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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 20. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle. Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Schlom Weißbart.
Ein Bild aus Litthauen.
Vom Verfasser der schwarzen Mare.
(Fortsetzung.)


Bis zum Jahre 1848 bestand in Preußen die Strafe der körperlichen Züchtigung. Gegen Personen des Soldatenstandes wurde sie mit dem Stocke, gegen „Civilisten“ mit der Peitsche vollstreckt, gegen Knaben und Weiber mit der „Ruthe,“ d. h. mit Haselstöcken. Das System der Centralisation hatte sich auch dieses Prügelsystems bemächtigt. Wie bis zum Jahre 1806 die Zöpfe der Soldaten strenge und genau gemessen wurden, damit keiner einen längern trage als der andere, so wurden in den zwanziger Jahren eine Menge von Verordnungen erlassen, um eine Einheit in das Prügelsystem zu bringen. Normalpeitschen wurden von Berlin aus in die Provinzen geschickt. Den Peitschen folgten „Prügelmaschinen,“ nicht Maschinen nach Art der Dresch- oder Nähmaschinen, die das Prügeln verrichten sollten, sondern Maschinen, auf welche die armen Sünder gelegt und festgeschnallt wurden, um so mit desto größerer Muße, freilich aber auch mit desto geringerer Gefahr für ihre Gesundheit, die Strafe an ihnen vollstrecken zu können. Bei Gelegenheit der ersten Veröffentlichung des Entwurfes eines neuen Strafgesetzbuches für die preußischen Staaten kam die Rechtfertigung der körperlichen Züchtigung vielfach in Frage. Ich erklärte schon damals (im Jahre 1843) in meiner Kritik des Entwurfes wörtlich: „Eine Strafe, durch welche das gebrochene Recht gesühnt werden könnte, ist die körperliche Züchtigung nach dem gegenwärtigen Standpunkte des allgemeinen Rechtsgefühles nicht mehr. Ein Besserungsmittel? - Auf der Züchtigungsmaschine mögen viele gute Vorsätze gefaßt sein. Aber es mag wohl wenige gute Vorsätze geben, die so schnell wieder vergessen wären. Sie verschwinden mit dem Aufhören des körperlichen Schmerzes.“

Durch den Erlaß vom 6. Mai 1848 wurde diese Strafe endlich aufgehoben. Die Junkerpartei und ihre Laufburschen wollen sie jetzt wieder einführen. Zur Feier der Wiedereinführung der Patrimonialgerichte und der Umkehr der Wissenschaft? –

Nach der Criminalordnung sollte der Vollstreckung der körperlichen Züchtigung der Inquirent selbst beiwohnen; er sollte aber auch das Recht haben, sie durch einen Actuar dirigiren zu lassen. Ich hatte von jeher zu vielen Abscheu vor dieser Strafe, um nicht, so oft ich es konnte, von jenem Rechte durch Substituirung eines zuverlässigen Actuars Gebrauch zu machen. So that ich auch jetzt. Ich hatte wohl daran gethan.

Die Execution war eine doppelt widerwärtige gewesen. Der Jude mit dem kräftigen Körperbau, dem fast edel geformten Gesichte, hatte mit der vollen Schwäche und Feigheit, die schon früher seine Furcht vor der Strafe angezeigt, dem körperlichen Schmerze erlegen. Dennoch nicht so ganz, daß mit diesem körperlichen Schmerze nicht noch auch der Seelenschmerz gerungen hätte. Mit dem Geschrei „Auwai, Auwai, ich halte es nicht aus, ich sterbe,“ - hatte sich der Ruf vermischt: „Mein armes Kind, meine Sara, mein Kind; ich komme zu dir, ich komme auf dein Grab, zu zerreißen meine Kleider, zu reißen mir aus die Haare, den Bart.“ Dann hatte er wieder Auwai geschrieen, und um jeden Hieb handeln wollen mit Rubeln und Dukaten, seine Frau habe Geld bei sich. Nach Beendigung der Exekution hatte er eine volle Stunde gewinselt wie ein gezüchtigtes Kind. Dann hatte er sich plötzlich gefaßt, und gebeten, daß man ihn jetzt transportiren möge.

Mit Drohungen, besonders gegen die Beamten der Kreisjustizcommission, war er abgefahren, Gott werde ja wohl so barmherzig sein, Einen derselben einmal in seine Hände fallen zu lassen.


Etwa ein Jahr war seitdem verflossen. Die weitläufige Untersuchung gegen die Bande, deren Mitglied Schlom Weißbart hatte sein sollen, war noch immer nicht beendigt. Sie war durch mancherlei neue Ermittelungen, und besonders durch Geständnisse einzelner Angeschuldigter, immer verwickelter und weitläufiger geworden. Ueber Schlom Weißbart war dabei nichts Näheres zum Vorschein gekommen. Wohl aber stellten sich vielfach neue Verbrechen und Grausamkeiten gegen den Juden Schlom Schwarzbart aus Russisch-Neustadt heraus, der danach als die eigentliche Seele und zugleich als eines der verwegensten Mitglieder der Bande erschien. Dafür, daß Schlom Schwarzbart und Schlom Weißbart eine und dieselbe Person seien, ermittelte sich dabei gar nichts. Für das Gegentheil sprach vielmehr der Umstand, daß eine neue Bande von Verbrechern durch Diebstähle und Räubereien die Grenze seit kurzem wieder beunruhigte, und dabei jener Schlom Schwarzbart wieder seine alte Rolle spielte, über Schlom Weißbart alle Zeugnisse sich dahin vereinigten, daß er seit seiner Rückkehr aus Preußen ein durchaus stilles und eingezogenes Leben führe und zu keinem Verdachte irgend eine Veranlassung gebe.

Gleichwohl konnte ich mich noch immer nicht ganz des Gedankens erwehren, daß jene beiden Verbrecher nur eine Person seien, daß der listige Schlom Weißbart, um desto sicherer unentdeckt zu bleiben, bei seinen Verbrechen die Maske des frechen Schlom [270] Schwarzbart spiele, der in Wirklichkeit nirgends existirte. Zumal bei der Bestechlichkeit der russischen Behörden ging dies leicht an. Meine Requisitionsschreiben an die russischen Behörden bezüglich des Schlom Schwarzbart waren nicht einmal beantwortet worden. Mein Freund war bald nach meiner Ankunft in Litthauen nach Odessa versetzt. Ich gab dennoch die Hoffnung näherer Ermittelungen nicht auf. Von einer mündlichen Besprechung mit russischen Beamten erwartete ich Resultate. Die Grenze nach Preußen durfte zwar ohne Befehl oder Erlaubniß unmittelbar aus Petersburg kein russischer Beamter überschreiten. Desto häufiger führten mich meine Amtsgeschäfte nach Rußland hinüber. Aber immer waren es nur Untersuchungen über Grenzexcesse, die ich bisher dort zu führen gehabt hatte. Sie wurden nur mit den russischen Zollbeamten gemeinsam geführt. Und diese Zollbeamten hatten mit der übrigen Rechts- oder Polizeipflege nichts zu schaffen. Sie wußten daher auch nichts von einem Schlom Schwarzbart oder Schlom Weißbart, oder wollten nichts davon wissen.

Endlich traf es sich, daß in einer Untersuchung gemeinschaftlich mit einem Kommissarius des Landesgerichtes in Rossiena verhandelt werden mußte. Ein junges Mädchen aus einer angesehenen Bauernfamilie in der Nähe von Neustadt hatte ihr neugeborenes Kind ermordet, aus Wuth, weil ihr Verführer sie nicht heirathen wollte. Sie war in Neustadt verhaftet. Sie sollte an das Landesgericht in Rossiena abgeliefert werden. Der Weg von Neustadt nach Rossiena führte nahe an der preußischen Grenze vorbei. Hierauf hatten die Verwandten des Mädchens einen Befreiungsplan gebaut. Sie hatten sich mit preußischen Unterthanen an der Grenze vereinigt. Als der Wagen, auf dem das Mädchen, mit der Kindesleiche transportirt wurde, in die Nähe der Grenze kam, wurde er von einer großen Menge überfallen, und die Mörderin mit der Leiche nach Preußen geschafft. Die Transporteuere waren freilich mit im Einverständnisse gewesen. Die Verbrecher wurden ermittelt, sowohl in Rußland als in Preußen. Es entspann sich eine verwickelte Untersuchung, die mehrfach, um der vorzunehmenden Lokalbesichtigungen, Confrontationen u. s. w. willen, von den preußischen und russischen Behörden gemeinschaftlich geführt werden mußte. Die Verhandlungen wurden in Russisch-Neustadt aufgenommen. Der erste Termin war auf einen Tag im Anfang October verabredet.

Am frühen Morgen dieses Tages ereignete sich ein Vorfall, den ich hier ausführlicher erzählen muß, weil er von wesentlichem Einfluß auf die weiteren Thatsachen dieser Geschichte ist.

Es war noch dunkel, als heftig an meine Hausthür geklopft wurde. Gleich darauf wurde mir angezeigt, daß ein Beamter aus den Gefängnissen da sei, der mir eine eilige Meldung zu machen habe. Ich stand sofort auf und ließ den Beamten eintreten. Er kam mir mit der Nachricht entgegen, daß in der Nacht zwei der gefährlichsten Verbrecher ausgebrochen und entkommen seien, der Räuber Friedrich Victor, ein Deutscher, und der Raubmörder Armons Trinkat, ein Litthauer.

Trinkat war ein Genosse des berüchtigten Räubers und Mörders Merczus Lattukat. Er war mit diesem vor wenigen Monaten beinahe auf frischer That ergriffen, als Beide einen Pferdehändler, der von dem Jahrmarkte in Heidekrug zurückgekehrt war, erschlagen und beraubt hatten. Merczus Lattukat war auf dem Transporte nach Ragnit entsprungen und nach Rußland entkommen. Trinkat hatte in der Untersuchung sich als einen versteckten, scheinheiligen Bösewicht bewiesen. Er leugnete Alles ab, auch die erwiesensten Thatsachen. Im Gefängnisse las er stets die Bibel. In den Verhören weinte er über die Sündhaftigkeit der Menschen, die es wagten, einen so unschuldigen Mann wie er sei, anzuklagen und zu verleumden, und mit ihren Lügen noch sogar durch einen Eid unmittelbar vor das Angesicht des himmlischen Vaters, des Gottes der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu treten.

Ein noch weit gefährlicherer und frecherer Bösewicht war Friedrich Victor. Er war ein Mensch mit einer athletischen Figur, von gleicher Körperkraft und nicht minder großer Behendigkeit des Körpers. Seit Jahren hatte er nicht nur die Grenze durch Raub und Diebstahl unsicher gemacht, sondern auch seine Verbrechen meilenweit tiefer in das Land hineingetragen. Mehrere Male hatte er zu der Bande der beiden Juden Schlom gehört. Sein wilder, unbändiger, händelsüchtiger Charakter hatte ihn aber nicht lange dort gelitten. Immer jedoch aber war er zu ihr zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte er sein Handwerk auf seine eigene Hand oder mit aus dem Stegreif zusammengerafften Genossen getrieben. Das Bewußtsein seiner ungeheuren Körperkraft, sein große Verwegenheit und seine Nichtachtung jeder Gefahr hatten mehrmals die Folge gehabt, daß er ergriffen war. Immer aber hatte er sich zu befreien gewußt, bevor er in die festen Gefängnisse der Kreisjustizcommission hatte können abgeliefert werden. Die festesten Mauern der Gefängnisse der Untergerichte – allerdings nicht im besten Zustande – waren ihm nicht zu fest, die stärksten Ketten ihm nicht zu stark gewesen. Ueberall hatte er seiner Ketten sich zu entledigen gewußt; überall war er ausgebrochen; immer auf äußerst freche, zuweilen auf unbegreifliche Weise. Auf jedem Transporte war er entkommen, durch Gewalt oder durch List, wenn er nicht mit der größten Vorsicht durch mehrere Gensd’armen war transportirt worden. Endlich war es geglückt, ihn nach Ragnit zu schaffen. Ich fand ihn schon vor, als ich dort hinkam. Er war unstreitig der wildeste, unbändigste und gefährlichste unter allen Verbrechern, die in dem alten Ritterschlosse verwahrt gehalten wurden. Wenn ich die ungewöhnlich hohe und breite Figur mit den starken Knochen, den wilden, stets rollenden dunkeln Augen, dem schwarzen wolligen Haar ansah, so kam er mir immer vor, wie eine ungeheure, unbändige Tigerkatze, die nur immer darauf sinnt, die schweren eisernen Stäbe ihres Käfigs zu zerbrechen, um in fürchterlicher Wuth und Blutgier Alles zu zerstören und zu vernichten, was ihr in den Weg komme.

Eine ingrimmige Wuth gegen die sämmtlichen Beamten des Gerichts und der Gefängnisse hatte er öfters unverholen ausgesprochen, besonders gegen mich.

Er hatte, seitdem ich mein Amt in Ragnit angetreten, zweimal den Versuch gemacht, aus dem Gefängnisse auszubrechen. Das eine Mal hatte er den Ofen durchbrochen, das andere Mal mit einer staunenswerthen Beharrlichkeit die dicke Mauer des alten Schlosses. Sein Entkommen war jedesmal daran gescheitert, daß er, mit der inneren Einrichtung des Schlosses unbekannt, den Ausweg nicht hatte finden können.

Schon gleich nach dem ersten Versuche hatte ich strengere Verwahrungsmaßregeln gegen ihn für meine Pflicht halten müssen. Ich hatte ihn, anstatt daß er bisher in Ketten eingeschlossen war, in schwerere Ketten einschmieden lassen. Wie früher das zerbrechlichere Schloß, so hatte er bei dem zweiten Fluchtversuche die Kette selbst zu zerbrechen gewußt. Ich ließ ihn darauf in noch stärkere Ketten einschmieden und ihm zugleich Hörner anlegen. Dies bestanden aus zwei geschweiften eisernen Stäben, die an einem eisernen Ringe befestigt waren. Der Ring wurde um den Hals gelegt, so daß die beiden Hörner ihm zu beiden Seiten abstanden. Es wurde ihm dadurch das Kriechen durch Maueröffnungen unmöglich; er hätte diese denn viel größer und weiter brechen müssen, als es irgend gefürchtet werden konnte. Er hatte in der That seitdem einen weiteren Fluchtversuch nicht gemacht. Die ungewöhnlichen Fesseln schienen sogar der Unbändigkeit seines Charakters zu Fesseln geworden zu sein. Er war stiller, gehorsamer im Gefängnisse geworden. Er bat demüthig, in von dem schweren Eisen zu befreien, und versicherte dabei hoch und theuer, nie an einen Versuch der Flucht wieder denken zu wollen. Ich hatte mich zuletzt dazu verstanden, ihm wenigstens die Hörner abzunehmen, nicht weil ich seinen Versprechungen traute, sondern weil mir seine Gesundheit unter dem Tragen der schweren Stangen am Halse zu leiden schien. Er hatte mich, wie ich mich jetzt überzeugte, auch darin getäuscht.

Diesen beiden gefährlichen Verbrechern war es geglückt, zu entkommen.

Victor und Trinkat hatten gemeinschaftlich in einer Zelle oben im vierten Stocke des Gefängnisses gesessen. Ich hatte sie eben um ihrer Gefährlichkeit willen in diese Höhe bringen lassen, wo sie, nächst den Kellergefängnissen, am Sichersten verwahrt waren. Der Korridor war dort fest abgesperrt. Nach unten durchzubrechen, war eine Unmöglichkeit. Ein Ausbruch nach oben konnte sie nur auf die Zinne des alten Schlosses führen. Ein Fortkommen von dieser erschien mir aber völlig unmöglich. Das Schloß war über siebenzig Fuß hoch. Die Mauern ragten noch von dem Brande her zerrissen und nackt in die Höhe. Es war auf der schwindlichen Höhe kein Gegenstand, an dem Jemand sich festhalten konnte. Die Steine lagen bröcklig. Selbst eine Strickleiter oder ein ähnliches Instrument schien kaum angelegt werden zu können. Man hätte sie nur an den Mauersteinen befestigen können, deren Weichen [271] jeden Augenblick befürchtet werden mußte, und mit dem Weichen unrettbar ein tödtlicher Fall auf das Steinpflaster, das nach allen Seiten das Schloß umgab. Dazu kam, daß das Schloß vier Schildwachen umstanden, an jeder Mauerseite eine. Jede Bewegung an oder auf der Mauer mußte augenblicklich bemerkt werden.

Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln war es den beiden Verbrechern gelungen, zu entkommen. Freilich auf keine räthselhafte Weise, dagegen durch Ausdauer, Verwegenheit und Kühnheit, wie sie bisher bei ähnlichen Unternehmungen wohl kaum hervorgetreten waren. Die Zelle der beiden Gefangenen befand sich unmittelbar unter dem ehemaligen Schloßdache. Dieses war durch den Brand im Jahr 1829 zerstört worden. Eine Reparatur hatte in der Art stattgefunden, daß über die Länge und Breite des Gebäudes starke Holzbohlen in einer Dicke von anderhalb Fuß fest und dicht verbunden gelegt waren. Sie bildeten die Decke der dort oben befindlichen Zellen. Aus einer solchen Bohle hatten die beiden Gefangenen ein Stück herausgeschnitten. Durch welches Instrument, war nicht zu ermitteln. Dem Gefangenen, der festen Willen und Geschicklichkeit besitzt, dient eine Nadel zum Bohrer, eine Glasscherbe zur Säge. Durch die entstandene Oeffung waren sie, wenn gleich mühsam, auf die Zinne des Schlosses gekommen. Von ihren Strohsäcken und von Hanf, den sie zum Spinnen in der Zelle verabreicht bekommen, hatten sie ein Seil gemacht, das vollkommen die Länge von der Höhe des Schlosses hatte. Wie lange hatten sie an dem Balken schneiden und sägen, wie lange an dem Hanfe durch allmälige kleine unbemerkbare Entwendungen sammeln müssen! Allein diese Mühe, diese Ausdauer wurden hundertfach überwogen durch den letzten gefahrvollen Theil ihres Unternehmens.

Die Zinnen des Schlosses erhoben sich in ihrer zerstörten Gestalt etwa anderthalb bis zwei Fuß über jener Balkenlage. Nirgends bot sich ein Gegenstand zum Festhalten, Anklammern dar. An ihnen standen die Flüchtlinge, in einer Höhe von mehr als siebenzig Fuß, rund um sich her stockfinstere Nacht, unter sich den furchtbaren Abgrund; dabei rings umher die Stille der Nacht, die jeden Schritt, fast den Athem der unten auf und abgehenden Schildwache zu ihnen herauftrug. Der geringste Laut verrieth sie, das geringste Schwanken warf sie in den gewissen Tod. Dennoch hatten sie sich zurechtgefunden, hatten sie ihr Ziel erreicht. An der Nordseite des Schlosses hatten sie in dem Zinnenwerke ein paar hervorragende Steine gefunden, unzerreißbar gehalten von jenem festen Mörtel der Bauten des Mittelalters, den hier auch die Glut des Feuers nicht hatte zerstören können. Um diese Steine hatten sie das Seil geschlungen, an dem sie sich hinunterlassen mußten.

Die Schildwachen hatten sie durch eine einfache List unschädlich zu machen gewußt. Einer von ihnen hatte sich nach der Südseite des Schlosses begeben, und dort ein Geräusch gemacht, durch welches sämmtliche vier Soldaten nach jener Seite hin an der Mauer zusammen gelockt waren. Diese räumten nachher ein, daß sie in der Nacht zwischen zwei und drei Uhr oben auf dem Dache, an der südlichen Seite des Schlosses, plötzlich ein anhaltendes leises Wimmern, wie eines Kindes, gehört hätten, daß dieses sie sämmtlich nach jener Seite hin zusammen geführt habe, und daß sie dort längere Zeit über die Ursache der schauerlichen Töne sich unterhalten hätten. Manöver und Zeit hatten die Verbrecher benutzt, mit der größten Gefahr ihres Lebens auf der andern Seite von der hohen Mauer, an dem dünnen, zerbrechlichen Seite sich hinunter zu lassen.

Jede weitere Spur von ihnen war verschwunden.

Freilich nicht lange. Wenigstens von Friedrich Victor sollte sehr bald eine, wenn gleich keine erfreuliche Nachricht eintreffen.

Ich hatte sofort Alles, was im ersten Augenblick aufzubieten war, nach den verschiedensten Seiten zur Verfolgung der Entflohenen ausgesandt. Ich war noch damit beschäftigt, Boten an alle benachbarte Polizeibehörden und Gensd’armerieposten zu schicken, als einer der Gefangenwärter in anscheinend leblosem Zustande in seine, im Schlosse befindliche Wohnung gebracht wurde.

Ihm war Folgendes begegnet:

Die Verpflegung der Gefangenen der Kreisjustizcommission war an Bürger der Stadt verdungen. Die Brotlieferung an einen Bäcker, der oben in der Stadt, am polnischen Thore, nach der Memel zu wohnte. Von dort wurde jeden Morgen früh, in den Wintermonaten um sechs Uhr, das Brot geholt. Dies geschah durch zuverlässige Gefangene, welche leichte Gefängnißstrafe zu verbüßen hatten, und von denen eine Entweichung nicht zu fürchten war. Ein Gefangenwärter begleitete sie.

Der Gefangenwärter hatte sich auch an jenem Morgen mit vier Gefangenen zu dem Bäcker begeben. Während ihm das Brot überwiesen wird, stürzt ein Nachbar in das Haus, leichenblaß, mit der Nachricht, wie er so eben zwischen den Hecken des hinter dem Hause, nach der Memel hin belegenen Garten einen großen, wildaussehenden Menschen habe herumschleichen sehen.

„Das ist Victor. Wer folgt mir?“ ruft der entschlossene Gefangenwärter, ein kräftiger, ehemaliger Unteroffizier aus dem litthauischen Dragonerregimente, der in den Freiheitskriegen das eiserne Kreuz und zwei oder drei russische Orden, für das Erschlagen so und so vieler Franzosen im Handgemenge, sich erworben hatte.

Die Bäckergesellen und der Nachbar entsetzten sich und machten sich davon.

„Burschen, Ihr?“ fragt der Gefangenwärter seine Gefangenen.

„Darauf los, Herr Wachtmeister! Wir gehen mit.“

In Litthauen und Ostpreußen werden die Unterbeamten der Gerichte wie der Verwaltungsbehörden, Executoren, Gefangenwärter und so weiter, Wachtmeister genannt. In anderen preußischen Provinzen haben sie andere Namen. In Berlin z. B. wollen sie sämmtlich Herr Nuntius heißen.

Der Gefangenwärter eilte mit seinen Leuten in den Garten.

In demselben Augenblicke flog an dem entgegengesetzten Ende des Gartens eine lange Gestalt über die niedrige Hecke und eilte der Memel zu.

„Es ist der Victor; mir nach!“ schrie der Gefangenwärter. „Ihr Leute, zu Hülfe. Helft den Gefangenen greifen, der heute Nacht entflohen ist.“

Auch die Bäckergesellen hatten Muth bekommen, und der Nachbar und andere Nachbaren. Es entstand eine allgemeine Hetzjagd hinter dem Flüchtling.

Dieser hatte rasch das Ufer der Memel erreicht.

Es lagen dort zwei kleine Nachen, an einem Pfahl angeschlossen. Er stürzte auf sie zu. Er suchte die Ketten, mit denen sie angeschlossen waren, loszureißen. Er versuchte es an dem einen, an dem andern Nachen, vergeblich. Seine Verfolger kamen ihm immer näher. Er suchte den Pfahl aus der Erde zu reißen, an der die Nachen festlagen. Auch hier reichten seine Kräfte nicht aus. Seine Verfolger waren nur noch drei Schritte von ihm entfernt. Sie glaubten ihn sicher zu haben. Sie frohlockten schon. Sie streckten die Hände nach ihm aus, ihn zu greifen.

Mit einem Hohngelächter sprang er in das Wasser. Mit seinen kräftigen Armen zertheilte er, ein fertiger Schwimmer, die Fluthen der Memel.

„Bursche, ihm nach! Wer kann schwimmen?“ rief der Gefangenwärter.

Die Bäckergesellen und die Nachbaren konnten wohl den Mund und die Augen weit aufsperren und dem davon Schwimmenden nachgaffen, aber selbst schwimmen konnten sie nicht.

Unter den Gefangenen war ein kleiner, gedrungener, gewandter Mensch, Mix Szillus, hieß er, ein Schiffer vom kurischen Haff, der eine einjährige Gefängnißstrafe wegen fahrlässiger Tödtung in einer Schlägerei verbüßte. Er sprang vor.

„Ei was, schwimmen, Herr Wachtmeister,“ sagte er. „Ich kann schwimmen wie Einer. Meine Mutter sagt, ich hätte schon in der Wiege geschwommen.“

Die andern Gefangenen lachten.

„Doch den fangen durch Schwimmen in der Memel keine Zehn. In die Nachen! Die Nachen losgemacht, und so ihm nach.“

„Bursch, so klug bin ich auch,“ erwiederte der Gefangenwärter. „Aber die Nachen sind angeschlossen und die Schlüssel in den Häusern. Ehe sie geholt sind, ist der Schuft über alle Berge.“

„Wenigstens über die schreitlauker Berge, Herr Wachtmeister. Aber hier sind Fäuste und Aexte. Heran mit den Aexten, Ihr Männer.“

Die drei anderen Gefangenen warfen sich auf einen der Nachen, um das Schloß zu zerbrechen, die Kette zu zerreißen, den Pfahl aus der Erde zu heben. Ihre vereinten Kräfte reichten nicht weiter als die des Entflohenen. Mix Szillus war klüger. Die vorsichtigen Nachbarn hatten sich in der That vor der Verfolgung mit Aexten versehen. Einem von ihnen nahm er seine Waffe weg. [272] Mit dem zweiten Schlage hatte er das Schloß an dem einen der Nachen zertrümmert; das Schiff war frei.

„Hinein, wer mir folgen will,“ rief der ebenso schnelle als muthige litthauische Bursch.

Er sprang in den Nachen. Der entschlossene Gefangenwärter war der erste, der ihm folgte. Hinter dem Gefangenwärter wollten die drei anderen Gefangenen hinein. Zwei von ihnen schob Mix Szillus zurück.

„Thoren,“ rief er. „Soll das ganze Schloß in diese Nußschale? Wenn wir jenen fangen, sind schon zu viele darin. Löset den andern Nachen ab, und darin folgt.“

In dem Nachen lagen zwei Ruder. Eins ergriff Mix Szillus, das zweite gab er dem andern Gefangenen, einem jungen Litthauer, wie er. Der Nachen setzte dem Flüchtling nach.

Die Memel ist bei Ragnit sehr breit und tief; etwa wie der Rhein bei Bonn oder Köln. Das Ufer ist dort nur auf der ragniter Seite bebaut. Auf der andern, rechten Seite des Stromes sieht man weit und breit nur ein einziges Haus. Es ist ein Bauernhaus, ziemlich weit vom Ufer entfernt, mitten in der Wiese, die sich dort von der Memel bis an die sogenannten schreitlauker Berge erstreckt. Diese Berge sind ziemlich hohe, mit dichter Waldung bedeckte Hügel, die sich, mit geringen Unterbrechungen durch Weiden und Ackerland bis an die russische Grenze hinziehen.

Bei der Verfolgung des Flüchtlings kam Alles darauf an, vor ihm das jenseitige Ufer zu erreichen. Erreichte er es früher, so war er gerettet. Die Bewohner des einsamen Bauernhauses gegen ihn aufzurufen, war bei der Entfernung des Hauses unmöglich. Außerdem war das andere Ufer unbewohnt. Der Flüchtling konnte, mit einem Vorsprunge, die schreitlauker Berge erreichen. In diesem war seine Spur nicht weiter zu verfolgen und die Grenze war ihm frei.

Das Ablösen des Nachens vom Ufer hatte nicht so schnell bewirkt werden können, daß nicht der Verfolgte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hätte. Der zweite Gefangene war zudem ein eben so ungeschickter Ruderer, wie freilich Mix Szillus ein sehr gewandter. Der Nachen kam daher nur langsam vorwärts.

Der zweite Nachen konnte, in weiter Entfernung, nur noch langsamer folgen. Die Entschlossenheit und Gewandtheit des Mix Szillus hatte bei seinem Lostrennen gefehlt. Er hatte noch nicht die Mitte des Stromes gewonnen, als der Nachen mit Mix Szillus und dem Gefangenwärter bis auf wenige Schritte den Flüchtling erreicht hatte. Aber dies war in einer Entfernung von etwa höchsten vierzig bis funfzig Schritte vom jenseitigen Ufer.

Friedrich Victor durchschnitt noch immer mit der ungeschwächten Kraft seiner nervigen Arme die Fluthen. Welch’ eine ungeheure Kraft mußte dieser Mensch besitzen, ungebrochen, unberührt von einer mehr als zweijährigen Haft, in engen, ungesunden Mauern, unter der Belastung mit Ketten, bei magerer Kost! Er hatte beinahe die ganze Breite des schnell fließenden Stromes zurückgelegt, und noch bemerkte man keine Spuren von Anstrengung an ihm. Sein Gesicht war nicht röther und nicht blässer geworden, seine Brust hob sich nicht schneller und nicht höher als sonst. Allerdings hatte der Nachen ihn beinahe erreicht, die zwei Ruderer in dem bequemen, leichten, auf den Wellen dahin fliegenden Fahrzeuge, ihn, der ohne alle Hülfe, ohne alle Unterstützung mit den Fluthen zu kämpfen hatte. Allein das Gesicht des Mix Szillus glühte von der großen Anstrengung, und von der Stirn seines Gefährten flossen dicke Schweißtropfen herunter.

Und dennoch schien Friedrich Victor bisher mit den Wellen und mit seinen Gegnern nur gespielt zu haben.

„Weiter ausgeholt, Bursch,“ rief Mix Szillus seinem Gefährten zu.

Er selbst schwang sein Ruder kräftiger, und der vereinte stärkere Schlag beider in die Wellen trieb den Nachen in einem Satze bis unmittelbar an den Schwimmenden.

„Jetzt haben wir ihn,“ jauchzte Mix Szillus. „Noch einmal ausgeholt.“

Friedrich Victor sah mit einem höhnischen Lächeln zu ihm hinauf. Weit holte auch er mit seinen starken und langen Armen aus; hoch bäumte er sich in der Fluth wie ein stolzes Roß, ein ungeheuerer Stoß des elastischen Körpers, und er war dem Schiffe wieder weiter voraus als vor jener Anstrengung seiner Verfolger. Zwei, drei dieser Stöße folgten mit gleicher Wirkung. Er schien seine beste Kraft bis zu diesem letzten Augenblicke aufgespart zu haben. Der Nachen blieb weiter und weiter zurück.

Mix Szillus fluchte und klagte seinen Gefährten an.

„Zum Teufel, Bursch, strenge Deine trägen Knochen an.“

„Thue Du selber mehr als Du kannst,“ erwiederte ihm der Bursch.

„Zankt Euch nicht,“ rief der Gefangenwärter dazwischen. „Rudert, voran, voran. Er ist uns ein Dutzend Schritte vorauf, und wir haben kaum noch dreißig Schriftte vom Ufer.“

So war es in der That, und Friedrich Victor verdoppelte seine Kräfte, während der zweite Gefangene in dem Nachen verwirrt und ungeschickter wurde, und das Schiff anfing, sich zu drehen, anstatt voranzugehen.

„Bursch, was machst Du?“ schrie Mix Szillus. „Ich schmeiße dich in’s Wasser, wenn Du nicht besser aufpassest. Du ruderst als wenn es ein Litthauer wäre, den wir fangen sollen, und es ist doch ein Hund von einem Deutschen, und der Herr Wachtmeister ist ein Litthauer.“

Der Gefangenwärter war ein ächter Litthauer aus dem Kreise Heidekrug.

Der Nachen kam nicht weiter.

Aber auch Friedrich Victor war auf einmal in dem schnellen Fluge seines Schwimmens gehemmt. Er war in eine heftige, wirbelnde Strömung gerathen, wie man sie in der Memel, besonders in der Nähe der Ufer, nicht selten findet. Der Strudel hielt ihn fest umfangen. Vergebens versuchten die kräftigen Arme sich hindurch zu arbeiten, ihn zu durchschneiden.

Mix Szillus bemerkte es schnell. Er jubelte von Neuem.

„Jetzt haben wir ihn. Er kann nicht durch. Voran, voran! Aber nicht zu ihm. Nicht in den Strudel! Mehr unterhalb. Dort ist die Strömung geringer.“

Er gab dem Schiffe eine kleine Schwenkung, um, etwa zehn Schritte unterhalb der Stelle, an welcher Friedrich Victor sich befand, die dort schwächere Strömung zu durchschneiden. Der Flüchtling schien verloren. Aber er verband mit seiner ungeheuern Kraft eben so viel Muth und Geistesgegenwart. Rasch gab er den Kampf mit der Strömung auf. Er ließ sich von ihr fortreißen, den Strom abwärts. Mit starken Stößen seiner Arme half er nach. So flog er auf den Nachen zu.

„Er ergiebt sich. Er sieht, daß er nicht weiter kann,“ rief triumphirend der Gefangenwärter.

Aber Mix Szillus war blaß geworden.

„Herr Wachtmeister,“ sagte er leise, „der Kerl hat etwas Böses im Sinne; wenn Gott uns nicht beisteht, so sind wir verloren.“

„Was kann er vorhaben, mein Bursch?“

Mix Szillus wurde dringend.

„Mensch, rudere, stoß, schlag das verrätherische Wasser,“ rief er seinem Gefährten zu. „Und Du, Herr Wachtmeister, nimm mein Ruder und hilf dem Burschen. Du bist ja nicht weit von der Memel zu Hause. Du wirst das Ruder führen können. Und nun haltet Euch Beide nach jener Seite des Nachens hin, stromabwärts. Aber paßt genau auf. Es gilt unser Leben.“

„Was ist, Bursch? Was hast Du vor?“

„Rudert nur, rudert nur. Haltet Euch fest nach jener Seite.“

„Zum Teufel, Bursch, was ist denn?“

„Was ist! Siehst Du das nicht! Der Schuft kann uns so nicht mehr entkommen. Er arbeitet sich zu uns hin, um unser Schiff umzuwerfen. Ich kenne das. Es ist ja nur eine Nußschale. Er ist stark. Es wird ihm gelingen. Auch uns hindert die Strömung. Wir können nicht fort. wir könnten ihm entgehen, wenn wir stromabwärts trieben, wie er; aber dann entginge er auch uns. Es ist nur ein Mittel.“

„Und welches, Bursch?“

„Paßt nur auf Euch und Eure Ruder, Ihr Beide. Mit jenem Burschen lasset mich machen.“

Er warf sich in der Mitte des Nachens auf die Knie, mit dem Gesichte stromaufwärts, nach der Seite hin, von welcher Friedrich Victor sich nahete. Er bückte sich tief, so daß der etwas hohe Rand des Nachens über seinen Körper hervorragte. Der Schwimmende konnte ihn nicht mehr sehen.

„Bursch, was hast Du vor?“ fragte der Gefangenwärter.

„Merkst Du es denn nicht, Herr?“ Hier in der Mitte des Nachens, hier oben am Rande muß er anfassen, wenn er uns umwerfen

[273]

Ungarische Haideschenke.


will. So wie seine Hände sich hier zeigen, greife ich zu, fasse ihn und schwinge ihn aus dem Wasser in den Nachen hinein.“

„Du den schweren, kräftigen Kerl?“

„Im Wasser wiegt das Pfund kein Loth. Aber paßt jetzt auf. Er ist nahe. Ich höre ihn. Haltet die Ruder fest. Wenn wir ihn haben, wird er sich wehren, er ist stärker als wir drei. Schlagt ihn mit den Rudern nieder, auf den Kopf, wohin Ihr ihn trefft.“

„Warum empfangen wir ihn nicht im Wasser mit den Rudern?“

„Bist Du toll, Herr? Er würde untertauchen und von unten her den Nachen umwerfen. Ruhig, er ist da."

Der Flüchtling hatte den Nachen erreicht. Er bäumte sich wieder hoch auf im Wasser. Mit einem ungeheuern Satze schnellte er sich empor, nach dem schmalen, leichten Fahrzeuge hin. Diesmal war sein Bäumen nicht das eines hohen Rosses, aber der furchtbare Sprung jener wilden Tigerkatze, an deren Gier und Unbändigkeit sein Aussehen schon immer erinnert hatte. Er griff nach dem Rande des Nachens.

Mix Szillus erwartete ihn. Der junge Litthauer hatte sich fest auf seine Knie gestemmt. Den Körper hatte er vorgebeugt, die Augen starr auf den Rand des Schiffes gerichtet, die Arme ausgestreckt zum sofortigen kräftigen Zugreifen.

Die starken Fäuste des Flüchtlings zeigten sich an dem Rande. Sie umklammerten ihn. Die Finger schlugen sich ein zu einem ungeheuern Rucke.

Mix Szillus griff zu. Die gleichfalls starken Fäuste des litthauischen Fischers schlugen sich um die Faustgelenke des riesigen Schwimmers. Aber Mix Szillus hatte seine Kraft falsch berechnet. Der Ruck erfolgte, ohne daß er ihn hindern konnte.

Das Schiff hatte indeß nur geschwankt. Es war nicht umgeschlagen.

Friedrich Victor setzte zu einem zweiten stärkern Ruck an.

In demselben Augenblicke erhob Mix Szillus sich höher, griff nach den Oberarmen des Schwimmenden, umfaßte diese und die Schultern, und suchte, mit einem kräftigen Schwunge den Verbrecher aus dem Wasser zu heben und in den Nachen zu werfen.

Friedrich Victor stemmte sich gegen den Rand des Schiffes. Es erhob sich ein Kampf zwischen Beiden. Aber nur einen Augenblick lang. Der Gefangenwärter gab den Ausschlag. Er sprang auf, von der andern Seite des Nachens, um dem Litthauer Hülfe zu leisten.

So wie er seinen Platz verließ und den Streitenden nahte, verlor jedoch das schmale Fahrzeug das Gleichgewicht. Die größere Schwere, die Schwankungen der Strömung, das Zerren der Streitenden warfen ihn auf die Seite. Eine verzweiflungsvolle letzte Anstrengung des Flüchtlings trat hinzu. Der Kahn schlug um. Unter ihm, von ihm bedeckt lagen der Gefangenwärter und seine beiden Gefangenen.

Friedrich Victor schwamm lachend davon, erreichte das Ufer, durchlief die Wiesen, und war nach kurzer Zeit in den schützenden Waldungen der schreitlauker Berge verschwunden.

Der zweite Nachen, der bald darauf herankam, hatte sich nur damit zu beschäftigen, den Gefangenwärter und den zweiten Gefangenen aus dem Wasser aufzufischen. Mix Szillus konnte schon dabei helfen; er hatte sich allein unter dem umgeworfenen Fahrzeuge hervorgearbeitet. Der Gefangenwärter konnte erst nach Verlauf einer Stunde, durch die größten Anstrengungen, in’s Leben zurückgerufen werden. Von dem zweiten Entflohenen, Trinkat, wurde gar keine Spur wieder aufgefunden.

[274] Der erzählte Vorfall hatte meine Abreise verzögert. Es war beinahe Mittag als wir von Ragnit abfuhren.

Mich begleitete meine Frau. Sie hatte schon längst den Wunsch geäußert, das weite und wüste russische Reich, wenn auch nur auf ein paar Schritte weit an der Grenze, kennen zu lernen. Eine günstige Gelegenheit war jetzt dazu geboten. Russisch-Neustadt war nur etwa eine halbe Meile von der Grenze entfernt. Meine Geschäfte hielten mich dort nicht länger als einen halben Tag auf. Indem ich in amtlicher Eigenschaft die Grenze überschritt, und schon an dieser von dem gemeinschaftlich mit mir verhandelnden russischen Beamten empfangen wurde, waren auch für meine Frau Schwierigkeiten des Ueberschreitens nicht zu besorgen, Schwierigkeiten, deren es unter andern Umständen nicht wenige und nicht geringe gab. Außerdem waren in meiner Begleitung ein Secretär des Gerichts, der zugleich den litthauischen Dolmetscher machte, und ein Executor der Kreisjustizcommission. Der Secretär war ein schwächlicher, stiller, bescheidener Mann.

Der Executor Matz, der mich auf allen meinen amtlichen Reisen begleitete, war einer der tüchtigsten und zuverlässigsten Unterbeamten, die man im preußischen Dienste wohl je mag angetroffen haben. Furchtlos, entschlossen und rasch im Handeln, hatte er zugleich eine seltene Körperkraft. Im ersten Regimente, in welchem er früher als Sergeant gedient hatte, war er der stärkste Soldat gewesen. Er hätte es beinahe mit Friedrich Victor aufnehmen können. Dabei war er ein immer munterer, aufgeweckter Königsberger.

Bei unserer Abreise war er ungewöhnlich ernst, obwohl er durch sein Aussehen uns Andern beinahe zum Lachen reizte. Sonst auf der Reise nur mit einem russischen Kantschu versehen, trug er jetzt außerdem nicht nur seinen langen Dienstsäbel an der Seite, man sah auch unter seinem halbzugeknöpften Rocke ein Doppelterzerol hervorblicken.

„Was ist Ihnen denn heute eingefallen, Matz?“ fragte ich ihn. „Sie pflegen ja zu sagen, daß Sie mit dem Kantschu allein eine ganze Compagnie Litthauer von sich abwehren könnten.“

Er wurde roth.

„Es ist um der Frau Kreisjustizräthin willen,“ sagte er.

„Ausrede, Matz. Sie werden roth. Sie fürchten sich doch nicht?“

„Kennen der Herr Kreisjustizrath Furcht an mir? Vor wem sollte ich hier in Litthauen mich fürchten?“

„Nun, Trinkat, Victor, Merczus Lattukat.“

„Pah! Die Schufte reißen vor unser Einem aus, wie Schafsleder.“

„Aber warum denn diese Waffen?“

„Herr Matz,“ nahm der Secretär das Wort, „hat mir gestanden, daß es ihm in der That heute so etwas ganz sonderbar zu Muthe sei. Er wisse selbst nicht, warum. Es habe ihn innerlich dazu getrieben, die Waffen mitzunehmen.“

„Ja, ja,“ fügte der Executor hinzu, scherzend, als wenn er seinen Ernst dadurch vertreiben wollte. „Der Herr Secretär sagt recht. Es geht mir heute nicht besser als den Mördern und Brandstiftern, die auch immer einem innerlichen Triebe nicht haben widerstehen können.“

Er blieb indeß ernst, und wurde bei einem Anlasse auf der Reise sogar verdrießlich.

Wir hatten unseren Weg durch Tilsit genommen, dort die Schiffbrücke über die Memel passirt und die alte Landstraße nach der Stadt Memel verfolgt, bis zu dem Punkte, wo aus derselben die Landstraße nach Coadjuthen sich ausschied. Unser Reiseziel war für heute Coadjuthen, ein Marktflecken nahe an der russischen Grenze. Wir wollten dort übernachten, um von da am andern Morgen zeitig nach dem nicht mehr weiten Russisch-Neustadt aufzubrechen.

Ragnit liegt in einer fruchtbaren Gegend, eben so Tilsit. Man kann die Lage beider Orte schön finden, so schön, wie man überhaupt eine zwar hohe, aber flache Gegend, aber an einem breiten Strom, mit reichen Saatfeldern, fetten, grünen Wiesen, malerisch zwischen Gärten und Alleen gelegenen Landhäusern und einzelnen waldbedeckten Hügeln, sich darstellen kann. Auch das Thal zwischen Tilsit und Baubeln, jenseits der Memel, ist noch schön. Es bietet fortwährend reizende Aussichten auf die freundliche Stadt, auf den durch die Ebene sich krümmenden Strom, auf den alten, kahlen Rambinus, auf die fernen grünen schreitlauker Berge, und endlich auf das wunderhübsch auf der Höhe der das Thal schließenden Hügelkette, zwischen Gärten und Waldungen belegene weitläufige Gut Baubeln. So wie man aber auf dem Wege nach Memel dieses Gut hinter sich hat, hört mit einem Male alle Schönheit der Gegend auf. Die Landstraße – eine Chaussee gab es damals in Litthauen noch nicht – wurde dort, eben so wie jetzt die Chaussee, von einer weiten Sandhaide empfangen, die Plein genannt, um später, bis fast nach Memel hin, durch ähnlichen Sand oder durch nicht minder traurige Moorgründe sich weiter zu schleppen.

Die nahe vor der Plein seitab laufende Landstraße nach Coadjuthen sah und sieht noch keine bessern Gegenden. Man fährt zuerst an der Haide entlang, in tiefem Sande, zwischen sparsamen, verkrüppelten Fichten und noch sparsameren und noch verkrüppelteren menschlichen Wohnungen, Hütten von Lehm und Stroh, die sich kaum zehn Fuß hoch über der Erde erheben. So gelangt man zu einem kleinen Dörfchen, Powilken, an einem Flüßchen, die Wilke. Jenseits dieses Flüßchens wird die Gegend noch trauriger. Der Sandboden weicht einem bald grauen, bald braunen Moorgrunde, auf dem kaum jene verkrüppelten Fichten noch gedeihen wollen. Der Weg wird mitunter grundlos. Die Gegend wird menschenleerer. Nur in weiter Entfernung von der Landstraße entdeckt man hin und wieder eine verfallene graue Hütte, bis man nach einiger Zeit in eine dichte Waldung gelangt, die zu dem dingkener Forst gehört. In dieser trifft man keine einzige menschliche Wohnung mehr an. Das Erdreich ist zwar fester, die Landstraße aber ist ausgefahren und holzreich. Zu Ende der Waldung kommt man an einen einzeln stehenden Krug. Er gehört zu dem etwa eine halbe Viertelmeile entfernt liegenden Dorfe Peteraten. Es ist ein Krug, wie die meisten Krüge in den schlechteren Gegenden Litthauens, ein niedriges, schmutziges, halb verfallenes Gebäude von schlecht zusammengefügten Balken, das Dach mit grauem Stroh gedeckt. Hinter Peteraten beginnt wieder dürre Haidegegend, die sich bis Mädischkehmen, nahe vor Coadjuthen, hinzieht.

Der Weg von Tilsit bis Coadjuthen beträgt etwa fünf Meilen. Er gehörte in jener Zeit nicht zu den sicheren Wegen. Von der einen Seite war die Plein damals der Zufluchtsort vieles liederlichen und verbrecherischen Gesindels. Man hatte mehrere Jahre vorher von Seiten der Regierung Colonisten hergezogen, um diese Wüsteneien zu bebauen. Solche künstlich und gewaltsam gebildete Colonien der Regierungen werden in der Regel Verbrechercolonien. So war es auch in der Plein geworden, zumal unter dem Schutze des Terrains. Alle zehn Minuten etwa traf man auf eine Hütte; alle zehn Minuten auf ein Gebüsch von Fichten durchzogen von dichtem niedrigen Gestrüpp, Dornen, Brombeeren und Stechpalmen. Ueberall bildeten sich so natürliche Schlupfwinkel, und eine Verfolgung war um so schwieriger, als in dem tiefen, vom Winde ungleich auf- und zusammengewühlten Sande namentlich die berittene Gensd’armerie nur mit Mühe voran konnte. Von der andern Seite bot der weitläufige dingkener Forst eine große Herberge für Verbrecher und Gesindel aller Art dar. Sie erstreckt sich von der Plein bis zu dem Juraforst, und steht so wieder in Verbindung mit den großen Grenzwaldungen in Rußland, so wie nach Süden mit den fast an die Memel reichenden schreitlauker Waldungen.

In der Plein und deren Umgegend fielen damals häufig Räubereien und andere schwere Verbrechen vor. Von Peteraten bis Mädischkehmen war die Straße nicht minder unsicher. Besonders stand der unmittelbar an der Landstraße liegende Krug von Peteraten in keinem guten Rufe. Er lag dicht an dem Saume des dingkener Forstes, von dem Dorfe so weit entfernt, daß man dessen Gebäude nicht einmal sehen konnte. Andere menschliche Wohnungen waren im Umkreise mindestens eine halbe Meile nicht zu finden.

[275]
Skizzen aus Ungarn.
Von Herbert Kg.
(Mit Abbildung einer Haideschenke.)
III.
Die Haideschenke.

So sehr auch der Ungar bemüht ist, seine Pußten als fruchtbare, weite grüne Ebenen zu schildern, so wenig lernt dies der Ausländer begreifen, der zum ersten Male diese endlosen Flächen bereist, und, wenn auch nicht ein wüstes, doch völlig unbebautes Land vor sich sieht, was wenigstens keinen erhebenden Eindruck zurückläßt. Hier rauscht in stundenlangen Morästen das Schilf zu dem Geschrei tausender von Wasser- und Sumpfvögeln, hier ist der schöne Kranich und der einsame Storch in seinem Elemente, hier entwickeln sich Schaaren von Eidechsen, Schlangen und Nattern in dem heißen Sande, wo eben nur noch das Waisenmädchen gedeiht, und Milliarden von Mücken, Eintagsfliegen und Lybellen durchschwirren die heiße Luft, die wie ein Alp über der Landschaft liegt. Es gehört ein reicher Patriotismus dazu, ein solches Stück Erde zu lieben, und doch giebt es viele, viele arme Teufel, die sterben würden, wollte man sie ihrer Pußta entreißen.

An jenen Herbstabenden, wenn die Sonne wie eine dunkelrothe Feuerkugel glüht und beim Untergehen immer schneller und schneller vom tiefschwarzen Horizont durchschnitten wird, und der Mond in seinem blaßgrünen Lichte schon lange auf das Verschwinden seiner mächtigen Nebenbuhlerin harrt – wenn sich dann schwerfällige Nebelmassen über der Erdoberfläche zeigen, die Anfangs lange dünne Streifen bilden, zuletzt aber in die fabelhaftesten und riesigsten Gestaltungen übergehen – wenn es dunkler und dunkler wird, und die Nebelmassen sich immer weißer und gespenstiger vom dunkeln Hintergrunde abheben – an einem solchen Abende muß man in der großen Pußta von Debreczin reiten, um die tiefe Melancholie begreifen zu lernen, welche das menschliche Herz erfaßt, wenn wir uns in einer großen, endlosen Ebene befinden. Man reitet dann wohl stunden- und meilenlang, ohne auf ein menschliches Wesen zu stoßen, vergebens sucht das Auge in dieser, fast möchte ich sagen, erhebenden Einförmigkeit, einen Haltepunkt, und glaubt endlich einen Baum zu sehen, auf den das Pferd instinktmäßig zusteuert, der aber näher betrachtet, sich in einen Ziehbrunnen verwandelt, in dessen Ständer das durstige Thier, ohne sich um seinen Reiter zu bekümmern, die Nüstern steckt. Blickt man dann von ungefähr über sich, sieht man wohl noch den einsam schwebenden Aasgeier, der vielleicht schon Tage lang dem Pferde folgte, auf die geringste Bewegung des Reiters aber sich eiligst in den Wolken verliert.

Man möchte gern durch die Pußta kommen, ehe es völlig Nacht wird und das nächste Städtchen, sei es noch so elend, erreichen, um nicht in der „Haideschenke“ übernachten müssen. Das ungarische Pferd läßt sich indeß beim Trinken höchst ungern stören und ehe es sich noch ganz verschnauft hat, glitzert schon der Abendstern am Himmel und die scharfe Nachtluft schüttelt den Reiter. Rasch steigt er auf, nachdem er noch einmal den Sattelgurt angezogen, giebt dem Thiere einen leichten Gertenschlag, das sich nun wieder unaufhaltsam vorwärts stürzt. Dabei hat er immer ein Sternbild im Auge, worauf er zusteuert, und das ihm als Richtschnur zu seinem Ziele, dem Nachtquartier dient, denn aus der Pußta kommt er heute doch nicht mehr. Jetzt schimmert am Horizonte ein mattes Licht, es ist ihm, als höre er wüstes Geschrei, immer vorwärts dringend, verwandelt sich aber das Geschrei in einzelne wild ausgestoßene Töne. Bald hört er auch Hufschlag – sein Pferd spitzt die Ohren und wiehert laut auf – ein „Csikós“! Und ehe noch das Wort ausgesprochen, fliegt die Centaurengestalt vorüber, hoch über sich die lange Peitsche schwingend und das rasende Thier noch durch wilde Aufschreie anhetzend, die in unserer Sprache wohl „Hurrah“ oder „Hussich“ bedeuten mögen.

Der Csikós kam aus der Richtung jenes schimmernden Lichtes, dem der Reiter jetzt näher und näher kommt, und von dem er nun gewiß ist, daß es durch das Fensterloch der Haideschenke scheint. Er zieht leicht den Zügel an und in ruhigem Tritte geht sein ermüdetes Pferd auf die alte, verfallene Lehmhütte zu, aus deren Innerem eine leise klagende Musik tönt, der Anfang eines Csárdas, jener wunderbaren Weisen, die vielleicht in solchen armseligen Hütten erdacht wurden; denn eine Haideschenke heißt auf Ungarisch „Csárda“.

Der Reiter bindet sein Pferd an den Ständer des Ziehbrunnens, der wie eine lange Schildwache vor jeder Csárda steht, horcht erst ein wenig, ehe er in die Schenke tritt, und schlägt dabei mit dem Peitschenstock an die Thürpfoste oder räuspert sich auf sehr vernehmliche Weise, um sich gleichsam anzumelden. – Es ertönt kein Herein, denn die drei Gestalten, die er vor sich sieht, sind viel zu tief in den Csárdas versunken, den in der Ecke ein magerer Zigeunerknabe aufspielt und dessen Geige jetzt die Köpfe oder Herzen der Männer ausschließend zu beschäftigen scheint. Nur ein kleiner Spitz, auf Maisstroh lagernd, hat Lust, durch Knurren diese Gemüthsstimmung zu stören, wird aber sogleich durch einen Fußtritt zur Ruhe verwiesen. Dies veranlaßt den Reiter, sich ebenfalls sehr ruhig zu verhalten und auf eine Bank hinzustrecken; denn in den Mienen der drei Menschen liegt ein Etwas, das selbst der feingebildetste Mann respektiren muß, er mag wollen oder nicht.

Die Kürbisflasche mit den Holzbechern auf dem Tische scheint geleert zu sein, das Gelage vorüber. Dann wird der Mensch immer sentimental, zumal wenn er Musik hört. Auch diese gehen wohl einen Augenblick in sich – gedenken ihrer Kindheit oder besserer Tage – werfen einen Blick des Vorwurfs auf ihr jetziges Leben, erinnern sich dieses oder jenes tollkühnen Kameraden, den der Arm der strafenden Gerechtigkeit erreichte – und lassen dabei die Pfeife ausgehen und denken nicht einmal an Pferde- oder Schweinediebstahl. Hieraus mag man entnehmen, in welcher Gesellschaft sich unser Reiter befindet.

Oben am Tische steht eine athletische Figur in lässiger Haltung, unternehmend den Hut in die Stirn gedrückt, das ist ein Kondás, der hier mit diesem oder jenem Schweinekäufer zusammentraf, um mit ihm zum großen Nachtheil der Heerde seines Herrn einen geheimen Handel abzuschließen. Doch bleibt der Mann hierbei nicht stehen, und in der Nothwehr, d. h. würde er bei seinen Diebstählen oder Diebshandel ertappt, schleuderte er seine furchtbare Handaxt eben so gut nach einem Menschen, wie nach einem Schweine. Harmloserer Natur ist der alte Bursche ihm gegenüber, mit dem zottigen Mähnenhaar, das bis auf die Schultern fällt, und dem eisgrauen Schnurrbart, der noch in seiner ganzen Straffheit zu beiden Seiten gerade hinaus steht, und dessen Militärhose auf seinen frühem Stand schließen läßt. Dieser arme Teufel, einst ein flotter Csikós, wurde für ein österreichisches Husarenregiment ausgehoben, vielleicht wegen eines Disciplinarvergehens entlassen, und treibt sich nun seit dreißig bis vierzig Jahren in den Pußten oder Haideschenken herum, sein Leben mühselig fristend. Für einen Beutel Taback unternimmt er im Interesse seines Freundes und Gönners, des Kondás, eine Schleichpatrouille, steht als Vorposten Nächte lang, wenn’s in der Pußta nicht geheuer ist, d. h. wenn österreichische Gensd’armen gewissen verdächtigen Leuten (wie weiland Sobri und Konsorten), auf der Spur sind, und wird dabei alt und stumpf, wenn auch nicht in Ehren, doch im Elend. Der Dritte im Bunde, der hinten am Tische sitzt, ist ein Mann von entschiedenem Charakter, der nicht zwei oder drei Handwerke nebenbei treibt und als Deckmantel braucht, sondern seine Kräfte concentrirt, entschieden mit Messer oder kurzer Muskete auftritt, meist im Auslande, das will sagen, außerhalb der Steppe, lebt und sich nur in die Csárda verliert, wenn ihm sonst überall ein sicherer Aufenthalt abgeschnitten. Mit großer Gewandtheit hält er in Begleitung einiger Spießgesellen den ersten besten Reisewagen an, stößt bei der geringsten Widersetzlichkeit den unglücklichen Kutscher vom Bocke, ladet (wie die Fabel geht) die Reisenden sehr höflich ein, auszusteigen, schneidet die Lederkoffer auseinander und zertrümmert die Kisten, um sich des Inhalts zu versichern und hilft der Herrschaft wieder in den Wagen, sobald er sich seiner Commission entledigt. So wird gewöhnlich von den Wegelagerern Ungarns erzählt.

Doch unser Reiter, der, außer an jenem Abende in der Haideschenke, noch manchen andern solcher Vögel sah, der in Pesth [276] mehr als einer Einlieferung und Verurtheilung beiwohnte, glaubt hier ein wenig berichtigen zu dürfen, ohne deshalb dem chevaleresken Charakter der Ungarn, der selbst dieser Klasse, die außer dem Gesetze steht, eigen ist, nahe treten zu wollen. Der Edelmuth der Räuber, selbst der ungarischen, ist nie weit her. Es mag allerdings Ausnahmen geben, wie z. B. der noch lebende Rosa Sandor eine ist, dessen Galanterie, namentlich gegen Damen, nicht genug geschätzt werden kann, und der in Pesth im Jahre 1849 oder 1850 die größte Sensation erregte, als er es wagte, im ungarischen Nationaltheater zu erscheinen. (Daß er nicht augenblicklich festgenommen wurde, mag, nebenbei bemerkt, als Beweis dienen, wie hoch im Ansehen damals Alles stand, was zum Magyarenthum nur die geringste Beziehung hatte; und Rosa Sandor war leider ein geborner Ungar.)

Im Allgemeinen aber stehen diese Leute mit den Bravo’s Italiens auf gleicher Stufe, deren Edelmuth eben so gut eine vorübergehende Laune ist, als die Grausamkeiten, die sie gegen sogenannte „widerspenstige“ Reisende begehen. Noch in neuester Zeit ist eine That von einem Kondás an seinem frühern Herrn verübt worden, die so wenig mit der vielgerühmten Chevalerie dieser Pußtensöhne gemein hat, daß sich Einem beim Anhören der furchtbaren Mordthat die Haare sträuben. Solche Schurken werden von der Regierung allerdings sehr kurz prozessirt, wie alle jene Individuen, die das Land unsicher machen durch Mord und Räubereien. Nach höchstens vierundzwanzig Stunden ist ein solcher eingebrachter Bursche ein todter Mann, denn des Gesetzes Schärfe fand nach der allgemeinen Desarmirung des Landes für nöthig, jeden Verdächtigen, der auf offenem Felde mit Schuß- oder Hiebwaffe ergriffen wurde, festzunehmen und nach geschehener Untersuchung zu erschießen. Und meist waren diese Menschen die verwegensten Räuber und Diebe, in deren Leben der Richter selten einen Hang nach Romantik als etwaigen Milderungs- oder Entlastungsgrund entdecken konnte.

Gattungen dieser Leute nun suchen und finden auch ihr sicheres Asyl meistens in der Haideschenke, bis diese einmal, von den Kugeln der österreichischen Gensd’armen durchlöchert, in sich zusammenfällt. Aber meist ist dann bei der Haussuchung das Nest leer, die Vögel sind ausgeflogen, nur liegt vielleicht eine zertretene Geige am Boden, die dem armen Zigeuner bei der Flucht aus der Hand gerissen wurde. Doch läßt man bei solcher Gelegenheit dem Zigeuner nie Zeit, sein einziges Hab und Gut mit sich fortzunehmen, oft wird er auf’s Pferd gebunden, um ihn ganz sicher zu entführen, denn zurückbleibend, wäre er ein zu gefährlicher Verräther.

Auch die drei Helden der Csárda entfernten sich auf einen schrillen Pfiff, der durch die Stille der Nacht drang, und ließen unsern Reiter allein, der es jedoch für nöthig fand, ihnen bis an sein Pferd hinaus das Geleite zu geben, damit die Herren nicht etwa aus Versehen sein Miethroß mitnähmen. Aber der Zigeuner spielte seinen Csárdas fort, und wenn er zu Ende war, fing er ihn wieder von Neuem an, Anfangs eben so leise klagend, zuletzt ebenso ausgelassen rasend, wie das erste Mal. Dann streckte er sich schüttelnd vor Frost auf ein elendes Lager in der Ecke der Hütte, zog einen härenen Fetzen bis an die Ohren herauf und schlief ein.

In dieser Gesellschaft brachte unser Reiter die Nacht zu, ohne recht einschlafen zu können, denn in dem Hotel schien’s ihm eben nicht recht geheuer. Mit dem ersten Sonnenstrahle bestieg er wieder sein Pferd, trabte noch einige Meilen südöstlich und erreichte endlich Debreczin, wo man für so mäßigen Preis den besten Tokayer trinkt. Die Pußta mit ihrer Schenke ließ er aber weit und gern hinter sich liegen, und gedachte der heimathlichen Berge mit wärmeren Gefühlen als je zuvor.




Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.
Ueber den Werth der Klystierspritze.

Die Klystierspritze, – eines der unentbehrlichsten und heilsamsten Instrumente, welches in keiner ordentlichen Haushaltung (zumal mit Kindern) fehlen darf und dessen Namen zu lesen und auszusprechen, nur ungebildete Zieraffen sich scheuen, – dient nicht blos zur Einführung von Materien (in flüssiger oder gasförmiger Gestalt) in den untern, dickern Theil des Darmkanales, sondern auch zur Entfernung von solchen Stoffen aus dem Darme. Ersteres geschieht so, daß man die Spritze mit den einzuführenden Stoffen füllt, in die Darmöffnung einbringt und dann durch Druck entleert. Letzteres wird dadurch bezweckt, daß die Spritze leer und geschlossen eingebracht und nun geöffnet (aufgezogen) wird, so daß sie die luftförmigen und flüssigen Stoffe des Darmes (wie ein Blasebalg die Luft) einsaugt. Beides, das Einspritzen und das Aussaugen von Stoffen, kann bei vielen und sehr verschiedenen Krankheitszuständen von der heilsamsten Wirkung sein. Aber nicht blos in den Darmkanal sondern auch in andere Organe können mit Hülfe der Klystierspritze heilsame Stoffe eingeführt werden, so daß dieses Instrument mehr als jedes andere bei krankhaften Zuständen seine Anwendung finden kann. Auch von den Aerzten wird dessen Anwendbarkeit noch nicht so ausgebeutet, als dies geschehen könnte und sollte.

Zum Selbsteinführen von Stoffen mit Hülfe einer Spritze benutzt man theils die gewöhnliche Klystierspritze, an welche entweder ein längeres (gekrümmtes) Metallrohr oder ein biegsamer (Kautschuk-)Schlauch angesetzt ist, theils die neuerlich sehr gebräuchlich gewordenen und zur Selbstapplicirung von Klystieren (Lavements) unstreitig sehr bequemen Clysopompe, von denen es sehr verschiedene Arten giebt, wie drehbare und Pumpwerke von verschiedener Gestalt. Die ersteren (s. Fig. 1) verdienen den Vorzug vor den letzteren. – Die neuesten und bequemsten Apparate, welche nicht blos zu Einspritzungen, sondern auch zu Augen-, Hals- und Nasendouchen angewendet werden können, sind die Irrigateurs (s. Fig. 2), weil diese, wie ein Uhrwerk gestaltet, wenn sie aufgezogen sind und der Hahn geöffnet wird, vermöge ihrer Spiralfeder die Flüssigkeit ganz allein ohne Zuthun der Hände forttreiben. – Der Klystierschlauch (Syphon) leitet aus einem höher stehenden, mit Wasser gefüllten Gefäße die Flüssigkeit mittels eines langen biegsamen Rohres herab, so daß dieselbe durch den Druck ihrer eigenen Schwere (wie bei einer Fontaine) in die Höhe spritzt.

Drehbares Clysopomp.
a. Dreher. b. Spritze.

Das Einführen flüssiger Stoffe in den Dickdarm wird am häufigsten zur Hebung von Verstopfung (s. Gartenl. Jahrg. III. Nr. 1) in Gebrauch gezogen; jedoch lassen sich dadurch auch gewisse Substanzen (Wasser, Arznei- und Nahrungsstoffe) vom Darme aus in das Blut schaffen, sowie ferner dadurch krankhafte Zustände des Darmes und seiner Nachbarorgane beseitigt werden können. – Wird Ausleerung von Excrementen oder Darmgasen durch das Klystier beabsichtigt, theils durch Aufweichen der harten Excremente und Schlüpfrigmachen der Darmwand, theils durch Anregung des Darmes zu kräftigeren wurmförmigen und Entleerungs-Bewegungen, dann braucht das Lavement nur aus warmem, lauem oder kaltem Wasser (10 bis 12 Unzen) zu bestehen, dem, wenn dieses allein nicht wirken sollte, etwas Seife, Salz, Essig, Honig, Zucker, Oel oder dergl. zugesetzt wird. Die kalten Klystiere sind, obschon sie [277] die Darmbewegung in stärkerem Grade erregen, als die warmen, doch weniger als diese zu empfehlen, weil die Kälte leicht Darmkatarrh und ruhrartigen Zustand (selbst Bauchfellentzündung) erzeugen, sowie eine zu heftige Reizung der Darmnerven (besonders bei reizbaren Personen) veranlassen kann. Eröffnende Klystiere sind Abführmitteln immer weit vorzuziehen, weil sie dem bei der Verstopfung schuldigen Theil, dem Dickdarme nämlich, unmittelbar zu Leibe gehen, während Abführmittel den ganz unschuldigen Magen und Dünndarm maltraitiren und, wenn sehr reizende Purganzen öfterer eingenommen werden, den Magen endlich durch chronischen Katarrh ganz ruiniren, ja sogar verhärten. Bei der Verstopfung kleiner Kinder sind Klystiere ganz unentbehrlich und Abführmittel durchaus zu vermeiden. – Wassereinspritzungen in den Dickdarm können nun auch zu dem Zwecke angewendet werden, um Wasser in das Blut des Unterleibes zu schaffen, dieses dadurch flüssiger zu machen, und so den sogenannten Pfortaderstockungen (Unterleibsbeschwerden; s. Gartenlaube Jahrg. II. Nr. 18) entgegen zu treten. Damit aber das eingespritzte Wasser auch von den Blutgefäßen aufgesogen werde, darf man nur eine kleinere Quantität (4 bis 5 Unzen) desselben, aber öfterer und von lauwarmer Temperatur einspritzen, und muß dasselbe bei sich zu behalten lernen. Bei dieser Wassereinfuhr, welche Allen zu empfehlen ist, die zu wenig Flüssiges zu sich nehmen (wollen oder können), gelangt natürlich ein Theil des Wassers auch in die Saugadern des Dickdarms und vermag so den Speisesaft flüssiger zu machen. Das Einführen von flüssigen Nahrungsstoffen (wie Milch, Fleischbrühe, Eiflüssigkeit) mittels der Spritze in den Dickdarm, damit dieselben daselbst aufgesogen werden und zur Ernährung des Blutes und Körpers dienen, wird bisweilen in den Fällen angewendet, wo die Aufnahme von Nahrung von oben durch irgend welche Umstände behindert ist. Leider ist diese Art der Ernährung des Körpers nicht hinreichend zu seinem ordentlichen Bestehen. – Arzneistoffe, im Lavement beigebracht, können manchmal von besserer Wirkung sein, als wenn man sie einnimmt. Gewöhnlich werden schmerz- und krampfstillende, oder erregende Medicamente auf diese Weise in den Körper (das Blut) gebracht. – Bei Krankheiten des Dickdarmes, besonders bei ruhrartigen Processen mit Kolik und Durchfall, sind lauwarme Klystiere anfangs von schleimigen oder öligen Flüssigkeiten (Stärke, Reis- oder Hafergrützschleim, Oel), später von heilsamen Arzneimitteln (Höllensteinlösung) ganz unentbehrlich. Ebenso wenig können sie bei Blinddarmentzündungen, Mastdarmkrankheiten, gewissen Wurmbeschwerden entbehrt werden. – Wärme oder Kälte durch Wasserklystiere zunächst auf den Dickdarm und dann mittelbar auch auf dessen Nachbarorgane applicirt, kann Hülfe bei Eiterungen, Schmerzen, Blutungen und manchen andern krankhaften Zuständen der Unterleibsorgane schaffen.

Das Einführen luftförmiger Stoffe von unten in den Darmkanal dürfte, obschon es von Seiten der Aerzte nicht gar häufig geschieht, doch in vielen örtlichen und allgemeinen Leiden von größerm Vortheile sein, als das Einnehmen von Medicamenten, die ja zunächst immer den armen, am Kranksein sehr oft ganz unschuldigen Magen turbiren. So könnte schon die eingebrachte atmosphärische Luft bei Solchen, deren Därme (Leib) wegen Gasmangel sehr zusammengefallen sind, mancherlei Beschwerden heben. Denn man bedenke, daß die Darmgase ganz nothwendig nicht nur für die Verdauung sind, sondern auch für das Athmen, für die Aufrechterhaltung des Rumpfes und für alle Entleerungsakte (wie Stuhlgang, Urinlassen, Erbrechen, Husten, Gebären). Durch sie werden nämlich die Därme in ein elastisches Luftkissen verwandelt, welches vom Zwerchfelle und den Bauchmuskeln leicht zusammen gepreßt werden und so den genannten Processen dienen kann. –

Irrigateuer.
a. Oeffnung zum zum Eingießen der Flüssigkeit.
b. Dreher zum Aufwinden des Kolbens.
c. Spitze.

Reizendere Luftarten (wie Kohlensäure, Tabaksrauch etc.) sind nicht selten schon dazu mit Glück benutzt worden, um lebensgefährliche falsche Lagerungen der Därme (wie Verwickelung, Einschiebung, Einklemmung) zu heben, indem man dieselben zu heftigern Bewegungen anregte. – Sicherlich würde auch das Einführen reiner Lebensluft (des Sauerstoff) in den Dickdarm Vortheile bieten können, z. B. eine schlechte Beschaffenheit des Blutes (zunächst natürlich des Unterleibsblutes) baldigst zu heben vermögen, zumal wenn die Thätigkeit der Lungen (die Sauerstoffaufnahme) verringert wäre. Doch hat Verf. hierüber noch nicht hinreichende Erfahrungen, und von Seite der praktischen Aerzte, die ja fest an der alten Arzneimittellehre und an Recepttaschenbüchern halten, werden nicht gern rationelle (physiologische) Versuche angestellt. – Vielleicht ließen sich auch Gase, welche man nicht ohne großen Nachtheil einathmen kann, als gute Gegengifte bei Vergiftungen in den Darm einklystieren; z. B. Chlor bei Vergiftungen mit Blausäure und Schwefelwasserstoff u. s. f.

Als An- und Aussaugungsapparat ist die Klystierspritze allerdings in weniger Fällen anwendbar, wie als Injectionsapparat. Jedoch kann sie auch als solcher dadurch heilsame Wirkung, und zwar ziemlich schnell, äußern, daß sie die übermäßige Anhäufung von Gas im Darme (also die Blähungsbeschwerden) leicht zu mindern vermag. Auch könnte die Saugkraft der Spritze noch zu manchen andern Heilzwecken verwendet werden. Kurz die Klystierpritze ist nicht nur in der Gegenwart schon als einer der besten Heilapparate anzuerkennen, ihr stände auch noch eine große Zukunft bevor, wenn nur die Heilkünstler erst weniger mit Heilmitteln in Schachteln und Flaschen heilkünsteln wollten.
(Bock.) 




Nasmyth’s Dampf-Eisenhammer.

In den Artikeln, „Die Wissenschaft im Kriege“ und „Schwimmende Batterien gegen Kronstadt" haben wir bereits auf den Halbgott unter den englischen Eisen-Rittern aufmerksam gemacht, Nasmyth mit seinen dreitausend Arbeitern und seinem wissenschaftlichen und praktischen Commando über das Gold der Civilisation, das Eisen. Leider arbeiten jetzt seine Dampfarme mehr für zerstörende, als produktive Zwecke. Er schmiedet Kanonen, in deren Kalibern man sich bequem eine Schlafstelle zurecht machen kann, mehrere Zoll dicke Eisenwände für schwimmende Batterien, gleichsam Dächer und Ziegel für die neuen undurchdringlichen, bombenfesten Schiffs-Festungen, von denen die baltische Flotte schon einige mitnahm, und hat für seine Armee von Arbeitern überhaupt alle Hände voll für Kriegszwecke zu tun. Außerdem ist noch die ungeheuere Eisengieß- und Schiffs-Schmiedeanstalt der Herren Mare in Blackwall bei London mit 2600 Arbeitern für Kriegsschiffe und Kriegszwecke im Allgemeinen beschäftigt, so daß man immer wieder von den friedlichen Gedanken, denen man sich so gern im Schatten kühler Denkungsart und der wiener Conferenzen hingab, abgeleitet wird.

Dies soll uns jedoch nicht abhalten, diesem Ritter der Eisen-Industrie und besten Repräsentanten der Aristokratie von Jung-England und seiner Thätigkeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir sehen uns hiermit seinen berühmten Dampfeisenhammer an, wie er eben die Platten für schwimmende Batterien schmiedet, mathematisch genau bestimmte Eisenkleidungsstücke, von denen jedes 60–100 Centner wiegt. Diese ungeheuern Platten werden aus kleineren, die unter dem Tilt-Dampfhammer (der wie ein Handhammer arbeitet) entstehen, zusammengehauen. Der große nasmyth’sche Dampfhammer, wie er sich als ungeheures viereckiges Stück Eisen in seiner flaschenartigen Umkleidung darstellt, wird durch einen Kolben von 600 Pferdekraft in die Höhe gehoben und [278] fällt dann in seiner eigenen Schwere, welcher das Gesetz von der beschleunigten Geschwindigkeit beim Falle noch um mehr als 100 Centner Nachdruck hinzufügt, auf die glühende Masse herab. Jeder Schlag fällt mit einer Macht von 4500 bis 6000 Pfund. Sie folgen sich so schnell aufeinander, daß er des Sprüchwortes „man muß das Eisen schmieden, weil es warm ist“, sehr stark eingedenk zu sein scheint. Dabei fällt er blos von einer Höhe von etwa fünf Fuß, welche beliebig bis fünfzehn Fuß gesteigert werden kann. Beachtenswerth ist hier besonders die haarscharfe Genauigkeit und Feinheit des Schlages, welche man mit der spiegelblanken Stahlfläche des ungeheuern Eisenblockes in der Gewalt hat. Der Hammer haut auf Verlangen vierzig ungeheuere Eisenplatten mit wenig Schlägen in eine zusammen, aber er knackt auch eine Nuß auf, ohne den Kern im Geringsten zu beschädigen; er berührt in seinem Falle das Glas einer auf den Ambos gelegten feinen Cylinder-Damenuhr, ohne es zu zerbrechen. Beim Schmieden von Kanonen für 300-Pfünder muß er freilich einem dreimal mächtigeren Blocke weichen, der mit jedem Schlage die ganze Umgegend so erschüttert, daß man vier englische Meilen davon, ohne ihn zu hören, jeden Schlag in den Wellen eines Beckens oder Glases voll Wasser sehen kann. Als Nasmyth für ein Kriegsdampfschiff einen Kurbelschaft von 320 Centner Gewicht schmiedete, klirrten viele Meilen umher alle Fenster, und ein Freund von ihm behauptete, er könne ihm aus einem Schreiben, das er während der Zeit gerade angefertigt, genau sagen, wie viel Schläge er mit seinem Hammer getan. Jeder Schlag habe seine Feder aus der Bahn gestoßen.

Nasmyth’s Dampf-Eisenhammer.

Die Dampfmaschine, welche den Hammer schwingt, läßt sich in ihrem Detail, ohne in’s Technische zu gehen, nicht beschreiben. Es genügt, hier zu sagen, daß es der Dampfkolben ist, welcher dem ungeheuern Hammer gleichsam als Stiel und schwingender Arm dient. Die zu schmiedenden Eisenmassen werden mit ungeheuern Krahnen und Kettenflaschenzügen aus dem Feuer auf den Ambos geschwungen und hier von verschiedenen Instrumenten, die ebenfalls durch Kettenkrahne und große Massen riesiger, stahlarmiger Arbeiter leicht dirigirt werden, so gedreht und gewendet, wie es der Schmiedemeister mit kurzen, militärisch scharf ausgestoßenen Worten befiehlt. So kann man sich mit Hülfe der Abbildung wohl eine Vorstellung von dieser riesigsten aller Operationen mit Eisen machen; nur vergesse man nicht, sich die Funken und glühenden Eisenstücke, die bei jedem Schlage nach allen Seiten umher und unter die Arbeiter spritzen, recht massenhaft und groß zu denken, so daß schon Mancher lebensgefährlich verbrannt ward oder gar die Augen verlor. Dies scheint aber die übrigen Arbeiter nicht im Geringsten zu geniren, was wieder ein Beweis ist, daß sich der Mensch an Alles, selbst das Schrecklichste gewöhnt, wenn es nur eben bleibend ist und gleichsam alltäglich wird, wie das liebe Sonnenlicht. Würde uns doch letzteres auch alle stockblind machen, wenn es etwa alle vier Wochen plötzlich einmal seine Aufwartung machte.

Von den übrigen Abtheilungen der ungeheuern nasmyth’schen Anstalt wollen wir nicht weiter sprechen, da das Schmieden, Schmelzen, Frischen, Gießen, Härten, Weichen und Stählen des Eisens im Einzelnen und Kleinen als bekannt vorausgesetzt werden darf, wiewohl die neueste Wissenschaft in Behandlung des Eisens auch dem gemeinsten Grobschmiede ein eigenes Interesse giebt, gelehrt wie ein Professor zu werden. Die Anstalt hat für den Laien als Ganzes und Großes das höchste Interesse. Sie wäre eine Welt im Kleinen, wenn sie nicht so groß wäre. Bewundernswürdig ist die Disciplin, die Technik, die Organisation, womit hier die Arbeiter von 6000 Händen und mehr Tausend Dampf-Pferdekräften unter der Regierung des Hauptes und der Minister, der technischen Direktoren und „Vormänner“ („foremen,“ gleichsam der Offiziere bei den einzelnen Arbeiten) auf das Genaueste in einander greifen. Diese kleinen Staaten der industriellen Wissenschaft, der praktischen Intelligenz mit ihren Aristokraten von Kapital und Kapacität haben denn auch mit ihrem „Jung-England“ eine Zukunft, während man an dem großen Staate England mit seiner gichtischen, geburtsnärrischen, nepotischen, klikenhaften Aristokratie und Diplomatie nachgerade immer gründlicher verzweifeln lernen muß. Dieses eisenarmige, leidenschaftlich fleißige und für die ganze Welt produktive „junge England“ kann mit dem alten gichtischen, faulen, blos von Traditionen und fremden Einflüssen lebenden aristokratischen durchaus nicht mehr aus- und vorwärts kommen.



[279]
Aus dem Thierleben.
I.
Das Todtenlied des Kanarienvogels.

Treten wir einmal aus unserm stolzen aristokratischen Kreise heraus, legen unsere Vorurtheile ein wenig beiseite, und mischen uns in die große kriechende, schwimmende, kletternde und im blauen Aether schwebende Gesellschaft unserer Mitkostgänger bei der guten Mutter Natur, sehen uns das bunte, wirbelnde und doch wieder harmonische Treiben des bei der Erschaffung blos mit Instinkt abgefertigten Völkleins an, so entdecken wir bald in diesem bewegten Leben einzelne Momente, die unsern Glauben an den von vielen Philosophen bewiesenen Satz: daß der Mensch allein Vernunft, das Thier nur Instinkt besäße, über den Haufen wirft. Woher kommt zum Beispiel die Empfänglichkeit des edeln Rosses für das Unheimliche, die dieses Thier so ganz mit dem Menschen gemein hat? Der Renner, der seinen Reiter über ein Schlachtfeld trägt, oder mit ihm des Nachts an einem Friedhofe vorbeitrabt, reißt seine Nüstern weit auf, die Augen quellen aus ihren Höhlen hervor und durch den ganzen riesig starken Körper geht ein Schauder, der von dem eisigen Frösteln, das im gleichen Moment den Leib des Reiters durchzuckt, sich nicht viel mehr zu unterscheiden scheint, als die Liebe Hansens zu seiner Dorfgrete von derjenigen des zarten Stadtjünglings zu seiner Amaranthe. Der Unterschied besteht einzig in der mindern oder größern Heftigkeit der Wirkung der innerlichen Empfindung nach Außen. Die gewaltigen Sehnen und Nerven des Rosses fibriren heftiger, als die feinern Saiten, welche den Geist und den Körper des höhern Wesens mit einander in Verbindung setzen.

Das Moralgesetz, welches sich der gebildete Mensch gegeben hat, hat seine Basis in der Menschenliebe: die schönste Idee der Menschheit ist diejenige der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Wohlthuns. Der Socialismus in seinem edelsten und praktischen Sinne regelt und bestimmt sogar diese Richtung, und wandelt sie zur unabänderlichen, durch das weltliche Gesetz gebotenen Pflicht um, und so tief ist das Gefühl der Wahrheit derselben in’s Mark der Menschheit gedrungen, daß sie am Ende den Sieg über alle ihre Gegner behalten wird, so langsam loyal das gefürchtete Gespenst Socialismus einherzuschreiten genöthigt ist. Uebt aber der Mensch, das vernünftige Wesen, einzig diese schöne Idee aus? Keineswegs! – Der Hund des Klosters St. Bernhard wandert in den Tagen des Sturmes und Schneegestöbers unverdrossen auf den eisigen Pfaden und in den unwirthbaren Klüften des schauerlichen Gebirgs umher, um den verirrten oder unter der stürzenden Lawine vergrabenen Wanderer aufzusuchen, dem Erstarrten erwärmende Labung zu bringen und ihn den gastlichen Räumen des Stiftes zuzuführen. Nun, freilich, Alles das hat ihm der Mensch, das vernünftige Wesen, gelehrt. Die Idee ist nicht im Kopfe des Hundes geboren, aber die Ausführung wenigstens geschieht von seiner Seite mit einer Lust, mit so freudigem Eifer, daß eine gewisse Tiefe des Verständnisses seiner Handlung kaum wegzuleugnen ist.

Selbst die edleren Regungen, deren Sitz wir sonst im Menschenherzen allein zu suchen gewohnt sind, und welche gewiß nicht durch die prügelgewürzte Dressur hervor gerufen werden können, die Anhänglichkeit und Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten, sind dem Thiere edlerer Gattung keineswegs so fremd, als wir es uns gemeinhin vorstellen. Wir können hierbei ganz vom Hunde, dem gebornen Freunde des Menschen absehen. Züge von seiner Treue, Anhänglichkeit und Liebe sind genug bekannt. Von den Pferden, die bei dem todten Herrn auf dem Schlachtfelde Tage lang stehen blieben und vor Trauer starben, wollen wir ebenfalls schweigen. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, daß selbst die Kuh, dieses anscheinend so stumpfsinnige Hausthier, die gleiche rührende Anhänglichkeit an ihre Wohlthäter an den Tag legen kann. Und dennoch ist es so.

Ein Bekannter des Schreibers dieser Zeilen, ein großer Freund von Hausthieren, besaß eine Kuh, nur eine einzige, und diese wurde von ihm selbst mit außerordentlicher Sorgfalt gepflegt, und bei jeder Gelegenheit geliebkost. Umstände veranlaßten ihn indeß, das liebe Hausthier zu veräußern. Mit kläglichem Gebrülle, gleich als fasse sie genau die Umstände, verließ die Kuh den Stall und das Haus. Nach Verfluß von drei Tagen kam der neue Eigenthümer zum Verkäufer, erklärend: er wisse nicht, was mit seiner Kuh anfangen. Seit sie in ihrem neuen Aufenthalt angekommen sei, habe sie weder Futter noch Trank berührt, und – hier das Sonderbarste – Thränen geweint wie ein Mensch. Unaufhörlich rinnen große Zähren über ihre Backen nieder. Leider verweigerte es der Verkäufer, das treue Thier in diesem Zustande zu sehen, sonst hätte bei dieser Zusammenkunft manche interessante Beobachtung gemacht werden können.

Interessanter noch als das so eben Erzählte, dürfte dem Leser folgende Begebenheit erscheinen. Sie beweist, daß gewissen Thiergattungen, namentlich den eigentlichen Musikanten von Profession unter den Thieren – den Vögeln, selbst die Poesie des Schmerzes, die Klage im Liede möglich ist. Ich habe sie einmal vernommen, diese Klage, aus der Kehle eines goldgefiederten Sängers, und ich kann versichern, sie hat mein Herz mächtiger angeregt, als manches stöhnende Schmerzlied unserer menschlichen Poeten.

Ich bin immer ein großer Freund von Kanarienvögeln gewesen. Vor einigen Jahren starb mir ein außerordentlich schönes und zahmes Exemplar dieser muntern Gattung. Der Verlust ging mir nahe, ich ließ den kleinen Leichnam ausstopfen, was so gut gelang, daß dem Vögelchen nichts als die Bewegung fehlte, um für lebendig zu gelten. Lange Zeit stand er so auf meinem Secretär, mit den klugen schwarzen Aeuglein unverwandt auf den gleichen Punkt hinschauend.

Ein anderes Exemplar seiner Gattung nahm seine Stelle als Kammersänger bei mir ein, und war bald eben so zahm, wie sein Vorgänger, so daß man ihn wie ein Hühnchen locken konnte, um das Futter von der Hand weg zu picken.

Eines Morgens – er hatte während der Nacht in seinem Käfig vor dem Fenster gestanden – war der kleine Musikus verschwunden. Ich hatte vergessen, die Thüre seines Gefängnisses zu schließen, und der Flüchtling hatte nach Demokratenweise von seinem ewigen Rechte Gebrauch gemacht und war ohne Abschied davon gegangen. Ich ließ den leeren Käfig offen an seiner Stelle, hoffend, daß der Flüchtige vielleicht blos einen kleinen Ausflug beabsichtigt habe, und sich ein wenig in der Nachbarschaft umsehen wolle, um dann zurückzukehren.

Diese Hoffnung rechtfertigte sich den Tag über nicht. Hänschen blieb verschwunden, und mußte es vorgezogen haben, sein Nachtquartier anderwärts aufzuschlagen, denn auch der Abend brachte den Flüchtling nicht zurück. Ich mußte den Ausreißer verloren geben.

Am folgenden Morgen, als eben die ersten Strahlen der Junisonne in die breite Hauptstraße der schweizerischen Bundesstadt hineindrangen und auf den metallenen Knöpfen der Fenster Ballustres spielten, wurde ich durch den prächtigsten Gesang eines Kanarienvogels, der dicht vor meinem Fenster ertönte, geweckt. Hastig warf ich den Schlafrock über, um an’s Fenster zu eilen, vermeinend, mein Flüchtling sei wieder da. Eben fing das Vögelchen wieder mit einem lang gezogenen Tone an und dann immer höher und höher auf der Tonleiter steigend, mit einen jener kunstreichen, fabelhaften Triller zu endigen, deren wunderbare Kraft und Behendigkeit Erstaunen erwecken, über die kleine Kehle, die solche Janitschaarenmusik hervorzubringen im Stande ist. Das war nicht Hänschens Stimme, so ausgezeichnet sang mein kleiner Liebling nicht. Leise, den Athem zurückhaltend, zog ich den Vorhang zurück. – Im Käfig saß Niemand anders als mein Vogel, ein so unbefangenes Gesicht machend, als sei er sich gar keines Vergehens bewußt, und sich mit dem besten Appetite von der Welt die Hanfkörner in seinem Troge schmecken lassend. Die Bewegung in freier Luft hatte ihn so materiell gestimmt, daß er offenbar keine Zeit zu poetischen Ergüssen übrig zu haben schien. Oben auf seinem Käfig aber saß ein anderer Vogel gleicher Art, aber von seltener Farbenpracht und Schönheit – ein eigentlicher Specialvogel, wie die Tyroler sagen. War dieser der geheimnißvolle Sänger gewesen?

[280] Ich trat leise von dem halbgeöffneten Fenster zurück. Hänschens Besuch schien aber selbst so wenig scheu zu sein, daß er von meinen Bewegungen nicht im Mindesten Notiz nahm. Bald war ich über den Gesang im Klaren. Der fremde Ankömmling begann auf’s Neue seinen prächtigen, trillernden, wirbelnden Gesang, immer länger anhaltend, und dabei die kleine Kehle zum Zerspringen aufblasend. Ich war außer mir über die Schönheit des Vogels und seinen herrlichen Trillerschlag, und sann mir den Kopf aus, wie ich’s anstellen wolle, den goldgefiederten Sänger zu haschen. Dieser machte mir indeß die Sache leichter, als ich sie mir selbst gedacht. Er warf nach Beendigung seines Gesanges das leichte Köpfchen auf die Seite und schaute mit dem einen glänzenden Auge schief in den Käfig hinunter, wo sein College fortwährend unverdrossen seine Hanfkörner bearbeitete. Hunger ist ansteckend. Noch einen sehnsuchtsvollen Blick nach dem Futtertroge, nach kurzem Bedenken noch einen, und der Entschluß zur Ueberschreitung des Rubikons war gefaßt. Eine vorsichtige Promenade rings um den Käfig, kurzer Anhalt und vorsichtiges Umsichschauen bei dem verhängnißvollen Thürchen, und husch! drinnen stak der Schelm, ohne Umstände sich bei seinem Genossen zu Tafel ladend. Mit der höchsten Vorsicht näherte ich mich wieder dem Käfig, immer fürchtend, das flinke Geschöpfchen möchte bei meinem Anblick erschrecken und seinen Flug in’s Freie nehmen. Meine Befürchtung war unnütz. Der kleine Sänger war offenbar die Nähe des Menschen und die Gitterstäbe des Käfigs gewohnt. Er schaute kaum auf die Seite, als ich das Thürchen schloß, das ihm den Weg zur Freiheit versperrte. Triumphirend nahm ich den Käfig mit seinem multiplicirten Inhalte hinein in’s Zimmer, setzte ihn auf den Tisch und konnte nicht satt werden, den prächtigen Fremdling zu betrachten. Als die beiden Insassen ihre Mahlzeit beendigt hatten, zeigte sich ein Uebelstand. Das Futter hatten die beiden Sänger friedlich theilen können, nicht aber den Gesang. Wie der Eine seine schmetternden Triller begann, fuhr der Andere mit gesträubtem Gefieder auf den Collegen los, hackte mit dem Schnabel nach ihm und zeigte alle Merkmale der bittersten Feindseligkeit. – Oder aber, er suchte mit seinem eigenen doppelt lauten Gesang den Gegner zu überschreien. Wieder eine ächt menschliche Leidenschaft, die Eifersucht, dachte ich. Ganz wie im deutschen Parlamente.

Ich hatte indeß keine Lust, Hänschens Eifersucht den prächtigen Gesang meines neuen Wundervogels aufzuopfern; machte also kurzen Prozeß, faßte Hänschen, trotz seines Sträubens, ab und hielt ihn in der Hand fest, um ihn zum Schweigen zu bringen. Vergebliche Mühe; Hänschens beleidigter Ehrgeiz ließ ihn das Unerhörte thun; er sang und schrie, eng umstrickt von meiner Hand, bis zum Platzen seiner kleinen Kehle, sobald nur sein Rivale die Stimme erhob.

Es blieb mir nicht übrig, als die kleinen Wichte gewähren zu lassen. Ich ließ ihnen das Thürchen des Käfigs offen, und das ganze Zimmer zum Spielraum, eine Vergünstigung, von welcher sie auch sogleich den weitesten Gebrauch machten. Sie flatterten lustig in allen Winkeln herum, setzten sich auf Vorhänge und Möbeln, wie aber einer singen wollte, so begann der alte Zank von Neuem. Nach einer Weile schienen die Beiden einander ein wenig überdrüssig zu werden; Hänschen suchte seinen Käfig und die Hanfkörner wieder auf und der neue Ankömmling schwang sich auf den Secretair hinauf, wo der ausgestopfte Bruder, von dem ich eben gesprochen, unbeweglich auf seinem kleinen hölzernen Piedestal saß. – Nun begann ein Auftritt, den der Leser vielleicht sehr sich versucht fühlen dürfte, für eine Fabel zu erklären, und ich selbst würde ihn unbedingt für ein Mährchen, für die phantastische Vorstellung eines kranken Gehirns halten, hätte ich ihn nicht mit meinen eigenen Sinneswerkzeugen wahrgenommen, und könnte die Authenticität dessen, was ich erzähle, verbürgen.

Der fremde Vogel näherte sich dem todten zuerst unbefangen, wie in der Absicht, mit ihm zu schäkern. Unverkennbar hielt er ihn für ein lebendiges Wesen; er pickte nach seinem Schnabel, rupfte an den gelben Federchen und sucht auf jede Weise die Aufmerksamkeit des Unbeweglichen auf sich zu lenken. Als ihm dieses natürlich nicht gelang, schien er unwillig zu werden und stieß ein paar zankende, keifende Laute hervor. Dann begann er das alte liebkosende Spiel mit gleich schnellem Erfolge von Neuem. Endlich schien ihm die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen klar zu werden. Fast scheu trippelte er ein wenig von dem Todten weg und schaute ihn ein Weilchen unverwandt an. Plötzlich fing er an zu singen und nie im Leben werde ich diese wundersamen Töne des Schmerzes und der Klage vergessen, die ich in jenem Augenblicke vernahm. Zuerst leise, kaum hörbar entrangen sie fast wie Geisterseufzer, wie das Klingen der Aeolsharfe der kleinen, goldbefiederten Brust. Es war der natürliche Gesang des Kanarienvogels, seine phantastischen launenhaften Wendungen, sein capriziöser Trillerschlag und doch wieder unendlich verschieden von dem lärmenden, melodielosen Gezwitscher dieser Gattung der Singvögel. Jeder Ton war Wehmuth, kein Componist der Erde, selbst Mozart oder Haydn, hätten es nicht vermocht, diese Klage der Seele in die flüchtigen Tonwellen ihrer göttlichen Musik zu bannen. Ich lauschte fern, regungs- und athemlos. In diesem Momente trat meine Frau in’s Zimmer, unwissend, um was es sich handle. Ich winkte ihr ängstlich zu schweigen, indem ich zugleich auf das singende Vögelchen hinwies. Der Sänger fuhr ungestört fort, während wir Beide mit verhaltenem Athem diesen märchenhaften Tönen lauschten. Der Gesang wurde nach und nach lauter, leidenschaftlicher, dann wieder langgezogen, leiser, fast wie Nachtigallenschlag, und endete in einem leisen, kaum hörbaren Flüstern. Ich wandte mich nach meiner Frau um. Sie weinte. Auch auf sie, die den Vogel noch nicht gesehen, den Anfang der Scene nicht belauscht hatte, hatte die Todtenklage des Vogels den gleichen, ja einen noch mächtigeren Eindruck hervorgebracht, als auf mich selbst, und doch leidet sie weder an übertriebener Empfindelei, noch theilt sie meine Leidenschaft für die Singvögel, und kann namentlich die Kanarienvögel wegen ihres betäubenden Geschreies nicht gut ausstehen.

Der wunderbare Vogel ersparte mir die Sorge, nach seinem legitimen Eigenthümer zu forschen. Gleich den menschlichen Poeten liebte er die Freiheit, schon nach wenigen Tagen war er auf eben so räthselhafte Weise verschwunden, wie er gekommen. Man hatte seinen Käfig nicht sorgsam genug verschlossen. Er kehrte nie wieder. Jahre sind seitdem dahin gegangen, aber immer noch zieht zuweilen das zauberhafte, wehmuthsvolle Lied des goldgefiederten Sängers traumhaft an meinem Ohre vorüber.

Die Wahrheit, die treue, schmucklose Wahrheit des Erzählten aber kann ich verbürgen.
A. Bitter. 

Allgemeiner Briefkasten.

v. d. B. H. in H. Wir haben Ihre Anfrage nach London gesandt, von wo aus sie beantwortet werden wird. Wir selbst vermögen Ihnen über die genaue Zusammensetzung des künstlichen Seewassers keine Auskunft zu ertheilen.

A. W. in Nbg. Kann leider nicht benutzt werden.

S. in Hn. Die avisirten Artikel werden wir remittiren müssen, ebenso den gesandten, dessen Thema bereits vielfach behandelt worden ist. Mit diesem zugleich folgt der Brief aus New-York zurück.

Tsch. in G. Auch Gedichte?? Beim besten Willen – es geht nicht.

X. X. in Nßbn. Sehr hübsch – aber wo Papier hernehmen, um alle die Gedichte zu drucken, die uns gesandt werden?

M. in W. Wenn eine Erhöhung des Vierteljahresabonnements eintritt, werden wir unsere Freunde frühzeitig genug davon unterrichten. Ihre Voraussetzung, daß das Publikum nur dabei gewinnen werde, ist eine sehr richtige.

N. in L. Sie klagen über die Bedrückungen und Willkürlichkeiten Ihres Amtmanns und meinen, die Gartenlaube müsse sich solcher öffentlichen Dinge annehmen. Sie führen dabei einzelne Thatsachen an, ohne daß Sie – wie Sie selbst sagen – den Muth gehabt hätten, nach dem Grunde dieser Willkürlichkeiten zu fragen. Bileam’s Esel fragte wenigstens seinen Herrn: Warum schlägst Du mich? Haben Sie ein härteres Fell und mehr Geduld, als dieses Grauthier?

C. v. P. in B. Die Nummern der gewünschten Zeitschrift stehen Ihnen zu Diensten.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.