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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1864) 145.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[145]

No. 10.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.




Unsichere Fundamente.
Erzählung von Otto Ruppius.
(Fortsetzung.)


Schweigend stiegen Beide nebeneinander die Treppe hinab und betraten das Comptoir, wo Hellmuth den Gast nach seinem Cabinet geleitete, ohne den aufmerksamen Blick sichtlich zu beachten, welchen der Letztere über die Zahl der emsig arbeitenden Gehülfen gleiten ließ.

„Wollen Sie hier für einige Minuten Platz nehmen?“ sagte der Kaufherr, nachdem er die Thür des Cabinets sorgfältig geschlossen, und deutete nach einem Lehnstuhl an der von dem Eingange weitest entfernten Wand, während er einen andern Sessel für sich selbst herbeizog.

„Ich möchte,“ fuhr er fort, nachdem sich Beide niedergelassen hatten, „eine offene Frage, Mann gegen Mann, an Sie richten. Daß dieses jetzt geschieht, wo Zeit und Ort dafür am wenigsten passend erscheinen, wird ein eigenthümlicher Vorfall rechtfertigen, den ich Ihnen sodann mittheilen werde.“

„Reden Sie, Herr Hellmuth,“ versetzte Maçon, und nur der sich leicht schärfende Blick sprach von seinem erhöhten Interesse für das Kommende.

„Sie sind, wie Sie sagen, mit den frühern Beziehungen Ihres verstorbenen Vaters zu mir genau vertraut,“ fuhr der Erstere fort, „und ich greife also wohl nicht fehl, wenn ich voraussetze, daß Sie als Erbe von dessen Ansprüchen hier erscheinen. Welcher Grund aber, Herr Maçon, hat Sie denn bewogen, nicht offen zu einem ehrlichen Manne zu kommen und zu sagen: Liefere mir aus, was mein gehört!? Eine einzige Frage in der Stadt hätte Sie ja über meine Zahlungsfähigkeit unterrichtet. Warum denn erst unter der Hand sich mit einem Menschen aus meinem Geschäfte verbünden, welcher, durch Eigennutz und Selbstsucht verblendet, Ihre Ansprüche in der wunderlichsten Weise betrachtet und bereits durch Sie auf meinen Ruin speculiren möchte?“

Ein eigenthümlich ernster, durchdringender Ausdruck malte sich im Gesichte des jungen Mannes. „Ihren letzten Vorwurf hinsichtlich dieses sogenannten Bündnisses will ich vorläufig einmal bei Seite lassen, Herr Hellmuth, und mich nur an Ihre erste Frage, Mann gegen Mann, halten. Ich kam nicht als Fordernder zu Ihnen, weil ich mir über die Weise dieser Forderung selbst noch nicht klar war, weil ich nicht als schonungsloser Störer eines langjährigen Geschäfts- und häuslichen Glücks in Ihr Haus treten mochte, weil ich gedachte, erst persönlich kennen zu lernen, mit wem ich es zu thun hatte, um danach mich für den einen oder den andern Weg in meinem Verfahren bestimmen zu lassen –“

Hellmuth’s Kopf hatte sich während dieser Worte langsam zurück gebogen, während seine Züge eine Art von Undurchdringlichkeit annahmen. „Ich verstehe Sie nicht, verehrter Herr,“ unterbrach er den Sprecher, „Glück stören – Verfahren –! es scheint, die Ideen meines gewissenlosen bisherigen Buchhalters haben bereits bei Ihnen Wurzel geschlagen!“

„Bitte, Herr Hellmuth, lassen Sie diesen Mann, den ich nur eben neben mir geduldet habe, bei Seite,“ erwiderte Maçon, „ich war über alle Einzelheiten auch ohne ihn klar und fühlte mich sicher das durchzuführen, wozu ich mich entschließen würde. Aufrichtig leid thut es mir nur, daß Sie mich jetzt bereits gezwungen, meine Stellung Ihnen gegenüber einzunehmen, da sich doch, hätten Sie die Geltendmachung meiner Ansprüche abgewartet, Manches vielleicht bedeutend milder hätte gestalten können.“

„Ich will Ihnen zweierlei sagen, Herr Maçon!“ unterbrach ihn Hellmuth lebhaft. „Ich bin erstens nicht der Mann, der einem Andern freundlich zulächeln kann, wenn er in ihm einen Feind erkannt hat. Ich bin Ihnen herzlich entgegengetreten, so lange ich in Ihnen nur den Sohn Ihres Vaters sah, der gekommen war, das mir anvertraute Gut zurückzufordern; mit dem Bekenntniß eines versteckten, andere Zwecke verfolgenden Spiels gegen mich aber, wie dies mir soeben geworden, treten natürlich andere Empfindungen auf, die ich nicht gelernt habe unter einem glatten abwartenden Schweigen zu verdecken. Dann aber, Herr Maçon, bin ich nicht gewohnt, irgend eine anscheinende Gefahr über meinem Geschäfte aufziehen zu sehen, ohne sofort ihrer Natur und Tragweite auf den Grund zu gehen. Soeben habe ich von drei mir befreundeten Bankhäusern die unzweideutigsten Zeichen eines plötzlich erwachten Mißtrauens gegen mich erhalten, das sich nur auf Ihre Ansprüche an mein Geschäft, wie sie in Meier’s Kopf gewachsen sind, zurückführen läßt, und Sie werden mir zugeben, daß somit wohl die Zeit zum sofortigen unverdeckten Sprechen gekommen ist!“

Maçon, welcher bisher der Rede mit unbeweglichem Gesichte gehorcht, öffnete bei den letzten Worten groß die Augen. „Ich denke den Verdacht zu verstehen, welchen Sie mit dieser letzten Angabe andeuten,“ sagte er nach einer kurzen Pause langsam, „ich kann Ihnen jedoch mein Wort geben, daß ich mich nicht der kleinsten Aeußerung, welche Ihren Credit hätte benachtheiligen können, schuldig weiß!“

„Sie haben so viel von Ihrem Vater, daß ich Ihnen auch völlig dessen Wahrheitsliebe zutraue,“ versetzte Hellmuth mit einer gewissen Unruhe; „wenn aber auch Ihr jetziger Bundesgenosse [146] den Coup gegen mich ausgeführt hat, wie ich sichern Grund habe zu vermuthen, so hat er doch jedenfalls gemeint in Ihrem Sinne zu handeln. Lassen Sie uns klar und offen unsere Stellung nehmen, Herr Maçon; vielleicht aber geben Ihnen einige Worte meinerseits eine richtigere Anschauung der Dinge, als Sie diese bis jetzt zu haben scheinen. – Ihr Vater hat mir sein Geld anvertraut, als er als Flüchtling in unsere Stadt kam,“ fuhr er ohne Unterbrechung fort; „er beabsichtigte damals mit in mein Geschäft einzutreten und sein Capital darin zu verwerthen. Unser gegenseitiges Uebereinkommen aber blieb ohne Abschluß, da er von Neuem die Flucht ergreifen mußte. Ich habe sein Geld über zwanzig Jahre redlich verwaltet, und es liegt heute, durch die Zinsen vermehrt, zur Verfügung seines Erben. In dieser langen Zeit habe ich keine einzige Willensäußerung Ihres Vaters erhalten, welche das zwischen uns besprochene Uebereinkommen zur That hatte werden lassen. Mit welcher Forderung können Sie also gegen mich auftreten, die Ihre Aeußerung von „Glücksstörung“ und „Verfahren“ rechtfertigte?“

„Ich kann Ihnen nur nochmals sagen,“ entgegnete Maçon ruhig, „daß ich von Herzen bedauere, mich von Ihnen schon heute in meine jetzige Lage gedrängt zu sehen. Ich bin anderer Ansicht von meines Vaters früheren Verhältnissen zu Ihnen und darf es wohl aussprechen, daß ich zur Eincassirung eines Betrags, wie ihn mein Vater in Ihr Geschäft eingeschossen und dessen ich bei meiner Vermögenslage eben nicht nothwendig bedarf, nicht persönlich hierher gekommen sein würde. Zur einfachen Rechtfertigung des Todten und seines Schweigens aber will ich Ihnen mittheilen, daß, als er mich nach seiner raschen Abreise von hier bei einem Onkel an der französischen Grenze untergebracht, er bei dem Versuche, sich in einem holländischen Hafen nach England einzuschiffen, zum Matrosen gepreßt und zur Reise nach dem Cap gezwungen wurde. Damals war die Insel Bourbon unter englischer Herrschaft, und dort gelang es ihm später, beim Anlanden zu entkommen und sich unter den Schutz der Behörden zu stellen. Er fand Theilnahme an seinem Schicksale und Unterstützung, hatte Glück in den von ihm begonnenen Unternehmungen und gab die Rückkehr nach Europa völlig auf; mich indessen ließ er erst, als meine Erziehung vollendet war, zu sich kommen. Trotz der kurzen gegenseitigen Bekanntschaft hatte er Sie in treuer Erinnerung bewahrt, das zeigten mir seine späteren Erzählungen; aber halb Europa stand während der ersten Jahre seiner Abwesenheit in vollem Kriegsbrande, der nirgends eine sichere Verbindung mit Deutschland zugelassen hätte; später waren seine europäischen Privatbeziehungen vor seinen dortigen glücklichern Arbeiten völlig zurückgetreten, und erst als er mich wenig geneigt fand, die Insel zum lebenslänglichen Aufenthalte zu wählen, forderte er mich auf, Nachricht über das Schicksal Ihres Geschäfts einzuziehen, das mir später einmal, wie er meinte, einen festen Halt für eine Rückkehr nach Europa geben könne, falls es überhaupt die Kriegsstürme überstanden. Er ging von der Ansicht aus, daß in solchen Zeiten der speculative Kaufmann entweder reich werde oder falle – und er hatte von Ihrer Befähigung eben so hohe Begriffe, wie er Sie als Menschen im Herzen bewahrte. Mir erschien indessen damals die ganze Angelegenheit so imaginär, daß ich nicht einmal daran dachte, der Aufforderung zu genügen, und erst nach seinem Tode wurde mir in seinen Papieren die volle Bestätigung jener Angaben. – In welcher Weise ich nun die ganz bestimmten und sofort nachweisbaren Ansprüche meines Vaters hier zur Geltung bringen wollte, halte ich mir, wie schon gesagt, noch völlig vorbehalten; mit dem Augenblicke indessen, Herr Hellmuth, in welchem Sie diese auf so entschiedene Weise von sich weisen, in welchem Sie die Voraussetzungen, unter denen das Capital in Ihre Hände kam, verneinen, werde ich natürlich zu einer Stellung gezwungen, die jedes weitere Wort zwischen uns ausschließt!“ Er erhob sich gehalten. „Sie haben wohl unter den obwaltenden Umständen die Güte, meine Entschuldigung den jungen Damen zu überbringen.“

Hellmuth verließ steif seinen Sitz. „Ich gehe meinen geraden Weg, Herr Maçon, wie ihn mir mein Gewissen vorschreibt, und sehe deshalb auch allem mir in den Weg Tretenden ruhig entgegen!“ sagte er. „Nicht das Capital Ihres Vaters hat mein Geschäft gemacht, sondern der ruhelose Fleiß Dessen, der es bis jetzt geführt. Hätte ich Unglück gehabt und würde heute nicht mehr besitzen als eben dieses Capital Ihres Vaters, so würde ich es bis zum letzten Pfennig herauszahlen und mein und meiner Familie Leben fristen so gut es ginge – auf der andern Seite aber werde ich auch keinen Angriff auf das Gut dulden, das über jenes Capital hinausgeht, das Gut, welches ich erworben und Niemand weiter. Das ist mein Standpunkt. Uebrigens glaube ich sicher zu sein, daß wir als ehrliche Feinde scheiden, und so sehe ich nicht ein, warum Sie so auffällig den Mädchen Ihren Abschiedsgruß entziehen wollen; meine Töchter werden schon auf eine geschäftliche Störung ihrer Unterhaltung vorbereitet sein. Erlauben Sie, daß ich Sie hinauf geleite!“

Maçon hatte nur eine stumme Verbeugung zur Antwort und schritt dem Hausherrn durch die von diesem geöffnete Thür voran.

Als Hellmuth seinem Gaste durch das Comptoir folgte, sah er Gruber eine Bewegung wie zum Herantreten an ihn machen. Er beantwortete diese nur mit einem stummen Nicken; als er aber Maçon bis zur Treppe geleitet, sagte er: „Wollen Sie die Güte haben voranzugehen? Es wartet soeben ein eiliger Brief auf meine Unterschrift, und ich folge Ihnen in zwei Secunden!“

Mit einer leichten Verbeugung trennten sich Beide, und der Hausherr begab sich nach dem Comptoir zurück, hier rasch mit einem Winke gegen den Procuristen nach seinem Cabinet schreitend.

„Sie haben etwas Besonderes?“ fragte er den ihm Nachtretenden, „sprechen Sie es kurz aus, ich kann den Mann nicht warten lassen.“

„Aus unsern zurückgestellten Geschäftsbüchern ist das Hauptbuch der Firma August Hellmuth, das letzte, ehe das Geschäft unter der Firma A. Hellmuth und Co. begann, verschwunden!“ war die rasche Antwort; „zugleich aber bringt Willmann, der von der Post kommt, die Nachricht, daß sich Meier dort ein Passagierbillet gelöst hat, so viel es scheint nach dem Flusse hinüber, nach einem der Anlegepunkte der Dampfboote.“

Des Geschäftsherrn eilige Miene war plötzlich in einen Ausdruck von Starrheit übergegangen; seine Augen blickten den Sprecher groß und unbeweglich an, und doch lag etwas darin, als gehe im Augenblicke eine erschreckende Klarheit in seiner Seele auf. „Wann und wie haben Sie den Verlust entdeckt?“ fragte er mit einer Stimme, die den gewohnten sonoren Klang ganz verloren zu haben schien.

„Ich hatte zufolge Ihrer Genehmigung Willmann das Nöthige mitgetheilt,“ erwiderte Gruber, „und er kam auf den Gedanken, ob sich nicht Meier’s Sicherheit auf irgend welche Papiere aus jener Zeit stütze, die vielleicht zu Ihrem Schaden sich deuten ließen und die er sich heimlich angeeignet hätte. So lange ich aber hier bin, hat Meier nur die Bücher unter sich gehabt, und ich ging sofort an eine Revision der alten zurückgestellten Bände; da entdeckte ich schnell genug den Verlust, und dieser erschien mir, zusammen mit Meier’s Abreise, zu wichtig, als daß ich einen Augenblick hätte zögern mögen, Sie davon zu unterrichten!“

„Das ist es, das ist es!“ neigte Hellmuth, starr vor sich hinblickend, den Kopf. „Ich will Ihnen sagen,“ fuhr er dann rasch aufsehend fort, „was die Sache zu bedeuten hat, damit Sie bei dem jetzt unverzüglich nothwendig werdenden Handeln mit freier Seele mein Interesse vertreten können. In jenem Hauptbuche war dem Vater des hier anwesenden jungen Mannes nach Ablieferung seines Capitals das gewöhnliche Conto gegeben, dazu aber voreilig und in sicherer Erwartung des abzuschließenden Contracts der Vermerk gesetzt: „In’s Geschäft getreten an dem und dem Tage“ und der nöthige Posten des Capital-Conto’s hinzugefügt worden. Es ist uns wohl möglich, daß ich in unsern damaligen Unterhandlungen dem Verstorbenen einige Zeilen geschrieben habe, welche meine Bereitwilligkeit für seine Aufnahme in mein Geschäft ausdrückten; Beides zusammen aber würde in der Hand eines geschickten Advocaten zum Beweise des wirklich erfolgten Eintritts werden und mich der Gnade dieses jungen Menschen überliefern müssen. Indessen wollen wir vorläufig erst sehen, ob die Gegenpartei durch einen Diebstahl einen Vortheil über mich erringen soll. Sagen Sie Willmann, daß er mir rasch und unvermerkt meinen Hut und Ueberwurf herab holt; Sie aber packen für alle Fälle die nöthigsten Reisebedürfnisse zusammen, versehen sich reichlich mit Geld und folgen mir dann unverzüglich nach der Wohnung des Polizeidirectors, den ich jetzt da am sichersten treffe. Dort sollen Sie Weiteres hören!“ Er machte, von innerer Unruhe getrieben, einen raschen Gang durch das Zimmer, und Gruber verließ hastig das Cabinet. –

Die ältliche Dienerin hatte Maçon den Corridor geöffnet, und dieser fragte leicht: „Die jungen Damen noch hier?“

[147] „Nur Fräulein Anna,“ war die Antwort, „ich werde aber Fräulein Eugenie benachrichtigen.“

„Lassen Sie nur, lassen Sie nur!“ erwiderte der junge Mann hastig, „ich wollte mich nur kurz verabschieden!“ Er schritt nach der Thür des Besuchzimmers, blieb indessen, wie in Zweifel mit sich selbst, hier einen Moment stehen, ehe er öffnete; dann trat er leicht, aber mit hochgehobenem Kopfe ein.

Das Zimmer war vom rothen Glanze des Abends überfluthet, und das bleiche Gesicht des Mädchens, welches, das Kinn im stillen Sinnen in die kleine Hand gestützt, am Fenster fast, erschien wie umsponnen von den rosigen Lichtern. Das leise Geräusch der sich öffnenden Thür schien nicht zu ihrem Bewußtsein gedrungen zu sein.

„Fräulein, darf ich stören?“ fragte Maçon, der einige Secunden lang schweigend in ihrem Anschauen dagestanden hatte. Sie fuhr, beinahe erschreckt von dem Klange seiner Stimme, auf. „Ich kam nur, um mich zu verabschieden,“ sprach er, rasch auf sie zutretend, „aber ich betrachte die Minute, die mir jetzt vergönnt ist, Sie allein zu sehen, als eine Schicksalsfügung.“

Sie stand vor ihm, ernst die großen, tiefen Augen in sein Gesicht geheftet, als wolle sie dadurch eine Schranke gegen jede leichtfertige Annäherung seinerseits ziehen. Bald aber schien die eigenthümliche Bewegung, welche sich in seinen Zügen ausdrückte, sie unsicher zu machen.

„Ich habe eine kurze, bestimmte Frage an Sie zu richten, Fräulein,“ begann er von Neuem, „und ich bitte Sie, dabei zu bedenken, daß es im Leben bisweilen Momente giebt, in denen an einem Worte ein ganzes Schicksal und wohl noch mehr als das eines einzigen Menschen hängt; ich bitte Sie, mir mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten und jede der gewöhnlichen kleinlichen Rücksichten und Zögerungen bei Seite zu lassen – ich habe eine Ueberzeugung in mir, daß Sie es vermögen, sobald Sie nur die Schwere des Augenblicks erkannt, und gebe Ihnen die Versicherung eines Mannes, der wissentlich noch nie gelogen, daß die jetzige Minute, die nie wiederkehren wird, über mehr entscheidet, als Sie absehen können –“

„Was wollen Sie, Herr Maçon?“ unterbrach sie ihn, während ihre Augen groß und starr in den seinen haften blieben.

„Ich möchte Sie fragen, Fräulein Anna, ernst und einfach fragen,“ sagte er mit blitzendem Blicke, „ob Sie einen Lebensgefährten, wie ich es bin, ertragen könnten?“

„Herr Maçon!“ rief sie zurückweichend, während eine plötzliche Leichenblässe in ihre feinen Züge trat.

„Anna,“ erwiderte er mit mühsam gedämpfter Stimme, in plötzlicher Erregung, „um Alles willen, was Ihnen das Liebste ist, werfen Sie jetzt zurück, was Ihre Seele schwach machen könnte; jede Secunde kann eine Störung bringen, und dann muß ich gehen auf Nimmerwiederkehr! Ich habe es empfunden, ich weiß es, daß unser beiderseitiges inneres Wesen zwei Hälften sind, die zu einander gehören – antworten Sie mir frei und stark –!“

Er hatte ihre Hand gefaßt, die zuckend sich umsonst der seinen entziehen wollte. „Lassen Sie mich – gehen Sie!“ drängte sie, fast mechanisch, wie gänzlich fassungslos vor dem Unerwarteten sich abwendend, und eine plötzliche Schwäche schien sie zu überkommen.

Zweifelnd blickte er in ihr bleiches Gesicht; plötzlich aber glänzte es in seinen Zügen auf. „Stoße mich zurück, Mädchen, wenn Du Nein sagen kannst!“ rief er mit tiefer, leidenschaftlich bewegter Stimme, während sein Arm sie fest umfaßte.

„Mein Gott, mein Gott!“ preßte sie mit einem vergeblichen Versuche, sich ihm zu entziehen, hervor; im nächsten Augenblicke aber hatten seine Lippen sich fest auf die ihren gelegt und sie schien in seinem Arme zusammenbrechen zu wollen.

„Baue auf mich, treu, unerschütterlich, meine Anna, was auch in den nächsten Tagen geschehen möge!“ flüsterte er ihr zu und ließ die halb Bewußtlose in den von ihr verlassenen Fauteuil nieder; dann faßte er ihre kleinen, widerstandslosen Hände zusammen, führte sie an seinen Mund und wandte sich leichten raschen Schritts nach der Thür. Einen Blick noch warf er von hier zurück – das Mädchen lehnte wie geknickt, mit geschlossenen Augen, in dem Stuhle, und nur zögernd öffnete er den Ausgang. „Es mußte ja so sein,“ murmelte er, „und hätte ich falsch geahnt, wäre ja Deine Kraft nicht erlegen! Gott bewahre mir Deinen Glauben, bis ich wiederkehre!“

Er griff im Corridor hastig nach Hut und Paletot, als fürchte er noch eine Begegnung, und eilte die Treppe hinab.



6.

Gruber hatte sich im Reiseanzuge nach der Wohnung des Polizei-Directors begeben, in deren Vorzimmer ihm, kaum daß er gemeldet worden, Hellmuth in Begleitung eines Polizeibeamten aus den inneren Räumen entgegenkam. Der Erstere winkte dem jungen Manne nach einer der Fenster-Vertiefungen. „Meier hat wirklich bereits vor länger als einer Stunde die Stadt verlassen,“ sagte er hastig und mit leiser Stimme; „ich habe bereits Extrapost für Sie und den Beamten bestellen lassen, und es ist jetzt Ihre Aufgabe, den Wagen der ordinären Post so bald als nur irgend möglich einzuholen. Schonen Sie kein Geld gegen den Postillon – ich traue diesem Meier zu, daß er seine jetzige Tour mir zum Schein eingeschlagen hat und auf der nächsten Station seine eigentliche Richtung erst nimmt, und erreicht er unaufgehalten den Fluß, so ist bei der Menge auf- und abwärtsgehender Dampfboote von einem weitern Verfolgen seiner Spur gar keine Rede mehr. Sie wissen, was von Ihrer jetzigen Reise abhängt! Der Beamte ist angewiesen, sich nach Ihren Anordnungen zu richten, und hier muß ich mich nun völlig auf Ihre Klugheit verlassen. Ich weiß nicht, welches Gift dieser Mensch, der seit zwanzig Jahren mein unbeschränktes Vertrauen besessen, noch gegen mich in Bereitschaft haben kann; zeigen Sie ihm also, daß sein Arrest in Ihrer Hand liegt, benutzen Sie Ihre Macht aber hauptsächlich zur Wiedererlangung des entwendeten Contobuches. Ich vermuthe sehr stark, daß seine Entfernung mit dem in seinen Händen befindlichen Beweise auch ein Schachzug gegen diesen Maçon ist, um diesen zur Annahme der ihm wahrscheinlich gestellten Bedingungen zu zwingen, daß er also jedenfalls im Besitz des Geschäftsbuches ist. Nöthigenfalls lassen Sie sein Gepäck durchsuchen, der Beistand jeder Polizeibehörde ist Ihnen gesichert! – Und nun vorwärts ohne Säumen –“ wandte er sich nach dem Zimmer zurück. „Sie haben die nöthigen Reisebequemlichkeiten bei sich?“

„Willmann ist damit nach dem Posthofe voraus!“ war die Antwort, und von dem herantretenden Beamten begleitet, verließ der junge Mann eilig das Zimmer. - -

Hellmuth hatte gleichzeitig den Heimweg eingeschlagen. In seinem Arbeitszimmer setzte er sich hin und schrieb:

 „Herrn Adolphe Maçon.

Ich habe seit einer Stunde die Sicherheit verstehen lernen, mit welcher Sie heute auf Ihren vermeintlichen Ansprüchen beharrten, bedaure aber, durch dieses Verständniß zugleich die gute Meinung, mit welcher ich heute als Gegner von Ihnen schied, völlig vernichtet zu sehen. Sie könnten mir allerdings wieder wie heute entgegnen, daß Sie sich in Ihren Handlungen keiner Unehrenhaftigkeit gegen mich bewußt seien; in den Augen jedes deutschen Ehrenmannes aber, lieber Herr, ist Derjenige, welcher sich die Früchte eines Diebstahls zu Nutze macht, durchaus nicht besser, als der Dieb selbst. Oder wäre es Ihnen bei dem ersten Blicke auf das mir von meinem spitzbübischen Buchhalter entwendete Contobuch – ich glaube, daß Sie keiner nähern Bezeichnung bedürfen – nicht sofort klar geworden, daß es nur durch einen Act der Unehrlichkeit von dem ihm zugewiesenen Platze entfernt worden sei? Genug darüber; ich will mir aber nur erlauben, Ihnen zu bemerken, daß ich von dieser Stunde an die Vertheidigung meines Eigenthums nicht mehr wie gegen einen irrigen, doch von ehrlicher Ueberzeugung hervorgerufenen Anspruch, sondern wie gegen Diebe und Einbrecher führen werde. Ihrem Freunde und Gehülfen Meier ist bereits die Polizei auf den Fersen, und bei seinem Ergreifen wird sich ja herausstellen, durch welche Motive er zu dem begangenen Diebstahl verleitet worden ist. Versuchen Sie in Gottes Namen, wie weit Sie mit derartig erlangten Beweismitteln gegen mich kommen – um Ihres großherzigen Vaters willen aber bin ich völlig unglücklich, mich zu diesen Zeilen veranlaßt zu sehen.
Hellmuth.“

Er schloß das Schreiben, adressirte es und gab es mit dem kurzen Auftrage: „Nach dem Hotel français, sobald Willmann zurückkommt!“ in das Comptoir. - -

Auf der ebenen Chaussee sauste die leichte halboffene Droschke dahin, welcher Gruber mit seinem Begleiter dem gewöhnlichen Postwagen nachführte. Der Beamte lehnte ruhig in seiner Ecke, eine ihm von dem jungen Kaufmann dargebotene Cigarre mit sichtlichem Genuß rauchend, während der Letztere trotz der kurzen Zeit, die seit dem Verlassen der Stadt verstrichen, sich zeitweise unruhig aufrichtete, [148] um in die Ferne zu spähen. Die Dämmerung fing bereits an, sich über die Gegend zu senken.

„Wann meinen Sie, Schwager, daß der Postwagen die erste Station erreichen wird?“ fragte der junge Mann, sich auf dem unbedeckten Vordersitze bis zur Höhe des Postillons aufreckend.

„Er ist vor fünf Uhr abgefahren, hat aber fünf Wegstunden zu machen und wird so gegen acht Uhr dort eintreffen,“ war die Antwort. „Die ordinäre Post nimmt sich die gehörige Zeit!“

Gruber sah nach seiner Uhr, es war bereits halb sieben. „Ein Gulden, Schwager, für jede Minute, die wir vor dem Postwagen auf der Station eintreffen!“ sagte er.

Der Postillon nickte. „Ich will mein Mögliches thun, und die Pferde sind frisch,“ erwiderte er, „aber es hält schon hart, nicht später zu kommen. Hätten wir nicht die vielen Anhöhen –!“ Die schwirrende Peitsche brach seine Rede ab, und in vermehrter Schnelligkeit rollte der Wagen vorwärts. Gruber nahm seinen Platz wieder ein und zündete, sich zur Ruhe zwingend, sich selbst eine Cigarre an.

Das Tageslicht war bald gänzlich verschwunden, und nur an dem langsameren Vorwärtsbewegen des Wagens waren die Anhöhen, welche einer gleichmäßig raschen Verfolgung Hindernisse in den Weg legten, zu erkennen. Fast mit jeder Viertelstunde zog der junge Mann seine Uhr, um im Leuchten seiner Cigarre einen Blick auf das Zifferblatt zu werden; so langsam aber auch die Zeit verstrich, so schien sie ihm doch, je später es ward, mit fast beängstigender Hast zu eilen; es war bereits halb acht geworden, und noch ließ sich in der weitesten Entfernung kein Lichtschein wahrnehmen, welcher die Laterne des vorausfahrenden Wagens angedeutet hatte.

„Halb acht vorüber, Schwager!“ wandte er, sich wieder aufrichtend, an den Postillon.

„So ungefähr wird’s sein,“ erwiderte der Angeredete, mit Macht auf die Pferde peitschend; „der Conducteur muß heute ganz besondere Eile gehabt oder mein Camerad eins über den Durst getrunken haben, sonst müßten wir sie schon beinahe haben. Es ist aber noch nichts verloren, wir haben bis jetzt das Mögliche vor uns gebracht und werden’s auch noch thun!“

Die Pferde sausten jetzt im Galopp dahin; Gruber aber nahm seinen Platz nicht wieder ein. Scharf spähte er fortdauernd in die Dunkelheit hinaus.

Wieder vergingen zehn Minuten, und die Pferde schienen unter dem angestrengten Laufe matt zu werden; immer häufiger hatte der Postillon die Peitsche zu brauchen.

„Dort ist ein Lichtschein!“ rief plötzlich der junge Kaufmann.

„Hab’s schon gesehen,“ war die ruhige Antwort, „ist aber nur der Schein aus dem Wirthshaus auf der Höhe; es müßte indessen nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn wir nicht etwas Anderes sehen sollten, sobald wir nur dort oben sind!“

Von Neuem fiel die Peitsche energisch auf die Pferde; in wenigen Minuten war das Wirthshaus erreicht, und mit dem Ausrufe: „Dort, ha, ha, jetzt verdiene ich noch meine Gulden!“ streckte der Postillon die Hand aus.

Ein matter, kaum bemerkbarer Lichtschein bewegte sich im Grunde vorwärts, Gruber richtete sich hoch auf. „Sind Sie sicher, Schwager?“ fragte er in hörbarer Erregung.

„Werde doch ein Geschirr kennen, das ich selbst oft genug fahre!“ klang es zurück; „es war aber die höchste Zeit; vom Wirthshaus hier ist es nur noch eine halbe Wegstunde zur Station!“

Und die sich senkende Straße hinab flog der Wagen; mit jeder halben Minute wurde der wahrgenommene Lichtschein deutlicher, bis sich endlich auch die dunkeln Umrisse der schwerfälligen Postkutsche erkennen ließen. Aber erst hart am Eingange des vorliegenden Städtchens passirten die Verfolger den Wagen; Gruber hatte sich dabei tief in seine Ecke gedrückt und sein Gesicht durch den Kragen seines Ueberwurfs verdeckt, daß in dem auf ihn fallenden Lichtschein kein zufälliger Blick seine Persönlichkeit verrathen könne.

Nach wenigen Minuten schon standen die dampfenden Pferde vor dem Posthause, während das Rasseln der nachfolgenden Postkutsche die holprige Straße herauf hörbar ward. Rasch war Gruber aus dem Wagen und harrte, mit kaum zu besiegender Aufregung, der langsam heranrollenden Post. Endlich hält diese in seiner Nähe.

„Es wird nur umgespannt,“ rief der Conducteur, die Wagenthür öffnend, zugleich aber wandte er sich auch eilig nach dem Gepäckranm, und Gruber sah dort den ihm wohlbekannten Koffer Meier’s erscheinen. Auch der Letztere selbst ließ sich jetzt, langsam aus dem Innern des Wagens steigend, erblicken und schritt der Durchfahrt des Hauses zu. „O, Sie können mir ja wohl sagen,“ trat er einem, zum Ausspannen der Pferde herbeieilenden Stallknechte in den Weg, „wo ich hier eine Privat-Fuhrgelegenheit in’s Land anftreiben kann!“ Ehe der Andere indessen noch geantwortet, stand Gruber mit den Worten: „Guten Abend, Herr Meier; ich denke, Sie verschieben Ihre Weiterfahrt bis nach einem kurzen Gespräche mit mir!“ vor ihm und winkte sodann seinen Begleiter heran. „Erlauben Sie mir, Herr Meier, daß ich Ihnen hier einen der Herren Polizei-Commissare unserer Stadt vorstelle!“

Der Angeredete hatte rasch den Kopf gehoben; bei seinem Blicke auf die Polizeiuniform indeß verfärbte sich sein Gesicht – doch nur einen Moment. Dann lächelte er gezwungen. „Das ist eine Ueberraschung, Sie hier zu treffen, Herr Gruber,“ sagte er; „wenn Sie mich nicht zu lange aufhalten wollen, stehe ich Ihnen ganz zu Diensten; ich habe ein dringendes Geschäft im Lande, das noch heute meine Gegenwart fordert!“

„Sie sind wohl so freundlich und nehmen den Koffer des Herrn Meier unter Ihre Obhut?“ wandte sich der junge Mann an den Polizeibeamten, indem er auf den Eingang zu dem erleuchteten Passagier-Zimmer deutete. „Ich denke, wir werden dort allein sein, wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Meier?“

„Aber nur nicht zu lange!“ wiederholte der Genannte, und ging, anscheinend völlig unbefangen, der offenen Thür zu.

(Fortsetzung folgt.)




Unbekannte Gegenden.
Ein Blick in das Südpolargebiet.

Man sollte es kaum für möglich halten, daß das Wesen, welches sich stolz „Beherrscher der Erde“ nennt, so respectable Stücken seines Reiches unbeachtet, eingehüllt in einen undurchsichtigen Schleier liegen lassen konnte; und doch ist es Thatsache: das weite Gebiet um den südlichen Endpunkt der Erdaxe, Südpol genannt, einen Flächenraum von 250,000 Quadratmeilen einnehmend, bedeutend größer als Europa, ist von keinem Menschen gekannt. Ob sich dort ein freies Meer erstreckt, oder ob ein großes Festland – mit Schnee und Eis bedeckt – den unermeßlichen Raum ausfüllt – Niemand weiß es; wir stehen vor einem Räthsel, das alle Hypothesen und Vermuthungen nicht lösen können, und Niemand vermag, weil er nicht dort gewesen, der mittelalterlichen Mythe zu widersprechen, wonach just aus dem Südpol ein großes Loch in den Feuerschlund der Hölle führen soll.

Vor etwas mehr als zweihundert Jahren dachte man sich noch den ganzen unbekannten Theil der südlichen Hemisphäre als eine einzige große Landmasse, welche auf den damaligen Landkarten unter dem Namen „Terra Australis“ florirte. Die Umrisse dieses phantastischen Riesencontinents liefen in einem weiten Bogen südlich vom Cap Horn und der Südspitze Afrika’s in der Nordküste Australiens zusammen. Das so beschriebene Ländergebiet umfaßte ganz Australien, dessen Südküste (s. unsere Karte) noch nicht bekannt war, und kam an Flächenraum den Welttheilen Asien, Europa und Afrika zusammengenommen gleich. Mit der Umschiffung des australischen Festlandes durch Tasman (i. J. 1642) ward nun zwar der Riesenleib um ein großes Glied ärmer, doch betrug seine Längenausdehnung immer noch an 1400 Meilen, von der nördlichen Spitze Neuseelands bis zu den entgegengesetzten Bouvetinseln, welche Punkte als die beiden äußersten nördlichen Vorgebirge des räthselhaften Südlandes galten.

Hundert Jahre verstrichen, ohne daß diese fabelhaften Vorstellungen einer besseren Kenntniß gewichen wären. Da unternahm Cook seine denkwürdige zweite Entdeckungsreise, deren Hauptzweck die Lösung des antarktischen Problems war. Drei Jahre lang -

[149]
Die Gartenlaube (1864) b 149.jpg

Pinguinen auf den Possession-Inseln.   Vulcan Erebus  Cap Horn.     
Karte der Südpolargegenden.
      Sturm im Treibeis.   Südpolar-Eiswand.   Pinguinenfang.

[150] von Ende 1772 bis Anfang 1775 – durchsegelte der unermüdliche Forscher, von unseren berühmten Landsleuten Reinhold und Georg Förster begleitet, im Zickzack die Gewässer des südlichen Eismeeres und lüftete einigermaßen den Schleier, der sie bis dahin bedeckt gehalten. Durch Eisschollen und Nebel brach er der Wissenschaft Bahn, mit jeder Meile seiner Fahrt ein Stück des fabelhaften Landes im eigentlichsten Sinne des Wortes zu Wasser machend. So weit er auch nach Süden vorgedrungen war – nirgends hatte er eine Spur des problematischen Südpolarfestlandes auffinden können. Gleichwohl war die Existenz eines solchen noch nicht außer Zweifel gestellt, ja Cook glaubte selber daran. Die größte von ihm erreichte südl. Breite war 71° 10’ (unter 107’ westl. Länge), er war also noch 283 deutsche Meilen vom Südpol entfernt. Dort war ihm der Weg durch Packeis verrannt, worauf er den Versuch, weiter vorzudringen, gänzlich aufgab. „Die Gefahr,“ so sagt er in seinem Reiseberichte, „der man sich in diesem unbekannten Eismeere aussetzen würde, wollte man bis zum Lande vorzudringen versuchen und seine Küsten erforschen, ist so groß, daß ich dreist behaupte, daß kein Mensch es jemals wagen wird, weiter zu gehen, als ich, und daß daher auch das Land, das weiter südlich liegen kann, niemals entdeckt und erforscht werden wird.“ An einer andern Stelle spricht er sich dahin aus, daß sich das von ihm vorgefundene Packeis ganz bis zum Pole erstrecke oder sich vielleicht einem Lande anschließe, mit dem es seit der frühesten Zeit verbunden gewesen sei. „Ich schmeichle mir, daß nun die südliche Hemisphäre genugsam durchforscht worden und das Suchen nach einem südlichen Continent, welches die Aufmerksamkeit der seefahrenden Nationen beinahe zwei Jahrhunderte lang beschäftigt hat, ein für alle Mal zu Ende gebracht ist.“

Solche Worte, von solchem Manne ausgesprochen, mußten allerdings der wißbegierigen Welt die Ueberzeugung aufdringen, daß da unten im Süden nun einmal nichts mehr zu machen sei, und höchlichst überrascht über die sonstigen großen Entdeckungen Cook’s begnügte man sich weitere 50 Jahre mit der mangelhaften Anschauung, welche der große Reisende mitgebracht hatte. Noch immer prangte ein antarktischer Continent, wenn auch auf bescheidenere Verhältnisse reducirt, auf den Landkarten.

Erst zu Anfang der zwanziger-Jahre unseres Jahrhunderts wurde die menschenleere Wildniß wieder Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und neuer Forschungen. Auf Befehl deö Kaisers Alexander I. führte Bellingshausen 1820 eine wissenschaftliche Expedition dahin, welche die Entdeckungen Cook’s ansehnlich vermehrte. Mittlerweile waren i. J. 1819 von William Smith die Süd-Shetlandinseln entdeckt worden. Ihr ungeheurer Reichthum an Robben und Seeelephanten, der schon seit 1812 einzelnen Walfischfängern und Robbenschlägern bekannt gewesen, aber geheim gehalten worden sein soll, zog eine Unmasse von englischen, schottischen und amerikanischen Schiffen in die südöstlich von Cap Horn gelegenen Meerestheile. Doch hat sich unter den Expeditionen, deren nächster Zweck die Ausbeute jenes Reichthums war, nur eine um die weitere Erforschung der Südpolargegenden wesentlich verdient gemacht: Capitain James Weddell drang im Meridian der Insel Süd-Georgien (s. Karte) bis 74° 15’ südl. Breite, also 46 Meilen weiter nach dem Südpol vor, als Cook, und fand, ganz gegen die Annahme des letzteren, in dieser hohen Breite ein gänzlich eisfreies und schiffbares Meer, angenehmes und mildes Wetter, zahlreiche Walfische und außerordentliche Massen von Vögeln.

Die Walfisch- und Robbenfänger hatten bald so rücksichtslos gehaust, daß für sie nichts mehr zu fangen war. Mit ihnen wandte sich auch für einige Zeit das allgemeine Interesse von den unbekannten Südpolargegenden ab. Nur Biscoe entdeckte in den Jahren 1831 und 1832 südlich vom Cap Horn das Graham-Land und unter 50° östl. Länge die Enderby-Insel (so genannt nach den Herren Enderby in London, welche die Expedition aus Privatmitteln ausgerüstet hatten); und unweit von der letzteren fand i. J. 1834 Kemp eine Insel, die nach ihm benannt worden ist.

Mit dem Ende der dreißiger Jahre endlich begann eine Reihe neuer wichtiger Entdeckungsreisen, die freilich schon mit 1843 ihren Abschluß erhielt, ohne daß bis heute etwas Weiteres geschehen wäre. Es sind die Expeditionen von Balleny (l 839), d’Urville (1840). Wilkes] (1839–1840) und J. C. Roß (1840–1843).

Während die früheren Reisen eincö Cook und Bellingshausen vorwiegend durch den räumlichen Umfang ihrer Entdeckungen von Bedeutung waren, sind es nun diese neueren durch die genauere physikalisch-geographische Erforschung einzelner kleiner Gebiete und der allgemeinern Verhältnisse der antarktischen Zone. Wir wollen auf die Darlegung der besonderen Verdienste jeder einzelnen dieser Expeditionen nicht eingehen, sondern uns gleich zu einer kurzen Charakteristik der gegenwärtigen Kenntniß unseres Gebiets wenden.

Zunächst fragt sich’s wohl, was denn die bisherigen Besucher der Südpolargegenden wirklich gesehen, was sie nach genauerer Untersuchung als Land, was sie als Meer, als Eis erkannt haben. Von einem großen Theil des Gebiets müssen wir dabei vollständig absehen. Wenn wir oben erwähnten, daß Weddell an einer Stelle bis 74° 15’ südl. Breite vorgedrungen, so hat ihn hierin bis jetzt nur Roß übertroffen (s. die Karte), der – an einer fast entgegengesetzten Stelle – die Breite von 78° 10’ erreichte. Weddell war also noch 256, Roß noch 177 Meilen vom Südpol[1] entfernt. Außer an diesen beiden Stellen ist der 70° südl. Breite kaum bemerkenswerth überschritten worden, ja zum großen Theil bildet noch der Polarkreis die Grenze der südlichen Entdeckungen. Der eigentliche Kern des Südpolargebiets ist demnach noch gänzlich unbekannt, und wenn auch die Vermuthung gegründet ist, daß derselbe eher aus einem großen Meere als einer zusammenhängenden Landmasse bestehen möchte, so berechtigt uns doch Nichts, eines von beiden auf eine Karte zu zeichnen oder bei der Eintheilung der Erdoberfläche in Meere und Länder mit einem bestimmten Zahlenwerthe zu verrechnen – wie noch neuerdings im Rufe der Wissenschaftlichkeit stehende Geographen gethan haben.

Nur wenige Küstenstriche und Eilande an der Grenze dieses großen unbekannten Gebiets sind es, von denen wir sichere Kunde haben. Von den größeren: Graham-, Victoria- und Wilkesland wissen wir nicht, wie weit sie sich nach innen erstrecken, ob sie unter einander zusammenhängen oder vereinzelte größere Inseln bilden. Es ist hier wohl auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, welche der Bestimmung von Land in den südlichen Eisregionen entgegenstehen. Von einer wirklichen Bestimmung können wir überhaupt nur dann reden, wenn entweder der Boden an Ort und Stelle untersucht und als Land – aus erdigen oder steinigen Bestandtheilen – erkannt, oder wenn die Umrisse der in Frage kommenden Erscheinung längere Zeit aus der Ferne beobachtet worden sind. Denn nirgends täuschen Wolken- und Dampfgebilde unser Auge mehr, als in hohen nördlichen oder südlichen Breiten. Nach oben von dem dampfleeren, klaren Himmel scharf abgegrenzt, stellen sie sich dem Auge deutlich, bald als sanft hingedehnte Küsten, bald als riesige, groteske, mit Eis und Schnee bedeckte Gebirgsreihen, dar. Selbst Roß, der erfahrenste Polarfahrer, wurde noch häufig durch solche Trugbilder getäuscht und seines Irrthums nicht eher gewahr, als bis er mitten durch die trügerische Lufterscheinung hindurchgesegelt war. Ein Zweites, was das Erkennen von Land erschwert, ist das Vorkommen von großen Eismassen. Vereinzelte Schollen, schwimmende Eisberge und Eisinseln, sind als solche leicht zu erkennen; schwieriger wird die Entscheidung, wenn das Eis in langgestreckten, zusammenhängenden hohen Wänden, als sogenanntes Packeis, auftritt. Unüberschreitbar und undurchdringlich, wie es dann häufig ist, verschließt es dem Forscher den Einblick in das dahinter liegende Gebiet und führt ihn auch wohl, wenn sich noch dazu auf dem hohen Eisfelde trügerische Dampf- und Wolkenschichten aufthürmen, irre. Solche Packeislinien sind von allen Besuchern der antarktischen Zone in großer Anzahl, jedoch fast ausschließlich südlich vom 60. Breitengrad vorgefunden worden. Die wichtigsten von ihnen haben wir auf unserer Karte angedeutet, und das unterste Bild unseres Tableau’s stellt einen Theil der von Roß unter 78° südl. Breite verfolgten unabsehbaren Eiswand von 150–300 Fuß Höhe dar. Daß übrigens diese Eislinien keinen unveränderlichen Charakter haben, beweist die Thatsache, daß mehrere der von früheren Reisenden vorgefundenen schon nach wenigen Jahren von den betreffenden Stellen verschwunden waren. Roß ist der Ansicht, daß selbst die von ihm entdeckte große Eiswaud nicht bis zum Seeboden reiche und also auch keine unveränderliche Stellung habe.

Von den drei größeren auf der Karte bezeichneten Landstrichen wurde das der Südspitze Amerika’s zunächst liegende Graham und Alexander I.-Land am frühesten entdeckt; der Zusammenhang des letzteren, das von Bellingshausen i. J. 1821 nur aus der [151] Ferne gesehen wurde, mit dem ersteren ist nicht erwiesen. Am genauesten bekannt sind in diesem Gebiete die Südshetlandinseln. Ueber die Existenz des nach Australien zugekehrten Wilkeslands ist viel gestritten worden, und noch jetzt ist es unentschieden, ob wir es hier mit einem zusammenhängenden Küstenstrich oder mit einer Reihe getrennter Inseln zu thun haben. Auf dem ganzen Striche, der sich unter dem Polarkreis in einer Länge von 400 Meilen ausdehnt, sind nur an einzelnen Punkten bestimmte Anzeichen von Land gesehen worden, immer aber nur aus der Ferne und meist hinter einer langgestreckten Packeislinie liegend. Capitain Wilkes, der den nach ihm benannten Küstenstrich in ununterbrochener Ausdehnung gesehen haben will, soll es mit seinen Beobachtungen nicht eben genau genommen und häufig das für Land gehalten haben, was wohl in Wirklichkeit nur Dampfgebilde waren. Trotzdem ist nicht anzunehmen, daß ihn fünf Wochen lang solche Trugbilder unablässig verfolgt haben, und zudem wurde auf dem fraglichen Strich schon vor Wilkes an einzelnen Punkten Land gesehen. Bestimmter ist unsere Kenntniß von einer Inselgruppe, welche Balleny Anfang 1839 unter 165° östl. Länge und dem Polarkreis entdeckte und die nach ihm benannt wurde; die größte dieser Inseln hat nach ihm eine Höhe von 12.000 Fuß, und aus zwei Gipfeln einer anderen sah er mächtige Rauchsäulen aufsteigen, so daß ihre vulcanische Natur außer allem Zweifel ist.

Der dritte größere antarktische Landstrich endlich ist das von Roß entdeckte Victorialand; für uns der wichtigste einmal wegen seiner hohen südlichen Lage, sodann wegen seiner merkwürdigen geographischen Beschaffenheit, die in Roß einen ebenso kundigen wie gründlichen Erforscher gefunden hat. Roß – berühmt durch seine großartigen Nordpolfahrten [2] – hat, ganz abgesehen davon, daß er die höchste südliche Breite erreichte, in wissenschaftlicher Beziehung Bedeutenderes geleistet, als alle seine Vorgänger. Seine meteorologischen Beobachtungen, drei Jahre hindurch von Stunde zu Stunde angestellt, haben uns erst einen rechten Einblick in die physikalischen Grundzüge der antarktischen Meer- und Eiswelt verschafft. Eine unverwüstliche Eisnatur, scheute der kühne Forscher keines jener augenblicklichen Hindernisse, die Andere vor ihm zum schleunigen Umkehren bewogen hatten; häufig saß er, allzukühn vorgedrungen, Tage, Wochen, ja Monde mit seinen beiden Schiffen in den Spalten einer Packeiswand fest; und gerade solche Zeiten boten seinem wackern, ganz nach ihm gearteten Schiffsvolk die herrlichste Gelegenheit zu allerlei frohen Lustbarkeiten, zu Spiel und selbst zu ausgelassenen Maskeraden auf den umliegenden Eisfeldern – zum Ersatz für so manche gefahrvolle Stunde, in der der Sturmwind die mit mächtigen Eisschollen übersäeten Meereswogen an die Wände der Schiffe geworfen, Untergang und Verderben drohend.

Die von Roß entdeckte Küste dehnt sich von Nprd nach Süd an 160 deutsche Meilen bis zum 78n südl. Breite aus. Hinter ihr liegen kolossale Gebiroszüge, die an Höhe den Alpen gleichkommen. Bom Scheitel bis zum Fuße mit einer ewigen Schneeund Eisdecke überzogen, erscheinen diese hiinmelanstrebenden Bergriesen um so höher, da sie sich in ganz geringer Entfernung von der Küste erheben; Roß nennt uns Höhen von zwölf-, vierzehn-, ja von fünfzehntausend Fuß, und wir können an der Angabe eines so erfahrenen Polarfahrers nicht zweifeln. Von ganz besonderem Interesse sind die gewaltigen Vulcane, welche am südlichen Ende der Victoriaküste – da, wo jene schon oben erwähnte undurchdringliche Eiswand ihren Anfang nahm – gesehen wurden: gewaltig hohe, schneeweiße Kegel, in ihren äußeren Umrissen dem Riesenleibe des Aetna vergleichbar, aus denen stoßweise über tausend Fuß hohe und an dreihundert Fuß breite Flammen- und Rauchsäulen emporstiegen, deren Gehalt an Wasser sich in der endlosen klaren Höhe zu Dampf verdichtete und als Schnee und Nebel herniederstieg und allmählich verschwand. Ein großartigerer Contrast, als er in diesem Bilde enthalten, ist kaum denkbar; mitten aus der starren, leblosen Eiswelt lodert ein glühender Feuerstrahl hoch auf, als wollte er der Natur um ihn her Trotz bieten – doch ohnmächtig sinkt er besiegt zurück, und alle seine erzürnten Nachfolger erreicht dasselbe Geschick.

Unsere Abbildung stellt den 12.367 engl. Fuß hohen Vulcan Erebus dar. Ob diesem Aetna des fernen Südens je ein zweiter Sartorius von Waltershausen erstehen wird, um ihn in einer geistvollen und erschöpfenden Monographie zu verherrlichen? Der praktische Mann ist der Ansicht, daß dabei „wenig herausspringen“ wird. – Aber auch Denen, die überall nach dem materiellen Nutzen fragen, haben die Roß’schen Entdeckungen genug gethan.

Noch südlich vom 71° südl. Breite gewahrte Roß große Massen von Walfischen, oft wurden von ihm dreißig auf einmal in verschiedenen Richtungen gezählt; er glaubt, den Handelsunternehmungen eine neue Quelle des Reichthums eröffnet zu haben, die, mit Kühnheit und Ausdauer verfolgt, nothwendig reichlich productiv werden müsse. Fast von noch größerem Interesse ist das Vorkommen von Guano [3] in den Südpolargegenden. Von den Possession-Inseln, deren Lage auf unserer Karte ersichtlich, erzählt Roß u. A.: „Wir sahen nicht die geringste Spur von Vegetation, aber unbegreifliche Mengen von Fettgänsen (Pinguinen) bedeckten vollkommen und dicht die gesammte Oberfläche der Insel an den Rändern der Felsenwände und selbst bis zu den Gipfeln der Hügel; sie griffen uns heftig an, als wir durch ihre Reihen hindurchwateten, und hackten mit ihren scharfen Schnäbeln nach uns; . . der unerträgliche Geruch des tiefen Guanolagers, das seit Jahrhunderten sich hier gebildet hat und einst den Ackerbauern der australischen Colonien werthvoll werden kann, ließ uns nicht lange hier verweilen.“

Die Pinguinen gehörten zur größten Art und waren meist 60–70 Pfund schwer; ein solches Thier wog sogar 78 Pfund. Sie zeigten sich furchtbar dumm und täppisch, und die Jagd auf sie – namentlich auf glatten Eisflächen, wo sie unbehülflich ausrutschten – bot der Schiffsmannschaft ein ganz besonderes Vergnügen. – Seitdem Roß alle diese Beobachtungen gemacht, sind über zwanzig Jahre verflossen. Thatsache ist, daß seitdem seine sicherlich werthvollen Winke unbeachtet geblieben sind.

Es erübrigt noch, einige Andeutungen über die allgemeine physische Beschaffenheit des Südpolargebiets zu geben.

Die nächste Frage ist nach der Temperatur. Von dem Grade der Wärme hängt alles organische Leben, der Zustand des festen Bodens wie der Meere ab; umgekehrt, wenn auch in zweiter Linie, wirkt dann die natürliche Beschaffenheit der Erdoberfläche wiederum auf den Temperaturzustand ein. Große Landflächen sind den größten Wärmeunterschieden ausgesetzt, große Wassermassen gleichen dieselben aus. Unser Gebiet nun hat von Haus aus eine sehr niedrige Temperatur, eben so niedrig wie die Nordpolarzone; wie hier, so entsendet auch dort die Sonne, wenig über den Horizont sich erhebend, selbst im Sommer nur matte Strahlen. Gleichwohl sind die Temperaturverhältnisse beider Zonen sehr von einander verschieden. Am Nordpol sind die Sommer warm, die Winter streng, am Südpol umgekehrt die Sommer verhältnißmäßig kühl und die Winter mild. [4] Die Erklärung dieser auffallenden Erscheinung finden wir in dem vorwiegend oceanischen Charakter der Südpolargegenden und den damit verbundenen Eisbildungen. Jene schon oben erwähnten Packeiswände und -Felder, Eisberge und Inseln, die ihren Hauptzuwachs im Winter erhalten, treten im Sommer von den südlichen Breiten aus ihre Wanderungen nach Norden an und kühlen die benachbarten Meere bedeutend ab, bis sie, zu immer kleineren Schollen zusammengeschmolzen, in wärmeren Breiten endlich ganz flüssig werden. Die bisherigen Beobachtungen haben ergeben, daß das wandernde Polareis in Form von ausgedehnten Packeisfeldern meist nur südlich vom 60° südl. Breite, in Form von losem Treibeis aber (namentlich im Atlantischen Oceane weit gegen den Aequator hin vorkommt; die nördliche Grenze desselben findet sich auf unserer Karte verzeichnet. Daher kommt es, daß die antarktischen Meere im Winter am meisten, im Sommer am wenigsten frei von Eis sind, und es ist sehr wahrscheinlich, daß ein Versuch, im Winter nach dem Südpol vorzudringen, viel leichter gelingt, als im Sommer, der Jahreszeit, in welche alle bisher gemachten Versuche der Art fallen.

Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß sich südlich von den bis jetzt von Weddell und Roß erreichten Punkten noch weite Wasserflächen ausdehnen, und daß es mit Zuhülfenahme der reichen Erfahrungen aller Süd- und Nordpolfahrer nicht schwer halten wird,

[152] durch eine abermalige Expedition das antarktische Problem endlich glücklich zu lösen. Neuerdings hat besonders der bekannte Geograph A. Petermann durch eine gründliche Zusammenstellung aller bisherigen Beobachtungen zur Klärung der Südpolarfrage beigetragen. Seine „Südpolarkarte“, auf der sich die Routen sämmtlicher Expeditionen von Cook bis Roß und alle von diesen beobachteten Eiserscheinungen finden, hat auch unserem Blatte als Vorbild gedient. Petermann erwartet namentlich von den aufblühenden Coloniereichen in Australien und Neuseeland, daß sie sich der weiteren Erforschung der antarktischen Regionen baldigst annehmen werden. Von Sydney und Melbourne sind die reichen Guanolager auf den Possessioninseln (zu Dampfschiff) in neun Tagen zu erreichen, und von da ist der Südpol – falls der Fahrt keine Hindernisse entgegentreten – nur vier Tagereisen weiter.
G. Hirth. 




All-Macht der polnischen Nationalregierung.[5]

Es war kurz nach dem Frieden von Villafranca, wo sich die Handelswelt von Neuem zu beleben begann, als auf dem Dampfer, der gen Bacharach zu Berg fuhr, ein junger deutscher Kaufmann, dessen Vater einem nicht unbedeutenden Fabrikgeschäft in Oberschlesien vorstand, die Bekanntschaft eines Polen von fast demselben Alter machte, der auf einer Reise über Straßburg nach Paris begriffen war. Die gleiche politische Anschauung der jungen Männer, ihr Bildungsgrad brachte sie bald näher an einander. Man tauschte die beiderseitigen Ansichten über die damalige Weltlage aus, und mit Befriedigung erkannte der Deutsche, den wir Alfred nennen wollen, in seinem Begleiter zwar den Sarmaten, der mit all’ der innern Gluth, wie sie dem Polen eigen ist, an seinem Vaterlande hing, doch zugleich sich den klaren, ruhigen Blick zu bewahren verstand, die Verhältnisse mit möglichster Leidenschaftlosigkeit zu überschauen.

„Das Unglück meines Volks,“ sagte er unter Anderm, „liegt hauptsächlich darin, daß es sich, in seiner Liebe zum Vaterlande zu leicht von Illusionen blenden und bei dem geringsten Schimmer eines politischen Erfolgs zu übereilten Schritten hinreißen läßt. Es scheut dann selbst die schwersten Opfer nicht, um leider nur zu bald einzusehen, wie es sich und seiner Sache nur geschadet hat.“

„Sollten aber,“ versetzte hier der Deutsche, „eine siebzigjährige Erfahrung und siebzigjährige Prüfungen Ihre Landsleute nicht endlich weiser gemacht haben?“

„Glauben Sie das nicht,“ antwortete der Andre, „die erste scheinbar günstige Gelegenheit ist hinreichend, den fort und fort glimmenden Funken immer von Neuem zu Flammen anzufachen.“

Die Blicke des Polen ruhten auf dem dunkeln Nußlaub von Sanct Goar, wo man soeben vorüberfuhr, und mit schmerzlichem Lächeln fügte er hinzu: „Sagt nicht einer Ihrer großen Dichter: „„Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen““? Die Liebe des Polen zu seinem Lande gleicht nicht der abgeklärten Liebe des Gatten zu seiner Gattin, sondern der feurigen des Liebenden zu der Geliebten, wo in der Regel der Verstand mit dem Herzen davonläuft. Die Besonnenern unter uns müssen dann mit, sie mögen wollen oder nicht, selbst wenn sie den unglücklichen Ausgang vor Augen sehen.“

Die beiden jungen Männer fanden sich zu einander hingezogen und beschlossen auch ihre weitere Reise gemeinschaftlich zu machen. So erreichten sie Straßburg, und da der Pole daselbst einige Tage zu verweilen gedachte und die Geschäfte Alfred’s gleichfalls einen mehrtägigen Aufenthalt erforderten, kam man noch unterschiedliche Male zusammen, zumal sie im nämlichen Hotel ihr Quartier aufgeschlagen hatten.

Eines Tags besichtigte man auch die reichen Arsenäle der Festung. Mit Verwunderung betrachteten die beiden Fremden die imponirende Anzahl der hier aufgehäuften Feuerschlünde. Mit ernstem Sinnen frug der Pole: „Ob wohl eine Zeit kommen wird, wo diese dunkeln Mündungen ihre Stimmen für das Recht und die Freiheit erheben?“

„Gewiß,“ erwiderte Alfred, „da ich an einen sittlichen Geist der Geschichte und dessen endlichen Sieg glaube. Freilich,“ fügte er mit trübem Lächeln hinzu, „ob wir Beide diese Zeit erleben werden, ist die andre Frage. Wir müssen uns hier mit den zahlreichen Geschlechtern trösten, die ebenfalls auf ein politisches Canaan gehofft und dafür gekämpft und gelitten haben, ohne es je zu sehen zu bekommen. Die Freiheit wie die Wahrheit können warten, sagt ein Sprüchwort, beide sind unsterblich, und was zählt im Laufe der Geschichte ein Menschenalter!“

„Das ist auch mein Trost,“ versetzte der Andre, seinem Begleiter die Hand reichend und drückend, „die Freiheit kann warten, sie bleibt unverloren. Das soll uns aber nicht abhalten, daß Jeder nach seinen Kräften beitrage, dem ersehnten Ziele näher und näher zu kommen; sei es auch nur ein Tropfen in’s Weltmeer.“

Kurz darauf trennten sich die beiden Reisenden, nachdem sie sich gegenseitig einander achten und schätzen gelernt. Der Pole reiste nach Paris, Alfred durch Süddeutschland nach seiner Heimath zurück.


Vier Jahre nach dem obigen Zusammentreffen trat eines Nachmittags der Vater Alfred’s zu ungewohnter Stunde in das Zimmer seiner Gattin. Sein Gesicht war sehr ernst und drückte die lebhafteste Besorgniß aus.

„Ich habe schlechte Nachrichten empfangen, liebe Frau,“ begann er. „Die neuesten Briefe aus Warschau lassen mich für meine dortigen Außenstände das Aergste befürchten. Die durch die immer weiter um sich greifende Insurrection herbeigeführte Stockung der Geschäfte stellt den Fall von Häusern in Aussicht, der uns auf das Empfindlichste berühren würde. Namentlich ist mir’s um eine Baarzahlung meines Hauptschuldners zu thun, die bereits vor vier Wochen gefällig und deren schleunige Beschaffung für mein Fabrikgeschäft täglich dringender wird. Ich wollte Dir darum blos die Mittheilung machen, daß ich den Alfred nach Warschau schicken werde.“

Als die Gattin von der Sendung ihres Sohnes nach Warschau hörte, entfärbte sie sich.

„Bester Mann,“ bat sie, „bedenke die jetzigen gräßlichen Zustände daselbst. Man spricht selbst von einem bevorstehenden Bombardement der Stadt.“

„Die Gerüchte darüber sind übertrieben,“ beruhigte der Kaufmann. „Ich sprach noch gestern mit Geschäftsfreunden, die von dort kommen. Zudem ist Alfred mit Pässen und guten Empfehlungen hinreichend versehen und sein Aufenthalt nur auf ein paar Tage beschränkt. Aber ich muß durchaus wissen, wie es mit meinem Hauptschuldner steht und wie ich überhaupt mit ihm daran bin.“

Nur mit schwerem Herzen ergab sich die Gattin in das Unvermeidliche, und bereits den nächsten Tag reiste Alfred nach Warschau ab, das er auch glücklich erreichte, da die durch die Aufständischen eine Zeit lang unterbrochene Communication wieder hergestellt war.


Bereits am Spätnachmittage des zweiten Tages nach seiner Ankunft sehen wir den Sohn des schlesischen Kaufmannes in dem noch leeren Speisesaale des Hotels, wo er abgestiegen war, in stiller Verzweiflung auf und ab gehen. Der Zweck seiner Sendung war verunglückt. Der Hauptschuldner seines Vaters hatte ihn zwar mit aller Höflichkeit aufgenommen, aber zugleich mit großer Zungengeläufigkeit die Unmöglichkeit auseinandergesetzt, unter gegenwärtigen Zeitverhältnissen seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Das Schlimmste aber war, daß es dem erfahrenen und einsichtsvollen jungen Kaufmanne nicht entging, wie es dem Schuldner mehr an gutem Willen fehlte, als an Zahlungskraft. Welche Verluste auch der Pole namhaft machte, die ihn in Folge des Aufstandes und der dadurch entstandenen allgemeinen Handelscalamität betroffen, sie konnten bei dem Umfange seines Geschäfts nicht so tiefeingreifend sein, um einen haltbaren Grund zur Zahlungsverweigerung abzugeben.

Nach langem unfruchtbaren und unerquicklichen Hin- und Wiederreden, und als endlich Alfred mit Klagbarwerdung drohte, erwiderte kaltblütig der Gegner: „Thun Sie das, wenn Sie glauben, damit besser weg zu kommen. Ich muß mir es gefallen lassen; [153] gebe Ihnen aber zu bedenken, daß Sie mich in diesem Falle zur Liquidation treiben. Was alsdann auf Ihre Forderung herauskommen dürfte in einer Zeit, wo wir keine Stunde sicher sind, daß uns die Kanonen der Citadelle die Häuser über den Köpfen anzünden, stelle ich abermals Ihrem Ermessen anheim. Das Aeußerste, was ich thun kann,“ schloß er seine für Alfred niederschmetternde Rede, „ist, daß ich Ihnen ein Abfindungsquantum anbiete für den Fall, daß Sie über das Ganze quittiren. Verschmähen Sie diese von der Noth gebotene Summe, so weiß ich nicht, ob ich in Kurzem auch nur diese noch zu leisten im Stande sein werde.“

Da der Betrag der angebotenen Summe mit der Schuldfordernng in zu grellem Widersprüche stand, fuhr der junge Kaufmann empört von seinem Sitze auf, griff nach seinem Hute und verließ ohne Abschied rasch das Zimmer. Spöttisch schaute der Pole dem Davoneilenden nach und brummte für sich: „Das fehlte noch, in der jetzigen Klemme auch noch dem Schwaben das Geld in den Rachen zu werfen.“

Alfred war in seiner Verzweiflung zu einem Rechtsanwalt geeilt, den ihm sein Vater für gewisse Fälle namhaft gemacht. Das Resultat hier konnte nicht trostloser sein. Der Mann des Rechts zuckte mit den Achseln und gestand, daß Alfred allerdings zu keiner unglücklicheren Zeitperiode in Warschau hätte eintreffen können. Die Situation sei in der That der Art, daß Alles auf dem Spiele stehe, und der Fall, daß sie von zahlungssäumigen Gläubigern benutzt werde, um ihrer Verbindlichkeiten quitt zu werden, stehe leider nicht vereinzelt da. Dieselbe Resolution erhielt er selbst von mehreren einflußreichen Persönlichkeiten, wo er seine Empfehlungsbriefe abgab.


Wir finden am Spätnachmittag unsern Landsmann nach seinem Hotel zurückgekehrt und beschäftigt, auf einem aus der Brieftasche gerissenen Stück Papier ein Telegramm zu redigiren, um seinen Vater von dem unglücklichen Stande der Angelegenheit zu benachrichtigen und um anderweite Verhaltungsbefehle zu bitten. Es begann bereits dunkel zu werden, Alfred hatte darum an dem obern noch lichthellen Theile der langen Tafel Platz genommen. Die nahen Fenster gingen nach der Straße hinab. Er vernahm, während er schrieb, die dumpfen Schritte und das Geklirr der Waffen der vorüberziehenden starken russischen Patrouillen, war jedoch in seine Arbeit so vertieft, daß er nicht bemerkte, wie inzwischen ein hoher stattlicher Herr in den Saal getreten war, der, sowie er einen Blick auf den jungen Kaufmann geworfen, eine freudige Ueberraschung ausdrückende Erregtheit nicht zu verbergen vermochte. Alfred bemerkte es auch nicht, wie der Fremde ihn fixirend wiederholt auf und ab ging.

Endlich war das Telegramm fertig. Alfred erhebt sich; allein wer beschreibt seine Ueberraschung, als sein alter Bekannter aus Straßburg vor ihm steht. „Wache ich oder träume ich?“ ruft endlich Letzterer und schließt den Deutschen auf das Herzlichste in seine Arme. Doch kaum hat er einen Blick auf Alfred’s Gesicht geworfen, als er betreten einen Schritt zurücktritt.

„Ihnen ist Unangenehmes widerfahren,“ spricht er in besorgtem Tone, „und überhaupt, was führt Sie gerade jetzt nach dieser unglückseligen Stadt?“

Zu jeder andern Zeit würde dieses überraschende Sichwiedersinden auch auf Alfred den freudigsten Eindruck nicht verfehlt haben. In seiner jetzigen Lage war es ihm aber unmöglich, seiner Freude hinreichend Ausdruck zu geben.

Da der Pole, den wir Stanislaus nennen wollen, mit ungeheuchelter Theilnahme in ihn drang, seinen Kummer ihm mitzutheilen und Alfred seinen ehemaligen Reisegefährten durchaus als einen Mann von edelster Gesinnung hatte kennen lernen, so trug er kein Bedenken, sein Herz vor ihm auszuschütten.

„Doch das läßt sich nicht mit trockenem Munde abthun,“ unterbrach Stanislaus, nachdem Alfred seine Leidensgeschichte begonnen; „Thaddäus, eine Flasche Cliquot.“ Obschon unserm deutschen Landsmanne durchaus nicht champagnerlustig zu Muthe war, mußte er gleichwohl auf das Wiederfinden anstoßen, worauf der Pole die Mittheilung Alfred’s mit Spannung und Aufmerksamkeit verfolgte, während seinem Munde wiederholte Male das Wort „Canaille“ entfuhr.

Alfred war zu Ende; Stanislaus stand auf und dem Tiefverstimmten die Hand reichend, sagte er: „Danken Sie es einem gütigen Geschick, das uns so unerwartet zusammenführte. Vielleicht, daß ich etwas in der Sache thun kann. Sie wenigstens sollen nicht zu den Deutschen gehören, welche sagen können, daß sie durch einen Polen um ihr Eigenthum gekommen wären!“

Alfred wußte nicht, wie ihm geschah. Er schaute trüben, fast ungläubigen Blickes zu dem Manne empor, der auf so unverhoffte Weise als sein Retter erschien. Letzterer fuhr fort: „Begeben Sie sich jetzt auf Ihr Zimmer und verlassen Sie dasselbe nicht. Binnen zwei Stunden bin ich wieder hier. Thaddäus, leuchte dem Herrn nach seinem Zimmer!“

Alfred befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. Dieses höchst unverhoffte Zusammentreffen, dieses Anerbieten in der Noth – aber welche Mittel und Wege standen Jenem zu Gebote, einen böswilligen Schuldner zur Zahlung zu zwingen? Was unserem deutschen Landsmanne fernerhin auffiel, war die vollständige Umwandlung in dem Benehmen der Hoteldienerschaft gegen ihn. Bei seiner Ankunft war er mit einem gewissen Mißtrauen, ja mit auffälliger Kälte vom Wirthe wie dessen Dienstleuten empfangen worden. Er mußte wiederholt die Klingelschnur ziehen, ehe sich ein diensthabender Kellner gemüßigt fand, nach dem Begehr zu fragen. Jetzt war das ganz anders. Ein Wink, und Jedermann flog, seinen Wünschen nachzukommen.

Nachdem Alfred sein Zimmer betreten, war die Dunkelheit immer tiefer herabgesunken. Sofort erhellte sich der Raum, indem sämmtliche Wachskerzen auf den silbernen Armleuchtern angezündet wurden, was Tags vorher nicht geschehen war.

Mit der unterwürfigen Frage: ob der gnädige Herr noch etwas befehle? entfernte sich der Diener, und Alfred erhielt Muße, über sein höchst merkwürdiges Abenteuer die geeigneten Betrachtungen anzustellen.

Die Fenster des Zimmers gingen nach einem freien Platze. Nur vereinzelte Gestalten sah man, eine jede mit einer Laterne versehen, durch die Dunkelheit wandeln. In einiger Entfernung rauschten die Wellen der Weichsel. Alfred öffnete ein Fenster und schaute lange hinaus in die milde, schweigende Nacht. Er war in der Geschichte des polnischen Reiches nicht unbewandert; darum bewegten die seltsamsten Gefühle seine Brust. Er gedachte der Donner und Flammen Pragas unter den stürmenden Bataillonen Suwarow’s, der Donner und Flammen von Wola vor zweiunddreißig Jahren. „Wenn diese dunkeln Häusermassen,“ sprach er zu sich, „erzählen könnten, wie viel Blätter blutiger polnischer Geschichte würde man zu beschreiben haben!“ Seine Situation würde überhaupt eine recht romantische zu nennen gewesen sein, wenn der drohende Verlust die erforderliche Stimmung dazu verstattet hätte.

Abermals zog eine russische Patrouille, um die Ecke biegend, am Hause vorüber. Schweigend marschirten die Krieger dahin. Ihre Schritte verhallten allmählich und wurden schwächer und schwächer. Es herrschte wieder die vorige unheimliche Einsamkeit und Stille – da, plötzlich ein geller, kurzer, aber markdurchschauernder Hülfeschrei. Erschrocken fuhr Alfred zurück und gewahrte mit Entsetzen, wie sich in geringer Entfernung ein dunkler Gegenstand auf dem Boden wälzte und zwei Gestalten nach der entgegengesetzten Richtung anseinanderhuschten. Er vernahm, wie das Thor des Hotels aufgerissen wurde und Personen mit Lichtern hervorstürzten, die, wie es schien, einen Schwerverwundeten oder Todten in’s Haus trugen.

Alfred eilte nach dem Glockenringe und schellte. Er mußte wissen, welches Unglück sich zugetragen. Auf seine hastige Anfrage erwiderte der Diener mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, ja selbst Schadenfreude: „Es ist der geheime Polizeiagent T., an welchem die Nationalregierung soeben das Urtheil vollstrecken ließ.“

Nationalregierung, verhängnißvolles Wort, das Alfred so oft in Deutschland nicht ohne geheimen Schauer hatte aussprechen hören und das er nur im Drange der Geschäfte zeitweilig aus dem Gedächtniß verloren, es wuchtete jetzt von Neuem unheimlich auf ihm. Nie hätte er sich träumen lassen, die Bekanntschaft dieses furchtbaren Tribunals, dieser dunkeln Vehme, in solcher Nähe zu machen. Er wollte schüchtern noch einige Anfragen an den Kellner thun, als Tritte auf dem Gange vernehmbar wurden und Stanislaus wieder in das Zimmer trat, der ihn sofort nach dem Sopha führte und Platz neben ihm nahm.

Alfred konnte nicht umhin, den alten Reisegefährten von dem soeben gehabten Schrecken zu benachrichtigen. Doch dieser entgegnete mit großem Gleichmuthe: „Daran muß man sich bei uns gewöhnen. Doch seien Sie unbesorgt. Es wird Niemand schuldlos [154] gerichtet. Nur an überwiesenen Verbrechern wird das Urtheil vollstreckt. Doch passen Sie jetzt auf, wir haben wichtigere Dinge zu verhandeln.“

Nachdem er mehrere Papiere aus seinem Portefeuille genommen, fuhr er fort: „Morgenden Tages, und zwar so zeitig wie möglich, lassen Sie sich nochmals bei Ihrem Gläubiger melden. Der Portier wird wahrscheinlich Auftrag haben, Sie nicht noch einmal vorzulassen; für diesen Fall zeigen Sie das Papier hier vor, und jede Weigerung wird aufhören. Sie werden vorkommen und mahnen den betreffenden Herrn nochmals an seine Verbindlichkeit. Macht derselbe abermals Ausflüchte und befriedigt Sie nicht bis zu Heller und Pfennig, so weisen Sie dieses zweite Papier vor und Sie werden sichere Wechsel, lautend auf Sicht an ein Breslauer Haus, erhalten. Dann aber sputen Sie sich, Warschau mit dem nächsten Zuge zu verlassen; denn wir Polen wissen nicht, was der morgende Tag über uns verhängt. Sollten Sie unterwegs von den Unsrigen behelligt werden, was ich für die nächsten Tage nicht glaube, alsdann zeigen Sie dieses dritte Papier vor, und man wird Sie ruhig Ihre Reise fortsetzen lassen. – Wie angenehm es mir gewesen wäre,“ schloß der Pole seine Ansprache, „ein paar Stündlein mit Ihnen zu verplaudern, so gestatten dies doch meine Geschäfte nicht. Reisen Sie mit Gott! Vielleicht, daß wir uns unter freundlichern Sternen noch einmal in diesem Leben begegnen.“ Und ehe der überraschte Alfred seinen Dank zu stammeln vermochte, hielt er die drei Papiere in der Hand, und Stanislaus war verschwunden.

Die nächstfolgende Nacht war eine der unruhvollsten in dem Leben unsers Landsmannes. Das Erlebte war ihm so fabelhaft, daß er wiederholt die mit polnischen Schriftzügen bedeckten Papiere besichtigen mußte, um sich zu überzeugen, daß er nicht träume. Der Gedanke, daß er es mit einem Mitgliede oder doch sehr einflußreichen Agenten der geheimen polnischen Nationalregierung zu thun gehabt, erfüllte ihn fast mit Schauer. Nichtsdestoweniger beschloß er in seiner geängsteten Lage, von der Gelegenheit, die ihm das Schicksal auf so wunderbare Weise geboten, Gebrauch zu machen, obschon er die Zweifel an einen glücklichen Erfolg nicht zu unterdrücken vermochte.

Bereits in den ersten Vormittagsstunden des folgenden Tags begab er sich, dem erhaltenen Rathe zufolge, abermals nach der Wohnung des Schuldners. Wie Stanislaus vorausgesagt, ward Alfred von dem Portier mit dem Bescheide kurz abgefertigt, daß der Herr verreist sei. Da machte unser Landsmann von dem ersten für den Portier bestimmten Papier Gebrauch, und, wie im Hotel, trat auch hier die merkwürdigste Wandlung ein. Aus der gravitätischen, vornehm herabschauenden Persönlichkeit ward plötzlich der höflichste Mensch. Er geleitete mit großer Zuvorkommenheit den Deutschen selbst nach dem Empfangzimmer und beeilte sich, den Hausherrn von dem Besuche in Kenntniß zu setzen.

Der Talisman, welcher dem Deutschen auf so räthselhafte Weise den Eintritt verschafft hatte, schien auch auf seinen Schuldner nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Alfred brauchte nur wenige Minuten zu warten, bis der Herr vom Hause erschien. Derselbe bemühte sich vergeblich, seine an Bestürzung grenzende Ueberraschung durch die ausgesuchteste Höflichkeit zu verdecken. Er gestand, daß es der Wunsch seines Herzens sei, mit dem schlesischen Hause in möglichst gutem Einvernehmen zu verbleiben, und nur die äußerste Noth habe ihn gestern gedrängt, ein Gebot zu thun, das ihm selbst nur zu wehe gethan; um aber wenigstens seinen guten Willen zu zeigen, wolle er die angebotene Summe um das Doppelte erhöhen.

Als Alfred hierauf nicht einging und auf vollständiger Befriedigung beharrte, legte sich der Pole aufs Bitten um Nachsicht und Gestundung. Es schien ihm Alles darum zu thun, mit seinem Gläubiger in Güte aus einander zu kommen.

Der Deutsche erwiderte, „daß man, was Nachsicht und Gestundung anlange, dieselbe bereits seit vier Wochen hinlänglich an den Tag gelegt habe und dadurch ebenso in Sorge, wie in Verlust gerathen sei.“

Der Schuldner erhöhte die Summe nochmals, und als Alfred auch hierauf nicht einging, stand Ersterer auf und erwiderte mit kälterem Tone: „Mein letztes Gebot gedenke ich verantworten zu können, gegen wen es immer sei. Sind Sie damit nicht einverstanden, so thut es mir leid; aber mehr zu bewilligen, liegt vollkommen außerhalb des Bereiches meiner Kräfte.“

Da Alfred erkannte, daß der Pole zu dem Punkte gekommen, wo seine Nachgiebigkeit die Grenze erreicht und weitere Debatten überflüssig wurden, zog er das zweite Papier aus der Brusttasche und überreichte es schweigend. Kaum hatte der Pole einen Blick auf das verhängnißvolle Papier geworfen, als eine auffallende Blässe sein Gesicht überzog. Er sprang auf und ging, wie mit einem Entschlusse kämpfend, wiederholt das Zimmer auf und ab.

Endlich blieb er vor Alfred stehen und sagte: „Sie sollen Ihr Geld haben und sollte es mich den Ruin meines Hauses kosten; aber ich bringe dieses Opfer im Interesse meines Volks und meines Vaterlandes. Wollen Sie gefälligst Quittung leisten. Hier stehen Papier und Schreibmaterial. Binnen Kurzem bin ich wieder bei Ihnen.“

Alfred schrieb im Namen seines Hauses die Quittung und zwar über die ganze Forderung, deren vollen Betrag in guten Wechseln er nach wenig Minuten in seiner Hand hielt.

Wer war glücklicher als unser Landsmann? Ohne sich in weitere Unterhaltung mit dem sehr wortkarg gewordnen Polen einzulassen, eilte er nach seinem Hotel, um seinen Retter aufzusuchen und ihm dankend um den Hals zu fallen. Aber Stanislaus war nirgends aufzufinden, noch sonst zu erfragen. So blieb ihm nichts übrig, als ein paar Dankeszeilen auf das Papier zu werfen, die er dem Wirthe zu eigenhändiger Ueberantwortung anvertraute. Zugleich bat er inständigst um den wahren Namen seines Wohlthäters, welchen dieser nie Alfred mitgetheilt hatte. Man nannte ihn, und sorgfältig notirte er denselben in seine Brieftasche, um von Hause aus noch ausführlicher seinen Dank auszusprechen.

Bereits nach wenigen Stunden lag die alte Polenhauptstadt weit hinter ihm. Er erreichte glücklich die deutsche Grenze, ohne auf Insurgentenhaufen gestoßen zu sein. So bedurfte er des dritten Papieres nicht, das er aber zum Andenken noch heute heilig und theuer aufbewahrt. In Breslau wurden die Wechsel auf das Prompteste honorirt.

Das Erste, was Alfred in der Heimath vornahm, war, daß er sich hinsetzte und in einem herzlichen Schreiben seinen Dank nochmals aussprach. Der Brief aber kam nach Verlauf weniger Tage mit der Bemerkung des Warschauer Postamtes zurück: „Adressat hier unbekannt“. Der Brief war unerbrochen, da Alfred als Absender die Firma seines Hauses bezeichnet hatte.

Als Alfred seinem Vater bei einem Glase Punsch sein Abenteuer und dessen glücklichen Erfolg ausführlicher mittheilte, stieß Letzterer auf das Freudigste mit seinem Sohne an und rief wiederholt: „Du bist ein Glückskind, wie ich das schon mehrmals in Deinem Leben zu beobachten Gelegenheit gehabt habe. Trotzdem,“ fügte er hinzu, „wollen wir mit den Herren Polen künftig etwas vorsichtiger zu Werke gehen, da nicht immer die polnische Nationalregierung die Gefälligkeit haben dürfte, wohlthätig einzuschreiten.“ – In der That möchte wohl auch der Fall, daß jene geheime Behörde einem Deutschen zu seinem Eigenthume verhelfen, sehr vereinzelt dastehen.




Das Löschen – eine brennende Frage.

Der Gemeinsinn, jener Grundpfeiler einer tüchtigen Selbstregierung, jener Prüfstein freiwilliger Aufopferung, gegenüber dem vornehmen Zurückziehen, der Faulheit und Gleichgültigkeit, wenn es sich darum handelt, das liebe eigene Ich im Dienste der Gemeinde wie des Vaterlandes zu bethätigen, dieser Gemeinsinn hat unstreitig in neuerer Zeit in unserem Volke mächtig Wurzel geschlagen und treffliche Erfolge zu Tage gefördert.

Ohne regen Gemeinsinn kein blühendes Gemeindewesen, und ohne dieses kein starkes, kräftiges Vaterland. Nichts ist daher wohl wichtiger, als allerwegen die Lust und Liebe am allgemeinen Thun anzuregen und zu fördern; denn dadurch wird das Volk zu derjenigen Selbstständigkeit erzogen, deren es bedarf, um mit Muth und Ausdauer der sich gestaltenden neuen Zeit entgegenzugehen und an dieser Neugestaltung selbst den so überaus nöthigen eigenen Antheil zu nehmen.

[155] Zu denjenigen Institutionen, welche, auf wahren, echten Gemeinsinn basirend, Opferwilligkeit, That- und Willenskraft erfordern und gleichzeitig im Dienste der Humanität stehen, gehören unstreitig die freiwilligen Feuerwehren. Diese Genossenschaften, die in der neuern Zeit, besonders in Folge des sich immer mehr und mehr ausbreitenden Turnwesens, in vielen Orten unseres deutschen Vaterlandes entstanden oder im Entstehen begriffen sind, können nicht genug der allgemeinen Beachtung und Nachahmung empfohlen werden. Denn vielleicht auf keinem Gebiete der öffentlichen Wohlfahrt ist eine gründlichere Verbesserung nöthig, als gerade bei dem Feuerlöschwesen, das sich leider in nur wenig Fällen einer besondern Aufmerksamkeit der Bevölkerung wie der Behörden zu erfreuen hat. Indifferentismus, Festhalten am Althergebrachten und die Scheu vor einigen, häufig gar nicht bedeutenden, Geldkosten bilden in der Regel das Trifolium einer geschlossenen Phalanx gegenüber den sich etwa geltend machenden Bestrebungen nach Verbesserung. „Wozu brauchen wir die Neuerungen? Unsere Anstalten genügen vollkommen, und am Ende erleben wir ja nur selten ein Brandunglück. Weshalb sollen wir uns also der Mühe neuer Einrichtungen unterziehen und obendrein Geld dafür verwenden, das wir für andere Zwecke nöthig haben?“

So räsonnirt man beim Bierglase und begiebt sich, eben als der Nachtwächter den stereotypen Vers „Bewahret das Feuer und das Licht“ etc. absingt, zur gewohnten Ruhe. Da, plötzlich, mitten im tiefsten Schlafe ertönt schauerlich die Sturmglocke! Erschreckt stürzen die Einwohner aus ihren Häusern. Ein Schrei des Entsetzens läßt sich überall vernehmen, denn es brennt an der gefährlichsten Stelle. Mit rasender Schnelligkeit verbreitet sich die Flamme und vernichtet Hab und Gut. Jetzt endlich langt die erste Spritze an, ein wahres Ungethüm, welches die Jahreszahl 1763 trägt, andere folgen, und mit einiger Ruhe sieht man nun den Ereignissen entgegen. Aber leider leistet nur eine einzige Spritze gute Dienste, während die andern wegen ihrer Untauglichkeit nach kurzer Zeit ihre Thätigkeit eingestellt haben und sogar theilweise von der Bedienungsmannschaft verlassen sind. Alles rennt durcheinander, Jeder sucht seine Habe in Sicherheit zu bringen, denn schon hat sich die Flamme bis zum Mittelpunkt des Ortes ausgebreitet. Unter solchen Umständen, und weil es leider auch an Wasser und Mannschaft fehlt, muß die einzige Spritze, die der Weiterverbreitung des Feuers einen Damm entgegensetzen könnte, ihre Thätigkeit einstellen und sich schleunigst zurückziehen. So ergreift das Feuer Kirche und Rathhaus, ja selbst die geretteten Gegenstände, welche man an einem sichern Ort wähnte. In wenigen Stunden ist der Ort bis auf einzelne Häuser ein Schutthaufen. Weinend und wehklagend stehen die Einwohner auf dem Platze der Vernichtung, trüben, bekümmerten Blickes in die düstere Zukunft schauend, der allgemeinen Mildthätigkeit anheimgegeben. Und glücklich noch mögen sie sich bei all’ dem Elend schätzen, wenn keiner von ihnen den schrecklichen Tod in den Flammen gefunden hat.

All’ dies Unglück ist zum guten Theil die Folge von Sorglosigkeit und Mangel jeder dem billigsten Verlangen nur einigermaßen entsprechenden Organisation. Deshalb sollte jede Gemeinde darauf bedacht sein, bei guter Zeit die nöthigen Sicherheitsmaßregeln durchzuführen, und nicht erst warten, bis das Sprüchwort: Durch Schaden wird man klug, sich an ihr zu erproben sucht.

Die Hauptbedingungen einer tüchtigen Feuerwehr sind in einer wohlorganisirten, disciplinirten Mannschaft, unter einheitlicher Leitung, zu suchen. Dieser müssen dann brauchbare Geräthe und namentlich hinreichendes Wasser zu Gebote stehen. Daß nur auf diese Weise tüchtige Resultate zu erlangen sind, dürfte jedem Einsichtigen klar sein. Wer aber noch daran zweifeln sollte, der gebe sich nur die Mühe, die Leistungen einer gut organisirten, streng disciplinirten und wohlausgerüsteten Mannschaft mit denen einer zusammengewürfelten Masse zu vergleichen, und er wird sehr bald zur Erkenntniß gelangen.

Hinsichtlich der Löschgeräthe soll man alles Complicirte vermeiden, und sich an das Einfache, Praktische halten. Ebenso einfach sei die Kleidung. Wenn es die Mittel erlauben, daß die Mannschaft, namentlich im Winter, mit einer Tuchjoppe versehen werden kann, dann um so bester. Wo dies nicht thunlich, muß eine Blouse aus derbem Leinenzeug, unter welcher man ein warmes Unterkleid tragen kann, den Dienst verrichten. Als Kopfbedeckung wähle man den Helm. Alle überflüssigen Abzeichen sind entschieden zu vermeiden. Die Mannschaft selbst aber darf nicht aus zu jungen Leuten bestehen. Das 18. oder 20. Lebensjahr muß jeder Eintretende erreicht haben und außerdem die erforderliche körperliche Tüchtigkeit besitzen. Besonders möge man darauf sehen, sich einen Stamm von solchen Leuten zu bilden, die ihren dauernden Wohnsitz im Orte selbst haben. Endlich sollen sich auch die intelligenten und durch ihre Verhältnisse unabhängigen Ortsangehörigen bei der Feuerwehr betheiligen; denn gerade sie sind es, welche in einer derartigen Genossenschaft besonders segensreich wirken können. Leider aber hat man in diesen Kreisen häufig mehr schöne Worte als Thaten. Hat sich nun ein Stamm von Männern zu einer solchen freiwilligen Genossenschaft vereinigt, dann entwerfe man ein aus wenigen Paragraphen zusammengesetztes Grundgesetz nebst den nöthigen Disciplinarbestimmungen und setze sich alsbald mit den Behörden in Verbindung, deren Unterstützung unter allen Verhältnissen nothwendig ist. –

Der Impuls zu Gründung freiwilliger Feuerwehren ist schon vor länger als einem Jahrzehnt von Süddeutschland (besonders von Schwaben) aus gegeben worden. Von dort hat sich die Bewegung nach Mittel- und in jüngerer Zeit nach Norddeutschland verpflanzt. Auch in Oesterreich ist man neuerdings mit Gründung solcher Genossenschaften vorgegangen, deren Beispiel sicherlich Nachahmung finden wird. Vor Allem aber hat die Bewegung in den Turnvereinen Grund und Boden gefaßt und sich mit deren Verallgemeinerung vergrößert. Die Turngenossen eignen sich ganz besonders zu Feuerwehren; denn einmal haben sie Gelegenheit, die auf dem Turnplatze erworbene körperliche Kraft und Gewandtheit, That- und Willenskraft in der Praxis zu bethätigen, und dann ist in dem öfteren gemeinschaftlichen Zusammensein auf dem Turnplatze ein Bindemittel gegeben, welches für die Disciplin wie für das überaus wichtige sich gegenseitig in die Hand Arbeiten eine große Bedeutung hat.

Ueberhaupt muß die Turnerei mit den aus ihr gebildeten Feuerwehren als eine Hauptschule des Gemeinsinns betrachtet und darum ihre immer weitere Verbreitung mit allen Kräften angestrebt werden.

Werfen wir nunmehr einen Blick auf stehende, d. h. bezahlte Feuerwehren. Derartige Einrichtungen, welche bedeutende Geldkosten verursachen, besitzen nur große Städte, wie Berlin, Paris, London, Petersburg, Moskau und viele andere. Eine treffliche Organisation hat die Berliner Feuerwehr, welche, von dem ehemaligen Polizeipräsidenten von Hinckeldey gegründet, heute noch unter dem verdienstvollen Branddirector Herrn Scabell steht. Das ganze Corps hat einen Etat von circa 600 Mann. In verschiedenen Theilen der Stadt befinden sich achtzehn mit den erforderlichen Mannschaften und Geräthen besetzte Feuerwachen, welche mit dem Polizeipräsidium in telegraphischer Verbindung stehen, so daß im Nu und ohne die Bevölkerung zu alarmiren bei einem ausbrechenden Schadenfeuer die erforderlichen Kräfte an den bedrohten Punkt dirigirt werden können. Eine bis in fast alle Theile der Stadt verbreitete Wasserleitung unterstützt die Operationen der Mannschaften, deren Genauigkeit in Ausführung ihrer verschiedenen Verrichtungen ganz besonders hervorzuheben ist. Die freiwilligen Feuerwehren können sich dieses Institut in jeder Beziehung zum Muster nehmen und mancherlei Einrichtungen auf ihre eigenen Verhältnisse übertragen. Vorzugsweise gilt dies von der Disciplin, der Ruhe und Besonnenheit, dem Bewußtsein, welche dort herrschen.

Das Pariser Pompiercorps,[6] das älteste aller stehenden Feuerwachen, denn es wurde schon im Jahre 1716 von Dumourrier Duperrier gegründet, zählt dermalen 800 Mann. Das Corps steht seit 1850 unter dem Commando und der Verwaltung des Kriegsministeriums, während es hinsichtlich des Feuerlöschdienstes den Befehlen des Polizeipräfecten nachzukommen hat.

In ähnlicher Weise sind die Pompiers durch ganz Frankeich, in den Städten wie auf dem Lande, eingeführt. In den kleineren Ortschaften haben die Pompiers nur die Oberleitung (zu jeder Spritze gehören drei Mann) über die aus der Bevölkerung zum Feuerwehrdienst herangezogenen Mannschaften und genießen dafür verschiedene Vergünstigungen, wie z. B. Befreiung vom Nationalgardendienst etc.

Die Londoner Feuerbrigade, wie sie genannt wird, zählt circa 150 Mann und ist ein von den Versicherungsgesellschaften besoldetes [156] Privatinstitut. Die Mannschaft bezieht ebenfalls Wachen, die in verschiedenen Gegenden der Stadt vertheilt und, so viel uns bekannt, untereinander telegraphisch verbunden sind. Die Feuerwehrmänner haben bei einem signalisirten Schadenfeuer nur die Oberleitung über das freiwillig zur Hülfeleistung herbeieilende oder nach Umständen auch dazu gepreßte Publicum, welches selbst für geleistete Dienste von dem commandirenden Feuerwehrmannn auf Verlangen mit 1 Schilling pro Mann und Stunde entschädigt wird; in der zweiten Stunde wird dieser Betrag indessen auf 6 Pence reducirt – eine Einrichtung, die uns nichts weniger als praktisch vorkommen will. Seit Kurzem sind auch in London die Dampfspritzen eingeführt, deren Wirkung bei hinreichendem Wasser eine ganz außerordentliche ist. Die Anschaffung dieser in neuester Zeit verbesserten Maschinen ist ziemlich kostspielig. Dasselbe gilt von deren Unterhaltung, so daß sie sich aus diesen Gründen nur für große Städte eignen. In Gemeinschaft mit der Feuerbrigade wirkt noch die im Jahre 1843 durch Privatmittel gegründete „Königl. Gesellschaft zur Rettung von Menschenleben in Feuersgefahr“, die sich vielfach nützlich gemacht hat. Diese Gesellschaft hat jetzt ein Netz von 84 Stationen über London ausgespannt, bei deren jeder die ganze Nacht hindurch ein Chef verweilt, der eintretendenfalls binnen wenigen Minuten mit Mannschaften und Rettungsapparaten in jedem beliebigen Theile seines Districts zur Hülfe steht. Während des verflossenen Jahres waren die Mannschaften der Gesellschaft bei 673 nächtlichen Bränden in Thätigkeit und diese Zahl wird nicht um ein Dutzend hinter der gesammten Zahl nächtlicher Feuer in der Hauptstadt zurückbleiben; und unter Leitung der Chefs wurden 74 Menschen gerettet, welche ohne diese Hülfe dem gewissen Verbrennungstode anheimgegeben waren.

Die Gartenlaube (1864) b 156.jpg

Feuersignalthurm in Moskau.

Als vortrefflich werden die stehenden Feuerwehren in Moskau und Petersburg geschildert, die schon seit vielen Jahren in Wirksamkeit sind. Daß trotzdem in neuester Zeit in beiden Städten große Feuersbrünste stattgefunden haben, welche der angestrengtesten Löschversuche zu spotten schienen, hat seine hier nicht zu erörternden andern Gründe, so daß diese Vorkommnisse keineswegs einen Maßstab für die mindere Tüchtigkeit jener Corps abgeben können. Neben der jetzt eingeführten elektro-magnetisch-telegraphischen Verbindung der verschiedenen Feuerwachen beider Städte sind auch noch die früher allein den Dienst versehenden optischen Telegraphen in Gebrauch, deren eine unsere Abbildung zeigt. Ueber diese, wie über die ganzen Einrichtungen lassen wir unsere Gewährsleute sprechen.

Jede Tschast (Stadttheil) besitzt ein hohes Gebäude mit steinernen Grundmauern, auf welchem ein weit über alle Häuser emporragender hölzerner Thurm, der einer holländischen Windmühle gleicht, aufgeführt ist. An dem höchst möglichen Punkte dieses Thurmes läuft rund herum eine Gallerie, auf welcher fortwährend zwei der wachhabenden Bajarniks (Spritzenleute) ihre Runde machen. So aus dieser Vogelperspektive spähen sie nach etwa verdächtig aufsteigendem Rauch und zu den ihnen stets sichtbaren nächsten Feuerthürmen hinüber. Auf der Spitze des Thurmes erhebt sich eine lange eiserne Stange mit zwei Armen, zu welchen, gleich dem Takelwerk eines Schiffes, Stricke führen, woran die nöthigen Feuersignale aufgezogen werden. Diese Feuerzeichen bestehen bei Tage aus großen, geflochtenen, schwarzen Kugeln und schwarzen Querstäben, des Nachts jedoch aus verschiedenfarbigen Ballons und bilden so eine Art von Telegraphensprache, indem sie, je nach ihrer Zusammenstellung, den Stadttheil der Feuersbrunst angeben (s. unsere Abbildung), welcher dann von sämmtlichen Thürmen signalisirt wird.

Die Lösch-, Rettungs- und sonstigen Apparate gleichen denen anderer Länder. Einen herrlichen Anblick bietet eine zur Brandstätte eilende Bajarne (Feuerspritze). Vorauf galoppirt der Führer des Zuges, bei Tage eine blutrothe Fahne, Nachts eine Stocklaterne in der Hand, und ihm nach rasselt der lange Zug der stets sehr sauber gehaltenen, grüngestrichenen Gefährte, auf jedem die nöthige Mannschaft in kurzen grauen Waffenröcken und Beinkleidern von gleicher Farbe, welche in hohen Juchtenstiefeln verschwinden. Den Kopf bedeckt ein schützender Messinghelm. Die Pferde dieser Züge sind bei jeder Tschast stets von ganz gleicher Farbe und von so guter Race, als stammten sie direct aus Arabiens Wüsten. Sie sind bei den schweren Fuhren zu drei, bei den Wasserfässern zu zwei nebeneinander geschirrt. Das mittlere Pferd läuft zwischen einer Scheere mit dem hier stets gebräuchlichen hohen Bügel über dem Kummet, in sehr gestrecktem Trab, und die Seitenpferde galoppiren mit tief, aber graciös nach außen gesenktem Kopfe frei daneben, durch Separatleinen regiert. Das Geschirr, aus zahlreichen feinen, aber starken Riemen bestehend, gleicht fast einem Schmuck und trägt nicht wenig zum Ausputz der herrlichen Thiere bei.

In Petersburg besitzt die Feuerwehr außer den gewöhnlichen noch zwei in England gefertigte Dampfspritzen, die während des Transportes zur Brandstätte geheizt werden und so in der Regel fix und fertig zur Stelle kommen. Diese Maschinen haben sich außerordentlich gut bewährt; denn ganz abgesehen von der Kraft des in die Höhe und Weite geworfenen Wasserstrahls, speisen sie noch, falls es nothwendig, die gewöhnlichen Spritzen mit Wasser, welches die zahlreichen Canäle und Wasserleitungen in hinreichender Fülle liefern.

Schließlich wollen wir noch erwähnen, daß die Feuerspritze schon von dem Griechen Ktesibios und dessen Schüler Heron, dem Erfinder des Heronsballes, 150 Jahre vor Christo erfunden wurde. Diese Maschinen, Stoßspritzen, denen der Windkessel fehlte, kamen indessen nicht in Aufnahme. Erst viel späteren Zeiten war es vorbehalten, die Erfindung wieder aufzunehmen und durch Verbesserungen für ihre Zwecke tüchtig zu machen.

In Deutschland datirt die erste Nachricht über Feuerspritzen aus Augsburg und aus dem Jahre 1518, wo eine solche, angefertigt vom Goldschmied Anton Platner, in Gebrauch war.

Nach und nach wurden diese Maschinen namentlich in deutschen und holländischen Städten immer häufiger. Das bewegliche Wenderohr (Schwanenhals) ward im Jahre 1655 von A. Hantsch [157] in Nürnberg und Schläuche sowohl als Wasserzubringer 1672 von den Gebrüdern Jan van der Heide erfunden. Endlich erfand im Jahre 1720 der Mechaniker Jakob Leupold aus Planitz bei Zwickau den Windkessel, jenen Hauptbestandtheil der Feuerspritze, durch den allein ein ununterbrochener Wasserstrahl erzielt wird. Das Princip in der Bauart der Feuerspritzen war nunmehr entschieden, und es kann seitdem lediglich von Verbesserungen dieses Princips, nicht aber von neuen Erfindungen die Rede sein. Die Erbauung der Dampffeuerspritzen stammt aus Nordamerika, wo der Mechaniker Ericson, ein Schwede, 1840 in Newyork die erste verfertigte.

Die Feuerwehrfrage ist gewissermaßen auch eine brennende geworden, mit der sich Publicum wie Behörden weit eingehender und vorsorglicher beschäftigen sollten, als es leider bisher geschehen. Sollten diese schlichten Zeilen einigermaßen dazu beitragen, so ist ihr Zweck erreicht.
O. Faber. 




Aus den Landen des verlassenen Bruderstammes.
3. Von Schleswig nach Rendsburg und meine Gefangenschaft bei den Preußen.

Alle Verbindungen in Schleswig waren durch den Krieg in Unordnung gerathen. Nirgends wußte man in der Stadt Schleswig, ob man mittelst der Eisenbahn nach Flensburg gelangen könne, nicht einmal im Bureau der Eisenbahnstation. „Ich weiß nur, daß sogleich ein Militärzug nach Rendsburg geht, welcher Gefangene führt,“ sagte der Beamte; „ob Sie mitfahren können, wie weit? von Alledem weiß ich nichts. Versuchen Sie’s.“ Das war ein schlechter Trost. Ich wandte mich an einen österreichischen Hauptmann, den ich auf dem Perron traf. „Der Zug, den Sie hier sehen,“ erwiderte er, „geht allerdings mit Gefangenen nach Rendsburg. Bis Klosterkrug will ich Sie gern mitnehmen. Ob Sie dort weiter kommen können, weiß ich nicht.“ Alle Wagen des langen Zuges waren bereits mit dänischen Soldaten gefüllt, mehrere hundert Gefangne, welche die tapfern österreichischen Truppen auf den Schlachtfeldern von Wedelspang, Jagel und Oeversee gemacht hatten. Sie sollten über Rendsburg nach Spandau und Magdeburg gebracht werden. Ich stieg mit dem Hauptmann und noch zwei jüngern Officieren in eins der vorderen Coupes. Der Zug brauste fort. „Merkwürdig,“ sagte der Hauptmann, in seinen Gefangnenlisten blätternd, „immer dieselben Namen. Da habe ich nun zwanzig Gefangene auf dem Zuge, welche sämmtlich „Petersen“ heißen. Wird nun einer von diesen zwanzig Petersen entlassen, so ist es ein Kunststück, den richtigen Petersen herauszufinden.“

Nach einigen Minuten hielt der Zug bei Klosterkrug. Noch heute lauten die Billets in dänischer Sprache. „Slesvic to Klosterkro“ stand auf dem Billet, welches ich in der Hand hielt. Nur dänische Frechheit vermag so Etwas. Niemals hat die österreichische Regierung Aehnliches in der Lombardei und in Venetien versucht. Ich stieg aus, und der Zug brauste weiter nach Rendsburg zu. Aber wie bedauerte ich bald, daß ich überhaupt versucht hatte, mittelst der Eisenbahn nach Flensburg kommen zu wollen! Niemand wußte mir auf der einsamen Station zu sagen, ob und wann ein Zug nach Flensburg kommen oder abgehen würde. Und dazu war ein längerer Aufenthalt auf der Station eine Art von Bivouak. Das Bahnhofsgebäude war vollkommen wüst und leer. Man sah, die Dänen hatten in diesen Räumen gehaust. Ich versuchte, in einem der übrig gebliebenen Oefen mir selbst Feuer anzumachen. An zwei Stellen war der Fußboden aufgebrochen, um Pulver hineinzulegen und das Bahnhofsgebäude, welches den auf das Danewerk vorrückenden Oesterreichern als Deckung dienen konnte, in die Luft zu sprengen. Ich brach an diesen Stellen noch einige Holzstücke aus und steckte sie in den Ofen. Aber der Ofen rauchte. Ich wollte mir einen andern Raum suchen. Endlich kam ich zu einer geschlossenen Thüre. Inwendig hörte ich Stimmen. Ich öffnete die Thür, und sah ein vollständig kriegerisches Bild vor mir. Ich trat in einen Wartesalon erster Classe. Der Boden war mit Heu und Stroh bedeckt, Tornister, Waffen, Soldatenmäntel lagen umher, um ein im Ofen brennendes prächtiges Feuer aber lagerten ein Dutzend österreichischer Soldaten. Der Saal war dunstig genug, allein ich dachte, das erste Element des menschlichen und thierischen Lebens sei die Wärme, und ließ mich auf einen Tornister in der Nähe des Ofens mitten unter den Ungarn, Slavoniern und Kroaten nieder. Ich befand mich bei der österreichischen Wachtmannschaft, welche den Bahnhof besetzt hielt. General v. Gablenz, der Sieger vor Schleswig und bei Oeversee, hatte hier einige Stunden nach dem Abzuge der Dänen sein Hauptquartier gehabt. Glänzende Thaten des Feldherrn und der Soldaten und das Lob eines liebenswürdigen, humanen und der politischen Lage des Landes gegenüber höchst taktvollen und klugen Benehmens werden in der Geschichte dieses Krieges seinen Namen zieren.

Mit der Eisenbahn, das sah ich mit jeder Minute mehr, war nicht weiter zu kommen. Zum Glück fuhr bald nachber ein Bauer in seinem Stuhlwagen vorüber, der mich willig nach Schleswig mitnahm.

Ich befand mich nun auf der Straße, auf der die dänische Armee nach Verlassen des Danewerkes und der Schanzen um Schleswig ihren jedenfalls meisterhaften Rückzug gemacht hatte. Das war Morgens zwischen 6–8 Uhr geschehen. Die Kaiser-Husaren waren ihr immer auf den Fersen. General von Gablenz selbst gleich hinter den Kaiser-Husaren. Beim Fußholzer Krug stieß die österreichische Avantgarde zuerst auf die dänische Nachhut. Die Wege waren glatt gefroren. Nur mit großer Mühe konnten die Husaren sich vorwärts bewegen. Auch sie hatten mehrere Tage und Nächte bei dem fürchterlichen Wetter im Bivouak zugebracht. Aber immer ging es vorwärts, um die Dänen zu erreichen und zum Stehen zu bringen.

Endlich kam ich an die Idstedter Haide. Hier wurde vor dreizehn Jahren die Schlacht geschlagen, welche Schleswig-Holsteins Schicksal entschied und ohne die Annahme einer grenzenlosen Unfähigkeit oder einer fast unglaublichen Verrätherei gar nicht zu erklären ist. Bei Hellingbeck sah ich die ersten Todten. Es waren Kaiser-Husaren, die tapfern Verfolger, welche bei Oeversee das Gefecht zum Stehen gebracht hatten. Einzelne Tschako’s und Dolmans waren auf der Straße zerstreut. Sich scheuend, jagten die Pferde an den todten Körpern vorüber. Vom Fußholzer Krug bis nach Oeversee bestand die Verfolgung der österreichischen Truppen aus einer fortlaufenden Reihe von kleinen Scharmützeln. Die dänischen Truppen, Infanterie und Artillerie, benutzten jeden günstigen Terrainabschnitt, um die vorrückenden Oesterreicher aufzuhallen.

Ich gelangte nach Oeversee. Hier war es zu einem vollständigen Gefecht gekommen, oder zu einer Schlacht, will ich lieber sprechen, „denn die Schlacht bei Solferino,“ sagte mir der österreichische Officier, den ich am heutigen Abend auf der Hauptwache kennen lernen sollte und der bei Oeversee gekämpft hatte, „war im Verhältniß zur Zeit und zu den Streitkräften nicht so blutig, wie das Gefecht bei Oeversee.“ Es dauerte nur anderthalb Stunden. In diesen anderthalb Stunden verlor die Brigade Nostiz, mit der Feldmarschalllieutenant von Gablenz die Verfolgung unternahm, nicht weniger als 600 Mann an Todten und Verwundeten, unter ihnen ein Drittel ihrer Officiere. Namentlich zeichneten sich die Regimenter Belgien und Hessen und das neunte Jägerbataillon durch eine unvergleichliche Bravour aus. Die Dänen hatten, fast zehntausend Mann stark, eine ausgezeichnet günstige Position mit Infanterie und Artillerie besetzt. An einem hochgelegenen Waldrande standen sie in drei Stufen übereinander, jede einzelne Stellung durch Erddämme und Knicks geschützt, während die Oesterreicher ganz ungedeckt jede Position erstürmen mußten. Aber als die Letzteren sahen, daß sie das Gefecht wirklich zum Stehen gebracht hatten, stürmten sie unaufhaltsam eine Position nach der andern mit dem Bajonnet, obschon die Dänen ihnen an Zahl um das Doppelte überlegen waren, und eine Truppenmacht von 10.000 Mann noch zwischen Oeversee und Flensburg in der Reserve stand. Keinen Augenblick verstummte das Hurrah der Stürmenden auf der ganzen Linie. Jeder Fußbreit Boden, wie ich sah, war hier mit Blut erobert worden.

Am heftigsten mußte im Wäldchen gekämpft worden sein. Dort lagen die Todten am zahlreichsten. Die österreichischen Soldaten [158] waren meistens in den Kopf geschossen. Die Gesichter der auf dem Rücken im Schnee liegenden Jäger und Infanteristen waren mit Blut bedeckt. Die Dänen hatten noch in der Entfernung von drei Schritt Feuer gegeben. Dann hatten die Oesterreicher die Gewehre umgekehrt und den Dänen mit den Kolben die Köpfe eingeschlagen. Vor einem Zaun, hinter dem die Dänen in der Position am Waldrande zuerst Posto gefaßt hatten, lag eine lange Reihe österreichischer Jäger und Infanterie todt. Blutlachen hatten den Schnee geröthet. Dolmans und Husarenkäppis bedeckten zu beiden Seiten die Ränder der Straße. Hinter dem Zaune lagen die Dänen, ebenfalls in langer Reihe, meistens die Köpfe mit dem Kolben eingeschlagen. Man konnte ganz deutlich sehen, wie der Zaun vertheidigt und dann genommen war. Die Blutlachen, die Leichen mit den zerschossenen und eingeschlagenen Köpfen, die todten Pferde – ein schrecklicher Anblick! Eine Jägercompagnie zählte nach der Schlacht nur noch 27 Mann.

Feldmarschalllieutenant v. Gablenz war während des Gefechts stets an den gefährlichsten Stellen. Keine Bitte, sich weniger auszusetzen, konnte ihn zurückhalten. Rund um ihn fielen Menschen und Pferde; er selbst erhielt eine matte Kugel, welche an seiner Säbelscheide abprallte. Dem Herzog Wilhelm von Würtemberg, welcher als Oberst das Regiment Belgien commandirte, wurden bekanntlich zwei Zehen abgeschossen. Unleugbar schlugen sich die Dänen vortrefflich. Jeder Knick mußte mit dem Bajonnet unter Kleingewehr- und Artilleriefeuer genommen werden. Sie verwendeten ihre Truppen auf das Zweckmäßigste und manövrirten nach allen Regeln der Taktik. Die 600 dänischen Gefangenen, welche eingebracht wurden, waren meistens Jüten und Inseldänen, unter ihnen kein einziger Ueberläufer. Der Grimm und die Erbitterung sprachen aus ihren Zügen. Sie schlugen sich bis auf den letzten Augenblick.

Unter einem Trupp Gefangener, die man in der ersten Verwirrung noch nicht entwaffnet halte, legte plötzlich ein Seeländer auf den ganz in der Nähe stehenden Feldmarschalllieutenant von Gablenz an. Der General wäre verloren gewesen. Da schlug ein Jäger den Dänen mit dem Gewehrkolben nieder. Ohne Ausnahme zeichneten sich alle österreichischen Officiere durch unerschrockene Tapferkeit und unverwüstliche Kaltblütigkeit aus; ich nenne unter den Vielen nur Oberstlieutenant Schönfeld vom Generalstabe, Oberlieutenant Baron Mertens, Rittmeister Baron Löwenstern, Ordonnanzofficier des Feldmarschalls, einen Schleswig-Holsteiner, dessen Bruder in Angeln begütert ist, Lieutenant Otterstedt, Oberstlieutenant Vlatitz[WS 1], Chef des Generalstabes – ich müßte sie Alle nennen. Als es dunkel wurde, brachen die Dänen das Gefecht ab. Dann wurden mit Hülfe von Fackeln und Laternen die Verwundeten auf dem blutbedeckten Schlachtfelde aufgesucht. Gar mancher ist nicht gefunden worden und ist an seinen Wunden im Schnee und in der Kälte gestorben.

Eine Stunde vor Flensburg sollte ich einen andern noch erschütternderen Anblick haben. Der Schneesturm war wieder so heftig geworden, daß ich genöthigt war, die Pferde ausruhen zu lassen und in einem an der Straße liegenden einsamen Gehöft einzutreten. Die größere Stube war ganz mit österreichischen Soldaten angefüllt, in der kleinern saß der Besitzer des Hofes, neben ihm auf der Bank lag sein todter einziger Sohn. Die Dänen hatten bei ihrem Rückzüge von Oeversee nach Flensburg Pferde und Wagen des Bauern requirirt. Der Sohn führte den Wagen. Mit durchschossenem Kopfe sollte ihn der Vater wiedersehen. Wahrscheinlich war er, als er auf dem Rückwege die Vorpostenkette der Dänen passirte, in der Dunkelheit erschossen worden. Der Todte hatte die Bescheinigung, daß die Fuhre geleistet sei und er zurückkehren könne, noch in der Tasche. Die Pferde und der Wagen waren fort. „Nun habe ich Alles verloren,“ rief der verzweifelte Vater, „meinen einzigen Sohn, meine Pferde und meinen Wagen.“ Nie werde ich diese fürchterliche Scene in der schwach erleuchteten Stube vergessen.

Flensburg war voll vom Getümmel des Krieges. Wagen an Wagen bedeckten die Straßen, welche sich noch im Dunkel des bereits hereingebrochenen Abends mit Vorräthen, Munition und Kriegsvorräten aller Art auf der Straße nach Gravenstein in der Richtung nach Düppel hinaus bewegten. Zwischen den Wagen Truppenmassen und Geschütze. Darüber ein winterlicher Nachthimmel, aus dem unaufhörlich Schneemassen herabwirbelten. Fahnen in den schleswig-holsteinischen Farben hingen aus den Fenstern der kleinern Häuser; der Wind, der in ihren Falten rauschte, war von einer eisigen Temperatur. Deutsche Fahnen sah ich keine einzige. Der preußische Feldmarschall von Wrangel wollte die deutschen Fahnen nicht dulden, und die Flensburger Bürger hatten nicht den Muth, sie trotzdem aufzustecken. Nirgends in Schleswig-Holstein hatte ein österreichischer General ein ähnliches Verbot ergehen lassen. Auf dem Markte wehte eine riesige schleswig-holsteinische Fahne. Ich trat in den an demselben liegenden Gasthof zur Stadt Hamburg ein, wo ich auch vor drittehalb Jahren schon gewohnt hatte. Der Besitzer ist ein Mann, der sich immer durch Festhalten an der deutschen Sache in Flensburg ausgezeichnet hat. Er heißt Döll. Vor dem Hause wehte eine schleswig-holsteinische, eine österreichische und eine preußische Fahne. Zwei österreichische Jäger, Tapfere aus dem Gefecht bei Oeversee, standen als Posten auf der Freitreppe. Der Flur, die untern Räume waren überfüllt von Gästen.

Bekannte aus Angeln verschafften mir noch ein Plätzchen. An der andern Seite des Tisches saßen Flensburger Bürger. Ich hielt ihnen vor, daß sie noch immer sich ihrer dänischen Beamten nicht entledigt hätten.

Sie antworteten mit einer Menge flauer Entschuldigungen. Vergebens erinnerte ich sie an das Beispiel Schleswigs, Eckernfördes, Tönnings, Friedrichsstadts und aller südschleswigschen Ortschaften, wo die Bewohner binnen der ersten vierundzwanzig Stunden nach dem Einzuge der Preußen und Oesterreichs vollkommen mit dem Ausschuß Seelands aufgeräumt hatten. Flensburg hat sich unter den schleswigschen Städten immer durch aus dem Handelsinteresse hervorgehende dänische Sympathien hervorgethan. Sämmtliche dänische Beamten, Pastoren und Schulmeister waren heute noch, drei Tage nach dem Einzüge der preußischen Truppen in Flensburg, im Besitz ihrer Stellen; in den Schulen wurde noch der Unterricht in dänischer Sprache ertheilt; selbst der Löwe, dieses berüchtigte Denkmal dänischen Uebermuthes, stand noch auf dem Friedhofe und blickte höhnisch auf die Gräber der auf dem verrätherischen Schlachtfelde bei Idstedt Gefallenen. Wrangel würde wahrhaftig nicht gewagt haben, ihn wieder aufzurichten, wenn man ihn von seinem mit den Namen dänischer Generale gezierten hohen Postamente hinabgestürzt hätte.

Es gefiel mir heute nicht in dem Gastzimmer des Wirthshauses. Trotz des Schneesturmes ging ich wieder aus, um eine Zeitung zu lesen. Als ich zurückkam, trat mir in demselben Zimmer ein preußischer Officier in Helm und Schärpe, zwei österreichische Jäger hinter sich, entgegen. „Sind Sie Herr Gustav Rasch?“ fragte er.

„Allerdings,“ antwortete ich. „Was wünschen Sie?“

„Ich habe den Auftrag von der Commandantur, Sie zu verhaften. Wollen Sie den schriftlichen Befehl sehen, da ist er.“

Ich lachte und sagte dem Officier, daß ich, da in Flensburg kein Belagerungszustand herrsche, der preußischen Commandantur das Recht einer Verhaftung nicht zugestehe. Der Lieutenant bedauerte in den höflichsten Formen, daß er mir diese Unannehmlichkeit machen müsse, mich auch nur auf die Commandantur zu führen habe, die Gründe meiner Verhaftung wisse er nicht.

„Ich verlange, zu dem preußischen Regierungscommissar, Freiherrn von Zedlitz, geführt zu werden, den ich allein als eine mir gegenüber berechtigte Persönlichkeit anerkenne.“

„Ich werde Sie zu Herrn v. Zedlitz führen,“ erwiderte mir der Officier. „Warum soll ich es nicht thun, verboten ist es mir nicht. Vielleicht befreie ich Sie auf diese Weise von der ganzen Unannehmlichkeit.“

Wir gingen, ich neben dem Officier, die beiden Jäger hinter mir. Wenige Schritte von dem Hause, in dem der preußische Regierungscommissar wohnte, wurden wir von einem in einen grauen Officiermantel gehüllten Manne angehalten, der sich auf dem ganzen Wege hinter uns hergeschlichen hatte. Er sprach eindringlich mit dem mich begleitenden Officier. Dann verschwand er. Aber ich hatte ihn wohl erkannt. Ich war auf ihn bereits im Döll’schen Gasthofe als auf ein höchst verdächtiges Subject aufmerksam gemacht worden. Er heißt Zweigert, soll früher Officier in der päpstlichen Armee gewesen sein, befindet sich im preußischen Hauptquartier in einer höchst zweifelhaften Stellung und wird von allen Patrioten und auch von den Officieren gemieden. „Es thut mir außerordentlich leid, daß ich Sie nicht zu Herrn v. Zedlitz führen kann, sondern Sie sofort auf die Commandantur bringen muß,“ sagte der mich geleitende Officier, „es wird mir soeben ausdrücklich verboten, Sie zu dem Regierungspräsidenten zu führen.“

[159] Ich war entrüstet. „Wohlan, gehen wir auf die Commandantur,“ sagte ich. Noch wenige Schritte, und wir waren vor dem Hause angelangt, wo der Major Funk, derzeitiger Commandant der Stadt Flensburg, wohnt. Er empfing mich in etwas barscher Weise. Ich verlangte sofort zu dem preußischen Regierungscommissar geführt zu werden, und protestirte gegen meine Verhaftung als eine Gewaltthat. Alle Vorstellungen waren umsonst. „Ich muß Sie auf die Hauptwache führen lassen,“ erwiderte der Commandant, „finden Sie sich in die Sache, Sie sehen, wir haben hier die Gewalt.“

Ich schaute mich um in dem Zimmer und sah nur bewaffnete Soldaten. „Allerdings, das sehe ich,“ erwiderte ich, „und ich bin augenblicklich ohne Waffen. Aber ich werde mir die Satisfaction holen!“

Immer der Officier neben und die beiden Jäger hinter mir, kam ich in der preußischen Hauptwache an, welche in dem ehemaligen Zuchthause in Flensburg aufgeschlagen war. Das alte Zuchthaus war voll von Militärgefangenen. Das große Vorzimmer zur Officierstube wimmelte von österreichischen Soldaten, welche hier auf Stroh campirten. Tornister, Waffen und Soldatenmäntel hingen an den Wänden oder lagen auf der Erde. In der Officierstube trat uns ein hochgewachsener österreichischer Jägerlieutenant entgegen und nahm mich in Empfang. „Ich soll Ihnen besonders sagen, Herr Camerad,“ schloß der preußische Officier seine Meldung, „daß der Arrestant mit Niemandem correspondirt.“ Dann ging er, sich mehrmals gegen mich entschuldigend. Er übernahm es, sofort den Major im großen Generalstabe, Geerz, einen gebornen Schleswiger, von meiner Verhaftung in Kenntniß zu setzen.

Als er fort war, saßen wir uns in der trüben Wachtstube einander am Tische gegenüber, der österreichische Jägerlieutenant und ich. Er war ein Tiroler, aus Imst im obern Innthale gebürtig, ein liebenswürdiger junger Mann, unterrichtet, intelligent, von einnehmenden Manieren, einer der Tapfern von Oeversee.

Bald waren wir miteinander im interessantesten Gespräch. Er holte Wein und Cigarren. „Jeder unserer Officiere,“ sagte er, „hat von Kieler Damen einige Flaschen Wein und funfzig Stück Cigarren zum Geschenk erhalten. Kommen Sie, trinken wir den Wein und rauchen wir die Cigarren. Vielleicht kommt Beides von schöner Hand.“ Wir ließen frisches Holz in den großen Ofen legen, schoben unsere Stühle vor das flackernde Feuer und tranken auf „das schöne Land Tirol“. Die Wachtstube war übrigens ganz miserabel eingerichtet. Nichts als die kahlen Wände, ein gebrechlicher Tisch und vier Stühle. Der Nachtwind pfiff durch die mit einem Teppich verhangenen, zerbrochenen Fensterscheiben. An der Wand war ein Strohlager ausgebreitet. Auf dem Stroh schliefen zwei Männer, Jeder mit einem Mantel bedeckt. Der Eine trug die Uniform eines Unterofficiers der dänischen Cavallerie. „Auch zwei Arrestanten,“ sagte der Jägerlieutenant, „Sie werden sie schon morgen früh kennen lernen. Der eine ist Correspondent einer Pariser Zeitung, der andere ein dänischer Cavallerieunterofficier, ein geborner Schleswiger. Sie sind schon mehrere Tage hier.“ Dann knüpften wir den Faden unsers unterbrochenen Gespräches wieder an. Die öde Wachtstube verschwand mit ihren kahlen Wänden vor unsern Blicken. Draußen tobte der Schneesturm mit fürchterlicher Gewalt und übertönte das Rasseln der Wagen, welche noch während der Nacht nach Gravenstein hinausfuhren. Um drei Uhr schliefen wir in unsere Mantel gehüllt neben einander einen erquickenden Schlaf.

Das Schicksal des Krieges hatte es auch diesmal nicht böse mit mir gemeint. Ich saß freilich gefangen in der elenden Officiersstube einer preußischen Hauptwache im Lande des „verlassenen Bruderstammes“, aber das Kriegsglück hatte mich an die interessanteste Stelle der Stadt Flensburg gestellt. Die großen Fenster gingen hinaus auf die Straße, welche nach Gravenstein und zu den Düppler Schanzen führte, die in den nächsten Tagen der Schauplatz neuer, blutiger Kriegsscenen werden sollten. Von frühem Morgen an rasselten die Wagen und Geschütze vorüber, welche auf dem neuen Kriegstheater eine Rolle zu spielen hatten. Der ganze Belagerungspark zog an mir vorbei, endlose Wagenreihen mit Pontons zu Brücken, mit Munition, mit Brod und Fleischvorräthen, mit Lazaretheinrichtungen, mit Gepäck. Es war ein mit jeder Minute wechselndes, interessantes Bild des Krieges.

Am Morgen hatte ich bereits an den preußischen Regierungscommissar geschrieben und seine sofortige Intervention beansprucht. Nun machte ich auch die Bekanntschaft meiner beiden Mitgefangenen. Der Eine war, wie schon erwähnt, Unterofficier in der dänischen Cavallerie, ein geborener Schleswiger. Er hatte sich bei Nübel einer preußischen Patrouille gefangen gegeben. Unglücklicherweise hatte er sich geäußert, daß die Düppler Schanzen von den Dänen verlassen sein. Eine Recognoscirung, bei der funfzehn Mann gefallen oder verwundet waren, hatte das Gegentheil ergeben. Jetzt wurde er bis auf Weiteres gefangen gehalten. Der andere war der Correspondent des Pariser Blattes „Le Siècle“, Eugène d’Arnould. Auf einen Befehl des Feldmarschalls Wrangel, ihn festzunehmen, wo er sich in Schleswig betreten ließe, war er bei Missunde verhaftet und zu Wagen nach Flensburg gebracht worden. Sein ganzes Verbrechen bestand darin, seinen Correspondenzen eine preußenfeindliche Färbung gegeben zu haben. Er befand sich schon vier Tage auf der Hauptwache, jeder Bequemlichkeit entbehrend, zum Nachtlager nur das Stroh. Er hatte mit dem großen Befreier Süditaliens unter den Tausend von Marsala den Feldzug nach Sicilien mitgemacht. Im Lager von Capua hatte ich seinen Namen als den des Capitains einer Compagnie Infanterie gehört. Meine Gegenwart war ihm eine Erscheinung des Himmels. Der Arme verstand kein Wort Deutsch und war nicht im Stande, sich auch nur ein Mittagsessen zu bestellen. Auch ihm hatte man jede Communication mit der Welt außerhalb der Hauptwache abgeschnitten.

Den langen Nachmittag hatte ich Muße genug, aus einer guten Karte und mit Hülfe des schleswigschen Unterofficiers die Stellung von Düppel zu studiren. Um acht Uhr Abends saß ich mit dem commandirenden Officier der Hauptwache, dem Lieutenant v. Otterstedt, der auch bei Oeversee mit gefochten hatte, vor dem lodernden Feuer. Wir tranken einen „schleswig-holsteinschen“ Thee, und d’Arnould sang mit mir den berühmten Gesang der Girondisten, der auf so manchen Schlachtfeldern erklang. Das „mourir pour la patrie“ des Refrains hörten die öden Wände der ehemaligen Zuchthauswache gewiß heute zum ersten Male.

Der andere Morgen brachte mir meine Befreiung. Auf ein energisches Schreiben an den Commandanten, mich binnen zwei Stunden freizulassen, widrigenfalls ich äußerst unangenehme Schritte thun würde, wurde ich nun zu dem Regierungscommissar v. Zedlitz geführt. In den höflichsten Formen erklärte er mir, daß ich bei Vermeidung militärischer Escorte Schleswig sofort verlassen müsse, da die Anwesenheit einer durch ihre jahrelange literarische und politische Thätigkeit so prononcirten Persönlichkeit, wie die meinige, mit der Ruhe im Herzogthum unvereinbar sei. Die Flensburger Bürger hatten nichts für meine Befreiung gethan, der Major vom großen Generalstabe hatte gefürchtet, sich zu compromittiren, wenn er sich um mich bekümmerte. Die österreichischen Officiere äußerten entrüstet: „Wir machen nur die Dänen auf dem Schlachtfelde zu Gefangenen, welche die Waffen in der Hand haben.“ Niemand, als ein alter Freund, Dr. Mahler, den ich zufällig in Flensburg getroffen, hatte sich um meine Freilassung bemüht.
Gustav Rasch. 




Blätter und Blüthen.

Auf den Altar des Vaterlandes! Es ist erhebende Wahrheit geworden, was ich in Nr. 5 meiner „Gartenlaube“ vorahnend aussprach: „Die Hochherzigkeit des deutschen Volks von 1813 will in unseren Tagen sich erneuen.“ Die Kunde von dem einen „Frauenschmuck für Schleswig-Holstein“, ja die Erinnerung nur an jene Opferfreudigkeit der deutschen Frauen im „heiligen Kriege“ genügte, um nah’ und fern edle Frauenherzen zu neuen Opfergaben zu begeistern, welche jenen der großen Zeit weder an Werth noch an patriotischer Wärme der begleitenden Worte nachstehen. Mit tieferregtem Gefühl gehe ich an die Veröffentlichung dieser Worte und die Darlegung der Gaben, erfüllt von der freudigen Gewißheit, daß Beide, Worte wie Gaben, kein braves deutsches Herz ungerührt lassen und Allen, die Etwas zu opfern vermögen, die Mahnung zurufen werden: „Gehet hin und thuet desgleichen!“

Für den in Nr. 5 der Gartenlaube zur Versteigerung ausgebotenen [160] „Frauenschmuck“ (Broche im Werthe von 5 Thalern) sandte „ein Deutscher in Sachsen“ (aus der Gegend von Meerane) mir 20 Thaler ein, und zwar mit folgender Bemerkung: „Fällt mir das Object zu, so ermächtige ich Sie, den Schmuck einer zweiten Versteigerung zu unterwerfen, die hoffentlich ein günstigeres Ergebniß liefern wird. Beiliegende 20 Thaler aber ersuche ich Sie, wenn mir der Schmuck nicht zufallen sollte, gleichfalls der Fr. Herzogin Adelheid v. Schl.-H. als eine meinen jetzigen Vermögensverhältnissen entsprechende Unterstützung zu dem edlen Unternehmen zugehen zu lassen.“

Dieser brave Mann ist bereits überboten durch „einen Freund der heiligen Sache des verlassenen Bruderstammes“ in St. Petersburg, welcher für den Schmuck[7] 25 Thaler bietet.

Auf den Altar des Vaterlandes sind von edlen Frauen folgende neue Gaben niedergelegt:

1) ein reiches Armband von Granaten, gesendet aus Oberammersee und begleitet von folgender Zuschrift: „Ein so gutes Vorbild – wie es die letzte Nummer (Nr. 5) Ihres geehrten Blattes brachte – verdient der Nachahmung. Verwerthen Sie auch dieses Armband zum Besten unserer nothleidenden deutschen Brüder und nehmen Sie den Dank dafür von einer Bewohnerin der Ammerseegegend.“

2) Eine goldene Broche mit Granaten;

3) ein goldenes Medaillon;

4) ein goldener Ring mit Rosette,
alle drei Werthstücke in einem Schächtelchen aus Holzminden abgeschickt und von folgenden Worten begleitet: „Herrn E. Keil ersuche ich, Beifolgendes für die bedrängten Schleswig-Holsteiner zu verwenden, mit dem Wunsche, daß das arme Volk endlich zu seinem Rechte komme.“

5) Eine goldene Broche;

6) ein Paar goldene Ohrgehänge;

7) ein goldener Ring mit Türkisen,
in einem Schächtelchen aus Schleiz gesandt mit folgenden Worten auf einem Zettelchen: „Für die armen, unglücklichen Schleswig-Holsteiner ein Scherflein, wenig, aber mit herzlicher Liebe.“

8) Eine kleine silberne, inwendig vergoldete Dose –, inliegend drei österr. Guldenstücke, mit der Zuschrift: „Auch ein Scherflein für die armen, verlassenen Brüder in Schleswig, von einer Ungenannten in Jena“;

9) ein gestickter echter Batistkragen, Werth: 3–4 Thaler, eingesandt aus Braunschweig und begleitet von einem Briefe, den wir in einer der nächsten Nummern abdrucken werden, da er in weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient.

Neun Gaben fordern abermals zur möglichst hohen Verwerthung auf. Werden sich auch für diese so ehrende Angebote finden, wie der erste „Frauenschmuck“ sie hervorgerufen? Oder werde ich zum einfachen Verkaufe dieser Gegenstände schreiten müssen? Ich kann es mir nicht versagen, auf das Erstere zu hoffen, und werde diese neun Gaben wenigstens nicht eher durch Kauf verwerthen, als bis ich meine Hoffnung getäuscht sehen muß. Davor aber wird die Liebe zum Vaterlande und die Achtung vor den Frauen, die jeden edlen Mann erfüllen, mich sicherlich bewahren!      E. Keil.




Nur eine Bauersfrau. Auf dem Comptoir der Herren L. und K. in Hamburg erschien eine ärmlich gekleidete Bäuerin aus dem Holsteinschen und erkundigte sich, ob daselbst Beiträge entgegen genommen würden für Schleswig-Holstein. Da man glaubte, daß sie vielleicht Charpie, Leinen etc. für die Lazarethe abliefern wolle, wies man sie an einen Tisch, auf welchem dergleichen Sachen bereits ausgebreitet lagen. Sie zog indeß einen alten Geldbeutel hervor und fing ohne Weiteres auf dem Comptoirtisch an laut zu zählen: „een Mark, twee Mark, dree Mark.“ – Auf die Frage, von wem das Geld sei – antwortete sie kurz: „von mi,“ und zählte weiter: „veer Mark, fief Mark, sös Mark“ – bis mit den Worten : „dat weern nu tein Mark“ – sie den kleinen Haufen Vier- und Zwölfschillingsstücke zusammenschob und dann wieder anfing: „een Mark, twee Mark, dree Mark“ – und auf die wiederholte Frage: von wem nun diese Summe sei, wieder antwortete: „von mi.“ So waren nach und nach mit dem letzten Vierschillingsstücke zehn Haufen von je zehn Mark entstanden, welche die Bäuerin dann noch einmal überzählend zusammenschob und mit den Worten: „da weern denn de hundert Mark full – sien Se so gut“ übergab, worauf sie sich entfernen wollte.

Die so ärmliche Kleidung der Bäuerin veranlaßte Einen der Gegenwärtigen zu der Frage: ob sie das Geld allein in ihrem Dorfe gesammelt habe? worauf sie wieder antwortete: „Ne, dat is von mi!“ Sie mußte indeß wohl den Blicken der Personen, welche sich allmählich um diese Scene versammelt hatten, ansehen, daß man diese Summe mit ihrer eignen äußern Erscheinung verglich. Ohne irgendwie sich beleidigt zu fühlen, antwortete sie auf diese Blicke mit treuherziger Miene: „Dat is Allens ehrlich Geld, keen Sösling [8] is up unrechte Wiis datwischen kaam; gewiß, ich will nich de reine Saak verdarben, Se köhnt et darum getrost annehmen.“

Einer der Anwesenden sprach in herzlicher Weise ihr zu, daß gewiß Jeder von solchen Gedanken ferne sei; doch da sie selbst gewiß manchmal irdische Sorge zu tragen habe und viele Entbehrungen, so sei es um so mehr zu verwundern, daß sie eine solche Summe abgebe, die doch wohl ihr ganzes Vermögen sei, und man wisse nicht, ob man recht daran thue, das Geld von ihr anzunehmen.

Die Bäuerin schwieg einen Augenblick still, als besänne sie sich, ob sie ein Weiteres antworten solle, dann sah sie die Umstehenden der Reihe nach an und sagte: „et geiht ja Keenen wat an, up welke Wiis dat Geld tosamen kaam is; ick dach ock, dat ick mien Gedanken bi mi beholen wull, wat mi dör’t Hart[9]gahn is, wenn ick so een Stück Geld naht andre bi Sied leggt hev, doch de Herrn sünd ja so fründlich gegen de ohle Fru un nehmt sik ja ok de Möh vor uns Saak, un hevt Mohd [10] sör uns Saak, da will ick Se denn kort vertellen. Ja, ick hev mennig Sorg up mien Hart dragen, un is ok Mennig Dag weßt, wo et recht knapp herging, un dat warrt noch mehr kaam, wenn man öller warrt; doch dat Allens kummt von unse Herr Gott un he hett et mi ock drägen helpen un warrt mi nich verlaten, so dat ick doch mien Freid beholen kann an dat, wat ick in de sware Stund mi utdacht hev. Mien Mann is all veele veele Jahre dood; ick har en eenzigen Söhn un mien Johann frei sick up de Tid, [11] wo he sien Mudder up ehr Öller plegen kun; he wurr en kräftigen Burssen un de Welt stund em apen, un leert har he sien Saak ock; avers he wull doch sien Mudder nich verlaten.

Da keem de Kriegstid mit de Dänen. Na dat Gesetz is ja de eenzige Söhn von en Weetfru (Wittwe) fri von Soldatenwarrn – so blev he denn ok to Huus un keen Minsch säh to em: „Kumm mit!“ se wußen, wo swar et em wurr, dat he nich mittrecken[12] kunn, un se wulln em dat Hart nich noch swarer maken. Ich hev et wull markt wi et em dat Hart affreet, [13] wenn he so vertelln hör von den Krieg un wenn et em keen Ruh leet, dat he de Assisen (Zeitung) kreeg in de Stadt, oder bien Schoolmeister; aber he säh nix to mi un ick säh nix to em. Herr Gott! wer dach denn ock daran, dat dat en so lange trurige Geschichte warrn schull; – man meen doch nich, dat et so swar warrn schull, sik gegen dat Unrecht to wehrn! Da keem de Nahricht von Friederiz. Dat wär en schreckliche Abend! Wi seeten still eenander gegenöber, en jeder wuß wull, wat in den Andern sien Hart vörgüng. Da stun he up, as wenn he sick en Hart faten wull un säh: „„Mudder – –““ Gott si Dank, dat ick de Kraft harr in den Ogenblick em entgegen to kaam: „„Johann –““ säh ick, ,„,uns Tid is kamen, gah mit Gott! ick hev et lang markt, wat Du denkst, Du hest mi leev, un Gott weet, wat ut mi warrt, wenn ick alleen sien schall; abers uns Herr Christus hett et ja to uns Beid seggt: wi schöllt dat Recht mehr leev hebben, as Vadder un Mudder, un he wart mi un Di nich verlaten!““ Da wär et denn beslaten: Johann wull sick friwillig stelln. De Dag to Afreis kehm: – wat schall ick lang davon vertelln ? Johann säh: „„Mudder! noch een Beed[14] ton Afscheed – wenn et sien schull - -““ Ick säh to em: „„Johann, ick weet, wat Du meenst, – o, ick warr veel, veel weenen, wenn ick alleen bin, bit mien Tid kummt, abers uns Herr Gott warrt mi Kraft geben, dat et mi nümmers leed dohn schall um de Stund, wo wi seggt hevt: et mut sien! – un wenn wi wedder bi eenander sünd an uns Herr Gott sien Dag, un wenn dat Land fri is, dann warrt wi uns frein, dat wi ok uns Deel daran hevvt.““

Der Alten traten noch einmal die hellen Thränen in die Augen, als sie danach fortfuhr: „O Gott, ick dach doch damals nich, dat et mi so swar warrn schull; de Minsch hööpt doch ümmer, wenn he ok meent, dat he nich hööpen will. Doch (und die Alte richtete sich höher auf), gewüß u warraftig, et hett mi nümmers leed dahn, dat ick em trecken leet; abers schrecklicher doch noch, as de Dag von Idstedt, wär mi de Dag, as et bekannt wurr, dat de Düütschen dat Land mit all unse Doden an de Dänen verraden harrn! Da schreeg ich luut upp: Herr, Gott – wo is dat möglich! Da wurr wull seggt: se müssen et dohn, de Düütschen, so leed et se ok währ – dat verstah ick nich, ick denk ümmer man mutt nich Unrecht dohn. Un so dach ick: et ward doch mal anners, unse leeve Herr Gott kummt wull mal datwischen, un denn warrt de Düütschen nich denken, dat se dat Land mit de olen un nüen Doden werder an de Dänen verraden möht. So hev ick beed, [15] dat unse Herr Gott mi blot den Dag erleven laten wull. Ich harr keen Söhn mehr för den Dag, abers watt ich dohn kunn, dat wull ick dohn. Et is mi wull mennigmal swar wurrn, up de Week[16] veer Schilling torügtoleggen; doch, Gott sie Dank, as an de hillig Abend (Weihnachtsabend) ick dat Geld telln deh, da wurr mi doch so leev umt Hart, as in fröhern Tiden, wenn Mudder föhr ehrn Söhn en kleene Freid utdacht har; sien Grav schull fri warrn un sien Hart fröhlich, wiel dat Land nu fri warrt, denn se sähn ja: dat geiht werder los – uns Herr Gott hett uns Beed erhört un hett so apenbar Allens tom Besten föhrt.“ Damit wollte die Frau sich entfernen. Die innere Bewegung der Umstehenden hatte bis dahin jede Unterbrechung zurückgehalten. Die letzte Aeußerung der Frau nur machte, daß Einer der Anwesenden zu einem Andern sagte: „Die Arme! wenn sie nun vielleicht doch wieder in ihrem Glauben getäuscht wird!“ Da kehrte die Bäuerin noch einmal um, sah die Umstehenden an, als suche sie den, der solches geäußert, und sagte: „Ick weet wull, et ward davon munkelt, dat nich mehr Allens so in Ordnung is, as et sien scholl; abers dat nümmt mi doch nich mien Gloven. Minschen köhnt doch nix gegen unse Herr Gott, lat uns man tosammen holen, ick – fang hüüt all werder an to sammeln!“

Ihren Namen wollte die Frau nicht nennen; sie meinte, sie sei ja nur Eine von Vielen.




Zur Nachricht. Soeben gehen die ersten Zeichnungen unsers Specialartisten in Schleswig ein, die wir sofort dem Holzschneider übergeben, um sie unsern Lesern in thunlichster Kürze vorzuführen. Ebenso ist bereits ein anderer tüchtiger Künstler, der Historienmaler Otto Günther in Weimar, für uns nach den Orten des Kampfes unterwegs. Wenn wir nicht schon früher Illustrationen vom Kriegsschauplatze gebracht haben, so hatte dies lediglich seinen Grund in der Gewissenhaftigkeit, mit welcher wir auch hierbei zu Werke gegangen sind. Wir wollten nur Gutes und Authentisches, namentlich aber die Localitäten in treuer Wiedergabe bieten, die durch den gegenwärtigen Krieg eine Bedeutung erhalten haben, nicht aber Darstellungen und Compositionen, bei denen die lebhafte Phantasie des Künstlers das Wesentlichste gethan hat. Unsere Leser werden uns sicher diese scrupulöse Sorgfalt nur Dank wissen und dürfen darauf rechnen, daß uns dasselbe Motiv auch bei der Auswahl unserer ferneren Abbildungen vom Kriegsschauplatze leiten wird.


  1. E. K. Kane hatte auf seiner berühmten Nordpolexpedition nur noch 115 deutsche Meilen bis zum Nordpol!
  2. Im Jahre 1818 begleitete er seinen Onkel John Roß aus dessen erster Expedition nach der Baffinsbai, von 1819 bis 1827 machte er die vier Polarreisen Parry’s, von 1829–33 wiederum die seines Onkels mit, von 1839–43 sehen wir ihn in den antarktischen Regionen und von 1848 bis 49 als Befehlshaber einer Expedition zur Aufsuchung Franklin’s. Admiral Sir James Clarke Roß starb am 3. April 1862.
  3. Ueber die Vorbedingungen zu dessen Güte s. unseren Aufsatz „Der Guano und seine Fundorte“, Gartenlaube 1863 S. 263.
  4. Der antarktische Winter umfaßt die Monate März bis November, der Sommer December, Januar und Februar.
  5. Nachstehende Mittheilung ist dem Referate eines schlesischen Kaufmanns entnommen.
    Der Verfasser 
  6. Näheres in „Die deutsche Feuerwehr“ von Carl Weiser, Chef der Feuerwehr in Mainz und „Handbuch der Pariser Feuerwehr“ von Richard Schunk.
  7. Derselbe kam mir nicht, wie eine briefliche Zuschrift dies ausspricht, von „einer deutschen Jungfrau“ in Leipzig zu, sondern das Postzeichen des Packetes zeigt auf Treuen i. V. als Absendepunkt hin.
  8. Sösling = Sechsling = 1/2 Schilling
  9. Hart = Herz
  10. Mohd = Muth
  11. Tid = Zeit
  12. mittrecken = mitziehen
  13. affreet = abfraß - wie es ihm am Herzen nagte
  14. Beed = Bitte
  15. beed = gebetet
  16. Week = Woche

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Franz Freiherr von Vlasits