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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1859) 361.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[361]

No. 26. 1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Der alte Schmuggler.
Novelle von Ludwig Rosen, Verfasser des „Buchenhofes“.
(Schluß.)

„Das ist ja gräßlich!“ rief Schellenberg nach einer kurzen Pause entsetzt aus.

Marx wandte ihm sein Gesicht zu und sagte: „Nicht wahr, es ist mehr, als ein Mensch, den es trifft, ertragen kann? wenigstens wird’s unter Hunderten kaum Einer ertragen. Nachdem Sie dies gehört haben, werden Sie vielleicht über das, was Sie nun hören sollen, weniger erschrecken.“

„Nach solchem Leid,“ sprach Schellenberg, „wüßte ich fast keine Unthat, die der gequälte Mensch an seinem Quäler verüben könnte und die man nicht verzeihen müßte.“

Mit einer gewissen Erleichterung begann Marx: „Mögen Sie gesegnet sein für dieses Wort, aber mögen Sie es auch nicht vergessen bei dem, was nun kommt. Doch bevor ich fortfahre, reichen Sie mir doch das Glas, das da auf dem Tische steht, daß ich mich ein wenig erfrische. – So, nun will ich Ihnen weiter berichten. Der Aufenthalt im Zuchthaus war schlimm für mich; meine Seele brütete über Rachegedanken, von meinen Umgebungen lernte ich viel Böses. Als ich frei war, ging ich nach dem Irrenhause, aber Christine war bei einer Gelegenheit den Wächtern entsprungen und hatte sich in’s Wasser gestürzt. Dann suchte ich die Stelle, wo meine Mutter begraben war; man hatte sie neben den Begräbnißplatz vom Waldhof eingescharrt. Ich gab mich Niemand zu erkennen, aber als ich den Waldhof vor mir liegen sah, sprach ich einen harten Fluch und einen gewaltigen Schwur aus: daß ich nicht ruhen und rasten wolle, bis die ganze Familie vernichtet und der Waldhof verödet sei. Ich verband mich mit Wilddieben und Schmugglern, aber nur, um die Saaten des Barons zu vernichten, sein Vieh zu tödten oder fortzutreiben, sein Eigenthum auf jede Weise zu beschädigen. Ich sorgte dafür, daß die Forstaufseher keinen Meineid wieder schwuren, daß kein Pachter es aushalten konnte, fast kein Dienstbote sich annehmen lassen wollte. Ich stahl den Knaben des Barons unter solchen Umständen, daß die Eltern ihn für verunglückt halten mußten und keine Nachfrage anstellten, und dieser Knabe waren Sie, Herr Lieutenant.“

„Ich konnte es schon denken!“ murmelte Schellenberg.

„Soll ich auch fortfahren?“

„Gewiß, fahren Sie fort.“

„Ich hätte Sie tödten können, aber ich wollte es nicht, ich wollte, daß der letzte Lohfels als ein Lump und armseliger Strolch ein unglückliches und schlechtes Leben führen und, wie es mit solchen Leuten meist geht, in Schimpf und Schande enden sollte. Darum brachte ich den Knaben, ohne daß ein Mensch in der Welt außer mir um seine Herkunft wußte, unter eine Bande von Gauklern, aber ich gab ihm einen Ring mit, den ich einmal von einem Herumstreicher erhandelt hatte, als wenn der Knabe daran seine Angehörigen wieder erkennen könnte, und machte es den Vagabunden zur Pflicht, diesen Ring dem Knaben zu lassen, theils um ihn, wenn er erwachsen wäre, sich in vergeblichen Versuchen abmühen zu lassen, theils um vielleicht selbst einmal mein Opfer an diesem Zeichen zu erkennen und mich an seiner Herabwürdigung zu freuen. So stieß ich den Knaben in’s Leben, hörte von dem Jammer der Eltern und sprach zu mir: die Rache ist süß!“

„Fürchterlich!“ rief Schellenberg.

„Soll ich weiter erzählen?“

„Ja, erzählen Sie weiter.“

Nach einer Pause fuhr Marx fort: „Auf eine Zeit lang ging ich in das benachbarte Herzogthum, verschaffte mir dort falsche Papiere, kehrte unter dem Namen Marx zurück und kaufte dem Baron. der bereits mit eiligen Schritten völliger Verarmung entgegen ging, das vernachlässigte Vorwerk ab, auf dem ich geboren war. Meine früheren Genossen und Spießgesellen waren meist verkommen und verschollen, nur mit dem Juden Feibes Itzig war ich in fortwährender Verbindung geblieben, und ich muß ihm zum Ruhme nachsagen, er hat sich immer als treuer Bundesgenosse bewiesen. Durch seine Vermittelung vollzog ich auch den Ankauf dieses Vorwerks. Von da an wurde ich ein thätiger Landmann und bald wohlhabend, aber mein beständiges Augenmerk war, dem immer mehr verarmenden Baron einen Acker, eine Wiese, eine Waldung nach der andern abzukaufen. Um baares Geld in den Händen zu haben, organisirte ich mit Feibes ein großartiges und sehr gewinnreiches Schmuggelgeschäft, wobei ich selbst mich persönlich ganz zurückhielt, während Feibes, der immer ein großes Vergnügen daran gefunden hat, sich bei der unmittelbaren Ausführung gern betheiligte. Als ich glaubte, daß der Baron den bitteren Trank des Armwerdens genug gekostet habe und nun wirklich beim Armsein angelangt war, da steckte ich ihm sein Schloß in Brand; in der Feuersbrunst kamen seine Frau und seine Tochter um, weil sie in der tiefsten Nacht unter ihren Zimmern ausbrach, ihn selbst rettete ich fast mit eigener Gefahr, nachdem er sich im vergeblichen Bemühen, die Seinigen den Flammen zu entreißen, lebensgefährlich beschädigt hatte. Ich schaffte ihn nach dem Wolfsgrunde, und während ich ihn scheinbar mit großer Theilnahme pflegte, entdeckte ich ihm, wer ich sei und wie ich seine Unthat gegen mich vergolten habe. Unter dem Entsetzen dieser Mittheilung verschied er. Als

[362] ich an seinem frischen Grabe stand, von wo man die verkohlten Reste des Waldhofes sehen konnte, da sagte ich zu mir selbst: die Rache ist süß!“

Schellenberg verhüllte sein Gesicht und stöhnte: „Es ist zu viel!“

„Soll ich aufhören?“ fragte Marx.

Nach einer Pause erwiderte Schellenberg: „Vollenden Sie Ihren grauenhaften Bericht. Aber es waren ja meine Eltern, von denen ich so schreckliche Dinge erfahre, darum ergreifen sie mich so.“

Marx fuhr fort: „Der Waldhof ging nunmehr an eine ziemlich entfernte Verwandte der Baronin über, die denn auch mit ihrer Magd in den Trümmern des Schlosses einzog. Mit diesen Leuten hatte ich keine Abrechnung zu halten, ich verübte also auch keine Feindseligkeiten gegen sie. Ich hatte nun Alles erreicht, was mir die Aufgabe meines Lebens gewesen war, ich hatte mich vollkommen gerächt: der Waldhof lag in Asche und Schutt, das Geschlecht von Lohfels war von der Erde verschwunden. Aber ich war doch nicht glücklich in meinem neuerbauten Hause, in meinem Wohlstände, in meiner vollführten Rache. So sehr ich mich gegen den Gedanken wehrte, so kam er doch immer mächtiger über mich, nämlich der Gedanke: die Rache ist bitter! Von den Beängstigungen meines Gemüthes, die sich immer stärker einstellten, will ich nicht reden, Sie können sich dieselben ohnehin wohl vorstellen. Als die Rede davon war, daß Soldaten hier an die Grenze gelegt werden sollten, bewarb ich mich selbst um Einquartierung, theils um jeden Verdacht fern zu halten, theils um das Auftreten der Soldaten unschädlicher für die Schmuggler zu machen. Wie Sie hier ankamen und ich zuerst Ihre Stimme hörte, erinnerte mich dieselbe auffallend an die Stimme des verstorbenen Barons, ich glaubte auch eine gewisse Gesichtsähnlichkeit zu erkennen. Darum schlich ich mich in der ersten Nacht in Ihr Zimmer und erkannte Sie an dem Ringe, den Sie um den Hals tragen.“

Schellenberg nickte blos, ohne den Redenden mit einem Worte zu unterbrechen, mit dem Kopfe.

„Obgleich ich längst gemerkt hatte, daß die Rache bitter sei, so lebte doch die Erinnerung an meinen Schwur fort, es erwachte in mir von Neuem der Zorn gegen das Geschlecht der Lohfels, und ich beschloß Ihren Tod. Wie Sie hinter meinen Anschlag gekommen sind, weiß ich nicht, will es auch nicht wissen, denn es interessirt mich nicht mehr. Als ich den Schuß bekommen hatte und mich hierher schleppte, als ich nachher einsam in meinem Bette lag und meinen Tod vor Augen sah, da ging mir die Einsicht auf, daß der Himmel meinen Thaten der Rache ein Ziel gesetzt habe, daß ich ein großer Sünder und Verbrecher sei und daß mir eine schwere Abrechnung bevorstehe. Und doch gehe ich meinem Tode mit Fassung und Muth entgegen. Aber um meine Verantwortung, wenn es möglich ist, etwas zu erleichtern, will ich an Ihnen so viel gut machen, wie in meinen Kräften steht. Ich habe Ihnen Ihre Herkunft mitgetheilt und Sie mögen nach Ihrem Gefallen danach handeln. Ich habe Sie in meinem Testamente zum alleinigen Erbin eingesetzt, denn Ihnen kommt der ganze Grundbesitz zu. Dort über dem Ofen ist in der Decke eine Klappe, die sich leicht aufheben läßt; stellen Sie einen Stuhl an den Ofen, steigen Sie auf diesen, heben Sie die Klappe auf und treten Sie in den kleinen Verschlag; Sie werden da zwei Brieftaschen und einige Rechnungsbücher finden – bringen Sie mir das Alles hierher. Aus dem Verschlage geht auch eine Thüre in Ihr Zimmer, die über nur von innen aufgedrückt werden kann. Eilen Sie, denn es kommt mir vor, als wollte meine Kraft mich verlassen.“

Schellenberg that nach den Worten des Sterbenden und legte die Brieftaschen und Bücher vor ihn hin.

„Diese Staatspapiere,“ fuhr Marx fort, „sind Ihr gutes ehrliches Eigenthum, sie sind, wie dieses eine Buch genau nachweist, aus dem Ertrage des Bodens erworben, der eigentlich Ihrer Familie gehört. Diese andere bedeutende Summe in Papiergeld, worüber in dem zweiten Buche Rechnung geführt ist, haben meine Handelsgeschäfte abgeworfen, die ich durch Feibes Itzig betrieb; daß diese Geschäfte auf Schmuggelei beruhten, wissen Sie, und Sie können sich darüber entscheiden, was Sie mit dem auf diese Weise gewonnenen Gelde anfangen wollen. Nehmen Sie die Brieftaschen und die Bücher mit auf Ihr Zimmer, denn das Gericht braucht seine Nase nicht hineinzustecken, wenn es vielleicht nach meinem Tode vorerst meine Habseligkeiten versiegelt. Nach Eröffnung des Testamentes wird man Ihnen alles Uebrige übergeben. Wahrscheinlich verkauft Ihnen das Fräulein von Schöneberg gern den Waldhof, dann können Sie das Schloß wieder herstellen und dort wohnen. Wenn es Ihnen da gut geht, so ist der Fluch gelöst, den ich einst in meinem Zorne ausgesprochen habe. Können Sie nun einem Manne, der so viele Verbrechen an Ihrer Familie verübt hat, ein gutes Wort mitgeben in seinen Tod, ein Wort der Verzeihung und Versöhnung?“

„Das kann ich,“ rief Schellenberg, „und thu’ es aus vollem aufrichtigem Herzen! Von meinem Vater ist schwer gegen Sie gefehlt, ich als Sohn spreche Verzeihung und Versöhnung mit Bereitwilligkeit aus, und auch vor einem höheren Richterstuhle wird das, was Sie gelitten, zur Abrechnung gegen das, was Sie gethan, in’s Gewicht fallen. Gott schenke Ihnen einen sanften, ruhigen Tod und einen milden Spruch!“

„Amen!“ sprach langsam mit einer gewissen Befriedigung der Kranke. „Gehen Sie jetzt mit diesen Sachen fort und schicken Sie mir den Knecht herein. Mein Gesinde werden Sie nicht fortschicken, es ist ehrlich und treu. Es gehe Ihnen gut!“

Schellenberg war so ergriffen, daß er nicht sprechen konnte; er drückte sanft die Hand des Sterbenden, über dessen starre und strenge Züge jetzt eine gewisse milde Verklärung sich ausbreitete. Dann verließ Schellenberg das Zimmer, begab sich auf das seinige und überließ sich in ungestörter Einsamkeit den mannichfachen Empfindungen und Gedanken, welche die Erfahrungen der letzten Stunde in ihm hervorgerufen hatten.

Als der Knecht Hans Heinrich eintrat und mit tiefer Trauer verkündete, daß sein Herr so eben gestorben sei, da beugte der junge Mann sein Haupt und weinte bitterlich.



VIII.

Die nächsten Tage vergingen einförmig. Die ergriffenen Schmuggler wurden in die gewöhnlichen Strafen verurtheilt, da sie aber weder auf Feibes Itzig, noch auf den verstorbenen Marx aussagten, so knüpfte sich eine weitere Untersuchung nicht daran, nur hatte Feibes bei dem Vorfalle einen so großen Schaden erlitten, daß er zu einem ferneren Versuche nicht aufgelegt zu sein schien. Daß sich ein Mann, wie Marx, dazu hergegeben hatte, mit den Schmugglern gemeinschaftliche Sache zu machen, fiel in diesen verwilderten Grenzbezirken nicht sehr auf und man bedauerte ihn nur, daß er dabei eine tödtliche Wunde erhalten hatte; von dem eigentlichen Beweggrunde seines Auftretens mochte wohl nur Feibes Kunde haben, und dieser zeigte sich vollkommen verschwiegen. Schellenberg wurde vom Gerichte vorgeladen und in Kenntniß des Testamentes gesetzt, welches ihn zum alleinigen Erben von Marx einsetzte, weil dieser „im Lieutenant Schellenberg den einzigen rechtmäßigen Erben des Gutes Waldhof erkannt habe“. Dem außerordentlichen Aufsehen, welches hierdurch hervorgerufen wurde, trat der junge Officier mit der Erklärung entgegen, daß allerdings Marx an untrüglichen Zeichen in ihm den früher verloren gegangenen Sohn des Herrn von Lohfels zu entdecken geglaubt und ihn darum zum Erben eines Besitzthumes, das aus den Bestandtheilen der Lohfels’schen Güter gebildet sei, eingesetzt habe; er selbst lasse die Wahrheit dieser Entdeckung auf sich beruhen, da er jedenfalls als Adoptivsohn des Majors Schellenberg dessen Namen beibehalten werde. Er verschwieg auch nicht, daß ihm von dem Verstorbenen eine Summe Geldes eingehändigt sei, was übrigens auch Marx den Personen, die bei Abfassung seines Testamentes anwesend gewesen waren, mitgetheilt hatte, als eine freiwillige Schenkung bei Lebzeiten, damit nicht etwa weitläufige Untersuchungen über den Verbleib des baaren Geldes angestellt werden möchten. Da keine Spur von sonstigen Erbberechtigten vorhanden war, so wurde gegen Erlegung der üblichen Erbschaftssteuer das Testament in Kraft gesetzt. Man sprach in dieser Zeit von nichts, als von der wunderbaren Begebenheit, daß Marx den todtgeglaubten Sohn des Barons von Lohfels aufgefunden und zu seinem Erben gemacht habe, und man wunderte sich am meisten darüber, daß der Erbe keine Schritte thue, seine Abkunft sicher zu stellen und seinen adligen Namen in Anspruch zu nehmen; er selbst wies jedes hierauf zielende Ansinnen mit dem Bemerken zurück, daß der Glaube des verstorbenen Marx sich nie durch genügende Beweise würde zur Gewißheit erheben lassen. Mit Feibes Itzig hatte er eine lange und geheime Unterredung, aus welcher der Jude ungewöhnlich ernst hervorging und welche [363] die Wirkung auf ihn zu haben schien, daß er der Schmuggelei ganz und für immer entsagte. Diese schien überhaupt völlig aufgehört zu haben und man machte dem jungen Officier kein geringes Verdienst daraus, daß sein Auftreten von einem so außerordentlich günstigen Erfolge begleitet war. – Den Müller vom Waldhofe hatte man wieder entlassen. Weil sich zwar großer Verdacht hinsichtlich seiner Mitwissenschaft erhob, aber kein bestimmter Beweis führen ließ.

Es fiel Schellenberg sehr auf, daß Winrich in den letzten Tagen auffallend gedrückt und tiefsinnig zu sein schien. Bei nächster Gelegenheit sprach er ihn an: „Was ist das mit Ihnen, Winrich? Sie sind ja gar nicht mehr der Alte? An, Ende beneiden Sie mich um das freilich seltsame Glück, welches ich in diesen Bergen so unerwartet gefunden habe.“

„Gewiß und wahrhaftig nicht, Herr Lieutenant! Möge mich Gott strafen, wenn ich nicht einen herzlichen Antheil an dem Guten nehme, was das Schicksal Ihnen bescheert hat.“

„Nun also, warum sind Sie denn so traurig und niedergeschlagen? Das Glück kann Sie in diesen Bergen so gut finden, wie mich, und Sie hatten ja schon einige allerliebste Pläne, deren Ausführung doch eigentlich nun näher gerückt ist. Denn es ist kein Zweifel, daß man mit unserer Thätigkeit zufrieden sein wird und daß sowohl für den Oberjäger, wie für Sie, eine Belohnung in Aussicht steht. Eine Anstellung als Grenzjäger kann ich Ihnen fast sicher versprechen, wenn auch nicht gleich, doch nach einiger Zeit.“

„Ach, Herr Lieutenant, Sie wissen, warum ich eine solche Anstellung wünschte. Die Henriette will aber nach den letzten Vorfällen nichts davon wissen, die Frau eines Grenzbeamten zu werden.“

„Nun, Winrich, ich habe die feste Absicht, für Sie und Ihre Henriette zu sorgen, so gut ich irgend kann. Ist’s nichts mit der Stelle als Grenzaufseher, so findet sich etwas Anderes. Wie wäre es z. B., wenn ich meinen Abschied nähme und mich hier in dem Besitzthume niederließe, das mir auf so wunderbare Weise zu Theil geworden ist? Ich würde einen tüchtigen Forstmann und Sie als dessen Unterbeamten anstellen; Sie haben ja früher schon die Lehrjahre bei einem Förster durchgemacht. An einer hübschen Wohnung und einem hinreichenden Auskommen soll’s nicht fehlen.“

Einen Augenblick lang erheiterten sich Winrich’s Gesichtszüge, dann aber nahm auf ihnen wieder die frühere Niedergeschlagenheit Platz, und er sagte traurig: „Auf solche Weise erfüllten sich freilich meine liebsten Wünsche, aber ich will es nur offen heraussagen, daß ich mein Herz nun einmal zu sehr an die Henriette gehängt habe, um ohne sie glücklich zu sein, wenn ich auch Oberförster würde. Die Henriette aber will mit aller Gewalt bei dem Fräulein von Schöneberg bleiben.“

„Nun, und Fräulein von Schöneberg ist ja eben hier.“

„Da steckt’s gerade. Fräulein von Schöneberg will in irgend eine Stadt ziehen, um sich ihren Unterhalt mit weiblichen Arbeiten zu verdienen, und die Henriette will ihre bisherige Herrin nicht verlasse.“

„Wie? Fräulein von Schöneberg will fort? Und warum denn?“

„Weil sie gehört hat, daß nun der eigentliche Erbe vom Waldhofe sich gefunden hat, so will sie ihm den Wohnsitz räumen, auf den sie kein Recht hat, wie sie meint.“

„Dummes Zeug! Gehen Sie gleich auf den Waldhof, Winrich, und lassen Sie durch Henriette sagen, ich wünsche Fräulein von Schöneberg zu sprechen, und zwar würde ich bereits in einer halben Stunde eintreffen.“

Winrich entfernte sich rasch mit zwar unbestimmten, aber doch neu aufgefrischten Hoffnungen, und Schellenberg machte einige Toilette, um sich einer Dame vorstellen zu können. Es hatte ihn ein unklares Gefühl bisher abgehalten, zum Waldhofe zu gehen und die Bekanntschaft der einsiedlerischen Dame zu machen, die ja sogar seine Verwandte war; eines Theils war er noch nicht ganz mit sich im Reinen, welcher Art die Vorschläge sein sollten, die er dem Fräulein machen und wodurch er ihm eine gesicherte und möglichst angenehme Zukunft bereiten wollte; andern Theils fühlte er sich höchst befangen, jenes Mädchen wieder zu sehen, das von Anfang an einen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht und zuletzt seinem ganzen Geschick eine unerwartete Wendung gegeben hatte, ja seine Lebensretterin geworden war. Er machte sich jetzt ernste Vorwürfe, seinen Dank so lange verzögert und zugleich die alte Dame in Ungewißheit gelassen zu haben, ob er als näherer Erbe den Waldhof in Anspruch nehme; er ging daher jetzt festen und eiligen Schrittes den Weg zum verfallenen Stammhause seiner Familie hinunter.

Winrich empfing ihn auf dem Hofraume und sagte ihm, daß er vom Fräulein erwartet würde. Er trat also durch die diesmal offene Hausthüre und wurde von einem blühenden Mädchen empfangen, in dessen hübschem Gesicht sich Gutmüthigkeit und Entschlossenheit vereinigte; es öffnete ihm eine Stubenthüre und bat ihn, einzutreten. Er fand Niemand in der Stube, als seine alte Bekannte, die in gewählterer, aber doch einfacher Kleidung ihm mit würdigem Anstande entgegentrat, während sich das Mädchen, das ihn empfangen hatte, zurückzog. Verwirrt blieb er stehen und vermochte seine Gedanken nicht sogleich zu ordnen; er brachte mit verlegenem Stottern die Worte hervor:

„Ich hatte Fräulein von Schöneberg um eine Unterredung ersuchen lassen – –“

Sie unterbrach ihn mit niedergeschlagenen Augen und leiser Stimme: „Ich bin Thekla von Schöneberg.“

Wie ein Blitz durchzuckte es Schellenberg. „In welchem seltsamen Irrthum bin ich befangen gewesen!“ rief er überrascht, „wie unendlich fühl’ ich mich beschämt!“ Aber in seinem Herzen flüsterte eine leise jauchzende Stimme: „Wie unendlich fühl’ ich mich beglückt!“

Mit einem Tone, der immer mehr an Sicherheit gewann, sagte sie: „An diesem Irrthum bin ich allein Schuld. Sie verwechselten mich bei unserem ersten Zusammentreffen mit meiner Henriette, und sowohl der bescheidene Aufzug als die Beschäftigung, worin Sie mich trafen, machten diesen Irrthum sehr erklärlich, ich aber konnte durchaus nichts Beschämendes darin finden, mit meiner treuen Henriette verwechselt zu werden, die mir mehr eine Freundin als eine Dienerin ist. Für den Augenblick fand ich keine Veranlassung, das Mißverständniß aufzuklären, und später - - fand sich keine rechte Gelegenheit dazu.“

Schellenberg legte die Hand an die Stirn und sagte: „Wo in aller Welt hatte ich meine Augen, und noch mehr – wo hatte ich meinen Verstand, daß ich Sie für eine Dienerin halten konnte? Nie werde ich mir diesen unverzeihlichen Fehlgriff verzeihen.“

Sie blickte in ihrer bezaubernd gütigen Weise zu ihm auf, indem sie erwiderte: „Ich versichere nochmals, daß die Verwechslung auch nicht das geringste Unangenehme für mich hatte, ich freute mich im Gegentheil, daß sie mir die wohlthuende Gelegenheit gab, von Ihnen die gütigen Gesinnungen zu vernehmen, die Sie für die einsame Bewohnerin des Waldhofes hegten, ohne sie zu kennen.“

„Was habe ich Ihnen nicht Alles zu verdanken, mein Fräulein!“ rief er lebhaft. „Ohne Sie wäre ich ohne Zweifel als das Opfer der Rachsucht gefallen, durch Sie ist mir nicht blos das Leben bewahrt, sondern auch ein eben so bedeutender als unerwarteter Zuwachs äußern Glückes zu Theil geworden.“

„Ich habe mich recht gefreut,“ sagte sie herzlich, „daß Ihnen eine glückliche Enthüllung Ihre Familie und Ihr Erbe wiedergegeben hat. Ich selbst habe hierbei nicht das geringste Verdienst, denn eine That läßt sich nie nach ihren zufälligen Folgen, sondern nur nach ihrem eigentlichen Werthe schätzen. Ich wollte weiter nichts, als Sie vor einer Gefahr schützen, über welche mich der Zufall in Kenntniß gesetzt hatte, ich konnte natürlich nicht entfernt ahnen, daß meine Entdeckung so tiefgreifende Folgen für Sie haben und mich um einen Verwandten bereichern würde.“

„Ja, das ist wahr,“ rief er, „wir sind ja verwandt! Denn wenn ich auch vor der Welt meine Abkunft von der Familie Lohfels nicht beweisen kann und will, schon um dessen willen nicht, dem ich die Enthüllung des Geheimnisses verdanke, so bin ich doch von der Wahrheit der Enthüllung überzeugt. Zu meiner Freude scheinen Sie diese Ueberzeugung zu theilen, da Sie mich als Verwandten betrachten.“

„Gewiß, ich theile sie.“

„Aber wie stimmt damit die Nachricht, die mir Winrich mitgetheilt hat, daß Sie daran dächten, den Waldhof zu verlassen?“ Sie senkte wieder das Gesicht und erwiderte: „Es versteht sich wohl von selbst, daß ich eben darum, weil ich in Ihnen den rechten Erben erkenne, mein Anrecht aufgebe, welches ja nur auf dem Irrthum des Ausgestorbenseins der Familie Lohfels beruhte, und daß ich Ihnen also den Platz räume, der einzig Ihnen zukommt.“

[364] Schellenberg schüttelte den Kopf. „Ich werde diesen Platz nie einnehmen,“ sagte er, „wenn ich Sie vorher daraus verdrängen müßte! Sie haben mir solche Beweise eines tief gefühlvollen Herzens gegeben, daß ich überzeugt sein kann, Sie verstehen und würdigen meine Empfindung in diesem Falle; Sie wissen recht gut, daß ich eines Besitzes niemals froh werden würde, wenn auf ihm der Fluch lastete, meine Retterin einer Zufluchtsstätte beraubt zu haben. Es wäre eine Grausamkeit, wenn Sie einen solchen Gedanken noch einmal laut werden ließen.“

„Aber Sie werden,“ sagte sie schüchtern, „doch das Haus Ihrer Väter wieder in einen würdigen Stand setzen lassen, Sie werden vielleicht den Kriegsdienst verlassen und hier wohnen wollen, Sie begreifen also – –“

Er unterbrach sie: „Ich könnte ja im Wolfsgrund wohnen, aber fort mit aller Rückhaltung! Warum soll ich Ihrem schönen Herzen gegenüber mein Herz nicht frei und offen aussprechen? Wohnen bleiben müssen Sie nun einmal schlechterdings auf dem Waldhof, doch warum sollen wir nicht zusammen darauf wohnen? Das Schicksal hat uns in diesem einsamen Winkel der Erde auf seltsame Weise nahe gebracht, mein Herz hat sich rasch und bestimmt entschieden; erkennen auch Sie in den Fügungen des Schicksals eine führende Hand der Vorsehung, und vereinigen Sie Ihr Geschick mit dem meinigen, beglücken Sie mich durch Ihre Hand, werden Sie die Meinige!“

Thekla wandte das Haupt um, das aus tiefer Purpurröthe in völliges Erblassen übergegangen war.

Weniger stürmisch, aber mit sanfter Eindringlichkeit fuhr er fort: „Halten Sie meinen Antrag nicht für übereilt und unzart, in meinem Herzen ist er fürwahr gereift genug, und der Drang der Verhältnisse, Ihr eigener Entschluß, den Waldhof verlassen zu wollen, macht ihn nothwendig. Freilich sehe ich wohl ein, daß ich Ihnen so gut wie ganz unbekannt bin, daß Sie keinen Anhaltpunkt haben, um sich von dem Werth meines Charakters zu überzeugen. Die Angst, Sie möchten meinen Vorschlag abweisen, zwingt mich, als mein eigener Anwalt und Schutzredner aufzutreten. Glauben Sie mir, ich besitze die Eigenschaften des Herzens, um ein weibliches Wesen wahrhaft lieben und glücklich machen zu können. Von dem ersten Augenblicke an, wo ich Sie sah, sprach mein Gefühl für Sie, und ich habe mich gewaltsam beherrschen müssen, daß ich nicht täglich hierher kam und Sie aufsuchte. Ich beherrschte mich, weil ich Sie für Ihre Dienerin Henriette hielt, nicht als wenn ich des Standes wegen meinem Herzen hätte Gewalt anthun wollen – denn meine Gedanken auf dem ersten Rückweg vom Waldhof sprangen sogleich über diese Schranke hinweg – sondern weil ich durch meinen Unterofficier Winrich erfuhr, daß zwischen ihm und Henriette ein Einverständnis gegenseitiger Neigung stattfinde, und weil ich demnach als ehrlicher Mann doppelt auf meiner Hut sein mußte. Vertrauen Sie mir, und Sie sollen es gewiß niemals zu bereuen haben. Doch Sie schweigen sind Sie eben so entschieden gegen eine solche Verbindung, wie ich sie mit glühender Seele wünsche?“

Er legte die Hand auf ihr Haupt und drehete es sanft um, so daß er ihr in’s Angesicht schauen konnte, und er sah, wie unter den gesenkten Wimpern hervor einige große Thränen über die nun wieder in Purpur erglühenden Wangen rollten. Und als sie nun die Wimpern erhob, und als aus der Tiefe ihrer Augen ein warmer entzückender Strahl seinem ängstlich forschenden Blick begegnete, da bedurfte er keiner weiteren Antwort, da wußte er, daß er glücklich war, und schloß die Liebliche in seine Arme.



IX.

Bei der späten Rückkehr zum Wolfsgrund fand Schellenberg einen Brief von dem Freihern von dem Busch vor, worin dieser ihm freudevoll seine Verlobung meldete und seinen stürmischen Dank aussprach, da nur die Aufopferung des Freundes es ihm möglich gemacht habe, zu dem ersehnten Ziele zu gelangen. Schellenberg wandte die Nacht dazu an, dem Freunde seine eigenen Erlebnisse zu berichten, jedoch so, daß die eigentliche Schuld des unglücklichen Marx verschwiegen blieb, über welche er nun einmal für immer einen dichten Schleier werfen wollte; er erklärte sich seinerseits für nicht weniger dankbar, weil nur sein Eintreten für den Freund ihn auf den Weg zu seinem Glück geführt hatte. Aber er begnügte sich nicht damit, sondern er setzte eine Denkschrift auf, worin er die großen Nachtheile entwickelte, welche für diese Grenzbezirke aus der Schmuggelei entstanden. Die Verhandlungen mit dem Nachbarstaate wegen einer Zolleinigung hatten sich bis jetzt zerschlagen, aber die Denkschrift wies nach, wie die Zugeständnisse, welche verlangt wurden, nicht im Verhältniß ständen zu der Verarmung, Verwilderung und Entsittlichung der Grenzbewohner, und sie legte es daher der Landesregierung warm an’s Herz, lieber einige Ansprüche fallen zu lassen und eine Vereinigung herbeizuführen. Der Präsident der Regierung dieser Provinz, der ja nun der Schwiegervater des Lieutenants von dem Busch wurde, hatte den bedeutendsten Einfluß auf die Entscheidung in dieser Frage, und daher bat Schellenberg seinen Freund dringend, bei Uebergabe der Denkschrift deren Inhalt angelegentlichst zu bevorworten. – Als er darauf auch noch sein Abschiedsgesuch aufgesetzt hatte, legte er die Feder nieder, löschte die Lichter aus und sah der Morgenröthe, welche eben die Bergspitzen vergoldete, mit hoffnungsreicher, glücklicher Seele entgegen.

Die Antworten, welche Schellenberg auf seine Schreiben erhielt, waren in hohem Grade befriedigend. Der Präsident begleitete das Glückwunschschreiben seines Schwiegersohnes mit einem sehr freundlichen Briefe, worin er dem schönen Eifer, der sich in der Denkschrift ausgesprochen hatte, die vollste Anerkennung ausdrückte, seinerseits die bereitwilligste Thätigkeit versprach und einen günstigen Erfolg in sichere Aussicht stellte. Von seinen Vorgesetzten erhielt Schellenberg die schmeichelhafteste Belobung für seine erfolgreiche Wirksamkeit zur Unterdrückung der Schmuggelei; man bedauerte sehr, daß er aus dem Dienste treten wolle, aber man gewährte ihm den Abschied in den ehrenvollsten Formen.

Als Schellenberg mit seiner jungen Gattin den einen wiederhergestellten Flügel des Waldhofes bezog, Winrich und Henriette sich in einem allerliebsten Försterhause niedergelassen, da langte auch die Nachricht an, daß die Zollvereinigung zu Stande gekommen sei, und zugleich traf die Begnadigung der verhafteten Schmuggler ein. Schellenberg wandte nun die ganze Summe, die ihm Marx als aus seinen Handelsgeschäften gewonnen bezeichnet hatte, dazu an, um segensreich in seinen Umgebungen zu wirken. Durch Geschenke oder Vorschüsse setzte er die verarmten Familien in Stand, sich auf die Betreibung der Viehzucht zu legen, oder das Köhlergewerbe zu ergreifen, oder Steinbrüche zu eröffnen, oder andere Unternehmungen zu beginnen; er sorgte dafür, daß durch die Anlage guter Straßen die Erzeugnisse der Gegend einen gesicherten und erleichterten Absatz fanden; er war mit Rath und That überall bei der Hand, wo man seines Beistandes bedurfte.

Als die Wiederherstellung des Waldhofes vollendet war, da sah sich Schellenberg nicht blos durch den Besitz eines trefflichen Weibes beglückt, sondern er gewahrte auch in seinen Umgebungen bereits die schönsten Erfolge seiner Bemühungen, und eine hohe Anerkennung ward seinem Wirken von allen Seiten zu Theil.




Humboldt’s Ruhestätte.

Fast möchte man sich veranlaßt fühlen, mit einem bitteren Accent das Wort „Ruhestätte“ zu betonen; denn ruht nicht bereits nach kaum einem Monat über Humboldt’s Grabe die Stille der Vergessenheit?

Allerdings hat diese Anschauung einige Berechtigung, wenn es die eines der zahlreichen Verehrer Humboldt’s ist, welche in diesem nur den Mann der Wissenschaft sahen. Derjenige aber wird sie nicht theilen, welchem Humboldt’s ganze Große klar vor der Seele steht, denn dieser weiß, daß er der Zeit nicht fern stand, deren Erfüllung jetzt über uns gekommen ist, und daß ihn daher diese Erfüllung in seinem Innersten berührt haben würde.

Humboldt’s bis zum letzten Augenblicke klarer Geist hörte den leisen Flügelschlag des allgemach wieder zum Besseren emporstrebenden Genius der Weltgeschichte, obgleich er sich wohl gesagt haben mag, daß er den glücklichen Ausgang des kühnen Sonnenflugs nicht mehr erleben werde. Schien auch die Natur ihr strenges Gesetz, welches an den alternden Leib die Folge der Geistesabnahme knüpft, an ihrem Liebling in mildester Form anwenden zu wollen, so konnte [365] sie, die Gesetzestreue, sich doch nicht davon entbinden. Gönnen wir daher dem edlen Greise die Ruhe, ja freuen wir uns, daß er nur das Grauen und nicht die blutige Morgenröthe des erwachenden Tages gesehen hat.

Der Begräbnißplatz in Tegel, wo Humboldt neben seinem Bruder Wilhelm ruht, ist nun die Westminsterabtei der Naturforschung, nicht Deutschlands, nicht Europa’s – der civilisirten Erde. Das einfach heitere Plätzchen im Garten seines Stammsitzes umschließt ihn nun, den größten Naturforscher unseres Jahrhunderts, und trägt dabei den geistigen Schmuck der prangenden Tropenzone wie des gewaltigen asiatischen Steppenlandes; in geistiger Nähe ragt daneben das Schneehaupt des Chimborazo empor, den Humboldt zuerst erstieg, rauschen die Fluthen der Meeresströmungen, die er zuerst dem Auge der Wissenschaft verständlich machte; den Naturkundigen durchdringen am Grabe Humboldt’s alle die Strahlen der Wissenschaft, welche dieser entzündete zu unverlöschlichem Glanze.

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Humboldt’s Familienbegräbniß im Schloßgarten von Tegel.

Dafür hat kein menschliches Bauwerk Raum; die weite freie Natur, seine geistige Werkstatt wie nun seine Ruhestätte, wölbt sich über und unter dem kleinen Raume als dem Mittelpunkte, in welchem Humboldt schläft[WS 1]. In ihrem Schooße allein konnte und wollte er bestattet sein, denn er war, wenn er in der Livrée des preußischen Kammerherrn hinter dem Stuhle seines Königs stand, dennoch kein Hofmann, sondern ein Mann der Freiheit. Er stand dabei in einem anderen Dienste als in dem, nach welchem Schranzenseelen trachten, er stand im Dienste der freien Wissenschaft. Wisse es, Welt, die du so oft thöricht genug bist, Humboldt einen Vorwurf aus seinem Hofdienst zu machen, daß er in den Stunden dieses Dienstes unablässig der Anwalt der Wissenschaft war. Kommt Alle hierher zu Humboldt’s freiem Grabe, Ihr alle, für die er in günstig benutzten Augenblicken den Mächtigen den Tribut der Wissenschaft abforderte, um Euch damit auszurüsten für Euren beginnenden Forscherlauf; kommt her und zeugt an Humboldt’s Grabe!

Hierher, zu Humboldt’s freiem Grabe möchten wir alle die Inhaber der berühmten Namen fordern, damit sie Antwort geben auf die Frage, ob ein Jeder von ihnen rückhaltlos, wie der geschiedene Meister es that, jeden Augenblick bereit sei, die Freiheit der Forschung zu vertheidigen; ob jeder frei, ganz frei sei von hämischer Anfeindung solcher Vertheidiger. Hier an Humboldt’s freiem Grabe regt sich in uns die Frage an die Zukunft, was für eine Bedeutung für die Freiheit der Naturforschung es haben werde, daß das Banner nicht mehr weht, welches Humboldt in seiner ewig jugendlichen Geisteshand zu ihrem Schutze hoch emporhielt. Hier möchten wir die Erschienenen fragen, ob einer von ihnen in sich Kraft, Beruf und Willen fühle, neidlos und anerkennungsvoll der Dolmetscher und Anwalt jeder jungen Kraft, jeder neuen Entdeckung zu sein, wie Humboldt es war.

Dem Verfasser eines naturwissenschaftlichen Volksbuchs schrieb Humboldt noch vor wenigen Jahren (1855), daß dieser in demselben ja keine neuen Entdeckungen veröffentlichen wolle, sondern „erfreuen, zur heimischen Naturanmuth zurückführen“, und fährt dann fort: „Bei dem gegenwärtigen Zustande des deutschen Gesammtvolkes – – – – – – ist das doppelt erfreulich; es bleibt dem Deutschen, wie er schön und bedeutsam in seiner Sprache sagt, „das Freie“, das ist die Luft, der Genuß der „freien“ Natur.“

Das ist nicht die Sprache eines Hofmannes. – Es liegt auch in diesen Worten ein Zeugniß dafür, daß Humboldt, was Keinem mehr als ihm zu verzeihen gewesen sein würde, nicht blos ein Weltbürger war, an welchem jede gebildete Nation ein gleiches Anrecht hatte, sondern daß er durch und durch ein deutscher Mann geblieben ist. Als solchem ist ihm auch im Tode das geblieben, was er in obigen bedeutungsschweren Worten den Deutschen als unentreißbaren Besitz vindicirt: „das Freie.“ In ihm schlummert Humboldt im Garten von Tegel.



[366]
Vier Jahre in Cayenne.
(Schluß.)

„Die Daumenschrauben! Legt diesen Canaillen die Daumenschrauben an!“ riefen die Einen.

„An den Pfahl mit diesen Hunden, an den Pfahl!“ riefen Andere.

Einer von unsern Unglücksgenossen wollte sich zur Wehre setzen. In dem ungleichen Kampfe, der sich zwischen ihm und den Soldaten entspann, ward ihm beinahe die Hälfte des Bartes ausgerissen.

Die Daumenschrauben wurden angelegt und – wie dies allemal geschieht – so lange zugedreht, bis das Blut unter den Nägeln hervorspritzte. Nun ging es nach dem Marterwerkzeug, dem Pfahl. Der Pfahl ist an einer völlig schattenfreien, kahlen Stelle aufgepflanzt. Er ist sieben Fuß hoch und hält zwanzig Centimeter im Viereck.

Man belastete die Füße des ersten Gefangenen, an welchem die Tortur vollstreckt werden sollte, mit sechzig Pfund Ketten und stellte ihn an den Pfahl. Hier band man ihn mit einem Strick um die Beine herum fest, schlang mit demselben Strick einen zweiten Knoten um die Schenkel und den Pfahl herum, zog ihn dann über den Hüften um den Gürtel des Gefangenen und um die auf den Rücken gelegten Armgelenke herum, und befestigte ihn nochmals an den Pfahl. Dann ward ein zweiter Strick über die Schultern herabgezogen, an dem Gürtel befestigt und mit seinen beiden Enden über zwei Rollen gelegt, über welche er einen Augenblick lang schlaff herabhing.

Ein gemeiner, nicht politischer Sträfling, welcher Henkersdienste verrichtete, zog nun den Strick an. Die Arm- und Beingelenke knackten. Kalter Schweiß perlte auf der Stirn des Gefolterten. Seine Augen unterliefen mit Blut und traten aus ihren Höhlen heraus. Sein Mund verzerrte sich vom Ausdruck eines unsäglichen Schmerzes, dennoch ließ er keine Klage, keinen Schrei hören. Der Henker zog schärfer an. Die für diese Folter festgesetzte Zeit beträgt zwei Stunden! Und es wird dabei vorausgesetzt, daß, wenn der Gefolterte um Gnade schreit, man aufhört, den Strick schärfer anzuziehen, obschon der Gefangene angebunden bleibt, bis die zwei Stunden um sind. Die senkrecht auf ihn herabbrennende Sonne verherrlicht Ludwig Napoleon und die Gesetzgeber von 1849. Ein brennender Durst verzehrt den Gefolterten, der Druck steigert sich mit dem jedesmaligen Einathmen der glühenden Luft, die Adern schwellen immer heftiger pulsirend an und drohen zu bersten.

Die Leiden unseres unglücklichen Freundes hatten kaum erst eine halbe Stunde gedauert, und schon wurden seine Lippen weiß, seine Augen schlossen sich, sein Haupt sank und er ward ohnmächtig. Man ließ den Strick ein wenig nach, aber es verging eine volle Stunde, ehe der Gefolterte wieder zur Besinnung kam.

Als die zwei Stunden um waren, ward das Schlachtopfer losgebunden und auf den Boden gelegt. Es blieben nun noch drei Verurtheilte zu martern. Die Sonne war dem Untergange nahe. Man folterte daher nur noch einen, und verschob die Folter der beiden andern bis auf den nächstfolgenden Tag. Man brachte bei den zweien, welche bereits am Pfahle gestanden, die Ketten wieder in Ordnung und drehete bei den andern die Daumenschrauben noch ein wenig schärfer zu. Einer von ihnen stieß einen Schrei aus. Man hatte ihm den Knochen des einen Daumens zerbrochen. Die Verurtheilten wurden hierauf in die Gefängnisse der Königsinsel gebracht.

Der Leser glaubt vielleicht, daß die kaiserliche Rache sich hiermit begnüge, aber er muß wissen, daß ein Gefangener niemals zu weniger als fünfzehn Tagen Pfahlstrafe, dies heißt also sechzig Stunden – zwei Stunden des Morgens und zwei Stunden des Abends – verurtheilt wird.

Es waren in der letzten Zeit von Cayenne und der Mutterinsel aus mehrere zum Theil gelungene Fluchtversuche unternommen worden. Der Gouverneur und der Admiral beschlossen deshalb, die schärfste Ueberwachung anzuordnen und die Teufelsinsel, auf der wir uns jetzt befanden, demselben Regime zu unterwerfen, wie die Königsinsel und die Insel Saint Joseph, welche vorzugsweise von gemeinen Verbrechern bewohnt waren.

Wir ahnten diesen Entschluß, während zugleich die Kenntniß von dem glücklichen Entrinnen mehrerer unserer Unglücksgefährten unsere Phantasie erhitzt hatte. Eines Abends, als wir in ziemlich großer Anzahl an dem nördlichen Ende der Insel versammelt waren, wo in der Regel ein frischer Wind weht und wohin wir uns oft begaben, um, wie wir sagten, die „Luft Frankreichs“ zu athmen, sprach man von den zu erwartenden strengen Maßregeln, von der Flucht mehrerer unserer Cameraden mittelst eines heimlich von ihnen erbauten Flosses und endlich von der Nothwendigkeit, für uns ebenfalls ein solches Floß zu fertigen.

Wir beschlossen, eins zu bauen, welches groß genug wäre, um zwanzig Personen zu tragen, und zwanzig von uns machten sich sofort an die Arbeit. Diese war jedoch nicht leicht, denn es gab auf der ganzen Insel kein Stück Holz von nur einigermaßen erheblicher Größe. Das Gouvernement kam jedoch – natürlich ohne es zu wollen – unsern Wünschen entgegen, indem es mehrere zerlegte Häuser, die für die künftig unter uns wohnen sollenden Gensd’armen, Aufseher und Marinesoldaten bestimmt waren, auf unsere Insel schaffen ließ. Dies war natürlich ein kostbares Material für uns, da wir aber alle drei Tage einen Besuch des Gouverneurs zu erwarten hatten, und überdies seit einiger Zeit ein Souslieutenant vom Geniewesen, ein sehr gefährliches Individuum, während der weniger heißen Stunden des Tages auf der Teufelsinsel blieb, um uns im Auge zu behalten, so konnten wir dieses Material nur mit der größten Vorsicht und Zurückhaltung berühren. Ueberdies reichten die vorhandenen Holzstücke nur hin, um einen Rahmen zu bilden, der dann durch ein anderes Material ausgefüllt werden mußte.

Einer von uns berechnete, daß drei einen Meter lange zusammengebundene Maisstengel acht Pfund tragen könnten. Mais gab es auf der Insel in Ueberfluß. Man stellte nochmalige Experimente an, legte ein Bündel von dreißig Stengeln in’s Wasser, ein Mann, der seine hundertundzwanzig bis hundertundvierzig Pfund wog, setzte sich darauf und sank nicht unter. Nun schnitten wir ungefähr sechstausend Maisstengel ab, die wir in Bündel von dreißig bis fünfunddreißig Stengel banden. Ebenso schnitten wir eine gewisse Quantität Ricinus ab, dessen Stengel noch mehr Widerstand bietet als der des Mais, und machten ähnliche Bündel daraus. Die Arbeit konnte nur während der heißesten Stunden stattfinden, ward aber mit unermüdlichem Eifer betrieben. Wir erfrischten uns durch den Gedanken an die Rückkehr nach Europa, an die Rückkehr zu unsern Freunden, unsern Frauen, unsern Kindern. Wir schmeckten im Voraus die Freude, zu erzählen, was wir gelitten, und diejenigen Lügen zu strafen, welche, im Finstern schleichend, den furchtbarsten Bürgerkrieg führen und dann von dem Frieden Europa’s, von der Ruhe Frankreichs und von der Milde des Kaisers sprechen.

Noch ehe wir mit unserm Floß fertig waren, beschlossen wieder vierzehn unserer Unglücksgenossen, sich ebenfalls eins zu bauen, und wurden zugleich mit uns fertig.

Beide Flosse waren nach einem und demselben System erbaut. Man befestigte die Maisbündel auf Holzstücken von der Breite des Rahmens, dann befestigte man über denselben die Ricinusbündel, welche, weil sie härter waren, den Füßen größeren Widerstand leisten konnten. Auf die Querhölzer, welche die Bündel trugen, nagelte man Breter, wobei man jedoch eine Oeffnung für das Wasser offen ließ. Dann ward ein Geländer von ungefähr zwei Ellen angebracht. Wir hatten einen ungefähr zehn Ellen hohen und acht bis neun Zoll starken Mast, der in eins der Querstücken eingesetzt ward. Was unser Segel betraf, so war es von der besten Leinwand und wir brauchten, um es zu verfertigen, blos den Stoff von vierzehn Hemden seiner ersten Bestimmung zurückzugeben.

Es war sehr stürmisches Wetter, der Wind wehete mit außerordentlicher Heftigkeit, das Meer war mit weißem Schaum bedeckt, aber trotz dieses Windes schwitzten wir bei unserer Arbeit.

In noch nicht ganz vier Stunden waren wir damit fertig, und alle, auch diejenigen unserer unglücklichen Freunde, welche unsern Fluchtversuch nicht mit wagen wollten, halfen die Flosse mit in das Meer schieben.

Hierauf lud man die Mundvorräthe auf. Sie bestanden in süßen Kartoffeln, Brod, einigem auf der Insel erlegten und gebratenen Geflügel und den Lebensmitteln, die wir erst diesen Morgen für die nächsten drei Tage empfangen hatten.

[367] Die Abreise war auf acht Uhr Abends, unmittelbar nach dem Retraiteschuß, der von den Gefangenen auf der Königsinsel abgefeuert ward, festgesetzt, aber schon lange vor dieser Stunde war Alles bereit.

Wir beschlossen endlich, nicht erst auf den Signalschuß zu warten, sondern lösten schon um sieben Uhr, als es dunkel genug geworden war, das Seil, an welchem unser Floß noch festgebunden war, und stießen ab. Alle unsere auf der Insel zurückbleibenden Freunde kletterten an den Felsen hinauf, um uns mit ihren Blicken zu folgen, denn der Mond schien ziemlich hell.

Unsere Fahrt ging ungemein rasch von statten. Der Wind wehete gerade aus der günstigen Richtung und die Ruder waren beinahe überflüssig, dennoch aber waren wir froh, einen ehemaligen Schiffer von der Loire unter uns zu haben, welcher mit einem seltenen Grade von Muth, Kraft und Geschicklichkeit das Steuerruder führte. Die Nacht verging weder besser noch schlimmer, als wir erwartet hatten. Die Nächte sind in diesem Klima ungemein kalt, und die über uns hinwegschlagenden Wogen und die hinter ihnen herheulenden Windstöße trugen eben so wie die Seekrankheit viel zur Entkräftung von Leuten bei, die noch keine andere Seereise als die von Toulon nach Guyana gemacht hatten.

Als die Sonne aufging, sahen wir uns in dem Golf von Sinamari, wir hatten folglich in einer einzigen Nacht eine Strecke zurückgelegt, welche gewöhnlich zwei Tage in Anspruch nimmt.

Das zweite Floß, welches uns anfänglich innerhalb Rufweite gefolgt war, hatte sich mehrmals beklagt, daß es zu schwer beladen sei. Auch hatte es gleich nach dem Abstoßen Beschädigungen erlitten, deren Folgen verderblich sein konnten. Allmählich blieb es immer weiter hinter uns zurück, und gerieth wahrscheinlich aus Mangel an geeigneter Führung in eine Strömung, die es nach dem Lande zurücktrieb.

Am dritten Tage unserer Reise sahen wir Land in einer Entfernung von zwei bis drei Meilen. Was es aber für eins war, vermochten wir nicht zu errathen. Einige von uns sagten: „Es ist das holländische Gebiet, wir müssen den Maroni passirt haben.“

Der Maroni ist ein Fluß, welcher die französischen Besitzungen von den holländischen trennt.

Die Anderen behaupteten das Gegentheil und verlangten, daß man weiter in’s hohe Meer hinaussteuere. Mittlerweile legte sich der Wind. Eine Strömung trieb uns nach der Küste, wir mußten rudern und zwar kräftig. Fünf oder sechs von uns hatten die Seekrankheit auf eine so fürchterliche Weise, daß sie nicht im Stande waren, ein Ruder zu führen. Unsere Ruder – wir hatten deren fünfzehn – waren nicht die leichtesten, denn ihre Länge betrug nicht weniger als vierzehn Fuß. Man ruderte den ganzen Tag stehend und überwand die Strömung glücklich. Keine Stunde ward versäumt, und diejenigen von uns, welche nicht rudern konnten, gaben ihren Cameraden zu trinken.

Gegen sechs Uhr Abends erhob sich der Wind wieder. Unser Schiffer von der Loire war keinen Augenblick von seinem Posten gewichen, konnte aber jetzt vor Müdigkeit und Schlaf nicht mehr stehen und vertraute das Steuerruder einem Freunde an. Wir befanden uns, ohne es zu ahnen, dicht vor der Mündung des Maroni, und der Hülfssteuermann verfolgte eine so verkehrte Richtung, daß wir uns mitten in der Nacht plötzlich kaum fünfzig Schritt weit von dem französischen Grenzposten La Mana sahen. Die Soldaten kamen an den Strand geeilt.

„Hierher, Freunde, hierher!“ schrieen sie, indem sie Fackeln brachten und uns winkten, zu landen.

Diese Ueberraschung nach einem so mühevollen Tagewerke war eine sehr schmerzliche.

„Rudert zu, rudert zu!“ schrie unser alter, in dem Augenblick erwachender Schiffer, indem er aufsprang und sich wieder an’s Steuer stellte. Der Wind war gut und wir griffen kräftiger als je wieder zu den Rudern, aber die Fluth stieg und die Hände der Ruderer waren nur noch eine einzige offene Wunde.

Endlich ward das Licht das Fackeln schwächer, verschwand dann ganz, und nach einer Stunde war das Floß wieder zwei Meilen von dem Gebiete des Kaisers von Frankreich und aller Cayenne’s entfernt. Wir waren einer großen Gefahr entronnen.

Am nächstfolgenden Tage konnten wir bei Eintritt der Ebbe der Strömung folgen, welche uns nach dem Lande zutrieb, und es dauerte nicht lange, so stieß unser Floß an das holländische Ufer der Flußmündung.

Kaum waren wir an’s Land gestiegen, als eine Schaar Indianer auf uns zukam. In jedem andern Lande hätte unsere äußere Erscheinung uns gegen Diebe sicher gestellt. Die Leute aber, welche hier mit Bogen und Spießen bewaffnet auf uns zukamen, waren noch weniger bekleidet als wir. Zwei von uns traten vor, um mit den Wilden zu parlamentiren, und man wußte sich von beiden Seiten verständlich zu machen. Wir setzten den Indianern unsere Lage und unsere Absicht auseinander, und die Indianer antworteten, daß wir auf diesem Ufer nicht sicher wären, weil die Franzosen uns hier noch verfolgen könnten, und es in der Umgegend keinen holländischen Posten gäbe, der uns in Schutz nehmen könne. Deshalb riethen sie uns, zu Lande nach dem fünfundvierzig Stunden entfernten Paramaribo zu gehen.

Leider hatten wir bis jetzt erst den angenehmsten Theil unserer Reise zurückgelegt. Fünfundvierzig Stunden in dieser gefährlichen Wüstenei zurückzulegen, um Paramaribo zu erreichen, war keine kleine Aufgabe, aber wir ließen uns dadurch nicht entmuthigen. Nachdem wir gegessen und einige Stunden ausgeruht hatten, machten wir uns auf den Marsch. Jeder von uns trug ein Packet, welches Papiere, Wäsche und einige Brodrinden enthielt. Nachdem wir ungefähr vier Wegstunden zurückgelegt, waren wir am Saume eines Waldes von Wurzelträgerbäumen angelangt, die den Namen davon haben, daß ihre Aeste sich in den Boden senken, frische Wurzeln treiben und auf diese Weise ein fast undurchdringliches Dickicht bilden. Die Menschenhand allein vermag hier nicht Bahn zu brechen, sie bedarf auch der Axt dazu.

Dennoch drangen wir in den Wald hinein. Wir schlichen mehr, als wir gingen. Es muß in diesen Wäldern giftige Reptilien aller Art geben, aber daran dachten wir nicht. Niemand wurde gestochen. Die große Gefahr lag übrigens auch nicht hierin, sondern in dem trügerischen Aussehen des Bodens, der mit einer Art ziemlich verlockenden Mooses bekleidet war, welches einen immer flüssiger werdenden zähen Schlamm bedeckte. Wir mußten ganz leicht auftreten und die Füße schnell weiter fortsetzen, wenn wir nicht in diesen schwarzen Leim einsinken wollten, und der Wald ward immer undurchdringlicher.

Wir sahen ein, daß wir ohne Hoffnung auf Rettung unser Leben auf’s Spiel setzten, und beschlossen daher, wieder umzukehren. Wir hatten schon früher gehört, daß mehrere unserer Unglücksgefährten, nachdem sie glücklich von den Inseln entronnen waren, in diesen entsetzlichen Wäldern dennoch einen schauderhaften Tod gefunden hatten.

Die Ermüdung machte ohne Zweifel auch bei uns den Tritt schwerer, den Gang langsamer und deshalb auf diesem zitternden Schlamme die Gefahr drohender. Ich fühlte, wie meine Füße mit jedem Schritte tiefer einsanken, und sah den Augenblick kommen, wo es mir unmöglich sein würde, mich auf ein Bein zu stützen, um das andere herauszuziehen, und wo ich dann mit beiden Beinen zugleich einsinken würde. Dies geschah auch. Plötzlich stand ich mit beiden Beinen bis über die Kniee im Schlamm und fühlte mich mit furchtbarer Schnelligkeit noch tiefer einsinken, gerade als ob mich Jemand bei den Füßen gezogen hätte. Der Schlamm ging mir bis an den Gürtel. In meiner Todesangst faßte ich den nächsten Baumast und zog mich mit der räthselhaft riesigen Kraft der Verzweiflung heraus, während ich meine Stiefeln, einen Theil meines Beinkleides und die Haut meiner Beine in dem zähen Moraste zurückließ. Wäre der rettende Ast nur um einen Fuß weiter von mir entfernt gewesen, so hätte das entsetzlichste aller Gräber sich über mir geschlossen.

Jetzt fiel uns ein, was wir einmal den Gouverneur und den Admiral hatten sagen hören, als der Erstere dem Letzteren vorstellte, daß es wohl nicht gerathen sein dürfte, uns auf unserer Insel ohne strenge Bewachung zu lassen.

„Die Gefangenen werden entwischen,“ sagte der Gouverneur.

„Thut nichts,“ entgegnete der Admiral; „wir wissen ja, daß sie in dem Schlamme und in den Wurzelträgerwäldern ihren unvermeidlichen Tod finden müssen.“

Diese Aeußerung brachte uns jetzt, in Verbindung mit der von uns gemachten Erfahrung, auf die gegründete Vermuthung, daß man unsere Flucht gewissermaßen begünstigt habe, um uns dem Tode desto sicherer in den Rachen zu jagen. Diejenigen unserer Unglücksgefährten, welche sich geweigert, unserem Fluchtunternehmen sich anzuschließen, hatten sich ebenfalls in diesem Sinne ausgesprochen und meinten überdies, es sei jedenfalls besser, ruhig und geduldig auszuharren. [368] Die Regierung eines Despoten, wie Ludwig Napoleon, könne unmöglich lange dauern, und bald werde eine neue Revolution uns den Rückweg in die Heimath bahnen.

Indessen Keiner von uns fand in dem Schlamme seinen Tod, aber wie furchtbar ermüdet und erschöpft waren wir! Und nun hatten wir noch vier Wegstunden zurückzulegen, ehe wir uns wieder auf dem Punkte befanden, an welchem wir gelandet waren.

Gegen drei Uhr Morgens sahen wir uns endlich wieder neben unserem auf den Sand gezogenen Floß. Die Indianer hatten davon das Segel mit fortgenommen. Zwei von uns versuchten, diesen Mangel so gut als möglich wieder zu ersetzen, in der Hoffnung, daß wir zu Wasser nach Paramaribo gelangen könnten.

Am nächstfolgenden Morgen bei unserem Erwachen machten Indianer, die sich zahlreicher eingefunden hatten und eine drohendere Haltung beobachteten, als die ersten, Miene, über uns herzufallen und uns unserer geringen Habseligkeiten zu berauben. Zum Glück befand sich unter ihnen ein Neger von Cayenne, der ziemliche Intelligenz besaß und vollkommen gut französisch sprach. Als er hörte, wer wir waren, bewies er uns die freundlichste Theilnahme, denn er war ebenfalls politischer Verurtheilter und Flüchtling. Er erbot sich, uns nach einer am Ufer des Maroni gelegenen holländischen Pflanzung, Namens Quiberon, zu führen. Die Indianer hatten mehrere Boote auf dem Flusse, und mit steigender Fluth schifften Indianer und Franzosen in bestem Einvernehmen sich ein und ruderten den Maroni hinauf.

Die Pflanzung, nach welcher er uns führte, war von den edelmüthigsten Herzen bewohnt. Der Commandant Cappelaer empfing uns auf’s Freundlichste und erwies uns nicht blos die umfassendste Gastfreundschaft, sondern auch jene zarten Rücksichten und Aufmerksamkeiten, welche das Herz erwärmen, und diese stellten unsern moralischen Muth eben so wieder her, wie der Bordeauxwein und das frische Brod uns wieder neue Körperkraft gaben.

Wir blieben vierundzwanzig Stunden bei dem guten Commandanten Cappelaer. Am nächstfolgenden Tage – den 19. Septbr. – sagte unser gastfreundlicher Wirth, daß er nicht ohne Besorgniß für uns sei.

„Der französische Gouverneur,“ sagte er, „wird Euch verfolgen lassen. Ich bin nicht im Stande, seinen Leuten Widerstand zu leisten, und rathe Euch daher, einen Entschluß zu fassen.“

Eine englische Goëlette war in Sicht und der Commandant Cappelaer forderte den Capitain auf, uns mit nach Demerary – dem Ziele seiner Reise – zu nehmen. Der Capitain verlangte dafür sechshundert Francs. Wir konnten nicht mehr, als dreihundertundvierzig zusammenbringen. Dies war dem Capitain zu wenig und er setzte seinen Weg ohne uns weiter fort. Unser Wirth verschaffte uns nun ein Boot; unser Zimmermann bewirkte einige Reparaturen daran, und wir nahmen Abschied von der gastfreundlichen Familie Cappelaer. Vier Indianer begleiteten uns.

Wir hatten eine herrliche, ruhige Fahrt, und am Abend legte unser Boot am Gebiete eines Indianerstammes an. Wir mietheten hier vier andere Führer zur Weiterreise bis Paramaribo, hielten unsere Abendmahlzeit und legten uns dann unter dem hellgestirnten Himmel am Wachtfeuer nieder, um zu schlafen.

Unsere neuen Wirthe zeigten sich sehr discret und bescheiden, und nur einige junge Frauen verriethen ein wenig Neugier, die zwanzig Männer mit langen Bärten und in der seltsamen Kleidung zu sehen – Männer, deren bleiche Gesichter von dem Fieber gelb geworden oder von der Sonne gebräunt waren.

Endlich nach drei Tagen und drei Nächten stiegen wir in der Hauptstadt Paramaribo an’s Land. Trotz dieser letzten ruhigen glücklichen Fahrt waren wir doch bei unserer Ankunft fast Alle ziemlich krank.

Wir erwarteten, hier in Freiheit zu leben, aber man nahm uns gefangen und schickte uns in das Fort. Hier versprach man, uns freizulassen, sobald man genügende Beweise von unserer Eigenschaft als politische Verurtheilte erlangt haben würde.

Das Gefängniß, in welches man uns brachte, hatte Jammergestalten aller Art aufzuweisen. Man verwahrt hier nicht blos Verbrecher, sondern auch Wahnsinnige und Aussätzige und auf dem Hofe werden die Peitschenstrafen an den Negern vollzogen.

Dieses letztere Schauspiel empörte uns so sehr, daß wir einen Augenblick lang unsere Aufmerksamkeit vergaßen und an den Gouverneur einen Brief schreiben ließen, in welchem wir für die Neger die Menschenrechte in Anspruch nahmen und gegen die Grausamkeit der ihnen zu Theil werdenden Behandlung protestirten. Das Resultat dieses Briefes läßt sich leicht errathen. Man holte acht von uns und sperrte sie in gesonderte Zellen.

Unser Loos war überhaupt in diesem Fort ein ziemlich hartes. Die Kost war kaum zu genießen und wir mußten auf der nackten Diele schlafen. Diese ungerechte feige Haft dauerte einen Monat. Endlich benachrichtigte man uns, daß einige unserer Landsleute nach dem englischen Guyana eingeschifft werden würden. Nächstfolgenden Morgen, den 21. October, verließen auch in der That mehrere Gefangene das Fort, und man führte sie auf einem Umwege um die Stadt herum an Bord des Dampfers Paramaribo, der sie am 22. November in Demerary an’s Land setzte.

Wir konnten auf solche Anerbietungen nicht sogleich eingehen, und als wir den Hof des Gouverneurs verließen, erkundigten wir uns nach dem amerikanischen Consulate. Der Consul empfing uns höflich, antwortete uns aber, er könne uns erst den nächstfolgenden Tag Audienz geben, weil er in diesem Augenblicke dringend beschäftigt sei. Zugleich befahl er unserem Dolmetscher, uns in ein Gasthaus zu führen, und versprach, unsere Zeche zu bezahlen.

Am Abend ließ zu unserer Ueberraschung der Gouverneur uns zu sich rufen und bot uns Arbeit im Hafen an. Wir nahmen das Anerbieten an und begingen auf diese Weise eine Unklugheit, die wir bald bitter bereuten. Wir machten uns verbindlich, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang für einen Lohn zu arbeiten, der kaum zu unserer Beköstigung hinreichte. Das einzige Zugeständniß, welches man uns machte, war, daß wir nur im Schatten arbeiten sollten. Wir verdienten, wie eben gesagt, nicht genug, um Geld sparen zu können, und dennoch verschmähte man es nicht, uns in dem Hause, wo wir uns einlogirt hatten, zu bestehlen. Auf unsere Beschwerde gab der Gouverneur, dessen Cassirer beauftragt war, den Betrag für unsere Wohnung und Beköstigung von unserem Lohne zurückzubehalten, zur Antwort:

„Miethet eine Wohnung, wo Ihr wollt, kauft Euere Lebensmittel und besorgt Euere Küche selbst, und Ihr werdet dennoch bestohlen werden.“

Da wir sonach weder auf unsere Ersparnisse, noch auf die Unterstützung des Gouverneurs rechnen konnten, um die Mittel zur Bezahlung unserer Ueberfahrt entweder nach den Vereinigten Staaten oder nach England zu erlangen, so blieb uns nur ein Ausweg, nämlich der, uns einem Capitain als Matrosen anzubieten. Der Capitain der „Sappho“, eines nach England bestimmten Kauffahrteischiffes, verstand sich auch wirklich dazu, mich und einen meiner Freunde unter der Bedingung mitzunehmen, daß wir unsere Ueberfahrt abarbeiteten.

Ich will mich hier nicht ausführlich über die Leiden dieser Reise verbreiten, welche weder zu den friedlichsten, noch zu den angenehmsten gehörte. Unser Capitain war ein scheinheiliger Schurke, und die Matrosen zeigten sich durchaus nicht freundlich gegen zwei Männer, die nichts von der Schiffsarbeit verstanden und von welchen der eine – mein Camerad – fortwährend an der Seekrankheit litt. Wir wurden auf alle nur erdenkliche Weise mißhandelt und ohne einen Heller in der Tasche und mit nichts auf dem Leibe, als unsern zerlumpten Kleidern von Cayenne, endlich auf das Pflaster von Liverpool gesetzt und uns selbst überlassen.

Kein Geld, kein Freund, ein unbekanntes Land, eine fremde Sprache, geistige und körperliche Erschöpfung, bittere Kälte und nagender Hunger – dies war die schlimme Seite unserer Lage; andererseits aber waren wir doch frei!

Wir waren nun in einem Lande, wo jeder Verbannte, wo jeder Flüchtling des Continentes ein Asyl suchen kann, ohne befürchten zu müssen, hier noch verfolgt oder auch nur beunruhigt zu werden. Durch einige mitleidige Landsleute mit Reisegeld versehen, begaben wir uns nach London, um Freunde aufzusuchen, die uns bald Arbeit und sicheren genügenden Erwerb verschafften.

Und hier, kaum eine Tagereise von Paris entfernt, harren wir geduldig, bis die nicht mehr ferne Stunde unseres Peinigers schlagen wird.



[369]
Ein Besuch bei Fürst Metternich.[1]
Von Schmidt-Weißenfels.

Ein heller, frischer Decembertag leuchtete auf die Kaiserstadt Wien. Der Fiaker sauste durch das Herz der Stadt, durch das alte Wallthor, über das Glacis, hinein in die Wiener Faubourg St. Germain, die schöne, palastreiche „Landstraße“. Mit einem effectreichen Ruck bannte plötzlich der wohlgeübte Wagenlenker seine Rosse vor einem stattlichen, in einfachem, aber sehr geschmackvollem Styl erbauten Palast: es war das Ziel der Tour, das Palais des Fürsten Metternich.

Ein sauberer Kiesgang führte um den Flügel des Palastes nach dem Hauptportale. Es mußte dieser Umstand dem Besucher sofort den feinen Takt eines Diplomaten erkennen lassen, der seine Besucher nicht auf offener Straße und preisgegeben neugierigen und indiscreten Augen in sein Haus eintreten ließ, sondern den Eingang in der hinteren Front angebracht hatte. Hier umgürtete ein großer, stattlicher, jetzt laubloser Park den luftigen Vorbau des Portals, dessen hohe Glasthüren in eine hohe und weite, mit einzelnen Statuen gezierte Halle führen. In ihrer linken Ecke sitzt auf bequemem Polsterstuhl der unvermeidliche Thürhüter in furchtbarem Pelz und dreieckigem Hut, wie ihn jedes Portal eines österreichischen Edelmannshauses aufweist. Beim Eintritt des Besuches erhebt sich diese riesige Gestalt, bewaffnet mit einem gewaltigen Tambourmajorstock mit schwerem silbernem Knauf, und erwartet den Vortrag des Fremden. Nach legitimem Ausweis ist es alsdann gestattet, die breite, weißmarmorne Treppe, dessen Stufen mit einem den Schritt einsaugenden Teppich belegt sind, zu ersteigen und in die Vorzimmer der fürstlichen Wohnung zu treten.

Das Gefühl gespanntester Erwartung, vermischt mit dem eigener Unsicherheit, ist zu natürlich, wenn man zum ersten Male einem Manne gegenüber treten soll, der fast vierzig Jahre lang die Geschicke Europa’s gelenkt hat und, man kann sagen, die Seele der Geschichte seiner Zeit gewesen ist. Unwillkürlich rief ich mir das glänzende Leben des Mannes zurück, der durch die Bewegung von 1848 plötzlich aus der tiefen Spur seiner Bahn geschleudert wurde und nun, seitwärts aller Ereignisse, einen gewissen mythischen Sitz eingenommen hat. Inmitten der Reflexionen, die diesem Gegenstande entquollen, lud mich der alte, freundliche Kammerdiener zum Eintritt in das Gemach des Fürsten ein.

In der geöffneten Thür empfing mich derselbe, eine schöne, edle Greisengestalt, dessen blaue Augen leutselig unter der hochgewölbten, von Silberhaar gekrönten Stirn herniederblickten. Die hohe, etwas schmächtige Figur, umhüllt von einfach bürgerlicher Kleidung, war nur wenig von der Wucht der fünfundachtzig Jahre und eines wunderbar reichen Lebens gebeugt; ein unvergleichlicher, Ehrfurcht einflößender Adel lag über sie hingebreitet, und doch genügte der erste Blick in dies sanfte, schöne Gesicht, in diese milden, wohlwollenden Augen, um das ganze Wesen wieder mit Sicherheit und mit sympathischem Gefühl zu durchdringen.

Der Fürst lud sogleich zum Sitzen ein und er selbst nahm dicht neben mir Platz, um dadurch wegen seiner großen Schwerhörigkeit überhaupt ein Gespräch und ein Zuhören zu ermöglichen. Zum Glück war ihm der Zweck meines Kommens schon vorher bekannt gewesen, und derselbe war überdies mehr auf ein Zuhören, als auf einen Vortrag meinerseits, gerichtet. Der glückliche Instinct des Fürsten wußte überdies sein Gebrechen wenig fühlbar zu machen durch die außerordentliche Mannichfaltigkeit seiner Erzählung und die Leichtigkeit, mit welcher sein Geist von Gegenstand zu Gegenstand sprang. Man sah es ihm an und hörte, daß es ihm Vergnügen gewähre, zu sprechen – ein Umstand, der in so vorgerücktem Alter eben so erklärlich ist, wie die Wiederholungen und häufigen Abschweifungen im Laufe der Mittheilungen. Aber Charakter wie Ton dieser interessanten Plauderei waren so gewinnend und fesselnd, daß alles steife Ceremoniell im ersten Moment verschwunden war und keinerlei Zwang den Genuß des langen Zwiegesprächs schmälerte. Dabei schien die Mittagssonne in das große, elegant und wohlig möblirte Zimmer hinein, so daß auch die äußere Umgebung ihren Theil an der Annehmlichkeit dieser Stunden beitrug.

Die Verhältnisse ermöglichten es, daß das Gespräch vornehmlich über die Zeit rollte, welche der Fürst Metternich, man kann wohl sagen, mit machen half. Das ganze Leben dieses Staatsmannes that sich durch seine eigene Betheiligung auf, und die Gedanken, welche sich schon vorher mit diesem Gegenstande beschäftigt hatten, mußten natürlicher Weise in dem Gewebe der biographischen Mittheilungen hängen bleiben.

Die Metterniche stammen bekanntlich vom Rhein. Ihre Vorfahren waren häufig die geistlichen Herren von Köln, ergeben dem deutschen Kaiser, aber auch stolz auf die adlige Macht, die sie bildeten. Der Vater des berühmten Diplomaten trat zuerst förmlich in kaiserliche Dienste und ward Oesterreicher, doch bevor dies geschah, wurde zu Coblenz 1773 der jetzige Fürst Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar geboren. Seine erste politische Rolle war, im Alter von siebzehn Jahren als Ceremonienmeister des katholischen Theiles der westphälischen Grafenbank bei der Krönung des letzten deutschen Kaisers zu fungiren; dann begann er jenes frohe, lebenslustige Cavalierleben, wie es zu seiner Zeit florirte und wie es der Fürst, selbst inmitten der späteren großen Geschäfte, fortzusetzen liebte.

Die Gesandtenposten und die diplomatische Carrière waren damals Privilegien des hohen Adels und wurden gemeinhin wie edelmännische Passionen betrieben. Kein Wunder, daß der Kaiser 1794 den jungen und schönen Grafen Metternich zum Gesandten im Haag ernannte, und daß dieser sich auf seine neue Stelle, wie auf ein neues Reizmittel seines genußliebenden Lebens freute. Leider verdarben die republikanischen Franzosen dem jungen Staatsmann sein Vergnügen, denn sie nahmen die Niederlande gerade in dem Augenblicke Oesterreich fort, als dieses für dieselben einen Gesandten ernannte. Verstimmt ging der Gesandte ohne Posten nach Wien, heirathete die Enkelin des großen schlimmen Kaunitz und saß dann in Verein mit seinem Vater in jenem unglücklichen Rastadter Friedenscongreß, der durch den Mord der französischen Gesandten so traurige Berühmtheit erhielt.

Es scheint, als wenn der Graf im Grunde keine große Vorliebe für die staatsmännische Laufbahn gefühlt habe, mindestens äußerte der Greis in Bezug auf jene Zeit, daß er lediglich einem Befehle des Kaisers gehorcht habe und daß er, wie später als Diplomat, so vielleicht auch als Professor der Geologie oder der Chemie, wofür er sehr große Vorliebe gehegt, sich Ruhm erworben hätte. „Ich kam,“ meinte der Fürst, „durch meine Geburt und meinen Rang sogleich in die höchste Sphäre der Diplomatie und habe ein halbes Jahrhundert darin gelebt, ohne gestiegen zu sein. Auch hatte ich es nicht nöthig; die Güter und das Vermögen meiner Familie waren groß genug, mich unabhängig und nach meinem Vergnügen leben zu lassen.“

Indessen – l’appétit vient en mengeant, auch bei der Diplomatie. Der junge Metternich wurde 1801 als Gesandter nach Dresden und 1803 nach Berlin geschickt. Er ward bald zufrieden mit seinem Loose, denn er war einer der glücklichsten Gesandten. Ein perfecter Cavalier, geistreich, unendlich liebenswürdig, jung, schön, reich, von einnehmendem Wesen, Freund der Liebe und der Jagden, – wie hätte es anders sein können, als daß alle Frauen von Gefühl, alle Männer von Geist und Lebenslust für ihn schwärmten? Damals trat Metternich auch in Beziehung zu den meisten jener Persönlichkeiten, die später seinem Wirken am nächsten standen, wie Gentz, Pilat, Adam Müller, die Herzogin von Sagan; oder denen er in späterer Zeit als Freunden oder Gegnern begegnete, wie Humboldt, Varnhagen von Ense, Hardenberg u. s. w. Erst die furchtbare Niederlage Deutschlands 1805 und 1806 störte dies glückliche Leben des Gesandten, der nun (1806) mit der ernsteren und schwierigen Mission betraut wurde, das unglückliche Oesterreich am übermüthigen Hofe von Paris zu vertreten.

Erst hier entfaltete Metternich seine glänzenden Talente als Diplomat. Gegen die heftige Despotie Napoleons verstand er, äußerste Ruhe, Geschmeidigkeit und feinen Takt oftmals siegreich anzuwenden, und wenn er auch seinem Staate das Schicksal eines neuen furchtbaren Krieges nicht ersparen konnte, so hatte er doch vielleicht von allen Diplomaten, selbst den französischen, am meisten die Gunst und das Vertrauen des Cäsars erworben, besonders als [370] er dem Ehrgeize Napoleons die Tochter des alten legitimen Kaiserhauses, Maria Louise, zuführte.

Diese Gunst Napoleons mochte auch viel dazu beigetragen haben, daß gleich nach der Schlacht bei Wagram (1809) der Kaiser Metternich mit dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten betraute – eine Stellung, die unter ihm so bedeutungsvoll für ganz Europa werden sollte und die 39 Jahr inne gehabt zu haben, den Ruhm und das seltene Glück dieses Staatsmannes bildet. Die österreichische Monarchie nach dem Frieden von Wien wieder aufzurichten, war sicherlich eine so schwierige Aufgabe, daß kaum der größte Ehrgeiz danach verlangen konnte, eine so furchtbare Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen. Krönte sie selbst ein Erfolg, so blieb sie, da Mittel der Gewalt vermieden werden mußten, wollte man nicht die letzte Karte ausspielen, immer eine undankbare. Auf einem anderen Wege, als dem der Nachgibigkeit und Geschmeidigkeit, war an eine endliche Rettung nicht zu denken. Zuerst gilt es, die Monarchie wieder aufzurichten und die Fesseln, die man nicht klirrend abstreifen konnte, mit Geschick und Kunst zu lösen. Diese Politik mußte die Metternich’sche sein, und mit welcher Meisterschaft er sie handhabte, bewiesen die folgenden Ereignisse.

Während sich Preußen durch den Heroismus der Verzweiflung um sein Leben wehrte und durch innere Kraft allein wieder errichtet werden konnte, war Oesterreich nur durch die außerordentlichste Geschicklichkeit durch alle die Klippen der kommenden Zeit hindurchzuführen, wollte es nicht, morsch und beschädigt, an dem Zusammenstoße mit ihnen seinen Untergang finden. Metternich gelang es, durch äußerste Geschicklichkeit das offene Meer wieder zu gewinnen, Oesterreich langsam von den Fesseln des napoleonischen Joches zu lösen und in äußerster Gefahr den Moment zu erfassen, um sich Rußland und Preußen im Kampfe gegen den großen Schlachtenkaiser anzuschließen. Die berühmte Unterredung Metternich’s mit Napoleon zu Dresden entschied. Als der Fürst auf diese weltwichtige Stunde in seinen Mittheilungen flüchtig zu sprechen kam, meinte er, daß alle Erzählungen darüber an Unwahrheit und Entstellung litten und Niemand mehr, denn Thiers in seiner Geschichte des Kaiserreichs, die Thatsachen verzerrt habe.

„Thiers,“ äußerte sich der Greis, „war selbst bei mir und ließ sich über Vieles und so auch über diese Unterredung mit Napoleon von mir Aufschluß geben. Ich habe ihm nur gesagt, daß alle Mittheilungen Napoleons selbst irrig seien, und trotzdem schmückte er diese nach seiner Phantasie aus, und die anderen Geschichtsschreiber schrieben ihm nach. Im Grunde konnte der Ausgang dieser Unterredung nichts mehr bestimmen, und ich führte sie nicht als Staatsmann, sondern aus persönlichem Interesse an dem Schicksale des Kaisers, dem ich über seine Lage Klarheit verschaffen wollte.“

Der Krieg begann. Die Franzosen wurden nach der Schlacht bei Leipzig über den Rhein geworfen und Deutschland war wieder frei. Mit diesem Moment schwächte sich die Energie Metternichs in der Bekriegung Napoleon’s ab, und es ist bekannt, welche Hindernisse er dem tapferen Vorrücken Blücher’s und York’s entgegensetzte und wie oft er Napoleon zu retten versuchte. Aber noch war Metternich nicht der Allmächtige, der er auf dem Wiener Congreß zu werden begann. Hier, wo alle Verhältnisse so glänzend waren und dazu dienten, des gefürsteten Ministers persönliche Eigenschaften in’s vollste Licht zu setzen, wurde zuerst der Grund zu jener Machtstellung gelegt, die Metternich bis zur Julirevolution innegehabt.

Der Glanzpunkt der Metternich’schen Laufbahn fällt unstreitig in die Zeit der Congresse von Aachen, Carlsbad, Troppau, Laibach und Verona. Die Politik, welche hier im Beisein von Kaisern und Königen, den höchstgestellten Frauen und Männern, ihre Weihe empfing und die jene Congresse, sowie besonders den Namen Metternich in ganz Europa berüchtigt machte, war ohne Zweifel von Hause aus in keinem ihrer späteren Herren, weder im Czaren Alexander, noch in Metternich, noch in Gentz, seiner rechten Hand und Protokollführer aller jener Congresse, klar ausgebildet gewesen, Es war eine Politik der Impromptu’s, der man erst später ein System und einen idealen Glorienschein zu geben wußte. Sie fand ihren Anstoß durch das Wartburgsfest und Kotzebue’s Ermordung, und man kann annehmen, daß vor diesen beiden Thaten eine Reactionspolitik nicht im Sinne Metternich’s gelegen hat, wenn er auch von gewisser Seite zu Rückschritten aller Art gedrängt wurde. Metternich sah nach dem Frieden von Wien das Heil der Welt und besonders Oesterreichs in der äußersten Ruhe um jeden Preis; er erkannte, daß in dem aufgewühlten Boden die alten Staaten nicht alle wieder Wurzel faßten und manche erst aus einem künstlichen Leben zu einem natürlichen gelangen könnten. Dazu war aber Ruhe nöthig; kein Krieg, keine laute Bewegung des Zeitgeistes, kein Expenmentiren nach Vorwärts wie nach Rückwärts sollte diese nothwendige Ruhe des Welttheils stören. Wäre nur Alles in Ruhe abgegangen, Metternich wäre vielleicht den Anforderungen der Zeit nicht so schroff entgegengetreten. Da dies jedoch naturgemäß unmöglich war und jede Bewegung eben die Ruhe aufhebt, da ferner Alles daran lag, das lose Gewebe der Staaten fester zu ziehen, das künstliche Leben einiger Staaten fortdauern zu lassen, so blieb zuletzt der Weg der Reaction der einzige der Rettung. Es lag etwas Verzweifeltes in dieser Politik der heiligen Alliance, welche den Ruin der Staaten immer vor Augen sah und deren Gedanke mit Ludwig’s XV. Wort: après moi le déluge auf’s Innigste verwandt war. Metternich hatte im Geheimen selbst keinen Glauben an die Lebensfähigkeit mancher Staaten und an die Dauer seines unheilvollen Systems, aber je länger es sich hielt, um so weniger fürchtete er von der einstigen, wohl vorausgesehenen Umwälzung aller Dinge.

Die Grundsätze und Allmächtigkeit der idealistischen Heiligen-Alliance-Politik wurden durch ihren ersten Urheber, Rußland, selbst erschüttert. Der Krieg mit der Pforte (1828–1829) rollte das ganze System, was so künstlich und unter immensen Anstrengungen einige Jahre vorher gebildet worden, gänzlich auf, und Gentz, der so sehr den Metternich’schen Geist in sich aufgenommen hatte, schrieb selbst nach dem Frieden von Adrianopel: „Die Ewigkeit unseres Systemes habe ich nie behauptet. Es lag ihm nur die gute Absicht zu Grunde, die nach der napoleonischen Zeit wieder errichteten alten und neugeschaffenen Throne zu befestigen. Dieser Zweck ist auch erreicht. Aber bei all’ seiner Macht konnte es doch nicht den ewigen Frieden gründen und wird beim ersten Stoße der Geister zu einer Tradition werden. Einen Frieden haben wir wohl wieder, aber ich täusche mich nicht über die Nähe gewaltiger Stürme, die aus dem Schooße Frankreichs sich erheben und vielleicht den Weltball mehr als die von 1789 erschüttern werden.“

Diese vorausgefühlte Julirevolution hob in der That das eigentliche System der heiligen Alliance auf, und von nun dominirt lediglich die Metternich’sche Politik, welche Wohl an den liebgewordenen Grundsätzen festhält, aber doch auch ein eigenthümliches Gepräge der Bequemlichkeit aufweist. Der allmächtige Einfluß des Staatskanzlers war nicht mehr nach außen hin in voller Gültigkeit, sondern hie und da wußte man sich ihm sogar zu entziehen. Metternich war diese Seele des ganzen politischen Getriebes nur noch in Oesterreich und vollends, als Franz der Erste (1835) starb, und sein Nachfolger dem erprobten Staatskanzler alle Sorgen der Regierung willig allein überließ. Nach Metternich’s Plan sollte nun das alte Kaiserreich zu einem Musterstaate der Ruhe und politischen Unbedenklichkeit gestaltet werden; man sperrte es gegen das Ausland ab und ließ die Wurzeln, die es mit dem deutschen Mutterlands verbanden, unterbinden und vertrocknen. Die seit dem Wartburgfest gefürchteten Universitäten wurden zu bloßen Realschulen umgestaltet, und der Besuch ausländischer, besonders deutscher Hochschulen verboten. Eine Presse existirte nicht; was die österreichischen Unterthanen wissen sollten, theilte ihnen die Regierung durch die Wiener Zeitung, den Oesterreichischen Beobachter und einige Provinzialblätter mit; andere Zeitungen ließ die Grenzcensur nicht in das Reich und selbst die Augsburger Allgemeine, die dem Fürsten ganz zur Disposition gestellt war, durfte nur in einer besonders für Oesterreich verfaßten Ausgabe hereinkommen. Auch muß man sagen, daß es gelang, Oesterreich durch dieses Isolirsystem Deutschland zu entfremden; die Menschen dort lebten, was man so sagt, glücklich und sorgenlos und kümmerten sich gar nicht um Politik.

Aber der Zeitgeist, den Metternich in solcher Art verhindern wollte, Eintritt in Oesterreich zu finden, schlüpfte zuletzt doch unter den Grenzbarrieren hindurch und an den Nasen der Mauthbeamten steuerfrei vorbei. Er brachte Unruhe in die sonst friedevollen Gemüther, einen Drang nach politischem Leben und eine Gährung hervor, die immer gewaltiger wuchs. Man weiß, wie die Kuranda’schen „Grenzboten“ in der Mitte der vierziger Jahre nach Oesterreich hineingeschmuggelt wurden, wie dieses Blatt gerade über die österreichischen Zustände die aufreizendsten Correspondenzen brachte. Diese ungeheuere Gährung im Staate Metternich’s schien diesem selbst unbekannt zu bleiben, sei es, daß er an keine ernstliche [371] Gefahr glaubte, oder sei es, daß die Beamten selbst Gefallen an diesem gereizten Leben hatten. Wie dem auch sei, die Funken der Februarrevolution fanden auch nach Oesterreich ihren Weg und setzten im Nu das ganze morsche Gebäude in Flammen. Kaum gelang es dem greisen Staatskanzler, vor der Wuth der aufgestandenen Menge sein Leben zu retten und von der Stelle, von wo aus er fast vierzig Jahre lang die Cabinete Europa’s beeinflußt hatte, flüchtig als Greis nach dem gastlichen Albion zu gelangen.

Wer weiß es nicht, welcher Jubel und Rausch mit der Kunde von dem Sturz des Fürsten Metternich durch ganz Deutschland zog? Wer entsinnt sich nicht der Flüche, die dem einstigen Allmächtigen in’s Erst folgten? Man glaubte damals in jener glaubensvollen Zeit, daß nun das große Hinderniß der allgemeinen Freiheit für immer gefallen sei und eine neue Aera nicht allein für Oesterreich, sondern für ganz Deutschland anbrechen werde. – Heute, wo die Leidenschaften verraucht, das Blut ruhiger wallt, heute, wo man weiß, daß Vieles, was man dem Fürsten Metternich aufbürdete, von ganz anderen Persönlichkeiten ausging, hat sich dieser Grimm gegen die Person des Fürsten Metternich verloren, und man blickt gemeinhin auf seine einstige Herrschaft wie auf eine in die Nebel der Zeiten gesunkene Epoche, wie auf eine Mythe hin. Er selbst ist längst zurückgekehrt zur Stätte seiner einstigen Macht und steht, wie ruhig auch sein Dasein sei, und wie sehr die Gegenwart sein Wirken dementire, den Ereignissen am Abend seines Lebens nur noch theilnahmvoll zur Seite.

Und dieser greise Fürst selbst ist kein Chaeakter, der Bitterkeit über den Sturz seiner diplomatischen Herrschaft empfindet.

„Ich habe,“ äußerte er sich, „nur das Beste und die Wahrheit gewollt, und wußte nie etwas von systentatischer Feindseligkeit gegen irgend wen. Das halbe Jahrhundert, welches ich dem Kaiser gedient habe, ist die Geschichte meiner Zeit, nicht allein meiner Person. Durch ein günstiges Geschick habe ich inmitten aller Ereinisse gestanden, und was ich gethan, wird einst die Geschichte beurtheilen. Es ist ein erklärlicher Irrthum der Leute, daß sie mich erbittert glauben, aber ich bin es nicht und kann es nicht sein. Ich handelte, so lange ich auf meinem Platze stand, nach meinem Gewissen, und wenn sich jetzt die Zeit geändert hat, so weiß ich dies wohl zu würdigen, und stehe ihr nicht als ein Feind gegenüber. Auch kann ich mich, beehrt durch das Vertrauen des Kaisers, noch immer nützlich machen. Man glaubt und es wird auch davon gesprochen, daß ich meine Memoiren schreibe. Ich habe aber, wie gesagt, einen solchen Platz inne gehabt, daß ich nur die Geschichte meiner Zeit beschreiben könnte, und das mögen die thun, die nach mir kommen. Meine Memoiren, das sind die Documente und Acten, welche in den Archiven liegen.“

Das Portrait des Fürsten Metternich, wie es hier zu geben versucht ward, kann leicht, je nach dem Parteistandpunkt, in tieferem Colorit gehalten werden. Er ist unstreitig ein Mann von höchster Bedeutung für Europa, für Deutschland, für Oesterreich und, wie er selbst fühlt, für die Geschichte seiner Zeit gewesen. Itn ihm vermag man aber vor Allem die prächtigste und blendendste Blüthe der alten, vom vorigen Jahrhundert her überlieferten falschen Staatskunst der Kaunitze, Thugut, Hertzberg und Haugwitz zu erkennen, die ihre Stützen hauptsächlich in den Rechten der Throne fand, und den Staat nur mit dem Monarchen identificirte. Ihr gegenüber steht setzt in Uebermacht und getragen von der öffentlichen Meinung, die neue Staatskunst, welche ihren genialen Gründer im Freiherrn von Stein erhalten, und welche vor Allem auf das Wohl der Nationen, auf den Staat als Begriff von Fürst und Volk als eine Einheit basirt ist. Die Zeit, in der es ein Einzelner wagen durfte, den Fortschritt ganzer Nationen einzuzwängen und aufzuhalten, ist hoffentlich für immer begraben.


Die freie Rede.
Ein Wort für Lehrer und Lernende von Friedrich Gerstäcker.

Wir leben in einer Zeit, wo sich das Menschengeschlecht in auffallend rascher Weise entwickelt und fortbildet. Fast in alten Zweigen der Kunst und Wissenschaft sind neue Entdeckungen, neue Erfahrungen gemacht, und größere Forderungen werden von Jahr zu Jahr an den Menschen gestellt, wenn er eben auf der Höhe seiner Zeit bleiben, wenn er mit der Welt fortschreiten will.

Auch die Schulen sind darin nicht zurückgeblieben – obgleich in ihnen noch Manches gethan werden könnte, alte Vorurtheile zu beseitigen. Neue Methoden sind in manchen Branchen an die Stelle der alten, unpraktischen getreten, den Kindern das Lernen zu erleichtern und sie auf faßliche und interessante Weise zu belehren, und es geschieht – so wenig man auch noch immer für die Lehrer thut – für die Kinder außerordentlich viel. Leider wollen die meisten Menschen aber noch immer nicht einsehen, daß der Lehrer eigentlich der wichtigste Mann im Staate, eben so wie er am schlechttesten besoldet ist, und während sie die ganze Zukunft des Liebsten was sie auf der Welt haben – ihrer Kinder – in seine Hand legen, geben sie ihm einen Gehalt, bei dem er kaum nothdürftig existiren kann und leider nur zu oft Hunger und Kummer leiden muß. Und doch soll gerade Lehrer die Jugend dahin bringen, allen diesen neuen, vermehrten Ansprüchen zu genügen, und doch bin ich selber eben im Begriff, dem Lehrer eine neue Last aufzuerlegen. Aber ich hoffe auch, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo der Lehrerstand sowohl in pecuniärer Hinsicht gesichert als auch zu der Stellung emporgehoben wird, die er, seiner Würde nach, einnehmen sollte, d. h. nicht unter, sondern neben dem Geistlichen zu wirken, in Dorf wie Stadt, und wenn er dann besser besoldet und nicht mehr gezwungen ist, die wenigen ihm bleibenden Freistunden, die Niemand nöthiger braucht, wie gerade er, zu Privatstunden zu verwenden, um seine Familie und sich am Leben zu erhalten, wenn es nicht mehr heißt „der Herr Pastor und der Schulmeister“, dann dürfen wir auch hoffen, daß sich die Lehrer mit Lust und Liebe ihren Stunden hingeben, daß sie freudig an der anwachsenden, sich fröhlich unter ihnen entwickelnden Jugend wirken werden.

Doch davon wollte ich eigentlich jetzt nicht reden, obgleich dies Capitel nie zu oft erwähnt werden kann. Nur einen Vorschlag möchte ich den Lehrern machen, aus eine leichte, wie für Lehrer und Schüler interessante Weise die Letzteren an öffentliche Vorträge zu gewöhnen.

Ich verwahre mich dabei gegen die Vermutung, als ob ich selber hierin eine neue Methode entdeckt hätte. Das ist nicht der Fall, sondern ich möchte unseren deutschen Schulen nur etwas an das Herz legen, das schon seit langen Jahren Mit großem Erfolge in England und Amerika betrieben wird.

Wir leben nicht mehr in einem Zeitalter, wo nur einzelne bestimmte Classen dazu gelangen, in öffentlicher Versammlung ihre Meinung auszusprechen. In den Häusern der Abgeordneten wird jetzt von Jedem gefordert, daß er seine Ansicht frei und offen, aber auch in verständlicher Sprache und nicht etwa stotternd und ohne Ideenverbindung sage. Wo aber sollen die Knaben und jungen Leute das lernen, wo sich üben?

Bei uns wird in den Schulen unter „frei sprechen“ das fehlerfreie Auswendiglernen und Hersagen von Gedichten oder Aufsätzen – das sogenannte Declamiren – verstanden, was aber damit bezweckt? Nichts weiter, als daß der Schüler die Ideen anderer Menschen mit gutem Ausdruck und in deren Sinn eingehend hersagen lernt, aber nie wird er dabei im Stande sein, einen eigenen Gedanken zu fassen und ihn auszuführen. Das Mechanische der Sache studirt er, aber die eigentliche Seele der Rednerkunst bleibt ihm fremd, und diese ist: einen eigenen Gedanken in klare und verständliche Worte zu fassen und ihn auszusprechen.

Die Folgen solchen „Declamirens“ liegen zu Tage. Von Tausenden sind kaum zwei im Stande, das, was sie wirklich fühlen und wissen, vor einer Versammlung mit deutlichen Worten und in richtigem Satzbau anzusprechen, und wenn sie es wirklich könnten, so getrauen sie sich doch nicht, den Mund aufzuthun, denn sie hatten keine Uebung.

Das Hersagen den Gedichten u. s. w. ist ganz gut, den Ton der Stimme zu üben, wenn aber nicht tiefer dabei gegriffen wird, und es eben nur bei dieser Tonübung bleibt, so kann die eigene Intelligenz des Knaben in der freien Rede nie geweckt, sein Geist

[372]
Die Gartenlaube (1859) b 372.jpg

Karte vom Kriegsschauplatze.

[373] WS: Karte wurde auf der vorherigen Textseite zusammengefügt.  [374] nicht geschärft, sondern eher durch die ihm aufgezwungenen fremden Worte nur ertödtet werden.

Besonders werden darin alle jene langen Leute vernachlässigt, die mit der Confirmation die Schule verlassen und in ein Geschäft oder einen andern Wirkungskreis treten. In der Schule kamen sie höchstens einmal alle drei oder vier Wochen daran, ein Gedicht zu „declamiren“ und, aus der Schule heraus, wird ihnen gar keine Gelegenheit mehr geboten, sich zu üben – als Lehrling verlangt man sogar von ihnen, daß sie den Mund nicht aufthun, bis sie gefragt werden. Und wie stehen sie dann da, wenn sie später einmal, ob auch mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet, in einen weiteren Wirkungskreis, in die Welt treten? Sie können in vielen Fällen das, was sie wissen, nicht einmal verwerthen, in den Kammern der Abgeordnetem z. B. das nicht bekämpfen, was sie für unrecht, das nicht vertheidigen, was sie für recht hatten, und sind dann höchstens als „Stimmzettel“ zu gebrauchen.

In dieser Hinsicht sind uns Engländer und Amerikaner weit voraus, und zwar durch ein ganz einfaches, besonders in Amerika in den meisten Schulen eingeführtes Mittel, eine vortreffliche Redeübung, der beizuwohnen ich selber oft Gelegenheit hatte und die ich hier jetzt näher beschreiben will.

Ganz von dem Grundsatze ausgehend, daß man durch Declamiren auswendig gelernter Stücke nie wird frei reden lernen, sondern daß der Schüler einen gegebenen oder selbst gefundenen Stoff haben muß, über den er zu sprechen versucht, werden in den amerikanischen Schulen gewöhnlich allwöchentlich sogenannte Debatten gehalten, und ich selber bin oft Zeuge gewesen, mit welchem Eifer nicht allein die Schüler denselben beiwohnten, sondern auch, welche Freude die Lehrer selbst daran fanden.

Ich will mich hier darauf beschränken, eine kurze Anleitung einer solchen Debatte zu geben, und die Lehrer mögen dann selbst beurtheilen, wie leicht ausführbar dieselben auch in unseren Schulen sind und wie segensreich sie wirken können.

In den amerikanischen Schulen der Backwoods oder der westlichen Wälder versammeln sich gewöhnlich am Freitag Abend – da Sonnabends keine Schule ist – Lehrer und Kinder und nicht selten auch die Eltern der Letzteren zu jenen regelmäßigen sogenannten „Debatten“.

Vorher schon wird den Schülern zur Pflicht gemacht, daß sich Jeder eine passende Frage zur Debatte ausdenke – wie auch die Lehrer einige in Vorschlag haben müssen, damit beim Zusammenkommen nicht zu viel Zeit mit der Wahl des Stoffes versäumt werde.

Gleich nach der Zusammenkunft wird ein Richter gewählt, oder sind Erwachsene genug dazu vorhanden, so kann man auch drei zu Richtern nehmen.

Viele lassen sich jetzt die verschiedenen Vorschläge zur nächsten Debatte sagen, irgend einen passenden Stoff auszuwählen, oder legen auch selber der Versammlung – jedenfalls das Kürzeste – einen Stoff zur Abstimmung vor.

Sobald man sich darüber geeinigt hat, geht es an die Wahl der beiden debattirenden Parteien. Es geschieht dieselbe auf rasche unparteiische Weise, die jede Vorbereitung unmöglich macht, denn es ist ein Hauptzweck dieser Redeübungen, nicht etwa auswendig Gelerntes oder vorher sorgfältig Ueberdachtes herzusagen, sondern im Augenblicke selbst einen selbständigen Gedanken zu fassen und ihn auszusprechen.

Der oder die Richter wahlen nämlich aus der Zahl der Lehrer oder der am meisten befähigten Schüler zwei Capitaine oder Führer, die wir A. und B. nennen wollen.

A. hat jetzt das Recht, sich aus der Schaar der Schüler einen auszuwählen, und er nimmt natürlich den, den er für den Befähigtsten hält; ist das geschehen, so sucht sich B. ebenfalls einen Schüler für seine Seite aus, dann kommt A. wieder an die Reihe und dann B., und so abwechselnd, bis sämmtliche Schüler in Zwei verschiedene Parteien getrennt sind und nun auch zwei verschiedene Seiten der Stube einnehmen, jede Verwechselung zu vermeiden.

Zwischen A. und B. mag vorher noch das Loos entscheiden, wer den ersten Knaben wählen darf, damit von keiner Seite eine Klage erhoben werden sann.

Natürlich dürfen, besonders im Anfange, den Schülern nicht zu schwere Stoffe zum Debattiren aufgegeben werden. Sie müssen sich alle in dem Kreise ihres Fassungsvermögens bewegen, und mit

der Zeit werden sie dann schon selbst auf mehr verwickelte Sätze und Streitfragen gebracht werden.

Hier will ich also annehmen, daß die Versammlung beschlossen hatte, zu debattiren:

„Ob Gold oder Eisen dem Menschengeschlecht den größten Segen gebracht habe?“

Dem Richter liegt es jetzt ob, mit ein paar kurzen einleitenden Worten beiden Parteien die Frage, um die es sich handelt, vorzulegen, und er bestimmt dabei, wenn sich die beiden Führer nicht selber darüber einigen können, welche Partei die Vortheile des Goldes, welche die des Eisens vertheidigen solle.

Ich will annehmen, daß A. überkommen hätte, das Gold und dessen Vortheile dem Eisen gegenüber hervorzuheben.

A. nimmt jetzt – gegen den Richter gewandt – das Wort und sucht in allgemeinen Umrissen, ohne zu sehr auf Einzelheiten einzugehen, die Vortheile hervorzuheben, die der Besitz des Goldes den Menschen gebracht habe, wie die Nachtheile, die ihm durch den Gebrauch des Eisens erwachsen sind.

Danach spricht B. im anderen Sinne, und die einzelnen Schüler eröffnen jetzt die Debatte, indem sie abwechselnd, zuerst Einer von A.’s, dann ein Anderer von B.’s Partei, auftreten und ihre Seile der Streitfrage zu verfechten suchen.

Eine gewisse Zeit, wie lange Jeder sprechen darf, mag bestimmt werden, aber Jeder muß reden und seine Meinung aussprechen, darauf haben die Lehrer besonders zu achten, denn die Schüchternen, die solche Uebung am nothwendigsten brauchen, würden sonst nie das Wort ergreifen.

Mögen dann auch manchmal wunderliche und komische Schlüsse auftauchen – lieber Gott, selbst in den Kammern fehlt es ja daran nicht – die Kinder dürfen nicht irre gemacht werden, und mit dem Bewußtsein, daß sie die Pflicht und das Recht zu reden haben, werden sie auch bald die alle Scheu überwinden und nach und nach lernen, ihre eigenen Gedanken auf den einen Punkt zu sammeln und mit der Zeit geordnet auszusprechen.

Haben nun beide Theile geendet, so nehmen die Führer noch einmal das Wort, das Resultat ihrer beiden Parteien klar und deutlich zusammenzufassen, und ist das geschehen, so entscheidet der oder die Richter, welche Partei am überzeugendsten gesprochen habe – welcher also der Sieg zuzuerkennen sei.

Bleibt dann noch Zeit, so mag eine neue Debatte gewählt werden, zu der man, wenn man will, wieder neue Richter und Führer ernennen kann.

Sehr wünschenswert ist es, daß da, wo es angeht, auch die Väter oder Eltern der Schüler – wenigstens zu Zeiten – solchen Debatten beiwohnen. Sie brauchen natürlich nicht Alte hinzugehen, aber schon wenig Erwachsene üben einen wohlthätigen Einfluß aufs den Ehrgeiz der Kinder aus. Ueberdies schadet es, besonders auf dem Lande, den alten Bauern gar nichts, wenn sie einmal gezwungen werden, über etwas Anderes nachzudenken, als ihre Saaten und Aecker.

Eine Hauptsache bei diesen Debatten ist die, einen richtigen und treffenden Stoff für die Kinder zu finden, der nicht allein belehrend, sondern auch unterhaltend auf sie wirkt. Aber die Welt ist so reich an Stoff, daß es daran nicht fehlen kann. Außerdem gibt es in jeder Stadt, in jeder Commune eine Menge von Dingen und Angelegenheiten, über die verschiedene Meinungen herrschen, und es wird dann stets in der Hand des Lehrers liegen eine passende Debatte einzuleiten und seinen Schülern Mittel an die Hand zu geben, sich Aufklärung darüber zu verschaffen.

Allgemeine Stoffe zu Debatten finden sich deshalb in Masse, und ich will nur einige hier anführen, den Reigen zu eröffnen. Jeder Lehrer wird darnach leicht, den Fähigkeiten seine Schüler entsprechend, andere finden und benutzen können.

1. Hat Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung den größten Einfluß auf die Thaten der Menschen?

Braucht ein guter Mensch beide?

2. Wer ist der verächtlichste Mensch – ein Lügner oder ein Heuchlern?

3. Ist Ehrgeiz eine Tugend aber ein Laster?

4. Ist das Pferd oder der Stier das dem Menschengeschlecht nützlichste Thier?

5. Welches Gefühl gewährt uns mehr Freude, das der Hoffnung oder das der Erinnerung?

[375] 6. Was trägt am meisten dazu bei, Verbrechen zu befördern: Armuth, Reichthum oder Unwissenheit?

7. Wer war der größte Feldherr, Hannibal oder Alexander?

8. Wodurch lernen wir mehr, durch Bücher oder durch das Leben selbst?

9. Haben Thiere nur Instinct oder auch Verstand?

10. Wer ist für die menschliche Gesellschaft der Gefährlichste – der Verschwender oder der Geizige? etc. etc. etc.

Auch launige Debatten dürfen nicht ausgeschlossen sein; so erinnere ich mich, daß in Arkansas ein Fall debattirt wurde, der mehrere Abende hintereinander immer wieder zur Verhandlung kam und große Heiterkeit hervorrief. Es war der folgende:

Ein Mann hatte an einem Flusse ein Fährboot angebunden. Eines Tages kommt ein Stier, der einem anderen Einwohner des Orts gehörte, zu dem Boot herunter, steigt hinein, kaut so lange an dem Strick, bis dieser reißt, und treibt mit dem Boot den Fluß hinab, so daß man beide nicht wieder erlangen konnte.

Wer hatte jetzt den Schaden zu tragen, der Mann, dem der Stier gehörte, oder der Booteigenthümer? – denn Beide verklagten einander – hatte nämlich das Boot den Stier oder der Stier, das Boot entführt?

Solche scherzhafte Debatten .. kleine unschuldige, aber verwickelte Rechtsfragen und dergleichen, eignen sich vortrefflich zu diesem Zweck. Das Leben um uns her bietet dabei so manchen interessanten Stoff, und es kann den Lehrern nicht schwer fallen, Manches aufzufinden, was die Aufmerksamkeit ihrer Schüler fesselt. Sie werden dabei selber über den Erfolg staunen, den diese Uebungen bewirken, denn es sind nicht mehr einfache, hergesagte Lectionen, es ist der eigene Gedanke, der aus den Kindern spricht.

Was nützt den Knaben das Declamiren, das nur allein der Schauspieler für sich verwerthen kann? Er lernt sprechen, ja aber er kann das Gelernte nie für sich praktisch verwerthen. Die Stimme, die Gesticulation, der auf die einzelnen Worte gehörige Ausdruck sind allerdings wesentliche Momente der Rede, aber sie sind und bleiben doch nur die äußeren Zierden des Baumes, während der eigene Gedanke Stamm und Mark desselben bildet.

Verschafft deshalb dem Kinde erst die Möglichkeit, sich eigene Gedanken zu formen und zu entwickeln, gebt ihm einen Gegenstand,

der sein Herz erwärmt und seinen Geist schärft, und er wird auch mit dem richtigen Ausdruck, mit der richtigen Gesticulation sprechen lernen, weil das, was er spricht, aus seinem eigenen Herzen kommt.

Den Beweis des eben Gesagten können wir jede Stunde auf jeder Straße finden, wo wir zwei Leute, selbst aus den niedrigsten Ständen, sich unterhalten sehen. Laßt diese irgend ein beliebiges Gedicht hersagen, und es wird ohne Ausdruck, mit den ungeschicktesten Bewegungen geschehen, aber wie sie dort stehen und sich streiten oder irgend etwas Geschehenes besprechen, ist jede Bewegung natürlich, jedes Wort richtig betont – und warum? – weil sie fühlen, was sie reden, weil ihr Körper, der Ausdruck ihres Gesichtes selbst unwillkürlich, ja ihnen unbewußt, mit ihren Gedanken im Einklange steht.

Der richtige Declamator dagegen lernt vielleicht mühsam einen Anderen Gedanken durch Worte und Bewegungen richtig wiedergeben – aber es ist die Frage, ob er je im Stande sein wird, einen eigenen und selbstständigen Gedanken ohne Stottern auszusprechen.

Die Debatte ist deshalb das einzige Mittel, den Schüler nicht allein sprechen, nein, auch denken zu lehren, und wollen die Lehrer einmal den Versuch machen, welche Wirkung sie damit bei ihren Schülern erzielen, so bin ich der festen Ueberzeugung, daß sie nie wieder zur leeren Declamation zurückkehren oder dieselbe wenigstens von da an als das betrachten werden, was sie wirklich ist: einzig und allein als eine Gedächtnißübung, bei der sie die Schüler ruhig können aus ihren Plätzen sitzen und die Hände auf die Schreibbank legen lassen.

Und wären solche Redeübungen allein für Schulen von segensreicher Wirkung?

Diese Debatte möchte ich den Vereinen junger Kaufleute und Handwerker als Aufgabe empfohlen haben und ich bin fest überzeugt, daß sie es dann nicht bei der einen bewenden lassen. Sie werden einsehen, daß auch für sie in späteren Jahren die Nothwendigkeit eintreten kann, öffentlich zu sprechen, unter welchen Verhältnissen es auch immer sei, und daß sie bei ihren Zusammenkünften einen Theil ihrer Zeit nicht besser und nützlicher verwerthen können, als durch solche Uebung.




Blätter und Blüthen.

Die Organisation der preußischen Armee. Bei den gegenwärtigen Kriegsereignissen dürfte es von Interesse sein, Kenntniß über die Organisation der preußischen Armee zu erhalten.

Die preußische Armee besteht aus dem Gardecorps und acht Armeecorps. Jedes Armeecorps besteht aus zwei Divisionen; eine Division besteht aus einer Brigade Infanterie und einer Brigade Cavallerie; die Brigade aus zwei Regimentern Infanterie oder Cavallerie. Jeder Soldat muß drei Jahre dienen, worauf er zwei Jahre zur Reserve gehört und alsdann zur Landwehr übertritt. Das Gardecorps besteht aus fünf Regimentern Infanterie = vierzehn Bataillonen; zwei Bataillonen Jägern, einem Regiment Garde du Corps, einem Regiment Cuirassiere, einem Regiment Husaren, einem Regiment Dragoner, zwei Regimentern Uhlanen und einem Regiment Artillerie. Zweiunddreißig Regimenter zu drei Bataillonen und acht Regimenter zu zwei Bataillonen bilden die Linieninfanterie. Die Cavallerie besteht aus acht Cuirassier-, acht Uhlanen-, vier Dragoner- und zwölf Husarenregimentern. Zu jedem Armeecorps gehört ein Regiment Artillerie, bestehenden aus zwölf Compagnieen und drei Handwerkscompagnieen. Drei Compagnieen werden in den Festungen verwendet, je nach Umständen mehr, und neun Compagnieen werden zur Bedienung von neun Batterieen verwendet. Durch die Einstellung der Reserven erhält das Bataillon eine Stärke von 1000 Mann. Die gegenwärtige Stärke der Linieninfanterie beträgt demnach von 112 Bataillonen zu 1000 Mann = 112,000 Mann Infanterie und die der Gardeinfanterie von vierzehn Bataillonen = 14,000 Mann Infanterie, also in Summa 120,000 Mann Infanterie.

Sobald die Armee mobil gemacht wird, werden eben so viel Landwehrregimenter als Linieninfanterieregimenter gebildet: die Landwehr ersten Aufgebots (die Landwehr zweiten Aufgebots ist nur für den Dienst innerbalb des Landes bestimmt) würde demnach ebenfalls 126,000 Mann betragen. Jedes Cavallerieregiment besteht aus vier Schwadronen zu 175 Mann. 25 Mann bleiben als Depot zurück, so daß ein Cavallerieregiment in einer Stärke von 600 Mann ausrückt. Zweiunddreißig Regimenter Cavallerie und sechs Regimenter Gardecavallerie – das Regiment Garde du Corps hat acht Schwadronen – betragen 156 Schwadronen mit 23,400 Pferden. Die Landwehrcavallerie würde fast eben so viel betragen. Jäger gibt es außer den zwei Bataillonen Gardejäger noch acht Bataillone zu 1000 Mann, also in Summa 10,000 Jäger. Aus jedem Artillerieregimente werden neun Batterieen zu acht Geschützen formirt = 72 Geschütze, theils sechs- und zwölfpfündige Kanonen, theils sieben- und zehnpfündige Haubitzen. Preußen hat demnach zur Zeit 81 Batterieen mit 648 Geschützen ausgerüstet. Ferner hat Preußen 27 reitende Batterieen zu acht Geschützen mit 216 Kanonen und Haubitzen. –

Die gegenwärtige Stärke der preußischen Armee während der Kriegsbereitschaft beträgt also 126,000 Mann Infanterie, 10,000 Jäger, 23,400 Mann Cavallerie, 81 Fußbatterieen mit 648 Geschützen und 27 reitende Batterieen mit 216 Geschützen, so wie auch neun Abtheilungen Pioniere und Pontoniere. In Folge der Mobilmachung aber beträgt die Stärke der preußischen Armee 252,000 Mann Infanterie, 20,000 Jäger, über 40,00 Mann Cavallerie, 81 Fußbatterieen mit 648 Geschützen und 27 reitende Batterieen mit 216 Geschützen, wozu etwa 8900 Pferde erforderlich sind, sowie 15,000 Pioniere und Pontoniere. Die Büchsen der Jäger, die Gewehre der Infanterie, die Säbel und Pistolen der Cavallerie lassen nichts zu wünschen übrig.

Eine wichtige Einrichtung der preußischen Armee sind die „Telegraphen-Compagnieen“. Eine solche bestand früher aus einem Obertelegraphisten und zehn Artilleristen; gegenwärtig aber hat man für Artilleristen Pioniere genommen, und Pionier-Unterofficiere werden aus den verschiedenen Staats-Telegraphenstationen zu Telegraphisten ausgebildet, um in vorkommenden Fällen verwendet zu werden. Zu einer Telegraphen-Compagnie gehört ein Wagen, auf welchem sich ein festgemachter Tisch befindet, welcher den Telegraphen-Apparat trägt, der aus dem Schreibeapparate, dem Relay, dem Taster, dem Galvanoskop, dem Umschalter, der Telegraphie- oder Linien-Batterie und der Local-Batterie besteht; hinten und vorn auf dem Wagen befinden sich die hölzernen Tragsäulen mit den Isolatoren aus Porzellan und dem Leitungsdrahte aus Eisen oder aus Kupfer. Auf diese Weise kann man in ganz kurzer Zeit eine provisorische Telegraphenlinie bis zu mehreren Stunden Länge und unter Umständen noch länger errichten, oder auch von irgend einem Punkte aus eine solche mit einer bereits bestehenden Telegraphenlinie in Verbindung bringen. Dies geschieht, indem man den Leitungsdraht der bereits bestehenden Telegraphenlinie durchschneidet und das eine Ende desselben durch Löthen mit dem Leitungsdrahte der provisorisch angelegten verbindet, indem sich sonst der elektrische Strom nach beiden Seiten hin verbreiten würde. Der Vortheil einer solchen beliebig aufzustellenden Telegraphenlinie ist namentlich während eines Krieges augenscheinlich. Befindet sich z. B. eine Armee für eine gewisse Zeit in einer ausgedehnten, durch einen Fluß oder auf andere Weise geschützten Stellung, und hat sie hinter sich in ihrer ganzen Ausdehnung eine solche provisorisch angelegte [376] Telegraphenlinie, so kann der General en chef, in dessen unmittelbarer Nähe der Telegraphenapparat sich befindet, in Folge eingetretener Ereignisse auf telegraphischem Wege schnell entweder eine andere Frontstellung oder eine Vorwärts- oder Rückwärtsbewegung oder eine Concentrirung der Armee nach irgend einem Punkte anordnen, und da eine provisorische Telegraphenlinie meistentheils auch mit einer bereits bestehenden Telegraphenlinie in Verbindung steht, so kann er auch auf telegraphischem Wege über Gefechte und Schlachten, über die Stellung, über die Stärke und den Masrch des Feindes Bericht erstatten und auch entfernteren Armeecorps Verhaltungsbefehle ertheilen, oder denselben Mittheilungen machen, oder diese herbeiziehen. Von großer Wichtigkeit ist auch der Umstand, daß sowohl der General en chef, als auch die anderen Corpscommandanten auf telegraphischem Wege Waffen, Geschützmunition, Pferde, Fourage und Lebensmittel schnell requiren, sowie auch den bereits auf dem Marsche befindlichen Truppen gemessene Befehle zukommen lassen können. Selbst während einer Schlacht, vorausgesetzt, daß man vorher Zeit gehabt, solche provisorische Telegraphenlinien zu errichten, ist es für den General en chef von großer Wichtigkeit, von den verschiedenen Truppencommandanten schnell Kenntniß über den Verlauf derselben zu erhalten und demgemäß Anordnungen zu treffen und Befehle zu ertheilen; ebenso auch, wenn z. B. eine Armee sich in einer defensiven Stellung befindet und plötzlich auf irgend einer Seite angegriffen wird, ist es von nicht weniger großer Wichtigkeit, daß der General en chef hiervon schleunigst Kenntniß erhalte und eben so schnell die übrigen Truppencommandanten davon in Kenntniß setzen und seine Dispositionen treffen kann. –

Welchen Einfluß überhaupt die Telegraphenlinien und auch Eisenbahnnen auf die Kriegsoperationen ausüben, hat sich bereits recht klar bei der Belagerung von Sebastopol gezeigt, indem es den Franzosen und Engländern wegen des Terrains fast unmöglich gewesen wäre, ohne eine Eisenbahn ihre schweren Belagerungsgeschütze, die Munition, den Lebensbedarf etc. an Ort und Stelle zu schaffen, sowie auch in dem gegenwärtigen Kriege zwischen Frankreich mit Sardinien und Oesterreich. Die Telegraphenlinien und Eisenbahnen durchziehen Frankreich in einer Weise, wie es fast bei keinem Lande des Continents der Fall ist, und daher konnten die Franzosen in ganz kurzer Zeit eine Armee von 130,000 Mann nach Sardinien überführen. Während es früher unendlich viel Zeit erforderte, entferntern Truppenmassen Befehle zu ertheilen, oder in Uebereinstimmung mit denselben zu operiren, oder Nachricht von ihnen zu erhalten, bedarf es gegenwärtig mittelst des Telegraphen hierzu nur einiger Minuten, und es können sogar in einer großen Entfernung operirende Armeen nicht allein durch den Telegraphen in fortwährender Uebereinstimmung ihre Kriegszwecke verfolgen, sondern auch ebenso plötzlich, in Folge von Ereignissen, ihre Märsche und ihre Dispositionen ändern, was in früheren Zeiten nicht der Fall sein konnte. Während man früher durch die Richtung der Truppenmärsche auf einen Angriff vorbereitet sein konnte, kann der Feind mit Hülfe der Eisenbahnen seinen Gegner vollkommen täuschen, indem er in einer verhältnißmäßig kurzen Zeit auf diesen große Truppenmassen nach einem dem Gegner unbekannten Orte führen, und alsdann auf telegraphischem Wege den concentrirten Truppen eine andere Marschdirection und einen andern Angriffspunkt geben kann. Zur Bewahrung des Geheimnisses solcher Ordres stehen den Behörden hinreichende Mittel und Wege zu Gebote, und hieraus ersieht man, daß Eisenbahnen und Telegraphenlinien für Kriegszwecke in enger Beziehung zu einander stehen, und das ganze frühere System des Kriegführens eine Veränderung erleiden muß. Die russischen Eisenbahnen sind sämmtlich zum Transport von Militair jeder Gattung in großem Maßstabe eingerichtet und es wäre wünschenswerth, wenn dies auch bei den in Deutschland befindlichen der Fall wäre. Auch in Frankreich hat man diesen Umstand stets im Auge behalten und die Transportmittel der Eisenbahnen zu diesem Zwecke so eingerichtet. In Oesterreich ist man mit dem Bau der Eisenbahnen noch weit zurück, und dieser Umstand erschwert ungemein das schnelle Befördern von Militair in diesem großen Reiche, welches ihm im gegenwärtigen Kriege sehr zu Statten kommen würde.

R.

Liszt’s Messe. Ueber die in Leipzig zur Aufführung gekommene „Graner Messe von Liszt“, die man so gern als ein Meisterwerk hinstellen möchte, geht uns folgende Mittheilung zu:

„Wir begegnen in diesem Werke wieder allen jenen Eigenschaften, welche die Liszt’schen Productionen für uns überhaupt zu völlig ungenießbaren und abstoßenden machen. Da ist von keiner Gliederung, keiner Vermittelung, keinem Zusammenhang die Rede; da ist Alles zerböckelt und zerstückelt, ohne logische Nothwendigkeit neben einander gesetzt und ohne Sinn construirt. Gibt man sich nun schon zufrieden, daß man es mit einem ungeordneten, zerfahrenen Ganzen zu thun hat, so kann man sich doch auch bei den einzelnen Theilen dieses Ganzen keinen Ersatz holen, und die Unerquicklichkeit und Befriedigungslosigkeit trägt sich von der äußeren Construction auf den innern Aufbau über. Man sucht vergebens ordentlich gestaltete Melodieen, zweckmäßig organisirte und anziehende modulatorische Formen, interessante thematische Combinationen, man lechzt vergebens nach Etwas, was einem als Musiker Freude machen könnte – man befindet sich mit einem Worte in einer vollständigen Wüste, in der hie und da eine trügerische Fata Morgana eine Oase vorspiegelt – man stürzt darauf zu, will eindringen in den lockenden Palmenhain, will den brennenden Durst löschen in dem silbernen Quell; aber immer weiter weicht das Luftgebilde zurück, und zerrinnt endlich in ein trostloses Nichts. Müssen wir diese Messe nun als Musikstück überhaupt schon verdammen, so müssen wir es noch mehr als Kirchentonstück. Wo ist hier Weihe und Sammlung, oder Erhebung und emporflügelnde Andacht? Was liegt der Kirche ferner, als dieses jähe Ueberspringen von einem Contrast zum andern, als diese überwürzte harmonische und instrumentale Behandlung, als diese ganze musikalische Verrenkung und Verzerrung?

„Freilich werden auch mancherlei Versuche gemacht, um recht transscendent und supranaturalistisch zu sein; es wird namentlich im Credo ein ungemeiner Aufwand mit musikalischer Symbolisirung getrieben; aber – um nur Einiges anzuführen – wie grobsinnlich, unmusikalisch wirkt dieses „crucifixus etiam pro nobis“, „passus et sepultus est“, dieses schreckliche „judicare vivos et mortuos“, dieses „expecto resurrectionem mortuorum“! Wie ganz „tannhäuserlich“ wird man angemuthet, wenn, sowie nur von etwas Uebersinnlichem die Rede ist, die hochgelegten Violinen in das beliebte visionäre Tremolo verfallen, und wie gar oft sieht man den Lohengrin’schen „lieben Schwan“ angerudert kommen! Doch genug von dieser Graner Messe! Wir haben immer gemeint, durch so vieles Leidige, was uns nun im Verlaufe einiger Jahre schon geboten wurde, etwas ruhiger und gleichgültiger gegenüber der musikalischen Gegenwart geworden zu sein – aber nein! es kommt immer wieder Etwas, was die Galle erregt, und bei dem man sich als gewissenlos vorkommt, wollte man schweigen und indifferent zuschauen. – Die Aufführung war nur leidlich; es mag aber auch unendlich schwer sein, diese an sich so corrupte Musik unter einer Leitung zu executiren, die beim bloßen Zusehen schon Lachen erregt, und an die sich zu gewöhnen, ein Jahre langes Zusammenleben von Orchester und Dirigenten erforderlich wäre.“


Literarisches. Der diesjährige Schad’sche Musenalmanach bringt eine größere und reichere Auswahl von Gedichten, als die früheren Jahrgänge, und fast die ganze namhafte Lyrik der Gegenwart ist darin vertreten. Das an Volumen und poetischem Gehalt bei weitem bedeutendste Gedicht ist „das Mädchen von Capri“ von Julius Große. Unserer Ueberzeugung nach ist es eins der besten Erzeugnisse der neuen deutschen Poesie überhaupt, und in der lyrisch erzählenden Gattung ist seit „Hermann und Dorothea“ nichts, das ihm gleich käme, erzeugt worden. Ein echtes gesundes Flügelkind jener wunderbaren Verbindung des antiken Geistes mit der modernen Weltanschauung – wie selten ist dieser Bund fruchtbar gewesen! – ist es vom Schöpferhauche Homer’s und Goethe’s gleich stark durchglüht, und was dem Dichter noch zu besonderer Ehre gereicht, sein Hexameter ist zwar nicht überall gleich gelungen, aber in den meisten Stellen meisterhaft.

Ueber die Fabel des Gedichtes sagen wir nichts; die Anlage ist so vortrefflich und so abweichend von der hergebrachten Weise, daß man vom ersten Verse an wie von einem unwiderstehlichen Zauber gefesselt wird. Selbst eine Episode, die eigentlich gar nicht hinein gehört, möchte man um keinen Preis missen, so unübertrefflich reizend ist sie.

Das Buch sagt uns, daß der Dichter 1823 zu Erfurt geboren sei. Möchte man nicht glauben, daß der Geist des greisen Goethe, von Weimar westwärts seiner sinkenden Lebenssonne nachblickend, in der nächsten Stadt, in der alten Hauptstadt Thüringens, ausruhend sich niedergesenkt und schöpferisch befruchtend gewirkt? Wahrlich, Herr Große ist ein echter Geistessohn des weimarischen Heros, und Erfurt darf stolz sein auf diesen seinen Sohn.

L. St.


Berichtigung. Bei Mittheilung der Novelle „Warten“ von Moritz Hartmann in Nr. 23 der Gartenlaube haben wir in einer besonderen Bemerkung auf eine in Braunschweig lebende geachtete Persönlichkeit als den ursprünglichen Erzähler hingedeutet. Es beruhte dieses auf einem Irrthum, den wir zu entschuldigen bitten.

Die Redaction.

Zur Nachricht.

Die geehrten Leser unsers Blattes, welche im regelmäßigen Empfange der Wochennummern keine Unterbrechung erleiden wollen, machen wir wiederholt darauf aufmerksam, daß mit der heutigen Nummer das 2. Quartal schließt, und deshalb Bestellungen auf das Quartal bei den betreffenden Postanstalten und Buchhandlungen sofort aufzugeben sind.

Unsere österreichischen Abonnenten benachrichtigen wir noch außerdem, daß wir alle österreichischen Buchhandlungen in den Stand gesetzt haben, trotz der bedeutenden Coursdifferenz das 3. Quartal zu

87 Nkr., also inclusive des Stempels von 13 Nkr. zu 1 fl. O. W.

zu liefern. Bei der Postanstalt wird dieser Preis einen kleinen Aufschlag erleiden.

Die Tendenz unserer Zeitschrift bleibt dieselbe. Die Kriegsereignisse werden auch in der Folge durch Bild und Wort zur Darstellung kommen, und haben wir behufs authentischer Mittheilungen die nöthigen Vorbereitungen durch unsere Correspondenten in den sardinischen, österreichischen und preußischen Lagern getroffen.

Die Verlagshandlung.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Dieser Artikel liegt bereits seit einigen Monaten in unserm Redactionsbureau, dürfte indeß auch heute, wo die Todesnachricht hier eintrifft, noch immer von großem Interesse sein.      D. Redact.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: schäft