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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[113]

No. 9. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Das Waldblümchen.
(Schluß.)


„Vater,“ sagte Marie mit einer Stimme, die ein tiefes Leid niederdrückte, „Vater, Ihre Tochter ist Ihnen nie mit einer Unwahrheit entgegengetreten; am Wenigsten möchte sie dies aber in diesem Augenblicke thun. So hören Sie. Ich war Ihnen stets ein folgsames Kind, dieses Zeugniß können Sie mir nicht versagen – ich habe Sie stets geliebt und geehrt und auch diese Anerkennung muß mir Ihr Herz zu Theil werden lassen. Der alte Wilm –“

„Ha, der Kuppler!“

„Wilm verdient einen solchen Namen nicht, mein Vater. Er machte mein junges Herz zuerst mit Gott bekannt und erzog mich im Gehorsam zu Ihnen. Wohlan, hierin will ich beharren, auf daß mir’s wohl gehe auf Erden, wie das durch den Mund Moses von Gott gegebene Gebot sich ausdrückt. Aber hiermit, mein Vater, habe ich auch alle Pflichten einer folgsamen Tochter erfüllt, einer Tochter – ach, daß ich diese Anklage erheben muß! – deren Glück Ihnen weniger gilt, als die Befriedigung eines von der Leidenschaft genährten Hasses.“

„Still, Mädchen! Wer giebt Dir das Recht, mit Deinem Vater auf diese Weise zu sprechen?“

„Die Stimme der Wahrheit, welche so ungern von den Menschen gehört wird. Doch gestatten Sie mir noch ein weiteres Wort. Heute zum ersten Mal tritt es mit klarem Bewußtsein vor meine Seele, daß Gott dem Menschen einzelne Rechte verliehen hat, die sein ausschließliches heiliges Eigenthum sind. Lassen Sie mich frei empfinden und fühlen, dem Gehorsam gegen Sie wird dadurch kein Abbruch geschehen. Mein Herz hat gewählt, es gehört dem Manne, in dessen Armen Sie mich jetzt sehen, und wenn Ihr Haß ihn hinwegstößt von der Schwelle dieses Hauses, so soll meine Liebe ihn in unveränderlicher Treue begleiten.“

Ein lautes Schluchzen unterbrach hier die Worte des lieblichen Mädchens und erschöpft sank sie auf einen Stuhl.

Wildenhaupt wandte sich nochmals zum Förster.

„Seien Sie mild und versöhnend, wo es sich um das Wohl Ihrer einzigen Tochter handelt; begründen Sie das Glück zweier Menschen, deren Herzen Sie ja doch nicht mehr zu trennen vermögen.“ –

Aber finster winkte der Greis mit der Hand.

„Hinaus aus meinem Hause, dessen Frieden Sie gestört haben,“ sagte er, „Wie, sollte der Wille eines Vaters von der thörichten Laune eines Kindes abhängen, das auch schon von dem Gifte getrunken zu haben scheint, welches gegenwärtig die Herzen und Köpfe unserer Jugend durchdringt und sie in maßloser Ueberhebung jedes Gesetz, jede fromme Sitte verachten lässt? – Noch einmal: hinweg aus meinem Hause, damit eine ungehorsame Tochter wieder Zeit gewinnt, zu ihrer Pflicht zurückzukehren!“

Der Alte hatte sich erhoben und von Neuem eine so drohende Stellung angenommen, daß Wildenhaupt die Unmöglichkeit einsah, eine Verständigung herbeizuführen. Er hoffte, daß die Zeit ihm später günstiger sein würde und beschloß, einen Auftritt zu beenden, der bereits für ihn so vieles Demüthigende gehabt hatte.

Indem er Marien noch einen Blick der Aufmunterung zuwarf, verließ er daher die Wohnung des Försters, welcher im starren Hinbrüten von seinem Weggange kaum Notiz zu nehmen schien. – –

Es war einige Tage nach dem hier geschilderten Auftritt, als an einem finstern, stürmischen Abend ein Mann an den Eingang einer zerfallenen Lehmhütte pochte, welche versteckt in einer abgelegenen Schlucht jener wilden Berggegend lag, die den Schauplatz unserer Erzählung bildet.

„Hm, wer klopft da?“ fragte eine rauhe Stimme aus dem Innern, „Glaubt Ihr, daß ich Lust habe, mich von dem Ersten Besten aus meiner Ruhe stören zu lassen?“

„Ich bin es, Peter,“ sagte der Mann draußen im vertraulichen Ton, „mache auf, denn der Wind bläst mir um die Ohren, und es ist wahrlich kein Vergnügen, in einer solchen Nacht mitten auf der Haide dem Wetter zu trotzen.“

„Oho, seid Ihr es, Herr Julius,“ entgegnete etwas freundlicher der Hüttenbewohner, indem er sich erhob und den Riegel von dem Eingange der Barracke zurückzog, „habt Ihr den schwarzen Peter wieder einmal nothwendig, daß Ihr denselben noch in so später Stunde heimsucht?“

„Still, keinen Namen,“ sagte der Eintretende, „selbst die Nacht hat Ohren und man kann nie wissen, ob irgend wo ein Verräther lauscht.“

„Ein Verräther?. – Ha, ha! Wißt Ihr denn nicht, daß die Leute nach Sonnenuntergang gern einen Umweg von einer halben Stunde machen, wenn sie dadurch meine Wohnung vermeiden können?“ –

„Ich weiß es, Peter – Du hast mehr Feinde als Freunde,“ antwortete Julius, die athletische, verwilderte Gestalt des Hüttenbewohners nicht ohne heimliche Scheu betrachtend, „aber was kümmert mich das, ich kenne Dich als einen tüchtigen Kerl, der sein Wort hält und zu gebrauchen ist.“

„Meint Ihr?“ sagte sein Gesellschafter, sich nicht ohne einen Anstrich von Zufriedenheit den dichten schwarzen Bart streichend, [114] welcher den größten Theil seines Gesichts bedeckte. „Aber auch Euch, Herr Julius, muß ich es zum Lobe nachsagen, daß Ihr einen guten Dienst auch gut zu bezahlen versteht.“

„Für meine Freunde habe ich immer eine offene Hand.“

„Ha, ha! Erinnert Ihr Euch noch an die vorjährige Geschichte mit der blauäugigen Betty? Es war eine schmucke Dirne, hol mich der Teufel, und noch so unschuldig wie ein Lamm. Nun was half ihr dies? Ihr hattet nun einmal ein Auge auf sie gerichtet und dem schwarzen Peter sind ein Paar blinkende Goldstücke mehr als solcher Plunder werth.“

„Höre,“ sagte Julius, sich in Ermangelung eines Stuhles auf einen Baumstamm neben dem Bewohner der Hütte niederlassend und ihm vertraulich in das wildfunkelnde Auge blickend, „Deine Hand ist zwar breit, Peter, aber dennoch will ich Dir dieselbe mit Gold füllen, wenn Du den Muth hast, einen Auftrag auszuführen.“

„Muth, Herr?“ fragte der Kerl, indem sein Auge wie das eines Tigers funkelte und seine Fäuste sich krampfhaft zusammenballten. „Nennt mir Einen, der Lust hat, sich mit dem schwarzen Peter zu messen.“

„Höre, hast Du mit dem Förster dort im Walde nicht noch eine alte Geschichte abzumachen?.“

„Gott verdamme mich, glaubt Ihr, daß es ihm geschenkt ist? Zwei Mal hat er mich setzen lassen und warum: Weil ich so gut wie er einen Rehbock zu treffen wußte.“

„Eine passende Gelegenheit, Peter, um Dir Genugthuung zu verschaffen. Das Gesetz ruht. – “

„Hm!“ sagte der Hüttenbewohner, indem er beistimmend mit dem Kopfe nickte.

„Nun, sind wir einig?“

„Ich denke, Herr! Wie viele Goldstücke wollt Ihr anwenden?“

„Zwanzig. Bist Du damit zufrieden?“

„Und was verlangt Ihr dafür?“

„Des Försters Tochter. Führst Du mir dieselbe zu, so erhältst Du noch zehn Goldstücke.“

„Also durch Gewalt?“

„Narr! in Güte höffst Du doch nicht zum Zwecke zu gelangen.“

„Laßt mich machen. Ein Anker Branntwein thut viel und ich soll wohl ein halbes Dutzend Burschen finden, die mit dem Förster auch noch ihre Rechnung abzuschließen haben. – Wann muß das Mädchen in Eurer Gewalt sein?“

„Ich gebe Dir drei Tage Zeit.“

„Verlaßt Euch darauf. – Ich werde pünktlich sein.“

„Hier, Peter, hast Du die Hälfte des Geldes auf Abschlag. Der Förster ist für Dich, das Mädchen für mich, vergiß diese nicht.“

„Seid unbesorgt. In solchen Sachen habe ich ein verdammt strenges Gewissen.“

„Gute Nacht, Peter!“

„Gute Nacht, Herr!“

Mit diesen Worten schlüpfte Julius aus der Hütte und verlor sich bald auf der großen Haidefläche, über welcher in diesem Augenblick eine undurchdringliche Finsterniß lagerte.

Der schwarze Peter aber – einer der berüchtigsten Wilddiebe jener Gegend, schob den hölzernen Riegel wieder vor seine Thür und sich der Länge nach vor dem Feuer hinstreckend, welches er im Innern der Barracke angezündet hatte, schien er über den Plan nachzudenken, welchen er bei dem gegen den Förster und dessen Tochter gerichteten Anschlage zum Grunde legen wollte.



V.

Zwei Tage waren abermals verflossen. Im Walde schien der Mond und die Sterne schimmerten hell, aber in der Wohnung des alten Gruner sah es trüb und düster aus. Der Greis saß in einem Lehnstuhl und blickte finster vor sich hin. Marie war mit einer Handarbeit beschäftigt, doch verrieth die Blässe ihres Gesichts, der trübe, melancholische Blick, die zusammengesunkene Gestalt deutlich den tiefen Seelenschmerz, der sie niederbeugte. In einer Ecke des Zimmers saß der Invalide und war mit der Ausbesserung eines Netzes beschäftigt, aber auch er blieb stumm und sein fast bis auf die Brust herabgesenktes Haupt hob sich nur bisweilen, um sich mit einer Theilnahme und einer Besorgniß dem jungen Mädchen zuzuwenden, welche unverhohlen zeigten, wie sehr das Herz des alten Mannes an derjenigen hing, die in der Einsamkeit des Waldes an seiner Seite groß geworden war.

Endlich brach der Förster das Schweigen und sagte mit einer Stimme, die leiser und weicher wie gewöhnlich klang:

„Marie!“

„Was wünschest Du, mein Vater?“ fragte die Tochter mit einer Stimme, deren sanfter, melancholischer Ton fast erschütternd klang.

„Marie, es ist nicht Alles so zwischen uns wie es sein sollte.“

Ein Blick, in welchem die Seele eines Engels selbst im bittersten Schmerze noch ihre Demuth bewahrt, traf den Vater. Die Tochter stand auf, sie näherte sich geräuschlos dem Greise, kniete vor ihm nieder, ergriff seine Hand und drückte dieselbe mit Innigkeit an ihre Lippen.

„Verzeihung,“ sagte sie, indem zwei heiße Thränen über ihre Wangen rollten – „Vergebung, wenn durch meine Schuld dieses theure Leben auch nur für einen Augenblick getrübt wird.“

Ein tiefer Seufzer aus der Ecke, wo der Invalide saß, folgte unmittelbar diesen Worten.

„Vergiß ihn,“ sagte der Alte, indem er sanft seine Hand auf das Haupt seines Kindes legte – „vergiß ihn und unser Glück wird wieder hergestellt sein.“

„Ich kann nicht,“ sagte das Mädchen, nach ihrem Herzen fassend und leichenblaß auf ihren Platz zurückkehrend.

In diesem Augenblick donnerten gegen den Thorweg mehrere heftige Schläge.

„Was ist das?“ rief der Förster aufspringend und das Fenster öffnend.

„Es muß etwas Außerordentliches sein,“ sagte der alte Soldat aufhorchend. „Hört! – Die Schläge verdoppeln sich.“

„Wer klopft noch zu so später Stunde?““ fragte der alte Gruner in die Nacht hinaus.

„Um Gottes Willen öffnet! Jede Minute ist kostbar!“ tönte es von draußen her.

Der Förster fuhr erbleichend zurück. „Es ist seine Stimme,“ sagte er finster. „Der Wahnsinnige! Will er, daß ich eine Gewaltthat begehe?“

„Oeffnet!“ rief die Stimme noch hastiger „öffnet, denn die Gefahr folgt mir auf dem Fuße!“

Ein durchdringender Schrei ward gehört und einer Ohnmacht nahe, sagte Marie mit halbgebrochenen Augen, beide Hände bittend faltend: „Barmherzigkeit, Vater! Barmherzigkeit mit Ihrer Tochter!“

„Schiebe den Riegel zurück,“ befahl der Forstmann dem Invaliden, „doch wehe ihm, wenn es nur eine List ist, um sich hier abermals einzuschleichen.“

Der alte Soldat ging und einige Minuten darauf stand Herr von Wildenhaupt in der Mitte des Zimmers.

Marie stieß einen Schrei des Entzückens aus und streckte ihre Arme dem Geliebten entgegen. Dieser drückte ihre Hände an sich und führte sie zu ihrem Sitze zurück. Dann wendete er sich zu dem Vater, der stumm und finster in der Mitte des Zimmers stand und sagte hastig:

„Fort, fort von hier! Ihr Leben steht in Gefahr!“

Der Alte sah ihn mit großen Augen an, während Marie weinend an seine Brust sank und ihre Arme um seinen Nacken schlug.

„Mein Leben in Gefahr?“ fragte der Greis, ungläubig mit dem Kopfe schüttelnd. „Die List ist zu plump, als daß sie bei mir Glauben finden könnte. Wer wollte sich wohl an einem alten Manne vergreifen, der hier bereits seit vierzig Jahren in Frieden gelebt hat.“

„Und doch ist es so, so wahr mir Gott helfe!“

„Mein Vater, o mein Vater!“ jammerte Marie.

„Still, Mädchen! Wenn seine Worte Wahrheit sind, so ist es Zeit, daß wir wie Männer handeln. Sprechen Sie, junger Mann, welche Gefahr droht uns?“

„Ein verruchter Plan scheint gegen Sie geschmiedet. Der Zufall ließ mich einen Theil desselben erfahren. Von einem Mann, dem[WS 1] ich von Zeit zu Zeit kleine Wohlthaten erzeigte, wurden mir Andeutungen gemacht, welche mich ein höllische Bubenstück ahnen lassen. Kennen Sie Julius?“

„Gewiß. Es ist der reichste Mann in der Gegend.“

„Aber dem Anschein nach auch der größte Schurke.“

„Wenigstens ein Wollüstling der verdorbensten Art, der vor keiner That zurückbebt, wenn es der Befriedigung seiner wilden Leidenschaften gilt. – Was ist Dir, Marie?“

[115] „Nichts, mein Vater, aber glauben Sie mir, dieser Mensch hat das Herz eines Teufels,“ sagte das Mädchen, sich vor Frost schüttelnd.

„Und er sollte uns bedrohen?“ fragte der Förster nachdenkend.

„Ich fürchte es,“ entgegnete Wildenhaupt, „obgleich er gewiß nicht selbst auf dem Schauplatze erscheinen wird, Sie kennen ja doch den schwarzen Peter?“

„Ich werde doch den berüchtigsten Wilddieb in der ganzen Gegend kennen. Dem Kerl gilt ein Menschenleben nicht mehr wie das eines Rehbocks.“

„Wohlan, so dürfen Sie sich über die Gefahr nicht mehr täuschen; urtheilen Sie nun selbst, ob ich dieselbe übertrieben habe. Er und seine Bande werden heute Abend erscheinen – es gilt den Raub des kostbarsten Kleinods, welches Sie besitzen, und um denselben zu bewerkstelligen, werden die Schurken selbst vor einem Morde nicht zurückbeben.“

„Sie sollen mich vorbereitet finden! – Entfernen Sie sich jetzt, junger Mann, es dürfte hier etwas heiß zugehen.“

„An Ihrer Seite ist mein Platz.“

„Wie, Sie wollen bleiben?“

„Ich erbitte mir dies als eine besondere Gunst.“

Der alte Mann heftete eine Secunde seinen Blick auf den Jüngling. Zum ersten Mal brachen sich die finsteren Strahlen seines Auges und mit einem Ausdruck der Zufriedenheit schaute er auf die schöne jugendliche Gestalt.

„Wohlan,“ sagte er, „in der Gefahr lernen sich die Menschen kennen! Wollen Sie unser Loos theilen, so nehme ich Ihre Hülfe an. Lassen Sie uns als muthige Männer dem Kommenden in’s Auge blicken, unser sind Drei – bis Hülfe erscheint, können wir uns hier schon gegen eine vierfache Ueberzahl halten.“

„Ich hatte noch so viel Zeit,“ sagte Wildenhaupt, „dem Gemeindeschreiber Eduard einige flüchtige, mit Bleistift geschriebene Zeilen zu schicken – ich hoffe, er wird sie erhalten haben und nicht säumen mit der Bürgerwehr zu unserer Hülfe herbeizueilen.“

„Das ist eine schwache Hoffnung,“ sagte der Förster. „Ja, gälte es, sich bei einem Schmause einzufinden, dann wollte ich an der Bereitwilligkeit dieses Herrn Eduard nicht zweifeln, aber wo es darauf ankommt, einer Gefahr muthig ins Auge zu blicken, da hat er so seine eigenen Bedenken, die sich oft bis zur Unüberwindlichkeit steigern.“

„So wollen mir uns auf unsere eigenen Kräfte verlassen,“ sagte der junge Mann entschlossen. „Doch die Gefahr ist nahe und es wird die höchste Zeit, unsere Maßregeln zu treffen.“

„Sie haben Recht, Herr von Wildenhaupt. Wilm, hast Du die Hausthür verrammelt und die doppelten Riegel vorgeschoben?“

Der alte Soldat nickte mit dem Kopfe, und indem seine verwitterten Züge ein eigenthümliches Lächeln überflog, murmelte er halblaut vor sich hin:

„Laßt sie nur kommen, sie sollen an dem alten Wilm ihren Mann finden! – So ein Blockhaus läßt sich lange halten, wenn es mit Muth und Umsicht vertheidigt wird.“

„Marie,“ sagte der Förster, „ziehe Dich in’s Hinterhaus in den obern Stock zurück; dort bist Du vor jedem Unfall geschützt, der Dich treffen könnte.“

„Mein Vater,“ bat das Mädchen, sich liebevoll an den Greis schmiegend, „lassen Sie mich Ihr Schicksal an Ihrer Seite theilen.“

„Geh’, mein Kind, Du würdest uns hier mehr hinderlich als nützlich sein. Geh’! Gott segne und beschütze Dich!“

Ich will auf meinen Knien im heißen Gebet für uns seine Hülfe anflehen,“ sagte Marie, das Zimmer weinend verlassend.

„Hier sind Waffen,“ fuhr der Förster, nach der Wand zeigend, fort, wo eine Reihe stattlicher Büchsen hing; es wird gut sein, wenn wir die Lichter auslöschen und so den Angriff erwarten.“

„Still!“ rief Wilm aufhorchend, „ich höre ein Gemurmel von Stimmen.“

„Er hat Recht,“ sagte Wildenhaupt, indem sein Blick sich aufmerksam im Dunkel des Waldes verlor, „dort hinter den Bäumen bewegt sich der Schatten von drei bis vier Menschen.“

„Die Lichter aus und an unsere Posten!“ gebot der Förster mit leiser aber mit fester Stimme.

Der Anordnung folgte sofort die Ausführung. Einen Augenblick darauf standen die drei Männer in athemloser Stille, die Büchsen in der Hand, kampffertig hinter den Brüstungen der Fenster. Ein Augenblick der spannendsten Erwartung ging vorüber. Plötzlich ertönte ein wildes Geheul und ein Dutzend dunkle Gestalten stürzte sich gegen die Einfassung des Gebäudes.

„Sie versuchen das Thor zu sprengen,“ sagte Wildenhaupt leise.

„Die Schurken!“ murmelte Wilm. „Ich erkenne mehrere derselben, die Bande besteht aus dem schlechtesten und verrufensten Gesindel der ganzen Gegend.“

„Still!“ rief Marien’s Vater, „ich höre die Stimme des schwarzen Peter.“

In der That wurde es draußen laut. Einzelne wilde Flüche, die aus Kehlen drangen, die offenbar von dem Genuß des Branntweins halb heiser waren, vermischten sich zu einem Geheul, das mehr den Tönen wilder Thiere wie denen von Menschen glich. Dann folgte ein zweiter noch heftigerer Angriff gegen den Eingang.

„Der alte Fuchs hat sich in seinem Bau verrammelt,“ sagte der Kerl, den wir bereits mehrere Mal unter dem Namen „der schwarze Peter“ kennen gelernt haben, „aber Gott verdamme mich, das soll uns nicht hindern, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen.“ –

„Wilm, schicke ihnen eine Kugel über die Köpfe,“ sagte der Förster leise.

Ein Blitz zuckte auf, dem unmittelbar der Knall einer Büchse folgte.

Mit Geheul stiebte die Bande auseinander, als sie sich aber unverletzt sah, kehrte sie mit neuem Wuthgeschrei zurück.

„Still, laßt mich dem alten Spitzbuben die Antwort geben,“ sagte ihr Führer, „ich habe so noch eine alte Rechnung mit ihm abzumachen, und es ist jetzt die beste Gelegenheit, darüber zu quittiren.“

Bei diesen Worten funkelte der blanke Lauf einer Büchse im Schimmer des Mondes durch die Luft, und im nächsten Augenblick zerschmetterte eine Kugel das Kreuz des Fensters, hinter welchem der alte Soldat stand.

Dieser stieß ein kaltes Gelächter aus, während er sein Gewehr von Neuem lud.

„In zehn Schlachten,“ murmelte er, „hat mich Gott beschützt und ich sollte jetzt durch die Hand eines solchen Kerls fallen? – Aber was ist das? – Bei Gott, die Schurken haben den Thorweg in Brand gesteckt!“

In der That loderte unter einem Triumphgeschrei, wie es nur Kannibalen auszustoßen vermögen, die Einfassung des Hauses in hellen Flammen, während zu gleicher Zeit die Belagerer einen neuen heftigen Angriff machten.

Jetzt gilt es, unser Leben zu vertheidigen,“ sagte der Förster leise zu dem ihm zunächststehenden Baron – sehen Sie, der Thorweg giebt nach und wir sind jetzt nur noch auf die Vertheidigung des Hauses beschränkt; geben Sie Wilm einen Wink: es bleibt uns jetzt nichts Anderes übrig, als zu den äußersten Mitteln zu greifen.“

Ein leiser Zuruf Wildenhaupt’s genügte, um die Aufmerksamkeit des alten Soldaten gleichfalls auf den Förster zu lenken.

„Gut gezielt,“ sagte dieser leise, indem er vorsichtig sein Gewehr anschlug – „hier gilt es Leben um Leben, Blut um Blut, denn fallen wir in die Hände unserer Feinde, so ist uns ein qualvoller Tod gewiß.“

Aber auch unten im Hofe war die Bewegung im Hause bemerkt worden. Drei oder vier Flintenläufe richteten sich gegen die Fenster. Eine Todtenstille herrschte einen Augenblick, dann folgte eine gegenseitige Salve, welche unmittelbar nachher ein dumpfes Geheul und eine wilde Verwirrung unter den Angreifern hervorrief.

„Er wälzt sich in seinem Blut, der schwarze Peter und noch zwei andere mit ihm,“ sagte der Förster, „ich kenne diese Schufte, sie sind jetzt entmuthigt und wir dürfen keine Zeit verlieren, sondern müssen durch einen entschlossenen Ausfall den errungenen Vortheil zu verfolgen suchen.“

„Sie ziehen sich zurück,“ sagte Wilm, „ich sehe, wie sie ihre Verwundeten mit sich fortschleppen.“

„Desto besser, so wird unser Erfolg um so sicherer sein.“

Mit diesen Worten schob der inzwischen im Erdgeschoß mit seinen Gefährten angelangte Förster die schweren Riegel der Thüre zurück und stürzte, von seinen beiden Kampfgenossen gefolgt, unter lautem Rufe auf die Bande draußen zu. Die Hitze des Kampfes und die Gefahr des Augenblicks schien den beiden alten Männern [116] ihre Jugendkraft zurückgegeben zu haben. Mit einem Ungestüm, der dem ihres jüngeren Gefährten nichts nachgab, verfolgten sie das Gesindel, welches jetzt zu fliehen begann und das sich, seines Führers beraubt, bald im Dunkel des Waldes nach allen Seiten hin zerstreute, denn der Muth eines bösen Gewissens reicht nur so weit, als der Erfolg einer schlechten Handlung günstig ist.

Unter einer alten Eiche, die ihre breitastigen Zweige weit ausstreckte, fanden sich die drei Männer wieder zusammen. Aus ihren von der Anstrengung noch aufgeregten Zügen sprach eine tiefe Bewegung. Sie drückten sich herzlich und innig die Hände, und in dieser einfachen geräuschlosen Handlung sprach sich die Anerkennung ihres gegenseitigen Werthes in diesem feierlichen Augenblick kräftiger und deutlicher aus, als solches durch eine Reihe der ausgesuchtesten Worte hätte geschehen können.

„Die Gefahr ist vorüber,“ sagte der Förster, „doch thut noch immer Wachsamkeit Noth; zurück also, meine treuen Freunde, in das Haus, wo ein Gegenstand, der uns Allen theuer ist, in banger Sorge unserer Rückkehr harrt.“

Alle Drei traten aus dem Dunkel des Waldes und schritten dem Forsthause zu. Plötzlich zuckte der alte Soldat zusammen und rief seinen beiden Gefährten ein leises „Halt“ zu.

„Was giebt es, Wilm?“ fragte der Förster gespannt.

„Seht!“ sagte dieser mit gepreßter Stimme, indem er seinen Arm ausstreckte, „die Schufte haben uns überlistet und den Rückweg nach der Festung abgeschnitten.“

Die beiden Anderen blickten auf und eine bange erwartungsvolle Minute verging.

„Wilm hat Recht,“ rief der Vater Marien’s mit einer Stimme, die zum ersten Male bebte, weil ihm die Gefahr, in welcher seine hülflose Tochter schwebte, in ihrer ganzen Größe entgegentrat, – „seht, dort im Schimmer des Mondes blinkt der Lauf von drei bis vier Gewehren!“

„Was ist zu thun?“ fragte Wildenhaupt, „denn eine Täuschung waltet hier nicht ob – auch ich erkenne einen Haufen Bewaffneter.“

„Still!“ rief der Förster, „ich höre die Stimme meines Kindes.“

Diese Worte wirkten elektrisch auf die drei Männer; in gespannter Erwartung standen sie lauschend da, während man den Herzschlag jedes Einzelnen vernehmen konnte.

„Ich zweifle weder an Ihrem guten Willen noch an Ihrer Tapferkeit,“ sagte Marie mit klarer Stimme zu einer Person, welche im Vordergrunde der Gruppe stand, „und mein Vater wird gewiß in seinem Danke gegen Sie nicht zurückbleiben.“

„Gott im Himmel!“ seufzte der Alte, „der Schreck hat auf den Verstand des armen Kindes eingewirkt.“

„Man spricht von Neuem,“ sagte der Baron. „Hören Sie.“

„Aber Sie werden zugeben, Fräulein Marien“, sagte die vorige Person, „daß viel Muth und Geschicklichkeit dazu gehört, im entscheidenden Augenblick eine solche Flankenbewegung auszuführen. Muth, sage ich, weil wir uns wie die Spartaner in den Termopylen auf einen sicheren Tod vorbereiten mußten, Geschicklichkeit, weil ich mit taktischer Gewandtheit in demselben Augenblick mit meiner Schaar vorrückte, als der Feind seinen Rückzug antrat und auf diese Weise eine starke Reserve ohne Verlust in’s Hintertreffen geführt habe, was offenbar mißglückt wäre, wenn ich blos meinem persönlichen Muthe Folge geleistet und von Vorne angegriffen hätte.“

„Ich verstehe hiervon nichts, Herr Eduard,“ sagte Marie in einem fast an Heiterkeit grenzenden Tone, „indessen zweifele ich nicht im Mindesten an der Wahrheit Ihrer Auseinandersetzungen.“

„Und dann,“ fuhr dieser fort, „kennen Sie, Fräulein Marie, meine tiefe Verehrung zu Ihrer liebenswürdigen Person, und schon dies würde mich veranlaßt haben, mich mit Hintenansetzung jeder Rücksicht muthig in den Tod zu stürzen.“

Hier wurde der arme Eduard durch ein schallendes Gelächter unterbrochen, und zugleich gewahrte er zu seinem Schrecken, daß aus dem Dunkel des Waldes eine Anzahl Bewaffneter hervorbrach. Diese unerwartete Erscheinung übte einen solchen Einfluß auf seinen Geist aus, daß plötzlich sein Redefluß verstummte und seine Person eilig hinter einem großen Regenfaß verschwand, während seine Begleiter nicht minder behende hinter anderen deckenden Gegenständen unsichtbar wurden.

„Aber zum Kukuck, wo stecken Sie denn, Herr Eduard?“ rief eine bekannte Stimme, in welcher wir die des alten Forstmannes wieder erkennen, „ist es Recht, daß Sie sich unseren Blicken in dem Augenblick entziehen, wo wir Ihnen unseren Dank abstatten wollen!“

„Ach!“ sagte der Gemeindeschreiher, mit etwas verlegener Miene, aus seinem schützenden Versteck hervortretend, „Sie sind es, Herr Gruner. – Nun, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen; es hat so seine eigene Bewandtniß mit den taktischen Bewegungen bei Nacht, und ich habe stets gehört, daß man dem Feinde gegenüber in allen Fällen eine möglichst starke Position zu gewinnen suchen muß.“

„Sie sind so bis an die Zähne bewaffnet, mein bester Herr Eduard,“ sagte der Förster, gutmüthig lachend. „Eine halbe Stunde früher hätten wir die vier Pistolen, welche Sie da im Gürtel tragen, so wie den langen Kürassiersäbel, der Ihnen an der Seite hängt, trefflich brauchen können, abgesehen von den zwei Dolchen, die ich außerdem noch bei Ihnen bemerke.“

„Sie erhielten also die Zeilen, welche ich an Sie richtete, wie es scheint, zu spät?“ fiel Wildenhaupt ein.

„Keineswegs,“ entgegnete der Gemeindeschreiber, „ich habe bereits seit einer halben Stunde mit meiner Schaar dort im Dickicht gelegen und den Muth bewundert, mit welchem Sie den Kampf führten. Allein wie dich bereits die Ehre hatte, Fräulein Marie zu berichten, lag es in meinem Plan, durch eine geschickte Flankenbewegung dem Gefecht den Ausschlag zu geben, und dies ist mir, wie ich zu meiner Genugthuung gewahre, auch vollkommen gelungen.“

Hier schlug der alte Soldat ein so boshaftes Gelächter aus, daß der Gemeindeschreiber es für nöthig fand, durch einige Worte den Eindruck, welches dasselbe auf die Anwesenden machte, zu mildern.

„Der alte Wilm,“ sagte er, „hat noch seine Taktik aus dem vorigen Jahrhundert, während man jetzt die Kriegsführung auf ganz andere Grundsätze basirt. Doch ich sehe, die Zeit ist schon so weit vorgerückt, daß der Tag anbricht. Da nun durch Ihren Muth und meine Flankenbewegung der Feind völlig aus dem Felde geschlagen ist, so will ich, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, mit meiner Schaar abziehen, um mich bei einer warmen Tasse Kaffee von den Strapatzen dieses nächtlichen Feldzuges zu erholen.“

„Thun Sie das, Herr Eduard,“ sagte der alte Forstmann, „ich hoffe, im Lauf des Tages noch das Vergnügen zu haben, Sie in meinem Hause zu sehen und dann werden Sie es nicht verschmähen, unseren Dank für Ihre thätige Hülfe nochmals entgegen zu nehmen.“

„Ich werde nicht verfehlen, mich einzufinden,“ sagte der Gemeindeschreiber, „zumal ich eine zarte und delikate Angelegenheit zu erledigen beabsichtige. – Also, Fräulein Marie, ich nenne mich Ihren ergebenen und gehorsamen Diener, und habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen.“

Mit diesen Worten stellte sich Herr Eduard an die Spitze seiner Truppe und schwenkte mit derselben in sehr stolzer und gravitätischer Haltung von dem Schauplatz seiner Thaten ab. Die Bewohner des Forsthauses zogen sich ebenfalls, von den Anstrengungen der Nacht ermüdet, in das Innere desselben zurück, und kurze Zeit darauf herrschte dort ein so tiefer Frieden, daß Niemand die eben beschriebenen Ereignisse geahnet haben würde, wenn die geschwärzten und rauchenden Trümmern des Thorweges nicht auf etwas Außergewöhnliches hingedeutet hätten.



VI.

Fünf oder sechs Stunden später saß der alte Gruner wieder in seinem Lehnstuhl. Vor ihm standen Marie und Wildenhaupt, im Hintergrunde der Invalide mit einer so behaglichen Miene, wie man sie an ihm seit langer Zeit nicht zu bemerken Gelegenheit gehabt hatte. Ein Ausdrück versöhnender Milde umfloß die Züge des Försters.

„Mein Sohn,“ sagte der Greis, zu Wildenhaupt gewendet, mit weicher Stimme, „ich habe heute in der Frühe, als ich Gott für unsere Rettung meinen Dank darbrachte, vor ihm auch noch in anderer Weise mein Herz ausgeschüttet. Ich habe ihn gefragt, ob es Recht sei, daß der Mensch seinen Groll lange Jahre hindurch in seinem Innern trage und dort der Leidenschaft und dem Hasse eine Freistätte einräume. Er hat mir geantwortet und mich [117]

Freiherr vom und zum Stein.




erkennen lassen, was ich längst hätte einsehen sollen: daß sich dies für einen alten Mann, welcher jederzeit von der Erde abberufen werden kann, am Allerwenigsten paßt, und daß, wer Vergebung verlangt, auch vergeben können muß. Herrmann von Wildenhaupt, eben dieser Haß, von welchem ich spreche, hatte mein Herz so weit verhärtet, daß ich den Sohn empfinden ließ, was nach meiner Meinung der Vater an mir verschuldet hatte. Ich habe Ihnen gegenüber ein großes Unrecht wieder gut zu machen – bestand noch irgend eine Kluft zwischen unseren Herzen, so haben die Ereignisse dieser Nacht sie ausgefüllt. Treten Sie näher, mein geliebter Sohn, hier steht das Mädchen Ihrer Wahl, meine theure, meine gute Tochter, die Freude meines Lebens, die Hoffnung meiner alten Tage. Wohlan, ich gebe Ihnen das Höchste, was ich besitze! – sie werde Ihr Weib! – Streben Sie darnach, sie so glücklich zu machen, wie sie es verdient!“

Weiter reichte die Stimme des Greises nicht und Thränen entrollten seinen Augen, während er segnend seine Hände auf die Häupter seiner vor ihm knieenden Kinder legte; – auch der Invalide bedeckte mit seiner schwieligen Hand sein gefurchtes Gesicht und schluchzte laut.

Eine Viertelstunde nachher saß die kleine Familie heiter und glücklich im traulichen Kreise zusammen. Man besprach die Maßregeln, welche man für die nächste Zukunft zu ergreifen beabsichtigte. Das Forsthaus sollte verlassen und dagegen ein kleines dem Herrn von Wildenhaupt zugehörendes Gut bezogen werden. Dort wollte man einfach und genügsam im stillen Frieden seine Tage vollbringen.

Mitten in diesen Gesprächen wurde die Aufmerksamkeit der Familie plötzlich auf einen anderen Gegenstand gelenkt. Im schwarzen Frack, weißer Weste und seinen Glacehandschuhen schritt nämlich der Gemeindeschreiber in sehr feierlicher Haltung dem Forsthause zu.

„Siehe da!“ rief der Förster, „unser Held Eduard! Hören wir, was er will.“

In diesem Augenblick öffnete sich auch schon mit ziemlichem Geräusch das Zimmer, und die uns bereits hinlänglich bekannte Persönlichkeit trat ein.

„Herr Gruner – Fräulein Marie,“ – sagte der Gemeindeschreiber, indem er sich rechts und links verbeugte, „ich habe die Ehre, Ihnen mein Kompliment zu machen.“

„Nehmen Sie Platz, Herr Eduard. Welcher Ursache verdanken wir die Ehre Ihres Besuches?“

Der Angeredete zupfte etwas verlegen an seinen Handschuhen und schob sich seinen weitvorstehenden Halskragen zurecht.

„In der That – Sie werden begreifen. – Ein so zarter Gegenstand.“

„Nun heraus mit der Sprache,“ sagte gemüthlich der Förster.

„Hm! – Ja! – Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Fräulein Marie keinen Grund findet, mich von ihrem Wohlwollen auszuschließen.“

„Keineswegs, Herr Eduard,“ sagte diese, dem Gemeindeschreiber schalkhaft in’s Gesicht blickend.

„Es giebt Augenblicke im Leben, die sehr inhaltsschwer sind.“

„Sehr richtig,“ bemerkte trocken der alte Gruner.

„Ein solcher Augenblick dürfte für mich der gegenwärtige sein.“

„Aber, Herr Eduard, Sie spannen uns so auf die Folter!“

„Wohlan!“ sagte der Gemeindeschreiber, plötzlich Muth fassend, und sich auf ein Knie niederlassend, „wenn Fräulein Marie sich entschließen könnte, mir ihre Hand zu reichen.“

„Da müssen Sie sich an Herrn von Wildenhaupt wenden,“ sagte gemüthlich der Förster, „der hat hierüber zu bestimmen.“

Herr Eduard zog bei dieser Nachricht ein Gesicht, als wenn er in eine Citrone gebissen hätte und erhob sich zögernd.

[118] „Ich bedaure,“ sagte der Baron lachend, „aber ich habe mir Ihre Manoeuver gemerkt und bin Ihnen durch eine geschickte Flankenbewegung zuvorgekommen.“

„Wie so?“

„Nun, ich habe die Ehre, Ihnen in Fräulein Marie meine verlobte Braut vorzustellen.“

Der gute Eduard war wie aus den Wolken gefallen und sah sich verlegen nach allen Seiten um, während er sein Taschentuch hervorzog und sich den Schweiß von der Stirn trocknete.

„Sie sehen, Sie sind zu spät gekommen,“ sagte der Förster, aber wollen Sie einem alten Freunde eine Freude erzeigen, so versprechen Sie uns, auf der Hochzeit zu erscheinen.“

„Da es doch nun nicht anders sein kann," sagte der Gemeindeschreiber nach einigem Zögern, „so nehme ich Ihre freundliche Einladung an, denn da diese neue Flankengewegung mir wider Erwarten mißglückte, so denke ich, es ist am Besten, wenn wir Frieden schließen und an dem Vermählungstage den alten Freundschaftsbund erneuern.“




H. Fr. Karl Freiherr vom und zum Stein.
Ein Fingerzeig in die Vergangenheit.
(Mit Portrait.)


Man kann die auswärtige Politik wohl aller Staaten und aller Zeiten auf drei Grundzwecke zurückführen: erstens auf den des eignen innern Wohles, des geistigen und materiellen Gedeihens der eigenen Völker; dies ist die Politik, die besonders von den wirklich praktischen Staatsmännern meist für die beste gehalten wird und die England seit Jahrhunderten zu der großartigen Entwickelung aller seiner Kräfte und Interessen geführt hat; – zweitens auf den der Eroberungssucht, die aus bloßem Ehrgeiz, blinder Habsucht Länder auf Länder an sich reißen will, ohne zu erwägen, ob das Stammland selbst dadurch gewinnt oder durch diese Ausbreitung seiner Kräfte vielleicht auch zu Grunde geht; dies war meist das Prinzip der französischen, immer das der russischen Staatskunst; – und endlich der dritte Grundzweck äußerer Politik ist der, welcher auf allgemeine, sogenannte sittliche Ideen hinausgeht, wie aus historisches Recht, Beruf von Gottes Gnaden, Legitimität, Ritterlichkeit u. dergl., und diese Politik ist (wenn sie nämlich mehr als bloße Maske ist, wozu sie auch von sehr gescheidten Staatsmännern oft mit großem Erfolge angewendet wird), jedenfalls von allen drei Gattungen die idealste, romantischste und berauschendste, sie wird aber von vielen sehr verständigen Sachkennern für eine oft sehr unkluge und fast immer sehr unfruchtbare gehalten.

Ein durch den großartigsten Erfolg gekröntes Beispiel einer rücksichtslos praktischen und heilsamen Politik, die nichts als die Befreiung und Beförderung des Vaterlandes wollte, war die des preußischen Staatsministers Heinrich Friedrich Karl Freiherrn vom und zum Stein in den Jahren 1804 bis 1815.

Oesterreich war bei Austerlitz, Preußen bei Jena und Auerstädt in seiner Kraft und Selbstständigkeit gebrochen. Tiefer und tiefer drängte der Usurpator sich in das Herz Deutschlands hinein; enger und enger zog er seine Kreise um die zur Beute auserlesene, innerlich zertheilte Nation. Sein Basiliskenblick hatte den bewundernden Gegner gelähmt, welcher in Selbsttäuschung durch Unterhandlung und immer noch durch Unterhandlung den Feind fern zu halten meinte, der ein erwachtes, im Freiheitstaumel jubelndes Volk um seine Freiheit zu berücken verstanden hatte.

Da ward im Süden Deutschlands zuerst das Gefühl von der nothwendigen gemeinsamen Erhebung Deutschlands gegen den gemeinsamen Gegner wach. Oesterreich begann im Geheimen mit Macht zu rüsten und bewarb sich um die Verbindung mit Preußen zu dem einen Zwecke. Der König von Preußen aber erklärte, von der russischen Politik sich nicht zu trennen und deren Entscheidung zu erwarten. Und Rußland? – Was Stein und seine Gesinnungsgenossen damals ahnten, das liegt, durch die neueste Geschichtsschreibung erwiesen, jetzt klar am Tage: es war damals das einzige Interesse des russischen Monarchen, Oesterreich und Deutschland von dem französischen Imperator vernichten zu lassen, um mit diesem in die Welt sich zu theilen oder, wenn er durch seine Eroberungen genügend geschwächt wäre, um den Besitz der ganzen mit ihm sich zu streiten.

Es erscheint zeitgemäß, einige Ausdrücke aus einer Denkschrift hier mitzutheilen, die Stein an den König von Preußen gerichtet hatte, um ihn aus dieser unglückseligen, täuschungsvollen Allianz mit dem nordischen Nachbaren herauszureißen; er schrieb unter dem Datum des 8. September 1808:

„Das Resultat der Betrachtungen, die Herr Oberst-Lieutenant von Gneisenau in seiner Denkschrift, d. d. Königsberg, den 24. August a. c.

1) daß von Rußland keine Hülfe zu erwarten,
2) daß die Folgen eines für Oesterreich unglücklichen Krieges die Vernichtung von Preußen sein wird.

Ich erlaube mir hierüber folgende allgemeine Bemerkungen: Deutschland war kräftig genug, sich selbst gegen Frankreich zu vertheidigen, und nur seine Uneinigkeit ist Ursache seines Falles und seiner Sklaverei. Das laue und zweideutige Betragen Preußens im Jahre 1794 veranlaßte Oesterreich, die Niederlande ohne Noth und ohne eine verlorene Schlacht bis hinter die Maas zu räumen, und der unglückliche Baseler Friede, den die unverständige Vorstellung seiner Minister Friedrich Wilhelm II. abnöthigte, sanktionirte zuerst die verderbliche Trennung Deutschland in das nördliche und südliche; das erstere sah ruhig den Verheerungen des letzteren zu, und ahnete nicht, daß der südliche Deutsche ihn für dieses verfassungswidrige und treulose Betragen seiner Zeit züchtigen und abstrafen werde. Eine Folge der Gleichgültigkeit Preußens gegen die Erhaltung der Selbstständigkeit und Freiheit Deutschlands zur Unterjochung des nördlichen, und dasselbe Prinzip der Apathie, gegen Oesterreich angewendet, wird dieselben Folgen für Preußen haben, nämlich seine völlige Auflösung und den Fall seiner Herrscherdynastie. – –

Daher sich Oesterreich nähern und ihm seine Absichten freimüthig eröffnen, alle militärischen und Insurrektionsmittel, die uns zu Gebote stehen, bei dem Ausbruch eines österreichischen Krieges anwenden, um das französische Joch abzuwerfen, weil bei dem ruhigen Zusehen nur Vernichtung oder die unerträgliche Sklaverei eintreten kann.

Die Zusammenkunft des Kaisers Alexanders mit dem Kaiser Napoleon trübt die Aussichten noch mehr – was kann aus dem Zusammentreffen eines vom Handeln abgeschreckten, weichen, lenksamen Charakters mit dem felsenfesten, rastlosen und ruchlosen Manne entstehen, als blindes Hingeben des Ersteren an den verruchten Willen des Letzteren? etc.“

So damals Stein. Sein Rath wurde nicht gehört, er selbst durch die raffinirteste Intrigue, in der sich die russenfreundlichen, gegen Stein’s reformatorische Bestrebungen operirenden sogenannten guten Patrioten vom alten Schlage mit den in das Vaterland eingedrungenen Franzosen vereinigt hatten, für immer aus dem Ministerium gedrängt.

Wie bekannt, Oestereich wurde in dem Kriege vernichtet, den es nun ohne Preußen begann; aber auch für Preußen, wie ebenfalls bekannt, begann damit erst die wahre Zeit der Schmach und Erniedrigung. Auf Unterstützung Rußlands gegen den Uebermuth des Usurpators hoffte es vergebens; Alexander half dem vertrauungsvollen Bundesgenossen nicht in seinen gerechten Beschwerden über die unerhörten Vexationen bei Eintreibung der Kontributionsgelder; es sah ruhig zu, wei Unbill auf Unbill erfolgte und in erzwungene Abtretungen an das Königreich Polen endlich offener Raub an den im Tilsiter Frieden sanktionirten Grenzen Preußens verübt wurde.

Und Preußen? Auch Preußen konnte endlich seiner ritterlichen Gesinnung gegen den unritterlichen Bundesgenossen nicht treu bleiben. Die Folgen all seines blinden Glaubens waren die, daß es wider Willen unter den Fahnen des Eroberers seine eigenen Söhne gegen den Nachbar kämpfen lassen mußte, dessen Vertrauen es durch alle jene Opfer doch nicht erkauft hatte!

Und Stein? – – Man kann dem deutschen Volke nicht absprechen, daß es den Werken, dem Leben und den Persönlichkeiten seiner Dichter und Denker, vorzüglich nach ihrem Tode, eine sehr gründliche Aufmerksamkeit und dauernde Anerkennung stets geschenkt hat; wie sind die großen Werke und die kleinsten Lebenszüge eines Schiller und eines Goethe so tief in alle Schichten des Volkes eingedrungen! Aber sind die Produkte der Phantasie und Poesie die einzigen, die höchsten Erzeugnisse deutschen Geistes? Giebt es nicht, und gerade gleichzeitig mit jenen Heroen unserer [119] Dichtkunst, auf den Gebieten des öffentlichen Lebens und der politischen Entwickelung, in der Befreiung des Vaterlandes und der Neugründung der Verfassungen Thaten, die für die Gegenwart bedeutungsvoller sind, als jene Dichtungen?

Und was hat das deutsche Volk gethan, um diesen Thaten und den Helden, die sie vollbrachten, den verdienten Platz im Panthteon seiner Erinnerung zu sichern? – Wie weit ist heute noch der Name Stein’s überhaupt nur im Volk bekannt, und wenn sein Name, was ist von seinem Wirken, seinen Gesetzgebungen, seinen Gesetzesentwürfen, seinem Charakter, seinem Leben und seiner Persönlichkeit in weiten Kreisen in lebendiger Erinnerung geblieben?

Freilich hat man wohl von mehr als einer Seite sich veranlaßt geglaubt, der Ausbreitung seiner Gesinnungen entgegenwirken zu müssen, um die bestehende Ordnung der Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Aber hätte man nur seine wahren Gesinnungen in der rechten Art fortzupflanzen verstanden, wären sie dann nicht das wirksamste Gegenmittel gegen alle Gefahren des befürchteten Umsturzgeistes gewesen? Stein war der Apostel einer neuen Zeit, der Petrus, der Fels, auf welchen der Bau der deutschen Staatenbildung unsers Jahrhunderts begründet ist, – und doch war er ein völliges Gegenbild gegen die, welche heute als die Apostel neuer Ideen, als die Verkündiger einer Religion der Zukunft auftreten, – ein Gegenbild schon deshalb, weil er erreichte, was er wollte, und, was er nicht erreichen konnte, nicht gewollt hat!

Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein war am 26. Oct. 1757 zu Nassau geboren († 29. July 1831), wo seine reichsfreiherrliche Familie ihren Sitz hatte. Er ward von den Aeltern zum Nachfolger im Besitz der als Fideicommiß sanctionirten Familiengüter bestimmt und sah somit die Mittel zu einer großen Lebenslaufbahn sich zu Gebote gestellt. Nachdem er studirt und auf Reisen die größeren deutschen Höfe kennen gelernt, entschied er sich dafür, dem preußischen Staate seine Dienste anzubieten. Friedrich der Große fertigte am 2. Februar 1780 seine Ernennung zum „Kämmerer“ aus und stellte ihn als Referendar dem Chef des Berg- und Hüttendepartements, Minister von Heinitz, zur Seite. Schon 1783 war Stein Bergrath in Wetter an der Ruhr, dann 1788 erster Director der Kriegs- und Domainen-Kammern zu Kleve und Hamm, 1793 Präsident der märkischen Kammer mit dem Sitz zu Kleve, Ober-Präsident sämmtlicher westphälischen Kammern (d. h. „Regierungen“) in Minden, bis er 1804 als Nachfolger von Struensee zum preußischen Staatsminister im Departement des Accise-, Zoll-, Fabriken- und Kommercial-Wesens nach Berlin berufen wurde. Hier herrschte damals die Partei des Minister von Haugwitz und Kabinetsrath Beyme, die vor Allem den Krieg scheute und nichts wollte als Friede mit Napoleon. Stein schaffte zunächst durch Einführung von Papiergeld und andere geniale Finanzmaßregeln die Möglichkeit einer Waffenergreifung gegen den revolutionären Usurpator, und schnell sammelte sich um ihn die Partei der Hardenberg, Blücher Rüchel, Prinz Louis Ferdinand u. s. w., die in den König drang, die Ehre und Freiheit des Vaterlandes zu wahren. Die Niederlage von Jena und Auerstädt war die Folge nur davon, daß man zu spät den Rath dieser Männer hörte, und dennoch griff deren Stimme auch in der verzweiflungsvollen Lage nach jenem Verluste nicht durch. Stein war dem Könige nach Memel gefolgt; sein Beharren auf der Nothwendigkeit durchgreifender, Staat und Heer regenerirender Maßregeln hatte seine ungnädige Entlassung zur Folge; – aber – schon wenige Monate darauf hatte die bessere Einsicht des gerechten Königs ihn wieder an den Thron gerufen„ und dieses zweite Ministerium Stein’s, das nur vom 20. September 1807 bis 24. November 1808 dauerte, war es, dem wir die Neugründung des erschütterten Staates, die großartige preußische Gesetzgebung danken, durch welche die spätere Befreiung des gesammten deutschen Vaterlandes erst möglich wurde. Was die französische Revolution in Gewalt und unmenschlichem Frevel versuchte, wurde hier durch Gesetz und Weisheit eingeführt: die Aufhebung der Leibeigenschaft und der Ständeunterschiede, die Abschaffung der Adelsvorrechte, die Befreiung des Grundeigenthums und der Gewerbe, die Centralisirung der Regierung in den jetzt noch in Preußen bestehenden Ministerien, die neue Belebung des Gemeindewesens, die Gründung der berühmten Städte-Ordnung und die Anbahnung einer ständischen Vertretung des Volkes und seiner Theilnahme an der Regierung.

Die in der oben mitgetheilten Denkschrift ausgesprochene Gegnerschaft gegen Rußland war die Veranlassung, Stein zum zweiten Male aus dem Ministerium zu entlassen. Napoleon hatte ihn als seinen gefährlichsten Gegner erkannt, forderte seine Entfernung aus den preußischen Staaten, that ihn in die Acht und confiscirte seine Güter. Als nun aber Oesterreich zum zweiten Male besiegt und fast vernichtet war, als zwischen dem westlichen und dem östlichen Kaiserreiche keine Schranke mehr hinwegzuräumen war und die beiden größten Reiche Europa’s zum Kampfe auf Tod und Leben einander gegenüberstanden, da war es Stein, der Verbannte, der Heimathlose, sein bisheriger listigster Gegner, an den Kaiser Alexander von Rußland sich zuerst um Rath und Hülfe wandte. Stein war es, der, einzeln für sich, mit keiner Macht, keiner Partei unmittelbar in Verbindung stehend, in der Verbannung lebend, der russischen Politik nach dem Brande bei Moskau den großartigen Aufschwung zum Siege gab, der sie zwang, von dem Vertheidigungskriege in den des Angriffes überzugehen, den geschlagenen Feind über die Grenzen hinaus zu verfolgen, die Fahnen der Erhebung in die Gauen Deutschlands zu tragen und seinen zahllosen Souverainen das Werk der eignen Befreiung aufzudringen. Er, der Mann einer vorurtheilsfreien, aber charaktervollen, einer rücksichtslosen, aber zweckgemäßen Politik, den sein Vaterland preisgegeben hatte, er war es, der es wieder dahin brachte, daß der Name Deutschland kein leerer Schall mehr war, dem, aus Mangel eines anderen Mittelpunktes, von den Fürsten während des Befreiungskrieges die „Centralverwaltung“ des Reichs übergeben wurde, – so daß man im Volke daran dachte, ihn zum deutschen Kaiser zu erwählen, und daß Nicolaus Vogt, Professor der Geschichte und des Staatsrechts in Frankfurt, der Lehrer Metternich’s, als man ihn fragte, ob das nach den Reichsgesetzen möglich sei, diese Frage unbedenklich beantwortete, indem er auf Stein’s reichsunmittelbare Freiherrlichkeit sich bezog!

Es war zweckmäßig, auf diesen genialsten Staatsmann Deutschlands im gegenwärtigen Augenblicke wieder einmal zurückzuweisen, um zu zeigen, welchen Hindernissen Politiker von vorurtheilsfreier Energie entgegenzugehen gefaßt sein müssen; und es war wohl zweckmäßig auch deshalb, weil die Literatur jetzt endlich die lang versäumte Pflicht, diesem Mann ein würdiges Denkmal zu setzen, erfüllt hat mit dem Werke: „Das Leben des Ministers Freiherrn vom Stein“ von G. H. Pertz (5 Bände. Berlin, 1849–1854), – einem Werke, dessen Verbreitung in alle Gesellschaftskreise zu wünschen wäre.
R. Giseke. 




Zur Gesundheitspflege und Erziehungslehre.
Der Mensch im Kindesalter.


Das Kindesalter erstreckt sich vom Entwöhnen des Säuglings, also etwa vom Ende des ersten Lebensjahres bis zum beginnenden Zahnwechsel im 7. Jahre und könnte deshalb auch das Alter der Milchzähne genannt werden. Das Kind wächst in diesem Zeitraume bis etwa zu 42 Zoll und wird ungefähr 40 Pfund schwer; im Durchschnitt nimmt jährlich seine Länge um 2 bis 3 Zoll und sein Gewicht um 31/3 Pfund zu; jedoch ist diese Zunahme in den ersten Jahren dieses Alters größer als in den spätern. Im Verhältniß zum Rumpfe nimmt die Größe des Kopfes fortdauernd ab und die der Gliedmaßen zu, obschon das Gehirn im Schädel fortwährend wächst. Das Herz schlägt etwa 85 bis 90 Mal. Dieses Alter, welches sich durch eine verhältnißmäßig rasche körperliche und geistige Ausbildung vor allen andern Lebensaltern auszeichnet, läßt sich recht wohl in zwei Abschnitte trennen, nämlich in das erste und das zweite Kindesalter.

Das erste Kindesalter umfaßt das 2te, 3te und bei manchen, etwas zurückgebliebenen Kindern, auch noch das 4tete Lebensjahr. Kauen, Gehen und Sprechen sind die drei Bewegungen, [120] welche die in diesem Lebensalter allmälig freier werdende Selbstthätigkeit des Kindes verkünden. Anfangs zeigt sich in diesem Alter noch eine ziemlich bedeutende Gebrechlichkeit und nicht geringe Sterblichkeit, bald nimmt aber das Widerstandsvermögen gegen schädliche Einflüsse rasch zu und so das Krankheits- wie Sterblichkeitsverhältniß ab.

Bei der Erhaltung des Kindes in diesem Alter ist, wie beim Säugling, noch große Sorgfalt auf die Nahrung, Luft, Hautreinigung, Temperatur, das Schlafen und die Sinne zu verwenden. – Die Nahrung muß anfangs vorzugsweise noch aus Milch (reiner Kuhmilch mit etwas Milchzucker) bestehen und sonst nur allmälig von der flüssigen zur dünn- und dickbreiigen, endlich zur festen Form übergehen. Deshalb zuerst Fleischbrühe mit Ei und den verschiedenen Mehlwaaren (besonders Gries, Zwieback, Weißbrod u. s. w.), später sehr weiches und ganz klein geschnittenes Fleisch und Mehl- oder Milchspeisen; endlich die leichtverdaulichen und nahrhaften, reizlosen Nahrungsmittel des Erwachsenen. Zu warnen ist besonders vor dem Genusse von reizenden Speisen und Getränken (Gewürzen, Kaffee, Thee, Wein, Bier); auch müssen Kartoffeln und Kartoffelspeisen, so wie Schwarzbrod (Stoffe, zu denen das Kind gerade recht großen Appetit hat) nur äußerst mäßig genossen werden. Man thut gut, jetzt schon das Kind an Wassertrinken (bei oder nach dem Essen) zu gewöhnen, jedoch darf das Wasser nicht sehr kalt, sondern verschlagen gereicht werden. Es ist eine sehr schlechte Mode der Aeltern, kleinen Kindern von allen Speisen und Getränken, die sie selbst genießen, etwas abzugeben. Um dies zu umgehen, nehme man das Kind beim Essen lieber nicht mit an den Tisch. – Die Luft, in welcher das Kind, besonders während des Schlafens athmet, sei von mittlerer Wärme (+ 12 – 13° R.) und so rein als nur möglich; deshalb halte sich das Kind viel im Freien auf, natürlich mit der gehörigen Vermeidung von rauher, kalter, staubiger und Zugluft, weil diese sehr leicht Krankheiten im Athmungsapparate (Bräune, Keuchhusten, Lungenentzündung) veranlaßt (s. Gartenlaube, Jahrg. I. Nr. 17). – Die Reinigung der Haut ist noch täglich durch Baden oder Waschen des ganzen Körpers mit warmem Wasser zu besorgen und höchstens bei Unwohlsein des Kindes (bei Schnupfen) ein oder einigemal auszusetzen. – Die Temperatur, in welcher ein kleines Kind gehörig gedeihen kann, ist, trotzdem daß die Wärmeerzeugung im kindlichen Körper zunimmt und Kälte weniger nachtheilig als im Säuglingsalter auf denselben einwirkt, doch noch eine ziemlich warme. Vorzüglich sind Erkältungen des Bauches und der Füße ängstlich zu vermeiden, weil diese nicht selten Ursache gefährlicher Krankheiten werden. Nur allmälig gewöhne man das Kind, im 3ten oder 4ten Lebensjahre, an kältere Luft (dünnere Kleidung) und kaltes Wasser. Die Abhärtung der Kinder dieses Alters durch Kälte ist eine durchaus unnatürliche und hat in der Regel als zu reizend auf die Empfindungsnerven der Haut schlimmen Einfluß auf das Gehirn. – Das Schlafen ist für kleine Kinder, die doch ihre Muskeln eben erst gebrauchen lernen und deshalb ordentlich ausruhen müssen, auch bei Tage unentbehrlich. Man lege deshalb das Kind zur bestimmten Zeit (nach dem Essen um die Mittagszeit), entweder im Nachtkleide oder doch in ganz lockerer Kleidung in oder auf das Bett. Damit der Schlaf ruhig und nicht durch Träume gestört sei, vermeide man kurz vorher alle starken Sinnesreize und geistige Aufregungen (Spiele, Erzählungen). – Die Sinne verlangen beim Kinde die größte Schonung und sorgfältigste Behandlung, so wie eine passende Erziehung (s. später), vorzüglich müssen sie vor zu starken Reizungen geschützt werden. Vom Auge ist ebenso wohl zu starkes Licht, wie lange Dunkelheit abzuhalten, auch dürfen nicht kleine Gegenstände sehr nahe an das Auge gebracht werden. Dem Ohre können sehr starke, wie sehr scharfe und grelle Töne schaden, so wie auch starke Gerüche und scharf schmeckende Stoffe dem Geruchs- und Geschmackssinn Nachtheil bringen können.

Auf die Erziehung im ersten Kindesalter müssen die Aeltern ihr ganz besonderes Augenmerk richten, weil jetzt schon der Grund ebenso zum Guten wie zum Bösen gelegt wird. Ja, es lassen sich die ersten drei Lebensjahre als den wichtigsten Abschnitt in der Erziehung betrachten. Leider sehen gerade in dieser Zeit die meisten Aeltern bei der ersten geistigen und körperlichen Entwickelung ihres Kindes ruhig zu und überlassen sie größtentheils dem Zufalle, anstatt dieselbe durch zweckmäßiges Eingreifen richtig zu leiten. Wenn sie nur wenigstens durch gutes Beispiel die Kinder erzögen, da der Nachahmungstrieb im Kinde ein mächtiger Hebel für die Erziehung ist. Allein die wenigsten Aeltern wollen glauben, daß der Bug, den die Seele früh annimmt, mit ihr wächst und unaustilgbar bleibt. – Die körperliche Erziehung sei auf den Nahrungsgenuß, den Schlaf, die Bewegungen und die Reinlichkeit gerichtet. Die Nahrung werde zu fest bestimmten Zeiten gereicht, und dabei gewöhne man das Kind, dieselbe nicht zu hastig, sondern ruhig und reinlich zu sich zu nehmen. Sitzt das Kind dabei am Familientische, so gewöhne man dasselbe ja nicht an das Naschen von dieser und jener Speise der Erwachsenen, sondern halte streng an der kindlichen Nahrung. – Schlafen darf das Kind nur in seinem eigenen Bettchen, und zwar ohne daß besondere Hülfsmittel (wie Einsingen, Erzählen u. s. w.) zum Einschlafen angewendet werden. – Hinsichtlich der Bewegungen ist die Hauptregel, dem Kinde so wenig als möglich Hülfe dabei zu leisten, damit es bei Zeiten durch selbstständige Anstrengungen seinen Willen übe und Geschicklichkeit erlange. Wohl aber veranlasse man dasselbe zum Nachahmen gewisser Bewegungen mit Händen und Füßen, wie zum Ergreifen und Führen des Löffels und Bechers zum Munde, zum Fassen und ruhigen Tragen von Gegenständen, zum Werfen und Auffangen, zum Hüpfen und Springen, zum Gerade- und Auswärtsgehen und Stehen. Man vermeide alle zu lange anhaltenden, einförmigen und sehr anstrengenden Bewegungen (besonders das Treppensteigen, Weitgehen), sowie langdauerndes Aufrechtsitzen, zumal bei schwächlichen Kindern, die sich bald hier, bad da anlehnen oder zusammensinken. Richtige Abwechselung im Bewegen (der rechten und linken Seite, der obern und untern Körperhälfte), im Sitzen und Liegen (am Besten auf dem Rücken und auf einer Matratze) ist einem Kinde am heilsamsten. Allerdings scheint die beständige Beweglichkeit und der Thätigkeitstrieb beim Kinde, wie das Springen und Herumjagen junger Thiere, die Gesundheit (vielleicht durch Bethätigung der Ernährungsprocesse und Abarbeiten des Nervensystems) dienlich zu sein. Beim Führen des Kindes an der Hand wechsele man öfters mit der rechten und linken Hand ab, weil sonst dem Kinde leicht eine schiefe Körperhaltung angewöhnt wird. Eben deshalb muß auch beim Tragen des Kindes auf dem Arme öfters zwischen dem rechten und linken Arme gewechselt werden. Die Ausbildung der Sprache unterstütze man durch deutliches Vorsprechen und gleichzeitiges Vorzeigen von Gegenständen, um Laut und Vorstellung in inniger Verbindung mit einander im Gehirne einzuprägen. – An Reinlichkeit, in Bezug auf die Ausleerungen, den Körper und die Kleider, das Essen und Trinken, muß ein Kind schon vom Anfange dieses Lebensalters an gewöhnt werden. Es muß seine natürlichen Bedürfnisse durch bestimmte Ausdrücke zu bezeichen und später selbst ordentlich zu verrichten lernen; es werde angeleitet, seine Zähne gehörig zu reinigen, beim Essen und Trinken reinlich zu sein und die Kleidung nicht muthwillig zu beschmutzen. Freilich artet dieses letztere Reinlichsein manchmal (bei Müttern, die aus ihren Kindern Staatspüppchen machen wollen) auch bis zum Ungehörigen aus. – Was die Kleidung betrifft, so ist Kopf und Hals, bei Tag und Nacht, bloß zu lassen und nur beim Aufenthalt im Freien gegen Sonne und Kälte gehörig zu schützen. Die Kleiderchen seien kurz und locker, damit das Kind seine Glieder so gut als möglich bewegen könne; die Unterkleider und Hosen dürfen nicht durch Binden an den Körper befestigt, sondern durch Schulter- oder Tragbänder gehalten oder an ein langtailliges Leibchen angeknöpft werden. Das Gewicht der Kleider muß überhaupt ganz und gar auf den Schultern ruhen. Zur Fußbekleidung sind einbällige, genau passende Stiefelchen am zweckmäßigsten, indem sie nicht nur die gute Bildung des Fußes, sondern auch das Laufen am besten unterstützen. Natürlich muß die Kleidung nach der Jahreszeit und Lufttemperatur eine wärmere oder eine dünnere sein. Zarte Kinder und solche, die sehr zum Schnupfen geneigt sind, lasse man den Winter hindurch weiche wollene Strümpfe tragen.

Die geistige Erziehung im ersten Kindesalter hat es hauptsächlich mit Uebung der Sinne (durch welche erst die geistige Thätigkeit des Gehirns erregt wird) und mit dem Gewöhnen an Gehorsam zu thun. Auch hier ist übrigens Hauptgesetz: man halte Alles vom Kinde ab, an was es sich nicht gewöhnen soll und wiederhole dagegen beharrlich Das, was ihm zur andern Natur werden soll; natürlich stets mit der gehörigen Abwechselung zwischen Thätigsein und Ruhen, sowie mit ganz allmäliger Steigerung der Thätigkeit. Leider überlassen es die meisten [121] Aeltern dem Zufalle, wie sich die Sinne und frühesten Geistesfähigkeiten des Kindes ausbilden und entziehen dadurch demselben für die Folge eine Menge von Bildungsmaterial, sowie von Lebensfreuden. – Der Gesichtssinn verlangt ganz besonders eine zweckmäßige Uebung und zwar nicht blos in Bezug auf den Umfang des Sehens, daß man nämlich sowohl nahe als ferne Gegenstände mit der mäglichst größten Deutlichkeit erkennt, sondern auch in Bezug auf die Schärfe, Schnelligkeit und Ausdauer, mit welcher man zu sehen vermag. Man lasse deshalb das Kind im Freien ferne, bald größere, bald kleinere Gegenstände mit den Augen erfassen und verfolgen, gewöhne dasselbe einzelne Gegenstände (Bilder, Spielzeug, Thiere, Pflanzen u. s. w.) ordentlich und mit Aufmerksamkeit, in verschiedener Entfernung und Stellung, anzusehen, und später auch bei kürzerem Anschauen schnell wieder zu erkennen. – Der Gehörsinn ist in Bezug auf Schärfe (schwache und entfernte Töne zu hören) und auf Feinheit (hohe, tiefe, reine und falsche Töne zu erkennen), sowie auf Richtung und Entfernung des Schalles zu üben. Man leite deshalb das Kind an, mit Aufmerksamkeit zu hören und errege Lust an Musik und Gesang in ihm. – Der Geruchsinn läßt sich recht wohl auch durch Uebungen im Erkennen und Unterscheiden von verschiedenen riechenden Stoffen verfeinern und schärfen, so daß er später besser ebensowohl zum Wohle wie zum Vergnügen des Menschen gebraucht werden kann. – Die Uebungen des Geschmacksinns dürfen nicht zu zeitig und mit zu verschiedenartigen wohlschmeckenden Stoffen vorgenommen werden, weil sie sonst zur Leckerei, Nascherei und Gutschmeckerei führen. – Der Tastsinn, welcher seinen Hauptsitz in den Fingerspitzen hat, kann schon zeitig insoweit geübt werden, daß er zum Erkennen heißer, stechender und schneidender Gegenstände vom Kinde benutzt wird. Später sind aber zweckmäßige Tastübungen (mit geschlossenen Augen) zum Unterscheidenlernen der verschiedenen fühlbaren Eigenschaften der Körper und so zur Bildung eines feinen Tastsinns vorzunehmen. – Das Allgemeingefühl (Empfindungsvermögen) ist bei der Erziehung des Kindes nicht außer Acht zu lassen und zwar hauptsächlich in Bezug auf Beherrschung unangenehmer Empfindungen zu üben. Die Erzieher müssen dazu freilich selbst dem Kinde ein gutes Beispiel geben, häßliche und abstoßende Thiere angreifen und dem Kinde angreifen lassen, sich nicht über Alles gleich entsetzen und ekeln, bei Ueberraschungen Ruhe behaupten und nicht außer sich gerathen. Man bedenke, daß der Nachahmungstrieb beim Kinde so groß ist, daß es sehr schnell ebenso das Gute wie Schlechte seiner Umgebung angewöhnt, selbst das Heiter- und Mürrischsein u. s. f. Man hüte sich auch, bei jedem Stoße oder Falle, bei Verletzungen oder Unwohlsein des Kindes in lautes Jammern und Wehklagen auszubrechen, das Kind zu bemitleiden und leidenschaftlich zu liebkosen; man beachte lieber viele dieser Zufälle gar nicht, lache darüber oder rede dem Kinde nur ganz ruhig zu. Ebenso suche man die Verdrießlichkeit und Uebellaunigkeit eines gesunden Kindes nicht etwa durch Reiz – oder Beschwichtigung zu verscheuchen, wohl aber durch unterhaltende Beschäftigung (weil die Langeweile sehr oft die Quelle von Mißstimmung und Launenhaftigkeit ist), durch Nichtbeachtung oder Strafe. Selbst beim Kranksein des Kindes taugt das stete Bekümmern um dasselbe nichts, während das ruhige Liegen im Bette heilsam ist. Durch übertrieben ängstliche Liebkosungen ist bei einem kranken Kinde das Uebel nur schlimmer zu machen.

Die Haupttugend eines Kindes, welche ihm in diesem Lebensalter schon anerzogen und zur andern Natur werden muß, ist das Gehorsamsein, da dieses einen festen Grund für die spätere Erziehung legt und diese also sehr bedeutend erleichtert. Freilich läßt sich der Gehorsam dem Kinde nur durch die consequenteste und gleichförmigste Behandlung und Gewöhnung an das Gehorchen beibringen, auch versteht es sich, daß Erzieher hierbei mit gehöriger Umsicht, nicht etwa nach zufälliger Laune verfahren. Man verbiete Nichts, was man nicht wirklich hindern kann, und niemals im Scherze oder mit Lachen, sondern ruhig und mit wenig Worten; was dem Kinde einmal befohlen wurde, muß es vollziehen, und jedem Verbote muß es sofort Folge leisten; was sich ferner das Kind nicht angewöhnen soll, aber doch thut, darf nicht blos manchmal, sondern muß stets verboten werden, bis ihm endlich dieses frühere Thun und Treiben fast unmöglich wird. Vorzüglich ist bei Kindern mit lebhaftem Temperamente die größte, aber ruhige Strenge und Consequenz beim Gehorsamüben anzuwenden. Am Allerwenigsten dürfen Erzieher den Gehorsam des Kindes erbitten und erschmeicheln wollen. – Mit Hülfe des Gehorsams können und müssen zuvörderst nun die Kinder zum rechten (zur Moral) gewöhnt werden, so daß sie schon zu der Zeit, wo sie in Folge der Sinneseindrücke ihr Ich von der Außenwelt getrennt zu fühlen gelernt haben und zum Selbstbewußtsein gelangt sind (im 3ten oder 4ten Jahre) eine gute, moralische Grundlage durch bloße Angewöhnung haben, auf welcher nun mit Hülfe des wachsenden Verstandes fortgebaut werden kann. Der Mensch, welcher aus Gewohnheit gut ist, bleibt bescheiden, weil er glaubt, daß er gar nicht anders sein könne, als er eben ist. Während man Alles, was man gewöhnlich Unterricht und Lernen nennt, vor dem 7. Jahre ganz unterlassen sollte, ist dieses gerade die für die Ausbildung des moralischen Menschen und eines ehrenwerthen Charakters wichtigste Periode. Denn jetzt läßt sich noch mit leichter Mühe dem kindlichen Gehirne durch richtige Gewöhnung das Gefühl für Rechtes und Gutes so einimpfen, daß dieses für die ganze Folgezeit darin eingewachsen bleibt. Aber dann dürfen die Aeltern freilich dem Kinde keine Lüge und Veruntreuung, keinen Trotz und Eigensinn, keine Selbstsucht und Unsittlichkeit, kurz keinen Fehler, den sie vom Kinde fern zu halten wünschen, nachsehen, sondern müssen alle solche Vergehungen jedesmal unerbittlich bestrafen. Sobald sich Aeltern jedoch über die possirlichen Unarten ihres Kindes noch freuen, demselben nichts versagen können und die Erziehung so wie Bestrafung bis zu der Zeit verschieben wollen, wo, wie man zu sagen pflegt, beim Kinde der Verstand kommt, da steht für Aeltern und Kind eine traurige Zukunft bevor. Die Strafe, die natürlich dem Temperamente des Kindes angepaßt werden muß und bei vielen Kindern gar nicht in Schlägen (obschon diese in den meisten Fällen gar nicht zu entbehren sind) zu bestehen braucht, sei ein Zuchtmittel, welches nur so lange anzuwenden ist, als das Kind noch kein ausgebildetes Selbstbewußtsein hat, also in den drei ersten Lebensjahren. Nach dieser Zeit sollte ein Kind bei dem jetzt vorhandenen Verstande so gehorsam sein, daß nur noch sanfte Ermahnungen zu seiner weitern Erziehung hinreichten. Ich behaupte: ein Kind, was nach dem 4ten Jahre noch Schläge verdient, ist ein verzogenes; ein Kind darf sich gar nicht bis zu der Zeit zurück erinnern können, wo es Schläge bekam, Ebenso wie durch Strafe sollte aber Erziehung durch Belohnung auch nur in den Jahren der Kindheit stattfinden, wo das Kind seiner noch nicht ganz selbstbewußt ist, denn wer mit Bewußtsein Rechtes und Gutes nur der Belohnung wegen thut, ist ein erbärmlicher Mensch. Es drückt die Erwartung einer Belohnung dem guten Benehmen und der Folgsamkeit des Kindes den Charakter des Eigennutzes und der Käuflichkeit auf. Ein liebevolleres Benehmen der Aeltern gegen das folgsame Kind muß für dasselbe die schönste Belohnung sein. Ebenso kann auch das stete Beloben dem Kinde leicht schaden und die Natürlichkeit in seinem guten Benehmen in Eitelkeit und Ehrsucht umwandeln. Selbst mit den Liebkosungen müssen Aeltern vorsichtig sein, denn sind sie zu heftig und leidenschaftlich, so kann das Kind sich recht leicht eine ähnliche Leidenschaftlichkeit angewöhnen oder, wenn die Liebkosungen in den spätern Jahren ruhiger und kleinern Geschwistern zugewendet werden, sich für zurückgesetzt halten. Was das Strafen betrifft, so ist hierbei mit großer Umsicht zu verfahren. Zunächst muß jede Strafe, wenn sie wirksam sein soll, vorher angedroht sein und darf sich nur auf einen genau bestimmten Fall beziehen, sie muß in diesem Falle aber stets erfolgen, niemals aber im Zorne und überhaupt in großer Aufregung. Man glaube ja nicht, daß eine Verstärkung der Strafe besser zum Ziele führt. als eine mildere und behalte deshalb für jedes Vergehen seine bestimmte Strafe bei. Nach überstandener Strafe sei sofort das Frühere vergessen, man drohe nicht weiter, sondern verzeihe dem Kinde vollkommen, nehme an, es sei gebessert. Ein ganz falsches Benehmen gegen das Kind, besonders wenn es gefehlt hat, ist das hämische, ironische, weil es der Offenheit Eintrag thut und dem Kinde als liebloser Scherz erscheinen könnte. Es lassen sich übrigens dem Kinde eine Menge Strafen ersparen, wenn man demselben gleich von der ersten Jugend an die Gelegenheit sich Falsches anzugewöhnen entzieht und dafür das Rechte angewöhnt. So läßt sich z. B. dem Kinde Achtung vor dem Eigenthume Anderer dadurch beibringen, daß man ihm nicht alle Gegenstände, die es wünscht und die Anderen gehören, dagegen aber sein eigenes [122] Spielzeug nicht entzieht. Die Ordnungsliebe ist schon ganz kleinen Kindern einzuimpfen, indem man jedes Spielzeug desselben an seinen Platz stellen und später das Kind ordentlich aufräumen läßt, sobald es nicht mehr spielt. Ebenso ist der Sinn für Reinlichkeit und Schamhaftigkeit durch zeitige Gewöhnung für alle Zeiten bleibend anzuerziehen. Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe, die nicht zeitig genug entwickelt werden können, erzeugen sich im Kinde am Besten dadurch, daß man selbst gegen dasselbe vollkommen wahr und offen ist, und niemals schlaue Lügen desselben belächelt, wohl aber selbst unschuldige Unwahrheiten bestraft. Am Besten sichert man das Kind vor der Angewöhnung einer Menge von Fehlern, wenn man dasselbe (durch Spiele und Gegenstände) richtig zu beschäftigen versteht. – Zur richtigen Verstandesbildung sind in diesem Lebensalter nur Sinnesübungen anzustellen und zwar am Besten in Form des Spieles. Spielend müssen die Kinder in die Wunder der Schöpfung eintreten, und ganz recht sagt Tilt: „Die ganze geistige Entwickelung der ersten sieben Jahre sollte nur an Spiele und spielende Unterhaltung geknüpft werden; der kindliche Geist muß eine Menge Belehrung über die Natur und Eigenschaften der Dinge sammeln, ehe er zum ersten Male an dem regelmäßigen und systematischen Schulunterricht sich betheiligen kann.“ Man erinnere sich stets daran, daß erst Sinneseindrücke das Gehirn zu seinem (geistigen) Thätigsein erwecken (was aber mit der größten Vorsicht und ganz allmälig geschehen muß, wenn dieses Organ nicht Schaden nehmen soll), und daß das, was wir durch unsere Sinne in uns aufnehmen, innerhalb des Gehirns zu Vorstellungen, Begriffen, Urtheilen und Schlüssen verarbeitet, also zur Verstandesbildung verwendet wird. Selbst das Spielzeug, was natürlich auch der Gesundheit nicht schädlich sein darf (durch seine Farbe und Form), muß hierzu benützt werden und sollte deshalb nicht in Zuvielerlei bestehen, sondern immer nur in einigen wenigen Sachen, die aber das Kind genau kennen lernen sollte. – Zur Entwickelung und Uebung des Willens (ja nicht etwa mit Willkür und Eigensinn zu verwechseln) dienen im Kindesalter theils Bewegungsübungen, die aber sowenig als möglich von Andern zu unterstützen sind, theils Anregungen zum Thun von Etwas, bei dem Unangenehmes oder Hindernisse zu überwinden sind.

Die Krankheiten im ersten Kindesalter bestehen wie die des Säuglingsalters (s. Gartenl., Jahrg. II. Nr. 17) hauptsächlich in entzündlichen Affectionen von Athmungs- oder Verdauungsorganen (Bräune, Keuchhusten, Lungenentzündung, Brechdurchfall, hitzigen Wasserkopf), sowie in fieberhaften Hautkrankheiten (Scharlach, Masern) und auch schon in Blutarmuth mit Schiefwerden in Folge von Muskelschwäche. Die allermeisten dieser Krankheiten kann eine vorsichtige Mutter, wie früher schon gezeigt wurde, verhüten und fast alle bedürfen zu ihrer Heilung nur der Ruhe (im Bette), mäßiger Wärme, guter (reiner, warmer) Luft und milder (flüssiger), nahrhafter Kost (verdünnte Milch). Nur wo sich Verstopfung der Luftwege mit festen oder flüssigen Materien durch große Athembeschwerde, rasselndes Athmen, bläuliche Gesichtsfärbung und Erstickungsanfälle zu erkennen giebt, da sind Brechmittel (durch Kitzeln im Schlunde, Brechwein) ganz unentbehrlich. – Bisweilen, gewöhnlich in Folge des Auffütterns eines Kindes im ersten Lebensjahre (wo doch nur Milch das einzige und naturgemäße Nahrungsmittel ist), kommt es im ersten Kindesalter zur Knochenerweichung (englischen Krankheit, Rhachitis) und diese zieht dann Krummwerden der Beine, sowie Verkrümmungen der Wirbelsäule, des Beckens und Brustkastens nach sich. Die ersten Spuren dieser Krankheit, welche in einem Mißverhältnisse der weichen knorpligen und harten erdigen Substanz des Knochengewebes besteht, zeigen sich immer erst nach dem ersten Lebensjahre durch Bleich- und Schlaffwerden der Haut, Welksein des Fleisches, Trägheit im Laufen und Wiederverlernen desselben, Verdauungsstörungen und mürrisches Wesen. Hierzu gesellen sich sodann Anschwellungen der Knochen an den Gelenken (besonders an den Knöcheln des Fußes und der Hand) und endlich Verkrümmungen, zuerst der Unter- und Oberschenkel, dann der Wirbelsäule, des Beckens und der Brust. Am Kopfe zeigt sich in der Regel der Schädel groß und mit weit offener Fontanelle, der Hinterkopf bisweilen so weich, daß derselbe beim Liegen des Kindes auf dem Rücken eingedrückt werden und durch Druck auf das Gehirn Krämpfe oder Betäubung erzeugen kann. Gegen diesen weichen Hinterkopf (Craniotabes) ist natürlich zunächst Schutz vor Druck auf das Hinterhaupt anzuwenden und deshalb muß das Kind entweder auf der Seite oder mit dem Hinterkopfe hohl liegen. Uebrigens ist im kleinen Patienten, wie überhaupt bei der Knochenerweichung, durch nahrhafte und leicht verdauliche, die gehörige Menge von Fett, Salz und Kalk enthaltende Kost (besonders durch Milch, Ei und Fleischbrühe), durch reine, warme Luft, besonders im Freien oder in heller, trockener Wohnung, durch warme Bäder und Regelung des Stuhlgangs (durch Klystiere) die Ernährung in die gehörige Ordnung zu bringen. Zeigen sich schon die Anfänge von Verkrümmungen, so muß das Kind auf fester Matratze mehr liegen, als sitzen, stehen oder gehen. – Das freiwillige Hinken, eine Erscheinung der Hüftgelenkentzündung, muß zeitig beachtet werden und verlangt sofort die größte Ruhe des Gelenkes (mit Hülfe von Schienen und Einwickelungen). – Von Scropheln sollen die Kinder in diesem Lebensalter sehr häufig befallen werden. Leider weiß die Wissenschaft aber noch gar nicht, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Zur Zeit ist die Scrophulose der Popanz, dem so ziemlich Alles in die Schuhe geschoben wird, was Kindern unter vierzehn Jahren ohne augenfälligen und genügenden äußeren Grund, Krankhaftes begegnet. Die Aerzte sind mit dem Worte „scrophulös“ und mit Leberthran dagegen, sofort bei der Hand, wenn ein Kind (besonders mit blonden Haaren, blauen Augen und dicken Lippen), entweder Drüsenanschwellungen, oder einen dicken Bauch, oder einen Kopf- und Gesichtsausschlag, oder Augenliderentzündungen, oder wunde Stellen u. s. w. hat. Alle diese Zustände bedürfen einer naturgemäßen Ernährung (wie bei der Knochenerweichung), aber nur selten der Arzneimittel. – Die sogen. Hirnkrämpfe der Kinder können ebensowohl die begleitenden Erscheinungen ganz ungefährlicher, wie aber auch tödtlicher Krankheiten sein; im ersten Falle verschwinden sie auch ohne ärztliche Behandlung, im letztern Falle (bei tuberculöser Hirnhautentzündung) hat noch nie ein Arzt geholfen (trotz Blutigel an den Kopf und Calomel).
(Bock.) 

(Fortsetzung: „das zweite Kindesalter" in nächster Woche.)




Aus der Mappe eines Malers.
Nr. 2. Eupatoria.

Wie ich Ihnen schon in meinem letzten Briefe meldete, bin ich gleich nach Abgang des Couriers nach Eupatoria aufgebrochen, Ich beeile mich jetzt, Ihnen die Zeichnungen zu senden, welche ich bei diesem Ausfluge gesammelt habe, der nicht wenig Mühseligkeiten darbot, indem es jetzt so kalt wird, daß ich kaum den Bleistift zu halten im Stande bin.

Indeß genirt das wenig. Eupatoria ist dazu berufen, bald eine große Rolle in dem Feldzuge der Krim zu spielen. Leider sehe ich mich verschiedener Umstände halber genöthigt, interessante Mittheilungen darüber bis auf später zu verschieben, doch werde ich Ihnen dieselben, sobald der günstige Augenblick gekommen, zugehen lassen. Von Sebastopol bis Eupatoria ist die Küste und das Land mit russischen Colonnen und Cantonnements bedeckt, und in diesem Augenblicke die Stadt umgeben von einer Menge Kosaken, einigen Regimentern regulärer Cavallerie und ziemlich starker Feldartillerie. Die russischen Schildwachen sind nur zwei Kilometer von der Landseite der Festung entfernt.

Die Gegend, in welcher die Stadt liegt, ist fast ganz eben, nur an der Quarantaineseite durch einige Sandhügel unterbrochen. Eupatoria ist von einer ungeheuern Ausdehnung, und wenn man nach dem Anblick urtheilen wollte, den es von der Rhede aus gewährt, so wäre man versucht, es für weit bedeutender zu halten als es wirklich ist. Alle russischen Gebäude liegen am Meeresufer; die Tartarenstadt befindet sich an der Landseite. Es ist weder ein Quai noch ein Hafen dort, nur ein Landungsplatz, der allen Stürmen offen steht und sich in einem sehr schlechten Zustande befindet, so daß bei der geringsten Brise das Einlaufen der Schiffe fast unmöglich wird.

Die Stadt, die Straßen und die Häuser sind schrecklich schmutzig, überall sieht man Koth und Pfützen. Die Bevölkerung ist ebenso wenig anziehend als die Stadt selbst, und man behauptet nicht mit Unrecht, daß nach Abzug der Russen die Tartaren und Türken fast Alles zerstört haben, was die Ersteren gebaut. Viele Häuser, die für uns hätten sehr nützlich sein können, sind geplündert und theilweis zerstört und des Holzwerks beraubt, unter Anderen auch eine prächtige Infanterie- und Cavalleriecaserne, ungefähr 500 Meter von der Stadt entfernt an der Quarantaineseite gelegen.

Ehe ich auf genauere Einzelheiten über die jetzigen Zustände eingehe, will ich Ihnen einige Auskunft über unsere Stellung geben. Die Stadt ist jetzt, Dank sei es unserer Seeinfanterie und unserm Geniecorps, nicht allein geschützt vor einem Handstreich, sondern sogar genug befestigt, um einem regelmäßigen Angriffe selbst der ganzen russischen Armee widerstehen zu können. Die Ausdehnung der Festungswerke ist sehr groß, aber es wird nicht

[123] an Mannschaft fehlen, da wir bald 50,000 Türken und 18 Batterien Feldartillerie dort haben werden, deren Ankunft wir jetzt entgegen sehen. Die schwächsten Stellen sind mit Thürmen und bastionirten Batterien versehen worden (siehe Abbildung), und alle Eingänge zur Stadt wohlbesetzt.

Jeden Tag kommen verschiedene Detachements der Donauarmee an und Omer Pascha hat sich selbst nach Balaklava begeben, um sich mit den verbündeten Generälen zu berathen. Ein Theil dieser Armee wird in der Stadt untergebracht werden, der andere in einem außerhalb befindlichen, verschanzten Lager, das mit den Festungswerke in Verbindung steht; die ganze Cavallerie wird innerhalb der Stadt einquartirt.

Vor den Wällen sind schon mehr als 50 Kanonen aufgepflanzt. Was den Ort noch besonders fest macht, ist, daß er auf drei Seiten vom schwarzen Meere geschützt ist, und die Kriegsschiffe im Stande sind, auf eine solche Weise Anker zu werfen, daß sie mit ihrem Geschütz das ganze rechts und links von der Stadt gelegene Ufer bestreichen können, die überdies mit Getreide und Fleisch wohl versehen ist, obgleich nach der Ankunft der Armee von Sebastopol ein Theil Schlachtvieh für die Belagerungsarmee gebraucht wurde, das Holz allein fehlt hier wie überall, doch haben die durch einen Windstoß am 14. December Schiffbruch gelittenen Fahrzeuge bis jetzt für die gewöhnlichen Bedürfnisse hingereicht.

Befestigter Thurm bei Eupatoria.

Ungefähr 2 bis 300 Tartaren sind als Hülfstruppen angenommen worden, sie dienen im Verein mit den türkischen Lanzenreitern, von welchen erst eine Escadron angekommen ist, als Plenkler. Sie scheinen ganz für uns gesinnt zu sein und ich glaube, daß es leicht sein würde, eine große Anzahl von ihnen für uns zu gewinnen und eine starke Truppe aus ihnen zu bilden. Sie sind im Allgemeinen tapfer und ausdauernd.

Zur rechten Seite ist die Stadt noch vertheidigt durch einen Salzsee, der vom Meere nur durch eine Land- oder vielmehr Sandzunge getrennt ist, die ungefähr 400 Meter in der Länge und 4 Kilometer in der Breite hat. An dem Ende dieser Landzunge befindet sich der arme auf den Strand gelaufene „Henri IV.“, jetzt in eine Festung verwandelt, um die Einfahrt zu vertheidigen. Täglich schickt er einige Kanonenschüsse den Kosaken zu, welche sich bis zu den Trümmern des weiterhin gestrandeten türkischen Schiffes wagen um wo möglich einige Stücke Holz zu erbeuten, denn auch sie leiden viel durch den Mangel an Brennmaterial und können keines finden in dem Lande, dessen Herren sie sind und das, vollständig flach, keine Erhöhungen darbietet, als hier und da einige Erdhügel, welche den türkischen Vedetten als Vorposten dienen.

An dem andern Ende der Landzunge befindet sich in der Nähe der Stadt ein ganzes Dorf von Windmühlen; es sind deren dort mehr als hundert. Man kann sich keinen Begriff von diesem sonderbaren Anblick machen, besonders wenn bei einem frischen Windstoß alle Mühlen ihre Flügel in Bewegung setzen.

An Baudenkmälern besitzt die Stadt erstens eine schöne und alte Moschee, die durch ihre Majestät sonderbar absticht gegen die Tartarenhütten und ärmlichen russischen Häuser, welche sie umgeben; das Innere ist einfach aber geschmackvoll; dann kommt der Palast des Gouverneurs mit vier Säulen an der Facade, und eine griechische Kirche, die einer ungeheueren Scheune nicht unähnlich sieht und einen sehr geschmacklosen Glockenthurm besitzt. Minarets erheben sich hier und da, aber sie sind weder hoch noch malerisch. Endlich giebt es noch eine ziemlich hübsche Synagoge in Eupatoria, in welcher ein Denkmal von weißem Marmor steht, das die Juden dem Kaiser Nicolaus zu Ehren errichtet haben. Das Lazareth gleicht einem großen Viehhof, und die Mauern, welche es umgeben, sind das Beste daran.

Faßt man Alles zusammen, so muß man zugeben, daß die Stadt, welche zwar durch ihren Handel und ihre Lage wichtig ist doch weiter nichts Merkwürdiges besitzt, als diese Mischung von Türken und Tartaren, Russen und Judenthum und einige Religionsdenkmäler von jedem dieser Völker, die sich in der Mitte von schmutzigen, zerfallenen Häusern erheben und von einigen Judenwohnungen umgeben sind, welche einen größeren Luxus im asiatischen Geschmack aufweisen.




Blätter und Blüthen.

Kampf mit einem Tiger. (Nach brieflichen Mittheilungen eines afrikanischen Missionärs.) Der folgende Tag war zu einer Tigerjagd im Hochwalde bestimmt. Die Missionäre zogen frisch und munter mit einer großen Schaar Hottentotten aus. Noch waren sie nicht sehr weit in den Hochwald gedrungen, als sie die Spuren von der Nähe ihres Wildes fanden, denen sie muthig nachgingen, während die Hottentotten sich ängstlich scheu aneinander drängten. Die Spuren führten sie bald in den tiefen Wald. Sie zogen eine Zeit lang unter hochstämmigen Palmen und Bananen hin, bis sie an ein niedriges Dickicht kamen, in welchem sie der vielen, auslaufenden Spuren wegen den Tiger vermuthen mußten. Da das Gebüsch aber zu dicht war, um in dasselbe eindringen zu können, so wurden einige Schüsse abgefeuert, um den Tiger mobil zu machen, und wirklich, – gleich darauf ließ sich ein Rauschen und Rasseln vernehmen, ein Knicken der Zweige und das dumpfe Geräusch mächtiger Sprünge. Ihre Augen blickten durchdringend nach der Gegend, aus welcher sich dieses verdächtige Anzeichen hören ließ, und an einer Stelle, wo das Gebüsch besonders niedrig war, sahen sie in der That das bunte Fell des Tigers einige Mal über den grünen Büschen erscheinen, wie er in mächtigen Sätzen nach der rechten Seite hin entfloh. Da sich das Gebüsch bin an den Fluß hinzog, und nicht zu erwarten war, daß der Tiger dasselbe verlassen werde, so beschlossen sie, das Dickicht rings zu besetzen, und durch wiederholte Schüsse den Tiger aufzuregen, bis er sich in den freieren Hochwald herauswagen würde. So zog denn der ganze Jagdtroß nach der Seite hin, nach welcher man soeben den Tiger hatte entweichen [124] sehen. Nur Herr Shmidt, der eine Missionär, blieb mit einem Hottentotten, welcher ihm gewöhnlich als Dolmetscher diente, zurück, um erst abzuwarten, ob der Tiger wieder zurückkommen werde, ehe er sich noch den Blicken der übrigen Jagdgesellschaft gezeigt; denn es ist selten, daß der Tiger flieht. Wenn er durch Schüsse aufgeschreckt wird, läuft er gewöhnlich eine Strecke, bis er in ein sicheres Versteck kommt, von dem aus er bequem seinen Sprung gegen den Verfolger ausführen kann. Nach und nach verhallte der Lärm der Jagd. Die letzten fernen Töne wurden überrauscht durch die sich sanft bewegenden Wipfel der mächtigen Bäume und überschrien durch die aus ihrer Morgenruhe aufgeschreckten Vögel, die Afrika’s Wälder in so reicher Anzahl beleben. Shmidt und sein Hottentotte bogen endlich in eine Schlucht, die vom wüthenden Wasser im Frühjahr gerissen war und selten von einem menschlichen Fuße betreten ward.

Plötzlich schienen sich die starren Augen des Hottentotten zu vergrößern, seine Lippen bebten, und kaum vermochten sie den ängstlichen Ausruf: „Kaïffau! Kaïffau!“ (Tiger, Tiger!) auszusprechen. In demselben Momente wurde der Gegenstand seines Schreckens sichtbar; sprang mit zwei Sätzen auf den Hottentotten zu und zerriß ihm mit einem Schlage seiner mächtigen Tatze das ganze Gesicht. Shmidt legte kaltblütig seine Flinte an, um den gefährlichen Schuß gegen die Engumschlungenen zu wagen; aber der Tiger, welcher wohl ahnen mußte, welcher von Beiden sein gefährlicherer Feind sei, verließ den Hottentotten und sprang auf Herrn Shmidt los. Dieser drückte zwar sein Gewehr ab, aber fruchtlos, und stand nun unbewehrt dem gräßlichen Feinde entgegen, nur seiner natürlichen Kraft, die allerdings eine fast übermenschliche war, und dem Beistande Gottes vertrauend. Schon war der Tiger auf ihn losgesprungen. Herr Shmidt parirte den mächtigen Biß, welchen der Tiger ihm zudachte, mit dem Ellenbogen seines linken Armes, den er so tief als möglich in des Tigers Rachen drückte; mit dem rechten Arm umschlang er den Tiger und drückte ihn krampfhaft fest an sich. Dieser dagegen zerfleischte mit den scharfen, über seine Schultern geschlagenen Tatzen ihm den Rücken, während er mit seinen Hinterfüßen ihm die Beine so heftig zerkrallte, daß Shmidt die Kraft einen Augenblick vor Schmerz verlor und rücklings fiel. In dieser bedrängten Lage wollte er seine Kraft nicht durch unnützes Hülferufen verschwenden, doch schrie er dem Hottentotten zu, diesen Augenblick zu benutzen, um den Tiger, den er von unten festhielte, von oben anzugreifen. Der Hottentott aber stand mit schrecklich zerfleischtem Gesichte blutend da, und konnte wegen des überströmenden Blutes von dem furchtbaren Kampfe nichts sehen. Als Herr Shmidt merkte, daß von da aus keine Hülfe zu erwarten, sondern er ganz allein auf sich angewiesen sei, versuchte er zuerst den Tiger unter sich zu bekommen, weil er fühlte, daß er nicht mehr lange mit der einen Hand festzuhalten im Stande sein würde. Einige mächtige Anstrengungen wollten nicht gelingen; die Kraft der Verzweiflung, die Gewißheit des Unterganges, wenn er noch kurze Zeit zu unterst bliebe, veranlaßten Shmidt zu einer letzten, krampfhaften Wendung. Der Tiger widerstand mit aller Gewalt, aber Shmidt bohrte seinen zerfleischten Fuß in die Erde, ließ den umschlungenen Tiger los, faßte ihn blitzesschnell an die Kehle und drehte ihn mit kraftvollem Drucke herum, daß im nächsten Augenblicke der Tiger rücklings auf der Erde lag. Shmidt fühlte sich sehr erleichtert. Durch die Kraft, mit welcher er dem Unthiere die Kehle zudrückte, verhinderte er dasselbe am Beißen und zog ihm nun seinen linken Arm aus dem Rachen. Dieser war leider kampfesunfähig geworden, denn der Tiger hatte ihm die Ellenbogenknochen vollständig zermalmt. So viel besser auch seine jetzige Lage war, so fühlte er doch, daß er den übermächtigen Anstrengungen des Tigers nicht mehr lange widerstehen können werde, um so mehr, als derselbe ihm Rücken und Seiten auf die schmerzhafteste Weise zerkratzte.

Als er seine Kräfte schwinden fühle, versuchte er einen letzten Angriff auf den Tiger. Er zog langsam das rechte Knie in die Höhe und setzte es dem Tiger in die Bauchhöhle. Als diese Manipulation bewerkstelligt war, ohne daß die Bestie diesen Augenblick benutzte, um ihn abzuwerfen, erhob er sich zu einem mächtigen Drucke. Der Tiger kreischte laut auf und schlug wüthend mit seinen Vordertatzen. Herr Shmidt verdoppelte nun seine Anstrengung: mit der Hand preßte er die Kehle, mit dem Kniee die Bauchhöhle so gewaltig, daß der Tiger sein lautes, die Wälder erschütterndes Gebrüll ausstieß. Dies hörte die Jagdgesellschaft, die sich nach den verschiedensten Richtungen zerstreut hatte, um den unsichtbar gewordenen Feind aufzusuchen. Alle eilten jetzt dem Gebrülle zu. Wenige Augenblicke später sprang der Missionär Eberstein über die nächsten Busche und sah mit Entsetzen den grauenvollen Kampf. Doch es keine Sekunde zu verlieren, Shmidt’s Augen traten aus ihren Höhlen hervor – es war augenscheinlich, daß er die letzten Fibern anstrengte, daß er in der nächsten Minute loslassen mußte und dann von der grimmigen Bestie in tausend Stücke zerfleischt worden wäre. In diesem entscheidenden Momente krachte ein Schuß – der Tiger, durch das Gehirn getroffen, streckte sich. Missionär Eberstein war herangesprungen, hatte die Büchse über seines Freundes Schulter gelegt und den gräßlichen Kämpfer mitten durch’s Auge getroffen. Shmidt lag ohnmächtig auf der Leiche des furchtbaren Tigers, mit welchem er über eine halbe Stunde gerungen hatte. Unterdessen waren die Uebrigen alle herzugekommen und standen staunend um den kühnen Sieger, der jetzt mit Blut übergossen auf seinem Feinde schlummerte. Eine Laubbahre wurde geflochten, auf welcher Shmidt neben dem erlegten prachtvollen Tiger im Triumphe hereingetragen wurde. Doch währte es lange, bis er sich wieder erholte; sein linker Arm konnte nicht geheilt werden. Das Fieber ergriff ihn so stark, daß er Afrika verlassen, und seine Genesung auf vaterländischem Boden, in seinem theuren Deutschland, abwarten mußte. Da lebt er denn noch jetzt, und sieht mit tiefer Rührung auf einige Ueberreste jenes Tigers, den er ausgestopft mitbrachte, welcher aber jetzt sehr von den Motten zerfressen ist. Er ist wieder frisch und munter geworden, und zur Erinnerung an jenen denkwürdigen Kampf nennt man ihn „Tiger-Shmidt.“




„Aus der Natur“ lautet der bündige Titel eines seit 1852 bei Ambr. Abel in Leipzig erscheinenden Sammelwerkes, „die neuesten Entdeckungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften“ darbietend. Wir halten das Unternehmen für ein bedeutendes und glauben verpflichtet zu sein, die Aufmerksamkeit derjenigen Leser der Gartenlaube darauf zu lenken, für welche ein den Stoff erschöpfende und höhere Auffassungsgabe erheischende Darstellung die geeignete ist. Ohne im gangbaren Sinne des Wortes ein Volksbuch zu sein, noch auch sich als ein solches anzukündigen, glauben wir doch, daß im Volke eine nicht unbedeutende Schicht bestehe, welche den Leserkreis dieses Buches bildet und welche Beachtung ihres Bedürfnisses verlangt und verdient. Hiermit wollten wir keinesweges gesagt haben, daß die Artikel, deren achtundzwanzig die bis jetzt erschienenen fünf Bände füllen, in gelehrter dem Uneingeweihten unzugänglicher Sprache geschrieben seien; im Gegentheile ist die Sprache durchaus, namentlich die der Artikel aus dem Bereiche der Physik, eine angenehm lesbare und ohne Gesuchtheit elegant gebauete. Dem mit den Persönlichkeiten der Wissenschaft und der Oertlichkeit Vertrauten ist es nicht schwer, einige und zwar die bedeutendsten der durchgängig ungenannten Verfasser zu errathen. Es sind anerkannte Meister der Wissenschaft und daher ihre Artikel den Leser auf den neusten Stand ihres Wissenschaftsgebietes stellende. Wir würden aber dem Unternehmen, welches wir gern in seiner ganzen Verdienstlichkeit in weiten Kreisen anerkannt wissen möchten, keinen Dienst erweisen, wenn wir hier einen Mangel desselben verschweigen wollten. Uns wenigstens erscheint es als ein solcher, daß keine einzige Illustration beigegeben ist. Würde auch durch solche der Preis des Buches etwas erhöhnt worden sein, so würde doch durch sie in noch viel bedeutenderem Verhältnisse sich der Werth desselben erhöht haben. Es lag nach dem „als Vorwort“ nicht in der Absicht des Unternehmers, den Bekennern der Wissenschaft, welche allerdings die bildlichen veranschaulichungen anderwärts zu suchen wissen, die Fortschritte der Naturwissenschaft „zusammenhängend zu berichten“; sondern Denjenigen, „welche ohne gründlichere Kenntnisse zu besitzen, Interesse an dem Fortschritte und dem gewaltigen Einflusse der Naturwissenschaften auf alle Lebensverhältnisse nehmen.“ Deren ist aber heutzutage eine große Menge; zu diesen rechnet sich jeder Gebildete. Diesen aber – wir scheuen uns nicht, es auszusprechen – kann z. B. die Galvanoplastik und die Befruchtung der Pflanzen ohne Illustrationen nicht zu klarer Anschauung gebracht werden. – Folgendes ist der Inhalt der fünf Bände von je 15 bis 16 Bogen: 1. Bd.: Galvanoplastik; Galvan. Vergoldung: Photographie; Mosens Thaubilder; Generationswechsel im Thierreiche; Flachsbaumwolle. – 2. Bd.: Entstehung der Mineralquellen; Artesische Brunnen; Thierähnliche Bewegungen; Runkelrübenzuckerfabrikation; Eingeweidewürmer; Die Elektricität als Betriebskraft; Die Umdrehung der Erde. – 3. Bd.: das Nordlicht; Gasbeleuchtung; Wasser als Brenn- und Leuchtmaterial; Infusorien. – 4. Bd.: Befruchtung der Pflanzen; die Atmosphäre; Stereoskop und Pseudoskop; Diamagoreismus; Das Steinkohlengebirge. – 5. Bd.: Das Brot und seine Stellvertreter; Einwirkung der Atmosphäre auf den Erdkörper; Vom Dampf; Leidenfrost’s Versuch; Dampfelektricität; Die Säugethiere der Vorwelt.

Als einen besondern Vorzug der fünf Bände „Aus der Natur“ heben wir noch hervor, daß sich ihre Sprache durchweg ernst und gegenständlich und frei erhält von jenen staunensseligen Expectorationen, welche oft, ohne es zu wissen und sogar zuweilen, indem sie das Gegentheil wollen, der Naturwissenschaft eine confessionelle Richtung geben.
R. 

Die neu begründete, durch die königliche Kreis-Direktion koncessionirte

Pflege- und Bildungsanstalt für Geistesschwache und Blödsinnige
zu Meissen auf dem Plossen,

nimmt Kinder und Erwachsene beider Geschlechter auf, sobald der geistige Zustand derselben die Annahme der Besserung zuläßt und nicht mit unheilbarer und schwerer Krankheit (wie Epilepsie), oder zu großer Körpergebrechlichkeit verbunden ist. Sprachlosigkeit ist kein Hinderniß der Aufnahme, wohl aber Taubstummheit.

Der Eintritt in die Anstalt kann zu jeder Zeit erfolgen, sobald durch vorhergegangene Prüfung die Bildungsfähigkeit des Aufzunehmenden festgestellt ist.

Die Aufnahme erfolgt in solchem Falle zunächst mindestens auf ein volles Jahr. Nur wenn bei der Anmeldung über die Bildungsfähigkeit des Aufzunehmenden nicht mit einiger Sicherheit sich urtheilen läßt, kann zum Zwecke eines Versuchs ein kürzerer Zeitraum für den Aufenthalt desselben verabredet werden.

Das Jahrgeld für Heilverpflegung, Erziehung und Unterricht, für Wohnung, Beköstigung etc. wird in jedem einzelnen Falle nach den besonderen Pfleg- und Bildungsbedürfnissen des Aufzunehmenden bemessen und hiernach zwischen den Angehörigen und der Direktion festgestellt.

Auf mündliche der schriftliche Anfragen werden die gedruckten nähern Bestimmungen der Anstalt zugefertigt.

Meissen, auf dem Plossen, den 8. Februar 1855.
Die Direktion. 
Dr. Heinrich Herz. 

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: den