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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1855) 125.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[125]

No. 10. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Drei Tage in Mittenwalde, im baierischen Alpengebirge.
Eine Reiseerinnerung aus dem Jahre 1852.
Von W. O. v. Horn.


Es war in den Junitagen des Jahres 1852, als ich von München herüber kam, um nach Insbruck hinab und weiter zu gehen. Der Marktflecken Mittenwalde machte durch seine Lage, tief im Schooße gewaltiger Berge, und durch sein sauberes, heiteres Aussehen einen so guten Eindruck auf mich, daß ich mich entschloß, einige Tage zu bleiben. Ueber meine Zeit stand mir die alleinige Verfügung zu, und da ich für meine Gesundheit reiste, so that ich gewiß wohl, da zu weilen, wo es mir gefiel. Ueberdies hatte ich des Stadtlebens in München gerade genug gekriegt und war von der Kunst wahrhaft übersättigt. Hier in dem schönen Bergorte, in der großartigen Bergwelt, im Schooße ländlicher Ruhe und Einfachheit wollte ich ausruhen, aufathmen, mich erfrischen und erholen. In dem Posthause war’s behaglich und ein alter, pensionirter Beamter, wie es mir schien, der mein Tischnachbar war, gefiel mir gut in seiner derben Einfachheit. Er hatte nichts zu thun und da half ich ihm in seinen Geschäften. Morgens gingen wir spazieren; Mittags saßen wir behaglich nach Tische zusammen, und gegen Abend liefen wir wieder hinaus in Gottes schöne Welt. Schon am ersten Tage waren wir so dicke Freunde, als hätten wir uns viele Jahre gekannt.

Dieser erste Tag meines Aufenthaltes in Mittenwalde war ein Sonntag. Schon um vier Uhr schlenderten wir nach der Scharnitz hinunter. Stämmige Bursche begegneten uns, beladen mit jungen Birken; blühende Mädchen mit Körben voll Blumen. Schon im Orte war eine ungewöhnliche Thätigkeit mit Putzen und Scheuern bemerklich gewesen.

„Was giebt’s denn morgen?“ fragte ich den Alten.

„Ei, wissen’s denn das nicht?“ fragte er. „Morgen ist hier die Frohnleichnamsprocession, die Sie in München freilich am Fasttage selbst viel herrlicher sahen.“

Nun war mir allerdings Alles erklärlich und ich freute mich auf den Anblick des ländlichen Festes nach dem großartigen Pompe in München. Der Alte führte mich auf einen Bergvorsprung, wo unter einer Lerchengruppe ein herrlich Plätzchen war. Man konnte das schöne Thal weit überschauen und hatte rechts Mittenwalde in seiner Berge Schooß vor sich. Da zog sich der mächtige Karwandelstock hinauf, um in seinen drei Thorspitzen sein Höchstes zu erreichen, besonders in der 10,000 Fuß hohen Zugspitze über Partenkirch, die das goldene, glänzende Kreuz trägt. Tiefer unten ragte der Franzosenstein empor. Zu dessen Füßen die Scharnitz liegt mit ihren Festungsresten, die an die Kämpfe mit Ney erinnern, und wo jetzt Oesterreich seine Mauthner stehen hat, die mit Luchsaugen nach Cigarren Jagd machen, und nur ihrer Fünfe frei passiren lassen; dort schließt der Wetterstein ab und gegenüber der stattliche Rechberg, allesammt des Karwandels ebenbürtige Gesellen und Nachbarn. Der Alte erzählte mir viel von den Kämpfen an der Scharnitz und manche interessante Episode aus dem Tyrolerkriege, und von dem Hasse der Baiern und Tyroler, der erst sehr allmälig sich mindere, obwohl er auch einmal wieder aufblitze, wo es dann freilich mitunter blutig ablaufe.

„Der Mensch hängt halt überall von seiner Umgebung ab,“ sagte er. „Auf der Ebene verläuft Alles einfach, stille, matt; aber in den wilden Bergen theilt sich auch dem Menschen etwas Wildes mit, Seine Leidenschaften sind stärker; sein Haß und seine Liebe sind tiefer, mächtiger, ich möchte sagen, gewaltig wie seine Berge, und sein Charakter ähnelt seinen Felsen. Glaubet mir, lieber Herr, wer hier lange gelebt, wie ich, der lernt das kennen aus vielfacher Erfahrung. Bös sind darum die Leute nicht; aber es ist nicht gut, den schlafenden Bären zu wecken. Ihr könnt das Morgen beobachten, wenn Ihr Lust tragt; denn nach dem Feste giebt’s einen Tanz. Kommen Tyroler aus dem Innthal herüber, von Zierl etwa, auf die’s die Mittenwalder Buab’n ohnehin aufgekreidet haben, dann fürcht’ ich schon, es wird sehr a’n harte Geschicht’n geben. Sie thun halt' immer gut z’samm’n und glei geht’s an’n Rauf’n.

„Hat denn dieser Lokalhaß eine besondere Quelle?“ fragte ich.

„Zwa für ani,“ sagte der Alte. „Schauen’s – er zeigte nach dem Rechbergstocke hin – dort liegen zwar viele Berge und Thäler zwischen der Martinswand, wo der alte Moxl ’mal gesess’n hat, und nit wieder abi konnt’, aber es ist ein Gebiet, wo die Gamsel’n noch z’haus sind in Rudeln. Hier z’Land hat der König das edle Thier gehegt und er that wohl dran, denn es wär’ bald aus mit ihm; aber drüben, auf der Tyrolerseit’n, darf sie der Jäger mit dem Stutz’n noch beschleichen. Nun, Jag’n is a Lust. Hob in mein’n jung’n Johr’n au manch’ Gamsthier drüben weg geputzt, und um die Schulter heim g’trog’n. Nun mögt Ihr denk’n, wie das lockt. Die drüben leiden’s nit, daß a’n Mittenwalder dort das Gamsel b’schleicht; thun’s aber doch. Da giebt’s harte Püffe und schon Mancher ist nit mehr heim komm’n, der Morgens frisch mit dem Stutz’n von Mittenwald hinaufstieg! Merkt’s, da liegt a’n Grund. Der andri sind die Dirndl’n.“ –

„Die Mädchen?“ fragte ich, mich wohl erinnernd, wie auch am Rheine alter Haß viele Generationen hindurch seine Wurzeln [126] durchschlug, weil die Bursche eines Ortes die schönsten Mädchen aus dem andern heimführten als ihre Frauen.

„Zweifelt Ihr dran?“ fragte er stutzig.

„Nein, Nein!“ rief ich. „Ich kenne Aehnliches aus den Bergen meiner Heimath. Fahrt nur fort, ich bitte!“

„Nun,“ sagte er, „es ist eine bekannte Geschichte, daß Mittenwald die schönsten Dirndl’n hat zwischen dem Loysachthal und dem Innthal – und da liegen hübsche Bergstöcke und Thäler dazwischen. Ihr könnt’s morgen selber schau’n. Schon von Alters her ist das so gewesen und die Tyroler, namentlich die Zierler, haben gar manch’ hübsch Dirnd’l hinüber geholt, als stattliche Hausfrau. S’ist aber auch kurios, daß die Zierler den mittenwalder Dirndl’n allemal besser gefallen, als die mittenwalder Buab’n und wir haben doch prächtige Buab’n, wie sie kaum drüben sind. S’ Weibsvolk is a’n kurios Volk,“ schloß er, „und s’ hat’s noch Keiner ausklugt. Aber s’bläst kalt aus den Karwandelschlucht’n,“ sagte er und stand auf. „I hob schon die Gicht!“ -

Er hatte Recht. Wir saßen ohnehin dem Thalwind preisgegeben auf unserm schönen Plätzchen. So gingen wir denn nach Mittenwalde zurück, wo jetzt Alles in regsamster, fröhlichster Thätigkeit war. Der Ort, der nur eine, aber breite Straße hat, war so rein gekehrt, daß man hätte mit weißen Strümpfen ohne Schuhe gehen können. Zu beiden Seiten des Weges waren die Maien aufgestellt, daß es wie eine Allee aussah. Unten im Orte baute und putzte man an einem Altar oder „Evangeli“, wie mich mein Begleiter belehrte. Schief der Post gegenüber, wo das Haus lag, dessen Vorderseite von des Giebels Spitze bis zu den Fenstern des Erdstocks mit Fresken bemalt ist, in denen die wundersame Phantasie des Malers sich abmühte, die Sätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses bildlich zu veranschaulichen, baute man an einem Zweiten „Evangeli“, das aber viel stattlicher als jenes zu werden versprach.

„Himmel und Kinder!“ rief mein Gefährte, als wir uns durch die Gruppen der Kinder durchdrängen mußten, die vor Lust und Freude wegen des morgenden Festes zappelten, hüpften, sangen, und einen „Juchzer“ ausstießen, der jodelnd wirbelte.

„Aber wo stecken denn die schönen mittenwalder Dirndl’n in der allgemeinen Bewegung?“ fragte ich.

„Dalkete Frag’!“ rief er aus. „Habt Ihr denn nicht die Körbe voll Blumen gesehen, die sie heimtrugen? Die wachsen nicht von selbst zu Kränzen zusammen oder thun’s das bei Euch z’Land?“

Ich lachte herzlich über die derbe Zurechtweisung; denn das Wort: Dalk und das abgeleitete: Dalket bezeichnet ohngefähr das Gleiche wie Dummerjan, Esel und dergleichen Kraftausdrücke des Volks.

Als wir in die Post traten, war noch andere Gesellschaft da, Bürger des Orts, Gewerbtreibende und Beamte. Mehr denn Ein „Fässel“ des von Münchens zweiter, der Frohnleichnams-Saison, beschriebenem, unwiderstehlichem „Bocks“ wurde diesen Abend geleert und ich, als Rheinländer, hatte in Baiern schon Qualitäten errungen, die mich als ganz anerkennenswerthen Partner erscheinen ließen, ob ich es gleich nicht zu der Virtuosität gebracht, die ich hier, wie anderwärts in dem Lande, wo Gambrinus Alleinherrscher und Selbstherrscher ist, bewundern gelernt hatte; denn das übersteigt wirklich das Maß eines gewöhnlichen, ehrlichen, schlichten Begreifens! –

Es war spät, als ich mit Schrecken in das bauschige Federbette sank, das schier über mir zusammenschlug, und schon frühe weckte mich das hübsche Geläute. Da mein Alter mir gestern sagte, die Kirche sei klein und könne, so sehr sich auch alle Welt hinein und zusammendränge, nicht die Hälfte der Menschen fassen, die zur Prozession kämen, so mußte ich den Gedanken aufgeben, dem Gottesdienste in der Kirche beizuwohnen. Ich beschloß daher, zum Frühstück heimzugehen und dann, wenn meine Stube, davon drei Fenster nach der Straße gingen, geordnet sein würde, meinen Standpunkt an einem der Fenster zu nehmen, von wo aus ich die Kirchgänger und dann die Prozession recht ansehen konnte, zumal das „Evangeli“ grade gegenüber war, wo sie Halt machen mußte.

Als ich in das Gastzimmer trat, saß mein Alter schon da, schmauchte seine Pfeife und blickte in das Seidelglas mit Wehmuth, aus dem er schon die letzte Thräne Bock zum zweiten Mal geschlürft hatte.

Er reichte mir seine Hand zum „Guten Morgen.“ „Grüß’ Gott,“ sagte er. „Gut geschlafen? Ich warte schon eine halbe Stunde auf Euch und trinke derweil.“

„Warum denn?“ fragte ich. „Ihr sagtet ja gestern, in die Kirche sei nicht zu kommen?“

„Das bleibt wahr,“ erwiederte er; „ändert aber doch nichts. Will auch nit ’nein; denn zu Schnitz’l’n will i mi nit reiß’n und noch extra brot’n loß’n! – Ich komme zu Euch. Ihr habt ja doch die Stube vorn ’raus? Nicht?“

Ich bejahte und während ich mich zu meinem Kaffee setzte, zu dem ich köstliche mürbe „Stritz’l’n“ erhielt, begann er das dritte Seidel Bock zu bearbeiten und meinte, mit der Zunge am Gaumen schnalzend, es sei doch eine Sünde und Schande, Kaffee zu trinken, wenn es Bock gäbe; die Leute im „Reich“ seien doch ein „Dalket Gezücht“.“

Ich lachte und äußerte, es sei ebenso Sitte bei uns, wie hier das Biertrinken zum Frühstücke. Das wäre „Dalket“ bei uns.

Er zuckte die Achseln und schwieg, weil er trank, und uns beklagen mochte. „Seht,“ sagte er, „der Posthalter hat nicht mehr viel von dem edeln Stoff. Drum thu’ ich mein Theil jetzt weg. Wenn die Prozession vorüber ist, dann hat’s ein[WS 1] Ende und man muß wieder ein Jahr warten, bis es wieder Bock zu trinken giebt.“

Als ich gefrühstückt, ließen wir uns vier Seidel hinauftragen, um sie in Sicherheit zu haben. Dann legten wir uns in die Fenster. Es war Zeit, denn die Glocken begannen zur Kirche zu rufen. Männer, Frauen, Kinder, Alles eilte im Sonntagsputze zur Kirche. Die Kinder waren phantastisch aufgeputzt, trugen, die Mädchen nämlich, Körblein voll Blumen, und die Knaben bunte, kleine Standarten mit allerlei Heiligenbilder. Die Tracht war im Allgemeinen die Oberbaierns, besonders fand ich die ungeheuern Pelzmützen der Frauen wieder. Die Mädchen trugen die allerliebsten Ringelhäubchen, mit den zwei gegen den Nacken gekehrten Spitzen, wie man sie in und um München trägt; aber nun sah ich auch wohl, wie wahr das Wort meines Alten war. Ich hatte in den baierischen Alpen manch’ schönes Mädchen, manche prächtige Gestalt gesehen, aber in der That, die Töchter Mittenwalde’s waren durchweg die Schönsten, und durchweg; denn kaum einer Häßlichen begegnete das Auge. Dabei waren es nicht die durch die abscheulich kurze Taille entstellten Gestalten, nicht die gebückten, durch die Lasten, welche sie in der Umgegend Münchens tragen müssen; nein, die Kleiderform war kleidsamer, der Körperform zusagender und die Gestalten waren aufgerichtet und edel.

Niemand ging vorüber, ohne vor dem „Evangeli“, welches ein Heiligenbild zierte, seinen Knix zu machen oder das „Hütl“ zu lüften. Jetzt öffnete sich droben die Thüre an dem mit Fresken bemalten Hause, vor dem das „Evangeli“ stand, und heraus trat eine jugendliche Gestalt von den edelsten Formen. Sie war in tiefe Trauer gekleidet. Man sah kein Weiß an ihr, als an dem schneeweißen Hemde, dessen Aermel sichtbar waren, und an einer schmalen Krause, die den Hals umschloß. Dies Mädchen war die Krone, die Perle Aller.

Sie war schlank und groß; ihre Gestalt vom reinsten Ebenmaße; ihr Haar reich, glänzend, kastanienbraun. Nur einmal sah ich den Blick des großen, braunen Auges, aber sein Ausdrück war trübe; das Gesicht von wunderbarer Schönheit, aber bleich; kein Roth schimmerte durch die feine Haut. Sie ging gesenkten Hauptes der Kirche zu.

„Auf diesem jugendlichen Herzen liegt ein schweres, unheilbares Leid, und die schönste Lilie ist früh geknickt!“

Ich hatte laut gedacht, wie mir das manchmal begegnet, wenn mich etwas tief bewegt. Dann vergeß’ ich der Außenwelt gänzlich.

„Da habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen,“ sagte der Alte, der stille hinausgesehen, das Mädchen auch mit Theilnahme betrachtet und meine lauten Gedanken auch gehört hatte. „Zweimal habt Ihr Recht; mit dem Leid nämlich und der Lilie!“

„Sind dem schönen Mädchen die Aeltern oder ist ihr der Bräutigam gestorben?“ fragte ich.

„Beide, Aeltern und Bräutigam,“ versetzte er.

„Du armes Herz!“ sagte ich und sah ihr nach. „So jung noch und so schwer geprüft!“

„Ja wohl,“ sprach mit mehr Gefühl, als ich ihm zugetraut hätte, der Alte. „Aber was würdet Ihr erst sagen, wenn Ihr die Geschichte des holdsamen Dirnd’l’s kenntet?“

„O erzählt mir sie, ich bitte!“ rief ich dringend aus.

„Ihr sollt sie hören,“ sagte er ernst, „aber erst heute Mittag [127] oder morgen, denn Ihr bleibt ja noch hier bis morgen, denn ich fürchte, heute kommen wir nicht dazu. Seht da die Buab’n!“ rief er und wandte sich zum Fenster.

Auch ich blickte hinaus.

Zwanzig bis vierundzwanzig junge Bursche schritten daher in militärischer Haltung, angeführt von einem Alten, der die Uniform eines Forstbeamten, die gestickte Mütze und den langen Schnurrbart trug.

Die Bursche trugen graue Jupen mit grasgrünem, stehendem Kragen, grüne, kokette Hütchen mit frischen Blumensträußern und Stutzen. Sie waren bestimmt, neben dem Himmel der Priesterschaft zu gehen und durch Salven die heilige Feier zu erhöhen.

Dafür hatten sie dann auf dem Schießstande heute Nachmittag ein Schießen, bei dem ganz hübsche Preise herausgeschossen wurden, zu deren Ankauf die Kirchen- und Ortskasse sich die Hand gereicht.

Das und Anderes berichtete mein Alter, der sich nun eine Pfeife anzündete und schon beim zweiten Seidel war. Ich rückte ihm mein zweites hin und folgte seinem Beispiel, indem ich eine Cigarre anbrannte.

Als meine Cigarre und mein Seidel zu Ende war, und auch das dritte ihm wohlgeschmeckt, sagte der Alte:

„Laßt uns hinabgehen und die zwei „Evangeli" betrachten, ehe die Prozession kommt!“

So wenig mich das auch anzog, so mußte ich folgen. Der Gang war kurz. Wir kehrten in meine Stube zurück, wohin er zwei neue Seidel sich bestellt hatte.

An die Geschichte aber brachte ich ihn nicht.

Ich will die Prozession nicht beschreiben, weil diese so ziemlich sich überall gleich ist. Ordnung im Aeußern, Andacht im Innern war unverkennbar, denn überall zeichnet sich das Gebirgsvolk durch Religiosität aus. Die Feier nahm den ganzen Morgen und selbst noch einen Theil des Nachmittags weg, denn erst um zwei Uhr gingen wir zu Tische, wo uns ein, wie man wenigstens sagte, auf Tyrolergebiet gewonnener „Gamselbrat’n," als große Seltenheit trefflich mundete. Er war von einem jungen, sehr zartem Thier. Nach Tisch gingen wir zum Schießen, das vor dem Orte stattfand und bis in die sinkende Nacht währte. Treffliche Schützen zeigten ihre Kunst und Fertigkeit, die wohl kaum den Tyrolerschützen, die ich später zu sehen Gelegenheit hatte, nachstanden.

Da das Raufen bei schwerer Strafe verboten ist, und Einer, der nur eine „Schildhahnfeder“ am „Hütl“ trägt (was freilich als Zeichen der Herausforderung zum Raufen gilt), sogleich von den wachsamen Gensd’armen „gefaßt" wird, wie mein Alter sagte, so ging der Tanz ruhig ab. Ich sah ihn nicht und zog es vor, die abendliche Kühle im Garten der Post zu genießen, statt meine Neugierde mit dem Einathmen des Staubes und dem Ertragen einer erstickenden Hitze abzufinden. Die Unterhaltung war lebhaft, und das Spielen einer Zither, begleitet von dem schönen Gesange einer jugendlich frischen Jünglingsstimme, machte mir große Freude, zumal die „Schnaderhupf’l’n,“ die der Zitherspieler sang, mitunter sehr ansprechend, sein „Jodeln“ aber unübertrefflich war, wie oft ich auch noch diesen eigenthümlichen, dem Alphorn nachgebildeten Gesang zu hören Gelegenheit hatte.

Früh am andern Morgen war ich auf den Beinen. Die Mittenwalder schliefen noch, nur meine schöne Nachbarin stand am Fenster mit dem bleichen Gesichte und den von Thränen gerötheten Augen. Sie erwiederte schwermüthig meinen Gruß. Das war das letzte Mal, daß ich sie sah, ihr Bild aber, das Bild tiefen, nagenden Schmerzes, hat sich mir unauslöschlich in die Seele geprägt. Ungestört in meinen Gedanken, machte ich einen herrlichen Spaziergang. Der Morgen war ungemein schön, der Himmel klar. Friede ruhte auf dem engen Thale. Von den Bergen her schallte der Gesang der Steindrossel in den mannigfaltigsten Modulationen. Lerchen trillerten, der Zeisig zwitscherte in den Erlen am Bache und der Ruf eines Schildhahns klang von ferne dazwischen. Auch das gehörte zu der fremden Landschaft und erhöhte ihren Reiz. Keine Menschenseele begegnete mir. Erst als ich zur gewöhnlichen Frühstückszeit zurückkehrte, war Mittenwalde lebendig geworden. Ich fand meinen Alten auf mich warten. Er hatte vom Wirthe gehört, daß noch ein einzig „Fäßle“ Bock übrig sei. Das hatte die anziehende Kraft bewährt.

Eine halbe Stunde später saßen wir in einer einsamen Laube des Gartens.

„Ich weiß wohl, was ich Euch versprochen habe,“ sagte er, „und will’s ehrlich halten. Die Zeit ist sehr gelegen dazu. Paßt mal auf:

„Sternhuber’s Caritas, so heißt das Dirnd’l, das Ihr die Krone und Perle Mittenwalde’s genannt habt, und das Ihr verglichen habt mit der früh geknickten Lilie, Sternhuber’s Caritas, sag’ ich, war wohl eine Perle! Herr, Ihr habt des Dirnd’ls Schönheit gestern bewundert, aber Ihr hättet die Caritas vor vier Jahren sehen sollen! Damals hat das Auge noch gelacht, das jetzt weint, damals hat’s noch gestrahlt, das jetzt so matt und trübe blickt, damals waren ihre Wangen noch, wie dort die eben aufgehende Moosrose – damals – ja damals gab’s auf Gottes Erde nichts Schöneres als sie. Sie war sechzehn Jahre alt, Herr! Da mögt Ihr’s Euch vorstellen, wie die Augen der Knaben nach ihr ausschauten. Nehm’s ihnen nicht übel!

„Aber es war ein „Jokrisch" Dirnd’l. Die hatt’ es Allen gethan, aber Keinen hat’s vorgezogen. Nur einmal ist’s ihm doch gegangen, wie allen Mädchen. Ihr kennt ja die Klaus droben am Karwandel? Seid ja vorübergefahren, als Ihr von Partenkirch hierher kamt? Dort ist eine Wallfahrt bei der Kapelle, und die ist besonders berühmt, weil das Muttergottesbild in der Kapelle ein wunderthätig Gnadenbild ist und schon Manchem sein Weh weggenommen hat. Wenn da der Jahrestag kommt, dann halten Ketten und Banden keinen Mittenwalder zurück, und was Leben und Athem hat zwischen dem Sternbergersee, dem Ammersee und dem Inn, so von München her, das kommt zum Feste und zur heiligen Bittfahrt.

„Die Klaus liegt so schön in dem grünen Thälchen, gegen Wind und Wetter geschützt, und der Klausbauer hat eine sehr gute Wirthschaft, und wo der liebe Herrgott eine Kapelle hat, da baut der Teufel einen Tanzplatz darzu. Das ist einmal so in der Welt,

„Dazumal strömte wieder alle Welt nach der Klaus, denn das Wetter war gar lustig. Bin auch dagewesen. Als die Bittfahrt vorbei war, hat das Jungvolk einen Tanz gehalten und waren Himmel und Leute da. Auch die Zierler Buab’n waren da, und leicht hätt’s kommen mögen, daß der Nazi und der Aegidi mit ihrem Anhang hätten Trutzliedl’n angestimmt zum Raufen, wenn nicht der gestrenge Herr Landrichter einen Riegel vorgeschoben hätte durch acht Haltfeste, nämlich Gensd’armen, und die waren stämmige Kerle, wie des Königs Hartschiere in München, die Ihr müßt ja gesehen haben, und in der neuen Uniform?

„Die hielten die Buab’n im Respekt.

„Aber Ihr werdet fragen: Wer der Nazi und der Aegidi seien? Das will ich Euch erst sagen.

„Ihr kennt das Haus da neben der Post, mit dem Erker, daran Ihr gestern die Inschrift gelesen, den Hausspruch mein’ ich, als wir spazieren gingen? – Nun, das gehörte damals des Arnold Krazenleitner’s Wittib, die Caritas hieß, und war des schönen Dirnd’ls Gothen und Baas von der Mutterseiten her. Sie war eine Frau schlicht und recht, nicht arm und nicht reich, mußte sich aber herum thun und drehen und wenden. Die hatte einen Sohn, den Nazi, der war zwei Jahr älter, als drüben das schöne Göthel. Ein Buab war’s, Herr, wie Milch und Blut, und dabei gewachsen wie eine Lerche, und wenn er Morgens jodelte und einen Juchzer that, so hörte man’s an der Scharnitz. Immer lustig, flink, fleißig und treu, wie Gold, war er, und hatte schwarze Augen, die fackelten. Wer wollt’s ihm verargen, daß ihm die schöne Caritas gefiel? Er war’s ja nicht allein, dem’s so ging. Aber es war nicht so ein flüchtig Wohlgefallen, sondern es war, wie’s im Schnaderhupf’l heißt:

Du herzig’s schön’s Dirnd’l,
Du liegst mir im Sinn;
Du liegst mir im Herzen
Sieben Klafter tief d’rin.

Und wo einmal die Lieb sieben Klafter tief sitzt, da weht sie der Karwandelwind nicht mehr ’raus, und nicht der Sirokko, der aus Italien ’rauf pfeift.

„Die Caritas wußt’s auch und war ihm freundlicher als allen Andern, und ich glaub’ fest, sie hatte ihn lieb, nicht von wegen der Verwandtschaft und Nachbarschaft, sondern vom Herzen ’raus von wegen seiner Schönheit, und weil er so gut war gegen seine Frau Mutter und überhaupt so brav. Er war auch gewiß eine gute Seel’, aber Pulver hatt’ er auf der Pfann’. Hui, wenn ihm [128] Einer quer kam, dann war er rasend und unbändig. Freilich war fünf Minuten d’rauf alles vorbei. Er that der Caritas Alles, was er konnte, und wenn sie ihn anlächelte, dann wär’ er in den Tod gangen, wenn sie’s verlangt hätt’. Ich laß mir’s nicht ausreden, daß sie ihn lieb hatte, denn ich weiß auch, wie viel Uhr es ist, wenn die Gamsel pfeift; aber sie ist immer gar ein spröd’ Dirnd’l gewesen, und sollt’s Niemand recht wissen, wie es um ihr Herz stand. Das war des Dirnd’ls Stolz. Es sollt’s halt Niemand merken, daß es wär’ wie andre Dirnd’ln und a’n Buab’n lieben thät.“

„Nun, und der Aegidi?“ fragte ich.

„Richtig,“ sagte er d’rauf, „es ist gut, daß Ihr mich wieder in’s Gleis bringt! Drüben zu Zierl, da wohnt ein Geigen- und Guitarrenmacher, der Prozelter heißt, ein fleißiger, geschickter Mann; hat aber fünfzehn Brotknapper, und das ist viel für einen Geigenmacher, auch wenn er noch so fleißig ist; aber alle fünfzehn waren sie hart wie Eicheln und Holzäpfel, und blühten, wie die Rosen, auch wenn sie nur dreiviertel satt hätten, und bildschön waren sie alle, absonderlich sein Aelt’ster, der Aegidi. Ich selbst muß sagen, wenn er neben dem hübschen Nazi stand, so hätt’ ich auch dem Aegidi den Preis zuerkannt. ’S war ein Blitzbuab, und seine blauen Augen sahen in’s Herz ’nein.

„Seltmals an der Klaus, da waren die Zweie und die Caritas auch. Als die Caritas den Nazi zum Tänzer hat und mal stehen bleibt, um zu verschnaufen, tritt der Aegidi zu dem Nazi, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß’ Gott, Nazi, Du hast das schönst’ Dirnd’l im Land, Nazi; darf ich mal mit ihr tanzen?“

„He!“ ruft da die Caritas aus, „Zierler, ich bin mein eigen und der Nazi hat kein Recht an mich. Wenn d’ mit mir tanz’n willt, mußt mi selber bitt’n!“

„Da zuckt der Nazi zusammen, als hätt’ ihn eine Natter gestochen. Er beißt die Zähne auf einander und läßt ihren Arm fahren und geht fort.

„Da wird das übermüthig Dirnd’l bleich vor Schreck.

„Thut nichts,“ sagt der Aegidi Prozelter; „faß’ Dir’s nicht z’ Herzen. S’ist ein Störriger, ich kenn’ ihn schon! Tanz’ mit mir, Du schön’s Dirnd’l! Du Lieb’s!“

„Da schaut sie ihm in die blauen Augen hinein, und sie sieht ihn doch zum ersten Mal, aber der hat’s ihr angethan, wie sie’s den Andern, und sie tanzt den ganzen Abend mit ihm und war nie so froh, und die Lieb’ saß im Herzen tief.

„Wie gesagt, es wär’ zu Mord und Todtschlag gekommen, wenn die Haltfeste nicht dagewesen wären, denn der Nazi schäumte vor Zorn, weil ihm die Caritas solche Schmach angethan und nun mit dem Aegidi alsfort tanzt und mit ihm scherzt und lacht und dann als mal nach dem Nazi blickt, als wollt’ sie ihm äffen und sagen: „Er ist mir lieber, als Du!“

„Es ging ohne Raufen ab, aber der Funken lag unter der Asche und brannte heiß fort. Vierzehn Tage sah der Nazi nicht ’nüber nach dem Haus mit den Bildern und war betrübt im Herzensgrund. Da begegnet ihm einmal die Caritas.

„Bist noch bös?“ fragt sie und lächelt ihn an, daß ihm schier das Herz bricht.

„Worüber?“ fragt er. „Bist ja Dein eigen und kannst den Zierler lieben, den Aegidi. Was liegt d’ran, wenn mir das Herz bricht!“

„O, Du Dalk!“ ruft sie aus. „Du dalketer Buab! Meinst, ich hätt’ den Aegidi lieb? Verstehst kein’ Spaß? Hab’ Dich ja nur hänseln wollen, Du Dalk?“

„Da durchzuckt’s ihn wieder bis in’s Mark. Er blickt sie an und sie lächelt wieder so, daß kein Mensch widerstehen konnt’.

„Caritas!“ ruft der aus – „ist das wahr? Hast mich doch lieb? Lieber, wie den Aegidi? – Sag’s noch einmal!“

„Du Dalk!“ ruft sie aus, „den Tauben und den Alten sagt man’s zwei Mal;“ und mit den Worten läuft sie fort, wie eine Gamsel, und der Nazi kann sie nicht einholen. Aber sie blickt noch mal um und nickt ihm zauberisch zu.

„Da steht er und fragt sich: „Ist’s wahr?“ Und es kommt wieder Freude und Lust in seine Seele und er jodelt wieder und man hört seine Juchzer weithin schallen; und sie lächelt ihm zu, und es ist Alles wieder gut und er meint, er hätt’ die Welt g’wonn’n!

„Noch Eins, Herr,“ fuhr der Alte fort, nachdem er aus seinem Seidel einen langen, starken Zug gethan, „noch Eins! Ich sagt’ Euch, des Nazi’s Mutter, die Krazenleitner’s Wittib, hätte nicht viel übrig, wenn’s Jahr um wär’ und dem Nazi könnt’ sie nicht viel geben, und ein Buab hat doch dies und das nöthig, eine Jupen, ein Hüt’l, Pulver und Blei, Tabak und Bier, und auch etwas für die Musikanten. Wo sollt’ das Alles herkommen? – Nun, drüben auf der Tyrolerseiten gibt’s Gamseln genug und hier hat sie der König gehegt und verhört. Da ist’s eine besondere Lust, ein zu bürschen, und das Wilddieben hält kein Mittenwalder für eine Sünd’. Da hat’s der Nazi gemacht, wie viele Andre auch; aber er ist ein besserer Schütz gewesen, als sie, und so oft er ging, bracht’ er ein Thier, ja manchmal zwei, daß er unter der Last krachte, und er konnt’ der Mutter noch Geld abgeben und hatte doch noch genug. Außerdem gab es noch einen Verdienst. Drüben im Tyrol verkauft der Kaiser den Tabak und die Cigarren, und die sind theurer und schlimm. Nun schmuggelte der Nazi hinüber Bündel Cigarren, und von Zierl kam Einer, der holt sie an der Stelle, wo sie der Nazi hintrug. Das warf ein Schönes ab, ein sehr schönes Stück Geld, Herr.

„Aber dem zierler Aegidi ging’s, was das Sackgeld betraf, wie dem Nazi. Er hatte in der Regel weniger, als Nichts, nämlich Schulden, und der alte Geigenmacher Prozelter mit seinem Rudel Brotknapper konnt ihm so wenig geben, als dem Nazi seine Mutter.

„Da lag auch nichts näher, als die Gamseljagd, zu der denn außerdem jedes Bergkind angeborne Lust trägt. Ich sag’ Euch, Herr, Ihr Leute aus dem Reich begreift so etwas nicht. Wenn Ihr Jagen geht auf ein Häsle oder Schnepfle, dann stolpert Ihr, wenn’s hoch kommt, über einen Kartoffelstock; aber den Gamseljäger umgiebt der Tod rechts, links, vorn und hinten, und das Thier ist schlau, hat seine Lauscher immer offen und seine Lichter sehen weit und seine Läufe sind flink, wie der Wind, und einen Wächter stellt’s aus, und wenn der pfeift, hui, dann geht’s über Grate und Gründe, über Gletscher und Schründe, und der Jäger hat nach tagelangem Spüren, Kämpfen und Mühen, für Todesgefahr und sauern Schweiß – das Nachsehen. Aber meint Ihr, das schrecke ab? – Fehlgeschossen! Grad’ das reizt, treibt, hastet und eifert. Und weiter geht’s und wieder in die Schneewelt hinein, thalab, bergauf – bis wieder eine Spur da ist. Und wer keinen guten Schutzpatron hat und dem heiligen Hubertus keine Kerze opfert, der mag d’heim bleiben und am Kachelofen hocken und das Jagen bleiben lassen. Hab’s erfahren in meinen jungen Jahren, Herr, und uf a’n Kerzen kam mir’s nit an und uf a’n Bissel Halsbrech’n a nit.

„Seit dem Fest an der Klaus trug aber der Nazi dem Aegidi einen Todeshaß, und ließ ihm sagen, er sollt’ ihm aus dem G’heg bleiben, sonst ging’s nicht gut ab, und sollt’ ihm auf der Gamseljagd nicht in Schußweit’ kommen, sonst könnt’ er ihn für a’n Gamsel halt’n! –

„Solch’ Trutzlied’l ohne Melodie und Weis’ gefiel dem Aegidi auch nicht baß; ließ daher zurück sagen: Das schöne Wild in Mittenwald steh’ ihm sicher; er würd’ sich’s schon selber holen und fürcht’ den dalketen Nazi nicht; und was die Jagd beträf’, so wär’ sein Stutzen gut und seine Kugel sicher, und es käm’ ihm auch nicht d’rauf an, eine Jupen für eine Gamseldecke und ein mittenwalder löcherig Hüt’l für ein Gehörn anzusehen.

„Das ging Schlag auf Schlag, Klapp auf Klapp, und der Krieg war erklärt. Beide aber gingen indeß um so lieber auf die Gamseljagd, weil’s noch ein ander Wild gab, als einen Gamsbock, und der Zorn im Herzen brannte, wie glühend Feuer und ließ ihnen keine Rast nicht.

„Einmal ist der Nazi ausgegangen früh Morgens und das Dirnd’l, die Caritas, hat ihm wieder gelächelt, so sakrisch, daß er einen Juchzer über den andern that und meint’, heut’ sei ein Glückstag für ihn; aber nirgends fand er Gamseln, und es war schon schier Mittag. Da streift er weiter in’s Tyrol ’nein, und plötzlich schaut er ein Rudel, das lag auf einer kleinen Matten, um die ringsum der Fels starrt, wie ein guter Mantel oder Schutzwand. Nur von unten auf, wo Lerchenwald und Gestrüpp war, konnt’ er anschleichen, aber es war ein halsbrechend Stück, denn der Abgrund war tief und das Gefels war zackig und kantig, und kein Weg noch Steg. Das hilft nichts; er muß ’nauf! Ohne Gamsel heim kommen, wär’ bittrer gewesen als Galle. Sie hätten ihn ja ausg’lacht. So steigt er denn ’nunter, wie ein Steinmarder, mit Todesgefahr, und endlich drüben ’nauf, ohne daß

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Die Gartenlaube (1855) b 129.jpg

Rekrutenwerber in England.



der Wächter ihn merkt, und wie er in Schußweit’ war – paff! da kracht’s und der schönste Bock streckt sich und die andern sind fort.

„Horch, da kracht’s hinter den Felsen noch einmal. Der Nazi horcht, lädt sein’ Stutzen schnell und klettert vollends auf die Matte, bindet seinem Gamsbock die Läufe zusammen, hängt ihn um die Schulter, spannt seinen Hahn und lauscht.

„Grüß’ Di Gott, Nazi!“ ruft’s da auf einmal über ihm auf dem Felsgrat, und der Aegidi steht da und hat den Stutzen am Backen und der Nazi sieht grad’ in den Lauf des Stutzen. Da ist er plötzlich an die Backe gefahren mit dem Kolben und – paff! knallt’s. –

„Aber der Aegidi war einen Schritt zurückgetreten und die Kugel fuhr in die helle, blaue Luft hinein und Nazi war in seiner Hand.

„Hast Eini geschoss’n?“ rufen da Zweie, Dreie zu dem Aegidi herüber. Der schüttelt den Kopf und steht wieder auf der Kante, und unten auf der Matte todtbleich der Nazi.

„Was meinst!“ ruft er halblaut dem Nazi zu, „was ich jetzt thu’? Entweder schieß’ ich Dich todt, und dazu hab’ ich ein Recht, oder ich ruf’ den Gesellen, und dann wirst Du Wilddieb nach Zierl geführt und magst brummen, bis das Gericht das Urtel spricht, oder ich laß Dich laufen, Du Strauchmörder und Meuchelmörder. Was meinst? – Bet’ ein Ave und ein Paternoster! S’ist aus mit Dir!“

„Schieß!“ schrie unten der Nazi.

„Du bist einer Wittib Sohn,“ versetzt gutmüthig der Aegidi, und er war ein treu Gemüth, das muß wahr sein. „Die mußt Du ernähren. Ich will die Frau Mutter nicht schlagen im Sohne! Leg’ Dein Gamsel ab und mach’ daß Du fortkommst. Das ist meine Vergeltung!“

„Schieß!“ schrie wüthend der Nazi.

„Dalketer Buab,“ spricht der Aegidi, „denkst nicht an Deine alte Frau Mutter, die eine sehr kreuzbrave Frau ist? Du Gottvergeßner, Du!“

„Das traf das Herz des Nazi. Er stand eine Weile und [130] sann; dann legt er den Gamsbock auf die Matten, wirft einen Wuthblick auf den Aegidi und fort ist er, und die Andern merken nichts; denn als sie zu dem Aegidi kommen, steht er auf der Matten und hat den Gamsbock umhängen und lacht.

„Hast doch Einen geschossen!“ rufen sie, „Du Lügner!“ Aber er lacht und schüttelt den Kopf und sagt:

„Hab’ ihn einem Baier abgejagt!“

„Wo ist er?“ fragen sie.

„Fort!“ ist die Antwort, und Aegidi klettert ’nauf und weiter sagt er nichts. Er dankt seinem Patron für seinen Schutz vor Nazi’s Kugel, und ihm ist wohl, daß er nicht Rache genommen an seinem Todtfeind und denkt, er hab’s ihn versöhnt und vor Gott recht gethan.

„Da hat er aber bei dem Nazi falsch gerechnet, denn Nazi’s Haß war verdreifacht geworden, und die Schmach fraß an seinem Herzen, wie ein Geier, daß ihn der Aegidi geschont, aber den Gamsbock abgejagt. Er schoß zwar noch einen, „daß er nicht ausgelacht werde,“ als er gegen Abend heim kam, doch sein Blut kochte und er konnt’s nicht vergessen und nicht verwinden, und alle Tage wurmt’s ihm auf’s Neue.

„Mit dem Aegidi aber ging in der nächsten Zeit eine große Veränderung vor und er kriegt ihn nicht mehr auf der Gamsjagd, wie er gehofft. Sein Pater, der Prozelter, brachte einmal eine Ladung Geigen nach Insbruck, und kam da, ich weiß nicht wie, mit einem Offizier von den Mauthnern zusammen. Dem erzählt er Viel von seinem Aegidi, und wie er sehr ein braver Mensch sei und ein guter Sohn, und kennte alle Schliche und Schlüpfe im Gebirg und wär’ grad angetan für einen Grenz- und Mauthwächter und sei besonders bekannt in und um Mittenwalde, von dannen aus der Cigarrenschmuggel in’s Tyrol gehe, wie all’ nichts Gut’s.

Sagt der Offizier:

„Will denn Dein Aegidi das Mauthkäppi aufsetzen?“

„Warum nicht?“ fragt der alte Prozelter; „wenn Ihr’s fertig bringen könntet, Herr Leitnamt? – Auf eine gute Guitarre mit Mechanik, wie man sie jetzt macht, käm’ mir’s nicht an.“

„Der Mauthner schmunzelte vergnüglich, denn er konnt’ so ein Bissel klimpern zu einem Lied an den lieben Mond, wie’s so Sitte ist.

„Kann er auch ein Bissel etwas mit der Feder?“ fragte er weiter.

„Versteht sich,“ antwortete der alte Prozelter. „Er hat schon als Buab dem Schulmeister z’roth’n ufgeb’n, und war Primes uf der obersten Bonk. Thuet, was Ihr könnet!“

„Das versprach der Herr Leitnamt, und der alte Prozelter ging mit fröhlichem G’müth nach Zierl z’rück.

„Und was meint Ihr?“ Die Guitarre zog, und der Aegidi schlupt nach vier Wochen in das grau Röckle mit dem Sammetkrog’n, setzt das Käppi auf, läßt den Schnauzer wachsen, kriegt a’n Stutzen und a’n Sabel und kommt auf die Scharnitz, wo’s z’somm’n hocken und uf d’ Cigorr’n Jagd moch’n und faullenzen.

„Das muß wahr sein, der Aegidi war noch einmal so hübsch in der Uniform, und wenn er Sonntags in die Messe nach Mittenwalde kam, so sahen zwei Augen mit Liebesglanz und zwei mit Gift und Galle nach ihm. Wem sie waren, könnt’ Ihr schon denken. Der Aegidi wußt wohl, warum er den weiten Weg herauf kam, und die Caritas wußt’s auch und auch der Nazi.

„Recht war’s nicht von dem Dirnd’l, daß es Zweie lieb hatte und nicht recht wußt’, welchem es den Vorzug geben sollt’. Aber so ein jung Ding überlegt’s nicht, und wenn der Nazi kam, war’s ihm lieb und hold, und wenn der Aegidi das Dorf ’rauf kam, stand’s allemal am Fenster, und wenn er dann an’s Käppi griff und die drei Finger an’s Schild’l legte, nach Soldatenart, dann schlug eine helle Flamme aus dem schönen Gesicht’l ’raus und die Augen lachten und glänzten, wie zwei Sonnen. Nun meinte Jeder, er wär’ Hahn im Korb und wenn er hörte, der Andri wär’ bei dem Dirnd’l unterm Fensterl g’wesen, wurmt’s ihm g’waltig. Und immer waren Leut’ da, die es dem Aegidi hinterbrachten, wenn dem Nazi es einmal glückte, a Stünd’l zu verplaudern, und die es dem Nazi sagten, wenn die Caritas mit dem Aegidi freundliche Augen machte.

„Das ging so fort bis zum Frohnleichnamsfeste vor zwei Jahren. Da war der Aegidi hier und ein paar Kam’raden von ihm, und hatten Urlaub bis um zehn Uhr. Auch kamen noch Zierler zu ihm her. Und als der Tanz beginnen sollte, holt der Nazi die Caritas. Das hält der Aegidi nicht aus.

„Nun sitzen sie, ehe der Tanz anhebt, an zwei Tischen, hüben die Mittenwalder und drüben die Zierler, und auf dem Hüt’l des Nazi steckt plötzlich die Schildhahnfeder, und das war die Herausforderung zum Raufen.

„Gleich hoben die Trutzlied’l’n an, und ein Zierler singt:

Schärwenzel’, wie D’ willt
Und das Dirnd’l ist mein,
Und Du dalketer Buab, Du –
Laufst doch hinterdrein! –

Und nun jodeln sie alle in heller Lust dazu.

„Ihr müßt wissen, Herr, das ist in den Alpen von Baiern und im Tyrol so die Sitt’, daß solche Lied’l’n und Schnaderhupf’l’n gesungen werden von Einem in dem Trupp, der sie gleich zu machen versteht, und das geht so lang her und hin, bis es losbricht. Kaum ist das Gejodel der Zierler aus, so steht der Nazi auf, wirft’s Hüt’l grimmig in die Luft, fängt’s wieder und knallt mit dem Daumen und Mittelfinger. Dann singt er:

Do hör’ i a’n singen,
Der aber nicks kann!
Und wenn er Kurasch hätt’,
So faß’t er mi an!

Und im wüthendsten Jubel bricht das Gejodel der Mittenwalder los und hallt lange, lange fort.

„Die Musikanten, die merken, wo’s ’naus will und wissen, daß wenn’s ein Raufen giebt, ihr Verdienst am Ende ist, fangen rasch einen Huppser zu geigen und zu pfeifen an, und denken, das könnt’s verhindern, was sie fürchten; aber das war fehlgeschossen, denn wie der Blitz sind sie an einander und die Hiebe fallen mit geballter Faust, und sie fassen sich und hierhin fliegt Einer und dorthin Einer, daß Tisch und Bänke krachen und die Dirnd’l’n schreiend auf die hintern Bänke sich flüchten.

„Caritas steht da, bleich wie eine Leichen, und schaut und schaut nur aus nach dem Aegidi seinem Käppi, ob’s noch oben sei; aber immer verwickelter wird der Knäuel und immer wilder das Toben und Schreien. Da ruft plötzlich der Aegidi: „Ich bin gestochen!“ und fällt zu Boden. In dem Augenblick hört man einen gellenden Schrei und die Caritas sinkt ohnmächtig zusammen.

„Und wie der Blitz ist der Tanzplatz leer von den Mittenwaldern, und die Zierler heben den blutenden Aegidi auf und rufen nach dem Doctor.

„Der kommt und untersucht’ schnell und sagt: „Wenn in der Brust von Deinem Röckle nit a halbes Pfund Werg ein’gnäht wär’, thät Dir kein Zahn mehr weh Dein Lebtag. Der hat wacker g’stoß’n, aber das Messer ist nit eini gang’n weiter bis auf den Knoch’n, und in vierzehn Tag bist wieder heil.“

„Nun verbindet er ihn und die Zierler schaffen ihn auf die Scharnitz. Wer’s than hätt’? Ja, Herr, das wär’ eine kitzliche Frag’ und der Aegidi wußt’s wohl, daß es der Nazi war, denn er rang mit ihm, aber der Aegidi konnt’ sich nicht bewegen, weil sie sich zu sehr auf einen Knäuel gedrängt hatten; da nimmt der Nazi den Augenblick wahr, und stößt ihm das Messer in die Brust.

„Der Landrichter untersucht und untersucht, aber er bringt nichts ’raus und die Geschichten wird vertuscht und es bleibt still. Die Oesterreicher aber verbieten’s ihren Mauthnern, und Keiner darf mehr nach Mittenwalde, nicht einmal in die Meß.

„Nach vierzehn Tagen war der Aegidi heil, wie der Doctor gesagt und es kräht kein Hahn mehr nach der Geschichten. Nur die Caritas war lange krank, und seitdem durft’ ihr der Nazi nicht mehr kommen; sie haßt ihn aus dem Grund ihrer Seele und der Buab weiß wohl, wo’s herkommt und härmt sich und quält sich, daß er aussieht, wie ein Schatten.

„Glaubt nur nicht, Herr, daß die Zweie nun ihre Rechnung abgemacht hätten! Der Aegidi sieht im Geist, wie der Nazi um das Dirnd’l freien werde und der Nazi weiß, daß sie den Aegidi lieb hat und alle Beide hassen sich in den Tod ’nein.

„Dazumal grad wurde heillos geschmuggelt nach Insbruck ’nunter Cigarren über Cigarren, und der Aegidi, der auch seine Leut’ in Mittenwalde hat, weiß, daß der Nazi der ist, der den malefizigen Schmuggel treibt. Sie passen ihm alle auf, Tag und Nacht, aber den Schlaukopf kriegen’s nicht. Der weiß die Schliche, wie ein Iltis, der die Eier stiehlt. Es gilt ihm Geld zu erwerben, weil er doch die Caritas freien will, denn er ist stockblind vor Lieb’ [131] zu dem Dirnd’l. Auch ist ihm der Herr Vater und die Frau Mutter der Caritas geneigt und wollen’s zu End’ haben, daß nicht ihr Kind an einen Tyroler sollt’ kommen, den sie hassen, weil er das Käppi und des Kaisers Uniform trägt. Aber die Caritas will nicht, weil sie nun weiß, daß sie den Aegidi lieber hat, als den Nazi. Das giebt Hader im Haus. Und einmal trinkt der Herr Vater ein Bier in den Zorn, hier in der Post, und wird krank und stirbt und bald drauf will’s Gott, so stirbt auch die Frau Mutter, und die Caritas wohnt mutterseelenallein in dem großen, schönen Haus. Da ist denn des Nazi Frau Mutter bei dem Göthel alle Tag’ gewesen und hat ihm in den Ohren gelegen von wegen der Heirath mit dem Nazi, da ja ihr Herr Vater und die Frau Mutter selig geflucht hätten der Heirath mit dem Mauthmann. Und die Vettern und Basen kommen und nörgeln alle Tag, sie sollt, wenn das Trauerjahr um wär’, den Nazi nehmen, da sie ja doch nicht ledig bleiben könnt’ in dem großen leeren Haus – bis das Dirnd’l endlich Ja sagt, um des Quälens los und ledig zu werden.

„Nun kommt auch der Nazi mit seiner Mutter, aber wenn er zu ihr in die Stube tritt, so schüttelt sie sich vor ihm, wie wenn ein Frost über sie käm’ und sie sagt: „Geh’ wasch’ Dich! Hast Blut an den Händen! Hu, mich schuckert’s vor Dir!“

„Könnt’ Euch denken, daß da der Buab im Zorn fortgeht und sieht, daß aus der Heirath nichts werden könnte und nicht wieder kommt; aber todtglühender wird sein Haß gegen den Aegidi und hundertmal ruft er im jähen Grimme: „Er muß sterben von meiner Hand!“

„Und wenn er nun schmuggeln geht, nimmt er den Stutzen mit, weil’s ihm zu Muth ist, als müßt’ ihm einmal der Aegidi in den Weg komm’n. Und der Aegidi trägt gleichen Todhaß gegen den Nazi, und sucht Spionaschi in Mittenwald.

„Da hört er denn, sein Weg geh’ am Rechberg ’nauf, und drauf stieg er in’s Wiesenthal ’nunter und am Wurzelstock ’nauf und klettr’ dann um den Wurzelstock ’rum auf die Matten, wo er ihm den Gamsbock abgejagt. Da leg’ er den Bündel mit den Cigarren hin und von da würde, wenn’s Nacht worden, der Bündel von Zierlern abgeholt und er bliebe dabei sitzen, bis sie kämen, manchmal einen Viertelstag, wenn er nicht weiter geht auf die Gamseljagd und den Bündel zudecke mit grünen Lerchenästen.

„Nun wußt’ der Aegidi genug und sagt zum Leitnamt auf der Scharnitz: „Herr Leitnamt i hob den Cigarrenschmuggler auskundschaft, und will ihn fong’n!“

„Das sollst!“ sagt der Leitnamt, „und sollst a’n gut Fonggeld foß’n!“ Nun geht der Aegidi drei Tage auf die Lauer und allemal umsonst. Aber er wird nicht müd und denkt: „I fong’ di doch! Todt oder lebendig, was liegt mir dran!“ Denn die Wuth kocht auch in ihm alle Tage neu auf, da er hört, wenn’s Trauerjahr um wär’, führt’ der Nazi die Caritas heim, weil eben d’ Leut’ es anders nicht wußten – denn von dem Blut wußt Niemand und die Caritas lebt wie eine Nonne im Kloster und redt mit Niemand und war schier so bleich, wie sie heut ist, und so still und so maßleidig.

„Die Matten aber am Wurzelstock muß ich Euch g’nauer beschreiben. Sie ist nicht groß und rund um von drei Seiten steht der Fels wie ein Mantel drum, wie eine runde Wand und schließt sie ein, und überall ist von ihr abi ein grausamer Abgrund, und zwar rechts und links am Ende. Grad vornen ist Geröll und Gestrüpp und Lerchenbäume, daß man heraufklettern kann. Links und rechts aber, wo die Felswand sich umbiegt und niederiger wird, hatte der Nazi einen Gang gemacht, daß man auf die Matten konnte ohne Gefahr, nur durft man nicht schwindeln und nicht fehl treten, sonst ging’s viel Hundert Fuß hinunter, wohin keines Menschen Fuß kann und auch Keiner hin kommen ist, seit die Welt steht. Aber von beiden Seiten war der Pfad gemacht, links von unten aus dem Wiesenthal ’rauf und rechts auf den Felsgrat ’nauf, wo man gehen konnte eine weite Strecke und dann in einen Pfad kam, der links nach der Martinswand und rechts nach Zierl führt; ’s ist aber ein weiter, weiter Weg, und man muß ihn kennen, um nicht irre zu gehn in dem Schnee.

„Hinter der Felswand lag der Aegidi auch am vierten Tag wieder und nicht weit davon zwei andre Mauthner zu seiner Hülf’, wenn’s der Schmuggler mehre wären.

„Da ist’s dem Aegidi, als hört’ er Einen daherkraxen, und unter seiner Last keuchen und das Herz pocht ihm und der alte Haß fing an zu gähren und zu brennen im Herzen.

„Er hält sich ruhig, bis er hört, wie der drüben seine Last auf die Matten wirft. Da ist’s aus.

„Der Nazi war links ’rauf kommen und stand an der Ecke, wo er das Pfädlein über den Abgrund mit Steinen gebaut hat. Es ist noch früh am Tage, und er meint, er könnt’ noch ein Gamsel beschleichen. Daher nimmt er den Stutzen vom Rücken und thut Pulver auf die Pfannen und macht sich fertig. Als er eben die Pfannen zuknappt, tritt der Aegidi, den Stutzen in der Hand, den Hahn gespannt, rechts um die Felswand hervor und ruft mit gluthsprühenden, toddrohenden Blicken: „Hab’ ich Dich, Meuchelmörder und Schmuggler?!“ – Nazi erschrickt und blickt auf, und als er den Aegidi sieht, spannt er seinen Hahn und ruft:

„Noch nicht, dalketer Kostbeutel!“

„Kostbeutel schimpfen die Baiern die Oesterreicher, weil sie einen leinenen Sack auf dem Marsche anhängen haben, darin sie Brot, Pfeifen und allerlei Geschirr trag’n und den sie Kostbeutel heißen.

„Da schießt das Blut dem Aegidi in den Kopf.

„Leg’ den Stutzen ab!“ ruft er.

„Meinst, Du hättest einen Narren vor?“ ruft der Nazi. „Eher nicht, als bis Dir die Kugel im Herzen sitzt!“

„Und in demselben Augenblick fahren sie Beide wie der Blitz mit den Stutzen an den Kopf und es kracht hüben und drüben fast zugleich auf zehn bis zwölf Schritt – und Nazi schlägt hinterrücks über und stürzt hinunter in die greuliche Tiefe und Aegidi thut einen Schrei, springt in die Höhe und stürzt drüben hinab, von Fels zu Fels, von Zacken zu Zacken, bis er hängen bleibt an einem Felszacken, ein blutiger, zerschmetterter Leichnam. – Nazi hatte keinen Ton mehr von sich gegeben, ihm saß die Kugel im Herzen.

„Als die Mauthner die Schüsse hören, die schier Einer waren, da eilen sie herbei und stehen wie versteinert, denn da liegt ein Bündel und es ist kein Mensch zu sehen. Endlich blicken sie hinab auf ihrer Seite in den Abgrund und sehen den Aegidi hängen, wie er im Todeskrampf noch seinen Stutzen hält mit der einen Hand, während die andre schlaff hinab hängt. Einer geht auf die andere Seite. Da liegt des Nazi Hüt’l. Von ihm aber ist nichts auszuschaun.

„Keiner redet vor Schrecken und Trauer ein Wort; aber Ein Gefühl durchdringt sie: so darf der Aegidi nicht hängen bleiben. Er muß ein christlich Grab haben und auch der Nazi, wenn man ihn kriegen kann. Einer bleibt da. Der Andere läuft nach der Scharnitz, Hülfe, Laterne und Seile zu holen. Aber wie so der Mauthner dasitzt in stummer Trauer und Schrecken, da hört er einen Fall. Er springt auf und schaut nach dem Aegidi.

„Die Spannung seiner Muskeln hatte nachgelassen. Der Stutzen war in die Tiefe gefallen, und der Leichnam des armen Aegidi hat dadurch das Gleichgewicht verloren, und grade, wie sich der Mauthner vorbeugt, sieht er, wie er rutscht, und dann hinabfällt, wohin kein Sonnenblick kommt und wohin kein Seil hinabreicht.

„Da sträuben sich seine Haare und ein Schrecken des Todes ergreift ihn, daß er von dannen läuft, und erst zurückkehrt, als die Andern kommen und nun selber sehen, daß da kein Auffahren ist.

„Sie stehen eine Weile stumm da; dann sinken sie auf ihre Kniee, beten ein Paternoster, nehmen den Cigarrenbündel und eilen weg von der greulichen Matten, die seidem die Mordmatten heißt.“ –

Mein Alter schwieg und that einen Zug aus seinem Seidel, und mir war die Brust wie zugeschnürt. Der Posthalter trat zu uns und sah bewegt aus.

„Hab Ihr’s schon gehört,“ fragte er, „was drüben passirt ist?“

„Nein!“ rief der Alte: „was denn?“

„Nun, die Caritas hat um zehn Uhr einen Blutsturz kriegt, und so schnell auch der Doktor kam, gleich einen zweiten, und eben ist sie gestorben!“

„Wunderbar!“ rief der Alte: „Gestern war’s jährig, daß der Nazi den Aegidi gestochen hat.“

Er nahm seine Mütze ab und wir thaten desgleichen und wir beteten alle Dreie, für alle Dreie, um Gnade und Frieden.

[132]
Rekrutirungen und Fremdenlegionen.
(Mit Abbildung.

In aller Welt wird jetzt rekrutirt, und in England und Frankreich bildet man außerdem Fremdenlegionen. Ersteres macht, wie ich lese, drüben im lieben Vaterlande Deutschland schlechte Geschäfte und wird schwerlich die Legion voll werben.

In London hat man, wie ich höre, sechsundzwanzig „blauäugige, flachshaarige, unschuldige Deutsche“ in Whitechapel und in der Gegend des Towers erwischt und sie für den „Schilling der Königin“ als „Futter für’s Pulver“ auf ein Jahr engagirt. Mit dem 27sten wollt’ es schon nicht mehr gehen, so daß sie Mühe haben werden, das erste Tausend voll zu machen. Inzwischen finden sich immer noch täglich einige aus der untersten Stufe des Lebens ruinirte Söhne des Vaterlandes, welche sich anheischig machen, Sebastopol zu erobern, so daß man um den Tower herum alle Tage hübsche Rekrutirungsscenen erleben kann. Aber welch ein Unterschied gegen voriges Frühjahr! Damals drängten sich noble, wohlgekleidete Männer begeistert heran und mußten in Masse zurückgewiesen werden. Jetzt handelt, schachert, gaunert man unter wahrhaften Falstaffs-Rekruten herum, die wie gespaltene Rettige, wie Linien ohne Breite, verschrumpelt wie eine gebackene Birne, verschimmelt wie vierzehntägiges Bauerbrot im Juli aussehen. Aber das Schauspiel hat doch etwas Gutes, Moralisches und Humanes, wenn man es mit dem Zwange in andern Ländern und den Räuberbandenscenen im frühern England vergleicht. Noch zu den Kriegen Napoleon’s wurden in England kleine Armeeabtheilungen wie Räuberbanden umhergeschickt, die Söhne des Landes zu Soldaten einzusaugen. Sie überfielen bei Nacht und Nebel ein Dorf, umzingelten es, brachen in die Häuser ein, und schleppten alle unehelichen Individuen, die ihnen nicht zu alt oder zu jung oder zu schwach erschienen, mit sich fort. Auf der Landstraße wurden einsame Wanderer aus dem Busche überfallen und zu Vaterlandsvertheidigern, d. h. zu Wiederherstellungsgehülfen der bourbonischen Dynastie in Frankreich, befördert. Jetzt sind alle englische Soldaten Freiwillige und anerkannt tüchtige, tapfere, kaltblütige, ausdauernde Helden, die auch Sebastopol längst genommen haben würden, wenn sie etwa von einer Aktiengesellschaft engagirt, bezahlt und commandirt worden wären, statt von der Alters- und Erbweisheit der englischen Aristokratie. Wenigstens hätte man sie dann nicht verhungern lassen für 120 Millionen Thaler, sondern ohne die hundert, für bloßte 20 Millionen gefüttert und am Leben erhalten. Da auch das neue Ministerium Palmerston eins des Alters und der Erbweisheit ist, und England ganz unfähig geworden zu sein scheint, sich von dieser ärgsten Karrikatur und greisen Verknöcherung des Mittelalters zu befreien, wird es wahrscheinlich politisch daran zu Grunde gehen. – Seine Flottenehre liegt ertrunken in der Ostsee und dem schwarzen Meere, seine militärische Hoffnung, seine stolze Zuversicht als „Großmacht“ begraben in dem Schmutze vor Sebastopol, und wer demnach noch hofft, mag sich ernüchtern an dem Anblick seiner Fremdenlegionen und seiner Rekrutirungsscenen.

Sehen wir uns einige an, besonders die ganz nach dem Leben gezeichnete, welche wir beifügen. Am Ostende der City nördlich vom monströsen Tower erhebt sich der Tower-Hügel mit dem Dreieinigkeits-Platze aus engen, schmutzigen Straßen heraus, wo jetzt die Bäume besonders gerippeartig aussehen und die Ostwinde am Kältesten blasen. An Brettern und Häuserwänden glänzen riesige Plakate mit großen gemalten Militärscenen darüber: „Wanted a few fine fellows for Royal soldiers, u. s. w. („Gesucht einige hübsche junge Leute zu königlichen Soldaten.) Dann folgen Schilderungen der Herrlichkeit des Soldatenlebens und ihrer Beköstigung, der Größe und Civilisation England, welches jetzt die hohe Mission übernommen habe, Barbarei und Knechtschaft von der Erde zu vertilgen und es daher kein höheres Glück für einen wahren Englishman geben könne, als für’s Vaterland zu sterben (letzteres wird nur sehr unverständlich angedeutet). Die Plakate helfen freilich nicht viel, schon deshalb, weil die Engländer, welche sich hier zu Markte bringen, größtentheils weder lesen noch schreiben können. Deshalb muß auch die lebendige, kräftige Rede der Werbeoffiziere das Meiste thun. Sie stehen wie Halbgötter unter den verkümmerten Haufen Neugieriger und zerlumpter Müßiggänger von Profession oder aus Mangel an Arbeit. Da steht Einer, ein entlassener Pferdeknecht vom Lande mit offenem Maule und seinem Bündel, all seiner Habe, der nach London kam, um in den Dock’s Schiffe laden und löschen zu helfen, ohne ankommen zu können, und horcht nun den Wundermährchen des Werbeoffiziers. Er und sein College haben nie etwas von Rußland und der Krim gehört, denn auf das Land und deren arbeitende Bevölkerung kommt selten oder nie eine Zeitung, da dort Niemand lesen kann und es oft nicht einmal eine Schule giebt (wenigstens giebt es in einer einzigen von den 60,000 „Grafschaften“ Großbritanniens über 300 Dörfer ohne Schule und Schullehrer). Sie sind daher ganz voller Erstaunen und Wunder und werden jedenfalls den „Schilling der Königin“ (jetzt zu mehreren Thalern Werbegeld erhöht) nehmen, sich Bänder an den Hut heften und unter die Zahl der „Geworbenen“ stellen lassen, bis es ein Häufchen ist, worauf sie in der Mitte von Soldaten in die Monturkammer getrieben, eingekleidet, ein paar Tage einexercirt und dann nach der Krim verschifft werden.

Hinter den Söhnen vom Lande fällt besonders ein ächter London-Städter „aus dem Volke“ auf. Er hat in allen möglichen Branchen „gelegentlicher“ Beschäftigung gearbeitet, Packete getragen, Droschken aufgemacht, mit Zuckerwaaren und Schwamm gehandelt, Maschinen geheizt und Straßen gekehrt, ist dreimal im Gefängniß und fünfmal im Hospital gewesen und dabei lang, mager, unbrauchbar und unfähig für’s praktische Leben geworden. Er ist leicht gewonnen und eben so gut, in einem rothen Rocke zu sterben, wie ein Anderer.

Vater und Gatte in der Schürze und mit der üblichen Thonpfeife hat schon mehr Gründe, sich Bedenkzeit zu nehmen. Er verdient sich kärglich sein Bischen Brot in einer lichtlosen, schmutzigen Straße, doch da heute Vormittag das Geschäft sehr still war, steckte er sich seine Pfeife an und ging nach dem Tower-Hügel, wo’s jetzt so viel zu sehen giebt. Der schon geworbene Taugenichts mit der Papiermütze unterstützt den Werbeoffizier für ein glänzendes Kavallerie-Regiment, (das aber in der Krim aufgehört hat, zu existiren), den Mann zu fangen, um sich gleich von vorn herein anzuvettern. Aber Vater und Gatte schmunzelt ungläubig und fühlt den mahnenden Druck seines ältesten Knaben wohl mehr, als die Umarmung des Galgengesichts unter der Papiermütze. Er ist arm, das bezeugen die „Bäffchen“ am Halse des Jungen, die renommistisch-frömmelnden Kainsstempel, womit alle priesterlichen Frei- und Armenschulen die aufgenommenen Kinder brandmarken. Vater wird seine Schürze umbehalten und sich fortquälen für Frau und Kinder, statt unter die rothröckigen Söhne des unglückseligen Mars zu gehen. Das sieht man seiner ganzen Haltung an, obgleich wir nicht viel von seinem Gesicht sehen können. Der stumme, warme Ruf von Kindeshand: Zurück! ist stärker, als der renommistische Druck des Galgenvogels: Vorwärts!

Im Hintergrunde marschirt ein Werber schon ab mit einem bebänderten Häufchen, nachdem er mit ihnen „Glück zum neuen Lebenslauf“ gehörig getrunken. So lassen sich die in alkohollustiger Freude geschwungenen Hüte ohne Krämpe und Mützen ohne Schirme leicht erklären, denn ihr Jubel ist ohne Schirm und Schutz und von der unsichersten Existenz. Wie die Times sagte, steht über dem Eingange zur englischen Militär-Carriere für Gemeine dieselbe Aufschrift, wie über Dante’s Hölle: Keine Hoffnung! Kein Avencement! Gemeinheit ohne Ende, da nur Hochgeborne durch Geld, Empfehlung, Verwandte und Alter steigen können und die ganze englische Regierung im Militär und Civil nichts ist, als eine Sammlung verlebter, ohnmächtiger, hochgeborner Greise, Niemandem, als sich selbst, d. h. ähnlichen Privilegirten im Ober- und Unterhause verantwortlich, d. h. unverantwortlich. Das englische Volk ist unsterblich, aber dessen Regierungsformen und politische Scheinherrlichkeit stirbt von nun an immer schneller dahin. Dieses Absterben hält am wenigsten das neue Ministerium auf, an dessen Spitze der oft genannten Feuerbrand, Lord Palmerston steht.

Der zur „Rettung“ Großbritaniens auserwählte Premierminister sieht, nachdem er seinen siebenzigsten Geburtstag gefeiert, so aus, wie wir ihn in der Abbildung geben, so daß die Vorstellung, die wir etwa nach einem frühern Portrait in diesen Blättern (Nr. 9 1854) veranlaßt haben, danach zu corrigiren sein würde.

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Die Gartenlaube (1855) b 133.jpg

Das frühere Portrait stellte ihn im Alter von noch nicht funfzig Jahren dar. Ueberhaupt muß man sich Alles, was in England regiert, sehr alt denken. Das Durchschnittsalter aller englischen commandirenden Generale ist 60 Jahre. Seit 1851 stieg Niemand zum Range eines Obersten unter dem Alter von siebzig Jahren. Wellington war schon commandirender General im 33. Jahre. Im Kriege gegen Napoleon gab es blos zwei höhere englische Offiziere in einem Alter von mehr als 40 Jahren. Alle Anderen waren jünger, d. h. in der Blüthe voller Manneskraft. Jetzt ist kein Atom von Männlichkeit unter den regierenden und commandirenden Engländern zu finden, alle sind über 60, viele über 70 Jahre alt. Da Lord Palmerston als Siebenziger nicht mehr den Mut hat, sich an die Jugend zu wenden und sich einbildet, er werde mit einigen unbedeutenden Reformen und der bisherigen Altersweisheit seiner Collegen durchkommen, kommt er nicht durch. Ohne Prophetengabe sehen wir’s daher kommen, daß Palmerston, der das Meiste zum Verfalle Englands und der „Völkerrechte“ beigetragen, der Erste ist, der die ausbrechenden Folgen davon über sein greises Haupt sammeln wird.

Palmerston ist seit seinem 22. Jahre Diplomat gewesen. Im Jahre 1804 wurde er ein Kriegsminister und blieb es beinahe zwanzig Jahre.

Als Wellington Premier-Minister und in Folge davon mit faulen Eiern beworfen ward, entließ er Palmerston, weil sich derselbe einer den Parlamentsreformen günstigen Gesinnung verdächtig gemacht hatte. Der Verdacht erwies sich stets sehr ungegründet. Im Jahre 1829 trat er als Erfinder der Theorie der Intervention in fremde Staats-Angelegenheiten auf und führte sie seitdem über zwanzig Jahre lang als Minister des Auswärtigen auf eine Weise durch, von der bisher weder das Ausland noch England nur eine richtige Ahnung gewann, obgleich durch seine Vermittelung und unter seiner Mitwirkung die wichtigsten Veränderungen in Europa, namentlich gegen das neueste europäische, von Diplomaten 1815 festgesetzte Staaten- und Völkerrecht mit Glück durchgeführt wurden. In Lothar Bucher’s Werke: „Der Parlamentarismus, wie er ist,“ kann man einige betreffende Thatsachen ziemlich pikant zusammengestellt und aufgedeckt finden. Diese Thatsachen werden auch ziemlich Blinde überzeugen, daß Lord Palmerston’s Hauptverdienste in ziemlich vollständiger Zerstörung des sogenannten Parlamentarismus, der sogenannten „Verantwortlichkeit,“ der sogenannten Ehre, des sogenannten Rechtes, der sogenannten Intervention zu Gunsten des Rechtes und Vertrages gegen Diplomatie und Gewalt zu suchen sind. Nun, die Engländer hoffen auf ihn, und er wird sie wahr „machen,“ soweit es ihm die 70 Jahre noch erlauben.



Zur Gesundheitspflege und Erziehungslehre.
Der Mensch im zweiten Kindesalter.

Das zweite Kindesalter (das Kindergartenalter) begreift das 5te, 6te und bei vielen in der Entwickelung zurückgebliebenen Kinder auch noch das 7te Lebensjahr in sich. Es zeichnet sich dieses zweite vor dem ersten Kindesalter dadurch aus, daß in ihm Krankheiten und Todesfälle weit geringer an Zahl sind, während die körperliche und geistige Ausbildung ebenso rasch vorwärtsschreitet. Das Kind ist jetzt so ziemlich Herr aller seiner Bewegungen und hat bedeutend an Sprachfertigkeit gewonnen; noch ist aber sein Gehirn im Wachsthum begriffen und verlangt deshalb die größte Schonung. Von Bestrafung, zumal Schlägen, sollte jetzt, wenn nämlich die Erziehung im ersten Kindesalter richtig geleitet wurde, keine Rede mehr sein und nur die Liebe des Kindes zu den Aeltern, sowie sein Gefühl und Verstand sollten jetzt noch als Erziehungsmittel benutzt werden. Während im ersten Kindesalter, wo das Kind noch gar keine Sehnsucht nach andern Kindern fühlt und sich durch Spielen recht gut allein unterhält, das Kind für sich allein erzogen werden kann, sollte im zweiten Kindesalter, zu welcher Zeit das Kind gern mit andern Kindern spielt, die Erziehung des Kindes auch gleichzeitig mit andern, aber freilich gut erzogenen Kindern oder doch unter strenger Aufsicht stattfinden. Es ist darum jetzt die Zeit, das Kind dem Kindergarten (der Spielschule) zu übergeben, zumal da in diesem Lebensalter die Erziehung des Kindes von Seiten der meisten Aeltern sehr unzureichend und mangelhaft ist. Ganz mit Unrecht behauptet man übrigens, der Kindergarten – wo das Kind unter Spielen von einer, Mutterstelle vertretenden Erzieherin, zur Schule vorbereitet werden soll, – entfremde die Kinder dem älterlichen Hause. Dies ist nur bei solchen Kindern der Fall, welche zu Hause eine falsche Erziehung früher genossen haben und zur Zeit noch genießen und denen es überhaupt im älterlichen Hause nicht gefällt. Wohl lernt im Kindergarten aber ein Kind mit Seinesgleichen ordentlich umgehen und sich an Anderen ein Beispiel nehmen, auch kann es vor der Angewöhnung der Zanksucht, des Neides, der Herrschsucht, des Dünkels, der Selbstliebe und des Eigensinns geschützt werden. Außerdem sollen hier auch noch die Sinne des Kindes weiter ausgebildet, sowie kräftigende Turnübungen und Geschicklichkeit erzeugende Beschäftigungen mit demselben vorgenommen werden. Vor allem muß hier aber Heiterkeit herrschen und nicht etwa pedantische Gewöhnung an’s Stillsitzen und an’s Hübschartigsein.

[134] Die Erhaltung des Kindes im zweiten Kindesalter verlangt, wie die im ersten Kindesalter: eine reizlose, nahrhafte, leicht verdauliche, gehörig fett- und salzhaltige Kost aus thierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln neben hinreichendem Genusse von Flüssigkeit (Milch oder Wasser); sodann freie Luft (bei Tag und Nacht) und Aufenthalt mit Bewegung im Freien so oft als möglich; gehörige Reinigung der Haut (durch Waschungen und Bäder); hinreichenden Schlaf oder doch Ruhen nach Körperanstrengungen und die größte Schonung der Sinnesorgane (s. Gartenl. Jahrg. II. Nr. 40). Hinsichtlich des Warmhaltens, was in den früheren Lebensjahren das Gesundbleiben außerordentlich unterstützt, so können jetzt die ersten Anfänge zur allmäligen Abhärtung dadurch gemacht werden, daß zu den Bädern und Waschungen zuerst laues, dann kühles und endlich kaltes Wasser (Flußbad) verwendet, sowie die Kleidung nach und nach immer dünner gewählt wird. Ein plötzlicher Uebergang von der warmen zur kalten Behandlung des Kindes taugt durchaus nichts, und letztere verfehlt dann nicht nur ihren Zweck ganz und gar, sondern kann auch als widernatürliches Reizmittel wirken und Blutarmuth (Bleichsucht), sowie nervöse Reizbarkeit veranlassen (s. Gartenl. Jahrg. II. Nr. 46).

Bei der Erziehungin diesem Lebensalter ist, wie überhaupt bei der Kindererziehung, die Hauptaufgabe der Erzieher: im Kinde neben Gehorsam die Ueberzeugung hervorzurufen, daß es nicht von einer schwachen Hand geleitet wird, welche bei seinen Launen schwankt oder seinem Widerstande weicht. Diese Ueberzeugung läßt sich aber recht leicht durch consequentes, gleichförmiges Benehmen der Erzieher gegen das Kind erwecken. Ueberhaupt müssen Aeltern durch ihre Handlungsweise dahin streben, daß im Kinde, welches jetzt ein ziemlich scharfes Auge für alle Fehler Derer hat, die es umgeben, niemals der Glaube an die mütterliche Unfehlbarkeit und väterliche Autorität erschüttert werde. Nichts dringt so sanft und so tief in die Seele des Kindes, als der Einfluß des Beispiels. Durch dieses muß jetzt das Kind auch lernen um Alles zu bitten und für Alles zu danken. – Was die körperliche Erziehung betrifft, die großentheils noch nach den für das erste Kindesalter gegebenen Regeln einzurichten ist, so müssen zuvörderst die verschiedenen Bewegungen des Kindes gehörig in’s Auge gefaßt und so geleitet werden, daß sie allmälig mit immer mehr Sicherheit, Ruhe, Geschicklichkeit, Anstand und Anmuth geschehen. Zu diesen Bewegungen gehören aber nicht blos die der Beine, Arme und des Rumpfes, sondern auch die des Kopfes, Gesichtes und der Sprachorgane. So ist z. B. beim Essen darauf zu halten, daß dasselbe nicht mit dem höchst widerlichen Schnalzen geschieht und daß feste Nahrungsmittel tüchtig zerkaut werden, daß beim Gehen Körper und Füße eine gute Haltung haben, daß kein entstellendes Mienenspiel zur Angewohnheit wird, daß sich die Sprache nicht mangel- oder fehlerhaft ausbildet u. s. f. Uebrigens sind alle anstrengenderen Bewegungen der Körperconstitution richtig anzupassen, wenn sie nicht Schaden bringen sollen (s. Gartenl. Jahrg. III. Nr. 7). Der Sinn für Reinlichkeit, Ordnungsliebe und Pünktlichkeit, wozu schon in dem ersten Kindesalter der Grund gelegt werden muß, kann bei Kindern gar nicht stark genug ausgebildet werden, da er den meisten Einfluß auf das spätere geschäftliche Leben hat. Deshalb halte man auf Rein- und Guterhalten des Spielzeuges und der Kleidung, auf das Aufräumen der Sachen, sowie auf Pünktlichkeit im Essen, Schlafen, Ankleiden des Kindes, überhaupt auf Regelmäßigkeit in der Lebensordnung. – Die geistige Erziehung darf sich, was die Bildung des Verstandes betrifft, immer nur noch auf die Ausbildung der Sinne, sowie auf längere Fesselung der Aufmerksamkeit des Kindes auf Gegenstände beschränken; es kann jedoch schon angefangen werden, die von Naturgegenständen im Gehirne erzeugten Sinneseindrücke (Hirnbilder) zur Bildung des Gedächtnisses und Vorstellungsvermögens, überhaupt zum Denkenlernen zu verwenden. Doch ist bei diesem geistigen Thätigsein die körperliche Beschaffenheit des Kindes wohl zu beachten. Ueberanstrengungen des Gehirns können zu Hirnkrankheiten und Geistesschwäche führen.

Der Wille läßt sich durch Ueberwinden von Hindernissen, Furcht und unangenehmen Zuständen immer mehr kräftigen, denn erweckt mußte er schon im ersten Kindesalter werden. Nur hüte man sich das Kind zu erschrecken, denn der Schreck erregt Furcht und diese macht das Kind feige und heuchlerisch. Natürlich ist der Wille zur Ausübung des Guten, zu Thaten der Menschenliebe zu erziehen. Am leichtesten erleidet jetzt das Gefühl oder Gemüth eine verkehrte Erziehung, wenn nämlich die Empfindungsthätigkeit des Gehirns, ohne gleichzeitige zweckmäßige Verstandes- und Willensanregung (zur richtigen Beurtheilung, sowie zur verständigen Bekämpfung und Beseitigung der Gefühlseindrücke), vorzugsweise angeregt und unterhalten wird. Man glaubt dadurch gefühlvolle Menschen zu erziehen, bildet aber sentimentale Schwärmer, die für das praktische Leben untauglich, weder sich selbst noch Anderen vernünftig zu rathen und zu helfen im Stande sind. Ebenso nachtheilig für die Zukunft des Kindes kann es werden, wenn durch öfteres Erzählen von Geister-, Feen-, Räuber- und anderen Geschichten die Einbildungskraft desselben widernatürlich ausgebildet und das Gemüth für romanhafte Auffassungen und Aberglauben empfänglich gemacht wird. Dagegen läßt sich ein fester Grund zur ächten Religiosität und Moralität dadurch legen, daß man im Kinde Ehrgefühl (ja nicht etwa Ehrfurcht) und das Gewissen zu entwickeln sucht, von denen das erstere den Menschen zwingt, das Rechte und Gute ohne alle Nebenabsicht und Eigennutz blos aus Selbstachtung zu thun, das letztere aber bei Vergehungen ein unbestechlicher Richter ist. Ein ehrenwerther Mensch wird niemals das Böse der Strafe wegen meiden und Gutes der Belohnung halber thun. Man kann jetzt bisweilen das Kind hinsichtlich seiner Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe auf die Probe stellen, doch muß dies mit großer Vorsicht und Umsicht geschehen, da hierbei gar zu leicht fehlgegriffen wird.

Die Krankheiten des zweiten Kindesalters sind fast dieselben, wie im ersten Kindesalter (s. Gartenl., Jahrg. III. Nr. 9.), also vorzugsweise: entzündliche Affectionen der Athmungsorgane mit Husten; Magen- und Darmentzündungen mit Durchfall und Brechen; Blutarmuth mit Schiefwerden in Folge falscher Ernährung; Hüftgelenksentzündung mit freiwilligem Hinken und heftigem Knieschmerz; hitzige Hautausschläge, besonders Scharlach und Masern; die sogen. scrophulösen Leiden.
(Bock.) 




Populäre Chemie für das praktische Leben.
In Briefen von Johann Fausten dem Jüngeren.
Zehnter Brief.
Die Vorgänge bei der Verbrennung.

Wir nennen die Verbrennung einen chemischen Prozeß (Vorgang), weil sie in der That auf nichts Anderem beruht als einer Verbindung des Sauerstoffes der Luft mit dem Kohlenstoff und Wasserstoff der Brennmaterialien. Bei einigen Körpern und unter gewissen Umständen ist die Einwirkung des Sauerstoffs so energisch, daß augenblicklich oder nach einiger Zeit schon bei gewöhnlicher Temperatur Feuer zum Vorschein kommt. Diese Erscheinungen sollen uns später Stoff zu einer besonderen Unterhaltung geben. Unsere gewöhnlichen Brennstoffe besitzen keine große Neigung, sich mit dem Sauerstoff zu verbinden, daher müssen wir hier den chemischen Vorgang einleiten und sein Fortschreiten unterstützen. Wir setzen das Holz, den Torf oder jedes andere Material in Brand, d. h. wir erhitzen es auf einen gewissen Grad und rufen dadurch die chemische Veränderung hervor. Ein jeder weiß, daß sich die verschiedenen Brennstoffe schwerer oder leichter entzünden lassen, selbst dann, wenn wir von dem Wassergehalt absehen und das eine Stück genau so groß ist und dieselbe Form besitzt wie das andere. Der Grund hiervon ist die größere oder geringere Dichte, mit der die einzelnen kleinsten Theilchen vereinigt sind, dann aber auch die chemische Zusammensetzung, der Gehalt [135] an Wasserstoff. Verstattet der letztere die Bildung von gasförmigen Verbindungen mit dem Kohlenstoff, so findet das Entzünden um so leichter statt, je mehr von diesen Gasen in gleicher Zeit gebildet werden. Von der Erhaltung der Wärme hängt die Fortdauer der Verbrennung ab oder auch umgekehrt die Verbrennung liefert die zu ihrer Erhaltung erforderliche Wärme.

Haben wir einmal den Brand entzündet, so schreitet er weiter fort, weil die Bedingungen zu seiner Unterhaltung sich von selbst regeln. Die durch das Feuer verzehrte Luft wird durch neue ersetzt, die von allen Seiten hinzuströmt, um das gestörte Gleichgewicht wieder zu ersetzen und die Hitze wirkt weiter auch auf die Theile des Brennstoffes, die gerade noch nicht brennen, bewirkt hier eine Zersetzung, d. h. Bildung von luftförmigen Verbindungen, die sich nun mit Leichtigkeit entzünden und den Brand weiter fortpflanzen. Verschwindet nun auch nach und nach das Holz, der Torf u. s. w. vor unsern Augen, und bleibt zuletzt nur ein kleines Häufchen Asche zurück, eben die mineralischen Bestandtheile, weil sie mit dem Sauerstoff keine flüchtigen Verbindungen eingehen, – so ist zwar die Form zerstört, nicht aber die Bestandtheile selbst; die Natur hält mit Allem, was sich in ihr findet, sparsam Haus; verloren geht nichts, daher auch nicht bei der Verbrennung. Anstatt die Produkte der Verbrennung – Kohlensäure und Wasser – in die Luft entweichen zu lassen, können wir sie auffangen und finden dann, daß in ihnen genau so viel Kohlenstoff und Wasserstoff enthalten ist, als das Gewicht des Holzes oder eines jeden andern Brennstoffes betrug.

Eine jede chemische Verbindung findet nach bestimmten, unabänderlichen Gewichtsverhältnissen statt und daher können wir, sobald uns die Zusammensetzung des Brennstoffes bekannt ist, genau berechnen, wie viel Sauerstoff zu seiner vollständigen Verbrennung erforderlich ist und damit ist zugleich auch die Wärmemenge gegeben, die bei der Verbrennung eben dieses Brennstoffes entwickelt wird, da diese abhängt von der verzehrten Sauerstoffmenge. Daraus wird klar, daß unsere gewöhnlichen Brennstoffe nicht ganz als solche verwerthet werden, da sie alle schon Sauerstoff enthalten, der mit einem Theile der beiden übrigen, die Wärme erzeugenden Bestandtheile bereits verbunden ist. Die dieser Menge entsprechende Wärme ist für unsere Zwecke verloren. Aber wir erleiden noch weitere Verluste, die in der natürlichen Beschaffenheit unserer Brennstoffe und der Luft begründet sind. Ein nicht unbedeutender Theil der Wärme wird zur Verdampfung des Wassers verwendet, das, wie wir gesehen haben, stets in den Brennstoffen enthalten ist. Daher unterwirft man diese einer künstlichen Austrockung, wenn es sich bei verschiedenen gewerblichen Verrichtungen darum handelt, eine möglichst hohe Temperatur zu erzielen; ja die Wärme wird bei der Austrocknung – dem Darren – oft so gesteigert, daß sie eine anfangende Zersetzung des Brennstoffs bewirkt. Ein weiterer Verlust an Wärme wird dadurch bedingt, daß nicht alle Luft, sondern nur der kleinste Theil bei der Verbrennung verzehrt wird. Bekanntlich enthält die atmosphärische Luft in fünf Raumtheilen nur einen Theil Sauerstoff; die vier Raumtheile Stickstoff haben keinen Theil an der Verbrennung. Sie entweichen und nehmen hierbei einen großen Theil der Wärme mit fort; eben so die luftförmigen Verbrennungsprodukte – die Kohlensäure und das Wasser. Noch andere Verluste werden wir bei der Betrachtung der Feueranlagen kennen lernen.

Der Grad der Hitze, welchen die Brennstoffe entwickeln, hängt aber nicht allein von der Menge des verzehrten Sauerstoffs ab, sondern auch von der Zeit, während welcher dies stattfindet. Ein jedes Pfund Wasserstoff verbindet sich stets mit 8 Pfund Sauerstoff zu 9 Pfund Wasser und jedes Pfund Kohlenstoff mit 22/3 Pfund Sauerstoff zu 32/3 Pfund Kohlensäure; in dem ersteren Fall der Verbrennung werden stets 236 Pfund Wasser, in dem letzteren nur 78 Pfund von 0° auf 100° erwärmt. Die Wärmemengen, welche bestimmte Stoffe bei ihrer Verbrennung entwickeln, sind stets gleich, aber nicht der Grad der Hitze. Es leuchtet ein, daß dieser ein größerer sein muß, wenn die Wärme einer bestimmten Menge Brennstoff in einer halben Stunde abgegeben wird, als wenn dies erst in einer, oder gar in zwei Stunden erfolgt. Mit anderen Worten: die Hitze ist um so stärker, je mehr Brennstoff in einer bestimmten Zeit verzehrt wird, je rascher also die Verbrennung erfolgt und um so geringer, je langsamer die Verbrennung fortschreitet. Und wiederum hängt auch dies Verhältniß von dem Zutritt des Sauerstoffs ab. Findet der Austausch der verbrannten Luft gegen frische nur langsam statt, so können selbst leicht brennende Körper langsam, und daher wenig Hitze gebend, verbrennen, während doch sonst gerade diese, wie z. B. Stroh, Reisig u. s. w., freilich nur auf kurze Zeit, die stärkste Hitze hervorbringen; hinwiederum geben gerade die dichtesten Körper, die sonst sehr schwer verbrennen, eine sehr große Hitze, sobald wir nur den Zutritt des Sauerstoffs beschleunigen. Daher verwandeln wir ja das Holz, den Torf, die Braun- und Steinkohle in Kohle – bei letzterer Koak genannt. Der Zweck ist hierbei, das Wasser und den schon gebundenen Sauerstoff und mit ihm den Theil der übrigen Bestandtheile fortzuschaffen, die beim Verbrennen keine Hitze entwickeln. Dies geht nicht an, ohne auch einen Theil der noch zu verwerthenden Bestandtheile – den Wasserstoff und einen dieser Menge entsprechenden Antheil Kohlenstoff – zu verlieren und nichts desto weniger ist der Rückstand dennoch ein besseres Brennmaterial als vorher, weil es dichter ist: also in dem kleinsten Raume die größte Menge Brennstoff enthält und daher gestattet, in gleicher Zeit bei gehörigem Zutritt der Luft größere Massen zu verbrennen, also auch eine größere Hitze zu entwickeln. Bei dem Torf, den Braun- und Steinkohlen erreicht man bei der Verkohlung noch den Vortheil, daß man zugleich den schädlichen Schwefel austreibt.

Während man im gewöhnlichen Leben, namentlich in der Haushaltung, dem harten Holze, dem von Eichen, buchen, Birken und Erlen, bei welchem die einzelnen Theilchen, welche das Holz bilden, dichter aneinander liegen, so daß hier der gleiche Raum mehr Holzmasse einschließt, – den Vorzug giebt, lehrt uns die Wissenschaft, daß gerade das weiche Holz, vornämlich das der Fichte und Tanne, mehr Wärme entwickelt. Nach dem vorher Erörtertem wird es uns leicht, diesen scheinbaren grellen Widerspruch zu versöhnen. Die Feueranlagen der Haushaltung, namentlich die Vorrichtungen zum Heizen, bringen es mit sich, daß die Verbrennung nur langsam fortschreiten darf, damit der Ofen Zeit hat, die entwickelte Wärme in sich aufzunehmen: man verlangt hier eine gleichmäßige, andauernde Erwärmung, und daher giebt man dem harten Holze den Vorzug. Bei einer raschen Verbrennung, wie sie dem weichen Holze eigen, ist der Wärmeverlust bedeutend, weil unsere gewöhnlichen Heizvorrichtungen nicht der Art sind, um die in kurzer Zeit entwickelte Wärme schnell in sich aufzunehmen. Handelte es sich aber darum, bedeutende Hitzegrade hervorzubringen, wie dies bei manchen gewerblichen Vorrichtungen gefordert wird, so giebt man unbedingt dem weichen Holze den Vorzug.

Ein jedes Holz enthält einen Ueberschuß an Wasserstoff, d. h. mehr als der vorhandene Sauerstoff zur Bildung von Wasser in Anspruch nimmt. Dieser Ueberschuß ist bei dem weichen Holze größer und daher auch die Menge der gasförmigen Produkte, die durch die Einwirkung der Wärme entstehen, größer. Gerade diese Gase sind es, die mit Leichtigkeit brennen, so daß die Verbrennung rasch fortschreitet und da der Wasserstoff drei Mal so viel Sauerstoff bindet als der Kohlenstoff, so muß auch mehr Wärme entwickelt werden. Ueberall da, wo sich diese gasförmigen Verbindungen bilden, geschieht die Verbrennung mit Flamme, wo ersteres nicht der Fall ist, wie z. B. bei der Kohle und der Koaks, beobachten wir nur ein Glühen. Die Kohle für sich ist nicht flüchtig und daher fehlt die Flamme, freilich nie ganz, weil die Kohle nie reiner Kohlenstoff ist, sondern auch noch geringere Mengen von Wasserstoff enthält. Noch aus einem anderen Grunde sehen wir beim Verbrennen von Kohle eine Flamme auftreten und zwar von blauer Farbe, die man im alltäglichen Leben fälschlich einem Gehalt von Schwefel zuschreibt, während in der Holzkohle keine Spur von Schwefel enthalten ist. Der Grund ist hier ein ganz anderer. Tritt nämlich bei Kohlenfeuerung die Luft von unten herzu, so verbrennt hier die Kohle zu Kohlensäure; diese, ein Gas, steigt durch den Haufen der glühenden Kohlen hindurch, nimmt auf diesem Wege eben so viel Kohle auf, als sie schon enthält und wird dadurch zu Kohlenoxyd. Während die Kohlensäure weder die Verbrennung zu unterhalten im Stande ist, noch selbst brennt, ist das Kohlenoxyd ein brennbares Gas. Tritt letztere daher an der Oberfläche der glühenden Kohlen mit dem Sauerstoff der Luft in Berührung, so entzündet es sich und verbrennt mit blauer Flamme, die allerdings große Aehnlichkeit mit der des Schwefels hat, zu Kohlensäure.

Die Verbrennung des Sauerstoffes in der Luft durch den Sauerstoff, der die Einwirkung des erstern mäßigt, nöthigt uns [136] dafür zu sorgen, daß das Brennmaterial der Luft möglichst viele Berührungspunkte darbietet. Darum spalten wir das Holz, geben dem Torf und der erdigen Braunkohle eine bestimmte Form und zerkleinern die großen Steinkohlenstücken, um so die Verbrennung zu beschleunigen. Diese Zerkleinerung richtet sich nach dem Zweck, den wir erreichen wollen. Bei der Heizung verwenden wir größere Stücke, die sich nur langsam verzehren und so für Stunden eine hinreichende Wärme ausgeben; beim Kochen verlangen wir ein lebhaftes Feuer, und daher sind hier die Stücke kleiner. Zudem werden sie so aufgebaut, daß sie zwischen sich bedeutende leere Räume lassen, damit die Luft überall leicht hinzutreten kann. Eine gewisse Grenze dürfen wir bei der Zerkleinerung nicht überschreiten, denn sonst tritt gerade das Gegentheil ein von dem, was wir erzielen wollen. So z. B. hören Sägespähne, der Staub von Kohlen und Torf ganz auf Brennmaterialien zu sein; obgleich gerade sie am Weitesten zerkleinert sind, so bieten sie der Luft verhältnißmäßig doch nur sehr wenig Berührungspunkte dar, weil sich die einzelnen Theilchen so dicht an einander legen, daß die Luft keinen Raum zum Durchzuge findet. Daher haben auch diejenigen Steinkohlen wenig Werth, die in der Hitze zu einem feinen Pulver zerfallen. Aus dem Abfall der brennenden Steinkohlen dagegen kann man sehr werthvolle Koaks bereiten, da dieser in der Hitze zu größeren Stücken zusammen schmilzt. Desselben kann man sich auch als Bindemittel bedienen, um die Abfälle von Holz und Torf wieder zur Verbrennung geschickt zu machen dadurch, daß man mit seiner Hülfe Ziegel daraus fertigt; das Gleiche geschieht durch einen Zusatz von Thon, der in Wasser aufgeweicht wird. Bei erdigen Braunkohlen, die an sich schon thonige Bestandtheile enthalten, genügt einfach ein Zusatz von Wasser.

Die Betrachtungen über die Verbrennung führen uns zu der Erkenntniß, daß es für den Käufer von Brennstoffen besser wäre, wenn der Verkauf dem Gewichte nach, und nicht, wie es jetzt allgemein üblich, dem Maaße nach geschähe. Im ersteren Falle wäre er sicher, jedes Mal für sein Geld dieselbe Masse zu erhalten. Das Maaß ist zwar auch stets gleich, aber nicht die Masse, die darin enthalten ist; je nach der Form der Scheite und nach der Aufpackung derselben können hier, wegen der leeren Zwischenräume, deren Betrag sehr veränderlich ist, sehr bedeutende Differenzen vorkommen. Ueberhaupt kauft man hier mehr oder weniger stets, wie man zu sagen pflegt, „die Katze im Sack.“ Beim Holz allerdings findet, wenn man von dem Wassergehalt absieht, in den Bestandtheilen nur ein geringes Schwanken statt, um so größer ist dies aber beim Torf, den Braun- und Steinkohlen. Von einer chemischen Analyse, die Aufschluß gäbe über den Werth der letzteren, ist selten die Rede; ja die Verkäufer scheinen diese zu fürchten.




Ueber Frauenbestimmung.
Von Professor Biedermann.[1]
1. Der allgemeine Charakterunterschied beider Geschlechter.


Ein natürlicher Gegensatz der beiden Geschlechter, erkennbar in ihrer verschiedenartigen körperlichen wie geistigen Organisation, weist jedem derselben eine andere Bestimmung im Leben, eine andere Stelle in dem großen Ganzen menschlicher Kulturentwickelung an. Wenn das Geistesleben des Menschen überhaupt in zwei Grundrichtungen sich äußert, einer Erregbarkeit oder Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, und einer inneren Selbstthätigkeit, welche die empfangenen Eindrücke verarbeitet, so erscheinen diese zwei Richtungen dergestalt an die beiden Geschlechter vertheilt, daß dem Manne ein größeres Maß von Selbstthätigkeit, der Frau eine stärkere Erregbarkeit oder Reizbarkeit eigenthümlich zu sein pflegt. Die Physiologie hat es unternommen, die körperlichen Ursachen dieser Verschiedenartigkeit nachzuweisen in dem größeren Umfange des männlichen Gehirns im Vergleich zu dem weiblichen, in der mehr feinen als muskulösen, mehr weichen und biegsamen als harten und festen Organisation des ganzen weiblichen Körpers. Die Psychologie findet diesen Gegensatz auf dem Gebiete des Seelenlebens bethätigt in den mancherlei Abweichungen des Temperaments der Empfindungsweise, der ganzen Art zu sein und zu handeln, wie sie bei dem Weibe und bei dem Manne sich darstellt. Bei dem Letzteren herrscht meist das cholerische, willensstarke Temperament vor, etwa mit einem Beisatze phlegmatischer Bedächtigkeit oder melancholischer Nachdenklichkeit, bei der Frau, mit seltenen Ausnahmen, das sanguinische, reizbare oder empfindsame. Frauen pflegen einem äußern Eindrucke, selbst einem flüchtigern, nachzugeben, während es bei dem Manne schon einer stärkeren und anhaltenderen Erregung bedarf, um sein Gefühl zu ergreifen oder seine Thatkraft in Bewegung zu setzen. Dagegen springen Jene bisweilen mit einer für Männer unbegreiflichen Schnelligkeit von einer Empfindung zur andern und von einem Gegenstande ihrer Beschäftigung zum andern über, während die Thätigkeit und das Interesse des Mannes in der Regel länger in der einmal angenommenen Richtung beharrt. Diese größere Beweglichkeit ihres Geistes macht die Frauen gewöhnlich geschickter für Erfassung und Behandlung der alltäglichen, persönlichen Begegnisse; dagegen es den Männern eigenthümlich ist, einen weiteren Kreis von Lebensverhältnissen zu überschauen, zu beherrschen und nach ihren Ideen zu gestalten.

Die Frau lebt, handelt und empfindet mehr in der Gegenwart und für diese; das Leben und Streben des Mannes greift weit über die Gegenwart hinaus und richtet sich auf eine oft sehr ferne und ungewisse Zukunft. Die Frau wirkt, was sie wirkt, fast immer durch die Macht ihrer Persönlichkeit, durch die raschen, gewissermaßen instinktartigen Eingebungen ihres Verstandes oder ihres Herzens; der Mann erringt seine höchsten Erfolge durch die Kraft seines voraussehenden Denkens, durch die systematische Verknüpfung seiner Ideen, Beobachtungen und Erfahrungen. Die Frau setzt gern und unverdrossen ihre ganze Thätigkeit an ein Einzelnes – und wäre es die kunstmäßige Vollendung eines Stückes Putz oder einer wirthschaftlichen Vorrichtung; – ihr ganzes Dasein besteht mehr oder weniger aus einem bunten Wechsel einzelner Beschäftigungen, Empfindungen und Begegnisse; dem Manne gestaltet sich auch das Einzelnste sogleich zum Theile eines größeren Ganzen, und nur als solches hat es für ihn einen Werth; sein Leben ist meist eine festgegliederte Kette von Bestrebungen, Entwürfen, von gelungenen oder mißlungenen Anläufen nach einem bestimmten Ziele hin. Daher erscheint wohl das Frauenleben fertiger, abgerundeter, befriedigter in seinen einzelnen Momenten, das des Mannes dagegen bedeutender und inhaltvoller in seiner Gesammtheit. An der Frau tritt das am Meisten in den Vordergrund, was sie gerade in dem Augenblicke ist, thut, empfindet – mit einem Worte, ihre Persönlichkeit, beim Manne das, was er gethan, geleistet, errungen hat, oder was er noch zu thun, zu leisten, zu erringen befähigt und gewillt scheint. Die Mehrzahl der Frauen vermag für ein Allgemeines nur dann das rechte Verständniß und Interesse zu gewinnen, wenn sich dasselbe unter irgend welcher persönlichen Form in irgend welcher unmittelbaren Beziehung zu der eignen oder zu einer ihr nahestehenden Persönlichkeit darstellt; sie begeistern sich leicht für einen politischen Charakter, für eine politische Idee, ausgenommen, insofern sie solche in Jenem verkörpert erblicken, wobei aber immer das Persönliche so vorwiegend bleibt, daß sie, falls ihr Held seine Fahne wechselt, eher diese, als ihn aufgeben. Einer rückhaltlosen, consequenten, alles Persönliche bei Seite setzenden Hingebung an eine bloße allgemeine Idee ist der Regel nach nur der Mann fähig, der überhaupt allen, auch den mehr persönlichen Begebnissen im Leben eine nähere oder entferntere Beziehung auf etwas Allgemeines – sei dies der Beruf, der Stand, das Vaterland oder die Menschheit zu geben pflegt.

So geht ein tiefgreifender Gegensatz durch das ganze Leben der beiden Geschlechter. Derselbe mag hier schärfer, dort weniger scharf ausgesprägt, bisweilen beinahe ausgeglichen erscheinen – es giebt Frauen von fast männlichem Geist und Charakter, und Männer, [137] die in ihrem Handeln und Empfinden nicht blos etwas Weibliches, sondern etwas Weibisches haben. Erziehung, Lebensgewöhnung, vor Allem das Wechselverhältniß der beiden Geschlechter selbst pflegen manche Ausgleichung und Annäherung der entgegenstehenden Charaktere herbeizuführen – gewöhnlich zu beiderseitigem Gewinnste und ein allzu einseitiges Hervortreten der einen oder andern jener Richtungen, der Abhängigkeit von äußern Eindrücken, ohne eine entsprechende Selbstständigkeit und Beharrlichkeit des innern Gefühls oder der Abgeschlossenheit in sich mit gänzlicher Stumpfheit und Ungeschicktheit für’s äußere Leben, gilt mit recht für einen Mangel wahrer Bildung nicht nur vom allgemeinmenschlichen Standpunkte aus, sondern auch innerhalb der Sphäre desjenigen Geschlechts, wo eine derartige Erscheinung auftritt. Aber trotz jener Ausnahmen von der Regel und mit Hinwegsehen von diesen einseitigen Extremen bleibt doch immer noch ein gewisser, angeborner und niemals ganz zu verwischender Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern übrig, welcher hinreicht, um uns den Fingerzeig der Natur in Bezug auf die Lebensbestimmung eines jeden derselben, des Mannes wie der Frau, deutlich erkennen zu lassen.




Der Weg zwischen Balaklava und dem englischen Lager.


Wir haben diesen Weg früher gelegentlich im Allgemeinen geschildert. Da er aber ohne Zweifel als ein weltgeschichtlicher Weg erkannt werden wird, als der in einem Abgrund der englischen Alters- und Erbweisheit zu Hause und der englischen und anderen auswärtigen Politik überhaupt, wird es auch friedliche, nicht politische Leute interessiren, sich eine bestimmte, getreue Vorstellung davon zu machen. Hier ist eine von dem vollkommensten und treffendsten aller Portraitmailer, der Sonne, gezeichnete. Es ist bekannt, daß im englischen und französischen Heere viele Photographen oder Daguerreotypisten theils für die Commandeurs, theils für englische Journale alle möglichen Gegenden auf der Krim auf empfindlichen photographischen Platten auffangen und sie im letztern Falle nach England zur Veröffentlichung durch den Holzschnitt senden. Die photographischen Platten sind jetzt einer so großen Empfänglichkeit fähig, daß sie selbst bewegte Gegenstände im Nu auffangen und fixiren.

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Weg zwischen Balaklava und dem englischen Lager.

Diesem Umstande verdanken wir eine Menge natur- und situationsgetreuer Bilder aus der großen Tragödie auf der Krim, der alten Tauris, die nicht so zart aussieht, als die klassische „Iphigenia auf Tauris“ von Goethe. Wir geben hier einen Theil des photographisch aufgefangenen Weges zwischen Balaklava und dem englischen Lager, dessen kürzeste Ausdehnung über eine deutsche Meile lang ist´. Die Moräste, Thäler und Hügel, Schnee und Regen, Tausende gefallener Pferde, umgestürzter Wagen, versunkener Vorräthe, erfrorner Soldaten u. s. w. machen diese Entfernung mit Hülfe der bisherigen englischen Verwaltung zu 10–20 Meilen, so daß in Balaklava Vorräthe schiffsladungsweise verfaulen, während im Lager die Soldaten thatsächlich tausendweise verhungern, erfrieren und an unzähligen Krankheiten hinsterben, wie sie sich aus fortgesetztem Mangel an Nahrung, Wärme, Menschlichkeit und Reinlichkeit unter mannigfaltigen Namen entwickeln.

Dabei kostet dem englischen Volke jeder lebende und so langsam umgebrachte Soldat, wie die times vom 12. Februar nachwies, täglich ein Pfund Sterling, also über sechs Thaler. Zu gleicher Zeit machte die Times bekannt, daß ein reicher Privat-Geschäftsmann unter den allerschwersten Strafen sich verpflichtet habe, die ganze englische Armee täglich dreimal mit Thee, Kaffe, frischem Brot, Fleisch, Bier, Rum u. s. w. und mit guten, schützenden Zelten – also mit Kost und Wohnung – für täglich 3 Schillinge 6 Pence auf den Kopf, also für ein Siebentel des zum Hunger verdammenden Regierungspreises, ohne Eisenbahn u. s. w. zu versehen, aber unter einer Bedingung, nämlich daß ihn Regierung und Generalstab und all der officielle Schwindel in keiner Weise unterstütze.

Die Regierung hat jetzt zu Schiffe eine Eisenbahn nach der Krim geschickt, um den Soldaten endlich einen gangbaren Weg „aus der Hand zum Munde" zu bahnen, aber auf diesem Boden und unter den jetzigen Verhältnissen geht das gewiß nicht so geschwind, als das Verhungern, Erfrieren und Umkommen im Großen. Die Eisenbahn kann frühestens mit Frühlings Anfang fertig sein (und auch das wäre fast ein Wunder), zu einer Zeit, wo vielleicht die Natur ebenfalls als Wegbaumeister sich bewährt haben wird, so daß das Werk der Kunst sich erst im nächsten Herbste als das Ding zeigen wird, welches just ein Jahr zu spät kam, um etwa 20,000 Soldaten das Leben zu retten. In vielen andern Dingen kamen die privilegirten Verwalter der englischen Staats- und Kriegswirthschaft nict so früh zu spät.

[138]
Der Nachtwandler zu Pferde.
Eine pariser Mittheilungen entlehnte Geschichte von Feodor Wehl.

Vor nicht langer Zeit befand sich auf dem Bureau des Advokaten Dumont zu Paris unter andern jungen Leuten auch ein gewisser Anatole Didot, welcher ein Mensch von guten Fähigkeiten und exemplarischem Lebenswandel war. Allen Ausschweifungen und Thorheiten seiner Collegen sorgsam aus dem Wege gehend, still und bescheiden sich selber lebend und die Zeit seiner Muße einer streng wissenschaftlichen Ausbildung widmend, hatte er nur eine, wie es schien, unter seinen Umständen ganz unschädliche und wenig verfängliche Passion, nämlich die für schöne Pferde. Wie Andere das Theater, die Musik oder die Karten liebten, so liebte er diese edlen, schönen und prächtigen Geschöpfe, deren Anblick sich zu verschaffen er weder Wege noch Mühe scheute.

Am Morgen, besonders im Sommer, stand er schon früh mit dem Tage auf, nur, um das Vergnügen haben zu können, auf dem Gange zum Bureau diejenigen Plätze und Straßen zu durchwandern, von denen er wußte, daß sie den Bereitern vornehmer Herren als Passage oder auch als Tummelplatz ihrer Reiterexercitien dienten. Mittags versäumte er oft, beim Verfolgen dieses oder jenes, auf stolzem Thiere einhertrottirenden Cavaliers sein spärliches Mittagsbrot, und Abends war er regelmäßig, selbst bei schlechtem Wetter eine oder zwei Stunden vor dem Dunkelwerden auf den Boulevards, im Bois de Boulogne oder an andern Orten zu finden, die durch eine lebhafte Passage von Carossen und Reitern ausgezeichnet waren. Am Sonntag Abend befand er sich fast regelmäßig im Franconi’schen Circus, entzückt und begeistert nicht sowohl von den Künsten der verschiedenen Herren und Damen, die sich dort produzirten, als vielmehr von den eleganten und reizenden Thieren, von denen sie getragen wurden.

So seiner Liebhaberei nachlebend, geschah es, daß er einmal in der Rue de la Paix einem Herrn begegnete, der einen köstlichen Grauschimmel ritt. Diesen sehen und davon hingerissen sein, war die Sache eines Augenblicks. Anatole Didot schwor, das Pferd mit den Augen verschlingend, bei sich selbst, daß er noch nie eines von einer ähnlichen Grazie und Schönheit erblickt, Kopf, Füße, Rücken, Hals, das Alles schien ihm von einer Ebenmäßigkeit, Zartheit und doch auch Stärke zugleich, daß er sich von seiner Bewunderung kaum erholen und auch noch Acht auf den elastischen Gang, die edle Haltung und das kokette Curbettiren dieses Göttergeschöpfes haben konnte. Immer darauf hinstarrend und neben ihm hereilend, über seinen Anblick Alles um sich her und sich selbst vergessend, kam er erst wieder zu sich, als er es vor einem Gesandten-Hotel angehalten und einem Reitknecht übergeben sah, der ihm Maul und Nacken streichelnd, es durch ein großes Portal in einen geräumigen Hof hineinführte.

Vor diesem Hofportal, obschon es ziemlich weit von seiner Wohnung ablag, war er des Tages doch mindestens von da ab ein oder zwei Mal zu sehen, glücklich darüber, wenn es sich traf, daß er während seines Davorverweilens einen, wenn vielleicht auch nur flüchtigen Blick auf jenen Grauschimmel thun konnte. War dieser Grauschimmel doch sein Gedanke bei Tag und Nacht, und zwar so sehr, und ihn so ganz beherrschend, daß er, was er sich gern hingehen ließ, nicht nur im Schlafen auf das Lebhafteste von ihm träumte, sondern auch, was ihm seither noch nicht geschehen und ihn in seiner Gewissenhaftigkeit sehr bekümmerte, auch im Arbeiten sich durch ihn behindert und gestört sah, etwa in der Art wie es einem Verliebten gehen mag, dem sich mitten in die Dringlichkeit seines Geschäfts das Bild und die Erinnerung an die Angebetete einschleicht. Zwischen alle Relationen, alle Häuserkäufe, Geschäftsübertragungen und Erbschaftsabfassungen drängte sich die Vorstellung von dem Grauschimmel so mächtig ein, daß er unwillkürlich, und eh’ er es sich versah, die Feder ruhen und im Geist den Blick an dem vorübertänzelnden Thiere sich weiden ließ. Entstand dann zufällig ein Geräusch, fragte ihn einer seiner Collegen oder sein Herr nach diesem oder jenem, so fuhr er, über sich und seine Träumerei erröthend, so schreckhaft auf, daß man Wunder meinte, was ihm geschehen sei.

Tausend Mal nahm er sich, bemerkend, wie er Selbstbeherrschung und die nöthige Sammlung zur Arbeit einbüßte, selber vor, des Pferdes gar nicht mehr zu gedenken, ihm zu Gefallen keinen Schritt mehr zu thun und ganz nur den Pflichten seines Berufes zu leben. Allein, so fest und energisch dieser Entschluß auch gefaßt war, kaum hatte er das Bureau im Rücken und die offene Straße erreicht, so befand er sich auch schon auf dem Wege zu dem Gesandtschaftshotel, da mit Spannung und Herzklopfen des Augenblicks zu warten, in dem es ihm etwa vergönnt sein möchte, den Gegenstand seiner Abgötterei zu sehen.

Einmal, als es gesattelt und gezäumt von dem Reitknecht vor die Thüre des Hotels geführt ward, um da des Reiters zu harren, der es zu besteigen verlangt hatte, konnte er seiner Begierde es ganz nahe zu besehen und mit den Händen zu betasten, nicht länger widerstehen. Sich mit dem Groom in ein Gespräch einlassend, nach Allem, Namem und Herkommen seines geliebten Grauschimmels fragend, klatschte er ihm sanft und leise auf Schenkel, Bug und Stirn, sich dabei wie von einem Schauer stiller Glückseligkeit überrieselt fühlend. Ein Jüngling, vom Hauch oder dem Lockenhaar seiner Auserkornen berührt, kann keine glücklicheren und berauschenderen Empfindungen haben, als Anatole Didot sie im Streicheln der Alabasterhaut seines Liebings hatte. Sein Herz schlug fieberhaft, sein Auge glühte. Er mußte alle Gewalt über sich zusammen nehmen, um der Lust, das Thier zu umarmen und zu besteigen, Widerstand zu leisten.

Um diese Zeit geschah es, daß Anatole Didot, genöthigt seine bisherige Wohnung aufzugeben, sich nach einer neuen umsehen mußte. Getrieben von seiner Lust, den Grauschimmel so viel und so oft als möglich vor Augen zu haben, suchte er nun besonders in dem Quartier, in welchem das mehr erwähnte Gesandtschafts-Hotel belegen war, und zu seinem Glück fand er hier denn auch wirklich ein paar freundliche Hinterzimmer, deren Aussicht auf den Hof desselben hinausging.

Nachdem er dieselben bezogen, brachte er nun fast alle seine Freistunden an seinen Fenstern zu, von wo aus er den Stall des Gesandten beobachten und nicht selten den Grauschimmel gewahren konnte.

Dieser Grauschimmel, ein englisches Vollblutspferd, seiner Schnellfüßigkeit wegen „der Blitz“ genannt, hatte zu jener Zeit ein fast europäisches Renommee, denn in London, Paris, Berlin und anderen Orten zu den damals mit Leidenschaft betriebener Rennen gestellt, war er überall der unbestrittenste Sieger geblieben. Sein Besitzer, der ihn mit schwerem Golde aufgewogen, aber durch das Gewinnen mehrfach angestellter Wetten den enormen Kaufpreis schon zehnfach wieder eingenommen, hatte in der Zeit, in welcher unsere Geschichte spielt, den Blitz natürlich auch wieder zu dem Rennen in Paris selbst auf die Liste setzen lassen.

Leider wurde zu seinem Verdrusse, kurz vor dem für das Rennen festgesetzten Termine, der Engländer krank, welcher über den Kanal verschrieben worden war, das Thier zu reiten. Wenn aber schon dies dem Gesandten ärgerlich war, so nahm sein Unmuth noch um ein Bedeutendes zu, als er eines Morgens nach dem Stalle kommend, Blitz in einem befremdend abgeschwitzten und ermatteten Zustande fand, in einem Zustande, den er sich nicht zu erklären vermochte, und in welchem, wie der französische Stallknecht angab, das Thier schon seit einiger Zeit allmorgendlich gefunden worden war, ohne daß man der Ursache desselben auf den Grund zu kommen sich in den Stand gesetzt gesehen habe.

Der Gesandte, über dies räthselhafte Ereigniß außer sich gerathend und seiner Stallbedienung die heftigsten Vorwürfe über Nachlässigkeit, Achtlosigkeit und Versäumniß machend, befahl nun, die ganze nächste Nacht bei dem Thiere zu wachen, um zu sehen, was mit demselben geschehe.

Die Wahrnehmung irgend einer, dem Thier schädlichen Unbequemlichkeit erwartend, war er im höchsten Grade erstaunt, als ihm in der Frühe des nächsten Tages die Meldung ward, es sei ein Mann im Hemde des Nachts leise und still in den Stall gekommen, habe das Thier gesattelt und gezäumt, sich dann darauf geschwungen, und habe es alsdann beinahe eine Stunde lang in dem hinteren, ungepflasterten Theile des Hofes abgeritten, dann es wieder in den Stall gebracht, abgesattelt und abgezäunt und in die Ständer gebracht.

„Du hast wohl geträumt,“ rief der Gesandte, sich die Augen reibend, dem die Meldung machenden Stallknecht zu. „Das ist ja ein Mährchen wie aus Tausend und einer Nacht.“

[139] „Excellenz, können sich ja mit eigenen Augen von dem Gesagten überzeugen,“ entgegnete der auf diese Weise Angefahrene, indem er die Sache plausibler machend hinzufügte: „der Mann im Hemde ist genau bekannt im Stalle und das beweist zur Genüge, daß er sein Kunststück nicht nur dies eine Mal, sondern sehr oft gethan. Aller Wahrscheinlichkeit nach wiederholt er es denn auch.“

Dies einleuchtend findend und sich darauf verlassend, verbrachte der Gesandte einen unruhigen, in peinlicher Spannung hingehaltenen Tag, dessen Ende er kaum erwarten konnte. Schon mit dem Dunkelwerden begab er sich nach dem Stall, wo er sich mit dem Stallwärter, so gut es ging, nun so versteckte, daß er alles, was mit dem Rennpferde etwa vorgehen mochte, genau zu übersehen im Stande war.

Nachdem er so bis nach Mitternacht gewartet, sah er wirklich im Mondenschein einen Mann im Hemde leise zur Thür herein und auf den Grauschimmel zugehen. Das Thier streichelnd und hätschelnd, legte er ihm Zaumzeug und Sattel auf, schwang sich dann hinauf und ritt auf den Hof hinaus, wo er es die kunstvollsten Evolutionen machen ließ. Nach einer Stunde etwa kam er zurück, zäumte das Pferd ab, legte alles Geschirr an die ihm gehörige Stelle, liebkoste und küßte den Schimmel und ging geräuschlos davon.

Von dem seltsamen und wunderbaren Vorgange gefesselt, sah der Gesandte sich der Sprache beraubt und fast athemlos an seine Stelle gebannt, bis er, um das Weggehen des gespensterhaften Reiters zu verfolgen, ihm leise bis zur Stallthüre nachschlich, von wo aus der denn sah, daß dieser über eine Gartenmauer steigend, im Nachbarhause verschwand.

Sobald es Tag geworden, ließ er nun in diesem dem sonderbaren Reiter nachforschen, ohne indeß etwas Wesentliches zu erfahren. Alles, was sich ihm ergab, war die Vermuthung, daß ein einzelner junger Mann, Anatole Didot mit Namen darin wohnend, und der, eines tadellosen Rufes genießend, allenfalls der seltsame Nachtwandler sein könne.

Da der Zeitpunkt, an welchem das Rennen stattfinden sollte, nahe und der aus England verschrieben Jokey, welcher Blitz gut und sicher zu führen verstand, noch immer krank war, so verfiel der Eigenthümer desselben im Laufe des Tages auf einen, wie es ihm schien, sehr guten und klugen Einfall. Wie wäre es, dachte er bei sich selbst, wenn jener Reiter im Hemde, wenn auch freilich nicht in diesem mir jetzt noch nicht üblichen Braminenkostüm, doch in einem andern unverfänglicheren Anzuge das Pferd bei dem Rennen ritte! Daß er sich auf dessen Leitung und Behandlung versteht, beweist der Auftritt der Nacht. „Und wer weiß,“ fuhr er auf, „ob nicht etwa diese nächtliche Cavalcade in heimlicher Verabredung mit dem kranken Jokey vorgenommen wird, dem es ja ohnehin schwer ankommen dürfte, Blitz nicht bei dem diesjährigen Wettlauf als Sieger aufgeführt zu finden. Jedenfalls,“ schloß er sein Selbstgespräch, „will ich hören, wie es um die Sache steht und mich überzeugen, ob dieser Herr Anatole Didot der ist, den ich da so unerwartet und seltsam auf meinem Wettrenner seine Reitübung habe machen sehen!“

Gesagt, gethan. sich in die Nebenstraße und in das Nachbarhaus verfügend, stieg er, nachdem er beim Portier erfahren, daß der Gesuchte zu Haus sei, die Treppen zu Anatole Didot hinauf, in dem er beim Eintreten denn auch sofort seinen Mann erkannte.

„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ sagte er zu diesem, „wenn ich Sie störe. Ich komme Sie zu fragen, ob Sie geneigt sind, bei dem diesjährigen Wettrennen meine Blitz zu reiten. Der Gewinn besteht, außer dem Triumphe des Sieges, in zwanzigtausend Francs, von denen Sie, im Fall uns jener zu Theil wird, die baare Hälfte erhalten sollen.“

„Sie erweisen mir eine große Ehre, Herr Graf,“ entgegnete hierauf der so Angeredete, indem er erröthete und dann mit seltsam verlegenem Stocken fortfuhr: „aber ich bin leider außer Stande, Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich hege eine große Leidenschaft für schöne Pferde und habe Ihren Blitz schon oft bewundert; ja, ich bin, um es ehrlich zu gestehen, zum größesten Theil nur darum hier in diese Wohnung gezogen, um ihn mehr und öfter sehen zu können. Allein weder mein Stand noch meine Verhältnisse haben mir je erlaubt, die Kunst des Reitens zu erlernen und so ist es gekommen, daß ich noch nie ein Pferd bestiegen.“

„Sie haben noch nie ein Pferd bestiegen und können nicht reiten!“ lachte der Gesandte, sich des nächtlichen Rittes und der dabei bewiesenen Geschicklichkeit erinnernd.

„In Wahrheit, Herr Graf,“ betheuerte Anatole Didot auf’s Neue und heftiger als vorher erröthend, „in Wahrheit, Herr Graf, ich habe noch nie ein Pferd bestiegen und verstehe mich ganz und gar nicht auf die Kunst des Reitens.“

„Darauf will ich es ankommen lassen,“ entgegnete hierauf der Gesandte. „Ich habe Vertrauen zu Ihnen und wenn Sie mir nur versprechen mögen, das Thier beim Rennen zu reiten, so bin ich überzeugt, daß wir den Sieg davon tragen werden.“

„Ich habe wohl Lust einmal einen Versuch zu wagen,“ sagte Anatole Didot mit Zögern. „Wenn Sie mir erlauben, das Pferd einmal zur Probe zu besteigen . . .“

„Zur Probe, zur Probe!“ lachte der Graf. „Warum ncht gar. Ich bin des Gelingens gewiß. Uebermorgen ist der Renntag. Nehmen Sie die beiden Nächte noch wahr, und Alles wird gehen!“

So sprechend empfahl er sich, den verdutzten Anatole Didot sich selbst und seinen Zweifeln überlassend. „Nehmen Sie die beiden Nächte noch wahr, und Alles wird gehen!“ Diese geheimnißvoll klingenden Worte bei sich selbst wiederholend, grübelte er vergebens darüber nach, was sie zu bedeuten haben könnten. Halb außer sich vor Vergnügen, daß er das Glück haben solle, den Blitz zu besteigen, und halb in Todesangst, sich vor der ganzen Welt durch ein Herabfallen von demselben zu blamiren, brachte er die beiden Tage zu.

Der Gesandte dagegen, fest überzeugt, daß die Sache eine mit dem englischen Jokey verabredete und vor der Zeit von ihm errathene oder vielmehr entdeckte sei, gab sich schon ganz der Siegesgewißheit anheim und um so mehr, als er hörte, daß sein Nachbar seinem Rathe folgte, und nach wie vor seine nächtliche Reitübung ausführte.

So war denn endlich der Tag des Rennens gekommen. Tausende von Zuschauern hatten sich dazu eingefunden. Der Eigenthümer des Blitzes meldete, daß sein Jokey erkrankt, und sein Pferd also ein Jokeypreisrennen nicht mitmachen könne, zahlte das festgesetzte Renngeld und rangirte sein Thier in ein Herrenreiten, wozu er, wie er sagte, den geeigneten Mann gefunden.

Dieser geeignete Mann war natürlich Niemand anders, als Anatole Didot, der zitternd und zagend in der Menge stand, und sich angelegentlich um den Grauschimmel zu thun machte. Bald streichelte er ihm die Mähne, bald strich er ihm die Flanken, bald besah er das Riemzeug. Es war ihm Alles, wie wenn er es schon gesehen und gebraucht, nur wußte er nicht, wie er damit umgehen sollte. Den Groom schämte er sich zu fragen und der Graf, dem er seine Angst sowohl wie seine Unkenntniß über den Gebrauch und die Anwendung aller dieser Dinge mittheilte, lachte ihn aus, klopfte ihn auf die Schulter und rief ihm zu:

„Sie spielen Ihre Rolle zum Verwundern, Herr! Sie müßten, wenn Sie kein so ausgezeichneter Reiter wären, ein Schauspieler werden.“

Anatole Didot wußte nicht, was er von sich, noch weniger aber, was er von den Aeußerungen des Gesandten halten sollte. Er stand wie im Traum, betrachtete um sich das bunte Renngetreibe, die Wagen, Reiter, das Her- und Hingelaufe der Jokey’s, die ab- und zugeführten Pferde, die mit den elegantesten Damen und Herren besetzten Tribünen und fragte sich dann erschrocken und erstaunt, wie und zu welchem Zweck er selbst habe dazwischen gerathen können. Noch mitten in diesem dumpfen Gegrüble hörte er plötzlich den Ruf: „Herr Anatole Dido mit dem Blitz!“ Und im Nu sah er sich das schöne, herrliche Thier vorgeführt und den Stallknecht mit dem Rufe: „Nun zeigen Sie Ihre Kunst!“ sich zur Seite. Ueberrascht, verblendet, wie sich selbst entrückt, klammert er sich an den Bug des Pferdes fest, zieht sich daran in die Höhe und klettert mehr als er sich schwingt, in den Sattel hinein.

Der Graf, der während dessen seinen Freunden das Abenteuer mit seinem Reiter erzählt, steht mit allen diesen um ihn herum und ruft ihm Muth zu. Er achtet nicht auf die Ungeschicklichkeit, mit der er sich aufgeschwungen, ja, er sieht in dem unrichtigen und verkehrten Besteigen des Rosses nur eine neue, feine Finte Didot’s und ruft mit Lachen: „Nur zu, nur zu! Wir werden bald Anderes sehen!“

[140] Aber, o wehe, kaum daß Anatole Didot im Sattel ist und der Blitz einige seiner leichten, weitausgreifenden Schritte gemacht hatte, so sieht man den Reiter schwanken, die Bügel verlieren oder gar nicht finden, und endlich zum Gelächter aller Welt kopfüber zur Erde fallen.

Verwundert, erstaunt eilen der Gesandte und seine Freunde herbei, den Gefallenen aufzuheben, der an Kopf und Brust schwer verwundet auf das Erbärmlichste stöhnt und jammernd nach Hause verlangt.

Dort hingebracht, verbunden, verpflastert und gepflegt, hört er mit Erstaunen von dem Gesandten die wunderbare Geschichte seines nächtlichen Rittes erzählen und dadurch den Grund des Zutrauens offenbart, das dieser ihm geschenkt. Er schwört nun einmal über das andere, daß dies eine Täuschung oder eine Verwechslung sein müsse, da er ganz und gar nichts von einer solchen Cavalcade wisse. Der, bei der ganzen Verhandlung anwesende Arzt aber macht, den Kranken zur Ruhe verweisend, ein geheimnißvolles Gesicht und flüstert, den Grafen bei Seite ziehend, demselben einige Worte heimlich in’s Ohr, von denen der Liegende nur noch eines verstehen konnte, das Wort „Somnambulismus“ nämlich. Von einer fliegenden Hitze übermannt, und den peinlichsten Vorstellungen erliegend, verfällt er gleich darauf in ein Fieber, das ihn Wochen lang an das Lager fesselt und mehrmals dem Tode nahe bringt. Endlich genesend und dem Leben wiedergegeben, erinnert er sich seiner letzten Fahrten nur noch wenig oder doch nur so, als wenn sie ein Traum gewesen.

In den Kreisen der Gesellschaft und besonders des reitenden Publikums aber sind sie vielfach der Gegenstand weitgreifender Erörterungen gewesen. Wir selbst haben sie hier ganz einfach so erzählt, wie man sie uns gelegentlich mitgetheilt. Ob das Ganze überhaupt in allen Einzelheiten möglich ist, mögen Aerzte und Naturforscher entscheiden.




Blätter und Blüthen.

Sklaverei in Java und Amerika. Von Grisee im Distrikte Sarabaga auf der Insel Java meldete ein Correspondent in einer englischen Zeitung folgendes Erlebniß: „Voriger Mittwoch (im September vorigen Jahres) war ich Zeuge einer ergreifenden Scene. Auf dem Marktplatze von Grisee erschien eine Sklavenfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und acht Kindern von drei bis vierzehn Jahren, um öffentlich am Meistbietenden verkauft zu werden. Sie gehörten zur Hinterlassenschaft einer holländischen Datem, welche die Familie sehr menschlich behandelt hatte, so daß sie mit Zagen und Zittern dastand, voller Angst, wem sie nun wohl zufallen würden. Während alle zehn Stück Sachen ächt tief menschlich weinten, versammelte sich viel Volks, um zu sehen, wer sie kaufen würde. Der Auctionator schrie sie für 6000 Florins aus. Niemand meldete sich. Der Ausrufer erhob seine Stimme immer höher und ging mit dem Preise immer tiefer herunter. Niemand wollte bieten. Nachdem er noch weiter herunter gegangen war, ohne daß Jemand bot, erhob sich der Sklavenvater, von seinem Rechte, auf öffentlichen Auctionen selbst mit bieten und so möglicher Weise sich selbst kaufen zu können, Gebrauch machend, und bot mit dem tiefsten Jammer fünf Florins. In demselben Augenblicke stürzte er sich mit seiner ganzen Familie auf die Knie und warf die schmerzzitternden Blicke eines Vaters ringsum im Kreise mit stummer Geberde flehend, daß Niemand höher bieten möge. Auf dem ganzen Marktplatze herrschte minutenlang eine entsetzliches Schweigen. Das Schweigen dauerte fort, Aller Blicke und Mienen drückten die größte Spannung aus. Noch keine Stimmer erhob sich, aber der Hammer. Mit furchtbarem Entsetzen stierte der Vater den Hammer an. Jeder schien zu glauben, daß er todt niederstürzen würde, wenn jetzt Einer das Schweigen bräche, ehe der Schlag gefallen. Er file. Dem Schalle folgte ein allgemeiner Schrei der Freude. Die Sklavenfamilie umarmte sich mit zwanzig Armen und unsäglichem Entzücken einmal um’s andere, während der Auctionator erklärte, daß sie sich in aller Form Rechtes selbst gekauft habe und daher ihr eigener Sklave, ihr eigener Herr, frei sei. Der freie Vater zahlte seine fünf Florins und danke mit den effectvollsten Geberden nach allen Seiten. Seine Freude wurde noch vergrößert, da ihm die Umstehenden mit großem Eifer Geld sammelten und es ihm von allen Seiten zuschütteten. Jeder schien eine Freude zu haben, für eine so kostbare Scene auch anständig zu bezahlen. Die Herzen waren getroffen, und wenn das Innerste im Menschen getroffen wird, ist wohl am Ende Jeder edel und gut.“

Welcher Contrast zu Virginien in Amerika, so sich der Sklave auf Auctionen, zwar auch selbst kaufen kann, aber mit Gelächter und Faustschlägen überschüttet wird, wenn er durch bittende Mienen nach seinem Gebotedie andern Kauflustigen „bestechen“ will. Doch geht’s dabei auch manchmal lustig her, da die Sklaven nicht selten selbst witzig sind. So erzählt man folgende Geschichte aus Kentucky: „Zwei Brüder besaßen gemeinschaftlich einen Sklaven, den sie geerbt hatten, einen fleißigen, gebildeten, nützlichen Burschen. Der eine Bruder brauchte nöthig Geld und sah sich genöthigt, alles Mögliche zu verkaufen, so auch seinen Antheil an dem Sklaven. So kam er in dem Auctionslokale auch mit an die Reihe. da er aber nur halb zu haben war, wollte Niemand ordentlich bieten. So bot als Tom (denn wie sollte er sonst heißen?) auf seine (bessere) Hälfte selbst, die ihm denn auch zugeschlagen ward. Mit großer Genugthuung sprang der so halb zu sich selbst Gekommene vom Auctionsblocke herunter und grinste von einem Ohre bis zum andern mit schneeweißen Zähnen.

„Tom, wozu hast Du Dein Geld verschwendet,“ rief ihm Jemand zu, „mit Deiner Hälfte bleibst Du ja doch Sklave wie bisher?“

„Nu laßt’s gut sein,“ antwortete Tom, „ist ein verdammt braver Bursche, der Tom, und so hab’ ich mir ’n Interesse an ihm gekauft. Vielleicht verdient die freie Hälfte noch so viel, um sich die andere auch noch zu kaufen. Und dann soll mal Einer kommen und auf einen ganzen Kerl bieten wollen. Bin ich doch jetzt nicht mal so wohlfeil zu haben, als Mancher, der auf seine Freiheit keinen Cent geborgt kriegen kann.“


Confusion. Man liest in der „Verité“ von Lille vom 17. Febr.:

Die ehelichen Verbindungen bringen zuweilen sonderbare Verhältnisse hervor; so beging man am Mittwoch auf der Mairie zu Lille eine doppelte Hochzeit unter folgenden Umständen:

Zwei Arbeiter des Stadtviertels Saint-Saveur, verbunden durch engere Freundschaft und beide als Wittwer lebend, besaßen jeder eine einzige Tochter , und diese vier Personen sind es, die sich gleichzeitig verheiratheten.

Jeder Vater hatte gewußt, sich bei der Tochter seines Freundes beliebt zu machen, und die beiden Pärchen scheinen sehr glücklich darüber, nur ein und dieselbe Familie auszumachen.

In Folge dieser Verbindung sind die zwei Töchter Schwiegermütter ihrer eigenen Väter geworden. Für die Zukunft kann sich diese Sache noch mehr verwickeln, denn im Falle der Nachkommenschaft würden sie die Großmütter der Kinder ihrer Väter werden, ebenso wie die Letzteren die Väter ihrer Schwiegermütter bleiben werden.


Literatur und Kunst. Trotz aller Kriegsnoth und bundestäglichem Mobilmachen, scheint die Literatur doch nicht feiern zu wollen. Gutzkow hat seine schon früher angekündigte Novelle: Die Diaconissin von Frankfurt erscheinen lassen; von Roßmäßler steht ein illustrirtes naturwissenschaftliches Buch: „Die vier Jahreszeiten“ in Aussicht; von Bock in den nächsten vierzehn Tagen der zweite Theil seines „Gesunden und kranken Menschen,“ und von den in der letzten Nummer besprochenen Werke: „Aus der Natur,“ der 6. Band, der, wie alle übrigen, Einen Thaler kosten wird. Auffallend stark sind neuer Zeit die religiösen und Erbauungsbücher vertreten. Fast jede Woche bringt trotz der großen Masse bereits existirender (und darunter sind anerkannt vortreffliche Schriften), doch verschiedene neue, wovon winige sogar in Novellenform. – Von den in letzter Zeit erschienenen belletristischen Werken haben Kühne’s und Willkomm’s Romane: „Die Freimaurer und die Familie Ammer“ sehr günstige Urtheile von der Kritik erfahren.


Louis Vogel, einer unsrer thätigsten Mitarbeiter, ist vor einigen Tagen in der Blüthe seines Lebens, kaum 36 Jahre alt, gestorben. Seine vielen Freunde in Sachsen, Schwaben und der Schweiz wird diese Kunde schmerzlich berühren. Er war am Literaturhimmel kein leuchtendes Gestirn, das man anstaunt, aber er hatte viel gelernt, war ein praktischer Kopf und vor Allem, er war ein treu Gemüth, ein ehrlicher Mensch und ein Charakter, der sich treu blieb, auch wenn Eisengitter ihm das liebe Sonnenlicht verschlossen. Das stille Haus, in das man ihn vor wenigen Tagen nun gebettet, wird ihm endlich die Ruhe geben, die im Leben ihm wenig vergönnt war.
E. K. 



Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig erscheint seit Anfang dieses Jahres:

Illustrirte landwirthschaftliche Dorfzeitung.
Herausgegeben unter Mitwirkung einer Gesellschaft praktischer Land-, Haus- und Forstwirthe
von Dr. William Löbe.
Wöchentlich ein ganzer Bogen mit vielen Illustrationen.
Preis vierteljährlich 1/3 Thaler.

Die Landwirthschaftliche Dorfzeitung erscheint jede Woche in einem ganzen Bogen größtes Octav auf feinstem Belinpapier mit vielen Abbildungen. Sie enthält größtentheils Originalmittheilungen über alle Zweige der Land- und Hauswirthschaft, der landwirthschaftlichen Gewerbe und Naturwissenschaften, Aufsätze belehrenden, unterhaltenden Inhalts; Recensionen neu erschienenr landwirthschaftlicher Schriften, eine sorgfältige Auswahl land- und hauswirthschaftlicher Neuigkeiten, ein sehr mannigfaltiges und interessantes Feuilleton und die Produktenpreise. Die Landwirthschaftliche Dorfzeitung ist bei ihrer großen Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit, bei ihrer glänzenden äußern Ausstattung und ihren zahlreichen Abbildungen die wohlfeilste landwirthschaftliche Zeitschrift, die sich selbst der weniger bemittelte Landwirth halten kann. Auch für Frauen bietet die Landwirthschaftliche Dorfzeitung großes Interesse.


  1. Artikel 2 und folgende werden enthalten: Die Frau im Hause, in der Gesellschaft und im praktischen Lebensverkehr. – Die Frauen in der Literatur und Kunst. – Die Frauen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Religion. – Der Erziehungsberuf der Frauen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: am