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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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No. 29.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.





Die schwarz-weiße Perle.
Von Levin Schücking.
1.

Es war im Frühling 1741. Die Hälfte Europas stand in Flammen, die Völker befehdeten sich und die Länder wurden von verwüstenden Kriegsheeren überschwemmt; und all dies Blut, alle diese Gräuel, alle diese wider einander entfesselten Leidenschaften: weshalb?

Weil der geistreichste und interessanteste, der liebenswürdigste junge Mann jener Zeit einen Zank mit dem bezauberndsten, schönsten und reichsten jungen Mädchen, das es damals auf dem Erdenrunde gab, angefangen hatte, ohne daß es ihn im Geringsten verletzt oder gereizt hätte, nicht einmal dadurch, daß es ihm einen Korb gegeben.

Vielleicht, hätten sie sich je gesehen und sich kennen gelernt, so hätten sie sich in einander verliebt, sich die Hände gereicht und eine glückliche Ehe zusammen geführt; und eine glückbringende „Ehe“ in dem alten Sinn des Wortes, das eine von den Göttern geheiligte Bundesgemeinsamkeit bedeutet, hätte ihre Völker umschlossen, und die Schicksale der Welt seit hundert Jahren wären andere, glücklichere gewesen.

Aber dies sollte nicht sein, und wie gesagt, diese beiden hinreißend liebenswürdigen jungen Leute, die, wenn das Schicksal nur ein ganz klein wenig von jener Dichterader und jener Gutmüthigkeit hätte, welche die Romanschreiber belebt, zu einem glücklichen Paare zusammengebracht worden wären, geriethen, da es offenbar unmöglich war, daß sie sich gleichgültig blieben, in Streit und Hader.

Wenn aber die Götter der Erde in Streit gerathen, so senden sie, wie bekannt, seit den ältesten Zeiten junge Männer in großen Heeren widereinander aus, die miteinander ringen. Die, welche die Stärksten sind, sichern ihrer Seite das Recht. Weshalb das Recht der Stärke zufällt, das ist ein Problem, welches es bis jetzt nicht gelungen ist auf philosophischem Wege zu lösen. Man könnte das Recht auch auf der Seite der Zahl suchen und vor einer Schlacht die Heere zählen, um ihnen die Anstrengung und das Aufreibende der Kampfesarbeit zu ersparen. Ja, man könnte dann weiter gehen und das Recht auch an andere Zahlen als just an die von jungen Männern geknüpft annehmen; man könnte auch die Eichbäume zählen, welche sich in den beiderseitigen Ländern befinden, und erzielte damit nebenbei noch eine unabsehbare Verbesserung der Waldcultur. Aber es ist nun einmal Thatsache, daß in dem Streit der Großen der Erde die jungen Männer des Landes berufen werden, das Recht mit ihren bewaffneten Armen festzustellen, und in die Thatsachen muß der Mensch sich fügen, dazu ist er da, dazu ward er geboren, das ist der Schicksalsspruch, der ihm an der Wiege gesungen wird.

Die junge Dame, von der wir reden und die in der Hofburg zu Wien wohnte, bedurfte also aller ihrer bewaffneten Männer, ihrer sämmtlichen Heerschaaren, um sie denen ihres Feindes entgegenzustellen, und mußte sie zusammenziehen aus allen Theilen ihres weiten Reiches, um sie gen Norden zu senden. So kam es, daß der Süden dieses Reiches, der schönste, blühendste Theil ihrer Erblande, um den gierige Nachbarn sie neideten, von ihren Truppen entblößt wurde und daß diese Nachbarn sich rüsteten, ihr zu entreißen, was sie zu vertheidigen nicht im Stande war. Ein frommer alter Geistlicher, der eben Frankreich regierte und welcher der Cardinal Fleury hieß, verbündete sich mit einer ebenfalls frommen alten Frau, die als Stiefkönigin über Spanien verfügte, und Beide streckten die Hände aus, jenem armen von Allen verlassenen jungen Weibe die besten Perlen aus ihrer Krone zu reißen, nämlich Alles, was sie besaß im schönen Lande Italien, auf der Sonnenseite ihres väterlichen Erbes.

Zwischen ihr und diesen neuen Feinden stand ein mächtiger Fürst, mächtig durch eine kleine, aber tüchtige Streitmacht und seine Festungen, und noch mächtiger durch die Lage seines Landes. Es war der „Markgraf Italiens“, der seit 1720 der König von Sardinien hieß.

König von Sardinien war damals Carl Emanuel, einer jener klugen und kriegerischen Fürsten aus dem Hause Savoyen, ein Herr, der die Vortheile seiner Stellung sehr wohl begriff und sehr gut einsah, daß, wenn er seine Alpenpässe schließe, die Franzosen und die Spanier lange Zeit brauchen würden, bis sie über das österreichische Erbe in Italien herfallen könnten; daß aber dies Erbe verloren sei, wenn er sein Schwert in andere Wagschale werfe und spreche: „Theilt mit mir!“

In der That, es war eine vortheilhafte Stellung für einen ehrgeizigen Mann, den Sohn eines Geschlechts, dessen Erbweisheit darin bestand, die Gunst des Augenblicks zu benutzen, und Carl Emanuel hatte den festen Entschluß gefaßt, diesem Augenblick in der Geschichte seines Hauses Alles abzugewinnen, was sich ihm abgewinnen ließ. Bis dahin, daß er im Stillen abgewogen, was auf der einen Seite ihn lockte und was ihm die andere verhieß, geruhte er mit abgemessener, sich gleichbleibender Huld die Botschafter der beiden Mächte anzuhören, welche sich um seine Bundesgenossenschaft mühten, mit kühler Freundlichkeit ihre Bemühungen um seine Gnade aufzunehmen und still lächelnd auf das Spiel der Intriguen herabzublicken, welches sie wider einander führten.




[450]
2.

Damals war die Zeit großer fürstlicher Bauten. Jeder große und kleine Herr, hat man bemerkt, wollte gern Ludwig XIV. nachahmen und sein Versailles haben. Aber war das in der That nur der Trieb der Nachahmung? Gewiß nicht. Die Zeit gab eben jedem dieser kleinen oder großen Herren sein Versailles, wie unsere Zeit jeder Stadt ihren Bahnhof giebt, ihren zoologischen Garten und ihr Sommertheater. Die Jahrhunderte spiegeln ihren Geist ab durch die Art, wie sie bauen, aber noch weit mehr durch das, was sie bauen. Auf den Kuppeln dieser Schlösser von Schönbrunn, Nymphenburg, Caserta, Stupinigi ruht ein tieferer culturhistorischer Gedanke, als der an die Rococo-Mode, welche Ludwig XIV. zur Herrschaft gebracht, und die Sucht darin mit ihm zu wetteifern.

Stupinigi heißt das Versailles Carl Emanuel’s, des Sardenkönigs. Südlich von Turin liegt es, unfern von Montcalieri, in der Fläche, die der kleine Sangone durchfließt, in einer heißen, staubigen Gegend, die eigentlich sehr reizlos wäre, wenn sie nicht die Aussicht auf das prachtvolle Panorama hätte, die blauen, in schneeigen Gipfelzacken aufsteigenden Alpen, die cottischen, grauen und penninischen Alpen, welche nach drei Seiten hin, im Westen, im Norden und im Osten, den Horizont einrahmen.

An dieser Stelle hatte sich Carl Emanuel eben seinen königlichen Landsitz aufgebaut, ein hohes, weites, vielbewundertes Schloß, das vielgewanderte Leute das prächtigste Europa’s nannten, wenigstens so lange sie die Gäste des Königs waren, und das ein mächtiger Park umgab, dessen Lenôtre’sche Stylcorrectheit gemildert wurde durch einen Anhauch ausonischer Schönheit, durch die immergrüne Vegetation der Pflanzen des Südens und durch italische Kunst, die ihre weißen Marmorbilder inmitten dieses Grüns gestellt hatte.

Der gesammte Hof war in Stupinigi, die Gesandten von Frankreich und Oesterreich waren als Gäste dem Hofe gefolgt. „Ogni giorno festa“, heißt es in Rom, und „ogni giorno festa“ hieß es in diesen schönen Frühlingstagen auch in Stupinigi. Das Fest des heutigen Tages war ein Schäferspiel im Geschmack Guarini’s gewesen, das man in dem Gartentheater des Parks aufgeführt hatte, zwischen Coulissen von geschorenen Lorbeerhecken, die Arkadien bedeuteten; mit Schäfern und Schäferinnen, die Hirtenstäbe mit rosaseidenen Bändern trugen, ihre Milch aus silbernen Schalen tranken, auf hohen rothen Absätzen einherschritten und die Zierlichkeit ihrer seidenen Zwickelstrümpfe und ihrer Gefühle, die Anmuth ihrer Taillen und ihrer Leidenschaften zur vollen Befriedigung ihrer vornehmen Zuschauerschaft gezeigt und entwickelt hatten.

Nach dem Ende des Spiels flammten um das runde Bassin mit den rauschenden Wasserkünsten des Neptunszuges und seiner Tritonen farbige Lampen auf, und die Hofgesellschaft erging sich in dem dem Schlosse naheliegenden Theile des Parks, dessen Mittelpunkt eben dies Bassin bildete. Nur zwei Männer, von denen der eine, der ältere, einen großen Stern auf der dunkellila-seidenen Robe trug, entfernten sich von der Menge und wandelten langsam schlendernd eine Seitenallee hinab.

„Wie beklagenswerth ist es,“ sagte der ältere Herr, „daß die Natur weder mich noch Sie, mein lieber Kaunitz, zu einem Adonis geschaffen hat, wie diesen in rosa Tafft gehüllten Damöt, der eben alle Frauenherzen an sich riß! Was thu’ ich mit all Ihren diplomatischen Gaben, wir kommen um keines Haares Breite weiter damit. Einen Antinous hätten sie mir in Wien zum Legationsrath mitgeben sollen, der hätte dann im ersten Anlauf das Herz der Marquise von San Damiano erobert, und da die Marquise das Herz des Königs lenkt, wie unser Herr die Wasserbäche …“

„So hätten wir doch nichts erreicht,“ fiel der jüngere Mann ein. „Sie wissen ja, Excellenz, wie eifersüchtig der König seine Marquise bewacht und wie gerade die Partei verloren wäre, welche bei ihm in den Argwohn geriethe, zu eifrig seiner Geliebten den Hof zu machen, oder gar sie verführen zu wollen, daß sie sich in seine Politik mische. Darum,“ setzte er lächelnd hinzu, „bedauern Sie nicht, Graf Traun, daß wir Beide keine Antinoen sind, worin Sie leider in betrübendster Weise Recht haben?“

In der That, er hatte darin Recht. Graf Traun war eine mittelgroße, durchaus nicht feine oder durch künstlerisches Ebenmaß der Glieder auffallende Gestalt mit einem sehr ehrlichen guten Gesichte von entschieden deutschem Gepräge, bei dem man jedoch an die Frage, ob es häßlich oder ob es schön sei, gar nicht dachte. Es war eben ein redliches Männergesicht mit nichts, was es hätte auszeichnen können, als höchstens sehr lebhaften und sehr klugen, blauen Augen darin.

Der jüngere Begleiter, den der Gesandte Oesterreichs Kaunitz nannte und der etwa 26 oder 27 Jahre zählen mochte, war freilich eine auffallendere Gestalt, aber um sie schön zu nennen, war sie viel zu hager, zu schlangenhaft beweglich, und der dunkle Kopf mit den schwarzen feurigen Augen war dazu viel zu markirt, zu scharf gezeichnet; die Nase groß und kühn geschnitten, die Lippen schmal und fein, das ganze Gesicht, wenn auch nicht bleich und farblos, doch keineswegs von einem rosigen verklärenden Teint angehaucht – kurz, dieser junge Legationsrath mochte ein ausgezeichneter Schüler Macchiavelli’s sein und berufen, am grünen Tische eines Conferenzzimmers politische Siege zu erkämpfen, welche die Welt umgestalteten – vielleicht, wer weiß es, auch zu großen Siegen auf der Wahlstatt eines Boudoirs berufen und wenigstens sehr im Stande, es sich zuzutrauen; aber schön war Graf Kaunitz nicht!

Sie kamen an eine Steinbank, welche unter einer hohen Marmorstatue, einer Nachbildung der farnesischen Flora, angebracht war, und Graf Traun setzte sich hier. Der jüngere Mann nahm neben ihm Platz, und Beide schauten eine Weile die Allee hinab, welche sie herangekommen, auf die unten lustwandelnde Hofgesellschaft, die in den reichen, buntstrahlenden, aus Seide, Spitzen, Federn, Sammet, Goldborden und Stickereien bestehenden Costümen wie eine von einer trunkenen Schneiderphantasie zusammengedichtete Welt aussah und im Glanze der farbigen Lichtstrahlen ein höchst fesselndes Bild darstellte, dessen Hintergrund das bis zur halben Höhe hinauf beleuchtete Schloß von Stupinigi mit all seinem so wohl zu einem solchen Bilde passenden architektonischen und mythologischen Schmucke bildete.

„Für’s Erste,“ fuhr Kaunitz zu sprechen fort, „verbringen wir unsere Tage hier wenigstens auf höchst angenehme Weise. Seine Majestät von Sardinien liebt die Feste …“

„Oder vielmehr die Frau Marquise von San Damiano liebt sie,“ fiel Traun ein, „für Seine Majestät wäre der Ausdruck ‚liebt‘ schon viel zu leidenschaftlich … und während wir hier die Zeit mit Hoffesten vergeuden, harrt unsere theure Königin schmerzlich von Tag zu Tag auf gute Nachrichten von uns – auf die Entscheidung dessen, was eine Lebensfrage für Oesterreich ist. Ich fühle mich vollständig auf der Folter! Es ist eine entsetzliche Geduldprobe mit diesem langsamen argwöhnischen Monarchen verhandeln zu müssen! Strengen Sie den Scharfsinn an, Kaunitz, auf den Sie so eitel sind, wir müssen vorwärts kommen, vorwärts!“

„Vorwärts – ja freilich; aber wie? Auf geradem, ehrlichem Wege, indem wir dieser sardinischen Politik, die nie genug bekommen kann, Anerbietungen, Verheißungen machen? Was könnten wir bieten, das über die Anerbietungen des Franzosen hinausginge! Der Baron de Breteuil wird immer bevollmächtigt sein, noch einige Quadratmeilen, noch einige Vortheile, noch einige Thaler mehr zu bieten; und begeben wir uns auf das Feld der Intrigue, so scheitern wir an dem vorsichtigen lang überlegenden und zähen Charakter Carl Emanuel’s!“

„In der That, Carl Emanuel ist nur zu sehr der Sohn seines Vaters,“ fiel Traun ein, „das heißt, er ist das genaue Widerspiel von diesem. Der Sohn des ritterlichen, heftigen, gewaltthätigen Victor Amadeus, der doch zuletzt nur das Spielzeug seiner ehrgeizigen Marquise von San Sebastiano war, mußte ein scheuer argwöhnischer Mann werden; der Fürst, der unter der Herrschaft einer herzlosen und ehrgeizigen Geliebten des Vaters gelitten, mußte mißtrauisch sein gegen jeden Versuch seiner Geliebten, seinen Hof und seine Politik beeinflussen zu wollen …“

„Glauben Sie nicht, Excellenz, daß ihn die Marquise von San Damiano dennoch leitet, wie die Marquise von San Sebastiano seinen Vater leitete?“

„Nein, nein, es ist ein ganz anderes Verhältniß zwischen Beiden,“ versetzte Traun. „Victor Amadeus liebte seine Marquise, er legte auf ihren Wunsch sogar seine Krone nieder und dann versuchte er auf ihren Wunsch, diese Krone seinem Sohne wieder aus den Händen zu nehmen, wofür ihn der sanftmüthige Sohn hinter die vergitterten Fenster von Rivoli sperren ließ. Aber dieser Sanftmüthige liebt Niemanden, und die Marquise von San Damiano ist ihm nur eine angenehme Gewohnheit, ein seinem Königthum ziemender Luxus … hoch, Kaunitz, an dieses Verhältniß ließe sich am Ende doch etwas anknüpfen, das uns förderte …“

[451] „Was meinen Sie, Excellenz?“

„Wenn wir auch einsehen, daß auf diesem Wege, d. h. durch die Marchesa, nichts zu gewinnen ist, ließen sich unsere Gegner nicht verleiten, auf diesem Wege etwas zu suchen, um dadurch Alles zu verlieren?“

„Der Baron von Breteuil “ entgegnete Kaunitz lächelnd, „ist nicht mehr Adonis oder Antinous als wir Beiden auch! Aber als Franzose ist er freilich eitler als wir … wenn es möglich wäre, ihm vorzuspiegeln, die Marquise sei ihm entgegengekommen …“

„Denken Sie darüber nach, Kaunitz, es muß Mittel und Wege geben, in dieser Richtung etwas zu thun! Wenn Carl Emanuel auf den Verdacht geräth, der Baron von Breteuil mache seiner Marchesa den Hof, um dadurch ihn zu gewinnen, so ist Breteuil verloren!“

„Ich will darüber nachdenken, Excellenz,“ versetzte Kaunitz, „noch in dieser Nacht, wenn man mir Ruhe dazu läßt –“

„Und was stört denn die Ruhe Ihrer Nächte?“

„Was sie stört? … geheimnißvolle dunkle Stimmen, die sich um die Mitternachtstunde hören lassen und mir allerlei dunkle Dinge zuraunen …“

„Ah bah – doch nicht die Stimme Ihres Gewissens?“ sagte Traun auflachend.

„Nein, die nicht, die habe ich gewöhnt, mich nicht zu stören und mir nicht boshafter Weise meine diplomatische Carrière zu verderben …“

„Nun, es wird doch auch nicht spuken in diesem funkelnagelneuen Schloß Stupinigi, das noch nach dem Tüncher riecht wie das sardinische Königthum nach dem frischen Firniß!“

„Ich weiß es nicht, was es ist, aber ich hoffe, ich werde ihm noch diese Nacht auf die Spur kommen und Ihnen morgen mehr davon erzählen können … aber wer stört uns da?“

Beide wandten die Köpfe, weil sie eilende Schritte hörten – ein hochgewachsener junger Mann vom echtesten piemontesischen Typus, der sich so scharf vom italienischen unterscheidet und so viel mehr von nordischem Naturell und nordischem Wesen verräth, kam hinter ihnen aus dem Gebüsch daher und schritt an ihnen vorüber. Er trug die sehr reiche, rothe, auf allen Nähten galonnirte Uniform der adligen Hausgarden des Königs.

„Ah, Cavaliere,“ sagte Kaunitz, während der junge Mann eine grüßende Verbeugung machte, „ich mache Ihnen mein Compliment. So eben noch bemerkte Graf Traun von Ihnen, daß Sie als Damöt im Schäferspiel ausgesehen wie ein Adonis und Ihre Rolle gespielt wie ein junger Gott!“

„Der Herr Graf sind sehr gnädig,“ versetzte der Cavaliere, „und ich danke Seiner Excellenz von Herzen für eine so nachsichtige Aufnahme unseres kleinen Dramas …“

„Sie waren in der That entzückend, Cavaliere,“ fiel hier Graf Traun ein, „aber ich sehe, Sie haben sehr geeilt, wieder in Ihre Uniform zu kommen … was hat Ihnen Damöt gethan, daß Sie ihn so schnell von sich geworfen?“

„Der arme Damöt, der Ihnen doch so viele Bewunderung eingetragen,“ setzte Kaunitz neckend hinzu, „und wer weiß, vielleicht noch mehr, als bloße Bewunderung, denn in der That, Sie kommen da aus den dunklen Gebüschen hervorgeeilt, wie ein glücklicher Knabe auf der Schmetterlingsjagd – auch die Schäferinnen haben Schmetterlingsherzen, wir kennen das … haben Sie das, dem Sie nachjagten, erhascht?“

Der junge Mann lachte fröhlich auf.

„O nein, ich habe nichts erhascht und auch nichts gejagt,“ sagte er, „ich habe in meinem Pavillon mir mein Costüm gewechselt und mich wieder in die Uniform geworfen, da ich Wachdienst im Schlosse habe und nur für die Stunden des Spiels einen kleinen Urlaub hatte. Die Herren müssen deshalb verzeihen, daß ich mich für jetzt verabschiede!“

Er legte die Hand an den galonnirten Hut und eilte davon.

„Glückliche Jugend!“ sagte Traun ihm nachblickend.

„Glücklich, ja – vielleicht sogar ein wenig zu viel!“ fiel mit spöttischem Tone Kaunitz ein.

„Wenn man so schön, so harmlos, so mit sich selbst zufrieden ist und eine so glänzende Uniform tragen darf, wie dieser Cavaliere di Lucano – und das Alles an einem Hofe – welch’ beneidenswerthes Loos!“

„Freilich,“ versetzte Kaunitz „wenn nur das Glück des guten Cavaliere nicht zu groß zu werden drohte!“

„Das heißt?“

„Er ist aus einem und demselben Orte mit der Marquise von San Damiano, durch sie in sein bevorrechtetes Corps gebracht, man spricht von einer besonderen Huld für ihn, die sie offen hervortreten läßt, von mehr als bloßer Jugendfreundschaft für ihn… “

„Dann allerdings könnte des Glücks für ihn zu viel werden,“ antwortete Graf Traun lächelnd. „Aber kommen Sie, begeben wir uns zur Gesellschaft zurück, zu all’ diesen bunten Fliegen, die da unten um die Lampen der Illumination schwärmen und summen…“

„Und zuweilen auch stechen!“ rief lachend Kaunitz aus, indem er sich erhob und dem Chef der Gesandtschaft folgte.




3.

Ein paar Stunden später war Alles, was zu den „Spitzen“ dieser glänzenden Gesellschaft gehörte oder die Ehre hatte, unter den eingeladenen Gästen des Königs zu sein, in dem ovalen großen Saal, welcher die Mitte des Schlosses einnimmt, zur Abendtafel versammelt. Die Balkonthüren standen weit geöffnet, und mit der lauen Nachtluft drangen die Düfte der Blüthen, das Rauschen der Wasserstrahlen, welche der Neptunszug in das große Bassin vor dem Schlosse schleuderte, in den weiten goldstrahlenden, taghell erleuchteten Saal.

Man vernahm dieses Rauschen sehr deutlich, denn die um das Mahl versammelte Gesellschaft war weit davon entfernt, sich einer lärmenden Fröhlichkeit hinzugeben und das Geräusch zu verursachen, welches sonst ein zahlreich besetztes Banket begleitet. Nur der König sprach laut, die ihm oben am Tische zunächst Sitzenden unterhielten sich halblaut, die weiter entfernt Sitzenden flüsterten, und die, welche ganz unten waren, schwiegen – über der ganzen Versammlung lag dämpfend das Gefühl der Ehrfurcht vor der Majestät, an deren Tische man sich befand.

Zur Linken des Königs saß die Marquise von San Damiano, eine stattliche Dame von etwa dreißig Jahren, nicht gerade eine regelmäßige Schönheit, auch nicht mehr von jener Frische, die den Frauen des Nordens so viel länger als denen des Südens eigen bleibt, aber anmuthig in ihren Bewegungen, und kokett diese Anmuth zeigend, wenn sie die gepuderten Löckchen von ihren Schläfen zurückwarf, oder ein von ihrem Kopfputz niederhängendes Band mit der schmalen Hand über die bloße weißglänzende Achsel legte. Ihr zur Seite saß der Baron von Breteuil, der französische Gesandte, und neben ihm eine auffallend hübsche junge Dame, aus deren dunklen Augen Feuer und Lebenslust sprühten – es war eine Nichte der Marchesa, die den wohlklingenden Namen Bianca Pallavicini führte.

Zur andern Seite des Königs hatte der Graf Traun seinen Ehrenplatz gefunden, neben ihm eine französische junge Dame, ein Fräulein von Boissac, das zur Familie des Barons von Breteuil gehörte; etwas weiter unten saß der Graf Kaunitz, der schönen Bianca schräg gegenüber, die er mit allem Geist, der ihm zu Gebote stand, zu unterhalten suchte.

Der König sprach mit Traun über seine Korallenfischereien an den Küsten der Insel Sardinien und von einer neuen Perlenfischerei, die er angelegt, und die Marchesa von San Damiano zeigte ein mit schwarzen Perlen besetztes Riechdöschen, das der König ihr geschenkt hatte, besetzt mit den Ergebnissen jener Fischerei. Während ihr Nachbar, der Baron von Breteuil, diese seltene Perlenart betrachtete, fügte sie hinzu:

„Ich habe sehr hübsche Perlen, ich liebe sie so – aber es fehlt mir eine jener merkwürdigen Perlen, von denen ich gehört habe, ohne je eine zu Gesicht zu bekommen – die halb weiß und halb schwarz sind … die Gräfin von Berna hat, so viel ich weiß, eine solche besessen –“

„Sie irren, Marchesa,“ fiel ihr der König in’s Wort, „die Gräfin von Berna hat eine solche Perle nie besessen; sie kam aus Frankreich sehr arm hier an, und solch eine Perle wäre allein schon ein Schatz gewesen …“

„In der That,“ bemerkte hier mit erhöhter Stimme Graf Kaunitz, dem keine Sylbe, welche oben am Tische gesprochen wurde, zu entgehen pflegte, „so viel ich weiß, giebt es nur eine solche Perle in der Welt. Sie ist so groß wie die Spitze des kleinen Fingers der Marchesa – unten ist sie völlig schwarz, bis [452] zur Mitte, wo die schwarze Farbe rein abgezirkelt aufhört; ein Haarbreit darüber zieht sich ein ganz schmaler schwarzer Ring um die Mitte der Perle, und der obere Theil ist völlig weiß. Man kann nichts Schöneres sehen als dies unschätzbare Juwel.“

„Und wer ist der Glückliche, der diesen einzigen Schatz besitzt?“ fragte die Marchesa.

„Seine Majestät der König von Frankreich,“ versetzte Kaunitz. „Ich habe die Perle gesehen, als ich zuletzt in Paris war, im Schatze des Königs.“

„In der That?“ fragte der Baron von Breteuil. „Ich muß bekennen, daß ich sie nie gesehen habe. Sahst Du sie je, Aimée,“ wandte er sich zu seiner Verwandten.

„Niemals, in der That,“ versetzte diese, „aber ich meine davon reden gehört zu haben.“

„Es ist eben ein neuer Beweis, wie Fremde an den Orten, die sie besuchen, immer mehr sehen als die Einheimischen!“ bemerkte der Baron von Breteuil.

„So vergessen Sie ja nicht, sie sich zeigen zu lassen, wenn Sie nach Paris heimkehren – sie ist in der That sehr schön,“ sagte Kaunitz.

„Und wie ist sie gefaßt?“

„Einfach als Tuchnadel.“

„Es muß einen großen Werth haben, dies Bijou, um das der allerchristlichste König zu beneiden ist,“ sagte die Marchesa mit einem leisen Seufzer der Begehrlichkeit; denn die Marchesa liebte leidenschaftlich Schmuck und Kleinode.

„Freilich, weil es einzig ist, ist es gar nicht zu schätzen, obwohl, was den allerchristlichsten König angeht, es fraglich bleibt, ob er selber um dieß Besitzthum weiß!“ fiel der Baron von Breteuil ein. „Wir haben so viel Derartiges im Kronschatze … wer kann wissen, was Alles da ist! Und ich für mein Theil muß gestehen, daß ich eine ganz weiße Perle von reinster Farbe einem solchen Naturspiel vorziehen würde.“

„Aber bedenken Sie, Baron, daß sie einzig ist, daß, wer sie besitzt, ein Kleinod hat, welches Niemand auf der Welt mit ihm theilt.“

„Und erhöht das die Freude an einem Besitzthum, meine gnädigste Marchesa?“ sagte Traun hier lächelnd.

„Nun gewiß,“ antwortete die Marchesa, „was man voraus hat, was man allein besitzt, was beneidet macht, hat doch mehr Werth als das, was Alle haben!“

„Freilich, die Frauen denken so,“ entgegnete Traun.

„Und mit Recht,“ fiel der Baron von Breteuil ein, „man schätzt den Menschen nach dem, was er vor Andern voraus hat.“

„Ich meine mehr nach dem, was er mit guten Menschen gemein hat,“ warf Graf Traun ein.

„Sie sind ein Philosoph, Graf Traun,“ sagte hier der König spöttisch … „denkt Ihr Attaché, Graf Kaunitz, auch so geläutert?“

„Majestät,“ versetzte Kaunitz, „sobald ich vor andern Sterblichen so viel voraus haben werde, wie Seine Excellenz der erlauchte Chef meiner Legation, der berühmte Feldherr Graf Traun, werde ich vielleicht einverstanden mit ihm sein. Bis dahin bin ich der Ansicht des Herrn Barons von Breteuil …“

„Und der meinigen, Graf Kaunitz,“ fiel die Marchesa ein, „ich danke Ihnen!“

„Nicht ganz der Ihrigen,“ fuhr Kaunitz fort. „Frauen wie die Marchesa von San Damiano erhielten von der Natur so viel voraus, durch das, was sie sind, daß sie die Auszeichnung nicht durch das, was sie haben, zu suchen brauchen!“

„Nun, wenn das ist,“ versetzte die Marchesa geschmeichelt und mit einer koketten Bewegung des Kopfes, „so will ich auch nicht mehr suchen eine schwarz-weiße Perle voraus zu haben … ich danke Ihnen für den Trost, den Sie mir geben, Graf Kaunitz; und darum reden wir nicht länger von der schwarz-weißen Perle.“

Als nach einer Weile der König die Tafel aufgehoben hatte und gleich darauf sich in seine Gemächer zurückzog, nahm Kaunitz eine Gelegenheit wahr, sich dem Baron von Breteuil zu nähern.

„Dürfte ich Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten, Excellenz?“ sagte er.

„Und welche, lieber Graf? verfügen Sie über mich.“

„Ich habe einen Brief an meinen Schneider in Paris geschrieben, würden Sie erlauben, daß ich ihn dem Courier mitgebe, welchen Sie diese Nacht nach Paris absenden werden? Ich werde ihn ungesiegelt lassen, damit Sie sehen, er enthält keine Staatsgeheimnisse …“

„Dem Courier, den ich absenden werde?“

„Nun ja – noch diese Nacht! Verstellen Sie sich nicht, Excellenz!“

„Aber ich denke nicht daran. Woraus schließen Sie…“

„Daraus, daß Baron von Breteuil ein viel zu galanter Mann ist, die glänzende Gelegenheit vorübergehen zu lassen, welche ihm geboten wird, der Marquise von San Damiano den Hof zu machen. Halten Sie mich für einen so schlechten Diplomaten, um nicht bemerkt zu haben, wie sehr Ihnen die schöne Marchesa entgegenkommt, und um nicht den Verdacht zu haben, daß, wenn sie heute die Rede auf die berühmte Perle brachte … aber mein Gott, Sie verstehen mich ja, Excellenz!“

„Ich verstehe Sie durchaus nicht, Herr Graf!“

„Glauben Sie, die Marquise, welche sich auf Edelsteine und Schmuck wie ein Juwelier versteht, wüßte nicht, wo dies einzige Kleinod sich befindet? In der That, ich gratulire Ihnen, Herr Baron. Sie machen Riesenschritte an diesem Hofe, während man uns, fürchte ich, im Stillen für ein paar deutsche Professoren ansieht, die reden, ohne weiterzukommen.“

Der Baron lächelte geschmeichelt.

„Sie irren in Ihren Voraussetzungen, Graf Kaunitz,“ sagte er, „aber da das Schicksal will, daß wir hier Gegner sind, ist es nicht mein Interesse, Ihnen Ihre Irrthümer auszureden.“

„Und mein Brief?“

„Lassen Sie ihn immerhin in meiner Wohnung abgeben – wenn er bis zu meiner nächsten Couriersendung warten kann, das heißt eine ziemliche Anzahl Tage!“

„Ich danke für die Erlaubniß und bin über die schnelle Beförderung meines Briefes ganz beruhigt,“ versetzte lächelnd Graf Kaunitz und zog sich vom Baron Breteuil zurück, um draußen auf dem Corridor den Grafen Traun einzuholen.

„Excellenz,“ flüsterte er diesem zu, „ich bitte Sie, Befehle zu geben, daß sich sofort ein Courier bereit macht, nach Wien abzugehen.“

„Und wozu, lieber Kaunitz?“

„Um die schwarz-weiße Perle zu holen.“

„Die in Versailles ist … oder im Kronschatze zu Paris?“

„Es ist weder in Paris noch in Versailles eine solche; die einzige, welche existirt, ist im Schatze unserer Königin in Wien!“

„In Wien?“

„Pst! sprechen Sie nicht so laut, die Wände könnten Ohren haben.“

„Aber weshalb …“

„Lassen Sie mich machen, Excellenz … ich werde sofort die Depesche entwerfen, worin ich um diese Perle für unsere Zwecke bitte, und dann werde ich Eure Excellenz um Ihre Unterschrift ersuchen. Ich bitte nur, daß der Courier in aller Stille abgehe, während ich schon dafür sorgen werde, daß man erfährt, wie Baron Breteuil noch in dieser Nacht einen Courier nach Paris abgesandt habe, um sie holen zu lassen.“

„Ah, ich sehe, Sie wollen den Gedanken, den ich vorhin aussprach, verfolgen …“

„In der That,“ entgegnete Kaunitz, „der Baron von Breteuil malt sich schon den glücklichen Augenblick aus, wo er sich durch sie ruinirt …“

„Nun, Glück auf, ich werde für den Courier sorgen!“ erwiderte lächelnd Traun.

(Fortsetzung folgt.)




Aus den Landen des befreiten Bruderstammes.
1. In den Tranchéen vor Düppel.

Der Sturm von Düppel stand bevor. Wir hatten die vielgenannte Büffelkoppel erreicht. Hier verließen wir die nicht minder oft erwähnte Sonderburger Chaussee und bogen rechts nach dem Wenningbunde ab, um bald vor einem wahren Chaos von Batterien und Blockhäusern, Magazinen und Feldküchen, kriegerischen Erdarbeiten und Belagerungsanstalten zu stehen, „Hier haben wir die Tranchéen,“ sagte ein uns geleitender preußischer Officier. Als er meine verblüffte Miene sah, fuhr er [453] fort: „Sie sehen ein Netz von Längen- und Breiten-, Kreuz- und Quergräben, die alle miteinander in Verbindung stehen und an der zu beiden Seiten herausgeworfenen Erde ihre natürlichen Schutzwälle haben. Diese Gräben, bald länger oder kürzer, schmäler oder breiter, heißen mit einem Worte die Tranchéen. In ihnen lagern die Feldwachen und Sturmcolonnen, und in oder zwischen ihnen sind auch die Feld- und Belagerungsgeschütze aufgestellt.“

„Verstanden! Aber welches sind die Parallelen?

„Sehen Sie dort drüben die dänischen Schanzen, welche sich wie riesige Maulwurfshaufen ausnehmen und in einer Zickzacklinie, nämlich so, daß sie mit ihren Feuerschlünden sich gegenseitig decken, vom Wenningbund bis zum Alsensund errichtet sind; sehen Sie jene unförmlichen ,Biester’?“

„Ja, ich sehe und höre sie.“

„Merken Sie also, daß jene Hauptgräben, welche in der gleichen Richtung streichen, Parallelen heißen, weil sie eben parallel mit den feindlichen Schanzen ausgehoben sind. Die äußerste von ihnen, welche dem Feinde dicht auf den Leib gerückt und ihm gewissermaßen unter der Nase errichtet ist – denn seine Bomben gehen schon über sie hinweg – diese heißt die letzte Parallele, und sie ist in unserm Tranchéenwerke die dritte, oder, wie Sie später selbst sehen werden, eigentlich die vierte. Diejenige dagegen, welche zunächst vor uns liegt und sich von den Schanzen noch in etwas schüchterner Entfernung hält, nennt man die erste, weil sie zuerst ausgehoben wurde.“

„Sehr begreiflich, nur weiter!“

In den Tranchéen vor Düppel.
Nach der Natur gezeichnet von Otto Günther.

„Also weiter, Herr Inquisitor! Die schmälern Gräben, welche die Reihen der Parallelen untereinander, sowie mit den Batterien und Blockhäusern, Magazinen und Stapelplätzen verbinden, diese Längengräben heißen Approchen oder Laufgräben, auch Communicationen, denn sie sind ja in dieser unterirdischen Festung die Straßen, auf denen sich Mannschaften und Geschütze, Proviantwagen und Munitionskarren hin- und herbewegen.“

Wir stiegen nunmehr in den ersten Laufgraben, der schon 5–600 Schritt vor der ersten Parallele anhob und neben der Sonderburger Chaussee bis zur letzten Parallele führte. Er maß über 2000 Schritt, war gleichfalls in einer Zickzacklinie angelegt und dadurch mit den verschiedenen Batterien und Communicationen in Verbindung gesetzt. Der andere Hauptlaufgraben erstreckte sich die entgegengesetzte Seite des Wenningbunds entlang. Beide mochten eine Sohlbreite von neun, eine Tiefe von acht Fuß haben, davon die eine Hälfte auf den eigentlichen Graben, die andere auf den Erdwall oder die Brustwehr kam. Diese fiel nach innen zu ganz steil ab und war durch Bohlen und Schanzkörbe gegen den Einsturz gesichert, wogegen die äußere Böschung eine schräge Abdachung zeigte, wie sie der natürliche Fall des Erdkörpers bedingt.´Die Sohle der Gräben bildete ein fetter weicher Lehmboden, den die fast ununterbrochenen Regengüsse in eine fußtiefe Schlammpfütze verwandelt hatten. In diesem naßkalten Schlammbrei campirten die armen Soldaten seit Wochen durch Tage und Nächte, und den arbeitenden Pionieren und Infanteristen gingen Koth und Wasser gewöhnlich über die Knöchel. Kein Wunder, daß es neben den Verwundeten auch Hunderte von Innerlichkranken gab, die in den Lazarethen am Nervenfieber und an Brustkrankheiten dahinsiechten. Jetzt hatte man Faschinenbündel in die Pfützen geworfen und darüber Bohlen gelegt, die unter jedem Tritte [454] schwankten, aber Schmutz und Wasser quollen schon wieder hervor. Beständig stießen wir auf Soldaten und Officiere aller Grade und jeder Waffengattung, auf Aerzte und Krankenträger, Arbeiter und Civilisten. Ein Adjutant drückte meinem Begleiter ein gedrucktes Papier in die Hand. Der Officier warf einen Blick hinein und rief dann: „Endlich! Also morgen!“ Es war der Corpsbefehl. Morgen sollte unwiderruflich der Sturm beginnen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch das ganze Lager und wurde überall mit Begeisterung aufgenommen. Schon wurden die sechs Sturmcolonnen formirt, welche sich am folgenden Tage auf die Schanzen 1–6 werfen sollten; sie wurden bekanntlich aus allen Compagnien der Armeen durch das Loos zusammengesetzt, und jede in einer Stärke von etwa 1500 Mann.

Wir bogen in die erste Parallele ein, die rechts von Freudenthal begann und bis zum Wenningbunde strich, in einer Sohlbreite von 29–30 Fuß und in einer Länge von über 1000 Schritten. Sie war am 30. März eröffnet und um etwa 1200 Schritt von den Schanzen entfernt.

„Alle diese Belagerungsarbeiten,“ sagte der Officier, „können nur in der Nacht vorgenommen werden, weil sonst das Feuer des Feindes sie unmöglich machen oder doch mit zu großen Verlusten verknüpfen würde. Die Nacht ist die rechte Stunde für Spitzbuben und Soldaten, aber keine helle, milde Sternen- oder gar Mondscheinnacht, nach der die Liebenden seufzen, sondern tiefe, pechrabenschwarze Nacht voll Regen und Sturm, wo die feindlichen Vorposten in ihren Löchern liegen, und vor Kälte und Grauen wie Todte schlafen. Also war’s in der Nacht vom 29. zum 30. März, wo wir die erste Parallele glücklich aushoben; doch nicht, wie gewöhnlich, mit Sappenkörben, sondern, da Eile geboten war, mit der fliegenden Sappe vorgingen.“

„Um Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche; aber was verstehen Sie unter ‚Sappenkörben‘ und was nennen Sie eine ,fliegende Sappe‘?“

„Das sollten Sie eigentlich einen Ingenieurofficier fragen, doch zufällig kann ich’s Ihnen auch sagen: Sappenkörbe sind große, aus Weiden geflochtene und mit Erde gefüllte Fässer, etwa zwölf Fuß lang und vier Fuß im Durchmesser, welche die Pioniere vor sich herrollen und wodurch sie vor dem feindlichen Feuer geschützt bleiben. Die fliegende Sappe dagegen besteht aus einer Anzahl von leeren Schanzkörben, wie Sie deren Hunderte hier umherliegen sehen. Ein solcher Schanzkorb ist ein hohler Cylinder, gleichfalls aus Weiden zusammengeflochten, aber nur drei Fuß hoch und etwa zwei Fuß im Durchmesser. An einem Ende sind zugespitzte Pfähle angebracht, durch welche er mit einem geschickten Stoß in den Boden getrieben und dann mit Erde gefüllt wird.

Zunächst wurden nun unsere Vorposten eine Strecke weit vorgeschoben, denn die Parallele sollte gerade da ausgehoben werden, wo jene zur Zeit standen. Sie wurden also geräuschlos vorgeschoben und erhielten das strenge Verbot, nicht zu schießen, auch wenn ihre feindlichen Cameraden damit beginnen sollten. Dann schlichen sich zwei Pioniercompagnien hervor; auf Händen und Füßen krochen sie Schritt um Schritt, neben- und hintereinander. Sie marquirten den in Angriff zu nehmenden Graben, indem sie ein mehrere tausend Ellen langes weißes Band entrollten und es nach der Weisung ihres Oberlieutenants am Boden ausspannten, worauf die Linien mit der Kreuzhaue eingezeichnet oder, wie’s in der Kunstsprache heißt, tracirt wurden. Nun kamen ebenso leise die aus der Brigade Canstein erwählten 2500 Arbeiter heran. Jeder Mann trug einen Schanzkorb und einen Spaten. Jenen übergab er an den Pionier, welcher ihn sofort in den Boden einrammte, und mit diesem begann er zwischen den tracirten Linien die Erde auszuwerfen und damit die Schanzkörbe zu füllen. Binnen einer Stunde war die Hauptsache gethan und bereits eine mäßige Brustwehr errichtet, natürlich zunächst nach der Seite des Feindes hin. Immer tiefer gruben sich die Leute ein, und immer höher wurde die Erde in und über den Körben aufgeschichtet, so lange als die schützende Finsterniß vorhielt. Die Kerle arbeiteten mit der Hast der Todesfurcht, denn jede Minute Zeitverlust kann hier das Leben kosten. Uebrigens waren im Hintergründe andere 2000 Mann und mehrere Feldgeschütze zum Schutze der Arbeiter aufgestellt. Als der Morgen anbrach, waren die Schanzen und der ganze Höhenkamm mit Hunderten von Dänen bedeckt, die alle mit trübseligem Erstaunen und vielleicht voll unheimlicher Todesahnung auf ein Werk herniederblickten, das sie in seiner Entwickekung nicht mehr hindern, geschweige denn ungeschehen machen konnten. In der folgenden Nacht wurde die Parallele vollendet und mit zwanzig Batterien armirt, die seit vierzehn Tagen mit etwa 80–90 Feuerschlünden, gezogenen Zwölf- und Vierundzwanzigpfündern, ununterbrochen auf die Feinde spieen.“

Die Parallelen boten in ihrem Leben und Treiben ein äußerst bewegtes und ewig wechselndes Bild. Jäger und Musketiere, Pioniere und Artilleristen, Gemeine und Officiere lagen auf Strohbündeln umher, wie Kraut und Rüben kollerten sie durcheinander. Einige schliefen, Andere starrten in die Wolken, noch Andere trieben allerhand Muthwillen und Unterhaltung. Hier ertönte ein munterer Rundgesang, dort eine schwermüthige Weise. Hier malte ein ausgelassener Bursche seinem schlafenden Cameraden eine schwarze Nase, worüber die ganze Umgebung in ein wieherndes Gelächter ausbrach; dort unterhielten sich ernst und halblaut ein paar Freunde, die von ihren Lieben in der Heimath und von dem morgenden Sturme sprachen. „Fritz,“ sagte der Eine von Beiden, „in meiner Brusttasche steckt ein Brief an meinen alten Vater, den Du mit tausend Grüßen besorgen sollst, falls ich in unser Dorf nicht mehr zurückkehre.“

„Wenn ich selber nicht vor Dir falle!“ seufzte der Andere.

Wir schlenderten weiter und stießen auf einen schnurrbärtigen Krieger, der einen rothen Wollenlappen auf seine zerrissene Hose setzte. Zwei seiner Cameraden studirten eifrig eine vier Wochen alte Zeitung, ein paar Andere spielten eine Partie Sechsundsechszig – nota bene ohne allen Einsatz – wobei ihnen ein Tornister als Tisch diente. Interessant war’s, einen Burschen zu sehen, der auf dem gekrümmten Rücken seines Genossen einen Brief schrieb; einen Brief, den ihm ein Dritter in die Feder dictirte, weil dieser Jüngling selber für seine Gedanken nicht die rechten Worte finden konnte. „Liebe Dore,“ dictirte der Letztere, „wer weiß, ob ich den morgenden Abend noch erlebe“ – „darum schicke mir schnell noch einen Thaler,“ fiel der lebende Schreibtisch ein, welche Unterbrechung wieder Veranlassung zu einer mächtigen Lache gab.

Vor dem Banket – so heißt nämlich der natürliche Absatz zwischen Graben und Wall, auf den die Infanteriecolonnen steigen, wenn sie im Fall eines Angriffs aus den Parallelen feuern – also vor dem Banket standen mehrere Soldaten, Kaffee kochend, Eier siedend oder eine Hammelkeule röstend, zu welchem Ende sie Höhlen in das Erdreich gebohrt und darin ein lustiges Feuer angezündet hatten. Eine andere Scene war schon trüber. In jenem Winkel war ein Verbandplatz errichtet und die Aerzte gerade beschäftigt, mehreren Verwundeten den Nothverband anzulegen.

Schon aus der bisherigen Schilderung wird man entnehmen, daß von dem geschraubten Garnison- und Gamaschendienst hier nicht die Rede sein konnte. Jedermann trug und bewegte sich, wie’s ihm am bequemsten und ersprießlichsten schien. Die Knöpfe an den Uniformen waren sehr lange nicht mehr geputzt; dazu wucherten Bart- und Haupthaare in beliebiger Länge und Dicke. Die Meisten trugen lange bis an die Kniee gehende Kothstiefeln, und die Anderen hatten wenigstens das Beinkleid in die kurzen Schäfte gesteckt. Etliche hatten über den Rock eine Nachtjacke oder einen Schafpelz gezogen, und fast Alle über Kopf und Nacken eine graue Tuchkapuze gestreift. Selbst viele Gardelieutenants trugen um den Hals einen dicken Wollenshawl und in der Hand einen derben Knotenstock. Auch das Verhältniß zwischen Officieren und Gemeinen schien jetzt ein wahrhaft cameradschaftliches, denn sie wechselten nicht selten launige Witze und tranken einander aus der Feldflasche zu. Beständig gingen Generale und Stabsofficiere vorüber, aber Keinem fiel es ein, aufzustehen und ein steifes Honneur zu machen, sondern Jedermann blieb ruhig sitzen, und rauchte oder plauderte unbekümmert weiter.

Marketender und Marketenderinnen, mit Körben beladen oder ihre Karren hinter sich herziehend, drängten sich durch die Gruppen und fanden überall Käufer. – „Hierher, Lottchen!“ schrie ein stämmiger Sappeur, und ein junges, bildschönes Mädchen mit braunen Augen und dicken hellblonden Haarzöpfen folgte dem Rufe.

„Was beliebt Dir?“ fragte die Kleine, „ein Glas Danewirke oder eine Flasche Bairisch?“

„Nichts davon! Ich will etwas Besseres haben!“ entgegnete der Bursche, und damit drückte er dem überraschten Mädchen einen schallenden Schmatz auf die vollen Kirschenlippen. Rauschender Beifall folgte dieser Heldenthat, aber die Kleine hatte sich von ihrer Bestürzung bald erholt.

[455] „Das sollst Du mir nicht umsonst gegeben haben,“ sagte sie, und damit ließ sie schnell ihr Händchen auf die Wange des kecken Freibeuters fallen. Diesmal hatte sie die Lacher gewonnen. Der Sappeur gerieth ein wenig in Verlegenheit und knurrte:

„Niedliche Hexe, wie kannst Du gegen einen Landsmann so ungezogen sein?!“

„Es sind hier an 20,000 Westphalen,“ erwiderte das Mädchen, „wenn ich mich von allen diesen küssen lassen sollte, würde von mir bald Nichts mehr übrig sein.“ Damit wandte sie sich und ging davon.

„Lottchen ist hübsch, aber die Minka ist göttlich!“ meinte mein Führer und wies auf ein altes starkknochiges Frauenzimmer, das kerzengerade und in militärischem Marschtempo auf uns zuschritt. Eine Feldmütze saß ihr auf dem grauen Haupte, und ein ansehnlicher Schnurrbart in dem wettergebräunten Antlitz. Der Oberkörper stak in einer blauen, mit blanken Knöpfen besetzten Tuchjacke, von welcher der linke Aermel schlaff herabhing. – „Eine Granate hat der Alten den Arm fortgerissen,“ erklärte der Officier. „Sie ist des Satans Großmutter, daher sie sich auch nicht vor ihrem leibhaftigen Enkel fürchtet, noch weniger vor den dänischen Kugeln; denn sie sucht selbst die Vorposten in ihren Löchern auf. – Holde Minka, ich grüße Dich!“ fuhr er gegen die Marketenderin fort.

„Danke, min Jung!“ entgegnete die Alte in heiserem Basse, aber mit unerschütterlichem Ernste. „Du weißt doch, daß Du mir noch 3 Thlr. 22 Sgr. schuldig bist?“

„Aber Minka,“ sagte der Lieutenant und nahm einen vorwurfsvollen Ton an, „Minka, warum plauderst Du unsere Geheimnisse aus? Zeige lieber, was Du noch im Korbe hast.“

„Eine Kiste Cigarren und drei Flaschen Dänenblut,“ erklärte die Alte.

„Nun,“ meinte Jener, „ich nehme Alles, und mein Freund bezahlt Dir’s.“

„Ja,“ entgegnete die Alte, „das ist so in der Ordnung. Wenn die Civilisten uns besuchen, müssen sie auch unsere Zeche bezahlen.“

„Es ist für die Soldaten,“ sagte der Officier.

„Alles in Ordnung!“ nickte die Marketenderin und folgte uns auf dem Fuße. Aber schon nach wenigen Schritten sah sie sich aufgehalten.

„Ein halb Dutzend Cigarren, Minka!“ schrie ein draller Gefreiter.

„Nischt davon, min Jung!“

„Und warum denn nicht, alte Meerkatze? Du meinst wohl, ich bin ohne Moos? Sieh her!“ Und er hielt ihr einen blanken Thaler unter die Augen.

„Freut mich,“ erwiderte die Alte, „aber steck ihn nur wieder ein, ich habe keine Cigarren für Dich. Alles in Ordnung, min Jung!“

„Ist das Weib verrückt geworden?“ fragte der Gefreite.

„Noch lange nicht, min Jung! Aber die Cigarren gehören diesem Herrn.“ Und sie wies auf mich. Worauf ich den Korb nahm und seinen Inhalt unter die Umstehenden zu vertheilen begann; die Cigarren dufteten wie echte Vorpostencigarren, wogegen sich das „Dänenblut“ als ein guter Magenliqueur erwies.

„Da habt Ihr die Rechten getroffen!“ schmunzelte die Alte und gab mir einen wohlwollenden Klaps. „Die sind vom achten, von meinem Regiment. In der Nacht, als ich um meinen Arm kam. verloren sie 250 Mann. Alles in Ordnung, min Jung.“

In diesem Augenblicke entstand eine allgemeine Bewegung.

Am Eingänge der Parallele war der commandirende General, Prinz Friedrich Carl, erschienen, in einen blauen Paletot gehüllt und eine kurze Meerschaumpfeife im Munde. Alle erhoben sich und Aller Augen leuchteten.

„Guten Morgen, Cameraden!“ grüßte der Prinz.

„Morgen, königliche Hoheit!“ antworteten tausend Stimmen in brausendem Chor.

„Nun, werden wir morgen die Schanzen nehmen?“ fragte er.

„Wir nehmen sie, wir nehmen sie!!“ donnerte es einstimmig zurück.

„Dort steht der Correspondent der Times, der in Broacker wohnt,“ sagte mein Führer. Ich erwartete einen dürren Engländer mit langem Reiherhalse und blonden Bartcotelettes, aber ich sah ein rundes Männchen mit glattrasirtem Vollmondsgesicht, der sich sorgfältig in einen eleganten Tuchpelz gehüllt hatte. Er stand unter mehreren Generalen und näherte sich nun dem Prinzen, der ihn artig empfing und ein eifriges Gespräch begann. Ich hielt mich in schüchterner Entfernung und begriff plötzlich die ungeheuere Kluft zwischen einem englischen und einem – deutschen Correspondenten.

Zu diesem Gewühl und Geräusch unter der Erde kam ein anderes, aber nicht minder reges oben in den Lüften. Hoch über unseren Häuptern zogen freundliche und feindliche Geschosse ihre feurigen todbringenden Bahnen, und es pfiff und zischte, knatterte und prasselte, als wären alle Dämonen zwischen Himmel und Erde losgelassen. Die Dänen schleuderten ihre Kugeln nach den Parallelen, und die preußischen Batterien von Gammelmark schössen über diese hinweg nach den Schanzen. Schon am Knalle konnte man die verschiedenen Kaliber unterscheiden. Vor Allem markirt sich der dumpfe Ton des Mörsers, welchem alsbald das Prasseln der zerplatzenden Bombe folgt. Den Vierundzwanzigpfünder erkennt man an der Gewalt seiner Stimme, besser noch an der sich schwer vor dem Geschütze lagernden Rauchwolke. Leise verklingt das abgerissene Paffen der stählernen Sechspfünder, während die kurze unansehnliche Haubitze das Trommelfell in ganz unerhörte Schwingungen versetzt. Mit lautem Getöse treibt das fast centnerschwere Hackgeschoß aus dem Vierundzwanzigpfünder einen Luftwall vor sich her, dessen Aechzen erst verklingt, wenn die Granate am Ziel crepirt. Lauter und bösartiger bezeichnet die runde Granate ihren Weg; sich plump umwälzend, und bei Tage von einem Rauchreifen, bei Nacht von dem feurigen Ringe des Zünders umgeben, entlockt sie dem Luftmeere das Getöse des Orkans, bis sie mit dumpfem Knall zerplatzt und die Sprengstücke umherschwirren läßt.

Die schweren Geschütze der Dänen endlich besitzen einen metallisch nachklingenden, geradezu warnenden Ton und üben, wenn sie zufällig einmal treffen, eine entsetzliche Verheerung. – Der Feind feuerte schwach und in großen Pausen, die Preußen dagegen fast unausgesetzt und oft aus hundert Geschützen zugleich; denn die Vierundzwanzigpfünder können alle vier Minuten, die kleineren Geschütze gar alle zwei Minuten geladen und abgefeuert werden. Es waren im Ganzen etwa 150 Geschütze in 35 Batterien thätig, die in 24 Stunden durchschnittlich 4 – 5000 Schüsse abgaben, aber am Tage des Sturmes von 6 – 10 Uhr früh sogar 6000, also in der Stunde 1500 Schüsse.

Bevor wir die nächste Parallele erreichten, warfen wir einen Blick auf das bombenfeste Officiercasino, welches am Fuße des Spitzberges errichtet oder eigentlich in diesen hineingebaut war, denn es bestand aus starken Eichenbohlen, über welchen sich eine fünf Fuß dicke Erdschicht lagerte, und hatte einen unterirdischen Zugang.

In der Nacht vom 7. zum 8. April wurde eine zweite Parallele ausgehoben, die man ohne eigentlichen Grund die halbe nannte und mit acht Mörsern armirte. Ihre Entfernung von den Schanzen beträgt etwa 900 Schritt. Auch diesmal überraschte man die feindlichen Vorposten, wie sie in ihren Löchern lagen und den Schlaf der Unschuld schnarchten; aber man zog sie an den Haaren heraus, und die ewig witzelnden Berliner riefen dazu: „Man immer rin in den deutschen Bund!“ Die schlaftrunkenen Gefangenen feuerten noch ein paar Alarmschüsse ab, worauf der Feind in den Schanzen Leuchtkugeln steigen ließ und das Feld mit einem Kartätschenhagel überschüttete; doch die Preußen arbeiteten wacker fort und hatten das neue Werk binnen vierundzwanzig Stunden vollendet.

Die zweite oder eigentlich dritte Parallele wurde vom 10. zum 12. April und um etwa 300 Schritt dem Feinde näher angelegt. Von ihr aus sollte schon am 14. April der Sturm unternommen werden; er unterblieb aber auf Anrathen des Generals Hindersin, und statt dessen wurde in der diesem Tage vorangehenden Nacht die letzte Parallele ausgehoben, deren Entfernung von den Schanzen kaum 300 Schritte betrug. Die gegenseitigen Vorposten, deren Ablösung von den in den Tranchéen oder hinter den Knicks liegenden Feldwachen gewöhnlich nur bei Nacht und mit der äußersten Vorsicht zu geschehen pflegt, lagen sich jetzt so nahe gegenüber, daß sie mit einander plaudern und sich die Feldflaschen hinüberreichen konnten, und wirklich entwickelte sich in den letzten Tagen zwischen ihnen ein ganz freundschaftlicher Verkehr, zumal sie Befehl hatten, nicht mehr auf einander zu schießen.

In den beiden letzten Parallelen herrschte eine angestrengte Thätigkeit; theils galt es Ausbesserungen an der durch Sturm und Regen oder durch die Bomben der Feinde beschädigten Brustwehr, theils [456] Vorbereitungen für den morgenden Sturm. Da ward gegraben und geschanzt, wurden Balken und Faschinenbündel herangetragen, um daraus Pulverkammern und Ausfallstufen zu bauen. Auch schleppte man Woll- und Heusäcke, Matratzen und Sandkarren herbei, um die erwarteten Wolfsgruben und spanischen Reiter der Feinde, auf welche man sich in besonderen Exercitien vorbereitet, unschädlich zu machen. Die Ausfallstufen bestehen aus Planken und Faschinenbündeln, die man in terrassenförmigen Absätzen übereinander schichtet, und auf denen die Sturmcolonnen, sobald der Angriffsmarsch ertönt, in geschlossenen Reihen hervorbrechen.

Während die Leute wacker arbeiteten, fielen plötzlich und gleichzeitig zwei Bomben in die Parallele. Die eine crepirte schon in der Luft und kam in einem Hagelschauer von Sprengstücken hernieder, vor denen die Arbeiter sich schnell zu Boden oder zur Seite warfen. Die andere Bombe dagegen wühlte sich tief in die Böschung und warf dann einen Regen von Erdklumpen und Eisenstücken in die Höhe und nach allen Seiten. Eines der Sprengstücke traf einen armen Infanteristen mitten in die Brust, worauf er, den Spaten in der einen, das Gewehr in der andern Hand, kopfüber stürzte und sich krampfhaft stöhnend umherwälzte. Man rief nach einem Arzte, aber ehe dieser ankam, war schon ein katholischer Priester bei der Hand. Er reichte dem Sterbenden die letzte Oelung, und dieser verschied in seinen Armen. Dann kamen die Krankenträger, die am rechten Arm eine rothe Binde tragen, luden den Todten auf eine Bahre und schaufelten ihm in der Nähe die letzte Wohnung.
Otto Glagau. 




Berlin bei Nacht.
Ein Beitrag zu den Geheimnissen der Residenz.
Von Franz Wallner.

Ein Schrei des Entsetzens scholl durch ganz Berlin, als am 19. April d. J. früh Morgens am Sperrbalken, zwischen dem Stralauer- und Frankfurterthor – dem sogenannten Oberbaum – ein blutiger Sack entdeckt wurde, der die furchtbar verstümmelte Leiche des Prof. Gregy, einer bekannten Persönlichkeit, enthielt, und unverkennbare Spuren auf einen inmitten der Stadt begangenen Raubmord hinwiesen. Fast schien es, als ob die rastlose Thätigkeit der Stützen der Berliner Criminalpolizei[1] zur Erforschung der Urheber des gräßlichen Verbrechens fruchtlos sein sollten; Tag um Tag verging, und weder die beispiellose Aufopferung der Gerichtsbeamten noch die ausgesetzte hohe Belohnung des Polizeipräsidiums für den, der auf die Spur der Thäter leiten könne, brachte das geringste Licht in das grauenvolle Dunkel. Die Erzählungen der Einzelnheiten des schauerlichen Vorfalls bildeten das Tagesgespräch vom Palast bis zur Hütte. Vergebens die successive Erhöhung des ausgesetzten Preises für die Entdeckung der Mörder, vergeblich die rastlose Mühe der routinirtesten Criminalcommissäre; es schien, als ob die Nacht, welche das Verbrechen erzeugt, einen ewigen dichten Schleier über dasselbe ausgebreitet habe. Auch durch das öffentlich an den Anschlagsäulen befestigte photographische Bild des Ermordeten, in seiner gewöhnlichen Kleidung, konnte nicht ermittelt werden, wo das Original die letzten Lebensstunden zugebracht habe.

Allein Blut schreit um Licht, und der Mord will an den Tag, und so kam es endlich dahin, daß man inmitten der Stadt ein vollständiges Raubnest entdeckte, in welchem der unglückliche Franzose, freilich nicht ohne eigenes Verschulden, sein grauenvolles Ende finden sollte.

Das Weitere in diesem Drama haben die sämmtlichen Journale ausführlich geschildert, und die letzten Acte vor den Assisen und dem Schaffot werden wohl nicht lange auf sich warten lassen. Dies Ereigniß hat aber gezeigt, in wie vielerlei Gestalten sich in großen Hauptstädten das Verbrechen vor dem Auge der Gerechtigkeit verbirgt, in wie viele Stufen die Schlupfwinkel zerfallen, in welche die Feinde der Gesellschaft flüchten.

Vielleicht brauche ich darum den Leser der Gartenlaube nicht um Verzeihung zu bitten, wenn ich ihn auf einen Moment in diese Regionen einführe, in welche nur selten ein flüchtiger Blick dringen kann; denn es ist nothwendig, durch diese entsetzliche Nachtseite im Leben unserer modernen Großstädte sich von Zeit zu Zeit recht eindringlich daran mahnen zu lassen, welche furchtbare Schatten sich hinter dem blendenden Glanze unserer heutigen Civilisation verstecken, wie fern das Ziel noch liegt, welches die menschliche Gesellschaft anzustreben hat.

Berlin hat eine Reihe anrüchiger Locale, wo sich der Leichtsinn, die Prostitution und das Verbrechen breit machen und – verstecken, Plätze, welche das scharfe Auge der Sitten- und der Sicherheitspolizei unablässig beobachtet. Von den goldstarrenden, lichtumstrahlten Balllocalen: Musenhalle, Orpheum, Ballhaus etc. etc. bis zu den elendesten Tanzkneipen herab, stehen alle diese Locale unter der strengsten Controlle. Nur selten verirrt sich der schwere Verbrecher in die glänzenden Räume des wirklich höchst geschmackvollen Orpheums oder in die Musenhalle; nur der Lehrling der Gesetzwidrigkeit, der junge Kaufmannsdiener, der bereits Eingriffe in die Casse seines Herrn versucht, und der feine, raffinirte Gauner verkehren hier mit den eleganten, aber für Jeden zugänglichen Dirnen. Der Officier, welcher die Uniform mit der Civilkleidung vertauscht, um im bunten Gewühle unerkannt eine kleine Orgie zu feiern, der Fremde, den der etwas mehr als zweideutige Ruhm dieser Locale dahin lockt, das sind neben jenen die Elemente, aus denen das Publicum derselben zusammengesetzt ist.

Das Orpheum hat alle die zahlreichen ähnlichen Etablissements der preußischen Hauptstadt durch den wirklich märchenhaften Glanz seiner Ausstattung weit überflügelt; namentlich kann der Garten mit seinen tausenden von geschmackvollen Gaskörpern mit Mabille und Chateau des fleurs in Paris siegreich in die Schranken treten. Schade, daß dieser behagliche Aufenthalt dem eigentlichen anständigen Publicum Berlins eine terra incognita bleiben muß.

Einen gewaltigen Sprung machen wir, wenn wir uns in die Kürassierstraße, in die sogenannte „Kitzelpelle“ begeben, ein Local, welches in letzterer Zeit nicht mehr den bösen Ruf verdient, in dem es steht. Früher bestand das Stammpublicum dieses Tanzlocals notorisch fast gänzlich aus Verbrechern, Dieben, Einbrechern, Fälschern, Dirnen der untersten Classen und allenfalls den in der Nähe arbeitenden Fabrikmädchen. Sogar das Orchesterpersonal war aus bestraften Subjecten zusammengesetzt. Ueber der Casse prangte eine Tafel mit der an diesem Orte ungemein burlesk wirkenden Inschrift: „Vor Taschendieben wird gewarnt“. Bei einem plötzlichen Ueberfall der Polizei, der sich öfter ereignete, als den Besuchern lieb war, fand man den Boden bedeckt mit rasch weggeworfenen Nachschlüsseln, Dietrichen und anderen Diebswerkzeugen. Jetzt ist das Publicum dort schon mehr gemischt; es finden sich ab und zu einige ehrliche Elemente aus den unteren Ständen ein, Handwerksbursche und ihre Mädchen, die, in der Absicht sich um jeden Preis zu amüsiren, sich im frohen Kreise herum wirbeln – den Mittelpunkt dieses Kreises bilden freilich noch Polizeibeamte von der Criminal- und Sitten-Abtheilung, theils in Uniform, theils in Civil. Ein Genremaler könnte hier die wirksamsten Studien machen, hier wo die wahrste Gleichberechtigung herrscht und die rauschende Seidenrobe in friedlichster Eintracht neben dem ärmlichsten Kattunkleide walzt und polkt. Der eigentliche schwere Verbrecher verkehrt jetzt hier selten, er wohnt entweder bei der „Seinigen“ oder er sucht, zu einem beabsichtigten Fang, seine Gesinnungs- und Geschäftsgenossen an einsameren Orten auf, wo das Auge der Sicherheitsbehörde weniger belästigend sein Treiben verfolgt, wo er mit Muße die Stunde abwarten kann, in welcher sein Nachtwerk beginnt. Der routinirte Gauner wendet sich nach Mitternacht den sogenannten „Kaffeeklappen“ und nächtlichen Conditoreien zu, die erst nach zwölf Uhr geöffnet werden und wo er bei einer Tasse sogenannten Moccakaffees, der sechs Pfennige kostet, Gelegenheit hat, seine Operationspläne mit den Cameraden zu verabreden und ersteren die frische That folgen zu lassen.

Diese Kaffeeklappen an der Königsmauer, am Oranienburgerthor und anderen wenig besuchten Orten dienen dem Verfolgten auch zuweilen als Asyl. Ein sehr ergötzliches Intermezzo bildete [457] einst eine locale Überschwemmung, welche durch das Platzen der Wasserleitungsröhren entstand und aus einem in der Alexanderstraße befindlichen Verbrecherkeller den wirthlichen Hehler und seine verborgenen Gäste gleich nassen Mäusen an’s Tageslicht und in die Hände der darüber selbst erstaunten Polizei trieb. Merkwürdig ist die Anhänglichkeit, welche die Verbrecherdirnen zu dem Gegenstand ihrer Neigung entwickeln. Sie greifen zu allen möglichen Mitteln, bringen jedes Opfer, um mit ihrem Geliebten in Verkehr zu treten, wenn er „Unglück hat“ und in Untersuchungshaft geräth; sie nehmen vor der Abführung der Verurtheilten im Gefängnißhof den rührendsten Abschied, sie berechnen Tag und Stunde, wenn derselbe seine Strafe überstanden hat, und wallen an den Ort seiner Haft, um ihm bei seiner Freiheit die offene Hand und in derselben die mühsam ersparten Pfennige entgegenzubringen. Wehe dem Unglücklichen aber, wenn er sich dieser Opfer unwürdig macht, wenn er Grund zur Eifersucht giebt! Aus der heiß Liebenden wird eine rachsüchtige Megäre, welche zuerst die tiefsten Geheimnisse des Verbrechers der Polizei offenbart. Gewiegte Criminal-Commissäre benutzen diese erfahrungsmäßige Leidenschaft, lassen dieselbe auf geschickte Weise durch schlaue Vigilanten zur hellen Flamme anfachen, um sich da Licht zu schaffen, wohin sonst kein Späherauge eindringen kann.

Aehnliche Anstalten, wie die „Kitzelpelle“, sind der „Todtschlag“, ein düsteres Local in der Ackerstraße, zu welchem man über einen langen Hof gelangt. Der „Todtschlag“ hat auch sein eigenes Liebhabertheater, und die Künstler nehmen es sehr übel, wenn ihren Leistungen nicht die gehörige Aufmerksamkeit gewidmet wird, ja vorlaute Unterbrechungen werden von dem Darsteller oder der Darstellerin sogleich mit einem sehr empfindlichen „Ich verbitte mir dergleichen“ gerügt. Die „Linde“ vor dem Cottbusser Thore hat ihr Spitzbubenpublicum verloren und wird, seit die Säle umgebaut und vergrößert worden, nur von Handwerkern besucht. Der „Schmortopf“ vor dem Stralauer Thor, ein furchtbar heißer kleiner Tanzsaal im ersten Stockwerk, wird meistens von Schiffern, Holzarbeitern und nur sporadisch von Personen frequentirt, die schon über irgend einen Paragraphen des Criminalgesetzbuches gestolpert sind.

Die Berliner Criminal-Commissäre sind schon so vertraut mit der Art und Weise, in welcher berüchtigte Verbrecher bei ihren Manipulationen vorzugehen pflegen, daß sie aus der Art und Weise der letzteren die Personen errathen, welche bei Hauptanschlägen beschäftigt waren. Vor längerer Zeit setzten z. B. einige mit beispielloser Frechheit ausgeführte Einbrüche die Geschäftswelt der Residenz in Angst und Schrecken. So wurden in der Brüderstraße bei dem Seidenwaarenfabrikanten Magnus für zehntausend Thaler Stoffe gestohlen, bei einem Eisenhändler in der Friedrichsstraße ward das Geschäftslocal gewaltsam eröffnet und die schwere eiserne Geldspinde, worin sich ungefähr zweitausend Thaler befanden, ganz ungescheut auf einen Handwagen gepackt und weggeführt. Wenige Tage darauf fand man diesen eisernen Schrank auf dem Köpnicker Felde, seines Inhaltes beraubt, mit einem kreisrunden, künstlich eingeschnittenen Loche in der Thür. Hierdurch wurde der Verdacht der Mitbetheiligung auf einen viel bestraften flüchtigen Dieb, den Kunstschlosser Arnold, gelenkt, auf welchen jedoch die Polizei lange Zeit vergebens fahndete. Neun Einbrüche wurden in ganz kurzen Zwischenräumen mit gleicher Frechheit vollzogen; diese ging soweit, daß die Diebe zweitausend Thaler Wertpapiere, welche sie bei einem Gärtner in der Commandantenstraße gestohlen hatten und nicht unterbringen konnten, unter Couvert per Post an den Criminal-Commissarius Pick zurücksandten. Die amtlichen Recherchen ergaben, daß alle diese Einbrüche mit denselben Werkzeugen, in gleicher Weise verübt worden waren, ja man fand sogar nach einem dieser Einbrüche ein von den Gaunern zurückgelassenes Feuerzeug, welches einige Tage vorher bei Ausübung eines ähnlichen Verbrechens an einem anderen Orte gestohlen worden war. Da hinterbrachte ein Vigilant die Anzeige, daß in einem Blumenkeller in der Alexanderstraße sich verdächtiges Treiben offenbare. Der Eigenthümer, ein gewisser in der Hehlerwelt bekannter Liebscher, wurde in aller Stille aufgehoben, und bei einer Untersuchung der Wohnung fand man nicht nur viele Spuren offenbar gestohlenen Gutes, sondern auch, als Hauptbelastungsbeweis, das aus der Geldspinde des Eisenhändlers Renne ausgeschnittene kreisrunde Stück.

Nun wurde, wie es in der Kunstsprache heißt, „die Klappe aufgemacht“. Sobald die Criminalpolizei sich von der Schuld des Hehlers, einer längst berüchtigten Persönlichkeit, überzeugt hatte, wurde derselbe in Gewahrsam gebracht und in dessen Wohnung einige Beamte in Civilkleidung verborgen. Einer derselben übernahm das Amt des Verkäufers, gab sich bei den „alten Kunden“ des Hauses für einen Verwandten des „Vater Liebscher“ aus, der in Geschäftsangelegenheiten verreist sei, ihm aber ausreichendste Fonds und Vollmachten hinterlassen hätte. In kurzer Zeit waren in dieser Falle nicht nur eine ganze Reihe und zwar zweiundneunzig der bekanntesten Diebe Berlins, welche das gestohlene Gut zu verwerthen kamen, gefangen, sondern auch die unzweifelhaftesten Spuren einer weitverzweigten Einbruchsbande entdeckt, welche seit längerer Zeit die bemittelte Classe der Residenz in Angst und Schrecken gesetzt hatte.

Einmal im Besitze so starker Handhaben, war es den gewiegten Beamten leicht, die ganze Einbruchsbande in die Hände zu bekommen. Diese bestand, inclusive der Hehler, aus fünfzehn Personen, welche sich an den gedachten neun großen Einbrüchen betheiligt hatten. Fast alle Mitglieder dieser Genossenschaft wurden bei ihrer Verhaftung im Besitze scharfer Stichwaffen und geladener Pistolen gesfunden. Die geraubten Gelder, so weit selbe noch vorräthig waren, wurden in den verschiedensten Verstecken aufgefunden, in Vogelbauern, unter Spielkarten, in der Erde der Blumentöpfe etc. Die meisten der Verbrecher gehörten dem feineren Mittelstande an und bekundeten dies durch die Eleganz ihrer Ausdrucksweise in den Verhören und auf der Anklagebank, bei welcher freilich manchmal auch viel Verschrobenheit und Afterbildung hörbar wurde. Als der Criminal-Commissär Pick – einer der tüchtigsten Beamten der hiesigen Sicherheitspolizei – u. A. den erwähnten Schlosser Arnold frug, warum er bei seinen Fähigkeiten nicht auf ehrliche Weise sein Brod verdienen wolle, entgegnete er ihm: „Ich stehe mit der Welt im Kriege und habe das Recht, zu nehmen, was ich bekommen kann, denn schon Moses sagte beim Auszug nach Canaan: ,Nehmt Alles, was den Ungläubigen gehört.“ Auf die Frage, wie er es angestellt habe, das kreisrunde Loch aus dem eisernen Spinde herauszuschneiden, antwortete das Diebsgenie mit Stolz: „Archimedes schon machte sich anheischig, die Welt aus ihren Angeln zu heben, wenn man ihm einen festen Punkt gebe.“

Wenn je das Sprüchwort: „Wie gewonnen, so zerronnen“, seine richtige Anwendung findet, so ist es bei diesem Gelichter. Nach den angestellten Ermittelungen hatten die Gauner das gestohlene Gut auf die tollste Weise verschwendet und zwar durchgehends mit den Damen ihrer Herzensneigung, welche alle der Demi-monde angehörten. Einer der Diebe jener Bande verschleuderte z. B. an einem Tage über tausend Thaler; unter anderen Gegenständen zarter Aufmerksamkeit hatte er seiner Geliebten zwei falsche Haarzöpfe für achtundzwanzig Thaler gekauft.

Das Drama hatte kaum mit der Verurtheilung aller Betheiligten geendet und die Gemüther etwas beruhigt, als neue ununterbrochen stattfindende Einbrüche neues Entsetzen verbreiteten. Diesmal hatten sich die Gauner die am Thiergarten gelegenen vornehmen Straßen zum Schauplatz ihrer Thätigkeit ausersehen. Die Physiognomie der letzteren war stets dieselbe: Uebersteigen der Balcons und Ausschneiden der Thürenfüllungen. Endlich wurde indeß auch diese saubere Sippschaft in einem Weinlocale in der Friedrichsgracht bei dem Hochzeitsfeste eines Spießgesellen überrascht, wo die Bande bereits für 125 Thaler Wein verzehrt hatte. Sämmtliche Gäste dieses Freudenfestes hatten zusammen eine Zuchthausstrafe von 300 Jahren theils hinter sich, theils waren sie dem auf ihre Personen kommenden Antheil durch Flucht aus dem Wege gegangen.[2] Unterstandslose Diebe treiben sich in der Nacht im Thiergarten und zwischen dem Landsberger- und Königsthor herum. Der [458] Sommer ist die ersehnte Zeit für diese Strolche. Dann und wann liefert eine große, treibjagdartige Razzia der Berliner Polizei einen unheimlichen Beweis, wie viel obdachlose Personen die Residenz unsicher machen. Einen riesigen Heuhaufen im Freien fand man bei einem solchen Streifzug in Weißeneee ganz durchwühlt von Dieben und Diebinnen, welche diese sonderbare Herberge zu Schlafstätten erwählt hatten, in die sie von allen Seiten hineingekrochen waren.

Wird’es in Berlin zu unsicher, sieht das Auge der Polizei dem verpönten Treiben einmal zu scharf auf die Finger, so gehen die routinirten Verbrecher nicht selten auf Kunstreisen und verschwinden eine Zeit lang vom Schauplatz ihrer Thätigkeit, um in den Provinzialstädten ihr Talent zu verwerthen und neue Opfer zu suchen.

Die Hehler sind fast noch gefährlichere Subjecte als die Diebe. Während letztere ihnen für verhältnißinäßig kleinen Gewinn die Kastanien aus dem Feuer holen, mästet sich der Hehler mit dem Löwenantheil, sucht sich von allen Seiten, den Behörden gegenüber, schlau zu decken, die Beweismittel abzuschneiden und zieht sich nicht selten als wohlhabender Mann „von’s Geschäft zurück“. Freilich darf er die Frechheit nicht so weit treiben, wie der unlängst ertappte Besitzer eines solchen Hehlerlocals in der Gypsstraße, der in seiner Behausung vollständige Auctionen des gestohlenen Gutes veranstaltete und dies der Nachbarschaft bekannt machte.

Nach und nach beginnen jedoch, Dank der unermüdeten Sorgfalt der noch vom Director Stieber her vortrefflich organisirten Criminalpolizei, die Verbrecherlocale in Berlin immer seltener zu werden; so ist auch der eigentlichste dieser Keller, in welchem fast nur bestrafte Personen verkehrten und der inmitten der Stadt – Königsstraße Nr. 36 – lag, vor Kurzem aufgehoben worden. Die geübten Beamten kennen durch ihre ununterbrochene Thätigkeit in ihrem Fache fast alle notorischen Diebe und wissen sie im geeigneten Moment zu finden, ohne einen besonderen Versammlungsort für dieselben toleriren zu müssen, welcher immer der Residenz und den Behörden zur Unehre gereichen würde. Dilettanten und Anfänger im Geschäft fallen ohnehin dem Gericht bald in die Hände.

Schreiber dieses war einst Zeuge eines urgemüthlichen Verhörs, welches der jüngst verstorbene Criminal-Commissär Roggenstein mit einem wieder rückfällig gewordenen alten Diebe hielt, der vor Kurzem eine fünfjährige Zuchthausstrafe in Spandau verbüßt hatte.

Der Gauner, eine ausgeprägte Galgenphysionogmie mit verschmitzten kleinen Aeugelchen, wurde Roggenstein vorgeführt, der ihn lächelnd, einen Fuß auf dem Stuhl, den Ellenbogen in die Kniee gestützt, wie einen alten Freund empfing und anredete: „Na, alter Junge, wieder ein Mal abgefaßt?“

„Ja, mein guter Herr Commissär, habe Unglück gehabt,“ schlau mit den Augen blinzelnd: „Diesmal kann es wohl lange dauern?“

„Ja, wird wohl. Hast ja erst fünf Jahre abgesessen.“

„Drei Jahre, Herr Commissarius.“

„Unsinn! Fünf Jahre!“

„Drei Jahre, Herr Commissarius.“

„Oler[3] Sohn, mach mir nicht dumm. Hier liegen die Acten.

Wegen schweren Diebstahls hast Du fünf Jahr ,Spandau‘ gehabt und bist vor vierzehn Tagen losgekommen.“

„Wirklich,“ entgegnete der alte Sünder, scheinbar ganz erstaunt, „nee sehen Sie, Herr Commissarius, wie die Zeit vergeht.“

Auf die Frage, wie lange er eigentlich in seinem Leben eingesperrt gewesen, antwortete er mit einer Miene, als ob Roggenstein von ihm verlangt hätte, er solle den Mond vom Himmel herabholen: „Aber Herr Commissarius, wie kann denn ich das wissen?“

Durch die scheinbar treuherzige, einfache Art und Weise, mit welcher er mit den Verbrechern verkehrte, wie ungefähr ein guter herablassender Herr mit seinen Dienern, brachte Roggenstein aus jenen Alles heraus. Als er einst einem leugnenden schweren Verbrecher auf den Kopf zusagte, daß er den Einbruch begangen habe, und frug, ob er sich nicht schäme ihn so zu belügen, antwortete dieser: „Nu ja, Herr Commissär, ich will es Ihnen sagen, ich habe es gethan, aber es bleibt unter uns.“

Mit viel gewaltigeren Mitteln pflegte der bekannte Criminaldirector Stieber zu wirken. Lange Verhöre mit den schlau combinirtesten Kreuz- und Querfragen verwirrten den Schuldigen und lockten ihm seine Geheimnisse heraus, ja es ist bekannt, daß Stieber die Mitgenossin eines Mordes dadurch zum Geständniß brachte, daß er sich die verhärtete Sünderin gegen 12 Uhr Nachts zum Verhör rufen ließ und, in feuriger Rede ihr das Bild des Ermordeten vor die Seele führend, sie frug, ob sie jetzt, wo der Zeiger auf Mitternacht weise, die Stunde, wo das Verbrechen begangen worden sei, den Muth habe, die Hände auf das Crucifix zu legen und ihre Unschuld zu betheuern. Die Missethäterin fiel dem Richter schluchzend zu Füßen, bekannte die That und gab ihre Mitschuldigen und einen Kirchhof als den Ort an, wo die Früchte des Raubes vergraben lagen.

Gänzlich verborgen bleibt in Berlin ein großes Verbrechen selten. So wie jüngst bei dem am Eingang dieser Schilderungen erwähnten Mord an Gregy der Chemiker Sonnenstein die dunklen Flecken an der Wand mit Salzsäure berührte und für Menschenblut erklärte, Menschenblut, welches laut um Rache schreie, so verlangt jedes Verbrechen an der beleidigten Gesellschaft seine Sühne, und den Wächtern des Gesetzes stehen hundert Augen zu Gebote, die sich nie schließen und endlich in die Nacht eines jeden Verbrechens eindringen.




Ein Belvedere im Alpenlande.
Von Friedrich Spielhagen.

Die halbe gebildete Menschheit kennt Interlaken, das unvergleichliche Sommerparadies am Fuße der Berner Hochalpen, die andere Hälfte möchte es gern kennen lernen. Ob es unter Denen, die es kennen, solche giebt, die es nicht lieben, weiß ich nicht, bezweifle es aber; ja, ich möchte behaupten, daß diese Lieblosen es nur zu kennen glauben, weil sie auf ihrer Fahrt von Thun nach Brienz auch durch das „Bödeli“ gekommen sind, oder gar in einem der Hotels auf dem weltberühmten Höhweg zu Mittag gespeist haben. Mit Interlaken ist es aber, wie mit einer schönen und liebenswürdigen Frau. Auch die schönste und liebenswürdigste hat nicht immer ihren beau jour, und wer Interlaken vielleicht an einem trüben, regnerischen Tage gesehen hat, der sage nur ganz ruhig: er habe es nicht gesehen.

Und selbst der Sonnenschein thut es noch nicht allein. Interlaken ist zu vielseitig, zu reich, ja, wenn dies Wort in Beziehung auf die Natur nicht eine Art von Blasphemie wäre, möchte ich sagen: zu kokett – man kommt nun ein für alle Mal nicht so schnell dahinter, wie voll von zauberischen Reizen dieses in seiner Art gewiß einzige Stück Erde ist.

Aber Interlaken ist nicht blos Natur: nicht himmelhohe, schneebedeckte Alpenriesen, die still und hehr in den dunkelblauen Himmel wachsen, oder wald- und mattenbekleidete Vorberge mit Sennen und Heerden, oder blaue Seen, die in ihren krystallklaren Wassern den Himmel und die Berge spiegeln; es ist das Alles zusammen, doch es ist noch mehr. In diese einzig schöne, paradiesische Natur hat sich die Kunst, die Cultur eingenistet, so weit es ihr nur immer gelingen wollte; in diesem Tempe, das so schön ist wie ein Dichtertraum, stehen mächtige Hotels mit ihren Dépendancen wie ebenso viel prosaische Facta; in diesem Thal, das würdig scheint die Wiege der ersten Menschen gewesen zu sein, rauscht es von seidenen Kleidern, schimmert es von elegantesten Toiletten; durch dieses Eden rasselt und schnattert die wilde Jagd, die große unendliche Touristen-Karawane: Pferde, Kameele, Menschen, Affen und was sonst dazu gehört.

Das ist es eben, was Interlaken die eigenthümliche und vielleicht ganz einzige Physiognomie giebt. Vielleicht nirgendwo sonst auf der Erde gehen Natur und Kunst so seltsam Hand in Hand, vermengen sich und vermischen sich auf eine so wundersame [459] Weise; nirgendwo sonst berühren sich so nah das Ewige und das Vergängliche, die Schöpfung von Millionen Jahren und die Mode von gestern; Sonnenschein und Schminke, Wiesenduft und Eau de mille fleurs, die Schönheit und die Fratze, das Erhabene und das Lächerliche.

Ich sagte oben, daß der Sonnenschein für Interlaken so nothwendig sei, wie gute Laune für eine schöne geistvolle Frau. Allein wie sehr ich auch den Sonnenschein liebe und besonders in Interlaken liebe – es giebt auch hier eine Grenze, wo sich der Mensch von den Fliegen und Schmetterlingen scheidet und spricht: Ein jegliches nach seiner Art, mir wird’s zu viel! Ich hab’s erfahren im Julimonat des vorigen Jahres, in dem schönen Interlaken.

O dieser Sonnenschein! Wie er des Morgens in aller Frühe seinen Weg durch die Ritzen der grünen Jalousien suchte und sagte: ich bin da und jetzt gehört die Welt mir bis zum Abend! wie er ein paar Stunden später überall war! wie in seinem Glanz die Schneefelder der Jungfrau, des Silberhorns und des Breithorns leuchteten und schimmerten und flimmerten, daß kein Menschenauge es ertragen konnte und blaue Brillen im Preise stiegen! wie die kahlen starren Felsmassen des Vordergrundes in den allmächtigen Strahlen wie in weichen Nebeln verzitterten! wie die Bäume die Gluth tranken und kein Blättchen regten, als fürchteten sie, es möchten Flammen aus den Aesten schlagen! wie still die Vögel in dem dichtesten Laub versteckt sich hielten, der Abendkühle harrend! und wie der mitleidige Kellner in unserm Hotel über die Meisenfamilie, die sich in einer Ampel der Veranda angesiedelt halte, schützende Blätter befestigte, damit die kleinen nackten Thierchen nicht versengt würden! Armer guter Mensch, Du wußtest wohl, warum Du Mitleid hattest! Eines Mittags servirte er nicht, wie sonst. Ich fragte die schöne Wirthstochter, wo der Jacques heute sei. Sie deutete mit dem Finger nach der Stirn und flüsterte, indem sie mir das Eis über die linke Schulter reichte: „Die große Hitze, wir haben ihn heute Morgen in das Spital schaffen müssen.“

Die große Hitze! sie bildete den Unterhaltungsstoff beim Frühstück; man seufzte darüber am Mittagstisch, und am Abend wurde bei Thee und Erdbeeren dasselbe Thema noch immer ventilirt. Es litt eben ein Jeder darunter, ich nicht zum mindesten. Ich war nicht zum ersten Male in Interlaken; ich wußte aus Erfahrung, wie mild hier sonst die Lüfte wehen, selbst an heißen Sommertagen; wie traumgleich hier im Schutz und Schirm der ewigen Berge, durchhaucht vom linden Athem der nachbarlichen Seen, zwischen den grünen Matten unter breitästigen Bäumen die Tage dahinfließen, daß man sich schier in das Land der seligen Lotophagen versetzt glauben könnte, von dem Tennyson singt:

Hier grünen Moose kühl,
Hier rankt der Epheu durch den üpp’gen Pfühl,
Und in dem Strom die Lotosblumen trauern,
Und schläfrig hängt der Mohn von zack’gen Felsenmauern.

Wie hatte ich mich aus dem Staub und der Hitze Berlins gesehnt in mein liebes Lotosland! Hier sollten sich der müde Kopf und die müde Brust nach schwerer Arbeit erquicken, während ich das eben vollendete Werk in aller Muße durchlas und dabei das letzte Pünktchen auf’s letzte i setzte. Die rastlose, unbändige, überwältigende Hitze machte mir selbst die leichte Arbeit schwer und ließ mich sehnsüchtig die fünfte Nachmittagsstunde herbeiwünschen, wo ich nach überstandener Table d’Hôte in das schattige Revier des Kleinen Rugen flüchtete.

Wenn Du Interlaken kennst, lieber Leser, so kennst Du auch den Kleinen Rugen, den letzten Ausläufer der Hochalpen, den zierlichen Fuß gleichsam, den die Jungfrau in das Bödeli setzt. Ein Bergkegel von 600’ Höhe ungefähr, vom Fuß bis zum Gipfel auf seiner ganzen Oberfläche mit den verschiedenartigsten Laub- und Nadelhölzern bestanden – Dank der Forstverwaltung des Cantons, welche vor etwa 40 Jahren diesen Berg zu einer Pflanzschule für sämmtliche in der Schweiz vorkommenden Baumgattungen bestimmte. Von der Hotelstraße des Höhweges gelangt man über die Matte zwischen Interlaken und dem Dorfe Matten und durch einen Theil dieses Dörfchens an den Fuß des Rugen, und wenn man den erreicht hat, ist man geborgen, selbst in der größten Sommerhitze.

Es ist bezaubernd schön auf dem Rugen zu jeder Tageszeit, besonders aber in den Stunden zwischen fünf Uhr und Sonnenuntergang, wo ich ihn tagtäglich besuchte. Der Reichthum der Scenerie, welcher sich nach allen Seiten hin den entzückten Blicken entfaltet, ist unbeschreiblich, und die mit jedem Augenblick wechselnde Beleuchtung läßt jedes dieser herrlichen landschaftlichen Bilder in dem ihm am meisten zusagenden Colorit erscheinen. Es ist ein wonnesames Schwelgen in Formen und Farben, oft von einer Intensität, die dem übertrieben erscheinen mag, welchen die Natur nicht mit malerischen Augen begabt hat.

Da ist der Blick nach Osten über den Brienzer See, den man zwischen fünf und sechs Uhr genießen muß, wenn der liebliche Thalgrund zu unsern Füßen mit seinen Häusern und Häuschen, seinen Bäumen und Mattlis im warmen Nachmittagssonnenschein prangt, wie ein Paradies; wenn die Contouren der Bergzüge, die zur Linken, gegen Nordost, den See einschließen, im tiefsten Ultramarin verschwimmen, während die rechts, die noch direct von den schrägen Strahlen der Sonne getroffen werden, in allen Tönen des Goldes prangen, zwischen beiden sich das gänzlich blaue Wasser des See’s so friedlich und so lockend ausbreitet, lockend hinüber nach den Gießbach-Fällen, nach Brienz, dessen Häuser am fernen Rande des See’s sich noch eben aus dem Duft erheben, nach dem Haslithal und weiter in’s schöne Land Italia.

Und hat man nun, in Entzücken versunken, eine Farbe in die andere übergehen und mählich bleicher und bleicher werden sehen, ist man nach manchen Gesprächen und manchem Ausruhen durch den dämmerigen Wald allmählich steigend auf die entgegengesetzte Seite des Berges gekommen, so schwebt ein anderes Bild vor Deinen Augen, so ähnlich dem ersten und doch wieder so ganz verschieden in Stimmung, Formen und Farben.

Die Sonne ist bereits unter den scharfen Grat der Stockhornkette getaucht. Der westliche Himmel prangt in dunklerem und hellerem Safrangelb, von dem sich die prachtvolle Pyramide des Niesen, vom Gipfel bis zur Sohle in herrlichstes Violet gehüllt, mit wunderbarer Schärfe abhebt. Ueber dem Safran des Horizontes färbt sich der Himmel lichtgrün und dunkelgrün bis hinauf zum Stahlblau des Zeniths, und all’ diese Farbenpracht wird von der weiten Fläche des Thuner See’s zurückgeworfen, wie von einem krystallnen Spiegel, während die dunklen bewaldeten Hänge der Berge des Vordergrundes das einzige Bild einrahmen.

Aber noch sollen wir Größeres schauen. Uns links wendend, treten wir nach kurzer Wanderung durch den Wald hinaus auf die Matte, die vom Rugen auf dem Rücken des Hügels in wenigen Minuten nach der Ruine des Schlosses Unspunnen hinüberführt. Vielleicht gehen wir bis zu der Ruine; vielleicht lagern wir uns gleich hier in das schwellende Gras. Schöner, großartiger kann der Blick auf die Jungfrau doch nirgends sein. Aus den Tiefen des Lauterbrunnenthales steigt die Nacht schon herauf, aber mächtig, als könnte das Erdendunkel ihrem Glanz nichts anhaben, leuchten noch immer die Schneefelder und Gletschermassen der Jungfrau hoch herab aus dem südlichen Himmel, dessen herrlich blaue Tiefen das Auge nicht ergründen kann. In den schweren Schatten, die ringsumher die finstern Berge werfen, erscheint die ungeheuere Eiswand in fast greifbarer Nähe, und doch ist sie so fern, daß von der furchtbaren Lawine, die so eben an ihren Hängen vielleicht mehrere tausend Fuß herunterdonnert und deren einzelne Aufstürze und allmähliches Wachsen das Auge genau verfolgen kann, das gespannt horchende Ohr in der tiefen Stille ringsum auch nicht den leisesten Ton vernimmt.

Doch siegt die Erdennacht. Bleicher und bleicher, zuletzt in gespenstischer Blässe schaut die Jungfrau herab. Von den näherliegenden Bergen, vom Abendberg, von der Suleck sind kaum die Umrisse noch zu erkennen; hoch oben von den Hängen der Schienigen-Platte leuchtet das Feuer einer Sennhütte wie ein mächtiger Stern aus dem Dunkel. Tiefe Nacht liegt in dem Thale von Interlaken; tiefe Nacht und tiefe Stille, unterbrochen nur von einem gelegentlichen Lachen oder Singen, das aus einer der ringsum zerstreuten Hütten ertönt, oder dem Klingeln eines Einspänners, der eine verspätete Gesellschaft von einem Ausfluge nach Lauterbrunnen und der Wengernalp zurückbringt.

So oft ich damals von dem Thal den Rugen hinan oder vom Rugen hinab in’s Thal stieg, kam ich an einem mächtigen Bau vorbei, der das ganze Plateau eines waldigen Ausläufers bedeckte, welchen der Rugen seinerseits in das Thal hineinschiebt; und so oft ich diesen Bau, an dem so rüstig geschafft wurde, sah, hatte ich stets denselben Wunsch, nämlich: daß derselbe bereits [460] fertig und ich der glückliche Inhaber eines der vielen Zimmer wäre, die er enthalten würde, und daß die Fenster dieses Zimmers nach der Jungfrau blickten. Dieser letztere Umstand war, wenn man erst einmal das Zimmer hatte, sehr wahrscheinlich, denn die eine ganze Seite des Gebäudes schaut direct nach der Jungfrau hinauf, und deshalb heißt der Ort, wo das Gebäude eben errichtet wurde, der Jungfraublick, und das Gebäude selbst sollte, wenn es fertig war, das Hotel und Curhaus zum Jungfraublick genannt werden. Es giebt gewisse Projecte, mit denen es ist, wie mit dem Ei des Columbus. Man braucht sie nur auszusprechen, so sagt ein Jeder: aber das versteht sich ja von selbst! Nichtsdestoweniger Ehre dem Manne, in dessen klugem Kopfe zuerst der Gedanke entstand, hier an diesem Punkte, der, wenn einer, dazu auserwählt ist, ein großartiges Etablissement zu errichten zu Nutz und Frommen so vieler Tausende erholungs- und heilsbedürftiger Menschen.

Herr von Rappard, dem diese Ehre zukommt,[4] hatte die Freundlichkeit, mich mit den Einzelnheiten des Projectes bekannt zu machen.

Hotel und Curhaus zum Jungfraublick in Interlaken.
Nach der Natur gezeichnet F. Lips in Bern.

Zuerst, was ich selbst davon in der Ausführung oder bereits ausgeführt sah.

Das waren die 8–10’ breiten bequemen Wege, die von der Sohle des Thals zum Curhaus hinauf, vom Curhaus weiter so kunst- und sinnreich um den ganzen Rugen geführt sind, daß man die Höhe des 600’ hohen Berges erreicht, ohne kaum jemals das Steigen wahrzunehmen, ohne unter den breitkronigen Bäumen von einem Sonnenstrahl getroffen zu werden. Und nun rechts und links, ehe man es sich versieht, die prachtvollsten Blicke auf den Brienzer See, den Thuner See, die Jungfrau, und wie sie alle heißen die prächtigen Bilder, von denen ich oben eine Schilderung zu geben versucht habe; Bilder, die man dadurch gewann, daß man einfach ein paar Bäume wegnahm; Bilder, die man in seligster Ruhe genießen kann, denn an allen diesen Punkten und noch unzähligen anderen laden den Promenirenden bequeme Bänke, anmuthige Pavillons, wahrhaft idyllische Ruheplätze zum Schauen und Träumen ein. Welch’ ein Park! Kein König und kein Kaiser der Erde kann sich eines gleichen rühmen! – Es war nicht, um nur ein raffinirtes Schwelgen in landschaftlichen Reizen möglich zu machen, weshalb man auf diese colossalen Parkanlagen so viel Geduld, Zeit und Geld verwandte. Die Annehmlichkeit und das Gelingen einer jeden Brunnen- und Molkencur – und besonders auf diese letztere ist es bei der ganzen Anlage in erster Linie abgesehen – beruhen wesentlich darauf, daß der Curgast während des Trinkens und nach demselben sich in behaglicher Ruhe in schattigen und dabei sonnedurchwärmten Waldungen ergehen kann. Schon das gänzliche Wegfallen dieses wichtigen Momentes verurtheilte die Molkencuranstalt, welche man bekanntlich vor einigen Jahren neben dem Höhweg in der baum- und schattenlosen Ebene anlegte, zu ewiger Bedeutungslosigkeit. Was [461] aber sogar das milde Interlaken in einem heißen Julimonat ohne Schatten ist – das hatte ich gerade damals an mir selbst zu erfahren die reichlichste Gelegenheit.

Von dem Hauptgebäude selbst, dessen Situation der Leser aus unserem Bilde hinreichend deutlich ersieht, waren damals die Räume für die Keller, Küchen und Zubehör, die sämmtlich in den lebendigen Fels gesprengt waren, im Rohbau fertig, ebenso wie das unterste Stockwerk und ein Theil des zweiten Stockwerkes. Das Haus, wie es noch im vergangenen Sommer unter Dach gebracht war und jetzt fertig steht, bietet in vier Etagen Raum für 150 Gastbetten. Die bei weitem größere Anzahl der Zimmer wird mit Alcoven oder besonderen Schlafcabinets versehen, um den längere Zeit verweilenden Curgästen ein getrenntes Wohn- und Schlafzimmer zu gewähren. Daß die innere Einrichtung überall die eines Hotels ersten Ranges werden sollte und gewiß geworden ist, versteht sich bei einem so großartigen Etablissement von selbst.

Vor der unserm Bilde entgegengesetzten, der Jungfrau zugewandten Hauptfronte des Hotels breitet sich eine gewaltige Terrasse aus. Von dieser führen wenige Stufen zu der auf 16 steinernen Säulen ruhenden, 200’ langen und 15’ breiten Trinkhalle, in deren Rückwand geräumige, gewölbte Nischen zu Ruheplätzen und an deren beiden Enden Glassalons angebracht sind. „Und nun lassen Sie wirklich einmal schlechtes Wetter eintreten,“ sagte Herr von Rappard, während wir den für die Trinkhalle bestimmten Raum auf- und niedergingen, „das ist freilich zum Verzweifeln für Euch da unten; aber für uns hier ist die Aussicht selbst bei bedecktem Himmel reich und lohnend, besonders bei Unwetter, wenn die Wolken an den Bergen sich senken und heben, sich ballen und zertheilen, hier eine Bergspitze und dort eine Felsenmasse hervorschaut, und wenn nur auf einen Moment die Dünste sich zertheilen und die weiße Jungfrau aus ihrem Nebelschleier auf uns niederblickt.“

Wenn Herr von Rappard so die Vorzüge des Etablissements schilderte, konnte ich nur immer wieder bedauern, daß der größere Theil desselben (zum wenigsten des Hauses) damals noch auf dem Papiere stand.

Jetzt ist es vollendet und seit dem 30. des vorigen Monats eröffnet.

Die Vorzüge Interlakens als Aufenthaltsort für Krankheiten vielerlei Art sind den Aerzten längst bekannt: reine, kräftigende Gebirgsluft vereinigt mit einem milden, fast südlichen Klima. Ist es doch nach Norden zu durch eine Gebirgswand von 6–7000’ Höhe gegen alle rauhen Winde geschützt; müssen doch die heißen Winde des Südens erst die meilenweiten Schnee- und Gletscherfelder des Berner Oberlandes passiren, so daß durch das Bödeli eigentlich nur Ost- und Westwinde streichen, denen die breiten Wasserbecken jene milde und weiche Beschaffenheit verleihen, die für kranke Lungen so unbeschreiblich wohlthätig ist. Dazu kommen kräuterreiche Alpen zu Kuh-und Ziegenmolken, zu Kräuter-Tränken und -Bädern. Bisher aber waren das alles disjecta membra, da es an einer von einem tüchtigen Arzt [462] geleiteten Anstalt fehlte, welche so unschätzbare Momente in rationeller Weise auszubeuten verstand. Das ist nun anders geworden, wie ich höre zum nicht geringen Kummer Etlicher, welche durch die Existenz des Hotels und Curortes zum Jungfraublick die Existenz ihrer Hotels in Frage gestellt sehen. Aber was ist da zu thun? Das Bessere ist des Guten Feind, und dann, lieben Leute, tröstet Euch! Einhundert und fünfzig Gastbetten können allerdings im Laufe von zwei, drei Monaten viele Menschen wiegen, aber durch Interlaken passiren jährlich 40–50.000 Menschen, davon werden ja wohl noch Einige auf Euch kommen.

Leb’ wohl, lieber Leser! Ich freue mich, daß es mir vergönnt war, Dir die erste authentische Kunde von dem Curort Jungfraublick in Interlaken zu geben, der, wenn nicht Alles trügt, schon nach wenigen Jahren so berühmt sein wird, wie keiner in Europa; und wenn Du im Stande bist, wo möglich noch in diesem Jahr, an Ort und Stelle zu prüfen, ob ich Alles der Wahrheit gemäß berichtet habe, so soll es mir Deiner selbst willen lieb sein.




Stillleben einer Dichterin der Jetztzeit.
Von Joseph Dessauer.
Zweiter Tag.
I.
George Sand als Großmutter. – Ihre Seelenwanderungsphantasie und ihre Sehnsucht nach Deutschland. – George Sand’s materielle Erfolge. – Die fröhliche französische Schauspielerin. – George Sand im Provinztheater. – Das Local ihrer Hausbühne.

Heute ging es beim Frühstück lärmend zu. Calamatta, der Vater der jungen Frau, war angekommen. Die Erscheinung des berühmten Kupferstechers, von dem ein meisterhaft gestochenes Bild der Sand aus jüngeren Jahren existirt, macht einen imposanten Eindruck. Man glaubt einen italienischen Maler aus der Medicäerzeit zu sehen.

„Wir bekommen heute noch einen Gast,“ begann Madame Lambert, sich zu mir wendend, „ein liebes, junges Mädchen, das zufälliger Weise meinen Namen führt. Mlle. Adele Lambert ist Schauspielerin und bringt gewöhnlich ihre Ferien bei Mad. Sand zu. Das artige Kind ist überselig, wenn es hier ist; denn es lebt sonst in kargen Verhältnissen.“

„Da bekommen wir vielleicht auch eine theatralische Vorstellung?“

„Das glaube ich nicht, denn Mad. Sand hat noch nichts Neues geschrieben; aber ich habe etwas von einem Marionetten-Theater munkeln hören, das man Ihnen zu Ehren in Bewegung setzen wird. Mein Mann und Maurice sind die glücklichen Dichter, die stets unter dem Enthusiasmus des Publicums Stücke dafür schreiben. Lassen Sie sich überraschen.“

Ich versprach es, obgleich ich mir vorgenommen hatte, am andern Tage abzureisen. Jetzt trat Mad. Sand ein, setzte sich zu uns und erquickte sich an dem strahlenden Gesichte ihrer Schwiegertochter, die nun Alles, was sie liebte, um sich hatte. Wie am vorigen Tage, ward das Kind hereingebracht, das sich diesmal gefallen lassen mußte, fortwährend auf den Armen der Großmutter und des Großvaters herumzuspazieren. Wie am vorigen Tage auch bewegte sich die Gesellschaft in den Garten, und Mad. Sand benutzte das lebhafte Gespräch, um sich ganz allein in den Besitz ihres angebeteten Empereur zu setzen.

Sich plötzlich zu mir wendend, begann sie: „Sehen Sie, das Glück, ein Enkelchen auf Ihrem Schooße zu wiegen, hätte Sie nicht zum Hypochonder werden lassen. Man weiß nicht, was man zuerst an so einem Wesen bewundern soll. Diese Augen – sehen Sie nur!“

„Ich sehe recht gut, daß diese Augen schön sind, aber auch gern schlafen möchten und vor lauter Zärtlichkeit der Großmama nicht dazu kommen können.“

„Sie irren; – so ein Junge läßt sich nichts verbieten; der ist ein kleiner Hercules.“

„Vielleicht wird er’s einmal! Sie glauben ja ohnedies an eine Seelenwanderung. Erinnern Sie sich noch, wie Sie uns vor Jahren mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt erzählten, daß Sie in einer früheren Existenz Essenkehrerjunge waren und Ihrem savoyardischen Papa schreiend durch die Gassen von Paris nachgingen?“

Sie lachte herzlich. „Und Sie, deutscher Mann, finden derlei wache Träume absurd?“

„Ach, wir sind sehr realistisch geworden, und wenn Sie unsere neueren Physiologen und Philosophen, einen Moleschott, einen Schopenhauer kennten, Sie wären es vielleicht auch.“

„Ich kenne die Werke Eurer Denker, wenngleich nur im Auszuge, selbst Euren großen Kant. Doch das Gefühl hat seine Berechnungen, wie die Mathematik, und diese sind ebenso richtig.“

Und nun begann eine Philosophie des Herzens, die mit so vieler Ueberzeugung gegeben wurde, daß man ihr zuhorchte, wie den Worten des Propheten.

„Poet, Prophet! sagt unser großer Dichter, und ich wünschte, er hätte diesmal auch bei Ihnen Recht, theure Freundin. Mit dieser festen Ueberzeugung, daß das Ideal ewig in uns fortlebt und stets zu höherer Ausbildung gelangt, kann man ruhig leben und sterben.“

„Das Eine thue ich auch und das Andere werde ich hoffentlich dereinst. Aber vorläufig habe ich noch einen warmen Wunsch: ein paar Jahre in Deutschland zu leben.“

„Wie? Das wollten Sie?“

„Ich sehne mich darnach seit lange.“

„Kommen Sie, Geehrteste! Sie würden bei uns große Triumphe feiern.“

„Die sind’s wahrlich nicht, die mich hinzögen, denn ich bin eine schüchterne Natur und fliehe alle Huldigungen, wo ich kann, aber ich suche bessere, einfachere Menschen, als sie jetzt unser Frankreich bietet.“

„Nun, mit der Einfachheit ist’s bei uns auch nicht mehr weit her. Wir haben viel von Euch gelernt.“ – Das Gespräch nahm eine andere Wendung. Wir kamen auf das Capitel der Geselligkeit und des vielleicht zu weit getriebenen Bedürfnisses danach.

„Sie selbst, Beste,“ sagte ich, „leben umgeben von einer Art von Hofstaat. Ich dachte Sie mir in completer Einsamkeit, als ich hörte, Sie hätten Paris für immer verlassen.“

„Was Sie jetzt bei mir finden, ist auch nur ein kleiner Kreis der Intimen, die ihre Ferien bei mir zubringen. Die meiste Zeit hindurch bin ich allein und nur von meiner Familie umgeben. Wie könnte ich mich auch sonst mit meinem Einkommen vernünftig und ohne Schulden gebaren?“

„Nun, ich denke wohl, daß Sie Ihr Pfund auch finanziell bedeutend verwerthet haben.“

„Ja, verdient habe ich wohl mit meiner Feder über eine Million, aber mit dem Capitalisiren ging’s immer schlecht.“

„Das gute Herz mit seiner Philosophie,“ erwiderte ich, „ich kann mir’s denken, das hat nach allen Seiten gespendet. Dafür wird es auch von den Armen angebetet wie das Herz einer Heiligen.“

„Sie irren,“ sagte sie lächelnd, „meine Armen hier zu Lande nehmen auf eine eigene Art, die ihr Gewissen beschwichtigt. Ihr Satz lautet: ‚Warum sollten wir uns nicht beschenken lassen, da es ihnen Freude macht?‘ Aber ich plaudere da mit Ihnen, und sollte schon bei der Arbeit sitzen.“

„Haben Sie denn gar so viel zu schreiben? Sie werden sich noch um Ihre Gesundheit bringen.“

„Es geht nicht anders. Drei Bände jährlich meinem Verleger zu liefern, habe ich mich contractlich verpflichtet. Dazu kommen noch Feuilletons, Kritiken und andere Tagesarbeiten.“

„Wo Sie nur immer Stoff zu Ihren Romanen hernehmen?“

„Nun, daran fehlt es nie, man muß nur Aug’ und Ohr an rechten Orten öffnen. Beinahe jeder Mensch liefert mir unwillkürlich etwas, das ich benutzen kann. Sie selbst, mein Freund, haben mir erst gestern einen kleinen, Ihnen eigenthümlichen Charakterzug mitgetheilt. Wollen Sie, daß ich Sie zur Hauptperson einer Erzählung mache?“

[463] „Nein, um Gotteswillen, ich danke für alle Illustrationen, die meine Person angehen, selbst wenn Ihre Feder sie zeichnet.“

Meine Angst belustigte sie; aber das Gespräch war zu Ende, denn „meine Arbeit! meine Arbeit!“ rief sie, sich erhebend, legte das Kind in die Arme des Großvaters, sagte uns ein freundliches Adieu, mes amis!“ und eilte in das Haus zurück. – Mittlerweile war ich mit Maurice nach dessen Atelier gegangen – er malte ja immer noch im Stillen – und ließ mir die reichen Schätze seiner Skizzenbücher zeigen. Das war ein wahrer Hochgenuß, denn selten wird man Skizzen dieser Art mit so künstlerischer Hand entworfen finden. Plötzlich trat Madame Sand, ihre Papiercigarette rauchend, ein.

„Legt jetzt Euere Zeichenbücher bei Seite,“ sprach sie eilig, „und folgt mir. Mlle. Lambert kommt brühwarm aus Paris; wir wollen sie willkommen heißen.“

Wir gingen in den Salon hinab. Da war’s lebendiger, als je. Die Damen schwatzten um die Wette, und das kleine, zierliche Wesen, das noch in Reisekleidern dastand, wurde auf das Ungestümste umarmt.

„Bin ich glücklich, wieder einmal die Luft von Nohant einzuathmen und Ihre lieben Hände zu küssen, beste Madame Sand!“

So jubelte die Kleine, und sprang wie toll im Zimmer umher. Die schwarzen Augen leuchteten dabei, wie Glühwürmchen, und das dunkle Haar flog wild um Stirn und Nacken.

Madame Sand beschwichtigte das närrische, hübsche Kind, indem sie es bei der Hand nahm und mich ihm mit aller Gravität vorstellte.

„Adele, wir haben unserem alten Freunde schon manches Hübsche von Dir erzählt, nimm Dich also zusammen und lasse Dir ein Bischen von ihm den Hof machen.“

„Armes Fräulein,“ sprach ich lachend, „der Winter, der dem Frühling den Hof machen soll, der würde hübsch ankommen! Aber wenn Sie einen Großpapa brauchen?“ Ich hatte kaum das Wort ausgesprochen, so standen auch schon Thränen in Adelen’s Augen. Sie entfernte sich langsam und schweigend.

„Das arme Kind hat den Großvater wirklich vor Kurzem verloren,“ sagte mir die Sand, „und steht nun ohne männliche Stütze da, die kranke Mutter mit einer unbedeutenden Gage ernährend. Lassen wir sie ein bischen weinen; es wird gleich wieder Sonnenschein kommen.“

Und so war’s auch. Adele erblickte Manceau, machte ihm eine tiefe, ceremoniöse Verbeugung, lachte ihm plötzlich in’s Gesicht und zog ihn tanzend in den Garten hinaus.

„Hab’ ich’s Ihnen nicht gesagt?“ begann die Sand. „Es ist ein tolles Ding, aber von vortrefflichem Gemüth und unbescholtener Sittlichkeit. Wenn sie mit Manceau zusammen ist, so giebt’s ein wahres Kreuzfeuer von Invectiven.“

Es schlug vier Uhr auf der großen Pendule, und die Sand lud die Damen zum Besuche der Indre ein.

Um sechs Uhr war, wie immer, das Diner aufgetragen. Marie stand, der lieblichste aller Kammerdiener, mit der Serviette unter dem Arme, am Credenztisch. Adele tollte, Manceau neckte, kurz Alles war rosenrothen Humors; da betrat Mme. Sand mit ernster Miene das Zimmer. Sie winkte mich an ihre Seite, war und blieb aber wortkarg. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck physischen Leidens.

„Sie scheinen plötzlich unwohl, verehrte Freundin?“ redete ich sie an. „Das kalte Wasser hat diesmal seine Schuldigkeit nicht gethan?“

„Sie irren,“ antwortete sie, „es ist nichts, gar nichts!“

Ich dachte der Worte des Gärtners und war mehr als früher überzeugt, daß sie leide, aber es nicht eingestehen wolle. Daß dieser Wechsel des Befindens so schnell eintreten könne, dachte ich mir unmöglich. Sie nahm außer der Suppe und einem Bischen ihres Lieblingsgerichtes auch nicht das Geringste zu sich, verrichtete aber das mühsame Amt des Austheilens mit gewohnter Accuratesse.

Das Gespräch wollte nicht recht vorwärts. Wir kamen auf allerhand Trübes zu sprechen, so auch auf Delacroix, den ich sterbend in Paris verlassen hatte.

Adelen war es vorbehalten, den ernsten Geist zu bannen, der heute die Gesellschaft beschlichen hatte. Zu den Füßen der Sand gekauert, erzählte sie ihr nach Tische eine Unzahl niedlicher, heiterer Geschichten. Am Abende gelang es noch den fröhlichen und frischen Melodien des Barbiers von Sevilla den letzten Rest von Ernst, der auf der Stirn der Hausfrau lag, zu zerstreuen. Diesmal übernahm auch Madame Maurice einen Theil der musikalischen Produktionen. Sie sang mit wohlklingender Stimme neapolitanische Liedchen. Adele brachte den kleinen Marc Antoine jubelnd herein, damit er ebenfalls die Mama bewundern möge.

Der folgende Tag war ein Sonntag, doch wie verschieden war er von den unsern, die das Gepräge der Festlichkeit auf alle Menschen zu drücken scheinen! Nur die Natur hatte ein Feiertagsgesicht und -Kleid. Es hatte bei Nacht ein wenig geregnet, und somit war der häßliche Staub weggeschwemmt, der auf Baum und Wiese lag. Ein großes Ereigniß stand für den Abend auf dem Repertoir. Im nahen La Châtre wurde Theater gespielt. Madame Sand besucht es jedesmal und lud mich ein, sie dahin zu begleiten.

„Amüsirt Sie denn so ein Provinztheater?“ frug ich sie ganz erstaunt und die Einladung höflich ausschlagend.

„Mein Gott, nicht im Geringsten; die Leute spielen sehr mittelmäßig, und noch dazu ist die Hitze dort fast tödtend – aber was wollen Sie? ich habe nicht den Muth, meine Visite abzulehnen.“

Madame Lambert vertraute mir aber, sie thue es blos, um den armen Schauspielern eine gute Einnahme zu verschaffen.

„Man weiß in La Châtre,“ setzte sie hinzu, „daß Mad. Sand des Sonntags in’s Theater kommt. Alles will sie sehen, Alles drängt hin, macht ihr förmlich Spalier. Der Zweck ist erreicht, die Casse wird voll, wenngleich das arme Opfer von acht Uhr bis Mitternacht dasitzen und buchstäblich gute Miene zum bösen Spiele machen muß.“

Um sieben Uhr Abends fuhr die Kutsche vor. Diesmal war’s nicht das lustige Wägelchen, an dem ein einziges Pferd oft ein halb Dutzend Passagiere weiter ziehen mußte. Der Wagen hatte ein stattliches, antikes Ansehen und ein geräumiges Interieur.

Nach einer halben Stunde kamen die Damen in großer Toilette herab. Auch Marie mußte einsteigen. Sie war unter ihrer blendenden Cornette hübscher als je und freute sich wie ein Kind auf die Vorstellung. Sylvain, der Bruder Henri’s und, wie dieser, seit Jahren im Hause, hieb in die Pferde ein, und die Carosse rumpelte zum Thore hinaus.

„Heute Abend müssen wir uns schon auf unsere eigene Faust amüsiren, lieber Freund,“ sagte Maurice, sich zu mir wendend.

„Aber Sie haben jedenfalls gut gethan, nicht mitzufahren, denn die Sache ist erbärmlich und meine Mutter kommt immer halb todt gelangweilt zurück.“

Wir gingen in den Salon, trieben tolles Zeug, machten Musik und zogen uns etwas früher zurück, da Maurice an die Composition des Stückes gehen wollte, das morgen Abend von den Marionetten dargestellt werden sollte. – „O, Sie vernünftiger Großpapa, der Sie gestern zu Hause blieben!“ rief mir des andern Morgens Adele entgegen. „Das war ein Theater! Wenn wir so spielten!“ setzte sie sich in die Brust werfend hinzu. „Man gab uns den alten ‚Gamin de Paris‘ und dazu noch einige Stücke. Mad. Sand hatte die größte Mühe, den Schlaf zu bekämpfen; aber sie nickte nur so manchmal ein, denn sie wußte, daß Aller Augen auf sie gerichtet waren!“

Mich darauf zu Maurice wendend, frug ich, wie lange er in voriger Nacht gearbeitet habe. „Bis zwei Uhr,“ erwiderte er. „Das Scenarium ist fertig; an uns ist’s jetzt, unser Publicum durch einen geistreichen Dialog zu unterhalten. Aber viel Geist müssen wir entwickeln, denn das Drama hat drei Acte.“

Madame Sand kam dazu und forderte mich auf, einstweilen das Local in Augenschein zu nehmen. „Ich zeige Ihnen dabei unser Haustheater,“ sagte sie und führte mich fort. Wir gingen durch einen schmalen Corridor zu ebener Erde und traten in einen ziemlich beschränkten Raum, dessen Haupteingang gegen den Garten lag.

„Das ist unser Parterre,“ begann sie, „es faßt etwa sechszig Personen.“

Ein nett gemalter Vorhang verdeckte die Bühne. Er wurde aufgezogen und ich war von der angenehmen Größe derselben und der vortrefflichen Dekoration, die ein Glashaus vorstellte, frappirt.

„Jetzt kommen Sie einmal auf’s Podium und sehen Sie, wie der kleine Raum benutzt ist.“

Manceau trat dazu, er machte die Honneurs der Bühne, die [464] theilweise sein Werk war. „Sie sollen sich überzeugen,“ sprach er, „daß es uns an keiner Finesse fehlt, wir können selbst versinken, wenn’s darauf ankommt; freilich müssen wir dann auf dem Bauche hinauskriechen.“ Er öffnete dabei verschiedene Fallbreter. „Und Wind machen wir, wie sonst nirgends auf der Welt, auch Regen, Donner und Blitz. Hören Sie einmal!“ Er verschwand, und im Augenblicke kündigte sich ein wahres Elementarereigniß an. Der Sturm tobte, der Regen fiel in Strömen herab, der Donner rollte - Mad. Sand amüsirte sich dabei wie ein Kind, und ich war verdutzt – so einen Höllenlärm hatte ich mir in dem kleinen Raume unmöglich gedacht. Es ist wahrhaft wunderbar, welches Geschick der Franzose in solchen Arrangements entwickelt und mit welcher Naturtreue und welchem Kunstsinn er in Scene setzen kann.

„Ich habe mich meiner Haustruppe verpflichtet,“ sprach Mad. Sand auf’s Neue, „ihr wenigstens alle zwei Monate ein neues Stück zu liefern, wozu ich dann immer meine Freunde aus der Nachbarschaft lade. Es ist dies zugleich eine Art Studium für mich selbst, und schon Mancherlei habe ich davon auf die Pariser Theater übergehen lassen. Doch mit denen zu thun zu haben, hat mich niemals gefreut, ich bin keine bewegliche Natur (nature remuante) und das gehört dazu, wie ebenso viel Stoicismus.“




Blätter und Blüthen.

Auch eine Carriere in Rußland. Mit großem Interesse las ich in Nr. 17 der Gartenlaube die Schilderung einer „russischen Carriere“, möchte mir aber erlauben, das nachstehende Gegenstück, das die Lust zum Auswandern nach dem Reiche aller Reußen bedeutend abkühlen dürfte, aus meinem eigenen mehrjährigen Aufenthalt in St. Petersburg zu Nutz und Frommen des deutschen Publikums zu zeichnen. Es ist die in allen Details wahre Geschichte eines deutschen Landsmannes, die leider keineswegs eine vereinzelte Erfahrung ausmacht, sondern das Schicksal gar mancher durch glänzende Versprechungen nach Rußland gelockter und schmählich getäuschter junger Deutschen erzählt.

Wir nahten uns dem Ende des Januar’s. Ein heller kalter Winterabend mit seinem vollen Sternenhimmel lag über Petersburg, die stolze Hauptstadt glänzte, von tausend Lichtern erleuchtet, in ihrer ganzen Schönheit. Tausende von Schlitten glitten unter der kundigen Leitung ihrer Führer über die glatte Schneefläche mit Windeseile dahin; auf dem Newski-Prospcet und der Großen Morskoia wogte das vollste Leben. Fürwahr, dachte ich, ist es nicht hier in der nordischen Residenz so, als ob erst im Winter das eigentliche Herzblut zum Pulsiren käme und erst jetzt die Freude ihren Einzug hielte? „Aber auch Noth, Kummer und Sorgen,“ ergänzte ich mich selbst und schritt den stattlichen „Englischen Canal“ entlang, der Nikolai-Brücke zu. Mein Weg führte mich nach Wassilij-Ostrow auf das andere Ufer der Newa. Welch’ ein Abstich zwischen der Stille, die am späten Winterabende in diesem Stadttheile Petersburgs herrscht, und dem geräuschvollen Treiben auf dem Newski! In den liniirten Straßen, die Wassilij-Ostrow so eintönig machen, trifft man, sobald der Geschäftsverkehr aufgehört hat, nur noch hier und da vorübergehende Menschen an. Auf dem „Großen Prospekte“, der diesen Stadttheil seiner ganzen Länge nach durchschneidet, war schon Alles öd und leer, und am äußersten Ende desselben, im sogenannten „Galeerenhafen“, sah man nur noch vereinzelt ein Licht brennen.

Meinen Gedanken überlassen, schritt ich vorwärts, bis mich eine am Holzzaune hingekauerte Gestalt mit den Worten „Ach, lieber Herr!“ aus meiner stillen Betrachtung aufscheuchte. Still stehend, sah ich eine Gestalt sich erheben, wie sie in den größeren Städten Rußlands nicht selten zu finden sind. Vor mir stand ein junges Mädchen, dessen funkelnde, schwarze Augen die Gluth, die das Innere verzehrt, laut verkündigen, dessen bleiches, abgehärmtes Antlitz aber ebenso deutlich von Noth und Kümmerniß zu erzählen weiß. „Ach, lieber Herr!“ stammelte noch einmal das junge Weib, und ich sah nun, wie leicht sie bei solcher Winterkälte bekleidet war; der Frost schüttelte ihr die Glieder. Sofort legte ich ihr um, was ich an Pelzwerk entbehren konnte, und griff in die Tasche, ihr das Wenige zu geben, was ich bei mir hatte. Mit herzlichem Danke nahm sie Beides an, aber bat mich dann so inständig, mit ihr zu gehen, daß ich ihre Bitte nicht abschlagen mochte. Es sei nicht weit, sagte sie und zeigte auf ein kleines Holzhaus, in dem man noch ein Lämpchen schimmern sehen konnte. Auf dem Wege dahin entschuldigte sich die Kleine aber- und abermals, daß sie mich angerufen hätte, aber es sei nicht ihret-, auch nicht ihrer Eltern halber, sondern eines jungen Fremden wegen gewesen, der schon Monate lang bei ihnen und in großer Noth sei. Wer weiß nicht aus eigner Erfahrung, was es heißt, fern von der Heimath in einer ihm ganz fremden Welt ohne Freund, ohne eine liebe, treue Seele vereinsamt dazustehen? und wessen Gemüth neigte sich nicht demjenigen freundlich zu, der dem Vereinsamten wie dieses Mädchen nach Kräften zu helfen strebt?

Bald hatten wir das Holzhäuschen, auf das Olga gedeutet, erreicht, ein enges, einstöckiges, aus übereinandergelegten starken Holzbalken dürftig zusammengezimmertes Haus hart am Strom gelegen, welcher den „Galeerenhafen“ bespült und so häufig die umliegenden Häuser ganz unter Wasser setzt. Mit freundlichem Willkommen wurde uns geöffnet. Wir traten in ein Stübchen, das drei Menschen zugleich zur Wohnung, zum Schlafgemach und zur Küche dienen mußte, und nur von dem Oellämpchen, welches vor dem goldverzierten Heiligenbilde, dem einzigen Schmucke des Zimmers, hing, spärlich erleuchtet war. Den Willkomm bot uns die Mutter Olga’s, eine ärmlich, aber reinlich gekleidete Frau, die nicht Dankesworte genug zu finden wußte, als ihr die Tochter das erhaltene Geld einhändigte.

„Gott,“ sprach sie, „wie wird sich der arme fremde Herr freuen, wenn ich ihm einen warmen Thee machen und morgen etwas Gutes kochen kann! Sie glauben nicht, lieber Herr, wie leid uns dieser Fremde thut; es geht ihm so schlecht und er hat doch gewiß ein besseres Loos verdient. Wir haben, so lange es ging, Alles mit ihm getheilt, aber sehen Sie, wir sind arme Arbeitsleute, denen es recht sauer wird, ihr Stückchen Brod zu verdienen, und die leider nicht viel zu theilen haben; heute Morgen nun haben wir die letzte Kopeke ausgegeben, und da wissen wir wirklich nicht …“ Ein heftiges Schluchzen unterbrach die Frau, und man brauchte ihr nur in’s Auge zu schauen, um sich zu überzeugen, daß diese Thränen Thränen des schönsten Mitleids waren, die um so reichlicher flossen, je mehr sich das gute, theilnehmende Herz von der eigenen Hilflosigkeit überzeugte. Olga fügte ganz leise hinzu, daß die Mutter das letzte Geld verwendet hätte, um dem Fremden ein paar Eier kochen zu können.

„Wo ist denn jener Fremde?“ fragte ich.

„Dort im Nebenzimmer,“ antwortete Olga, „da sitzt er oft bis spät Nachts ohne Licht und grübelt darüber nach, wie er wieder nach seiner Heimath komme.“

Es drängte mich, mit dem Manne, der diesen armen Russen so viel Mitleid einflößte, zu sprechen. Ich bat deshalb Olga, mich bei ihm zu melden. Rasch kehrte das junge Mädchen zurück, zündete einen mit Oel getränkten Holzspahn an und führte mich in das Nebenzimmer. Ein junger schlanker Mann von dreißig Jahren, ein deutscher Landsmann, begrüßte mich, und als ich ihm erzählt, wie ich hierher gekommen, theilte er mir auf meine Aufforderung seine Lage mit.

„O die Thoren,“ begann er, „die sich durch Versprechungen und eitle Illusionen verleiten lassen, eine schöne Zeit ihres Lebens in dieser nordischen Wildniß unter tausend harten Entbehrungen nutzlos zu verbringen! Wie Viele hat man nicht in dieses Land gelockt, und wohl dem, der nicht in allzu großer Armuth und mit nicht allzu großer Verbitterung wieder heimziehen kann! Denken Sie nur an die große Menge fremder Arbeiter, die von gewissenlosen Agenten unter Versprechungen, die man ihnen gar nicht halten kann und die ein ehrlicher Russe auch gar nicht machen würde, alljährlich für Rußland geworben werden. Sie ziehen hin voller Hoffnung und träumen sich wohl gar den Himmel auf Erden, haben sie indeß erst einmal Alles, was ihnen daheim lieb und werth und zur Gewohnheit geworden war, eine gewisse Zeit entbehren müssen und eine Einsicht in die Verhältnisse gewonnen, wie enttäuscht und wie arm ziehen sie heim! So habe auch ich mich durch glänzende Versprechungen und – ich bekenne es offen – durch Illusionen zur Auswanderung nach Rußland verleiten lassen. Ich bin Architekt, und Protektionen von hochgestellten Personen meines Heimathsstaates, warme Empfehlungen an hiesige einflußreiche Männer und die Versicherung derselben, Alles für mich thun zu wollen, was in ihren Kräften stehe, ließen mich hoffen, daß ich in einer Zeit, wo der Staat so großartige Bauten unternimmt und der fremden Kräfte mehr wie je bedarf, hier eher als im Vaterlande meinen Wirkungskreis finden würde. Aber ich habe gesehen, welchen Werth jene Versprechungen haben; nach langem Harren bin ich, da meine Baarschaft nicht bedeutend und es mir bei redlichstem Bemühen nicht möglich war, mir meinen Unterhalt zu verdienen, in die äußerste Bedrängniß gekommen und überzeugt, daß ich ohne diese brave russische Familie, bei der ich nun schon lange wohne, dem Hungertode nahe gewesen wäre.“ Und dann bestätigte er nicht nur alles das, was die Russin mir selbst erzählt hatte, sondern fügte unter Andern noch hinzu, wie er hinterher erfahren, daß seine Wirthin zuweilen alle ihre Werthstücke auf das Leihhaus getragen habe, blos um aus dem Erlöse für seine geringen Bedürfnisse sorgen zu können. Lange saßen wir so im Gespräche zusammen, endlich verabschiedete ich mich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen. Kurz darauf wurde für die Heimkehr des Landsmannes durch Freunde und Bekannte gesorgt; die braven Russen und ein paar andere Freunde geleiteten ihn an Bord des Schiffes, und mit einem herzlichen „Habt Dank für euere Treue!“ schied er von der in ihren Goldkuppeln strahlenden Residenz, die ihm wie so manchem Fremden eine Leidensstätte gewesen war. Die aufopfernde Liebe der Russen aber, von der ich hier erzählt, steht nicht allein, sie ist in allen Theilen Rußlands zu finden.
B. 




Erklärung. In einem in Nr. 35 und 36 d. J. der Zeitschrift „Ueber Land und Meer“ unter dem Titel „Flensburger Fuhrpark“ veröffentlichten Artikel hat Herr Graf Adalbert Baudissin die Wahrheitstreue meiner in Nr. 14 der Gartenlaube erschienenen Zeichnung „Vorposten bei der Nübler Wassermühle auf der Sonderburger Chaussee“ angefochten und namentlich behauptet, die preußischen Vorposten haben sich nie und nirgends durch dergleichen Verhaue gedeckt, wie ich dies auf meinem Bilde dargestellt.

Darauf habe ich einfach zu erwidern, daß sich die am 3. März d. J. genau nach der Natur aufgenommene Studie des fraglichen noch vor der Büffelkoppel, wo damals der Vorposten stand, errichteten Verhaues in meiner Mappe befindet und Herrn von Baudissin zur Einsichtnahme zu Diensten steht. Ferner bemerke ich, daß die Officiere der 7. Compagnie des 64. preußischen Regiments (Brandenburg), mit denen ich damals auf Vorposten lag, die Existenz jener Verhaue constatiren und besonders bestätigen können, daß vor der Büffelkoppel auf der Sonderburger Chaussee die Vorposten sich etwaigen feindlichen Angriffen niemals ungedeckt aussetzten, sondern Barrikaden und Verhaue errichteten, ebenso wie die Feldwachen sich befestigten, so gut es das vorgefundene Material erlaubte.

Weimar, im Juni 1864.
Otto Günther. 

  1. Die intelligenten Criminalbeamten Pick, Weber und Bornemann.
  2. Die Verbrecher gegen das Eigenthum zerfallen in verschiedene Abtheilungen, von denen keine der anderen in’s Handwerk greift. Die gefährlichste Sorte derselben, die Einbrecher, bilden die Aristokratie des Standes und befassen sich nie mit Taschen- oder Nachschlüsseldiebstählen. Zufallsgänger heißen in der Diebssprache die Gauner, welche eben ohne Plan und Vorausbeschluß das nehmen, was ihnen der Zufall in die Hände spielt; Kittenschieber sehen es auf Silberzeug in den unbewachten Küchen ab; der Flatterfahrer besucht die Böden, nach Wäsche fahndend; der Schlafstubendieb sucht den Bewohner entweder im Schlafe auf, um, dessen Ueberraschung benutzend, schnell Uhr und Börse an sich zu reißen, oder, sich mit irgend einer Frage um beliebige Auskunft eindrängend, die Gelegenheit zu einem Fang zu erspähen; die unterste Sorte, die Blamdiebe, scheuen sich nicht, sich wegen eines Gewinnes von einigen Groschen zu blamiren – kurz, Jeder hat seinen streng abgezweigten Geschäftskreis im Diebeshaushalte.
  3. Rogggenstein sprach bei Verhören mit Verbrechern stets den Berliner Dialekt der untersten Volksclassen, verstand auch die Diebessprache vollkommen und war unter den Gaunern eine sehr beliebte und geachtete Persönlichkeit.
  4. Herr von R. ist auch der Entdecker des Gießbachs, wenigstens in seiner jetzigen Gestalt.