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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 625.jpg
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[625]

No. 46. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Felicitas.

Eine Erzählung vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
(Fortsetzung.)

Sie war arm, sie hatte nichts. Ihrem Vater, einem alten preußischen Invaliden, hatte die Regierung die Fähre zum lebenslänglichen Genuß umsonst übergeben. Zu jener Zeit war sie viel benutzt und einträglich gewesen. Nachher war die Franzosenzeit gekommen. Man hatte den alten Invaliden in seinem Besitzthume gelassen. Aber es waren rechts und links neue Chausseen und über den Fluß neue Brücken angelegt, so daß die Fähre mehr und mehr vereinsamte und zuletzt nur noch den Bewohnern der nächsten Dörfer hüben und drüben zu ihrem beschränkten Verkehr diente. Der alte Rose hatte seitdem mit seiner Familie, wenn auch nicht gedarbt, doch nur ein sehr spärliches Auskommen gehabt. Er war älter und hinfälliger geworden. Die letzten Tage, der nach so langen Leiden erfolgte Tod der ältesten Tochter, hatten ihn ungewöhnlich angegriffen. Er konnte nach aller Voraussicht nur noch kurze Zeit leben. Was sollte dann aus ihr werden? Sie stand dann allein in der Welt; allein mit dem Kinde ihrer Schwester, wenn das Kind den Großvater überlebte. Sie hatte keine nähern Verwandten. Ihr einziger Bruder hatte französischer Soldat werden müssen, war mit der großen Armee nach Rußland marschirt, aber mit den traurigen Ueberbleibseln dieser Armee nicht zurückgekehrt. Der junge Bauer warb um sie. Er war ein braver Mensch; er hatte sein gutes Auskommen, sogar sein sehr gutes. Er liebte sie.

Sie war ihm von Herzen gut. Aber lieben, wieder lieben konnte sie ihn nicht. Sie sprach das Wort lieben wohl nicht aus, auch nicht in ihren Gedanken. Es war ihr vielleicht noch nicht einmal klar, worin der Unterschied bestehe, Jemandem herzlich gut sein und ihn lieben. Aber wenn sie dann dachte, daß sie ihn heirathen müsse, daß sie ihm ganz und gar angehören solle, dann wurde es ihr so ganz besonders leer und weh im Herzen, und darauf wieder so schwer auf der Brust, als wenn sie allein in der Mitternacht über eine weite, weite graue Heide gehen müsse, an deren Ende ein tiefes, einsames Grab sei, in das sie sich hineinlegen solle. Vor dem Wasser fürchtete sie sich nicht, nicht allein, nicht in dunkler Mitternacht, wenn der Wind heulte und der Strom brauste. Aber auf der weiten, dürren Heide! Und warum war ihr so, wenn sie an den braven und liebenswürdigen jungen Menschen dachte? Sie wußte es nicht. Sie konnte es sich nicht sagen. Sie hatte nichts an ihm auszusetzen. „Aber es kann nicht sein, ich soll kein Glück haben,“ sagte sie mit einer wehen, in die unendliche Ferne schweifenden Sehnsucht. Dann mußte sie weinen, aber wenn ihr die Thränen kamen, fand sie keine Erleichterung; es wurde ihr schwerer um das Herz und sie mußte doch zuletzt immer wieder an die weite, graue Heide und an das einsame Grab am Ende der Heide denken.

Sie träumte oft so, am liebsten, wenn sie einsam in ihrem Nachen auf dem Wasser fuhr, am meisten, wenn sie in stürmischer Nacht so fuhr. Der Sturm war ihr Liebling geworden.

Sie träumte auch jetzt so. Sie fühlte den Regen nicht, der sie durchnäßte, den Wind nicht, der sie durchkältete. Der Sturm und der Regen, sie waren ja ihr Liebling, und die tiefe Dunkelheit. Und auch dunkel war es um sie her. Nur die Laterne vor ihr leuchtete und die Lampe in dem Fährhause ihr gegenüber warf einen schwachen Schein durch das kleine Fenster. Sonst überall Finsterniß. Der Himmel war von dicken, undurchdringlichen Nebelwolken überzogen. Das Dorf, an dessen äußerstem Ende, vom nächsten Nachbar eine halbe Viertelstunde entfernt, die Fähre lag, war durch die Weiden an dem sich krümmenden Flusse bedeckt; kein Lichtschimmer konnte von dort herüber dringen. Jenseits des Wassers war eine weite Ebene mit einer kleinen, unbebauten Anhöhe, und die Weiden, die auch am anderen Ufer standen, ragten wieder hoch empor und ließen nur den mit Wolken bedeckten Himmel sehen, wenn er in der Finsterniß zu sehen war. Dort oben, von woher der Strom kam, lag auf einem anmuthigen Berge wohl ein großes, schönes, glänzendes Fürstenschloß, das bei hellem Tage mit seinen weißen Mauern, hellen Fenstern, hohen Thürmen und blanken Kuppeln stolz und weit in das Land hineinblickte. Aber auch von ihm sah man jetzt nichts. Im finstern Sturme erbleicht auch der hellste Glanz des stolzesten Fürstenschlosses. Das Schloß war längst unbewohnt. Sein Besitzer war ausgewandert nach Rußland, um sich vor dem stolzen Emporkömmling, der außer England und Rußland die Welt beherrschte, nicht noch beugen zu müssen.

„Muß ich denn so früh dahinsterben?“ rief das Mädchen schmerzlich aus.

Auf einmal drang ein heller Lichtschein in ihr Auge. Auf der höchsten Kuppel des fürstlichen Schlosses loderte ein Feuer empor. Die zurückgebliebenen Diener des Fürsten feierten wohl die Befreiung des Vaterlandes.

„Gott im Himmel, gibst Du mir ein Zeichen? Soll ich doch leben, glücklich werden?“

Aber der wilde Sturm hatte das Licht auf der Höhe des Fürstenschlosses ausgelöscht, wie sie kaum diese Worte gesprochen hatte.

[626] „Nein!“

Da vernahm sie wieder einen Klagelaut, ein leises Jammern, ein unterdrücktes Rufen um Hülfe, in den Weiden, die da unten am Wasser standen. Sie hörte es deutlich.

„Das ist nicht der Geist der Schwester. Das ist eine menschliche Stimme. Da ist Hülfe nöthig. Der arme Mensch! Schon vor zwei Stunden rief er.“

Sie nahm die Laterne und sprang aus dem Kahn. Das muthige Mädchen ging furchtlos zu den Weiden. Ein leises Wimmern leitete sie. Sie hörte es pausenweise, immer leiser. Als dort, woher es kam, ihr Schritt gehört, der Schein ihrer Laterne gewahrt werden konnte, verstummte es ganz. Aber die Stelle, von der es kam, hatte sie sich fest gemerkt. Sie öffnete die Zweige eines weiten dichten Weidenstrauches. Sie leuchtete mit ihrer Laterne hinein. Sie wollte entsetzt zurückfliegen. Sie wich einen Schritt zurück, aber trat schnell wieder vor.

„Erbarmen,“ sagte eine Stimme.

Der Schein der Laterne fiel auf einen Mann in der Uniform eines französischen Grenadiers, ein zum Entsetzen bleiches, abgezehrtes Gesicht. Der linke Arm, mit blutigen Tüchern umwunden, lag in einer Binde. Der ganze Körper lag erschöpft, zusammengekauert in den nassen Zweigen der Weide, an der nassen, kalten Erde; zusammengekauert vor Frost, vor Hunger, Durst, Schmerz.

„Erbarmen,“ sagte noch einmal der Mann, als er das Mädchen vor sich sah. „Erbarmen! Ich sterbe vor Durst und Hunger!“

„Ich komme wieder; seid ruhig,“ sagte das Mädchen. „Ich komme gleich wieder.“

Sie eilte in das Haus. In der Küche hatte sie Milch, in einem Schranke in der Stube Brod. Sie ging in die Stube, das Brod zu holen. Das Kind war wach, es rief sie zu sich.

„Muhme Felicitas, ich fürchte mich. Der Großvater ist so eigen.“

„Schlafe, mein Kind. Dir wird er nichts thun. Er liebt Dich und Du bist brav.“

„Er verlangt immer nach seinem Degen. Er will alle Leute umbringen.“

„Sei Du nur ruhig. Er wird Dir nichts thun.“

Der alte Mann lag noch im Bette. Er hatte es in seiner Hinfälligkeit schon seit Wochen nicht verlassen können. Er hatte das Mädchen kommen hören.

„Da ist der Kerl,“ rief er laut, mit einer kreischenden, wüthenden Stimme, „der mir mein Kind verführt, der mich angespuckt hat. Ja, ja, jetzt bist Du elend. Jetzt bist Du es. Jetzt bittest Du um Erbarmen, um das Leben. Aber Du mußt sterben, Hund! Ihr Alle müßt daran, Ihr Franzosengesindel. Meinen Säbel, meinen Säbel! Der Hund muß sterben, von meinen Händen.“

Das Mädchen schauderte. Sie ging an das Bett, ihn zu beruhigen.

„Es ist ja kein Mensch hier, Vater, Ihr träumt. Beruhigt Euch.“

Der alte Mann wurde wüthender.

„Kein Pardon, Du Schurke! Ihr habt auch uns keinen Pardon gegeben. Meinen Säbel!“

Er wollte aus dem Bette springen. Der kranke, hinfällige Greis fiel kraftlos zurück. Er wurde ruhig. Aber er war völlig wahnwitzig. Und hatte er in seinem irren Geiste den Armen gesehen, dem sie jetzt Hülfe, Labung, das Leben bringen wollte? Das Mädchen schauderte noch einmal. Aber sie mußte fort. Sie mußte den Wahnsinnigen verlassen. Sie mußte das hülflose Kind mit ihm allein lassen, mußte einem andern Hülslosen das Leben retten. Sie nahm Brod aus dem Schranke, Milch aus der Küche und flog zu der Weide am Wasser zurück.

„Hier, hier, stärkt Euch!“

Der Verwundete langte sehnsüchtig nach der Milch. Er trank sie in langen Zügen. Wie labte sie ihn! Er langte nach dem Brode. Wie erquickte es ihn! Die Laterne beschien wieder voll sein Gesicht. Die wahnwitzige Rede hatte einen entsetzlichen Gedanken in dem Mädchen geweckt. Sie blickte scheu in das Gesicht, dessen tödtliche Blässe sie vorhin nur gesehen hatte. Nein, dieses feine, jugendliche Gesicht, mit den großen, schwarzen Augen, die sich wieder belebten, konnte keinem Bösewicht, keinem herzlosen Verführer angehören. Das sagte ihr Herz ihr. Und ihr Herz sagte ihr auf einmal noch mehr. Was? Konnte sie es deutlich verstehen unter seinem plötzlichen, ungestümen Klopfen? Aber klar stand das helle Licht vor ihr, das auf der Kuppel des Fürstenschlosses aufgeflammt hatte, und sie sah es jetzt fort und fort brennen, und es verlöschte nicht wieder vom plötzlichen Sturme, und in dem hellen, glänzenden Lichte glänzte das bleiche Gesicht des verwundeten jungen Franzosen immer frischer und lebendiger. Und auch der junge, brave Bauer erschien darin, aber er verschwamm und verschwand immer mehr in dem leuchtenden Glanze des Anderen, der immer strahlender wurde. So träumte sie. – Die Liebe zum Leben ist groß. Das Leben ist süß. Der verwundete Franzose hatte sich erquickt, gelabt. Er versuchte sich zu erheben. Es gelang ihm mühsam. Er konnte aufrecht stehen, aber nur gestützt auf einen Stab, den er bei sich trug. Waffen führte er nicht mehr. Er sah sehnsüchtig hinüber nach der andern Seite des breiten, reißenden Stroms.

„Jenseits erst ist der Rhein! Noch so weit!“

„Ihr wollt über den Strom?“ fragte ihn das Mädchen.

„Dort liegt meine Heimath!“

„Aber Ihr kommt nicht weiter. Ihr seid zu schwach.“

„Jenseits fände ich vielleicht Cameraden, die mich unterstützten.“

„Und wenn Ihr sie nicht fändet?“ fragte das Mädchen.

„O, ich stürbe doch immer näher meiner geliebten Heimath.“

„Ja, Ihr würdet sterben. Wißt Ihr, daß überall das Volk Jagd macht auf verwundete Franzosen?“

„Ich weiß es. Wir sind gehetzt bis hier. Meine Cameraden kamen weiter. Mich mußten sie hier zurücklassen.“

In das Gesicht des Mädchens stieg eine Zornesgluth.

„Thun Sie ihnen kein Unrecht,“ rief rasch der Franzose. „Mit Gefahr ihres Lebens hatten sie mich hundert Meilen weit geführt, getragen, für mich gehungert. Hier konnte ich nicht weiter. Die Verfolger waren hinter uns. Sie wollten mich nicht verlassen. Ich beschwor sie vergebens. Ich zwang sie. Sie mußten. Ich wollte sterben. Aber das Leben ist süß, Mademoiselle, Sie haben mich gestärkt. Und auch das Vaterland ist süß. Was ist das Leben ohne das Vaterland? O, Mademoiselle, meine Kräfte sind zu schwach, den Fluß zu durchwaten; mit diesem zerschossenen Arm kann ich ihn nicht durchschwimmen. Könnten Sie mich hinüberschaffen?“

Wie süß ist das Vaterland! Die Worte hatten dem Mädchen einen tiefen Stich in das Herz gegeben. Sie sah den blassen Mann an, der, um sich nur aufrecht halten zu können, der Stütze seines Stocks bedurfte. Sie dachte an den Vater, der in seinem Wahnwitz jeden Franzosen erschlagen wollte. Sie dachte an die verführte, heute zum Grabe getragene Schwester. Sie sah wieder das schöne, weiße Gesicht des verwundeten, schwachen fremden Kriegers und wollte weinen. Aber sie war ein starkes, kräftiges und ein reines, edles Herz.

„Nein, Ihr kommt nicht fort. Ihr müßtet vor Hunger umkommen, oder sie würden Euch erschlagen.“

„Ich werde mitleidige Herzen finden.“

„Jetzt nicht. Jetzt sind sie Alle in Zorn, in Wuth. Sie tragen nur Rachsucht im Gemüthe. Ich bringe Euch nicht hinüber. Ich will Euch nicht in den Tod führen. Bleibt hier, ich habe einen Platz für Euch, einen sichern Platz. Dort stärkt Ihr Euch ganz, dort wartet Ihr, bis die Menschen wieder ruhiger und friedfertiger geworden sind. Dann will ich Euch hinüber bringen, zu Eurer Heimath, Eurem Vaterlande.“

„Das Leben ist süß.“

Der Franzose nahm die Hand des Mädchens und drückte sie an sein Herz.

„Das willst Du, Mädchen? Du bist mein Engel, ich folge Dir.“

„Wartet hier fünf Minuten; dann bin ich zurück bei Euch und hole Euch ab.“

Sie kehrte zum Hause zurück. Das Fährhaus war kein großes, geräumiges Gebäude. Es hatte eine Stube, ein paar Kammern, eine Küche, einen Stall. Das Alles lag unmittelbar an einander, und was in dem einen Raume geschah, konnte in dem andern gehört werden. In keine konnte sie den Verwundeten bringen. Der Fährknecht Wilhelm, der trotz, vielleicht gerade wegen seines Blödsinns leicht zum Verräther werden konnte, war zwar nicht im Hause, sondern hielt sich in einer Fährhütte auf, die, näher der Fähre zu, dem Hause gegenüber lag. Dort schlief er auch, und er kam nur des Mittags zum Essen in das Haus. Aber ihr Vater hatte ein scharfes Gehör, und das Alter und die [627] Krankheit haben keinen Schlaf. Das Haus hatte indessen einen geräumigen Boden, auf den man vermittelst einer Leiter hinaufstieg. Die Leiter stand lose; sie konnte fortgenommen werden; sie lag gewöhnlich, Dritten nicht wahrnehmbar, im Stalle. Auf dem Boden war der Verwundete sicher. Es lag Heu dort oben. In das Heu trug das Mädchen das Bette, auf dem ihre Schwester gestorben war. Milch und Brod stellte sie in eine Ecke. Dann kehrte sie zu dem Ufer zurück.

„Folgt mir.“

Sie nahm die Hand des Franzosen und führte ihn in das Haus zu der Leiter, die Leiter hinauf, auf den Boden, zu dem weichen, wärmenden Bette.

„Dort. Schlaft ruhig. In der Ecke findet Ihr Milch und Brod. Morgen früh komme ich wieder. Gott sei mit Euch.“

„Mädchen, mein Engel,“ rief der Franzose, und er suchte ihre Hand und sie ließ ihn sie finden.

Sie ließ sie ihm. Seine Lippen drückten einen heißen Kuß darauf. Sie brannten schon. So schnell kehrt Leben und Feuer in den jugendlichen Körper, in’s jugendliche Herz zurück. Sie floh verwirrt von dem Boden. Sie vergaß beinahe, die Leiter hinter sich fortzunehmen, und in den Stall zurückzutragen. Seine Lippen brannten noch auf ihrer Hand. Es war später Abend geworden. In dem Hause herrschte vollkommene Ruhe. Der Fährknecht Wilhelm war von der Leiche zurückgekehrt und hatte sich sofort in seiner Hütte zur Ruhe begeben. In der Stube schliefen der Greis und das Kind, – das kranke Kind unruhig, der Greis ruhig nach der Aufregung durch die Ereignisse des Abends.

Das Mädchen setzte sich vor ihr Bette, sann und träumte wieder, und saß, bis die Schwarzwälder Uhr an der Wand Mitternacht schlug. Sie erschrak. Sie hatte das Ansagen der Todten vergessen. Von dem Schlage der Uhr erwachte der Greis.

„Hast Du die Todte angesagt?“ rief er heftig dem Mädchen zu.

Sie erschrak, noch mehr, und zitterte vor seinen Vorwürfen.

„Nein,“ sagte sie ehrlich. Auch nicht, um ihn zu beruhigen, wollte sie eine Unwahrheit sagen.

Die wirren Augen des Greises blitzten in wüthender Freude auf.

„Gott sei Dank, es muß noch eine Leiche aus dem Hause. Er ist hier; er muß sterben!“ Auf einmal heftete sein Blick sich durchbohrend auf das Mädchen. „Du hast ihn verborgen! Du willst ihn mir entreißen! Gib ihn heraus; ich fluche Dir, wenn Du ihn nicht herausgibst, Du stirbst mit ihm!“

Das Mädchen schauderte.




II.
Der Gang zu dem Liebhaber.

Acht Tage waren vergangen. Es war des Nachmittags. Der alte Fährmann Rose schlief. Der hinfällige Greis war seit dem Tode seiner Tochter nicht mehr aus dem Bette gekommen. In heftigeren Anfällen seines Irrsinnes, der ihn nicht wieder verlassen, hatte er hinausspringen wollen; seine Kräfte hatten nicht ausgereicht. Jene Anfälle hatten sich indeß nur in den ersten Tagen wiederholt. In der letzteren Zeit war er ruhiger geworden.

Die kleine Anna saß aufrecht auf der Bank, auf einem weichen Kissen, das die Muhme ihr hingelegt hatte. Sie spielte mit einer Puppe von Holz, die der blödsinnige Wilhelm ihr geschnitzt hatte. Sie war seit einigen Tagen wohler. Der blödsinnige Fährknecht war in seine Hütte gegangen. Dort pflegte er, wenn er nicht zu arbeiten hatte, und er hatte wenig zu arbeiten, auch bei Tage zu schlafen. Sein Schlaf war des Nachts, wenn er zum Uebersetzen heraus mußte, um desto leiser.

Felicitas Rose stand in der Stube nachdenklich am Fenster. Ihr Blick schweifte in die weite, unbestimmte Ferne, doch bald wandte sie ihn in die Stube zurück, auf den Vater, der in seinem Bette ruhig schlief. Nur selten wurde der Athem schneller, heftiger, als wenn er ein Zucken oder Leiden des kranken Gehirns anzeige. Auch auf das Kind blickte sie, das mit seiner Puppe still spielte; aber nur still in dem blassen Gesichte; die mageren Händchen mit ihren krankhaft aufgereizten Nerven flogen an dem Spielzeuge rasch und zuckend hin und her. Felicitas sah sinnend auf den Vater und das Kind.

„Anna,“ sagte sie zu dem Kinde, „ich muß Dich auf ein Viertelstündchen allein lassen.“

„Wohin gehst Du, Muhme?“

„Ich habe etwas Dringendes zu besorgen.“

Das Kind sah mit einem forschenden Blicke zu ihr auf.

„Ich weiß, wohin Du gehst, Muhme.“

Felicitas erröthete vor dem Blicke, vor den Worten. Aber sie that, als wenn sie Beides nicht wahrgenommen habe.

„Du bleibst doch recht still, bis ich wiederkomme, und weckst den Großvater nicht?“

„Du hast einen Liebhaber, Muhme Felicitas.“

Das Mädchen erblaßte.

„Zu dem gehst Du.“

„Um Gotteswillen, Kind, wer hat Dir solches Zeug in den Kopf gesetzt?“

„Ich weiß es. Der Wilhelm hat es mir gesagt.“

„Der Blödsinnige –!“

„Ihr nennt ihn den Blödsinnigen, den Unklugen; aber er ist nicht unklug; er hat mir schon Manches gesagt.“

„Und was hätte er Dir gesagt?“

„Daß meine Mutter hätte sterben müssen, weil ich ihr Kind sei, und daß ich auch sterben müsse, weil ich nicht so ihr echtes Kind sei. Es sei so was Fremdes an mir und alles Fremde müsse aus dem Lande heraus.“

„Aber, Anna, was für dumme Sachen sind das! Hast Du denn ein Wort davon verstanden?“

„So ganz wohl nicht; aber seine Augen sahen so klug, so eigen dabei aus.“

„Aber die Worte waren so unvernünftig.“

„Er hat mir auch noch mehr gesagt.“

„Und was war das?“

„Das war gar nicht unvernünftig; das habe ich ganz wohl verstanden.“

„Theile es mir mit.“

„Dein Liebhaber sei auch ein Fremder, und darum müssest Du auch sterben, das habe auch der Großvater gesagt; und dann sei er hier so ganz allein auf der Fähre. Er weinte dabei, der arme Mensch.“

„Er weinte?“

„Recht traurig. Er ist gut, der unkluge Wilhelm.“

Der Blödsinnige hatte immer nur ein gutes Herz gezeigt, freilich zugleich jenes stille Mißtrauen und jene eigensinnige, hartnäckige Heimlichkeit auch der gemüthlichsten Blödsinnigen, aber nie einen Zug eines bösen oder nur übelwollenden Herzens. Und wie leicht kann selbst ein verständiges, gutmüthiges Herz von fremder Bosheit oder Leidenschaft mißbraucht werden! Das Mädchen beruhigte sich nur halb über den Blödsinnigen. Und über das Kind? Wenn es gegen den wahnwitzigen Vater plauderte!

„Anna,“ sagte sie zu dem Kinde. „Du bist ein kluges, verständiges Mädchen. Du kannst schweigen.“

„Du weißt es, Muhme.“

„Komm mit mir; Du sollst sehen, wohin ich gehe.“

„Du gehst nicht zu Deinem Liebhaber?“

„Ich habe keinen Liebhaber. Aber zu einem kranken, elenden Mann gehe ich, der sterben müßte, wenn ich ihn nicht pflegte, und den die bösen Menschen todtschlagen, ermorden würden, wenn sie wüßten, daß er hier ist. Du wirst kein Wort von ihm sagen?“

„Kein Sterbenswörtchen, Muhme.“

„Auch zu dem Großvater und dem Wilhelm nicht?“

„Zu keinem Menschen, Muhme.“

Das Kind war noch keine vollen sechs Jahre alt; aber es war klug, wie ein Kind von zehn Jahren. Der Verstand kränklicher Kinder reift schnell. Sie nahm das abgemagerte, federleichte Kind auf den Arm und verließ mit ihm die Stube. Auf der Decke, wo sich die Luke befand, die auf den Boden führte, ließ sie es nieder. Nebenan war der Stall, in welchem die Leiter zu der Luke lag. Sie holte sie, setzte sie an, stieg hinan und hob die Luke in die Höhe, die niedergelassen war. Dann kam sie wieder herunter, das Kind zu holen. Mit ihm stieg sie wieder die Leiter hinauf und durch die geöffnete Luke auf den Boden.

„Sei ganz still, Aennchen. Er könnte schlafen und dem Kranken thut der Schlaf so wohl.“

Das Kind hielt fast den Athem an. Auch Felicitas. Sie schritt leise, das Kind auf dem Arme, nach der hinteren Seite des Bodens, wo das Heu lag. In dem Heu lag seitwärts das Bett. Es war ein weiches, warmes Bett. Die Mutter des Kindes hatte [628] das warme Leben darin ausgehaucht, das ihr so kalt, so hart gewesen war. Der verwundete Fremdling lag darin. Er hatte das warme, frische Leben darin gewonnen. Er war noch blaß, aber die Züge zeigten nicht mehr die Erschlaffung jenes Abends, als das Mädchen ihn in den Weiden am Flusse gefunden hatte. Sie hatten wieder Spannkraft gewonnen.

Noch in derselben Nacht, als das Mädchen ihn aufgenommen, hatte eine heftige Krankheit ihn befallen. Als sie am Morgen wieder zu ihm kam, fand sie ihn in einem schweren hitzigen Fieber. Auf dem Lande, in der Einsamkeit des Fährhauses hatte sie allerlei Hausmittel gegen Krankheiten kennen gelernt. Wie oft hatte sie ihre einfache und vielleicht desto wirksamere und wohlthätigere Kunst bei der kranken Schwester ausüben müssen! Sie bereitete ihm kühlende, lindernde Tränke gegen die Hitze des Fiebers. Sie reichte ihm stärkende Mittel, als das Fieber nachgelassen hatte. Es war bald verschwunden. Die ursprünglich kräftige Soldatennatur hatte trotz aller Erschöpfung durch die Wunde, durch Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden so vieler Art, die Krankheit schnell besiegt. Die Hülfe des Mädchens war ihm wunderbar entgegen gekommen. Seit zwei Tagen war er auf dem Wege der Genesung. Er lag in dem Bette mit geschlossenen Augen.

„Er schläft!“ flüsterte Felicitas dem Kinde zu. „Wir wollen uns setzen, bis er aufwacht. Dann muß er seinen Trank haben.“

„Den Du ihm bereitet hast, Muhme?“

„Ja.“

Dem Bette des Kranken gegenüber war zu einem bequemen Sitze ein Haufen Heu aufgeschichtet. Das Mädchen hatte manche Stunde in ihrer Sorge um den Kranken dort gesessen und gewacht. Sie ließ sich jetzt mit dem Kinde dicht vor dem Kranken, dem Genesenden, auf dem Heu nieder und konnte jeden Zug seines Gesichtes sehen, jeden Zug seines Athems hören. Der Athem war sanft und ruhig; man glaubte es ihm anzuhören, wie erquickend, stärkend der Schlaf sein müsse. Das Gesicht war noch bleich, noch ohne jeglichen Tropfen Blutes, aber es zeigte jene neu erwachte Spannkraft, das Zeichen der wieder erwachten Gesundheit. Und es war so schön. Felicitas mußte dem Athem lauschen, in das schöne blasse Gesicht schauen.

Das Kind auf ihrem Schooße lauschte und schaute mit ihr in einer stillen Andacht, um den Schlaf nicht zu stören, der dem Kranken so wohl that, wie die Muhme gesagt hatte. Felicitas wurde unruhiger. Ihr fielen auf einmal die Worte wieder ein, die der Blödsinnige zu dem Kinde gesprochen hatte. Das schöne Gesicht, das so ruhig schlummernd, um zu neuem, kräftigerem Leben zu erwachen, vor ihr lag, war ein fremdes Gesicht. Es war mehr, es war das Gesicht eines Feindes, der mit geholfen hatte, ihr Vaterland zu unterdrücken, so viele Tausende braver deutscher Herzen unglücklich zu machen. Der allgemeine Haß des deutschen Volkes, so lange ohnmächtig in der kochenden Brust verschlossen, verfolgte ihn jetzt dafür, blutig, mörderisch.

Wohl wußte das einfache Mädchen in dem einsamen Fährhause, was Vaterland, was Druck und Unglück des deutschen Volkes war. Von ihrem Vater, dem alten preußischen Invaliden, hatte sie oft genug die Klagen über das arme Vaterland und das unterdrückte Volk vernommen. Und sie? Sie hatte den Fremdling, den Feind dem Leben wiedergegeben. Sie hatte ihn nicht hassen können. Sie konnte ihn auch jetzt nicht hassen. Und wenn sie auch sterben sollte, wie der Vater und der Blödsinnige gesagt hatten? Nein, nein, sie konnte ihn nicht hassen. Wie hing ihr Auge an dem schönen Gesichte! Er war ihr Liebhaber, hatte schon der Blödsinnige gesagt. Liebte sie ihn wirklich? War er es, dem sie nur mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrem ganzen Leben angehören konnte? Von dem sie dann aber auch, wenn sie ihn einmal gefunden hatte, nicht wieder loslassen konnte? Nie, nie? Von dem Fremden, dem Feinde nicht? Und gerade sie, deren Schwester von einem dieser fremden Feinde so unglücklich gemacht, so früh in das Grab gebracht war?

Aber war er denn der Verführer gewesen? Hatte er zur Unterdrückung ihres Vaterlandes beigetragen? Der Verführer war er nicht. Und wenn er gegen Deutsche gekämpft hatte, war er nicht einem Zwange gefolgt, dem der Einzelne nicht widerstehen konnte und der ihn außer Verantwortlichkeit setzen mußte? Er hatte bei Leipzig gefochten, das wußte sie. Er war vielleicht mit in Rußland gewesen. Aber hatte nicht ihr eigener Bruder, der Sohn des alten preußischen Soldaten, mit nach Rußland ziehen müssen und hatte er nicht vielleicht ebenfalls bei Leipzig gekämpft, gar der Deutsche gegen den Deutschen? Und dennoch. Er war ein Fremdling, er war ein Feind, den der ungetheilte Haß, die bitterste Rache des Volkes, ihres Volkes verfolgte. Und sie sollte ihn lieben? Er sei ein Fremder und darum müsse sie sterben, hatte der Blödsinnige gesagt. Sterben? Sie schauderte. Aber, indem es ihr eiskalt über den Körper lief, konnte sie den Blick, den innigen, den sehnsüchtig träumenden Blick von dem Gesichte des Schlummernden nicht wegwenden.

Der Genesende schlief ruhig und fest.

„Hast Du Dir den Mann angesehen, Anna?“ fragte Felicitas leise das Kind.

„Er sieht so krank aus, Muhme,“ flüsterte das Kind zurück.

„Er war krank auf den Tod. Ich habe ihn gepflegt. Jetzt hat er wieder den Schlaf des Gesunden.“

„Und zu ihm bist Du immer gegangen?“

„Zu ihm.“

„Ist er denn wirklich Dein Liebhaber, wie der Wilhelm sagt?“

„Mein Kind, der liebe Gott hat befohlen, daß alle Menschen einander lieb haben sollen.“

„Aber warum hast Du ihn denn so heimlich hier auf den Boden gebracht?“

„Hast Du gehört, welche Worte in der letzten Zeit der Großvater sprach?“

„Er wollte alle Franzosen tödten, die jetzt aus dem Lande liefen.“

„So sprach er! Es war sein Ernst wohl nicht; er redet nur so, weil er krank ist.“

„Und er kann auch nicht einmal aufstehen,“ sagte das Kind.

„Aber die meisten Leute sprechen jetzt so, und weun sie einen armen kranken Franzosen finden, da fallen sie über ihn her.“

„Die Franzosen haben uns aber auch viel Böses gethan, Muhme Felicitas.“

Das Kind des Franzosen mußte so sprechen! Sie hatte es so oft gehört von dem kranken Großvater und dem blödsinnigen Wilhelm.

„Auch unsere Feinde sollen wir lieben, hat der Herr Jesus gesagt.“

„Aber sie haben es an uns verdient, Muhme,“ plauderte das Kind den irrsinnigen Männern nach, „an dem Großvater und an meiner Mutter. Der Großvater selbst hat es gesagt.“

Felicitas seufzte, auch mit einem traurigen Blick auf das Kind.

„Anna, vorgestern – ein Mann, den ich heute über das Wasser fuhr, erzählte es mir – vorgestern hat eine Bauersfrau jenseits des Stromes in ihrem Kartoffelfelde einen verwundeten französischen Soldaten gefunden, der vor den verfolgenden Bauern sich dort verborgen hatte. Der arme Mensch war vor Hunger und Müdigkeit halb todt. Er bat die Frau um ein Stück Brod und um Barmherzigkeit. Was that das Weib? Bei dem Kartoffelfelde war ein Graben. Sie allein konnte den Menschen nicht hineinwerfen. Sie lief in das Haus, wo ihre Tochter war, die rief sie herbei, und die Beiden warfen den hülflofen Menschen in den Graben, daß er sterben mußte. Hättest Du mir geholfen, Anna, wenn ich Dich so gerufen hätte?“

Das Kind schüttelte sich vor Entsetzen. Es drückte sich fest an den Busen des Mädchens.

„Nein, Muhme.“

„Und das dauert nun schon über acht Tage in der Gegend fort. Eine schreckliche Wuth ist in die Leute gefahren. Und die Menschen sind doch alle Brüder, alle die Kinder des lieben Gottes im Himmel.“

„Die armen Franzosen!“ sagte das zitternde Kind.

„Und sieh, Anna, so wäre auch das Loos des kranken Mannes gewesen, der jetzt hier wieder so gesund schlafen kann. Sie hatten auch ihn verfolgt, als ich ihn fand. Er war am Sterben.“

„Da brachtest Du ihn hierher?“

„Und pflegte ihn und sorgte für ihn. Und kein Anderer weiß von ihm, als Du und ich, und kein Anderer darf auch von ihm wissen, wenn er nicht noch sterben soll.“

„Kein Mensch soll es erfahren, Muhme.“

„Ich weiß, wie verschwiegen Du bist, mein liebes Aennchen. Darum nahm ich Dich mit hierher.“

(Fortsetzung folgt.)



 

[629]

Bilder aus der Slowakei.

1. Ein ungarisches Magnatenschloß.

Slowakei? Verlohnt sich’s wohl der Mühe, daß ein Schriftsteller Bilder aus einem Landstriche bringt, der mit der Cultur nichts mehr gemein hat, und wenn er’s doch thut, daß der Leser sie eines Blickes würdigt? Was kann’s aus solchem Barbarenlande Bildliches zu berichten geben? – So wird mancher Leser fragen. Es ist etwas an der Sache, aber sie ist bei weitem nicht so schlimm, als man sie sich vorstellt, so lange man das in Rede stehende Land noch nicht kennt. Freilich, Land und Leute gehören immer zusammen, und die Reize einer Gegend werden abgeschwächt durch die Rohheit ihrer Bewohner. Inzwischen lassen sich auch den Slowaken gute Seiten abgewinnen, wenn man nur den redlichen Willen und nicht Vorurtheile mitbringt. Ich wenigstens habe in der Slowakei viel mehr gefunden, als ich erwartet hatte.

Daß derjenige Theil von Oberungarn, welchen die Slowaken bewohnen, gerade den reizendsten Theil des schönen Kronlandes ausmacht, weiß Jeder, der Ungarn überhaupt kennt, und daß er noch nicht von Touristenschwärmen durchzogen wird, liegt wohl an den unwirthlichen Einrichtungen, allerdings nicht geeignet, Reisende, die den Comfort lieben, anzuziehen.

Einer der prächtigsten Punkte Oberungarus, auf welchem ich mich längere Zeit aufhielt, ist der Markt Freistadtl an der Waag mit seinem hohen freundlichen Bergschlosse gleichen Namens. Der slowakische Name des Orts und Schlosses ist Freystak, der magyarische Galgocz, und der letztere ist der officielle Name. Es ist in Deutschland wenig bekannt, daß bei weitem die meisten Orte in Oberungarn drei verschiedene Namen führen, einen deutschen, einen magyarischen und einen slavischen.

Die Gartenlaube (1857) b 629.jpg

Schloß Freistadtl oder Galgocz.

Wenn die Waag, diesen ungezogene Kind der hohen Karpathen, ein eigenthümlich grotesker und capriciöser Fluß, der den Römern den bezeichnenden Namen des „Herumschweifers“ (vagus) verdankt, aus der hohen und engen Bergwelt mit ihren köstlichen Wundern herausgetreten ist und das letzte derselben, die pittoresken ungeheuern Ruinen des ehemaligen Königsschlosses Trentschin begrüßt hat, durchströmt sie bald das Gebiet der alten und reichen Grafen Erdödy, eines Magyarengeschlechts. Es ist ein recht artiges Stück Land, ein kleines Fürstenthum, das diese Familie besitzt, und es ist reich an fruchtbarem Ackerland und holztragenden Bergen, an fetten Viehtriften und üppigen Weinbergen, an Schlössern, Parken und Naturschönheiten aller Art. Man braucht nur an das niedliche wundernette Schloß Bohußlavitz mit seinem köstlichen Park, dem die unten vorbeirennende Waag manchen begehrlichen Gruß zuwirft – ein wahres Cabinetsstück von Landsitz, vom Grafen Anton Erdödy, General und Günstling der Kaiserin Maria Theresia, geschaffen – zu erinnern, man braucht nur von den heißen Quellen von Pösteny (Pöstyén, Pischtyan) zu sprechen, um sich des Reichthums und der Schönheit der Erdödy’schen Besitzungen bewußt zu werden.

Auch wenn die Waag aus dem Hochgebirg der Karpathen heraus ist, wird sie doch zu beiden Seiten von Bergzügen begleitet. Der zur Rechten entfernt sich weit und weiter von ihr, bis er sich zuletzt ganz von ihr abwendet und nach Preßburg im Westen hinüberzieht. Es sind die kleinen Karpathen, auch die „weißen Berge* (vom Sand, aus welchem sie bestehen) genannt. Der Bergzug zur Linken bleibt dem Flusse treuer, obgleich er den Namen oft wechselt. Aber auch diese Sandsteinberge werden kleiner und kleiner, bis sie sich in der Ebene verflachen, durch welche die Waag langsam der Donau zuschleicht.

Einige Meilen vorher, ehe diese Berge aufhören, liegt auf der untersten Stufe einer dieser mäßigen, mit Wein und Feldfrüchten bepflanzten Höhen malerisch hingegossen der große Markt, dessen drei Namen ich bereits angegeben. Vom rechten Ufer des Flusses, wo in der Entfernung von einer halben Postmeile, Freistadtl gegenüber, die kleine, jetzt zum Zucht- und Strafhaus eingerichtete Festung Leopoldstadt liegt, und von der schiefen Ebene, [630] die sich sanft nach den kleinen Karpathen zu erhebt, nimmt sich der Ort mit seiner hohen alten, in ziemlich reinem byzantischen Style gehaltenen Pfarrkirche, seiner stattlichen Synagoge, mit einigen gut gebauten und mehreren weißangestrichenen Häusern, so wie mit seinem großen Franciskanerkloster am nördlichen Ende freundlich und vielversprechend aus. Ihre Perle und die der ganzen Umgegend viele Meilen weit und breit ist aber das eine Viertelstunde südlich auf einer zweiten Stufe des Berges thronende umfangreiche wohlgehaltene weiße Schloß, das einen sehr großen Halbkreis, vorzüglich nach Süden und Westen hin beherrscht. Freistadtl hat gegen 6000 Einwohner, aber eine Ausdehnung, die in Deutschland wenigstens drei Mal mehr bedingen würde. So ist z. B. das Areal von Gotha merklich kleiner, als das von Freistadtl. Der Ort hat ein Stuhlrichter- und ein Steueramt, eine Erdödy’sche Präfectur mit einer nicht geringen Anzahl von Beamten, eine Dechanei, eine Postexpedition, eine Apotheke, drei Aerzte, starke Vieh- und Getreidemärkte, täglichen namhaften Marktverkehr, beträchtlichen Handel, vorzüglich Holzhandel; die allgemein gebräuchliche Sprache ist die deutsche – und man spricht sie besser, als ich erwartet hatte – nur ausnahmsweise wird ungarisch (magyarisch) und nur in den untern Schichten slowakisch gesprochen.

Nach all’ diesem sollte man meinen, es müsse unter dieser Menge kaiserlich-königlichen und gräflich-Erdödy’schen Beamten, Geistlichen, Kaufleuten etc. doch auch ein geistiger Verkehr bestehen. In der That, ich habe sehr viele Damen und Herren nach dem neuesten Pariser und Wiener Modejournal gekleidet gesehen, aber etwas, das wie eine Bibliothek ausgesehen hätte, Leih- oder Privatbibliothek, habe ich nirgend wahrgenommen und auch nichts davon gehört. Und doch gibt es eine große reiche prächtige Bibliothek in Freistadtl, von der ich nachher reden werde, die aber erst recht den Beweis der Geistesarmuth in dem Orte liefert. Ich war an diese Armuth bald so gewöhnt, daß ich eines Tages erstaunt war, Lenau’s Gedichte bei einer Kaufmannsfrau zu finden.

So besteht denn die Bevölkerung nur aus echten Leuten vom neuen und aus echten Leuten vom alten Testament, d. h. die größere Hälfte sind gute katholische Christen, die kleinere strenggläubige Juden. Jede Partei klammert sich mit Fanatismus an ihren Gott; die Ausnahmen sind zumeist bei den vornehmen Christen zu suchen. Die Einen machen Geschäfte und die andern lassen Geschäfte mit sich machen; die Einen schenken Wein, Branntwein und Bier, und die Andern trinken Wein, Branntwein und Bier. In der That, das fünfte Haus ist eine kleine schmutzige Schenke, in der ein Jude sitzt. Uebrigens haben die Juden fast allen Handel und alle Gewerbe in Händen. Auch der starke Holzhandel aus den nördlichen Comitaten hierher liegt als Monopol in den Händen einer jüdischen Familie, Gebrüder Seßler, die, rührig und intelligent, damit in kurzer Zeit viel gewonnen hat. In dieser liebenswürdigen Familie habe ich die schönsten Tage meines dortigen Aufenthaltes verlebt.

Wenn man auf den für den Deutschen befremdend breiten Straßen des Städtchens geht, begegnet man immer zehn Juden, ehe man einen Christen sieht, und doch wurde mir officiell gesagt, Freistadtl habe nur tausend israelitische Einwohner. Ich glaube, die Hälfte ist jüdisch, wie überhaupt die Anzahl der Juden in der Slowakei eine weit größere ist, als die officiellen Angaben besagen. Der Grund dieser Täuschung läßt sich errathen.

Der Weg von dem Markte nach dem Schlosse fuhrt durch den Park und man kommt da zuerst zum anständigen Gärtnerhause, dann zu dem grandiosen Orangeriehause, einem wahrhaft fürstlichen Gebäude, mit einer Orangerie, wie man sie nur in den größeren deutschen Residenzen zu sehen gewöhnt ist. Man wird sich in diesen Gewächshäusern nie umsonst nach einer exotischen Pflanze von Bedeutung umsehen. Ueberraschung gewähren vier Orangenbäume von einer Größe, Dicke und einem Alter (es wurde auf dreihundert Jahre angegeben), wie man in andern Gewächshäusern schwerlich findet. Zur Erhöhung der Theilnahme an diesen stolzen Bäumen hatte sich eine hübsche romantische Geschichte an sie geheftet, eine kleine Novelle, welche die Unbeständigkeit der irdischen Güter drastisch vor Augen führt. Vielleicht theil’ ich sie in einem besonderen Aufsatze mit.

Der gräfliche Obergärtner war ein liebenswürdiger, gebildeter und, wie mir schien, in seinem Fache ausgezeichneter junger Mann, der mich, so oft ich kam, mit wahrer Freude empfing. Diese wurde mir erklärlich, als ich erfuhr, daß er mit seinen herrlichen Bäumen, Gewächsen, Pflanzen, Blumen wie ein verzauberter, gleichsam unnahbarer Prinz da oben auf seinem Berge sitze. Niemand besucht sein duftendes, blühendes, grünes Reich, keine Seele wird von Sehnsucht nach den stillen Blumengeistern aus allen Ländern der Erde hierher gezogen. Das Schloß steht fast das ganze Jahr verödet; Graf Franz Xaver Erdödy, der jetzige Besitzer, ein Herr von noch nicht dreißig Jahren, lebt mit seiner noch jüngeren Gattin meistens in Wien; Fremde kommen wenig hierher und werfen auch dann meist nur einen Blick aus der Ferne auf das stolze Gewächshaus und der Freistadtler beau monde scheint in Actenstaub, Handel und Wandel, Essen und Trinken den Sinn für Naturschönheiten verloren zu haben, wenn er überhaupt jemals einen solchen besessen hat. Nun wohnt doch jedem Künstler der natürliche Trieb inne, sein Kunstwerk den Verständigen vorzuführen, damit sie sich daran erfreuen und erheben, und darin seinen schönsten Lohn zu finden. Daher der wehmüthige Zug in dem geistreichen Gesichte des jungen Obergärtners und seine Freude, als ein Mensch kam, der Interesse an den herrlichen Kindern der ausländischen Flora zeigte und dem er ein Verständniß zutrauen durfte.

Hat man durch Bosquets und Bowlinggreens die Höhe der Bergstufe erreicht (der Fahrweg ist eine geradlinige Allee), auf welcher das Schloß mit seinen Nebengebäuden emporragt, und tritt man auf den dicht an die nordwestliche Ecke des Schlosses angebauten geräumigen und mit eiserner Brustwehr versehenen Altan, so fühlt man die Seele weit werden von der eigenthümlich reizenden Aussicht südlich in die weite Donauebene hinab, deren letzte Linien mit dem Horizonte zusammenfließen, westlich nach Preßburg, dessen Schloßruine man mit bewaffnetem, und nach Tyrnau, dessen zahlreiche Thürme man mit bloßem Ange erblickt; dann rollt sich von Westen bis Norden die ganze malerisch geformte Gebirgskette der kleinen Karpathen auf, und in der mehrere Meilen breiten nach den Bergen aufsteigenden Ebene stellen sich eine Menge Dörfer und Schlösser dar, viel stärker gekennzeichnet, als in Deutschland, durch die vorherrschende Liebhaberei der Slowaken zur weißen Farbe, womit sie sich und ihre Häuser bekleiden, so daß man ihre Dörfer aus großer Entfernung wie Perlen in grünem Meere schimmern sieht. Nördlich erheben die höheren Karpathen und nordöstlich einige Spitzen des Tatragebirges ihre stolzen kühnen Häupter in blauen Tinten. Es ist einer der schönsten und fruchtbarsten Landstriche des gesegneten Ungarreichs, welchen man von dieser Terrasse und aus den nach Westen sich öffnenden Fenstern des Schlosses übersieht. Wir zählten mit dem Fernrohre dreizehn Schlösser und Schloßruinen in den Karpathen drüben, von welchen die noch bewohnte gräflich Palffy’sche Stammfeste Biberspurg oder Rothenstein das bemerkenswertheste, besonders interessant, weil sie der schönen Ungarkönigin Maria, der Gemahlin jenes unreifen Ludwig II., der 1526 im Sumpf bei Mohacs auf der Flucht aus der Türkenschlacht erstickte, und der Lieblingsschwester Kaiser Karl V., der sie hernach zur Statthalterin der Niederlande erhob, zum romantisch einsamen Aufenthalte mit dem ihr nicht gleichgültigen, wohlgebildeten Markgrafen von Anspach-Culmbach diente, der am ungarischen Königshofe wie zu Hause eine gleich merkwürdige Rolle spielte.

Wir treten in das Schloß Freistadtl. Es bildet ein unregelmäßiges Viereck, welches einen kleinen Hof einschließt, und hat drei Stockwerke. Eine breite sehr bequeme steinerne Treppe führt uns in die obern Partien, durch helle reinliche, mit jenen weißen Kalksteinplatten, die man in dieser Gegend in allen vornehmen Häusern findet, belegte Corridore in die hohen geräumigen Zimmer. Es ist alles fürstlich und doch einfach. Ueberall tritt uns die Schöpfung eines edlen Geschmacks entgegen. Alles ist modern, nichts erinnert mehr an das Mittelalter. Der Styl der Decoration ist jene Nachahmung des hellenischen, wie sie zu Anfang unseres Jahrhunderts Mode war. Und doch ist das uralte königliche Schloß Galgocz, dessen Erbauungszeit man gar nicht kennt, nicht zerstört, sondern nur allmählich umgebaut worden. Die jeweiligen Besitzer haben das Ritterhaus stets den Geschmacksforderungen ihrer Zeit angepaßt. Wäre man mit allen Bauten des menschlichen Geistes so vernünftig verfahren, es hätte nie Revolutionen gegeben.

Die interessanteste Partie des Schlosses war für mich der große Bibliotheksaal, mit wohlthuender einfacher Pracht ausgestattet. Und welch ein Bücherreichthum! Der geschriebene Katalog [631] füllte allein einen mäßigen Folianten. Ja und was für Bücher! Wie man sie nur in fürstlichen Bibliotheken zu finden pflegt. Die ausgezeichnetsten Ausgaben und Prachtwerke, die bis zum ersten Viertel unsers Jahrhunderts in den vorzüglichsten Werkstätten der europäischen Literatur erschienen. Von bedeutenden Kupferwerken der egyptischen, griechischen und römischen Alterthumskunde fehlt schwerlich eins. Ueberhaupt viel classische Literatur. Dann der französische Atheismus sehr stark vertreten (z. B. die große Encyklopädie von Diderot und d’Alembert, die bekanntlich Taufpathin der sämmtlichen Repräsentanten dieser Richtung und moderne Bibel ihres Cultus), allein eine Menge Schriften über Voltaire. Aber auch eine Masse der schlechtesten deutschen Romane aus dem Ende des vorigen und dem Anfange dieses Jahrhunderts. Wahrscheinlich war mit dem letzteren Literaturzweige für die geistigen Bedürfnisse der Dienerschaft gesorgt. Mit der Bibliothek ist ein Kunst-, Antiken- und Naturaliencabinet vereinigt, das ebenfalls einen bedeutenden Rang einnimmt. Mit Bewunderung sah ich hier Antiken von carrarischem Marmor von hohem Werth, z. B. einen Antinous- und einen Sokrateskopf.

Ferner eine große Anzahl in der Umgegend ausgegrabener slavischer Antiquitäten von Erz; Kunstwerke verschiedener Art aus neuerer Zeit, eine Bilderreihe sämmtlicher Ungarkönige, Familienportraits der Erdödy und verwandter Magnatenhäuser, Alles wohlerhalten und mit Geschmack placirt. Unter den Bildern erregte ein großes in Felder eingetheiltes Tableau mit den Portraits des Erdödy’schen Hauses (auch einige Frauen waren dabei) von alter Zeit (ich glaube, der erste war aus dem dreizehnten Jahrhundert) bis auf den vorletzten Grafen herab meine Aufmerksamkeit wegen des psychologischen Interesses, welches diese Köpfe gewährten. Diese Reihenfolge enthielt nämlich nicht nur die gemalte Geschichte der Grafen Erdödy, sondern die des ganzen Ungarreichs, ja gewissermassen die Weltgeschichte selbst. Zuerst diese trotzigen kühn blickenden Heldengestalten in Stahl und Eisen, die Hand am Schwertknauf, bärtig, sonnverbrannt, wahre Eisenfresser, aber ohne Geist und Seele in den Zügen; das waren die Abkömmlinge der asiatischen Horden, welche sich in Besitz des schönen Landes setzten; dann die Türkenschlächter und Grenzwächter der sich unter ihrem unwillkürlichen Schutze entwickelnden europäischen Cultur. Hernach kommt eine Reihe, in deren Zügen der erwachende Geist aufblitzt; die ungarischen Magnaten des 16. Jahrhunderts wurden fast alle von der „Blässe des Gedankens angekränkelt“; in keinem Lande machte die Kirchenreformation in allen Schichten der Gesellschaft größere Fortschritte. Nun zeigen sich die galanten glatt rasirten Generalsgesichter in rother Uniform aus der Zeit der letzten Habsburger und der ersten Lothringer, und die feinen, abgestandenen Prälatengesichter mit erlöschenden Augen im violetten Kleide. Zuletzt die überfeinerten blasirten toupirten und gepuderten Diplomatenköpfe mit den wirrgekräuselten Zügen um den Mund, im schwer mit Gold gestickten Hofkleide. Da ist nun alle Kraft fort, alle Originalität, alle Nationalität. Dieser Graf Josef Erdödy, 1824 als ein hoher Siebziger oder angehender Achtziger gestorben, einst der mächtige Hof- und Reichskanzler von Ungarn, und als solcher der Regent des Königreichs, ein in vieler Hinsicht sehr merkwürdiger Mann, sieht ganz aus wie ein französisch bourbonischer Minister. Auch seine zweite Gemahlin ist auf dem Bilde (die Dame lebt heute noch in hohem Alter), Elisabeth, geborne Mayer, die Tochter eines Wiener Fiacre’s. Die Geschichte des Grafen Josef und der Gräfin Elisabeth ist so originell und ein so treuer Sittenspiegel des österreichisch-ungarischen Adels zu Anfang dieses Jahrhunderts, daß sie wohl eine kurze Darstellung verdient. Doch kann sie in dieser Zeitschrift nicht gegeben werden.

Sodann das Archiv der Grafen Erdödy mit höchst merkwürdigen Actenstücken. Das Interessanteste davon gedenke ich später in Auszug mitzutheilen. Der Archivar, Herr Franz von Zmertych, erwies mir viel Freundschaft. Vergebens fragte ich aber nach einem Bibliothekar und Aufseher des Kunst- und Antiquitätencabinets. „Wozu ein Bibliothekar?“ war die Antwort. „Niemand benutzt die Bibliothek.“ – „Nicht die Grafen Erdödy?“ fragte ich verwundert. – „Niemand.“ – „Nicht die gebildete Einwohnerschaft von Freistadtl und Umgegend?“ – „Niemand.“ – „Man verweigert wohl das Ausleihen der Bücher?“ – „Im Gegentheil, man würde sie mit der größten Liberalität zum Lesen verabfolgen lassen.“ – Heiliger Apollo und alle neun Musen! Da stand die kostbare, große, ausgezeichnete Bibliothek schlafend wie Dornröschen im Märchen oder wie der Rothbart im Kyffhäuser. Keine Menschenseele machte von diesem herrlichen Schatze Gebrauch, und mir blutete das Herz. „Es ist halt die Slowakei unserer Tage!“ sagte mir ein verständiger Mann seufzend.

Unter den Nebengebäuden des Schlosses sind der ungeheure Pferdestall, die eben so großartige Reitbahn und das kleine allerliebste Theater – alle drei grauenhaft verödet, wie das Schloß selbst, – zu erwähnen. Und wie belebt waren vor vierzig bis siebzig Jahren diese Gebäude! In diesem Stalle war eine Elite von ungarischen, spanischen und arabischen Pferden – mehre Hunderte – zu finden; in dieser Reitbahn hielt die Blüthe des ungarischen und österreichischen Adels ihre Reitübungen; in diesem Theater saßen höchste und hohe Herrschaften, die Frauen und Töchter der zur französischen Cultur durchgedrungenen Magnaten und hörten die Lustspiele französischer Dichter und die Operetten französischer Componisten in der Ursprache. Auf dieser Bühne entfaltete der Atheismus sein buntes Panier, in diesen Corridors drängten seine Anhänger, in diesen Sälen und Zimmern debauchirte seine Tochter, die Frivolität, in dieser Bibliothek suchte sein Enkel, die Blasirtheit, nach neuer Nahrung.

Nun erzählt ein ungarischer Schriftsteller, Stephan von Sándor (sprich: Schahndor, zu deutsch: Alexander), der in derselben Gegend an der Waag geboren und aufgewachsen, ein artiges Schloß, Luka, nur wenige Meilen oberhalb Freistadtl besaß, in einem seiner Bücher „Sokféle“ (Allerhand) 1808, wie er in seinem Knabenalter, welches in das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts und mit dem Beginn der Glanzperiode auf dem hohen Grafenschlosse zusammen fiel, eine eigenthümliche Execution mit angesehen habe. Die anhaltende Dürre eines Sommers schrieben die slowakischen Bauern des sonst so fruchtbaren Waagthals den Hexen in ihren Dörfern zu, und fingen mit Vorwissen der Dorfrichter, des Stuhlrichters und des Plebans alle armen alten Weiber ein, schleppten sie an die Waag, wo sie ins Wasser getaucht wurden, und erklärten diejenigen, welche nicht sogleich untersanken, als der Hexerei und der Ursache des Regenmangels schuldig.

Ins Comitatgefängniß gesperrt, und mit Hunger und Peitschenhieben zum Geständniß gezwungen, wurde die arme Hexe auf einen Holzstoß gesetzt und jämmerlich verbrannt.

Merkwürdiger Weise, schreibt Sándor, fing man nur die armen alten Weiber ein; die Frauen und Mütter vermöglicher Bauern ließ man ungeschoren. Nun gehörten die Dörfer in dieser Waaggegend den Herren Grafen von Erdödy.

Ist es nicht ein pikantes Bild: oben auf dem prächtigen mit aller Eleganz und allen Culturmitteln ausgestatteten Magnatenschlosse steil über der Waag das fröhliche Treiben der vornehmsten Gesellschaft, deren geistiges Leben und Glauben nach den Grundsätzen und Lehren Voltaire’s und der Encyklopädisten gemodelt ist, französisches Theater und jener frivole Lebensgenuß der haute volée, die in der ersten französischen Revolution in zweifacher Bedeutung die Köpfe verlor, Leute jener praktischen Philosophie, welche die Grundlage der Gesellschaft wie ätzende Säuren zersetzte – und unten an der Waag Hexenschwimmen und Hexenverbrennen wegen Wettermacherei!

Wo wäre ein zweiter schneidender Contrast wie dieser? Aber was wird man erst sagen, wenn ich beibringe, daß der weise Ungarkönig Coloman im Jahre 1100, sage Eintausend Einhundert nach Christi Geburt, ein Reichsdecret erließ, worin es wörtlich heißt, „daß über Hexen keine Untersuchung stattfinden solle, weil es überhaupt gar keine Hexen gäbe.“ Was mußte mit einem Lande geschehen sein, wo fast siebenhundert Jahre später unter der Herrschaft eines so aufgeklärten und feingebildeten Herrn, wie der Reichskanzler Graf Josef Erdödy, noch Hexen verbrannt wurden?



[632]
Stein- und Braunkohlen und Torf.
Von E. A. Roßmäßler.
(Zweiter Artikel.)
Die Vertheilung derselben in Deutschland.

Man mag sich die Entstehungsweise der die Erdrinde bildenden Gesteinsschichten in vulcanistischem oder in neptunistischem Sinne, als das Werk schnell verlaufender Katastrophen oder langsam und ununterbrochen wirkender Vorgänge denken, so bleibt Eins unter allen Verhältnissen in Geltung, nämlich daß jene Gesteinsschichten sich nicht auf der ganzen Erdoberfläche gleichmäßig ausbildeten und daher die Erde keineswegs das Bild einer von Schalen rings umhüllten Zwiebel darbietet. Wenn dem so wäre, würden uns die Steinkohlen der nach ihnen vorzugsweise benannten Formation unerreichbar sein; denn wenn dann auch überall in einer gewissen Tiefe eine steinkohlenhaltige Schale liegen würde, so würde diese von den nach ihr abgelagerten Schalen so hoch bedeckt sein, daß eine Erbohrung derselben für unsere schwachen Kräfte eine Unmöglichkeit sein würde.

Nach der Bildung der Steinkohlenformation haben sich die Permische, die Trias-, die Jura-, die Wealden-, die Kreide-, die sogenannten Tertiär-Formationen und das Diluvium abgelagert; die zum Theil mehre Tausend Fuß mächtige Schichten bilden, so daß also, wenn diese Formationen alle über der Steinkohlenformation sich überall gleichmäßig gebildet hätten, diese überall viele Tausende von Fußen tief liegen würde. Dies ist aber zu unserm Vortheil nicht der Fall, sondern oft blieb die Steinkohlenformation ohne Ueberlagerung oder wurde nur wenig von anderen Formationen überlagert, oder auch ein hoch überlagertes Gebiet der Steinkohlenformation wurde später durch vulcanische Kräfte empor gehoben und durch Zerbrechen der darüber lagernden Formationen der Oberfläche der Erde näher gerückt. Für einen späteren Artikel behalte ich mir hierüber einige nähere Mittheilungen vor.

Die Steinkohlen kommen aber nicht blos in der vorzugsweise sogenannten Steinkohlenformation vor, welche zu den ältesten versteinerungführenden (den sogenannten paläozoischen) Formationen gehört, sondern auch in jüngern und zuletzt noch in der Kreideformation. Es findet sich aber Steinkohle sogar hier und da auch in solchen Schichten, welche noch älter als die Steinkohlenformation sind. Man kann daher die Vertheilung der Steinkohlen in Deutschland nicht einfach aus einer geognostischen Karte an der entsprechenden schwarzen Färbung der Gebiete der Steinkohlenformation ersehen. Dennoch ist und bleibt die eigentliche Steinkohlenformation die Hauptlieferantin dieses unentbehrlich gewordenen Brennmaterials, sowohl was dessen Menge als Güte betrifft; wir wollen daher zuerst diejenigen Gebiete Deutschlands aufzählen, in denen die Steinkohlenformation die Kohlenspenderin ist.

Zunächst ist das südlich vom 49° N. Br. liegende Land auszuschließen, weil in ihm nur geringe Spuren der Steinkohlenformation vorkommen, und die wenigen daselbst gefundenen Steinkohlen theils älteren theils jüngeren Formationen angehören. Eben so sind in Nordeutschland, namentlich in dessen östlicher Hälfte noch keine Steinkohlen gefunden worden. Dort sind die Formationen fast durchweg von den Ablagerungen des Diluviums und des Alluviums bedeckt. Die ältere Steinkohle, — wie wir die der Steinkohlenformation in der Kürze nennen wollen — ist in Deutschland an 13 Punkte vertheilt.

1. Nordwestlich begegnen wir den ersten Steinkohlen bei Ibbenbühren in dem preuß. Regierungsbezirk Münster, ein kleines abgerundetes Gebiet einnehmend.

2. Südlich unter diesem und ein wenig mehr westlich kommt zunächst das westphälische Steinkohlenbecken im Gebiete der Ruhr. Es hat im allgemeinen die Gestalt eines flachen Dreiecks, dessen nordwärts gekehrte Grundfläche ziemlich horizontal von W. nach O. verläuft und das seine Spitze gegen Elberfeld kehrt. Die durch Schleußen schiffbar gemachte Ruhr führt die Kohlen bei Ruhrort in den Rhein, wo sie als „Ruhrkohlen“ durch Schleppschiffe den Rhein auf- und abwärts weit verführt werden.

3. Am linken Rheinufer begegnen wir einem ausgedehnten Steinkohlengebiet, welches nur zum kleinen Theil Deutschland, zum größten Theil Belgien angehört. Es beginnt südlich von Jülich zwischen Düren und Aachen und erstreckt sich längs dem Nordrande der Ardennen in westsüdwestlicher Richtung über Namur und Charleroi durch Belgien, dann über Balenciennes nach Frankreich hinein und ist das bedeutendste Steinkohlengebiet des europäischen Festlandes. Der uns zufallende Theil führt den Namen des Aachener Steinkohlenbeckens.

Diese drei Kohlengebiete stehen ohne Zweifel in unterirdischem Zusammenhang, welcher aber an den zwei Unterbrechungsstellen von jüngeren Schichten überlagert ist.

4. Gehen wir aus der Landkarte noch weiter südlich und mehr östlich, so stoßen wir aus das große Pfälzisch-Saarbrücker Steinkohlenbecken, durch welches der westlichste Theil der Ludwigshafen-Bexbacher Eisenbahn mitten hindurchführt, deren wesentliche Fracht die Steinkohle bildet. Es nimmt einen Flächenraum von 60 Quadratmeilen[WS 1] ein, und es sind darin schon mehr als 100 einzelne Kohlenflötze übereinander gezählt worden. Die Eisenbahn geht eine lange Strecke in einem tiefen Durchstiche durch das Schichtensystem der Steinkohlenformation hin, so daß man an den hohen Böschungen die breiten schwarzen Streifen der Kohlenflötze mit den wechsellagernden grauen Schieferthon- und Sandsteinschichten abwechseln sieht. Dieses reiche, gut abgerundete Steinkohlenfeld hat an der nordwestlichen Seite seines Gebietes einige abgetrennte kleinere Kohlenlager und über diesen, jenseits der Nahe, eine lange schmale Erstreckung, auf welcher die Oldenburgische Enclave Birkenfeld liegt.

5. Es folgt nun nach Osten zu eine breite Fläche, wo nirgends die Steintohlenformation vertreten ist und erst auf dem Thüringer Walde, zwischen Schmalkalden und Ilmenau finden wir sie als ein fünftes Kohlengebiet wieder, welches aus mehreren Parcellen besteht.

6. Weiter östlich treffen wir in der Länge von Halle bei Wettin und Löbejün auf ein sechstes Kohlengebiet, jedoch in ziemlich beschränkter Ausdehnung.

7. Einige Stunden südlich vom Brocken bei Ilefeld liegt das kleine Harzer Steinkohlenbecken.

Noch weiter östlich, um einen Grad südlicher, kommen wir in ein großes Steinkohlengebiet, welches sich in zahlreichen getrennten, zum Theil ziemlich ausgedehnten Parcellen über das Königreich Sachsen, zum größten Theil jedoch auf Böhmen vertheilt. Auf Sachsen kommen

8. das sogenannte erzgebirgische Becken zwischen Flöha und Zwickau und

9. das kleine, aber reiche Becken von Potschappel. Zwischen beiden liegt das der ältesten Bildungszeit der Steinkohlenformation angehörige und mit dem Zwickauer unterirdisch vielleicht zusammenhängende Hainichener Becken und weiter südöstlich liegen die sehr kleinen Gebiete im obern Erzgebirge von Brandau bei Olbernhau, von Zaunhaus, Schönfeld, Bärenburg und Altenberg.

An dem Sübabhange des Erzgebirges erheben sich aus einem wellenförmigen Tertiärlande die malerischen Klingstein- und Basaltkegel des Mittelgebirges, an welche noch weiter südlich über Theresienstadt und Raudnitz ganz flaches Schwemmland grenzt, welches die Eger und Elbe durchfließen. Hieran stößt

10. das bedeutende vielfach getheilte und aus zwei größern und mehren kleineren Abtheilungen bestehende Böhmische Steinkohlengebiet. Es liegt in dem Winkel, den die Beraun mit der Moldau bildet, westlich und südwestlich von Prag. Das böhmische Steinkohlengebiet ist insofern ein klassisches, als von ihm aus durch den Grafen Caspar von Sternberg die wissenschaftliche Erforschung „der Flora der Vorwelt“ durch dessen berühmtes Werk dieses Namens ausgegangen ist.

11. Indem wir die kohlenführenden Schichten der eigentlichen Steinkohlenformation in Deutschland weiter aufsuchen, finden wir sie erst wieder zwischen dem Riesengebirge und den Sudeten in der schlesischen Grafschaft Schweidnitz bei Waldenburg, [633] Neurode, Landshut, Charlottenbrunn u. s. w. Der südliche Bogen dieses beinahe eine Kreislinie bildenden Gebietes fällt Böhmen anheim.

12. Das östlichste zusammenhängende größere Gebiet findet sich zwischen Tarnowitz und Krakau, zu dem noch einige kleine südwestlich vertheilte Abtheilungen gehören.

13. Endlich erscheint die Steinkohlenformation noch einmal zugänglich unweit Brünn in Mähren in einem kleinen Gebiete.

Was nun die jüngere Steinkohle betrifft, d. h. diejenige, welche in jüngeren Gebirgsformationen eingelagert ist, so steht diese der älteren an Bedeutsamkeit nach und nur an einigen Orten gibt sie Gelegenheit zu einer beträchtlichen Gewinnung.

Die zunächst über der Steinkohlenformation folgende Permische Formation ist in der unteren Abtheilung des Zechsteines, der die in Rußland sehr entwickelte Formation in Deutschland vertritt, zwar immer mit Bitumen durchdrungen, aber zu Kohlen bringt er es nicht, ausgenommen ¼ bis ½ Zoll dicke Pechkohlenflötzchen.

Die über dem Zechstein kommende Formation des Rothliegenden, obgleich mit der Steinkohlenformation in Deutschland unmittelbar (ohne den dazwischen tretenden Zechstein) vergesellschaftet und lange Zeit als ein oberes Glied derselben betrachtet, findet sich wenigstens aus deutschem Boden ohne Steinkohlen, obgleich man dies in neuerer Zeit bei Baireuth vermuthet.

Der Buntsandstein und der Muschelkalk, die beiden unteren Glieder der nun aufwärts folgenden Trias-Formation enthalten keine Steinkohle, wohl aber das dritte, oberste, Glied: der Keuper. Man nennt die Steinkohle des Keupers, die namentlich in Baden und Württemberg weit verbreitet ist, Lettenkohle. Sie hat sich aber noch nirgends recht bauwürdig gezeigt.

Ueber der Trias folgt die Juragruppe, aus der (unteren) Liasformation (sprich Leias) und aus der (oberen) Juraformation bestehend, welche letztere wieder in den braunen und den weißen Jura zerfällt. Im Lias kommen außer einzelnen Stücken und Brocken von Pechkohle in dessen Kalksteinen auch förmliche, wenn auch nicht sehr mächtige, Kohlenflötze in dem Liassandsteine vor, z. B. bei Helmstedt im Herzogthume Braunschweig und bei Hildesheim im Hannöverschen. Die Liaskohle ist hier und da ein Gegenstand des Bergbaues. Der in manchen anderen Ländern kohlenreiche braune Jura (auch Dogger genannt) zeigt sich in Deutschland arm daran. Dasselbe gilt von dem weissen Jura, der bei Boltigen im Canton Bern vier Kohlenflötze enthält.

Einzig und allein im nördlichen Westphalen tritt für Deutschland die Wealdenformation auf, wo sie namentlich im Schaumburgischen und Bückeburgischen sehr reich an Steinkohle ist, welche der besten englischen an Güte gleichkommt.

In der nun folgenden Kreideformation kommen in Wenig-Rackwitz in Schlesien und bei Grünbach in Oesterreich bauwürdige Steinkohlenflötze vor. Bei Quedlinburg baut man ein schwaches Kohlenflötz in den bunten Thonen eines der zahlreichen Glieder ab, aus denen die Kreideformation zusammengesetzt ist.

Steigen wir noch höher in der Reihe der Gebirgsformationen empor, so treten wir in das Gebiet der sogenannten Tertiärformationen. Wenn wir den großen Unterschied zwischen den Stein- und Braunkohlen — welchen letzteren wir nun begegnen — im Auge behalten, so müssen wir geneigt sein, zwischen der Ablagerung der Kreideformation und der der ältesten Tertiärschichten eine lange Zwischenzeit anzunehmen. Der Zeitraum, während welches die Tertiärschichten auf Deutschlands Boden abgelagert wurden, ist ohne Zweifel ein sehr langer gewesen und es scheinen dieselben zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen beschränkteren Oertlichkeiten unabhängig von einander abgelagert worden zu sein. Daher findet man auch die diesen Schichten zukommenden Braunkohlenlager sehr verbreitet und von den verschiedensten Graden der Umwandlung aus Holz in kohlige Substanz, so daß die Braunkohlen oft dem lebendigen Holz noch ganz nahe stehen oder der echten Steinkohle schon sehr nahe kommen. Der berühmte Geolog Leopold von Buch hat die zahlreichen Braunkohlenlager Mittel- und Norddeutschlands in sieben Becken gruppirt:

1. Das Oberrheinische Becken, zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen.

2. Das Rheinisch-Hessische Becken, zwischen dem Taunus, dem Westphälischen Sauerlande und dem Thüringer Walde.

3. Das Niederrheinische Becken, von Bonn bis über Aachen und Düsseldorf.

4. Das Thüringisch-Sächsische Becken; es begreift Thüringen und die sämmtlichen sächsischen Lande.

5. Das Böhmische Becken, das nördliche Böhmen.

6. Das Schlesische Becken, vom Bober bis tief nach Oberschlesien; es hängt mit den galizischen und polnischen Braunkohlenbildungen zusammen.

7. Das Norddeutsche Becken, umfaßt den ganzen Norden Deutschlands, bis Preußen, Posen und Polen.

Die Vertheilung des Torfes ist nicht mehr, wenigstens nicht mehr allein von vorweltlichen Anlässen abhängig. Wir wissen, das die Torflager sich am häufigsten auf rauhen, teilweise bewaldeten Hochebenen finden und noch fortwährend im „Wachsen“ begriffen sind. Wir werden dem Torfe später eine besondere Besprechung widmen. (Im nächsten Artikel folgt eine Schilderung des Vorkommens und der Entstehung der Steinkohle.)


Ein Pionnier des Geistes.
Von Ludwig Storch.
(Fortsetzung.)


In eignen Verlage erschien 1825 eine englische belletristische Zeitschrift „Meyer’s british Chronicle“ und ein Handbuch für Kaufleute, beide mit großem Absatz. Und auch mit diesen Verlagsartikeln brach Meyer eine neue Bahn im Buchhandel, die nachher Andere mit so großem Erfolg gewandelt sind; er begründete damit das Subscriptionswesen auf größere Werke in periodisch erscheinenden Bruchtheilen. Dieser kühne Geist war vom Schicksal bestimmt, überall, wo er auftrat, neue Sphären zu eröffnen. Ermuthigt durch den großartigen Erfolg seiner billigen Preise, faßte Meyer die Idee, ein eignes großes Verlagsgeschäft auf denselben Principien zu gründen, welches dem Volke für wenige Thaler eine unterhaltende, anregende und belehrende Literatur in die Hände geben und alle dem Buchhandel verwandten Arbeitsbranchen in sich vereinigen, d. h. die Bücher vollständig produciren sollte. Meyer’s Ideen verwandelten sich immer rasch in lebende Gestalten; seine neueste Schöpfung war das „Bibliographische Institut.“ Ein reizend über der Stadt an einer Anhöhe gelegenes Wohnhaus mit Grundstück erhielt die nöthigen Anbauten, die weltbezwingenden bleiernen Soldaten mit ihren Batterien, den Pressen, wanderten ein, Lithographie und Buchbinderei wurden hergestellt, und die Eroberungsschlacht des Geistes begann unter Leitung des muthigen und einsichtsvollen Feldherrn.

Und gewiß war der erste Wurf ein ungemein glücklicher. „Das Volk muß seine Dichter für einige Groschen kaufen können, damit es sie sich in Fleisch und Blut verwandle. Ohne solche Kenntniß seiner Dichter bleibt es ewig in der Sclaverei der Dummheit und des Egoismus.“ Also sprach Meyer und gab dem deutschen Volke vier verschiedene Ausgaben der älteren deutschen Classiker in geschickter Auswahl, Miniatur-, Cabinets-, Hand und Quartausgabe, und in vielen Hunderttausenden wanderten sie in die Häuser und Hütten, „so weit die deutsche Zunge klingt.“

Man hat die Blumenlese aus den Classikern oft als Nachdruck bezeichnet, und die Cotta’sche Buchhandlung in Stuttgart ließ als rechtmäßige Eigenthümerin der Goethe’schen und Schillerschen Werke die Bände der Meyer’schen Ausgabe, welche Auszüge aus denselben enthielten, mit Beschlag belegen. Was daraus geworden ist, kann ich nicht angeben, der Proceß hat lange gewährt. In Bezug auf die moralische Beschuldigung mußte man Meyer selbst hören. Da stand er fest auf humancultorischem philanthropischem [634] Standpunkt. Dem Volke seine großen Dichter vorenthalte, sei eine Versündigung am Volksgeiste, an der ganzen Nation, welche die vollgültigsten Ansprüche an geistige Ausbildung habe. Hohe Preise der Dichterwerke seien aber eben die bezeichnete Sünde, welche grober Egoismus, auf Privilegien und Schutzbrief gestützt, so lang als möglich in seine Taschen ausbeute. Goethe und Schiller seien Eigenthum der Nation und nicht einiger Nachkommen dieser Männer und einer Buchhandlung, welche nach Belieben hohe Preise für die Werke dieser Dichter fordere. Jeder Deutsche muß sie drucken und verkaufen können. – Daß sich vom juristischen Standpunkte aus viel gegen dieses Räsonnement einwenden läßt, versteht sich von selbst. Inzwischen darf man die billigen Ausgaben, welche die Cotta’sche Buchhandlung in neuester Zeit von den in ihrem Verlage erschienenen Classikern veranstaltet und davon einen ungeheuren Absatz erzielt hat, geradezu als eine Folge der Meyerschen Bestrebungen bezeichnen. Es leuchtet in die Augen, welch großen Dank das deutsche Volk unserm Meyer schuldig ist.

Aber nicht blos als Nachdrucker, sondern als Buchdrucker überhaupt erfuhr Meyer die stärksten Anfechtungen. Die Reyhersche Buchdruckerei in Gotha besaß ein altes von allen Landesfürsten bestätigtes Privilegium, welches sie gegen Meyer geltend machte. Vergebens stellte dieser vor, daß er ja nur für seinen eigenen Verlag drucke, also mit dem Reyherschen Privilegium gar nicht collidire. Der herkömmliche Unsinn behielt, wie gewöhnlich, die Oberhand. Dazu trug viel bei, daß Meyer unter den hochgestellten und einflußreichen Leuten, die nicht an einem Ueberschuß von Genie und Bonhomie litten, viele Feinde hatte. Er konnte nicht katzenbuckeln und kriechen; er war kurz angebunden, geradeheraus und zuweilen gar grob. So wurde er denn in seiner Vaterstadt ein Gegenstand allgemeinen Aergernisses. Alle nur erdenklichen Hindernisse, die aus Zunftgesetzen, Gewerbszwang und gekränktem Autoritätsdünkel herzuleiten waren, wurden ihm in den Weg geworfen. Jedermanns Hand war gegen den „tollen Abenteurer,“ welcher noch vor wenigen Jahren Kattun und Band verkaufte, dann in London und Weilar „verrückte Dinge getrieben,“ nachher den „Shakespeare verbessert“ hatte und nun in der sehr ehrbaren Stadt Gotha ein „Nachdruckergeschäft“ etabliren wollte. Das Geschrei gegen ihn war groß; er kam nicht viel aus dem Gerichtssaale des Rathhauses.

Aber damit war der Hader und der Streit, den Meyer durchzukämpfen hatte, noch lange nicht erschöpft; die ganze Buchhändlerwelt, die sich in ihrem süßen Schlendrian durch diesen naseweisen Eindringling gestört sah, entbrannte in Zorn gegen ihn. Man wollte seine Verlagserzeugnisse nicht auf dem herkömmlichen Wege expediren; man griff ihn öffentlich mit Hohn und Spott an. Meyer wählte sogleich einen anderen Weg; er vertrieb seine Bücher durch die Post und Colporteure; er schrieb Entgegnungen auf die erfahrenen Angriffe und erlittene Behandlung, welche Meisterstücke genannt zu werden verdienen. Außer den göttlichen Grobheiten Jean Pauls las ich nie Aehnliches in diesem Genre. Bald spielte er mit dem Feinde wie die Katze mit der Maus, bis er ihm plötzlich den Kopf abbiß, bald vernichtete er ihn gleich, machte ihn wieder lebendig, um ihn nochmals todt zu schlagen und zu begraben. Damals traten die beiden Hauptrichtungen seines geistigen und seelischen Wesens schon scharf und deutlich hervor: gegen die ihm feindliche Außenwelt die gigantische stachlige Natur, der mit der Keule dreinschlagende Herkules, in seinem Hause Friede und Freude, thätige Ruhe, ruhige Thätigkeit, poetischer Cultus der heitern sanften Götter des Heerdes, das Glück zärtlicher Liebe und Eintracht. Der kämpfende Herkules war hier ein sanftes Kind, mit einem andern Kinderherzen aufs Innigste verbunden. Seine geliebte Minna war seit 1825 sein Weib. Um diese Zeit war’s, als ich zuerst mit Meyer in Verbindung trat und für ihn arbeitete.

Nie sah ich ein glücklicheres Ehepaar, nie ein reizenderes Bild in sich abgeschlossener befriedigter Häuslichkeit. Die junge hübsche Frau arbeitete mit ihrem Manne als Buchhalter; es war ein ungemein wohlthuender Anblick, sie emsig schreibend ihm gegenüber am Schreibpulte stehen zu sehen.

Nach langen Jahren – fast einem Menschenalter – bietet sich mir jetzt zum ersten Male ungesuchte Gelegenheit, die tiefgerührte Bewunderung öffentlich auszusprechen, welche mir die sittige, bescheidene und gleich ihrem Gatten nach allen Seiten hin unermüdlich thätige Frau einflößte. Nie hab’ ich wieder so viel wahre echte Tugenden in einem Weibe beisammen gesehen, nie bot sich mir wieder ein so vollständiges Bild einer deutschen Hausfrau. Nie sah ich auch wieder in solch’ idealer Schönheit und Vollkommenheit die Harmonie des ehelichen Zusammenlebens, nie paßten Eheleute besser zusammen. Frau Meyer war die weibliche Kehrseite ihres Gatten; sie verstand nicht nur seinen universellen Geist vollkommen, sie besaß auch diejenigen schönen Talente und Eigenschaften, welche diesem Geiste als Stützen und Ergänzungsmittel zu dienen eben so geschickt als willkommen waren.

Und so ist diese, treffliche Frau längere Zeit, namentlich so lange der Ausbau des bibliographischen Instituts der hauptsächliche Gegenstand der Sorge und Thätigkeit Meyer’s war, ein sehr wichtiger und wirksamer Factor im Gedeihen desselben gewesen und hat, wie die meinige, oft die Bewunderung Aller erregt, denen zu beobachten Gelegenheit geboten war, mit welcher wahrhaften Virtuosität sie ihre Obliegenheiten als Mutter und Hausfrau, mit den von ihr so lebhaft verfolgten und geförderten Geschäftsinteressen zu verbinden wußte.

Es ist für die rührende Gattenliebe, die großartige Energie, den edlen Stolz und den ehrenhaften Unabhängigkeitssinn Meyer’s und seiner Lebensgefährtin bezeichnend, daß während des lebhaftesten Betriebs des Geschäfts er keinen Comptoirgehülfen und sie keine Dienstmagd hatte. Außer einem beträchtlichen Theil der Comptoirarbeiten besorgte Frau Meyer vorzüglich die Auswahl und die Redaction der in die vielerlei Ausgaben der Classiker aufzunehmenden Stücke. Kann man sich ein wohlgefälligeres Bild denken, als das einer jungen anmuthigen Frau, die, wenn sie in der Küche und Kinderstube treu und emsig gewaltet, auf dem Comptoir des Gatten Berge von Arbeit bezwingt und dann in den Mußestunden aus den Geisteswerken deutscher Schriftsteller die treffende Auswahl für das deutsche Volk trifft? Man wird gestehen müssen, die Frau war in ihrer Art so ausgezeichnet, wie der Mann in der seinigen, und Beide ein höchst seltenes und sehr ehrenwerthes Ehepaar.

Der sehr gescheidte Chef eines Dikasteriums in Gotha hatte, der Sage nach, geschworen, er wolle Meyer aus der Stadt treiben oder selbst davongehen. Meyer begriff, daß er werde weichen müssen, und sah sich nach einer Zufluchtsstätte um. Die Einladung des regierenden Herzogs von Sachsen-Meiningen, sich in seinem Lande niederzulassen, wo ihm alle nur erdenklichen geschäftlichen, gewerblichen und geistig tendentiösen Freiheiten gewährt werden sollten, bestimmte Meyer, im Herbste 1828 nach Hildburghausen überzusiedeln. Er wurde dieser Stadt mit seinem großartigen Etablissement bald ein Ersatz für den Hof, welcher kurz zuvor nach Altenburg gezogen war. Für Gotha ist Meyer’s Austreibung ein nicht zu berechnender Verlust gewesen, und gewiß wäre dieser unverzeihliche Mißgriff nicht geschehen, wenn die neue Regierung den Mann und die Verhältnisse genau kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hätte.

Mit Meyer’s Einrichtung in Hildburghausen beginnt eine neue Periode seiner Wirksamkeit, die des großartigen Aufschwungs, des materiellen und geistigen Wachsthums, welches, unterstützt von geldkräftigen Freunden, zwanzig Jahre lang (bis zum Jahr 1848) in ununterbrochener Ausdehnung begriffen gewesen ist. Die Geschichte dieser in ihrer Art einzigen Entwickelung kann natürlich hier nur angedeutet werden. Für viele in Meyer’s späterem Leben auftretenden ungewöhnlichen Erscheinungen fließen mir auch keine Quellen, doch verdiente Meyer mehr, als viele Andere, einen tüchtigen mit allen Verhältnissen vertrauten Biographen, damit Deutschland die Kraft, Tüchtigkeit, die ungeheuere, schier fabelhafte Thätigkeit und den großen Sinn dieses ausgezeichneten Mannes nach allen Seiten hin und in allen Einzelnheiten genau kennen lernte.

In den ersten Jahren zu Hildburghausen traten zu den bisherigen mit übergesiedelten Unternehmungen die Anfänge des Kunst- und kartographischen Verlags, welcher hernach so ungemein große Resultate lieferte.

Das Jahr 1830 rief unsern Meyer, wie viele Andere, auf das politische Gebiet; er wurde sich seiner Kraft auch nach dieser Richtung bewußt und auf dem festen Flügel seines Genius erreichte er den hohen, alles beherrschenden Standpunkt, von welchen, aus er bis an sein Ende die werdende Geschichte der Völker so richtig und wahr beurtheilte. Zwar wurde das von ihm gegründete politische Blatt „der Volkfsreund“ bald unterdrückt, aber er schuf sich sogleich ein anderes Organ, welches durch die Kühnheit, [635] Kraft, Leichtigkeit, Gewandtheit und lichtvolle Darstellung seiner Feder weltberühmt geworden ist, sein „Universum“. Dieses Bilderwerk hat nichts Gleiches in der ganzen Welt, nicht der Stahlstiche wegen, so schön und vollendet sie auch meist sind, sondern seiner originellen Darstellung wegen. Und die war Meyer’s eigenthümliche Schreibart. Bis zu 17 Bänden ist das Werk seine eigene Schöpfung. In ihnen hat sich Meyer als einer der ersten deutschen Schriftsteller bewahrt, würdig genannt zu werden, wo man die besten Namen nennt. Ja, diese Stahlfeder! sie hat Vulcan geschmiedet, aber Josef Meyer ist selbst der Vulcan der Neuzeit und die Feder wird in seiner Hand zum Hammer, unter dessen raschen kräftigen Schlägen die Geistesfunken sprühen und die Schlacken veralteter Zustände abfallen. Und der moderne Vulcan ist zugleich der moderne Prometheus, der mit götterscharfem klarem Blick in alle Höhen und Tiefen des obsolet gewordenen Lebens dringt, alle Fäulniß bezeichnet, alle Krankheit beim rechten Namen nennt, und nun wieder der Herkules, der die Sümpfe auszutrocknen, und der Aeskulap, der die Krankheit zu heilen versteht. Die Feder wird zum Flügel, auf welchem er prächtig und sicher, titanenmäßig, wie Alles, das er thut, himmelstürmend emporsteigt, und dann ist sie selbst wieder ein dem Flügel eines über die Noth und das Leid der Menschheit wehmüthig trauernden Engels entfallener Kiel, und ihre Klänge tönen ein Klagelied, wie die an den Weiden aufgehängten Harfen des gefallenen Volkes Israel.

Ja, ein wahres Universum ist dieses Werk Meyer’s und es sichert seinem Namen die Unsterblichkeit. – Das Werk zählte in Deutschland allein über 80,000 Abonnenten, es suchte die Deutschen in allen Ländern des Erdbodens auf und wurde eine Zeit lang in zwölf Sprachen übersetzt. Welches deutsche Buch hat ein gleiches Schicksal erfahren?

Verbote des Werks wegen der darin ausgesprochenen politischen Ansichten blieben natürlich nicht aus und schmälerten den Absatz, am meisten in den Jahren 1850 und 1851. Im letzteren Jahre hatte Meyer auch wegen einer Stelle des Universums, die ihm Anklage und Verurtheilung zugezogen hatte, mehrmonatliche Gefängnißstrafe zu bestehen.

Von den übrigen Unternehmungen des bibliographischen Instituts sind hervorzuheben: Ausgaben der griechischen und römischen Autoren (unvollendet), die verschiedenen Ausgaben der Bibel, die es in Millionen Exemplaren verbreitete; die neue und erweiterte Ausgabe der deutschen Classiker: „Familienbibliothek“, 100 Bände; „Groschenbibliothek“, 365 Bändchen; „Nationalbibliothek“, 120 Bände. – Ferner: das Riesenwerk „Meyer’s Conversationslexicon“ in 52 starken Großoctavbänden, eine der größten und besten Encyklopädien der Welt; die „Volksbibliothek der Naturkunde“, 102 Bände, und die noch unvollendete „Geschichtsbibliothek“; große und kleinere Atlanten und der reichhaltige und großartige Kunstverlag, welcher Werke der namhaftesten Stecher, wie Amsler, Barth, Fr. Müller, Felsing, Corrichon, Krüger, Neureuther, Kohl, Schüler u. A. enthält.

Gegen Ende der dreißiger Jahre tritt Meyer’s geniale Thätigkeit in eine neue Entwickelungsphase, welche seinen gewaltigen Unternehmungsgeist und sein erstaunliches Organisationstalent erst recht schlagend bekundete und in das klarste Licht setzte.

Es sind seine bergmännischen Unternehmungen, mit welchen ein neuer noch schwunghafterer, höher strebende Flügelschläge seines Genius vorführender Abschnitt seines Lebens beginnt. Nach dem gewöhnlichen Lebensgang der Menschen hätte man meinen sollen, daß die vielfachsten immer höher gesteigerten Kraftanstrengungen des nach allen Seiten hin wachsenden Instituts alle materiellen und geistigen Mittel Meyer’s absorbirt hätten, und jetzt gerade macht er Unternehmungen, welche, in keinem Zusammenhange mit den zeitherigen, diese an riesenhafter Thätigkeit, weitgreifender Speculation und kühner Combination weit hinter sich lassen. Seine mineralischen Anlagen umfassen allmählich alle nutzbaren Berggüter, und er besitzt zuletzt Steinkohlen- und Braunkohlenwerke, Torfstiche, Eisen-, Kupfer- und Silberminen, Kobald- und Nickelgruben, Schiefer- und Marmorbrüche, Thongruben und Hüttenwerke. Sollte man es für möglich halten, daß derselbe Mann, der auf seinen Schnellpressen Millionen Bücher, auf seinen Kunstpressen Millionen Bilder drucken läßt, hier die literarische Thätigkeit seiner zahlreichen Schriftsteller, dort die seiner Künstler, und in Newyork, Philadelphia, London, Paris, Amsterdam, Pest von ihm errichtete Zweiggeschäfte leitet, der sein Universum schreibt, an seinem Conversationslexikon die besten Artikel selbst arbeitet, daß dieser selbe Mann in die Erde hinabsteigt, um die gesammten unterirdischen Schätze Thüringens in seiner Umgebung aufzuschließen und dadurch dem von ihm so heiß geliebten Lande neue Arbeits- und Erwerbsquellen zu eröffnen? Und doch that dieser Mann noch mehr, noch weit mehr, wie wir bald sehen werden, und mit welcher Energie griff er dieses und jenes und Alles an!

Die bedeutendsten seiner industriellen Schöpfungen waren die auf Actien gegründeten „Hüttenwerke der deutschen Eisenbahnschienen-Compagnie“ und die Kohlenwerke bei Neuhaus in der Nähe von Sonnenberg.

Wie weltumfassend Meyer’s ins Leben gerufene Ideen waren, beweisen vorzüglich zwei Unternehmungen, die nach ganz entgegengesetzten Richtungen hin, doch beide auf die Förderung der modernen allgemeinen Volksbildung und Hebung des materiellen und ideellen Volkslebens (seine eigentliche Lebenstendenz) abzielten. Es waren dies die Errichtung der eben erwähnten Commanditen seiner Buchhandlung schier in allen Hauptstädten der civilisirten Welt und die Idee seines „Centraldeutschen Bahnnetzes,“ welche 1837 zur Concessionirung und Actienzeichnung gereift war. Beide Unternehmungen sind nicht geglückt; das erste scheiterte an der Untauglichkeit und Gewissenlosigkeit der an den verschiedenen Platzen angestellten Geschäftsführer und in Amerika an der Teilnahmlosigkeit der meisten dortigen Deutschen am literarischen Fortschritt ihrer Nation im Mutterlande, das andere an der Weigerung einer einzigen deutschen Regierung, Meyern die Concession zu ertheilen. Beide aber bilden nichtsdestoweniger wichtige und merkwürdige Momente in Meyer’s bibliographischer und industrieller Wirksamkeit und geben von der seiner Zeit weit vorauseilenden, gleichsam prophetisch schaffenden Gestaltungskraft seines Geistes einen richtigen Begriff.

Jener ausländischen Thätigkeit Meyer’s, in seiner Weise (die man wirklich nur die Meyer’sche nennen kann) begonnen und betrieben, sei hier nur mit einigen Worten gedacht.

Das erste Newyorker Etablissement und Zweiggeschäft des Instituts wurde 1832 gegründet, ging aber bei dem bekannten großen Brande der nordamerikanischen Hauptstadt 1835 wieder unter. Ende der dreißiger Jahre gründete Meyer eine zweite amerikanische Commandite in Philadelphia, die sich außer mit dem Vertrieb des eignen Verlags des Mutterhauses auch mit specifisch amerikanischer Literatur und Kunst befaßte und selbst producirte. Das Geschäft hatte nach zwei Jahren ansehnlichen Umfang erreicht, als es plötzlich durch Betrug und moralische Schlechtigkeit seines Vorstehers zu Grunde ging. Fast gleichzeitig oder kurz nachher nahmen die übrigen mit dem ersten Newyorker zusammen errichteten Zweiggeschäfte in London, Paris, Amsterdam und Pest aus ähnlichen Gründen ein Ende. Allen diesen Etablissements fehlte das persönliche Wirken Meyer’s. Erst 1849 wurden von Seiten Meyer’s wieder neue Verbindungen mit Nordamerika angeknüpft und zwar durch seinen einzigen nun herangewachsenen, durch Bildung, Geschäftskenntniß und Charakterfestigkeit gleich ausgezeichneten Sohn Hermann, welcher 1850 in Newyork ein eignes Etablissement unter seiner Firma gründete, für welches das Bibliographische Institut hauptsächlich producirte. Dieses Geschäft und seine Beziehungen zum Bibliographischen Institute bestehen auch nach der Rückkehr des jungen Meyer in die Heimath 1855 noch fort. –

Und auf dieses einen Mannes Schultern ruhte die ganze tausendfältige Sorge und die Gebirgslast der Leitung all dieser ausgedehnten verschiedenartigen Geschäfte, von der hundert starke Männer zu Boden gedrückt worden wären, und obgleich er sich’s nicht leicht machte, so trug er sie doch mit Anmuth und Würde, und wenn Andere ausruhten von tausendmal geringerer Arbeit und sich behaglicher Muße überließen, dann warf er erst beim Strahl von Minerva’s Nachtlampe seine gewaltigen Apostrophen an das deutsche Volk auf das Papier, ja es gelang ihm wohl ein heitres Gedicht; dann gab er sich in seiner Weise Jahre lang neuen Arbeiten zu seiner weiteren Ausbildung hin. Eine Wissenschaft nach der andern nahm er vor; sein scharfer Verstand drang schnell bis auf den Kern jeder Sache, und sein erstaunliches Gedächtniß hielt tausend verschiedene Einzelheiten so fest, daß sie ihm zu jeder Zeit gegenwärtig waren. Auf diese Weise gelangte er ganz durch sich selbst, ein wahrer Autodidakt, zu der universellen [636] Bildung, die man während der flüchtigsten Unterhaltung an ihm zu bewundern Gelegenheit hatte.

Kein Wunder aber, wenn sein kerngesunder, kräftiger Körper endlich doch von der namenlosen und unausgesetzten Anstrengung und den aufreibenden, nie endenden Widerwärtigkeiten angegriffen und morsch wurde! War es doch bei ihm viele Jahre Regel, immer drei Nächte in der Woche durch zuarbeiten, in den übrigen Nächten sich nur wenige Stunden Schlaf und am Tage niemals Rast zu gönnen. Eine schwere, lebensgefährliche Krankheit hielt ihn 1842 lange am Siechbette gefesselt, und sie ist’s, die abermals eine neue Epoche in Meyer’s wunderbarem Wirken und Schaffen bildet. Es ist allerdings wahr, daß Meyer’s gesammte Thätigkeit von seinem ersten Auftreten als Geschäftsmann bis zu seinem Tode den Charakter einer industriellen trägt, weil sein erfinderischer Geist, sein großartiges Organisationstalent und sein wunderbarer Scharfblick ihn auf allen Gebieten seines Wirkens die praktische Seite ins Auge fassen ließ und ihm die umfassendsten Mittel zur Ausführung seiner Pläne an die Hand gab, allein von 1825 bis 1842 hatte diese Thätigkeit eine überall gleich stark hervortretende geistig-sittliche Tendenz; sein praktisches Wirken hatte einen reichen, festen, von höhern Potenzen durchgeisteten Boden, er wurde gehoben und getragen von einer großen, weltbezwingenden Idee; was er that, so scheinbar materiell es auch sein mochte, war dennoch eine Mission des Idealismus, der da berufen ist, die Menschheit in immer neuer Wandlung und Verjüngung einem großen Ziele entgegen zu führen.

(Schluß folgt.)


Blätter und Blüthen.

Ein Besuch bei Ferdinand Freiligrath.[1] Die ungeheuere Steinmasse, welche London genannt wird, hat während des letzten Jahrhunderts noch eine Stadt, noch einen Flecken und noch dreiundvierzig Dörfer in ihr Weichbild aufgenommen und fährt fort, täglich Vorstädte und ein grünes Feld nach dem andern zu verschlingen, und Häuser erstehen unter der geschäftigen Hand der Bauleute, wo vor Kurzem noch Obst, Gartenfrüchte und Blumen von kunstfleißigen Gärtnern gezogen wurden. Gleich den tausend Wurzeln eines alten, gigantischen Baumes streckt diese größte aller Städte ihre Straßen und Lebensadern weit nach allen Seiten hin aus und wenn auch vor fünf Jahren ein Parlamentsbeschluß festsetzte, bis hierhin und nicht weiter solle London gehen, so wird doch im nächsten Jahrzehent eine abermalige Acte erlassen werden müssen, welche wieder andere neu erstandene Flecken und Dörfer in die Metropolis aufnimmt. Innerhalb dieser parlamentarischen Grenzen umschließt sie gegenwärtig vier jener Reiche, welche vor tausend Jahren die sächsische Heptarchie bildeten, und der Lauf der Themse umfaßt in seiner schlangenartigen Windung von einem Ende bis zum andern – von Hammersmith bis Woolwich – zwanzig englische Meilen – zwanzig Meilen, an denen sich Haus an Haus reiht und deren Masse sich unabsehbar weit zu beiden Seiten hin ausdehnt.

Eines jener „Dörfer“, welches schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts London einverleibt wurde, ist Hackney, welches eine Einwohnerzahl von wenigstens hunderttausend Menschen umschließt. Wir steigen hinauf zum North-Western-Railway (nordwestliche Eisenbahn), denn bekanntlich erklimmt man Treppen, als ginge es zu einem Thurme hinauf, um die Eisenbahnen zu erreichen, welche nicht durch die Stadt, sondern über diese hinweggehen. Auf manchen Stellen hat man unter ihnen die Häuser weggerissen und riesige Bogen, so unerschütterlich festgemanert wie die römischen Wasserleitungen, welche noch jetzt nach Jahrtausenden das Staunen des nachgebornen Geschlechts erwecken, an deren Stelle zum Stützpunkt des hoch oben fortgehenden Schienenweges gesetzt. Die englischen Bahnzüge pflegen noch einmal so schnell, wie die deutschen zu gehen; wir fliegen also über ein Meer von Dächern und Schornsteinen hinweg, sehen Thürme an unsern Seiten aus ihm hervorragen, wie Fingerzeige nach oben – und tief unter uns Straßen, in denen Menschen pygmäenartig sich herumtreiben und Fuhrwerke jeder Gattung sich uns darstellen, als seien sie für Liliput bestimmt – und steigen endlich in Hackney am einen Ende der Stadt aus, wo uns gegen das lärmende Treiben im Mittelpunkt eine vergleichungsweise Stille umgibt. Wir langen bei einem der vielen im Innern Londons sich befindenden Kirchhöfe an, wandern durch eine grün beschattete Fläche, auf welcher sich Grabsteine, Sarkophage und sonstige nicht sehr geschmackvolle Denkmale ausbreiten, meistens von Gittern umgeben. Diese Grüfte lassen wir hinter uns, gehen noch einige Minuten und langen zuletzt am Ende einer modern gebauten Häuserreihe vor einer Wohnung an, in welcher eins der edelsten Reiser unseres deutschen Dichtergartens ein Asyl auf fremder Erde gefunden hat.

Eine Schaar muntrer, wohlgebildeter Kinder spielte im Garten. Nach englischer Weise bewohnte auch diese Familie ein ganzes Haus, da man sich jenseits des Canals nicht gern – wie so oft bei uns in den Hauptstädten – nur auf eine Etage beschränkt. Ich fragte das auf mich zukommende, zehnjährige Mädchen nach Herrn Freiligrath, übergab ihr den Brief, der mir von Freundeshand für den fern wohnenden Landsmann mitgegeben war, und trat in das zunächst gelegene Wohnzimmer, wo ich für einige Minuten Zeit hatte, mich in dessen Häuslichkeiten umzusehen. Auf dem Tische in der Mitte des Gemaches lagen Albums und sonstige Bücher, welche in England niemals in den Zimmern fehlen, in welchen man Besuche annimmt. Aus der Nebenstube sah mir über dem Kamin ein Bildniß entgegen, welches dasjenige des verbannten Dichters sein mußte. Es war von seinem Freunde Hasenclever in treuester Lebenswahrheit aufgefaßt und erinnerte in der Manier etwas an die Rembrandt’sche Weise. Mehrere Medaillons, von der fertigen Hand von Kraß gearbeitet, der auch im Sydenhamer Krystallpalast seinen Kunstfleiß zeigt, hingen unter dem Portrait. Das eine links wieder Freiligrath, rechts seine Gattin, zwischen ihnen ihre Kinder, wie ich später erfuhr. Auch ein paar Kupferstiche von Rapbael schmückten nebst anderen deutschen Erinnerungen die Wände.

Jetzt trat der Hausherr ein. Eine hohe, kräftige Gestalt mit einem etwas blassen Gesicht, vielleicht etwas vor der Zeit gealtert, aus dem aber die ewige Jugend des Genius, Güte und edle Freundlichkeit sprach, so wie in den dunkeln Augen noch immer jene Welt der Gedanken leuchtete, welche in der schwungvollen Sprache – wie sie nur Freiligrath eigen ist – so viele tausend Herzen entzückt hat. In das dunkle, glattgestrichene Haar, welches von der hohen, gewölbten Stirn fiel, mischte sich leichtes Grau: Herzensbewegung und Sorge bleichen oft das Haar, wenn auch der Lauf der Jahre es noch mit seinem Reife verschont haben würde und auch der löwenartigste Charakter wird durch den Groll des Schicksals gebändigt. Er bewillkommnete mich mit einem treuen, deutschen Händedruck und sprach seine Freude aus, durch mich einmal wieder etwas Ausführliches von den Freunden in der Heimath zu hören. Bald trat auch seine Gattin ein, Frau Ida, eine hohe, wohlgebildete Gestalt mit einem feinen, regelmäßigen Gesichte, welches jedoch einen leidenden Ausdruck wie dasjenige ihres Gatten trug. Als ich zwischen ihnen saß, begann das gegenseitige Fragen und Erzählen, wie es die liebe Gewohnheit unter Gemüthern ist, welche, wenn auch nicht durch längeren persönlichen Umgang vertraut, sich dennoch geistig nahe stehen. Er sagte mir, daß er mit den übrigen in London lebenden Deutschen wenig Verkehr habe. „Es bleibe ihm nicht viele Zeit zu geselligen Freuden, denn in London müsse man arbeiten, wenn man vorwärts wolle.“ Doch empfinge er Abends gern Bekannte, wenn die Beschäftigung des Tages geschehen sei. Dem kaufmännischen Geschäfte gewidmet, sei er gegenwärtig durch eine Verkettung widriger Umstände ohne Anstellung. Diese erhielt er jedoch bald darauf, indem er Director der schweizer Bank wurde, ein Posten, welcher seinen Mann nährt, wie mir von kundiger Seite gesagt wurde, und welcher also den Dichter in den Stand setzt, die Stunden seiner Muße sorgenfrei seiner Muse widmen zu können, deren reicher Quell noch immer frisch sprudelt und uns die Beweise gibt, daß seine reiche Begabung sich in immer neueren Schöpfungen ausspricht. Fünf muntere Kinder erschienen nach und nach, von dem ältesten, zehnjährigen Käthchen bis zu dem Jüngsten, das noch auf dem Arme getragen wurde, lauter Ebenbilder des Vaters, Deutsch und Englisch mit gleicher Fertigkeit plaudernd.

Trotz meiner Weigerung ruhte Frau Ida in der echt gastlichen Weise unsers großen Vaterlandes nicht, bis ich von dem angebotenen Frühstück einige Bissen und einen Trunk genossen hatte, welcher letztere in der Wärme des Sommertages und nach der langen, von mir zurückgelegten Strecke Weges allerdings sehr erfrischend war. Dann führte mich Freiligrath in seine Studirstube, wo mich Alles traulich und heimisch ansprach als ein Bild des gemüthlichsten Stilllebens. Bücher, Gemälde ringsum, der Schreibtisch der Mittelpunkt; vor diesem der mit Saffian bezogene Lehnstuhl. Die beiden weit herunter gehenden, mit Balcongitter versehenen Fenster boten die Aussicht auf die einsame Straße. Er brachte eine Mappe herbei, in welcher er Photographien aufbewahrte, die er auf seiner letzten Reise nach Schottland erworben. Das Wohnhaus von Robert Burns, von dessen Liedern er uns so manche im Deutschen wiedergegeben hat, und die diesem nahe gelegene Kirche, Beides düster und hart gehalten, sind mir am lebendigsten in der Erinnerung geblieben. Burns’ mehr als achtzigjährige Schwester lebt noch in Ersterem.

Endlich schlug die Stunde des Abschieds. Freiligrath geleitete mich über den Kirchhof bis zu dem Punkte, wo der Omnibus vorüber kommt, um seine Fahrt in die Stadt hinein fortzusetzen. Ich ließ seinen Arm los; noch ein warmer Händedruck, noch ein freundlicher Gruß an Frau Ida und alle lieben Kleinen – und fort rollte ich, hinein in den Schwall des Londoner Lebens, in welchem mich die Erinnerung an die edle Persönlichkeit des wackern Dichters, an seine traute Häuslichkeit und an das friedvolle Bild des ihn umgebenden Stilllebens noch lange wohlthuend umfing, und mich bis nach Deutschland hinüber geleitet hat. Charles Dickens erzählt uns in seinen Household Words eine Geschichte von einem Maler, deren Moral darauf hinausgeht: Es ist besser ein ehrlicher Mann zu sein, als ein Genie. – Hier aber hatte ich ein Genie gefunden, welches zugleich ein ehrlicher Mann ist und aus dessen Munde ich das trauervolle Wort gehört hatte:

„Besser ein schöner Tod für das Vaterland, als das Leben eines Verbannten auf fremder, kalter Erde!“ –
M. N.
  1. Nicht von unserem gewöhnlichen Londoner Correspondenten.





Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ouadratmeilen