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Textdaten
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Autor: Otto Günther
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Titel: Eine russische Carriere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 270–272
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[270]
Eine russische Carriere.[1]

Im Jahre 1822 suchte die russische Regierung einen deutschen Forstmeister für die Umgebung Petersburgs an sich zu ziehen, um junge Leute praktisch in der Forstwissenschaft auszubilden. Der Auftrag wurde einem höhern deutschen Beamten in russischen Diensten gegeben, und dieser empfahl aus seiner eigenen Heimath, einem der kleinsten Fürstenthümer, einen erfahrenen, ihm wohlbekannten Mann. Der Forstmann war nicht wenig überrascht von solch einem Antrage, der seinen bisherigen Gehalt von 300 Thalern auf 2000 erhöhte, aber ihn auch 300 deutsche Meilen von seiner Heimath entfernte. Ein Mann von 47 Jahren, Wittwer, Vater von zwei Söhnen, konnte er sich nicht sofort zur Annahme des sonst so verlockenden Anerbietens entscheiden; namentlich beunruhigte ihn das Schicksal seiner beiden Kinder. Endlich entschloß er sich doch nach Rußland zu gehen, den ältern seiner beiden Söhne, Gustav, einen siebzehnjährigen Jüngling, dem man, als einem ausgezeichneten Lateiner, ein glänzendes Loos, das des ersten Geistlichen des Fürstenthums oder gar eines Professors, prophezeite, aber in der Heimath zu lassen und nur den jüngern, Eduard, über dessen klassische Befähigung der Conrector des Gymnasiums sich minder günstig aussprach, mitzunehmen. So erreichten denn Vater und Sohn Ende September die große nordische Hauptstadt, fanden bei dem freundschaftlichen Vermittler eine gastfreie Aufnahme, waren aber Beide recht niedergeschlagen, ja von der Größe der neuen Verhältnisse fast erdrückt und sehnten sich ernstlich nach Hause zurück. Vor Allem, meinte der treue Landsmann, gälte es nun, Russisch zu lernen und zwar wo möglich im Laufe eines Jahres. „Nur nicht die Zeit mit der Grammatik verloren," sprach der Landsmann, „sondern fort mit Eduard auf ein Jahr in ein Dorf, wo er nicht einen andern Laut hört. Wenn er so gut Russisch spricht, wie ein Bauer, so spricht er es besser, als der größte deutsche Philolog je das Latein gesprochen hat; denn in Rußland giebt es keine verschiedenen Dialekte, auch keine Volks- und höhere Mundart, wie in Deutschland, sondern Bauer und Fürst, Herr und Diener, Nord und Süd reden vollkommen dieselbe Sprache." Beide waren über den Vorschlag bis zu Thränen entsetzt, doch es konnte eben nichts helfen.

Nach Ablauf eines Jahres sahen sich Vater und Sohn wieder, und Eduard war gewachsen und sprach Russisch, zwar noch nicht vollkommen, aber mit großer Leichtigkeit und Verständlichkeit. „Jetzt in ein Cadettencorps," mahnte der treue Landsmann, „und zwar in das der Ingenieure." — „Aber um Gotteswillen," entgegnete der Forstmeister, „wir sind ja nicht adligen Ursprunges!" — „Für die russische Regierung," fiel der Landsmann ein, „giebt es weder Adlige noch Bürgerliche, sondern nur brauchbare oder unfähige Staatsdiener."

Der Vater widersprach diesem Vorhaben anfangs auf das Entschiedenste, ließ sich doch aber allmählich durch den Landsmann aufklären. „Legen Sie," sprach derselbe, „in unserm Weltstaate Ihre deutschen kleinstädtischen und kleinstaatlichen Begriffe von Adel und Bürger, von Militär und Civil ab. Freilich dürfen Sie nicht darauf rechnen, daß Eduard hier in Petersburg sein Leben ruhig verbringen wird. Von Archangelsk bis Tiflis, von Kalisch bis nach Nordamerika ist hier ein ebenso lebhafter Verkehr, wie zwischen Weimar und Gotha, und der brauchbare Officier muß immer darauf gefaßt sein, einige Tausend Werst weit verschickt zu werden."

Nach einigen Wochen trat denn Eduard in das Ingenieurcorps, in derselben Zeit, wo sein Bruder Gustav die Universität Jena bezog. Er fühlte sich nicht so fremd, wie er gefürchtet hatte; mit ihm traten gegen zwanzig junge Männer ein aus den verschiedensten Theilen des großen Reichs, aus Moskau, Kiew, Kasan, Simbirsk, aus den deutschen Ostseeprovinzcn, Fürsten und Grafen, Adlige und Bürgerliche, und er merkte, daß hier kein Standesunterschied gelte. Alle Wissenschaften wurden in russischer Sprache vorgetragen, nicht ohne Schwierigkritcn für ihn in den ersten drei Monaten; aber nach einem Jahre war ihm die neue Sprache fast geläufiger, als die deutsche, weil alle neuen Kenntnisse in der erstern in seinem Kopfe Platz nahmen. Er verwandte die Sonntage dazu, französisch zu lernen, und zwar nur durch den Umgang mit einem jungen Franzosen, der sein Mitschüler war. Den alten Vater sah er wenig, aber auch dieser hatte sich besser in die neuen Verhältnisse gefunden, als zu erwarten stand.

Alle Monate kam ein Brief aus Jena von Gustav, und dann überfiel Vater und Sohn eine Art Heimweh, wenn sie in dem Briefe von deutscher Gemüthlichkeit, von deutschen Eichenwäldern und deutscher Freiheit hörten. Beide machten den stillen Plan, den Candidaten der Gottesgelahrtheit doch vielleicht nach Rußland kommen zu lassen. Auf eine leise Anfrage, die der Vater in einem Briefe that, antwortete aber Jener mit Widerwillen und sprach aus, wie glücklich er sich unter gelbledernen Folianten, rothen Mützen und deutschem Himmel fühlte.

Drei, vier Jahre gingen jetzt pfeilschnell an der Saale, wie an der Newa vorüber, und 1827 erschien Eduard als Officier vor seinem Vater, und zwar mit der goldenen Medaille, d. h. nicht allein als der Fähigste und Ausgezeichnetste, sondern als einer, der gleich beim Beginn seiner Laufbahn einen Rang überspringt und von der Regierung sechs Jahre auf Reisen geschickt und währenddem jährlich mit tausend Thalern unterstützt wird. Das ging über die kühnsten Träume des Vaters hinaus, und er fing leise an, das richtige Urtheil des Conrectors seiner Vaterstadt über die beiden Söhne in Zweifel zu ziehen; denn Gustav hat im Gegentheil noch um ein Jahr Zeit, um sein Examen machen zu können, während der Vater von ihm Wunderdinge erwartet hatte. Im nächsten Jahre sollte Eduard seine Reise antreten und hoffte, den gelehrten Bruder selbst zu besuchen, da brach der Krieg zwischen Rußland und der Türkei aus, und Eduard mußte Petersburg im Gefolge eines Geniegenerals noch früher verlassen, als die Garden auszogen. Furcht und Hoffnung pochten in dem Herzen des Vaters, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo der erste Brief des jungen [271] Kriegers anlangen würde. Endlich nach länger als zwei Monaten findet er einen Brief unter seiner Adresse vor, aber von fremder Hand) er öffnet ihn und bleibt starr stehen. Der Brief ist nicht von, nicht über Eduard; er ist von einem Professor in Jena, der dem Vater anzeigt, daß sein Sohn Gustav durch das Examen gefallen sei; der Sohn habe nicht den Muth, den Vater selbst zu benachrichtigen, der Professor bitte aber noch um ein Jahr Unterstützung, zur Fortsetzung der Studien und um die gewöhnliche Prüfung eines Candidaten bestehen zu können. Der Professor deutete zugleich an, daß es dem Sohne zwar nicht an Fleiß und guter Führung gefehlt habe, wohl aber an Fähigkeiten, und an eine Universitätsprofessur sei bei so mittelmäßigen Anlagen nicht zu denken.

Der Alte war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren; ein solcher Irrthum, ein solches Verkennen seiner beiden Söhne wäre dem Vater noch zu verzeihen gewesen, aber dem Conrector! Das schien ihm zu toll. Er konnte seinen gerechten Kummer Niemandem anvertrauen, als dem vortrefflichen Landsmann, der achselzuckend den Brief durchlas und dem Vater zum Troste sagte: „Ein wahres Glück, daß Sie den dummen Jungen nicht mit nach Rußland gebracht haben. Lassen Sie ihn so lange studiren, bis er sein Examen gemacht, und dann Gott befohlen; eine Dorfpfarrerstelle wird er doch gelegentlich bekleiden, und dahin mag er passen, aber nicht hierher. Todte Kenntnisse haben hier besonders keinen Werth, aber lebendiger, schnell fassender, durchdringender Verstand, Geistesgegenwart und vor Allem Menschenkenntniß. Ich habe selbst in Jena studirt, allein meine Hefte von dort nie wieder geöffnet und zu Rathe gezogen. Alles todter Kram! lebende Sprachen, lebende Menschen kennen lernen, Länder bereisen, Staatsverfassungen studiren, Natur und Kunst, und vor Allein Mathematik."

Sehr niedergeschlagen ging der Forstmeister nach Hause, schickte das nöthige Geld an Gustav und fing an zu fürchten, daß Eduard gar nicht zurückkomme und Jener zur Betrübniß und Schande des Vaters fortleben werde. Es vergingen sechs Monate, der Krieg hatte ernstlich begonnen und manche Schlacht war geliefert worden; von Eduard war nichts zu hören. Da kam eines Tages der Landsmann zum Forstmeister mit einer Zeitung in der Hand und sagte: „Lesen Sie!“ Zitternd nahm Jener das Blatt in die Hand; aber wie verklärte sich sein Gesicht, als er Eduard’s Namen unter 17 Officieren genannt sah, die sich beim Sturme von Brailow ausgezeichnet hatten und vom Kaiser belohnt wurden. „Sehen Sie," sprach der Landsmann, „die Vorzüge eines großen Weltstaates, wo jedes Talent seinen Platz findet, während in dem kleinen Fürstenthum so manches verkümmert! Setzen wir den Fall, einer Ihrer Söhne sei selbst Minister des Fürsten geworden, so käme sein Wirkungskreis noch nicht einem Sectionschef in hiesiger Bedeutung gleich, ja das ganze Fürstenthum würde hier nur der fünfzehnte oder sechszehnte Kreis eines Gouvernements sein." Der Forstmeister stand sprachlos vor dem Zeitungsblatte und hatte kaum gehört, was der Landsmann sagte; aber sein thränendes Auge verrieth Alles, was in ihm vorging. Er kaufte zwei dieser Zeitungsblätter und schickte eins nach Jena an Gustav; das andere schloß er sorgfältig bei sich ein als das kostbarste Papier in seiner ganzen Habe.

Wieder schwanden mehrere Monate ohne Nachricht; unterdessen floß Blut in Strömen, und viele Familien in Petersburg hatten Väter und Söhne zu beweinen. Endlich kam ein Brief von Eduard’s Hand, der nur folgende Zeilen enthielt: „Lieber Vater, ich schreibe Dir am Abend nach einer blutigen Schlacht in einer Scheuer, wo über zwanzig Verwundete um mich winseln; statt eines Tisches auf einem Fasse, statt eines Lichtes hält mein Diener einen brennenden Holzspahn. Mein Arm ist vollständig geheilt. Eduard." Er war also verwundet gewesen, aber ob schwer, ob leicht, vor kurzem oder schon seit lange, ob die Wunde der Grund seines langen Schweigens, das waren alles Fragen und Zweifel, die den Alten in einer fieberhaften Unruhe erhielten. Das Frühjahr 1829 kam heran, Schumla war gefallen, die Russen gingen über den Balkan, da zeigte Gustav dem Vater an, sein Examen sei glücklich überstanden und er würde nach vier Wochen als Hauslehrer zweier Knaben eines Justizrathes in der Vaterstadt auftreten, mit 150 Thaler Gehalt und der Aussicht durch den hohen Gönner später zu einer Pfarrerstelle empfohlen zu werden. Diese Mittheilung machte den Vater weder warm noch kalt, während er von Eduard Tag und Nacht träumte; ja als schon die Rede vom Frieden, der zu Adrianopel geschlossen werden sollte, durch die Hauptstadt lief, da zweifelte er an Eduard’s Rückkunft. Der treue Landsmann versicherte, daß er jede Woche die Liste der Getödteten zu lesen bekomme und daß Eduard dort nicht genannt sei. „Keine Nachrichten sind immer die besten," fügte er hinzu. „Ich erfuhr es nach vierzehn Tagen, als mein Schwager bei Brailow geblieben, aber es vergingen sechs Wochen, ehe von Eduard’s Belohnung die Rede war. Es kann indeß ein halbes Jahr verstreichen, ehe die Garden nach Petersburg zurückkommen, denn der Weg zählt über 2000 Werst."

Den 17. Januar 1830 feierte der Forstmeister in Gesellschaft des Landsmanns seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag still in Nachdenken und traulichen Gesprächen verloren; ein Brief von Gustav war schon Tags zuvor angelangt. Plötzlich hält in der öden Straße, wo der Forstmeister in einer entlegenen Vorstadt wohnte, ein Schlitten von zwei in Mäntel gehüllten Officieren besetzt. Es klopft an die Thür, mehr aber an das Herz des Alten; ein General tritt herein und mit ihm ein junger Officier, dessen Brust mit zwei Orden geschmückt ist. Dieser wirft sich sprachlos an des Vaters Brust: es ist der langersehnte Eduard, der als Stabscapitain zurückkehrt. „Ich muß den Vater eines so braven Officiers kennen lernen," spricht der General, „daher führe ich Ihren Sohn selbst zu Ihnen." Beide erzählen nun um die Wette, und der Alle kann nur zuhören. Beide sind seit vorgestern gegen dreihundert Werst gereist, um den Vater an diesem Tage zu begrüßen. Für den Alten ging am Abende seines Lebens noch eine neue Welt auf; Eduard hatte in nicht ganz zwei Jahren mehr erlebt, als das ganze Fürstenthum seit fünfzig Jahren. Und doch war es eben nur der Anfang einer Laufbahn, deren Ende in einem Weltstaate nicht vorauszusehen ist.

Im nächsten Sommer wollte Eduard seine Reise antreten, aber die Zustände in Frankreich ließen eine Revolution voraussehen, die im Juli ausbrach, im November die polnische nach sich zog und die russischen Truppen von Neuem in’s Feld rief. Anfangs Januar des Jahres 1831 verließ Eduard von Neuem seine stille Wohnung und den alten Vater, ohne zu ahnen, daß er demselben das letzte Lebewohl sage. Der Feldzug in Polen beförderte den jungen deutschen Officier zum Range eines Hauptmanna, zum Adjutanten des geschickten Geniegenerals Sch . . . ., aber hielt ihn auch nach dem Ende des Krieges in Polen zurück, wo eine Menge Festungsarbeiten begannen und die Thätigkeit Eduard’s in vollen Anspruch nahmen.

Im Jahre 1834 starb der alte Forstmeister in Petersburg, und sein Sohn erhielt die Nachricht davon nur durch den gefälligen Landsmann. Sein Aufenthalt dauerte in Polen bis zum Jahre 1837. Dann schickte ihn die Regierung auf jene Reise durch ganz Europa, welche ihm schon früher mit der goldenen Medaille zugesagt war; aber er kam nicht als Hauptmann, sondern als Oberstlieutenant nach Deutschland. Natürlich besuchte er die Heimath, die Residenz seines Fürsten, dessen Minister nicht glauben wollten, daß er Oberstlieutenant sei, und deshalb seinen durch die russische Gesandtschaft in Paris mit dem neuen Range ausgestellten Paß auf eine lächerliche Weise zu Rathe zogen. Es wurde ihm die außerordentliche Ehre zu Theil, an der fürstlichen Tafel zu speisen mit den sechs Ministern des Landes; auch besuchte er seinen Bruder, der schon seit zehn Jahren als Candidat der Theologie sein Leben fristete, theils von väterlichen und brüderlichen Unterstützungen lebte und selbst allmählich die Aussicht auf eine gute Dorfpfarrerstelle verlor, weil ihm, dem ehemaligen Cicero, die Kanzelberedsamkeit in der deutschen Sprache vollständig abging. Auch den Conrector, jetzt Rector des Gymnasiums, der trotz der Beförderung ihm nicht mehr so weltgebieterisch vorkam wie vor achtzehn Jahren, besuchte Eduard; allein auch dieser machte auf den beschränkten Philister einen andern Eindruck als damals.

So schied Eduard in einem gewissen Mißmuthe, von der lieben Heimath und wurde, kaum an der Newa angelangt, zum Grafen Woronzow verlangt. Dieser war eben vom Kaiser Nikolaus zum Oberbefehlshaber der kaukasischen Armee und Generalstatthalter in Tiflis ernannt worden und suchte mehrere geschickte Ingenieure mit sich dahin zu nehmen. Woronzow setzte dem jungen Oberstlieutenant aus einander, daß am Kaukasus eine einseitige Fachkenntniß nicht hinreichend sei, ein guter Stabsofficier müsse vielmehr eben so gut Artillerist als Cavallerist sein und das Militärhandwerk im vollsten Umfange praktisch kennen. Er rieth Eduard an, ein Jahr lang nach Pawlowsk (bei Petersburg) zu gehen, in die sogenannten Musterregimenter zu treten und sich mit dem Militärdienst nach allen [272] Richtungen hin vertraut zu machen. Nach achtzehn Monaten langte Eduard am Kaukasus im Hauptquartiere Woronzow’s an, und von hier verfolgen wir seine Carrière nicht mehr im Einzelnen.

1852 verließ Schreiber dieser Zeilen Rußland für immer. Wenige Tage vor seiner Abreise ließ sich der Generallieutenant Eduard K. anmelden. „Seit sieben Jahren bin ich ohne Nachricht von meinem Bruder," sprach er; „hätten Sie wohl die Gefälligkeit, ihn in Deutschland aufzusuchen und ihm diese tausend Rubel in Gold zu überreichen?" Ich begab mich nach der kleinen Residenz und traf den Bruder des Generallieutenants K. als — Schreib- und Rechenlehrer an der Mädchenschule daselbst.

Zum Schlusse fügen wir noch hinzu, daß der General Eduard durch richtig getroffene Vorkehrungen im Jahre 1860 so glücklich war, den Plagegeist Rußlands, Schamyl, gefangen zu nehmen. In der Heimath ist sein Name vergessen, in Rußland aber glänzend in die Annalen des Krieges am Kaukasus eingeschrieben. — Wie viele seiner besten Kräfte hat Deutschland an Rußland verliehen, von Münnich, Ostermann, der großen Katharina an bis auf Diebitsch, Cancrin und den General Eduard, die in der Heimath vielleicht nie zu ihrer Entfaltung gekommen wären; wie unendlich viel ist Rußland dem deutschen Geiste, der deutschen Kraft und der deutschen Bildung schuldig geworden! —


  1. Den vorstehenden Artikel verdanken wir der Feder eines Mannes, welcher, Deutscher von Geburt, im Hause des verstorbenen Kaisers Nikolaus eine der hervorragendsten und einflußreichsten Stellen bekleidete und auch als Schriftsteller eines wohlverdienten Rufes genießt. Wir äußerten dem Verfasser unsere Bedenken über die parteiische „Verherrlichung Rußlands", die wir, dem deutschen Vaterlande gegenüber, in dem sonst vielfach instructiven Aufsatze mit Recht zu erblicken glaubten und an der wir unsererseits uns nicht betheiligen mochten, am allerwenigsten in einem Augenblicke, wo das russische Verfahren gegen das unglückliche Polen die ganze civilisirte Welt mit Unwillen erfüllt. Darauf ward uns von dem Einsender des Artikels eine zwar ebenfalls ziemlich russophilisch gefärbte, doch im Ganzen so interessante und vielfach den Nagel auf den Kopf treffende Antwort, daß wir, mit Autorisation ihres Schreibers, uns nicht versagen können, einige der charakteristischesten Stellen seines Briefes wörtlich zu veröffentlichen: „Eine Verherrlichung Rußlands fällt mir dabei ebenso wenig ein, als das Lob des Herkules zu singen. Die Zustände Deutschlands Rußland gegenüber verherrlichen sich ja in diesem Augenblicke ganz von selbst, so daß, wenn die europäischen Großmächte nicht dadurch erschüttert werden, jedenfalls das Zwerchfell des Auslandes in Bewegung gesetzt wird. Was die grausame Härte Rußlands betrifft, womit es Polen behandelt, so kommt sie nicht derjenigen gleich, mit welcher einst der erste Napoleon auf Deutschland lastete, womit der dritte Napoleon das große Frankreich aussaugt, oder mit welcher einst Ludwig XIV, die Pfalz verwüstete. Der Deutsche hat immer Thränen für fremdes Unglück, nach dem seinigen fragt er nicht. Ist es einer Zeitung eingefallen, sich zu erkundigen, mit welchem Muthe die Großfürstin Alexandrine, eine deutsche, sachsen-altenburgische Prinzessin, ein Jahr lang den Dolchen, Giften, Revolvern und andern Mordversuchen ausgesetzt war? Jener englische Staatsmann hatte vollkommen Recht, als er 1814 zum Kaiser Nikolaus in London sagte: „Die Deutschen glauben an ihre Hirngespinste und ihre Bibliotheken -, sie werden weder Ihnen noch uns schaden." Rußland wird in meinem Artikel insofern verherrlicht, als es zu jeder Zeit verstanden hat, das Talent aus der Menge herauszufinden, zu fördern, zu belohnen. Die Wittwe Karamsin’s erhielt 50.000 Rubel Pension; vergleichen Sie das mit unsern Historikern, deren Ruhm und Wirksamkeit unendlich größer ist und die sich leider oft schon sehr geehrt fühlen, wenn ein Oberst oder Hofmarschall mit ihnen spricht. In Rußland ist der Mensch in einem ewigen Kampfe und er fällt oder siegt; in Deutschland endigt er ganz sicher als Philister, und würde er Bundespräsidialgesandter. Nehmen Sie diese Zeilen nicht für Kinder meiner Galle, sondern nur als eine rein deutsche Ansicht, freilich ohne jede Spur von Provinzialismus." Unseren Lesern anheimstellend, sich selbst ein Urtheil über die in diesen Mittheilungen, wie in dem Aufsatze selbst documentirte, mehr als realistische Anschauung zu bilden, müssen wir doch bekennen, daß der Brief uns viel zu denken giebt und daß jedenfalls auf Beachtung Anspruch machen kann, was ein Mann über die Zustände Deutschlands urtheilt, der nach so langer Wirksamkeit im Auslande in die Heimath zurückkehrt.
    D. Red.