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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 637.jpg
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[637]

No. 47. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Felicitas.

Eine Erzählung vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)

Der Athem des Schlafenden war einmal unruhig geworden. Seine Lippen und seine Hände hatten einige leise Bewegungen gemacht. Felicitas hatte aufgehört mit Sprechen. Aber gleich nachher war er wieder ruhig geworden und mit einem milden Lächeln auf den blassen Lippen hatte er ruhig fortgeschlummert. Er mußte geträumt haben und noch träumen. Felicitas und das Kind hatten ihr Gespräch fortgesetzt.

Es stockte. Felicitas hatte wieder die sinnenden Augen auf den sanft Schlummernden und in ihr unruhig schlagendes Herz gerichtet. Es war völlig still auf dem halbdunklen Boden. Dem Kinde wurde die Zeit lang, es hatte sein Spielzeug nicht mitgenommen.

„Muhme Felicitas, erzähle mir etwas,“ bat sie flüsternd.

Felicitas erwachte aus ihrem Sinnen. Worüber hatte sie nachgesonnen?

„Wovon soll ich Dir erzählen, mein Kind?“

„Erzähle mir die Geschichte von dem braven Freunde, den sie um den Freund hinrichteten, der seinen Freund so sehr geliebt hatte. Der Großvater hat uns die Geschichte erzählt; er hat sie aus dem Pommerlande mitgebracht, als er dort gewesen ist; sie ist schön.“

„Sie ist schön!“ rief Felicitas, wie erschüttert.

Aber sie erzählte sie.

„In der Stadt Colberg in Pommern lebten vor alten Zeiten zwei edle Geschlechter, die Schlieffen und die Adebare. Deren waren vor vielen Jahren – es sind wohl mehr als vierhundert Jahre her – zwei junge Edelleute, Benedictus Adebar und Nicolas Schlieff, die waren Freunde und hielten sich wie Brüder unter einander. Da begab es sich einmal, daß sie sammt einander in Gesellschaft einen Abend gezecht hatten und Schlieff zu guter Zeit heim ging und sich zu Bette legte und ungefähr eine Stunde hernach Adebar ihm folgte und an seine Thür klopfte. Als Schlieff hörte, daß er es war, stand er auf im Hemde und wollte ihn einlassen. Wie Adebar nun hörte, daß er kam, stach er im Scherze mit seinem Schwerte durch die Thür, um ihn zu erschrecken, und da Nicolas Schlieff im Finstern zulief, daß er die Thür aufmache, lief er in das Schwert und wurde auf den Tod verwundet und konnte nur noch kaum die Thür öffnen, den Freund einzulassen. Da erschrak Benedict Adebar sehr und verstopfte ihm die Wunde und entschuldigte sich gegen ihn, daß er es aus keinem bösen Gemüthe, sondern nur aus Vorwitz gethan, und lief zu einem Arzte, daß der ihn verbinde. Schlieff aber befand sich sehr schlecht und merkte, daß er sterben müsse, und er bat den Adebar, daß er fliehen möchte; denn wenn er nicht lebendig bliebe und seine Freundschaft, die Schlieffen, ihn ergriffen, so werde er wieder sterben müssen, was er ihm nicht gönnen möge. Adebar aber verließ sich darauf, daß er wider seinen Willen seinen lieben Freund und Gesellen in die Todesgefahr gebracht habe, und klagte, wie leid es ihm that. Der Nicolas Schlieff mußte aber bald hernach sterben und seine Freundschaft suchte nun nach Benedict Adebar, der nicht mehr aus der Stadt konnte, und fand ihn und setzte ihn in’s Gefängniß. Adebars Freundschaft gab darauf viele Bitten und Mühe um ihn, daß man ihn auf gebührlichen Abtrag[WS 1] loslassen möge. Das wollte jedoch Schlieffens Freundschaft nicht thun, sondern ließ Adebar vor Gericht bringen und zum Tode verurtheilen. Und als er nun verurtheilt war, da wollte Schlieffens Freundschaft ihn losgeben, damit man sagen sollte, daß sie ihm das Leben geschenkt hätten. Das aber wollte Adebar und seine Freundschaft nicht annehmen, denn sie dachten und sprachen, ein zum Tode verurtheilter Mann wäre des Lebens weiter nicht werth. Darum sagte Adebar freien Muthes zu ihnen, er wolle viel lieber bei seinem lieben Freunde und Gesellen und Bruder, dem todten Schlieffen sein, als länger leben. Und dabei verblieb er und wollte sterben. Aber damit er nicht wie ein gemeiner Missethäter geführt würde, durften der Nachrichter und seine Knechte ihn nicht anrühren, sondern er ging von selbst und gutwillig zu seiner Hinrichtung, und der Rath und die ganze Stadt begleiteten ihn und betrübten sich seinethalben. Adebar hatte eine Schwester, die war Aebtissin in dem Kloster zu Colberg; die nahm ein Crucifix und trat damit vor ihn und tröstete ihn und sagte zu ihm, er solle auf Gott vertrauen und im Glauben an den Erlöser sterben. So kam er hinaus vor die Stadt, und da wurde ihm vergönnt, daß er nicht auf den Richtplatz ging, sondern auf den Kirchhof. Daselbst wurde er gerichtet.“

Während Felicitas erzählte, hatte der Schlummernde sich wieder bewegt, aber kaum merklich, und gleich war er wieder ruhig gewesen, und so war er geblieben, ohne die Augen aufzuschlagen. Wohl meinte das Mädchen manchmal, er schlafe nicht mehr und lausche in stillem Ruhen ihren Worten. Sie konnte sich aber auch irren und sie hatte ihre Erzählung nicht unterbrochen, die dem Kinde Freude machte. Als sie geendet hatte, schlug der Kranke die Augen auf. Er schlug sie hell und klar auf, nicht wie ein Kranker, sondern wie ein Genesender, ein Genesener, der das frische Leben wieder durch seine Adern strömen fühlt. So [638] und mit einem dankbaren Blicke sah er das Mädchen an und mit einem freundlichen das Kind, das auf ihrem Schooße saß.

„Du liebst schöne Geschichten?“ sagte er zu dem Kinde.

Felicitas erschrak.

„Sie haben uns behorcht?“

„Ja, mein gutes Mädchen, ich habe Euch behorcht. Oder nein, ich habe nicht gehorcht, ich habe Alles gehört, was Ihr Beide gesprochen habt. Aber ich habe es gehört, wie man im Schlafe die Stimmen der Engel hört, unter deren leisem und süßem Geflüster man nicht schläft und nicht wacht und nur immer süß lauschen muß. Ich habe Alles gehört, was Ihr spracht, Du, Felicitas, und das Kind. Und laß auch mich dem Kinde eine andere schöne Geschichte erzählen. Sie ist auch aus einem fernen Lande da hinten an der Ostsee und ich selbst habe sie von daher mitgebracht.

„Dort, an der Grenze von Rußland, liegt das Land Litthauen. Darin gibt es Städte, in welchen Litthauer wohnen, die alten Einwohner, denen früher das Land gehörte, zusammen mit den Deutschen, die nachher als Herrscher zu jenen in das Land eingedrungen sind. Sie lieben einander nicht sonderlich und haben daher Vieles nicht mit einander gemein. So auch haben die Deutschen ihre besondere Kirche und die Litthauer wieder ihre eigene, und auch ihre Kirchhöfe haben sie jede getrennt für sich. Nun begibt es sich, daß Manche unter ihnen im Leben sich gegenseitig befreundet waren, Deutsche mit Litthauern und Litthauer mit Deutschen. Deren Seelen möchten denn auch nach dem Tode mit einander verkehren und sich sagen, wie lieb sie sich noch immer haben. Aber nun liegen die Gräber der Deutschen hier auf dem Kirchhofe und die der Litthauer dort weit von einander und sie können nicht Grab zu Grab zusammen reden und sich Freundes- und Liebesworte sagen. Da besuchen sie sich denn gegenseitig auf ihren Kirchhöfen, und des Nachts, besonders wenn es stürmisches Wetter ist, fliegen sie in der Luft von einem Kirchhofe zu dem anderen. Sehen kann man sie nicht; aber sie können auf ihren Wegen kein Hinderniß leiden, und so sieht man zwischen den beiden Kirchhöfen kein Haus und keine Hecke und keinen Zaun, und es gedeihet daselbst kein Baum und kein Strauch.

„Die Volker können sich hassen, die Menschen lieben sich,“ schloß der Franzose, nicht zu dem Kinde gewandt, seine Geschichte.

Das Kind hatte ihn aufmerksam angehört, Felicitas träumerisch. Sie träumte weiter.

„Felicitas,“ sagte der Genesende freundlich, „wenn ich erwachte, sollte ich meinen Trank haben.“

Sie erröthete; er hatte Alles gehört, was sie mit dem Kinde gesprochen hatte. Sie reichte ihm den Trank, der neben ihr stand. Sie konnte ihn nur mit zitternden Händen ihm reichen. Er drückte die Hände; er küßte die eine, die seinen Lippen nahe kommen mußte. Sie zog sie erschrocken zurück. Allein als er den stärkenden, erfrischenden Labetrank genossen hatte und sie die Hand ihm wieder nahe bringen mußte, um ihm das Gefäß abzunehmen, da nahm er diese wieder und drückte sie zärtlich an sein Herz, und sie konnte sie diesmal nicht zurückziehen, sie mußte sie ihm lassen und konnte nur weinen.

Er aber richtete sich auf in seinem Bette, sah sie mit seinen dunklen Augen voll Liebe an und sagte zu ihr, indem er ihre Hand fester hielt:

„Felicitas, Dir danke ich mein Leben. Du hast mich mitleidig aufgenommen und mich gepflegt und noch gerettet, Du den Mann, der Dein Volk haßt und hassen muß, den zu hassen, wie dieses Kind vor wenigen Minuten in seiner glücklichen Unwissenheit ausplauderte, Du und die Deinigen noch besondere Ursache haben. Du mußt wissen, wem Du das Leben gerettet, wen Du zu einer ewigen Dankbarkeit Dir verpflichtet hast. Darf ich Dir von mir erzählen?“

Sie nickte schweigend mit dem Kopfe, und er erzählte ihr sein Leben, wie er, gebürtig aus Bordeaux, wo sein Vater, Namens Beaufort, ein wohlhabender Kaufmann war, sich gleichfalls der Handlung gewidmet und schon früh auf ein Comptoir nach Hamburg gekommen sei, wo er auch die deutsche Sprache gelernt und das deutsche Volk, seine Sitten und sein Leben lieb gewonnen; wie er darauf in seine Heimath zurückgekehrt sei und glücklich in dem elterlichen Hause mit seinen Geschwistern gelebt, aber immer eine Sehnsucht nach dem deutschen Lande behalten habe; wie darauf, als der Kaiser Napoleon sich zu dem russischen Kriege gerüstet und so viele Soldaten gebraucht habe, sein glückliches Familienleben zerstört worden, auch er habe Soldat werden und nach Rußland ziehen müssen. Er erzählte seine Leiden in diesem fürchterlichen Feldzuge; wie er darauf in Deutschland habe gegen Deutsche kämpfen müssen, zuletzt in der Schlacht bei Leipzig; wie hier nach furchtbarem Kampfe endlich die französische Armee geschlagen, auseinandergesprengt, in wilder Flucht aufgelöst sei. Er ward von der allgemeinen Flucht mit fortgerissen. Allein in der Schlacht, durch einen Schuß verwundet, der ihm die linke Hand zerschmettert, hatte er, geschwächt durch den Blutverlust, entkräftet durch den Schmerz, durch Anstrengungen und durch Entbehrungen, schon nach wenigen Tagen der Flucht kaum mehr folgen können. Mitleidige Cameraden hatten sich seiner angenommen, hatten ihn getragen, geschleppt, für seine Nahrung gesorgt, und stets unter den größten Gefahren, mit Hintansetzung des eigenen Lebens. Nicht von Soldaten waren sie verfolgt, nicht kriegsmaßige Behandlung, nicht Gefangenschaft hatten sie zu befürchten, wenn sie ergriffen wurden: das Volk verfolgte sie. Männer, Greise, Weiber, Kinder hatten mit allerlei Waffe, mit offener Gewalt, mit heimlichem Verrath überall eine große, allgemeine Hetzjagd gegen sie angestellt, gegen die armen, versprengten, verwundeten, kranken, verhungernden Flüchtlinge, eine Hetzjagd auf den Tod. Wie viele seiner Cameraden hatten den Tod gefunden! Zwei mitleidige Gefährten waren ihm treu geblieben; sie hatten glücklich mit ihm durch einsame Heide und unwegsames Gebirge sich hindurch gekämpft und geschlichen. So waren sie bis in diese Gegend gekommen. Eine Stunde weit vom Fährhause hatten Frauen sie gesehen, waren in das Dorf geeilt und hatten die Männer herbeigerufen. Eine wilde Jagd hatte begonnen, durch Bäche, über Zäune, durch Wald, durch Gebirge. Der hereinbrechende Abend hatte sie gerettet. Die Verfolger hatten ihre Spur verloren; aber die Armen konnten hören, wie fast rund um sie her diese Spur wieder aufgesucht wurde. So kamen sie an den Strom, aber auch an das Fährhaus. Der Strom, breit, tief, reißend, hinderte, zumal in der finsteren Nacht, in dem stürmischen Unwetter, die weitere Flucht. Die Kähne an den Fährstellen gaben neue Hoffnung, aber sie lagen fest an Ketten angeschlossen und die Schlösser konnten nicht ohne großes Geräusch erbrochen werden. Das Geräusch hätte Leute aus dem Fährhause herbeigezogen. Zudem waren in der Nähe des Fährhauses fast fortwährend Menschen. Die Verfolgten waren in Verzweiflung; die Gefahr der Entdeckung wuchs mit jedem Augenblicke; es gab nur noch ein Mittel des Entrinnens; der Strom mußte durchwatet, durchschwommen werden. Die beiden Gefährten des Verwundeten konnten das; sie waren nicht verwundet, sie waren kräftiger geblieben; für ihn, mit dem verstümmelten Arme, mit dem schon fast zum Tode entkräfteten Körper, war es eine Unmöglichkeit. Die letzte Hetzjagd hatte ihn völlig erschöpft; Nahrung hatte er den ganzen Tag nicht zu sich genommen; er lag kraftlos am Ufer und konnte sich nicht mehr erheben; der Frost schüttelte ihn, das Fieber drohte ihm die Sinne zu verwirren. Die Cameraden standen rathlos neben ihm; sie hätten ihn weiter, auch durch den Strom, mit sich ziehen und schleppen können, aber sie hätten an das jenseitige Ufer nur eine erstarrte Leiche gebracht, darüber war kein Zweifel. Die treuen Krieger wollten ihn nicht verlassen; sie wollten mit ihm sterben, erschlagen werden oder verhungern. Er bat, er beschwor sie, ihn allein zu lassen und sich zu retten. Sie waren junge Männer, gepreßt zu dem Kriegsdienste, wie er. Aber – jene Zeit war eine sonderbare Zeit der Begeisterung. Wie der Deutsche, der Greis und der Knabe, der Mann und das Weib, entflammt, wurde für die Abschüttelung der Knechtschaft, des Joches des fremden Unterdrückers, so war in dem französischen Kriegsheere kein Mann, der nicht mit Freude, mit einer zauberhaften, fast wüthenden Freude sein Leben, sein Alles hingegeben hätte für den großen und vor Allem für den jetzt so unglücklichen Kaiser. Man vergaß das Fortreisen von den Lieben, man dachte nicht an die Heimath, an Weib und Kind, an Geliebte, Eltern und Geschwister, nicht an Leiden, Strapazen und Entbehrungen, man dachte nur an den Ruhm, an die Größe, an das Unglück des Kaisers.

Es ist etwas Großes um ein begeistertes Volk. Das Größte ist ein Volk, begeistert für seine Freiheit.

Der Verwundete beschwor zuletzt seine Cameraden bei ihrer Pflicht gegen den Kaiser, und sie gingen. Sie legten ihn am [639] Ufer in die Weiden, sie küßten ihn. Zurückgelassen hatten sie ihm nichts, nicht einmal eine Kruste Brod, nur ihre Thränen, die auf sein bleiches, sterbendes Antlitz fielen. – „Gott gebe Dir einen sanften Tod, Bruder!“ – Sie stürzten sich in das Wasser. Die Sinne schwanden ihm; als er erwachte, erschrak er; er hatte im Erwachen noch unwillkürlich laut gejammert; gewiß aber auch im unruhigen Schlummer des Fiebers. Aber er konnte nicht lange darüber nachdenken; das Fieber warf ihn in den bewußlosen Zustand zurück. Er erwachte wieder mit lautem Klagen; der Hunger, der Durst, der Schmerz hatten sie ihm wider seinen Willen ausgepreßt. Er vernahm Schritte, er sah einen Lichtschimmer. Schritte und Licht naheten sich ihm. Er glaubte, es sei um ihn geschehen, er hielt sich für verloren. Da öffnete sich die Weide, in der er lag, und er sah einen Engel, der sich über ihn beugte.

„Ja, Felicitas, einen Engel, meinen Engel!“

Er zog den Engel sanft an seine Brust. Das Mädchen konnte nur weinen. Er küßte die Thränen aus ihren Augen.

„Und nun, Felicitas, erzähle mir von Dir. Engel haben die schönsten Geschichten.“

Was sollte sie ihm erzählen? Die Geschichten der Engel sind die schönsten, denn sie sind die Geschichten der Liebe und der Unschuld; aber sie sind auch die einfachsten.

Sie war in dem einsamen Fährhause geboren und groß geworden, unterrichtet von ihrem Vater, der früher Unterofficier gewesen, und von ihrer Mutter, einer nicht ganz ungebildeten Lehrerstochter. Sie hatte leider die Mutter früh verloren. Der Vater war darauf von einem schweren Leid betroffen, er war kränklich geworden; durch den Bau neuer Wege, sowie neuer Brücken über den Strom war er in seiner Einnahme zurückgekommen. So hatte sie stets in dem väterlichen Hause bleiben müssen, den alten Vater nicht verlassen dürfen. Das erzählte sie ihm einfach, wie es war.

„Und welches war das schwere Leid, das Deinen Vater betroffen hatte?“

Das Mädchen schwieg erröthend.

„Das Kind dort hat es mir angedeutet. Du hast es verschwiegen, um mich nicht zu kränken, Du edle Seele. Aber ich muß es wissen; erzähle es mir.“

Sie erzählte ihm auch das. Es war wieder eine einfache Geschichte; aber keine von jenen, in denen gebrochene Herzen vorkommen. Ihre ältere Schwester, ein bildschönes Mädchen, war in einer benachbarten größeren Stadt bei einer Dame als Kammerjungfer in Dienst getreten. Ein junger französischer Officier hatte dort sich in ihr Herz zu schleichen gewußt und sie verführt. Verführt, entehrt, von der Dame aus dem Hause gestoßen, ohne Muth, dem strengen Vater unter die Augen zu treten, war sie mit ihrem Kinde in Elend gerathen. Ein Zufall hatte dem Vater ihre Schande, ihr Elend entdeckt. Er war zu der Stadt gereist, hatte den Verführer aufgesucht, zur Rede gestellt und zu seiner Pflicht anhalten wollen, hatte aber nur Hohn gefunden. Er hatte den Elenden in Gesellschaft von Cameraden angetroffen, die den Greis verspotteten, mißhandelten, übermüthig verspotteten, gemein mißhandelten; nur die Tochter mit ihrem Kinde und ihrer Schande und der Beschimpfung hatte er nach Hause bringen können.

„Und ein Franzose war es, Felicitas, der Deine Schwester entehrt, Deinen Vater beschimpft, Euch Alle unglücklich gemacht hat?“

„Es war ein Franzose.“

„Felicitas, Du hassest darum nicht alle Franzosen?“

„Wäre es nicht gegen das göttliche Gebot?“

„Nicht auch gegen das Gebot Deines eigenen Herzens?“

Er sah ihr tief forschend in das Auge. Sie mußte verwirrt das Auge niederschlagen.

„Aber, wie kann ich fragen? Du hast ja einem Landsmanne jenes Elenden das Leben gerettet. – Felicitas, ich verdanke Dir das Leben; laß mich noch mehr Dir verdanken, das Glück meines Lebens.“

Er hatte mit seiner gesunden rechten Hand ihre beiden Hände gefaßt; er drückte sie gegen den Stumpf seiner linken Hand, dann gegen sein laut klopfendes Herz. Sie zitterte heftig und konnte es ihm nicht wehren.

„Antworte mir, Felicitas, kannst Du mich lieben?“

Sie konnte nicht antworten.

„Sieh mich an und laß mich die Antwort in Deinen Augen lesen.“

Die Augen konnte sie zu ihm erheben. Er sah die helle Liebe des Mädchens darin. Er drückte sie an sein Herz. Sie legte sich leise und weich selbst daran. „Du liebst mich, Felicitas?“

„Ueber Alles.“

„Aber nicht mehr, als ich Dich. Als Du an jenenn Abende zu mir tratst, da meinte ich, der Tod nahe mir, und das Leben, das Glück, die Liebe waren zu mir getreten. Ich fühlte es mitten in den Schauern des Fiebers, das mich auf diesem Lager schüttelte, wenn die heißbrennenden Augen sich mir öffneten und ich Deine Engelsgestalt vor mir sah. Ich erkannte es, als die Krankheit mich zu verlassen begann, und mein Geist wieder hell wurde. Ich liebte nicht mehr das Leben, ich liebte nur Dich, Dein mildes, Dein treues, aufopferndes, Dein edles Herz. Und eins wußte ich nicht einmal, mußte ich erst von den Lippen dieses Kindes erfahren. Wie viele Ursache hattest Du, mich zu hassen, und Du hattest doch nur Liebe in Deinem Herzen! – Sie soll Dir vergolten werden, Deine Liebe; was meine Landsleute an den Deinigen verbrochen, ich werde es an Dir wieder gut machen. Felicitas ist Dein schöner Name, ja, Dein Leben soll fruchtbar werden an Glück.“

Er küßte sie und sie küßte ihn wieder, sie kosten glücklich miteinander, bis das Kind erwachte und der Abend in den verschwiegenen Raum hineindämmerte.

Dann nahm sie das Kind auf den Arm und verließ den Boden, stieg die Leiter hinunter und verbarg sie wieder. Das kluge Kind aber sagte: „Du bist doch bei Deinem Liebhaber gewesen, Muhme Felicitas. Aber ich werde es keinem Menschen sagen.“




III.
Die Trennung.

Wieder waren acht Tage vergangen. Es war Abend; der Herbst war rauher geworden, der Winter nahete, der Wind war schneidend und in den Regen mischten sich schon Schneeflocken.

So strich der Wind, beinahe stürmend, um das einsame Fährhaus; so schlug der Regen an die Mauern und Fenster. Draußen war es dunkel. Kein Stern leuchtete durch die dicken schwarzen Wolken, die am Himmel hingen. Die weißen Schneeflocken, die durch den Regen flogen, man fühlte sie, aber das Auge konnte sie nicht sehen.

Auch in der Stube des Fährhauses war es dunkel und man konnte nur hören, daß sich Menschen darin befanden. In dem Bette schlief der Greis unruhig; in seinen Kissen auf der Bank hörte man den sanfteren Athem des Kindes; neben dem Kinde hörte man leise, lang angehaltene Seufzer einer weiblichen Brust.

Felicitas saß dort am Fenster. Sie blickte träumend in das stürmische Wetter hinein. Ihre Träume waren glückliche, das zeigten die selbst in der Dunkelheit glänzenden Augen; auch jene leise heraufzitternden, lang angehaltenen Seufzer waren die Verräther ihres glücklichen Herzens.

Ihr glückliches Träumen wurde unterbrochen. Sie hatte schon seit einer Weile gehört, wie draußen unter dem Fenster ein Mensch hin und her ging. Sehen konnte sie ihn in der Finsterniß nicht, hatte ihn aber, trotz dieser Finsterniß, an seinem Gange erkannt, an einem manchmal wiederholten Räuspern; es war der blödsinnige Fährknecht Wilhelm.

Warum ging der schwachsinnige Mensch, der sonst um diese Zeit ruhig zu schlafen pflegte, in dem Unwetter dort umher und, wie es schien, absichtlich leise, als wenn er nicht bemerkt werden wolle? Das Mädchen wußte es nicht; sie bekümmerte sich auch nicht darum. Der Blödsinnige hatte zuweilen unruhigere Tage, ohne daß man einen äußeren Grund dafür auffinden konnte.

Aber zu dem Schritte des Schwachsinnigen hatte sich ein anderer Schritt gesellt; er war frei und laut vom Dorfe her näher gekommen, und der Blödsinnige hatte ihn angehalten.

„Ferdinand, bist Du es?“

„Ja.“

„He, he, Du willst zum Liebchen! Armer Ferdinand! Bleib’ hier, ich habe Dir etwas zu sagen.“

„Was willst Du, Bursch?“

„Laß uns leiser sprechen.“

Er sprach leiser; das Mädchen konnte aber dennoch seine Worte vernehmen.

[640] „Dein Liebchen hat einen andern Schatz, bei dem sitzt sie; wenn Du sie finden willst, dann gehe nach oben auf den Boden, da sitzen sie beisammen.“

„Bursch, Du bist ein Narr, laß mich.“

„Ja, ja, ich bin ein Narr, aber ich weiß, was ich weiß. Da oben sitzen sie beisammen. Und ein Franzose ist es. Und es ist eine Sünde und Schande, daß sie bei ihm sitzt. Und auch der Alte weiß es, und er will ihm den Kopf spalten, dem Franzosen, der ihm schon das eine Kind unter die Erde gebracht hat; er kann nur nicht aus dem Bette, der alte Mann. Du weißt, vor vierzehn Tagen haben wir sie begraben; gerade an dem Tage! Ja, ja, ich bin wohl ein Narr; aber der Narr ist ja so dumm nicht und er kann sehen, auch im Finstern. Und eine Schande ist es, und ich leide es nicht mehr. Höre, Ferdinand, Du thust mir den Gefallen und schlägst den Franzosenhund da oben todt. Der Alte kann nicht aus dem Bette und ich fürchte mich. Und Dich geht es mit an, sie ist ja Dein Schatz. Nicht wahr, Ferdinand, Du thust mir den Gefallen? Du hast starke Arme, und der Franzose ist krank und kann sich nicht wehren.“

So sprach der Blödsinnige, mehr und mehr in Eifer gerathend, und so immer rascher, lauter. Den jungen Bauer hielt er dabei mit beiden Händen fest.

„Geh nun zu Bette,“ sagte dieser ernst und streng zu ihm; „und unterstehe Dich nicht, zu einem Anderen solch’ unsinniges Zeug zu reden.“

Aber den Schwachsinnigen beherrschte der ganze zähe Eigensinn seines krankhaften Zustandes.

„Du willst nicht? Du fürchtest Dich auch? Ich weiß Leute, die sich nicht fürchten. Und alle Beide sollen sie sterben.“

Er ließ den Bauer los und rannte in demselben Augenblicke fort, dem Dorfe zu.

Der junge Bauer trat rasch in das Fährhaus und in die dunkle Stube. „Felicitas, bist Du hier?“

„Ja, Ferdinand.“

„Komm heraus, ich habe mit Dir zu sprechen.“

„Du kannst hier reden; der Vater schläft.“

„Felicitas, ich sprach eben den Wilhelm; der blödsinnige Mensch führt verwunderliche Reden.“

„Ich habe hier Alles gehört, was er mit Dir gesprochen hat.“

Der junge Mann schien zu erschrecken.

„Wie? Und was sagst Du dazu?“

„Ferdinand, Du bist ein braver Mensch. Du wirst Niemanden unglücklich machen.“

„Mit Wissen und Willen nicht.“

„Ich weiß es. Der Blödsinnige hat Dir die Wahrheit gesagt; ich verberge hier einen kranken, verwundeten Franzosen.“

„Und –? Und Du liebst ihn, Felicitas?“

„Und liebe ihn.“

Sie sprach es mit freiem, muthigem, fast stolzem Herzen; aber dennoch konnte sie es nur mit leiser, zitternder Stimme hervorbringen. Der junge Mann hörte nur die zitternde Stimme.

„Felicitas,“ sagte er ernst, aber nicht streng, sondern mild, traurig, „erinnerst Du Dich des Traumes, den Du mir erzähltest? Du solltest kein Glück mehr auf der Welt haben, sie trugen Dich mit Deinem Vater zusammen zum Kirchhofe!“

Das Mädchen erschrak bei der plötzlichen Erinnerung.

„Es war ein böser Traum.“

„Auch Deine Schwester hatte kein Glück mehr auf der Welt, und sie haben sie vor dem Vater zum Kirchhofe getragen!“

Da sah das Mädchen ihn klar und frei an, und sie sprach auch mit freier, muthiger, stolzer Stimme:

„Nun, Ferdinand, darauf kann ich Dir hell in die Augen sehen. Ich liebe ihn, daß ich nicht von ihm lassen kann; aber ich liebe ihn mit dem reinsten Herzen.“

„Gott sei Dank! Und nun laß uns ruhig sprechen, was Du zu beginnen hast. Wo ist der Fremde?“

„Oben auf dem Boden.“

„Er muß fort.“

„Er muß? – Ja er muß! Er muß!“

Wie mochte das Mädchen erblassen, als ihr plötzlich der Gedanke klar wurde, daß er fort müsse, der Mann, den sie so liebte, daß sie nicht von ihm lassen konnte!

„Ist er noch schwer krank?“ fragte der junge Mann.

„Er ist beinahe genesen.“

„Kann er noch heute Abend von hier fort?“

„Er kann,“ sagte fast lautlos das Mädchen.

„So bringe ihn sogleich fort. Der blödsinnige Mensch ist zum Dorfe gerannt; er wird dort Alles aufbringen. Noch immer ist das Volk wüthend in seinem Hasse gegen die Franzosen.“

Das Mädchen weinte.

„Er muß fort, Felicitas, fasse Dir ein Herz. Fehlt Euch noch etwas zu seinem Fortgehen? Sage es mir, ich gebe Dir es.“

Felicitas konnte sich nicht mehr halten; sie fiel dem edlen Bauer an das Herz.

„Ferdinand, Ferdinand, wie bist Du so brav!“

„Eile, mein gutes Mädchen. Bedürft Ihr noch etwas?“

„Nichts.“

„So beeile Dich. Ich gehe zum Dorfe, um die Leute aufzuhalten, wenn sie kommen. – Noch eins, Felicitas. Ich komme wieder hierher, nicht so oft wie bis jetzt, aber so oft ich denke, daß Du meine Hülfe nöthig hast. Ich bleibe Dein treuer Freund.“

(Schluß folgt.)




Die Hauptstadt eines asiatischen Weltreiches.
Aus der Reisemappe eines Künstlers.

Zu einer der angenehmsten Erinnerungen meiner vielen Reisen gehört der langjährige Aufenthalt in Astrachan. Schon der erste Anblick dieser wichtigen Stadt auf der Grenzscheide zwischen Europa und Asien machte auf mich, als sich unser Dampfer auf den Wellen der mächtigen Wolga dem Orte zuschaukelte, einen großartigen Eindruck. Ich habe seit jener Zeit nur eine Stadt wieder gesehen, welche in Lage und Eindruck der asiatischen Hauptstadt annähernd gleicht – es ist Pesth, wenn man bei Sonnenuntergang auf einem Wiener Dampfer der Hauptstadt Ungarns zueilt, aber dieser Eindruck ist verhältnißmäßig doch immer ein kleiner, weil der Donaustadt die großen mächtigen Gebäude fehlen, die Astrachan zieren.

Astrachan, oder das „Drachenhaus“ – dies bedeutet der tatarische Name – liegt auf einer Insel der Wolga, wo die Tataren, um sich gegen die Angriffe der Russen zu schützen, eine Festung erbaut hatten. Diese, jetzt Kreml genannt, nimmt den höchsten Punkt der Insel ein, und bietet durch die Kathedrale mit ihren fünf prächtigen, himmelanstrebenden Kuppeln, nebst den übrigen Kirchen, namentlich aber dem Palast des Erzbischofs, einen imposanten Anblick. Sie ist von einer einzigen Ringmauer aus Backsteinen umgeben, und dient hauptsächlich als Waffendepot für die Armee im Kaukasus und die Flotte des caspischen Meeres. Obwohl kein Sebastopol oder Kronstadt, ist doch Astrachan vermöge seiner Lage strategisch wichtig. Von friedlichen Volksstämmen umgeben, die sich glücklich schätzen, unter dem Scepter des mächtigen Zaren zu wohnen, ist es vor jedem Angriffe zu Lande wie von der Seeseite her sicher, denn auf dem caspischen Meere führt Rußland allein die Herrschaft, die ihm hier keine andere Macht streitig machen kann. Als größte Flottenstation und durch seine Schiffswerften ist Astrachan jetzt schon eine der wichtigsten Städte in diesen Gegenden des Reiches. Als Beherrscherin des caspischen Meeres wird es ohne Zweifel in den Kämpfen, die sich früher oder später einmal um den Besitz Persiens und die Herrschaft über Asien entspinnen müssen, eine bedeutende Rolle spielen, und eignet sich mehr als irgend eine andere Stadt zur Hauptstadt eines asiatischen Weltreiches.

In weiter Ferne schon konnte ich den Mastenwald der zahlreichen Schiffe erblicken, welche die Wolga und das caspische Meer befahren, unter denen sich die letzteren besonders durch ihre auffallende Höhe auszeichnen; alle sind reich mit Schnitzwerk verziert. Ungeheure Vorrähe von Waaren, die aus Persien kommen und durch Dampfschiffe auf der Wolga in das Innere Rußlands

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Die Gartenlaube (1857) b 641.jpg

Russen.   Der Basar in Astrachan.     Persische Frauen.
Der Palast des Erzbischofs mit der Kathedrale.   Ankommende Kirgisen.   Perser  

[642] befördert werden, liegen am Ufer aufgespeichert und zeigen, daß die Stadt auch als Handelsplatz noch immer ihre frühere Bedeutung nicht gänzlich verloren hat, obwohl den wichtigsten Handelszweig gegenwärtig nur die Fische bilden, welche in der Wolga und dem caspischen Meere gefangen und von hier aus, gesalzen oder getrocknet, nach allen Seiten versandt werden. Der Handel ist sehr einträglich, und wird ungeachtet des pestilenzialischen Gestankes, welcher in der Nähe der Niederlagen herrscht, in denen ich die Fische zu Tausenden aufgespeichert liegen sah, von vielen Kaufleuten betrieben, die zum Theil mit Nichts angefangen und im Laufe weniger Jahre ein bedeutendes Vermögen erworben haben. Früher ging ein Handelsweg zwischen Europa und Indien über Astrachan, und indische Kaufleute hatten hier ihre Factoreien; die früher ziemlich bedeutende Colonie ist aber jetzt wegen Mangel an Frauen bis auf einige Greise ausgestorben.

Astrachan ist im Vergleich zu europäischen Städten keineswegs schön gebaut, besitzt aber manche stattliche Gebäude und mehrere große freie Plätze, unter denen sich namentlich das Square vor dem Hause des Gouverneurs auszeichnet, wo an Festtagen die Capelle des Stabes der caspischen Flotte spielt, und an dessen Unterhaltung jährlich eine Summe von 300 Rubel Silber verwandt wird. Der Totaleindruck ist der einer orientalischen Stadt; die Straßen sind nicht gepflastert, was bei dem feinen Sande, aus dem der Boden besteht, nicht gut möglich ist. Pflastersteine würden überdies nur mit bedeutenden Kosten bis hierher gebracht werden können. Nur an den Häusern läuft ein schmales Trottoir von Ziegeln hin, die mit der schmalen Seite eingelegt sind und ein hübsch gemustertes Mosaik bilden. Im Frühjahr und Herbst, wenn starker Wind wehte, kam es nicht selten vor, daß ich des Morgens die Hausthür mit Sand verweht fand. Die Häuser sind im Allgemeinen niedrig, ein oder zwei Stockwerk hoch, mit flachen Dächern, denen man, um die Einwirkung der Sonnenstrahlen zu mildern, eine Decke von Kalk gibt, und umschließen meist einen viereckigen geräumigen Hof, um welchen an allen vier Seiten Gallerieen laufen, auf denen die Bewohner der großen Hitze wegen einen großen Theil des Tages und im Sommer selbst die Nacht zubringen.

Mitten durch die Stadt führt ein Canal, der die beiden Arme der Wolga verbindet, und der für die Stadt sehr wichtig ist, weil er die vom Flusse entfernten Stadttheile mit Wasser versorgt, und die kleinen Canäle und Gräben aufnimmt, welche das nach den jährlichen Ueberschwemmungen zurückbleibende Wasser ableiten. Der Quai ist im Sommer und Winter ein beliebter Spaziergang, und wenn der Canal zugefroren ist, werden hier Schlittenpartieen veranstaltet, und die liebe armenische und tatarische Jugend rauft und bombardirt sich hier mit Schneebällen, bis irgend ein russischer Polizeibeamter als Friedensstifter zwischen die Parteien tritt. Die Erbauung des Canals hat mehrere Millionen gekostet; er wurde von einem Griechen angelegt, der, wie man mir erzählt, durch Seeräuberei auf dem caspischen Meere ein unermeßliches Vermögen erworben hatte.

Vielleicht in keiner Stadt der Erde finden sich so viele und verschiedene Nationalitäten beisammen, wie in Astrachan. Russen, Tataren, Armenier, Kalmüken, Perser, Indier, Truchmenen, Bucharen, Chiwinzer, Georgier, Lesghier, Griechen und Repräsentanten aller europäischen Nationen treiben in buntem Gewühl durcheinander, und namentlich vor und nach der großen Messe in Nischnei-Nowgorod bieten die Straßen und Landungsplätze das Schauspiel einer großartigen Maskerade. Den wohlhabendsten Theil der Bevölkerung bilden die Armenier, in deren Händen sich fast ausschließlich der Handel und Geldwechsel befindet. Sie entwickeln in ihrer Kleidung eine große Pracht, namentlich die Frauen, halten prächtige Equipagen, geben aber ihren Pferden wenig zu fressen, die daher immer mager aussehen. In ihrer übrigen Lebensweise sind sie einfach, mäßig und nüchtern und nur Süßigkeiten sehr zugethan. Zu ihrer Bedienung wählen die Reicheren gewöhnlich tatarische Knaben, die sie Malai nennen, und deren Unterhalt ihnen nicht viel kosten darf. An eine ordentliche Kleidung ist nicht zu denken, und man sieht nicht selten neben einer reichgekleideten armenischen Dame anstatt des Livreebedienten einen schmutzigen, mit Fetzen behangenen Tatarenknaben einhertraben. Die Armenierinnen sind im Allgemeinen schön, haben aber meist etwas markirte Züge; sie sind sehr häuslich und in der Regel bessere Hausfrauen, als die Russinnen.

Im Sommer strömt des Sonntags die armenische Bevölkerung zur Stadt hinaus in’s Freie, selbst bei der drückendsten Hitze, die nicht selten bis 29° R. im Schatten steigt. In Gesellschaften zu zwanzig bis dreißig Personen suchen sie dann ein schattiges Plätzchen in einem Weingarten aus, hier werden Teppiche auf den Boden gebreitet, auf denen sie sich niederlassen, ihren Tschigir (Rothwein) trinken und Culi Kabaf (gehacktes und am Spieße gebratenes Schöpsenfleisch) verzehren. Wenn sich die Hitze gegen Abend etwas gelegt, und der Wein die Gemüther aufgeregt hat, erscheint gewöhnlich ein kleines Orchester, bei dem ein Tambourin nie fehlen darf, und beginnt eine französische Quadrille aufzuspielen, bei welcher Töpfe und Kessel die Stelle der Trommeln und Pauken vertreten. Die Jugend tanzt und am Abend kehrt die Gesellschaft singend und lärmend in kleinen einspännigen Fuhrwerken in die Stadt zurück. Die jungen Armenierinnen haben die Nationaltracht abgelegt, und kleiden sich nach der französischen Mode, wählen aber gewöhnlich möglichst grelle Farben.

Die eigentlich arbeitende Classe sind in Astrachan die Tataren, welche den größten Theil der Bevölkerung bilden. Sie sind ein kräftiges, arbeitsames, äußerst gutmüthiges Volk, und zeichnen sich namentlich durch ihre Bescheidenheit aus. Es ist unbegreiflich, welche Lasten diese Menschen tragen, und wie sie so schwere Arbeit verrichten können, ohne den Tag über einen Bissen zu essen, wie an den mohammedanischen Festen geschieht. Die Gärtner, Gemüse- und Fruchthändler, Bäcker u. s. w. sind meist Tataren, und am Morgen durchziehen sie mit kleinen zweirädrigen Karren die Stadt, ihre Waare ausrufend. Das tatarische Brot, Tschurek genannt (ein Kuchen aus Weizenmehl mit Mohn bestreut), ist sehr beliebt, und wird auch von den hier wohnenden Europäern gern genossen. Nach orientalischer Sitte erscheinen die tatarischen Frauen nur verschleiert auf den Straßen, die niedern Stände haben diesen Gebrauch schon ziemlich abgelegt, dahingegen die Frauen der Perser nie anders erscheinen, als in weiße Schleier gehüllt, die ihnen ungefähr das Ansehen geben, wie wir uns gewöhnlich ein Gespenst vorstellen. Die Frauen der wohlhabenden Tataren, die bekanntlich nach mohammedanischem Gesetz mehrere Frauen haben dürfen, erscheinen oft zwei in einem Kleide zusammen auf der Straße, so daß die rechts gehende nur den rechten Aermel hat, die andere nur den linken. Den Grund zu dieser Sitte habe ich nie mit Bestimmtheit erfahren können; vielleicht geschieht es, um den kostbaren Stoff, aus dem der Mantel besteht, zu sparen, vielleicht auch aus Eifersucht von Seiten des Mannes, der eine Frau nicht allein und ohne Aufsicht auf der Straße lassen will.

Die in Astrachan lebenden Perser sind meist Kaufleute und fast alle reich. Sie treiben Haudel en gros und en detail mit persischen und indischen Waaren, namentlich mit seidenen Stoffen. Sobald sich ein Perser in Astrachan Vermögen erworben hat, wird er russischer Unterthan, weil er sein Besitzthum in Rußland für sicherer hält, als in Persien, denn die, welche nach ihrer Heimath zurückkehren, müssen ihre erworbenen Reichthümer in der Regel zum größten Theil an die Statthalter abgeben. Die Perser sind meist schön gewachsene Leute, und haben ein sehr ernstes und gemessenes Wesen, desto komischer aber ist es anzusehen, wenn diese stattlichen langbärtigen Gestalten ihre Einkäufe vom Markte selbst nach Hause tragen, und etwa mit einem Paar Hühner unter dem Arme einherstolziren, die sie auch mit eigener Hand schlachten und kochen, denn die Frau hat selbst in der Wirthschaft kein Wort mitzusprechen.

Einen eigenthümlichen Eindruck machen die Kalmüken; kurze, gedrungene Gestalten mit krummen Beinen, stark hervortretenden Backenknochen, schief geschlitzten Augen und struppigem Haar, die in langen Zügen mit ihren Kameelen aus den Steppen hereinkommen. Sie sind die Ueberreste der vier Horden, in welche dieses Volk nach dem Sturze der mongolisch-tatarischen Monarchie zerfiel, und die zum größten Theil wieder nach Osten in ihre ursprüngliche Heimath gewandert sind. Der kleine Theil, welcher sich freiwillig der russischen Botmäßigkeit unterwarf, steht unter eigenen Fürsten, die der russischen Krone einen kleinen Tribut bezahlen. Von Charakter sind sie gutmüthig, aber furchtsam und etwas starrköpfig, bei schwerer Arbeit ungemein ausdauernd und außerordentlich gelehrig, weshalb die in Astrachan lebenden deutschen Handwerker sehr gern Kalmükenknaben als Lehrlinge annehmen. Ihre Kleidung ist morgenländisch und insbesondere die Kopfbedeckung ganz chinesisch. Sie tragen schwarze oder farbige [643] Halbstiefel, weite Beinkleider, ein Unterkleid von weißer Leinwand mit engen Aermeln und einen Gurt, an dem Säbel, Messer, Feuerzeug, Geldbeutel und Tabaksgeräth hängen. Der Oberrock ist von dunkelfarbigem Tuch mit weiten Aermeln. Den schwachen Bart lassen sie wachsen, das Haupthaar aber wird abgeschoren, bis auf einen Schopf, der dreifach geflochten hinten herunter hängt. Auf dem Kopfe tragen sie eine gelbe flache Mütze mit einer Quaste. Die Waffen der Reichen sind in der Regel sehr kostbar und mit Silber und Edelsteinen belegt.

In den ersten Tagen des Januar feiern die Kalmüken ihre Feste, bei welcher Gelegenheit sie auch ihren Götzen opfern. Die neugierigen Bewohner Astrachans fahren dann zu den Tempeln hinaus, um das merkwürdige Schauspiel eines kalmükischen Gottesdienstes anzusehen, der in einem ohrenzerreißenden Lärm besteht, mit Pauken, großen metallenen Becken, Trompeten, Hörnern und dergleichen, um den Götzen, dessen metallenes Bild im Tempel aufgestellt ist, aus seinen Meditationen zu erwecken. In gleich hohem Grade, wie dieser Lärm für die Ohren, sind ihre Räucherungen für die Geruchsnerven afficirend, da man, in Ermangelung des Weihrauchs und anderer wohlriechender Specereien, mit Fischthran gesättigten Filz anzündet. Der Tempel steht etwa 70 Werst oberhalb Astrachan, am linken Ufer der Wolga; er ist nach dem Muster einer Copie der Peterskirche in Rom erbaut, nämlich der kasanischen Kirche in Petersburg, freilich in sehr verjüngtem Maßstabe, der eigentliche Baustyl ist aber durch eine Menge Verzierungen in kalmükischem Geschmack, religiöse Symbole, Fähnchen und dergl. bis beinahe zur Unkenntlichkeit verunstaltet. In der Nähe des Tempels steht das in chinesischem Geschmack erbaute Wohnhaus des Khan Tümmén. Der Bruder des gegenwärtigen Khan war Oberst in der russischen Armee; er hatte in den Feldzügen gegen Napoleon I. mitgekämpft, und war mit den Verbündeten in Paris gewesen, wo er europäische Cultur kennen und schätzen gelernt hatte, die er bei seinem Volke einzuführen suchte. Allein, obwohl er mit gutem Beispiele voranging, konnte er doch nur seine Familie dahin bringen, das unstäte Nomadenleben mit festen Wohnsitzen zu vertauschen, und auch diese zog es vor, den Sommer über in Zelten zu wohnen. Er hielt an seinem Hofe eine kalmükische Capelle, welche die Werke deutscher und italienischer Componisten mit vielem Geschmacke aufführte.

Wie im Sommer, ebenso bietet auch im Winter die Stadt durch das Erscheinen der Bewohner ferner Gegenden, die nur in dieser Jahreszeit hierher kommen, ein interessantes Bild. Namentlich führt der Handel dann die Kirgisen aus ihren Steppen herein, welche gegen ihre Thierhäute und Pelze hier allerlei Erzeugnisse des europäischen Kunstfleißes, kurze Waaren, Kleiderstoffe, Waffen u. dgl. m. eintauschen. In langen Reihen ziehen sie über die zugefrorene Wolga, gewöhnlich zwei auf einem Kameel reitend, in Pelze gehüllt, mit einer spitzen Pelzmütze, die fast den ganzen Kopf bedeckt, und unter der ihre schiefliegenden Augen hervorschielen. Sie sind ein echtes Steppenvolk, und können selbst wahrend ihres kurzen Aufenthaltes in der Stadt nicht in Häusern wohnen, sondern schlagen hier, wie in ihrer Steppe, auf freien Plätzen und in den geräumigen Höfen ihre Zelte auf.

Die Umgebungen Astrachans sind nicht ohne Reiz; rings um die Stadt, bis zu einer ziemlichen Entfernung, sind herrliche Gärten, in denen hauptsächlich Wein gebaut wird, vortreffliche Trauben, aus denen man einen guten Champagner bereitet. Ein Gefäß mit Wein, in der Größe eines gewöhnlichen Wassereimers, kostet in Astrachan nicht mehr, als etwa 25 Ngr. nach unserem Gelde; in guter Gesellschaft aber zieht man vor, theuere französische und andere fremde Weine zu trinken. Da die mohammedanische Bevölkerung keinen Wein trinken darf, so werden die Trauben zum größten Theil getrocknet oder frisch für den Winter aufbewahrt oder, noch ehe sie völlig reif sind, in Fäßchen gepackt und nach Petersburg und Moskau versandt, wo man sie bis Februar aufbewahrt. Außer dem Wein werden in den astrachanischen Gärten auch Feigen, Mandeln und andere Südfrüchte gezogen, hauptsächlich aber Melonen und alle Arten von Kürbiß- und Gurkengewächsen, unter denen die große Wassermelone besonders beliebt und wichtig ist, da sie in einer Zeit des Jahres für einen großen Theil der Bevölkerung die hauptsächlichste Nahrung bildet. Auch Rosen werden in großen Massen angebaut, deren Blüthe, aus welcher man hier Rosenöl bereitet, eine außerordentliche Größe erlangt. Da es im Sommer niemals regnet, müssen die Gärten künstlich bewässert werden, wozu man sich einer sinnreichen und ganz einfachen Maschine bedient, des sogenannten Tschikir, einer Wasserkunst, die durch Wind getrieben wird und Aehnlichkeit mit einer Windmühle hat.

Für den Jagdfreund bieten die Umgebungen Astrachans ein sehr ergibiges Feld. Goldfasanen gibt es hier in Menge, desgleichen Schnepfen, Rebhühner und anderes Geflügel; Enten, in Schaaren zu Tausenden vorhanden, werden nicht geschossen, weil ihr Fleisch nach Fischthran schmeckt. Tausende von Menschen kommen während des größten Theiles des Jahres aus dichter bevölkerten Gouvernements des russischen Reiches nach Astrachan, um hier durch Fischfang ihren Unterhalt zu verdienen. Sie erhalten von den großen Fischereibesitzern die nöthigen Geräthschaften, und müssen ihren täglichen Fang dem Herrn abliefern. In ledernen Kleidern, die mit Thran bestrichen sind, um sie wasserdichter zu machen, gehen die Fischer an seichten Stellen in das Wasser, und in wenigen Minuten sind die Netze gefüllt mit Tausenden von Fischen, von denen man nur die bessern und größern behält; die kleineren werden wieder in’s Wasser geworfen. Im Winter, wenn die Wolga zugefroren ist, werden die größeren Fische auf eine eigenthümliche Weise gefangen. Man schlägt nämlich Löcher in das Eis, an deren Rande große Pfähle eingerammt werden mit Stricken, die in das Wasser hinabreichen, und an deren Enden große Angelhaken angebracht sind. Eine andere Art, die Fische zu fangen, ist die sogenannte Gromka, d. i. Lärm, eine Treibjagd auf dem Eise, wodurch die Fische an die in das Eis gehauenen Löcher getrieben werden. Jedermann kennt den astrachanischen Caviar; dieser kommt vom Stör und Hausen (Beluga). Der beste Eaviar wird versandt, sobald der erste Frost eintritt, etwa im Januar, und kann daher bei uns erst etwa im Februar oder März eintreffen. Die schlechteren Sorten werden im Sommer gewonnen und sehr gesalzen. Der meiste Caviar wird in Säcke gefüllt, ausgepreßt und in trockenem Zustande versandt. Auch viele Fische werden, im Winter gefroren, im Sommer gesalzen oder an der Sonne getrocknet, weithin versandt. Ein sehr kostbarer Artikel, der hier gewonnen wird, ist bekanntlich die Hausenblase. Wie einträglich der Fischfang ist, zeigen die Gebrüder Saposchnikoff, Kaufleute erster Gilde und die reichsten Fischereibesitzer in Astrachan, die ihr Geschäft mit einem Capital von vierzig Millionen Rubel Silber betreiben. Der Großvater dieser Herren kam als armer Bauer nach Astrachan, und legte durch außerordentliches Glück beim Fischfang den Grund zu diesem Vermögen.

Die Zahl der Gebildeten ist in Astrachan im Verhältniß zu der Anzahl der Bevölkerung ziemlich gering; sie halten aber alle freundschaftlich zusammen, und es herrscht daher ein sehr geselliges Leben. Die Gesellschaft vereinigt sich wöchentlich im Winter im adeligen Club, im Sommer in dem sogenannten Vauxhall, einem an der Wolga gelegenen vier Werst von der Stadt entfernten Lustgarten. Die Fahrt dorthin geschieht gewöhnlich in eleganten Gondeln, die von Kalmüken oder Matrosen in malerischen rothen Blousen geführt werden; die Kalmüken haben namentlich im Rudern eine außerordentliche Fertigkeit. Im Juni, so lange das Wasser hoch steht, ist das Vergnügen in den Gärten ausgesetzt, weil die Damen ihre zarte Haut nicht den Millionen von Mücken preisgeben wollen. Da die Hitze im Sommer außerordentlich drückend ist, so ist die Besuchsstunde schon früh um acht Uhr.




Leviathan in der Wiege.

Als die Babylonier im Gefühl ihrer Größe und Glorie den berühmten Thurm bauten, verwirrte der Herr ihre Sprachen, und es wurde nichts Ordentliches draus, der Thurm wenigstens nicht fertig, da sie sanken, während der Thurm stieg. Großbritannien setzt seiner Größe und Glorie ein Denkmal nach dem andern, ohne daß bis jetzt eins gelungen ist. Die Flotte zwar hielt man für [644] gelungen: sie war nie größer, als vor Kronstadt und Sebastopol, und kehrte nie mit weniger Lorbeeren zurück. Das Parlamentsgebäude, größer, als irgend ein gothischer Bau in der Welt, ist ein Labyrinth geworden, ärger als das classische des Theseus, und gleichwohl zu klein für das Unterhaus, das in seinem Saale sitzt, wie die Verdammten in Dante’s Hölle, unten frierend, oben schwitzend. Die „Ventilation“, das Meisterstück der Construction, war bis zum Ersticken mißlungen. Außerdem kommt kein Licht durch die gloriosen Fenster, so daß sie, wie die Schildbürger, es in Säcken hineintragen müßten. London selbst, die größte Stadt der Welt, ist architektonisch das Mißlungenste auf Gottes Erdboden. Um ohne Weiteres gleich auf die modernsten Träger und Zeichen der Größe und Glorie Großbritanniens hinzuweisen, so galt Indien als der kostbarste Diamant in der Krone des Nationalstolzes. Wir wissen, wie sie jetzt mit Indien stehen, und wollen sehen, wie sie weg- oder wieder drüber kommen. Der atlantische Telegraph war jedenfalls das heroischste Unternehmen des Jahrhunderts, aber die 400 geographischen Meilen beinahe hundertfachen Geflechtes werden jetzt in Plymouth aus den Kriegsschiffen in ein Invalidenhaus hineingesponnen.

Am 3. November fing die gigantische Größe und Glorie des doppeleisernen Doppeldampfschiffes, sechs Mal größer als das ungeheuere Kriegsschiff Wellington (das die Leser aus Nr. 11. Jahrg. 1854. der Gartenl. kennen), und doppelt so groß, als das bisher größte Schiff in der Welt überhaupt, die „Persia“, an, sich zum ersten Male zu bewegen, aber nur drei Fuß weit. Dann blieb es wieder stehen, nachdem es Ketten zerrissen und einem halben Dutzend Arbeiter die Knochen zerbrochen hatte. Die Leser der Gartenlaube kennen diese ungeheuere doppeleiserne Wasserfestung, jetzt „Leviathan“ getauft, aus zwei Artikeln, die in Nr. 4. Jahrg. 1855. und in Nr. 48. Jahrg. 1856. nachgelesen werden können, so daß wir hier gleich zur Ergänzung auf die verunglückte Entstapelung vom 3. November übergehen können.

Es war allerdings eine ganz neue Arbeit und zwar im großartigsten Maßstabe, da das Ungeheuer nicht, wie andere Schiffe, mit seinem Hintertheile zuerst von seiner Geburtsstätte in das Wasser stürzen, sondern in seiner ganzen Länge seitwärts hinuntergleiten sollte; aber die Arbeit ist nur Anwendung einfacher mathematischer Gesetze von der schiefen Ebene. Wenn deren Neigung, das Gewicht der Last, die sich darauf bewegen soll, die Reibung u. s. w. ausgerechnet sind, muß ein ordentlicher Mathematiker genau wissen, was dazu gehört, um die Last sicher auf der schiefen Ebene zu bewegen und danach genau arbeiten zu lassen. Die imposante Größe und Last macht nur für den Laien einen Unterschied, wissenschaftlich ist’s dasselbe, ob’s ein Pfund oder eine Million Centner betrifft. Es scheint aber bei allen den riesigen Unternehmungen Englands sehr an Adam Riese, an Adam Smith und andern Adams oder ABC’s wissenschaftlicher Bürgschaft zu fehlen. Was zunächst die schiefe Ebene betrifft, auf welcher der Leviathan in die Hochfluth der Themse hinunterrutschen sollte, scheint sie im großartigsten Maßstabe construirt worden zu sein. Sie besteht aus zwei Stapel-Wegen mit einer Neigung von 1 auf 12 Zoll, jeder 300 Fuß lang und 120 breit, 140 Fuß weit von einander, ruhend auf mehrfachen Reihen ungeheuerer, eingerammter Pfähle, die oben durch riesige Querbalken verbunden und mit Cement ausgefüllt sind. Auf diesen ebenen Flächen sind Eisenschienen befestigt, in welche die Eisenbarren der „Wiegen“, in welchen das Riesen-Kindlein bis jetzt schlummert, passen, so daß es auf diesen tüchtig eingeschmierten Schienen in dem Maße, als die fesselnden Ketten losgewunden werden, in den „Wiegen“ hinuntergleiten könnte.

In unserer Abbildung sehen wir, wie das Kindlein in diesen Wiegen liegt, wie ein Flügelmann der höchsten Garde in einer Weihnachtspuppenwiege. Aber sie sind nicht klein und schwach, sondern eben so breit als die Stapelwege und aus Holzbalken auf Eisenbarren zusammengeschmiedet, die zu einer halben Stadt genug Bauholz liefern würden. Dieses Balkenwerk auf Eisenbarren ist so construirt, daß es sich genau an den Schiffskörper unten anschmiegt, so daß er sich darin nicht bewegen oder nur wackeln kann; außerdem ist es mit dem schwersten Ballast ausgefüllt, so daß es sinken muß, während die Themsefluth die größte der Lasten, die man ihr jemals aufbürdete, auf ihre Schultern nimmt und in die oceanische Heimath führen soll, zunächst nach Portland in Canada, wo man schon für 20,000 Pfund Sterling einen besonderen Hafen mit Bollwerk expreß für den Leviathan vollendet haben wird.

Der Proceß der „Entstapelung“ oder des Launchens (Lahnschen’s) besteht also darin, daß man das Schiff in seinen beiden „Wiegen“ an Ketten langsam in’s Wasser hinunterrutschen läßt. Diese Ketten, mit Gliedern, jedes 7 Pfund schwer, halten das Schiff an 35 Fuß tief eingerammten Phalangen von Pfählen. Um sie controlliren zu können, wenn die in Bewegung gesetzte Riesenlast an ihnen zieht, winden sie sich mehrfach um Scheibengaths, deren Drehungen durch riesige Hemmungsgewalten erschwert oder ganz aufgehoben werden können. Das Ende der Ketten, welche die Wiegen halten, windet sich um kolossale Kruppelspillen, von denen sie durch Menschenhand losgewunden werden. Diese Winden stehen mit einer Art von Uhr in Verbindung, welche jede Unregelmäßigkeit des Hinuntergleitens sofort anzeigen sollte.

Bis um zehn Uhr Vormittags am 3. November sollten alle Vorbereitungen zu dieser berühmten Lahnschung fertig sein. Aber man trieb sich noch über eine Stunde länger in der größten Verwirrung tausendweise durch die nassen und elegant gekleideten Damen und Notabilitäten von Zuschauern umher, unter denen man manche Celebritäten ferner Länder, z. B. außer den beiden Söhnen Louis Philipp’s, die beiden siamesischen Gesandten bemerkte. Diese wurden mit mehr Interesse studirt, als die Vorbereitungen zur Lahnschung. obgleich sie, mit Ausnahme ihrer markirten gelbbraunen Gesichter, ganz europäisch aussahen.

Nach aufregendem, langem Harren auf der bedeckten Themse und den wimmelnden Ufern umher stieg endlich ein vieltausendstimmiges Jauchzen in den schweren, nebelnassen Himmel empor. Miß Hope („Hoffnung“ auf Deutsch), Tochter des Präsidenten der Compagnie, vollzog eben hoch oben auf dem Deck die Taufhandlung, indem sie eine blumenumkränzte Flasche Wein gegen die eisernen Wände des Decks zerschmetterte und dazu ausrief: „Leviathan sollst Du heißen!“

Jetzt begannen auf ein Zeichen mit der Flagge die Arbeiter an den Kruppelspillen, die Kette loszuwinden. Die doppeleiserne Stadt, hinreichend für 12,000 Menschen und allen Proviant für sie und die Dutzende von Dampfmaschinen darauf, fing an, sich zu bewegen, auf dem einen Ende drei, auf dem andern sieben Fuß weit. Dabei hatte sie einige Arbeiter von den Spillen weggescheucht, so furchtbar drehten sie sich. Die andern, welche aushalten wollten, waren zu schwach, sie zu beherrschen, und wurden von den sich befreienden Spillenarmen mit zerbrochenen Armen und Beinen hier und da niedergeschleudert.

Das war Unglück Nr. 1. Zweitens brach bei plötzlicher Anwendung der Hemmungsmaschinerie ein Zahn des Hauptkammrades in der einen Maschine.

Nach stundenlangem wirrem Wirthschaften glaubte man zu der eigentlichen entscheidenden That fertig und gerüstet zu sein. Mit Angst und Zittern und getrieben von dem Versprechen, daß man dreifach zahlen wolle, traten einige frische Arbeiter an die Kettenwinden. Sie fingen an zu drehen, Leviathan machte nur einen leisen Versuch in der Wiege, hinunter zu gleiten in sein Element, ohne sich schon wirklich zu bewegen, aber dabei zerriß er schon die eine Kette seiner Wiege, und Alles war vorläufig vorbei, man sagt, bis zum 2. December.

Wir haben nur in möglichster Kürze ein allgemeines Bild von diesem riesigen, complicirten Lahnsch-Processe zu geben gesucht und deshalb die Dampfmaschinen-Hülfsarbeiten, die Vorsichtsmaßregeln zu Wasser und zu Lande, die Schiebegewalten vom Lande, die Zugkräfte vom Wasser aus (falls Leviathan sich nicht gehörig schieben lassen wollte) gar nicht berücksichtigen können. Es war an alle Möglichkeiten und in scheinbar intelligentester Weise an Ueberwindung aller dieser möglichen Hindernisse und Zufälle gedacht worden, aber, wie Sachverständige schon früher behaupteten, nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit, nicht mit technischer Gründlichkeit und Geschicklichkeit, so daß es im ersten Anfange der Praxis überall an Sicherheit des Operirens fehlte und gleich brach und riß.

In einer unlängst erschienenen englischen Broschüre über diesen Leviathan rühmte man Großbritannien auch deshalb, weil es in diesem Schiffe die Arche Noah’s um 62 Fuß an Größe übertreffe. Letztere sei nach Bischof Wilkins (und als Bischof muß er das wissen) blos 630 Fuß lang gewesen, der Levialhan erfreue

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Die Gartenlaube (1857) b 645.jpg

Leviathan in der Wiege.

sich aber einer Länge von 692 Fuß. Wer lang hat, läßt lang hängen; aber die Arche Noah’s hat ihre Schuldigkeit gethan und Exemplare von allem „sündhaft Vieh und Menschenkind“ über die Sündfluth weg getragen. Der Leviathan muß erst mit seiner 11,500 Pferde- und seinen 6500 Quadrat-Yards Segelkraft zeigen, ob er ganzbeinig aus der Wiege und den Windeln auf’s Wasser kommen kann. Und dann ist er der Welt im Verhältniß zur Arche Noäh noch alles Mögliche schuldig.




Ein Pionnier des Geistes.
Von Ludwig Storch.
(Schluß.)

Anders wurde Meyer’s Streben nach der überstandenen Krankheit; denn von nun an wendete sich seine Speculation ausschließlich auf die rein materiell-industrielle Größe, und der einst hochfliegende Genius grub sich in die Erde, um ihre Schätze zu Tage zu fördern. Er selbst wußte und fühlte, daß er nicht mehr der frühere Ringer nach dem Idealen war, und erklärte diese Wandlung seiner selbst in schwermüthiger Selbstschau, daß er in der Krankheit von seiner frühern hohen geistigen Kraft und der Nothwendigkeit des sittlichen Aufschwungs degradirt sei, so daß, was ihm noch an Kraft geblieben, allein auf materielle Zwecke angewiesen sei, und er pflegte dann wohl seufzend zu sagen: „Gott hat sich von mir gewendet und mir einen Götzen zurückgelassen, den ich anbeten soll.“

Eigentlich war aber diese sogenannte Umkehr oder Verwandlung Meyer’s doch nichts weiter, als eine psychologische Selbsttäuschung. Er war geistig und sittlich noch der Frühere, nur war der gewaltige Drang seines Geistes nach großartiger, weitgreifender Thätigkeit in fieberhaften Feuereifer ausgeartet; aber das Feuer des Geistes ist dem materiellen Feuer gleich. Auch auf die Flamme des Geistes lassen sich Schiller’s schöne Worte anwenden:

„Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft.“

Zu dieser Meyern verderblichen Ausschweifung verleitete ihn der Bergbau. Eine Feder, die ihn in frommer Pietät zu würdigen verstand, gibt mir darüber folgendes treffliche Bild: „Der Bergbau, früher sein unschuldiges geduldiges Steckenpferd, wurde nun zum wilden, schäumenden, weitausgreifenden Rosse. Der verwegene Reiter schwang sich auf seinen Rücken, drückte ihm die Sporen in die Weichen, und das ungezähmte und schlecht gezäumte Thier ging mit seinem Reiter durch. Anstatt ihn auf die Sonnenhöhe seiner glänzenden Ziele zu führen, schlug es eine abwärts gehende Bahn durch Stein und Dorn und tausend andere Hindernisse ein, und warf endlich den erschöpften Reiter inmitten einer unwegsamen und unwirthlichen Gegend ab.“

Soviel Auswege sein Genie und sein unbeugsamer Muth ihm auch zeigten, Meyer lebte nicht lange genug, um auch nur einen einzigen bis zu Ende verfolgen zu können. Und so steht der große Industrielle da, wie der Torso einer Heldenfigur, wie eine abgebrochene Tempelsäule. Die industrielle Carrière Meyer’s ist nichts weniger als abgeschlossen gewesen. Das Sachliche darüber ist kurz Folgendes: Liebe zur Wissenschaft und eifriges Studium der unterirdischen Bodenverhältnisse seines engeren Vaterlandes, des Thüringerwaldes, hatten Meyer’s Speculationstrieb eine Menge nützlicher Winke über den in seiner Umgebung verborgenen großen Mineralwerth gegeben. Nach seiner Krankheit, vielleicht schon in derselben, glaubte er die Berufung zu erkennen, diese Schätze zum Heil seines Vaterlandes zu heben. Mit seiner rastlosen Energie, jetzt aber auf wahrhaft Staunen erregende Weise potenzirt, mit dem Aufwande aller seiner materiellen und geistigen Mittel griff er das riesige Werk an. Alle Räume der innern Berge, wohin sein geistiger Adlerblick drang, durchforschte er mit seinen Bohrversuchen, Stollen und Schachten, und combinirte endlich seine zahlreichen und glücklichen Entdeckungen zu jener allgewaltigen riesenhaften Idee, die ihres Gleichen nicht in Deutschland, nicht auf dem Continente[WS 2]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Abtag
  2. Vorlage: Con-/tingente

[646] hat, und gleichsam die strahlende Sternenkrone seines Lebens bildet: Thüringen, das Herz von Deutschland und Central-Europa, sollte der Sitz einer großartigen monopolisirenden Eisenerzeugung werden. Damit sollte ein Werk hingestellt werden, so segenbringend, so zukunftbefruchtend, so allgewaltig und allbeherrschend, wie kein zweites. Nachdem Meyer alle Elemente in ausreichender Ausdehnung zu diesem Titanenwerke gesammelt zu haben glaubte, hielt er es im Jahre 1845 an der Zeit, den Hebel anzusetzen, um diesen Koloß von Plan in Bewegung zu bringen.

Aber die Idee war verfrüht. Meyer’s grandiose Ansprache an den Unternehmungsgeist des großen Capitals, an den Patriotismus nationaler Arbeit zerfuhr in den tausend schmutzigen und lichtlosen Winkeln des damals noch kleindeutschen Krämergeistes, und verhallte in der engherzigen Oede der Unkenntniß der eignen Interessen, des Mißtrauens in die eigne Kraft. Meyer’s Frage nach Millionen Capital wurde knapp nur mit so viel Hunderttausenden beantwortet. Dennoch vertrauete er seinem an Mitteln der Speculation so schöpferischen Genie, das ungeheure Werk durchsetzen zu können. Er ließ seine großen Belehnungen auf das Neuhaus-Stockheimer Steinkohlenflötz auf der Grenze von Meiningen und Baiern in schwungvollen Angriff nehmen, erwarb höchst werthvollen Kohlenbesitz im großen Zwickauer Kohlenbassin, das seine meisten und ergibigsten Aufschlüsse Meyern verdankt; er arrondirte seine ausgedehnten Eisenstein-Concessionen im baierschen, meiningischen, schwarzburg-sondershäusischen und rudolstädtischen, kurhessischen, sächsischen und lobensteinschen Gebiet derart, daß der Möglichkeit einer gefährdenden Concurrenz für alle Zeiten und Fälle vorgebeugt war, und auf diese großartige Weise ausgerüstet und vorbereitet, ging er an die Erbauung des Neuhauser Eisenwerks. Außerdem betrieb er noch zu gleicher Zeit weitläufige Braunkohlenwerke an der Rhön; Eisenstein-, Kobald- und Nickelgruben im meininger Unterland; Steinkohlenwerke bei Eisfeld; Kupfer- und Silbergruben im Rudolstädtischen; Braunsteingruben, Schiefer- und Marmorbrüche, Torfstiche etc., und verwaltete diesen kolossalen Besitz, der an Montanausdehnung der bedeutendste in Deutschland ist, mit eben so großer Umsicht als Energie. Die dazu im Verhältniß stehenden enormen Mittel des Aufwandes wußte sein nie verlegener Speculationsgeist und sein ihm ganz eigenthümlicher Aufopferungssinn ohne Unterlaß zu beschaffen. Schon leuchteten ihm Erfolge, schon durfte er sich der ihm zu gönnenden Hoffnung hingeben, er werde der Endschaft seiner Riesenarbeit und der glücklichen Ausführung seiner in ihrer Art einzigen Pläne in’s Auge sehen dürfen, zu welchen er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt zu haben sich schmeicheln konnte – da überraschte ihn die Revolution des Jahres 1848 an der Spitze von zweitausend Arbeitern, und warf ihn von der schwindelnden Höhe der selbstgewählten Bahn hinab in den Sumpf und das Wirrsal einer zerbrochenen riesenhaften Lebensaufgabe. Alle die traurigen Folgen, welche die Ereignisse jenes und der darauf folgenden Jahre für die Interessen der Arbeit und des industriellen und merkantilen Verkehrs mit sich brachten, kamen in schlimmster Weise über Meyer’s halbfertige Unternehmungen, und brachten sie bald genug fast zum gänzlichen Erliegen. Eine lavinenartig anwachsende Schuldenlast wälzte sich auf Meyer’s Person, und drohte ihn mit all seinen fruchtbaren Ideen und hingestellten Thaten in den tiefsten Abgrund des Verderbens zu reißen.

Da, in der Stunde der höchsten Gefahr, bewährte sich die alte Kraft seines Genius als eine gottverwandte! Je rasender der Sturm, desto gewaltiger die ihm widerstehende Titanenkraft. Was der Sturm auch hinwegriß, er selbst, der große Mann, stand wie ein Fels in der Brandung, als wären seine Füße mit Eichenwurzeln im Boden befestigt. Seine so oft erprobte fast übermenschliche Geistesgegenwart in allen Fährlichkeiten des geschäftlichen Lebens; seine bewunderswerthe Geschicklichkeit in Benutzung aller sich darbietenden Chancen und Umstände; seine unerschütterliche Ausdauer und eiserne Arbeitskraft hielten ihn und seine Werke aufrecht. Und so zahlreiche Steine des Vorwurfs auch niedrige Gesinnung seiner persönlichen Widersacher, schmutzige jüdische Speculationssucht und erbärmliche Raublust, Engherzigkeit und getäuschte Hoffnung seiner frühern sogenannten Freunde auf ihn schleuderten: von allen unbefangenen, parteilosen und verhältnißkundigen Beurtheilern wird ihm das einstimmige Zeugniß, daß die Erhaltung des werthvollen und zukunftreichen Besitzes, und damit die Garantie für die bedeutenden fremden, seinen Unternehmungen zugewendeten Capitale einzig und allein seiner entschlossenen pflichtgetreuen Haltung, dem vielseitigen Andrängen und Versuchen zu seinem Sturze gegenüber, zu danken sei.[1]

Man wird die schier märchenhafte Thätigkeit Meyer’s seit dem Jahre 1842 erst in ihrem rechten Lichte erblicken, wenn man erfährt, daß seine Gesundheit von diesem Zeitpunkte an eine wankende war. Seit der geschilderten Geschäftskrisis schlagähnlichen Anfällen und Krämpfen ausgesetzt, die, durch übermäßige geistige Anstrengung und heftige Gemüthsbewegung herbeigeführt, ihn plötzlich überfielen und an den Rand des Grabes versetzten, konnte sein Leben nur durch die äußerste Sorgfalt und Pflege erhalten werden. Dennoch erlag es einem solchen zu heftigen Anfalle am 27. Juni 1856.

Was Meyer geschaffen liegt der Welt zur Beurtheilung vor; er ist darob verwundert und geschmäht, viel gehaßt und viel geliebt worden. In dem Urtheil stimmen Feinde und Freunde überein, daß er einer der außerordentlichsten Menschen war, die über die Erde gegangen sind. Das auch müssen ihm Alle einräumen, daß er ungemein befruchtend auf die nächste Zukunft der socialen Entwickelung eingewirkt hat. Der ungeheuere Umschwung des Lebens in den Ideen und der daraus erwachsenen Umgestaltung der Verhältnisse, der gewaltige Trieb und Betrieb des heutigen Geschlechts, er ist zum großen Theil Meyer’s Werk. Er war über das, was er wollte und erstrebte, sehr klar. „Erst muß das Volk seine Dichter für ein paar Groschen erhalten,“ sagte er mir einst, „damit ihm der Geist geweckt werde und es richtig fühlen und denken lerne; dann muß es mit der Natur und ihren gewaltigen Kräften, soweit die heutige Wissenschaft sie kennt und beherrscht, vertraut gemacht werden, damit es begreift, was es zu thun hat. Endlich muß man ihm die Geschichte der Völker in die Hand geben, damit es erkenne, wie sehr die Menschheit auf dem Wege nach einer großen allgemeinen Glückseligkeit geirrt und gefehlt hat, damit es diese Irrthümer und Fehler vermeide. Neben diesen Mitteln zur Erkenntniß muß man ihm auf der einen Seite das Schöne, auf der andern das Gute bieten, jenes in der Kunst, dieses in der Arbeit. Ein so sittlich und wissenschaftlich gebildetes Volk wird vernünftig arbeiten, sich vernünftig freuen und ein vernünftiges Staatsleben führen. An der Erreichung dieses Zweckes laßt uns genügen!

Das waren Meyer’s Ansichten und danach hat er gehandelt. Er war im vollsten und schönsten Sinne des Wortes ein Mann der Zukunft, und in diesem Sinne habe ich ihn einen Morgenstern genannt.

Ein wie viel besprochener Mann Meyer aber auch war; sein eigentliches inneres Wesen, den Zauber seiner Persönlichkeit haben, bei der Abgeschlossenheit seiner Lebensweise, doch verhältnißmäßig nur Wenige erkannt, die Meisten geradezu verkannt. In ihm ist eine der seltensten und herrlichsten Erscheinungen dahingegangen. Von der unerschöpflichen Thatkraft, welche in dem Manne wohnte, von seinem reichen umfassenden Geiste gibt auch die flüchtigste Skizze seines Wirkens Kunde: von der unerschöpflichen Liebe, die ihn beseelte, von der unendlichen Güte und Milde seines Herzens wissen nur die zu reden, die seinem häuslichen Kreise anzugehören oder nahe zu stehen so glücklich waren. Und alle diese preisen es als ein hohes Glück, vom Strahl seiner Liebe berührt oder erwärmt [647] worden zu sein. Ich hörte eine junge Frau, die liebenswürdige Gemahlin eines bedeutenden deutschen Schriftstellers, mit dem feuchtverklärten Auge dankbarer Rührung und Begeisterung von den hohen Tugenden seines Herzens reden, den sie mit Stolz ihren Pflegevater nannte. Ja, ich darf sagen, mit der stärksten Liebe, deren ein Menschenherz fähig ist, hielt er Alle, die seinem Herzen nahe standen, umschlungen. Bis an sein Ende war er der zärtlichste Gatte, der liebevollste Vater, der treueste Freund. In der Mitte der Seinen fühlte er sich froh, reich und glücklich, mochten von außen noch so harte Schläge ihn treffen. Und wohl bot auch seine Familie alle Elemente, um ihm das reichste und höchste Glück des Lebens zu gewähren, ein Glück, das leider seit Jahren nur zu oft durch Krankheitsfälle getrübt wurde.

Als die Rücksicht auf seine wankende Gesundheit mehr Erholung, besonders Bewegung im Freien gebot, kaufte er einen großen wüsten Bergrain an, den er mit wahrhaft Meyer’scher Energie durch massenhafte Anpflanzung von viel tausend Bäumen binnen kurzer Frist in einen Park verwandelte. Dorthin sah man zur Sommerzeit den Mann im schlichten grauen Rock, wenn die Witterung und sein Befinden es gestatteten, in ihm lieber Gesellschaft wandern, und mochte er noch so verstimmt und gedrückt von der Last des Tages von Hause weggegangen sein, stand er nur erst unter seinen lieben Bäumen, die er alle einzeln kannte, sog er nur die reine Bergluft ein, so wurde ihm wohl und frei um’s Herz, und mit liebenswürdigem Behagen gab er sich der Betrachtung der Natur und der Unterhaltung mit den anwesenden Verwandten und Freunden hin. In seinem Hause, besonders während der Winterzeit, vertraten die Stelle der Naturgenüsse die Kunstgenüsse. Meyer war nämlich ein bedeutender und feiner Kunstkenner (wie vielseitig er auch war, er war alles bedeutend und im ungewöhnlichen Maßstabe!) und war im Besitz von sehr werthvollen Kunstschätzen; reiche Sammlungen von Handzeichnungen, Kupferstichen, Holzschnitten, Autographen, Niellen, Intaglien etc. lagen dem Beschauer zur Ansicht vor, der sich der gründlichen und lehrreichen Besprechung derselben von Seiten des Besitzers erfreute. Gewiß ein schöner und seltener Genuß!

Dieses große Herz voll zärtlicher Liebe, voll hingebenden Mitgefühls für alles menschliche Bedürfniß, dieses sanfte Gemüth von fast weiblicher Tiefe und Innigkeit und alle darin wurzelnden, zu so schöner Entfaltung kommenden Tugenden mögen nun, da er nicht mehr ist, den Tadel entkräften, den man ihm während seines Lebens oft und vielleicht nicht ganz ungerecht gemacht hat, daß sich sein kolossales Streben nur zu leicht in’s Maßlose verlor und er sich dadurch eine Sorgen- und Arbeitslast auf die Schultern lud, deren zehnter Theil zuletzt doch den Stärksten erdrückt haben würde, die aber, täglich wachsend, bei seiner zuletzt schwankenden Gesundheit, auch für ihn, den modernen Atlas und Centimanen, nicht zu bewältigen war. Immerhin wird ihm aber zur Entschuldigung dienen, daß er bei all’ seinem Gigantenschaffen unter dem Einfluß eines sittlichen Gesetzes stand, das doch noch stärker war als seine Kraft, daß er also der inneren Nothwendigkeit nachgebend nicht anders handeln konnte. Und so sind es zuletzt doch nur große Tugenden und Eigenschaften in der Uebertreibung, welche an ihm zu rügen sind. Wie auch hätte er sich ohne das ihm inwohnende Gesetz jene Jugendfrische und Schwungkraft des Geistes, jene keusche Kindlichkeit des Gemüths und jene reine Erhabenheit der Gesinnung bis an sein Ende bewahren können, die die ihm Näherstehenden an ihm bewundern mußten? Unter den tausend Sorgen, Arbeiten und Aergernissen, die unausgesetzt auf ihn eindrängten und stürmten, oft abgezogen durch körperliches Leiden, fortwährend unterbrochen durch Besuche aus allen Schichten der Gesellschaft, durch Arbeitsuchende oder durch eigene Arbeiter, die sich Raths erholten, durch Bettelnde aus allen Ständen, förderte er noch mit Leichtigkeit ein neues Unternehmen nach dem andern an’s Licht und warf wie spielend die brillanten Artikel seines „Buchs“ (das Universum) auf’s Papier. Das Wort Vergnügen war für ihn gar nicht vorhanden; er kannte nur die hohe Lust der Pflicht, nur die seelische Befriedigung ernsten Strebens und Schaffens. Ganz in derselben nie rastenden, immer hochstrebenden Weise war sein Sinn über die Grenzen seiner persönlichen Existenz weit hinaus auf das große Ganze und Allgemeine gerichtet. Festen Fußes stand er auf der Höhe der Zeit und überschaute von da kühnen, scharfen, sichern Blicks das Leben der Gegenwart und der Vergangenheit und drang mit dem Adlerauge durch die Schleier der Zukunft. Den höchsten Interessen der Menschheit war so fortwährend seine regste frischeste Theilnahme gewidmet. Keine neue große oder interessante Erscheinung auf irgend einem Felde menschlicher Thätigkeit, keine wissenschaftliche Entdeckung, keine namhafte Erfindung ging unbemerkt und ohne in ihren Folgen erwogen zu werden, an ihm vorüber, und für Durchführung und Erforschung mannigfacher Probleme hat er bedeutende Summen bereitwillig geopfert. Sein eigentliches Lebenselement war jedoch die Politik, und auf diesem Boden stand er mit der ganzen Wucht seiner Oppositionskraft für seine Ueberzeugung ein. Seine Gesinnungen sind in seinen Werken niedergelegt; er hielt sie auch im Privatverkehr nie ängstlich zurück, und es bedurfte nur geringer Anstrengung, um den Strom seiner flammenden Rede wie eine vulcanische Eruption ergießen zu machen. Man mag seinen Meinungen beipflichten, oder sie verwerfen: gewiß ist, daß kein Herz je wärmer, treuer und aufopfernder für Vaterland und Menschheit schlug, als das Meyer’s, und daß es auch hier die Liebe war und nur die in ihm glühende unerschöpfliche Liebe, die ihn zum Aeußersten hinriß. Und das sollten auch Gegner ehren.

Sein Charakter, der Reflex jener Liebe, war – wie hätte er anders sein können? – lauter und rein wie Gold, und nur aus guten ehrenhaften Motiven ging all’ sein Streben hervor. Von Eitelkeit, Egoismus, Gewinnsucht, falschem Ehrgeiz, von allem Schmutz und aller Niedrigkeit des Lebens war seine große Seele frei, und Schwächen, unsaubere Neigungen dieser und jener Art, wie sie sonst wohl auch bei geistig hochstehenden Menschen nicht ungewöhnlich sind, lagen tief hinter ihm. Wahrlich, man konnte Goethe’s Worte über Schiller auch auf unsern Meyer anwenden:

„Und hinter ihm im wesenlosen Scheine
Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.“

Wenn dieser Mann darauf ausgegangen wäre, nur Geld zu machen, er wäre bei seinem Genie ein Rothschild geworden.

Und derselbe Mann, dessen Geist unablässig in großen Combinationen lebte und webte, der in seinem „Buche“ wie ein strafender Cato gegen die Sünden der Zeit donnerte, dieser ernste gewaltige Geist, der keinem Zweifel in uns Raum gab, daß er in Zeiten einer wirklichen Revolution die Rolle eines Dictators mit fürchterlicher Strenge gehandhabt haben würde – dieser selbe Mann überschüttete seine Umgebung mit einem Uebermaße gemüthlich zärtlicher Aufmerksamkeit; dieser industrielle Heros konnte sich mit kindlicher Lust den kleinsten und bescheidensten Genüssen hingeben; dieser tiefe Denker erfreute sich innigst an einer Blume, an einer Aussicht oder an einem Spiel der Jugend, die ihm zu seinem Bedauern immer zahmer und wohlgezogener zu werden schien; dieser kühne Händler ging schonend der Ameise aus dem Wege, die zu seinen Füßen kroch, und schenkte mitleidig jeder alten Bettlerin Gehör, die ihm ihr Leid klagte, ohne die dadurch verlorene kostbare Zeit, die bei ihm mehr als bei jedem Anderen Geld war, zu beklagen. Das Wohl oder, richtiger, die Noth des Volkes war’s vor allen Dingen, die ihm täglich und stündlich am Herzen lag, und der Gedanke, zu ihrer Linderung beizutragen, verband sich mit all’ seinen Bestrebungen. Was er im Stillen zu diesem Zwecke gethan, ist außerordentlich; seine Hand war allezeit der Armuth geöffnet. Nur mit Faulheit und Liederlichkeit, wenn sie erwiesen vorlagen, hatte Meyer kein Erbarmen. Dagegen fand jedes rührige und tüchtige Streben, das ihn ansprach, seinen Beistand, und manches Talent, das vielleicht in Dürftigkeit verkommen wäre, ist durch seine Ermunterung und Unterstützung zu schönem Ziele gelangt.

Meyer’s äußere Gestalt war wohlgebildet, von mittlerer Größe; sehr bedeutend war die Form seines Kopfes, den er, wie alle gedankenschwere Menschen, etwas vorgebeugt trug; von unbeschreiblichem Zauber waren Ausdruck und Tiefe seines Auges. Sein Mund zeugte von der Anmuth und Milde seines Wesens. In Geschäftssachen kurz, fast wortkarg, sprudelte dieser Mund von flammender Rede über, sobald er gemüthlich erregt war. Meyer war tief religiös, aber seine Religion war ein schöner und erhabener Deismus. – Im Alterthum würde er zum nationalen Mythus geworden sein; in England Glied des Unterhauses, das der Aristokratie zu Leibe gegangen; in Amerika Präsident eines Staates; in Deutschland wollten ihn erst die Kaufleute nicht, und doch war er ein großer Kaufmann; dann wollten ihn die Buchhändler nicht, und doch wurde er ein großer [648] Buchhändler; ferner wollten ihn die Industriellen nicht, und doch wurde er einer der größten Industriellen; endlich wollten ihn die Schriftsteller nicht, und doch wurde er einer der bedeutendsten Schriftsteller.

Der Tod hat seinen Anstrengungen und Ansichten, die großen Zwecke einer fünfundzwanzigjährigen Arbeit noch glänzend zur Geltung zu bringen und den tausenderlei Hoffnungen und Existenzen, welche sich darauf stützen, vollständige Befriedigung zu gewähren, ein Ende gemacht. Die Elemente dazu aber hat er ungeschmälert wohlerhalten und gepflegt zurückgelassen, und auf das geschickte und besonnene Verfahren derjenigen, welche Ansprüche darauf haben, wird es ankommen, dem großen schönen Bau die Spitze aufzusetzen und dafür zu sorgen, daß er nicht zur Ruine werde. Eine sichere Garantie für die Vollendung seines Werkes hat er selbst in seinem Sohne Hermann hinterlassen, in welchem der Feuergeist des[WS 1] Vaters sich zur plastischen Ruhe abgeklärt hat. Wie von einem guten Genius geführt, kehrte dieser treffliche junge Mann noch zur rechten Zeit mit Aufgebung des dortigen Etablissements von New-York in’s Vaterhaus zurück, um eine vollständige Uebersicht über alle Geschäftszweige und die Verhältnisse derselben zu erlangen. Trefflich gebildet und mit Nutzen durch die Schule des Lebens gegangen, hat er mit fester Hand Hammer, Kette und Winkelmaß ergriffen, um den Bau des Vaters zu vollenden, und hat, wie ich zu meiner großen Freude höre, schnell das Vertrauen aller Betheiligten gewonnen.

Hermann Meyer hat sich eine schöne Aufgabe gestellt, die von seinem edlen kindlichen Herzen, von seiner moralischen Kraft und von seiner Geschäftstüchtigkeit ein gleich ehrenvolles Zeugniß gibt, und er verfolgt ihre Erreichung mit einem Eifer und einer Würde, die ihm den ungetheilten Beifall aller Guten und Verständigen sichert; es ist die Aufgabe: den ehrlichen Namen seines Vaters in der Geschäftswelt zu retten, das schwer befrachtete aufgefahrene Schiff wieder flott und damit rüstige Fahrten auf dem Weltmeere zu machen. Er will nicht nur dem großen Todten den gebührenden Kranz voll und schön und unzerzaust von gefräßigen Nagethieren und Raubvögeln auf das Grab legen, er will auch seine ganze Kraft daran setzen, daß dieser Kranz wurzelt und wuchert und neue Sprossen treibt, damit er für die Nachwelt grüne, blühe und Frucht trage. Wer wollte dem trefflichen Sohne nicht das fröhlichste Gedeihen seines Werkes wünschen?

Und so hat Josef Meyer ein seltenes und schönes Glück auf Erden gehabt, die edle Gattin, die ihn verstand und herrlich unterstützte, und den hochsinnigen Sohn, der da schön vollenden wird, was der Vater groß begonnen.


  1. Vorlage: der

Was ich im Lande der Thüringer und Franken fand.
Illustrierte Reiseskizze von Ludwig Löffler.
(Schluß.)

Der zweite Ort meines überwundenen Stumpfsinns war Witzelrode, wo die Poststraßen sich trennten und uns der alte, abgetragene Postmeister über eine Stunde auf der Chaussee stehen ließ. Der Mann fand es ordentlich sonderbar, als wir uns über seine Saumseligkeit beklagten und schien überhaupt nicht zu begreifen, wie man von einem Beamten seines Schlages Schnelligkeit verlangen könne. Uebrigens mochte die ganze Gegend von einer gewissen Trägheit afficirt sein, da auch der neue Postillon daran kränkelte und in Liebenstein der Verwalter im Schlafrocke auftrat, obgleich es schon gegen ½11Uhr war.

Ein großes neues, fast einem Hospital gleichendes Curhaus gähnte uns entgegen – eine öde Promenade, von dürftigen, fast kindisch aussehenden Bäumchen begrenzt, dörrte in der Sonne –

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Liebensteiner Wasserratten.

einige Damen in breiten Hüten saßen unthätig bei ihren Handarbeiten und hin und wieder schlich einer der ausgemergelten Hydropathen zum Brunnen.

Das war der erste Eindruck von Liebenstein, und da dieser nicht so verführerisch war, um längere Zeit hier zu verweilen, so machten wir es nur zur Packkammer für unsere größeren Reisebedürfnisse, nahmen ein gutes Frühstück und verließen es, um unsere Wanderungen durch die Umgegend anzutreten.

Wenn etwas von allgemeinem Interesse die passirten Gegenden auf das Vortheilhafteste auszeichnet, so sind es die Chausseen, die man wirklich mit einem wahren Vergnügen befährt und betritt; so auch die, welche von Liebenstein über Altenstein nach Ruhla führt, auf der wir, das zweite Mal auf der ganzen vierzehntägigen Regenpartie, brateten. Altenstein, der erste unsere Schritte hemmende Ort, ist eine reizende herzogliche Besitzung mit außerordentlich lieblicher Aussicht und einem Wirthshaus, dessen Kaffee in den Annalen des Kaffeeclubs als abschreckendes Beispiel aufgeführt zu werden verdient. Nur den vielen Wassercurgästen von Liebenstein kann man es zuschreiben, wenn ein Wirth sich erfrecht, den Fremden ein warmes Wasser vorzusetzen, worin im höchsten Falle ein vergessener Kaffebeutel ausgewaschen sein mochte. Das graue schmutzige Getränk hatte aber nur den Geschmack der alten Leinewand angenommen.

Durch schöne üppige Laubwaldung führt der Weg nach dem in so mannigfacher Beziehung gefeierten Ruhla, das wir bald erreichten. Schrecklich war der Weg über das endlose Pflaster des gemüthlichen Ortes, ehe wir im Gasthof „zur Traube“

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Der Gemsenconcurrent in Ruhla.

anlangten. Ein Gang mit den unvermuthet getroffenen Gelehrten des Kladderadatsch nach dem Kaffeehause Bellevue und dann nach Heiligenstein zeigte uns auf einmal die ganze Schönheit des engen Ruhlaer Gebirgsthales. Daß die Partie heiter war, dafür bürgen die Persönlichkeiten, und wo solche Köpfe zusammenstoßen, müssen stets Geistesfunken sprühen. Heiligenstein selbst ist nur ein Bierhaus auf der Stätte eines ehemaligen Klosters, und offen gesagt war uns, nach der langen Promenade, ein Zug aus der Gegenwart [649] lieber, als ein Blick in die Vergangenheit. Hierbei war es, wo wir die flüchtige Bekanntschaft eines jener Gemsenconcurrentcn machten, wie man sie so häufig in gebirgigen Gegenden antrifft. Ein bejahrter Mann, in der jugendlichen Tracht eines Turners, mit Strohhut und umgelegtem Halskragen, trat plötzlich aus den Gebüschen, gefolgt von einer Schaar junger Leute, größtentheils Damen. Der gefürchtete Mann soll nämlich, außer seiner Manie des Bergkletterns, noch die verführende Pfeife des Rattenfängers von Hameln besitzen, durch die er jeden Morgen ganze Rudel unvorsichtiger junger Mädchen zusammenpfeift, und sie rücksichtslos die halsbrechendsten Wege, durch Dornen und Gestein über die Berge schleppt. Nur im höchsten Nothfall, bei gänzlicher Erschöpfung, ruht er mit ihnen aus und sucht, als wahrer Waldmensch, die Stellen, wo Brombeeren den ermatteten Körper erquicken können. Die ganze Gegend wird auf diese Weise von ihm abgegrast. Er selbst, ein Fremder, soll einst im Winter die 40 Meilen von seinem Heimathsort hierher per Eisenbahn gemacht haben, um einen Sonnenaufgang von dem Inselsberg zu sehen, und dann wieder umgekehrt sein.

Auf Bellevue war große Illumination, Abendbrod und nachher improvisirter Ball. Einige sehr hübsche Gesichter hatten die

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Abschied von Ruhla.

Gäste hergeführt; was aber die gerühmten Ruhlaer Schönheiten betrifft, so beruht der große Ruf derselben wohl auf einem Irrthum. Ich sah doch viele der Eingeborenen, aber mit wenigen vorteilhaften Ausnahmen waren dies nur solche, die einst hübsch gewesen sein mögen, oder solche, die durch ein provocirendes Lächeln bei so vielen Reisenden den Eindruck einer Schönheit hervorbringen. Letztere sind allerdings sehr stark vertreten.[2]

Den Eindruck eines primitiven Cursaales macht der gewöhnliche Versammlungsort der Gäste, wo Abends ein Talgstümpfchen die Finsterniß vergebens zu durchbrechen strebt und dunkle Gerüchte von dort stattgehabten musikalischen Aufführungen munkeln.

Ueber den „Keitersberg“, „kahlen Kopf“ und „Sielberg“ mit den reizenden Blicken in die wildbewachsenen Thäler und durch dicke, lautlose Buchwaldungen stiegen wir am nächsten Nachmittag rüstigen Schrittes hinab nach Winterstein, nahmen Fischbach, Cabartz und Tabartz mit Sturm und rückten siegreich vor Reinhardtsbrunn. Hier war aber leider die Besatzung zu groß, der Angriff wurde abgeschlagen und wir mußten uns nach dem eine Viertelstunde entfernten Friedrichsroda zurückziehen.

Reinhardtsbrunn ist eine der reizendsten Besitzungen, die man sich denken kann. In einem in jeder Beziehung englischen Park liegt das elegante gothische Schloß, das, mit einer rührenden Ehrfurcht vor dem Alter, unmittelbar an und auf die Ruinen der ehemaligen Benedictiner-Abtei gebaut ist. Letztere wurde schon um 1085 von Ludwig dem Springer gegründet, erlitt aber, im 14. Jahrhundert durch einen Brand zerstört und im 16. Jahrhundert durch wilde Bauernhorden verwüstet, mannigfache Veränderungen, bis das Gebäude seine jetzige Gestalt (1827–1835) durch den kunstsinnigen regierenden

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Im Dousenthal.

Herzog erhielt. Ein Stück der alten Kirche, mit den gefundenen Grabsteinen geschmückt, und ein im vorigen Jahrhundert angebautes Portal sind die sichtbaren Reste früherer Zeiten. Die Nebengebäude, in demselben Styl wie das Schloß aufgeführt, stören uns durch die Verwendung gestreiften Sandsteines, der ihnen ein zebraartiges, unruhiges Ansehen gibt.

„Friedrichsroda ist durch seine Garnbleichereien bekannt“ – das merkten wir, als wir am nächsten Morgen zur Stadt hinaus dem Inselsberge zu wanderten und an den mit einem gelben Gespinnst bedeckten Wiesen vorbei gingen. Eine waldige Straße führt zunächst zu der sogenannten „Tanzbuche“, wo neben einem einfachen herzoglichen Gartenhause eine Jagdhüter-Wohnung auf ein einfaches Frühstück vorbereitet ist. Der Platz bietet nichts besonders Interessantes außer den Stoff zu zwei ganz besonderen Rügen. Das Lusthäuschen nämlich, welches früher dem Publicum offen stand, hat der Fürst schließen müssen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil der Pöbel des reisenden Publicums das wenige Mobiliar verdarb, was darinnen war, und die Wände mit Schmierereien bedeckte. Ist es denn nicht möglich, Maßregeln gegen solche Vandalen zu ergreifen, die dieser verderblichen Sucht nur einigermaßen Einhalt gebieten? Ist es denn nicht möglich,

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Metamorphose der Bewohner von Broterode.
Im Walde. In der Stadt.

solche Bubenstreiche der sich sonst um jeden Quark kümmernden Sittenpolizei zu unterwerfen und von ihr die nachdrücklichste Bestrafung zu verlangen? Ich glaube, die fast überall aufliegenden Fremdenbücher haben schon sehr gute Dienste gethan, weil sich in diesen die poetischen Adern wie im Sande verbluten können und einer ehrsüchtigen Classe von Leuten die Genugthuung gewährt [650] wird, ihre schlechten unbekannten Namen von Andern gelesen zu wissen.

Was den zweiten Punkt betrifft, so ist es das Hinzudrängen der Menge, sobald sich eine fürstliche Person sehen läßt, und ich horte Geschichten über Damen, welche sich in Reinhardtsbrunn aufhielten, die, wiedererzählt, die Gesichter meiner achtbareren Landsmänninnen bis unter die Stirn erröthen machen würden. Was sagt wohl ein Privatmann, der in seiner Besitzung von der Belästigung anständig scheinender Besucher incommodirt wird? Er läßt sie höflichst Hinausweisen und schließt ihnen die Thür vor der Nase zu; und solche Mittel verdenkt man einem Fürsten!

Auf dem Inselsberg angekommen, hatte ich in dem Fremdenbuche einen auffallenden Beleg für eine oben von mir ausgesprochene Behauptung. Ein Herr hatte mit großen selbstgefälligen Buchstaben hineingeschrieben:

Auf dem Inselsberge war am 14. August 1856 der Kreisgerichts-Rath H. … aus F. …

Eine Arroganz, zu welcher in Vergleich man wirklich die vielen, von augenblicklicher Stimmung aufgerührten Verseleien verzeiht.

Der Inselsberg, circa 3000’ hoch, ist einer der höchsten Gipfel des Thüringer Waldes und die Aussicht von demselben so ausgedehnt, daß Jemand irgendwo über tausend, mit bloßem Auge erkennbare wichtige Punkte in der Landschaft aufgezählt hat. Oft genug schon habe ich mich, was mich persönlich anbetrifft, über die großen Fernsichten ausgesprochen und ich wiederhole hier noch einmal, daß ich kein so bedeutendes Interesse nehme an Landkarten von Papiermaché. Vorüberziehende, nur spärliche Durchblicke gewährende Wolken haben für mich schon viel mehr Reiz, aber immer noch bleibt nur ein Panorama, von mäßiger Höhe gesehen, mit Vorgrund und Gruppirung des Uebrigen, lieber, als die aus der Vogelperspektive zur Fläche hinabsinkenden malerischen Unebenheiten des Terrain. Ein hübsches Wirthshaus ladet zu einer comfortablen Erholung ein. Einige Engländerinnen, die zuerst die Tabaksluft des großen geheizten Zimmers flohen, mußten sich doch zur Wiederkehr bequemen, um nicht bei ihren, Mittagsbrod zu frieren, und als das Gespräch mit dem sie begleitenden Herrn auf diese deutsche Sitte gelenkt wurde, behauptete er mit einem Märtyrerlächeln, er und seine Damen hätten sich schon daran gewöhnt.

Nach einem kleinen Umweg, dem Inselstein zu, der uns die Elegie verschiedener Thäler zeigte, und nachdem wir einigen trotzigen geflickten Holzhauern, wahrscheinlich der berüchtigten Bevölkerung Broterode’s angehörend, den üblichen Passirzoll entrichtet, zogen wir hinab zu dem letztgenannten Orte. Broterode ist für den Thüringer Wald, was Böhmen für Deutschland ist, d. H. jeder Vorübergehende streckt die Hand nach einer Gabe aus. Uebrigens wurde uns erzählt, daß hier die Bettler durch die Polizei vollständig begünstigt würden und oft zehn Mal hintereinander wiederholte Anzeigen der Lehrer wegen liederlichen Schulbesuches der Kinder fast gar keinen Erfolg haben oder entschieden ignorirt werden. Broterode gehört ja wohl zu Kurhessen?

Daß das uns so sehr gerühmte Drusenthal, in welches man von hier aus kommt, nicht die gewünschte Befriedigung in uns hervorbrachte, wird uns jeder verzeihen, der zugibt, daß ein stürmender Regen und ein aufgeweichter Boden nicht den Reiz eines von Bergen eingeschlossenen Flußthales erhöhen. Daß es aber sehr hübsch da sein kann, will ich gern zugeben. Das Thal schließt mit den sich gegenüber liegenden, nur vom Drusenbach geschiedenen Dörfern Herger und Auwallendorf, bei welchen Schwerspathgruben und eine Mühle, worin dies Gestein für die Bleiweißfabriken vorbereitet wird. Eine sich ewig auf Hügeln entlang schlängelnde Straße, die durch eine von Wolken bedeckte Landschaft führt, ist durchaus nicht geeignet, dem mißmuthigen Wanderer die Anmuth der Gegend zu offenbaren, und so kamen wir wieder, verstimmt im Geiste und naß am Körper, in dem obenerwähnten Curhause zu Liebenstein an. Der Speisesaal vereinigte uns mit einer schon früher kennengelernten Gesellschaft, aber selbst die liebenswürdigste Unterhaltung und der gute Forster-Traminer waren nicht im Stande, die gedrückte Regenstimmung in uns zu tödten. Alle Elasticität war vernichtet.

Durch einen erquickenden Schlaf wieder zu Menschen gemacht, suchten wir am nächsten Morgen noch einmal den Elementen zu trotzen. In einer wahren Sündfluth erstiegen wir die rasige Höhe der alten Burgruine der Liebensteiner, doch die Energie erweckte nur den Hohn der wetterbrauenden Berggeister und überzeugt, daß hiermit unsere Fußpartien ein Ende erreicht hatten, kehrten wir zurück, packten unsere Sachen und waren in einer Stunde, in wohlverschlossenen Wagen, auf dem Wege nach Eisenach.

Ueber Schweina führt die Straße nach Wilhelmsthal, wo ein kurzer Spaziergang uns überzeugte, daß es hier, in den romantischen Parkanlagen, bei heiterm Himmel ganz reizend sein müsse, dann über die „hohe Sonne“ durch das auch als bemerkenswert notirte Marienthal nach Eisenach. Auf diesem Wege erst merkt man den ganzen Unfug des in kleine Brocken zerstückelten deutschen Reiches und verwünscht die liliputanischen Fürstenthümer, die sich durcheinander drängen, nur um die Geographie zu verwirren. Zahlt man hier am Chausseehause iun Kreuzern, so verlangt man Groschen, und zahlt man dort (eine halbe Stunde später) Groschen, so verlangt man Kreuzer, und so wiederholt sich dies bis zum Unerträglichen.

In Eisenach gewesen sein, ohne die Wartburg besucht zu haben, wäre des Spleen eines Engländers würdig gewesen, aber nicht unser, also kneteten wir uns den steilen Pfad hinan. Man arbeitet wacker an dem stattlichen Gebäude, das schon unter Ludwig dem Zweiten, dem Springer, gegründet, in zwei Jahren entstand; man will jetzt wieder ersetzen, was Zeit und Feuersbrünste zerstört, und ihm das Ansehen wieder Herstellen, das es zu Zeiten der heiligen Elisabeth hatte. Schöne Zimmer und Räume sind bereits entstanden, durch die sich, in Fresken von Moritz von Schwind, die Geschichte der Burg und der gefeierten Herrinnen hindurchzieht. Der Saal, in dem einst der so berühmte Sängerkampf stattfand und Heinrich von Ofterdingen unter den Mantel der Landgräfin floh, ist fast vollendet und ein großes darin befindliches Wandgemälde des oben erwähnten Meisters stellt diese bekannte Scene dar. Wenn auch einiges Gespreizte in den Bewegungen ist und mich eine gewisse Trockenheit der Auffassung stört, so sind dennoch vortreffliche Sachen in sämmtlichen Malereien. Der große Saal der Burg mit seinen Gallerieen und vergoldeten Tragebalken ist noch im Entstehen, dahingegen die Kapelle vollendet, in welcher Luther oft begeisterten Zuhörern predigte. In 15 Jahren soll das Ganze vollendet sein und sind allein für das nächste Jahr 30,000 Thaler angewiesen. Der noch unberührte alte Theil der Burg enthält eine Wirthschaft, die mit einigen Fremdenzimmern in ein daneben aufzuführendes Haus verlegt werden soll, die Wohnung des Kommandanten und die berühmte Lutherzelle. Hier schuf der von seinem besorgten Freunde, Kurfürst Friederich dem Weisen, in Sicherheit gebrachte Reformator als Ritter Georg das Riesenwerk seines Fleißes: die Uebersetzung der Bibel; hier warf er, wie die Sage meldet, dem seiner aufgeregten Phantasie erschienenen Satan das Tintenfaß an den Kopf. An der einen Wand ist noch der Fleck zu sehen, aber durch abergläubische Hände so ruinirt, daß er, wie der uns umherführende Blaurock versicherte, im nächsten Jahre restaurirt werden würde. Der von nichtsnutzigen Fingern durchaus zerstörte Tisch ist durch einen anderen, Luthers Familie zugehörigen ersetzt und dessen Kanten gegen die Kirchenschänder mit Blech beschlagen worden. Ein alter kienener Schrank und der Rückenwirbel eines Walfisches, der als Fußschemel gedient haben soll, vervollständigen das jetzige Mobiliar.

Nur wenige dürftige Durchblicke aus dem alten gemüthlichen Wirthschaftszimmer gönnte uns das vorüberströmende Wolkenheer in die bezaubernde Landschaft, und dennoch saßen wir lange in der heimlichen tiefen Fensternische, bis der nahende Abend uns zum Scheiden von der traulichen Stätte zwang.

Der Gasthof „zum Rautenkranz“ verschlang ein Paar Stunden der Nacht, das Versammlungszimmer im Bahnhofgebäude that dasselbe und um 2 Uhr weckte uns der unerbittliche Wächter.

„Der Dämpfer braust, er schnauft heran und zischt,
Der Neuzeit fliegender Hydrarch zu Lande;
Aus seinem Rachen haucht der graue Gischt
Des Feuerathems und verdampft im Sande.
„„Herr! Ihr Bittet!““ – Romantisch Land, Ade!
Mechanik zieht ein Kreuz durch Deine Karte!
„„Wohin?““ – Berlin. – „„Nur schnell in das Coupé!““
Die Pfeife schrillt – – Leb’ wohl. Du alte Warte!“

[651]

Aufruf zur Bildung von volkswirthschaftlichen Vereinen.




Eine große Anzahl deutscher Mitglieder des Wohlthätigkeitscongresses hat es für ihre Pflicht gehalten, über die internationalen Bestrebungen die Interessen ihres eigenen Vaterlandes nicht zu vergessen. Sie konnten sich nicht verhehlen, daß der Zweck des Congresses, die Entfernung und Linderung der Armuth, am wirksamsten durch Beseitigung der Ursachen derselben zu erreichen sei. Die mächtigste derselben ist die Unkenntniß der Gesetze der Volkswirthschaft. Es wurde daher in einer besonders abgehaltenen Versammlung die Bildung von volkswirthschaftlichen Vereinen in größeren und kleineren Städten Deutschlands, selbstständig oder im Anschluß an die bereits bestehenden gewerblichen und landwirthschaftlichen Vereine, vorgeschlagen, welche bemüht sein sollen, zur Verbreitung richtiger volkswirthschaftlicher Begriffe und zur Anlegung besserer wirthschaftlicher Einrichtungen beizutragen.

Damit erklärten sich die Anwesenden, namentlich die unten verzeichneten Mitglieder einverstanden.

Es trat hierauf ein nach Bedürfniß zu verstärkender Redactionsausschuß zusammen, welcher bis zur definitiven Organisation der Sache durch einen künftigen Congreß es sich zur Aufgabe machen wird, ein Zusammenwirken der in jener Richtung thätigen Kräfte anzubahnen. Dieser Ausschuß besteht vorläufig aus den Herren Dr. Pickford in Heidelberg, Max Wirth, Herausgeber des „Arbeitgeber“ in Frankfurt, und Dr. Böhmert, Redacteur des „Bremer Handelsblattes“ in Bremen. Zum provisorischen Vorort wurde Bremen gewählt, und zum Geschäftsführer des Redactionsausschusses bis auf Weiteres Dr. Böhmert ernannt.

Anfragen, Vorschläge, Anmeldungen gebildeter Vereine u. s. w. sind an den Geschäftsführer einzusenden.

Frankfurt a. M., den 16. September 1857.

(gez.)  Geheimrath Mittermaier aus Heidelberg. Präsident Dr. Lette aus Berlin. Geheimrath Professor Schubert aus Königsberg. Hofrath Welcker aus Heidelberg Staatsrath Friedländer aus Heidelberg. Director Hoyer aus Vechta in Oldenburg. Herm. Schulze aus Delitzsch. Professor Dr. Makowizka aus Erlangen. Geheimrath Rau aus Heidelberg. Dr. Asher aus Hamburg. Director A. Varrentrapp aus Frankfurt. Regierungspräsident Francke aus Koburg. Consul Reinach aus Frankfurt. H. S. Hertz aus Hamburg. Max Wirth aus Frankfurt. Dr. Pickford und Dr. C. Dietzel aus Heidelberg. Dr. Böhmert aus Bremen. Dr. K. Birnbaum aus Gießen. Professor Stubenrauch aus Wien. Dr. Professor A. Ahrens aus Gratz. Dr. S. Neumann aus Berlin.

Kaum wird der vorstehende „Aufruf“, für den schon die Namen der unterzeichneten wissenschaftlichen Autoritäten sprechen, und dessen Verbreitung sich die gesammte deutsche Tagespresse zur Ehrenpflicht gemacht hat, einer besonderen Empfehlung bedürfen. Ueber die außerordentliche Wichtigkeit volkswirthschaftlicher Kenntnisse für das gesammte Staats- und Gewerbsleben einerseits, und die unglaubliche Unwissenheit auf diesem Felde, selbst bei sonst gebildeten Leuten, sind alle Kundigen einig. Bei dem augenfälligen Streben unseres Volkes, namentlich unserer Gewerbtreibenden und Arbeiter, nach einer besseren wissenschaftlichen Vorbildung für ihren Beruf, welches besonders die Naturwissenschaften neuerlich in seinen Kreis zieht, ist die Vernachlässigung der Volkswirthschaftslehre um so auffälliger, als es dieselbe mit der brennendsten unserer Tagesfragen, der socialen, unmittelbar zu thun hat. Da dem nun aber einmal so ist, so werden einige Winke am Platze sein, in welcher Weise diese Gleichgültigkeit des Publicums zu überwinden und die wünschenswerthe allgemeine Betheiligung am zweckmäßigsten zu erzielen sein wird.

Nach den Erfahrungen des Unterzeichneten ist dies nur durch Herauskehrung der praktischen Seite der Sache zu bewirken. Nicht blos volkswirthschaftliche Kenntnisse verbreiten, sondern auch zu praktischen Organisationen und Unternehmungen auf diesem Felde anregen und die Hand bieten wollen die beabsichtigten Vereine, insbesondere sind es die auf vernünftiger Selbsthülfe der arbeitenden Classen beruhenden Associationen, deren Förderung sie sich angelegen lassen sein werden, wie denn ein von dem Unterzeichneten in Frankfurt gehaltener Vortrag über Associationen zu dem Aufrufe und dem Beitritt der verzeichneten Congreßmitglieder Gelegenheit gab. Vereinigen sich nun namentlich, wie der Aufruf andeutet, diese volkswirthschaftlichen mit den schon vielfach bestehenden Gewerbevereinen, oder constituirt sich der Verein, wo es an letzteren bisher fehlte, zugleich als volkswirthschaftlicher und Gewerbeverein, was sehr anzurathen ist, da ja die Aufgaben und Tendenzen beider sich gegenseitig ergänzen und fördern: so steht ein höchst folgenreiches Eingreifen in die localen gewerblichen Zustände in Aussicht. Den belehrenden Vorträgen über Volkswirthschaft und Gewerbskunde etc. schließen sich Bücher, Zeichnungen, Modelle, Zeitschriften an, welche zur Benutzung der Mitglieder gehalten werden. Da kann, sobald die Theilnahme allgemeiner wird, an die Fortbildung der jungen Gewerbtreibenden, an eine Sonntagsschule gedacht werden, an Gründung von Vorschußbanken für die Mitglieder und dergleichen mehr. Endlich gehen von solchen Vereinen, zur Erweckung eines regeren Strebens der Gewerbtreibenden am Orte, sowie zur Bildung des Verkehrs, wohl auch öffentliche Ausstellungen der Gewerbserzeugnisse der Mitglieder zu passenden Zeiten aus, wozu unter andern die bevorstehende Weihnachtszeit eine gute, allen willkommene Gelegenheit bietet. Eine solche Ausstellung wird namentlich von dem hier bereits in der Bildung begriffenen „volkswirthschaftlichen und Gewerbeverein“ in den letzten Wochen vor dem Feste beabsichtigt, und diese thatsächliche Kundgebung von der Wirksamkeit des Vereins hat eine außerordentliche Zahl von Anmeldungen sofort, als sie zur Kenntniß des hiesigen Publicums gelangte, zu Wege gebracht.

Um manchen desfallsigen Wünschen hinsichtlich der speciellen Einrichtung solcher Vereine entgegen zu kommen, bemerke ich, daß ein wohl ziemlich allgemein passendes Statut für die hiesigen „volkswirthschaftlichen und Gewerbevereine“ von mir ausgearbeitet, jedoch noch nicht definitiv festgestellt ist, dessen Uebermittelung ich auf portofreie Anfragen gern übernehme. Wegen der Kosten, welche die Mitgliedschaft verursacht, wird aber deren Beschränkung auf ein möglichst geringes Maß wünschenswerth sein, damit man die unbemittelten Gewerbtreibenden nicht vom Beitritt abhält. Ein vierteljähriger Beitrag sämmtlicher einzelner Mitglieder – von 2½ bis höchstens 5 Neugroschen – wird zur Erreichung der Vereinszwecke hinlänglich sein, und denkt man auch hier, bei der in Aussicht stehenden zahlreichen Betheiligung, für Anschaffung der nöthigen Zeitschriften, Bücher und Utensilien für das Erste damit zur Genüge auszureichen.

Delitzsch, im October 1857.

Schulze-Delitzsch.






Blätter und Blüthen.


Geschichte einer Pariser Nähterin. Ich befand mich vor neun Jahren in Paris und mit mir die sehr befreundete Familie. W., die sich in die Hauptstadt der Moden begeben hatte, um die Ausstattung ihrer liebenswürdigen Tochter Elise zu besorgen. Da waren denn auch eine Menge Stickereien nöthig, zu deren Ausführung große Sorgfalt und Geschicklichkeit gehörte. Nun war die Frau des Portiers eine ausgezeichnete Stickerin. Da sie mich oft gebeten, sie meinen Freunden und Bekannten hierfür zu empfehlen, so unterließ ich nicht, sie den W.’s vorzuschlagen. Nachdem man ihre Arbeiten sich angesehen hatte, wurden der Madame Billot, so hieß die Portierfrau, mehrere Aufträge zu sehr feiner Arbeit übergeben. Die gute Frau ging mit eben so großem Eifer als Vergnügen an’s Werk, und stichelte vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Aber bei aller Thätigkeit war sie doch nicht im Stande, ihre Arbeit zu rechter Zeit zu beendigen. Sie bat daher, man möchte ihr erlauben, den Rest der Arbeit einer jungen Person zu übergeben, für welche sie sich interessire. Als ich daher ausging und die Thür der Madame Billot passirte, trat diese zu mir, und zeigte mir einige bewundernswürdig gearbeitete Stickereien.

„Was ist das, Madame Billot,“ rief ich; „diese Arbeit ist beinahe schöner, als die Ihrige.“

„Ganz recht, Madame,“ erwiderte diese. „Darum meine ich, daß die Damen, die noch so viele Stickereien wünschen, wohl geneigt sein dürften, diese der jungen Demoiselle anzuvertrauen, welche diese Stickereien gefertigt hat. Sie ist eine Waise und so hübsch und wohl erzogen, ein Engel, Madame, ein wahrer Engel, bei Gott!“

„Und wie heißt dieser Engel?“ fragte ich.

„Man nennt sie Mademoiselle Lucie, und sie wohnt gerade gegenüber. Es ist sehr schmerzlich gewesen, daß ich ihr nicht einmal im siebenten Stock ein Plätzchen geben konnte; aber es ist keines leer seit langer Zeit. Ihr Vater war ein Maler, und beleidigte seine Familie, indem er die Farm verließ (dort in der Normandie, ein ganz allerliebstes Plätzchen, hörte ich), um hier seine Kunst auszuüben. Und damit die Sachen noch schlimmer würden, heirathete er ein gutes, hübsches junges Weib, ebenfalls eine Waise, ohne einen Sou. Dieses starb nach wenigen Jahren, und hinterließ ihm eine Tochter, eine liebe, süße kleine Blume, drei Jahre alt. Der [652] arme Vater machte nicht sonderliche Geschäfte mit seinem Malen; er fühlte sich so unglücklich durch den Verlust seiner Frau, und war überhaupt von schwacher Gesundheit. Nach wenigen Jahren folgte er ihr in’s Grab, und die kleine Lucie, welche die Schwestern der Barmherzigkeit erzogen hatten, ernährte sich durch Nähen. Gott segne ihr junges Herz! Schon damals, als noch ihr Vater lebte, hatte sie begonnen, zu arbeiten, um ihrem lieben Vater kleine Leckerbissen zukommen lassen zu können. Gott segne sie um der Freude willen, die sie jedesmal empfand, wenn ihr es gelungen war, ihn zu erfreuen. Nun, er starb, der arme Vater, und Lucie war allein. Ihres Vaters Verwandten wollten sie zu sich nehmen, aber sie ging nicht, weil diese ihren Vater seinem Elende überlassen hatten. „Ich will hier arbeiten, Mutter Billot,“ pflegte sie zu sagen, „und ich werde genug einnehmen, um einen hübschen Stein über meiner Eltern Grab legen zu lassen. Ich will nicht gezwungen sein, denen danken zu müssen, die sie ihrem Kummer und ihren Sorgen überliessen.“ Ach, sie ist ein braves Kind! Und so hat sie gelebt und gearbeitet, hart und geduldig, Tag für Tag, sich und ihren Kanarienvogel nährend, und dann und wann eine kleine Summe für den Stein erübrigend, den sie auf ihrer Eltern Grab setzen will! Und sie würde so dankbar sein für Arbeit gerade jetzt, denn seit einem Monat hat sie keine besonders lohnende gehabt. Und außerdem,“ fügte die gute Frau im vertraulichen Tone hinzu, „liebt sie einen jungen Mann, der sie gern heirathen möchte, aber ihrer Armuth wegen wollen es seine Eltern nicht zugeben, und sie selbst will ihn ohne deren Beistimmung nicht heirathen. Sie sagt, sie hätte genug des Elends gesehen, das eintrete, wenn man in eine Familie heirathe, in welcher man nicht gern gesehen ist. Sie versuchte, etwas zur Mitgift beizulegen, aber das ist eine gar langsame Arbeit, und ich sage ihr, sie werde so grau werden, wie meine Katze, bevor sie das zu Stande bringe. Dann seufzt sie und sagt: „Freilich wohl. Mutter Billot, aber ich kann nicht helfen; ich thue mein Bestes und es wird werden, wie der gute Gott will.“

Plötzlich besann sich die gute Frau und sagte entschuldigend: „Ach Gott, Madame, verzeihen Sie, ich halte Sie gar zu lange mit meinem Geschwätze auf.“

„Ich hoffe.“ erwiderte ich, auf die Straße tretend, „daß ich Ihrer jungen Freundin werde helfen können, ich will sie besuchen und einige ihrer Handarbeiten den Damen zeigen.“

Die Mittheilungen der Frau Billot hatten bei mir so viel Interesse für Lucie erregt, daß ich sogleich zu ihr hinüber ging. Ich fand in ihr ein so niedliches, ordentliches, hübsches und herzensgutes Kind, daß ich nicht anstand, sie meinen Freunden zu empfehlen. Diese gaben ihr Arbeit vollauf und bezahlten sie so gut, daß sie im Stande war, ihre kleine Sparbüchse ziemlich ansehnlich zu füllen.

Um kurz zu sein, sage ich nur, Lucie zog mich an; ich empfahl sie dringend allen meinen Freunden, und sie erhielt viele und reichlich bezahlte Arbeit. Doch reichte das nicht aus, um den Grabstein zu kaufen, und noch schwieriger war es, ihre Mitgift zu vergrößern. Ihr Geliebter that Alles, um sie zur Heirath zu bewegen, obgleich seine Familie bei ihrem Widerstände verharrte; aber sie blieb nicht minder fest bei ihrem Entschlüsse.

Eines Tages fand ich sie bitterlich weinend. Sie erzählte mir, daß die Eltern ihres Geliebten diesen mit einem Mädchen zu verheirathen suchten, das 5000 Francs Mitgift besäße. „Ich weiß wohl,“ fügte sie bei, „Jacques wird sie trotz ihres Geldes nicht nehmen, aber gerade das schmerzt mich am meisten. Ich kann ihn, der Himmel weiß, in wie viel Jahren nicht heirathen und vielleicht niemals. Ich werde nie so viel Mitgift besitzen, und Jacques’ Jugend wird hingehen, seine Freunde werden ärgerlich werden, und ich werde dafür leiden. Ach, ich bin recht unglücklich!“

Während ich bemüht war, meine kleine Freundin zu trösten, kam ein Brief an. Er war von einem alten Onkel, dem einzigen aus ihres Vaters Familie, der jemals ein freundliches Wort zu der Waise gesprochen hatte. Sie selbst hatte ihm zuweilen kleine Geschenke geschickt, warme Socken, Nachtmützen und dergl., welche er mit Körben voll Früchte oder einem Fäßchen Aepfelwein erwidert hatte. Der Brief war von einem andern Onkel, der ihr ankündigte, daß sein Bruder todt sei und ihr ein kleines Stück Waldland vermacht habe, das von geringem Werthe wäre, weil die darauf stehenden Eichen noch sehr jung seien. Lucie schmerzte dieser Todesfall, sie war aber doch auch gerührt, daß ihrer gedacht worden war. Bei der Erwähnung des geringen Werthes der Erbschaft lächelte sie traurig und sagte:

„Ich wollte, er hätte mir Geld vermachen können, etwa 100 Francs, nicht daß ich jemals etwas von ihm gewünscht, aber was soll mir eine kleine Strecke Landes mit jungen Eichen nützen?“

„Die jungen Eichen werden alt werden,“ antwortete ich, „und dann werden Sie sie für gutes Geld verkaufen.“

Bald darauf war ich genöthigt, zu verreisen und kehrte erst nach achtzehn Monaten zurück. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen, als auch Madame Billot mit lachendem Gesicht mir sagte, Lucie sei voll Ungeduld, mich zu sehen, und habe sie gebeten, ihr meine Ankunft alsbald wissen zu lassen.

„Sie braucht keine Arbeit mehr,“ fügte Madame Billot geheimnißvoll hinzu, „aber ich darf Ihnen die Neuigkeit nicht erzählen; Lucie will das selbst thun.“

Bald darauf trat meine hübsche kleine Nachbarin bei mir ein. Was sie mir erzählte, war so wenig und doch so viel. Man hatte ausgefunden, daß ihr kleiner Eichenwald ein vortrefflicher Trüffelboden sei, und diese Entdeckung hatte das Grundstück um mehrere tausend Francs im Werthe erhöht, wozu noch die Gewißheit kam, daß es mit jedem Jahre werthvoller werden würde. Die Familie ihres Geliebten hatte sie besucht und war nun ebenso sehr für die Heirath, als sie ehemals dagegen gewesen. Lucie war nun eifrig beschäftigt, alles für ihre Hochzeit vorzubereiten.

„Wir haben eine kleine Farm neben dem Trüffelgrunde gekauft und wollen dort wohnen. Jacques’ Familie und die meinige hätten freilich vordem gütiger sein können,“ bemerkte die Kleine, als sie ihre Geschichte schloß, „doch ich sage Jacques, wir müssen Vergangenes Vergangenes sein lassen, und ich bin so glücklich, daß ich es nicht über’s Herz bringen kann, ihnen zu zürnen.“

Einige Tage später fand die Hochzeit statt und Lucie und Jacques sind nun wohlhabende Farmer mit einigen prächtigen Lockenköpfchen und wohnen in einem der hübschesten Häuschen der Normandie.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Zum Beweis, wie mächtig und vertrauenerweckend M.’s persönliches Wesen auf wahre Menschen wirkte, diene Folgendes. Zwei mir befreundete Damen von edler Abkunft und noch edlerer Gesinnung, Schwestern und begütert, hatten M.’s Laufbahn mit dem Auge der Bewundernng verfolgt, und ihm ein nicht unbedeutendes Capital in’s Geschäft gegeben. In dieser gefährlichen Zeit reiseten sie selbst nach Hildburghausen. um zu retten, was zu retten sei. M.’s persönliche Bekanntschaft, sein großartig, plastisch ruhiges Wesen imponirte ihnen nicht nur, es entzückte sie dergestalt, daß sie voll seines Lobes in ihre Heimath zurückkehrten, und ferner ganz unbesorgt um ihr Capital waren. „Und wenn wir’s auch verlieren sollten,“ sagte die Eine dieser trefflichen Damen zu mir, „die Bekanntschaft dieses großen herrlichen Mannes, der uns wie einer der alten Patriarchen vorgekommen ist, wäre damit nicht zu theuer erkauft. Wer wie wir M.’s ganze Größe in seinem Hause zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird ihn nicht nur bewundern und verehren, er wird ihn auch lieben und ihm Alles anvertrauen.“
    Dieser Ausspruch ehrt ebenso den, welchem er galt, als die, welche ihn abgaben, und sein Werth wird noch durch den Umstand erhöht, daß er von zwei reinaristokratischen Damen einem Demokraten vom reinsten Wasser geweiht war.
  2. Das ist nicht der Fall. Die Rühler Mädchen sind allerdings schön und das provocirende Lächeln dürfte, so weit wir den Autor dieser Skizze kennen, wohl eher von diesem ausgegangen sein.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)