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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 225.jpg
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[225]

No. 15. 1865.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Der bairische Hiesel.
Volkserzählung aus Baiern.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

„Ein Schreiben meines hochwohlgebornen Vetters und berühmten Collegen, des Doctor Geyer, Leibarztens Seiner kurfürstlichen Durchlaucht, ist es!“ erwiderte der Bader. „Ich stehe fortwährend in gelehrter Correspondenz mit ium und in steter Consultalion über das systema climaticum der ganzen Gegend an der Paar …“

„Ist es denn möglich?“ rief der Alte. „Sollt’ sich der Gnaden Herr Vetter an uns arme Leut’ erinnert haben?“

„Das hat man gethan!“ erwiderte der Bader und hob triumphirend seinen Brief in die Höhe. „Hier ist es Schwarz auf Schweiß: Seine Durchlaucht haben von dem kecken Wildschützen, dem bairischen Hiesel, und seiner Meisterschaft im Schießen gehört … Du sollst nach München kommen, Hiesel, und sollst Dich dem Kurfürsten vorstellen – er will eine Probe mit Dir machen, und wenn’s gut geht, Dich unter die kurfürstlichen Jäger aufnehmen und Dir eine Försterei geben … was sagt Er dazu, Er ungehobelter Wildschütz?“

Hiesel konnte nichlö erwidern; das Blut drängte ihm zu Kopf, daß er wie im Fieber glühte; der Alte stand in zitternder Ungewißheit, der Pfarrer griff nach dem inhaltschweren Brief. „Wahrhaftig, es steht so hier!“ rief er freudig. „Hört nur … ‚Zweifle darum auch nicht, so besagter Mathias Klostermaier, vulgo der bairische Hiesel genannt, sich ernstlichen resolviret, einen geordneten Lebenswandel zu beginnen, auch seine oft bemeldete fürtreffliche Schießkunst nur zu Nutz und Frommen Seiner Durchlaucht zu verwenden, anderweit aber auch die Unterthanen nicht mit allerlei tribulationibus zu behelligen, deren Bitterkeit er selbsten erfahren, daß Seine Durchlaucht nicht anstehen werden, besagtem Hiesel eine Jägerei zu verleihen, verhoffend, daß aus einem richtigen Wildschützen ein noch viel richtigerer Jäger werden sollt‘ … Gott segne Seine Durchlaucht!“ fuhr er mit gerührter Stimme fort und hob die Hände nach oben. „Gott segne sein edles Gemüth, das auch den Geringsten nicht vergißt … er ist ein Fürst nach dem Sinne des Ewigen, ein wahrer Landesvater!“

„Ja – und unser Herrgott soll es ihm vergelten, tausend und tausendmal!“ rief der Alte mit freudebebender Stimme. „Ich hab’ wohl nur wenig Zeit mehr zu leben – aber gern geb’ ich die paar Jahrl’n her, wenn er ihm davon eine einzige so vergnügte Stund’ machen will, wie die jetzige ist! … Hiesel, Du bist ja ganz stumm und starr – hast Du’s denn gehört? Hast Du’s denn auch verstanden?“

„Ja, Vater,“ rief Hiesel und warf sich an seine Brust, „ich hab’s gehört und verstanden, aber es ist mir noch Alles wie ein Traum – ich kann’s ja nicht glauben …“

„Es ist doch so,“ entgegnete der Bader, „und Er mag sich immerhin fertig machen zu dem Marsch nach München!“

„Das will ich! Gleich morgen mach’ ich mich auf den Weg!“ rief Hiesel in immer freudigerer Aufwallung. „Uebermorgen will ich in München sein und dem Kurfürsten zu Füßen fallen und ihm danken! Ich bin also kein Auswürfling mehr, bin nit überall verfolgt und veracht’t … ich soll daheim nimmer verstoßen sein, soll auch Jemand haben, der mir angehört … ich will’s nur eingestehn: heut zum ersten Mal ist es mir eingefallen, wie schön es wär’, wenn ich so mitten im Wald in einem Jägerhaus sitzen könnt’ und eine liebe Jagerin bei mir: ich hab’ mich selber ausgelacht und verspott’ wegen der Narrheit, und nun soll’s doch sein, nun soll ich’s doch auch so gut haben! Gott soll den guten, guten Herrn segnen! O, ich will’s ihm schon sagen, wenn ich vor ihm steh’ – ich will an sein Wort denken und kein Bauernschinder und doch ein richtiger Jäger sein … O du mein lieber Gott, ich muß mich schamen, daß mir altem Burschen das Wasser in die Augen kommt … aber die Freud’ ist zu groß, ich kann wahrhaftig nit anders!“

„Dieser Thränen hast Du Dich wahrlich nicht zu schämen, mein Sohn,“ rief mit Würde der Pfarrer. „Bleibe denn hier, bleibe die erste Nacht wieder ruhig in dem Hause, wo Du geboren bist, wo die Mutter in Sorgen um Dich dahingegangen; genieße zum ersten Male wieder den Frieden und das erhebende Bewußtsein, ausgesöhnt zu sein mit Dir selber und mit der Welt!“

„Na, jetzt muß ich mein Bett suchen!“ sagte der Bader. „Gehen wohl miteinander, Hochwürden Herr Pfarrer? Diesmal hab’ ich Ihnen den Rang abgelaufen! Nicht? Das war ein medicamentum radicale, das verbessert das ganze systema lymphaticum und pneumaticum! Gute Nacht bei einander, und Er, kurfürstlicher Jäger in spe, Er denke morgen bei Zeit an die Münchner Reise!“

Bald war das Häuschen zum Brentau seiner Besucher ledig; der Alte war, von seinem Sohne geleitet, in seine Kammer gegangen und schnell und vergnügt eingeschlafen, wie lange nicht; die Schwester war verstummend und grollend verschwunden, Hiesel schlüpfte in die wohlbekannte Kammer des obern Stocks, die ihn als Knaben beherbergt und die er so lange nicht mehr betreten. [226] Bald war die Stille des Hauses mit jener der draußen waltenden Nacht ausgeglichen, nur über Hiesel wollte weder Ruhe kommen noch Schlaf. Auf dem ärmlichen Lager neben dem kleinen Fenster sitzend, blickte er in die Nacht hinaus. Es war dunkler geworden, ein feuchter Westwind hatte sich aufgemacht und ein Gewölk heraufgetrieben, das nun in wechselnden Gestalten wunderlich geballt am Monde vorüberflog.

Hiesel überdachte die Veränderung, die ein einziges Fürstenwort in seinem ganzen Leben hervorgerufen, die Wendung, die es seiner ganzen Zukunft gegeben, und unwillkürlich fühlte er sich von Bildern und Träumen umsponnen, die ihm, vom Zauberschein der Hoffnung beleuchtet, diese Zukunft zur Gegenwart umzuwandeln begannen. Er sah sich schon in seinem Schaffen und Wirken als Jäger und Förster; er sah das ihm bestimmte Jägerhaus vor sich – auf grüner Waldblöße lag es da, mit dem Hirschkopf und Geweih’ über der Thür … mit den lustigen grünen Fensterläden … er sah sich selbst, die Büchse auf der Schulter, auf das Haus in der Abenddämmerung zuschreiten … er sah in der Thür eine weibliche Gestalt stehen, die ihm schon von fern grüßend zuwinkte, eine Gestalt, die er nur einmal und nur kurze Zeit geschaut, und die ihm doch so klar vor Herz und Seele stand, als wäre sie längst darin eingeprägt, als sei nur eine bergende Hülle weggenommen, unter der sie lange verdeckt gelegen. Wie der eines Träumenden ruhte sein Blick auf dem kleinen umzäunten Platz vor dem Hause, auf den der Mond, eben wieder das Gewölk durchbrechend, die vollste Helle niedergoß, und wieder, wie ein aus dem Traum Erwachender, fuhr er sich über Augen und Stirn – denn durch die taghelle Dorfgasse kam wirklich eine eilende Mädchengestalt auf das Haus zu, die dem Bilde seiner Träume vollkommen glich: das konnte nicht mehr die Wirkung seiner erregten Einbildungskraft sein … das war ein lebendes Wesen, das war Monika – ganz so, wie er sie vor wenigen Stunden gesehen, nur über den Kopf war ein verhüllendes Tuch geworfen. Jetzt stand sie am Eingangsthürchen der Umzäunung, jetzt klinkte sie dasselbe auf – bei einer Wendung traf das volle Mondlicht ihr Gesicht … im Augenblick hatte der Lauscher das Fenster neben ihm geöffnet und lehnte sich hinaus. Bei dem Klirren des Fensters blickte sie empor … es waren wirklich Monika’s Augen, in die er wie in ein Stück blauen Himmels hineinschaute.

„Monika,“ flüsterte er hinunter, „träum’ ich denn oder bist Du es wirklich?“

„Hiesel …“ stammelte sie und mußte sich, athemlos vom raschen Laufe, auf die Bank vor der Hausthür stützen. „Gott sei ewig Lob und Dank, daß ich Dich gleich selber find’ …“

„So hast Du mich gesucht?“ fragte er hastig hinwider. „Was hat das zu bedeuten? Du bist ja ganz verschrocken und außer Athem?“

„Ich hab’ wohl Ursach’ … ich bin her’kommen, um Dich zu warnen, Hiesel … ich hab’ nit eher loskommen können von daheim, als bis Alles geschlafen hat … Du mußt fort, Hiesel, Du hast keine halbe Stund’ mehr Zeit … Du bist verrathen!“

„Verrathen? Was fällt Dir ein? Von wem?“

„Besinn’ Dich nit lang, Hiesel, sonst ist es zu spät … Die Jäger, mit denen Du zusammengetroffen bist am Erdweg, sind in der vollen Furie fort nach Friedberg auf’s Pfleggericht, der Pfleger hat mit dem Fuß gestampft vor Zorn und hat nach den Soldaten geschickt … sie holen Dich, es sind kaiserliche Werber, sie wollen Dich mit Gewalt fortführen und zum Soldaten machen … jeden Augenblick können sie da sein …“

„Ich komm’ hinunter,“ rief Hiesel, indem er die Büchse und seine Habseligkeiten zusammenraffte und mit den Zähnen knirschend vor sich hinmurmelte: „O die schlechten, die elenden Menschen! Also das sind die Versprechungen, die sie Einem machen! Nichts als Fallen und Schlingen, um mich aufzuhalten, um mich sicher zu machen, damit sie mich fein gewiß finden und wieder fein ohne Gefahr im Schlaf über mich herfallen könnten! … Es ist klar, der Bader, der schlechte Kerl steckt mit unter der Decken! Darum hat’s ihm so geeilt, daß er mir die Nachricht noch so spät in der Nacht hat bringen müssen, den Brief hat er wohl gar selber erdicht’! – morgen, haben sie geglaubt, wär’ der Vogel schon wieder ausgeflogen … O die elenden, die grundschlechten Menschen! Aber das soll das letzte Mal sein, daß sie mich genarrt haben… ich will’s ihnen merken und eintränken …“

In wenig Augenblicken stand er in voller Jagdrüstung vor Monika, Grimm in der Seele und doch mit einem noch nie empfundenen Wonnegefühl im Herzen, denn das Mädchen, das sein ganzes Dichten und Sinnen eingenommen, stand leibhaft vor ihm … er konnte nicht mehr zweifeln, daß auch sie an ihm Antheil nahm und ihm gewogen war. „Du bist es!“ rief er und ergriff feurig ihre Hand. „Du kommst, mich zu warnen? Du sorgst Dich also um mich?“

„Wie sollt’ ich denn nicht?“ erwiderte sie treuherzig. „Sind wir ja gar alte Bekannte und Spielcameraden!“

„Und der Hiesel hat Dir leid gethan, daß er ein so unglücklicher gehetzter Mensch hat werden müssen, und Du willst keinen Theil daran haben, willst mich nicht hetzen lassen, wie ein wildes Thier … Sag, Monika, hast Du mich denn gekannt, wie Du mich geholt hast zum Tanzen? …“

„Nein … aber Du bist mir so besonders vor’kommen und es ist gewesen, als wenn Jemand hinter mir gestanden wär’ und hätt’ mir in’s Ohr gesagt, daß ich Dich holen sollt’, nachher hab’ ich’s freilich gewußt, warum Du mir so sonderbar bekannt vorgekommen bist und warum’s mir gar so eigen um’s Herz worden ist … Aber um Gotteswillen, Hiesel, mach’ nur, daß Du fortkommst … Ich bin vom Erdweg statt zu der Bas’ dahergefahren, der Vater hat mir Post gethan, daß er’s so haben will … ich weiß nicht, warum, da ist bald ein reitender Bot’ von Friedberg ’kommen, der hat’s dem Vater angesagt, weil er der Vorsteher ist – sie haben’s gar heimlich gemacht, aber ich hab’s erlauscht aus der Nebenstuben … wie’s späte Nacht ist und Alles schlaft, wollen sie kommen und Dich fortschleppen …“

„Die Elenden!“ rief Hiesel, wieder auflodernd. „Und warum verfolgen sie mich schon wieder? Ich bin ja kaum wieder frei – was hab’ ich denn gethan, daß sie schon wieder die Hände nach mir ausstrecken und mich strafen und unglücklich machen wollen auf Lebenszeit … O, sie sind falsch, Alle miteinander; nur Du bist treu, Monika – nur Du, und ich will Dir’s nie vergessen, so wahr ich … so wahr ich meine Mutter selig lieb gehabt hab’ und so wahr ich außer ihr Niemand in meinem ganzen Leben so lieb gehabt hab’, als Dich! …“

„Um Gotteswillen … eil’ Dich, Hiesel, eil’ Dich …“

„O, ich will mich nit fangen lassen, ich will fort, aber ein einzig’s Wört’l gieb mir noch mit auf den Weg! Ich weiß wohl, was Du jetzt für mich gethan hast, das thut man für Niemand, als den man gern hat … aber sag’ mir’s doch: ich möcht’s gar zu gern hören von Dir … sag’ mir’s endlich heraus, daß Du mich gern hast!“

„Wenn Du mich gern hast,“ drängte das Mädchen, „so versäum’ keinen Augenblick mehr! Du mußt fort … sag’ nur, wohin Du willst, auf welchen Weg?“

„Am Besten ist’s, ich geh’ auf eine Weil’ aus Baiern fort … über’n Lech hinüber in’s Schwäbische …“

„So komm … in einer halben Stund’, wenn wir scharf fahren, können wir an der Bruck sein … Ich hab’ dem Vater sein Schweizerwägel hinten aus der Schupfen geschoben und die Füchseln angeschirrt … ich fahr’ Dich hin, zu Fuß kamst ihnen schwerlich mehr aus und wenn sie Dich erwischen thäten … Hiesel, es wär’ mein Tod!“

„Nein, Du sollst leben, Monika, ich will ihnen die Freud’ verderben! Komm’ nur … Hab’ freilich nit gedacht,“ fuhr er etwas innehaltend fort, „daß ich so Knall und Fall und bei Nacht und Nebel fort müßt’ … ich kann Niemand mehr ,B’hüt’ Gott‘ sagen … nit wahr, Du versprichst mir, Monika, daß Du morgen zu meinem Vater und zum Herrn Pfarrer gehst und ihnen Alles erzählst?“

„Alles, Alles, was Du willst … Sag’ nur, wo ich Dich find’ mit dem Fuhrwerk.“

„Der Weg führt ja am Freithof vorbei … dort wart’ ich auf Dich, Monika, dort hab’ ich noch einen Besuch zu machen … Du weißt es wohl?“

Einen flüchtigen Blick, in welchem die Ahnung des Nimmerwiedersehens lag, warf er noch auf das friedliche Vaterhaus; dann schritt er der Davongeeilten nach und kniete bald unter den Kreuzen des kleinen Dorfkirchhofs an einem frisch aufgeschütteten Grabe; es war noch kein Gras gewachsen über dem gebrochenen Mutterherzen.

Bald rasselte das leichte Wägelchen heran, mit kühnem Satz [227] schwang Hiesel sich von der Friedhofmauer auf den Sitz, faßte Zügel und Peitsche, und wie vom Winde getragen sauste das Gespann über die nächtliche Ebene.

Hiesel und Monika saßen eng aneinander; es war keine Zeit zu Worten, aber das trauliche Aneinanderschmiegen sagte mehr, als Worte vermocht hätten. Als es eine kleine Anhöhe hinanging, hielt er die Pferde an, daß sie verschnauben konnten. „Dort liegt schon die Brücke,“ sagte Monika, nach einem erhöhten dunklen Punkte hindeutend, „in einer halben Viertelstunde sind wir dort …“

„Also nur noch eine halbe Viertelstunde ist es,“ erwiderte Hiesel, „daß ich Dich vor mir hab’! Dann muß ich fort von Dir und weiß nit, ob wir einmal wieder zusammenkommen oder nie mehr … Monika, jetzt mußt Du mir antworten auf meine Fragen … mit dem schönen friedlichen Jägerhaus, das ich Dir versprochen hab’, mit dem wird’s freilich nichts mehr sein … aber sagen kannst’ mir doch, ob Du mich gern hast, ob Du gern mit mir gegangen wärst, wenn ich Dich wiedergeholt hätt’, wie Du mich zum Tanz … ob Du mich nit ganz und gar vergessen willst?“

Eine zärtliche Antwort zögerte auf den Lippen des Mädchens, der Schrecken verscheuchte sie davon. „Jesus Maria,“ schrie sie auf, „dort, schau’ hin, Hiesel – dort bei der Bruck blitzt was und rührt sich … die Bruck ist besetzt…“

Hiesel hielt die Pferde an und stand hochaufgerichtet im Wagen. „Wahrhaftig,“ sagte er scharf hinüberblickend, „das sind Berittene! Hoho, sie machen’s ja wohl wichtig mit mir, der Hiesel muß eine wichtige Person sein, daß sie sich so viel Mühe geben um ihn – sie haben mich eingegangen, wie bei einem Treibjagen …“

„Da ist ein Seitenweg,“ fiel Monika ein, „ein Feldstraßl, vielleicht können wir am Lech hinauf bis zu der Ueberfuhr’ … Gieb mir die Zügel, ich kenn’ den Weg – über den Wiesgrund hört man auch die Räder nicht so weit rasseln …“

Pfeilschnell und fast lautlos ging es auf dem weichen Grunde dahin, eine dichte Wolke legte sich vor den Mond und hüllte die Gegend weithin in tiefen Schatten.

Mit einmal fiel Hiesel der Fahrenden in die Zügel. „Da können wir auch nit weiter,“ flüsterte er, „dort hinter dem Gebüschstreifen ist es auch nit richtig und hinter uns,“ fuhr er sich umwendend fort, „hinter uns sind sie auch schon … ich sehe die Husarenbüsche fliegen … sie haben die Spur …“

Im Nu riß er mit gewaltiger Faust die Rosse herum, die Peitsche sauste und über Stock und Stein ging’s polternd und schnellend quer durch die Felder, um das Ufer des Lechs, der sich wie ein mattgrauer Streifen dahinzog, noch vor den Verfolgern zu erreichen.

Jetzt war es gelungen und Hiesel sprang vom Wagen, das Mädchen ihm nach.

„Sie kommen von allen Seiten!“ rief er. „Es giebt keinen andern Ausweg …“ und machte einen Schritt gegen den Strom, der mit mächtigen hochgehenden Wellen dahinrauschte.

„Was willst’ Du thun?“ rief Monika und hielt ihn angstvoll zurück.

„Fürcht’ Dich nit,“ sagte er. „ich kann gut schwimmen – eh’ ich mich von denen fangen laß’, will ich mich unserm Herrgott übergeben … B’hüt’ Gott, Moni … ich dank’ Dir schön für Deine Lieb’ und Deine Treu’ … B’hüt’ Dich Gott!“

Er schloß sie fest an sich, drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen und sprang mit kühnem Satz in den Lech – der Hund hinter ihm her; mit einem Aufschrei sank Monika in die Kniee und starrte entsetzt in die aufschäumenden Wellen. Es war die höchste Zeit gewesen, schon ward der Hufschlag der ansprengenden Rosse deutlich vernehmbar.

Da brach der Mond hervor und zeigte fern in der Mitte des wilden Stromes den verwegenen Schwimmer; auch die Reiter erblickten ihn, Schüsse krachten, die Kugeln sausten ihm nach …

Er verschwand; die Wellen gingen über ihm zusammen …


3.

Ein leiser gurgelnder Pfiff, wie der einer Wassernatter, tönte über die nachtverhüllte Waldblöße.

Kaum war der Ton verhallt, so stieg aus der Mitte ein schnell aufflackerndes und eben so schnell erlöschendes Licht empor, das wie ein Blitz secundenlang den ganzen, von schwarzen, eng herangerückten Tannenwäldern eingeschlossenen Raum übersehen und ein ansehnliches Gehöfte erkennen ließ, das sich darauf erhob. Die unbeworfenen Riegelwände mit den rohen Ziegeln und rauh behauenen Balken gaben ihm ein ungastliches Ansehen, das durch den Umstand noch gesteigert wurde, daß alle Läden geschlossen waren und das Haus wie unbewohnt oder wieder verlassen erscheinen ließen. Als ob der Wald einen dunklen Arm ausstrecke, um es nicht loszulassen, zog sich hinter demselben eine finstere lebende Hecke niedergehaltener Fichtenstämme hin und diente zur Richtschnur einer männlichen Gestalt, die vorsichtig und gebückt daran hinschlüpfte.

An der Wand, unter den Fenstern des Erdgeschosses angekommen, ließ der Mann das gurgelnde Pfeifen wieder ertönen, der untere Theil eines Ladens schob sich vorwärts und schloß sich wieder, nachdem ein paar leise Worte der Verständigung gewechselt waren. Der Angekommene schlich an der Wand hin zur Hinterthür des Hauses, welche aber nicht aufgemacht wurde, sondern in welcher sich nur der untere Theil der Verschalung wie eine Klappe aufthat und eine Oeffnung bildete, nur eben groß genug, einen Mann in gebückter Stellung durchkriechen zu lassen. Drinnen richtete der Fremde sich auf und grüßte die Oeffnende, die mit der Lampe in der Hand ihm gegenüberstand; sie hielt die andere Hand wie einen Schirm darüber, so daß das Licht das Gewölbe des Hausgangs nur streifenweise erhellte, dafür aber seinen vollen Schein auf die beiden Gestalten warf. Es war der Bursche im blauen Fuhrmannskittel mit rothem Haar und schielenden Augen; das Mädchen, halb ländlich, halb städtisch gekleidet, war groß, füllreich und doch schlank; das Gesicht war schön, aber verlebt, in den Zügen hatte die wilde Leidenschaft gewühlt, die aus den schwarzen Augen brannte und, von innen heraus zerstörend, das reine Ebenmaß verwischte.

Das Erscheinen des Fuhrmanns schien ihr unerwartet. „Du bist’s, Rother?“ fragte sie gedehnt, daß er davon überrascht sie blinzend anschielte. „Warum soll ich’s nicht sein?“ sagte er. „Komm’ ich Dir etwa ungelegen, Kundel? Niemand von der Cameradschaft da?“

„Niemand.“

„Sonderbar! Ich hatte gedacht, die ganze Herberg’ voll zu finden. Es muß doch alles unterwegs sein, was zu den freien Leuten gehört! … Und so bist Du ganz allein, Kuni? Auch der Better nicht daheim?“

„Der ist nach Appertshausen und kommt erst gegen Morgen wieder…“

„Prächtig!“ rief der Bursche und schwang seinen Hut. „Da hätt’ ich’s ja gar nicht besser treffen können! Ein paar Stunden mit der schönen Kundel allein!“

„Komm’ mir nicht zu nah’!“ entgegnete das Mädchen und trat vor seiner versuchten Annäherung entrüstet zurück. Der Rothe aber ließ sich nicht so leicht abweisen, er trat ihr wieder näher und wollte sie um den Leib fassen. „Das wär’ ja ganz etwas Neues!“ rief er lachend. „Seit wann wär’ denn die Kundel so feuerscheu? Sei doch gescheidt und zier’ Dich nicht so…“

„Weg von mir oder ich stech’ Dich nieder …“ rief das Mädchen mit lauter Stimme und riß aus dem Mieder ein kurzes stiletartiges Messer hervor, im Augenblick des Rufens selbst aber dämpfte sie den Ton und machte dem Burschen, gegen eine Thür im Hausgange zeigend, eine abwinkende Bewegung.

„Still sein soll ich?“ fragte er halblaut. „Es ist also doch Jemand im Haus?“

„Ja,“ flüsterte sie und öffnete die Thür der großen Gaststube, „ich hab’ im Anfang gar nicht daran gedacht.“

Der Rothe folgte zögernd und mit mißtrauischen Blicken. „So?“ sagte er. „Wer ist denn im Haus?“

„Komm nur da herein,“ erwiederte das Mädchen, „ein Fremder ist’s, der krank in’s Haus gekommen… Komm doch, wirst hungrig und durstig sein… Hab’ nur eine kleine Geduld,“ fuhr sie in gesteigerter Geschäftigkeit fort, während sie die Lampe auf den Tisch am Ofen setzte, „ich bin gleich wieder da aus dem Keller – sollst es von einem ganz frischen Faß haben…“

Damit war sie auch schon an der Thür und zog diese hinter sich zu. „Das ist doch gespaßig,“ sagte der Rothkopf, ihr bedenklich nachschielend. „Erst ist sie wie eine Wildkatz’ und jetzt [228] auf einmal so freundlich! Da steckt was dahinter…“ Leise erhob er sich und trat an das kleine Fensterchen, durch welches bei großem Andrang von Gästen die Krüge von draußen hereingereicht wurden; gegenüber war die Thür zur Kellertreppe und die des Zimmers, wo der Unbekannte sich befand. Das Mädchen stand vor dieser und hatte sich zum Schlüsselloch herabgebeugt, um zu horchen, ob nichts in dem Gemach sich rege. Wie sie sich erhob, kehrte auch der Lauscher von seinem Lauerposten zurück und machte sich’s auf der Ofenbank bequem, als ob er vom Wege ermüdet sei und der Erholung bedürfe. „Danke schön,“ sagte er gleichgültig nickend, als Kundel den schäumenden Bierkrug nebst Brod und geräuchertem Fleisch vor ihm hinsetzte. „Ich werd’ dem Essen nimmer viel thun – bin schläfrig und muß in aller Frühe wieder fort, und weil Du doch einmal mit mir die Nacht nicht verplaudern willst, so zeig’ mir meine Liegerstatt…“

„Iß und trink nur erst,“ sagte das Mädchen, „kannst droben in dem Eckstübel schlafen, wo Du schon öfter gelegen bist…“

Der Rothe that einen starken Zug aus dem Kruge und blinzte darüber hin verstohlen nach dem Mädchen. „Da hinauf?“ sagte er dann. „Das Eckstübel ist viel zu sauber für mich; es braucht auch nicht so viel Umständ’ – ich leg’ mich gleich da auf die Bank. Brauchst nit zu sorgen,“ setzte er hinzu, als in Kundel’s Zügen das Mißvergnügen über sein Vorhaben sichtbar wurde, „mach’ meine Zech’ noch heut’ und … Deinen fremden Kranken da drüben werd’ ich auch nicht im Schlaf stören… Wer ist es denn?“ fragte er weiter und schleuderte den Geldgurt, den er unter dem Hemde auf dem Leibe trug, auf den Tisch, daß er klirrte. Er wühlte in den Münzen, womit der Gurt gefüllt war, um seinen Reichthum zu zeigen, und warf einen endlich ausgewählten Kronenthaler hin.

„Ich hab’ schon gesagt, daß ich es nicht weiß,“ erwiderte Kundel, indem sie, ohne aufzuschauen, das Geldstück wechselte. „Es werden bald vierzehn Tage sein, daß er bei Nachts vor’s Haus kam. Es war Alles schon zu Bett, aber der Hund hat so gerebellt und hat den Vetter aufgeweckt, und wie er nachschaut, ist ein Fremder draußen, der verlangt, man sollt’ ihm aufmachen, er sei verirrt und krank und könne nicht weiter. Wie wir ihn dann hereingelassen haben, ist ein junger Mann in einem Jägergewand, todtenblaß, der Frost hat ihn geschüttelt, daß er sich kaum hat aufrecht halten können, und über und über war er naß, daß ihm das Wasser vom Leib gelaufen ist… Er hat den Weg verfehlt gehabt und ist in Lech hineingerathen und hat sich mit Müh’ und Noth bis zu uns hergeschleppt…“

„Und Ihr habt ihn gar nit gefragt, wer er ist? Mit dem Burschen ist’s nicht richtig!“

„Warum? Hätten wir ihn fortweisen sollen? Der Vetter hat gesagt, ich soll ihm ein Bett richten, und wie wir in der Früh’ nach ihm gesehn haben, da ist er krank da gelegen, wie im hitzigen Fieber, und hat nichts von sich gewußt … ein paar Tag ist es wohl gefährlich mit ihm gestanden, aber der Vetter hat ihm fleißig von seinem Carmelitergeist gegeben, das hat ihn wieder curirt…“

„Ich bleib’ dabei und wett’ meinen Kopf darauf, daß er doch ein verdächtiger Kerl ist … ein Vagabund!“

„Nein!“ rief Kundel eifrig, „er sieht aus wie ein rechtschaffener Mensch … wie Vagabunden ausschaun, weiß ich gar zu gut!“

„So?“ erwiderte der Rothe lachend und mit höhnischem Blinzen. „Aber was geht’ mich an! Mir liegt er gut… Sag’ mir lieber, ob Du ganz vergessen hast, was wir vor einem Jahr miteinander geredt haben? Wie hast Du’s im Sinn?“

„Vor einem Jahr? Davon weiß ich nichts mehr.“

„Gut, daß ich ein besseres Gedächtniß hab’! … Der Vetter ist alt, Du bist seine einzige Befreundte, er giebt Dir wohl bald die Wirthschaft im Waldhaus über … eine flottere Wirthin muß es nicht geben, so weit der Himmel bairisch ist … nur der Wirth fehlt: hast Dir noch keinen ausgesucht? Ich wüßt’ Dir Einen zu verrathen!“

„Mach’ Dir keine Müh’, Du verdienst Dir dabei keinen Kuppelpelz … das steht noch im weiten Feld, aber das weiß ich gewiß, daß Du’s nit bist, der mir den Rechten verrathen kann.“

„Warum wohl?“

„Weil, wenn ich die Wirthin im Waldhaus werden sollt’, ich das Unterste zu oberst kehren will, und nur solche Gäst’ aufnehm’, die offen kommen und beim helllichten Tag!“

„So dumm wirst nit sein, Kundel!“ lachte der Rothe. „Wirst Dir nit selber das Geschäft verderben, das eine wahre Goldgruben ist! Was nur das Wildbrät allein tragen muß! Und dann erst alle die raren Sachen, die so auf der Abseiten herkommen, die ein Spottgeld kosten und für ein Heidengeld wieder fort wandern! Woher hätt’ denn der Waldhaus-Wirth sein vieles Geld?“

„Ich will von dem Geld und von dem Geschäft nichts wissen!“ erwiderte Kundel, „früher hab’ ich’s nicht verstanden, ich hab’s nicht überdacht und hab’ dem Vetter gefolgt – jetzt aber hab’ ich selber meinen Verstand, jetzt weiß ich, was ich von dem Allen denken muß … was geschehn ist, freilich, das kann ich nimmer ungeschehn machen – aber wenn ich noch länger beim Vetter und im Waldhaus bleiben soll, so muß es anders werden … ich will rechtschaffen sein und der Wirth vom Waldhaus muß ein rechtschaffener Mann sein.“



Auf der Landpraxis.

Wieder einmal ein Blatt aus dem liebsten Bilderbuche des deutschen Volks, aus dem seines eigenen Lebens.

Bekanntlich ist die sogenannte Genre-Malerei erst am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts als ein selbständiger Zweig der bildenden Kunst aufgetreten. Im Gegensatz zur Historienmalerei, welche sich auf die Darstellung religiöser und heroischer Momente der Geschichte beschränkte, suchte sie auf dem Markt und in den Wohnstuben, in den Werkstätten und in den Wirthshäusern, in der Natur und selbst in den Kirchen das Volk auf, nicht um bestimmte Individuen an sich, sondern um Individuen als Typen einer bestimmten Gattung (daher ihr Name Genre-, d. i. Gattungsmalerei) zur Darstellung zu bringen.

Man kann die Entstehung derselben auch anders deuten. Die Historienmalerei hatte ausschließlich der Kirche und den Thronen gedient; das Volk fand auf ihren Bildern nur dann eine Stelle, wenn es zur Verherrlichung jener geeignet war. Da erwachte zuerst bei den Malern eines freien Volks der Gedanke, daß dieses Volk selbst der Darstellung werth sei, und so ist durch die Niederländer zur Heiligen- und Helden- die Volks-Malerei gekommen.

Was ist es nun, das in den Gemäldesammlungen und an den Bilderläden die dichtesten Gruppen theilnehmend Beschauender gerade vor die Genrebilder fesselt? Eben ihr Charakter als Spiegelbilder des Volkslebens, als Gattungs-Darstellungen, in welchen Jedermann, bald in den Gestalten, bald in der Handlung, liebes, altes Bekanntes, Heimathliches, Selbstgesehenes, Selbsterlebtes oder in der Erinnerung aus dem Elternmunde Aufbewahrtes wieder erkennt. Diese Freude hat alle von uns bisher mitgetheilten Genre-Bilder unseren Lesern so lieb gemacht, daß wir es für unsere Pflicht halten, ihnen immer von Zeit zu Zeit ein neues Blatt von diesem Volkslebensbaum vorzulegen.

Und ist es denn nicht wahr? Hat Niemand den alten Arzt auf dem Landstädtchen einmal gesehen, wie er von Dorf zu Dorf wandert, um die wenigen Kranken zu besuchen, welche das gesunde Landleben vorkommen läßt, und wie Sigismund ihn schildert?

„Er war ein schlichter Bauerndoctor nur
Der wacker sich geplagt hat Jahre lang,
Jedoch auf keinen grünen Zweig sich schwang
Und hinterließ von Schätzen keine Spur. –

Er war ein simpler treuer Krankenwärter,
Der theilnahmsvoll die armen Leute pflegte
Und weicher ihre Schmerzenskissen legte. – – –“

Und wer ihn nicht selbst sah, haben nicht die Eltern von ihm erzählt, von dem ernsthaften Mann mit der großen Schnupftabaksdose, der doch auch so freundlich und gut sein konnte? Und das kranke Kind, wer sah nicht schon irgendwo das liebe leidende Gesichtchen? Und die junge Mutter, über

[229]
Die Gartenlaube (1865) b 229.jpg

Das genesende Kind.
Nach dem eignen Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Ernst Fischer.

[230] deren Angst und Sorge jetzt eben die Hoffnung Herr wird, und das Großmütterchen, das etwas schwer zu hören scheint und desto angestrengter der Aussage des Arztes lauscht – kommen sie Beide uns nicht ganz bekannt vor? Es ist ein gar wohlthuendes Bild, voll Zuversicht auf gerettete Lebensfreude und voll stillen Friedens, den selbst des Herrn Doctors müder Spitz nicht stört, der die Katze auf der Ofenbank ruhig auf ihr Hausrecht pochen läßt.

Den Künstler, Ernst Fischer, hat ein ziemlich starker Umweg aus Coburg, seiner Vaterstadt, wo er am 6. November 1815 geboren ist, nach Dresden geführt, wo er gegenwärtig seinen Wohnsitz hat. Sein Kunsttalent zeigte sich so früh, daß er schon im fünften Jahre nach Zeichenunterricht verlangte, und er erhielt ihn von einem originellen Maurermeister, der nicht ohne geistigen Einfluß auf die volksthümliche Richtung Fischer’s gewesen sein mag. Wie viele jetzt namhafte Coburger Künstler (Schneider, Brückner, Prätorius, König. v. Dornis, Lehmann u. A.) erhielt auch Fischer die erste Kunstbildung in der berühmten Schmidt’schen Porzellanmalerei-Anstalt, die damals fast als Kunst-Akademie in Coburg blühte. Nachdem diese Anstalt im Jahre 1833 in Folge der politischen Bewegungen nach Bamberg übergesiedelt war, besuchte Fischer die Akademien von Dresden, Paris und Antwerpen, trug hier bei einer Concurrenz die goldene Medaille davon, übernahm dann selbst die Leitung der Schmidt’schen Anstalt in Bamberg, folgte aber bald darauf der Einladung seiner Brüder nach Nordamerika. Hier weilte er sieben Jahre in Baltimore, kehrte 1854 nach Deutschland zurück und wohnt seitdem in Dresden. Mehrere seiner früheren Bilder sind im Besitze des Herzogs von Coburg.

F. H.


Das Geheimniß des Tempels.
Von Johannes Scherr.
(Schluß.)

Angenommen aber, es habe wirklich eine Vertauschung und Entführung des Prinzen stattgefunden, wohin ist er gekommen, was ist aus ihm geworden? Ein Dauphin von Frankreich, in welchem seit dem 21. Januar von 1793 die französischen Royalisten von Legitimitätswegen ihren König erblicken mußten, kann doch nicht so spurlos verschwinden, als hätte die Erde ihn verschlungen. Die Sage, daß der Knabe in das Lager des Prinzen von Condé gerettet worden, ist reine Faselei. Condé war zwar ein notorischer Schwachkopf, aber in seiner Art ein ehrlicher Mann, der sich nicht dazu hätte gebrauchen lassen, seinen legitimen König zu verleugnen. Es ist also mit Bestimmtheit anzunehmen, daß er den Prinzen nicht nur nicht bei sich hatte, sondern auch an das von Seiten der republikanischen Behörden amtlich kundgegebene Ableben desselben im Tempel aufrichtig glaubte, da er hierüber einen Tagesbefehl erließ, welcher mit den Worten schloß: „Der König Ludwig der Siebenzehnte ist todt, es lebe Ludwig der Achtzehnte!“ Freilich, jeder der Herren, welche nachmals für den Dauphin sich ausgaben, hat sich seine Odyssee zurechtgemacht, d. h. eine Rhapsodie der Abenteuer und Irrfahrten, welche er nach der Rettung aus dem Tempel angeblich zu bestehen gehabt. Allein dies ist kein Stoff für den Historiker, sondern nur etwa für einen Novellisten à la Monsieur A. Dumas de Monte Christo. Allerdings heißt es gar mannigfach: „Credo, quia absurdum est“ (ich glaube an den Unsinn, nicht obgleich, sondern weil er Unsinn) – und demzufolge war es ganz in der Ordnung, daß auch das nachstehende von einem stark angebrannten Royalistengehirn ausgebrütete absurde Märchen Glauben fand in der Welt. Die Entführung des Dauphin aus dem Tempel hat vor dem 9. Thermidor stattgefunden, also zu einer Zeit, wo nur ein Mensch so etwas wagen konnte, Robespierre. Dieser hat an die Stelle des wahren Dauphin einen falschen gebracht, welcher als solcher im Nothfall leicht verificirt werden konnte. Den wahren aber hat er beseitigen, ermorden, kurz, verschwinden lassen, weil er ihm ein Hinderniß war auf dem Wege zum Throne von Frankreich, auf welchen er, Maximilian Robespierre, sich schwingen wollte und zwar mittelst einer – Heirath mit der gefangenen Schwester des beseitigten Dauphin, mit der Prinzessin Marie Therese, der nachmaligen Herzogin von Angoulème. Der Zug fehlte noch zur völligen Verungeheuerlichung des Mannes, in welchem alle die kleinen und großen Kinder, ungelehrte und gelehrte, den riesengroßen Sündenbock der französischen Revolution erblicken, weil sie die Gesetze des weltgeschichtlichen Processes nicht kennen oder nicht verstehen, und daher ganz unfähig sind, die große Umwälzung in ihrer Totalität zu fassen und zu begreifen oder, was dasselbe sagt, die Wirkungen auf ihre Ursachen zurückzuführen.

Doch wir haben uns jetzt hinlänglich lange in der Wolkenregion der Vermuthungen und Behauptungen, der Fabeln und Märchen herumgetrieben. Wir mußten es thun, wollten wir das in Rede stehende Problem allseitig in die richtige Beleuchtung rücken. Jetzt aber treten wir auf festeren Boden hinüber.


Nachdem der sansculottische Schuster Simon, wie wir sahen, sein Wächteramt bei dem Dauphin aufgegeben hatte, blieb das Kind sechs Monate lang ohne specielle Aufsicht. Die einzige, welche man ihm angedeihen ließ, wurde von den Tag für Tag wechselnden Commissären der Commune geführt. Jedenfalls aber wurde der arme Knabe – war es der Prinz oder ein untergeschobenes Kind – thatsächlich jetzt viel grausamer behandelt, als er von Simon und dessen Frau behandelt worden war. Alles schien nicht nur, sondern war auch augenscheinlich darauf berechnet, entweder den wirklichen Dauphin langsam zu morden, oder aber den falschen in einen Zustand zu versetzen, welcher es unmöglich machte, die Wahrheit über seine Persönlichkeit an den Tag zu bringen und mittelst dieser Unmöglichkeit die Spuren der begangenen Unterschiebung zu verwischen. Man sperrte den Knaben im untern Stockwerk des Tempelthurms in ein düsteres und mittelst künstlicher Vorrichtungen noch mehr verdunkeltes Gemach, als sollte er weder sehen noch gesehen werden. Man ließ ihm seine kärgliche Nahrung mittelst einer Art Drehscheibe zukommen, er durfte nie mehr im Garten des Tempels oder auf der Plattform des Thurmes sich Bewegung machen, noch auch mit seiner gefangenen Schwester zusammenkommen, ja derselben nicht einmal zufällig und flüchtig begegnen. Man verdammte ihn zur Einsamkeit in einem bei Tage lichtlosen, bei Nacht unerhellten Gelasse, dessen Zugänge so zu sagen förmlich verbarrikadirt waren.

Ist dies Alles nur eine Wirkung der ängstlichen Sorge des Sicherheitsausschusses gewesen, das kostbare Pfand könnte durch die Bourbonisten entführt werden, oder war es eine Folge der Absicht, den Knaben dem Anblick aller Personen, welche den Dauphin gekannt hatten, zu entziehen?

Erst am 11. Thermidor (29. Juli 1794) wurde dem armen Kleinen wieder ein Wächter bestellt und zwar in der Person des schon weiter oben genannten Creolen Laurent, dessen Wahl man auf den Einfluß hat zurückführen wollen, welchen die Creolin Josephine Beauharnais auf die Machthaber des Tages, aus Barras und Tallien, übte. Die Thermidorianer, welche der großen Lüge, daß sie „aus Menschlichkeit“ gegen Robespierre und seinen Anhang rebellirt hätten, einen Schein von Wahrheit geben wollten, ließen auch in der Behandlung des gefangenen Kindes eine scheinbare Milderung eintreten, die vielleicht noch nicht zu spät gekommen sein würde, falls sie mehr als eine nur scheinbare gewesen wäre. Am 13. Thermidor, also zwei Tage nach der Bestellung Laurent’s zum Wächter, besuchten etliche Mitglieder des Sicherheitsausschusses den kleinen Gefangenen im Tempel. Falls die Vertauschung des Prinzen durch Laurent bewerkstelligt worden wäre, müßte dies also am 12. Thermidor geschehen sein; denn der neue Wächter mußte sich doch, bevor er das Wagstück unternahm, einigermaßen in der Localität orientirt haben. Bei Gelegenheit der Verhandlung des Naundorff’schen Processes zu Paris im Jahre 1851 brachte der Anwalt der Hinterlassenen Naundorff’s, der berühmte Advocat Jules Favre, drei von Laurent an Barras gerichtete Briefe vor, in welchen die Unterschiebung eines stummen Waisenknaben an die Stelle des Dauphin „constatirt“ war. Wäre dies [231] unanfechtbar erhärtet, so würde darin ein höchst wichtiger, ja ein Ausschlag gebender Umstand gefunden sein. Allein die beigebrachten Briefe waren bloße Abschriften von zweifelhafter Authenticität. Die Originale der Briefe sollen im Jahre 1810 dem Justizrath Lecoq in Berlin anvertraut worden sein. Hat es zur genannten Zeit in Berlin einen Justizrath Lecoq gegeben und wäre es, im bejahenden Falle, nicht möglich, den Originalbriefen auf die Spur zu kommen?

Die Mitglieder des Sicherbeitsausschusses fanden bei ihrem am 13. Thermidor im Tempel abgestatteten Besuche einen „etwa neunjährigen“ Knaben vor, „unbeweglich, mit gekrümmtem Rücken, mit Armen und Beinen, deren ungewöhnliche Länge zu dem übrigen Körper in einem großen Mißverhältniß stand“. Dieser Knabe, der wahre oder ein falscher Dauphin, war zwar im Besitze des Gehörs, nicht aber der Sprache, die Besucher vermochten ihm kein Wort, keine Sylbe zu entlocken. Dieser Thatsache widerspräche freilich die Angabe von einem Besuche, welchen nicht lange nach dem 9. Thermidor Barras in eigener Person dem kleinen Gefangenen abgestattet haben soll. Bei dieser Gelegenheit habe der Knabe mit Barras gesprochen. Allein diese ganze Geschichte von dem Barras’schen Besuche ist als gänzlich unerwiesen abzuweisen. Am 9. November von 1794 gab man dem Wächter Laurent einen Gehülfen in der Person eines gewissen Gomin, welcher den Dauphin, den wahren nämlich, früher nie gesehen hatte. In späterer Zeit freilich, nachdem ihn die Herzogin von Angonlème zum Castellan ihres Schlosses Meudon gemacht hatte (1814), hat er behauptet, er habe in dem Knaben im Tempel den Sohn Ludwig’s des Sechszehnten erkannt, welchen er früher oft gesehen gehabt. Allein da man weiß, wie feindselig die Herzogin stets gegen die Ansicht, ihr Bruder sei nicht im Tempel gestorben, sich erwiesen hat, so verdient die eben berührte Aussage Gomin’s gar keinen Glauben.

Im genauen Verhältniß zum augenfälligen Vorschritt der royalistischen Reaction oder wenigstens Reactionsstimmung im Herbst und Winter von 1794 richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit mehr, als bis dahin geschehen war, auf den kleinen Gefangenen im Tempel. Auch der Convent beschäftigte sich daher mit demselben. Am 28. December stellte Lequinio in der Conventssitzung den Antrag, „mittelst Verbannung des gefangenen Prinzen den Boden der Freiheit von der letzten Spur des Royalismus zu reinigen.“ In dem Bericht, welchen Cambacérès über diesen Antrag erstattete, beantragte er Verwerfung desselben, d. h. fernere Gefangenhaltung des Dauphin, was beschlossen wurde. In der Debatte äußerte Brisal die Brutalität: „Ich wundere mich, daß man bei allen den unnützen Verbrechen, welche vor dem 9. Thermidor begangen worden sind, die Ueberbleibsel einer unreinen Race verschont hat.“ Worauf Bourdon: „Es giebt keine nützlichen Verbrechen! Ich verlange, daß der Vorredner zur Ordnung gerufen werde.“ Großer Beifall. „Ich rufe selber mich zur Ordnung,“ sagte Brisal.

Zur selben Zeit kränkelte der kleine Gefangene mehr und mehr und auf die Meldung der Wächter, daß sein Siechthum zunähme, schickte die Commune eine Abordnung in den Tempel, welche dann den amtlichen Bericht erstattete, daß „der kleine Capet an seinen Hand- und Fußgelenken, insbesondere an den Knieen, geschwollen sei, daß es unmöglich, auch nur ein Wort von ihm zur Antwort zu erhalten, daß er seine ganze Zeit entweder im Bette oder auf dem Stuhle zubringe und nicht zu vermögen sei, sich irgendwelche Bewegung zu machen.“ Durch diesen Bericht beunruhigt, wie es scheint, sandte der Sicherheitsausschuß am 27. Februar von 1795 die drei Conventsmitglieder Harmand, Mathieu und Reverchon in den Tempel, um das Befinden des kleinen Gefangenen zu erkunden.

Die drei Genannten fanden den Knaben an einem Tische sitzend und beschäftigt, mit Karten zu spielen. Er gab beim Eintritt der Deputirten sein Spiel nicht auf. Harmand setzte ihm den Zweck dieses Besuches auseinander und daß er und seine Collegen bevollmächtigt seien, ihm jede Erleichterung und Zerstreuung zu bewilligen. Das Kind schaute den Sprecher aufmerksam an, gab aber keine Antwort; nicht eine Sylbe entfiel seinen Lippen. Harmand sagte: „Ich beehre mich, Sie zu fragen, Monsieur, ob Sie ein Pferd, einen Hund oder Vögel und anderes Spielzeug, ob Sie vielleicht auch einen oder mehrere Spielcameraden von Ihrem Alter wünschen? Wollen Sie im Garten spazieren geben oder auf die Plattform des Thurmes steigen? Wollen Sie Bonbons und Kuchen?“ Keine Antwort. Harmand stellte sich an, als vertauschte er das gütige Zusprechen mit einem befehlenden. Umsonst, keine Antwort. Harmand versuchte, den Knaben dadurch zum Sprechen zu bringen, daß er demselben vorstellte, sein Schweigen mache es ja den Commissären unmöglich dem Gouvernement Bericht zu erstatten. Vergebens, der Knabe blieb stumm. Aber taub war er nicht. Auf Harmand’s Wunsch gab er diesem sogleich die Hand. Auch auf Trotz und Tücke konnte sein Schweigen nicht zurückgeführt werden. Denn mit Ausnahme des Sprechens that er unweigerlich Alles, was man von ihm verlangte. Höchlich verwundert fragte Harmand, bevor er mit seinen Collegen den Tempel verließ, die beiden Wächter, welcher Ursache denn wohl diese außerordentliche Schweigsamkeit zuzuschreiben sei. Laurent und Gomin versicherten, wie Harmand in seinem Berichte bemerkt hat – daß der Prinz seit dem Abend jenes 6. Octobers von 1793, wo er durch den ruchlosen Hébert verlockt und gezwungen worden, die bekannte namenlose Schändlichkeit gegen seine Mutter Marie Antoinette auszusagen, niemals wieder den Mund zum Reden aufgethan habe.

Aber Laurent und Gomin hatten sich damals, im October 1793, noch gar nicht im Tempel befunden und ihre Aussage hat also nur insofern Werth, als sie angiebt, der Gefangene habe sich seit dem Eintritt der Beiden in das Wächteramt stumm verhalten. Die angeführte Erklärung des prinzlichen Stummseins ist übrigens reiner Blödsinn. Der Dauphin konnte darüber, daß er sich durch Hébert jene schmutzige Aussage hatte entpressen lassen, unmöglich eine so verzweiflungsvolle Reue empfinden, weil er jene ihm durch Hébert auf die Zunge gelegte Aeußerung weder in ihrem Wesen noch in ihrer Tragweite hatte verstehen können. Und welcher Mensch von gesundem Menschenverstand wird glauben können, daß ein Kind von neun Jahren plötzlich den Entschluß fassen und mit eiserner Energie bis zu seinem letzten Athemzug durchführen konnte, niemals wieder ein Wort zu sprechen? Nonsens! … Aus alledem geht also hervor: Harmand und seine Collegen fanden am 27. Februar von 1795 im Tempel einen stummen Knaben, während constatirter Maßen die Sprachorgane des Dauphin ganz in der Ordnung gewesen waren.

Zu Anfang Aprils trat an die Stelle des Laurent ein neuer Wächter und Wärter, ein gewisser Lasne. Dieser spielte später eine wichtige Rolle in der Meinung Solcher, welche glaubten oder wenigstens Andere glauben machen wollten, der echte Dauphin sei im Tempel gestorben. Lasne behauptete nämlich, der kleine Gefangene sei nicht stumm gewesen. Aber das Zeugniß dieses Menschen ist im höchsten Grade verdächtig; erstens deshalb, weil er sich, gerichtlich vernommen, total widersprochen hat, indem er im Jahre 1834 angab, der Prinz habe Tag für Tag mit ihm geplaudert, im Jahre 1837 dagegen, er habe den Prinzen nur ein einziges Mal und auch da nur wenige Worte reden gehört. Zweitens deshalb, weil die Aeußerungen, welche Lasne, seiner Aussage von 1834 zufolge, aus dem Munde des gefangenen Kindes vernommen haben wollte, unmöglich von diesem herrühren konnten. Pascal oder Montesquieu hätten sich, in die Lage des kleinen Gefangenen versetzt, nicht weiser und tiefsinniger ausdrücken können. Ein neunjähriges, krankes, seit Jahren allem Unterrichte, sogar allem Umgange entzogenes Kind konnte nicht so philosophisch reden; es ist schlechterdings undenkbar.

Aber wir müssen unsere Schritte wieder um Etwas zurücklenken, um dann mit logischer Sicherheit weiter vorgehen zu können… Der Bericht, welchen Bürger Harmand dem Sicherheitsausschuß, d. h. der höchsten Polizeibehörde der Republik, erstattete, wurde geheim gehalten und hatte für den jungen Gefangenen keine Folgen. Seine Lage blieb ganz dieselbe. Es scheint aber fast, als hätte Harmand durchblicken lassen, daß er in dem verwachsenen, skrophulösen und stummen Knaben den Dauphin, welcher notorischer Maßen ein gesunder, wohlgestalteter und aufgeweckter Junge gewesen war, nicht erkannt habe und daß er so unvorsichtig ehrlich gewesen sei, den thermidorischen Machthabern, welche damals vom Wohlfahrts- und vom Sicherheitsausschuß aus Frankreich regierten, zu merken zu geben, daß hier ein Geheimniß vorläge, welches aufgeklärt werden müßte. Auffallend ist jedenfalls die Thatsache, daß man sich beeilte, den Bürger Harmand rasch von der Bühne verschwinden zu lassen: wenige Tage nach seinem Besuch im Tempel wurde er als Commissär [232] der Republik nach Ostindien verschickt. Das Geheimniß sollte also nicht aufgeklärt werden?

Zu Anfang des Mai 1795 verschlimmerte sich der Zustand des jungen Tempelgefangenen so auffallend, daß man ihm ärztliche Behandlung zu Theil werden lassen mußte, falls man der Behauptung, mit dem 9. Thermidor sei ein menschlicheres Regiment eingetreten, nicht ins Gesicht schlagen wollte. Angenommen nun, der erkrankte Knabe sei nicht der Dauphin genwesen, so begingen Diejenigen, welche wissen mußten, daß er es nicht sei, eine grobe Unvorsichtigkeit, indem sie zuließen, daß ein Arzt, welcher den Dauphin früher gekannt hatte, zu dem Kranken geschickt wurde. Es war dieser Arzt der berühmte Desault vom Hôtel-Dieu, doch sollte er, so bestimmte der Sicherheitsausschuß, den Patienten nur in Gegenwart der Wächter sprechen und untersuchen dürfen. Zur gleichen Zeit beschied der Ausschuß ein Gesuch des Monsieur Hue, ehemaligen Kammerdieners Ludwig’s des Sechszehnten, abschlägig, das Gesuch, den erkrankten Prinzen pflegen zu dürfen. Scheuten sich die „menschlichen“ Herren vom Thermidor, einen Mann wie Hue, welcher natürlich den Dauphin genau gekannt hatte, zu dem Tempelgefangenen zu lassen?

Am 6. Mai besuchte Desault den kranken Knaben zum ersten Mal. Er konnte denselben nicht zum Sprechen bringen. Allerdings versichern gewisse realistische Autoren, welche die Aufgabe hatten, um jeden Preis den Dauphin im Tempel gestorben sein zu lassen, Desault habe mittelst seiner Güte den stummen Patienten schließlich doch zum Sprechen gebracht; aber sie wollen das von Lasne gehört haben, dessen Zeugniß, wie oben nachgewiesen worden, als gänzlich unzulässig betrachtet werden muß. In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai wurde Desault, nachdem er bei Herren von der Regierung zu Abend gespeist hatte, plötzlich todtkrank. Am l. Juni starb er. War da etwa ein „nützliches“ Verbrechen begangen worden? Man munkelte in Paris, Desault sei vergiftet worden, weil er sich nicht dazu habe gebrauchen lassen wollen, den kleinen Tempelgefangenen zu vergiften – ein ganz grundloses, dummes Geträtsche. Anders freilich stellt sich die Sache, wenn man, wie ebenfalls behauptet wurde, annimmt, Desault sei auf Anstiften Derer, welche den Schlüssel des Tempelräthsels besaßen, beseitigt worden, weil er bemerkt und zu bemerken gegeben habe, daß der rhachitische und stumme Knabe im Tempelthurm nicht der wahre Dauphin, den er ja gut gekannt hatte, sein könne, sondern ein untergeschobener sein müsse.

Dieser Verlauf der Sache ist nun keineswegs ein blos muthmaßlicher, sondern ein wohlbezeugter. Ein Schüler von Desault, Monsieur Abeillé, hat sein Leben lang sltandhaft behauptet, sein Lehrer sei vergiftet worden in Folge seines an den Sicherheitsausschuß erstatteten Rapports, daß er in dem jungen Tempelgefangenen den Dauphin nicht erkannt habe. Jules Favre sodann hat in seinem Plaidoyer vom Jahre 1851 das Zeugniß eines andern Schülers und Freundes von Desault citirt, welcher ihm, Favre, zu Perigueux die Angaben Abeillé’s bestimmt bestätigte. Noch gewichtiger ist die nachstehende, aus der Familie Desault’s herrührende und in aller Form ausgestellte Bezeugung.

„Ich Unterzeichnete, Agathe Calmet, Wittwe des Pierre Alexis Thouvenin, wohnhaft in Paris, Platz de l’Estrapade Nr. 34, bezeuge, daß bei Lebzeiten meines Mannes Thouvenin, eines Neffen des Doctor Desault, ich meine Tante, Frau Desault, häufig habe erzählen hören, daß der Doctor Desault, Hauptarzt am Hôtel-Dien, gerufen wurde, um den Knaben Capet, welcher damals im Tempel gefangen saß, zu besuchen – so lautete der dem Doctor Desault von Seiten des Sicherheitsausschusses schriftlich zugefertigte Befehl. Im Tempel wies man ihm ein Kind, welches nicht der Dauphin war, den Herr Desault vor der Gefangensetzung der königlichen Familie mehrmals gesehen hatte. Nachdem der Doctor einige Nachforschungen angestellt, um zu erfahren, wohin doch wohl der Sohn Ludwig’s des Sechszehnten, an dessen Statt man ihm ein anderes Kind gezeigt hatte, gekommen sein möge, stattete er seinen Rapport ab und an demselben Tage erhielt und befolgte er die Einladung einiger Conventsmitglieder zum Diner. Von diesem Mahle weg nach Hunse gegangen, wurde er von entsetzlichen Erbrechungen befallen. Er starb daran, und dies ließ glauben, daß er vergiftet worden sei. Agathe Calmet. Paris, 5. Mai 1845“… Wäre nur die Vergiftung Desault’s gerichtsärztlich festgestellt! Es scheint aber gar keine Untersuchung dieses plötzlichen und auffallenden Todesfalls angestellt worden zu sein. Jedoch machte das Ereigniß Lärm, und Frau Desault erklärte ganz laut, ihr Mann sei vergiftet worden. Sollte ihr etwa dadurch der Mund gestopft werden, daß ihr der Convent eine Pension von zweitausend Livres bewilligte? Seltsam ist auch, daß, ganz entgegen dem herrschenden Brauch, der Rapport Desault’s nicht veröffentlicht wurde. Die Inhaltsangabe der Nummer 263 des Moniteur von 1795 führt den Bericht des Arztes als in derselben Nummer enthalten auf; aber diese Angabe lügt, denn der Rapport fehlt und ist überhaupt nie veröffentlicht worden. Sechs Tage nach Desault’s Tod starb auch sein vertrauter Freund, der Apotheker Choppart, plötzlich. Er hatte für den jungen Patienten im Tempel die Arzeneien geliefert.

Am 5. Juni gab der Sicherheitsausschuß dem kranken Knaben einen neuen Arzt in der Person des Doctor Pelletau, welcher bat, sich den Doctor Dumangin zugesellen zu dürfen, sowie später auch noch die Doctoren Lassus und Jeanroy. Man möchte glauben, Herr Pelletau habe sich nicht allein in eine Gefahr begeben wollen, in welcher sein College Desault umgekommen war. Im Uebrigen hatte keiner der vier genannten Aerzte den Dauphin, nämlich den echten, gekannt. Pelletau und Dumangin wurden von den Wächtern im Tempel unterrichtet, daß der Patient nicht spräche, und da sie auf ihre an den Knaben gerichteten Fragen keine Antwort erhielten, ließen sie ab, weiter in ihn zu dringen. Freilich haben Solche, welche den Wächter Lasne als Zeugen gelten zu lassen ein leicht begreifliches Interesse hatten, das Gegentheil behauptet; allein die Worte, welche sie bei dieser Gelegenheit dem Knaben in den Mund legen, tragen das Gepräge der Unwahrscheinlichkeit, ja der Unmöglichkeit so deutlich, daß sie sofort als schlecht erfunden sich herausstellen.

Am 8. Juni starb das kranke Kind im Tempelthurm.

Hätte man nun nicht erwarten sollen, daß, falls der todte Knabe der echte Dauphin, die Behörden die minutiöseste Sorgfalt aufwenden mußten, um alle Umstände dieses Ereignisses unanfechtbar genau festzustellen? Es geschah aber durchaus das Gegentheil. Alles wurde lässig und schluderig abgemacht. Am 9. Juni machte Bürger Sevestre im Namen des Sicherheitsausschusses dem Convent kurz und trocken die Anzeige, daß der „Sohn des Capet“ im Tempel gestorben sei. An demselben Tage nahmen der Doctor Pelletau und seine drei genannten Collegen über den Leichenbefund ein Protokoll auf, in welchem es wörtlich heißt: „Um 11 Uhr Morgens an der Außenpforte des Tempels angekommen, wurden wir durch die Commissäre empfangen und in den Thurm geführt. Im zweiten Stockwerk desselben fanden wir in einem Zimmer auf einem Bette den Leichnam eines Kindes, welches uns ungefähr zehnjährig schien. Dieser Leichnam, sagten uns die Commissäre, sei der des Sohnes des verstorbenen Ludwig Capet, und zwei von uns haben in demselben das Kind wieder erkannt, welches sie seit einigen Tagen ärztlich behandelt hatten.“ Dies ist doch fürwahr entfernt kein Beweis für die Identität des todten Knaben mit dem Sohne Ludwig’s des Sechszehnten! Sehr bemerkenswerth ist aber ein Umstand, welchen demselben Protokoll zufolge die Section des Leichnams herausstellte. Das Gehirn des todlen Kindes wurde nämlich in völlig normalem und gesundem Zustande vorgefunden. Dies hätte aber schwerlich oder vielmehr geradezu unmöglich der Fall sein können, wenn der Todte wirklich der Dauphin gewesen wäre, welchen ja der allgemeinen und unbestrittenen Annahme zufolge der schändliche Simon und dessen Frau durch Verleitung zu in einem so unreifen Alter doppelt schädlichen Ausschweifungen in einen Zustand des Blödsinns herabgebracht hatten, welcher eine Desorganisation des Gehirns zur unumgänglichen Voraussetzung haben mußte. Am Abend des 10. Juni wurde der Leichnam des jungen Tempelgefangenen ohne irgendwelche Ceremonie auf dem Kirchhof von Sainte-Marguerite bestattet. Erst zwei Tage nach der Bestattung und demnach vier Tage nach dem Ableben des Kindes wurde der Todesschein ausgestellt und zwar in so gesetz- und formloser Weise, daß diesem Actenstück eine gesetzliche Beweiskraft gar nicht zukommt.

Aber für die Familie Bourbon war Ludwig der Siebzehnte in aller Form gestorben und todt. Stets hat sie sich, die Schwester des Prinzen einbegriffen, gegen jeden Versuch, darzuthun, daß nicht der echte, sondern ein falscher Dauphin im Tempel gestorben sei, nicht nur abwehrend, sondern auch hindernd und hintertreibend verhalten. Als im Jahre 1820 ein gewisser Carou, welcher nach der Gefangensetzung der Familie Ludwig’s des Sechszehnten Zutritt [233] im Tempel gefunden hatte, sich erbot, über die Entführung des Dauphin wichtige Mittheilungen zu machen, verschwand der Mann, nachdem ein hoher Hofbeamter ihn mehrmals besucht hatte, plötzlich und ist nie wieder zum Vorschein gekommen. Höchst auffallend war auch die Gleichgültigkeit, welche die königliche Familie nach der Restauration gegen die Ueberreste und das Andenken Ludwig’s des Siebzehnten an den Tag legte. Bekanntlich führte man im Jahre 1815 eine große Haupt- und Staatskomödie auf mit der angeblichen Auffindung und Ausgrabung der Gebeine Ludwig’s des Sechzehnten und seiner Frau. Der Erzphantast Chateaubriand ging bei dieser Gelegenheit in seinem romantischen Delirium so weit, zu schreiben, man habe den Todtenschädel Marie Antoinette’s an dem unvergleichlich graziösen Lächeln wiedererkannt, welches der Königin eigen gewesen sei, und dieser grauenhafte Blödsinn fand vielen Beifall. Die romantisch-restaurative Gebein-Auffindungs-Posse – denn weiter war es Nichts, da die wirklichen Gebeine des Königs und der Königin unmöglich mehr aufgefunden werden konnten – bestimmte aber den Pfarrer von Sainte-Marguerite, Lemercier, die Auffindung der Gebeine des Dauphins in Vorschlag zu bringen. Er behauptete, die Todtengräber hätten im Jahre 1795 zwar den Sarg mit dem Leichnam des Prinzen zuerst in die allgemeine Grube gestellt, aber den heimlich mit Kreidestrichen bezeichneten in einer der folgenden Nächte wieder aus der großen Grube herausgenommen und neben der vom Kirchhof in die Kirche führenden Thür begraben. Der Pfarrer wandte sich mit seinem Anliegen an die Herzogin von Angoulème, von welcher er erwarten durfte und mußte, daß sie ihm eifrig beistimmen und behülflich sein würde. Allein der gute Mann ging fehl. Die Herzogin wies die Sache entschieden von der Hand.

Diese Prinzessin, Napoleon’s bekanntem Ausspruche zufolge „der einzige Mann in ihrer Familie“, war nichts weniger als sentimental, und es begreift sich leicht, daß sie es nicht war und nicht sein konnte. Die Gluth der Schmerzen, welche sie in ihrer Jugend zu erdulden gehabt, hatte ihr Herz zu Stein gebrannt. In der That, sie hat zur Restaurationszeit bei verschiedenen Gelegenheiten eine wahrhaft steinerne Fühllosigkeit kundgegeben, wofür ich als Beleg einen in Deutschland wenig oder gar nicht bekannten Zug anführen will. Am 11. August von 1792 hatte sich die in das Sitzungslocal der Nationalversammlung geflüchtete königliche Familie in einem Zustande völliger Mittellosigkeit befunden. Kaum erfuhr dies eine der gewesenen Kammerfrauen Marie Antoinette’s, Frau Auguié, als sie sich beeilte, ihrer bedürftigen Herrin fünfundzwanzig Louisd’or von ihren Ersparnissen zu überbringen. Diese Großmuth der Dienerin kam fünfzehn Monate später beim Proceß der Königin vor dem Revolutionstribunal zur Sprache. Befragt, wer ihr die fünfundzwanzig Goldstücke gegeben hätte, nannte Marie Antoinette den Namen der Frau Auguié. Sofort wurde infamer Weise ein Haftsbefehl, das will sagen, ein Todesurtheil, gegen die treue Dienerin erlassen. In dem Augenblicke, wo die Häscher in ihre Wohnung traten, stürzte sich die Unglückliche zum Fenster hinaus und blieb auf der Stelle todt. Eine ihrer Töchter wurde später die Frau des Marschalls Ney. Als dieser nach der zweiten Restauration, allerdings mit Recht, processirt und verurtheilt wurde, konnte es die Herzogin von Angoulème der Bitterkeit ihres Hasses nicht abgewinnen, ein Wort der Fürbitte für den Gatten einer Frau einzulegen, deren Mutter um ihrer Mutter willen gestorben war!

Die Prinzessin also wies den Pfarrer von Sainte-Marguerite mit seinem Anliegen ab, vorgebend, „die Lage der Könige sei furchtbar und sie dürften und könnten nicht Alles thun, was sie wollten.“ Gerade zu dieser Zeit aber haben bekanntlich die Bourbons Alles gethan, was sie wollten, auch das Dümmste und Unverantwortlichste, was nur immer eine rasende Reactionspartei ihnen eingab. Die Wahrheit ist, der Hof wollte, wie von dem Dauphin überhaupt, so auch von seinen angeblichen Ueberresten schlechterdings nichts wissen und hat jeden Versuch, auf eine Untersuchung der räthselhaften Umstände, welche das Leben und den angeblichen Tod des Prinzen im Tempel begleitet hatten, zurückzukommen, beharrlich und erfolgreich zu vereiteln gewußt.

Und aber, fragt der Leser, was ist das Ergebniß dieser langen Erörterung?

Ein ungelöstes Räthsel! Denn ich gestehe zwar für meine Person ohne Rückhalt, daß ich entschieden der Ansicht zugeneigt bin, der am 8. Juni von 1795 im Tempel verstorbene Knabe sei nicht der Dauphin, sondern ein diesem untergeschobenes Kind gewesen; allein diese subjektive Ueberzeugung entbehrt selbstverständlich des objectiv-historischen Werthes, so lange nicht nachgewiesen, beweiskräftig nachgewiesen ist, was denn im Falle seiner Rettung aus dem Tempelgefängniß aus dem Prinzen geworden. Jeder bislang gemachte Versuch, diese Frage mit Bestimmtheit zu beantworten, hat sich als unzulänglich, wenn nicht gar als Charlatanerie, als unbewußter oder auch als bewußter Betrug herausgestellt. Von den als Ludwig der Siebenzehnte Aufgetretenen hat Keiner, wie ich nach sorgfältiger und wiederholter Prüfung der von ihnen vorgebrachten Behauptungen und Ansprüche versichern kann, seine Identität mit dem Dauphin auch nur bis zum Grade der Wahrscheinlichkeit erwiesen. Am meisten von seinem Rechte überzeugt scheint der Uhrmacher Naundorff gewesen zu sein. Die Möglichkeit einer befriedigenden Antwort auf die Frage: Was ist aus dem Dauphin nach seiner Entführung aus dem Tempel geworden? könnte nur die Aufspürung, Bloßlegung und Verfolgung aller der fast zahllosen Intriguenfäden, welche zwischen den emigrirten Bourbons und ihren Anhängern in und außerhalb Frankreichs hin- und herliefen, an die Hand geben. Eine langwierige, schwierige und höchst unerquickliche Arbeit, die von Wissenden nur allenfalls ein solcher unternehmen möchte, welcher schlechterdings nichts Besseres zu thun weiß. Denn was könnte er im glücklichen Falle für ein Resultat gewinnen? Die Befriedigung einer müßigen Neugier, weiter nichts. Laßt die Todten ihre Todten begraben!





Unter deutschen Officieren in Amerika.
Erinnerung aus dem Hauptquartiere des General Blenker.


Es war an einem Octobertage in den ersten Jahren des Krieges. Die Sonne sandte ihre hellen Strahlen über die waldbedeckten Hügel auf die weißen Zeltreihen unseres Lagers. Ein kleiner Gebirgsbach stahl sich, in dunkles Gebüsch von blumenreichen Schlinggewächsen versteckt, am Fuße der Höhen um die Lagerstätten hin; eine Mühle in Trümmern, welche dem Platze den Namen Roach-Mills verlieh, gab trauriges Zeugniß von den Verwüstungen des Bürgerkrieges; auf einem großen, dunklen Holzgebäude, die Factory genannt, zu welchem Washington selbst, der in der Nähe seine väterliche Besitzung hatte, den Grundstein gelegt, wehte das Sternenbanner der Union. Im fernen Hintergrunde gegen Nordost sah man die vergoldete Riesenkuppel des Capitols, zu deren symbolischer und wirklicher Vollendung nichts mehr fehlte, als die kolossale bronzene Statue der Freiheit, welche sie jetzt schmückt; im Südwest entdeckte ein geübtes Auge auf einem mit Wällen gekrönten Hügel (Munson Hill) die Fahne der Rebellen. Sie wehte stolz, höhnend und herausfordernd im Angesicht des Capitols und der zahlreichen Heerschaaren, welche M’Clellan damals für die weitere Entwickelung des blutigen Dramas zu organisieren begann.

Im Lager selbst war ein buntes, belebtes Treiben. Ein langer Zug vierspänniger Wagen mit weißen Planen und schwarzen (Neger-) Fuhrknechten wand sich mühsam durch die bodenlosen Wege zu der benachbarten Bäckerei, wo täglich zehn- bis zwölftausend Laibe deutsches Brod, halb Roggen, halb Weizen, in improvisirten Feldöfen gebacken wurden. Auf den Zwischenräumen der einzelnen Regimentslager standen Marketender-Zelte, welche dem wohlgenährten Soldaten Alles boten, was das Herz verlangen konnte, vom rothbäckigen Apfel und dem saftigen Pfirsich bis zum verbotenen Branntwein und erlaubten Lagerbier. Hier und dort sah man auch eine hochgeschürzte Marketenderin aus dem polyglotten Garibaldi-Regimente, deren lautes Lachen auf den grünen Höhen der Nachbarschaft und in den Herzen der muthwilligen Soldaten sein Echo fand.

Im Mittelpunkte dieser belebten Scenerie lag das Hauptquartier des General Blenker, an einem Platze, der mit ebensoviel [234] militärischem Takte wie künstlerischem Geschmacke gewählt war. Es bestand aus einem ungeheuren, fünfundsiebenzig Fuß langen und fünfundzwanzig Fuß breiten, von weißem Segeltuch angefertigten Zelte, das inwendig himmelblau angestrichen war, wie ein Kiosk der Sultane am Bosporus. Schlanke Pyramiden der virginischen Ceder umschatteten es in geordneten Reihen; die schwarz-roth-goldene Fahne des achten Regiments wehte darüber und schlang brüderlich und schmeichelnd ihre seidenen goldbetreßten Falten um die stolze Trikolore der großen Union. Zu beiden Seiten gruppirten sich die Zelte der Stabsofficiere; hinter ihnen schlossen sich die kleineren Spitzzelte der Ordonnanzen und Bedienten an, gleichfalls von Cedern umgeben und von Kuppeltannen beschattet. Etwas ferner auf dem grünen Rasenteppich eines Obstgartens hauste das Quartiermeisteramt mit seinen „Schreiberseelen“.

Es ist neun Uhr Morgens. Eine schön uniformirte Musikbande, aus dreißig wirklichen Künstlern bestehend, begiebt sich im Taktschritt zum Hauptquartier, stellt sich vor den noch nicht geöffneten Vorhang des Generalszeltes und spielt den Rakoczy Marsch. Da werden die Falten des Vorhangs zurückgeschlagen, das blaue Sanctum öffnet sich und Blenker erscheint im Vordergrunde – auf der Bühne. Eine stattliche, hohe Gestalt, schlank in den Hüften und doch breitschulterig: aufrecht und edel in Haltung, sichtbarlich strebend zu imponiren, steht er da. Die weiten Hosen von dunkelrother Seide erinnern an seine griechische Vergangenheit, auf die er nicht wenig stolz war; ein grauer Rock mit goldenen Knöpfen und grünen Aufschlägen mahnt an bekannte Bilder berühmter Feldherren; die edle Burgunderrebe hat auf seinem Gesichte eine frische Röthe zurückgelassen, welche ihn jünger erscheinen läßt, als er ist. Jeder Zoll ein General, ein General, wie ihn wenige Schauspieler auf der Bühne zu realisieren vermögen.

Und als der Rakoczy Marsch zu Ende, rief er mit Stentorstimme in das Zelt hinein:

„Weichel, Wein her; das ist ja eine Götterlust, solche Musik zu hören. Die teilte spielen famos, himmlisch, besser als die Palombini in Mainz. Bring’ ihnen Wein, Weichel, in meinem großen silbernen Pocale, und wenn’s meine letzte Flasche kostet.“

Sich dann umwendend zu den Stabsofficieren in seinem Zelte, überließ er sich, von der Kriegsmusik hingerissen, ganz den Gefühlen superlativen Wohlbehagens.

„Ja, meine Herren, ich sage Ihnen, nichts Schöneres auf Erden als der Krieg: der Krieg ist ein wahrer Segen für die verfaulte Menschheit, die scrophulös crepiren würde, wenn wir ihr nicht von Zeit zu Zeit die Blutadern öffneten. Ist es nicht so, Herr Oberstlieutenant?“

Diese Worte waren an einen jungen Stabsofficier gerichtet, der in seiner Nähe stand. Es war eine hohe, schlanke Gestalt, wie sie Garde Ulanen Lieutenants als Ideal träumen, mit seinem geformtem, jugendlichem Gesicht, hellblondem, schmächtigem Schnurrbart; in blauer Uniform der Vereinigten Staaten, elegant, à quatre épingles. Es war Paul von Radowitz, der Sohn des bekannten preußischen Diplomaten und Ministers v. Radowitz, dessen feine Dialektik in der Paulskirche eben so gefährlich und mit Recht gefürchtet war, wie in Berlin seine politisch religiöse und wissenschaftlich systematisirte Reactionstendenz. Wenn der Vater in Gestalt und Gesichtsform noch unverkennbare Spuren seiner kroatischen Abkunft zeigte, so hatte dagegen der Sohn offenbar das Blut seiner Mutter geerbt, einer Gräfin Voß aus dem Mecklenburgischen, wo bekanntlich die Edelleute durch höhere Gestalt und edlere Gesichtsformen, als sie der obotritische Plebs besitzt, nicht allein ihre legitime, sondern auch ihre „physikalische“ Berechtigung zur patriarchalischen Anwendung der Peitsche oder des Stockes beurkunden.

Radowitz stand gerade vor dem Spiegel und drehte mittels ungarischer Wixse seinen Schnurrbart in jene elegante Wellen form, wie sie die „jeunesse dorée" der Salons so geschult zu bilden weiß.

Ein kurzes „Sie haben Recht, Herr General,“ endigte die Unterhaltung und Blenker wandte sich zur anderen Seite, wo ein Adjutant emsig beschäftigt am Schreibtische saß.

„Herr v. Züschen, haben Sie den Morgen Rapport fertig?“

Und wie von einer Feder aufgeschnellt sprang der kleine Züschen (ein fähiger Officier aus sächsischen Diensten) auf, nahm Position, wie es sich für den Untergeordneten im Dienste gebührt, und verbeugte sich mit den Worten: „Zu befehlen, Herr General.“

In diesem Augenblicke trat mit etwas leisem Tritte, sich schon nach der hochadeligen Sippschaft umsehend, Gustav Struve ein, früher Mitglied der deutschen provisorischen Regierung, jetzt Lieutenant im achten Regiment, worin er sich, um für die Sache der Freiheit und Menschenrechte auch in seinem neuen Vaterlande zu kämpfen, als Gemeiner hatte einreihen lassen. Er trug, wie immer, etwas Gedrucktes in der Hand – eine Zeitung, und setzte sich auf Einladung des Generals zu diesem an den Tisch, um an dem frugalen Frühstücke, das aus Handkäse und Rettig (Blenker war im Felde für seine Person immer äußerst frugal, im Essen wie im Trinken) bestand, Theil zu nehmen. Nachdem er mit der ihm eigenthümlichen feinen Diskantstimme einige Worte mit Blenker gewechselt, händigte er ihm das Blatt ein.

Es war eine Nummer von Earl Heinzen's „Pionier“, worin dieser seiner Gift und Galle gegen Blenker und seine Landsknechte in einer Fülle sich entleert hatte, wie sie nur von der kranken Leber eines Bruno Bauer oder Marx, jener talentbegabten Rehberger, deren Motto ist: „Alles muß verrungenirt werden“, naturwüchsig erzeugt wird.

Blenker las-, die schöne Röthe seines Gesichtes wich einem dunklen, purpurnen Zornesroth: sein Auge strahlte, seine Faust ballte sich, und seine Wuth machte sich nach einer Minute tragischer Stille mit den Worten Luft: „Ich werde dem Menschen alle Knochen an seinem Leibe zu Brei schlagen lassen.“

„Aber, General,“ entgegnete Struve ruhig, „die Freiheit der Presse –“

„Was Presse! diese elende Schreiberseele wiegelt mir meine Soldaten auf: ich werde ihn zermalmen, so wahr ich Blenker heiße.“

Struve kannte Blenker zu gut; er schwieg einige Augenblicke und reichte ihm dann ein Papier mit den Worten hin.

„Ich habe, Herr General, eine Entgegnung geschrieben, die scharf und vernichtend ist. Hier, lesen Sie gefälligst.“

Blenker nahm das Blatt, las es; seine Aufwallung verrauchte sichtbar, und sich zu mir umwendend, rief er in jenem ihm eigenthümlichen, langgedehnten Ton, der stets etwas an eine verbesserte Auflage des Gardelieutenants erinnerte: „Herr Stabsquartiermeister, lesen Sie hier und sagen Sie mir Ihre Meinung.“

Ich las Heinzen’s Artikel und Struve’s Antwort und erwiderte : „Meine Meinung ist, man antwortet auf solche Angriffe gar nicht.“

„Sie haben Recht, einen solchen Burschen muß man anders wie, nicht mit der Feder, tractiren.“

„Auch das nicht, General. Ich denke, ich werde heute für’s Hauptquartier dreihundert Exemplare des ,Pioniers’ beim Heinzen bestellen; er hat nur vierhundert Abonnenten im Ganzen, und dreihundert Exemplare baar bezahlt, werden das bittere Gift Heinzen’s in die Milch sanfter Denkungsart verwandeln. Außerdem möchte ich nicht gern den einzigen Mann zu Brei zermalmt sehen, der hier zu Lande noch ein gutes Deutsch schreibt. Der Artikel ist brillant geschrieben und enthält nebenbei auch manches Wahre.“

„Haben Sie denn gar kein Blut in Ihren Adern, Herr Stabsquartiermeister?“

Kaum war das letzte Wort gesprochen, als ein Heidenspectakel am Eingänge des Zeltes unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.

Zwei Reiter kamen in wildem Galopp angesprengt, schwangen sich von ihren Pferden und traten ein mit Sporengeklirr und Säbelgerassel, bestaubt und schweißtriefend. Der erste war ein kleiner, blutjung scheinender Mensch, mit rundem, ewig lachendem Gesicht, in voller österreichischer Husaren-Uniform, hellblau mit silbernen Knöpfen, eine riesige Reitpeitsche in der Hand. Es war der Graf Ingelheim von Rhein. Der zweite war aus dem Sachsenland, Baron v. Brandenstein; eine athletische Gestalt mit gebräuntem Kroaten-Teint. Er war früher in der österreichischen Marine gewesen, hatte die Welt umsegelt und dann in der italienischen Campagne im kaiserlichen Heer gedient, sich später in päpstlichen Diensten bei der Vertheidigung von Ancona und Gaeta ausgezeichnet und trug römische und neapolitanische Orden.

„Herr General!“ schrie Ingelheim in reinsten Lerchenfelder Dialekt, „wir hoben holt die Kerle wieder.“ [235] „Was für Kerle ?“ fragte Blenker.

„Die Nigger, die Nigger; Sie wissen doch, Jupiter und den alten Neptun; da sind sie.“

Und zwei rabenschwarze Negergesichter kamen zum Vorschein; ihr grinsendes Lachen zeigte eine Perlenschnur von schneeweißen Zähnen. Sie machten vortretend einen Entrechat, um den Hoguet und die Rigolboche sie beneidet hätten, schlugen einen Purzelbaum und verschwanden auf meinen Wink links in die Büsche des Quartiermeister-Amtes.

Blenker streichelte sich bedächtig und scheinbar tief nachsinnend den Schnurrbart.

„Aber, meine Herren, wer hat Ihnen denn die Ordre gegeben, die Leute zurückzubringen?“

„Der Quartiermeister,“ entgegnete Ingelheim, mit dem Finger auf mich deutend.

Blenker’s Gesicht färbte sich dunkler.

„Sind Sie denn ganz von Gott verlassen, Herr Stabsquartiermeister? oder ist Ihnen der Kamm zu sehr geschwollen? Wissen Sie denn nicht, daß die Ordre für die Auslieferung dieser Neger vom General-Commando contrasignirt war?“

„Herr General, die Ordre, welche ich leider erst nachträglich zu Gesichte bekommen, war nicht vom Kriegsdepartement, sondern von einem Secessionisten-Civil-Gerichtshof in Maryland ausgestellt, und die Unterschrift des General-Adjutanten bestätigt nur die Richtigkeit des Gerichtsbeschlusses. In Ihrem Lager aber hat kein Civilgericht eine Executivgewalt, und wir können uns nicht zu Schergen dieser Menschenfänger hergeben. Außerdem waren die Leute in meinem Departement als Fuhrknechte in Dienst der Vereinigten Staaten genommen, und ich habe die Leute auf meine Gefahr zurückbringen lassen, weil ich keine Ordre für ihre Auslieferung erhalten. Dann war ja auch der alte Neptun unersetzlich für Ihren Hector.“

Blenker suchte in seinen Papieren nach der Ordre, warf einen flüchtigen Blick darauf, und mit den Worten: „All right; aber wenn was daraus kommt, es kommt alles auf Ihre Kappe,“ war die Sache erledigt.

Sich dann zu Ingelheim und Brandenstein wendend, die unterdeß eine Flasche „Apple-Jack“, welche auf dem Tische des Generals stand, mit nobler Nonchalance geleert hatten, fragte er mit einer Miene, aus der man lesen konnte, daß ein „Ja“ die erwünschte Antwort war:

„Aber Ihr habt die Leute doch nicht durchgehauen? Ich meine die Häscher.“

„Wir nicht,“ entgegnete der Ingelheim lachend, „aber der da“ – auf meinen Bedienten Adolph zeigend.

Adolph war ein fünfzehnjähriger bildhübscher Junge. Er trug die geschmackvolle grau und grüne Jägeruniform des achten Regiments. Sein eigentlicher Name war Asher Levi aus Hamburg, wo seine alte Mutter, der er monatlich fünf Thaler von seiner Löhnung zu schicken pflegte, noch wohnt. Er hatte sich als Freiwilliger anwerben lassen, um den Krieg zu sehen, und war im ganzen Lager bekannt, als „Asher der smarte Jüd“. Außerdem war er ein kühner, ganz vortrefflicher Reiter; er hatte im Circus auf dem Hamburger Berg schon „Kunst“ geritten.

„Adolph!“ schrie Blenker dem vor dem Zelte bei den Pferden stehenden Jungen zu, „sag’ mir, was hast Du mit den Kerlen gemacht?“

„Ach, Herr General, als ich dem guten alten Neptun, der Ihren Hector so trefflich wartet, die dicken Handschellen abnahm, da konnte ich mich nicht halten. Ich nahm die Handschellen bei der Kette in die Hand, sprang auf’s Pferd und versetzte dann mit den schweren Eisen den Häschern einen oder zwei Schläge in ihre langen, verblüfften Gesichter – blos zum Abschied, Herr General – und galoppirte davon.“

Blenker lachte, sagte aber nichts, sondern griff auf den Tisch, nahm einen dicken, schwarzen Rettig, und mit den Worten: „Hier, Junge, jetzt troll’ Dich!“ verabschiedete er Asher Levi, dessen Hamburger Mütterchen sich gewiß herzlich darüber freuen wird, ihren Jungen in diesen Blättern gedruckt zu sehen.

Es war jetzt Mittag geworden und die Hitze drückend. Im Generalszelt war ein ewiges Ab- und Zugehen von Officieren, Ordonnanzen, Marketendern und civilen Besuchern aus nah und fern. Der General selbst wandelte schweigend auf und ab, zeichnete dann und wann eine Ordre, einen Rapport oder eine Requisition mit seiner charakteristischen lapidarischen Unterschrift, in so kolossalen Zügen, daß das kaum geschnörkelte B oft das halbe Papier einnahm, und rauchte dabei eine Cigarette nach der anderen, welche ihm Graf Valentini mit der stets devoten Verbeugung eines geborenen Kammerherrn anfertigte und hinreichte. Keiner verstand einen solchen Kammerherrndienst besser, als dieser lange, dürre steiermärkische Graf. Er war von Kindheit an dienstthuender Officier in der Suite der Kaiserin-Mutter, der frommen Gemahlin des guten Ferdinand, dann im Gefolge des Erzherzogs Max gewesen, welcher jetzt den Thron der Montezumas einnimmt, und freute sich unendlich, daß er hier im Lande der Heine’schen „Freiheitsflegel“ noch einen Mann gefunden, der devote Dienste mit souverainer Huld entgegenzunehmen verstand.

Plötzlich erscholl im Zelte das Wort: „Die Herren Stabsofficiere!“ und Alle umringten den General.

„Meine Herren!“ fuhr dieser fort, „wir sind heute zu einem Frühstück beim Obersten des achten Regiments eingeladen. Sie werden mir folgen. Ordonnanzen, die Pferde herbei!“

In zwei Minuten war die ganze Gesellschaft hoch zu Roß; der General auf seinem Hector an der Spitze, ihm zur Seite auf einem kostbaren Rappen Oberst Prinz Felix Salm-Salm von Anholt im Münsterland – in der alten Heimath gewiß noch manchem „Manichäer“ in schmerzhaftem Angedenken – die übrigen à la suite. Vor dem großen Officierszelte des achten Regiments wurde abgesessen, und wartend der guten Dinge, die da kommen sollten, traten wir ein.

Hier bot sich ein Götteranblick dem Auge des psychologischen Beobachters dar. An einer langen Tafel, mit Weinflaschen aller Formen und Größen und Länder bedeckt, saß eine ganze Tafelrunde von Kriegshelden in glorreicher Weinseligkeit.

 Wer kennt die Länder, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammen kamen?

An der Spitze der Tafel Oberst Wutschel, der „schöne Legionär“ von Wien, den ich vor dreizehn Jahren, als er zum ersten Male an der Spitze eines Juristen-Bataillons von der Aula ausrückte, in der Kärnthnerthor-Straße so von Blumen und Kränzen der enthusiasmirten Wiener Schönen überschüttet sah, daß sein Pferd kaum noch vorwärts konnte. Sein damals volles, glänzend-schwarzes Haar hatten die Stürme und Sorgen der Flüchtlingszeit ihm von dem jetzt kahl glänzenden Scheitel geweht, aber sein Auge hat noch den alten Glanz, seine Wange die Fülle und Röthe der Jugend. Ihm zur Seite saß der schnurrbärtige Hetterich aus dem Schwabenland, offenbar schon im ersten Stadium angehender Seligkeit; daneben v. Hammerstein aus dem Hannöverschen, jetzt Oberst vom siebenundachtzigsten Regimente; der dicke Major Pokorny aus Wien; der lange Hans v. Nostiz aus Sachsen, der edle, leider zu früh dahingeschiedene Mengersen aus Mecklenburg; der sarkastische, goldbebrillte Theuerkauf aus Schlesien; der männlich schöne Schumacher, ein „Meerumschlungener“, ein Fürst „in Würfelspiel und Kartenlust“; der geschickte Stabsarzt Dr. R. Welcker, der Sohn des bekannten deutschen Patrioten, und ihm zur Seite sein Famulus, der Apotheker, der wohlbeleibte Sumpfmeier, dessen Auge schon etwas umschleiert und versteinert in ein Glas perlenden Feuerbergers wollüstig vertieft war.

Alle diese waren Officiere des achten Regiments. Außerdem aber hatten sich noch manche Landsknechte und Helden anderer Regimenter zusammengefunden; denn Alle wußten, daß es beim Wutschel immer lustig und hoch zuging. Da saß der hellblonde Gilsa mit kahler Glatze, der gefürchtete Disciplinär des De Kalb-Regiments; der geniale, aber stets müde Brigadier von Steinwehr aus Braunschweig; der Millionär Bohlen aus Philadelphia, welcher auf eigene Kosten ein ganzes Regiment in’s Feld stellte und einen frühzeitigen Tod auf dem Schlachtfelde am Rappahannock fand; Oberst Cantador vom neunundzwanzigsten Regiment, früher Commandant der Düsseldorfer Nationalgarde, der „Adonis vom Rhein“; Oberstlieutenant Ripetti, der Freund Mazzini’s und sein geheimer Verleger aus Mailand; die gespenstige Don Quixote- Gestalt des Quartiermeisters Biscacienti, dessen Name als Opernsänger und Impresario in beiden Welttheilen bekannt ist; der dickbäuchige, dünnbeinige Meusebach von den schwarzen Jägern; Oberst von Amsberg, der neun lange Jahre in Eisen auf dem Kuffstein verlebt, und endlich mit pockennarbigem Gesicht und Tigeraugen und mehr maurischem als spanischem Typus, Don Carlos Carvallo, gewesener Räuberhauptmann aus der Sierra [236] Nevada, jetzt Capitain der spanischen Compagnie in der Garibaldi-Garde.

An einem kleinen Extratischlein, wie Regiments-Aschenbrödel, vor vielen schon leeren Flaschen, saßen in tiefe Gespräche versunken, wahrscheinlich über ein sublimes Dogma – ein Mysterium – der Kirche ihre Gedanken austauschend, Ehrwürden Bürgele, den wir zum Caplan des Achten gemacht und der ehrwürdige, sprachkundige Pater Gela aus Siebenbürgen, gleichfalls trinkender Regimentspfaff.

Geschäftig zwischen den Zechern, nimmer sitzend, nimmer ruhend, nimmer schweigend, bewegte sich „Gustav mit dem Barte“, Lieutenant, Adjutant, Quartiermeister und Marketender zugleich, der vielverleumdete Mann mit dem guten Herzen und der bösen Zunge, den die Berliner ,,Tienenmüller“, die Geschichte Lindenmüller nennt. Der andere Gustav, der aus dem badischen „Ländle“, welches er so sehr liebt, der Verfasser der radicalen Weltgeschichte, der treue Patriot, welcher im Lager, wie jetzt in Coburg, seinem Hinduglauben treu geblieben und nur Vegetabilien ißt, fehlte, denn

„er haßte die Gelage und das wüste Treiben der Kumpane“.

Ebenso mein Leidensgefährte aus Komorn und Josephstadt, der gelehrte, mäßige, opferfähige Kinzel aus Wien.

Die Gartenlaube (1865) b 236.jpg

Die Festung Peschiera am Gardasee. 0 Nach einer Originalzeichnung.


Kaum hatten wir Platz genommen, als Wutschel, den wir den „Herzog von Sonora“ titulirten, nicht so sehr wegen seiner sonoren Stimme als wegen seiner „Conquistadores“-Ideen und -Tendenzen, in folgender Weise eine Rede anhub:

„Ihr wißt wohl nicht, meine Freunde, was mich bewogen, Euch gerade heute zu mir freundschaftlichst zu entbieten. Es ist der 7. October, der Tag, an welchem vor dreizehn Jahren das überströmende Freiheitsgefühl der Wiener die anfangs glorreiche, dann so unglückliche Octoberrevolution zum Ausbruch brachte. Das Andenken Aller zu feiern, welche dort mitgestritten und mitgelitten, besonders aber das Andenken jener Männer zu ehren, die mit ihrem Blute ihr Leben und Streben besiegelt, hielt ich eines deutschen Festes und Gelages würdig. Ist es nicht wunderbar, erhebend und rührend zugleich, hier auf Virginiens reichen Gefilden, unter dem sternbesäeten Banner der großen Republik so viel deutsche Männer versammelt zu sehen, denen das deutsche Herz noch stets warm für deutsche Einheit und Freiheit schlägt? Das erste Glas den theuern Todten! Robert Blum, Messenhauser, Jellinek und Becher! Mögen ihre Geister sich aus den Gräbern der Brigittenau glorreich erheben und mit Wohlgefallen auf uns, mit Befriedigung auf unsere alte Heimath herabschauen!“

[237] Ein donnerndes, dreifaches Hoch erfolgte aus hundert kräftigen Kehlen; die Musikbande blies den Tusch, die Gläser schwangen und klangen und in Strömen

„Floß das Naß,
Aus dem Faß
In das Glas.“

Wutschel redete noch viel in der ihm wie allen Wienern eigenthümlichen blumen- und blüthenreichen Weise, welche Quintilian mit dem Ausdruck „color asiaticus“ charakterisirt.

Gegen fünf Uhr hatte sich der größte Theil der Gesellschaft in Weinseligkeit aufgelöst und zerstreut; die Meisten hatten sich mit langen, schweren Haarbeuteln in die benachbarten Quartiere verzogen. Blenker aber und sein Stab waren schon um vier Uhr wieder in dem himmelblauen Zelte des Hauptquartiers, denn es galt sich vorzubereiten, um in voller „grande tenue“ einer Soirée in Washington beizuwohnen. Schon um sechs Uhr war Alles wieder hoch zu Roß, und im wilden Galopp ging es über Fort Albany, über die meilenlange, wacklige Brücke (Long Bridge) des Potomak, durch die breite Pennsylvania Avenue, an dem Capitol vorbei nach der D-Street, wo in einem hübschen Garten zwischen tropischen Bäumen und Rosen versteckt, die niedliche Villa des Grafen Pourtalès lag.

Die schöne Wirthin – ein geborenes Fräulein Braun aus Frankfurt a. O., einstens von den Berlinern „die Krone der Mauerstraße“ genannt – empfing mit gewohnter Liebenswürdigkeit die stets willkommenen Gäste. Ihr Auge weilte mit sichtbarem Wohlgefallen auf mancher schlanken Officiergestalt, welche sie an ihre Jugendzeit erinnerte, wo die Gardelieutenants mit obligatem Säbelgerassel, die Lorgnette in’s Auge gekniffen, vor ihrem Fenster die Sehnsuchtsparade machten.

Der Abend verfloß in Frohsinn und Gemüthlichkeit, bei Musik und Tanz und edler Himbeerbowle. Um elf Uhr, der Wirthin und den meisten Gästen zu früh, erscholl Blenker’s Stimme im Saale; eine Minute darauf war die Gesellschaft wieder zu Pferde und in ebenso wildem Trott, wie sie gekommen, ging’s zurück in’s Lager. Die Nacht war prachtvoll; das glorreiche Sternbild des Orion mit Gürtel und Schwert, den silberleuchtenden Hund im Gefolge, glänzte südlich schön über unseren Häuptern; die Plejaden funkelten, wie ein hingesäetes Häufchen Diamanten, in der dunklen Tiefe des Himmels, und daneben stand Mars in seinem blutrothen Lichte.

Und wie wir so dahinsausten, an dem kolossalen Bau des Capitols vorbei, dessen weiße Marmormassen gespenstig durch die dunklen Schatten riesiger Pinien schauten, und über Pennsylvania- [238] Avenue, deren Granitpflaster unter den Hufen der Rosse Funken stob: da öffnete sich manches Fenster mit neugierigen nächtlichen Damengestalten; die Cavalerie-Piquets an den Straßenecken machten erschreckt Platz; die Senatoren, Congreßmänner, Generale und Lieferanten, welche in zahlreichen Gruppen auf den Veranden der Gasthöfe standen, rissen verduzt ihre schon halb benebelten Augen auf und Einer raunte es dem Anderen zu:„Das ist der Blenker mit seinem Stab.“

A. Sch-e





Die Malerin der Grazien.


In der Kirche des Dorfes Schwarzenberg, das mit seinen stattlichen Häusern und Gehöften in dem schönen Bregenzer Walde liegt, arbeitete der bischöfliche Hofmaler Kaufmann aus Chur auf hohem Holzgerüst an der Ausschmückung der heiligen Räume. Mit besonderer Liebe widmete sich der fleißige Künstler diesem Werk, da er selbst hier geboren war und unter den Bewohnern des Thals noch viele liebe Verwandte zählte. Hauptsächlich wohl aus diesem Grunde hatte er seine siebenzehnjährige Tochter Angelica mitgebracht, die ihm fleißig zur Seite stand und jetzt mit ihm um die Wette an den Fresken der Kirche malte. In frühester Jugend schon hatte das liebliche Kind ein hervorragendes Talent und den heiligsten Eifer für die Kunst gezeigt, welcher durch den Anblick einer großartigen Natur und den öfteren Aufenthalt an den bezaubernden Ufern des Comersees genährt worden war. Der Anblick jener entzückenden, südlichen Gegenden mit ihren romantischen Villen und herrlichen Marmorbildern hatte in ihrer Brust den Schönheitssinn zu einer Zeit geweckt, wo Unnatur und Geschmacklosigkeit leider nur zu sehr vorherrschten. Mit sorgsamer Liebe leitete der verständige Vater das so reich begabte Mädchen, welches auch für Musik bedeutende Anlagen zeigte und durch den Liebreiz der ganzen Erscheinung Jedermann fesselte und für sich einnahm. Holde Anmuth umschwebte die feine, schlanke Gestalt und in den zarten, sinnigen Zügen offenbarte sich der geniale Künstlergeist neben bescheidener Weiblichkeit. In Mailand, wohin sich ihr Vater später begab, erhielt sie durch ihn und das Studium der großen lombardischen Meister ihre künstlerische Ausbildung; vorzugsweise übten die Schöpfungen des unsterblichen Leonardo da Vinci einen großen Einfluß auf ihre Entwickelung aus und bestimmten zum großen Theil ihre spätere Richtung. Vor Allen aber waren die Natur und die Antike ihre Lehrerinnen und bildeten sie zur „Malerin der Grazien“.

In diesem Augenblick malte Angelica mit ihrem Vater an den Köpfen der Apostel, welche noch heute die Dorfkirche zu Schwarzenberg schmücken. Sie war dabei so eifrig, daß sie kaum den Untergang der Sonne bemerkte, welche mit ihren scheidenden Strahlen das liebliche Mädchen vergoldete, so daß es, hoch über der Erde schwebend und vom goldenen Licht verklärt, selbst einem Heiligenbilde in seiner unbewußten Schönheit glich. Vom Thurme läuteten die Glocken zum Feierabend: unwillkürlich ließ Angelica den Pinsel sinken und faltete die Hände zum frommen Gebet. Durch die offene Kirchthür blickten die hohen Berge mit ihren in Purpur, Gold und Violet schimmernden Spitzen, die grünen Matten des fruchtbaren Thals und der stille Wald berein. Rings herrschte das tiefste Schweigen, nur aus der Ferne tönte das Gemurmel des Baches wie eine Geisterstimme und klapperte die Mühle im tiefen Grund. Es war ein Bild des tiefsten Friedens, der heiligsten Ruhe.

„Ist es nicht schön hier?“ fragte der Vater die von dem Schauspiel ergriffene Tochter.

„O, wunderbar!“ entgegnete Angelica.

„Hier bin ich geboren, hier möchte ich sterben,“ sagte er und auf die Gräber des nahen Friedhofs deutend, „hier bei den Meinigen ruhen.“

Auch in Angelica’s Seele fanden die Worte des Vaters einen sympathischen Widerhall. Obgleich sie die große Welt noch wenig oder gar nicht kannte, fühlte sie doch in diesem Augenblick gleichsam eine Ahnung der Kämpfe und Leiden, die sie später erwarteten. Sie schwankte, ob sie nicht diesen Frieden in dem abgeschiedenen Thal den Stürmen auf dem bewegten Meer des Lebens vorziehen sollte. Noch bestärkt wurde sie in diesem Gedanken durch die Liebe, welche ihr hier von Seiten ihrer Verwandten und sämmtlicher Bewohner des Dorfes entgegenkam. Sie wurde im eigentlichen Sinne auf Händen getragen, und als sie jetzt an dem Arm ihres Vaters aus der Kirche schritt, sah sie sich von Freunden und Gespielinnen umringt, die mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Bewunderung zu ihr emporblickten und sie gleichsam in einem improvisirten Triumphzug bis zu ihrer Wohnung durch das Dorf geleiteten. Junge Burschen und Mädchen, stolz auf die Verwandtschaft und Freundschaft mit der Künstlerin, brachten ihr Blumen und Kränze, liebliche Kinder reichten ihr die mit duftigen Waldbeeren gefüllten zierlichen Körbchen und die älteren Leute auf dem Wege grüßten sie freundlich und drückten ihr die Hand. Manch wackerer und wohlhabender Mann blickte bedeutsam der schönen Jungfrau nach und wünschte sie für immer an das Thal zu fesseln, doch eine gewisse Scheu vor der „Malerin“ verschloß den Mund. Aus jedem Gesicht konnte sie den Wunsch lesen: „Bleibe bei uns, verlasse uns nicht wieder!“

Aber mächtiger als die Bande des Blutes und der Freundschaft war die Liebe Angelica’s zu ihrer Kunst, die Sehnsucht nach dem ihr vorschwebenden Ideal. Sobald die Kirche vollendet war, nahm sie Abschied von ihren Verwandten, von den ihr so lieb gewordenen Bewohnern des Bregenzer Waldes, den sie erst nach langer, langer Zeit wieder sehen sollte. Sie verließ das stille Dorf und wandte sich zunächst nach Florenz und später nach Rom, wo die schöne, blühende Jungfrau bald durch ihr Talent und ihre Reize die größte Aufmerksamkeit und Bewunderung erregte. Zu kurzer Zeit wurde ihr bescheidenes Atelier der Mittelpunkt für die Kunstfreunde und die vornehmen Fremden, welche in der Siebenhügelstadt verweilten. Reiche Engländer, Schweden und Russen überhäuften sie mit einträglichen Bestellungen und Aufträgen. Römische Nobili und englische Lords huldigten der Schönheit und dem Talent Angelica’s, aber sie zog den Umgang mit Künstlern und Gelehrten den reizenden Verlockungen der Gesellschaft vor und bewahrte auf der Höhe ihres Glückes den bescheidenen Sinn der einfachen „Wäldlerin“.

Ihr liebster Umgang war der berühmte Winckelmann, der, gleich ihr, selbst von der glühendsten Liebe zur Kunst erfüllt, durch seine classischen Schriften, wie Lessing durch seinen „Laokoon“, eine neue Epoche des Geschmacks und der ästhetischen Kunstauffassung herbeigeführt hatte. Mit leuchtenden Augen saß Angelica zu den Füßen des beredten Meisters und lauschte seinen genialen Offenbarungen, wenn er mit bewunderungswürdigem Scharfblick und hinreißendem Enthusiasmus ihr den Geist des Alterthums erschloß und die ideale Schönheit der Antike an den bedeutendsten Werken der griechischen Meister nachwies. Oefters besuchte sie in seiner Begleitung die Ruinen Roms, das mächtige Colosseum und das Pantheon, oder die reichen Sammlungen, wo sie mit ihm anbetend vor dem Apollo von Belvedere, der Ludovisischen Juno, den Göttern und Heroen einer schöneren Welt stand, die sie mit ihren Farben wiederzubeleben suchte. Nach solchen Anregungen eilte sie an ihre Staffelei und schuf die berühmten Bilder der begeisterten „Sappho“, der stolzen „Sophonisbe“ und die sterbende „Alceste“, welche noch heute unsere Bewunderung finden und verdienen.

Schön und berühmt, ausgezeichnet durch Talent und Anmuth, vereint und geschätzt von den Besten ihrer Zeit, schien Angelica in der That beneidenswerth vor Tausenden. Das Glück lächelte seinem Liebling und schüttete sein Füllhorn über die holde Künstlerin in verschwenderischer Fülle aus. Aber auf der höchsten Stufe ihres Daseins angelangt, sollte auch sie den Schmerz des Lebens kennen lernen, der keinem bedeutenden Sterblichen erspart wird. Angelica hatte in Rom die Bekanntschaft der angesehenen Lady Vervort aus London gemacht und an ihr eine einflußreiche Freundin und Beschützerin gefunden. Vielfach von ihr aufgefordert, mit ihr nach England zu gehen, hatte sie jede derartige Einladung bisher abgelehnt, um sich nicht von ihrer Familie zu trennen, obgleich ihrer, wie sie wußte, in London ein glänzender Empfang wartete. Erst als ihr Lady Vervort den ehrenvollen Auftrag überbrachte, die königliche Familie zu malen, entschloß sie sich, in Begleitung derselben die immer wieder aufgeschobene Reise anzutreten. Trotzdem die ihr in London zu Theil gewordene Aufnahme [239] alle ihre Erwartungen übertraf und sie mit Ehrenbezeigungen überhäuft wurde, konnte sie sich doch einer ahnungsvollen Bangigkeit nicht erwehren. Ihrem Gefühle lieh sie in einem Briefe an die Ihrigen die charakteristischen Worte: „Man ist hier sehr gut gegen mich, doch ich werde mich nicht leicht binden lassen. Rom liegt mir immer im Sinn. Der heilige Geist möge mich leiten.“

Auch in London wurde die liebenswürdige Künstlerin bald bekannt und allgemein verehrt. Die stolzen, sonst verschlossenen Häuser der englischen Aristokratie öffneten sich für sie und die ersten Kreise der Metropole zeichneten sie aus. Ihre Gemälde wurden mit Gold aufgewogen und die exclusive Welt wollte nur von Angelica gemalt sein. Ihre Bescheidenheit entwaffnete den Neid ihrer Kunstgenossen, und selbst der stolze und berühmte Hofmaler, Sir Josua Reynolds, fühlte sich so sehr zu dem schönen Mädchen hingezogen, daß er keinen Anstand nahm, ihr seine Hand anzubieten. Obschon er Präsident der Akademie war, ein ungeheueres Vermögen besaß und eine hochgeachtete Stellung einnahm, schlug Angelica seinen ehrenvollen Antrag aus, da sie keine Liebe für ihn fühlte und äußere Glücksgüter sie nicht reizen konnten. Durch ihre Weigerung hatte sie sich jedoch den eitlen und leicht gereizten Künstler zum Feinde gemacht, zumal er durch geschäftige Zwischenträger in dem Glauben bestärkt wurde, daß sein Mangel an äußerer Schönheit der einzige Grund der ihm zu Theil gewordenen Zurückweisung gewesen sei. Tief gekränkt beschloß er, sich zu rächen, und entwarf zu diesem Zweck einen ebenso teuflischen wie raffinirten Plan.

Um jene Zeit lernte Angelica in der Gesellschaft Londons einen schwedischen Grafen Horn kennen, der durch seine auffallende Schönheit, weltmännische Gewandtheit und die Eleganz seiner ganzen Erscheinung sich Zutritt zu den höchsten Kreisen zu verschaffen wußte und in denselben eine bedeutende Rolle spielte. Mit feiner, fesselnder Artigkeit näherte er sich der jugendlichen Künstlerin, in dem er sie vor allen andern Damen auszeichnete. Seine Aufmerksamkeiten schmeichelten ihrer mädchenhaften Eitelkeit, während der geheimnißvolle Schleier, in den er sich absichtlich oder gezwungen hüllte, ihre Neugierde reizte und ein lebhaftes Interesse für ihn erweckte. Unbefangen nahm sie seine Besuche an, da ihm, wie sie wußte, die ersten Häuser Londons offen standen. Dem hinreißenden Wesen des Fremden fiel es nicht schwer, nach und nach das unbewachte Herz der unerfahrenen Jungfrau zu umstricken. Sie erlag dem dämonischen Zauber des gewandten Verführers, so daß sie zuletzt, wenn auch mit Widerstreben, einwilligte, sich heimlich mit ihm zu vermählen, da er ihr vorspiegelte, daß er Rücksichten auf seine hohe Familie zu nehmen habe.

Ihr Verhältniß zu dem Grafen Horn blieb jedoch trotz aller angewandten Vorsicht nicht verborgen. Ihre Freunde schöpften Verdacht und stellten, leider zu spät, genauere Nachforschungen über den räthselhaften Fremden an. Das Ergebniß derselben war vernichtend für Angelica, ihr gläubiges Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe auf die schändlichste Weise hintergangen worden. Der vermeintliche Graf Horn verwandelte sich in einen – gemeinen Abenteurer, in einen entlaufenen Kammerdiener, welcher die Papiere seines verstorbenen Herrn, der diesen Namen führte, nach dessen Tode unrechtmäßig an sich gebracht hatte. Und um das Maß der Schmach voll zu machen, ergab sich, daß der freche Betrüger bereits verheirathet und seine erste Frau noch am Leben war. Als der Schurke sich entlarvt sah, zog er es vor die Flucht zu ergreifen, nachdem er noch einige hundert Pfund erpreßt und zum Dank dafür das Geständniß gemacht hatte, daß der rachsüchtige Sir Josua Reynolds ihm zuerst den Gedanken eingegeben, sich Angelica zu nähern, und ihn zu diesem Behufe mit dem nöthigen Gelde und Empfehlungsbriefen versehen habe, um eine Rolle in der Londoner Gesellschaft zu spielen.

Die mit dem Abenteurer eingegangene Ehe wurde von vem Gericht für nichtig erklärt und der frühzeitige Tod desselben befreite Angelica von jeder ferneren Verbindlichkeit. Ihr unverdientes Schicksal fand die größte Theilnahme und von allen Seiten wurde ihr der Beweis geliefert, daß sie an Achtung und Anerkennung nicht verloren habe. Mehrere angesehene Männer bewarben sich um ihre Hand, allein sie wies alle derartigen Anträge mit Entschiedenheit zurück. Ihr Herz war zu tief verletzt, ihre Existenz für immer gebrochen. Nur in der Kunst suchte und fand sie fortan Ersatz für ihre Leiden, für die bitteren und schweren Erfahrungen des Lebens. Wenngleich der Aufenthalt in England ihr bedeutende Summen einbrachte und sie zum Mitglied der königlichen Akademie der Künste ernannt worden war, kehrte sie im Jahre 1782 nach Rom zurück. Hier unter dem blauen Himmel Italiens, im Schoose ihrer Familie vernarbten nach und nach die tiefen Wunden ihres Herzens, und wenn auch die frühere Heiterkeit und jugendliche Frische für immer von ihr gewichen war, so entzückte sie jetzt ihre Freunde durch die Milde ihres Wesens und den höheren Aufflug ihres Geistes. Das tragische Geschick hatte nur dazu beigetragen, ihren Charakter zu veredeln und ihr Talent durch sittlichen Ernst zu vertiefen.

Vierzig Jahre war Angelica geworden, als sie den Wünschen ihres alten, kränkelnden Vaters nachgab und auf sein vielfach wiederholtes Drängen ihre Hand seinem erprobten Freunde, dem italienischen Maler Zucchi, reichte. Sie hatte nie einen Grund, diese zweite Wahl zu bereuen, da Zucchi einer der trefflichsten Menschen war und nur für sie und ihr Glück zu leben schien. Von Neuem wurde ihr Haus in Rom der geistige Mittelpunkt einer auserlesenen und bedeutenden Gesellschaft. Hier verkehrten die ersten Männer ihrer Zeit und vor Allen Goethe während seines Aufenthaltes in Italien. In ihrem Atelier las er ihr, ihrem Gatten und dem Hofrath Reiffenstein seine eben vollendete „Iphigenia“ vor, und „die zarte Seele Angelica nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf.“ Sie versprach ihm eine Zeichnung dazu und wählte „den Moment, da sich Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet“. Ein ander Mal veranstaltete Goethe Angelica zu Ehren, welche nie in das Theater ging, eine musikalische Aufführung, um ihr die Bekanntschaft Cimarosa’s zu verschaffen. Concertmeister Kranz aus Weimar, ein geübter Violinist, der sich in Italien auszubilden Urlaub hatte, leitete das Ganze. Unter den eingeladenen Gästen befanden sich Angelica, ihr Gemahl, Hofrath Reiffenstein, die Herren Jenkins, Velpato und sonstige angesehene Fremde und Bewohner Roms. „Juden und Tapezier,“ berichtet Goethe, „hatten den Saal geschmückt, der nächste Kaffeewirth die Erfrischungen übernommen, und so ward ein glänzendes Concert aufgeführt in der schönsten Sommernacht, wo sich große Mengen von Menschen unter den offenen Festern versammelten und, als wären sie im Theater gegenwärtig, den Gesang gehörig beklatschten. Ja das Auffallendste war, ein großer mit einem Orchester von Musikfreunden besetzter Gesellschaftswagen, der so eben durch die nächtliche Stadt seine Lustrunde zu machen beliebte, hielt unter unserem Fenster stille, und nachdem er den oberen Bemühungen lebhaften Beifall geschenkt hatte, ließ sich eine wackere Baßstimme vernehmen, die eine der beliebtesten Arien aus der Oper, welche wir stückweise vortrugen, von allen Instrumenten begleitet, hinzugesellte. Wir erwiderten den vollsten Beifall, das Volk klatschte mit darein, und Jedermann versicherte, an so mancher Nachtlust, niemals aber an einer so vollkommenen, zufällig gelungenen Theil genommen zu haben.“

So gestaltete sich das Leben der Künstlerin immer freundlicher und ihr Ruhm verbreitete sich weiter und weiter. Dichter wie Klopstock und Geßner feierten Angelica’s Namen in ihren Gesängen und Goethe selbst rechnete ihre Bekanntschaft zu den schönsten Erwerbungen, welche er in Rom gemacht, die mit ihr verlebten Stunden zu den glücklichsten und bedeutendsten seines italienischen Aufenthalts. Ihre Leistungen charakterisirte er mit folgenden anerkennenden Worten: „Das Heitere, Leichte, Gefällige in Formen, Farbe, Anlage und Behandlung ist der einzig berrschende Charakter der zahlreichen Werke unserer Künstlerin; keiner der lebenden Maler hat sie, weder in der Anmuth der Darstellung, noch in Geschmack und Fähigkeit, den Pinsel zu führen, übertroffen.“ Innerhalb dieser durch die Natur ihres Talentes und ihre Weiblichkeit gezogenen Grenzen erreichte Angelica eine seltene Vollendung und wenn ihrem zarten Schönheitssinn auch versagt war, durch dämonische Gewalt die Seele des Beschauers hinzureißen, zu erschüttern oder zu erheben, so erweckte sie dafür das Gefühl der Befriedigung, der zarten Rührung, der sanften Lust durch die sinnige Feinheit und Anmuth ihrer Schöpfungen, so daß sie den ihr gegebenen Beinamen „die Malerin der Grazien“ im vollsten Maße verdiente. Wichtiger noch ist ihre Stellung in der Kunstgeschichte, indem sie zur Natur und Antike zurückgekehrt, eine reinere Geschmacksrichtung mir anbahnen, die Auswüchse des zopfigen Styls zerstören und die akademischen Künsteleien und [240] Verirrungen beseitigen half. In dieser Beziehung steht sie dem ihr an Genie überlegenen Asmus Karstens würdig zur Seite. Beide haben durch die Wiederbelebung der antiken Ideale der modernen Kunst den einzig richtigen Weg gewiesen und durch den wieder heraufbeschworenen Geist des Alterthums den Genius der Neuzeit aus seinem langen Schlaf geweckt. Wie Lessing und Winckelmann theoretisch, so haben Angelica Kaufmann und Karstens praktisch eine neue Epoche herbeigeführt. –

Noch einmal sollte Angelica und zwar am Abende ihres vielbewegten Lebens das veränderliche Glück des Daseins kennen lernen. Im Jahre 1795 starb ihr Gatte, an dem sie ihren besten Freund verlor. Auch ihre Vermögensverhältnisse wurden durch die französische Revolution wesentlich erschüttert. Die großen politischen Umvälzungen drängten das Interesse für die Kunst zurück, die vornehmen Fremden verließen Rom und mit ihnen schwanden auch die einträglichen Bestellungen. Angelica ertrug jedoch diesen Ausfall mit Würde; sie verstand es, sich einzuschränken, und der Mangel an äußeren Gütern vermochte nicht den Frieden ihrer Seele zu trüben. Blieb ihr doch die Kunst, in der sie Trost und Beruhigung fand. Bis zu ihrem Tode, der im Jahre 1807 erfolgte, bewahrte sie ihre frühere Arbeitslust und eine seltene Frische des Geistes. Sie lebte in den Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit, und auch die Anerkennung der Zeitgenossen wurde ihr im reichsten Maße zu Theil. Ihre Büste wurde nach ihrem Tode im Pantheon zu Rom aufgestellt, und noch heute wird der Name der liebenswürdigen Künstlerin mit hoher Achtung in der Geschichte der Kunst genannt.

Max Ring.


Blätter und Blüthen.

Wuthkrankheit eine Fabel. Dr. Lorinser, k. k. Primärarzt in Wien, erklärte neuerlich: „Die Existenz der sogen. Wuthkrankheit (Hydrophobie) beim Menschen, als einer specifischen, durch den Biß eines tollen Hundes erzeugten Krankheit, gehört in das Reich der Märchen und Fabeln“, und es wird endlich Zeit, daß der Aberglaube, als könne der Mensch durch den Geifer eines wüthenden Thieres ebenfalls wuthkrank werden, im Volke vertilgt werde, um die heftige Gemüthsaufregung, welcher jeder von einem Hunde Gebissene preisgegeben ist, zu vermeiden. Nach Lorinser ist die Wuthkrankheit beim Menschen nichts als ein Starrkrampf (Tetanus), der entweder aus freien Stücken, oder überhaupt durch eine Verletzung, oder, und zwar am häufigsten bei von Hunden Gebissenen, durch Mißhandlung der Bißwunde (durch Aetzen, Ausbrennen, Ausschneiden) entsteht. Als Beweise führt Lorinser an: „daß sich durch die Section Starrkrampf nie von Hydrophobie unterscheiden lasse und daß von vielen Hunderten, die von tollen Hunden gebissen worden waren, nur äußerst Wenige und zwar Behandelte an der sogen. Hydrophobie erkrankten.“ Prof. Faike erzählt: ,,Von einem tollen Fleischerhunde wurden zwölf Schweine gebissen; aber nur eines derselben wurde nach den Regeln der Kunst (lege artis) mit Aetzkali und Spanischfliegen-Salbe behandelt. Dieses einzige Schwein verfiel nach vierzehn Tagen in die sogen. Tollwuth, die übrigen, welche sich einer Kunsthülfe nicht zu erfreuen hatten, blieben gesund. – Bei einem jungen Manne, der vor einigen Monaten von einem Hunde gebissen worden war, brachen die Symptome der Hydrophobie aus und bei der Section fanden sich zufällig als Ursache des Starrkrampfes in einer frischen Narbe an der Fußsohle mehrere scharfkantige Glassplitter, welche die Nerven verletzt hatten. Wären sie nicht gefunden worden, so mußte dieser Wundstarrkrampf Hydrophobie gewesen sein.“ – – Für die Lorinser’sche Behauptung spricht auch, daß es eine Unmasse von Geheimmitteln giebt, welche den Ausbruch der Wasserscheu bei von tollen Hunden Gebissenen verhütet haben sollen und daß manch abergläubischer Hokuspokus existirt, der vor diesem Ausbruche schützen soll. Es spricht ferner dafür, daß alle andern thierischen Gifte (das Schlangen-, Rotz, Leichengift) bald nach ihrer Einwirkung auf den menschlichen Körper auffallende Reactions-Erscheinungen (Lymphgefäßentzündung, Schwellung und Entzündung der benachbarten Lymphdrüsen) erzeugen, während nach dem Bisse eines Hundes, und wenn er selbst für wüthend erklärt worden wäre, in der Regel keine andern Erscheinungen, als die bei gewöhnlichen Wunden sich einzustellen pflegen.

Die Heilung dieser Hundsbisse pflegt so rasch zu erfolgen, daß man große Mühe hat, die Eiterung durch eine gewisse Zeit mittels reizender und ätzender Substanzen zu unterhalten. Ganz unwahrscheinlich ist es übrigens auch, daß sich der Giftstoff sogar Monate und Jahre lang wirkungslos im Körper aufgehalten haben sollte, ehe er den Ausbruch der Krankheit veranlaßte. Daß man solche Fälle, wo vor langer Zeit Gebissene noch wasserscheu wurden, annführen kann, liegt darin, weil es eine große Anzahl Menschen giebt, die einst gebissen und gekratzt oder beleckt worden sind von Hunden, über deren Gesundheitsverhältnisse in späterer Zeit keine verläßlichen Angaben erhoben werden können. Wenn nun solche Personen zufällig einmal von heftigen Convulsionen oder aus irgend einer Ursache vom Starrkrampf befallen werden und ibrem Arzte endlich das Geständniß machen, daß sie einmal von einem Hunde gebissen worden sind, so ist die Wasserscheu fertig.

Nach dem Gesagten würde man also die Bißwunden, sie mögen von wüthenden oder nicht wüthenden Hunden herrühren, wie jede andere Wunde milde behandeln und nicht durch fortwährendes Aetzen mißhandeln müssen. Was soll übrigens auch dieses Aetzen in der späteren Zeit? es könnte ja nur nützen, wenn es sofort nach dem Bisse angewendet würde, um das Gift zu zerstören und seine Aufsaugung zu verhindern. Das Aussaugen der Wunde reicht zu letzterem Zwecke und zur Beruhigung des Gebissenen vollkommen hin. – Die Maßregeln, welche gegen die Hunde zu treffen sind, bestehen nur darin: daß man bissige Hunde nicht frei herum laufen läßt, sondern an die Kette legt, und daß man Hunde, welche krank und dadurch bissig geworden sind, abgesondert verwahrt und von einem Thierarzte behandeln läßt. Das Abfangen der Hunde durch Abdecker-Knechte liegt zwar im Interesse des Abdeckers, aber nicht im Interesse des Publicums. Dieses Abfangen soll nämlich den Zweck haben, die Zahl der herrenlosen Hunde zu vermindern; selbstverständlich sollte man dann zur Nachtzeit die meisten herrenlosen Hunde auf der Gasse antreffen, allein nur äußerst selten wird da einer getroffen. Aber zugegeben, es gäbe in einer Stadt sehr viele herrcnlose Hunde, so wäre das Abfangen derselben deshalb nicht gerechtfertigt, weil bekanntlich die herrenlosen, im Freien lebenden Hunte weit weniger zu Krankheiten und insbesondere weil weniger zur Hundswuth disponirt sind, als die Zimmer- und Kettenhunde. In den Städten des Orients (besonders in Constantinopel) giebt es schaarenweise herrenlose Hunde und gerade dort ist die Hundswuth unbekannt.

Das Tragen der Maulkörbe wird von Gernet als schädlich für die Hunde erklärt; aber abgesehen davon, so schützen die Maulkörbe in der Regel nur vor dem Bisse solcher Hunde, welche nicht zu beißen pflegen; wüthende Hunde hingegen, welche die erste beste Gelegenheit ersehen, um ins Freie zu gelangen, werden sich wohl schwerlich vor ihrer Flucht um Anlegung des Maulkorbes melkeii. Da übrigens die zu Hause gehaltenen Hunde keine Maulkörbe tragen, so sind die Bewohner oder Besucher des Hauses, in welchem sich ein solcher Hund aufhält, vor seinen Bissen nicht geschützt. Auch das Führen der Hunde an der Leine ist nicht im Stande, die Menschen vor dem Bisse zu bewahren; vor wenig Wochen ereignete sich der Fall, daß ein wuthverdächtiger Hund an der Leine oder vielmehr an einem Taschentuche in’s Thierspital gebracht werden sollte, und in der nächsten Gasse schon hatte er drei Personen, und unter diesen auch seinen eigenen Führer gebissen.

Künftighin wird man wohl auch weniger drakonische Maßregeln gegen die Hunde in Anwendung bringen dürfen, wenn nur erst die Furcht vor der Hundswuth verschwunden sein wird.



Der Wächter am See. Wohl allen unsern Lesern wird noch erinnerlich sein, welches Schlagwort das sogenannte Festungsviereck in dem letzten italienischen Freiheitskampfe gewesen ist und was für eine Bedeutung dasselbe in der That in Anspruch zu nehmen hat, wenn es sich für Oesterreich um den Besitz Venetiens handelt, – wie es also vielleicht in nicht allzuferner Zeit von Neuem die Blicke Europas auf sich gerichtet sehen wird.

Ein Glied dieses vielgenannten Festungsvierecks, das außerdem aus den Werken von Verona, Mantua und Legnano besteht und das Terrain zwischen den Flüssen Etsch und Mincio beherrscht, ist das am Südende des wunderbar schönen Gardasees sich erhebende Peschiera, das unsere heutige nach einer geistreichen Originalskizze ausgeführte Illustration vor Augen bringt. Das Bild, welches – unsers Wissens – überhaupt das einzige ist, das bis jetzt von der interessanten Localität in die Oeffentlichkeit gekommen ist, vermag indeß nur eine schwachc Vorstellung zu verleihen von den paradiesischen Umgebungen, mit denen der herrliche See am mittäglichen Fuße der Alpen begnadet ist. Bewundernd schweift der Blick von Ufer zu Ufer und ruht entzückt auf dem wasserumspülten Riva mit seinen Citronenterrassen, auf den himmelhohen Felsen, die sich gen Westen steil in die Fluth senken, auf dem Vorgebirge von San Vigilio, über dessen vom mächtigen Monte Baldo geschützte Hügel sich der üppigste Fruchtsegen ausgießt, auf allen den weißblinkenden Häusern, die mit dem Azur des Wasserbeckens einen so malerischen Contrast bilden.

Nehmen wir jetzt die Karte zu Hand; sie zeigt uns die strategische Wichtigkeit, welche die natürliche Lage dem Platze verleiht: trotten, waren bis zum Jahre 1859 die eigentlichen Fortificationen Peschieras von mannigfach fehlerhafter Construction. Seitdem es aber zur Grenzfestung gegen das Königreich Italien geworden ist, hat sich die österreichische Regierung veranlaßt gesehen, die früher kleine Festung so umzubauen, zu erweitern und zu verstärken, daß sie jetzt ein Platz ersten Ranges genannt werden darf. Aus mehreren mit bastionirten Wällen von starkem Profil umgebenen Forts bestehend, an welche sich ein gleichfalls mit Citadellen, Redouten, Wall und Graben verschanztes Lager anschließt, das vierzigtausend Mann Soldaten fassen kann, dient sie zugleich zum Arsenal für die kleine Flotte, welche das Seegelände beschützen soll.

Wer nicht Militair ist von unsern Lesern, für den wird jedoch die kriegerische Bedeutung des Platzes kaum eine Anziehungskraft besitzen neben der unerschöpflichen Fülle von Naturschönheit, welche auf Schritt und Tritt mit neuem Zauber fesselt.



Kleiner Briefkasten.

A. G. in Str. Sie haben jetzt am Längsten gewartet. Schon unsere nächste Nummer wird Ihnen den versprochenen Aufsatz von Schulze-Delitzsch, „Die nationale Bedeutung der Genossenschaft“, bringen.

Die Red.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.