maria v. Weber. Zwei Bände. Mit Portrait. broch. 5 Thlr. 10 Ngr.

Wislicenus, Gustav Adolf, die Bibel. Für denkende Leser betrachtet broch. 23/4 Thlr.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. „Ich löse einige Blätter aus meinem Tagebuche los,“ schrieb uns der Verfasser der obenstehenden Skizze, Hans Holmbach, „das ich während eines vierzehnjährigen Exils geschrieben habe, und sende Ihnen heute zunächst die Schilderung von Carl Witt’s merkwürdigem Entkommen aus Zweibrücken, die ich nach dessen mir in Nancy übergebenen Notizen zusammengestellt habe. Die Gartenlaube, die immer ein so warmes Interesse an den Schicksalen der um der Freiheit willen leidenden Söhne des deutschen Vaterlandes genommen hat, wird diesen Mittheilungen sicher ihre Spalten nicht verschließen.“
    Die Redaction.
  2. Diese Hoffnungen erhielten leider im Gefolge der Zeit nur eine theilweise, beziehungsweise späte und verkümmerte Erfüllung.
  3. Schade, daß die Orthographie dieses Namens nicht Glühenspieß lautete. Ein anderer iminöser Name war der eines der Beschließer oder Géoliers. Er hieß Praxmeier.
  4. Vergleiche Gartenlaube 1864, Nr. 13.